Der blutige Schauplatz oder Märtyrerspiegel der
Taufgesinnten oder wehrlosen Christen
Zweiter Teil
Thielemann Jantz van Braght
märtyrerspiegel.blogspot.de
Impressum:
Markus Langer
Bergstraße 2
75378 Bad-Liebenzell - Beinberg
Information für den Leser: Diese Aufbereitung ist eine Vorabversion und
enthält nur den zweiten Teil des Originalwerks. Die Fußnoten sind größ-
tenteils noch nicht enthalten und ein finales Korrekturlesen steht noch aus.
Stand dieser Arbeit: 30. Mai 2014
Inhaltsverzeichnis
1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher. [21]
1.1 Vorrede an den Leser [23]
1.2 Über die heiligen Märtyrer des neuen Bundes [32]
1.3 An meinen Bruder Thielem. J. von Braght: [33]
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. [35]
Hans Koch und Leonhard Meister [35]
Kaspar Tauber, 1524 [36]
Erlaß gegen die Taufgesinnten, im Jahre 1525 [36]
Felix Mantz, 1526 [36]
Georg Wagner, 1527 [37]
Baltazar Pacimontanus, 1527 [38]
Melchior Vet [38]
Michael Sattler, 1527 [38]
Sendbrief Michael Sattlers an die Gemeinde in Horb I4Ö1
Leonhard Kaiser, 1527 l43l
Genauere Anmerkung von Leonhard Kaisers Tode l44l
Thomas Hermans, und später noch siebenundsechzig, im Jahre 1527 l44l
Weynken von Monickendam, 1527 l45l
Johann Walen mit zweien seiner Mitbrüder, 1527 l46l
Leonhard Schiemer, 1528, nach ihm wohl noch siebzig ED
Hans Schlaffer und Leonhard Fryk, 1528 [48]
Leopold Schneider, 1528 l49l
Achtzehn Personen werden zu Salzburg verbrannt, 1528 I5Ü1
Wolf gang Ulmann, 1528 I5Ü1
Hans Pretle, 1528 ED
Hans von Stotsingen, 1528 I5Ü1
Thomas, Balthasar und Dominicus, 1528 ED
Hans Feyerer mit fünf Brüdern und drei Schwestern, 1528 [51]
Drei Brüder und zwei Schwestern, 1528 ED
Neun Brüder und drei Schwestern, 1528 [52]
Hilgard und Kaspar von Schöneck, ungefähr im Jahr 1528 [52]
Sechs Personen zu Basel, im Jahre 1529 [53]
Hans Langmantel mit seinem Knechte und seiner Magd, im Jahre 1529 [53]
Georg Blaurock und Hans von der Reve, 1529 [54]
Tröstliche Ermahnung von Georg Blaurock l56l
Viglig Plaitner, 1529 [57]
Ludovicus mit zwei andern, 1529 ED
Johannes Hut, 1529 l57l
Wolfgang Brand-Huber, Hans Niedermair, nebst andern, ungefähr siebzig, 1529 ED
Carius Prader, nebst einigen Personen, 1529 ED
Sieben Brüder, 1529 l58l
Anna von Freiburg, 1529 [59]
Daniel Kopf, nebst zwei Brüdern und vier Schwestern, 1539 [6Ü]
Vier Brüder und vier Schwestern I6Ü1
Anna Mahlerin und Ursula, 1529 [62]
4
Inhaltsverzeichnis
Neun Brüder und einige Schwestern, nachher noch einer, 1529 [62]
Noch zwei Brüder und zwei Schwestern, 1529 [62]
Bei Altzey nach des Kaisers Befehle ungefähr 350 Personen getötet, 1539 l62l
Philipp von Langenlonsheim, 1529 [63]
Georg Baumann, 1529 [63]
Zweiter Befehl von denen von Zürich, im Jahre 1530 [63]
Georg Grünwald, 1530 [64]
Aida, 1530 M
Georg Steinmetz, 1530 [64]
Martin, der Maler, Wolf gang Eslinger, Pain, Melchior und noch drei, im Jahre 1531 [65]
Walter Mair mit zwei andern, 1531 1651
Georg Zaunringerad, 1531 [65]
Veit Pilgrims zu Glabbek im Jahre 1532 [66]
Lambrecht Gruber, Hans Beck, Lorenz Schuhmacher, Peter Plauer, Peter, sein Knecht und Hans Taller,
im Jahre 1532 [66]
Conrad Fichter und einige andere, 1532 [66]
Hugo Jacob Kraan und Maritgen, seine Hausfrau, mit zwei andern, 1532 1671
Ludwig Fest, im Jahre 1533 1671
Christina Haringin, im Jahre 1533 [67]
Sicke Schneider, im Jahre 1533 [68]
Wilhelm Wiggertz von Barsinghorn in Nordholland, im Jahre 1534 [68]
Kaiser Karls des Fünften Befehl gegen die Taufgesinnten im Jahre 1535 [68]
Peter Küster, 1535 1691
Sybrant Jantz, Henrich Gysbrecht von Campen, Steven Benedictus, Femmetgen, Egberts Tochter und
Welmut, Jantz Tochter [69]
Andreas Claessen von Drouryp zu Leeuwaarden enthauptet, im Jahre 1535 [7Ö]
Sieben Brüder, im Jahre 1536 [71]
Peter Gerhard, Peter Georg, Peter Leydecker und Janneken Melz, 1536 I7TI
Hieronymus Kels, Michael Seifsieder, Hans Oberacker, im Jahre 1536 [72]
Georg Baser und Leonhard Seiler, im Jahre 1536 [73]
Im Jahre 1537 [73]
Bastian Glasmacher und Hans Grünfelder, 1537 El
Hans Peiß und einige andere, im Jahre 1537 El
Hans Wucherer und Hans Bartel, im Jahre 1537 1741
Philippus von Keurs, im Jahre 1537 [74]
Zwölf Personen zu Bucht, unweit Herzogenbusch, im Jahre 1538 verbrannt und enthauptet 1771
Leonhard Lochmayer und Offrus Gritzinger, 1538 1761
Offrus Gritzinger, im Jahre 1538 [76]
Michael Widemann oder Beck, im Jahre 1538 [77]
Martin aus Vilgraten und Kaspar Schuhmacher, 1538 1771
Johann Styaerts und Peter, im Jahre 1538 [77]
Hans Seyel und Hans von Wels, 1538 [78]
Apolonia, Leonhard Seilers Hausfrau, 1539 [78]
Große Verfolgung in Österreich, 1539 1781
Annecken Jans aus Briel nebst Christina Michael Barents von Loeven zu Rotterdam ertränkt, 1539. . [81]
Sendbrief von Annecken Jans Tochter, im Jahre 1538 geschrieben [82]
Esaja, empfange dein Testament [83]
Tjaert Reynertß, im Jahre 1539 [85]
Arnold Jacob mit seiner Hausfrau und seinem ältesten Sohne, im Jahre 1539 [86]
Hans Simeraver, im Jahre 1540 [86]
Walter von Stölwick, 1541 [86]
Dietrich Peter Krood, Peter Trynes, Nicolaus Roders, Peter Nicolaus Janß von Wormer im Wasserlande. [97]
Jacobi und Seli, seine Hausfrau, von Wormer, im Jahre 1542 [97]
Inhaltsverzeichnis
5
Jan Egtwercken, Nicolaus Melisß, Aecht Melis, Wilhelm, ihr Mann, Henrich Walingß, Catharina Amkers,
Cornelius Luytß, Nicolaus Dietrich, Nicolaus Nicolas und Junker Dietrich Gerhard von dem Busch,
bei Krommeniersdyk, im Jahre 1542 [97]
Balthasar Hubmaier mit seinem Weib l98l
Leonhard Bärnkopff, 1542 [98]
Hans Huber, im Jahre 1542 [98]
Damian, 1543 l99l
Befehl wider Menno Simon und alle diejenigen, welcher seine Lehre beistimmten, um das Jahr 1543. [99]
Georg Libich und Ursel Helrigling, 1544 [99]
Maria von Beckum und Ursel, ihres Bruders Weib, im Jahre 1544 ITÜÜ1
Johann Niclaus und Lucas Lambertß, einem alten Manne, genannt Großvater, im Jahre 1544 11011
Ein Testament an sein Weib 11011
Noch ein Testament von Johann Nicolaus an sein Weib, 1544 11021
Ein Testament an seine Kinder und dann an sein Weib 11021
Ein Testament von Johann Nicolaus an seine Brüder und Schwestern nach dem Fleische 11031
Noch ein Testament von Johann Nicolaus an sein ganzes Geschlecht 11041
Bericht des Todesurteils über Johann Nicolaus und Lucas Lambertß von Beveren 11051
Einige Gläubige und Getaufte werden zu Rotterdam 1544 getötet 11061
Franz von Bolßweert, 1545 11061
Oswald von Jamniß, 1545 11071
Andreas Kofler, im Jahre 1545 11071
Hans Blietel, im Jahre 1545 11071
Michael Matschilder, Elisabeth, sein Weib, und Hans Gurßham, im Jahre 1546 11081
Quirinus Pieterß zu Amsterdam durch Feuer hingerichtet, den 16. April im Jahre 1545 11091
Todesurteil über Quirinus Pieterß von Groningen 11091
Hans Stautdach, Anthonius Klein, Blasius Beck, Leonhard Schneider, im Jahre 1545 I1Ü91
Andreas Samuel und Dirk Pieterß, 1546 um
Sendbrief von Dirk Pieterß Samuel an alle Liebhaber der evangelischen Wahrheit 11141
Riehst Heynes, im Jahre 1547 11161
Nicolaus Leks, im Jahre 1548 11161
Elisabeth, im Jahre 1549 11171
Sechs Brüder und zwei Schwestern, nämlich Peter Janß, Tobias Questinex, Jan Pennewaarts, Gysbert
Janß, Ellert Janß, Lucas Michiels, Barbara Thielmans und Truyken Boens werden zu Amsterdam
lebendig 11181
Todesurteil über Peter Janß, Tobias Questinex, Jan Pennewaarts, Gysbert Janß, Ellert Janß, Lucas Michael,
Barbara Thielemans und Truyken Boens 11191
Fye und Gelken zu Leeuwaarden, im Jahre 1549 11201
Jacob Claeß von Landsmeer und Cecilia, Hieronymus Weib, werden zu Amsterdam im Jahre 1549
verbrannt 11211
Todesurteil über Jacob Claeß von Landsmeer 11211
Von der Zeit, zu welcher er gepeinigt worden ist 11211
Todesurteil über Cecilia Hieronymus 11211
Hans von Oberdam wird zu Gent im Jahre 1550 getötet 11221
Brief von Hans von Oberdam an die Herren des Gerichts zu Gent 11281
Jannyn Bueskyn 11301
Wie Hans von Oberdam und Hans Käs-Kaufer zum Tode geführt worden sind 11311
Govert, Gillis, Mariken und Anneken, 1550 11311
Willem, Maritgen, Dieuwertgen und Maritgen Jans, im Jahre 1550 11331
Theunis von Haustelrath, 1550 11331
Tys von Lind, 1550 11341
Palmken Palmen, 1550 11341
Im Amte Millen und Borren werden elf und dann sieben Personen getötet, 1550 11341
Remken Ramakers, 1550 11341
6
Inhaltsverzeichnis
Johann Knel oder Büchner und Anna Cantiana, 1550 11351
Gerhard von Kempen, 1550 11351
Drei Brüder von Antwerpen, von welchen der älteste Jan genannt wurde, 1550 11351
Anthonius von Asselroye, im Jahre 1550 11361
Jakobus Dosie zu Leeuwaarden 11361
Hans von Monster, Bartel und der alte Jakob werden bei Antwerpen auf dem Hause zu Berchem getötet. 11381
Zwei junge Mägdlein, im Jahre 1550 11391
Ein Jüngling von fünfzehn Jahren, im Jahre 1550 11391
Von einem Befehle, um das Ketzergericht im Jahre 1550 einzuführen 11391
Nacherinnerung 11401
Reyer Dirks, ein Schiffer, wird zu Amsterdam nach erschrecklicher Pein verbrannt, 1550 11401
Des Schiffers Reyer Dirks Todesurteil 11401
Ein Schmied zu Körnen 11401
Gillis und Elisabeth 11411
Joris, Wouter, Grietgen und Naentgen 11411
Catharina 11421
Johannes Bair 11421
Hieronymus Segerß mit seinem Weib Lysken Dirks und dem großen Henrich, im Jahre 1551 11421
Brief des Hieronymus Segerß an sein Weib, welche auch gefangen lag, im Jahre 1551 11431
Noch ein Brief von Hieronymus Segerß an die Brüder und Schwestern 11461
Ein Brief von Hieronymus Segerß, welchen er an sein Weib Lysken Dirks geschrieben hat 11511
Noch ein Brief des Hieronymus Segerß an sein Weib 11541
Brief der Lysken, Hieronymus Hausfrau, welchen sie im Gefängnis an ihn geschrieben hat 11551
Ein Brief des Hieronymus Segerß an sein Weib 11561
Ein Brief von Lysken, des Hieronymus Weib 11581
Noch ein Brief von Lysken an ihren Mann geschrieben 11591
Ein Brief von Hieronymus Segerß an sein Weib geschrieben 11591
Brief von Hieronymus Segerß an den großen Henrich, welcher auch daselbst gefangen lag, 1551. . . 11611
Der letzte Brief, den Hieronymus an sein Weib geschrieben hat 11621
Wie Lysken, Hieronymus Eheweib, tapfer gestritten hat 11631
Peter Bruinen, Jan Plennis und Jahn, der alte Kleiderkäufer, mit noch einem Bruder, sind alle den
2. Oktober im Jahre 1551 zu Antwerpen getötet worden 11651
Hierauf folgt des Peter zweiter Brief, worin er Abschied nimmt 11661
Jans, des alten Kleiderkäufers, Bekenntnis als er zu Antwerpen in Gefangenschaft war 11671
Wilhelm Kistemacher wird in Cleve enthauptet, desgleichen wurde daselbst Wendel Ravens im Jahre
1551 getötet 11671
Maria von Monjou, 1552 11681
Wilhelm von Bierk, Christoph aus den Geistens, Christian aus dem Eukeraat und Tieleman aus Nunkir-
chen, im Jahre 1552 11681
Mariken und Anneken, im Jahre 1552 11681
Guilliame von Robaeys, im Jahre 1552 11691
Henrich Dirkß, Dirk Janß und Adrian Cornelius 11691
Ein Gebet, eine Ermahnung und Bekenntnis des Adrian Cornelius 11691
Des Adrian Cornelius Ermahnung an die Freunde 11701
Des Adrian Cornelius Bekenntnis vor der Obrigkeit 11741
Sechs fromme Brüder, 1552 11791
Todesurteil der vorgenannten sechs Personen 11791
Von der Folter des Henrich Anthoniß und Reyer Egbertß, auch wann solches geschehen 11801
Peter von Olmen, oder von Werwyk, wird zu Gent getötet, 1552 11801
Cornelius von Kulenberg, 1552 11821
Herman Janß von Sollem, 1553 11821
Das Todesurteil des Herman Janß von Sollem 11821
Felistis Jans, 1553 11831
Inhaltsverzeichnis
7
Kurzer Auszug aus dem Todesurteile der Jungfrau Felistis Jans oder Felistis Resinx
Simon, der Krämer, im Jahre 1553
Wouter von Capelle, im Jahre 1553
Tys, ein junger Gesell, und Berentge, eine Jungfrau, im Jahre 1553
Joos Kind, im Jahre 1553
Noch ein Brief oder ein Bekenntnis von demselben Joos Kind zum Preise des Vaters
Elisabeth und Fladewyk, 1549
Ein frommer Bruder, der in der Stadt Buren getötet worden ist, 1553
Peter Witses, ein Maurer, wird zu Leeuwarden im Jahre 1553 an einem Pfahle erwürgt
Eine kurze Ermahnung von Peter Witses, dem Maurer
An sein Weib
Wilhelm von Leuwen
David und Levina
Peter mit dem Krüppelfuße, Jan Doogscherder, Elans Borduerwercker und Franz Schwerdtfeger. . .
Tannecken von der Leyen, 1555
Bartholomäus der Töpfer, 1555
Romeken, 1555
Elans Pichner
Christian, im Jahre 1555
Digna, Pieterß Tochter, 1555
Digna Pieterß ertränkt
Erneuerung der vorhergehenden blutigen Befehle, im Jahre 1556
Von den Verordnungen und Befehlen
Augustin, der Bäcker, 1556
Francyntgen, Grietgen und Maeyken Doornaarts, im Jahre 1556
Abraham im Jahre 1556
Jan de Kudse, im Jahre 1556
Claes de Praet wird um des Zeugnisses Jesu Christi willen im Jahre 1556 zu Gent verbrannt
Gerhard Elasepoot, im Jahre 1556
Elans Brael, im Jahre 1557
Jannecken Walraven, 1557
Georg Simonsß, Clemens Dircks und eine Frau, genannt Marie Joris, im Jahre 1557
Ein Testament, welches Georg Simonß seinem Sohne Simon hinterlassen hat
Noch drei kleine Ermahnungsbriefe von Georg Simonß und seinen Mitgefangenen
Auszug des Georg Simonß von Hallmen und des Clemens Dircks von Haarlem Todesurteil
Sechs Brüder werden bei Amsterdam auf dem Bolewyk im Jahre 1555 an Pfählen erwürgt
Martin Zaey-Weber, Joris Oud-Kleer-Kooper, Wilhelm Droogscheerder, Victor und Peter de Bäcker, im
Jahre 1557
Ein Brief von Wilhelm Droogscheerer
Hieronymus, Lorenz von Gelder, Peter Müller, Jacob von Ypern und Martin de Waal
Margaretha, des Hieronymus Weib, Klaarken und Janneken aus Dextelaar
Sendbrief des Jünglings Algerius, 1557
Wie Algerius aufgeopfert worden ist
Conrad, der Schuhmacher, im Jahre 1558
Verhör, Folter und Todesurteil der Annetgen Antheunis, Styntgen Jans, Evert Routs und Peter von
Eynoven zu Rotterdam im Jahre 1558
Verhör des Jan Henrich von Utrecht
Verhör der Styntgen, Jans Tochter
Verhör des Evert Routs von Antwerpen
Verhör des Peter von Eynoven
Folter des Peter von Eynoven
Jan Henrich von Utrecht, 29 Jahre alt, wurde auf der Bank sehr gefoltert
Styntgen, Jans Tochter, ungefähr vierzig Jahre alt, von Utrecht
1831
183
184
184
185
188
191
193
193
um
195
195
195
195
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196
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196
197
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200
200
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201
201
208
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213
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225
225
226
226
226
226
227
227
8
Inhaltsverzeichnis
Auf den 28. März
Todesurteil, auf den 28. März 1558
Nachricht
Den 21. April 1558, nach Ostern
Thomas von Imbroek, im Jahre 1558, den 5. Mai
Ein Brief von Thomas von Imbroek an sein Weib und Brüder aus dem Gefängnis geschrieben. . . .
Noch ein Brief, den Thomas von Imbroek aus dem Gefängnisse an sein Weib geschrieben hat
Govert Jasperß, 1558
Martin Boßier, 1558
Absalom von Thomme, oder der Sänger, 1558
Wilhelm von Haverbeke, 1558
Daniel Verkampt, 1558
Marcus der Lederschneider, im Jahre 1558
Jacob, der Maurer
Ludwig, der Weber, 1558
Franz Tiban und der kleine Dirck, 1558
Henrich, Lederverkäufer, Anthonius und Dirck, der Maler, im Jahre 1558
Waechlinck Dirckß, Martin Schuhmacher, und Adrian Pieterß
Walter von Honschoten
Jacob Schwartz, Hans von der Brücke und mehr andere
Hans, der Deutsche, 1558
Sander Henrichs, Hans, der Schmied, Hans von Burculo, Peter von der Bettewary, Arent und Gerhard,
Bortenwirker, 1558
Gritgen, Tanneken, Lyntgen und Styntgen von Aachen, im Jahre 1558
Janneken und Noele, 1558
Adrian von Hoe, Joos Meeuwens, Wilhelm, Gossen, Eckbert, ein Hutmacher, und Lambert von Doornik,
im Jahre 1558
Joris Wippe, Joostens Sohn, wird zu Dortrecht im Jahre 1558 getötet
Todesurteil des Joris Wippe, 1558
N acherinnerung
Erster Brief von Joris Wippe, geschrieben an sein Weib
Zweiter Brief von Joris Wippe, geschrieben an sein Weib
Dritter Brief von Joris Wippe an seine Kinder
Gotthardt von Nonnenberg und Peter Kramer, 1558
Hans Schmid, Henrich Adams, Hans Beck, Mattheis Schmid, Dilman Schneider, mit noch sieben andern,
im Jahre 1558
Jaques d'Auchi, 1558 gefangen genommen, 1559 getötet
Jaques d'Auchis Bekenntnis vor dem Commissarius und dem Inquisitor
Verrat des Jaques d'Auchi
Bekenntnis einer Frau, genannt Claesken, die ihr Leben gelassen hat, 1559
Brief der vorerwähnten Claesken an ihre Freunde nach dem Fleische, auch nach dem Geiste
Dieses ist noch ein Brief oder Bekenntnis derselben Claesken; als eine neue Zugabe hier beigefügt. .
Jelis de Groot und Mahieu von Halewyn, 1559
Carl von Tiegem, 1559
Wolfgang Mair und Wolfgang Huber, 1559
Jan Janß Brand, 1559
Triinken Keuts, 1559
Fransken, Hebamme, Naantgen, Lederkäuferin, und Pleuntgen von der Goes, 1559
Betgen, Neelken und Mariken Fransse, 1559
Adrian Pan und seine Hausfrau, im Jahre 1559
Ein Brief von Adrian Pan, geschrieben aus seiner Gefangenschaft, 1559
Noch ein Brief des Adrian Pan, nach seiner Verurteilung geschrieben
Hans de Vette mit elf andern zu Gent in Flandern im Jahre 1559 getötet
227
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m
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I28Ü1
Inhaltsverzeichnis
9
Maeyken Kats von Wervike in Flandern, Magdaleentken, Aechtken von Zierikzce, die alte Maeyken,
Grietken Bonaventures und Maeyken de Körte, im Jahre 1559
Ein Brief von Maeyken de Körte
Ein Testament, von Jelis Bernarts an sein Weib geschrieben
Ein Brief, welchen Jelis Bernarts an sein Weib geschrieben hat
Noch ein Brief von Jelis Bernarts an sein Weib
Ein Brief, welchen Jelis Bernarts an die Brüder und Schwestern geschrieben hat, als er zum Tode
verurteilt war
Jan Bosch von Berg oder Jan Durps, 1559
Hans Vermeersch, sonst genannt Hans von Macs, wird zu Waesten im Jahre 1559 getötet
Andreas Langedul, Matthäus Pottebacker, und Lorenz von der Leyen, 1559
Der erste Brief von Lorenz von der Leyen
Der zweite Brief von Lorenz von der Leyen
Ein kleines Glaubensbekenntnis
Des Lorenz von der Leyen dritter Brief
Des Lorenz von der Leyen vierter Brief
Anthonis Claeß, Joris Tielemans und Johannes Becker, im Jahre 1560
Peter aus Spanien, Gomer der Maurer, Jakob der Goldschmied, im Jahre 1560
Doof Betgen, Betgen von Gent und Lysken Smits, im Jahre 1560
Leonhard Plovier, Janneken und Maeyken von Aachen, im Jahre 1560
Ein Brief des Leonhard Plovier an sein Weib geschrieben
Testament des Leonhard Ploviers, welches er seinen Kindern hinterlassen hat
Claes Felbinger und Hans Leytner, im Jahre 1560
Joris und Joachim
Wilhelm, der Schneider
Hans Korbmacher, Georg Raeck und Eustachius Kuter
Soetgen von der Houte und Martha, im Jahre 1569
Testament von Soetgen von der Houte, welches sie ihren Kindern hinterlassen hat
Noch ein Brief von Soetgen von der Houte an ihren Bruder und an ihre Schwester
Joost Joosten zu Beer in Seeland verbrannt, im Jahre unsers Herrn 1560
Koolaert, der Küfer, 1561
Jons Verbeek, 1561
Ein kleiner Brief, von Joos Verbeek im Gefängnisse zu Antwerpen an sein Weib geschrieben
Julius Klampherer, 1561
Lorenz von der Walle, Anthonius Schönfeld, Kalleken Strings, Syntgen Potvliets und Maeyken Kocx, im
Jahre 1561
Orvel, Jan und Pleunis, 1561
Franz von Elstland, im Jahre 1561
Johannes Schut, im Jahre 1561
Johann, Henrich, Bastian, Hans, Mariken von Meenen, Beetken von Brugh und Lintgen, im Jahre 1561.
Zwölf Christen zu Brügge. Adrian Brael, Lukas Hendriks, Martin Amare, Nikasen Amare, Hansken
Liß, Andreas Müller, Anthonius Kente, Hansken Parmentier, Jan R., Jelis Outerman, Francintgen
Müllerin, Maeyken Trams, 1561
Johann Hülle zu Ypern, 1561
Peter von Maldegem, Peter von Male, Jaques Bostyn und Lorenz Allaerts, 1562
Byntgen, Goudeken und Janneken de Jonkheer, Betgen von Maldegem, und Syntgen von Gelder, im
Jahre 1562
Wilhelm von Dale, 1562
Jelis Strings nebst Peter und Jelis Potvliet, 1562
Der erste Brief von Jelis Strings
Der zweite Brief von Jelis Strings
Henrich Eemkens, 1562
Georg Friesen, ein Kistenmacher, und Wilhelm von Keppel, im Jahre 1562
12841
12841
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12921
12931
12941
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12981
12991
I3Ü31
I3Ü31
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I3Ü51
I3Ü61
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13161
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13191
13191
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13221
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13231
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13241
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13281
I33Ü1
10
Inhaltsverzeichnis
Hier folgt nun eine Ermahnung, welche Georg Friesen aus dem Gefängnisse gesandt hat 13311
Martyntgen Aelmeers, 1562 13321
Nikasen von Aelmeers, 1562 13321
Carl von der Beide mit seiner Hausfrau Proentgen, Franz Schwarz mit seiner Hausfrau Claesken, Jasper,
der Schuhmacher, Charlo de Wael und Martyne Amare, 1562 13321
Jan Grendel, 1562 15521
Franziskus von der Sach und Antonius Welsch, 1562 13321
Jan der Schwarze und sein Weib Claesken, Claes, Christian, Hans, Mathieu, seine vier Söhne, Percevael
von dem Berge, Jan Maes, Peter, der Schuhmacher, Henrich Aerts, Hutmacher, Janneken, Cabeljau's
Weib, Calleken Steens, Hermann, 1563 13331
Dirk Lambertz, Christian von Wetteren und Antonyn de Wale, 1563 13351
Joos Janß, 1563 13351
Daniel Kalvaert 13351
Peter von Oosthoven 13351
Stephan de Graet und Syntgen 13361
Pieryntgen Ketels, Leentgen, ihre Mutter, Pieryntgen und Martyntgen von Male, 1564 13361
Peter von der Mühl, 1564 13361
Maeyken Boosers in Doornik verbrannt, 1564 13361
Noch ein Brief von Maeyken Boosers an ihre Eltern 13371
Noch ein Brief von Maeyken Boosers an die Brüder 13381
Ein Testament der Maeyken Boosers an ihre Kinder 13381
Noch ein Brieflein von derselben Mutter an ihre Kinder 13381
Noch ein Brief von Maeyken Boosers an ihre Eltern 13391
Noch ein Brief von Maeyken Boosers an die Brüder und Schwestern 13391
Willeboort Corneliß wird zu Middelburg im Jahre 1564 getötet 13401
Pryntgen Maelbouts und Martyntgen, 1564 13411
Mr. Jelis Matthyß wird um des Zeugnisses Jesu Christi willen zu Middelburg im Jahre 1564 getötet. 13411
Noch ein Brief von Meister Jelis Matthyß, welchen er an sein Weib geschrieben hat 13471
Noch ein Brief von Meister Jelis Mattyß an sein Weib 13491
Jan Gerritß wird in dem Haag um des Zeugnisses Jesu Christi willen im Jahre 1564 verbrannt. . . . 13521
Ein Brief von Jan Gerrits; an den lutherischen Prediger 13541
Noch ein Brief von Jan Gerrits; an seine Bekannten 13581
Adrian den Burry, 1565 13591
Wilhelm de Duyk, 1565 13601
Conrad Koch, 1565 13601
Hier folgen zwei Briefe, welche Conrad Koch aus dem Gefängnisse geschrieben hat 13611
Mattheiß Servaes von Kottenem, 1565 13621
Der erste Brief, den Mattheiß Servaes aus dem Gefängnis an H. K. geschrieben hat 13631
Der zweite Brief, welchen Mattheiß Servaes an seinen Bruder geschrieben hat 13661
Der dritte Brief von Mattheiß Servaes, geschrieben an J. R 13671
Der vierte Brief, welchen Mattheiß Servaes an alle Brüder und Schwestern geschrieben hat 13681
Der fünfte Brief, welchen Mattheiß Servaes an seine Mutter, seinen Bruder, etc. geschrieben hat. . . 13731
Der sechste Brief, welchen Mattheiß Servaes, an sein liebes Weib geschrieben hat 13751
Der siebte Brief von Mattheiß Servaes, aus dem Gefängnisse an I. N. und seine Brüder geschrieben. 13761
Der achte Brief von Mattheiß Servaes an Aeltgen, sein Weib, aus dem Gefängnisse geschrieben. . . . 13781
Der neunte Brief von Mattheiß Servaes an F. V. H. aus dem Gefängnisse geschrieben 13781
Der zehnte Brief von Mattheiß Servaes aus dem Gefängnisse an Mar. West geschrieben 13791
34 Männer und acht Weiber werden im Berner Gebiete vor und um das Jahr 1566 getötet 13791
Hans Georgen, 1566 13801
Hans Mang, 1567 13801
Nicolaus Geyer, 1567 13801
Karl Halling, 1567 I38Ü1
Adrian du Rieu, 1567 13801
Inhaltsverzeichnis
11
Christian Langedul, Cornelius Claeß, Matthäus de Vik und Hans Symonß, 1567
Christian Langeduls erster Brief an sein Weib
Der zweite Brief von Christian Langedul
Noch ein Brief von Christian Langedul
Weiterer Brief von Christian Langedul
Der Urlaub und letzte Abschied Christian Langeduls, geschrieben an Maeyken Raeds, sein Weib. .
Abschrift eines Briefes von Hans Symonß, den er im Jahr 1567 an seine Ehefrau geschrieben hat. . .
Ein Brief von Hans Symonß, den er zu Antwerpen im Gefängnisse geschrieben hat, wo er den 13. Sept.
1567 mit drei andern verbrannt worden ist
Dieses ist der Brief, den der Schuhmacher Cornelius an sein Weib geschrieben hat, 1567
Jaques Mesdag, Wilhelm Aertß, Jons Kasteei, Karl, im Jahre 1567
Ein Brief von Jaques Mesdag
Adrian Willemß, 1568
Lukas de Groot, 1568
Jan Portier, 1568
Jan von Paris, Peter von Cleev, Henrich Maelschalck und Lorenz Pieters, 1568
Brief des Henrich Maelschalck aus dem Gefängnisse zu Gent geschrieben, den 26. Januar 1568. . . .
Karl de Raet und sein Weib Grietgen, Hansken in dem Schaek, Wilhelm, ein Schneider, mit seinem Weib
Christintgen, 1568
Jan, ein Schmied, Daniel de Paeu, Daniel von Vooren und Paßchier Weyns, im Jahre 1568
Jakob Dirkß und seine beiden Söhne, Andreas Jakobß und Jan Jakobß, im Jahre 1568
Valerius, der Schulmeister, im Jahre 1568
Jan Thielemanß und Job Janß werden um des Zeugnisses Jesu Christi willen in Grafenhaag in Holland
im Jahre 1568 verbrannt
Nacherinnerung von den Todesurteilen vorgemeldeter Märtyrer
Der erste Brief von Jan Thielemanß, den er im Gefängnisse geschrieben hat
Noch ein Brief, welchen Jan Thielemanß aus dem Gefängnisse geschrieben hat
Henrich Arentß, 1568
Claudine le Vettre, und mit ihr ein Bruder, 1568
Nachbericht von der vorgemeldeten Claudine le Vettre
Pieter Pieterß Bekjen zu Amsterdam, den 26. Februar im Jahre 1569, lebendig verbrannt
Todesurteil des Pieter Pieterß Bekjen
Wie diese Person zur Folter verurteilt worden sei und wann solches stattgefunden habe
Lorenz Berkamer, 1569
Dirk Willemß, 1569
Abschrift
Styntgen Vercoilgen, 1569
Lippyntgen Stayerts, 1569
Martin Pieterß und Grietgen Jans, 1569
Henrich Alewynß, Hans Marynß von Oosten, Gerhard Duynherder, 1569
Ein Sendbrief von Henrich Alewynß, 1569
Das Nachfolgende enthält, was Henrich Alewynß den Herren an der Folterbank übergeben hat. . .
Väterlicher Abschied, Testament und sehr sorgfältiger Unterricht von Henrich Alewynß
Ein Brief von Hans Marynß an seine lieben Brüder und Schwestern
Anpleunis von dem Berge, im Jahre 1566
Jasper, ein Taschringmacher, im Jahre 1569
Dirck Anoot, und Wilhelm, ein Säger, im Jahre 1569
Tanneken von der Mühlen, Jaecxken von Hussele und Jaecxken Teerlings, 1569
Joost Geothals, Roelandt und Pieter Stayert, Janneken Roelands und Janneken de Jonkheere, 1569. .
Christoffel Buyze, Lorentz von Rentergem, Joost Meerßenier und Grietgen Baets
Brief von Nelleken Jaspers Tochter aus dem Gefängnis zu Antwerpen geschrieben
Pieter der Alte, Jan Watier, Jan von Raes, Wouter Denys, Francois, ein Zimmermann, und Kalleken, des
Anpleunis von dem Berge Witwe
13811
I38T1
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14431
14431
14431
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14431
14441
14441
14451
Inhaltsverzeichnis
12
Des Wouter Denys erster Brief an sein Weib
Der zweite Brief von Wouter Denys und seinen Mitgefangenen
Der dritte Brief von Wouter Denys und seinen Mitgefangenen
Bericht an den christlichen Leser von folgenden Todesurteilen
Auszug aus dem Buche des Blutgerichts der Stadt Amsterdam, Blatt 48 vers., welches in der Kanzlei
daselbst niedergelegt ist
Auszug wie oben, Blatt 49
Auszug wie oben, Blatt 31
Auszug wie oben, Blatt 51
Auszug wie oben, Blatt 52
Auszug wie oben, Blatt 59
Auszug wie oben, Blatt 70
Auszug wie oben, Blatt 77
Auszug wie oben, Blatt 77
Auszug wie oben, Blatt 78
Auszug wie oben, Blatt 93
Elf Brüder und eine Schwester zu Antwerpen, Hermann Zimmermann, Jan von Hasebroeck, Peter
Verlonge, Gerrit von Mandel, Jan von Mandel, Jan Schäfer, Jan Wiljoot, Jan von Doornik, Willem
von Poperinge, Maeyken sein Weib, Jan Kaufmann und Hans, sein Knecht, 1569
Der erste Brief von Jan von Hasebroeck an sein Weib
Der zweite Brief von Jan Hasebroeck
Der dritte Brief von Jan Hasebroeck
Dirk Andrieß, 1569
Jakob de Roore und Hermann von Blekwyk werden beide zu Brügge lebendig verbrannt
Disputation zwischen Jacob Kerzengießer und M. Bruder Cornelius, Predigermönch
Disputation zwischen Hermann Blekwyk und dem Bruder Cornelius, den 10. Mai 1569
Der erste Brief des Jacob Kerzengießer, geschrieben an sein Weib
Jacob Kerzengießers zweiter Brief an die Gemeinde
Des Jacob Kerzengießers dritter Brief an seine Kinder
Der vierte Brief von Jacob Kerzengießer, geschrieben an seine Kinder
Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer an Pouwel von Meenen gesandt
Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, im Gefängnisse geschrieben
Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, worin er seine Amtsbrüder ermahnt
Adrian Ol, 1569
Abraham Picolet, Henrich von Etten und Maeyken von der Goes, 1569
Ein Brief von Abraham Picolet, geschrieben an seine Schwestern
Thys Jeuriaenß und Jan Claes, im Jahre 1569
Noch ein Brief von Thys Jeuriaenß, im Gefängnis an die Freunde in Edam geschrieben, im Jahre 1569.
Jan Quirynß von Utrecht zu Amsterdam am 12. März 1569 mit Feuer hingerichtet
Willem Janß aus Wasserland den 12. März 1569 zu Amsterdam lebendig verbrannt
Des Willem Janß aus Wasserland Todesurteil
Cornelius Janß von Harlem den 12. März 1569 zu Amsterdam verbrannt
Des Cornelius Janß von Harlem, eines Schiffsknechts, Todesurteil
Clemens Hendrikß, ein Segelmacher, den 12. März 1569 zu Amsterdam verbrannt
Des Clemens Hendriks, Segelmachers, Todesurteil
Ein Brief von Jan Quirynß
Der erste Brief an eine seiner Bekannten gesandt, genannt Grietgen Dirks
Der zweite Brief von Clemens Hendriks
Der dritte Brief von Clemens Hendriks an seinen Vater und seine Mutter
Der vierte Brief des Clemens Hendriks an seinen Vater und seine Mutter
Der fünfte Brief von Clemens Hendriks
Veyt Greyenburger, 1570
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Inhaltsverzeichnis
13
Vier Freunde werden in Maastricht aufgeopfert, Arent von Essen, Ursel, sein Weib, Neeltgen, eine alte
Frau, und Tryntgen, ihre Tochter, im Jahre 1570 15401
Anneken Ogierß, Jan Ogierß Tochter, und Adrian Boogaarts Weib, zu Harlem ertränkt, 1576 15421
Das Todesurteil der Anneken, Jan Ogierß Tochter 15421
Barber Jans, 1570 15421
Allert Janß, 1570 15431
Andraes N. mit seinem Vater und Bruder, 1570 15431
Andreas N„ 1570 15431
Joris von Meesch und Jacob Lowys, ungefähr 1570 15431
Jan, der Bandweber, Joost, der Wagner, mit seinem Weibe, Martin von Wyke mit seinem Weibe Lysken,
Jelis, der Maurer, 1570 15431
Faes Dirkß und zwei andere, im Jahre 1570 15441
Copie des Bekenntnisses, getan von Faes Dirkß, welcher hier auf Thiendewegspforte gefangen liegt. 15441
Drittes Verhör, geschehen auf der Folterbank 15451
Auszug aus dem Buche des Halsgerichtes der Stadt Goude 15461
Adrian Pieterß, Barber Joosten, im Jahre 1570 15461
Martin Karretier, 1570 15461
Lyntgen Kemels, 1570 15461
Joost Verkindert und Lorenz Andreas den 13. September im Jahre 1370 zu Antwerpen getötet. . . . 15471
Ein erbaulicher Brief und eine Ermahnung von Joost Verkindert, geschrieben aus dem Gefängnis. . 15471
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben den 26. Juni 15501
Noch ein Brief von Joost Verkindert, den 2. Juli aus dem Gefängnisse an sein Weib geschrieben. . . . 15511
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben an seine Mutter aus dem Gefängnisse, den 12. Juli. 15521
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben aus dem Gefängnisse an sein Weib, den 23. Juni. . 15541
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben aus dem Gefängnisse an seinen Bruder W. und I., sein
Weib, den 10. August 15551
Noch ein Brief von Joost Verkindert, in welchem einige Streitworte erzählt werden 15561
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben in den Banden an sein Weib, den 20. August. . . . 15591
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben in den Banden an sein Weib, den 2. September. . . 15601
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben an seine Brüder, Michael und Pleun 15611
Der letzte Brief von Joost Verkindert, geschrieben an sein Weib 15641
Ein Brief von Lorenz Andrieß Joost, Verkinderts Mitgefangenen 15641
Hans vom Wege, Janneken von Hülle und Janneken von Rentegem, im Jahre 1570 15651
Der erste Brief von Hansken von dem Wege 15651
Der zweite Brief von Hansken von dem Wege 15671
Der dritte Brief des Hansken von dem Wege 15691
Der vierte Brief von Hansken von dem Wege 15701
Barbelken Göthals und Saerken von Duerhofen, 1570 15711
Hier folgt ein Brief, welchen Barbelken Göthals an Jasper N. geschrieben hat 15711
Zehn Personen, sowohl Männer als Weiber, zu Dortrecht um das Jahr 1570 verbrannt 15721
Jelis Claverß, Lysabet, Claes de Vries Weib, Nelleken Jaspers, und außer ihnen 33 Personen, 1571. . . 15731
Dirk Mienweß, 1571 15741
Anneken Hendriks, 1571 15741
Der Anna Hendriks, mit dem Zunamen die Blaster, Todesurteil 15751
Wolfgang Pinder, 1571 15751
Joost von der Strafen, 1571 15761
Hans von der Strafe, 1571 15761
Gerrit Corneliß 15771
Todesurteil des Gerrit Corneliß, mit dem Zunamen Boon 15771
Ein Brief von Hendrik Verstralen an sein Weib im Jahre 1571 15781
Noch ein Brief von Hendrik Verstralen an sein Weib 15801
Ein Brief von Hendrik Verstralen, geschrieben an seine Brüder und Schwestern 15831
Ein Brief, welchen Maeyken Deynoots an ihre Brüder und Schwestern geschrieben hat, 1571 15841
14
Inhaltsverzeichnis
Noch ein Brief von Maeyken Deynoots an ihren Bruder und ihre Schwester 15841
Adrian Janß, ein Hutmacher, und Jelis de Bäcker werden in Ryssel im Jahre 1571 verbrannt 15851
Der erste Brief von Adrian Janß, Hutmacher, an sein Weib 15851
Des Adrian Janß, Hutmacher, zweiter Brief, geschrieben an sein Weib 15871
Des Adrian Janß, Hutmacher dritter Brief, geschrieben an die Brüder und Schwestern 15871
Zwölf Christen zu Deventer, Ydse Gaukes, Dirk von Wesel, sowie Anneken und Janneken, ihren
Weibern, Härmen, der Färber, Bruyn, Anthonis, der Weber, Claes Opreyder, Lysbeth und Catharina
Sommerhaus, Lyntjen Joris und Tryntgen ihre Tochter, 1571 15881
Ein Brief von dem Schiffer Ydse Gaukes an seinen Bruder und an seine Freunde, dem Geiste nach. . 15911
Des Y dse Gaukes zweiter Brief 15921
Der dritte Brief, geschrieben in Deventer, im Gefängnisse, durch Ydse Gaukes 15951
Douwe Geuwoutß, 1571 15971
Hans Misel, 1571 [597]
Jan Blök von Rymwegen wird um des Glaubens willen im Jahre 1572 verbrannt 15981
Ein Brief von Jan Blök 15991
Ein junger Geselle von Nymwegen wird zu Herzogenbusch im Jahre 1572 verbrannt 16021
Henrich von Eckelo, 1572 16021
Jan Wouterß von Kuyk und Adrianken Fans von Müllersgrab zu Dortrecht verbrannt, 1572 16021
Nacherinnerung, den Tod des Jan Wouterß von Kuyk und der Adrianken Jans von Müllersgrab betref-
fend 16041
Von den Personen, die damals in der Gerichtskammer waren und dieses Urteil gefällt hatten 16051
Des Jan Wouterß erster Brief, worin er berichtet, wie er verhört und gepeinigt worden sei 16051
Der zweite Brief von Jan Wouterß, geschrieben an seine Brüder und Schwestern 16101
Der dritte Brief von Jan Wouterß an die Gemeinde Gottes in Dortrecht 16141
Des Jan Wouterß vierter Brief an sein Weib 16161
Des Jan Wouterß fünfter Brief an sein Weib und sein Töchterlein m\
Des Jan Wouterß sechster Brief an seine einzige Tochter insbesondere 16221
Des Jan Wouterß siebter Brief an seinen Vater und seine Mutter 16241
Des Jan Wouterß achter Brief an seine Schwägerin, die noch bei dem römischen Glauben war 16271
Des Jan Wouterß neunter Brief, an seine drei jüngsten Schwestern 16291
Des Jan Wouterß zehnter Brief, an seinen ältesten Schwager und an seine Schwester 16311
Des Jan Wouterß elfter Brief an seinen jüngsten Schwager P. J 16331
Ein Glaubensbekenntnis an den Schultheißen und den Rat, der damals in Dortrecht regierte 16351
Ein Brief von Adriaanken, Jans Tochter von Müllersgrab, geschrieben an ihren Mann 16361
Ein Brief, an diese Adriaanken Jans in ihren Banden von ihrem Manne gesandt 16381
Sieben Brüder zu Breda. Jan Pieterß, Geleyn Corneliß, Pieter de Guliker mit seinem Knechte, Arent
Block, Cornelius Gyselaar und einer, genannt Michael, im Jahre 1572 16401
Von den Gerichtsverhandlungen und Todesurteilen vorgemeldeter Märtyrer 16421
Martin Janß Kornträger und Jan Hendrikß von Schwartewael zu Delft im Jahre 1572 verbrannt. . . . 16421
Auszug des Todesurteils über Martin Janß und Jan Hendrikß 16431
Ein Brief von Jan Hendrikß, im Gefängnisse zu Delft an sein Weib geschrieben 16431
Einige Verhörpunkte des Jan Hendrikß 16461
Noch ein Brief von Jan Hendrikß an Martin Janß, seinen Mitgefangenen 16531
Noch ein Brief von Jan Hendrikß an Pouwels und Aechtgen, seinen Bruder und seine Schwester. . . 16551
Sander Wouterß von Bommel und Evert Hendrikß von Warendorff zu Amsterdam verbrannt, 1572. 16571
Todesurteil des Sander Wouterß von Bommel und Evert Hendrikß von Warendorff 16571
Hans Knevel, 1572 [658]
Matthäus Bernaerts, sonst genannt Matthäus von Linken, Adrian Rogiers, Martin von der Straasen und
Dingentgen von Honschoten, im Jahre 1572 16601
Ein Testament 16601
Eine Danksagung, vor und nach dem Essen, welche Matthäus Bernaerts gemacht hat 16641
Adrian Rogiers zu Gent in Flandern verbrannt, 1572 16641
Der erste Brief, den Adrian Rogiers an sein Weib geschrieben hat 16641
Inhaltsverzeichnis
15
Noch ein Brief von demselben Adrian Rogiers, geschrieben im Gefängnisse an sein Weib
Noch ein Brief von Adrian Rogiers an sein Weib, geschrieben im Gefängnisse zu Gent
Martin von der Straasen und sein Weib Beliken, im Jahre 1572
Der erste Brief von Martin von der Straasen an sein Weib
Der zweite Brief von Martin von der Straasen an sein Weib
Des Martin von der Straasen dritter Brief an sein Weib
Der vierte Brief von Martin von der Straasen, an Anna Servaes
Der fünfte Brief von Martin von der Straasen, an Servaes Janß
Der sechste Brief von Martin von der Straasen und sein Weib Beliken, an Adam V. L. und sein Weib.
Willem de Ryker und Christoffel Fierens, 1572
Jan Smit, 1572
Pieryntgen Loos-Feld oder Neckers, 1572
Michael von Brüssel und Barberken, sein Weib, im Jahre 1573
Jan von Ackeren, im Jahre 1573
G. Schneider, Syntgen von Rousselare und Maeyken Gosens zu Antwerpen im Jahre 1573 getötet. .
Ein Brief von Syntgen von Rousselare
Francois von Leuven, Flansken von Oudenaerden und Grietgen von Sluys, im Jahre 1573
Lippyntgen Stayerts, Syntgen Barninge oder das Krüppel-Syntgen, im Jahre 1573
Jakob von dem Wege, 1573
Ein Brief von Jakob von dem Wege, geschrieben an sein Weib, als er zuerst zu Gent gefangen lag. . .
Noch ein Brief von Jakob von dem Wege an sein Weib und seine Brüder und Schwestern
Noch ein Brief von Jakob von dem Wege, geschrieben in seinen Banden, an andere Gefangene. . . .
Noch ein Brief von Jakob von dem Wege
Die letzten Worte, die Jakob von dem Wege geschrieben hat
Maeyken von Deventer wird zu Rotterdam im Jahre 1573 getötet
Nachbericht von ihrem Todesurteil
Ein Testament, von Maeyken von Deventer für ihre Kinder gemacht
Ein Gebet von derselben Maeyken Deventer
Maeyken Wens wird mit einigen ihrer Mitgenossen im Jahre 1573 zu Antwerpen verbrannt
Die Briefe und Testamente der Maeyken Wens, des Weibes des Matthäus Wens
Der zweite Brief von Maeyken Wens, geschrieben an ihren Mann
Der dritte Brief von Maeyken Wens, geschrieben an ihren Sohn im Gefängnisse zu Antwerpen. . . .
Der vierte Brief von Maeyken Wens, geschrieben an ihren Sohn
Der fünfte Brief von Maeyken Wens geschrieben an Jan De Metser, einen Diener
Fünf fromme Christen, Hans von Munstdorp, Janneken Munstdorp, sein Weib, wie auch Mariken,
Lysken und Maeyken werden sämtlich im Jahre 1573 zu Antwerpen an Pfählen verbrannt. . . .
Ein Brief des Hans von Munstdorp an sein Weib, als sie beide in Antwerpen in Banden lagen
Ein Testament, geschrieben an Janneken, meine eigene und liebste Tochter, 1573
Abschrift eines Briefes von Janneken Munstdorps eigener Hand, geschrieben den 19. September 1573.
Noch ein Brief von Janneken Munstdorp, des Hans von Munstdorp Hausfrau
Susanneken und Kalleken Claes, 1573
Anthonius Ysbaerts, 1573
54 Personen, sowohl Brüder als Schwestern, nämlich 37 zu Antwerpen und 17 zu Brüssel, verbrannt.
Adrian Hutmacher und Matthäus Keuse, 1574
Hans Peltner, im Jahre 1574
Reytse Aysetz von Oldenborn wird zu Leeuwarden den 23. April im Jahre 1574 getötet
Verschiedene Verhöre des Reytse Aysetz
Noch ein Bekenntnis, welches Reytse Aysetz vor dem Bischof im Jahre 1574 abgelegt hat
Noch ein Bekenntnis des Reytse Ayseß, vor einem stolzen Pfaffen abgelegt, sowie einen Sendbrief. .
Ein Sendschreiben oder Ermahnung von Reytse Ayseß, geschrieben an die Freunde
Noch ein Bekenntnis des Reytse Ayseß, abgelegt vor dem Commissarius
Ein Brief von Reytse Ayseß an seinen Vater
Ein Brief von Reytse Ayseß an seine Mutter
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16
Inhaltsverzeichnis
Ein Brief von Reytse Ayseß an seine Hausfrau 17261
Noch ein Brief von Reytse Ayseß an seine Hausfrau 17261
Des Reytse Ayseß Todesurteil und Tod 17271
Hendrik Pruyt, im Jahre 1574 17281
Olivier Willemß von Nimmägen wird zu Antwerpen nebst zwei jungen Mägdlein lebendig verbrannt,
1574 [7291
Nacherinnerung von Olivier Willemß Person, desgleichen von seinem Leiden und Tode 17291
Auszug aus dem Gerichtsbuch, worin bürgerliche und Blutsgerichtssachen der Stadt Antwerpen ent-
halten sind 17291
Jakob, der Schuhflicker, nebst seiner Hausfrau Grietgen von Brüssel, Anneken von Brüssel, Tanneken
Walraven, 1575 [7291
Claes von Armentiers und Lyntjen, eine junge Tochter, im Jahre 1575 17301
Zwanzig Personen zu London in England, 17301
Auszug aus einer eigenhändigen Schrift des Gerrit von Byler, im Gefängnis zu London geschrieben. 17331
Auszug aus den beifügten Dingen in dem alten Märtyrer-Spiegel, gedruckt 163, Pag. 964, Kol. 2. . . 17351
Hier folgen zwei Briefe von den gefangenen Preunden abgefasst 17351
Noch ein Brief von den Gefangenen, worin wir uns darüber entschuldigen, was uns nachgesagt wird. 17411
Von dieser Geschichte ist eine ausführliche Mitteilung in nachfolgendem Briefe gemacht 17431
Ein Brief von Jacques de Somere, gesandt an seine Mutter zu Gent 17431
Eine Bittschrift im Namen der Gefangenen in England der Königin überreicht 17471
Ein Glaubensbekenntnis der Gefangenen in England, der vorhergehenden Bittschrift angehängt. . . 17471
Antwort auf Johannes Foxus Schreiben, geschrieben von den Gefangenen in London, 1575 17481
Paulus Glock, im Jahre 1576 17491
Matthäus Binder, im Jahre 1576 17511
Raphel von dem Felde und Hieronymus Schepens, nebst mehreren andern Personen, 1576 17521
Der erste Brief von Raphel von dem Felde, geschrieben an seine Hausfrau 17521
Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, an seine Brüder und Schwestern 17551
Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, an seine Hausfrau 17561
Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, geschrieben an seine Hausfrau 17571
Noch ein Brief von Raphel von dem Felde an seinen Sohn 17611
Der letzte Brief von Raphel von dem Felde, geschrieben an seine Hausfrau 17621
An Claes Schepen 17631
Lorenz, der Schuhmacher, im Jahre 1576 17641
Hans Bret, im Jahre 1576 17641
Der erste Brief von Hans Bret, 17661
Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben und gesandt an seinen Bruder David 17691
Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben an seine geliebte Mutter, den 19. Juli 1576 17721
Noch ein Brief von Hans Vret, geschrieben an seine geliebte Mutter den 5. Juli 1576 17761
Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben aus einem finstern Loch, im August 1576 17811
Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben an Hans C., einen von den Brüdern in der Gemeinde. . . 17821
Abschrift 17841
Lorenz Janß Noodruft von Delft, 1577 17851
Hans de Ruyter, mit seiner Hausfrau und Tochter, 1577 17851
Abschrift 17861
Nacherinnerung 17871
Henrich Sumer und Jakob Mandel, 1582 17871
Melchior Platser, 1583 17881
Andreas Pirchner, 1584 17891
Leonhard Sumerauer, im Jahre 1584 17901
Anneken Botson, Janneken, ihre Tochter, und Maeyken Pieters, im Jahre 1585 17901
Wolf gang Raufer, Georg Prukmair und Hans Aicher, im Jahre 1585 17901
Von dem Befehl, der wider die Tauf gesinnten im Herzogtum Preußen bekannt gemacht wurde, 1586. 17921
Christian Gasteyger, 1586 17921
Inhaltsverzeichnis
17
Von dem Befehl wider die Taufgesinnten in der Königsberger Herrschaft und deren Städten, 1587. .
Michael Fischer, 1587
Christian Rycen, 1588
Eine Erklärung, wie er von der Obrigkeit untersucht worden ist, ferner wie der Pfarrer ihm hat die
Kindertaufe beweisen wollen, und wie sie ihn hart angefochten haben
Noch ein Brief von Christian Rycen,
Noch ein Brief von Christian Rycen,
Noch ein tröstlicher Brief von Christian Rycen,
Noch ein Brief von Christian Rycen
Noch ein tröstliches Brieflein von Christian Rycen,
Christian Rycen ermahnt seine Hausfrau, dem Herrn fest zu vertrauen
Christian Rycen lässt seine Hausfrau wissen,
Pieter Saymer, 1588
Joost, der Zöllner, Michael Buyse und Syntgen Wens, im Jahre 1589
Der eiste Brief von Joost Zöllner
Der zweite Brief von Joost Zöllner
Noch ein Brief von Joost Zöllner an seine Mutter
Ein Testament von Joost Zöllner an seine Tochter
Meyken Pickelen, 1590
Leonhard Boltzinger, 1591
Georg Wanger, 1591
Jakob Platser, 1591
Bartholomäus Panten, Michael, der Witwer, und Kaleken R., im Jahre 1592
Der erste Brief von Bartholomäus Panten, geschrieben an seinen Bruder Carl, der zu Harlem wohnte.
Der zweite Brief von Bartholomäus Panten,
Ein Testament von Bartholomäus Panten, an sein Töchterlein
Michael Hazel, 1592
Thomas Han, 1592
Matthäus Mair, 1592
Abschrift
N acherinnerung
Aeltjen Baten und Maeyken Wouters, 1595
Hier folgt ein Brief, den Maeyken Wouters aus dem Gefängnis an ihre Eltern gesandt hat
Anneken von den Hove, 1597
Nachbericht von der Ursache des Todes der Anneken von den Hove
Erzählung des Untergangs einiger Tyrannen dieser letzten Verfolgung
Abschied aus dem sechzehnten Jahrhundert
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts
Befehl, der durch die von Groningen und Sneck wider die Taufsgesinnten bekannt gemacht worden ist.
Befehl
Nachbericht
Vier Personen, nämlich Huybert op der Straten, Trynken seine Hausfrau, Pieter ten Hove und Lysken te
Linschoten,
Hernes Nimrich, ein Lehrer der Taufsgesinnten,
Markus Eder und Hans Poltzinger, 1605
Hans Landis, 1614
Nachbericht von des Hans Landis Person und Tode
Von einem Verbot, durch die von Aerdenburg gegen die Taufsgesinnten bekannt gemacht
Abschrift
Nacherinnerung. Im Jahre 1619
Auszug
1793
1793
1794
1794
1795
1796
1796
17971
[798]
17991
I8ÜÜ
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1807
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1814
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1814
1815
1815
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1823
1823
1824
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1825
1825
1827
1828
1828
1833
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18371
1838
1838
1839
1840
I84Ü
1841
1842
1842
1843
1843
1843
18
Inhaltsverzeichnis
Anmerkung, was hierauf erfolgt sei
Von einem Befehl derer von Deventer gegen die genannten Mennoniten oder Taufsgesinnten, 1620.
Bekanntmachung
Von schweren Lästerungen wider die Taufsgesinnten in der Provinz Holland,
Von dem einigen Gott, Vater, Sohn und heiligen Geist
Von der Menschwerdung des Sohnes Gottes
Von den Umständen der letzten Verfolgung in der Schweiz wie auch von den Ursachen, 1635. . . .
Fortsetzung der Umstände der vorgemeldeten letzten Verfolgung in der Schweiz,
Von mehrgemeldeter Verfolgung selbst,
Hans Meyli (der Alte) und seines Sohnes Hausfrau, um das Jahr 1638
Catharina Müllerin, im Jahre 1639
Vier Schwestern, nämlich Barbara Mehlin, Ottilia Müllerin, Barbara Kolbin und Elisabeth Meylin, im
Jahre 1639
Elisabeth Hilzin, im Jahre 1639
Hans von Uticken, im Jahre 1639
Burckhard Aman, im Jahre 1639
Jakob Egly, im Jahre 1639
Ully Schedme, mit dem Zunamen Schneider, im Jahre 1639
Jakob Rusterhel von Horgerberg, im Jahre 1639
Stephan Zechender von Byrmensdorf, im Jahre 1639
Ulrich Schneider mit seinen beiden Söhnen, im Jahre 1639
Henrich Gutwol von Lehumer, im Jahre 1639
Hans Jakob Heß, mit seiner Hausfrau, im Jahre 1639
Von einer Bekanntmachung derer von Zürich,
Werner Phister und seines Sohnes Hausfrau, im Jahre 1640
Gallus Schneider, 1640
Rudolph Bachmann, 1640
Ulrich Müller, im Jahre 1640
Von einer Bittschrift derer von Amsterdam an den Rat der Stadt Zürich,
Felix Landis samt seiner Hausfrau Adelheid Egly, um das Jahr 1642
Rudolph Suhner, um das Jahr 1643
Drei Schwestern, nämlich Elisabeth Bachmannin, Elssa Bethezei und Sarah Wanry, um das Jahr 1643.
Verena Landis, um das Jahr 1643
Barbara Neef, um das Jahr 1643
Barbly Ruff, um das Jahr 1643
Henrich Boiler, um das Jahr 1644
Von einem Schreiben aus der Schweiz,
Von einem Befehl derer von Schaffhausen wider diejenigen, die man Wiedertäufer nannte, 1650. . .
Von einem Befehl von dem Fürsten von Neuburg gegen die sogenannten Wiedertäufer, 1653
Ully Wagman nebst einem andern Bruder, im Jahre 1654
Von einem Schreiben aus Makhenheim,
Zu Bern werden sieben Lehrer und Vorsteher der Gemeinde Jesu Christi eingezogen,
Siebenhundert Personen werden zu Bern unterdrückt und verfolgt
Auszug aus dem ersten Brief, gegeben den 7. April 1671 in Obersültzen
Auszug aus dem zweiten Brief von Obersültzen, den 23. Mai 1671
Auszug aus dem dritten Brief von Obersültzen, den 13. Oktober 1671
Auszug aus dem vierten Brief, vom 2. November 1671
Der fünfte Auszug, von demselben aus Obersültzen, den 5. Januar 1672
Von einem Befehl derer von Bern, gegen diejenigen, welche Wiedertäufer genannt werden, 1659. . .
Auszug eines Befehls (durch die von Bern bekannt gemacht) gegen die Wiedertäufer
Von demjenigen, was zur Befreiung der letztgemeldeten Gefangenen,
An die Stadt Bern, in der Schweiz
An die Stadt Zürich in der Schweiz
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Inhaltsverzeichnis 19
Abschrift 18741
Abschrift (übersetzt aus dem Lateinischen) 18751
Gebet für die weltliche Obrigkeit 18761
Tertullians Trostrede und Aufmunterung an die Märtyrer, 18771
Kurze Nachrede einiger Mitglieder der Gemeinde der Mennoniten, 18791
1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo
Jesu, unserm Seligmacher.
Geliebteste!
Als vor Zeiten einer unserer Glaubensgenossen,
C. Vermander, welcher an der Beschreibung der Troja-
nischen Kriege Gefallen fand, dem griechischen Poe-
ten Homerus, den man den Blinden nannte, nachfolg-
te, indem er dessen griechische Verse, die von dieser
Sache handeln, in holländische Reime gebracht, so hat
er, nachdem er die Hälfte, nämlich die ersten zwölf Bü-
cher, Iliad^] genannt, vollendet hatte, in seiner Arbeit
aufgehört und nachfolgende Worte geschrieben:
Als ich den Blinden folgte nach,
Mit Fleiß zu bringen an den Tag,
Die Kriege Trojas ward ich satt,
Als ich die Hälft' erreichet hatt'.
Er ist in der Hälfte seiner Reise verdrießlich gewor-
denQ und in der Tat, hierzu hatte er keine geringe
Ursache, denn wer weiß nicht, dass derjenige, wel-
cher einem Blinden, vorzüglich auf unbekannten und
gefährlichen Wegen nachfolgt, gar bald in Irrtum, ja
in großes Unglück geraten könne. Welcher friedsame
und liebreiche Mensch sollte auch wohl Wohlgefal-
len daran finden, die schweren Kriege, erschreckli-
chen Stürme und Anfälle auf eine beängstigte und
mit vielem Elende erfüllte Stadt wie Troja, sonst Ilium
genannt, zu Homers Zeiten gewesen, anzuschauen.
Darum war es billig und nicht weniger seiner Seele
nützlich, dass er wieder umkehrte, wie man denn im
Sprichworte sagt:
Es ist besser, auf halbem Wege umgekehrt,
als weiter irre gegangen.
Wir aber, sehr Geliebte, als wir den halben Weg, ja
fünfzehn blutige Jahrhunderte zurückgelegt hatten,
sind erst recht begierig geworden, die Reise fortzu-
setzen; wir hatten solche unersättliche Begierde aus
demjenigen, was wir bereits gesehen und gehört hat-
ten, geschöpft; ja, was noch mehr ist, obgleich wir auf
1 Homers Ilias, welches heißt, wenn man's erklärt: Die Beschrei-
bung Homers von den Ilischen Kriegen oder die Eroberung der
Stadt Ilium.
2 Doch ward er verdrießlich, als er die Mitte erreicht hatte, worin
er, wie angemerkt wird, nicht unrecht getan hat und warum.
dem Wege viel Hitze und Kälte, Ungemach und Weh-
tage, ja, tödliche Krankheiter^] erlitten haben, so ist
doch dadurch unsere Begierde nicht erloschen, son-
dern vielmehr erregt und aufgeweckt worden, um das
Ende zu erreichen.
Denn in Wahrheit, diejenigen, die uns hier begegnet
sind, sind keine griechischen Kämpfer gewesen, wel-
che unter dem Helden Agamemnon oder seinem Feld-
herrn Hector, Dienste genommen hatten; auch sind
die Stürme und Anfälle, welche wir betrachtet haben,
nicht auf eine mit Händen erbaute Stadt, vielweniger
auf das Städtlein Ilium in Phrygien geschehen; ferner
hat man hier, bei den Überwindern, keine Pechton-
nen als Siegeszeichen gebrannt; vielweniger erlangten
die Helden, die sich wohl gehalten und ihr Leben
getreulich gewagt haben, verwelkliche Eichenblätter
oder Lorbeerkränze zum Geschenke oder im Falle sie
umgekommen waren, hat man ihre Gräber mit Grab-
steinen, Pyramiden oder Grabspitzen, welche doch
endlich mit der Welt vergehen müssen, geziert.
Hier aber verhielt es sich ganz anders, geliebte
Freunde, ja gewisslich, ganz anders; denn es sind uns
Helden begegnet, welche dem Könige aller Könige
und dem Herrn aller Herren, Jesu Christo, gedient ha-
ben, welcher, obgleich ein geschlachtetes Lämmlein,
dennoch ein Fürst der Könige oder Erde istQ
Der Ort, den sie bestürmten, war eine Stadt, ange-
füllt mit allem Guten oder das neue und himmlische
Jerusalem, deren Grund von allerlei Edelsteinen ge-
legt ist; die Pforten von Perlen die Straßen von Gold
wie durchsichtiges Glas; diese haben sie mit Gewalt
eingenommen zum ewigen Besitze; aber die abgöt-
tische Stadt Babel, daran Gott ein Missfallen hatte,
haben sie mit geistigen Waffen, so weit ihre Kräfte
reichten, zu Grunde gerichtet.
Die Ehre, die sie durch ihren Sieg erlangen, ist eine
ewige Ehre, ihre Freude eine ewige Freude! Die Sieges-
kronen, welche ihnen dargereicht werden, sind ewige
und himmlische Kronen. Hier bedarf es keiner irdi-
schen Grabsteine, Pyramiden oder Grabspitzen, um
ihre Leichname zu verehren, weil ihre Seelen bei Gott
3 Gott hat uns heimgesucht mit einer halbjährigen und fast tödli-
chen Krankheit, in welcher Zeit wir gleichwohl einen großen
Teil des ersten Buches geschrieben haben.
4 Offb 1,5
22
1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher.
in Ehren sind und unter dem Altar Gottes]^] welches
der Platz aller seligen Märtyrer ist, Ruhe erlangen.
Den Ort, wo dieses alles geschehen ist, sind wir mit
unsern Gedanken durchwandelt und haben alle diese
Dinge mit den Augen des Glaubens angesehen.
Es ist wahr, der Jammer, der uns hier nach dem
Fleische begegnet ist, ist fast nicht zu überwinden,
wenn man so viele elendige und nicht weniger gottes-
fürchtige Personen betrachtet, welche ihr Leben für
die erkannte Wahrheit gelassen haben; diese in den
Flammen, jene im Wasser, worin sie ertränkt wurden,
andere unter des Schwertes Schärfe, einige unter den
Stricken, womit man sie erwürgte oder unter den Zäh-
nen der wilden Tiere; ich will hierbei nicht anderer
Werkzeuge ohne Zahl gedenken, wodurch sie erbärm-
lich und elendiglich umgekommen sind.
Auf der andern Seite aber ist die Freude nicht zu
beschreiben, ja mit keiner Zunge oder Sprache aus-
zudrücken, die wir daselbst mit geistigen Augen ge-
sehen und mit den Ohren des Gemütes gehört ha-
ben; denn einige haben unter dem Gesänge und Lobe
Gottes den Tod umarmt und einer unter ihnen, wer
kann solches begreifen, der selbst in den Flammen
sterben sollte, hat seinen halbverbrannten Mitbrüdern
die Hand auf das Haupt gelegt, ihnen Mut zugespro-
chen und sie im Glauben gestärkt. Ein anderer, der
die Pein des Feuers geschmeckt hatte und aus den
Flammen entwichen war, hat sich auf einen verbrann-
ten Leichnam geworfen, um den Streit, welchen er
angefangen hatte, auch ans Ende zu bringen und die
Märtyrerkrone zu erlangen.
Dieses wird angeführt aus Thuanus und Cäsar Heis-
terb., durch D. B. Lydius, welcher, wenn er von dem
waldisischen Märtyrer Amoldus, von dem wir auf
das Jahr 1163 Meldung getan haben und einigen, die
mit ihm gemartert wurden sind, handelt, so sagt: Die-
ser Arnoldus ist, samt neun seiner Jünger, worunter
zwei Frauen waren, den 5. August zu Köln bei dem
Judenkirchhofe verbrannt worden und hat, ehe er tot
war, auf die Häupter seiner halbverbrannten Mitge-
sellen seine Hände gelegt, sie gesegnet und gesagt:
Seid standhaft bei eurem Glauben; denn ihr werdet
heute bei Laurentius (dem Märtyrer) sein. Eine von
den Frauen, schreibt er, als sie aus Barmherzigkeit
dem Feuer entgangen um des Versprechens willen,
das ihr gegeben wurden ist, dass man ihr zur Heirat
helfen oder sie in ein Kloster bringen wollte, wenn
sie Sinn dazu hätte, hat gefragt, wo Arnoldus, wel-
cher daselbst (unter seinen Mitgesellen) als ein Ketzer
verbrannt worden ist, läge, und als man ihr seinen
Leib, der nun fast verbrannt war, zeigte, ist sie denen,
die sie führten, aus den Händen entlaufen und hat
sich auf des Arnoldus Leib geworfen, um so auch die
Märtyrerkrone zu erlangen. D. Val. Lydius Buch, wo
die Kirche gewesen sei vor dem Jahre 1160 oder vor
der Waldenser Zeit. Gedruckt 1624, Pag. 59, Col. 1, aus
Thuan, Buch 6 der Geschichte. Ferner Cäsar. Heisterb.,
Dist. 5, Cap. 19.
Wir haben das Obige noch demjenigen hinzuge-
fügt, was wir hierüber im ersten Buche angegeben,
obwohl wir von den Personen daselbst geredet haben.
Auch könnten wir noch mehr dergleichen Exempel
beibringen, wenn dieselben nicht zur Genüge bekannt
wären.
Wir wenden uns nun zum zweiten Buche und wol-
len, wie auch zuvor geschehen, damit beginnen, was
die heiligen Märtyrer von Zeit zu Zeit gelitten haben.
Doch wird unsere Arbeit hier bei weitem nicht so
schwer sein; gleich einem Wanderer, welcher zuerst
unter großen Anstrengungen einen jähen Berg hin-
aufgestiegen, dann aber allmählich und mit sanften
Schritten wieder hinabsteigt, weil uns, so viel die Mär-
tyrer betrifft, die frühere Beschreibung und das ge-
druckte Exemplar hierbei zu Hilfe kommen werden;
deshalb haben wir uns auch vorgenommen, nichts
Wesentliches zu verändern, damit wir das gute Werk
unserer lieben Brüder, welche hierin vor dem Herrn in
Heiligkeit gehandelt haben, nicht verkleinern möch-
ten, ohne wo es (weil wir unsere eigene Beschreibung
daran gehängt) höchst nötig sein möchte.
Unterdessen werden wir auch das Folgende mit
verschiedenen frommen Zeugen Jesu, wovon man
bis jetzt noch keine öffentliche Nachricht gehabt, aus
zuverlässigen Quellen und geschriebenen Verhand-
lungen vermehren und auch ihr Verhör, Todesurteil,
Briefe und andere Stücke, welche dieses betreffen, hin-
zufügen, welche wir zu dem Ende sowohl aus den
Händen der Obrigkeit, Blutrichter und Blutschreiber
als auch anderer, nicht ohne Mühe und Unkosten er-
langt haben.
Dies wird nun die Ordnung des folgenden Werkes
sein, von welchem wir wünschen, dass es Gott ange-
nehm, unserem Nächsten erbaulich, uns selbst aber
zu unserer eigenen Seele Nutzen und Heil ersprieß-
lich sein möge, durch Jesum Christum, unsern einigen
und ewigen Seligmacher, welchem sei Lob und Preis
zu ewigen Zeiten, Amen.
Euer sehr zugeneigter in dem Herrn, Thie-
lem. J. van Braght. Dortrecht, im Jahre 1659.
5 »Ich sah unter dem Altar die Seelen derer, die erwürgt waren um des
Wortes Gottes und des Zeugnisses willen, das sie hatten.« (Offb 6,9)
1.1 Vorrede an den Leser.
23
1.1 Vorrede an den Leser.
Christlicher Leser!
Wir werden dir hier in unserer Anrede nichts Neues
oder Ungewöhnliches vortragen, sondern nur dasje-
nige, was früher ein Freund der heiligen und seligen
Märtyrer seinen Zeitgenossen zur allgemeinen Erbau-
ung von dem Glauben und standhaften Tode vieler
derselben mitgeteilt hat, ausgenommen einige Reden
im Anfänge und einiges im Verlaufe, was eigentlich
nicht hierher gehört, dem wir auch einige Kennzei-
chen, um nicht zu irren, beigefügt, welche wir hier
ausgelassen haben; was wir von den Unsrigen hin-
zugefügt, haben wir mit Klammern eingeschlossen,
wovon wir, wenn wir gefragt werden sollten, Rechen-
schaft geben werden.
Nachdem nun der erwähnte Schreiber Verschiede-
nes denen von Hoorn verwiesen und solches zu Ende
gebracht hatte, sagt er von dem standhaften Vertrauen
der frommen Bekenner Jesu Christi Folgendes:
Wir haben das Vertrauen, dass alle diese Zeugen
in den notwendigen Glaubensartikeln einstimmig ge-
wesen seien; sie haben alle an den einigen, ewigen
und wahrhaftigen Gott Vater und seinen eingebore-
nen Sohn Jesum Christum, unseren Herrn und Selig-
macher geglaubt. Ihre Hoffnung ist auf das Opfer des
unbefleckten Lammes gerichtet gewesen, auf welches
der Vater die Versöhnung unserer Sünden niederge-
legt hatte. Sie haben sich selbst übergeben, ja mit dem
Taufbunde verpflichtet, diesem Herrn Gehorsam zu
sein, der ihnen vom Vater zum Lehrmeister und Ge-
setzgeber verordnet worden ist, sie haben eine selige
Auferstehung und eine herrliche Belohnung erwar-
tet, welche allen denen verheißen worden, welche
durch die Gnade des Geistes, ernstlich und standhaft
in der Laufbahn der christlichen Berufung dem Vorge-
setzten Ehrenlohne zueilen. Sie haben ja, welches das
Wichtigste ist, mit der Tat bezeugt, daß sie nicht nur
einen Mundglauben und eine buchstäbliche Erkennt-
nis, welche lediglich in des Menschen Hirne wohnt,
sondern dass sie auch einen kräftigen und wahrhafti-
gen Glauben gehalten haben, welcher auch im Herzen
und im Gemüte seine Wohnstatt hatte, mit der Liebe
beseelt war und durch welchen sie (nach dem Vorbil-
de der Heiligen, Hebr 11) alles überwunden haben.
Indem er auf das Leiden der Märtyrer übergeht,
sagt er Folgendes:
Betrachte einmal das Leiden, welches diese from-
men Märtyrer ausgestanden und wie wunderlich
Gott mit ihnen zu Werke gegangen sei, wie männ-
lich, standhaft und geduldig sie durch die kräftige
und dringende Liebe Gottes gestritten und die Wahr-
heit dessen, wovon im hohen Lied^] gesungen wird,
befestigt haben, nämlich: Liebe ist stark wie der Tod,
und Eifer ist fest wie die Hölle. Denn man sieht hier
wie in einem Spiegel, dass diese Ritter weder die ange-
borene Zuneigung und Liebe zu den Ehegatten, noch
die väterliche Gewogenheit und Fürsorge für die Kin-
der, noch die erwünschte Gesellschaft der vertrauten
Freunde, welche ihnen nahe standen, vielweniger al-
les dasjenige, was Gott zur Belustigung des Menschen
in die Geschöpfe gepflanzt, hat bewegen und zurück-
halten können, sondern dass sie dieses alles verachtet,
sich von Weib und Kindern, Freunden und Verwand-
ten, von Haus und Habe geschieden und sich selbst
zu schweren Banden und Gefängnissen, zu allerlei
Unglück und Ungemach, zur grausamen Pein und
Marter übergeben haben, ohne dass sie auf der einen
Seite die Bedrohungen des gewaltsamsten Todes ab-
schrecken, noch auch auf der andern Seite viel schöne
Verheißungen bewegen konnten, die heilsame Wahr-
heit, die Liebe Gottes und die selige Hoffnung zu
verlassen; denn sie konnten ohne Scheu mit dem heili-
gen Apostel sagen: »Wer will uns scheiden von der Liebe
Christi? Trübsal oder Angst, oder Verfolgung, oder Blöße,
oder Fährlichkeit, oder Schwert?« (Rom 8,35) Sondern sie
haben es erfahren und auch erwiesen, wahr zu sein,
dass, nach dem Zeugnis des Apostels (Röm 8,38-39),
weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch
Zukünftiges, uns möge scheiden von der Liebe Got-
tes, die da ist in Christo Jesu. Durch diese Liebe haben
sie alles überwunden und über menschliches Vermö-
gen herrliche Taten ausgerichtet; schwache Frauen
haben sich stärker als Männer erwiesen, Jungfrau-
en und Jünglinge haben in der Blüte ihrer Jugend
durch die Hilfe Gottes die anlockende Welt mit allen
ihren schönen und großen Verheißungen verschmä-
hen können; diese jungen und zarten Zweige haben
durch Glauben und Geduld die Gewaltigen dieser
Welt überwunden, die Einfältigen und Ungelehrten
haben die klugen Doktoren beschämt, so dass sie oft
vor der Wahrheit verstummt sind und haben mit Be-
drohungen des Feuers und des Schwertes disputiert,
haben sich damit (doch umsonst) beschützt und eben
damit ihre Ohnmacht und Bosheit an den Tag gelegt,
Christus hat seine Verheißung (Mt 10,19) nachdrück-
lich in ihnen erfüllt, welcher seinen Jüngern verheißen
hat, dass er ihnen geben wolle, was sie in der Stun-
de reden sollten, wenn sie vor Könige und Fürsten
gebracht werden sollten. Sie haben unter dem An-
schauen des Galgens und der Räder, des Feuers und
Schwertes die Wahrheit ohne Furcht bekannt, so dass
sich die Richter und Ketzermeister bisweilen verwun-
6 H1 8,8
24
1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher.
dert, bisweilen erzürnt, bisweilen aber entsetzt haben
und erschrocken sind, welche Freimütigkeit die Mär-
tyrer selbst in ihren Briefen gerühmt und Gott dafür
gedankt haben, weil sie ihre eigene Schwachheit er-
kannt und die Kraft Gottes unter dem Kreuze erfahren
haben, so dass sie dasjenige mit einem sanften und
fröhlichen Gemüte ertragen konnten, vor welchem
die menschliche Natur in der Freiheit furchtsam zu
fliehen scheint. Ja, sie waren mit einer solchen uner-
messlichen Freude erfüllt, welche sie durch das un-
verhinderte Anschauen der himmlischen Herrlichkeit
in Glaube und Hoffnung empfangen, dass sie für die-
ses Scheidemahl keine königliche Mahlzeit erwählt
hätten. Sie sind mit einer solchen Kraft ausgerüstet
gewesen, dass auch die grausame und unmenschliche
Pein an ihnen den Namen ihrer Mitbrüder nicht hat
herauspressen können, so dass sie, mit göttlicher und
brüderlicher Liebe erfüllt, ihre Leiber für ihre Mitge-
nossen geopfert haben. Die allgemeine Bruderschaft
ist hierdurch mit Eifer und Liebe so sehr entflammt
worden, dass ein jeder in Verachtung des Irdischen
und in Betrachtung des Himmlischen sein Gemüt zu
dem Leiden, welches ihre Brüder betroffen hatte und
auch ihnen täglich drohte, zubereitet hat. Sie haben
sich nicht gefürchtet, bei ihren Glaubensgenossen zu
Herbergen, sie in den Gefängnissen zu besuchen, auf
dem Richtplatze ihnen keck zuzurufen und sie mit
Worten aus der Schrift zu trösten und zu stärken. Die
Tyrannen sind in ihrem Vorhaben betrogen worden;
sie meinten diese Christen zum Abfall zu bringen und
haben ihnen stattdessen von ihrer Seligkeit Versiche-
rung gegeben; sie vermeinten ihre Widersacher zu
vertilgen und auszurotten und haben dadurch im Ge-
genteile nur mehr Widersacher erweckt; denn es sind
viele Leute, die dabei standen und ein so betrübtes
Schauspiel ansahen, wie so viele Leute umgebracht
wurden, die unschuldig waren und einen guten Na-
men hatten, ja die lieber in den Tod gehen, als etwas
tun wollten, womit sie Gott zu erzürnen glaubten,
hierdurch zum Nachdenken, zur Prüfung und end-
lich gar zur Bekehrung veranlasst worden.
Außer diesen trefflichen Exempeln der Liebe, Ge-
duld und Standhaftigkeit findet man in ihren Schrif-
ten viel andächtige Lektionen, erbauliche Lehren und
tröstliche Ermahnungen, welche zwar in dunklen Ge-
fängnissen bei Ungemach und schlechten Gerätschaf-
ten in Eile und unrein geschrieben, dabei aber mit dem
vortrefflichsten Kennzeichen, nämlich mit ihrem eige-
nen Blute, versiegelt worden sind. Dann erst haben
die Worte ihre Kraft und ihren Nachdruck erreicht,
wenn die Wahrheit mit der Tat befestigt und bezeugt
wird. Seneca in seinen Briefen verweist es als eine
schändliche Sache, dass man mit Worten und nicht
mit Werken der Weisheit obliege. Hier findet man
Worte, welche die Weisheit aufgesetzt hat, welche aus
dem innersten Gemüte durch die Presse des Leidens
herausgedrückt worden sind, Worte, welche weder
durch weltliche Einsichten, noch durch fleischliche
Gemütsbewegungen geschwächt oder gebeugt, son-
dern die am Ende des Lebens, als der letzte Wille der
Rechtsinnigen und Aufrichtigen an ihre zugeneigten
Freunde, geredet und mit dem Tode befestigt worden
sind. Die Männer haben in der Trübsal ihre Weiber ge-
tröstet; sie ermahnten sie zur Gottseligkeit und reizten
sie zur Standhaftigkeit. Die Eltern gaben ihren Kin-
dern nützliche Ermahnungen, sie stellten ihnen die
Unbeständigkeit, Eitelkeit und Vergänglichkeit der
sichtbaren Dinge vor Augen; sie haben sie gelehrt, ih-
nen angeraten und geboten, die Welt mit ihren Lüsten
zu verleugnen und Gott, dem Höchsten und einigen
Guten, allein anzuhangen und zu dienen. Man merkt
hier, wie sie bisweilen mit starken Versuchungen und
Anfechtungen nicht allein der bösen Menschen, son-
dern auch des Teufels bestrickt worden sind, wie sie
der Seelenfeind auf des Tempels Spitze geführt und
ihnen den Glanz und die Herrlichkeit dieser Welt ge-
zeigt habe, um sie zu seiner Anbetung, zu verführen
(Mt 4,5,8); wie er zu Zeiten die Seele durch Kleinmütig-
keit und Schrecken vor dem bevorstehenden Leiden
bestürmt und wie er sich bemüht habe, die Gemüter
durch falsche Einbildungen zum Abfalle und zur Ver-
zweiflung zu bringen, welches die frommen Helden,
die sich mit Wachen und beständigem Gebete zu Gott
gewaffnet, tapfer überwunden und mitten durch alle
Versuchungen, Lockungen und Bedrohungen bis in
den Tod sich männlich hindurchgeschlagen und das
Feld behalten hatten.
Wie nun das Lesen und Betrachten der frommen
Altväter in jeder Hinsicht sehr dienlich ist, so ste-
hen auch diese Personen als lehrreiche und tröstli-
che Exempel allen denen zum Vorteile da, die mit
Kreuz und Anfechtung heimgesucht werden. Hier
zeigen sich leuchtende Lichter von lebendigem Glau-
ben (Mt 10,19), gewisser Hoffnung und feuriger Liebe;
hier sieht man die Erfüllung der Verheißungen Gottes,
in unerschrockenen und fröhlichen Gemütern auch
mitten im Leiden (Mt 24,13); hier ist die Standhaftig-
keit der Heiligen, welche Christus mit der Seligkeit
krönt. Es ist zwar wahr, dass sie von den Weltgesinn-
ten für Auskehricht und Ausfegsel gehalten werden
(IKor 4,13) und dass ihr Tun für Torheit und Narrheit
gescholten wird, nichtsdestoweniger trösten sie sich
in Gott und verlassen sich auf seine Verheißungen.
Man hat sie gelehrt, dass man so das Kreuz aufneh-
men müsse (Mt 10,38), wenn man anders Christi wür-
dig sein will. Sie erkennen sich als Fremdlinge und
1.1 Vorrede an den Leser.
25
Pilger in dieser Welt (1 Pt 2,11) und erinnern sich an
die Worte ihres Meisters, wenn er sagt: »Wärt ihr von
der Welt, so hätte die Welt das ihre lieb; min ihr aber von
der Welt nicht seid, so hasst euch die Welt.« (Joh 15,19) Sie
hoffen darauf, dass, wenn sie ihr Leben hier verlieren,
sie solches nachher wieder finden werden (Mt 10,39);
sie glauben auch, dass wir Christi Namen vor den
Menschen bekennen müssen, wenn wir wollen, dass
er uns vor seinem himmlischen Vater bekennen soll
(Mt 10,32). Sie wissen, dass ihr Herr und Meister gelit-
ten und eine Vorschrift gegeben habe, dass wir seinen
Tritten nachfolgen sollen, welcher so gesinnt war, dass
er nicht wieder schalt (IPt 2,19), wenn er gescholten
ward, nicht dräute, wenn er litt, sondern für seine
Feinde gebetet hat. Sie halten dafür, dass, wenn sie
mit Christo herrschen wollen, sie auch mit ihm lei-
den müssen (2Tim 2,11). Sie sind ein Bild der Reden
Christi, dass der Knecht nicht besser sei als sein Meis-
ter (Mt 10,24; IPt 4,4), dass sie daher, weil Christus
gelitten hat, sich auch mit demselben Sinne waffnen
müssen. Sie halten sich selbst für wehrlose Schafe,
die ein Raub der Wölfe sind, welche alles zerreißen.
Aber sie fürchten die nicht, welche allein den Leib
töten können, sondern den, welcher Seele und Leib
in seiner Hand hat (Mt 10,28). Es ist ihnen lange zu-
vor gesagt worden, dass alle, die gottselig leben wol-
len, Verfolgung leiden müssen (2Tim 3,12). Christus
hat ihnen vorausgesagt, dass sie um seinem Namens
willen von allen Menschen gehasst, ja in der Verfol-
gung überantwortet und getötet werden sollten und,
was noch mehr ist, die sie töten würden meinen Gott
einen Dienst damit zu tun. Deshalb kommt es ihnen
nicht fremd vor, wenn sie durch Leiden versucht wer-
den (IPt 4,12), sondern sie freuen sich daran, dass sie
an dem Leiden Christi Teil haben; denn sie wissen,
dass sie in der Erscheinung seiner Herrlichkeit sich
mit Ihm freuen werden. Sie rühmen sich der Trübsal
(Rom 5,3; IPt 1,6) und halten dafür, dass ihr Glaube
dadurch geprüft und geläutert werde. Sie erfahren
es, dass aus dem Leiden Geduld und eine fröhliche
und beständige Hoffnung geboren werde und dass
das Kreuz, welches denjenigen, die verloren gehen,
eine Torheit ist (IKor 1,18), ihnen eine Kraft Gottes zur
Seligkeit sei und achten es als eine Gnade bei Gott,
wenn sie um des Gewissens willen Unrecht leiden
(IPt 2,19). Und obgleich sie hier unterdrückt, verfolgt
und darnieder gestoßen werden, so werden sie doch
nicht kleinmütig, verzagt oder verdorben (2 Kor 4,8),
sondern sie tragen beständig mit dem heiligen Pau-
lus das Sterben des Herrn Jesu an ihrem Leibe, damit
auch das Leben des Herrn Jesu an ihrem Leibe of-
fenbar werden möge. Sie lehren bei dem Überfluss
des Leidens Christi einen überflüssigen Trost durch
Christum (2Kor 1,5); sie glauben, dass das Leiden die-
ser Zeit der zukünftigen Herrlichkeit nicht wert sei
(Rom 8,18). Deshalb waffnen sie sich zu den Trübsa-
len und Leiden als rechtschaffene Kriegshelden ihres
Hauptmannes Jesu Christi. Vor sich haben sie eine
große Bruderschaft, welche auf diesem Wege ihren
Lauf vollendet hat. Kain konnte es nicht ertragen, dass
sein Bruder fromm und bei Gott angenehm gewesen,
darum tötete er ihn (IMo 4,8). Gewalt und Beschwer-
nis beherrschte die erste Welt (IMo 6,13). Der fromme
Lot musste den Sodomiten eine Ursache des Spottes
und der Wollust sein (IMo 19), David musste vor Saul
fliehen, auch der Prophet Jesaja klagte schon zu sei-
ner Zeit, dass derjenige, welcher vom Bösen abwiche,
jedermanns Raub und Spott sein müsse. Viele heilige
Propheten und Männer Gottes haben von den Gott-
losen Verfolgung und Marter ertragen müssen, wie:
Der heilige Zacharias, Arnos, Micha, Jeremia, Daniel,
die drei Jünglinge, Eleazar, die Mutter mit ihren sie-
ben Söhnen und mehrere andere, welches unnötig ist,
zu erzählen, da die Zeit und die Jahrhunderte des
neuen Bundes hierzu hinreichende Gelegenheit an
die Hand geben. Johannes, der Vorläufer Jesu, muss-
te im Gefängnis seinen Hals dem Schwerte darbie-
ten (Mt 14,10). Unser Hauptmann und Herzog des
Glaubens, Christus Jesus, musste durch viel Spott,
Schmach und Leiden und endlich durch den schmäh-
lichen Tod des Kreuzes in seine Herrlichkeit eingehen;
seine Apostel und Jünger sind, wie die Jahrbücher
berichten, ihrem Meister nachgefolgt; Petrus und Pau-
lus sind von dem Kaiser Nero umgebracht worden;
Jakobus, Johannes Bruder, ist von Herodes mit dem
Schwerte getötet worden (Apg 12,2); Matthäus wird in
Indien an die Erde genagelt; Bartholomäus geschun-
den; Andreas gekreuzigt; Thomas mit Spießen durch-
stochen; Philippus an ein Kreuz genagelt, und dann
zu Tode gesteinigt; Simon Zelotes wird gegeißelt und
gekreuzigt; Jakobus Alphäi wird zu Jerusalem vom
Tempel herabgestürzt und dann mit Prügeln totge-
schlagen; Judas Thaddäus wird in Persien von den
gottlosen heidnischen Priestern umgebracht; Matthias
hat gleichfalls die Märtyrerkrone erlangt; der Evange-
list Markus wird durch Alexandrien mit einem Stricke
um den Hals geschleift, bis er davon gestorben ist.
Der Apostel Johannes, als er in das Eiland Patmos ver-
wiesen ward, hat das Evangelium mit Leiden geziert
(wie weitläufig im ersten Buche der Beschreibung der
Märtyrer in dem 1. Jahrhundert angeführt worden ist)
(Offb 1,9). Dies ist der Weg der heiligen Propheten ge-
wesen; dies ist der Pfad, welchen unser Seligmacher,
seine Gesandte und nachher viele Lehrjünger betreten
haben, denn Polycarp, Johannes Lehrjünger wurde
zu Smyrna lebendig verbrannt; Ignatius, Bischof zu
26
1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher.
Antiochien, wurde von wilden Tieren zerrissen, wie
im 2. Jahrhundert berichtet wird. Selbst die römischen
Bischöfe sind in den ersten 300 Jahren fast alle gemar-
tert und mit den gemeinen Christen der Verfolgung
der heidnischen Kaiser unterworfen gewesen; doch
wollen wir diese Gott befohlen sein lassen. Unter dem
Kaiser Diocletian ist eine grausame Verfolgung ent-
standen, dass es den Anschein hatte, als sollte der
christliche Name ganz ausgerottet werden, weshalb
man in der ersten Kirche bis zur Zeit des Kaisers Kon-
stantin der Verfolgung so gewohnt war, dass man mit
Vorbedacht sich zum Leiden zubereitete.
Nachdem nun die Gottesfürchtigen, die mit dem
Kreuze heimgesucht werden, so viele heilige Märtyrer
zu Vorfahren haben, ja, dass ihnen das Kreuz vorher-
gesagt ist und da ihnen solche herrliche Verheißungen
auf das Kreuz gegeben worden sind, so ist es ihnen
ein Geringes, wenn sie, welche sich Kriegsknechte un-
ter der Blutfahne Jesu nennen, darüber als Törichte
verspottet und verlacht werden. Der christliche Le-
ser kann hieraus merken und fest schließen, dass das
Kreuz ein Feldzeichen aller derjenigen sei, welche Je-
su Christo, dem Herzoge des Glaubens, dienen und
folgen und dass dagegen alle diejenigen, welche an-
dern Kreuz und Leiden verursachen, nicht unter die-
sen, sondern unter einen andern Hauptmann gehören;
denn die wahren Christen haben niemals einen un-
schuldigen Mann verfolgt, sondern sind immer selbst
verfolgt worden und es war auch in der ersten Kirche
zu Konstantins Zeiten, als die Bischöfe in der Welt sich
etwas mehr anfingen hervorzutun und von dem Kai-
ser beschützt wurden, für ein Gräuel gehalten, jemand
zu verfolgen, sondern sie haben selbst die Verfolgung
erlitten. Damals war es eine so abscheuliche Sache,
jemanden um der Ketzerei willen zu töten oder zu
verfolgen, dass auch der Bischof Johannes von der Kir-
che ausgebannt und abgesondert wurde, weil er dem
Tyrannen Maximus Anlass gegeben, den Ketzer Pris-
cillianus zu töten, wie Cäsar Baronius, römischer Kar-
dinal, in seiner Kirchengeschichte über das Jahr 385
sehr deutlich schreibt. Derselbe bezeugt ferner, dass
solches durchaus gegen die Sanftmut eines Hirten
streite, ferner, dass niemand von den heiligen Vätern
es gerühmt habe, wenn eine geistliche Person einen
Ketzer zu Tode zu bringen suchte, so dass auch, wie er
schreibt, der heilige Martinus mit dem vorgenannten
Ithacius oder seinen Anhängern keine Gemeinschaft
haben wollte, weil ihre Hände durch des Priscillianus
Tod mit Blut besudelt waren und obschon der heilige
Martinus um des Tyrannen Maximus Bedrohungen
willen sich eine Stunde lang stellte, als ob er mit Itha-
cius Gemeinschaft hätte, so hat er doch nachher große
Reue darüber bezeugt, so dass er fühlte, dass um sol-
cher Verstellung willen ihm die Gabe der Heilung
teilweise entzogen worden sei, woraus klar und of-
fenbar zu ersehen ist, wie fälschlich sie sich rühmen,
Nachfolger Christi, seiner Apostel und der ersten zu
sein, die ihre Hände mit dem Blute der unschuldigen
Menschen so grausam besudelt, welche nichts ande-
res getan hatten, als dass sie nach ihrem Gewissen
das Evangelium bekannten und darnach lebten; ja,
von welchen die Tyrannen oft selbst Zeugnis gegeben,
dass ihr Leben fromm sei, dass sie nicht zu lügen oder
gegen ihr Gewissen zu reden pflegten und dass sie
nicht um ihrer Missetat willen gefangen seien, son-
dern weil sie der Mutter der heiligen Kirche und des
Kaisers Befehle nicht gehorchen wollten. Es ist aber
so weit davon, dass solche die wahre, apostolische
Kirche sein sollten, dass auch kein gewisseres Kenn-
zeichen der falschen und gegen Christum streitenden
Kirche ist, als das Töten der Ketzer oder derer, die
man Ketzer nennt, denn wenn je die Ketzerei etwas
Grausames ist, so ist dieses das Allergrausamste. Was
ist doch wohl der friedsamen, demütigen und barm-
herzigen Art Christi, die nicht rachgierig ist, sondern
gerne vergibt, mehr zuwider, als wenn man jeman-
den um seines Glaubens willen verfolgt? Was kann
wohl erdacht werden, das mehr mit Christi heiligen
Gesetzen und Geboten streitet, welche unter andern
hauptsächlich in Liebe, Frieden, Demut, Sanftmut,
Niedrigkeit, Barmherzigkeit, Vergebung, Mitleiden
bestehen. Sind die Christen dazu berufen, wie sie tun,
Hass mit Liebe, Böses mit Gutem, Flucht mit Segen
zu vergelten; ja, müssen sie nach der Lehre Christi für
diejenigen bitten, die sie unterdrücken und verfolgen;
wie ist es dann möglich, dass sie ihr Christentum be-
leben können und gleichwohl andere Menschen, die
ihnen nicht einen Strohhalm in den Weg gelegt haben,
zu verfolgen und zu Unterdrücken? Sollte man wohl
glauben, dass noch einiger Geschmack und lautere
Erkenntnis von Christi Geist und Wort übergeblieben
sei, wo eine solche Lehre im Gebrauche, welche Chri-
sto schnurstracks zuwider ist? Soll man, nach Christi
Zeugnis, die falschen Propheten an ihren Früchten er-
kennen und beurteilen (Mt 7,15-16), so ist nichts, wor-
an man sie mehr erkennen kann, als wenn sie andere
Menschen verfolgen; denn sie geben, wie Christus zu
den Pharisäern sagt, über sich selbst Zeugnis, dass sie
Kinder derer sind, die die Propheten getötet haben
(Mt 23,31) und die das Maß ihrer Väter erfüllen, wel-
che unser Heiland mit Schlangen und Otterngezüchte
vergleicht, so der höllischen Verdammnis nicht ent-
rinnen werden. Die Jünger Christi, welche noch auf
die Aufrichtung des auswendigen und fleischlichen
Jerusalems hofften, fragten ihren Meister, ob sie, nach
Elias Exempel, sagen sollten, dass Feuer vom Himmel
1.1 Vorrede an den Leser.
27
über diejenigen falle, die ihn nicht annehmen woll-
ten (Luk 9,54), worüber sie Christus ernstlich bestrafte
und sagte: »Wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr
seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, um die
Seelen zu verderben, sondern sie selig zu machen.« Aber
diese Ketzermörder, die sich rühmen, Christi Statthal-
ter und Nachfolger, ja, Meister der Gottesgelehrtheit
zu sein, unterstehen sich nicht allein, ohne Christum
zu fragen, sondern auch gegen seinen ausdrücklichen
Befehl und gegen sein Exempel, das Schwert zu wet-
zen und ein Feuer anzuzünden, nicht um diejenigen,
welche sich weigern, Christum anzunehmen, sondern
diejenigen, die bereit sind, bis in den Tod ihm anzu-
hängen und nachzufolgen, zu ermorden. Hierdurch
geben sie aber deutlich zu erkennen, erstlich: dass
sie nicht von dem Geiste Christi, sondern des Teufels
(welcher ist ein Mörder von jeher) regiert und getrie-
ben werden (Joh 8,44); und zweitens: dass sie nicht
kommen wie Christus und seine Nachfolger, um der
Menschen Seelen zu erhalten, sondern um sie zu ver-
derben, denn sie töten nicht allein unschuldige Men-
schen leiblicher Weise und schänden so das Bild, das
nach Gott geschaffen ist (IMo 1,27) und machen sich
der Todsünde des Blutvergießens schuldig (IMo 9,6),
sondern (o abscheuliche Tat!) sie unterstehen sich, so-
viel sie vermögen, den Seelen plötzlich die Zeit der
Buße abzuschneiden. Diese Aberwitzigen, weil sie ur-
teilen, dass sie in einem verdammlichen Stande seien,
wollen Christum, die vollkommene Weisheit, meis-
tern (Mt 26,52); denn derselbe hat es für gut befunden
und hat auch seinen Jüngern befohlen, das Unkraut
wachsen zu lassen bis auf den Tag der Ernte, damit
sie keinen Weizen mit dem Unkraute ausrotten möch-
ten (Mt 13,29). Diese lehren und tun das Gegenteil;
denn sie jäten nicht nur gegen den Befehl Christi das
Unkraut, sondern sie schonen auch böse, unkeusche,
verschwenderische, prächtige, geizige, lügenhafte, be-
trügliche, neidische, gehässige und rachgierige Men-
schen und raufen das reinste Korn aus dem Acker
dieser Welt. Sie setzen sich in das Amt des Allerhöchs-
ten (Hes 18,4) und wollen den Menschen, welche nicht
unter ihnen, sondern dem Zepter Jesu Christi stehen,
gebieten und sie zwingen (Mt 10,28); ja, sie setzen sich
nicht allein neben, sondern über die göttliche Majestät
und wollen, dass die Menschen ihnen mehr als Gott
gehorsam sein sollten. Gott hat befohlen, dass man
ihm von ganzem Gemüte dienen soll (5Mo 6,5), und
diese verbieten den Menschen, nach ihrem Gemüte zu
dienen; ja sie zwingen sie, gegen ihr Gemüt, ihren Ge-
setzen und Satzungen zu folgen (Mt 21,37). Christus
hat mit ermahnenden, beweglichen und bestrafenden
Worten das Volk zur Bekehrung gezwungen und be-
schränkt sich darauf, von denen, die sich über seine
Lehre ärgerten, zu sagen: »Lasst sie fahren, sie sind blin-
de Leiter!« (Mt 15,14) Diese aber zwingen mit Feuer
und Schwert, so dass sie alle diejenigen, die mit ih-
ren Kräften die Lehre Christi umarmen und diesen
blinden Führern nicht nachfolgen dürfen, dem Scharf-
richter überantworten; sie pferchen die Menschen ein,
so dass sie ohne Gefahr weder zur Rechten noch zur
Linken entweichen können; wenn nun diese gehor-
sam sind, so fallen sie in die Hand Gottes, bleiben
sie aber bei Gott, so können sie der Grausamkeit der
Menschen nicht entgehen.
Damit sie nun ihren unchristlichen und wider Got-
tes Art streitenden Ketzerstrafen einen glimpflichen
Anstrich geben möchten, so haben sie diese frommen
Leute mit der Unreinigkeit des Ungehorsams besu-
delt, ihre Hände (zum Scheine) wegen des unschuldi-
gen Blutes gewaschen und die Schuld auf die Befehle
gelegt, welche doch durch ihre blutigen Ratschläge
und auf ihren Antrieb geschmiedet und täglich be-
werkstelligt worden sind. Wer aber hat ihnen Gewalt
gegeben. Befehle gegen die Seelen und Gewissen zu
machen, um damit im Reiche Christi, wo sie selbst
nichts weiter als Untertanen und Lehnsleute sein kön-
nen, zu herrschen? Wird sie solches entschuldigen?
Keineswegs! Die Juden, welche den unschuldigen Je-
sum zu töten suchten, haben eben auch, wie diese,
gesagt: »Wir haben ein Gesetz und nach unserem Geset-
ze muss er sterben.« (Joh 19,7) Sie wussten oder hätten
wohl wissen sollen, dass vor Christi Richterstuhl nicht
nach menschlichen Gesetzen, sondern nach dem Wor-
te Gottes geurteilt werden wird. »Das Wort, welches
ich geredet habe, sagt der Herr, das wird sie richten am
jüngsten Tage.« (Joh 12,48) Und dass deshalb ein jeder
notwendig mehr an Christi Gesetz, als an ihre Gesetze
und Befehle gebunden sei, ja, wegen dieser Befeh-
le werden sie vor dem Richterstuhle Rechenschaft
geben müssen und dass diese Befehle, wodurch sie
andere unschuldig und mit Unrecht zum Tode ver-
urteilt haben, ihre Strafe mit Recht vermehren wer-
den. Was wollen sie zur Entschuldigung vorwenden,
wenn von ihnen Rechenschaft abgefordert werden
wird, warum sie so blutdürstig über die Seelen ty-
rannisieren? Warum sie Christus das Zepter aus der
Hand und seinen Stuhl eingenommen? Warum sie
sich in demselben Reiche zu Meistern gemacht, wo
sie doch notwendig als Knechte von ihrem Tun und
Lassen hätten Rechenschaft geben sollen? Warum sie
so grausam als böse Knechte, ihre Mitknechte miss-
handelt und geschlagen haben (Mt 24,49), da er sie
gleichwohl zuvor gewarnt und ihnen gedroht hat,
dass er sie zerschmettern und ihnen ihren Lohn mit
den Heuchlern geben werde, wo Heulen und Zähne-
klappen sein wird (Mt 24,51)? Warum sie nicht daran
28
1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher.
gedacht haben, dass ein unbarmherziges Urteil über
alle diejenigen, die nicht Barmherzigkeit geübt haben,
ergehen soll (Jak 2,13); ja, welch ein Schrecken, ängst-
liches Anklagen und Flehen wird entstehen, wenn
diejenigen zur Überführung ihrer Bosheit, zum Vor-
scheine kommen werden, die sie mit Ketten gefesselt,
geschlagen, getötet und gemartert, die sie damals für
töricht und unsinnig gehalten haben, welche nun bei
Gott so herrlich und hochgeachtet sind.
An jenem Tage, wenn alles Verborgene ans Tages-
licht kommen wird, werden solche nichtige und kahle
Ausflüchte nichts helfen. Deshalb ist es nun Zeit zu
überlegen, wie unchristlich es sei Christen zu ver-
folgen; wie es eine Todsünde sei, unschuldiges Blut
zu vergießen; wie strafbar es sei, das Bild Gottes zu
schänden; wie verkehrt und nichtig es sei, die geistige
Wahrheit mit fleischlichen Waffen zu bekriegen; wie
unnatürlich und unrecht es sei, einem andern zu tun,
das man nicht will, dass es einem selbst getan werde;
wer wollte es aber gerne haben, dass sein Gemüt ge-
zwungen würde; wie verwegen es sei, auf den Stuhl
Gottes zu treten und über das Gemüt herrschen zu
wollen, wahrend Christus befohlen hat, dem Kaiser
zu geben, was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist
(Mt 22,21; Lk 20,25; IPt 2,17). Sie sollten betrachten,
dass Christus für seine Verfolger gebetet habe und
daraus lernen, wie ungereimt es sei, dass die, welche
Christen sein wollen, diejenigen, die für sie bitten, ver-
folgen wollen. Sie sollten überlegen, welch ein großes
Übel es sei, jemandes Gemüt mit der Furcht des Feu-
ers, Galgens und Schwertes zu zwingen, während
Paulus so scharf verbietet, das schwache Gewissen
der Brüder zu verletzen (Rom 14,15). Sie sollten beden-
ken, weil der Apostel keine höhere Strafe der Ketzer
bestellt, als die Meidung (Tit 3,10), dass sie auch keine
höhere gebrauchen sollten oder möchten. Ja, wenn sie
sich selbst wohl prüfen würden, so würden sie mit
dem Urteile nicht so eilen, sondern sich zurückhal-
ten, weil uns Christus angekündigt, dass uns mit dem
Maße, womit wir messen, wieder gemessen werden
sollte (Mt 7,2). Sie würden sich fürchten, wenn sie an-
ders sich selbst (sage ich) recht erkennen würden, sich
selbst in einer andern Person zu verurteilen, weil es
leicht sein könnte, dass der, welcher urteilt, vor Gott
ebenso strafbar sein möchte, als derjenige, welcher
verurteilt wird.
Ferner führen sie zur Verteidigung oder vielmehr
Beschönigung der Ketzerstrafe folgende Ursachen an:
Erstens, um sie dadurch zu bekehren und zu zwingen.
Zweitens, dass sich ihre Ketzerei nicht fortpflanzen
und andere verunreinigen möge.
Drittens, um dem Aufruhr vorzubeugen. Was das
erste betrifft, so ist ein jeder Mensch schuldig, seines
Nächsten Heil, so viel es möglich ist, zu befördern;
wie aber soll solches geschehen? Durch auswendigen
Zwang mit Feuer und Schwert? Solches ist unmöglich,
dieses betrifft zwar wohl die Leiber, nicht aber die Ge-
müter, welche nicht gezwungen, sondern geführt und
unterwiesen werden müssen. Das Wort Gottes ist das
Schwert, womit alle Irrtümer und Ketzerei gefällt wer-
den müssen; wenn man mit der Kraft der Wahrheit
den vermeinten Irrtum nicht überwinden kann, so
werden auch wohl die Schwerter stumpf bleiben. Und
obgleich es geschehen möchte, dass jemand um der
Pein willen, seine Lehre mit dem Munde verleugnen
würde, so würde er doch solches mit dem Herzen
nicht tun und auf solche Weise würden statt belehrter
Christen verstellte Heuchler gemacht werden; wenn
aber jemand standhaft bleibt und man tötet ihn, wie
kann ihm solches zur Bekehrung dienen, indem man
ihm alle Mittel der Bekehrung raubt? Denn eines von
beiden ist gewiss, ist er ein verdammlicher Ketzer, so
stürzt man ihn hinunter in die Hölle; ist er nicht ein
solcher, so tötet man einen frommen Christen; wel-
ches von beiden man nun auch erwählt, so wird eine
abscheuliche Missetat begangen. Was ist es nun, das
sie anspornt, jemandes Bekehrung auf solche Weise
zu befördern? Was verbindet sie dazu? Wer gibt ihnen
das Recht, wer rät es ihnen, ja, wer hat ihnen solches
erlaubt? Und welcher von den Aposteln ist ihnen so
vorangegangen: In der Tat, solche Gründe sind nur
Feigenblätter und Decken, worunter sie ihre Schan-
de und Bosheit zu verbergen suchen. Sie geben vor,
dass sie die Bekehrung der Menschen zum Endzwe-
cke haben, aber in der Tat suchen sie ihren Mutwillen,
ihre Ehre und Wollust festzusetzen, um dadurch in
dem Reiche Gottes, ohne jemandes Widerrede, mit
Gewalt zu herrschen. So weit ist es gefehlt, dass sie
jemandes Bekehrung dadurch befördern sollten, dass
sie im Gegenteile alle unparteiischen Menschen ver-
abscheuen, so dass auch das Gute, wenn noch etwas
an den Verfolgern übrig geblieben ist oder sein kann,
durch die Verfolgung verdächtig gemacht oder wohl
gar vertilgt wird, denn ihre Worte, wie sie auch fle-
hen und schmeicheln, erlangen und verdienen weder
Eingang noch Glauben. Denn wer sollte wohl eine
göttliche und christliche Lehre von denen erwarten,
welche mit Mörderei schwanger gehen, deren Hände
mit unschuldigem Blut gefärbt sind? Kann man auch
Trauben von den Dornen lesen (Mt 7,16)?
Was das Zweite betrifft, so wird durch die Tyrannei
die vermeinte Ketzerei weniger ausgerottet als ver-
breitet, denn wenn man an Menschen, die ein from-
mes untadelhaftes Leben führen, Hand anlegt, diesel-
ben gefangen legt, sie peinigt und auf eine schmerz-
hafte Weise tötet, nur um des Namens Christi willen
1.1 Vorrede an den Leser.
29
und weil sie gegen ihr Gewissen (wie sie öffentlich
bekennen) nichts einwilligen dürfen, so wird dadurch
nur Nachdenken und Aufmerksamkeit bei allen un-
parteiischen Gemütern erweckt, welche, wenn sie der
Sache nachspüren, die Unschuld der angeklagten und
verfolgten Personen ausfinden und dadurch vor sol-
chen ausgearteten Christen, die andere verfolgten,
einen Abscheu bekommen und sich in weiterer Fol-
ge zu der Gesellschaft derer wenden werden, wel-
che Christi Kreuz so tapfer tragen; wovon so viele
Beispiele vorhanden sind. Hieraus erhellt denn die
Wahrheit dessen, was jener Altvater sagte: Dass das
Blut der Märtyrer ein Same der Kirche sei. Als die
Tyrannei im Papsttum aufs Höchste gestiegen war,
sind auch die Menschen am häufigsten davon abge-
fallen, denn die Martertümer sind tätliche Predigten,
die das Herz treffen und die Augen der Schlafenden
öffnen und solches ist auch natürlich, denn wer nur
ein wenig Erkenntnis von der christlichen Religion
hat und durch verhasste Parteilichkeit nicht ganz ver-
blendet ist, kann leicht glauben, dass die Verfolger
selbst Ketzer sein müssen, weil weder Christus noch
seine Jünger jemals verfolgt, sondern die Verfolgung
stets selbst erlitten haben. Sie merken es gar leicht,
dass diese grausamen Menschen nicht imschuldige,
sanftmütige und wehrlose Schäflein (womit Christus
die Seinen vergleicht) (Joh 10,3), sondern vielmehr
reißende Wölfe sind, die in Christi Schafstall hinein-
geschlüpft sind und die Schafe zerreißen. Die lautere
und reine Wahrheit, welche durch ein unschuldiges
Leben bekräftigt wird, ist das einzige Mittel, Irrtum
und Lüge zu überwinden; diejenigen, welche hiervon
abweichen und auf fleischliche Waffen fallen, verraten
sich selbst und geben ihre Unbilligkeit und Ohnmacht
zu erkennen, denn obgleich sie gegen die Wahrheit
nichts vermögen, so trachten sie doch, indem sie die
Personen dämpfen und ausrotten. Aus diesem allem
erhellt, welche kahle Entschuldigung sie Vorbringen,
um ihre Tyrannei zu verteidigen und wie schwach die
Waffen seien, womit sie diese Verführung zu unterstüt-
zen suchen. Aber es ist nichts als eine erdichtete Ent-
schuldigung, womit sie ihr Vorhaben zu beschönigen
suchen und den widerwärtigen Eindruck, welchen
die Grausamkeit in jedem hervorbringt, zu bemän-
teln und den Betrug angenehm zu machen. Sie kom-
men verstellter Weise, als ob sie für die Wohlfahrt des
Volkes eiferten; in der Tat suchen sie ihr eigenes Lü-
genreich auszubreiten und wenn sich etwas dagegen
auflehnt, so suchen sie solches mit dem fleischlichen
Arme zu überwältigen. Zur Zeit Christi haben die
Pharisäer ihm auch die Schuld beigelegt, dass er das
Volk verführe (Lk 23,2). Ihre Eigenliebe und Herrsch-
sucht hat in ihnen einen bittern Hass und Neid gegen
unsem Seligmacher erweckt, so dass sie ihn auch zu
töten suchten. Dieses beschönigen sie, hiervon schwei-
gen sie. Sie rufen, gleichsam wie von göttlichem Eifer
beseelt: »Dieser verführt das Volk!« Wiewohl sie selbst,
wie auch jene, das Volk von Christo zu ihren eigenen
Lügen zu verführen suchten.
Was die Beschuldigung wegen des Aufruhrs be-
trifft, so ist auch solche weder gestern noch heute
geschmiedet worden; »dieser (nämlich Christus, sag-
ten die Pharisäer) erweckt mit seiner Lehre einen Aufruhr
unter dem Volke,« (Lk 23,5) während sie doch nachher
selbst das Volk zum Aufruhr gegen Christum erreg-
ten, welcher ja nichts anderes als Friede, Liebe, Demut,
Sanftmut und dergleichen predigte und dessen Leben
und Taten nichts anderes waren, als ein überfließen-
der Brunnen aller Barmherzigkeit, Wohltat und Güte.
Ebenso haben sie auch Menschen, welche in aller Ein-
falt und Aufrichtigkeit lebten und die ihr Bekenntnis
öffentlich dahin taten, dass sie nach dem Gesetze und
Vorbilde Christi verbunden seien, sich gegen jeden persön-
lich und ohne Rache zu bezeugen, ja, diejenigen zu lieben,
welche sie hassen und ihren Feinden Gutes zu hm|^]gleich-
falls mit dem Laster des Aufruhrs besudelt, obschon
hiervon nicht das geringste Kennzeichen vorlag. Wer
die Geschichte in den letzten sechzig Jahren in den
Niederlanden und Deutschland erforscht, wird wohl
finden, dass Aufruhr, Streit und Zwietracht, ja Tren-
nungen und Zerstörungen von Ländern und Städten
herbeigeführt sind, in Folge von Religionsstreitigkei-
ten; denn der Religionseiferer kann weder durch das
Schwert abgeschnitten, noch durch das Feuer verzehrt
werden. Im Gegenteil ist es bekannt und wird heut-
zutage durch die Erfahrung bestätigt, dass viele und
verschiedene Religionsparteien friedsam und in Ruhe
beisammen wohnen können und dass Städte und Län-
der, wo Gewissensfreiheit gehandhabt wird, geblüht
und einen reichen Segen Gottes empfunden haben.
Deshalb haben auch die mächtigen Staaten der Ver-
einigten Niederlande, nachdem sie den großen Miss-
griff des Königs von Spanien gesehen, niemals seinen
Fußstapfen nachfolgen wollen, sondern haben aus-
drücklich gesagt (wie aus den Akten der Friedensver-
handlungen zu Köln hervorgeht), dass die Religion
nicht die Menschen, sondern Gott angehe und dass
sowohl der König als die Untertanen derselben unter-
worfen sei. Sie bezeugen, dass sie es aus der Erfahrung
erlernt haben, dass Gewalt und Waffen zur Erhaltung und
Ausbreitung der Religion wenig beitragen und dass es nicht
ihr Wille sei, dass man ihren Gewissen Gezvalt antue, dass
es gleichwohl mit dem Gesetze Gottes nicht iibereinkom-
me, dem Gewissen irgendeines andern Menschen Gewalt
7 Act. Pag. 38
30
1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher.
cinzutun; und Pag. 57: Wir haben gelernt, dass das Regi-
ment der Seele und des Gewissens Gott allein zugehöre und
dass er allein der wahrhaftige Rächer der verwundeten und
geschändeten Religion sei. Und obwohl einige, die ihr
eigenes oder ihrer Vorfahren Kreuz vergessen hatten,
zu der ausgerotteten Sklaverei wieder Lust bekamen,
so haben doch Ihro Hochmögende hierzu ihnen kein
günstiges Ohr leihen oder ihre Hände gebrauchen las-
sen wollen, um die Blindheit der Ratschlüsse solcher
parteiischen und schädlichen Ratsleute zu befördern,
die dadurch mehr ihr eigenes, als das Reich Chris-
ti, aufzubauen und zu befestigen suchten. Aber wir
haben heutzutage durch die Gütigkeit Gottes solche
Obrigkeiten, unter deren Schutz wir ein ruhiges und
stilles Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit füh-
ren könnenflTi/H 2,2); wir können ungehindert zu-
sammen kommen und uns versammeln, Gottes Wort
predigen und hören, die Sakramente nach der Ein-
setzung Gottes gebrauchen und unsern Gottesdienst
öffentlich ausüben. Wegen solcher großen Wohltat
sind alle Untertanen und Christgläubige ihren hohen
und niedern Obrigkeiten aufs Höchste verpflichtet,
denselben alle Dankbarkeit ehrerbietig zu erweisen,
ihnen getreulich zu gehorchen, Zoll und Schätzung
aufrichtig zu bezahlen, und Gott für die Wohlfahrt
ihrer Personen und ihrer Regierung mit Ernst und
beständig zu bitten, damit diese Gnade von uns auf
unsere Kinder und Nachkömmlinge kommen möge.
Wir müssen auch dem Herrn aufs Höchste dankbar
dafür sein und seinen Namen mit einem heiligen Le-
ben verherrlichen und beständig trachten, mehr und
mehr Tugend aus unserm Glauben zu erwerben und
mit guten Werken in der verfinsterten Welt zu leuch-
ten (2 Kor 6). Wir müssen uns wohl vorsehen, dass
wir diese Gnadenzeit nicht versäumen oder missbrau-
chen, denn wenn wir dieselbe übel anwenden und
uns der Freiheit zur Sünde bedienen, so wird es uns
sicherlich wie den Kindern Israels ergehen, welche, als
sie fett, dick und stark wurden, von Gott abgewichen
und deshalb wieder mit Angst und Elend beladen
worden sind (5Mo 32,12), bis sie die Not gezwungen
hat, Gott zu suchen. O wie viele sind ihrer (wie zu
besorgen ist), welche mit Demas die Welt wieder lieb
gewonnen haben (2 Tim 4,10)\ Wie viele sind derer,
welche den ersten Eifer und die Liebe verlassen ha-
ben und in ihren Gottesdienstlichkeiten kalt und träge
geworden sind. In den früheren Zeiten, namentlich
in den Zeiten des Kreuzes, wo man mit Lebensge-
fahr Zusammenkommen musste, trieb uns der Eifer,
bei Nacht und zur Unzeit, in Winkeln, Feldern und
Büschen zusammen zu kommen. Wie köstlich war
damals eine Stunde, die man dazu verwenden konnte,
einander in Gottseligkeit aufzumuntern und zu befes-
tigen. Wie dürsteten und hungerten damals die Seelen
nach der göttlichen Speise. Welch einen angenehmen
Geschmack hatten damals die Worte der Gottseligkeit!
Man fragte nach keinen künstlichen und ausgezier-
ten Predigten, sondern der Hunger zehrte alles auf,
wie er es fand. Damals wurde der Seelenschatz beher-
zigt, denn die Güter des Leibes konnten wenig Trost
geben. Damals suchte man vor allen Dingen himmli-
schen Reichtum, denn was man an irdischen Dingen
besaß, darin war man sehr unsicher. Wie aber geht
es jetzt? Die zeitlichen Übungen haben durchgängig
den Vorzug; man muss zuerst die Ochsen probieren
und den Acker besichtigenfL/c 14,18), ehe man zur
himmlischen Hochzeit kommen kann. Die Einfalt ist
in Pracht und Gepränge verwandelt; die Güter haben
sich vermehrt, aber die Seele ist arm geworden. Die
Kleider sind köstlich geworden, aber der inwendige
Zierrat ist vergangen.
Die Liebe ist erkaltet und hat abgenommen, die
Streitigkeiten dagegen haben zugenommen. Meint
ihr, dass Gott solches stets eben geduldig ansehen
werde? Hat er Israel nicht verschont, als es von ihm
wich und David nicht freigelassen, als er sich durch
Fleischeslust versündigte, hat er Salomo nicht ver-
schont, als er seine Augen auf fremde Weiber wandte
und mit ihnen in Abgötterei verfiel und sollte er nun
diejenigen verschonen, welche durch die Liebe zur
Welt und Ausübung der Sünden von Ihm abgewichen
sind? Er hat ja oft Israel einem Tyrannen nach dem an-
dern unterworfen, damit sie Ihn erkennen lernen und
sich bessern sollten. Er hat sie als ein Vater gezüch-
tigt, damit sie ihm nicht mehr, wie zu Elias Zeiten,
mit halbem Herzen, sondern allein dienen möchten
(lKön 18,21; 2Chr 25,2). Er hat Amasa, den König Ju-
da in die Hände seiner Feinde gegeben, weil er Gott
nicht von ganzem Herzen diente. Prüfe nun einmal,
wie dein Gemüt bestellt sei; ob dein Herz nicht zer-
teilt sei; ob du dich nicht bemühst, Christo und der
Welt zugleich zu dienen, wie kaltsinnig du Gottes
Wort hörst und betrachtest, weil deine Gedanken in
der irdischen Eitelkeit verwickelt sind; wie sparsam
und träge die Werke der Gottseligkeit ausgeübt und
wie emsig und eifrig du seiest, Geld und Gut zusam-
men zu schrappen und dich in Wollüsten zu weiden
(Eph 5,5; 2Tim 6,10). Es ist wahr, du hast zwar die höl-
zernen und stummen Bilder hinweggeworfen, aber
prüfe dich einmal, ob der Abgott der Reichtümer und
des Geizes in deinem Herzen nicht auf gerichtet sei.
Durchpflüge einmal den tiefsten Grund deines Innern
und prüfe, wohin deine Neigungen und Begierden ge-
hen, ob sie hier mit wenigem sich begnügen, ob sie die
Wolken durchdringen und im Himmel ihren Wandel
haben oder ob sie mit einer unersättlichen Begierde
1.1 Vorrede an den Leser.
31
die Erde durchwühlen, deinen Reichtum zu vermeh-
ren suchen und ein Haus und Hof an das andere zie-
hen; ob Christus im Himmel dein höchster Schatz sei,
oder ob er hierunter ist, vor welchem Christus seine
Jünger so ernstlich warnt (Mt 6,17). Willst du hiervon
eine Probe haben, so betrachte in allen Begebenheiten
mit Andacht deinen Endzweck und deine Gedanken;
erwäge einmal, wie sehr du in deinen Reichtum ver-
liebt seiest, welches große Vertrauen du darauf gesetzt
habest; wie sehr du mit heidnischer Sorgfalt um das
Zukünftige bekümmert seiest; wie bange und mutlos
du seiest, wenn dir mit bösen Zeiten und Unglück
gedroht wird und wie sicher du lebst, wenn es glück-
lich von statten geht; wie träge und engherzig dich
die Liebe zu deinen Gütern macht, wenn du Almo-
sen austeilst; wie viel Streitigkeiten und Gerichtshän-
del du lieber führen, als von deinem Rechte abstehen
und Schaden leiden willst; wie bald deine Freude und
Nachtruhe dir benommen werden, wenn dich Verlust
und Unglück treffen; wie viel Zeit dir die irdischen Be-
trachtungen von deinen gottesdienstlichen Übungen
benehmen; wie kaltsinnig und geistlos sie dich im Ge-
bete zurückziehen; wie tief dich der Überfluss deiner
Schätze in die Wollust versenke; wie sehr du dir selbst
hierin gefällst und dich über andere erhebst; endlich,
wie schmerzlich es dir fallen wird, davon zu scheiden
und mit welchen betrübten Abschiede du sie auf dem
Sterbebette verlassen müssest. Laß dir (sag ich), die-
ses zur Prüfung dienen und untersuche dich selbst,
so wirst du bald finden, wem du am meisten dienst
und anhängst und wie viel oder wenig du das Fleisch
mit seinen Lüsten und Begierden gekreuzigt habest
(Gal 5,24), denn obwohl die auswendigen Verfolgun-
gen sämtlich aufhören, so ist doch e:n jeder Christ
zum Streiten und Leiden berufen, es muss ein jeder
von denen, die Christo nachfolgen, sein Kreuz auf sich
nehmen (Mt 10,38); es muss ein jeder nicht nach dem
Fleisch, sondern nach dem Geist leben (Rom 8,1); ein
jeder muss am Fleische leiden, damit er zu sündigen
aufhöre (IPt 4,1 ). Findest du, dass die freie Zeit deinen
Lüsten Freiheit und Raum gegeben habe, so verfolge
dich selbst, kreuzige und töte dich selbst und opfere
Gott Seele und Leib auf. In den Zeiten der Verfolgung
hat man in Worten und Unterredungen erbauliche
Lehren gegeben, zur Gottseligkeit aufgemuntert, den
Namen Gottes verherrlicht, einander im Leiden ge-
tröstet, ermahnt und zur Standhaftigkeit angereizt
und die ewige Seligkeit angepriesen; forsche einmal
nach, ob du in dieser Zeit deine Zunge nicht gebraucht
habest, um leichtfertigen Weltmenschen mit eitlem
und unnützem Geschwätz zu gefallen; ob du dadurch
die Gottseligkeit nicht allein nicht befördert habest,
sondern auch derselben hinderlich und nachteilig ge-
wesen seiest, ob du deines Nächsten guten Namen
und Unschuld nicht geschmäht habest und ob dei-
ne Zunge durch erlogenen Betrug dem Geiz nicht zu
Diensten gewesen sei. In den Zeiten des Kreuzes hat
man damit die Zeit zugebracht, dass man sich in gött-
lichen Dingen geübt, einander getröstet und erbaut.
Gefangene besucht, mit andächtigen Betrachtungen
sich zum Leiden zubereitet.
Überlege nun einmal, wozu du die kostbare Zeit
anwendest, wie viel du davon in Wollust und Eitelkeit
verschwendet, wie viel du durch Streit und Zank ver-
spielt habest und wie viel durch unnötigen Kummer
und Arbeit verloren gegangen, wie wenig dem Gottes-
dienst übrig geblieben sei. Sicherlich wirst du finden,
dass der Mangel der Zuchtrute die Menschen ruchlos
und verächtlich gemacht habe und dass Fleischeslust,
Augenlust und Hochmut des Lebens statt der Gottes-
furcht und Niedrigkeit aufgekommen seien. Aber das
Gefährlichste unter allen ist, dass wenige sich selbst
untersuchen, wenige über sich selbst seufzen. Viele
sind ohne ihr Wissen arm, nackend und blind, wel-
che mit denen von Laodicäa meinen, dass sie reich
seien und alles im Überfluss haben (Ojfb 3,17), aber es
ist ein Reichtum, der Gott nicht gefällt und wodurch
der geistige Reichtum, welcher in Glaube und Liebe,
einer lebendigen Hoffnung und einem guten Gewis-
sen besteht, verzehrt wird. Sieh hier in den Schriften
der Märtyrer, wie ihr Leben und Leiden beschaffen sei
und wie standhaft sie gewesen seien. Gott wollte, dass
die Kinder Israel die Wege ihrer Voreltern und die
Lehre der Weisheit, die darin verborgen war, betrach-
ten sollten (5Mo 8,2); denn sie wurden alle, die frühe-
ren sowohl als die späteren, für einen Leib gerechnet
(Mi 6,5). Oft wurde durch die Propheten gesagt: »Ich
habe dich aus Ägypten geführt,« (Hos 11,1) obwohl sol-
ches ihren Voreltern widerfahren war. Durchforsche
deine Wege und vergleiche sie mit den ihrigen und
sehe, ob die Weltliebe deine Augen nicht verblendet
und von Gott abgezogen habe. Viele, als sie sich der
Welt nicht bedienen konnten, wandten sich aus Not
zu Gott, als zu ihrer nächsten Zuflucht; aber da man
wieder ein wenig Luft schöpfte, fing man wieder an,
sich nach der Welt zu lenken; die Eltern wurden reich,
die Kinder eitel und wollüstig, die Welt liebkoste sie,
auch wurden sie mit der Zeit angesehen und hervor-
gezogen; die Schmach des Kreuzes verlor sich und
die Ehre der Welt kam stattdessen auf 0 Und dieses
ist die Ursache in der ersten Kirche gewesen, warum
Gott eine grausame Verfolgung zur Zeit des Kaisers
Diocletian entstehen ließ, damit dadurch seine Kinder
gezüchtigt werden möchten, die nun wieder anfingen.
8 Siehe Kirchengeschichte des Eusebius, Buch 8, Kapitel 1 .
32
1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher.
sich mit der gemeinen Welt einzulassen. Damm müs-
sen wir uns auch dergleichen nicht schuldig machen,
damit nicht über uns komme, was jenen widerfahren
ist. Denn in solchen Zeiten hat es niemand härter, als
derjenige, welcher seine Zeit nicht wohl angewendet
hat; über denselben wird dann Wehe, Jammer und
Elend kommen; denen aber, die Gott lieben, dienen
alle Dinge zum Besten; sie werden in solchem Läute-
rungsfeuer gereinigt und probiert; darum ist es nötig,
dass Gott zu Zeiten seine Tenne mit der Wanne reini-
ge, damit das Unkraut zu deren Verderben nicht die
Oberhand nehme. Aber wir müssen allein die Güte
Gottes anrufen, damit er uns väterlich züchtige und
durch seine Lehre ziehe, auch unsere Herzen und Sin-
ne zu ihm gerichtet sein lassen wolle, damit wir ein
göttliches und heiliges Leben führen mögen, in aller
Liebe, Friedfertigkeit, Freundlichkeit und Barmher-
zigkeit (Kol 3,15; IPt 4,8); nicht bald über einander
klagen oder murren (Jak 5,9), sondern in Geduld einer
des andern Mängel ertragen und dieselben durch gu-
ten Unterricht verbessern; jedes Ärgernis, jeden Streit,
jeden Zwiespalt, Trennungen, Sekten und was unleid-
lichen und verdammlichen Streit erregt, fliehen und
meiden; nach Frieden streben, was zerbrochen und
zerfallen, was zerrissen und durch des Teufels List
und blinden Unverstand zertrennt ist und zu großem
Ärgernisse und Anstoß vieler in verschiedene Haufen
zerstreut ist, wieder zu heilen und zur Einigkeit, Ru-
he und Frieden zu bringen suchen; wenn wir dieses
tun, so werden wir Ursache geben, dass Gott wird mit
seinem Segen bei uns wohnen.
Unterdessen lasst uns Gott beständig anhangen,
stets um Vermehrung der Weisheit und göttlichen Er-
kenntnis bitten, und durch Geduld in dem Kampfe
laufen, der uns verordnet ist und auf Jesum sehen,
den Anfänger und Vollender des Glaubens (Hebr 12,1—
2); denn derjenige Streit liegt uns noch jetzt allen ob,
den David zu seiner Zeit hatte, den Hiob hatte, den
alle Propheten hatten, den Christus und seine Apostel
nebst allen frommen Nachfolgern in der ersten Kirche
hatten, gleichwie auch vor und in unserer Zeit. Sie
haben alle die Welt überwinden müssen, so auch wir;
sie haben alle sich selbst verleugnen müssen, so auch
wir; es ist einerlei Krone zu gewinnen und ein einiges
Reich zu ererben. Die Zeiten sind auch alle gleich, das
ungleiche Leben aber macht sie ungleich; aber zuletzt
muss doch jede Ungleichheit in der Gleichheit Gottes
zerschmelzen (Hebr 12,27). Damit nun Christus die
Seinen dieser Gleichheit und Einigkeit teilhaftig ma-
chen möge, hat er gebetet, dass sie in ihm und dem
Vater eins sein möchten (Joh 17 ,20). Dessen haben sich
auch die Apostel allein beflissen; hierzu, als zu dem
ewigen und höchsten Schatze, haben sie einen jeden
angemahnt: »Denn in Christo gilt weder Beschneidung
noch Vorhaut etivas, sondern eine neue Kreatur, und wie-
viel nach dieser Regel einhergehen, über die sei Friede und
über dem Israel Gottes, Amen.« (Gal 6,15-16)
Geschrieben aus Liebe zur Erbauung und Besse-
rung.
1.2 Über die heiligen Märtyrer des
neuen Bundes.
An alle zugeneigten Taufgesinnten und wehrlose
Christen.
Rechtgläubige, die ihr, dem Lamme nachzugehen,
ln Herzensniedrigkeit und Demut euch verpflicht ’t,
Die ihr auf Golgatha, wo viele Dornen stehen,
Zur Zeit der Angst und Not den Wandel habt gericht't;
Steht still und schauet an des Jammers Eiterschwären,
Wie vieles Ach und Weh es einem Christen bringt,
Wenn seine Seele sich zu Christo sucht zu kehren,
Und durch des Glaubens Kraft ins ezv'ge Leben dringt.
Seht eure Brüder an, die hin und wieder wandern,
Um Christi teuern Nam', mit Kummer, Angst und Pein.
Sie irren in der Wüst' von einen Ort zum andern.
Als die von Weib und Kindern ganz verlassen sein.
Seht, wie sie nirgendswo, als Landsverwies' ne wohnen,
Dieweil das Bürgerrecht man ihnen abgesagt,
Auch sie mit Feuer, Rad und Galgen sucht zu lohnen,
Und was zu ihrem Tod der Feind je hat erdacht.
Doch lasset darum nicht der Liebe Feuer dämpfen,
Obschon viel Kreuz und Schmach aus Norden wird
Man sollte desto mehr um' s ewige Leben kämpfen.
Und dem vertrauen, der uns unterstützt und trägt.
Denn wie die Lilien und Rosen öfters grilnenjPj
Wenn sie mit Dornen sind umgeben allzumal,
So muß es gleicher Weis' den Auserwählten dienen.
Wenn sie beleget sind mit Schmerzen ohne Zahl.
Und ob ein Weib auch würd' so ganz und gar erkalten.
Daß sie vergäße gar ihr Kind und ein' gen Sohn,
So wird uns gleichwohl Gott bei seiner Treu erhalten.
Denn Er ist unser Lohn und Schatz und Ehrenkron'.
Denn was hier herrlich heißt und ist von großer Würde,
Ja, selbst das Beste, was ein Mensch hier haben mag.
Sanftmütige! ist dem zur Last und schweren Bürde,
Der hier der Tugend Bahn von Herzen folget nach.
Auch selbst der Sohn, den Gott von Ezvigkeit ersehen.
Daß Er ein Erbe sei und Herr der ganzen Welt,
Mußt', mit viel Schmach bekleid't, mit Dorn gekrönet,
gehen,
9 Hl 4,16
10 H12
1.3 An meinen Bruder Thielem. }. von Braght:
33
Und ward von seinem Volk zum Schauspiel dargestellt.
Er selbst ging vor euch her und hat sehr viel erlitten ,
Ja, hat geschmeckt am Kreuz den sehr verfluchten Tod,
D'rum folgt im Marterweg getreulich Seinen Tritten
Und achtet nur gering das Leiden, Druck und Not,
Denn wenn ihr werdet hier als Helden überwinden,
Die Schmach der eiteln Welt, samt ihrer Siind' und Lust,
So wird man endlich euch bei der Gesellschaft finden^]
Der nichts als Freude ist und Seligkeit bewußt.
Wenn Gott sie insgesamt mit vielen Siegesfreuden,
Mit Reichtum, Pracht, und Ehr’ und großer Herrlichkeit,
Wird in das Himmelszelt zur sei' gen Ruh’ Anleiten,
Woselbsten ihnen ist der Gnadenlohn bereift.
Weil sie sich insgesamt der eitlen Welt entzogen,
Und ihren Glauben selbst versiegelt mit dem Blut.
Dies ist der feste Grund, hier werd't ihr nicht betrogen,
Es folgt darauf gewiß das ewig bleibend Gut,
Darum lehr ' uns, o Herr! uns stets und fleißig üben.
Nach deinem neuen Bund in deiner reinen Lehr',
Daß wir bis in den Tod dich unverändert lieben,
Und uns die kurze Freud des Lebens nicht betör’.
Denn was ist Wohl so schwer, als ewig sein geschieden
Von Dir und Deiner Gunst und Deinem Gnadenthron.
D'rum stärk' inwendig uns, vermehre unsern Frieden,
Mach' unsern Glauben stark, sei unser Schild und Lohn.
Behüte auch dabei vor dunkeln Trauerzeiten
Die Hochvermögenden vom freien Niederlande
Die da der Höllen Wut und auch der Christen Leiden
Nicht dulden, reiche uns doch Deine Friedenshand,
Damit wir alle doch, als wahre Christenreben,
Der Freiheit edle Frucht hier unter ihrer Hand
Genießen, und dabei Dir Preis und Ehre geben,
Damit Dein herrlich Reich an uns werd' recht erkannt.
Was ich begehre, ist nicht sterblich.
Als Zions Mauern dort im Staub und Asche lagen,
Uns Israels Geschlecht, das doch schon früher war,
Dem besten Golde gleich, durchläutert, hell und klar,
Im Blut sich wälzete, vom Feind sehr hart geschlagen,
Hat Jeremias bald dies alles Wohl erwogen (Klagl. 1,1);
Das Trailern samt der Reu' hat sein Gebein bewegt,
Daß er mit Tränen sich in Staub und Asch’ gelegt,
Weil ihre Feinde so das ganze Land durchzogen.
Friedliebende, auf die dies blut'ge Schauspiel zielt,
Das in der Kirche man zuvor hat oft gespielt;
Wer wollte nicht zum Herrn mit Herz und Händen flehen;
Ach, laß die dunkle Wölk' doch bald vorüber gehen.
Doch ivird der Christen Glaub ' und Hoffnung hier erkannt,
Wenn's Herz bleibt unverzagt im Würgen, Mord und
Brand.
Der Gerechte wird seines Glaubens leben.
1.3 An meinen Bruder Thielem. J.
von Braght:
Gleichwie dort David, als von obenher getrieben,
Da Zion war bedeckt mit einer Todesnacht,
Sein Saitenspiel ergriff und Psalmen hat gemacht,
Darinnen er sein Leid und Herzensreu' beschrieben;
So sah ich auch aus Dir den Feuereifer fahren,
Als du der Zeugen Ruhm hast an das Licht gebracht
Und in der Todesnot dies Wort zu Dir gesagt:
Dein End ' ist nah. Du kannst die Müh und Eifer sparen.
Doch hat dein steter Fleiß und Eifer Dich getrieben,
Daß, da dein schwacher Leib erkrankt darnieder lag,
Dies blut’ge Opferwerk Du hast gebracht an Tag
Und es mit vieler Müh' zum Dienst der Kirch’ beschrieben.
D'rum alle, die ihr euch der teuern Lehr' ergeben,
Die uns durch Christum ist von oben offenbart,
Folgt Seinem Wandel nach, den Glauben rein bewahrt,
Und lernt aus diesem Buch’ nach wahrer Tugend streben.
P. v. Braght
u Offb 3,5
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an
Hans Koch und Leonhard Meister
Hans Koch und Leonhard Meister, ihrer Herkunft
nach Waldenser, und zwar keine der geringsten un-
ter ihnen, waren zwei fromme Männer, wie solches
daraus erhellt, dass sie die christliche Wahrheit, die
sie eifrig verteidigten, mehr liebten als ihr eigenes Le-
ben, weshalb sie beide zu Augsburg um der Wahrheit
des heiligen Evangeliums willen im Jahre 1524 getötet
worden sind.
Hiervon werden in der heiligen Taufsgeschichte des
Jacob Mehrning die Worte gelesen:
»Aus den böhmischen und mährischen alt-
waldensischen Brüdern sind später einige vortreffli-
che Männer hervorgegangen, wohin namentlich Hans
Koch und Leonhard Meister gehören, welche im Jahre
... zu Augsburg getötet worden sind.« Taufsgeschich-
te, gedruckt 1646 und 1647, Pag. 748.
Diese beiden haben vor ihrem Tode Gott den Herrn
ernstlich angerufen und gebeten und haben dieses ihr
Gebet, worin sie die Ursache ihres Leidens angeführt,
ihren Glaubensgenossen und allen Nachkömmlingen
zum Tröste und zur Vermahnung hinterlassen.
O Gott! Siehe nun von deinem hohen Throne das
Elend deiner Knechte an, wie sie der Feind verfolgt,
weil sie sich vornehmen den schmalen Weg zu betre-
ten wie grausam sie auch verschmäht werden. Wer
dich kennen lernt und sich an dein Wort festhält, der
wird von ihnen verachtet und geschmäht. O Gott
vom Himmel! Wir haben sämtlich vor dir gesündigt
(Ps 106,6; Dan 9,5), darum strafe uns doch in Gnaden,
wir bitten dich, laß uns deine Gnade genießen, dass
durch uns deine Ehre vor dieser Welt nicht gelästert
werde, die nun Willens ist, dein Wort zu vertilgen.
Denn wir hätten wohl bei ihr guten Frieden, wenn
wir deinen heiligen Namen nicht erkennten und nicht
an deinen Sohn glaubten, dass er doch für uns am
Stamme des Kreuzes für uns genug getan habe, wie
auch, dass er unsere Sünden getragen und für unsere
Schuld bezahlt habe (IPt 2,24). Der Feind hat keine an-
dere Ursache, uns mit solcher Wut zu versuchen, wie
er täglich tut, als weil wir seinen Willen nicht vollbrin-
gen wollen, sondern dich, o Gott, in unserem Herzen
lieben (Mt 22,37), welches weder der Satan noch sein
Anhang ertragen kann. Darum peinigen sie uns mit
aller Gewalt und verursachen uns viel Trübsal. Es ist
also das unsere Missetat, weshalb uns der Feind so
hart zusetzt, dass wir unsere Hoffnung allein auf dich,
auf deinen lieben Sohn Jesum Christum und auf den
Heiligen Geist setzen; darum müssen wir Schmach
leiden, weil wir uns nicht gegen dich setzen (IPt 4);
wenn wir uns aber zur Abgötterei begeben würden,
allerlei Bosheit ausübten und damit umgingen, so
würden sie uns sicher, ruhig und unbeschädigt woh-
nen lassen. Darum, o Herr, nimm für uns die Waffen
in die Hand und richte alle diejenigen, welche dei-
ne Gewalt und Macht nicht achten; würden wir dein
Wort leugnen, so würde uns der Antichrist nicht has-
sen, ja wenn wir seiner lügenhaften Lehre glaubten,
seinen Irrtümern folgten und mit der Welt auf den
breiten Weg gingen, so würde sie uns günstig sein; da
wir aber dir nachzufolgen suchen, so werden wir von
der Welt gehaßt und verlassen (Mt 7,13). Wenngleich
uns aber der Feind peinigt, so geschieht doch dieses
nicht uns allein, sondern es ist Christo, unserem Se-
ligmacher, auch geschehen (IPt 4,1); denn sie haben
auch ihm zuerst viel Schmach und Leiden angetan
(Jes 53; Mt 27; Lk 24,26; Joh 15,18; ljoh 3,13) und so ist
es auch allen ergangen, die ihm anhingen und an sein
Wort glaubten. Darum sagt Christus selbst: »Verwun-
dert euch nicht, dass die Welt euch hasst, denn sie hat mich
zuerst gehasst; sie haben meine Worte nicht angenommen,
und sie werden auch eure Worte nicht annehmen; haben sie
mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen, und wenn
euch das alles widerfährt, so freuet euch und springt auf
vor Freuden; denn euer Lohn ivird groß sein im Himmel.«
Ferner tröstet uns Christus durch den Mund seiner
lieben Apostel, indem er sagt: So wir mit ihm leiden,
so werden wir uns auch mit ihm freuen, regieren in
der ewigen Freude (Röm 8,17; 2Tim 2,12). Was liegt
denn daran, wenn wir hier eine kleine Zeit verspottet
und verschmäht werden, während uns Gott die ewige
Wonne und Seligkeit zusagt; o Herr! Du siehst und
hörst den Spott, die Schmach und das Leiden, welches
man deinen Kindern antut, du kennst auch ihr gerin-
ges und schwaches Vermögen; darum bitten wir dich,
o Gott, schütze doch deine Ehre selbst und heilige
doch deinen Namen, der nun von allen denen, die auf
Erden sind, sowohl von Hohen als von Niedrigen, so
abscheulich gelästert wird, erzeige deine Kraft, damit
die Feinde deine göttliche Kraft merken und verste-
hen und sich schämen lernen. O Herr, Gott! Erbarme
dich doch über deine armen Schafe, die zerstreut sind
und keinen rechten Hirten mehr haben, der sie ferner-
36
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
hin unterrichte; sende ihnen deinen Heiligen Geist,
der sie mit deiner Gnade speise und sättige, damit
sie bis an ihr Ende keiner fremden Stimme gehorchen
(Joh 10,5). O Gott! In deiner hohen Majestät erhöre
gnädigst unsere Bitte, während wir nun in großer An-
fechtung und im Streite sind und verlasse uns nicht;
gib, dass wir durch Christum, deinen Sohn, unserem
Herzog, beständig alles erdulden, welchem Ehre sei
und der den Satan mit seinem ganzen Heere überwin-
den kann. Gelobt sei sein heiliger Name, Amen.
Kaspar Tauber, 1524.
Im Jahre 1524 ist Kaspar Tauber, ein Kaufmann und
Bürger zu Wien in Österreich, um des christlichen
Glaubens willen gefangen genommen worden, und
als er Christum getreulich und standhaft bekannte
und nicht abweichen wollte, ist derselbe zum Tode
verurteilt und verbrannt worden.
Von einem gewissen Befehle, welchen die von
Zürich gegen die Taufgesinnten, gegeben im Jahre
1525, erlassen haben.
Damals haben nicht nur die Papisten, sondern auch
die sogenannten Zwinglisch-Reformierten in der
Stadt Zürich ihre Hände an die unschuldigen und
wehrlosen Schäflein Christi gelegt. Doch so viel uns
bekannt ist, haben sie keine Todesstrafe an ihnen voll-
zogen, sondern sich damit begnügt, sie in schwere
Gefangenschaft zu legen, bis endlich, wie man leicht
denken kann, der Tod darauf erfolgt ist.
Um aber wissen zu lassen, wie man von der Zeit
an und fernerhin sich hierin verhalten sollte, hat die
Obrigkeit dieser Stadt unter anderem verordnet, wie
folgt:
»Darum verordnen wir und wollen, dass künftig
alle Männer, Weiber, Knaben und Mägdlein von der
Wiedertaufe ablassen und dieselbe nach dieser Zeit
nicht mehr gebrauchen, sondern dass sie die jungen
Kindlein taufen lassen sollen, denn wer wider diesen
öffentlichen Befehl handeln wird, soll, so oft als es
geschieht, um eine Mark Silbers gestraft werden, und
falls sich einige ungehorsam und widerspenstig da-
gegen betragen würden, so soll mit diesen nach der
Schärfe gehandelt werden; indem wir die Gehorsa-
men beschützen, dagegen aber den Ungehorsamen,
seinen Verdiensten nach, strafen wollen, ohne ihm
etwas nachzusehen, wonach sich ein jeder zu richten
hat.«
»Und dieses alles bestätigen wir mit diesem öffent-
lichen Briefe, mit unserem Stadtsiegel versiegelt und
gegeben auf Andreastag, im Jahre 1525.«
Vergleiche das 16. Buch von dem Untergange der
Tyrannen und den jährlichen Geschichten, gedruckt
1617, auf das Jahr 1525, Pag. 1010, Col. 2, mit Henr. Bai.
gegen die Wiedertäufer, Buch 1, Cap. 569; ferner den
öffentlichen Brief des Rates zu Zürich, herausgegeben
im Jahre 1525.
Als dieser Befehl ausgefertigt wurde, war die
Zwinglische Kirche ungefähr fünf Jahre alt und war
selbst dem Hasse und der Verfolgung der Papisten
unterworfen. In der Tat eine jämmerliche Sache, dass
solche Leute, die sich nicht lange zuvor von dem Sau-
erteige des Papsttums in vielen Stücken gereinigt hat-
ten und der Tyrannei des Papstes entgegen waren,
gleichwohl in diesem Stück es mit den Papisten hiel-
ten, so dass sie diejenigen, welche im Glauben mit
ihnen nicht übereinstimmten, verfolgten.
Aber es wäre noch gut gewesen, wenn sie es nur bei
diesem Befehle belassen hätten, denn man konnte das
erste Mal mit einer Mark Silbers sich loskaufen, wenn
man ein Kind nicht taufen ließ. Aber dabei ist es nicht
geblieben; denn einige Jahre später und insbesondere
1530, als sie mehr Mut bekamen, wurde von ihnen
beschlossen, dass man die sogenannten Wiedertäufer
mit dem Tode strafen sollte, was wir betreffenden
Ortes berichten wollen.
Felix Mantz, 1526.
Felix Mantz hat gleichfalls in Deutschland an der Ver-
besserung des Glaubens mit gutem Erfolge gearbeitet.
Als er aber die erkannte Wahrheit des Evangeliums
mit großem Eifer belebte, lehrte und predigte, so ist
er von seinen Widersachern beneidet, angeklagt, ge-
fangengenommen und endlich zu Zürich, als ein Zeu-
ge des Leidens Christi, um der evangelischen Wahr-
heit willen ertränkt worden. Dies ist im Jahre unseres
Herrn 1526 geschehen, und hat derselbe seinen Mit-
brüdern zum Tröste und zur Ermahnung das Nach-
folgende hinterlassen:
Mein Herz erfreuet sich in Gott, der mir viel Er-
kenntnis gegeben und beigelegt hat, damit ich dem
ewigen, unendlichen Tode entgehen möge. Darum
preise ich dich, o Herr Christus vom Himmel, dass
du meinen Kummer und meine Betrübnis abwendest;
diesen Heiland hat mir Gott als ein Vorbild und als
ein Licht gesandt, der mich noch vor meinem Ende zu
seinem himmlischen Königreiche berufen, damit ich
mit ihm die ewige Freude genieße und ihn samt seiner
Gerechtigkeit lieben sollte, welche hier und dort in der
Ewigkeit bestehen wird, ohne welche kein Ding hilft
oder besteht; darum werden so viele Menschen durch
eine leere Meinung betrogen, welche diese in der Tat
nicht haben. Aber ach, wie viele Menschen findet man
37
heutzutage, welche sich des Evangeliums rühmen,
wovon sie andern vieles lehren und verkündigen, die
aber gleichwohl voll Hass und Neid sind und keine
göttliche Liebe in sich tragen (Joh 5,42), welcher Be-
trug vor aller Welt bekannt werden wird, gleichwie
wir in den letzten Tagen erfahren haben, wie diejeni-
gen, welche in Schafskleidern zu uns kommen, aber
reißende Wölfe sind (Mt 7), welche in der Welt die
Frommen hassen und ihnen den Weg zum Leben und
zum rechten Schafstalle versperren. Solches tun die
falschen Propheten und Heuchler dieser Welt, die mit
eben demselben Munde fluchen und auch zugleich
bitten; deren Leben unordentlich ist; die die Obrigkeit
anrufen, dass sie uns töten solle, womit sie das Wesen
Christi vernichten (2Th 3,2). Aber ich will den Herrn
Christum preisen, welcher viel Geduld mit uns hat;
er unterweiset uns mit seiner göttlichen Gnade, er
erzeigt allen Menschen Liebe nach der Art Gottes, sei-
nes himmlischen Vaters, was keiner von den falschen
Propheten tun kann.
Hierauf müssen wir den Unterschied wahrneh-
men, denn die Schafe Christi suchen die Ehre Gottes
(Joh 10,2), diese erwählen sie und lassen sich davon
weder durch Habe noch zeitliches Vermögen abhalten,
denn sie stehen unter dem Schutze Christi. Der Herr
Christus zwingt niemanden zu seiner Herrlichkeit,
sondern nur diejenigen, die willig und bereit sind,
gelangen dazu durch den wahren Glauben und die
Taufe. Wenn ein Mensch rechtschaffene Früchte der
Buße wirkt (Apg 2,38), so ist ihm der Himmel der ewi-
gen Freude aus Gnaden durch Christum, durch sein
unschuldiges Blutvergießen erkauft worden, welches
er gern vergossen hat. Dann beweist er uns seine Liebe
und teilt uns die Kraft seines Geistes mit; und wer die-
selbe empfängt und ausübt, der wächst und wird voll-
kommen in Gott. Die Liebe durch Christum soll allein
gelten und bestehen, aber nicht das Pochen, Schelten
und Drohen. Nichts als die Liebe ist es, woran Gott
ein Wohlgefallen hat; wer die Liebe nicht beweisen
kann, der findet bei Gott keinen Raum. Die lautere
Liebe Christi wird hier den Feind vertreiben. Wer ein
Miterbe Christi sein will, dem wird auch vorgelegt,
dass er barmherzig sein müsse (Lk 6,36), gleichwie
der himmlische Vater barmherzig ist. Christus hat
niemals jemanden angeklagt, gleichwie die falschen
Lehrer zu dieser Zeit tun, woraus hervorgeht, dass
sie die Liebe Christi nicht haben und sein Wort nicht
verstehen; gleichwohl wollen sie Hirten und Lehrer
sein; aber endlich werden sie verzagen müssen, wenn
sie es gewahr werden, dass die ewige Pein ihr Lohn
sein wird, wenn sie sich nicht bessern. Christus hat
niemals jemanden gehasst; deswegen hassen seine
rechten Diener auch niemanden und folgen dadurch
Christo auf dem rechten Wege nach, auf welchem er
vorangegangen ist. Dieses Licht des Lebens haben sie
vor sich und freuen sich, darin zu wandeln (Joh 8,12).
Diejenigen aber, welche gehässig und neidisch sind,
können keine Christen sein; die auf boshafte Weise
verraten, anklagen, schlagen und zanken. Dieses sind
diejenigen, die als Diebe und Mörder Christo vorlau-
fen (Joh 10,1), die unter einem falschen Schein unschul-
diges Blut vergießen, denn daran kann man sie erken-
nen, die es nicht mit Christo halten; denn sie zerstören
aus Neid die Ordnung Jesu Christi, als Belials Kinder,
gleichwie auch Kain seinem Bruder Abel getan hat
(IMo 4,8), als Gott sich zu Abels Opfer kehrte. Hiermit
will ich meine Vorstellung endigen und begehre von
allen Frommen, dass sie an den Fall Adams denken
(IMo 3,8), welcher den Rat der Schlange angenommen
hat und Gott ungehorsam geworden ist, weshalb ihm
die Todesstrafe folgte. In gleicher Weise wird es denen
auch ergehen, die Christum nicht annehmen, sondern
sich ihm widersetzen; die diese Welt lieben und keine
Liebe zu Gott haben (Joh 5,42 ; ljoh 2,15) und deshalb
schließe ich hiermit, dass ich standhaft bei Christo
bleibe und auf ihn trauen will, der alle meine Not
kennt und mich daraus erretten kann, Amen.
Georg Wagner, 1527.
Georg Wagner von Emmerich ist zu München im
Bayerlande, wegen vier Glaubensartikeln gefänglich
eingezogen worden. Sie bestehen in Folgendem: Erst-
lich, dass die Pfaffen den Menschen die Sünden nicht
vergeben könnten (Mt 6,12); zweitens, dass er nicht
glaube, dass ein Mensch Gott vom Himmel brin-
gen möge (Jes 66,1); drittens, dass er nicht glaube,
dass Gott oder Christus leiblicher Weise im Brot sei
(Apg 1,11), welches der Pfaffe vor dem Altar hat, son-
dern, dass es ein Brot des Herrn sei; viertens, dass er
nichts von dem Glauben halte, dass die Wassertau-
fe selig mache (IPt 3,21). Weil er nun diese Artikel
nicht widerrufen wollte, so ist er scharf gepeinigt wor-
den, so dass auch der Fürst mit ihm großes Mitleiden
gehabt, auch selbst persönlich zu ihm ins Gefängnis
gekommen ist und ihn fleißig zum Widerruf ermahnt
und ihm in diesem Fall verheißen hat, dass er ihn
stets seinen Freund nennen wollte. Desgleichen hat
ihn auch des Fürsten Hofmeister ernstlich zum Wi-
derruf ermahnt und ihm viele Verheißungen getan.
Zuletzt hat man ihm im Gefängnis sein Weib und
Kind vor Augen gestellt, um ihn zum Widerruf zu be-
wegen, aber er hat sich dadurch nicht bewegen lassen,
sondern gesagt: Obgleich ihm sein Weib und Kind lieb
wären, dass auch der Fürst mit seinem ganzen Lan-
de sie ihm nicht abkaufen könnte, so wollte er doch
38
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
um deswillen seinen Herrn und Gott nicht verlassen.
Außerdem sind auch viele Pfaffen und auch ande-
re zu ihm gekommen, um ihn zu überreden; aber er
war standhaft und imbeweglich in demjenigen, was
Gott ihm zu erkennen gegeben hat. So ist er denn
endlich zum Feuer und zum Tode verurteilt worden.
Als er nun dem Scharfrichter übergeben war und mit-
ten in die Stadt geführt wurde, sprach er: Heute will
ich meinen Gott, für Christus Jesus bekennen, dass
eine solche Freude in aller Welt ist. Sein Angesicht
ist nicht erblasst, auch haben sich seine Augen nicht
verändert; er ist mit lächelndem Munde zum Feuer
gegangen, worauf ihn der Scharfrichter an eine Leiter
gebunden und ihm ein Säcklein Schießpulver an den
Hals gehängt hat, zu welchem er sprach, das geschehe
im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes; und als er mm mit lächelndem Munde von
einem Christen Abschied genommen, so ist er von
dem Scharfrichter ins Feuer gesteckt worden und hat
seinen Geist, den 8. Tag des Februar im Jahre 1527, auf-
geopfert. Als aber der Landrichter mit dem Zunamen
der Eisenreich von Landsberg, von dem Richtplatz
nach Hause ritt und des Willens war, seiner Glaubens-
genossen noch mehrere zu fangen, ist er plötzlich in
derselben Nacht gestorben und des Morgens im Bett
tot gefunden und folglich durch den Zorn Gottes aus
dieser Welt genommen worden.
Baltazar Pacimontanus, 1527.
Es ist bekannt, dass Baltazar Pacimontanus der Kin-
dertaufe widersprochen habe und um deswillen im
Jahre 1527 zu Wien verbrannt worden sei. Siehe im
2. Teil der Taufsgesch. Jac. Mehrn., gedruckt 1646 und
1647, Pag. 777, aus Bellarm. Tom. 9, Buch 1, von der
Taufe, Cap. 8.
Melchior Vet.
Dieser Melchior Vet ist des Georg Blaurocks Mitgesel-
le gewesen, welcher gleichen Glauben mit ihm hatte;
derselbe ist zu Michael Sattlers Zeit um des Zeugnis-
ses des Glaubens und der göttlichen Wahrheit willen,
welche er ohne Scheu bekannte, zu Drache öffentlich
verbrannt worden.
Michael Sattler, 1527.
Nachdem auf den Tag seines Abschiedes aus dieser
Welt vieles verhandelt wurde und der Artikel viele
waren, so begehrte Michael SattlerQ dass man ihm
solches noch einmal vorlegen und ihn aufs Neue dar-
über verhören sollte. Dagegen hat sich der Schultheiß,
als seines Herrn Statthalter, opponiert und es nicht
zugeben wollen. Hierauf hat Michael Sattler ein Ge-
spräch begehrt. Als nun die Richter sich hierüber be-
ratschlagten, so haben sie ihm zur Antwort gegeben:
Die Richter seien damit wohl zufrieden, insofern es
seine Widersacher zulassen würden. Hierauf hat der
Stadtschreiber von Ensisheim, des erwähnten Statthal-
ters Advokat, folgendes gesagt: Vorsichtige, ehrsame
und weise, Herren! Er hat sich des Heiligen Geistes
gerühmt; wenn dem nun so ist, so halte ich ein Ge-
spräch nicht für nötig, denn wenn er den Heiligen
Geist hat, wie er sich dessen rühmt, so wird derselbe
es ihm wohl sagen, was da verhandelt worden sei.
Hierauf hat Michael Sattler geantwortet: Ihr Diener
Gottes (Weish 6,4; Rom 13,4), ich hoffe, es wird mir sol-
ches nicht abgeschlagen werden; denn die fraglichen
Artikel sind mir jetzt unbekannt. Der Stadtschreiber
antwortete: Vorsichtige, ehrsame und weise Herren!
Obgleich wir nicht schuldig sind, ihm solches zu tun,
so wollen wir es ihm gewähren, damit in seiner Ket-
zerei nicht gesagt werden möge, es sei ihm Unrecht
geschehen oder man habe ihm zu viel getan; darum
wollen wir die Artikel abermals vorlesen.
Die Artikel bestehen darin: Erstens, dass er und
seine Anhänger gegen des Kaisers Gebot gehandelt
haben.
Zweitens hat er gelehrt, behauptet und geglaubt,
dass in dem Sakramente der Leib und das Blut Christi
nicht enthalten sei.
Drittens hat er gelehrt und geglaubt, dass die Kin-
dertaufe zur Seligkeit nicht erforderlich sei.
Viertens hat er das Sakrament des Öls verworfen.
Fünftens hat er die Mutter Gottes und die Heiligen
verachtet und geschmäht.
Sechstens hat er gesagt, man soll vor der Obrigkeit
nicht schwören.
Siebtens hat er einen neuen unerhörten Gebrauch
mit des Herrn Abendmahl angefangen, indem er Brot
und Wein in eine Schüssel gelegt und dasselbe ausge-
gessen hat.
Achtens ist er aus dem Orden gegangen und hat
ein Weib geehelicht.
Neuntens hat er gesagt, wenn der Türke ins Land
käme, so sollte man ihm keinen Widerstand leisten
und wenn das Kriegführen recht wäre, so wollte er lie-
ber gegen die Christen zu Felde ziehen als gegen die
dieser ist gleichfalls einer von den waldensischen Brüdern gewe-
sen, wie es Jacob Mehrning beschreibt, Taufgeschichte, 2. Teil in
der hochdeutschen Auflage, gedruckt zu Dortmund 1646, 1647,
Pag. 748.
39
Türken, was aber eine wichtige Sache ist, den größten
Feind unseres heiligen Glaubens gegen uns herbeizu-
ziehen.
Hierauf hat Michael Sattler mit seinen Brüdern und
Schwestern zu reden verlangt, was ihm auch zuge-
standen worden ist. Als er nun in der Kürze sich
mit ihnen unterredet hatte, hat er angefangen, uner-
schrocken so zu antworten: Auf diese Artikel, welche
mich und meine Brüder und Schwestern betreffen,
vernehmt folgenden kurzen Bescheid:
Erstens, dass wir gegen den kaiserlichen Befehl ge-
handelt haben sollten, gestehen wir nicht zu, denn
derselbe hält in sich, dass man nicht der lutherischen
Lehre und Verführung, sondern nur dem Evangelium
und Worte Gottes anhangen soll; solches haben wir
gehalten, denn es ist mir nicht bewusst, dass wir ge-
gen das Evangelium und das Wort Gottes gehandelt
haben sollten; ich berufe mich in dieser Beziehung auf
die Worte Christi.
Zweitens, dass der wesentliche Leib des Herrn
Christi nicht im Sakramente sei, gestehen wir, denn
die Schrift sagt: Christus ist aufgefahren gen Himmel
(Apg 1,9), sitzet zur rechten Hand seines himmlischen
Vaters, von da er kommen wird zu richten die Leben-
digen und die Toten (2 Tim 4,1); daraus folgt, dass er
nicht in leiblicher Weise gegessen werden könne, weil
er im Himmel und nicht im Brote ist.
Drittens, was die Taufe betrifft, so sagen wir, dass
die Kindertaufe zur Seligkeit nichts nütze, denn es
steht geschrieben, dass wir allein aus dem Glauben
leben (Rom 1,17); desgleichen, wer glaubt und getauft
wird, der wird selig werden (Mk 16,16). So sagt Petrus:
»Welches euch nun auch selig macht in der Taufe, die durch
jenes bedeutet ist, nicht das Abtun des Unflats am Fleische,
sondern der Bund eines guten Gewissens mit Gott durch
die Auferstehung Christi.« (IPt 3,21)
Viertens wir haben das Öl nicht verworfen, denn es
ist ein Geschöpf Gottes; was aber Gott gemacht hat, ist
gut und nicht verwerflich (IMo 1,31; lTim 4,4); dass es
aber der Papst, nebst seinen Bischöfen, Mönchen und
Pfaffen haben besser machen wollen, davon halten
wir nichts, denn der Papst hat niemals etwas Gutes
gemacht. Dasjenige aber, dessen der Sendbrief des
Jakobus gedenkt (Jak 5,14), ist nicht des Papstes Öl.
Fünftens, wir haben die Mutter Gottes und die Hei-
ligen niemals geschmäht, sondern man soll die Mutter
Christi über alle Frauen rühmen, indem ihr die Gnade
widerfahren ist, dass sie den Seligmacher der Welt
geboren hat (Lk 1,31; Mt 1,21); dass sie aber die Mitt-
lerin oder Fürsprecherin sein soll, davon weiß die
Schrift nichts (lTim 2,5), denn sie muss mit uns das
Urteil erwarten. Paulus sagt zu Timotheus: Christus
ist unser Mittler und Fürsprecher bei Gott. Was die
Heiligen betrifft, so sagen wir, dass wir, die wir leben
und glauben, die Heiligen seien; solches bezeuge ich
mit den Sendbriefen des Paulus an die Römer, Ko-
rinther (IKor 1,2), Epheser (Eph 1,1) und an andern
Orten schreibt er stets: den geliebten Heiligen. Darum
sind wir, die da glauben, die Heiligen, diejenigen aber,
welche im Glauben gestorben sind, halten wir für die
Seligen (Offb 14,13).
Sechstens halten wir dafür, dass man vor der Ob-
rigkeit nicht schwören soll (Mt 5,34; Jak 5,12), denn
der Herr sagt: Ihr sollt aller Dinge nicht schwören,
sondern eure Worte seien: Ja, ja. Nein, nein.
Siebtens, als mich Gott berief, sein Wort zu verkün-
digen und ich Paulus las, dabei aber den unchristli-
chen und gefährlichen Stand, worin ich mich befand,
überlegte und der Mönche und Pfaffen Pracht, Hoff-
art, Wucher und große Hurerei ansah, so habe ich
solches verlassen und nach dem Befehl Gottes ein
Weib genommen (IKor 7,2), denn Paulus hat hiervon
an Timotheus recht geweissagt: Dass es in den letzten
Tagen geschehen würde, dass man verbiete, ehelich
zu werden und die Speise meiden, die Gott geschaffen
hat mit Danksagung zu genießen (lTim 4,3).
Achtens gestehe ich, gesagt zu haben: Wenngleich
der Türke käme, so solle man ihm keinen Widerstand
tun, denn es steht geschrieben: Du sollst nicht töten
(2Mo 20,13); wir sollen uns gegen den Türken und
unsere übrigen Verfolger nicht wehren, sondern mit
ernstlichem Gebet (Mt 7,7) bei Gott anhalten, dass
er sie zurücktreiben und ihnen Widerstand tun wol-
le. Dass ich aber gesagt habe, wenn das Kriegführen
recht wäre, so wollte ich lieber gegen die sogenann-
ten Christen ausziehen, welche die frommen Christen
verfolgen, fangen und töten, als gegen die Türken, ist
deshalb geschehen: Der Türke ist ein rechter Türke,
weiß nichts von dem christlichen Glauben und ist ein
Türke dem Fleische nach; ihr aber wollt Christen sein
und rühmet euch Christi, aber ihr verfolgt die from-
men Zeugen Christi und seid Türken dem Geiste nach
(Tit 1,16).
Zum Beschlüsse: Ihr Diener Gottes, ich ermahne
euch, ihr wollt überlegen, dass ihr von Gott einge-
setzt seid, den Bösen zu strafen, den Frommen aber
zu schützen und zu schirmen. Weil wir nun nicht ge-
gen Gott und das Evangelium gehandelt haben, so
werdet ihr auch finden, dass wir uns nicht, weder ich,
noch meine Brüder und Schwestern, mit Worten oder
Werken an der Obrigkeit vergangen haben (Rom 13,4;
Apg 25,8). Darum, ihr Diener Gottes, wenn ihr das
Wort Gottes nicht gehört oder gelesen habt, so schickt
nach den Gelehrtesten und nach den göttlichen Bü-
chern, der Bibel, aus welchem Lande sie auch sein
mögen und lasst dieselben mit uns über das Wort Got-
40
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
tes eine Unterredung halten und wenn uns dieselbe
mit der Heiligen Schrift beweisen, dass wir irren und
Unrecht haben, so wollen wir gerne davon abstehen
und einen Widerruf tun, auch das Gericht annehmen
und die Strafe dafür, weshalb wir angeklagt sind, ger-
ne leiden (Apg 25,11)- Wenn wir aber keines Irrtums
überwiesen werden, so hoffe ich zu Gott, dass ihr euch
bekehren und unterrichten lassen werdet.
Uber diese Reden lachten die Richter und steckten
die Köpfe zusammen, der Stadtschreiber von Ensis-
heim aber sprach: Ja, du ehrloser, verzweifelter Bö-
sewicht und Mönch, sollte man sich wohl in einen
Wortstreit mit dir einlassen! Ja, der Scharfrichter soll
mit dir disputieren, glaube es mir gewiss. Michael
sagte: Was Gott will, soll geschehen (Mt 6,10). Der
Stadtschreiber sprach: Es wäre gut, du wärest niemals
geboren worden. Michael antwortete: Gott weiß, was
gut ist. Der Stadtschreiber entgegnete: Du Erzketzer,
du hast die frommen Leute verführt, aber wenn sie
nur noch jetzt von ihrem Irrtum abließen und Gna-
de annähmen. Michael: Gnade ist allein bei Gott. Da
sprach auch einer der Gefangenen: Man muss von
der Wahrheit nicht abweichen. Der Stadtschreiber:
Du verzweifelter Bösewicht und Erzketzer, ich sage
dir, wenn kein Scharfrichter zugegen wäre, so woll-
te ich dich selbst aufhängen, in der Meinung, dass
ich Gott damit einen Dienst erweisen würde (Joh 16,2;
IKor 4,5). Michael: Gott wird wohl richten. Hierauf hat
der Stadtschreiber einige Worte mit ihm in Latein ge-
redet, ohne zu wissen was. Michael Sattler antwortete
ihm hierauf: Judica. Hierauf hat der Stadtschreiber
die Richter ermahnt und gesagt: Er hört heute von
diesem Geschwätz nicht auf, darum wolle der Herr
Richter in dem Urteil fortfahren; ich will alles den
Rechten übergeben haben. Der Richter fragte Michael
Sattler, ob er es auch den Rechten überließe, worauf
er antwortete: Ihr Diener Gottes, ich bin nicht gesandt,
um über das Wort Gottes zu rechten; wir sind gesandt,
um dasselbe zu bezeugen, darum können wir in kein
Recht einwilligen, denn wir haben dazu keinen Befehl
von Gott erhalten. Wenn wir aber den Rechten nicht
entgehen können, so sind wir bereit, um des Wortes
Gottes willen alles zu leiden, was uns zu leiden auf-
erlegt wird, oder um des Glaubens willen an Jesum
Christum, unsern Seligmacher, auferlegt werden mag,
solange als wir einen Atem in uns haben (Hi 27,3),
es wäre denn, dass wir mit der Schrift überwiesen
werden. Der Stadtschreiber sagte: Der Scharfrichter
wird dich wohl überweisen! Er wird mit dir disputie-
ren, du Erzketzer. Michael: Ich berufe mich auf die
Schrift. Hierauf sind die Richter aufgestanden, in ei-
ne andere Kammer gegangen und haben sich wohl
an anderthalb Stunden darin aufgehalten, während
welcher Zeit sie das Todesurteil beschlossen haben.
Unterdessen sind einige in der Kammer mit dem
Michael Sattler sehr unbarmherzig umgegangen und
haben ihn geschmäht; einer derselben sprach: Was
hast du an dir und den andern ersehen, dass du sie
so verführt hast? Auch hat er ein Schwert gezogen,
welches auf der Tafel lag und gesagt: Siehst du, damit
soll man gegen dich disputieren. Michael aber antwor-
tete nicht auf die Worte, welche seine Person betrafen
(Mt 27,14), sondern hat alles willig erduldet. Einer der
Gefangenen sprach: Man muss die Perlen nicht vor
die Schweine werfen (Mt 7,6).
Als Michael auch gefragt ward, warum er nicht ein
Herr im Kloster geblieben wäre, hat er geantwortet:
Nach dem Fleische war ich ein Herr, aber es ist so
besser. Er hat auch nichts weiter geredet, als was an-
geführt ist - und dasselbe unerschrocken.
Als nun die Richter wieder in die Kammer kamen,
hat man das Todesurteil Vorgelegen, welches so lautet:
Zwischen Kais. Majestät Statthalter und Michael Satt-
ler ist zu Recht erkannt worden, dass man Michael
Sattler dem Scharfrichter in die Hände geben soll; der-
selbe soll ihn auf den Platz führen und ihm die Zunge
abschneiden, ihn dann auf seinen Wagen schmieden
und seinen Leib daselbst zweimal mit glühenden Zan-
gen reißen; und endlich soll man ihn vor das Stadttor
bringen und ihm daselbst fünf Griffe geben.
Das Urteil ist in dieser Weise vollzogen worden,
worauf er als Ketzer zu Asche verbrannt worden ist,
seine Mitbrüder sind durch das Schwert gerichtet und
die Schwestern ertränkt worden. Sein Weib aber, nach-
dem man sie sehr gebeten, ermahnt, bedroht hat, ist
nach einigen Tagen auch in großer Standhaftigkeit
ertränkt worden. Geschehen den 21. Mai 1527.
Ein Sendbrief Michael Sattlers, aus seinem
Gefängnisse an die Gemeinde Gottes in Horb
geschrieben.
Meine lieben Mitgenossen in dem Herrn! Gnade und
Barmherzigkeit von Gott, dem himmlischen Vater,
durch Jesum Christum, unsern Herrn und die Kraft
seines Geistes sei mit euch, Geliebte Gottes, Brüder
und Schwestern!
Ich kann eurer nicht vergessen (Kol 2,5), obgleich
ich dem Leibe nach nicht gegenwärtig bin; dennoch
sorge und wache ich stets für euch, als meine Mit-
glieder, damit nicht der Leib entzogen oder geraubt
werde und dann der ganze Leichnam mit allen Glie-
dern Traurigkeit empfange, insbesondere zu dieser
Zeit, wo der Grimm des reißenden Wolfes sehr hoch
gestiegen und mächtig geworden ist, so dass er auch
mich erwecket hat, um mit ihm zu streiten. Aber Gott
41
sei ewig Lob, das Haupt ist ihm ganz zerspalten; ich
hoffe, sein ganzer Leib wird ihm in Kurzem vergehen,
wie geschrieben steht.
Liebe Brüder und Schwestern! Ihr wisst wohl, mit
welcher feurigen Liebe ich euch neulich ermahnt ha-
be, als ich bei euch war, dass ihr lauter und gottselig
in aller Geduld und Liebe Gottes sein solltet, wor-
an ihr unter diesem ehebrecherischen Geschlecht der
gottlosen Menschen als leuchtende und scheinende
Lichter erkannt werden möget (Mt 5,15), welche Gott,
der himmlische Vater, mit seiner Erkenntnis und dem
Lichte des Geistes erleuchtet hat. Mit gleichem Ei-
fer bitte und ermahne ich euch, dass ihr gewiss und
vorsichtig unter denen wandelt, die draußen sind als
Ungläubige, damit unser Amt, welches uns Gott auf-
erlegt hat, nicht geschmäht und mit Recht gelästert
werde (Tit 2,2).
Gedenkt des Herrn, welcher euch den Groschen
gegeben hat, denn er wird ihn mit Wucher wieder
fordern (Mt 25,19); damit euch der einzige Groschen
nicht wieder genommen werde, leget ihn auf Wucher,
nach dem Befehle des Herrn, der euch den Groschen
gegeben hat.
Ich bezeuge euch durch die Gnade Gottes, dass ihr
wacker seid und wandelt, wie es den Heiligen Gottes
geziemt und wohl ansteht (Röm 12,1). Seht, welche
Strafe der Herr über die unnützen Knechte kommen
lässt, nämlich über ganz laue und träge Herzen, wel-
che zu Gottes und der Brüder Liebe ganz ungeschickt
und kalt sind. Was ich schreibe, ist euch widerfahren.
Lasst euch solches zur Ermahnung dienen (Röm 16),
damit nicht auch gleiche Strafe von Gott über euch
kommen möge. Hütet, hütet euch vor solchen, damit
ihr nicht auch ihre Gräuel lernt, die gegen Gottes Be-
fehl und Gebot handeln, sondern straft dieselben mit
großem Bedacht und mit dem Bann nach dem Befehl
Christi, doch in aller Liebe und in allem Mitleiden
über ihre kalten Herzen. Wenn ihr dieses tun werdet,
so werdet ihr bald sehen, wie Gottes Schäflein bei den
Wölfen wohnen (Apg 20,29) und werdet wahrnehmen,
wie sich diejenigen bald absondern werden, welche
nicht auf den rechten Fußpfaden und den lebendi-
gen Wegen Christi durch Kreuz, Elend, Gefängnis,
Selbstverleugnung und zuletzt durch den Tod wan-
dern wollen; dann könnt ihr euch in Wahrheit Gott,
eurem himmlischen Vater als eine reine, gottselige,
lautere Gemeinde Christi vorstellen, welche durch
sein Blut gereinigt ist, damit sie vor Gott und den
Menschen heilig und unsträflich von aller Abgötte-
rei und Gräuel geschieden und erlöst sei (Eph 5,26),
damit der Herr aller Herren in ihnen wohnen und
sie ihm eine Hütte sein möge. Liebe Brüder! Beher-
zigt, was ich euch schreibe, als ob es die Wahrheit sei.
und wendet Fleiß an, dass ihr darnach wandelt. Ent-
fernt euch nicht von dem Ziel, wie bisher einige getan,
sondern verfolgt, ohne abzuweichen, den geraden
Weg in aller Geduld, damit ihr nicht selbst das Kreuz,
welches Gott euch aufgelegt, Gott zur Schmach und
Unehre, wie auch zur Übertretung und Auflösung
seiner ewigen, wahrhaftigen, gerechten und lebendig
machenden Gebote aufhebt und wieder ablegt.
Werdet nicht müde, wenn ihr von dem Herrn ge-
straft werdet, denn diejenigen, die Gott lieb hat, züch-
tigt er, wie ein Vater, der ein Wohlgefallen an seinem
Sohne hat. Was wollet ihr doch anfangen, wenn ihr
Gott entfliehen wollt? Was wird es euch helfen, wenn
ihr Gott entlaufen wollt? Ist es nicht Gott, welcher
Himmel und Erde erfüllt? Weiß er nicht alle Heim-
lichkeiten eurer eitlen Herzen und die Unkeuschheit
eurer Nieren? Alles, was darin ist, ist ihm offenbar
und es ist ihm kein Ding verborgen. Du eitler Mensch!
Wohin willst du doch laufen, dass dich Gott nicht
sehe? Warum fliehst du vor der Rute deines Vaters
(Hehr 12,8)? Wirst du dich nicht nach dem Willen des
Vaters führen lassen, so wirst du kein Erbe seiner Gü-
ter sein; warum liebst du mehr die kurze und ver-
gängliche Ruhe, als die gottselige, mäßige Strafe und
Züchtigung des Herrn zu deiner Seligkeit? Wie lange
willst du essen aus den Töpfen Ägyptens? Wie lan-
ge willst du fleischlich gesinnt sein (Röm 8,8)? Das
Fleisch vergeht samt aller seiner Herrlichkeit, aber
das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. Liebe Brüder,
merkt was ich euch schreibe, denn es ist nötig, weil
ihr seht, dass ihrer wenige sind, die des Herrn Züchti-
gung standhaft ertragen wollen! Wogegen die meisten
Menschen, wenn sie etwas Geringes am Fleische emp-
finden, matt und müde werden und nicht mehr auf
Jesum, den Herzog und Vollender unseres Glaubens
sehen (Hebr 13,8); ebenfalls vergessen sie alle seine
Gebote und achten das Kleinod nicht hoch, welches
der Ruf Gottes den Überwindern überall vorhält und
verheißt, sondern sie achten die zeitliche Ruhe, die sie
vor Augen haben, mehr und halten sie für nützlicher
als die ewige, die man hoffen muss. Außerdem gibt
es einige, die, wenn ihnen solches vorgehalten wird,
Gott wiewohl mit Unrecht beschuldigen, als wollte er
sie nicht in seinem Schutze erhalten. Ihr wisst, welche
ich meine, seht euch vor, dass ihr mit solchen keine
Gemeinschaft habt.
Ferner, geliebte Mitglieder in Christo, seid ermahnt,
dass ihr die Liebe nicht vergesst, ohne welche ihr kein
christliches Häuflein sein könnt. Ihr wisst aus dem
Zeugnisse des Paulus, unserem Mitbruder, was die
Liebe sei, welcher so spricht: »Die Liebe ist langmütig
und freundlich, sie eifert nicht, sie bläht sich nicht auf
sie ist nicht ehrgeizig, sie sucht nicht das Ihre, sie denkt
42
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
nichts Arges, sie hat keine Freude an der Ungerechtigkeit,
sondern erfreut sich in der Wahrheit; sie leidet alles, sie
erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles.« (IKor 13, 4—
6) Merkt auf diese Sprüche, so werdet ihr die Liebe
Gottes und des Nächsten finden und wenn ihr Gott
liebt, so werdet ihr euch an der Wahrheit erfreuen und
alles glauben, hoffen, ertragen was von Gott kommt.
Auf solche Weise wird der vorerwähnte Mangel hin-
weggenommen und vermieden. Wenn ihr aber den
Nächsten liebt, so werdet ihr nicht mit Eifer strafen
oder bannen, nicht das Eurige suchen, nichts Arges
denken, nicht ehrgeizig und zuletzt nicht aufgeblasen,
sondern barmherzig, gerecht, mildreich in allerlei Ga-
ben, demütig und mitleidig mit den Schwachen und
Unvollkommenen sein (Gal 5).
Diese Liebe haben einige Brüder (ich weiß wohl,
wer sie sind) verfälscht und haben einander nicht
durch die Liebe auferbauen wollen, sondern haben
sich aufgeblasen und sind durch eitle Wissenschaft
und Erkenntnis der Dinge unnütz geworden, welche
Gott allein für sich selbst verborgen halten will. Ich
bestrafe oder verwerfe nicht die Gnade und Offenba-
rung Gottes, sondern nur die hochmütigen Gebräuche
dieser Offenbarung. Was nützt es, sagt Paulus, wenn
jemand mit Menschen- und Engelszungen redete und
wüsste alle Geheimnisse und Weisheit und hätte allen
Glauben, sagt, was nützt dieses alles, wenn die einige
Liebe nicht im Gebrauche ist? Ihr habt es erfahren,
was dergleichen aufgeblasene Reden und Unwissen-
heit nach sich gezogen hat; ihr seht noch täglich ihre
falschen Früchte, obgleich sie sich Gott übergeben
haben.
Und lasst euch durch niemand den Grund ver-
rücken, welcher durch den Buchstaben der Heiligen
Schrift gelegt und mit dem Blute Christi und vieler
Zeugen Jesu versiegelt ist. Vernehmt nicht dasjenige,
was sie von ihrem Vater sagen, denn er ist lügenhaft
und glaubt ihrem Geiste nicht, denn er ist ganz im
Fleische versunken. Überlegt, was ich euch schreibe,
lasst euch diese Dinge zu Herzen gehen, damit ihr von
diesem Gräuel gereinigt und als fruchtbare, demütige
und gehorsame Kinder Gottes erfunden werden mögt.
Liebe Brüder! Verwundert euch nicht, dass ich diese
Dinge so nachdrücklich verhandle, denn es geschieht
nicht ohne Grund. Die Brüder haben es euch sicher-
lich bekannt gemacht, dass einige von uns gefangen
seien; und als man die Brüder zu Horb ebenfalls gefan-
gen genommen, hat man uns nachher nach Bintzdorf
geführt. In dieser Zeit sind uns viele Anschläge der
Widersacher begegnet; bald haben sie uns mit dem
Strick, bald mit Feuer oder dem Schwert gedroht. In
solcher Gefahr habe ich mich ganz in des Herrn Wil-
len gegeben und mich um seines Zeugnisses willen
mit allen meinen Mitbrüdern und meiner ehelichen
Schwester zum Tode bereitet; dabei gedachte ich der
Menge der falschen Brüder und auch eurer, deren nur
wenige sind, weil überhaupt nur wenige treue Arbei-
ter in des Herrn Weinberg sind (Mt 9,37); darum habe
ich für nötig erachtet, euch mit solcher Ermahnung
aufzumuntern, um uns in dem Streite Gottes nachzu-
folgen, damit ihr euch damit trösten und in des Herrn
Züchtigung nicht müde werden mögt.
Mit kurzen Worten, liebe Brüder und Schwestern!
Dieser Brief soll ein Abschied von euch allen sein, die
Gott wahrhaftig lieb haben und ihm nachfolgen (die
andern kenne ich nicht), sowie ein Zeugnis meiner Lie-
be gegen euch sein, welches Gott um eurer Seligkeit
willen in mein Herz gelegt hat. Ich hätte wohl noch ei-
ne kurze Zeit des Herrn Arbeit bedienen mögen, und
es wär auch (wie ich hoffe) nützlich gewesen, aber um
meinetwillen ist es besser, entbunden zu werden und
bei Christo die Hoffnung der Seligen zu erwarten. Der
Herr kann ihm wohl einen andern Arbeiter erwecken,
der seine Arbeit vollende.
Bittet, dass die Arbeiter zur Ernte genötigt werden,
denn die Zeit des Dreschens ist nahe (Lk 10,2); der
Gräuel der Zerstörung ist unter euch offenbar gewor-
den, die auserwählten Knechte und Mägde Gottes
werden mit ihres Vaters Namen an ihren Stirnen ge-
zeichnet; die Welt erhebt sich gegen diejenigen, wel-
che von ihrer Verführung erlöst sind; das Evangelium
wird vor aller Welt bezeugt, zum Zeugnis über sie,
darum ist es nötig, dass des Herrn Tag nicht verziehe.
Ihr wisst, meine geliebten Mitglieder, wie es sich ge-
zieme, sich selbst gottselig und christlich aufzuführen.
Seht zu, wacht und betet, damit eure Weisheit euch
kein Urteil zuziehe; haltet an im Gebet (ITh 5,17), da-
mit ihr vor des Menschen Sohn würdig stehen mögt;
gedenkt an euern Vorläufer Jesum Christum und folgt
ihm nach durch den Glauben und Gehorsam mit Lie-
be und Geduld; vergesst, was fleischlich ist, damit
ihr in der Wahrheit Christen und Kinder des höchs-
ten Gottes genannt werden möget (IPt 2,12); haltet
in der Züchtigung eures Vaters im Himmel aus und
weicht weder zur Rechten noch zur Linken aus, da-
mit ihr durch die Türe eingehen mögt (Joh 10,1) und
damit ihr nicht nötig habt, auf einem fremden Pfad zu
wandeln, welchen die Sünder, Zauberer, Götzendie-
ner und ein jeder, der die Lüge lieb hat, gehen müssen
(Offb 22,15). Gedenkt unserer Versammlung und was
darin beschlossen worden; folgt diesem fleißig nach,
und wenn noch etwas vergessen wäre so bittet den
Herrn um Verstand; seid mildreich gegen alle, die un-
ter euch Mangel leiden (Hebr 13,2), insbesondere aber
gegen diejenigen, die unter euch mit dem Worte arbei-
ten und verjagt werden und ihr Brot in der Stille und
43
Ruhe nicht essen können; vergesst die Versammlun-
gen nicht, sondern wendet Fleiß an, dass ihr beständig
zusammenkommt (Hebr 10,25) und euch, sowohl im
Gebet für alle Menschen, als im Brotbrechen vereinigt
und zwar um so fleißiger, als des Herrn Tag nahe ist.
In solcher Zusammenkunft sollt ihr der falschen Brü-
der Herz offenbar machen, so werdet ihr ihrer bald
loswerden.
Zuletzt, liebe Brüder und Schwestern, heiligt euch
dem, der euch heilig gemacht hat und vernehmt, was
Esra sagt: »Erwartet eures Hirten, er wird euch ewige
Ruhe geben, denn er ist nahe, welcher am Ende der Welt
kommen wird. Seid bereit, die Belohnung seines Reiches
zu empfangen, flieht den Schatten dieser Welt; steht auf
und seht die Zahl derer, die zu dem Abendmahl des Herrn
gezeichnet sind, denn diejenigen, welche sich der Finsternis
der Welt entzogen haben, haben von dem Herrn glänzende
Kleider empfangen. O Zion! Nimm deine Zahl und behal-
te deine Gezeichneten, die des Herrn Gesetz erfüllt haben,
denn die Zahl der Kinder, die du begehret hast, ist erfüllt.
Auf dem Berge Zion habe ich eine große Schar gesehen,
welche niemand zählen konnte, die lobten alle den Herrn
mit Lobgesängen. Und mitten unter ihnen war ein Jüng-
ling, der mit seiner Länge alle überging und einem jeden
eine Krone auf das Haupt setzte und immer größer ward;
ich aber verwunderte mich hierüber und fragte den En-
gel und sprach: Herr, wer sind diese? Er antwortete und
sprach: Diese sind's, die das sterbliche Kleid abgelegt und
das unsterbliche angetan und den Namen Gottes bekannt
haben; jetzt werden sie gekrönt und Palmzweige empfan-
gen. Weiter fragte ich den Engel: Wer ist aber der Jüngling,
der ihnen die Krone aufsetzt und ihnen Palmzweige in die
Hand gibt? Und er sprach zu mir: Er ist der Sohn Gottes,
welchen sie in der Welt bekannt haben; ich aber fing an, die-
jenigen höchlich zu preisen, ivelche so fest für den Namen
des Herrn standen.«
Ich ermahne euch, geliebte Mitglieder des Leibes
Christi, haltet, was ich in dieser Schrift vorgestellt
habe und lebt darnach; wenn ich dem Herrn aufge-
opfert werde, so lasst euch meine eheliche Schwester
anbefohlen sein, als ob ich's selbst wäre. Der Friede
Christi und die Liebe des himmlischen Vaters, wie
auch die Gnade ihres Geistes bewahre euch unbe-
fleckt ohne Sünde und stelle euch rein und fröhlich
vor das Anschauen ihrer Herrlichkeit, in der Zukunft
unseres Herrn Jesu Christi, damit ihr in der Zahl der
Gerufenen, in dem Abendmahl des einwesentlichen,
wahrhaftigen Gottes und Heilandes Jesu Christi er-
funden werden mögt (Lk 14,15), welchem sei ewiger
Preis, Lob und Herrlichkeit, Amen.
Hütet euch vor den falschen Brüdern, denn der
Herr wird mich vielleicht zu sich rufen, deshalb seid
nun gewarnt. Ich warte auf meinen Gott, bittet für alle
Gefangenen ohne Unterlass. Gott sei mit euch allen,
Amen.
Gegeben im Turme zu Binzdorf, Bruder Michael
Sattler von Staufen, samt meinen Mitgefangenen in
dem Herrn.
Von diesem Helden und Zeugen Jesu Christi sind
noch andere Schriften im Druck, welche von der Ge-
nugtuung Christi, von der brüderlichen Vereinigung,
von der Ehescheidung, von den bösen Vorstehern und
von dem Anhören der falschen Propheten handeln.
Leonhard Kaiser, 1527.
Als die Gläubigen unter der Verfolgung und dem
Kreuz sehr Zunahmen, ist in Bayern ein gelehrter
Messpfaffe gewesen, Leonhard Kaiser genannt, wel-
cher Zwinglis und Luthers Schriften untersuchte, wie
er denn selbst nach Württemberg gezogen ist und
daselbst mit den Gelehrten Unterredung gepflogen,
auch das Nachtmahl mit ihnen gehalten hat. Als er
nach Bayern zurückgekehrt ist, hat er die Früchte und
die Lehre sowohl der Taufgesinnten, als Zwinglis und
Luthers in Überlegung genommen und sich unter das
Kreuz zu der abgesonderten Kreuzeskirche der Tauf-
gesinnten begeben und sich mit derselben im Jahre
1525 vereinigt, hat auch von der Zeit an sein Lehramt
mit großer Kraft und mit großem Eifer und unerschro-
cken gegen alle Tyrannei, welche mit Ertränken, Ver-
brennen und Ermorden den Gläubigen drohte, fort-
gesetzt. Dieser Leonhard Kaiser wurde im zweiten
Jahr seines Amts zu Scharding in Bayern gefangen
genommen und von dem Bischof zu Passau, wie auch
von andern Pfaffen und Domherren, auf den Freitag
vor Laurentius, im August desselben Jahres zum Feu-
ertod verurteilt. Sie banden ihn aber, als sie ihn zum
Feuer hinausführten, auf einen Karren, zu dessen Sei-
ten die Pfaffen gingen, welche Latein mit ihm redeten;
er aber antwortete deutsch des Volkes wegen, wie sie
denn auch vor Gericht mit ihm nicht deutsch spre-
chen wollten, obgleich er solches oft begehrte. Als
er nun hinaus aufs Feld kam und sich dem Feuer
näherte, hat er sich zur Seite des Karrens gebückt;
mit seiner Hand, obgleich er gebunden gewesen, ein
Blümlein ergriffen und zu dem Richter, der neben
dem Karren zu Pferde ritt gesagt: Herr Richter, hier
breche ich ein Blümlein ab, werdet ihr dieses Blümlein
und mich verbrennen können, so habt ihr mich mit
Recht zum Tode verurteilt; werdet ihr jedoch mich
und das Blümlein in meiner Hand nicht verbrennen
können, so erinnert euch daran, was ihr getan habt
und tut Buße. Hierauf hat der Richter mit drei Schin-
derknechten viel Holz, mehr als sonst gewöhnlich ins
Feuer geworfen, um ihn durch das große Feuer bald
44
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
zu Asche zu verbrennen; als aber das Holz ganz ver-
brannt war, hat man seinen Leib unverbrannt aus dem
Feuer genommen; hierauf haben die drei Scharfrichter
mit ihren Knechten aufs neue Holz genommen und
ein großes Feuer gemacht; als solches ausgebrannt
war, war gleichwohl sein Leib vom Feuer nicht ver-
zehrt, nur dass seine Haare versengt und seine Nägel
etwas braun waren; als man seinen Leib unter der
Asche hervorsuchte war er glatt und klar; desgleichen
hat man das Blümlein geschlossen, unverwelkt und
vom Feuer durchaus nicht verzehrt in seiner Hand
gefunden. Hierauf haben die Scharfrichter seinen Leib
in Stücke zerhauen und die Stücke in ein neues Feuer
geworfen; als nun das Feuer abermals ausgebrannt
war, lagen die Stücke gleichwohl noch unverbrannt
im Feuer. Endlich haben sie die Stücke genommen
und in einem Fluss, der Inn genannt, geworfen. Die-
ser Richter ist dadurch so erschreckt worden, dass er
sein Amt niedergelegt hat und an einen andern Ort
gezogen ist. Der erste Diener des Richters, welcher
mit ihm war, auch dieses alles gehört und gesehen
hatte, ist zu uns nach Mähren gekommen, unser Bru-
der geworden, und hat fromm gelebt, ist auch ebenso
gestorben. Unsere Lehrer haben aus seinem Munde
dieses zum Andenken aufgeschrieben und lassen es
nun zu Gottes Ehre ausbreiten und bekannt machen.
Genauere Anmerkung von Leonhard Kaisers Tode.
Seb. Franck, in seiner Chron. der Röm. Ketzer,
Buchst. Q, beschreibt diese Sache folgendermaßen:
Als er nun, nachdem man ihn gefänglich nach
Scharding gebracht, von drei Scharfrichtern kreuzwei-
se auf eine Leiter gebunden, zum Feuer hinausgeführt
und in dasselbe gestoßen wurde, so sind die Stricke,
als er Jesum Christum angerufen, von seinem Leibe
abgesprungen und verbrannt, und als er dessen un-
geachtet noch lebte, wälzte er sich auf der einen Seite
zum Feuer heraus.
Unmittelbar darauf hat ihn der Scharfrichter mit
Hopfenstangen, welche zufällig bei der Hand waren,
abermals ins Feuer gestoßen, so dass er auf der an-
dern Seite sich herauswälzte; hierauf haben ihn die
Scharfrichter lebendig in Stücke zerhauen und die-
selben ins Feuer geworfen; aber sie konnten, wie ich
gelesen habe, dieselben nicht verbrennen.
Siehe auch hiervon P. I. Twisck, in seinem 16. Buche
der jährlichen Gesch. Blatt 1020, Col. 2.
Thomas Hermans, und später noch
siebenundsechzig, im Jahre 1527.
Im Jahre 1527 wurde Thomas Hermans gerichtet, ein
Diener des Evangeliums und des Wortes Gottes. Nach-
dem nämlich einige Personen zu Kitzpil gefangen ge-
nommen worden und aus Furcht vor der Tyrannei der
Obrigkeit von der Wahrheit wieder abgefallen sind,
aber dessen ungeachtet von derselben vor vielem Vol-
ke auf einen öffentlichen Platz gestellt wurden, wo
ihnen die andern, um sie kleinmütig zu machen, mit
vielen Lästerworten zugerufen: Ei, wie fein lassen nun
eure Hirten und Lehrer ihr Leben für euch? - ist der
genannte Thomas Hermans durch das Volk gedrun-
gen, hervorgetreten und hat freimütig gesagt: Dies
ist die Wahrheit, die ich euch gelehrt habe und ich
will solches mit meinem Blute bezeugen. Hierauf ist
er ohne Verzug gefangen genommen, gepeinigt, zum
Feuer verurteilt und verbrannt worden. Er dichtete
und sang ein Lied, als er hinausgeführt wurde, wel-
ches noch vorhanden ist. Sein Herz konnte man nicht
verbrennen; zuletzt haben sie es in die See geworfen,
welche in der Nähe des Richtplatzes war. Nach ihm
sind an diesem Orte siebenundsechzig seiner Glau-
bensgenossen gerichtet worden. Der Richter zu Kitz-
pil, welcher viele derselben hat verurteilen und töten
helfen und der sie sowohl vorher als nachher um ihres
Glaubens willen Ketzer nannte, ist später, durch Got-
tes Verhängnis in eine entsetzliche Schande geraten,
dass er selbst als Ketzer erfunden und von allen Men-
schen mit Recht dafür gehalten wurde, was jedoch
nicht um des Glaubens willen geschehen ist, sondern
weil ihn Gott in solche Schande hat fallen lassen, dass
er auch vor der Welt in große Schmach und Unehre
kommen musste.
Auch ist die Rache Gottes über den Stadtschreiber
zu Kitzpil gekommen, der nicht wenig dazu beigetra-
gen, dass dieses unschuldige Blut vergossen worden,
indem er gesagt, er wolle sein Haupt nicht eher sanft
niederlegen, bis er diese Leute hätte ausrotten helfen.
Als er nämlich im Winter auf einem Schlitten in der
Stadt herumfuhr und mit demselben umwenden woll-
te, hat ihn das Pferd an eine Mauer und an eine Eiche
in der Straße geworfen, so dass ihm die Hirnscha-
le zerschmettert worden ist; er hat also sein Haupt
nicht sanft niedergelegt, sondern ein erschreckliches
Ende genommen, wie die Brüder Hans Kitzpiler und
Christian Harina bezeugt haben.
45
Weynken, Nicolaus Tochter, von Monickendam,
eine Witwe, wird in Haag, am 20. November im
Jahre 1527, getötet und verbrannt.
Am 15. November 1527 ist Weynken, Nicolai Toch-
ter, von dem Schlosse zu Worden nach den Haag
gefänglich gebracht worden, wohin auch der Graf
von Hochstraßen, Statthalter in Holland, den 17. Tag
desselben Monats gekommen ist. Den 18. Tag ist die
vorgenannte Weynken vor den Statthalter und den
ganzen Rat von Holland gestellt worden. Daselbst
fragte sie eine Frau: Hast du diese Nacht bei dir be-
ratschlagt und dich über die Dinge bedacht, welche
meine Herren dir vorgelegt haben? Antwort: Was ich
geredet habe, dabei bleibe ich fest. Frage: Wenn du
nicht anders redest und dich von der Verführung ab-
wendest, so wird man dir einen unerträglichen Tod
bereiten. Antwort: Ist euch diese Gewalt von oben
gegeben, so bin ich bereit zu leiden (Joh 19,11). Frage:
Fürchtest du denn nicht den Tod, welchen du nicht ge-
schmeckt hast? Antwort: Das ist wahr; aber ich werde
niemals den Tod schmecken, denn Christus spricht:
»So jemand mein Wort hält, der ivird nicht den Tod schme-
cken in Eiuigkeit.« (Joh 8,51) Der reiche Mann hat den
Tod geschmeckt und wird ihn schmecken in Ewigkeit
(Lk 16,23). Frage: Was hältst du von dem Sakramente?
Antwort: Ich halte euer Sakrament für Brot und Mehl
und wenn ihr solches für einen Gott haltet, so sage ich,
dass es euer Teufel sei. Frage: Was hältst du von den
Heiligen? Antwort: Ich kenne keinen andern Mittler
als Christum (1 Joh 2,1). Frage: Wenn du hierbei bleibst,
so musst du sterben. Antwort: Ich bin schon gestorben
(Gal 2,20). Frage: Wie kannst du denn reden, wenn du
gestorben bist? Antwort: Der Geist lebt in mir, der
Herr ist in mir, ich bin in ihm (Joh 14,20). Frage: Willst
du einen Beichtvater haben oder nicht? Antwort: Ich
habe Christum, diesem beichte ich; wenn ich noch
jemand erzürnt habe, so will ich denselben gern um
Verzeihung bitten. Frage: Wie hast du diese Meinung
erlernt und wie bist du dazu gekommen? Antwort:
Der Herr ruft alle Menschen zu sich; so bin ich auch
eins von seinen Schafen, darum höre ich seine Stim-
me (Joh 10,27). Frage: Bist du denn allein berufen?
Antwort: Nein, denn der Herr ruft alle zu sich, die
beladen sind (Mt 11,28).
Nach vielen andern dergleichen Reden hat man
Weynken abermals ins Gefängnis geführt, wo sie in
den beiden folgenden Tagen von vielen Personen ver-
sucht und angefochten worden ist, nämlich von Mön-
chen, Pfaffen, Frauen und ihren nächsten Freunden.
Unter anderem ist auch eine Frau aus Einfalt zu ihr
gekommen und hat sie in folgender Weise beklagt:
Liebe Mutter, kannst du nicht denken, was du willst
und Stillschweigen, so wirst du nicht getötet werden.
Hierauf antwortete Weynken: Liebe Schwester! Es ist
mir befohlen zu reden und ich fühle mich dazu ge-
drungen, darum kann ich nicht schweigen. Frage: So
bin ich besorgt, sie werden dich töten. Ob sie mich
morgen verbrennen oder in einen Sack stecken wer-
den, achte ich nicht; wie es der Herr verordnet hat, so
muss es geschehen, und nicht anders (Mt 6,10). Ich
will bei dem Herrn bleiben. Frage: Wenn du nichts
anderes getan hast, so hoffe ich, du werdest nicht ster-
ben. Antwort: An mir ist nichts gelegen; aber, wenn
ich von dem Saale herunterkomme, so kann ich mich
des Weinens nicht enthalten, denn es jammert mich,
dass ich sehen muss, wie alle solche kluge Männer so
verblendet sind; ich will aber den Herrn für sie bitten.
Auch sind zwei schwarze oder Dominikaner-
Mönche zu ihr gekommen, von denen der eine ein
Beichtvater, der andere aber ein Lehrer gewesen. Ei-
ner derselben hat ihr das Kreuz gezeigt und gesagt:
Siehe, hier ist dein Herr und Gott. Sie antwortete: Das
ist nicht mein Gott; es ist ein anderes Kreuz, wodurch
ich erlöst worden bin, dieses ist ein hölzerner Gott,
werft ihn ins Feuer und wärmt euch dabei. Der andere
fragte sie am frühen Morgen ihres Todestages, ob sie
nicht das Sakrament empfangen wollte, er wolle es
ihr gerne darreichen. Sie sagte: Welchen Gott willst du
mir geben, den, der vergänglich ist, welchen man um
einen Heller oder Deut verkauft. Desgleichen sagte
sie auch zu dem Paffen oder Mönche (welcher sich
freute, dass er auf diesen Tag Messe gehalten hatte),
dass er Gott aufs Neue gekreuzigt hätte. Hierauf sagte
er: Es kommt mir vor, du seiest ganz verirrt. Weynken
antwortete: Dafür kann ich nichts, mein Herr, mein
Gott, welchem Ehre, Lob und Dank in Ewigkeit sei,
hat mir es so gegeben. Frage: Was hältst du von dem
heiligen Öle? Antwort: Öl ist gut auf dem Salat, auch
deine Schuhe damit zu schmieren (lTim 4,4).
In der Mitte der Woche brachte man sie vor Ge-
richt und als sie nun in den Saal kam, trat der Mönch
zu ihr, hielt ihr das Kreuz vor das Angesicht und
sagte: Widerrufe doch, ehe das Urteil gefällt wird!
Aber Weynken kehrte sich vom Kreuze ab und sag-
te: Ich bleibe bei meinem Herrn, bei meinem Gott; es
wird mich weder Tod noch Leben von ihm scheiden
(Rom 8,38). Als sie vor dem Richter stand, sagte der
Mönch ihr ins Ohr: Fall auf deine Knie und bitte den
Herrn um Gnade! Sie antwortete: Schweige nur, habe
ich dir nicht gesagt, dass du mich von meinem Herrn
nicht abziehen werdest? Der Diakon von Naaldwyk,
welcher Unterkommissarius und Ketzermeister war,
hat das Urteil in Latein vorgelesen, und als er sol-
ches ins Deutsche verdolmetschte, sagte er mit kurzen
Worten, dass sie in ihrem Glauben in Ansehung des
46
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Sakramentes irrig zu sein befunden worden sei und
da sie unbeweglich dabei bliebe, so habe er beschlos-
sen, dass sie eine Ketzerin sei, worauf er die Weynken
den weltlichen Händen übergeben mit der Erklärung,
dass er in ihren Tod nicht einwillige. Hierauf ist er mit
seinen beiden Beisitzern, welches gleichfalls geistliche
Männer gewesen sind, aus dem Rate gegangen.
Sodann wurde vom Gerichtsdiener abgelesen, dass
sie, wie man sagt, halsstarrig befunden worden sei,
was nicht ungestraft bleiben könne, dass sie daher zu
Asche verbrannt und alle ihre Güter aber dem gemei-
nen Schatze heimgeschlagen werden sollen. Hierauf
sagte Weynken: Ist nun alles geschehen? Ich bitte euch
alle, falls ich jemanden misshandelt oder erzürnt ha-
be, dass ihr mir dieses vergeben wollt. Hierauf sprach
der Mönch zu ihr: Küsse nun deinen Herrn und Gott
einmal. Sie antwortete: Dieses ist nicht mein Herr. Als
sie die Ratskammer verließ, sprach der Mönch zu ihr,
sie sollte unsere hebe Frau um ihre Fürbitte anrufen.
Sie antwortete: Unsere Frau ist in Gott wohl zufrieden.
Mönch: Rufe sie an! Weynken: Wir haben Christum,
welcher zur rechten Hand des Vaters sitzt, dieser bittet
für uns. Als sie nun vom Saale kam und zum Galgen
oder Gerichte ging, sagte der Mönch: Siehe einmal
deinen Herrn an, der für dich gestorben ist! Weynken:
Das ist nicht mein Herr, mein Gott; mein Herr Gott
ist in mir und ich bin in ihm. Siehe dich um, willst
du alle diese Schäflein verurteilen und sind sie alle
verdammt? Weynken: Nicht alle, das Gericht kommt
Gott zu. Mönch: Fürchtest du dich denn nicht vor dem
strengen Urteile Gates? Weynken: Gott kommt nicht,
um die Sünder zu verdammen, sondern um ihnen
Frieden zu geben. Mönch: Fürchtest du nicht das Ur-
teil Gottes, welches du im Feuer wirst leiden müssen?
Weynken: Nein, denn ich weiß, wie ich mit meinem
Herrn daran bin. Auf dem Gerüste oder Schaffotte
stand eine Person neben Weynken, die sprach zu ihr:
Mutter, wende dich zum Volke und bitte dasselbe,
dass es dir vergibt, wenn du jemanden beleidigt hast;
dieses tat sie. Hierauf hat sie dem Scharfrichter gehol-
fen, das Pulver in den Busen zu stecken. Auch hier
versuchte sie der Mönch mit dem Kreuze, welches
sie aber mit der Hand von sich stieß, sich umwandte
und sagte: Was versuchst du mich? Mein Herr, mein
Gott ist hier oben. Dann ging sie fröhlich wie zu ei-
ner Hochzeit; auch hat sich ihr Angesicht keineswegs
vor dem Feuer entsetzt. Der Mönch sagte ferner zu
ihr: Willst du nicht standhaft bei Gott bleiben? Weyn-
ken: Ja, gewiss! Mönch: Nun musst du ohne Verzug
ins Feuer gehen, widerrufe jetzt noch! Weynken: Ich
bin wohl zufrieden; des Herrn Wille muss geschehen.
Mönch: Das ist nicht des Herrn Wille; Gottes Wille
ist deine Heiligung. Der Scharfrichter sprach: Mutter,
bleibe bei Gott und laß dich nicht von Gott ziehen.
Unterdessen ging die fromme Heldin allein und uner-
schrocken nach der Bank und begab sich zum Pfahle,
an welchem sie verbrannt werden sollte und sagte:
Steht auch die Bank fest, werde ich nicht fallen? Hier-
auf hat der Scharfrichter die Stricke zubereitet, womit
sie erwürgt werden sollte; die Frau band ihr Halstuch
oder Schleier ab und legte den Strang um ihren Hals.
Hierauf rief der Mönch: Fiebe Weynken, willst du
auch gerne als eine Christin sterben? Antwort: Ja, ich
will. Frage: Entsagst du aller Ketzerei? Antwort: Ja.
Mönch: Das ist gut; ist es dir auch leid, dass du geirrt
hast? Weynken: Ich habe zwar früher geirrt, solches
ist mir leid; dieses aber ist kein Irrtum, sondern der
rechte Weg und ich bleibe bei Gott. Als sie nun so
geredet hatte, hat der Scharfrichter angefangen, sie zu
erwürgen und als sie dieses fühlte, schlug sie die Au-
gen nieder und schloss sie zu, als ob sie in einen Schlaf
gesunken wäre. Sie hat den Geist am 20. November
des Jahres 1527 aufgegeben.
Johann Walen mit zweien seiner Mitbrüder, 1527.
Im Jahre 1527 hat ein getreuer Bruder, genannt Johann
Walen gelebt, welcher mit zweien seiner Mitbrüder in
Wasserland auf Crommenicsdyk wohnte. Diese drei
sind mit einander um des Zeugnisses Jesu Christi wil-
len von den blutdürstigen Papisten gefänglich nach
Haarlem geführt und nach einer kurzen Zeit von da
nach Grafenhaag gesandt worden, wo man sie sehr
streng verhört und untersucht hat; doch haben sie in
dem Verhöre durch die Kraft des Allerhöchsten, wo-
mit sie ausgerüstet waren, in Geduld widerstanden
und dadurch alle ihre Untersucher und Peiniger, samt
der Welt und allem, was man mit Augen sehen kann,
durch den Glauben tapfer überwunden. Deshalb sind
sie von dem Herrn der Finsternis an dem bezeichne-
ten Orte zu einem solchen unmenschlichen und tyran-
nischen Tode verurteilt worden, wie gleich folgen soll.
Man hat sie nämlich in Ketten an Pfahle geschlossen
und sie dann mit einem Feuer umringt, sie so langsam
gebraten, bis man hat das Mark aus den Beinen durch
die Schenkel hat herausdringen sehen; in dieser Weise
sind sie von unter herauf gebraten worden, bis der
Tod erfolgt ist. Nachdem sie gestorben, hat man noch
von ihren Feibem Kleider in Stücken abgerissen, an
welchen man noch erkennen konnte, von welcher Far-
be das Tuch gewesen. Weil sie nun dieses alles um des
Namens Jesu und des Wortes Gottes willen und nicht
wegen einer begangenen Missetat erlitten haben, son-
dern lediglich um den festen Grund der Wahrheit vor
diesem falschen und ehebrecherischen Geschlechte
zu bezeugen und zu bekennen, so wird der Sohn Got-
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tes, wenn er in seiner Herrlichkeit erscheinen wird,
sich ihrer auch nicht schämen, sondern sie vor seinem
Vater und seinen auserwählten Engeln bekennen und
sie mit ewiger Herrlichkeit im Himmel krönen.
Leonhard Schiemer, 1528, nach ihm wohl noch
siebzig.
Im Jahre 1528 wurde Leonhard Schiemer von Vökla-
burg gefangen genommen; er war ein Diener Gottes
und ein sowohl in der Heiligen Schrift als auch in
der lateinischen Sprache erfahrener Mann, welcher
die wahre Taufe Christi und seiner Apostel und das
wahre Abendmahl des Herrn, wie auch die Artikel
des christlichen Glaubens, ja das Wort Gottes getreu-
lich lehrte und gegen die Kindertaufe, wie auch gegen
das abscheuliche Sakrament und andere Gräuel des
Antichristentums zeugte. Anfänglich ist er ungefähr 6
Jahre lang ein Barfüßermönch gewesen, nachdem er
aber das Leben der Mönche und Pfaffen mit dem Wor-
te Gottes abgemessen und sowohl ihre Unreinigkeit
und ihren Mutwillen, als auch ihre Scheinheiligkeit
und Laster eingesehen hat, so ist zu Judenburg in
Österreich aus dem Kloster gegangen und nach Nürn-
berg gezogen, wo er das Schneiderhandwerk erlernt
hat, worauf er dann gewandert und nach Nicolsburg
in Österreich gekommen ist. Daselbst hat er von Bal-
thasar Hubmaier und von dessen Tode gehört und
vernommen, dass einige dieses Glaubens, zu Veyen
versammelt seien; diesen hat er nachgeforscht, ist zu
ihnen gekommen, hat sie gehör und sich daselbst un-
ter Oswalds Begleitung taufen lassen. Hierauf ist er
nach Steyen gezogen, um daselbst sein Handwerk zu
treiben. Dort hat er gelehrt und getauft, indem er von
ihnen zum Lehrer erwählt worden ist; hat auch hin
und wieder in Bayern bis nach Rotenburg im Inntale
gelehrt und getauft. Hier ist er um seines Glaubens
willen gefangen genommen und untersucht worden
und hat viel mit seinen Widersachern gehandelt. Von
diesen hat er verlangt, dass, wenn man seine Lehre
und seinen Glauben für falsch und für Ketzerei hal-
ten wollte, so sollte man gelehrte Leute, Doktoren,
Mönche und Pfaffen vor ihn kommen lassen, um mit
ihm zu disputieren; wenn nun in dem Wortstreite mit
wahrem Grunde aus Heiliger Schrift befunden würde,
dass er unrecht hätte, so möchte man ihn deshalb als
einen Ungerechten strafen. Auch hat er, um sowohl
die Wahrheit als auch seine Schriften und Reden noch
mehr zu befestigen, sich erboten, dass, wenn einige
Gelehrte mit der Wahrheit der Heiligen Schrift ihn
überzeugen würden, dass seine Lehre der Heiligen
Schrift nicht ähnlich wäre, so sollte man ihm durch
den Scharfrichter, indem er von ihnen überwunden
sei, jedes Glied einzeln von seinem Leibe abschneiden
und wenn er keine Glieder mehr habe, so sollte man
die Rippen aus seinem Leibe herausholen, bis dass er
seine Seele ausgehaucht; falls er aber nicht zum Ver-
höre und zur Disputation gelangen könnte und man
ihn unverhört richten oder töten lassen wollte, so bäte
er alle, die Zeugen seines Todes seien und alles umste-
hende Volk, dass sie hierin vor Gott am jüngsten Tage
seine Zeugen sein wollten. Nichtsdestoweniger ist er
nach des Kaisers, auch Königs von Ungarn und Böh-
men, ausgegangenem Befehle zum Tode verdammt
und dem Scharfrichter übergeben worden, welcher
ihn den 14. Januar des erwähnten Jahres zu Rotenburg
um des Zeugnisses Jesu willen, wovon er nicht abwei-
chen wollte, enthauptet und zu Asche verbrannt hat.
Nachher haben an demselben Orte nach diesem Leon-
hard an siebenzig Personen eben dasselbe mit ihrem
Blute bezeugt.
Dieser Leonhard Schiemer hat unter anderem die
nachfolgende Ermahnung an alle diejenigen, welche
um des Namens Christi willen im Leiden sind, zum
Tröste hinterlassen:
Wir bitten dich, o ewiger Gott, neige deine gnädi-
gen Ohren zu uns, Herr Zebaoth! Du Fürst der Heer-
scharen, höre doch unsere Klagen, denn großes Un-
gemach und Plage hat die Oberhand genommen und
der Hochmut ist in dein Erbe gekommen; und dazu
haben sich viele vermeinte Christen verbunden und
haben so den Gräuel der Verwüstung aufgerichtet. Sie
toben und zerstören das Heiligtum der Christen. Sie
haben es zertreten und der Gräuel der Verwüstung
lässt sich als Gott anbeten. Sie haben deine heilige
Stadt zerstört, deinen heiligen Altar umgeworfen und
die Knechte darin, wo sie dieselben ergreifen konnten,
ermordet. Und als wir als ein kleines Häuflein über-
geblieben sind, haben sie uns mit Schmach und Schan-
de in alle Länder vertrieben. Wir sind zerstreut wie
Schafe, die keinen Hirten haben; wir müssen Haus
und Hof verlassen und gleichen den Nachtvögeln,
die sich in den Steinfelsen aufhalten. In Höhlen und
Steinklippen sind unsere Kammern, man stellt uns
nach, gleich den Vögeln, die in der Lust fliegen. Wir
gehen in den Gebüschen umher, man sucht uns mit
den Hunden. Man führt uns wie stumme Lämmer,
die ihren Mund nicht auftun, gefangen und gebun-
den. Man verschreit uns als Aufrührer und Ketzer.
Wir werden als Schlachtschafe zur Schlachtbank ge-
führt. Auch sitzen viele betrübt in Banden, welche an
ihrem Leibe verderben. Einige sind durch die strenge
Pein umgekommen und ohne alle Schuld gestorben.
Hier ist die Geduld der Heiligen auf Erden. Deshalb
müssen wir hier durch Leiden geprüft werden. Man
hat die Gläubigen hier an die Bäume aufgehängt, er-
48
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
würgt, in Stücke zerhauen, heimlich und öffentlich er-
tränkt; nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen
und Jungfrauen haben hier gleichfalls die Wahrheit
bezeugt, dass Jesus Christus die Wahrheit und der ein-
zige Weg zum ewigen Leben sei. Gleichwohl rast die
Welt und ruht nicht, sie wütet wie unsinnig; sie erdich-
ten Lügen gegen uns und hören nicht auf zu brennen
und töten, sie machen uns die Welt zu enge. O Herr!
Wie lange willst du doch dazu schweigen? Wie lange
willst du das Blut deiner Heiligen nicht rächen? Laß
es vor deinem Throne aufsteigen! Wie köstlich ist das
Blut deiner Heiligen vor deinen Augen. Darum haben
wir zu dir allein in allen unsern Nöten eine tröstliche
Zuversicht und keinen Trost, keine Ruhe oder keinen
Frieden bei sonst jemand auf dieser Erde. Wer aber
auf dich hofft, der wird in Ewigkeit nicht zu Schanden
werden. O Herr! Es ist keine Trübsal so groß, dass sie
uns von dir scheiden könne, darum rufen wir dich oh-
ne Aufhören an, durch Christum, deinen Sohn, unsern
Herrn, welchen du uns zum Tröste aus lauter Gnade
gegeben hast, der uns die schmale Bahn und den Weg
zum ewigen Leben zubereitet und bekannt gemacht
hat. Ewige Glorie und Triumph, Preis und Ehre wer-
den dir gegeben von nun an bis in Ewigkeit und deine
Gerechtigkeit bleibe ewig. Alle Völker segnen deinen
heiligen Namen durch Christum, den zukünftigen
gerechten Richter der ganzen Welt. Amen.
Hans Schlaffer und Leonhard Fryk, 1528.
Auch ist im Jahre 1528 der Bruder Hans Schlaffer, der
früher römischer Pfaff, dann aber ein Lehrer des Wor-
tes und des Evangeliums Christi gewesen, ein hoch-
begabter Mann, zu Schwatz im Inntale gefänglich ein-
gezogen worden und mit ihm ein Bruder Leonhard
Fryk. Man hat ihm mit strenger Pein sehr zugesetzt
und durch die Pfaffen mit ihm von der Kindertaufe
handeln lassen, aber er hat mit der göttlichen Schrift
mündlich als auch schriftlich ihnen seine Verantwor-
tung vorgelegt, wie durch das ganze neue Testament
befohlen und zu ersehen ist, dass man zuerst das Wort
Gottes lehren und nur diejenigen taufen soll, die es hö-
ren, selbst verstehen, glauben und annehmen. Dieses
ist die rechte christliche Taufe und keine Wiedertau-
fe; der Herr hat nie befohlen, die Kinder zu taufen,
sie sind schon zuvor des Herrn und solange sie in
der Unschuld und Einfalt sind, kann man sie nicht
verdammen. Auch haben sie ihn gefragt, worin eigent-
lich das Prinzip der Sekte der Wiedertäufer bestehe,
worauf er ihnen antwortete: Unser Glaube, Tun und
Taufen ist auf nichts anderes gegründet als auf den
Befehl Christi in Mt 28; Mk 16, wo Christus sagt: »Ge-
het hin in alle Welt und predigt allen Kreaturen, wer da
glaubet und getauft wird, soll selig werden,« nebst vielen
andern Schriftstellen.
Auch haben sie gefragt, was für eine Absicht unter
solcher Wiedertaufe verborgen sei, indem ihr Bestre-
ben dahin gehe, Aufruhr und Abfall zu erwecken?
Aber er antwortete ihnen: Es sei noch nie in sein Herz
gekommen, Aufruhr zu erwecken, auch habe ihm sol-
ches an andern nicht wohl gefallen, ja er habe ein
Haus geflohen, in welchem man uneinig gelebt habe;
solches könne er durch alle diejenigen beweisen, bei
welchen er bis dahin gewohnt habe. Auch sei darun-
ter keine andere Absicht verborgen, als das Leben zu
bessern und von dem lasterhaften Leben der Welt ab-
zulassen, wie denn auch in seiner Lehre, welche er
führte, das Gebot besonders herrsche, dass man der
Obrigkeit in allen guten Dingen untertänig und gehor-
sam sein solle; wie hätte er nun sich vorgenommen
haben sollen, Aufruhr und Abfall zu erwecken? Auch
begehrten sie von ihm zu wissen, wer die eigentlichen
Urheber und die Bedeutendsten dieser ketzerischen
Hauptsekte seien (wie sie dieselben mit Unrecht nann-
ten). Er sagte ihnen: Er wüsste keine Häupter seines
Glaubens, als den Sohn Gottes, Jesum Christum, der-
selbe sei der rechte Herzog des Glaubens; dass man sie
aber Ketzer und aufrührerische Sekten nenne, darüber
sollte man die Klagen der Juden über Christum vor
Pilatus und die Klagen über den Apostel Paulus vor
dem Landpfleger Felix lesen. Desgleichen hat man ihn
auch gefragt, was ihn veranlasst und dazu gebracht
habe, dass er seine priesterliche Bedienung und sein
Amt verlassen habe. Hierauf hat er ihnen gesagt, dass
er solches um des Gewissens willen getan hätte, weil
er in eines Propheten Stande sei und geglaubt habe,
dass er von Gott ausgesandt sei. Auch begehrten sie
von ihm zu wissen, wer ihn beschieden hatte, nach
Deutschland zu ziehen, um solchen bösen Samen der
Wiedertäufer fort zu pflanzen? Er antwortete ihnen
hierauf: Es hätte ihn niemand dazu beschieden, son-
dern nachdem er nirgends einen Aufenthalt gehabt
und im Elend hätte umherziehen müssen, sei er zu
einem seiner Freunde gekommen, bei welchem er sich
aufgehalten; von da sei er nach Schwatz gekommen,
wo er nach dem Willen und wegen des Willens Gottes
gefangen worden sei. Was den bösen Samen betref-
fe, wovon sie sagten, davon wüsste er gar nichts; er
hätte nichts Böses vor, sondern vielmehr die lautere
göttliche Wahrheit.
Nach diesen und andern Vorgängen haben sie ihn
und seine gefangenen Brüder, nachdem er eine Zeit-
lang gefangen gelegen und nicht abweichen wollte,
vom Leben zum Tode verurteilt und sie zu Schwatz
mit dem Schwerte gerichtet und haben sie in solcher
Weise die göttliche Wahrheit mit ihrem Blute bezeugt.
49
Er hat seinen Brüdern in Christo die nachstehende
Ermahnung und Danksagung hinterlassen:
O Gott! Ich bitte um deine Gnade! Du wollest mir
meine Sünden nicht zurechnen, indem Christus für
dieselben genug getan hat, ehe ich geboren war. Ich
war dein Feind und du hast mich geliebt, mich in Gna-
den aufgenommen und für mich, zu meiner Erlösung,
das unschuldige Blut deines geliebten Sohnes dahin
gegeben, obgleich ich noch an mir viele Spuren der
anklebenden Sünden wahrnehme, welche sich in mei-
nem Fleische hervortun. Denn wenn ich das Gute tun
will, hanget mir das Böse an. Um deswillen bin ich
betrübt und mag wohl mit dem Apostel Paulus seuf-
zen und rufen: Ich elender Mensch, wer wird mich
erlösen von dem Leibe dieses Todes? Und ich muss
mir selbst antworten und sagen: Ich danke meinem
Gott, der mir durch Christum den Sieg gegeben hat.
Du bist mein Trost, denn weil ich von Herzen glau-
be, so kann ich nicht verdammt werden. Der Geist ist
zwar willig und bereit, aber das Fleisch ist schwach,
so dass es nicht dem Gesetze Genüge tun kann, bis
Christus mit seinem Geiste stärkt. Wo menschliche
Gesetze auf Erden regieren, da werden die elenden
Gemüter verführt; ja, wo Jesus Christus nicht allein
der Beherrscher ist, baut und die Aufsicht hat, da be-
steht kein Gebäude, sondern bleibt alles zerrissen und
zerbrochen. Obschon die Welt andere Dinge hochhält,
so sind sie doch vor Gott verschmäht; darum bitten
wir dich alle gemeinschaftlich, jung und alt, groß und
klein, dass du, o Gott, dich unserer erbarmen und
uns armen Kindern getreue Hirten senden wollest,
die deine Gabe austeilen, damit jede Menschenlehre
ausgerottet werden möge; denn es ist Zeit, dass man
rechte Buße tue und von dem Bösen ablasse, indem
das strenge Urteil Gottes vor der Türe ist. Darum lasst
uns zu der Züchtigung unseres Vaters unsere Zuflucht
nehmen und ihm in Gehorsam uns unterwerfen, da-
mit er uns, als seine Kinder, züchtige. Die Welt ist
verblendet, sie kennt der Christen Leben nicht, sie
hat davor einen Abscheu, flieht vor dem Kreuze und
meint, es sei genug, wenn sie nur von dem christli-
chen Leben fein mit Worten reden könne, mit der Tat
aber wenig vollbringt.
Aber, meine Brüder! Wer ein aufrichtiger Christ
sein will, der muss Christum anziehen und ihm in
seiner armen Gestalt gleich werden auf dieser Erde
und darin mit getrostem Mute alles aufnehmen, was
ihm in dieser Welt begegnet. Hier hilft kein auswen-
diger Schein, dass man Christum lieb habe und um
seines Namens willen leide; man muss sich auch sei-
ner nicht schämen, der uns zuerst geliebt und sich für
uns dem schmählichen Tode übergeben hat. Es kann
in Wahrheit nicht anders sein, als dass das Gericht
erst an dem Hause Gottes anfange. So wird nun die
Heilige Schrift erfüllt, weshalb die Strafe, womit die
Welt heimgesucht werden wird, bereits vor der Türe
ist; darum soll sich niemand versäumen, denn das
Schwert ist gezogen, der Bogen ist gespannt und der
Pfeil darauf gelegt und man zielt, um zu schießen. Ich
meine hiermit nicht, dass man eine Ausflucht suchen,
sondern des Vaters Züchtigung annehmen soll, wie
oben gesagt worden ist, womit er uns zu demjenigen
läutert, wozu er uns versiegelt hat, damit wir des ewi-
gen, unvergänglichen Reichs mit ihm versichert sein
und dasselbe ewig mit ihm in dem ewigen Leben be-
sitzen sollten, wozu uns Gott sämtlich stärken und
kräftigen wolle. Amen.
Leopold Schneider, 1528.
Dieser Leopold Schneider ist zu Augsburg als ein
frommer Zeuge des Leidens Christi, um der Wahrheit
willen im Jahre 1528 enthauptet worden und hat die
nachfolgende Ermahnung, anderen zum Tröste und
Unterrichte, hinterlassen:
Mein Gott, dich will ich in meiner letzten Stunde
loben, dich, der du hoch dort oben im Himmel bist,
will ich mit Herz und Mund preisen, denn du bist
dessen würdig; stärke meinen Glauben, indem ich auf
diese Fahrt des Leidens ziehen muss; gedenke mei-
ner in Gnaden in diesem schweren Streite; meinen
Geist befehle ich in deine Hände, in dir erfreue ich
mich, Christi, stehe mir bei im Leiden, vergib es ih-
nen, himmlischer Vater, denn sie wissen nicht, was
sie tun. Ich werde gehasst, weil ich dein Wort nicht
verlassen kann und man sucht die Seele von dem Lei-
be zu entblößen. Darum rufe ich dir zu, o Gott, um
gnädige Hilfe; ich vertraue auf dich, denn ich habe
sonst keinen Tröster. Was so klar geschrieben steht,
Mk 16, dass, wer da glaubt und getauft wird, soll selig
werden, dem kann je niemand widersprechen, darum
soll man darauf Achtung geben. O ihr Verblendeten,
warum entsetzt ihr euch und werdet betrübt, weil wir
den Befehl Christi beobachten? Übt euch in der Heili-
gen Schrift, dann werdet ihr finden, was Christus, der
Sohn Gottes, uns zu tun befohlen hat. Ich bitte euch
alle, ihr lieben Brüder und Schwestern, habt doch zu
Gott ein festes Vertrauen und seid über meinen bittern
Tod nicht betrübt, denn Gott wird solches reichlich
belohnen. Wir müssen doch einmal von hier und aus
diesem Jammertale scheiden. Die Schrift bezeugt ja
so klar, dass wer hier nur lachen und Freude haben
will, zuletzt heulen und weinen soll; hier müssen wir
in Geduld leiden, der Herr gebe, dass es in Unschuld
geschehen möge. Wer hier seine Gabe auf den Altar
bringen will, der muss diese auf dem Altar lassen und
50
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
hingehen und sich zuvor mit seinem Bruder versöh-
nen und dann kommen und seine Gabe opfern. Dar-
um bitte ich dich, o Gott, du wollest in Gnaden denen
vergeben, welche mir den Tod antun. Meinen Geist
und meine Seele befehle ich in deine Hand, o Gott!
Hilf mir aus allen Nöten und wende dich niemals von
mir; nimm meinem Fleische sein ganzes Vermögen,
damit ich überwinden und von dir den Sieg erhalten
möge, Amen.
Achtzehn Personen werden zu Salzburg verbrannt,
1528.
Diese achtzehn Personen sind außer vielen anderen,
durch den Eifer in der Furcht Gottes entflammt wor-
den, so dass sie sich von der Welt und ihrer Abgöt-
terei zu Gott bekehrt haben und auf den Glauben an
Christum getauft worden sind, wobei sie sich unter
den Gehorsam seines heiligen Evangeliums begeben
haben. Dies haben ihre Widersacher nicht ertragen
können, weshalb diese achtzehn gefangen genommen
und endlich, als sie unter vielen Peinigungen fest bei
ihrem Glauben beharrten, sämtlich zu Salzburg auf
denselben Tag zum Feuer verurteilt und verbrannt
worden sind und das Nachfolgende um dasselbe Jahr
zum Andenken hinterlassen haben:
O Gott vom Himmel! Habe doch acht auf deine
Schafe, die nur eine kleine Herde sind, damit sie we-
der von dir weichen, noch verführt werden; erhalte sie
in deiner Obhut, hilf ihnen aus der beklagenswerten
Not, denn das Tier jagt sie zu Tode, welchen sie leiden
müssen; man wirft sie in strenge Gefängnisse, wo sie
in der Tiefe dem Herrn lobsingen und ihn mit Herz
und Mund verherrlichen. Ach Herr, erbarme dich ih-
rer und lasse es dir geklagt sein; komm eilend und
hilf uns armen Kindern und erhalte uns in deinem
Willen. Sie wollen uns von dir abziehen und dringen
hart in uns mit ihrer großen Gewalt und Pracht. O
Gott! Verleihe uns doch deine göttliche Kraft; wir ha-
ben keinen andern Herrn im Himmel und auf Erden
als dich. Verleihe uns, was wir von dir begehren. Der
Herr Christus sendet seine Boten aus und bietet uns
durch dieselben sein Himmelreich an, welches von
der Welt verspottet wird; wir aber haben mit großer
Freude und Vergnügen des Herrn Reich und seine
Gnade angenommen; darum schreien die Pfaffen über
uns, sie wüten und sind über uns erbittert. Sie haben
über fünfhundert Jahre die Wahrheit sehr verdeckt
und die Menschenmasse mit falscher Lehre verführt;
sie treten das Wort mit Füßen und verachten dasselbe.
O Herr, gib, dass sie sich bessern und deinen Willen
tun mögen. Ist es nicht eine klägliche Sache, dass man
zu Salzburg achtzehn Personen sämtlich auf einen Tag
verbrannt hat, nur um der Lehre Christi willen, von
welchem sie bekannten, dass er allein der Herr sei?
Sie wollten das Bild nicht ehren und das Tier nicht
anbeten; sie wollten ihre Worte oder das Zeichen des
Antichristen in ihrer Hand und Stirn nicht annehmen.
Darum durften sie auch im Lande nicht kaufen und
verkaufen, sondern sie blieben bei Christo und nah-
men sein Zeichen an und ihre Namen sind im Buche
des Lebens aufgeschrieben; sie haben als christliche
Ritter die Krone des Lebens aus Gnaden erlangt und
erwarten die ewige Freude.
Wolfgang Ulmann, 1528.
Wolfgang Ulmann, ein berühmter und vortrefflicher
Mann in Glaubenssachen, ist, nachdem er den Glau-
ben eine Zeitlang verteidigt und belebt hatte, mit sei-
nem Bruder und zehn anderen Personen zu Walzen
verbrannt worden; sie haben sämtlich ihren Glauben
standhaft mit ihrem Tode bezeugt.
Hans Pretle, 1528.
Kurze Zeit darauf ist auch Hans Pretle um des Zeug-
nisses Jesu Christi willen verbrannt worden; derselbe
ist früher Prädikant gewesen, später aber hat er die
Gemeinde Christi bedient, welchen Dienst er eine Zeit-
lang versehen und viele Menschen in der Erkenntnis
des Evangeliums unterrichtet hat.
Hans von Stotsingen, 1528.
Als dieser Hans von Stotsingen um der evangelischen
Wahrheit willen im Jahre 1528 eine Zeitlang zu Elzas-
Zabern gefangen gewesen war, ist er zuletzt zum Tode
verurteilt worden. Als er zum Richtplatze hinausge-
führt wurde, hat er unterwegs an das Volk die nach-
folgende Ermahnung gehalten, worauf er daselbst mit
dem Schwerte enthauptet worden ist: Nun wenden
wir uns in der Not mit dem Gebete zu unserem Gotte,
dass er uns aus aller unserer Not erlösen wolle, damit
unsere Herzen ihm ein reines Opfer bringen mögen,
welches ihm wohlgefällig sein möchte. Unter diesem
Opfer verstehe ich meinen ganzen Leib, das Leben,
die Haut und die Beine, desgleichen auch Weib und
Kinder. Wir sind geneigt, alle unsere Glieder aufzuop-
fern, wozu uns die Liebe treibt und zwingt. Pharao
wollte solches gern verhindern und verwehren, aber
wir kehren uns nicht daran und wollen auch nicht da-
von ablassen, sondern wir wollen für den Herrn unser
Opfer bringen und durch seine Hilfe durchdringen. Er
wird uns helfen und Beistand leisten. Kommt hierher,
liebe Brüder, lasst uns die Sache tapfer angreifen; wir
51
sind nun die Glieder Jesu; er ist unser Herzog; er hat
eine herrliche Krone zubereitet, welche er denjenigen,
die bis ans Ende beharren, aufsetzen wird. Du kleines
Würmlein Jakob, sei mutig und unverzagt, obschon
Pharao dir nach dem Leben steht, so ist doch das Lei-
den gering. Das Rote Meer wird dir offen sein und
ob dir Pharao nachjagt, so wird er darin untergehen.
Zage nicht, du kleine Herde, denn es ist hier um eine
kurze Zeit zu tun, auch ist unser Pleisch ja nichts wert,
sondern die Stadt, welche uns Gott im ewigen Reiche
zubereitet hat, wo wir den Engeln Gottes gleich sein
werden, ist von Wert. Wer kann die Würde bedenken?
Solches hat uns Gott zugesagt, ja Gott verheißt uns
durch sein Kind Jesum Christum viel Trost und Lreu-
de und verspricht uns ewige Ruhe, wenn wir sonst
in ihm standhaft bleiben. Aber wir müssen auch den
Kelch des Leidens mittrinken und mit seinem Soh-
ne Jesu Christo leiden. Dennoch will er uns erlösen
und uns guten Beistand leisten. Wenngleich uns die
Heiden töten, so will er uns doch nicht verlassen, son-
dern ihre Gewalt in Stücke brechen, uns aus ihren
Händen reißen und aus Gnaden herrlich krönen. Gott
ist der Herr, der da schützen kann. Derselbe ist auch
unser Schild, weil wir ihn zum Vater haben; er ist
barmherzig und mildreich; wenngleich uns die Men-
schen vertreiben, so wollen wir doch stets bei ihm
bleiben. Seine große Macht ist über uns, er lässt dieje-
nigen, die seinen Bund halten, nicht verzagen; darum,
wenngleich man uns lästert und anklagt, so freut euch
darüber in eurem Herzen. Werft euer Vertrauen auf
Gott, ihr werdet seine Hilfe genießen. Darum fürchtet
weder Pein noch Tod; ich sage meinem Gotte Preis
und Dank, dass ich ein Opfer geworden bin, wonach
mich verlangt hat, denn Sterben ist mein Gewinn. O
mein Gott, laß mich das Opfer deines Sohnes Jesu
Christi genießen, Amen. Hiernächst hat er den Hals
ausgestreckt und ist um des Zeugnisses Jesu Christi
willen enthauptet worden.
Thomas, Balthasar und Dominicus, 1528.
In demselben Jahre 1528 sind Thomas und Balthasar,
beide Diener des Evangeliums und mit ihnen einer,
Dominicus genannt, in der Stadt Brunn in Mähren
gefangen genommen, zum Tode verurteilt und mit
großer Standhaftigkeit um des Glaubens und göttli-
chen Wahrheit willen verbrannt worden; ehe sie aber
gefangen worden sind, haben sie dem Rate angezeigt,
dass sich derselbe vorsehen sollte und sich nicht an
unschuldigem Blute vergreifen sollte, es würde Gott
ihnen nicht ungestraft lassen. Hierauf ist Thomas Pels-
ser im Rathause aufgestanden, hat sich angestellt, als
wollte er seine Hände waschen und gesagt: Ebenso
will ich meine Hände in ihrem Blute waschen und wer-
de meinem Gott einen Dienst damit tun; aber wenige
Tage darauf ist es geschehen, dass ihn das Gericht Got-
tes getroffen hat; denn er ist plötzlich gestorben und
in seinem Bette an seines Weibes Seite tot gefunden
worden. Er hat demnach den Tod dieser Frommen
nicht erlebt, worüber viele großen Schrecken gehabt.
Hans Feyerer mit fünf Brüdern und drei
Schwestern, 1528.
Um diese Zeit ist gleichfalls Hans Feyerer, ein Diener
des Wortes, mit fünf seiner Brüder oder Glaubens-
genossen zu München im Bayerlande um des Glau-
bens und der göttlichen Wahrheit willen verurteilt
und verbrannt worden; auch hat man ihre drei Wei-
ber ertränkt, welche ihr Leben freimütig, getrost und
fröhlich dahingegeben und lieber dieses zeitliche Le-
ben verlieren, als von demjenigen abweichen wollten,
was Gott ihnen zu erkennen gegeben; sie haben ein
elendes Leben verlassen, um zu ihrer Zeit bei Christo
in dem Reiche Gottes ein anderes zu finden, welches
allen denen, die bis ans Ende beharren, mit Abraham,
Isaak und Jakob, mit allen Heiligen und Frommen
verheißen ist.
Drei Brüder und zwei Schwestern, 1528.
Es haben im Jahre 1528 zu Zuaimb in Mähren drei Brü-
der und zwei Schwestern gefangen gelegen. Es war
zu Zuaimb ein Richter, welchen man Herrn Ludwig
nannte; dieser hasste die Brüder, wie er während der
Gefangenschaft dieser drei Brüder und Schwestern
bewiesen hat, denn dieser Ludwig hat dem Rate mit
scharfen Worten zugeredet, was sie mit diesen täufe-
rischen Ketzern anfangen wollten; sie hätten, sagte
er, sowohl einen königlichen Befehl, als auch sein Ge-
bot, und wenn sie dieselben nicht hinrichten ließen,
so wollte er selbst zum König reisen und sie wegen
ihres Ungehorsams anklagen, wenn sie aber dieselben
richten lassen wollten, so wolle er mit seinen Pferden
das Holz dazu anfahren lassen, um sie zu verbren-
nen. Hierauf hat ihm der Rat geantwortet: Lieber Herr
Ludwig, wir wollen sie euch anbefehlen, tut mit ihnen
nach eurem Gefallen; es ist euch übergeben. Hierauf
hat er mit seinem Wagen Holz anfahren und diese
drei Brüdern und zwei Schwestern verbrennen las-
sen. Demnach sind dieselben auf dieses kurze Urteil
hingerichtet worden und haben Gott, der das rechte
Brandopfer zugelassen hat, das Gelübde, das sie in
der Taufe getan hatten, bezahlt und bis in den Tod für
die erkannte göttliche Wahrheit gestritten.
Dieser Ludwig, durch der alten Schlange Hass und
52
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Neid angetrieben, hatte sich an dem Blute der from-
men und unschuldigen Schafe des Herrn noch nicht
gesättigt und musste seinen Schicksalsspruch erfül-
len; er hat denen Geld angeboten, die ihm anzeigen
würden, wo die Brüder zusammenkämen. Als ihm
nun das Haus verraten wurde, hat er sich mit den Hä-
schern und Schaarwächtern aufgemacht und ist über
den Platz gegangen; hier ist dieser Richter Ludwig
zufällig in ein Loch getreten, welches vor dem Hause
war, wodurch man den Wein hinunterließ und hat
in diesem Loche den einen Fuß verrenkt, so dass er
niederfiel und jammernd rief, dass man ihm aufhelfen
und die Schelme gehen lassen sollte. Als nun die Brü-
der dieses Geschrei vernahmen, haben sie sich davon
gemacht.
Nachher aber ist dieser Ludwig todkrank gewor-
den; er lag in großer Bangigkeit und fing plötzlich
an zu rufen: O die Täufer, die Täufer! Nachher hat
er weiter nichts mehr geredet, jene Worte aber hat er
unaufhörlich gerufen; zuletzt brüllte er wie ein Ochse
und wie ein wildes Tier, aß seine eigene Zunge, dass
ihm der Schaum und das Blut zum Munde herauslief.
Sein Weib und seine eigenen Kinder konnten nicht
bei ihm bleiben; nur die Magd, welche ihm zugehörte,
blieb bei ihm, bis er in seinem Blute erstickte. Diese
Magd hat es dem Bruder Bastelward, welcher ein Die-
ner gewesen, selbst erzählt, wie es zugegangen sei;
seine ganze Freundschaft hat nicht gern, dass man
davon redet und es war eine allgemeine Rede unter
den Leuten, dass er sich an dem unschuldigen Blute
verschuldigt hätte. Auf ähnliche Weise hat Gott öfters
(mehr als in diesem Buch angezeigt oder erzählt wer-
den kann) die Gottlosen mit dergleichen Exempeln
zurückgehalten, damit dadurch sein Werk unter sei-
nem Volke größere Fortschritte machen möchte, ihm
zum Ruhme und zum Heile derer, welche die Gerech-
tigkeit und Besserung des Lebens suchen; denn wenn
Gott seinem Werke nicht stets beigestanden hätte, so
würde der Feind es bald ausgelöscht und kein Fünk-
lein oder Sämlein von der Wahrheit übrig gelassen
haben, was aber Gott nicht zulässt.
Neun Brüder und drei Schwestern, 1528.
In diesem Jahre sind zu Pruckhan an der Mauer in Stei-
ermark neun Brüder und drei Schwestern gefangen
genommen worden; diese hat man um ihres Glaubens
willen zum Tode verurteilt und sie gebunden aus der
Stadt nach dem Richtplatze geführt; sie aber waren
fröhlich und getrost, sprachen und sagten: Heute wol-
len wir an diesem Orte um des Wortes Gottes willen
leiden und ihm unser Opfer verrichten. Auch redeten
sie die Herren von Pruckhan ernstlich mit den Wor-
ten an: Sie sollten wissen, dass sie unschuldiges Blut
auf sich laden würden. Als man einen Kreis mach-
te, knieten sie alle nieder und baten sämtlich alle zu
Gott, dass sie nun dieses ihr Abendopfer vollenden
möchten; dann standen sie auf und verfügten sich
zum Schwerte; der Scharfrichter war betrübt, denn er
tat solches nicht gern. Der Jüngste unter ihnen allen
hat seine übrigen Brüder gebeten, dass sie ihn, weil er
so wohlgemut und freimütig wäre, zuerst die Pein lei-
den lassen wollten, worauf er sie geküsst und gesagt
hat: Gott segne euch, meine liebsten Brüder, heute
werden wir zusammen im Paradiese sein. Also sind
diese neun Brüder auf einem grünen Acker enthaup-
tet worden; sie waren so unverzagt, dass man sich
wundem musste; sie knieten nieder und vergossen
ihr Blut durch des Schwertes Schlag. Die drei Frauen
und Schwestern wurden ertränkt; sie wollten nicht
von Gott und seiner Wahrheit abfallen. Die Jüngste
lachte das Wasser an, welches daselbst viele gesehen
haben. Einige hielten dafür, der Teufel habe sie ver-
härtet, aber andern wurde das Herz bewegt, dass sie
auch bekannten, es müsste solches Gott geben, sonst
wäre es unmöglich; demnach haben sie die heilige
und göttliche Wahrheit ritterlich bekannt.
Hilgard und Kaspar von Schöneck, ungefähr im
Jahr 1528.
Diese beiden sind zu Ries im Fluchttale bei Brixen
um der Wahrheit willen enthauptet worden und sind
ebenfalls als treue Zeugen Christi gestorben; sie haben
die folgende Ermahnung ihren Brüdern hinterlassen:
Merket alle auf und nehmet es zu Herzen, dass
Gott alle Sünder, groß und klein, heimsuchen wol-
le, welche ihn verachten und seinen Namen lästern
und nicht an ihr sündhaftes Leben denken. Gott wird
einmal schnell aufwachen und seine Kinder erlösen.
Wenn man auf die Lehre der Propheten achtet, so sieht
man, dass es die letzte Zeit sei und dass Gott in dieser
Zeit rufen wird, dass sich die Menschen zu ihm be-
kehren, nach seinem Willen leben und seine Geboten
halten sollen. Wenn sie das tun würden, so würde
dem Zorne gesteuert werden und er würde ihr Gott
und Vater sein; denn Gott ist wegen seiner großen Gü-
te in seinem Urteile langmütig, darum hütet euch vor
Sünden und folget dem Teufel nicht, sondern befreiet
euch von der Ungerechtigkeit, so wird euch Gott in
dieser letzten Stunde nicht verlassen, denn Gott ist
reich und auch barmherzig; bei ihm ist viel Gnade; er
vergibt dem Sünder gern, der seine Sünden verlassen
will, an Christum glaubt und seinen Namen anruft;
diesen wird Gott nicht allein aus Gnaden von seinen
Sünden freisprechen, sondern ihm auch freiwillig die
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ewige Belohnung schenken und geben. Merkt doch
auf diese Dinge, o ihr alle, die ihr zu der Gemeinde
Jesu Christi gehört und Gottes Kinder geworden seid!
Lobt doch Gott mit Jauchzen, jung und alt, groß und
klein; ihr, die ihr seinem Wort glaubt, liebt Gott als
seine lieben Kinder und wandelt vor ihm mit reinem
Herzen, so werdet ihr niemals verlassen, sondern von
ihm bewahrt werden. O Gott, der du reich von Gnade
bist, bewahre uns, deine Kinder, damit wir uns zu
dir halten und diejenigen, die sich dir ergeben haben,
nicht zu Schanden werden; führe sie fleißig mit dei-
ner rechten Hand nach dem verheißenen Lande, dem
ewigen Himmelreiche. O Gott! Dir sei Ehre in deinem
hohen Throne, der du uns durch Christum, deinen
Sohn beschenkt und uns deine göttliche Gnade mit-
geteilt hast, wodurch wir dich mit Herz und Mund
bekennen und uns nicht schämen, diejenigen unsere
Brüder zu nennen, die dich in der Wahrheit als einen
Vater anrufen. Gelobet sei dein heiliger Name! Amen.
Sebastian Frank erzählt, dass im Anfänge die Tauf-
gesinnten sich um viele Taufende vermehrt haben,
so dass die Welt einen Aufruhr von ihnen befürch-
tete; sie sind aber dessen (wie ich höre), schreibt er,
unschuldig befunden worden; gleichwohl hat man
ihnen, besonders zuerst im Papsttume, mit großer
Tyrannei zugesetzt.
Man nahm mit Gewalt gefangen und peinigte sie
mit Brennen, mit dem Schwerte, mit Feuer, Wasser
und mit mancherlei Gefängnissen, weshalb in weni-
gen Jahren sehr viele derselben getötet worden sind,
welche man in verschiedenen Plätzen getötet hat,
denn es sind zu Eynsheim allein an sechshundert um-
gebracht worden, welche alle als Märtyrer geduldig
und standhaft litten.
Vergleiche Seb. Franck's Beschreibung in seiner
Chronik, die alte Auflage, Fol. 55, 109, mit dem al-
ten Opferbuche, Buch 1. Leonh., Buch 7. Ferner den
zweiten Teil der Chronik von dem Untergänge der
Tyrannen und jährlichen Geschichten, das 16. Buch
auf das Jahr 1528, Pag. 1025, Col. 1.
Sechs Personen zu Basel, im Jahre 1529.
Im Jahre 1529 sind zu Basel neun von denjenigen,
welche nach dem Befehle Christi getauft waren, ge-
fänglich eingezogen, von welchen, wie sie schreiben,
sechs verurteilt worden sind.
Ferner schreiben sie, dass Bartholomäus Sincken,
welcher Landvogt daselbst gewesen, zu Homburg,
einem Schlosse im Baseler Gebiete, einige der bedeu-
tendsten Täufer (nämlich Taufgesinnte) gefangen ge-
nommen habe; was ihnen aber endlich widerfahren
sei, melden die Chroniken nicht.
Vergleiche dieses mit der Anmerkung in der Vorre-
de des Opferbuches der Taufgesinnten über Jahr 1615.
Buchst. Y, Pag. 2.
Hans Langmantel mit seinem Knechte und seiner
Magd, im Jahre 1529.
Hans Langmantel, ein reicher Bürger von angeneh-
mem Geschlechte, hat mit seinem Knechte und seiner
Dienstmagd, als die Gemeinden in Deutschland wie-
der aufgerichtet wurden, die Wahrheit des Evangeli-
ums angenommen und haben von Eifer entflammt,
an die Wahrheit geglaubt, das sündhafte Leben ver-
lassen und sich zur Befreiung und Vergebung ihrer
Sünden auf den Glauben an Jesum Christum taufen
lassen. Sie sind deshalb alle drei gefänglich eingezo-
gen worden und zuletzt, nachdem sie viel Anfechtung
und Pein erlitten, um ihres Glaubens willen, welchen
sie standhaft bekannten, getötet worden; den Hans
Langmantel und seinen Knecht haben sie mit dem
Schwerte getötet, die Magd aber im Wasser ertränkt.
Als sie noch in strenger Gefangenschaft lagen, haben
sie das Nachfolgende als eine Danksagung und ein
Gebet, deren sie sich im Gefängnisse bedienten, ih-
ren Brüdern zum Tröste, zur Ermahnung und zum
Andenken ungefähr im Jahre 1529 zugesandt:
O Gott! Vater vom Himmel, komm mit der Kraft
deines Heiligen Geistes und erfreue damit unser Ge-
müt, Herz und unsere Sinne; gib uns allen dreien
ein männlich Gemüt, um in dieser Angst, worin wir
sind, zu streiten und zu siegen. Halte uns mit dei-
ner rechten Hand, denn du bist unsere Stärke, streite
für uns in dem Streite, und habe acht auf uns in der
Not, damit wir im Streite bestehen möchten und nicht
zurückweichen, wenn der Streit am heftigsten wird,
darum, o Herr, halte doch Wache über uns und be-
wahre uns in dieser großen Not, da sich die Gottlosen
gegen dein Wort aufmachen und uns davon abwen-
dig machen wollen. O Gott, erhalte uns doch in deiner
Obhut, damit wir nicht schwach werden und dein
Wort fahren lassen. Laß, uns doch die Treue genießen,
die du durch deinen Sohn Jesum Christum an uns
vollbracht und erwiesen hast, damit wir aber solches
stets fleißig betrachten möchten, so sende uns deinen
Heiligen Geist und entzünde in uns das Feuer dei-
ner göttlichen Liebe; führe du uns, der du dieselbe
mit der Tat gelehrt und uns vorgelegt hast, dass wir
uns auch darin üben und dieselbe, als deine lieben
Kinder unterhalten und ausüben sollen, damit diese
Gabe in uns komme und wir in dieser deiner Wahrheit
unser Leben darnach einrichten möchten, wozu wir
berufen sind, damit Friede und Einigkeit unter uns
grünen möge und wir uns untereinander in der Wahr-
54
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
heit aus reinem Herzen lieb haben. Darum, o Gott,
laß das Licht deiner göttlichen Klarheit uns erleuch-
ten, damit wir darin wandeln mögen. O Herr! Erhalte
uns darin als deine lieben Kinder! Laß uns doch nicht
durch die grausame Finsternis dieser Welt, welche
mit jeder Art von Untreue die Oberhand bekommen
und welches alles den Tod nach sich zieht, ebenfalls
verfinstert werden. Du aber, unser Vater, liebest die
Billigkeit. In dir ist keine Finsternis, sondern die Welt
ist damit verblendet. Du aber bist das ewige Licht,
welches durch die Finsternis dringt. Damit wir nun
ferner nicht mehr Kinder der Nacht, sondern Kinder
des Tages sein mögen, so wache über uns mit deinem
Heiligen Geiste und lehre uns mit Lust und Freude
nach deiner göttlichen Art in diesem Licht fortgehen.
O Gott, wir bitten noch einmal, sende uns zu die-
sem Zwecke deinen Heiligen Geist, verleihe uns seine
Kraft, erneuere unsere Herzen und mache uns stark
in dir, damit wir dir im Gehorsam folgen und deinen
Namen verherrlichen mögen. Wenn diese Welt sich
wider deine Worte empört und dem widerstrebt, dass
unsere Seele in allen Trübsalen zu dir seufzt, wodurch
sie uns abzureißen suchen, so gib uns, o Herr, dass wir
auf deine Hilfe warten und hilf uns zur Überwindung.
Gib uns Herr, dass wir uns durch keine Sünde oder
Schuld beflecken und nimm von unserm Fleisch den
Schrecken hinweg, womit man uns abzuziehen und
in diesem Werke aufzuhalten beabsichtigt, damit wir
im Streite nicht wanken, wenn man das Todesurteil
an uns vollstrecken wird, sondern damit wir dir mit
allen Frommen entgegengehen und in dem herrlichen
Hochzeitskleide bei der Hochzeit erscheinen, welche
deinem Sohne zubereitet ist, wenn Er seine Braut mit
ewiger Freude und Lust aufnehmen wird, Herr! Ste-
he uns doch bei in allen Ängsten und Nöten und in
der Todespein; gib uns das Himmelsbrot, sende uns
deinen Tröster; denn du Gott bist ein Tröster der Elen-
den; du machest die Armen reich und stärkest die
Schwachen; du kannst die Müden erquicken und den
Schwachen Kraft geben, dass sie sich zu dir wenden;
durch dich überwinden sie, die sich jetzt zum Streite
begeben haben, um für die Wahrheit zu streiten. Hilf
uns zum Siege in Christo, deinem Sohne, ja in ihm
allein auf dieser Erde. Sei Du allein unser Helfer, be-
schirme uns mit deinem Schwerte, damit wir sämtlich
als deine Helden die Krone erlangen und ewig bei dir
sein mögen, Amen.
Georg Blaurock und Hans von der Reve, 1529.
Um diese Zeit, im Jahre 1529, ist Georg von dem Hau-
se Jacobs, mit dem Zunamen Blaurock, nachdem er
ungefähr zwei oder drei Jahre in der Schweiz und
insbesondere in der Grafschaft Tyrol, wohin er selbst
gereist ist, die Lehre der Wahrheit ausgebreitet und
verkündigt hatte, damit er nämlich mit dem Pfunde
wuchern und mit seinem Eifer für das Haus Gottes
eine Ursache des Heils sein möchte, nebst seinen Mit-
gesellen zu Gusodaum gefangen genommen, um des
Glaubens willen zum Tode verurteilt und nicht weit
von Clausen lebendig verbrannt worden und zwar
wegen nachfolgender Artikel: Weil er sein Priesteramt
und seinen Stand, den er zuvor im Papsttume bedien-
te, verlassen hatte; weil er nichts von der Kindertaufe
hielt und den Leuten eine neue Taufe predigte; weil
er die Messe oder Beichte verworfen, wie sie von den
Pfaffen eingesetzt worden ist; weil er dafür halte, dass
wir die Mutter Christi nicht anrufen oder anbeten
müssen. Wegen dieser Ursachen ist er hingerichtet
worden und hat, wie einem Ritter und Glaubenshel-
den gebührt, Leib und Leben dafür gelassen. Als er
auf dem Richtplatze war, hat er ernstlich zum Volke
geredet und sie zur Schrift angewiesen.
Nachdem nun die Liebe zur Wahrheit aufgegangen
ist, so dass dieselbe unter den Menschen zu brennen
angefangen und das Feuer Gottes sich entzündet hat,
so sind in der Grafschaft Tyrol um des Zeugnisses der
Wahrheit willen viele getötet und umgebracht worden,
insbesondere in den nachfolgenden Plätzen: In dem
Gusodaumer Gerichte, zu Clausen, Brixen, Sterling,
Baltzen, Neumark, Katren, Terlen, in Gundersweg;
desgleichen in dem Inntale zu Imbs, zu Petersburg,
zu Steyen im Spruktal, Schwatz, Rotenburg, Kufstein
und Kitzpichel; in diesen Plätzen hat eine große Men-
ge der Gläubigen mit ihrem Blute die Wahrheit stand-
haft durch das Feuer, Wasser und Schwert bezeugt;
dadurch hat sowohl das Volk Gottes als auch die Ver-
folgung täglich zugenommen. Einer ihrer Vorsteher
und Lehrer in der Grafschaft Tyrol wurde Jakob Hue-
ter genannt, welcher sich nicht lange darauf samt den
Seinen mit der Gemeinde, die in Mähren versammelt
war, vereinigt hat. Nachdem nun diejenigen, welche
sich zu dem Jakob Hueter hielten, mit ihm aus der
Grafschaft Tyrol nach Mähren zogen, wozu sie teilwei-
se durch die große Verfolgung gezwungen und genö-
tigt worden sind, so hat die Verfolgung und Tyrannei
in der Grafschaft Tyrol sich täglich sehr vermehrt, wes-
halb die Frommen wenig Sicherheit hatten und viele
von ihnen gefangen genommen und um des Glaubens
willen auf allerlei Weise genötigt wurden, wozu denn
die Pfaffen von dem Predigtstuhle mit großem Grim-
me gewaltigen Lärm schlugen und darauf bestanden,
dass man solle Zusehen, sie auszukundschaften und
sie mit Feuer und Schwert zu vertilgen; auch hat man
einige Male denjenigen viel Geld angeboten und ver-
heißen, der sie angeben würde, wodurch sie zu Zeiten
55
auf gefunden worden sind; man hat sie überall auf-
gesucht, in den Gebüschen und Häusern, welche im
Verdacht waren, in allen Plätzen, auch innerhalb der
verschlossenen Zaune; diese musste man öffnen oder
sie brachen sie auf und durchsuchten die innere Flä-
che. Es war unter ihnen auch ein Judaskind, namens
Prabeger, der sich einer Schalkheit bediente und da-
durch viel zu erlangen glaubte; dieser lief zur Obrig-
keit und verriet sie alle, brachte auch die Häscher und
die Pilatuskinder mit Schwertern, Spießen und Stan-
gen mit sich; vor denselben ging er her, wie Judas, der
Verräter. Auf solche Weise haben sie viele gefangen,
andere aber zerstreut und verjagt. Nicht lange darauf,
als sie sich wieder versammelten, hat sich auch wie-
der ein Ischariot hervorgetan, namens Georg Früder,
der zu den Pfaffen lief und sagte, wenn sie ihm Lohn
geben wollten, so wolle er hingehen und es sollte sich
niemand von den Brüdern vor ihm verbergen kön-
nen. Hierauf haben ihm die Pfaffen, das Geschlecht
der Pharisäer und Schriftgelehrten, Geld und guten
Lohn und außerdem noch einen Brief gegeben, womit
dieser Schalk ausgegangen ist, sich aufs Höchste ver-
stellt und sein Gaukelwerk getrieben hat; er ging hin
und wieder zu den Leuten, von welchen er dachte,
dass sie davon Wissenschaft hätten, fragte überall im
Pöstertale, wo die Brüder wären und wo er sie finden
möchte, man sollte ihm doch dazu verhelfen; solches
hat dieser Schalk unter vielen Tränen begehrt, unter
dem Vorwände, dass er keine Ruhe hätte, bis er bei
ihnen wäre; auf solche Weise hat er sie betrogen und
ist endlich zu ihnen gekommen; er stellte sich vor ih-
nen ganz traurig, demütig und gütig an, wie einer, der
Buße sucht und sich auf einen andern Weg begeben
will; dann aber sprach er in großer Eile: Meine Brüder,
wartet ein wenig, so will ich nachhause gehen und
mein Weib und meine Kinder herholen. Der Diener
hatte viel Überlegung und sagte zu ihm: Wenn du
im Herzen falsch bist und etwas Arges im Sinne hast,
so wird dich Gott gewiss darum Heimsuchen und du
wirst sein Gericht schnell auf dich laden. Er aber sagte:
O nein, davor behüte mich Gott! Kommt mit mir in
mein Haus. Damit ging er fort und lief zum Richter,
zu den Pfaffen und zu der Obrigkeit; dieselben ka-
men mit Gewalt, mit Schwertern und Stangen, und
nahmen die Brüder und Schwestern gefangen.
Dergleichen Schalke taten sich noch mehr hervor;
insbesondere einer, welcher Peter Lantz hieß; desglei-
chen ein anderer mit Namen Pranger; einige gingen
in der Nacht mit vieler Schalkheit umher, stellten sich
ebenso an und kamen zu den Plätzen und Häusern,
worin sie jemanden zu finden hofften; aber Gott hat
ihnen ihren verdienten Lohn gegeben, so dass sie
wünschten, dass sie nicht geboren worden wären.
Außer dem erwähnten Georg Blaurock ist noch ei-
ner gewesen, namens Hans von der Reve, welcher mit
zu denen gehörte, welche die Wahrheit des heiligen
Evangeliums mit Emst angenommen und die christ-
liche Gemeinde zu der Zeit haben stiften und bauen
helfen, als die Wahrheit durch das Papsttum und an-
dere Irrtümer lange verfinstert gewesen ist. Nachdem
sie nun ihr Lehramt eine Zeitlang treulich bedient, vie-
le Menschen erbaut und unterwiesen und dadurch ihr
Pfund mit Wucher auf Gewinn gelegt hatten, so sind
sie endlich von der missgünstigen und neidischen
Kainsart gefangen genommen und zu Clausen in Ty-
rol im Jahre unsers Herrn 1529 verbrannt worden.
Um nun zu bezeugen, dass sie in allem diesem sich
in Gott erfreut und auch ihrer Brüder Trost und Stär-
kung gesucht haben, so haben sie das Nachfolgende
ihnen zum Andenken hinterlassen:
Herr Gott! Dich will ich loben von nun an bis an
mein Ende, weil du mir den Glauben gegeben hast,
durch welchen ich dich kennen gelernt habe. Du sen-
dest dein göttliches Wort zu mir, welches ich aus lau-
ter Gnade merken und spüren kann. Von dir, o Gott,
habe ich dasselbe empfangen, wie du weißt; ich hof-
fe gewiss, es wird nicht leer wieder zu dir zurück
kehren. O Herr, stärke hierzu mein Gemüt, dass ich
deinen Willen erkenne, dessen ich mich von Herzen
erfreue. Wärest du mir, o Gott mit dem Worte deiner
göttlichen Gnade nicht erschienen, als ich die schwere
Last der Sünden gewahrte, welche mich sehr ängs-
tigte, so hätte ich unterliegen und ewige Pein leiden
müssen. Darum will ich deinen herrlichen Namen
ewig hochloben und rühmen, weil du dich stets als
einen barmherzigen, lieben Vater erweisest. Verstoße
mich doch nicht, sondern nimm mich als dein Kind
an. Darum schreie ich zu dir, hilf doch, o Vater, dass
ich dein Kind und Erbe sein möge. O Herr, stärke mei-
nen Glauben, sonst wird mein Gebäude, wenn mir
deine Hilfe nicht beisteht, bald Umfallen; vergiss mein
nicht, o Herr, sondern sei immer bei mir; dein Heili-
ger Geist beschütze und lehre mich, dass ich in allen
meinen Leiden stets deinen Trost empfangen und in
diesem Streite ritterlich kämpfen möge, bis ich den
Sieg erhalten haben werde. Der Feind hält mit mir ei-
ne Schlacht in dem Felde, worin ich nun liege; er hätte
mich gern aus dem Felde verjagt; aber du, Herr, hast
mir den Sieg gegeben. Er ist mit scharfem Geschütz
auf mich eingedrungen, so dass mir alle meine Glie-
der vor der falschen Lehre und ihrem Zwange bebten.
Aber du, o Herr, erbarme dich meiner und hilf mir
armen Menschen, deinem Sohne, mit deiner Gnade
und kräftigen Hand, damit ich überwinde. O Gott!
Wie bald hast du mich erhört, wie bist du mit deiner
Hilfe geeilt und hast meine Feinde zurückgeschlagen!
56
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Darum will ich zum Lobe deines Namens, in meinem
Herzen singen und die Gnade, die mir widerfahren
ist, ewig ausbreiten. Ich bitte dich nun, Vater, für alle
deine Kinder; bewahre uns sämtlich in Ewigkeit vor
allen Feinden unsrer Seelen; auf das Fleisch will ich
nicht bauen, denn dasselbe vergeht und hat keinen
Bestand, aber auf dein Wort will ich fest vertrauen,
das sei mein Trost, darauf ich mich verlasse, das wird
mir aus allen meinen Nöten zur ewigen Ruhe helfen.
Die Stunden des letzten Tages, wo wir das Leben las-
sen müssen, ist nun sehr nahe. Lieber Herr! Hilf uns
doch das Kreuz bis auf den Platz zu tragen und kehre
dich zu uns mit aller Gnade, damit wir unsem Geist
in deine Hände befehlen mögen. Ich bitte dich, o Herr,
herzlich für alle unsere Feinde, wie viele derer auch
sind; Herr, rechne ihnen ihre Sünde nicht zu; dieses
bitte ich dich nach deinem Willen und so wollen wir
(ich, Georg Blaurock und Hans von der Reve) im Frie-
den hinscheiden; der gute Gott wolle uns durch seine
Gnade bis in sein ewiges Reich geleiten; gleichwie wir
ihm auch fest vertrauen, dass er solches tun und sein
heiliges Werk in uns vollenden und mit seiner Kraft
bis ans Ende uns beistehen werde, Amen.
Dies ist auch augenscheinlich geschehen, denn die-
se beiden sind standhaft und unerschrocken um der
Wahrheit willen gestorben und verbrannt worden.
Hier folgt noch eine andere tröstliche Ermahnung,
welche Georg Blaurock seinen Nachkömmlingen
hinterlassen hat.
Gottes Gericht ist recht, welchem sich niemand wi-
dersetzen kann; er wird den verdammen, der seinen
Willen nicht tut. Aber du, o Herr, bist gütig und er-
zeigest deine Gnade und nimmst zu deinen Kindern
alle diejenigen an, welche sich befleißigen, deinen Wil-
len zu tun. Wir sagen dir billig Lob und Dank durch
Jesum Christum, für alle deine Wohltaten und Güte
und bitten dich, du wollest uns vor Sünden behüten
und bewahren. Der Sünder fällt hier ein schweres
Urteil über sich selbst, welches ihn endlich gereuen
wird, denn obgleich ihn Gott treulich warnt, so will er
gleichwohl von dem sündlichen Leben nicht ablassen.
Wenn aber der Herr in seiner Herrlichkeit zum Gerich-
te kommt, dann wird es den Sünder gereuen, es ist als-
dann zu spät, Unschuld zu erwerben; hier lässt er sein
göttliches Wort verkündigen und lehret die Menschen,
dass sie sich von ihrem sündlichen Leben bekehren,
an Christum glauben, sich auf diesen Glauben taufen
lassen und dem Evangelium gehorsam seien. Darum,
ihr Menschenkinder, lasst ab von euren Sünden und
verharrt nicht länger in eurer Verstockung, Krankheit,
Gottlosigkeit und Blindheit, weil ihr den Arzt findet
könnt, der alle Gebrechen heilen kann und weil ihr
seine Hilfe umsonst genießen könnt. Ach, wie elend
wird es dem Sünder ergehen, welcher sich jetzt nicht
helfen und raten lässt, wenn er von Gott zur ewigen
Pein verwiesen wird und darin ewig wird bleiben
und leiden müssen. Aber du, o Herr, bist ein gerechter
Gott, du wirst niemanden betrügen, sondern du wirst
diejenigen vor dem zweiten Tode bewahren, die dich
von Herzen lieben. Du, o Herr, bist ein starker Gott,
der alle Gottlosen und diejenigen, die deine Kinder
hassen und ihnen Leids antun, zur Hölle (welche nun
ihren Mund auf getan) verstoßen wird. Aber deine
Barmherzigkeit über diejenigen, die sich bekehren, ist
groß und du vergibst ihnen durch Jesum Christum
ihre Sünden. Dies ist der Wille Gottes, dass das ganze
menschliche Geschlecht Ihn fürchte und liebe, dass sie
seinem Sohne Jesu Christi nachfolgen und seine gött-
liche Lehre halten; aber es beweist der Sünder mit der
Tat, dass er sein Gespött damit habe, wenn man ihn
zur Liebe Gottes ermahnt, was teuer wird bezahlt wer-
den müssen, denn Gott lässt sich durch keinen Schein
betrügen. Der Antichrist droht uns mit großer Schärfe
und lästert diejenigen, die Gott fürchten. Darum bitten
wir dich, o Gott, stärke deine schwachen Gefäße; aber
wir wissen, dass du, um deiner Treue willen uns nicht
verlassen wirst, wenn wir alles in Geduld um deines
Namens willen ertragen, sondern dass du uns täglich
erneuern und stärken willst, damit wir auf deinem
schmalen Wege bleiben mögen, wir rufen dich durch
Christum, um seines bitteren Leidens willen an, worin
wir deine Treue und Liebe erkennen und dieses ist uns
tröstlich in unserer Wohlfahrt; darum verlasse uns,
deine Kinder, nicht, von nun an bis an unser Ende,
sondern reiche uns beständig deine väterliche Hand,
damit wir unsern Lauf vollenden mögen; denn wenn
wir den Lauf zu Ende gebracht haben werden, so ist
die Krone von dem Jünglinge zubereitet, der für uns
am Kreuze hing, wo er um unseretwillen großes und
schweres Leiden hat ertragen müssen. O Herr, gib,
dass wir dankbar sein mögen, damit wir dich, Vater,
mit Freuden anschauen mögen. O Vater, du hast uns
aus Gnaden erwählt und uns würdig geachtet, uns
zu deinem Werke zu gebrauchen, gib doch, dass wir
auf den Abend den Lohn mit Freuden empfangen mö-
gen, mache uns doch durch Christum, deinen Sohn,
zu dem himmlischen Abendmahle bereit, bekleide
uns mit deinem Heiligen Geiste. In diesem Abend-
mahle wird dein Sohn, unser Seligmacher, uns an der
Tafel dienen; ach, wie selig sind sie, die zu deinem
Abendmahle berufen sind und in jeder Trübsal bei
Christo bis ans Ende beharren, gleichwie er auch für
uns standhaft am Kreuze gelitten hat; und so ergeht es
auch allen seinen Nachfolgern auf dieser Erde und al-
57
len, die ihr Hochzeitskleid bis ans Ende rein behalten;
diesen wird der Jüngling die Krone aufsetzen. Wer
aber mit diesem Kleide nicht angetan ist, den wird der
König scharf anreden, wenn er seine Gäste besehen
wird und wird er gebunden an Händen und Füßen,
in die tiefste Finsternis geworfen werden. O Herr, gib
uns doch, dass wir in rechter Liebe erfunden werden
mögen, damit, wenn wir kommen, wir die Türe nicht
verschlossen finden, wie es den törichten Jungfrau-
en ergangen ist, die kein Öl in ihren Lampen hatten
und sagten: »Herr tue uns auf,« gleichwohl aber nicht
eingehen konnten; sondern, dass wir in einer seligen
Wachsamkeit mit den fünf klugen Jungfrauen unsere
Zeit zubringen und mit ihnen zur herrlichen Hochzeit
der ewigen Freuden eingehen mögen, wenn der Kö-
nig mit seiner Posaune seine Auserwählten berufen
und versammeln wird.
Darum, o Zion, du heilige Gemeinde Gottes, mer-
ke auf, was du empfangen hast; bewahre dieses fest
bis ans Ende und halte dich rein und unbefleckt von
Sünden, so wirst du aus Gnaden die ewige Krone
empfangen.
Viglig Plaitner, 1529.
Der Bruder Viglig Plaitner, ein Diener Christi, ist zu
Schardingen in Bayern, im Jahre 1529 verurteilt wor-
den und hat um den Glauben und der göttlichen
Wahrheit willen standhaft den Tod erlitten. Er wollte
weder zur rechten noch zur linken Seite abweichen
und hat sein Leben nicht bis in den Tod geliebt, son-
dern es um Christi willen dahingegeben, damit er
dasselbe in der oberen Stadt der Gerechten mit al-
len Heiligen und Frommen ewig wieder empfangen
möge.
Ludovicus mit zwei andern, 1529.
Im Jahre 1529 ist gleichfalls ein Bruder, Ludovicus ge-
nannt, welcher ein Diener Jesu Christi und ein in der
lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache,
nicht weniger in der Heiligen Schrift, wohlerfahrener
Mann gewesen, nach einer langwierigen Gefangen-
schaft bei Costnitz am Bodensee, nebst zwei andern,
mit dem Schwerte gerichtet worden. Bei seinem Tode
hat er viele schöne Lehren gegeben, dass sich darüber
jedermann wunderte und mit ihm weinte.
Johannes Hut, 1529.
In diesem Jahre ist Johannes Hut, ein treuer Diener
Jesu Christi, zu Augsburg in Schwaben, um des Zeug-
nisses Gottes willen, gefänglich eingezogen und in
einen Turm gesetzt worden. Sie haben aber endlich
mit ihren scharfen und peinlichen Fragen von ihm
abgelassen und ihn als tot liegen lassen; als sie aber
weggingen und in dem Gefängnisse ein Licht neben
dem Stroh stehen ließen, ist das Stroh davon in den
Brand geraten. Infolge hiervon haben sie ihn, als sie
wieder in den Turm gekommen sind, tot gefunden,
worauf sie ihn in einem Sessel sitzend, auf einem Wa-
gen nach dem Hofgerichte geführt, wo er zum Feuer
verurteilt worden ist. Sein Sohn Philipp Hut ist in der
Gemeinde zu Heim in dem Herrn entschlafen. Dieser
Johannes Hut hat die Danksagung gemacht, die wir
bei des Herrn Gedächtnisse oder Abendmahl singen;
außerdem hat er noch ein oder zwei Lieder gemacht.
Wolfgang Brand-Huber, Hans Niedermair, nebst
andern, ungefähr siebzig, 1529.
Die Brüder Wolfgang Brand-Huber von Passau und
Hans von Niedermair, beide Diener des Wortes und
des Evangeliums Christi, sind im Jahre 1529 zu Linz,
an der Gims gelegen, um der göttlichen Wahrheit wil-
len, nebst vielen Frommen, zum Feuer, Wasser und
Schwerte verurteilt worden, welches Gericht auch an
ihnen und siebzig andern Personen vollzogen wor-
den ist. Unter andern ist auch Peter Riedemann von
Hirschberg, der im Jahre 1529 auf St. Andreasabend
zu Gmünd gefangen genommen ist, obgleich er in
der höchsten Todesangst auf allerlei Weise versucht
wurde, dennoch treu und standhaft geblieben, so dass
er zuletzt durch göttliche Fügung, nachdem er drei
Jahre gefangen gesessen, wieder befreit worden.
Von diesem Wolfgang Brand-Huber sind in der Ge-
meinde noch Schriften vorhanden, worin er die christ-
liche Gemeinschaft treulich unterrichtet und insbeson-
dere gelehrt hat, dass man in allem, das nicht gegen
Gott streite, der Obrigkeit gehorchen und untertänig
sein müsse; auch hat er die rechte Taufe Christi und
das wahre Abendmahl des Herrn sehr hoch gehalten,
dagegen aber die Kindertaufe, das Sakrament und
andere antichristliche Gräuel und Verfluchungen ver-
worfen, wie seine Schriften, welche noch vorhanden
sind, beweisen.
Carius Prader, nebst einigen Personen, 1529.
Um diese Zeit ist auch Carius Prader, ein Diener der
Gemeinde Gottes im Salzburger Lande, mit noch eini-
gen Personen in ein Haus eingeschlossen, in welchem
sie sämtlich verbrannt worden sind. Es ist noch ein
Lied in der Gemeinde vorhanden, welches dieser Ca-
rius gemacht hat.
58
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Sieben Brüder, 1529.
Diese sieben Brüder sind um der evangelischen Wahr-
heit willen zu Gmünd im Schwabenlande sämtlich auf
denselben Tag mit dem Schwerte hingerichtet worden
und haben also mit ihrem Blute den Namen Christi
standhaft bekannt. Ihre Geschichte lautet wie folgt:
Ich habe nicht unterlassen wollen, meine Brüder
mit dem Handel bekannt zu machen, der sich hier in
Deutschland bei uns zugetragen hat, gleichwie auch
vielen wohl bekannt ist, wie die Welt über die Recht-
gläubigen wütet und tobt, und wie sie die Knechte
Gottes ihres Lebens und ihrer Güter beraubt; denn als
Gott die Menschenkinder in Gnaden angesehen, so
hat er ihnen mitten in ihrer Blindheit sein hellscheinen-
des Wort als ein Licht gegeben, damit wir an dasselbe
glauben, und alle Sünde und Schande meiden sollten.
Dieses Wort haben viele Leute als Wahrheit erkannt,
es mit dem Munde angenommen und sich Christen
nennen lassen, sind aber gleichwohl in ihrem sündhaf-
ten Leben fortgefahren und haben gedacht, der bloße
Name sei genug, dass man nur den Schein beobach-
tete. Nachher hat es der Herr geschehen lassen, dass
sein Wort in einigen kräftig wirkte, so dass es, wie der
Prophet Jesaja sagt, in dem, wozu es Gott aussandte,
glücklich ward und zu Ihm nicht leer zurückkehrte,
sondern viele auf den rechten Weg leitete. Diejenigen,
die mm also einen lauteren Wandel zu führen suchten,
wurden gehasst und von den andern als Wiedertäu-
fer gelästert, als ob sie von Gott abgefallen wären
und sich zu Belial gewendet hätten, während sie doch
ernstlich nichts anderes suchten und begehrten, als
die Gebote Gottes durch seine Hilfe, nach ihren bes-
ten Kräften zu halten. Dessen ungeachtet pflegte man
sie schmählicherweise Wiedertäufer zu schelten, ob-
gleich sie einem jeden Menschen von Herzen gern
vergaben und mit Leihen und Borgen, ohne Nutzen
darin zu suchen, dem Nächsten behilflich waren, auch
für ihre Feinde und Verfolger baten, wie man oft in
der Stunde ihres Todes gesehen hat, und ebenso, dass
sie ihren Glauben mit der Tat bewiesen haben. Im
Jahre 1529 ist es in der Stadt Gmünd öffentlich gesche-
hen, dass der Feind an einigen derselben mancherlei
List gebrauchte, um sie abzuschrecken, aber es ist ihm
nicht geglückt. Sie hatten daselbst einen Knaben ge-
fangen, welcher erst 14 Jahre alt war; diesen hatten sie
in den Turm gefangen gesetzt, in welchem er beinahe
ein ganzes Jahr lang in harter Gefangenschaft gelegen
und viel Ungemach erlitten; er blieb aber stets unbe-
weglich, wie oft sie ihm auch zusetzten, um ihn zum
Abfall von seinem Glauben zu bewegen. Es wurden
auch mit ihm sechs andere Brüder, fromme Männer,
gefangen genommen und auf den Tod in den Turm
gesetzt. Daselbst dankten und lobten sie Gott mitein-
ander, trösteten sich untereinander, auch stand ihnen
Gott mit seiner Gnade bei, dass sie treulich in dem
Glauben blieben und sich weder durch Bedrohungen
noch durch Schrecken bewegen ließen. Als nun die
Zeit herannahte, dass sie aus dieser Welt scheiden soll-
ten, so hat man ihnen ihr Todesurteil vorgelesen und
sie dabei gefragt, ob sie von ihrem Glauben abfallen
wollten. In diesem Falle könnten sie unbekümmert
sein und wieder nachhause zu ihren Weibern und
Kindern gehen. Hierauf wandten sich die Gefangenen
zu ihren Feinden und antworteten ihnen: Wir haben
Gott unsere Weiber und Kinder anbefohlen, er kann
sie wohl bewahren, darum lasst van solchen Worten
ab, denn wir sind willig und bereit zu sterben. Als
mm auf dem Platze ein Kreis geschlossen wurde, wie
man zu tun pflegt, wenn man mit dem Schwerte rich-
tet, und der gedachte Knabe in demselben stand um
enthauptet zu werden, so kam ein Graf zu ihm in den
Kreis geritten, redete ihn an und sagte: Mein liebes
Kind, willst du von dieser Verführung abstehen, so
will ich dir einen Unterhalt geben und dich stets bei
mir behalten; worauf der Jüngling antwortete: Soll-
te ich mein Leben lieben und deshalb meinen Gott
verlassen und dadurch diesem Kreuze zu entgehen
suchen, das würde mir nicht geziemen; dein Gut kann
uns beiden nicht helfen, denn ich erwarte ein besseres
im Himmel. Solches hat der Jüngling unverzagt geant-
wortet, und ferner gesagt: Ich hoffe auf das Reich
meines Vaters, der mich erwählt hat, er kann alle Din-
ge zum Besten wenden und zurechtbringen; darum
höre auf, solches von mir zu verlangen; ich begehre
demjenigen auch in meiner letzten Not Gehorsam zu
erweisen, der mich immer versorgt und erhalten hat.
Ihn sollen wir aus unsers Herzens Grunde anrufen,
wenn die Stunde herannahen wird, dass wir getrost
aus dieser Welt scheiden sollen; werden wir nicht von
Ihm abfallen, so wird er uns die ewige herrliche Kro-
ne geben. Unterdessen ist ein großes Getümmel unter
dem Volke entstanden; denn ein jeder redete von der
Sache, wie er es verstand. Hiernächst sind sie als from-
me Helden durch das Schwert hingerichtet und, als
getreue Zeugen Jesu Christi, dem Herrn ein Opfer
geworden.
Als diese sieben Brüder noch im Gefängnisse waren,
haben sie untereinander das Nachfolgende, worin ein
jeder seine Gesinnungen und Gefühle ausgesprochen,
aufgesetzt, belebt und ihren Brüdern gesandt.
Der Erste hat das nachfolgende Gebet getan: Aus
der Tiefe meines Herzens rufe ich, o Gott, zu dir, erhö-
re doch mein Geschrei; sende doch deinen Heiligen
Geist, gleichwie Du, o Christe, bis hierher mir densel-
ben nicht entzogen, sondern williglich mitgeteilt hast.
59
Wir verlassen uns auf dasjenige, was du uns befohlen
hast; aber die Heiden suchen uns zu töten.
Der Zweite bat: Das Fleisch ist schwach, o Herr,
solches ist dir wohlbekannt; es fürchtet sich vor einer
geringen Pein; darum erfülle uns mit deinem Heiligen
Geiste; solches bitten wir aus unsers Herzens Grunde,
damit wir bis ans Ende standhaft bleiben und wohlge-
mut und tapfer dem Leiden, welches auf uns wartet,
entgegen gehen, und weder Pein noch Schmerzen
fürchten mögen.
Der Dritte bat: Der Geist ist willig und bereit, das
Leiden zu begehren. O Herr, erhöre doch unser Gebet,
durch Jesum Christum, deinen Sohn. Auch bitten wir
dich für unsere Leinde, die leider so unwissend sind,
dass sie nicht wissen, was sie tun, und nicht an deinen
Zorn denken.
Der Vierte bat: Wir bitten dich, o Vater und lieber
Herr, durch Christum, deinen Sohn, vermehre deine
Herde, das kleine Häuflein; zünde in ihnen und in uns
dein göttliches Licht an; solches wird unsere Herzen
erfreuen, denn danach hungert und dürstet uns von
Herzen.
Der Fünfte bat: O Gott, du hast uns in Gnaden
angenommen und uns zu deinen Dienern gemacht;
deshalb haben wir auch (durch deine göttliche Hil-
fe nach unserer Schwachheit) diesen Dienst treulich
ausgeführt und vollbracht. Erhalte uns fernerhin un-
verrückt bei deinem Worte, denn wir begehren, dir
stets gehorsam zu sein; komme uns zu Hilfe und sei
unser Tröster.
Der Sechste bat: Du bist Herr Gott, mein Beschützer;
wir wollen uns fest an dich halten; dann wird uns die
Pein nicht schwer fallen, wenn man uns auch das
Leben nimmt; du hast uns solches im Himmel in der
Ewigkeit Vorbehalten, und obgleich wir hier Schmach
und Pein leiden, so wird solches nicht umsonst sein.
Der Siebte sagt: Den Leib, das Leben, die Seele und
alle Glieder haben wir von dir, o Gott, empfangen;
dieselben wollen wir Dir wieder aufopfern, zum Lobe
und Preise deines heiligen Namens, es ist doch nichts
weiter als Staub und Asche; wir befehlen unsern Geist
in Deine Hände, Amen.
Anna von Freiburg, 1529.
Diese Anna von Preiburg war in der Purcht des Herrn
sehr ernstlich, weil sie aber an Christum glaubte, auch
sich auf den Glauben an ihn taufen ließ und dadurch
mit Christo aufzustehen und in einem reinen, neuen
Leben zu wandeln suchte, so hat ihr Widersacher sol-
ches nicht ertragen mögen; darum haben seine Diener
diese Anna verfeindet, angeklagt und gefangen ge-
nommen und haben sie nach schwerer Pein, die sie
erlitten und standhaft ertragen, zum Tode verurteilt,
ertränkt und nachher verbrannt; solches ist zu Prei-
burg im Jahre 1529 geschehen. Als sie sterben sollte,
hat sie das nachfolgende Gebet zu Gott getan und
nachstehende Ermahnung der Nachwelt hinterlassen:
Ewiger, himmlischer, lieber Vater, ich bitte zu dir
aus dem Grunde meines Herzens, laß mich doch nicht
von dir weichen, erhalte mich doch in deiner Wahrheit
bis an mein Ende. O Gott, bewahre mein Herz und
meinen Mund; halte doch Wache über mir, dass ich
mich niemals wegen der mir bevorstehenden Trübsal
und Angst oder in sonstigen Nöten von dir abwen-
de! Mache mich wohlgemut und fröhlich in meinem
Leiden, Ewiger Gott, mein lieber Vater, unterweise
und lehre mich, dein armes, unwürdiges Kind, dass
ich auf deine Wege und Fußpfade Acht geben mö-
ge, o Vater! Das ist mein herzliches Begehren, dass
ich durch deine Kraft alle Trübsal, Leiden, Angst und
Pein bis zum Tode überwinden möge, und laß mich
hierin standhaft sein, o Gott, damit ich von deiner
Liebe nicht geschieden werde; es wandeln sehr vie-
le auf diesen Wegen, aber es wird ihnen der Kelch
des Leidens zu trinken dargereicht. Auch beschuldigt
man uns falscher Lehre, um uns von Christo, unserem
Herrn, abzuziehen. Aber, o Gott, ich erhebe meine
Seele zu dir, und traue auf dich in allen Widerwärtig-
keiten; laß mich nicht zu Schanden werden, damit sich
mein Feind nicht über mich auf dieser Erde erhebe.
Ich liege zwar bei ihm hier gefangen, aber, o Gott, ich
warte deiner von Herzen, mit großem Verlangen, dass
du für uns aufwachen und deine Gefangenen erlö-
sen wollest. O lieber himmlischer Vater, rüste uns mit
den fünf klugen Jungfrauen aus, damit wir vorsichtig
sein und auf den Bräutigam nebst seinen himmlischen
Scharen warten mögen. O himmlischer König, spei-
se und tränke uns doch dem Geiste nach mit deiner
himmlischen Speise, die niemals vergeht, sondern im
ewigen Leben verbleibt; denn wenn du uns würdest
deine Speise entziehen, so wäre unser ganzes Tun
samt uns umsonst und verloren; aber wir hoffen auf
dich durch deine Gnade, dass es uns gelingen werde.
Ich zweifle gar nicht an der Macht Gottes, denn seine
Gerichte sind zu ehren; er wird denjenigen nicht ver-
lassen, welcher sich im Glauben fest an ihn hält und
auf seinen rechten Wegen zu wandeln sucht. O ihr
Christen! Freut euch, und seid getrost in dem Herrn
Christo Jesu jederzeit, dass er die Liebe und den Glau-
ben in uns vermehren wolle. Gott tröste uns durch
sein heiliges Wort, worauf wir fest vertrauen sollen.
Ich befehle mich Gott und seiner Gemeinde. Er wolle
heute mein Geleitsmann sein, um seines heiligen Na-
mens willen. O mein Vater! Laß solches durch Jesum
Christum geschehen, Amen.
60
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Hierauf ist sie freiwillig zum Tode gegangen und
ertränkt worden, wie oben gemeldet worden ist.
Daniel Kopf, nebst zwei Brüdern und vier
Schwestern, 1539.
Daniel Kopf, ein Diener des Wortes, ist in Steiermark
zu Bayrisch-Graitz nebst sechs andern gefangen ge-
nommen worden, von welchen er mit zwei Brüdern
zum Schwerte verurteilt ist, vier Schwestern aber er-
tränkt worden sind. Sie haben mit ihrem Leben be-
zeugt, dass dieses der rechte Weg zum ewigen Leben
in Christo Jesu sei, und dass sie nicht davon abwei-
chen wollten, solange ein Atemzug in ihnen wäre,
wenngleich Scharfrichter, Feuer, Wasser und Schwert
sie davon abzubringen suchten. Man hat noch von die-
sem Daniel Schriften in der Gemeinde über die Taufe
und andere Gegenstände, ferner auch vier geistliche
Lieder, welche er gemacht hat.
Vier Brüder und vier Schwestern.
Es sind im Jahre 1529 vier Brüder namens Wolfgang
von Mos, Thomas von Imwald von Aldyn, Georg
Frick von Würzburg und Mankager von Füssen, des-
gleichen auch vier Schwestern, Christina Tolingerin
von Penon, eine Witwe, Barbara von Thiers, Aga-
tha Kampmain von Bredenberg und Elisabetha, ihre
Schwester, in der Ful in Etschland gefangen genom-
men und auf das Schloß geführt worden, wo sie den
16. Tag des Monats November getötet worden sind,
von welchen jeder derselben seines Glaubens wegen
über nachfolgende Artikel durchgeforscht worden ist.
Bruder Wolfgang von Mos hat bekannt, dass es den
vergangenen Sonntag nach der hohen Zeit von unse-
rer lieben Frauen Tag ein Jahr gewesen sei, dass einer
namens Michael (welcher die Wahrheit bezeugt hat
und dieserhalb nachher zu Gusodaum verbrannt wor-
den ist) ihm, Wolfgang selbst, und Martin von Neck,
nebst noch einem andern, das Evangelium und das
Wort Gottes vorgelegt und gepredigt, worauf er sie
alle drei nach dem Befehle Gottes von neuem getauft
hat; ferner hat er gesagt, dass er von der Kindertaufe
nichts hielte, dass Gott der Herr nichts davon gesagt,
auch Christus dieserhalb nichts befohlen habe; ferner
hat er bekannt, dass er nicht glaube, dass Christus
leiblich in der Hostie sei, wenn sie durch die Pfaf-
fen geheiligt wird; endlich hat er auch gesagt, dass
er nichts anderes von Fast-, Sonn- und anderen Fei-
ertagen hielte, als im Neuen Testamente geschrieben
stehe.
Thomas Imwald von Aldyn hat bekannt, dass er
vor St. Ulrichstag von einem Lehrer aus der Schweiz,
namens Georg Blaurock, der zuvor ein Priester gewe-
sen und sein priesterliches Amt niedergelegt hatte, zu
Bredenberg getauft worden sei; ferner, dass er nichts
von der Messe halte, sondern dass sie eine erfunde-
ne Menschensatzung, nicht aber ein göttlicher Befehl
sei. Von dem Sakramente glaube er nicht, dass durch
dasselbe die Pfaffen konsekrieren oder segnen, oder
unsern Herrn Gott in die Hostie bringen oder diesel-
be verändern könnten; ferner habe er sie unterrichtet,
dass man Christus im Worte empfangen müsse und
dass das Brot nur ein Zeichen und Andenken sei. Von
der Beichte, wie sie von den Pfaffen eingeführt wor-
den sei, halte er auch nichts; sie werde auch nicht nach
Gottes Befehle verrichtet. Unserer lieben Frau räume
er die Stelle ein, wozu Gott sie erwählt; er glaube,
dass sie eine Jungfrau und Mutter unseres Erlösers
gewesen sei. Weiter wurde er gefragt, ob sie sich sehr
vermehrt, ob sie sich nicht unterstanden hätten, Land
oder Leute mit Gewalt zu ihrem Glauben zu bringen?
Er antwortete: Nein, sie hätten nicht solche Absichten,
nämlich jemand zu ihrem Glauben zu zwingen, denn
Gott wolle ein freiwilliges und ungezwungenes Herz
haben; es habe auch ihn hierzu niemand gezwungen,
sondern der Herr habe es ihm in den Sinn gegeben.
Georg Fryk von Würzburg, ein Schneider, hat be-
kannt, dass er am Tage des vergangenen St. Gallen
Marktes zu Phillipps-Kohler in der Ful von einem
namens Benedictus, welcher ihr Glaubensgenosse ge-
wesen, aufs neue getauft worden sei. Er glaube auch
nicht, dass die Pfaffen unsern Herrn Gott in der Hos-
tie betasten, oder in Brot verwandeln könnten, denn
Gott habe die Messe nicht befohlen oder eingesetzt,
sondern das Sakrament sei nur ein Brot zum Gedächt-
nisse. Von der Beichte halte er auch nichts, denn wie
könne derjenige Sünden vergeben, der selbst ein Hu-
rer oder Götzendiener sei. Von unserer lieben Frau
halte er, dass sie von Gott dazu gewürdigt worden,
und dass sie vor und nach der Geburt eine Jungfrau
gewesen sei, denn Gott vermöge noch mehr zu tun als
dieses. Desgleichen wolle er auch bei seinem Gott blei-
ben und von diesem Glauben nicht abfallen, sondern
es solle der Wille Gottes geschehen.
Mankager von Füssen, ein Schusterknecht, hat be-
kannt: Wie er im Sommer um Jakobi bei Georg Karni-
ter aus Kunen von einem, welcher Priester gewesen,
dieses Amt aber niedergelegt habe, namens Georg
von Chur aus der Schweiz (welcher den Sommer zu
Claußen verbrannt worden sei) die Taufe empfangen
habe. Er halte nichts von der Kindertaufe, von der
Messe halte er auch nichts, auch glaube er nicht an
das Sakrament, dass unser Herr Gott darin sei; von
der Ohrenbeichte der Pfaffen halte er gar nichts. Auch
sagte er über den Sonntag: Der allmächtige Gott habe
61
im Anfang die Welt in sechs Tagen erschaffen, den
siebten aber habe er geruht; daher habe der Sonntag
seinen Ursprung; dabei wolle er es auch lassen, die
Arbeit sei nicht verboten, sondern man müsse feiern
und seine Sünden ablegen; ferner hat er bekannt, dass
die Pfaffen den Vormittag Abgötterei, den Nachmittag
aber Hurerei trieben, und was er mit dem Munde be-
kenne, das wolle er mit seinem Blute bezeugen, und
von seinem Glauben nicht abfallen, sondern bis an
seine Ende dabei beharren.
Christina Tolingerin von Penon hat bekannt, dass
der Bruder Georg Blaurock mit der rechten christli-
chen Taufe in ihrem Hause getauft habe. Von dem
Sakramente, wie es die Pfaffen gebrauchen, glaube
sie, dass sie nicht unsern Herrn Gott in die Hostie
oder Oblate bringen könnten; es sei solches nur Brot
und die Anstellung der Pfaffen sei nichts als Verfüh-
rung. Was die jungen Kinder betreffe, ob sie nämlich
ohne Taufe selig werden könnten, so sagt der Herr:
Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn solcher
ist das Himmelreich. Die Pfaffen tauften zwar so die
Kinder, und Waschen sie von den Sünden ab, nichts-
destoweniger unterstanden sie sich aber nicht, sie von
Sünden abzuziehen. Von unserer Frau glaube sie, dass
sie die Mutter Christi und eine reine Jungfrau gewe-
sen sei. Von der Beichte, wie sie die Pfaffen gebrau-
chen, halte sie nichts; wer seine Sünden bekennt und
davon ablässt, der tut eine wahrhaftige Beichte. Von
den Feier- und Sonntagen sagte sie: In sechs Tagen
hat Gott der Herr die Welt erschaffen, den siebten
aber hat er geruht; die anderen Feiertage sind von den
Päpsten, Kardinälen und Erzbischöfen eingesetzt; von
denselben halte sie nichts. Sie hatte, als sie in der Welt
gewohnt, um der Ärgernis willen, dieselben gehalten
wie andere Leute, gleichwohl werde um der Arbeit
willen niemand verdammt; endlich, dass die Pfaffen
Vormittags Abgötterei, nachmittags aber Hurerei trie-
ben; auch wolle sie mit Gottes Hilfe und Gnade in
diesem ihrem Vornehmen sterben.
Barbara von Thiers, des Hans Bortzen eheliche
Hausfrau, hat bekannt, dass sie am letztverflossenen
St. Michaelstag von einem Lehrer des Wortes Gottes,
Benedictus genannt, zu Craum auf der Motz bei Ein-
temvichel mit der rechten christlichen Taufe getauft
worden sei. Sie halte nichts von den abgöttischen Sa-
kramenten der Pfaffen, auch nichts von der Messe,
denn die Pfaffen trieben vormittags Abgötterei, nach-
her aber Hurerei. Von der Beichte, wie sie die Pfaffen
gebrauchen, halte sie nichts. Was unsere Frau betreffe,
darüber wüsste sie nichts antworten. Von den Sonn-
und Feiertagen sagte sie: Gott der Herr habe befohlen,
den siebten Tag zu ruhen, dabei lasse sie es bewenden,
mit Gottes Hilfe und Gnade wolle sie dabei bleiben
und dabei sterben, denn es sei der rechte Glaube und
der rechte Weg in Christo.
Agatha Campnerin von Bredenberg hat bekannt,
dass es den zukünftigen Christtag ein Jahr sei, als sie
in der Schweiz an einem Orte, genannt in der Tiefe
bei St. Gallen, von dem Bruder Topig, einem Lehrer
des Wortes Gottes, getauft worden sei; sie halte nichts
von der Kindertaufe, wenn man sie auch alle getauft
hätte; sie glaube, dass die Kinder in der Unschuld
stürben und des Herrn seien, sie möchten nun vor
oder nach der Taufe sterben. Von der Messe halte sie
nichts, denn Christus habe nicht zu seinen Jüngern
gesagt: Gehet hin und haltet Messe, sondern: Gehet
hin und predigt das Evangelium. Von dem Sakramen-
te sagte sie: Da man in dem Glauben bekennt, dass
er zur Rechten seines himmlischen Vaters sitze, von
wo er kommen wird, die Lebendigen und die Toten
zu richten, so glaube sie nicht, dass er sich von den
Pfaffen in die Hostie oder in Brot verwandeln und
begreifen lasse. Von unserer Frau sagte sie: Sie glaube,
dass sie Christum den Herrn, welcher allein uns erlöst,
geboren habe und dass in ihr das Wort Gottes leben-
dig oder Mensch geworden sei, welcher am Stamme
des Kreuzes für uns gelitten hat. Von den Feiertagen
sagte sie: Es sei ein Tag nicht heiliger als der andere;
der Sonntag sei deshalb verordnet, dass man zusam-
menkomme, das Evangelium zu predigen und davon
zu reden, aber man missbrauche denselben durch Tau-
fen und andere Büberei. Mit Gottes Hilfe und Gnade
wolle sie in diesem ihrem Glauben standhaft bleiben.
Elisabeth, der erwähnten Agatha Schwester, hat be-
kannt: Sie sei im vorigen Sommer in Bredenberg von
dem Bruder Blaurock nach dem Befehle des Herrn
Christi im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hei-
ligen Geistes getauft worden. Von dem Sakramente
und der Messe der Pfaffen halte sie nichts, denn man
finde nicht, dass sie Gott geboten habe. Von unserer
Frau glaube sie, dass dieselbe Christum unsern Er-
löser geboren habe und eine Jungfrau sei. Sie glaubt
ferner, dass die Heiligen zwar durch Trübsal hatten
eingehen müssen, gleichwie wir und andere, dass sie
aber Fürbitter sein sollten, glaube sie nicht, weil Chris-
tus alle Macht im Himmel und auf Erden für sich
behalten habe. Was die Feiertage betreffen, so halte sie
einen Tag nicht höher als den andern, sondern man
solle stets auf den großen Tag des Herrn warten und
von Sünden feiern, dabei wollte sie auch standhaft
bleiben. Hierauf sind sie als wahre Liebhaber Gottes
und unschuldige Schäflein des Herrn gerichtet wor-
den, ihre Namen aber sind im Himmel angeschrieben.
62
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Anna Mahlerin und Ursula, 1529.
Zu Halle im Inntale sind im Jahre 1529 zwei Schwes-
tern, Anna Mahlerin und Ursula, um der Wahrheit
Gottes willen verurteilt und ertränkt worden; sie ha-
ben aber ihr weibliches Gemüt männlich und tapfer in
Gott gestärkt, so dass sich jedermann über ihre Stand-
haftigkeit wundern musste, dass sie in solcher Weise
die göttliche Wahrheit im Leben und Tode bezeugt
haben, wie die Leute die sie gekannt haben und noch
am Leben sind, nachweisen.
Neun Brüder und einige Schwestern, nachher noch
einer, 1529.
Um dieses Jahr hat auch die Erkenntnis der Wahrheit
in den Gegenden am Rheinstrome zu scheinen begon-
nen, so dass ein göttlicher Eifer und ein Feuer Gottes
aufgegangen ist, welches die Pfaffen durch die Ob-
rigkeit, die sie dazu aufreizten, gewaltig zu dämpfen
suchten. Es wurden zuerst, ohne des Kurfürsten oder
Pfalzgrafen Befehl, lediglich auf Anstiften der Pfaffen
mit Hilfe der Edelleute in der Stadt Altzey neun Brü-
der und einige Schwestern um des Glaubens willen
gefangen genommen, welche eine lange Zeit gefangen
gelegen haben. Als man nun darauf wartete, was man
mit ihnen verhandeln sollte, so hat der Burggraf zu
Altzey den Pfalzgrafen, als seinen Fürsten und Herrn,
um Rat gefragt, wie er mit ihnen zu Werke gehen
sollte; der Fürst aber hat ihnen zur Antwort gegeben,
sie hätten ja ihr Landgericht zu Altzey, dahin möchte
er sich wenden, und sie darüber urteilen lassen. Als
nun der Burggraf demselben nachfolgte, und sie vor
das Landgericht stellte, so wollte man sie nicht ver-
urteilen, weil man sie bloß um des Glaubens willen
gefangen gesetzt hatte, und sonst keine Ursache des
Todes vorhanden war. Unterdessen wurde ein Reichs-
tag gehalten, wo der Pfalzgraf im Rate vorbrachte,
dass er Gefangene hätte, die des Glaubens oder der
Wiedertaufe wegen angeklagt waren, mit welchen er
zu Verfahren hatte. Hierauf wurde solches den vier
sogenannten Ketzermeistern übergeben; diese haben
sie auf des Kaisers Befehl verwiesen, worin sie ge-
nügende Auskunft finden würden, was der Kaiser
ihretwegen beschlossen und verordnet hat, wonach
sie sich in ihren Verhandlungen mit diesen Menschen
zu richten hätten.
Diese Verordnung schreibt nämlich ausdrücklich
vor, dass alle Wiedertäufer und Wiedergetaufte, sie
seien Manns- oder Weibspersonen, wenn sie ihren
Verstand und ihre Jahre erlangt haben, mit Feuer und
Schwert, oder auf andre Weise, nach den Umständen
der Personen, vom Leben zum Tode gebracht wer-
den sollten; auch sollte man sie, wo man sie antreffen
würde, vor Gericht stellen, verklagen und überführen,
und bei schwerer und scharfer Strafe auf keine andere
Weise mit ihnen handeln oder zu Werke gehen.
Als sie mm nicht abweichen wollten, hat man ihnen
diesen Befehl vorgelesen, worauf sie ohne weitere Ver-
urteilung auf des Kaisers Befehl zum Tode geführt, die
Brüder durch das Schwert hingerichtet, die Schwes-
tern aber in der Pferdetränke ertränkt wurden. Als sie
noch gefangen lagen, ist eine Schwester ins Gefängnis
gekommen, hat die andern gefangenen Schwestern
getröstet und zu ihnen gesagt, dass sie sich ritterlich
halten, bei dem Herrn standhaft bleiben, um der zu-
künftigen ewigen Freude willen dieses Leiden nicht
achten sollten. Als man aber solches gewahr wurde,
hat man auch sie in der Eile gefangen genommen;
und dieselbe wurde nachher verbrannt, weil sie die
andern so getröstet und gestärkt hatte; jene aber, wie
gemeldet worden, hat man ertrankt.
Noch zwei Brüder und zwei Schwestern, 1529.
Auf solche Weise gedachten sie das Licht der Wahrheit
und das Feuer Gottes auszulöschen und zu dämpfen,
aber es geriet desto mehr in Brand. Damals nahmen
sie auch einen Mann und eine Frau, desgleichen einen
Knecht und eine Magd gefangen. Wer sich nur zu dem
Glauben begab, und sich von dem Wesen, der Gesell-
schaft und Abgötterei dieser Welt absondern wollte,
den nahmen sie gefangen und haben an einigen Orten
alle Gefängnisse vollgesteckt, um sie dadurch abzu-
schrecken; aber sie sangen im Gefängnis und waren
fröhlich, so dass ihre Feinde die sie ins Gefängnis
gesetzt hatten, in größerer Furcht und Angst lebten,
als diejenigen, die im Gefängnisse lagen. Sie wussten
nichts mit ihnen anzufangen, insbesondere, weil es
sich nur um den Glauben handelte.
Es werden bei Altzey nach des Kaisers Befehle
ungefähr 350 Personen im Jahre 1539 um des
Glaubens willen getötet.
Damals ließ der Pfalzgraf nach des Kaisers Befehl in
kurzer Zeit 350 Menschen um des Glaubens willen
hinrichten; insbesondere hat sein Burggraf zu Altzey,
Dietrich von Schonberg, in der Stadt Altzey viele ent-
haupten, ertränken und töten lassen. Die Herren, die
zu der Gemeinde gekommen sind und zu der Zeit in
Altzey wohnten, haben es selbst gesehen, dass man sie
aus den Häusern geholt, in welchen man sie versteckt
wusste, und wie die Schafe zum Richtplatz geführt;
nichtsdestoweniger haben sie zum Widerrufe nicht
überredet werden können, sondern sie sind dem Tode
63
wohlgemut entgegengegangen; wenn man mit dem
einen Teil derselben beschäftigt war, sie zu ertränken
und zu richten, so sangen unterdessen die Übrigen,
die den Tod erwarteten, bis der Scharfrichter sie auch
ergriff; daneben blieben sie standhaft in der erkann-
ten Wahrheit, hatten Gewissheit ihres Glaubens, den
sie von Gott empfangen hatten, und standen als klu-
ge Ritter. Alle Meister dieser Welt und ihrer Hoheit
mussten an ihnen zu Schanden werden.
Einige, die sie nicht hinrichten wollten, haben sie
gar am Leibe gestraft; einigen derselben haben sie
die Finger abgehauen, anderen Kreuze an die Stirne
brennen lassen, und sonst viel Grausamkeiten an ih-
nen ausgeübt, so dass gedachter Burggraf selbst sagte:
Was soll ich tun? Je mehr ich ihrer richte, desto mehr
nehmen sie zu.
Dieser Burggraf Dietrich, der sich an solchem un-
schuldigen Blut nicht wenig versündigt hatte, ist als er
einstmals von der Tafel aufstand, eines schrecklichen
und schnellen Todes gestorben.
In der Chronik von dem Untergange der Tyrannen,
gedruckt 1617, auf das Jahr 1529, Pag. 1029, Col. 1,
aus der alten Geschichte der Taufgesinnten, Märtyrer-
buch.
Philipp von Langenlonsheim, 1529.
Einer der letzten Brüder, welche sie in der Stadt Greit-
ze hinrichteten, wurde Philipp von Langenlonsheim
genannt. Als ihm der Scharfrichter das Haupt ab-
schlug, ist ihm etwas vor das Angesicht gefahren, so-
dass er mit den Händen nach dem Angesichte griff,
was das Volk wohl sah, aber nicht wusste, was es
gewesen, oder warum er so tat; denn die Rede ging
nachher, dass ihm etwas, gleich einer schwarzen Hen-
ne, um sein Angesicht geflogen sei, weshalb er sich
so mit den Händen gewehrt hatte; einige sagen, es sei
ihm das Blut in das Angesicht gespritzt; und obwohl
er es am besten wusste, was es gewesen, so haben es
nachher gleichwohl auch andere sehen können, was
es gewesen sein müsse, denn diesem Scharfrichter
ist die Nase bis an das Haupt abgefallen; so plagte
und suchte Gott ihn heim um des unschuldigen Blu-
tes willen, womit er sich nicht wenig befleckt hatte,
wodurch Gott klar und öffentlich die Drangsal, die
sie den Frommen angetan, zu erkennen gegeben hat.
Auch ist der Pfalzgraf durch verschiedene Umstände
so bewegt und erschreckt worden, dass er später kei-
ne Lust mehr hatte, seine Hände in solchem Blute zu
waschen, und viel darum gegeben hätte, dass es nicht
geschehen wäre.
Georg Baumann, 1529.
Um diese Zeit ist ein Bruder, namens Georg Baumann,
zu Beuschlet in Württemberg um des Glaubens und
des Wortes Gottes willen gefangen genommen wor-
den. Der Edelmann, dessen Untertan er gewesen, hielt
ihn eine Zeitlang gefangen und ließ ihn entsetzlich
ausspannen und peinigen, brachte es auch durch Ge-
fängnis, Marter und Pein und durch allerlei Verhei-
ßungen so weit, dass er überredet wurde und ihnen
zu folgen sich bereit erklärte; nachher verlangten sie
von ihm, dass er in der Kirche widerrufen und beken-
nen sollte, dass er von seinen Irrtümern abgestanden
sei, welches er ein- oder zweimal tat, in die Kirche
ging und seinen abgezwungenen Widerruf ausrichte-
te; unterdessen ging er in sich selbst, betrachtete die
Ehre Gottes und seines heiligen Namens, desgleichen
wozu er gekommen sei.
Als er daher zum dritten Male wieder in die Kir-
che kam und seinen Widerruf bekannt machen sollte,
sagte er zu dem Pfaffen und zu denen, die bei ihm
standen: Ihr habt mich verurteilt und durch Angst
und Pein dahin gebracht, dass ich mich bereit erklärt
habe, euch zu folgen, nun aber widerrufe ich und wi-
derspreche diesem allem, und es ist mir leid, dass ich
solches getan habe. Hierauf hat er angefangen, aufs
Neue zu bekennen, dass dieses die göttliche Wahr-
heit und der rechte Glaube, ja der Weg zum Leben
in Christo sei, und dass er in seinem Glauben und
Bekenntnisse bis an sein Ende beharren und stand-
haft bleiben wolle. Was hatten nun die Pfaffen und
Diener weiter zu erwarten; sie nahmen ihn ohne Ver-
zug wieder gefangen und man verurteilte ihn sofort
zum Tode. Als man ihn zum Richtplatze hinausführte,
sang er wohlgemut auf dem ganzen Wege; es war im
Dorfe sehr kotig, aber er ging so schnell, dass ihm
sogar die Schuhe im Kote stecken blieben; er achtete
und merkte dies jedoch nicht, sondern ließ sie darin
stecken und eilte nach dem Richtplatze, sang auch vor
Freuden, weil Gott wieder solchen Mut in sein Herz
gelegt hatte, so ward er enthauptet und durch das
Schwert gerichtet. Der Edelmann, der ihn hat richten
lassen, und fast alle, die im Gerichte saßen und ihn
verurteilt haben, sind eines bösen Todes gestorben
und haben ein schreckliches Ende genommen, womit
ihre fröhlichen Tage in dieser Welt aufgehört haben.
Der zweite Befehl von denen von Zürich, worin
allen genannten Wiedertäufern im Jahre 1530 mit
dem Tode gedroht wurde.
Es hegte (meldet ein gewisser Schreiber) die Zwingli-
sche Kirche seit ihrer Entstehung einen großen Hass
64
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
und Bitterkeit gegen die Wiedertäufer, oder besser
zu sagen, gegen die Getauften nach Christi Ordnung,
wie die Historien solches berichten, darum haben sie
sehr früh angefangen, über dieselben zu tyrannisieren
und, wie wir dafür halten, ist die Zwinglische Kirche
damals, als diese Misshandlung vorgefallen ist, noch
keine zehn Jahre alt gewesen.
Es ist aber hierbei nicht geblieben, sondern sie ha-
ben immer mehr und mehr in solcher Tyrannei fort-
gefahren, so dass im Jahre 1530 die von Zürich einen
Befehl erlassen haben, welcher den blutigen Befeh-
len des römischen Kaisers ähnlich gewesen; dersel-
be ist folgenden Inhalts: Darum gebieten wir scharf
allen Einwohnern unseres Landes und denjenigen,
welche einigermaßen damit vereinigt sind, nament-
lich den hohen und unteren Amtsleuten, Unteroffi-
zieren, Stadtdienern, Richtern, Kirchenältesten und
Kirchendienern, dass, wenn sie Wiedertäufer antref-
fen, sie dieselben, vermöge des Eides, womit sie uns
verbunden sind, anbringen, sie nirgends dulden, noch
sich vermehren lassen, sondern dieselben gefänglich
einziehen und uns überantworten sollen, denn wir
werden die Wiedertäufer und alle, die ihnen beiste-
hen und anhangen, nach dem Inhalte unserer Gesetze
mit dem Tode strafen; auch wollen wir diejenigen,
die ihnen Beistand leisten, sie nicht anbringen oder
verjagen, oder uns nicht gefänglich einhändigen ohne
Gnade nach ihren Verdiensten strafen als solche, die
sich an der Treue und dem Eide, den sie der Obrigkeit
geschworen, verschuldet haben.
Dieses haben wir von Wort zu Wort aus dem Befehle
genommen, wie derselbe von Bullinger (gegen die
Getauften) aufgesetzt worden ist.
Vergl. die Anmerkung in der Vorrede des Opferbu-
ches der Taufgesinnten über das Jahr 1615, Buchst. M.
mit R I. Twisck Chronik, der 2. Teil, das 16. Buch, auf
das Jahr 1530, Pag. 1031, Col. 1. aus verschiedenen
Schreibern.
Georg Grünwald, 1530.
Im Jahre 1530 ist Bruder Georg Grünwald, ein Schuh-
macher und Diener des Wortes Gottes und seiner Her-
de, zu Kufstein an der Inn, um der göttlichen Wahrheit
willen gefangen genommen, zum Tode verurteilt und
verbrannt worden, und hat also dasjenige, was er mit
seinem Munde bekannt und gelehrt hat, auch ritter-
lich mit seinem Blute bezeugt, und Christum, ja des-
sen göttliche Wahrheit, mit Verleugnung des irdischen
vergänglichen Lebens bekannt, damit ihn Christus an
jenem Tage auch vor seinem himmlischen Vater be-
kennen und ihm daneben ein unsterbliches Leben in
der himmlischen ewigen Klarheit geben möchte.
Aida, 1530.
Einige Tage nach der Hinrichtung des Georg Grün-
wald ist der Bruder Aida gleichfalls um des Glaubens
willen zu Kufstein gerichtet worden.
Georg Steinmetz, 1530.
Dieser Georg Steinmetz ist im Jahre unseres Herrn
1530 zu Pforzheim in Deutschland um des Zeugnisses
Jesu Christi willen gefangen genommen und enthaup-
tet worden, und hat allen Gläubigen zum Tröste in
ihrem Leiden die folgende Ermahnung zurückgelas-
sen:
Wir danken Dir, o Gott, von Herzen für deine vä-
terliche Treue. Niemand soll deine Gnade verspotten
oder dieselbe verachten, dass es ihn nicht an seinem
letzten Ende, wenn er von hier scheiden soll, gereuen
möchte. O Herr, hilf und steh uns bei durch Jesum
Christum; Gott hat viele zu seinem ewigen Lichte
berufen, welche er auch mit vielen Leiden und Pein
heimgesucht hat, wie man hier auf Erden sieht, denn
es scheint, dass man hier durch das Feuer der Angst
geläutert werden müsse; ja wir müssen sämtlich durch
viel Trübsal ins Reich Gottes eingehen und von allen
Sünden und Lastern gereinigt werden; wer nun hier-
in Christo nachfolgt, der wandelt auf rechtem Wege.
Christus sagt: Ich bin der Weg und die Tür, die Wahr-
heit und das Leben, gehet ein durch mich, vor mir
steht noch ein Zaun, das Kreuz stehet in dem Wege,
solches muss ein jeder tragen, der zu dem Vater kom-
men will. Und nach meinem Gefühle muss die Wahr-
heit sagen, dass das Kreuz viel schwerer erscheint,
als es in sich selbst ist; mancher Mensch hat einen
Abscheu davor, als ob er das Kreuz nicht tragen könn-
te, darum will man an demselben Vorbeigehen und
sucht einen andern Weg. Aber wir können nicht zu
Gott kommen, ohne das Joch Christi zu tragen, denn
wer diese Tür vorbeigeht, und durch eine andere in
den Schafstall einzubrechen sucht, der ist ein Dieb
und Mörder und wird die Rache Gottes, als die ewi-
ge Pein, leiden müssen. Christus will solche Jünger
haben, wie ich zu beweisen hoffe, die ihm das Kreuz
nachtragen und ihm in allen seinen Wegen folgen,
um sein Joch bis ans Ende zu tragen. Wer nun sein
Kreuz nicht tragen will, sondern sich von dem Satan
bewegen und abhalten lässt, der soll billig auf das
merken, was Christus sagt: Wer mich bekennt vor den
Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem
Vater, der im Himmel ist, und wer mich verleugnet
vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor
meinem Vater, der im Himmel ist. O Gott, erhalte uns
doch zu deinem Lobe und zu deiner Ehre, damit die
65
Liebe in uns nicht erkalte; dazu gib uns Stärke, Weis-
heit und Verstand durch deinen Heiligen Geist, der
uns in alle Wahrheit leiten kann, damit wir ja nicht
verzagen, sondern wohlgemut sind, auch auf dem
schmalen Wege bleiben, darin fortgehen, Leib und
Leben daran wagen, und also durch Christum zum
Vater gelangen. Gelobt sei der Herr, unser Gott, der
uns zu seinen Knechten und Kindern berufen hat. Wir
wollen ihn ohne Aufhören loben und preisen, in Zeit
und Ewigkeit, damit wir unsere Kleider in dem Blute
des Lammes waschen, und nachher aus diesem kur-
zem Tode und Leiden mit Ihm in die ewige Freude
eingehen mögen. In solchen Gesinnungen ist dieser
Zeuge Jesu Christi gestorben, und, wie oben gemeldet,
zu Pforzheim enthauptet worden.
Martin, der Maler, Wolfgang Eslinger, Pain,
Melchior und noch drei, im Jahre 1531.
Martin, der Maler, ein Diener des Wortes Gottes, ist in
diesem Jahre 1531 mit sechs anderen um des Glaubens
und der göttlichen Wahrheit willen aus der schwäbi-
schen Gemeinde gefangen genommen worden. Nach-
dem nun mit ihnen vieles verhandelt worden ist, hat
man ihnen endlich verheißen, dass, wenn sie Wider-
rufen wollten, sie unbekümmert nach Hause zu ih-
ren Weibern und Kindern gehen könnten. Hierauf
haben sie fröhlich mit nein geantwortet und gesagt,
dass sie nicht abfallen, sondern willig sterben wollten.
Als sie nun beinahe ein Jahr gefangen gelegen, hat
man sie alle sieben zum Tode verurteilt. Man führte
sie in das Rathaus und las ihnen einige Artikel ihrer
Lehre vor. Als man ihnen den ersten Artikel vorlas,
sprach Bruder Wolfgang Eslinger: Gleichwie ihr heute
richtet, so wird euch Gott auch richten, wenn ihr vor
sein Angesicht kommt. Gott wird euch wohl kennen.
Als man ihnen den dritten Artikel vorlas, sagte Bru-
der Pain: Ihr besudelt eure Hände mit unserem Blute;
Gott wird euch solches in Wahrheit nicht schenken,
sondern es von euch fordern. Als man den vierten
Artikel las, sprach Bruder Melchior: Wir wollen es
heute mit unserem Blute bezeugen, dass dieses die
Wahrheit sei, worin wir stehen. Als man ihnen den
fünften Artikel vorlas, sprach Bruder Wolfgang zum
zweiten Male: Lasst ab von euren Sünden und Unge-
rechtigkeiten und tut Buße, so wird euch Gott solches
nimmermehr zurechnen. Nachher hat man sie alle
sieben mit einem Geleite und einer Wache nach dem
Gerichtsplatze hinausgeführt, woselbst sich der Bru-
der Martin, gleichwie auch die übrigen, Gott seinem
Herrn anbefohlen und ihn gebeten hat, dass er ihnen
ein seliges Ende verleihen und seine Schäflein in seine
Fürsorge nehmen wolle. Als man sie auf die Wiese
oder den Acker brachte, sagte des Müller Knecht (wel-
cher ungefähr 16 Jahre alt war) zu dem umstehenden
Volke, sie sollten von ihren Sünden ablassen und sich
zu Gott bekehren, denn es sei kein anderer Weg zum
Himmel als durch unsern Herrn Jesum Christum, wel-
cher den Kreuzestod erlitten und uns erlöst hat. Als
man sie nun in den Kreis führte, ist ein Edelmann zu
diesem Knechte in den Kreis geritten und hat ihn also
ermahnt und gebeten: Mein Sohn, laß ab von deiner
Verführung und widerrufe sie; was lässt du dir weis
machen, schone dein junges Leben, ich will dich mit
mir nachhause führen und dich stets bei mir behalten;
wenn du mir folgst, sollst du lebenslänglich gute Tage
bei mir haben. Der Knecht aber sprach: Solches wolle
Gott niemals zulassen, dass ich das irdische Leben
behalten und das ewige verlieren sollte; daran würde
ich töricht handeln; ich will solches nicht tun; dein
Gut kann weder dir noch mir helfen; ich erwarte ein
besseres, wenn ich bis an das Ende beständig bleibe.
Ich will meinen Geist Gott übergeben und Christo
anbefehlen, damit sein bitteres Leiden, welches er am
Kreuze erlitten hat, an mir nicht umsonst sei. Dieser
Knecht war in seinem Gemüte von Gott erfüllt, denn
obwohl er an Jahren jünger als seine anderen Brüder
gewesen ist, so waren sie doch, was das Gemüt be-
trifft, von gleichem Alter. Also haben sie alle sieben
Gott und seine Wahrheit ritterlich und mit Freuden
bis zum Tode und Blutvergießen bekannt.
Dieser oben erwähnte Martin sagte, als man ihn
über die Brücke führte: Nur dieses Mal noch wer-
den die Frommen über die Brücke geführt, dann aber
nicht mehr. Solches ist auch geschehen, denn es hat
sich nicht lange darauf zugetragen, dass ein solches
Ungewitter und eine solche Wasserflut entstand, dass
durch deren Ungestüm die Brücke eingerissen und
fortgetrieben wurde.
Walter Mair mit zwei andern, 1531.
Walter Mair, seines Handwerks ein Küfer, ein Diener
des Wortes Gottes zu Wolsburg in Kärnten, ist im
Jahre 1531 mit zwei andern gefangen genommen und
mit dem Schwerte gerichtet worden. Diese haben die
Wahrheit standhaft auch im Tode bezeugt, und also
ihr Leben für den Bund Gottes und sein Heiliges Wort
dahingegeben; darum wird man auch ihre Namen in
dem Buche des Lebens finden, und der zweite Tod
wird über sie keine Gewalt haben.
Georg Zaunringerad, 1531.
Der Bruder Georg Zaunringerad, ein Diener des Wor-
tes Gottes, welcher durch Jakob Hueters Hilfe in der
66
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Grafschaft Tyrol ein Diener des Wortes Gottes gewe-
sen, ist im Jahre 1531 hierher zu den Gemeinden in
Mähren und dem übrigen Volke von diesem Jakob ge-
schickt worden. Nachher hat er, um seines Amtes und
Dienstes willen, sich in Frankenland aufgehalten, wo
er nicht weit von Bamberg, um der göttlichen Wahr-
heit willen, mit dem Schwerte hingerichtet worden
ist. Also hat er seinen Glauben und seine Lehre, wo-
von er keineswegs hat abstehen wollen, mit seinem
Blute bezeugt und hat mit Christo gelitten, damit er
auch, durch seine Gnade, mit ihm die Herrlichkeit im
ewigen Reiche erben möchte.
Veit Pilgrims zu Glabbek im Jahre 1532.
Hier dürfen wir auch nicht des Veit Pilgrims, eines
hochdeutschen Bruders, tapfere und von Gott gestärk-
te Standhaftigkeit verschweigen, welcher nichts höher
achtete als die Seligkeit seiner Seele, und welcher, der
Grausamkeit derjenigen ungeachtet, welche den Fuß-
stapfen Kains im Vergießen des unschuldigen Blutes
nachfolgen, das Evangelium in aller Aufrichtigkeit
und Einfalt darnach eingerichtet hat. Als aber die Welt
durch sein heiliges Leben in ihrer Bosheit gestraft wur-
de, hat sie solches nicht ertragen können; deshalb hat
man ihn zu Glabbek im Herzogtume Gülch im Jahre
unseres Herrn Jesu Christi 1532 im Winter gefangen
genommen, und wiewohl er bereit gewesen, seine
Lehre und sein Leben mit dem Leiden zu versiegeln,
so ist er doch damals durch die Hilfe seiner Freun-
de und Blutsverwandten erlöst und aus dem Kerker
befreit worden. Weil er aber diesen Himmelsweg in
Heiligkeit und Gottseligkeit unverzagt betreten hatte,
so ist er den Blutdürstigen abermals in die Hände ge-
fallen, und hat von den Gottlosen viel Leiden ertragen
müssen; auf der einen Seite haben ihn die Pfaffen und
Mönche durch vieles und loses Wortstreiten mit al-
lerlei List und Nachstellung (wiewohl umsonst) zum
Abfalle zu bewegen gesucht; auf der andern Seite aber
haben sie ihn durch scharfes und strenges Peinigen
abschrecken wollen; er hat aber alle Qual und Pein
überwunden, die Wahrheit tapfer bestätigt und be-
zeugt, dass er über alles Zeitliche und Sichtbare noch
ein höheres, das ist ein ewiges Himmelsgut zu seinem
Ziele habe; darum hat er auch sein Leben nicht ge-
achtet, sondern es für eine Seligkeit gehalten, um des
Namens Christi willen zu leiden, und hat mit einer
außerordentlichen Freimütigkeit gesagt: Er hoffe nun,
das Schäflein sei zum Schlachten tüchtig und fett ge-
nug. Die Blutdürstigen, welche sonst keinen Tadel an
diesem unüberwindlichen Helden und Streiter Christi
finden konnten, haben zu den grausamsten Mitteln
ihre Zuflucht genommen; sie haben bewirkt, dass sein
Todesurteil ausgesprochen worden ist. Als nun die
Zeit seiner Aufopferung herannahte, haben sie, o un-
menschliche Tyrannei, seine linke Seite geöffnet und
siedend heißes Öl hineingegossen; dann haben sie ihn
verächtlich auf einen Schlitten gelegt und nach dem
Richtplatze geführt, wo er seine Seele Gott befohlen
hat und zu Asche verbrannt worden ist.
Lambrecht Gruber, Hans Beck, Lorenz
Schuhmacher, Peter Plauer, Peter, sein Knecht und
Hans Taller, im Jahre 1532.
Auf dieses Jahr 1532 sind sechs Brüder, mit Namen
Lambrecht Gruber, Hans Beck, Lorenz Schuhmacher,
Peter Plauer, Peter, sein Knecht und Hans Taller zu
Stertzingen im Etschlande um der göttlichen Wahrheit
willen gefangen genommen, auch hart gepeinigt und
ausgespannt worden, wodurch man sie zum Abfalle
zu zwingen gesucht hat; sie haben sich aber ritterlich
und männlich in demjenigen gehalten, was ihnen Gott
anvertraut und was sie Gott in der christlichen Tau-
fe zugesagt hatten. Nachher hat man sie zum Tode
verurteilt und hingerichtet; sie haben alle sechs die
Wahrheit Gottes tapfer mit ihrem Blute bezeugt; auch
haben sie sich sehr über den Tag ihres Abschiedes
aus dieser Welt gefreut um des Leidens und der Pein
willen, welche sie von der Welt und ihrem grausa-
men Mutwillen erlitten hatten, so wie auch um der
entsetzlichen Lästerung und Gottesverachtung willen,
welche alle Liebhaber Gottes schmerzlich berührt, die
sie zur Zeit ihrer Gefangenschaft anhören mussten.
Sie haben von uns ihren Abschied genommen und
uns ermahnt, dass wir nicht schläfrig und sorglos sein
sollten, des Herrn Wort zu hören und zu bewahren,
gleichwie auch im Gebete und Dienste Gottes; denn
wenn jemand an solche Plätze kommt, so ist es ihm
sehr nötig, dass er solches getan hat und es gereuet ihn
alsdann, wenn er eine Stunde unnützlich zugebracht
hat.
Conrad Fichter und einige andere, 1532.
Conrad Fichter ist zu Stertzingen im Jahre 1532 um
des Glaubens willen gefangen genommen worden;
man hat ihm viel Pein und Schmerzen angetan, und
er ist so auseinander gespannt und gestreckt wor-
den, dass die gottlosen Scharfrichter und Pilatuskin-
der selbst meinten, er würde es nicht ertragen kön-
nen, sondern zerreißen müssen. Außer ihm sind noch
einige gefangen genommen worden, welchen viele
Pfaffen und andere durch Verdrehung der Schrift mit
Schalkheit, List, Betrug und Gaukelei, um sie zu über-
winden, heftig zugesetzt haben; man hat sie auch
67
durch Drohungen gegen das Leben ihrer Weiber und
Kinder zu schrecken versucht, und davon mit ihnen
gehandelt; als sie aber dieselben von der Wahrheit
nicht abziehen konnten, haben sie dieselben zum Tode
verurteilt und hingerichtet; also haben sie standhaft
mit ihrem Blute die Wahrheit bezeugt.
Hugo Jacob Kraan und Maritgen, seine Hausfrau,
mit zwei andern, 1532.
Als das Wort Gottes durch des Herrn Gnade wieder-
um hervorzuleuchten anfing, auch von vielen Men-
schen mit großer Begierde angenommen und mit vie-
ler Leben und Tode bezeugt und versiegelt wurde,
hat auch Hugo Jacob Kraan von Assersouw und seine
Hausfrau Maritgen mit zwei andern, deren Namen
uns nicht bekannt geworden sind, das Wort Gottes
empfangen und angenommen. Es ist aber diesen Per-
sonen in der Tat so ergangen, wie Paulus früher ge-
sagt hat, dass alle, die gottselig in Christo Jesu leben
wollen, Verfolgung leiden müssen, und Jesaja: Wer
sich vom Bösen abkehrt, muss jedermanns Raub sein.
Denn sobald sie dieser finstern Welt mit ihrem fleisch-
lichen Wandel und falschem, erdichtetem Gottesdiens-
te abgesagt und gesucht haben, dem ewigen Lichte
und der Herrlichkeit Christo Jesu nachzufolgen, sind
sie von den Kindern der Finsternis und Belials ge-
hasst und bis auf den Tod verfolgt worden. Deshalb
ist endlich Maritgen, des Hugo Jacobs Hausfrau, zu
Haarlem gefangen gelegt, und, nachdem sie auf man-
cherlei Weise versucht worden, im Jahre 1532 daselbst
in großer Standhaftigkeit ertränkt worden, und hat
die angenommene Wahrheit mit ihrem Tode befestigt;
Hugo Jacob Kraan aber mit seinen beiden Glaubens-
genossen, ist nach Grafen-Haag gefänglich gebracht
worden, wo sie viel um der Wahrheit willen haben
leiden müssen. Weil sie aber auf den Felsen gegrün-
det waren, so haben sie sich durch keine Pein zum
Abfalle bewegen lassen. Darum sind sie von des Anti-
christs Dienern zum Tode verurteilt worden, welche
Art des Todes so schrecklich gewesen, dass alle Men-
schen, die solches gesehen haben, sich mit Recht über
dieselben haben erbarmen müssen, denn sie sind im
Jahre 1532 an gemeldetem Ort mit Ketten an Pfähle
geschlossen worden, um welche sie ein großes Feuer
gemacht haben, so dass sie gebraten worden sind, bis
endlich der Tod erfolgt ist. Gleichwie sie ihr Leben
hier nicht geliebt, sondern dasselbe im Gehorsam um
des Zeugnisses Jesu Christi willen übergeben haben
und standhaft geblieben sind, so werden sie auch in
der Erscheinung unseres Seligmachers Jesu Christi,
statt dieses sterblichen Rockes des Fleisches, mit dem
unsterblichen angetan und mit der Krone der ewigen
Herrlichkeit von Gott belohnt werden.
Ludwig Fest, im Jahre 1533.
Im Jahre 1533 ist Ludwig Fest, ein standhafter Zeuge
der göttlichen Wahrheit, zu Schwatz im Inntale um
des Zeugnisses Jesu Christi willen zum Tode verurteilt
und hingerichtet worden. Er hat uns ermahnt, dass
wir nicht eigennützig sein sollten; auch hat er im An-
fänge seines Leidens um der Barmherzigkeit Gottes
willen gebeten, dass wir einander nicht beschweren
und betrüben sollten, denn wenn jemandem derglei-
chen Versuchung zustößt, so schmerze es ihn zuerst,
und es sei kein Wunder, wenn es ihn alsdann in sei-
nem Herzen bekümmert; auch hatte er begehrt, dass
man zu ihm ein gutes Vertrauen haben sollte; er hoffe
mit der Hilfe und Kraft seines himmlischen Vaters
treu zu bleiben, welches er auch getan hat.
Christina Haringin, im Jahre 1533.
In diesem Jahre 1533 ist eine Schwester, namens Chris-
tina Haringin gefangen genommen, nach Kitzpil ge-
führt und daselbst an eine Kette geschlossen worden;
sie ist aber gleichwohl im Glauben standhaft geblie-
ben. Da sie aber schwanger war und bald gebären
sollte, so haben sie dieselbe wiederum auf freien Fuß
gesetzt, bis sie würde geboren haben, und obgleich
sie wusste, dass man sie nachher wieder einziehen
würde, sie auch wohl zehnmal hätte entrinnen kön-
nen, so ist sie gleichwohl nicht geflohen, sondern ist
freimütig dageblieben.
Als sie nun den Kriegsbedienten kommen sah, ging
sie ihm entgegen und fragte ihn, was er wollte? Er
sprach: Ich komme, um euch wieder abzuholen. Also
haben sie dieselbe übermal in die Stadt Kitzpil ge-
bracht, und bald darauf um des Glaubens willen, bei
welchem sie standhaft geblieben ist, mit dem Schwer-
te hingerichtet (welches doch an einer Frau nicht ge-
bräuchlich gewesen) und sie nachher verbrannt. Die-
ses kluge und tapfere Weib, oder Schwester in Chri-
sto, welche ihren Mann, ein kleines Kind, Haus und
Hof und alles zeitliche Vermögen verlassen, hat ihr
weibliches Gemüt mit solcher männlichen Tapferkeit
durch die Gnade Gottes im Glauben gewaffnet, dass
sie dem Herrn ihre Gelübde bezahlte und dem Bräuti-
gam Christo mit ihrer brennenden Lampe und schei-
nendem Lichte fröhlich entgegenging, worüber viele
Menschen sich verwundert haben.
68
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Sicke Schneider, im Jahre 1533.
Um das Jahr 1533 ist ferner ein frommer Held und
Nachfolger Jesu, namens Sicke Schneider, gewesen,
welcher sich auch nach dem Rate des Heiligen Geistes
von der babylonischen Hure und all ihrem falschen,
selbsterdichteten und gegen Gott streitenden vermein-
ten Gottesdienst abgesondert und Christum Jesum
wieder angenommen hat, indem er dieses wahren
Gesetzgebers unsträflichen Fußstapfen nachzufolgen
und seiner in der Heiligen Schrift enthaltenen Stimme
allein zu gehorchen gesucht hat. Deshalb hat er sich
nach dem Vorbilde und der Ordnung Christi unter
den Gehorsam begeben und die christliche Taufe auf
seinen Glauben, als das Zeichen eines wiedergebore-
nen Kindes Gottes nach der Lehre Christi, angenom-
men, und hat also gesucht, in Gehorsam vor seinem
Schöpfer zu leben und zu wandeln; er ist dieserhalb
zu Leeuwarden in Friesland in Bande und Gefängnis
geraten, und hat von den Widersachern der Wahrheit
vieles leiden müssen. Weil er aber durch keine Marter
zum Abfall gebracht weiden konnte, so ist er an je-
nem Orte in großer Standhaftigkeit mit dem Schwerte
hingerichtet worden, und hat also den wahren Glau-
ben mit seinem Tode und Blute bezeugt und befestigt.
Darum wird er als ein tapferer Streiter Jesu Christi
mit allen wahren Überwindern mit weißen glänzen-
den Kleidern angetan werden und den Segen erblich
besitzen.
Von dieser Geschichte siehe, nebst diesem, Menno
Simons gegen Gillis Faber, Blatt 98.
Wilhelm Wiggertz von Barsinghorn in
Nordholland, im Jahre 1534.
Um das Jahr 1534 ist ein gottesfürchtiger, frommer
Bruder, namens Wilhelm Wiggertz, in Barsinghorn
wohnhaft, einem Dorfe in Niederholland bei Schagen
gelegen, weil er den wahren Glauben bekannte und
belebte, von da nach Schagen auf das Schloss gefäng-
lich gebracht worden; an diesem Orte hat er unge-
fähr acht Tage gefangen gelegen, und ist des Morgens
früh bei anbrechendem Tage in dem vorgenannten
Schlosse um des Zeugnisses Jesu Christi willen in
großer Beständigkeit mit dem Schwerte hingerichtet
und enthauptet worden. Da er ein gottesfürchtiger, lie-
ber Mann war, so haben die Herren von Schagen ihn
oft in der Verrichtung ihrer zeitlichen Geschäfte ge-
braucht; deshalb ist es geschehen, dass, als die Diener
von Schagen in sein Haus kamen, um ihn gefangen
zu nehmen, er dafür gehalten hat, dass sie aus voriger
Freund- und Kundschaft gekommen waren. In dieser
Voraussetzung hat er seine Hausfrau ausgesandt, et-
was Speise zu holen, um diesen Dienern damit aufzu-
warten; aber ehe sie wiedergekommen, ist der Diakon
mit seinen Dienern, welche von dem römischen An-
tichristen ausgesandt worden sind, erschienen und
hat dieses wehrlose Schäflein Christi mit sich nach
Schagen genommen, obschon der Schultheiß zu Bar-
singhom sich für den Gefangenen als Bürgen stellen
wollte. Als nun des vorgenannten Wilhelm Wiggertz
Vater, Wigger Henrich, welcher gleichfalls ein obrig-
keitliches Amt bekleidete, gesehen, dass sein gottes-
fürchtiger Sohn heimlich gegen Recht und Billigkeit
mit dem Schwerte ermordet wurde, hat er von Stunde
an seine Bedienung niedergelegt und kein weltliches
Amt mehr bedienen wollen.
Von des Kaisers Karl des Fünften Befehle, welcher
gegen die Taufgesinnten im Jahre 1535 von dem
Kaiser bekannt gemacht ist.
Unsern lieben und getreuen Oberhauptleuten, dem
Vorsteher und den Mitgliedern unseres geheimen Ra-
tes, Kanzler und Gliedern unseres Rates in Brabant,
dem Befehlshaber und Ratsherrn in Limburg, Vorste-
her und Ratsherren in Flandern, Befehlshaber, Vor-
steher und Ratsherren in Artois, Oberhauptmann in
Hennegau und Ratsherrn in Bergen, Statthalter, Vor-
steher und Ratsherrn in Holland, Namour, Friesland
und Utrecht, Statthalter in Ober-Issel, Befehlshaber
in Rissei, Douway und Orchies, Amtmann und Rats-
herrn in Doomitz und Tournesis, Rentmeistern von
Bewest und Beooster-Schelde, in Seeland, Blutrichter
in Valenchines, Schultheiß in Mechelen, und allen üb-
rigen Richtern und Beamten unserer Landschaften,
Städte, Herrschaften, Untertanen oder ihren Statthal-
tern, welche dieses sehen werden, Heil und Gunst.
Wir haben, um uns vorzusehen und gegen die Irr-
tümer und Verführungen Rat zu schaffen, die vielen
Rottgeister und Urheber der Verachtung samt ihren
Anhängern bisher gegen unseren heiligen christlichen
Glauben, Sakramente und Gebote unserer Mutter, der
heiligen Kirche, sich unterstanden haben in unsern
Landschaften auszusäen und auszubreiten, zu ver-
schiedenen Malen viele Befehle aufgesetzt und diesel-
ben ausrufen und vollziehen lassen, welche Verord-
nungen, Satzungen und Gebote, gleichwie auch die
Strafen, womit die Übeltäter belegt werden sollten,
enthielten, damit die gemeinen und einfältigen Leu-
te und andere durch solche sich vor den gemeldeten
Verführungen und Missbrauchen in Acht nehmen, die
Rottengeister aber, und welche dieselben ausbreiten,
andern zum Exempel gestraft und gezüchtigt werden
möchten. Da wir nun Nachricht erhalten haben, dass,
unserer vorgemeldeten Befehle ungeachtet, viele und
69
verschiedene Rottengeister, auch selbst einige, die sich
Anabaptisten oder Wiedertäufer nennen lassen, sich
unterstanden haben und noch täglich unterstehen, ih-
re gedachten Missbräuche und Irrtümer auszubreiten,
zu säen und insgeheim zu predigen, um eine große
Menge Männer und Weiber zu verführen und sie zu
ihrer falschen Lehre und verworfenen Sekte zu locken,
auch einige zu großer Schmach und Geringachtung
des Sakraments der heiligen Taufe und unserer Befeh-
le, Gesetze und Verordnungen wiederzutaufen - so
haben wir, die wir uns hierin haben vorsehen und Sor-
ge tragen wollen, euch entbieten und gebieten wollen,
dass ihr sofort nach dem Empfange dieses an allen
Orten und Grenzen eurer Herrschaft ausrufen lasst,
dass alle diejenigen, welche man befinden wird, dass
sie mit der verfluchten Sekte der Anabaptisten oder
Wiedertäufer besudelt sind, wessen Standes oder Ran-
ges sie auch sein mögen, ihre Rädelsführer, Anhänger
oder welche Teil daran haben, ihres Lebens und ihrer
Güter verlustig sein und ohne den geringsten Auf-
schub aufs Schärfste mit Feuer gestraft werden sollen;
nämlich diejenigen, die halsstarrig in ihrer bösen Leh-
re und Vornehmen beharren, oder die jemanden zu
ihrer vorgemeldeten Sekte verführt oder wiederge-
tauft, auch die den Namen eines Propheten, Apostels
oder Bischofs geführt und gehabt haben; was aber
die Übrigen betrifft, welche wiedergetauft sind, oder
welche heimlich und mit Vorbedacht jemanden, von
diesen erwähnten Anabaptisten oder Wiedertäufern
beherbergt und ihr böses Vornehmen und Lehre nicht
zur Anzeige gebracht, sollen, wenn sie wahre Reue
und Leid beweisen, mit dem Schwerte hingerichtet,
die Weiber in eine Grube vergraben werden.
Um aber desto leichter Kunde von diesen Anabap-
tisten oder Wiedertäufern, ihren Anhängern und Rott-
gesellen zu erlangen, so befehlen wir ausdrücklich
allen Untertanen, dass sie dieselben bekannt machen
und bei dem Beamten des Ortes, worunter sie wohnen
oder gefunden werden, anzeigen, und wenn jemand
von einigen, welche dieser Sekte zugetan sind, Kennt-
nis hätte, sie aber nicht bei dem Beamten des Ortes
zur Anzeige brächte, so soll er dieselbe Strafe erlei-
den, welche denjenigen betrifft, der solcher Sekte der
Wiedertäufer günstig gewesen ist oder ihr angehängt
und Teil daran genommen; wer aber dieselben an-
bringt oder bekannt macht, soll den dritten Teil ihrer
verfallenen Güter haben, wenn anders der Verklagte
überführt wird.
Daneben gebieten wir allen unsern Untertanen bei
Vermeidung einer willkürlichen Strafe, dass sie für
vorgemeldete Anabaptisten oder Wiedertäufer um
keine Gnade, Vergebung oder Versöhnung nachsu-
chen, oder um deswillen Suppliken oder Bittschriften
eingeben, denn wir wollen nicht, wollen es auch nicht
zugeben, dass einige von den Anabaptisten oder Wie-
dertäufern um ihrer bösen Lehre willen in Gnaden
aufgenommen werden sollen, sondern dass man an-
dern zum Beispiele ohne Gunst oder Aufschub mit
ihrer Bestrafung eile. Um nun solches mit allem, was
damit zusammen hängt, ins Werk zu setzen, so geben
wir euch und einem jeden unter euch für sich selbst
vollkommene Gewalt und ausdrücklichen Befehl.
Gegeben zu Brüssel unter unserem Gegensiegel,
welches hierneben gedruckt ist, den zehnten Tag im
Juni des Jahres 1535. Darunter stand: »Vom Kaiser
und seinem Rate« und war unterzeichnet Pensart.
Peter Küster, 1535.
Im Jahre 1535 war ein frommer Bruder, genannt Pe-
ter Küster, welcher zu Saardam, in Nordholland, in
der Kirche das Küsteramt verwaltete; als er aber Er-
kenntnis der Wahrheit erlangt, ist er als Lehrer der
Gemeinde eingesetzt worden, und ist um der Verfol-
gung willen nach Amsterdam gezogen, woselbst ihn
der Schultheiß, auf Angeben eines Weibes, welche in
dieser Nachbarschaft wohnte und in ihrem törichten
Eifer den Ort, wo er wohnte, offenbarte, gefänglich
eingezogen hat, und da dieses gerade zu einer Zeit
geschah, als in der Welt böser Aufruhr und heimliche
Anschläge sich ereigneten, so wurde dieser Freund
Gottes dessen auch verdächtig gehalten; es ist jedoch
aus seinen eigenhändigen Schriften, gleichwie auch
aus seinem Bekenntnisse zu ersehen, dass er hierin
unschuldig gewesen sei, auch wissen verschiedene
glaubwürdige Zeugen, dass er sich stets von Herzen
dagegen gesetzt habe; nichtsdestoweniger aber, weil
er sich auf seinen Glauben nach dem Befehle und der
Ordnung Christi hatte taufen lassen, und außerdem
das Lehramt bediente, wurde er zum Tode verurteilt
und zu Amsterdam mit dem Schwerte hingerichtet,
und erwartet nun mit allen Frommen den Lohn, wel-
chen Christum verheißen, indem er sagt: Selig seid ihr,
wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen
und verfolgen, und reden allerlei Übles wider euch,
so sie daran lügen; seid fröhlich und getrost, es wird
euch im Himmel wohl belohnt werden.
Sybrant Jantz, Henrich Gysbrecht von Campen,
Steven Benedictus, Femmetgen, Egberts Tochter
und Welmut, Jantz Tochter.
Zu Hoorn, in Westfriesland, sind im Jahre 1535 drei
Brüder und zwei Schwestern gefangen genommen
worden, genannt Sybrant Jantz, Henrich Gysbrechts
von Campen und Steven Benedictus, Femmetgen Eg-
70
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
berts und Welmut, Jantz Tochter, weil sie nicht mehr
der römischen Kirche, sondern den Geboten Gottes
gehorsam zu sein suchten. Diese haben, als man sie
durchforscht hat, ihren Glauben, insbesondere wegen
der Taufe, männlich bekannt; als sie gefragt wurden,
ob sie wiedergetauft seien, haben sie bekannt, dass es
geschehen; und es hat sie nicht gereut, dass sie sich
nach der Ordnung Christi zur Vergebung oder Begra-
bung der Sünden haben taufen lassen, damit sie Chris-
tum anziehen und den Bund eines guten Gewissens
erlangen möchten. Als die Herren der Finsternis ver-
nahmen, dass sie darüber keine Reue hatten, und dass
sie standhaft bei ihrem Glauben bleiben wollten, ha-
ben sie dieselben nach des Kaisers Befehle zum Tode
verurteilt, wie das nachstehende Todesurteil, welches
sie über dieselben ausgesprochen, klar beweist:
Nachdem M. Anton Sonk, Schultheiß, den Sybrant
Jantz, Henrich Gysbrechts von Campen, Steven Be-
nedictus, Femmetgen Egbrechts und Welmut, Jantz
Tochter, gerichtlich angeklagt, dass sie sich gegen die
geschriebenen Rechte, unsern christlichen Glauben
und die Befehle der kaiserlichen Majestät, unsers all-
ergnädigsten Herrn, haben wiedertaufen lassen, ohne
dass sie deshalb Buße getan oder Ablass erlangt, und
zu Recht erkannt, dass sie, die sich alle und ein jeder
insbesondere daran verschuldet, ihres Leibes und ih-
rer Güter verlustig sein und mit dem Tode gestraft
werden sollen, so dass die Mannspersonen mit dem
Schwerte gerichtet, sodann ihre Leiber auf Räder, ihre
Köpfe aber auf Pfähle gesetzt werden, den Frauen hin-
gegen ein Stein an den Hals gehängt werden soll und
sie damit ertränkt werden sollen - so hat er darüber
richterlichen Ausspruch des Rats begehrt, welcher,
nachdem er die Antwort und Verteidigung der vor-
gemeldeten Angeklagten angehört, und dass sie öf-
fentlich bekannt, dass sie ohne Ablass wiedergetauft
seien, mit seinem ritterlichen Ausspruch für Recht er-
kannt, dass alle Vörgemeldeten nach den Befehlen der
kaiserlichen Majestät und den geschriebenen Rechten
ihr Leben und Güter verschuldet haben, nach Inhalt
der Freiheiten dieser Stadt, und dass alle mit dem To-
de gestraft werden sollten, so dass die Mannsperson
mit dem Schwerte hingerichtet, ihre Leiber auf Räder,
ihre Häupter aber auf Pfähle gesetzt werden sollten,
es wäre denn, dass die Herren hierin denen Gnade
erweisen wollten, die widerrufen und Reue bezeugen,
dass aber den Frauen ein Stein an ihren Hals oder
Leib gebunden und sie also ertränkt werden sollen.
Beschlossen in Gegenwart aller Ratsherren und der
drei Bürgermeister. Geschehen den 7. Juni 1535.
Nachdem das Urteil gesprochen, haben sie diesel-
ben zum Tode hinausgeführt, wohin sie alle beherzt
gegangen sind und unter andern die Worte gespro-
chen: Der Knecht ist nicht besser als sein Herr; haben
sie dieses an dem grünen Holze getan, was werden sie
am dürren tun, und dergleichen Reden mehr. Als sie
an den Ort kamen, welcher dazu zubereitet war, sind
sie enthauptet worden. Die beiden Frauen aber haben
sie an die See geführt, ihnen Steine an den Hals ge-
bunden und so in die See geworfen und ertränkt; ihre
Leiber sind lange zum Spott und zur Schmach umher-
getrieben worden, bis endlich die Obrigkeit befohlen
hat, sie herauszuziehen und begraben.
Christlicher Leser, hieraus kannst du klar ersehen,
warum und aus welcher Ursache diese Leute haben
sterben müssen und dass es sich nicht so Verhalten,
wie einige blinde Eiferer des abgöttischen Papsttums
gegen die Wahrheit lästern und sagen, dass sie nicht
um der Religion oder des Glaubens, sondern allein
ihres Aufruhrs und der Missetaten willen umgebracht
worden seien; man kann hieraus urteilen, wie lügen-
haft und unverschämt sie hier handeln, indem sie ihre
Verurteilung mit der Belagerung von Münster, welche
in jenem Jahre stattgefunden, in Verbindung bringen,
welcher bösen Taten sie gleichwohl nicht beschuldigt
worden, vielweniger dabei tätig gewesen sind. Aber
hierin erweisen sie ihre alte pharisäische Art, wel-
che, als sie Christum zum Tode brachten, seine gute
Lehre nicht zum Vorwände brauchten, sondern Vorga-
ben, dass er um seiner Gotteslästerung sterben müsste.
Dieses ist die Art aller Tyrannen, dass sie die Unschul-
digen nicht allein peinigen und töten, sondern ihnen
noch falsche Beschuldigungen aufbürden. Wenn aber
der Tag kommt, welcher kommen wird, dann werden
sie sehen, wie schwer sie sich vergangen und werden
mit Schrecken sagen: Seht, das sind diejenigen, die wir
zum Spotte und zum höhnischen Beispiele hatten, wir
Narren hielten ihr Leben für unsinnig und ihr Ende
für eine Schande; wie sind sie nun unter die Kinder
Gottes gezahlt und ihr Erbe ist unter den Heiligen.
(Kopie aus einer gewissen alten Schrift.)
Andreas Claessen von Drouryp wird um des
Zeugnisses Jesu Christi willen unter dem
Statthalter Georg Schenck zu Leeuwaarden, im
Jahre 1535, enthauptet.
Es ist ein teures Wort und aller Beachtung wert, wel-
ches unser Heiland gesprochen und zu unserer Lehre
und unserm Unterrichte hinterlassen hat, indem er
sagt: »Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren ,
wer aber sein Leben verlieret um meinet oder des Evan-
geliums willen , der wird's erhalten zum ewigen Leben.«
(Mt 16,25; Lk 9,24)
Diese evangelische Lehre haben viele treue Zeu-
gen Christi, welche ihr Leben freiwillig um seines
71
heiligen Namens willen übergeben haben, zur tröst-
lichen Ermahnung zu Herzen genommen, indem sie
auf die Verheißungen und herrliche Belohnung gese-
hen haben, welche nicht in dieser, sondern in der zu-
künftigen Welt ausgeteilt werden wird, denn Weisheit
Kap. 3 steht geschrieben: »Aber der Gerechten Seelen
sind in Gottes Hand und keine Qual rührt sie an. Von den
Unverständigen werden sie angesehen, als stürben sie, und
ihr Abschied wird für eine Pein gerechnet, und ihre Hin-
fahrt für ihr Verderben, aber sie sind im Frieden. Obzvohl
sie wohl vor den Menschen viel Leidens haben, so sind sie
doch gewisser Hoffnung, dass sie nimmermehr sterben. Sie
werden ein wenig gestäupt, aber viel Gutes wird ihnen
widerfahren, denn Gott prüfet sie wie Gold im Ofen und
nimmt sie wie ein fettes Opfer an.«
Dieses ist ein herrliches Zeugnis und kommt sehr
wohl mit dem heiligen Apostel Paulus überein, dass
wir durch viel Trübsal ins Reich der Himmel eingehen
müssen, gleichwie auch unser Heiland sagt, dass der
Weg schmal und die Pforte enge sei, die zum Leben
führt und dass wenige darauf wandeln; wenige in An-
sehung des großen Haufens und der größten Menge,
welche den breiten Weg erwählen und zu ihrem eige-
nen Schaden und ewigen Verderben durch die weite
Pforte gehen.
Wenige wurden zu Sardis gefunden, die ihre Klei-
der nicht befleckt hatten; gleichwohl werden diese
wenigen als Überwinder gekrönt und mit weißen Klei-
dern angetan werden; auch werden ihre Namen nicht
aus dem Buche des Lebens getilgt werden, sondern es
wird der Sohn Gottes ihre Namen vor seinem Vater
und seinen Engeln bekennen und solches wird allen
Überwindern verheißen und zugesagt Offb 3,1.
Solches haben diejenigen zu Herzen genommen,
welche nicht auf dasjenige, was sichtbar und vergäng-
lich ist, sondern auf das Unsichtbare gesehen haben,
wie solches an den frommen Zeugen und Märtyrern
Christi sichtbar ist, welche nicht allein ihr Hab und
Gut und das große Ansehen, das sie in der Welt hat-
ten, sondern auch ihr eigenes Leben um Christi willen
gerne verlassen haben, denn weder Verfolgung noch
irgendein Geschöpf in der Welt konnte sie von der
Liebe Gottes in Christo abschrecken Rom 8.
Solches ist unter andern an einem tapfem Helden
und gewaffneten Ritter Christi, Andreas Claessen von
Drouryp, einem Dorfe in Lriesland, zwischen Leeu-
warden und Lranecker gelegen, zu ersehen, welcher
im Jahre 1535 unter dem Statthalter Georg Schenck ge-
fänglich eingezogen und nach Leeuwaarden gebracht,
daselbst aber den 16. März enthauptet und auf ein
Rad gelegt worden ist.
Dies ist am dritten Tage nach seiner Gefangenschaft
geschehen, die Frommen haben ihn aber heimlich fort-
genommen und begraben; er ruht nun mit seiner Seele
unter dem Altar Gottes.
Er hatte sieben Kinder, welche, nach des Vaters To-
de, in Armut und Jammer umherwandern mussten;
doch haben gleichwohl einige, die ihnen günstig wa-
ren (aber nicht ohne Gefahr), ihnen Unterhalt ver-
schafft; aus dem eigenen Zeugnisse ihrer Nachkom-
men haben wir diese Dinge aufgezeichnet, die uns
ihre schriftlichen Zeugnisse in Ansehung dieser Sa-
che aus der Stadt Lranecker in Lriesland zugesandt
haben, welche unterzeichnet waren: Juke Wybes, den
13. März 1658.
Sieben Brüder, im Jahre 1536.
In diesem Jahre sind auch sieben Brüder, mit Na-
men Hans Beck, Wahlfahrt Schneider, Christian Alzei-
ter, Balthasar Gesel, Wohlfahrt aus Getzenberg, Hans
Maurer und Peter Kraneweter aus Gosedaum in Etsch-
land gefänglich abgeführt worden; man hat mit ihnen
vorgenommen und gehandelt, um sie zu überwinden
und zum Abfalle zu bringen, als sie aber ihnen nichts
abgewinnen konnten, weil sie bei der Wahrheit und
ihrem Glauben standhaft blieben, so haben sie die Pi-
latuskinder zum Tode verurteilt, welche sie, nach dem
Rate der Hohenpriester, dem Scharfrichter übergaben;
derselbe musste nun die Sache zu Ende bringen. Also
sind sie von diesem Leben zum Tode gebracht wor-
den, sie haben das Volk gewaltig zur Buße angemahnt
und bewiesen, dass dieses die göttliche Wahrheit sei,
und dass keine unreinen, trägen oder unachtsamen
Herzen in der Probe bestehen könnten. Wohlfahrt war
einmal abgefallen und hat nach der Gottlosen Begeh-
ren getan, hat aber nachher solches wieder beklagt
und beweint; als er nach einigen Tagen abermals be-
rufen ward, hat er den Herrn wieder bekannt und
gesagt, der Teufel hätte ihn dazu verführt, dass er ge-
gen Gott getan hätte; hierauf hat man ihn abermals
zu den andern in den Turm geführt und hat auch mit
den andern den Tod standhaft erlitten. Also haben sie
sämtlich zu Gosedaum die Wahrheit mit ihrem Blute
bezeugt.
Peter Gerhard, Peter Georg, Peter Leydecker und
Janneken Melz, 1536.
Im Jahre 1536, auf St. Margarethen Tag, des Morgens,
hat der Schultheiß am Zürik See drei Brüder und eine
Schwester, mit Namen Peter Gerhard, Peter Georg,
Peter Leydecker und Janneken Melz gefangen genom-
men, welche er halb bekleidet mit sich geführt und
sie auf einen Stein gesetzt hat, wo sie sieben Wochen
gefangen gelegen und sich durch kein Leiden oder
72
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
zugefügtes Elend zum Abfall haben bewegen lassen.
Als sie nun examiniert oder verhört wurden und
man ihnen viel Menschensatzungen vorlegte, welche
sie mit Gottes Wort zu widerlegen suchten, sagte der
Bürgermeister: Wir achten euer Wort Gottes nicht, son-
dern wir halten uns an des Kaisers Befehl und wer-
den alle diejenigen, welche dagegen handeln, auf eine
spöttische Weise ausrotten. Sie antworteten: Herr Bür-
germeister, damit beweisest du, dass du ein Vorsteher
des babylonischen Reiches und des Bels sein willst,
was dir zwar auf Erden einige Belohnung eintragen
kann, aber endlich eine Ursache sein wird, dass dir
mit dem Antichristen und dem gekrönten Tiere die
ewige Verdammnis im feurigen Pfuhle zu Teil werden
wird. Nachher wurden sie auf die Folterbank gebracht
(wiewohl gegen ihre Rechte, indem sie Bürger waren),
gleichwohl haben sie nicht abfallen wollen, wiewohl
sie gepeinigt wurden, dass ihnen das Blut an den Fü-
ßen hinunterlief; sie vertrauen aber Gott und riefen
ihn beständig an. Nachdem man sie gepeinigt hatte,
führte man sie wieder hinauf, wo sie einander mit
dem Worte Gottes trösteten.
Endlich sind sie den 4. September zum Tode verur-
teilt worden, worauf man sie ungebunden nach der
Schaubühne geführt hat, wohin sie sich ohne Furcht
als Schäflein Christi demütig begeben haben; hier sind
sie niedergekniet und haben mit Stephanus gesagt:
Herr Jesu, nimm unsern Geist auf, worauf sie in kur-
zer Zeit sämtlich enthauptet, ihre Leiber verbrannt
und die Häupter auf Pfahle gesetzt worden sind; also
haben nun dieselben ihr Opfer vollendet.
Hieronymus Kels, Michael Seifsieder, Hans
Oberacker, im Jahre 1536.
Im Anfänge des Jahres 1536 wurde Hieronymus Kels
von Kufstein mit Michael Seifsieder von Wald aus
Böhmen und Hans Oberacker aus Etschland, ausge-
sandt, um nach der Grafschaft Tyrol zu reisen. Als sie
aber zu Wien in Österreich ankamen, sind sie von dem
Wirte, wo sie herbergten, auf folgende Weise verraten
und gefänglich eingezogen worden. Als sie nämlich
die Abendmahlzeit hielten, wurden sie von den An-
wesenden aufgefordert, mit ihnen zu trinken, als sie
nun merkten, dass sie keinen Bescheid tun wollten,
ließ der Wirt Papier holen, und schrieb einen lateini-
schen Brief, welcher unter andern Worten in Deutsch
also lautete: Hier sind drei Personen, welche mir Wie-
dertäufer zu sein scheinen. Er wusste aber nicht, dass
der Bruder Hieronymus Latein verstand. Hierauf sag-
te der Bruder Hieronymus zu den andern Brüdern, es
möchte geschehen, wie es dem lieben Gott gefiele, sie
wollten sämtlich darauf warten. Nach zwei Stunden
kamen des Richters Knechte und führten sie gebun-
den vor den Richter; als man sie verhört hatte, brachte
man sie ins Gefängnis.
Nach acht Tagen forderte sie der Richter vor sich
und seine Beisitzer, wo man ihnen sagte, sie sollten
widerrufen. Der Bruder Hieronymus sagte: Sie soll-
ten selbst von ihrem Unglauben abweichen und den
Namen Gottes oder Christi nicht missbrauchen. Der
Richter aber ist hierüber sehr in Zorn geraten, und
weil Hieronymus ferner sagte, dass sie keine Christen
wären, so sprach der Richter: Du bist ein verzweifelt
böser Bube; gleichwohl hat Hieronymus, nachdem er
wohl zehnmal darüber befragt worden, sein voriges
Bekenntnis stets wiederholt. Darauf sagten die Beisit-
zer: Dieser heillose Mensch ist nicht wert, dass sich
deine Weisheit über ihn erzürne; sie haben sich aber
heftig über ihn und seine Brüder erzürnt, und sie wie-
der ins Gefängnis führen lassen. Nach acht Tagen hat
sie der Richter alle drei wieder vor sich gefordert, und
hat drei auserlesene arge Pfaffen zu sich genommen.
Als nun dieselben mit Hieronymus reden wollten,
dabei unsere Berufung verachteten, und unsern Glau-
ben lästerten und Vorgaben, sie wären gesandt, um
sie wegen ihrer Irrtümer zu belehren, sagte er zu ih-
nen freimütig und unerschrocken: Wir sind auf dem
rechten Wege, unser Ruf ist von Gott, auch hat uns
Christus gelehrt, dass wir keiner fremden Stimme ge-
horchen sollten; auch fügte er hinzu: Wir sind willig
allen Menschen Rechenschaft und Beweis von dem
Grund unserer Hoffnung zu geben, aber mit Mönchen
und Pfaffen, welche vom Papste, dem Antichristen,
ausgesandt sind, begehren wir nicht zu reden, denn
sie sind große Buben, Hurer, Meineidige, Schalke und
Verführer, wie auch diese.
Darauf sagte der Richter: Mein guter Hieronymus,
du kennst die guten Herren noch nicht. Hieronymus
sagte: Gott ist mein Herr, sie aber keineswegs; dann
hat er ihnen auf ihre Fragen wegen der Messe, der Erb-
sünde, der Kindertaufe, der Berufung und des grau-
samen abgöttischen Sakramentes geantwortet, was
länger als zwei Stunden gedauert hat. Hierauf haben
sie ihm zu Gemüte geführt, dass er doch sein liebes
Leben, sein Weib und Kind, und dabei ihre treue Zusa-
ge, zu Herzen nehmen und zu Gott bitten möge, und
dass auch sie bitten wollten; er aber sagte, dass sie
die Wahrheit hätten und dabei bleiben wollten, man
möchte tun, was man wollte; als sie nun auch die üb-
rigen Brüder mit ihrem Gifte nicht anstecken konnten,
hat sie der Richter wieder ins Gefängnis legen lassen,
worin sie einander trostreiche Lieder zugesungen ha-
ben und fröhlich in Gott gewesen sind; und weil sie
einander im Gefängnisse hören konnten, haben sie
einander zugerufen und sich getröstet und gestärkt;
73
auch haben sie ihr Glaubensbekenntnis mit vielen Be-
weisgründen aus der heiligen Schrift den Herren zu
Wien und dem Richter schriftlich übergeben.
Dem gedachten Bruder Hans Oberacker ist des
Herrn Tag dreimal erschienen, wie er uns aus dem Ge-
fängnisse hat wissen lassen, und er hat solche Dinge
(die er nicht aussprechen konnte) mit den innerlichen
Augen des Herzens und auch mit seinen leiblichen
Äugen gesehen, denn er sah den Zustand der Kinder
Gottes, und welche große Gnade sie von Gott emp-
fangen hatten, dagegen aber auch, wie gewaltig und
schrecklich dieser Tag den Gottlosen sei, so dass er
auch bat, Gott wolle ihn nimmermehr in solches Ge-
richt fallen lassen, welches über die Bosheit so groß
und schrecklich sei.
Nachdem man nun diese Brüder auf mancherlei
Weise versucht hatte, und sie gleichwohl, als tapfere
Ritter und Liebhaber Gottes, im Glauben standhaft
blieben, sind sie von den Pilatuskindern zum Tode
verurteilt und den Freitag vor Judica in der Fasten des
gedachten Jahres in Wien zu Asche verbrannt worden.
Georg Baser und Leonhard Seiler, im Jahre 1536.
Georg Baser, ein Diener des Herrn und seiner Gemein-
de mit dem Bruder Leonhard Seiler, seinem Mitgehil-
fen, wurde in eben demselben Jahren zu Neudorf in
Österreich auf seiner Durchreise gefangen genommen
und daselbst in den Stock gelegt. Am andern Tage
kam der Richter von Metlyng mit dem ganzen Rate
und andern Leuten vom Volke mit ihnen, und frag-
ten sie, warum sie gefangen lägen? Sie antworteten:
Um des Glaubens an Christum und der göttlichen
Wahrheit willen.
Man hat sie sodann eine Strecke von Neudorf, in
die Mark Metlyng (zwei Meilen von Wien gelegen)
geführt. Auf dieser ganzen Reise haben sie mit aller
Freimütigkeit von der Wahrheit Zeugnis gegeben, und
zu ihnen mit vielen Worten von dem Gerichte und
Urteile Gottes geredet, dass sich auch der Richter und
alle übrigen darüber entsetzten, und nicht ein einziges
Wort dagegen sagen mochten.
Sie haben sie aber daselbst in ein gemeines Gefäng-
nis gelegt, worin ihre Mitgefangenen sie sehr gott-
los, schändlich und niederträchtig misshandelt haben,
was ihnen täglich so großes Herzeleid und Kummer
verursachte, dass sie es lieber gesehen hätten, man
hätte sie, um solches gottlose Wesen nicht zu hören,
in ein stinkendes Loch gelegt.
In der Zeit ihrer Gefangenschaft hat man wegen
der Kindertaufe und wegen des Sakraments viele und
dringende Fragen an sie gerichtet, und ihnen dabei ge-
sagt, dass wir sie alle gottlos und ungläubig nennten.
worauf sie wegen der Kindertaufe ihnen antworteten,
dass sie ihnen dieselbe gar wohl zuständen, und hin-
zufügten: weil sie sich Christen nennten, aber dabei
den Namen Christi missbrauchten, und auch das Ge-
ringste, welches Christus befohlen und geboten hätte,
mit keinem Finger anrührten, so sollten sie wissen,
dass sie des Teufels seien, und wenn sie keine Buße
wegen ihrer Sünden tun würden, so würde Gott ih-
ren falschen Ruhm vertilgen, und sie würden mit der
ganzen Welt und dem reichen Manne in den Abgrund
der Hölle verstoßen werden; solches würde gewiss
geschehen, wenngleich sie es bis jetzt nicht glaubten.
Nachdem sie beinahe ein ganzes Jahr im Gefäng-
nisse zugebracht hatten, in welcher Zeit sie sich zum
Tode zubereiteten, denn sie waren hierzu willig, guten
Mutes und fröhlich im Herrn, so dass sie Gott, den
gnädigen Herrn, baten, dass er sie aus dieser sterbli-
chen Hütte und argen, blinden Welt erlösen wolle und
dabei eine gute Hoffnung, große Freude und ein herz-
liches Verlangen hatten abzuscheiden, so dass sie jede
Stunde und jeden Augenblick bereit waren, durch
Gottes Hilfe und Beistand, um der Wahrheit Gottes
und des Namens unsers Herrn Jesu Christi willen,
trotz aller Pein und Leiden, welche ihnen auch zusto-
ßen würden, männlich und ohne Furcht zu sterben,
sind sie nachher aus besonderer Schickung Gottes,
ohne Verletzung ihres Gewissens, wunderbar erlöst
worden und in Frieden bei der Gemeinde zu Trasen-
hofen angekommen, woselbst sie als gute, würdige
und liebe Brüder im Geiste empfangen und mit großer
Freude aufgenommen worden sind.
Im Jahre 1537.
Im nachfolgenden Jahre wurde der erwähnte Georg
Baser, auf Anhalten einiger Eiferer in Österreich nach
Pechstall gesandt, wo er das Wort Gottes getrost zu
lehren anfing, die Gläubigen versammelte, und nach
Gottes Befehle Gemeinden aufrichtete, obgleich er
kurz zuvor aus dem Gefängnisse von Metlyng befreit
worden war. Als er nun daselbst sich aufhielt, fiel er
einem verschlagenen Menschen, oder dem, welcher
dessen Plan ausführte, in die Hände; derselbe hat,
unter dem Vorwände die Wahrheit von ihm, als von
einem Diener, zu lernen, viele Knechte bestellt mit
dem Befehle, dass sie zu gelegener Zeit an diesen
Georg Baser Hand anlegen und ihn fangen sollten,
was sie auch getreulich ins Werk setzten.
Hierauf ist er im Gefängnisse auf vielerlei Weise
versucht und mit grausamer Pein viel mit ihm gehan-
delt worden; aber er ist standhaft geblieben und ist
denen, die er im Glauben unterrichtet hatte, getreulich
bis in den Tod vorangegangen. Also ist er mit dem
74
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Schwerte hingerichtet worden, und hat den Glauben
und die Wahrheit Gottes mit seinem Blute bezeugt.
Bastian Glasmacher und Hans Grünfelder, 1537.
Auch ist im Jahre 1537 Bastian Glasmacher und Hans
Grünfelder zu Imst im Ober-Inntale um des Glau-
bens und der Wahrheit Gottes willen gefangen gesetzt
worden; diese hat man mit dem Schwerte gerichtet
und dann verbrannt. Sie haben mit großer Freude den
Herrn, samt seinem heiligen Worte und seiner Wahr-
heit bekannt. Als man sie hingerichtet, ist eine große
Menge Menschen gegenwärtig gewesen; Hans hat
überlaut gerufen und gesprochen, und das Volk bis
an seinen Tod zum Besten angemahnt und gewarnt;
desgleichen auch Bastian, so dass sich das Volk sehr
über sie wunderte.
Ihre Gebeine konnte man nicht ganz verbrennen,
weshalb man sie ins Wasser geworfen hat; auch hat
man des einen Herz nicht verbrennen können, zwei-
felsohne ihnen zum nachdrücklichen Zeugnisse.
Hans Peiß und einige andere, im Jahre 1537.
Auch ist in eben demselben Jahre 1537 Hans Peitz, ein
Diener des Evangeliums, mit einigen seiner Glaubens-
genossen zu Passau an der Donau um der Wahrheit
Gottes willen gefangen gesetzt worden; sie haben eine
lange Zeit gefangen gelegen und vieles erlitten und
ausgestanden, sind aber endlich, nebst andern, die
ihren Glauben und die Wahrheit bekannt haben, nach
großer Standhaftigkeit und Tapferkeit, im Gefängnis-
se entschlafen.
Hans Wucherer und Hans Bartel, im Jahre 1537.
In eben demselben Jahre 1537 ist der Bruder Hans Wu-
cherer im Bayerlande und mit ihm noch ein Bruder,
genannt Hans Bartel, seines Handwerks ein Weber, ge-
fangen genommen worden. Man hat sie nach Mermeß
geführt, daselbst lagen sie sechzehn Tage gefangen
und sind in der Zeit zweimal von Kaiphas und den
Pfaffen verhört und auch zweimal gepeinigt worden;
dieselben haben sie gefragt, was sie von dem Sakra-
mente hielten, worauf sie denselben gewaltig wider-
sprochen und gesagt haben, dass es ein Gräuel und
ein Abgott vor dem Herrn sei, es sei nicht zu glauben,
dass sie den Leib Christi mit Fleisch und Blut, wie er
am Kreuz gehangen, so viel hunderttausend Mal zu
essen geben könnten, sondern das Abendmahl sei ein
Andenken seines Leidens, Sterbens und Blutvergie-
ßens, wodurch er uns erlöst hat. Um nun sich dessen
zu erinnern und im Herzen nachzuforschen, sollen
solches die Gläubigen, welche Glieder seines Leibes
oder seiner Gemeinde sind, halten und ihm dabei von
Herzen Dank sagen. Hierauf sind sie wegen der Kin-
dertaufe und was sie von ihren Pfaffen und Kirchen
hielten, gefragt worden; diesem allem haben sie nach
der Wahrheit widersprochen. Hierauf haben sie die-
selben gefragt, was sie von dem Ehestande und den
zehn Geboten hielten, worauf sie auch geantwortet
haben. Dann hat man sie gebunden nach Bruckenhau-
sen geführt und daselbst einen jeden besonders im
Gefängnisse an eine Kette geschlossen; sie haben sie
auch zu sechs verschiedenen Malen vorgeführt und
verhört, um sie zum Abfalle und Widerrufe zu nö-
tigen, in welchem Falle man ihnen Gnade erweisen
wollte. Sie haben aber die Gnade Gottes mit der Gunst
der Welt nicht verwechseln wollen, weil sie überzeugt
waren, dass sie die rechten Gläubigen seien und die
Wahrheit Gottes hatten.
Das siebte Mal sind die Pfaffen ins Gefängnis zu
ihnen gekommen; sie aber blieben standhaft in Gott;
man hat sie auch sehr gepeinigt; den Hans haben sie
gefoltert, dass er ganz krank wurde; den Bruder Bartel
aber zweimal; sie haben aber damit an ihnen nichts
ausgerichtet.
Das achte Mal ist der Richter samt drei andern zu
ihnen gekommen, dieser hat, nachdem sie grausam
und schrecklich mit ihnen umgegangen sind, ihnen
das Leben abgesprochen und sie zum Feuer verur-
teilt; nichtsdestoweniger hofften sie in dem Herrn
durch den unaussprechlichen Reichtum der Gnade
und Kraft Gottes, treu und standhaft zu bleiben in der
Wahrheit Gottes bis ans Ende.
Nachher sind sie um des Glaubens willen verbrannt
worden, sie haben die Wahrheit tapfer bezeugt und
die Krone der Märtyrer Christi erlangt.
Philippus von Keurs, im Jahre 1537.
Es hat sich auch im Jahre 1537 zu Casses in Flandern
ein gottesfürchtiger frommer Bruder, namens Philip-
pus Keurs, seines Handwerks ein Schreiner, aufgehal-
ten. Als er sich auch von der gegenwärtigen argen
Welt abgesondert und auf den Kreuzesweg, welcher
zum Reich Gottes führt, begeben hatte, so haben ihn
die Diener dieser Welt (gleichwie auch seinen Herrn
und Meister Jesum), gehasst, geschmäht und verfolgt,
weshalb er endlich in die Hände der Tyrannen gefal-
len ist, welche ihn mit harter und schwerer Gefan-
genschaft unbarmherzig zugesetzt haben. Da er aber
nicht auf beweglichen Sand, sondern auf den unbe-
weglichen Felsen gegründet war, so ist er im allem
wie das durchläuterte Gold standhaft geblieben. Als
er sich nun durch nichts von der Wahrheit abziehen
75
lassen wollte, ist er daselbst vom Leben zum Tode ver-
urteilt worden und hat also den Glauben der Wahrheit
mit seinem Blute und Tode befestigt, und gleichwie er
hier seines Herrn und Meisters Christi Leiden teilhaf-
tig geworden ist, so wird er auch in der Offenbarung
seiner Herrlichkeit sich sehr freuen und fröhlich sein
und die Krone der ewigen Herrlichkeit empfangen
und ewig genießen. (Abschrift aus einigen sehr alten
Zeugnissen.)
Zwölf Personen, sowohl Männer als Weiber,
werden um des Zeugnisses Jesu Christi willen zu
Bucht, unweit Herzogenbusch, im Jahre 1538
verbrannt und enthauptet.
Im Jahre 1538, im August, hat man in der Stadt zehn
oder siebzehn Männer und Weiber gefangen genom-
men, welche man der Wiedertaufe beschuldigte. Diese
waren sämtlich geringe oder arme Leute, ausgenom-
men ein Goldschmied, der unter ihnen war, namens
Paulus von Druynen, von welchem man sagte, dass
er ihr Lehrer gewesen sei.
Dieser Paulus wurde zu Bucht, mit drei andern
Mannspersonen, auf einer Schaubühne lebendig er-
würgt und verbrannt, den 9. September.
Die drei andern hießen: Stephens von Osterholtz,
die Töpfer, Johann Block von Gent, ein Bandweber,
und Adrian von Grafen (Haag), ein Bandweber.
Man hat einem jeden derselben ein Seil oder einen
Strick in den Mund gebunden, damit sie nicht laut
reden oder rufen sollten.
Dabei waren zwei Minderbrüder und zwei Domi-
nikaner, welche ihnen viel sagen wollten, ihnen auch
ein Kruzifix zeigten; sie aber wollten es nicht ansehen
und sagten: Sie hätten Gott im Herzen und wollten
deshalb weder Holz noch Steine anbeten; auch baten
sie für diejenigen, welche ihren Tod verursacht hatten,
und sagten: Der Knecht sei nicht besser als sein Meis-
ter, in dessen Namen seien sie willig zu sterben, sie
wollten aber den Mönchen nicht gehorchen.
Über diese hat ein vom Hofe dazu Verordneter, na-
mens Meister Adrian von der Grafe, welcher ein Ge-
lehrter der beiden Rechte gewesen, das Urteil gefällt;
er hatte einen Mann von derselben Sekte bei sich,
welcher Vergebung seiner Missetaten erlangt hatte
(vermutlich ein Abtrünniger), und der anzeigte, wo
dieselben wohnten.
Diesem gedachten Verordneten waren sieben Rats-
herrn zugesellt, welche sie sämtlich, nachdem sie
einen Kreis geschlossen, zum Tode verurteilten. Die
Namen der Ratsherrn waren: Meister Goosen von der
Stege, Gisbert Heyn und Matthias Stooters, Heinrich
Pelgrim, sonst Keßler, Meister Henrich Luysterisan
von der Stege, H. Geist-Meister und Govert Symonß,
Kirchenältester.
Den 11. September sind an vorgenanntem Orte drei
Frauen und ein Mann erwürgt worden, von welchen
auch gesagt wird, dass sie wiedergetauft worden sei-
en; eine derselben ist des Lehrers Pauli Hausfrau ge-
wesen, bei welcher Exekution auch Mönche (nämlich
um sie zum Abfalle zu überreden) gegenwärtig gewe-
sen sind.
Die Hausfrau Pauli sagte: O Herr! Erleuchte doch
denen die Augen, die uns solches Leiden antun, damit
sie sehen, was sie tun. Ich danke Dir, o Gott, dass
Du mich dieses Leidens um deines Namens willen
würdig erkannt hast.
Der Dominikaner sagte zu einer andern Frau:
Bleibst du nicht bei der heiligen Kirche? Sie sagte:
Ich bleibe bei Gott, ist mir dieses nicht heilige Kirche
genug?
Dann sprach der Dominikaner zur Mannsperson:
Johann von Capelle, bitte, dass er dir vergebe, weil du
uns ein böses Exempel gegeben hast. Er antwortete:
Ich habe nicht geirrt, sondern bin mit Gottes Worte
umgegangen, und mir ist's leid, dass ich so lange in
der Finsternis gewesen bin. Ich bitte euch, Bürger, lest
doch das Evangelium und lebt darnach, und lasst ab
von eurer Schwelgerei, Büberei, eurem Fluchen und
euch mit dem Kreuze zu zeichnen (Kruyssen).
Die dritte Frau sagte: O allmächtiger Gott! Du wol-
lest mir nicht mehr auflegen, als ich ertragen kann. So
sind sie guten Muts gestorben.
Der vorgenannte Paulus und seine Hausfrau hatten
ein neun Monate altes Kind, welches noch ungetauft
war; solches nahmen sie der Mutter im Gefängnisse
ab und tauften es; auch sind Herr Philipp von Doorn,
Diakon zu St. Jan, Postulia, Meister Ja von der Stegens
Hausfrau, und Anna, Meister Goosen von der Stegens
Hausfrau Taufzeugen dieses Kindes gewesen. Hierauf
sind sie alle getötet worden.
Desgleichen auch den 14. September, morgens um 6
Uhr, wurde noch ein junger Gesell von eben derselben
Sekte enthauptet.
Dieses ist der Inhalt der alten Schrift, welche uns
aus Friesland zugesandt worden ist.
Vergleiche mit demjenigen, was Bore van Utrecht in
der Geschichte vom Anfänge von Herzogenbusch von
den Leuten, welche daselbst gefänglich eingebracht
worden sind, berichtet.
Es lässt sich annehmen, dass die ganze vorgemelde-
te Beschreibung von einem verfertigt worden sei, wel-
cher noch nicht zum Glauben gekommen war; denn
er nennt den wahren Glauben der vorgenannten, ge-
töteten Leute eine Sekte, deren Ende und Tod, wie es
scheint, er selbst angesehen hat; darum dürfen wir an
76
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der Wahrheit desselben umso weniger zweifeln, weil
es gewiss ist, dass die Widersacher einer Lehre diese
Lehre nicht anpreisen, sondern derselben vielmehr
widersprechen werden.
Leonhard Lochmayer und Offrus Gritzinger, 1538.
Im Jahre 1538 ist Bruder Leonhard Lochmayer, ein
Diener des Worts in der Grafschaft Tyrol gefangen
genommen und nach Brixen geführt worden; daselbst
haben viele Pfaffen mit allerlei Schalkheit ihm zuge-
setzt, bis sie ihn zum Falle gebracht haben; nachher
haben sie von ihm verlangt, dass er ein ganzes Jahr
mit dem Doctor Gallus das Land durchziehen solle,
um gegen die göttliche Wahrheit zu predigen und die-
selbe zu widerrufen; solches hat er nicht tun wollen,
darum haben sie ihn im Gefängnisse verwahrt; denn
ehe er ein Bruder geworden, ist er ein Pfaffe gewe-
sen. Er ist in sich gegangen, hat über seinen Fall Reue
empfunden und ist in große Angst geraten, denn das
Gericht Gottes hat ihn sehr gedrückt; als aber Gott
sein trauriges Gemüt erkannte, hat er ihm wieder auf-
geholfen, wie nachher folgen soll.
Offrus Gritzinger, im Jahre 1538.
In eben demselben Jahre wurde auch Offrus Gritzin-
ger, ein Diener des Worts in der Grafschaft Tyrol ge-
fangen genommen; man suchte ihn auf den Bergen
und in den Tälern, man forschte nach ihm auf den
Brücken und an andern Orten; auch haben sie viel
Geld auf Offrus gesetzt wer ihn entdecken konnte; fer-
ner haben sie auch Kundschafter und Verräter ausge-
sandt, die sich anstellen sollten, als wollten sie fromm
werden. Als sie seiner habhaft geworden, haben sie
ihn auch nach Brixen geführt und daselbst nicht weit
von Leonhard Lochmayer gefangen gelegt, so dass
sie miteinander haben reden können; hier hat dieser
Leonhard bei Offrus seinen Fall aufs Tiefste beklagt,
und dieserhalb große Reue und Herzeleid gezeigt; es
hat ihn aber Offrus sehr getröstet und ihm nach einer
aufrichtigen Reue und wahren Buße im Namen des
Herrn Vergebung seiner Sünden angekündigt, ja ihn
durch seine Fürbitte wieder im Glauben aufgerichtet
und als Mitglied und Bruder aufgenommen.
Nicht lange darauf, als man den Bruder Offrus, den
treuen Diener des Herrn und seiner Gemeinde durch
mancherlei Verhandlungen sehr versuchte und ihm
mit schwerer Pein drohte, wenn er seine Brüder nicht
bekannt machen würde, welche noch nicht vertrieben
waren, insbesondere diejenigen, die ihn beherbergt
und ihm Gutes getan hatten, so hat er zu ihnen gesagt:
Ich habe mich übergeben, um alle Pein und Leiden
durch die Kraft Gottes zu ertragen, welche ein Mensch
bis in den Tod leiden kann, ehe ich euch solches sagen
und einen Verräter abgeben wollte; ich habe es zuvor
wohl gewusst, dass es mir so gehen würde; ich bin
nun in eurer Gewalt, tut, was euch Gott zulässt; wollt
ihr mit mir unbarmherzig umgehen, so könnt ihr es
tun; Gott wird euch wohl finden; ich weiß nichts zu
sagen oder anzubringen. Hierauf haben sie ihm mit
Bedrohungen zugesetzt und zu ihm gesagt, wenn er
für die Wahrheit einstände, so wollten sie ihn bei der
Wahrheit ermahnt haben, dass er die Wahrheit reden
und an den Tag bringen wolle. Hierauf sprach der Bru-
der Offrus: Ich kenne euch wohl mit eurer Wahrheit,
ihr hört es, was ich euch gesagt habe.
Auch haben sie ihn gefragt, ob dem nicht so wäre,
dass wenn sich unsere Zahl vermehren würde, wir
uns gegen sie aufwerfen und sie, wenn sie uns nicht
beitreten, erwürgen würden? Er hat ihnen geantwor-
tet: Würden wir solches tun, so wären wir keine Chris-
ten, sondern nur dem Namen nach Christen; wenn
ihr auch wahre Christen wärt, so würdet ihr auch
niemanden martern, töten oder umbringen.
Dann haben sie ihn gebunden und aufgewunden,
dann aber schnell wieder heruntergelassen und dem
Peinigen Einhalt getan, ihn auch bedroht und gesagt,
warum er seine Glieder so zerreißen lassen wollte,
worauf er geantwortet: Ich bin in euren Händen, tut
mir, wie euch Gott zulässt, ihr könnt mir doch nicht
mehr als das Leben nehmen, also sind sie an ihm
verzagt worden.
Nach acht Tagen haben sie ihn abermals aufgewun-
den, wiewohl gelinder; aber er sprach zu ihnen: Ich
habe es euch einmal gesagt, was ich euch sagen kann,
nur wisset dieses, dass euch Gott um eurer Grausam-
keit willen wohl finden wird; also sind sie wieder
verzagt geworden, haben ihn fernerhin zufrieden ge-
lassen und ihn nicht mehr gepeinigt; auch ist er in
Folge der Marter erkrankt, dass er um desto weniger
redete.
Nach acht Tagen kamen sie abermals zu ihm und be-
riefen ihn zweimal vor sich; aber sie verweilten nicht
lange bei ihm, weil er ihnen ihre Büberei, Schalkheit
und Ungerechtigkeit vor Augen stellte.
Er ist aber daselbst nach vielen Leiden und Trüb-
salen von den Pilatuskindern zum Tode verurteilt,
lebendig ins Feuer gestellt und zu Asche verbrannt
worden; er hat also als ein christlicher Held von seiner
Lehre und Wandel mit seinem Blute ein standhaftes
und ritterliches Zeugnis abgelegt und dieselbe versie-
gelt; so geschehen Allerheiligen Abend, im Jahre 1538;
und obwohl er zuvor in großer Bedrängnis gewesen,
und mit dem Tode gekämpft hat, so ist er doch da-
mals, als er zum Tode hinausging, guten Muts und
77
von Herzen fröhlich gewesen.
Den Leonhard Lochmayer, weil er zuvor Pfaffe ge-
wesen, haben die Pfaffen beschützt, dass er nicht mit
Offrus getötet worden ist; denn sie wollten ihm zuvor
ihre verfluchte Einweihung wieder abnehmen; Gott
aber, welcher ihre Ratschläge verhindern wollte, fügte
es so, dass der Weihbischof, welcher das Werk ver-
richten sollte, selbst starb; also ist er einige Tage nach
Offrus mit dem Schwerte gerichtet worden und hat als
ein rechter Priester sich selbst Gott zur angenehmen
Gabe geschenkt und aufgeopfert und seine Wahrheit
bis in den Tod bezeugt.
Michael Widemann oder Beck, im Jahre 1538.
Um eben diese Zeit ist auch Bruder Michael Wide-
mann oder Beck, zu Rieten im Allgäu mit einem Teile
des Volkes gefangen genommen worden; man hat
aber das Volk wieder nach Hause gesandt und nur
diesen Bruder um des Glaubens willen in das Gefäng-
nis gelegt; sie haben mit ihm viel gehandelt, auch ihn
versucht und zum Abfall ermahnt, er aber hatte ei-
ne gute Versicherung seines Glaubens in Christo und
sprach: Als ich mit der Welt in aller Ungerechtigkeit,
in Sünden und Bosheit lebte, hat man mich nicht zum
Abfall ermahnt, sondern ich bin vor der Welt ein guter
Christ gewesen; nun ich mich aber bekehrt und mein
Leben gebessert habe, sagt man mir, dass ich abfallen
soll; wiewohl ich mich einmal bekehrt habe und von
aller Ungerechtigkeit abgewichen bin, so will ich nun
in solcher Bekehrung bis ans Ende verharren; davon
lasse ich mich nicht abziehen, denn solches, worin ich
stehe, ist der rechte Grund. Als er nun beinahe ein
halbes Jahr gefangen gelegen, hat man ihn enthauptet
und verbrannt.
Martin aus Vilgraten und Kaspar Schuhmacher,
1538.
Auch sind im Jahre 1538 diese Brüder, Martin aus Vil-
graten und Kaspar Schuhmacher, bei zu Michelsberg
Priestertal um der Wahrheit Gottes willen gefangen
genommen, nach großer Standhaftigkeit zum Tode
verurteilt und mit dem Schwert hingerichtet worden.
Sie sind bis an ihr Ende männlich im Glauben ver-
harrt, auch in ihren Banden und Trübsalen wohlgemut
gewesen und haben sich an der Liebe Gottes festge-
halten, wovon sie weder durch Trübsal noch durch
Angst und Verfolgung abgezogen werden konnten.
Kein Hunger, keine Armut, keine Blöße, keine Gefahr
war so groß, kein Schwert so scharf, kein Feuer so
heiß, kein Teufel so arg, kein Mensch so emsig, dass
sie sich dadurch hätten von Gott und seiner Wahr-
heit und von ihrem Herrn und Heilande Jesu Christo
abwendig machen lassen, sondern sie haben dasjeni-
ge, was Gott ihnen zu erkennen gegeben, durch seine
Gnade und Kraft bis in den Tod bewahrt.
Johann Styaerts und Peter, im Jahre 1538.
Um dieses Jahr 1538 sind in Flandern zwei Verwandte
gewesen, der eine Styaerts und andere Peter genannt.
Diese zwei jungen Gott suchenden Blümlein wohn-
ten bei ihren Eltern im Dorfe Mereedor, in Flandern
gelegen. Als sie nun mit Ernst nach Gott eiferten und
in der Heiligen Schrift forschten, haben sie gar bald
gemerkt, dass nach der Lehre Christi das Zeichen der
Begrabung der vorherbegangenen Sünden, der Aufer-
stehung mit Christo und des Wandels in einem neuen
Leben den gläubig Wiedergeborenen die christliche
Taufe im Wasser nötig sei, und nachdem sie darnach
ein Verlangen hatten, sind sie nach Deutschland ge-
reist, um ihre Glaubensgenossen aufzusuchen; als sie
aber daselbst ihr Verlangen nicht befriedigen konn-
ten, sind sie bald wieder zu ihren Eltern in Flandern
zurückgekehrt, und haben daselbst den Herrn ihren
Gott mit Emst gesucht, so dass sie ein gutes Zeugnis
hatten, den Armen viel Gutes taten, und mit Zachäus
sagten: So sie jemand betrogen hätten, so wollten sie
es vielfältig wiedergeben. Als solches die päpstlich
Gesinnten, welche gegen das Licht der Wahrheit Hass
und Feindschaft hetzten, merkten, haben sie diese ge-
dachten beiden jungen Schäflein aus den Wohnungen
ihrer Eltern zu Mereedor abgeholt und sie in der Nähe
von Gent in ein Dorf, Vinderhout genannt, gebracht,
woselbst sie dieselben in einer Grube hart gefangen
gesetzt haben. Als ihre Schwester einmal zu ihnen
kam, ihnen reine Hemden brachte, sagten sie zu ihr:
Sie könnten dieselben nicht vor den Würmern schüt-
zen, welche in ihrer Speise wären und diese zehrten
auch an ihren Kleidern, Hemden und an ihrem Leibe.
Auch sagten sie: Hier ist eine Bibel; der Inhalt dersel-
ben sowie die Ursache ihrer Bande würde wohl nach
ihrem Tode an den Tag kommen. Der vorgemeldete
Styaerts ist einmal aus dem Gefängnisse gelassen wor-
den, um einer leiblichen Krankheit willen, und hätte
(wie man meint), wohl die Freiheit erlangen mögen;
gleichwohl ging er gutwillig wieder ins Gefängnis
und war willig, mit seinem lieben Bruder um des Na-
mens Jesu willen zu sterben. Also hat man sie nach
einer gewissen Zeit zur Schlachtbank geführt. Der ers-
te von ihnen, welcher getötet werden sollte, war Peter;
derselbe hat (indem er seine Augen gen Himmel er-
hob) dem Johann Styaerts getrost zugerufen: Mein
lieber Bruder! Streite tapfer, denn ich sehe den Him-
mel über uns offen! Sie sind aber zu Vinderhout beide
78
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
mit dem Schwert hingerichtet worden. Also sind auch
diese beiden mehrgedachten jungen Zweige in dem
Vorhofe des Herrn von dem grausamen Tiere, wel-
ches aus der See hervorgekommen ist, verzehret und
verschlungen worden, aber über ihre unsterblichen
Seelen haben sie keine Gewalt gehabt; diese haben
ihre Zuflucht zu Gott genommen, wo sie ewig in un-
aussprechlicher Freude leben werden. Als nun ihre
Eltern von Mereedor nach Vinderhout reisten und
nach ihren Kindern fragten, sagten die Einwohner zu
ihnen, sie seien bereits mit dem Schwerte hingerichtet
worden. Und also sind sie ihrer Kinder durch diese
Tyrannen beraubt worden.
Hans Seyel und Hans von Wels, 1538.
In ebendemselben Jahre 1538, den Mittwoch vor
Christmeß, wurde Hans Seyel von Mur und Hans von
Wels um des Glaubens und der göttlichen Wahrheit
willen zu Sandweid in Karenten gefangen genommen;
auch sind sie, als sie sich standhaft und männlich im
Glauben hielten, zum Tode verurteilt und mit dem
Schwerte hingerichtet worden, und haben also bis an
ihren Tod den Weg der Wahrheit ohne Furcht mit ih-
rem Blute bezeugt und davon nicht abweichen wollen,
solange ihre Augen offen standen und der Atem in
ihnen war.
Von einem gewissen Befehle in England, welcher ge-
gen die Taufgesinnten im Jahre 1538 bekannt gemacht
wurden ist, und was im Jahre 1539 darauf erfolgt ist.
Auch ist (schreibt P. I. Twisck) nach vieler Tyrannei,
Verfolgung und Morden, welches in verschiedenen
Ländern und Königreichen über die Christenschar
ergangen, gleichfalls in England im Jahre 1538 im
Dezember ein Befehl gegen die Gläubigen und nach
Christi Ordnung Getauften bekannt gemacht worden.
Laut dieses Befehls sind sie im kalten Winter des
Landes verwiesen worden, und haben davon ziehen
und flüchten müssen, wohin sie konnten.
Daher ist es geschehen, dass einige derselben ihre
Zuflucht nach Holland genommen haben; als sie aber
nach Delft kamen, sind sie daselbst von ihren Fein-
den auskundschaftet worden und den Tyrannen in
die Hände geraten; sind auch daselbst, nachdem sie
auf mancherlei Weise versucht worden und in ihrem
Glauben standhaft geblieben, an gemeldetem Orte um
der Wahrheit willen vom Leben zum Tode verurteilt
und den 7. Januar im Jahre 1539 getötet worden; von
denselben sind sechzehn Männer mit dem Schwerte
enthauptet und fünfzehn Frauen ertränkt worden.
Diese sechzehn Männer und fünfzehn Frauen, das
ist einunddreißig Personen, welche im Jahre 1539 aus
England nach Delft geflüchtet sind und daselbst, um
der wahren Bekenntnis Jesu Christi willen, in demsel-
ben Jahre getötet worden sind, müssen von andern
siebenundzwanzig Personen unterschieden werden,
welche ein Jahr zuvor, nämlich 1538, ebendaselbst ihr
Leben gelassen haben. Wir haben die hierüber aufge-
zeichneten Verhöre und Todesurteile gesehen, weil
wir aber darin nicht Licht genug gefunden haben,
wollen wir dieselben nicht berühren und befehlen sie
Gott, womit wir unsern Abschied nehmen.
Apolonia, Leonhard Seilers Hausfrau, 1539.
Im Jahre 1539 ist eine Schwester Apolonia, Leonhard
Seilers eheliches Weib, nachdem sie mit ihm in den
obern Ländern gewesen, in der Grafschaft Tyrol ge-
fangen genommen und nach Brixen geführt worden;
sie ist aber, durch die unwandelbare Gnade und Kraft
Gottes, welcher ihrem weiblichen Gemüte ritterlich
beistand, standhaft im wahren Glauben geblieben, hat
auch bei demjenigen, was sie Gott in der christlichen
Taufe verheißen hatte, Stand gehalten, ohne dass sie
zur Rechten oder Linken abgewichen wäre; deshalb
ist sie nachher zum Tode verurteilt und ertränkt wor-
den und hat so die Marterkrone erlangt.
Große Verfolgung in Österreich, 1539.
In demselben Jahre 1539, als die Gemeinde eine kleine
Zeit zu Steinbom in Österreich gewohnt hatte und
nun anfing sich daselbst zu vermehren, konnte sol-
ches die alte Schlange, der neidische und grundböse
Satan, welcher die Frommen so jämmerlich quälte,
nicht dulden und übersehen, sondern erweckte durch
seine Feindschaft die Kinder der Bosheit, insbeson-
dere die Pfaffen, welche hier in allem sein Werk trei-
ben und ausrichten, dass sie dem König Ferdinand
beständig in den Ohren lagen, die Frommen mit Un-
recht verklagten und ihn aufhetzten, bis er endlich
in ihr Begehren einwilligte und seinen Feldobersten
von Wien mit den Henkersknechten und einigen Rei-
tern aussandte; dieselben kamen unvermutet nach
Falkenstein, nahmen von da viel unnützes Volk mit
sich und überfielen die Gemeinde zu Steinborn auf
den sechsten Tag im Dezember des Abends, oder in
der Nacht des oben gedachten Jahres; sie brachten
alle Mannspersonen, welche sie daselbst fanden, zu-
sammen in eine Kammer, und verfuhren auf gleiche
Weise mit den Frauen und Jungfrauen; sie hielten die
Nachtwache mit vielem Geschrei und Gepolter, und
brachten alle ein, die sie finden konnten. Ihre Haupt-
absicht und ihr Wille ging dahin, die Ältesten und
Diener der Gemeinde zu fangen in der Hoffnung, sie
würden bei ihnen viel Geld finden und auf solche
79
Weise den armen Leuten die Nahrung entziehen, und
achteten es nicht, dass Gott solches mit schwerer Stra-
fe heimsuchen würde; aber Gott hat sie durch seine
Vorsichtigkeit daran verhindert, dass sie nicht einen
Diener finden konnten; sie durchschauten der Witwen
und der Waisen Vorrat und Nahrung hin und wieder
in allen Winkeln, und ließen in ihrem gottlosen Fleiße
nicht nach; Gott hat jedoch ihren Rat (indem sie näm-
lich bei den Armen Reichtum zu finden glaubten) ver-
nichtet und zu Torheit gemacht; in solcher Tyrannei
fingen sie die Kranken, die Kinder und schwangeren
Weiber, so dass sich darüber ein Herz von Stein zur
Barmherzigkeit hätte bewegen lassen und darüber
Mitleid empfunden haben würde.
Es haben sich aber die gefangenen Brüder und
Schwestern zubereitet, ihren Leib und ihr Leben Gott,
es sei durch Feuer oder Schwert, aufzuopfern. Es sind
auch an eben demselben Abende einige Männer von
dem Philippischen Volke gekommen, die ihnen den
Zweck der Gemeinden und ihres ganzen Lebens be-
kannt machen wollten; dieselben sind auch in die Ver-
folgung verwickelt worden. Auf diese Weise wurden
ihrer daselbst wohl an hundertfünfzig Brüder gefan-
gen genommen und auf das Schloss zu Falkenstein
in gute Verwahrung gebracht; unter denselben wa-
ren einige, welche den Gnadenbund der Taufe noch
nicht erreicht hatten; auch waren solche dabei, die
von der Wahrheit abgefallen waren und nun in ihrer
Buße standen. Als sie nun alle in das Schloss Falken-
stein gekommen waren, haben sie mit denjenigen, die
sich noch nicht in dem Glauben verbunden hatten,
eine Unterredung gehalten, was in diesem Leben ihr
Vorhaben sei; haben ihnen auch bezeugt, dass, wenn
sie anders um des Zeugnisses und der Ehre Gottes
willen in allem Elende an dem Herrn Christum fest-
halten wollten, welche Not und Angst ihnen auch
darüber begegnen möchte, so wollten sie dieselben
für Mitgenossen in dem Reiche Christi halten und
hoffen, dass ihnen Gott gnädig sein würde, jedoch
mit dem Vorbehalte, dass die Gemeinde mit denjeni-
gen, welche durch Gottes Schickung wieder auf freien
Fuß und zu der Gemeinde kommen würden, Macht
haben sollte, aus des Herrn Befehl, nach ihrem Be-
kenntnis und Ordnung zu handeln; und wenn dieses
ihr Wille, Vorsatz und Entschluss sei, so wollten sie
an den Ältesten und die Gemeinden schreiben und
ihnen darnach vollkommenen Bescheid erteilen.
Hierauf haben sie alle ihr williges Gemüt zu erken-
nen gegeben und solchen Vortrag mit fröhlichem Her-
zen und großer Danksagung, als eine Gnade Gottes,
angenommen.
Darauf ist ohne Verzug eine schriftliche Nachricht
hiervon an die Gemeinde gesandt, und auch in Eile ei-
ne schriftliche Antwort von derselben wieder zurück
erfolgt, des Inhaltes, dass mit solchem Entschlüsse
alle Gläubigen wohl zufrieden waren, weil man dieje-
nigen, welche noch nicht nach göttlicher Ordnung der
Gemeinde einverleibt, gleichwohl aber in allen Din-
gen mit derselben eines Sinnes und einstimmig seien,
auch ein lauteres Zeugnis der Wahrheit zu führen be-
gehrten, mit ihr zu leiden und auch in solcher Not
ihr Leben daran wagen wollten, getrost wie andere
Glaubensgenossen annehmen möchte.
Als ihnen nun wieder von dem Bekenntnisse der
Gemeinde Nachricht gegeben wurde, haben sie sich
dem Herrn willig anvertraut, auch sich in aller Trüb-
sal, gleichwie andere Fromme, sehr geduldig erwie-
sen, und vor vielen Zeugen ein gutes Bekenntnis ab-
gelegt. In derselben Zeit, als sie noch zu Falkenstein
waren, hat der König Ferdinand seinen Feldobersten
und einige Doktoren von den Pfaffen, desgleichen
auch den Scharfrichter, zu ihnen gesandt; dieselben
haben in der Christnacht (die man doch in allen Län-
dern zu feiern pflegt) mit den gefangenen Zeugen der
Wahrheit mit vieler Arglist zu handeln angefangen,
haben auch einigen mit scharfen Fragen zugesetzt,
was ihr Zweck und ihre Hoffnung sei, wo ihr Schatz
und Geld wäre, worauf sie in der Wahrheit bekannt
haben, Christus sei ihr Herr und Heiland, ihr einziger
Trost, ihr liebster Herzensschatz und bestes Teil, durch
welchen sie Gottes Güte und Gnade empfingen. Sie
haben auch mit ihnen von andern Artikeln gehandelt
und ihnen Unterricht, Anweisung und Lehre gegeben
und sie, wie sie Vorgaben, vorzüglich in Ansehung
ihres Sakramentes bekehren wollen; sie rühmten sol-
ches sehr, und wollten sie überreden zu glauben, dass
das Fleisch und Blut Christi in solchem gegenwärtig
wäre, und dass dieses, wie sie sagten, unser Herr Gott
wäre; die Brüder aber antworteten, dass es ein stum-
mer Gott sei, und dass des Herrn Abendmahl einen
ganz andern Sinn habe, als sie irrigerweise vorgeben,
und die Welt dadurch schändlich zu betrügen und zu
erschrecken suchten. Mit diesen und vielen andern Be-
kenntnissen sind des Königs Gesandten wieder nach
Wien gezogen; diese gefangenen Brüder aber sind in
dem Schlosse Falkenstein in Verwahr geblieben.
Es verzog sich aber bis zu Anfang des Jahres 1540,
als des Königs Feldoberster mit einem Spanier und
dem Reichsprofess, sowie auch andern Reitern in ihrer
Rüstung gekommen sind; diese haben die gefangenen
Brüder mit Gründen weiter untersucht; diejenigen
nun, welche ihnen nicht beistimmten, sondern bei
der bekannten Wahrheit blieben, haben sie sofort, zu
zwei und zwei, in eiserne Ketten und Banden mit
den Händen aneinander geschlossen. Unterdessen,
als die Gefangenen auf die See geführt werden sollten.
80
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sind ihre Schwestern, ihre Glaubensgenossen, in dem
Schlosse zu Falkenstein angekommen; einige waren
der gefangenen Brüder Ehegemahl, einige aber hiel-
ten insbesondere mit brünstigem Gebete ernstlich bei
Gott dem Allmächtigen an, dass er sie alle, sowohl zu
Wasser als zu Lande, vor allem Unrechte und sünd-
lichem Wesen bewahren, auch ihnen ein standhaftes
Gemüt geben und verleihen wolle, um in der Wahr-
heit bis in den Tod zu verharren. Nach solchem Gebete
hat ein Spanier Befehl erhalten, einen jeden hinweg-
zuführen. Hierauf haben sie unter heißen Tranen und
mit weinenden Augen voneinander Abschied genom-
men und einander herzlich zugeredet, dass sie an
dem Herrn und an der erkannten Wahrheit fest und
unverbrüchlich halten wollten, und so hat einer den
andern zu vielen Malen dem gnädigen Schutze Gottes
anbefohlen, ohne zu wissen, ob sie einander ihr Leben
lang mit leiblichen Augen wieder sehen würden. So
mussten Mann und Frau voneinander scheiden und
ihre kleinen unmündigen Kinder verlassen, welches
Fleisch und Blut nicht hätte tun können, wenn es nicht
durch die Kraft Gottes und um seinetwillen geschehen
wäre. Dieser Abschied ist so herzzerreißend gewesen,
dass sich auch des Königs Feldoberster und andere
seinesgleichen des Weinens nicht enthalten konnten.
Als nun alle Dinge angeordnet und die Geleitsleute
fertig waren, zogen die Frommen aus, in einem festen
Vertrauen auf Gott, dass er ihnen beistehen und ein
Auskommen verschaffen würde; also wurden ihrer
wohl neunzig von dem Turme gebracht, zwei und
zwei aneinander geschlossen, nachdem sie fünf und
eine halbe Woche auf Falkenstein gesessen hatten; die
Schwestern aber mussten auf dem Schlosse bleiben
und sahen den Brüdern unter vielem Seufzen und
Herzwehe, so lange als sie dieselben sehen konnten,
über die Mauer nach.
Hierauf wurden sämtliche Schwestern vom Schlos-
se nach ihren Wohnplätzen zurückgesandt; die Brüder
aber, welche sie um ihrer Schwachheit, Krankheit und
um ihrer Jugend willen nicht mit sich auf die See neh-
men konnten, behielten sie alle im Schlosse in Haft;
auch gaben sie einige junge Knaben hin und wieder
den österreichischen Herren zu leibeigenen Sklaven;
diese sind aber fast alle wieder zu der Gemeinde ge-
kommen, die übrigen sind im Schlosse geblieben, wel-
chen Gott auch ein gnädiges Auskommen verschafft
hat.
Der Grund dieser großen Not der Frommen war
der, dass sie gegen das ungerechte und abgöttische
Leben und Wesen der Pfaffen im Antichristentume
zeugten, welches Gott heftig an ihnen strafen, und
mit ihnen und ihren Sünden ein Ende machen würde.
Deshalb hat der König Ferdinand dem Haufen der
Pfaffen, welche ein Rotte von Räubern sind und Lust
zum Würgen haben, Gewalt gegeben, mit ihnen nach
Belieben zu handeln. Diese haben nun ein Urteil über
dieselben gefällt, wie über Leute, die des Todes schul-
dig sind, weshalb man sie auf Erden nicht dulden,
sondern auf die See bringen sollte, wo sie, andern Brü-
dern zur Warnung, unter großer Angst und Not ihr
Leben beschließen sollten; die andern drei aber soll-
ten dem obersten Befehlshaber der Kriegsflotte auf
der See übergeben werden, um auf den Galeeren zum
Raube und im Kriege gegen die Türken und andere
Feinde gebraucht zu werden. Obgleich nun diese ge-
fangenen Brüder den Gesandten des Königs zuvor
ankündigten, dass sie zum Raube und Kriege gegen
den Feind nicht ausziehen und so wenig zu Wasser
als zu Lande in dies Unheil einwilligen, oder gegen
Gott im Himmel sündigen wollten, weil es gegen ih-
ren Glauben und ihr Gewissen wäre, und dass Gott
sie daher sowohl zu Wasser als zu Lande durch sei-
ne unüberwindliche Kraft zu bewahren und durch
seine Gnade zu erhalten wissen würde, so sind nichts-
destoweniger diese Zeugen der göttlichen Wahrheit
durch die Gesandten des Königs, mit seinem ernstli-
chen Befehle an die Obrigkeit in den Städten, Flecken
und Dörfern, dass sie aus einem Gerichte in das ande-
re gebracht werden sollten, transportiert worden; sie
haben aber unterwegs viel und mancherlei Widerwär-
tigkeiten und Trübsal leiden müssen, wiewohl ihnen
Gott aus Gnaden immer Mittel in die Hand gegeben
hat, insbesondere darin, dass sie jeden Morgen und
Abend, ohne von jemandem verhindert zu werden,
ihr Gebet zu Gott verrichten können und dabei einan-
der ungestört, zum Tröste der Mitbrüder, haben auf-
muntern dürfen; solches haben sie von Gott als eine
besondere Gnade und Gabe mit großer Danksagung
aufgenommen. Durch solche und dergleichen Bewei-
se ihrer Frömmigkeit haben sie an vielen Plätzen die
Menschen überzeugt, so dass viele, welche sie vor ih-
rer Ankunft für Übeltäter gehalten, großes Mitleiden
mit ihnen gehabt haben; hierin haben ihnen des Kö-
nigs Diener, ihre Geleitsleute, sehr häufig zugesehen
und sie aufgemuntert, dass sie nicht stillschweigend
durch Städte und Flecken ziehen, sondern ihren Glau-
ben mit Singen, oder auf eine andere Weise bekannt
machen sollten. Auf solche Weise ist nun die gläubige
Schar durch Länder und Städte, gleich einer Herde
Schafe, nach der See geführt worden; sie haben ihre
Reise von dem Schlosse Falkenstein auf Wien, nachher
auf die Neustadt und Schatweven, über den Somme-
ring, nach Pruck an der Mour auf Bärisch-Gratz, auf
Leynitz und Marburg, auf Tiel, auf Stein in Krainland,
über die San und Labach genommen, wo kein Trost
für sie vorhanden war. Hier haben sie zur Zeit ihrer
81
Gefangenschaft großen Hunger und Not leiden müs-
sen, und sind mit dem Brote der Angst gespeist und
mit der Wasser der Trübsal erquickt worden.
Also hat Gott sein Wort und seine Wahrheit in allen
Orten und Landschaften offenbaren und den Völkern,
die nichts davon gewusst beben, bekannt machen und
ihren Schall hören lassen wollen; denn gleichwie Gott
immer gnädige Mittel verordnet, um die Menschen
von der Ungerechtigkeit abzulocken, so ist es auch
hier mit diesen Zeugen des Glaubens und der göttli-
chen Wahrheit ergangen, als sie in viele und mancher-
lei Plätze, wo auch fremde und unbekannte Sprachen
geredet wurden, geführt worden sind, wo die Wahr-
heit zuvor nicht gehört worden, sondern den Völkern
unbekannt und verborgen gewesen ist. Dieses hat ei-
nige aus Krain, Wandalisch- oder Welschland erweckt,
der Wahrheit genauer nachzuforschen; einige sind zur
Erkenntnis gekommen, welche noch auf den heutigen
Tag Gott von Herzen dienen. Was man aber mit die-
sen gefangenen Brüdern zur Zeit ihrer Reise an vielen
Plätzen gehandelt habe, auch wie man sie geschlagen,
getrieben, mit Stricken und Ketten zusammengebun-
den hat, und was ihnen darüber begegnet ist, solches
wäre zu weitläufig zu beschreiben, doch sind sie stets
von Gott in ihren Herzen getröstet worden, wie groß
auch die Trübsal gewesen, die sie erlitten haben. Weil
aber Gott in der größten Not der Seinen immer zum
Besten gedenkt und dieselben niemals ganz vergisst,
so hat er auch einige in dem Gefängnis gestärkt, dass
sie in guter Behutsamkeit und Hoffnung auf Gott ver-
trauen sollten, dass er ihnen ihr Auskommen verschaf-
fen und zeigen werde, um welches sie in der Furcht
Gottes mit den andern gebetet hatten, denn obgleich
sie fest beschlossen hatten, um der Wahrheit Gottes
willen zu leiden und lieber sterben, als sich zur gott-
losen Seeräuberei gebrauchen zu lassen, so haben sie
doch Ursache genug gehabt, mit herzlichem Seufzen
und Klagen beständig im Gebete bei Gott anzuhalten,
dass er seine göttliche Ehre in ihnen befördern wolle.
In diesem Gebete hat ihnen Gott gezeigt, wie sie eine
ordentliche Unterredung miteinander halten, wie die
Starken die Schwachen unterstützen sollten und wie
einer dem andern behilflich sein sollte, und obgleich
sie nur wenig Zehrung hatten, so haben sie doch dem
Herrn vertraut, dass er ihnen ein Auskommen vergön-
nen würde, dass sie nicht nötig hätten zu betteln oder
um Brot bitten. Hierauf sind sie in der zwölften Nacht
zu Triest alle aus ihren Ketten und Banden erlöst wor-
den und aus dem Gefängnisse entkommen, denn es
ist ihnen durch die Vorsehung Gottes ein Ort gezeigt
worden, wo sie sich in einer Stunde alle mit Stricken
von der Stadtmauer hinuntergelassen haben, wobei
ihnen die Bande, die man ihnen angelegt gehabt, zu
ihrer Befreiung haben dienen müssen. Daraus kann
man wohl merken, dass Gott den Seinen alles zum
Besten wendet und kehrt, obwohl die Gottlosen viele
Anschläge wider die Frommen machen. Auf solche
Weise sind sie durch göttliche Schickung aus den Hän-
den ihrer Feinde befreit worden, obgleich dieselben
die Stadt und Mauer mit ihren wachsamsten Wäch-
tern besetzt hatten; denn Gott hat ihre Vorsicht zur
Torheit gemacht, sodass sie selbst neben dem Wacht-
hause über die Mauer entkommen sind.
Als sie nun sämtlich. Kranke sowohl als Gesunde,
über die Mauer hinuntergekommen waren, haben sich
die meisten versammelt, sind niedergekniet und ha-
ben miteinander Gott Lob und Dank gesagt; daher hat
es ihnen auch Gott auf dem Wege glücken lassen, dass
der größte Teil derselben mit Freuden und wohlgemut
wieder zu der Gemeinde in Mähren gekommen ist;
doch haben die Gottlosen, die ihnen nachjagten, zwölf
derselben wieder ergriffen und gefangen genommen,
welche mit den drei andern des Kaisers Befehlhaber
über die Flotte und Kriegsrüstung, um mit auf die See
zu gehen, übergeben und auf die Galeeren gebracht
wurden; ihre Absicht war zwar, sie zum Rauben zu
gebrauchen, aber die Frommen haben ihr Leben dar-
an gewagt und sich lieber mit Stricken und Geißeln
schlagen lassen. Uber ihr ferneres Schicksal haben wir
übrigens keine bestimmten Nachrichten, wiewohl zu
vermuten ist, dass sie nicht viel gute Tage in ihrem
Leben gehabt haben werden, wenn sie sonst bei Gott
standhaft geblieben sind; die oben gedachten von Gott
erlösten Brüder aber sind, als sie ungefähr in 1540 von
Triest wieder zu der Gemeinde nach Mähren gekom-
men, mit großer Freude und Danksagung, als eine
geschenkte Gabe von Gott, aufgenommen worden.
Annecken Jans aus Briel wird den 23. Januar 1539
nebst Christina Michael Barents von Loeven zu
Rotterdam ertränkt.
Diese Annecken Jans war in Briel geboren (wie mir
ihr Urenkel, Esajas de Lind, in Rotterdam geboren,
berichtet hat); sie war das einzige Kind ihrer Eltern,
reich an Mitteln und mit ihrem Manne um der Religi-
on willen nach England geflüchtet. Als sie aber von
England wieder nach Holland kam, um einige Sachen
zu Delft zu verrichten, oder, wie einige meinen, mit
David Joris oder mit seiner Gesellschaft zu reden und
von Isselmonde nach Rotterdam auf einem Wagen
fuhr, ist sie von jemandem, der mit ihr auf demselben
Wagen saß, weil sie ein geistliches Liedchen sang, in
Verdacht gezogen und zu Rotterdam angeklagt, auch
von dem Gerichtsdiener, als sie in das Delfische Schiff
steigen wollte, ergriffen worden. Nachdem sie nun
82
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
einige Zeit gefangen gesessen hatte, ist sie zum To-
de verurteilt und ertränkt worden, wie nachher folgt.
Dieselbe hat auch, als sie gefangen genommen oder,
wie andere wollen, als sie hinausgeführt wurde, um
hingerichtet zu werden, eine Bitte an das Volk, wel-
ches um sie stand, gerichtet, ob jemand ihr Söhnlein
Esajas, welches fünf Viertel Jahre alt war, annehmen
und als sein eigenes Kind aufziehen wollte. Diesem
hat sie zu seinem Nutzen einiges Geld, welches sie
in einem Beutel darreichte, verheißen; hierzu hat sich
ein Bäcker, der selbst sechs Kinder hatte und nicht gut
fortkommen oder sein Brot gewinnen konnte, ange-
boten, weshalb sie ihm ihr vorgenanntes Söhnlein im
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geis-
tes mit der obigen Bedingung übergeben hat. Als nun
dieser mit dem Kinde nach Hause kam, hat er zwar
zuerst das große Missvergnügen seines Weibes ertra-
gen müssen, nachher aber hat er den Segen Gottes, auf
den er hoffte, als er das Kind annahm, so reichlich ge-
nossen, dass es ihm nicht allein in seiner Bäckerei und
Nahrung besonders glückte, sondern dass er auch
endlich die Brauerei zu den drei Ringen an sich ge-
kauft und seinen Kindern, unter welche er diesen vor-
genannten Esajas auch zählte, viel Geld und Gut hin-
terlassen hat, sodass dieser Esajas de Lind Bierbrauer
in der Brauerei zum Anker, ja gar Bürgermeister in
Rotterdam geworden, auch in solche Hochachtung
bei dem Rechtsgelehrten Johann von Oldenbarnefeld
gekommen ist, dass er Barnefelds Tochter und dieser
seinen Sohn über die Taufe gehoben hat. Der Verrä-
ter aber, als er auch Annecken Jans ertränken sehen
wollte und zu dem Ende durch das Wassertor bis ans
Ende der Straße, die Obere genannt, hinausging, ist,
als die Brücke einfiel, ins Wasser gefallen und ertrun-
ken, noch ehe die Annecken Jans ertränkt ward, auch
ist sein ganzes Haus und Geschlecht in die äußerste
Armut geraten.
Ein Bekenntnis, in der Stadt Rotterdam abgelegt, den
24. Dezember, nachmittags, im Jahre 1538, im Hanse und
in Gegenwart des Jorenz Jacobs Minnebeck, Baelin Melis
Jans, Gerrit von Zorlen, Jost Eyck von Hove und Doen
Arentz, Ratsherren der vorgenannten Stadt:
Annecken Jans, eine Tochter aus Briel gebürtig,
ungefähr acht- oder neunundzwanzig Jahre alt, hat
mündlich bekannt, dass sie von einem, genannt Meyn-
art, wiedergetauft worden sei, von welchem man sag-
te, dass er unverheiratet sei; solches sei vor etwa vier
Jahren in ihrem eigenen Hause geschehen, welches zu
Briel in der Coppenstraße steht.
Auch sagte die vorgenannte Annecken, dass ihr
Mann, genannt Arent Jans, Barbier, auch von demsel-
ben Meynart auf denselben Tag und Stunde wieder-
getauft worden sei.
Christina Michael Barents, geboren zu Loeven, un-
gefähr fünfzig Jahre alt, hat mündlich bekannt, sie sei
zu Loeven in ihrem eigenen in der Steinstraße gele-
genen Hause ungefähr vor vier Jahren von einem, ge-
nannt Johannes, wiedergetauft worden, von welchem
sie glaubte, er sei von Mastricht oder aus dortiger
Gegend gewesen.
Ferner sagte die vorgenannte Christina, dass ihr
Mann, genannt Meister Mattiß von der Donck, ein
Wundarzt und der Arznei Erfahrener, auch um diese
Zeit von dem vorgenannten Johannes wiedergetauft
worden sei.
Auch sagte die vorgenannte Christina, dass damals
auch zwei Frauen wiedergetauft worden seien, von
denen die eine zu Brüssel eines natürlichen Todes,
die andere aber in England an der Pest gestorben sei;
beide Frauen seien Lynken genannt worden; so viel
sie wüsste, seien sie Mutter und Tochter gewesen.
Den 23. Januar im Jahre 1539 sind die vorgenann-
te Christina und Annecken nach der Kais. Majestät
Befehle verurteilt worden, welches nachstehende Ur-
teil durch den Schreiber öffentlich Vorgelegen worden
ist. Nach den geschriebenen Rechten, laut der K. M.
Befehle, wie auch nach unser G. F. der Königin Befeh-
le sollen Christina Michael Barents von Loeven und
Annecken Jans, eine Tochter aus Briel, an ihrem Leben
gestraft werden.
Sie wurden im Schiffe, in der Nähe des ersten Bau-
mes, außerhalb der Pforte zu Delft zum Gerichte hin-
ausgebracht und daselbst im Wasser ertränkt. Als sie
ertränkt waren, hat man sie herausgezogen und in der
Stadt auf den roten Sand begraben.
Ausgezogen aus einem gewissen Buche des Blutge-
richtes der Ratsherren von Amsterdam, welches auf
Pergament geschrieben ist, im Jahre 1489 anfängt und
sich im Jahre 1539 endigt.
Ein Sendbrief von Annecken Jans Tochter, des
Esajas de Lind Mutter, an D. I. im Jahre 1538
geschrieben.
Der Herr, der in der Ewigkeit wohnt, dessen Augen
erhaben sind über alles und in der Luft, dessen Thron
nicht betastet und dessen Herrlichkeit nicht begriffen
werden kann, vor welchem der Engel Heer mit Be-
ben steht (ach! wie viel mehr wir), deren Erhaltung
in Wind und Feuer verwandelt wird, dessen Wort
wahrhaftig und dessen Rede unbeweglich, dessen Be-
fehl stark und dessen Gestalt schrecklich ist, dessen
Ansehen die Tiefe vertrocknet, und dessen Zorn die
Berge weichen macht, dessen Wiederkunft wir mit
Verlangen erwarten, er müsse in dir vermehren und
ausführen, was er zu seinem Preise in dir angefangen
83
hat. Ich danke meinem Vater und verherrliche meinen
Seligmacher für die Gnadengabe in deiner Weisheit,
welche durch einen hohen Geist und den wunderba-
ren Rat Gottes von oben kommt zur Ehre und Ver-
herrlichung seines allerheiligsten Namens und zur
Reinigung und Heiligung seines Volkes; gebenedeit
seist du dem Herrn, meine Hände lassen nicht nach,
werden auch nicht matt, dasjenige fortzutreiben, was
du angefangen hast an des Herrn Bau zu arbeiten; sei
du die Wanne in des Herrn Hand, bereite dem Herrn
ein angenehmes Volk, damit er eilend zu seinem Tem-
pel komme, denn er hat einen großen Ekel an allem
Unreinen, gleichwie geschrieben steht: Verflucht sei
der Mann oder Mensch, der dem Herrn ein unreines
Opfer bringt. Darum, o du tapferer Führer Israels,
du Geliebter des Herrn, trage fleißig Sorge für den
Weinberg, beschneide seine Schösse, tue hinweg, was
seinem Wachstume hinderlich ist, wodurch sie ihrem
Herrn missfallen mögen; der Herr wolle deine Kraft
vermehren und dir mehr Weisheit geben, denn er hat
Lust zu dir, zu dir, sage ich, welchen er zum Wächter
in seinem Hause, zum Hirten seiner Herde gesetzt hat,
der du als der Frommste unter ihnen angeschrieben
bist, der Vornehmste unter dreien, des Königs Lust
zu vergnügen, welches du durch die ernstliche Lie-
be zu deinem Gotte mit deinem Blute bewiesen, und
wodurch du bei dem König viele Gaben und Gunst er-
langt hast, wie solches täglich sichtbar ist, denn gleich-
wie der Regen das Erdreich und der Tau die Blumen
des Feldes erfrischt, und ihren Geruch den Menschen
lieblich macht, so gibt deine Ermahnung, Lehre und
Unterweisung den Menschen Leben, Nahrung und
Geschmack, obschon darin kein hoher Verstand ist,
und ihnen den Weg der vollkommenen Weisheit Got-
tes zeigt, wodurch sie zu einem vollkommenen Man-
ne in Christo Jesu unserem Herrn aufwachsen. O was
hast du Schönes bei andern und Gutes vor anderen!
Die solche sind, nehmen stets mehr und mehr in Tu-
genden zu, so lange, bis sie zu Gott selbst kommen
und bei ihm öffentlich in Zion gesehen werden, wo-
nach auch wir mit Schmerzen verlangen, um unseres
Glaubens Ende zu sehen und zu beschauen. O ich er-
freue mich darin, wenn ich höre, dass sich das Kreuz
offenbart, und der Streit sich erhebt, und hoffe, dass
mich der Herr erhören und mich von dieser irdischen
Hütte meiner Wohnung erlösen wolle, damit ich das
Trauerkleid ablegen, die herrliche und siegprächtige
Zierde meines Herrn empfangen und zum Anschau-
en Gottes gelangen möchte. Ich will nun, mit andern,
seine Wiederkunft in Geduld erwarten; ich bin sehr
gewiss, warum er zögert; vielleicht bin ich ihm noch
nicht gefällig oder rein genug, wohin ich auch Tag
und Nacht arbeite, um mich vor dem Herrn, meinem
Gott, rein darzustellen und meine Hände vor ihm
unbefleckt aufzuheben; er selbst zupft mich bei den
Haaren und sieht mich an mit freundlichen Augen,
wie einer, der mich liebt, dass, wenn ich etwa in einen
Schlaf verfiele, ich nicht ruhen möchte. In Wahrheit,
das Überlegen seiner Gnade und Freundlichkeit ge-
gen uns hat unser Verlangen zu ihm über die Maßen
vermehrt. Es ist wahr, wir haben große Lust an sei-
nem Gesetze, weshalb wir wohl noch leben möchten,
um andere zu lehren und den Menschen bekannt zu
machen, wer er sei, und wie bedachtsam man leben
müsse, dass man ihn nicht erzürne. Siehe, wir woh-
nen ja mitten unter unsern Feinden, wie er sagt, dass
diese Häuser nicht frei seien von der Feinde Anlauf
und Verdrießlichkeit. So geht es mit den Aufrichtigen,
die doch immer mit Furcht und Zittern im Anschauen
Gottes wandeln, denn sie merken und erkennen den
Adel ihres Rufs, und wie heilig sie sein müssen; sie hü-
ten sich sehr vor aller Befleckung, und wollen nichts
Unreines leiden; gleichwohl wird ihnen oft zu bange
gemacht; doch über alles dieses ist unser Herz, unsere
Seele und unser Geist an dem Orte, von welchem wir
unsern König und Erlöser erwarten; darum wollen
wir nicht aufhören uns zu reinigen, wie du in allen
deinen Briefen ermahnst. Ja gewiss, es eilt die Erschei-
nung herbei, worauf ich warte, und seine Zukunft
erzeigt sich sehr klar. Darum laß uns Zusehen, dass
wir uns in allem rein erweisen, denn wenn wir gerei-
nigt sind, dürfen wir nichts als die Füße reinigen; hier
ist Verstand, wer es liest, denn diesen dürfen wir nicht
von der Erde erwarten. O du Geheiligter des Herrn!
Sei tapfer, laß es dich nicht verdrießen; es ist noch
um ein Geringes zu tun, dann wird er kommen und
uns eine Probe seiner Herrlichkeit zeigen, der Welt
zum Gerichte, ihm aber und uns zur Verherrlichung.
Amen.
Dieses ist nach einem Briefe abgeschrieben, welcher
von Esajas de Lind eigener Hand geschrieben ist; die-
ser war Anneken Jans Sohn, nach dem Zeugnisse des
Esajas de Lind, seines Enkels.
Diese hat nachfolgendes Testament an ihren Sohn
Esajas bestellt, und den 23. Januar im Jahre 1539, mor-
gens gegen 9 Uhr überliefert, als sie sich zubereitete,
für den Namen und das Zeugnis Jesu zu sterben, und
hat damit von ihrem Sohne zu Rotterdam Abschied
genommen.
Esaja, empfange dein Testament.
Höre, mein Sohn, die Unterweisung deiner Mutter,
öffne deine Ohren, um die Reden meines Mundes zu
hören. Siehe, heute gehe ich den Weg der Propheten,
Apostel und Märtyrer, um den Kelch zu trinken, den
84
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sie alle getrunken haben; ich gehe den Weg, sage ich,
den Christus Jesus, das ewige Wort des Vaters, voller
Gnade und Wahrheit, der Hirte der Schafe, der das
Leben selbst ist, in seiner eigenen Person und nicht
durch einen andern gewandelt ist, und diesen Kelch
auch hat trinken müssen, gleichwie er sagte: Ich muss
einen Kelch trinken und mich noch taufen lassen mit
einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis die Stunde
vollendet ist. Nachdem er nun durchgegangen ist, ruft
er seine Schafe, und seine Schafe hören seine Stimme
und folgen ihm nach, wo er hingeht, denn dieses ist
der Weg zu der rechten Quelle. Diesen Weg sind die
königlichen Priester durchgegangen, welche vom Auf-
gange der Sonne kamen, wie in der Offenbarung steht,
und in die ewigen Zeiten eingegangen sind, und auch
diesen Kelch haben trinken müssen.
Diesen Weg haben die Toten betreten, welche unter
dem Altäre liegen, rufen und sagen: Herr, du Heiliger
und Wahrhaftiger! Wie lange richtest du und rächest
nicht unser Blut an denen, die auf Erden wohnen; und
ihnen wurde einem jeden ein weißes Kleid gegeben,
und es ward zu ihnen gesagt, dass sie noch eine kleine
Zeit ruhten, bis dass ihre Mitknechte und Brüder noch
hinzukämen, die auch noch um des Zeugnisses Jesu
willen getötet worden sollten. Diese haben auch den
Kelch getrunken, und sind hinaufgewandert, um den
ewigen heiligen Sabbat des Herrn zu halten. Dieses
ist der Weg, welchen die vierundzwanzig Ältesten
gewandelt sind, die vor dem Stuhle Gottes stehen und
ihre Kronen und Harfen vor den Stuhl des Lammes
werfen, auf ihr Angesicht fallen und sagen: Herr! Dir
allein sei Preis, Herrlichkeit, Kraft und Stärke, der du
das Blut deiner Knechte und Diener rächen und selbst
den Sieg davon tragen wirst. Groß sei dein Name,
Allmächtiger, der du warst, bist und kommen wirst.
Diesen Weg sind auch die Gezeichneten des Herrn
gewandelt, welche das Zeichen »Thaw« an ihrer Stir-
ne empfangen haben, die aus allen Geschlechtern der
Menschen erwählt, die mit Weibern nicht befleckt sind
(verstehe dieses) und dem Lamme nachfolgen wo es
hingeht.
Siehe, alle diese haben den Kelch der Bitterkeit trin-
ken müssen, gleichwie auch alle diejenigen, die noch
mangeln an der Zahl und der Erfüllung Zions, als der
Braut des Lammes, welche das neue Jerusalem ist, die
von oben vom Himmel herabsteigt, eine Wohnstatt
und ein Thron Gottes, in welchem die Herrlichkeit
des großen Königs gesehen werden wird, zur Zeit
wenn man das hochzeitliche Laubhüttenfest halten
und feiern wird, in den Tagen der ewigen Ruhe und
Freude.
Siehe, diese alle haben nicht dazu gelangen können,
ohne dass sie zuerst das Gericht und die Strafe an ih-
rem Fleische ertragen hätten, denn Christus Jesus, die
ewige Wahrheit, ist der erste gewesen, wie geschrie-
ben steht: Das Lamm, das da von Anfang erwürget
war. Hierauf kommt Paulus und sagt: Also hat es dem
Vater gefallen, dass alle, welche er von Ewigkeit er-
sehen, er auch berufen, erwählt, gerechtfertigt und
sie dem Bilde seines Sohnes gleichförmig gemacht
hat. Auch spricht unser gesegneter Seligmacher: Der
Knecht ist nicht besser als sein Herr, sondern es ist ihm
genug, das er seinem Herrn und Meister gleich sei. So
bezeugt auch Petrus, wenn er sagt: Es ist Zeit, dass
das Gericht anfange am Hause Gottes, so aber zuerst
an uns, was will es für ein Ende werden mit denen,
die dem Evangelium Gottes nicht glauben, und so der
Gerechte kaum erhalten wird, wo will der Gottlose
und Sünder erscheinen? Ferner steht Spr 11,31: »So der
Gerechte auf Erden leiden muss, wie viel mehr der Gottlose
und Sünder?« Siehe, mein Sohn, hier hörst du, dass
niemand zum Leben kommt, als durch diesen Weg.
Darum gehe ein durch die enge Pforte, und nimm
des Herrn Züchtigung und Unterweisung an, und
beuge deine Schultern unter sein Joch, und trage es
wohlgemut von deiner Jugend an, und danke darum
mit großer Ehre und Freude; denn er empfängt und
nimmt keinen Sohn, den er nicht züchtigt. Ferner sagt
Paulus: Wenn ihr ohne Züchtigung seid, welcher sie
alle teilhaftig geworden sind, so seid ihr Bastarde und
nicht Kinder, und sollt aus dem Erbteile der Kinder
Gottes ausgestoßen werden.
Wenn du nun Lust und Begierde hast, in die heilige
Welt und in das Erbteil der Heiligen einzugehen, so
umgürte deine Lenden und wandle ihnen nach; for-
sche in der Schrift, und sie wird dir Unterricht von
ihren Gängen geben. Als der Engel mit dem Prophe-
ten redete, hat er gesagt: Es ist eine Stadt, voll von
allerlei Gütern, ihr Eingang aber ist eines Menschen
Fußsteig breit, auf der einen Seite steht ein Feuer, und
an der andern Seite ein großes Wasser. Wie kannst
du mm die Stadt zum Erbteile empfangen? Du musst
erst die Enge durchwandeln. Siehe, mein Sohn! Dieser
Weg leidet keinen Weichen, da sind keine krummen
Abwege, welche zur Linken oder zur Rechten abwei-
chen, deren Erbteil ist der Tod. Siehe, dieses ist der
Weg, welchen wenig Menschen finden und noch viel
weniger wandeln, denn es sind einige, welche noch
wohl erkennen, dass dieses der Weg zum Leben sei,
aber er ist ihnen zu scharf und verursacht ihrem Flei-
sche Schmerzen.
Darum, mein Kind, sieh nicht auf die große Menge
und wandle nicht auf ihren Wegen; wehre deinem
Fuß vor ihrem Pfade, denn sie gehen der Hölle zu,
gleichwie Schafe zum Tode; gleichwie Jesaia berichtet,
wenn er sagt: Die Hölle hat den Rachen weit aufgetan.
85
dass beide hinunterfahren, ihre Herrlichen und Pöbel.
Es ist ein unverständig Volk, darum wird sich auch
der ihrer nicht erbarmen, der sie geschaffen hat. Wenn
du aber hörst, wo ein armes, schlechtes und verstoße-
nes Häuflein sei, welches von der Welt verachtet und
verworfen ist, zu demselben halte dich. Und wo du
vom Kreuze hörst, da ist Christus; demselben entzie-
he dich nicht. Fliehe den Schatten dieser Welt, halte
dich zu Gott und fürchte ihn allein; bewahre seine
Gebote, behalte alle seine Worte, dass du darnach tust;
schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, binde sie
auf deine Stirne, rede von seinen Rechten Tag und
Nacht, so wirst du ein lieblicher Baum und ein Zweig
im Garten deines Herrn, eine angenehme Pflanze sein,
welche in Zion aufwächst; nenne die Furcht des Herrn
deinen Vater, so wird die Weisheit die Mutter deines
Verstandes sein. Wenn du dieses weißt, mein Sohn,
so bist du selig, wenn du es tust. Halte das, was dir
der Herr gebietet, und heilige deinen Leib zu seinem
Dienste, damit sein Name in dir geheiligt, gepriesen,
verherrlicht und groß gemacht werde. Schäme dich
nicht, ihn vor den Menschen zu bekennen, fürchte
dich nicht vor den Menschen, lasse lieber dein Leben,
ehe du von der Wahrheit weichen wolltest, und wenn
du deinen Leib, der aus Erde gemacht ist, verlieren
wirst, so hat der Herr, dein Gott, dir einen bessern im
Himmel bereitet.
Darum, mein Kind, streite für die Gerechtigkeit bis
an den Tod; waffne dich mit der Waffenrüstung Got-
tes. Sei ein frommer Israelit, tritt alle Ungerechtigkeit,
die Welt und alles, was darinnen ist, mit Füßen, und
liebe das allein, was droben ist; bedenke, dass du nicht
von dieser Welt seiest, gleichwie dein Herr und Meis-
ter auch nicht davon gewesen ist; sei ein treuer Jünger
Christi, denn es ist niemand tüchtig zu bitten, als der
sein Jünger geworden ist, und eher nicht. Diejenigen,
welche gesagt haben, wir haben alles verlassen, sagten
auch, lehre uns beten; sie sind es auch gewesen, für
welche der Herr gebetet hat, und nicht für die Welt;
denn wenn die Welt betet, so ruft sie ihren Vater, den
Teufel, an und begehrt, dass sein Wille geschehe, wie
sie auch tut. Darum, mein Sohn, werde ihr nicht gleich,
sondern scheue dich vor ihr und fliehe sie, und habe
mit ihr weder Teil noch Gemeinschaft; achte dasjenige
nicht, was vor Augen ist, suche allein was droben ist.
O mein Kind, sei meiner Ermahnung eingedenk und
verlasse dieselbe nicht. Der Herr lasse dich in seiner
Furcht aufwachsen und erfülle deinen Verstand mit
seinem Geiste; heilige dich dem Herrn, mein Sohn!
Heilige deinen ganzen Wandel mit der Furcht deines
Gottes. In allem, was du tust, verherrliche seinen Na-
men. Ehre den Herrn mit den Werken deiner Hände,
laß das Licht des Evangeliums an dir hervorleuchten.
Liebe deinen Nächsten; brich dem Hungrigen dein
Brot mit brünstigem und feurigem Herzen; kleide die
Nackenden und zögere nicht, damit nicht etwas zwei-
fach bei dir ist; denn es gibt immer solche, welche
daran Mangel haben. Alles, was dir der Herr von dem
Schweiße deines Angesichts über deine Notdurft be-
schert, teile denen aus, von welchen du weißt, dass sie
den Herrn fürchten, und laß nichts bei dir bleiben bis
an den Morgen, so wird der Herr deiner Hände Werk
segnen und seinen Segen dir zum Erbe geben. O mein
Sohn! Führe deinen Wandel dem Evangelium gemäß,
und der Gott des Friedens heilige dich an Seele und
Leib zu seinem Preise. Amen.
O heiliger Vater, heilige den Sohn deiner Dienst-
magd in deiner Wahrheit, und bewahre ihn vor dem
Argen, um deines Namens willen, o Herr!
Nachher hat sie dieses mit ihrem Blute versiegelt,
und ist also als eine fromme Heldin und Nachfolgerin
Jesu Christi auch mit unter die Zahl der aufgeopferten
Zeugen Gottes gekommen.
Tjaert Reynertß, im Jahre 1539.
Auch war um das Jahr 1539 ein gottesfürchtiger Haus-
mann, namens Tjaert Reynertß, welcher nicht weit
von Harlingen in Friesland wohnte, wo er von den
blutdürstigen Papisten vieles um der Wahrheit willen
hat leiden müssen. Die Ursache seiner Gefangenschaft
ist gewesen, weil er Menno Simon aus Mitleiden und
brüderlicher Liebe in seinem großen Elende heim-
lich in seinem Hause beherbergt hatte; als dieses die
Beneider ausgekundschaftet haben, ist er dieserhalb
ergriffen und grausam verhört worden; derselbe aber,
als ein frommer Held und Zeuge Jesu, hat in seiner
größten Not seinen Schöpfer nicht verleugnen wol-
len, sondern hat den Glauben der ewig bleibenden
Wahrheit ohne Scheu und unerschrocken vor den Ty-
rannen und Blutdürstigen bekannt. Deshalb ist er an
dem bezeichneten Orte als ein Oberster der Mörder,
nach dem Vorbilde seines Herrn Jesu, auf das Rad ge-
legt worden, obgleich er ein Zeugnis auch von seinen
großen Feinden hatte, dass er ein recht frommer Mann
gewesen.
In dieser Zeit ist die Tyrannei und Verfolgung der
gottesfürchtigen Christen sehr grausam gewesen, so
dass die neidischen Papisten, welche die Wahrheit
hassten, die Portraits vieler der ausgezeichnetsten
Lehrer und Vorsteher der Gemeinde Jesu Christi ab-
malen und an die Pforten und öffentlichen Plätze an-
schlagen ließen, und eine Summe Geldes darauf setz-
ten, wenn jemand dieselben dem Scharfrichter oder
Henker in die Hände liefern würde.
Unter denselben ist der gottesfürchtige und für Gott
86
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
eifernde Menno Simon einer der vorzüglichsten Leh-
rer und Ältesten in dieser blutigen und gefährlichen
Zeit gewesen, welcher in seiner herrlichen Ermah-
nung und seinen Schriften aus Gottes Wort so über-
zeugend gewesen ist, dass keiner seiner Widersacher
sich hat unterstehen dürfen, in öffentlichen Schriften
ihm frei unter die Augen zu treten, obgleich er die-
selben hierzu zu verschiedenen Malen mit großem
Ernste aufgefordert hat, durch welche heilsame Lehre,
christliche Ermahnung und wirkende Kraft des Aller-
höchsten dieser Menno Simon eine sehr große Menge
Menschen aus dem verfinsterten Papsttume, ja, von
den stummen Götzen zu dem lebendigen Gott gezo-
gen, bekehrt und Gott gewonnen hat. Aus diesem
Grunde sind des Antichristen Diener desto erbitterter
über ihn geworden und haben, um solches zu dämp-
fen und zu verhindern, gegen den Obenerwähnten
um das Jahr 1543 einen schrecklichen Befehl durch
ganz Westfriesland ausrufen lassen, dass allen Übel-
tätern und Totschlägern die Strafe ihrer begangenen
Bosheit erlassen, dabei des Kaisers Gnade, Freiheit
des Landes und außerdem hundert Karlsgulden zuge-
sagt sein sollten, wenn sie Menno Simon den Scharf-
richtern und Peinigern in die Hände liefern könnten.
Wenn gleich nun diese Beneider über die Maßen ty-
rannisch und mit großer Bitterkeit nach seinem Blut
gedürstet und ihn zu töten gesucht und verfolgt ha-
ben, so hat ihn dessen ungeachtet der starke Gott
bewahrt und gegen die Hoffnung aller seiner Feinde
wunderbar beschützt, sodass sie ihren tyrannischen
Mutwillen an ihm nicht ausüben konnten, denn er ist
nicht weit von Lübeck auf dem Wüstenfelde im Jahre
1559, den 13. Januar im 66. Jahre seines Alters eines
natürlichen und von Gott ihm zugeordneten Todes
gestorben.
Wem es gefällt, der lese Menno Simons gegen Gelli-
us Faber, Blatt 23, wo er von dem Opfer dieses Tjaert
Reynertß etwas finden wird.
Arnold Jacob mit seiner Hausfrau und seinem
ältesten Sohne, im Jahre 1539.
Gleichwie es sich in den Zeiten Esaus und Jakobs
zugetragen, dass der, welcher nach dem Fleische ge-
boren war, den verfolgt hat, der nach dem Geiste gebo-
ren war, so hat man auch dergleichen in dieser Zeit im
Überflüsse erfahren, was sich unter vielen andern an
einem gottesfürchtigen Bruder, namens Arnold Jacob,
sowie an seinem Weibe und seinem ältesten Sohne
gezeigt hat. Dieselben wohnten im Lande, der Ryp ge-
nannt; weil sie aber von oben aus Gott wiedergeboren
und die ewige Erbschaft, welche solchen im Himmel
Vorbehalten ist, suchten, sind sie von Esaus Nach-
folgern gehasst und bis zum Tode verfolgt worden,
welche sie aus dem Lande Ryp nach Monickendam,
in Nordholland gelegen, gefänglich gebracht haben,
wo sie um der Wahrheit willen viel leiden mussten.
Da sie aber auf Christum gegründet waren und sich
durch keinerlei Pein von demselben haben abziehen
lassen wollen, so sind sie an dem bezeichneten Orte,
ungefähr im Jahre 1539, vom Leben zum Tode verur-
teilt; ihr Urteil ging dahin, ertränkt zu werden, was
auch in folgender Weise vollzogen ist. Man bediente
sich bei der Exekution großer schwerer Steine, wel-
che der Scharfrichter nicht aufheben konnte, sodass
ihm hierin die Gefangenen helfen mussten; hiernächst
sind sie wie unvernünftige Tiere, mit Steinen an den
Hals gebunden, ins Wasser geworfen worden, worauf
der Tod erfolgt ist. Sie haben also ihr Leben nicht ge-
liebt, sondern dasselbe um des Zeugnisses Jesu willen
dem Tode übergeben, welcher in seiner herrlichen Zu-
kunft ihre verworfenen Leiber von den Toten wieder
auferwecken und sie im Himmel mit ewiger Unsterb-
lichkeit krönen wird.
Hans Simeraver, im Jahre 1540.
Im Jahre 1540 ist auch der Bruder Hans Simeraver zu
Schwatz im Inntale um der göttlichen Wahrheit willen
gefangen gesetzt worden; als sie ihn aber nicht abwen-
dig machen oder ihn mit der Heiligen Schrift überzeu-
gen konnten, so haben sie ihren Hohenpriester, den
Scharfrichter, über ihn gesetzt, welcher ihn hinaus-
führen und überwinden musste; also ist er durch das
Schwert hingerichtet worden und hat seinen Glauben
in Gott mit seinem Blute bezeugt; er hat bis aufs Blut
im Streite der Sünde und dem Gräuel der Verwüstung
tapfer Widerstand geleistet; darum wird er auch auf
dem Berge Zion unter der großen Schar derjenigen,
welche den Namen Gottes in dieser Welt bezeugt und
bekannt haben, die Palmenzweige empfangen und
mit der unverwelklichen Krone des Lebens gekrönt
werden.
Walter von Stölwick, 1541.
Im Jahre 1541, den 11. Februar, ist noch ein frommer
und getreuer Bruder, Walter von Stölwick genannt,
von Vilvoorden in Brabant den reißenden Wolfen in
die Hände gefallen, von welchen feindseligen Papis-
ten er um der Wahrheit willen vieles hat leiden müs-
sen. Derselbe hatte, als ein kluger Baumeister sein
Haus auf den festen und unbeweglichen Stein Jesum
Christum gegründet, darum ist er auch in allen diesen
hohen Versuchungen standhaft geblieben, ungeachtet
ihm in einer dreijährigen Gefangenschaft die Blut-
87
dürstigen viel strenge und tyrannische Pein in ihren
Untersuchungen zugefügt haben, sodass er endlich an
dem bezeichneten Orte, den 24. März 1541, zum Tode
verurteilt und mit Feuer verbrannt worden ist; er ist
aber seinem Herrn und Schöpfer bis zum Tode getreu
geblieben und hat den wahren Glauben der Wahrheit
und seine unbewegliche lebendige Hoffnung mit sei-
nem Tode und Blute standhaft befestigt. Darum wird
er auch, als ein gehorsames Schaf des großen Hirten
der Schafe, diese Stimme hören: Kommet her, ihr Ge-
segneten meines Vaters, besitzt das Reich, das euch
bereitet ist von Anbeginn.
Hier folgt ein christliches Sendschreiben, welches
der erwähnte Walter von Stölwick aufgesetzt hat, und
welches von dem Leiden und der Herrlichkeit der
Christen handelt.
Der Gruß.
Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, unserem
himmlischen Vater und Jesu Christo, unserem Herrn
und Seligmacher, sei mit allen denen, die gottselig
in Christo Jesu leben und darüber Verfolgung leiden,
zum Preise und zur Ehre des gerechten Gottes, zur
Bewahrung ihres Glaubens und ihrer Seelen ewiger
Seligkeit. Amen.
Gesegnet müsse sein Gott, der Vater unseres Herrn
Jesu Christi, der durch seine grundlose Gnade und
Barmherzigkeit uns aus der Finsternis zu seinem wun-
derbaren Lichte berufen und sein Angesicht noch täg-
lich über uns leuchten lässt, damit wir seinen Weg
auf Erden und seine Seligkeit unter den Heiden er-
kennen möchten; ja es müsse gesegnet und gepriesen
und verherrlicht sein Gott, unser gesegnetster Herr
und barmherzigster Vater, der uns durch seine unaus-
sprechliche Güte und nicht um der Verdienste unserer
Werke willen, durch Jesum Christum zur Kindschaft
erwählet hat, damit wir Erben seines ewigen Reiches
sein und alles als rechte Kinder und Erben Gottes,
Kinder Gottes und Miterben Christi besitzen sollten,
wenn wir anders den Willen Gottes, unseres himm-
lischen Vaters tun, damit wir mit ihm verherrlicht
werden und mit ihm in seine Herrlichkeit eingehen
mögen; denn es ist ein wahrhaftes Wort, was Christus
sagt: Es werden nicht alle, die zu mir sagen, Herr, Herr,
in das Himmelreich eingehen, sondern die den Wil-
len meines Vaters im Himmel tun; nun aber ist es der
Wille meines himmlischen Vaters, dass wir uns selbst
verleugnen, unser Kreuz auf uns nehmen und Jesu
Christo nachfolgen sollen. Zum Ersten müssen wir
uns selbst verleugnen, das ist, wir müssen unsern ei-
genen Willen verlassen und uns Christo Jesu gänzlich
übergeben, so dass wir, nach den Worten des Apostels,
uns selbst nicht mehr leben, sondern Jesu Christo, der
für uns gestorben ist, damit er ein Herr über Tote und
Lebendige sei, und dass niemand sich selbst, sondern
dem leben soll, der für ihn gestorben und auferstan-
den ist. Ach, Herr Gott! Wie wenig Menschen wollen
sich selbst also verleugnen und begehren allein den
Willen Gottes zu tun, ja wie viele Menschen wissen
nicht, welches der rechte Wille Gottes sei, sondern sie
halten sich an die Lehre und Gebote des römischen
Papstes und des Antichristen, und sind in solchem
Zustande, dass sie Jesum Christum nicht erkennen,
der doch, nach seinem wohlgefälligen Willen, ihren
Sinn erleuchten und mit dem Glanze seiner Gnade die
Augen des Verstandes vor dem allmächtigen Gotte
öffnen muss, damit sie aus solcher Verblendung zum
wahren Lichte gelangen und mit allen Heiligen erken-
nen mögen, worin die Schalkheit und Zauberei der
babylonischen Hure bestehe, und wie man die Lehre
und Gebote Christi Jesu allein halten müsse; ja wir
müssen den Lehren und Geboten Jesu Christi allein
folgen und sie bewahren; denn es ist uns keineswegs
erlaubt, nach unserem eigenen Willen zu leben, son-
dern wir sollen betrachten, dass Christus Jesus seinen
eigenen Willen nicht getan habe, sondern den Willen
seines Vaters, der ihn gesandt hat, welches zu unserer
Lehre und Ermahnung geschehen und geschrieben ist,
dass wir nicht unsern Willen, der um der angeborenen
Bosheit der verdammten Naturen willen zum Bösen
geneigt ist, sondern den wohlgefälligen und vollkom-
menen Willen Gottes tun, damit wir recht bitten (wie
Christus gelehrt hat) und sagen mögen: Himmlischer
Vater, Dein Wille geschehe hier auf Erden, gleichwie
im Himmel. Wie viele Menschen sagen dieses aber
mit bösem Herzen und falschen Lippen, ja wie Judas
zu Christo sagte: Sei gegrüßt, Meister (Mt 26,46), und
dabei hat er Ihn verraten; in eben dieser Weise sagen
sie mit dem Munde, es soll der Wille Gottes gesche-
hen; sie sind aber daneben in ihren Gedanken und
Werken dem Willen Gottes zuwider. Dieses sind die
rechten falschen Christen, die zu Christo Jesu sagen:
Herr, Herr, die aber gleichwohl nicht tun was er ih-
nen geboten hat. Dies sind die rechten Pharisäer die
verstellten Heiligen, die mit den Lippen Gott ehren,
deren Herz aber weit von Ihm entfernt ist; dieses sind
die rechten Ungläubigen, von welchen der heilige Pau-
lus sagt, dass sie mit ihren Worten bekennen, dass sie
Gott kennen, die aber mit den Werken Ihn verleugnen;
darum sind sie ein Gräuel vor dem Herrn, weil sie
Ihm ungehorsam und zu allen guten Werken untüch-
tig sind; ja dies sind die rechten Heuchler, die Jünger
des betrüglichen Satans, welche von ihrem Meister
gelernt haben, sich nach ihrer inwendigen Schalkheit
in eine schöne Gestalt zu verstellen; verfluchen und
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
verstoßen wird der Herr in Ewigkeit solche Heuchler
und wird zu ihnen sagen: Gehet von mir, ihr Übeltäter,
ich kenne euch nicht; aber segnen wird er frommen
Christen, ja er wird die guten und aufrichtigen Jün-
ger Christi segnen und verherrlichen, die sich selbst
verleugnen und sich Gottes Willen aufgeopfert haben,
worin der rechte Anfang des christlichen Lebens be-
steht und ohne welches man kein Leben anfangen
kann. Zweitens müssen wir unser Kreuz aufnehmen,
nämlich: Wir müssen uns zum Leiden schicken, nach
der Lehre Jesus Sirach, welcher also sagt: Mein Sohn,
willst du Gottes Diener sein, so schicke dich zur An-
fechtung, sei standhaft und leide, und laß dich nicht
bewegen, wenn man dich davonlockt; halte dich an
Gott und weiche nicht, auf dass du ja stark werdest;
leide alles, was man dir zufügt, und sei gnädig in al-
lerlei Trübsal; denn gleichwie das Gold und Silber im
Feuer geläutert wird, so werden auch diejenigen, die
Gott gefallen, in der Erniedrigung und Betrübnis pro-
biert. Hiermit kommt überein, was Paulus sagt: Alle,
die gottselig leben wollen in Christo Jesu müssen Ver-
folgung leiden; ja Christus sagt selbst zu seinen Apo-
steln: Ihr werdet um meines Namens willen von allen
Menschen gehasst werden. Aus allen diesen Worten
muss ja unwiderleglich folgen, dass alle Diener Got-
tes, alle gottseligen Menschen, alle Jünger Jesu Chris-
ti um seines Namens willen Verfolgung leiden und
durch mancherlei Versuchungen geprüft werden müs-
sen. Darum ist es eine abscheuliche Blindheit, man
rühmt sich des Evangeliums und des Christentums,
und weiß auch wohl, was zu einem christlichen Leben
gehört; dass man aber um des Namens Christi willen
etwas leiden müsse, ach, daran wird am wenigsten
gedacht; ja wenngleich sie erkennen und bekennen,
dass alle Werke, die man in der päpstlichen Verwüs-
tung treibt, böse und nichts als eine Gotteslästerung
sind, so haben sie doch damit Gemeinschaft und trei-
ben die allerschändlichste Abgötterei, damit sie das
Kreuz Vorbeigehen und desselben entübrigt sein mö-
gen, während doch alle frommen Christen sich dieses
Kreuzes rühmen, und gleichwohl will man ein guter
Christ sein.
O der Schalksknechte! O der schalkhafte Jünger!
Schalksknechte sagen wir, denn sie wollen über ih-
rem Herrn Jesum Christum sein; böse Jünger sagen
wir, denn sie verwerfen und verschmähen die Leh-
re ihres Meisters Jesu Christi. O Volk, Volk! Spötter
des allmächtigen Gottes, die mit ihrer Heuchelei Gott
zu betrügen und ihn mit Worten auszuzahlen geden-
ken; sie gedenken aber nicht an die Worte Paulus:
Dass das Reich Gottes nicht in Worten, sondern in
der Kraft bestehe. O Volk! Rechte Heuchler, die sich
einbilden, sie dienen Christo, aber wie weit sind sie
davon entfernt, dass sie mit dem frommen und ge-
treuen Diener Christi Paulus sollten sich allein in dem
Kreuze Christi rühmen wollen. O elendes Volk, das
lieber eine kleine Zeit mit der babylonischen Hure im
Frieden und Wollüsten leben und nachher in der ewi-
gen Pein mit ihr gequält werden, als hier mit Christo
Jesu eine kleine Zeit leiden und dadurch in die ewige
Herrlichkeit eingehen will. Ach, die wahren Heiligen
und Knechte Gottes haben anders getan, welche lieber
den Tod haben leiden, als Gottes Gebote übertreten
wollen. Ach der fromme Joseph wollte lieber ins Ge-
fängnis, ja in den Tod gehen, als Gott seinen Herrn
erzürnen und mit dem ehebrecherischen Weibe Ehe-
bruch treiben; Mose, der ernstliche und eifersüchtige
Liebling Gottes, erwählte durch seinen Glauben, mit
dem Volke Gottes lieber Ungemach zu leiden, als in
den fleischlichen und weltlichen Wollüsten mit den
Ägyptern zu leben und achtete die Schmach Chris-
ti für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens,
denn er sah auf die Belohnung. Sadrach, Mesach und
Abednego fürchteten Gott, den Herrn, mehr als alle
Pein des tyrannischen Königs und wollten lieber des
zeitlichen Todes sterben und bei ihrem Gotte bleiben,
als denselben verleugnen. Daniel, reich im Geist und
stark im Glauben, erschrak nicht vor der Löwengrube
und wollte lieber hineingeworfen werden, als (außer
Gott) einen fremden Gott anbeten. Der gute Tobias
wollte lieber des Königs Befehl auch mit Gefahr seines
Lebens übertreten, als Gott seinen Herrn verlassen;
deshalb hat er auch seinem Sohne befohlen, dass er
Gott lebenslänglich fürchten und nimmermehr in die
Sünde willigen oder die Gebote Gottes, seines Herrn,
übertreten sollte. Eleazar, der fromme Israelit, wollte
lieber für das Gesetz Gottes sterben, als dagegen han-
deln oder heucheln und dadurch in Israel Ärgernis
anrichten. Die Mutter und ihre sieben Söhne waren so
feurig in der Liebe Gottes, dass sie auch alle Tyrannei
des gottlosen Königs nicht fürchteten, noch gegen Got-
tes Gesetz handeln, sondern statt dessen lieber einen
harten Tod leiden wollten; ja viele Heiligen und Zeu-
gen Jesu Christen werden noch jetzt von der babylo-
nischen Hure gehasst, verfolgt und umgebracht, weil
sie von dem Weine ihrer Hurerei nicht trinken, oder
mit ihren abgöttischen Werken Gemeinschaft haben
wollen. Darum mögen sich alle verstellten Scheinhei-
ligen und alle heillosen Heuchler wohl schämen, die
sich des christlichen Namens rühmen und doch um
des Namens Christo Jesu willen nichts leiden wollen;
darum durfte Christus wohl zu ihnen sagen: Bin ich
euer Herr, warum tut ihr meinen Willen nicht? Bin
ich euer Meister, warum hört und glaubt ihr meinen
Worten nicht? Wohlan, lasst alle Heuchler, falschklu-
gen, treulosen Knechte und unwahren Jünger Jesu
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Christi von ihrem Herrn und Meister weichen; wir
hoffen doch, durch Gottes Gnade, bei Christo zu blei-
ben, und sind bereit, um seinetwillen zu leiden, weil
er um unseretwillen gelitten hat. Aber er hat gelitten
als der Herr, wir aber als die Jünger, darum müssen
wir, als Knechte und Jünger des Kreuzes, dasselbe
nicht mit Widerwillen tragen, weil unser Herr und
Meister dasselbe getragen hat. Drittens müssen wir
Jesu nachfolgen, nicht aber, wie viele Juden taten, die
ihm nachfolgten, weil sie von den Broten gegessen
hatten, was leider noch viele falsche Christen tun,
welche sich zur christlichen Gemeinde begeben, nicht
in dem Sinne Christum Jesum recht zu suchen, oder
weil sie Liebe zur Wahrheit haben, sondern, weil sie
von der Gemeinde (welche sie vor allen andern mit-
leidig finden) Christi Hilfe und Nahrung zu erlangen
hoffen. Wenn man aber Christo also nachfolgt, so wird
Gott nur damit gespottet; auch will Christus derglei-
chen Nachfolger nicht haben, wie wir solches klar an
dem Schriftgelehrten verstehen und bemerken kön-
nen, welchen Christus von sich gewiesen, weil er ihm
aus Geiz nachfolgen wollte; denn der Herr erkannte
das Herz des Schriftgelehrten, darum antwortete er
ihm nicht auf seine Worte, sondern auf seine Gedan-
ken und sprach: Die Füchse haben Höhlen und die
Vögel des Himmels haben Nester; aber des Menschen
Sohn hat nicht, wo er Sein Haupt hinlege; gleichsam
als hätte Jesus sagen wollen, willst du mir nachfolgen,
so folge mir auf eine solche Weise, wie ich dir vorgehe;
denn Christus verstand seine Gesinnung sehr wohl,
nämlich, dass er ihm um des Gewinnes willen nachfol-
gen würde und gedachte, Christus würde ihm Macht
geben Wunderzeichen und Mirakel zu tun, welche
er seinen Aposteln gegeben hatte, woraus er seinen
Nutzen hätte suchen mögen; aber solcher Vorsatz ist
nicht gut, und kann nicht geschehen, denn der Herr
ist auch arm gewesen, wie er selbst bezeugt: Da ich,
der Herr und Meister, arm bin, so ist es offenbar, dass
meine Knechte auch arm seien, und meine Jünger kei-
nen Reichtum suchen oder begehren; gleichsam als
hätte der gute Herr sagen wollen: Wer mir nachfolgen
will, der muss mir in solcher Armut nachfolgen, wie
ich ihm vorgehe. Aber ach, viele Menschen meinen
heutzutage, dass die Gottseligkeit ein Gewinn sei, wie
Paulus sagt, und suchen unter dem Scheine des Evan-
geliums und des christlichen Namens ihren eigenen
Gewinn. O, welche verkehrte Menschen, die nicht auf
dem rechten Wege wandeln wollen, sondern auf dem
Wege des Verräters und Diebes Judas, welcher den
Lohn der Ungerechtigkeit liebte, als er die grausame
Strafe seiner Bosheit empfing, wie einem jeden wohl-
bekannt ist. O welche verblendete Menschen, die nicht
darauf merken können, wie Ananias und Saphira um
ihrer Falschheit willen von Gott schnell beschämt und
gestraft worden seien, womit Gott, der allmächtige
Herr, uns ohne Zweifel ein Beispiel gegeben, dass alle
verstellten und doppelherzigen Menschen auch auf
gleiche Weise beschämt und gestraft werden sollen,
wie wir bei dem Jesus Sirach finden: Wehe denen, die
doppelherzig sind, den bösen Lippen, welche im Lan-
de wandeln, wo zwei Wege sind; darum lehrt uns
auch der weise Mann, dass unser Herz aufrichtig, oh-
ne allen Betrug und Heuchelei sein soll, und sagt:
Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei,
und diene ihm nicht mit falschem Herzen, suche nicht
Ruhm bei den Leuten durch Heuchelei, und siehe zu,
was du redest, glaubst oder vorhast; und wirf dich
selbst nicht auf, dass du nicht fallest und zu Schan-
den werdest, und der Herr deine Tücke offenbare und
stürze dich öffentlich vor den Leuten, weil du nicht in
rechter Furcht Gott gedient hast und dein Herz falsch
gewesen ist.
Ach, dass doch alle Heuchler die Worte Jesus Si-
rach mit Emst zu Herzen nehmen und sich bessern
wollten, ehe sie von Gott beschämt und gestraft wer-
den, was allen Doppelherzigen, obschon nicht jetzt,
doch gewiss am Tage des Gerichts widerfahren wird,
wenn die Gottlosen nicht im Gerichte und die Sünder
nicht in der Gemeinde der Gerechten bleiben werden.
Alsdann wird Christus ans Licht bringen, was nun in
Finsternis ist und die Ratschlage der Herzen offenba-
ren; ja er wird die Wurfschaufel in seine Hand neh-
men und seine Tenne fegen und den Weizen in seine
Scheuer sammeln, die Spreu aber mit unauslöschli-
chem Feuer verbrennen; darum hüte sich ein jeder
vor der Heuchelei und folge Christo Jesu aufrichtig
nach, wie es sich gebührt, nicht wie die Juden, um des
Brotes willen, oder mit dem Schriftgelehrten aus Geiz,
aber, o ihr Christen, folgt Christus, eurem Herrn und
Meister, mit einem reinen Herzen, mit einem reinen
Gewissen, ungefärbtem Glauben und mit einer feuri-
gen Liebe ohne Abweichen nach. Diejenigen aber, die
Christo Jesu auf eine andere Weise nachfolgen, sind
unter den guten Christen, was die Spreu unter dem
Weizen, und ihr Ende wird das ewige Feuer sein, wo-
vor uns der allmächtige Vater durch Jesum Christum
behüten wolle. Ferner müssen wir Christo Jesu aus ei-
ner feurigen Liebe bis ans Ende nachfolgen, und nicht
tun, wie einige seiner Jünger taten, welche ihn verlie-
ßen und sich an seinen Worten ärgerten und sagten:
Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören? Ach, wie
viele Menschen wollen noch jetzt die heilsamen Worte
unseres Herrn Jesu Christi nicht hören, ja wenn man
ihnen sagt, dass Christus Jesus allen seinen Knechten
und Jüngern Trübsal und Leiden verheißen hat, so
wollen sie von Sinnen kommen, und sagen aus einem
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
steinernen Herzen und erbitterten Gemüte: Soll man
immer leiden? Soll man stets verfolgt werden? Das ist
eine harte Rede, wer kann sie hören! Ach Gott, wie
ist der süße Honig in dem Menschen also in Galle
verwandelt worden, und der klare Wein in bitteres
Wasser. Ach, wie ekelt ihnen vor dem edlen himmli-
schen Brote, wie ist ihnen die ewige Arznei, womit alle
Seelen geheilt werden müssen, zum tödlichen Gifte
geworden, und wie verachten die Menschen, die Got-
tes Wort nicht glauben, noch die heilige Lehre unseres
Herrn Jesu Christi annehmen wollen, das tröstliche
Evangelium, welches uns durch den Heiligen Geist
vom Himmel gesandt ist und welches Christus mit
seinem eigenen teuren Blute versiegelt hat; kommt
aber ein verlogener Prophet und Gesandter, welcher
vom zeitlichen Frieden und Glück weissagt (wenn-
gleich nichts daraus wird), so wird derselbe gehört,
und der gute Herr Jesus Christus, der uns den ewigen
Frieden seines himmlischen Reiches verheißen, wird
von niemandem angehört.
Also geschieht es nun, was Jesu zu den Pharisäern
sagte: Ich bin in meines Vaters Namen gekommen,
und ihr nehmt mich nicht an, wenn aber ein anderer
in seinem eigenen Namen kommen wird, den werdet
ihr annehmen. Ja, viele handeln jetzt wie die aufrühre-
rischen und imgläubigen Israeliten handelten, welche
Gott den Herrn verließen, der sie aus Ägyptenland
erlöst hatte und andere Götter zu Vorgängern und Be-
schützern verlangten; ebenso verlassen nun auch viele
Christen Jesum, welcher sie aus der Tyrannei und Ge-
walt des Satans befreit und aus der Löwen Rachen
erlöst hat, die sie zerreißen, ja die, um sie zu vertilgen,
mit ihnen auf den Weg der ewigen Verdammnis ge-
rannt waren; solche hat Christus damals erlöst und sie
wieder auf den Weg der ewigen Seligkeit gesetzt. Vie-
le Menschen verlassen nun den guten Hirten, welcher
sein Leben um unseretwillen nicht geschont, sondern
dasselbe aus großer Liebe, die er zu uns hatte, in den
Tod dahingegeben hat, und verlassen sich auf Men-
schen, von welchen doch der Prophet sagt, dass ihre
Hilfe nichtig sei und sie ihnen nicht helfen können,
denn ihr Geist muss ausfahren und wieder zur Erde
werden, und dass alle Ratschläge derer verloren sei-
en, die sich auf Menschen verlassen und den falschen
Propheten nachfolgen, welche an der Ungerechtigkeit
Lust haben. Darum müssen alle Christen sonst nie-
mandem nachfolgen, als Jesu Christo, welcher, wie
Paulus sagt, für uns gelitten und uns ein Beispiel gege-
ben hat, wie wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen.
Dasselbe bezeugt auch Paulus mit diesen Worten: Las-
set uns die Sünde ablegen, die uns immer anklebt und
träge macht, und lasset uns laufen durch Geduld in
dem Kampfe, der uns verordnet ist und aufsehen auf
Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens,
welcher, da er wohl hätte Freude haben mögen, das
Kreuz erduldete und zur Rechten auf dem Stuhle Got-
tes gesessen. In diesen Worten der Apostel können wir
wahrnehmen, dass wir Christo Jesu nachfolgen und
auf ihn sehen sollen, als auf den Herzog des Glaubens,
auf den Bischof und Hirten unserer Seelen, ja als auf
den guten Herrn und Meister, welcher allen seinen
Knechten und Jüngern ein Beispiel gegeben, dass sie
ebenso leiden müssen, wie er gelitten hat; aber, ach
Gott, wie viel hat Christus leiden müssen, denn er
ist um unseretwillen so arm geworden, während er
doch ein Herr des Himmels und der Erde war, dass
er auch nichts hatte, worauf er Sein Haupt zur Ruhe
nieder legen konnte; er hat sich, der doch eine gött-
liche Gestalt hatte, erniedrigt und die Gestalt eines
Knechtes angenommen, damit er uns dienen möchte
und hat sein Leben, um uns zu erlösen, dahin gege-
ben; ja, obgleich er die ewige Weisheit des Vaters war,
welcher alle Dinge mit dem Worte seiner Kraft regiert,
so musste er doch hören, dass ihn die Pharisäer einen
Schmeichler und Betrüger, einen Sünder, ja einen be-
sessenen und rasenden Menschen nannten und noch
andere Gotteslästerungen, Verschmutzungen und Ver-
spottungen sich erlaubten; in kurzen Worten, obgleich
er der eingeborene Sohn Gottes des allmächtigen Va-
ters war, musste er dennoch als ein Übeltäter ange-
sehen werden und des allerbittersten Todes sterben;
darum konnte Jesaja wohl von ihm sagen: Er hatte
keine Gestalt noch Schönheit, wir sahen ihn, aber da
war keine Gestalt, die uns gefallen hätte; er war der
Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen
und Krankheit, er war so verachtet, dass man auch
das Angesicht vor ihm verbarg, darum haben wir ihn
nicht geachtet. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und
lud auf sich unsere Schmerzen, wir hielten ihn für
den, der geplagt und von Gott zerschlagen und ge-
martert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen
verwundet und um unserer Sünde willen zerschla-
gen, darum konnte er wohl sagen: Ich muss bezahlen,
was ich nicht geraubt habe, denn um meiner Freunde
willen leide ich Schmerzen; Schmach bedeckt mein
Angesicht, ich bin meinen Brüdern fremd geworden
und unbekannt meiner Mutter Kinder; ich wartete, ob
mich jemand kennete, aber es war niemand; ich war-
tete, ob mich jemand tröstete, aber es war niemand;
sie gaben mir Galle zur Speise und gaben mir, als ich
dürstete, Essig zu trinken; alle Menschen spotteten
meiner, sie sperrten den Mund auf, schüttelten den
Kopf; ihre Rachen sperren sich auf wider mich, wie ein
brüllender und reißender Löwe; ich bin ausgeschüttet
wie Wasser, aber meine Gebeine haben sich zertrennt,
mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes
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Wachs, meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scher-
be und meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und
du legest mich in des Todes Staub, denn Hunde ha-
ben mich umgeben und der Bösen Rotte hat sich um
mich her gemacht, sie haben meine Hände und Füße
durchgraben, ich möchte alle meine Gebeine zählen,
sie aber schauen und sehen ihre Lust an mir, sie teilen
ihre Kleider unter sich und werfen das Los um mein
Gewand. Und seiner spricht er: Ich bin ein Wurm und
kein Mensch, ein Spott der Leute und Verachtung des
Volkes. Ja, meine lieben Brüder, Gott der himmlische
Vater hat die Strafe auf ihn gelegt, damit wir Frieden
hätten, denn durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir gingen alle hässlich und verirrt einher, wie Schafe,
die keinen Hirten haben, ein jeder sah auf seinen Weg,
aber der Herr warf unser aller Sünden auf ihn. Da
er gestraft und gemartert wurde, tat er seinen Mund
nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank ge-
führt wird und wie ein Schaf, das vor seinem Scherer
verstummt und seinen Mund nicht auftut. Seid ihr
nun fromme Christen? Nehmt wahr, was Christus Je-
sus für uns arme Sünder gelitten hat, der Herr für
seine Knechte, der Meister für seine Jünger, der Hirte
für seine Schafe, ja Gott für die Menschen. O tiefe Er-
niedrigung des Meisters, dass er auch seinen Jüngern
hat dienen und sich selbst für sie in den Tod hat geben
wollen. O große Gnade des Herrn, dass er für seine
Knechte so viel hat leiden wollen. O unendliche Ge-
rechtigkeit des Hirten, der sein Leben für seine Schafe
hat lassen wollen. O unaussprechliche Liebe Gottes zu
uns armen Menschen, dass er uns mit seinem eigenen
köstlichen Blute hat erlösen wollen, dessen sollen sich
alle Christen zu jeder Zeit erinnern und Jesu Christo
für solche Wohltaten, nicht nur mit Worten, sondern
auch mit Werken, dankbar sein. Aber leider ist es mit
einigen so weit gekommen, dass sie wohl von Christo
sprechen können, wie er für uns gelitten und genug
getan habe, sie wollen auch wohl an der Erlösung,
die durch Christi Blut geschehen ist, Teil haben und
denken doch nicht daran, wie sie mit Christo leiden
müssen, gleichwohl aber hoffen sie, mit ihm verherr-
licht zu werden. Denn das ist je gewisslich wahr, sagt
Paulus, sterben wir mit Christo, so werden wir auch
mit ihm leben; leiden wir mit ihm, so werden wir uns
auch in Ewigkeit mit ihm freuen; verleugnen wir ihn,
so wird er uns auch verleugnen.
Daran mögen alle abgefallenen Christen denken,
welche nun wieder in das römische Babel zurückkeh-
ren, wovon sie ausgegangen waren, und sich wieder
mit der Hure, die sie so gehasst haben, befreunden.
Was soll man zu solchen Leichtfertigen sagen; wie
sind doch die Menschen, welche die Wahrheit ein-
mal erkannt haben, so verblendet, dass sie sich von
Christo Jesu, dem einigen Seligmacher, wenden, und
der schändlichen und verfluchten Hure zu Babylon
zufallen, die eine Mutter aller Ungerechtigkeit, eine
Königin aller Kinder des Unglaubens und des Fluches
ist und die ihnen zum Tröste, Schutze und zu einer
Abgöttin geworden ist. O wehe solchen verkehrten
Menschen, die von der Gerechtigkeit abweichen und
sich vom Licht zur Finsternis, vom Leben zum Tode,
und von Christo Jesu zu dem Antichristen begeben,
und bei dem Satan, nicht aber bei Gott Trost suchen. O
wehe solchen furchtsamen Menschen, welche diejeni-
gen, die allein den Leib töten können, mehr fürchten
als Gott, den allmächtigen Herrn, welcher Leib und
Seele in die ewige Verdammnis stürzen kann. O wehe
solchen Menschen, dass sie geboren sind, wenn sie
sich nicht merklich bessern und von Babel ausgehen;
denn die Schrift sagt nicht umsonst: Mein Volk, geht
aus von Babel, und rührt kein Unreines an, auf dass
ihr nicht ihrer Sünden und Plagen teilhaftig werdet.
Dieses sind ja die klaren Worte des Herrn, wer kann
sie vernichten, wer kann gegen den Stachel locken. Er
fange es an, wie er will, so wird es ihm schwer fallen
und nicht gelingen; auch gilt hier keine Entschuldi-
gung, wie das Gleichnis von dem Schalksknechte klar
beweist, welcher seines Herrn Pfund aus Furcht in die
Erde vergraben hatte, und sich vor seinem Herrn ent-
schuldigen wollte, aber nicht angehört wurde. Unter
diesem Schalksknechte verstehen wir alle furchtsa-
men Menschen, welche in der Erkenntnis des Herrn
Jesu Christi nicht fruchtbar sind, sondern die die ir-
dischen Dinge suchen und mehr Wohlgefallen daran
haben als an der himmlischen; sie mögen sich auch
entschuldigen wie sie wollen, so wird ihnen doch ih-
re Entschuldigung nichts nützen, sondern die ewige
Verdammnis wird ihr Lohn sein; denn alle Bäume, die
keine guten Früchte bringen, werden abgehauen und
ins Feuer geworfen werden; die Blätter allein gelten
nichts; die Früchte müssen dabei sein. Christus ist
unser Exempel, der hat getan und gelehrt; er hat sei-
ne Jünger leiden und dulden gelehrt, und hat selbst
gelitten und geduldet; darum lehrt uns auch Paulus,
dass wir Christi gedenken sollen und sagt also: Nehmt
wahr, ihr Christen, und gedenkt, dass Christus Jesus
ein solches Widersprechen von den Sündern erduldet
hat, auf dass ihr nicht in eurem Mute matt werdet und
ablasst, denn ihr habt noch nicht bis aufs Blut wider-
standen, und habt bereits vergessen des Trostes, der
zu euch redet als zu den Kindern: Mein Sohn, achte
nicht gering die Züchtigung des Herrn, und verzage
nicht, wenn du von ihm gestraft wirst; denn wen der
Vater lieb hat, den züchtigt er; er stäupt aber einen
jeden Sohn, den er aufnimmt. So ihr die Züchtigung
erduldet, so erbeut sich euch Gott als Kindern; denn
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Seid
ihr aber ohne Züchtigung, deren sie alle teilhaftig ge-
worden, so seid ihr Bastarde und nicht Kinder. Und
da wir unsere leiblichen Väter zu Züchtigem gehabt
und sie gescheut haben, sollten wir nicht bei weitem
mehr dem geistigen Vater Untertan sein, dass wir le-
ben? Und jene haben uns nur einige Tage nach ihrem
Gutdünken gezüchtigt, dieser zu unserem Vorteile,
dass wir seine Heiligung erlangen möchten. Mit die-
sen gibt uns der Apostel zu erkennen, wie nützlich
und nötig uns die Züchtigung sein könne, wenn wir
von Gott unserm himmlischen Vater gezüchtigt wer-
den, wie diese Worte klar an den Tag geben: Denn
wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt; seid ihr
aber ohne Züchtigung, deren sie alle teilhaftig gewor-
den sind, so seid ihr Bastarde und keine Kinder. Und
hiermit kommen die Worte Judith, dass Abraham auf
mancherlei Weise versucht und durch mancherlei An-
fechtung bewährt und Gottes Freund erfunden wor-
den sei; so auch Isaak und Jakob, Mose und alle, die
Gott gefallen haben, sind in viel Trübsal treu erfunden
worden. Diejenigen aber, welche ihre Proben in der
Furcht des Herrn nicht erlangt haben, und Ungeduld
samt dem Laster ihres Murrens gegen den Herrn auf-
brachten, sind von dem Verderber verdorben und von
den Schlangen umgebracht worden; darum so gern
wir Gott zum Vater haben, so gern müssen wir auch
die Züchtigung unseres himmlischen Vaters empfan-
gen; und so ungern wir von Gott für Bastarde angese-
hen werden wollen, so ungern müssen wir auch ohne
Züchtigung und Bestrafung sein, und eben so gerne
müssen wir auch durch Trübsal geübt werden wollen,
oder mit andern Worten: So lieb uns Gott und unserer
Seelen Seligkeit ist, und so sehr wir die Bestrafung
Gottes fürchten, ebenso liebreich müssen wir alles Lei-
den, das uns von Gott zugefügt wird, aufnehmen und
dessen eingedenk sein, was Christus sagt: Wer sein
Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nachfolgt, der
kann nicht mein Jünger sein. Desgleichen: Wer sein
Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber
in dieser Welt sein Leben um des Evangeliums willen
verlässt, wird es ewiglich behalten.
Wo bleiben nun die falschen Christen, die ihr Le-
ben um Christi willen nicht verlassen wollen, und es
doch in der Ewigkeit zu behalten gedenken; eben also
meinte auch Saul den Israeliten zu gefallen, und doch
dabei Gottes Freund zu bleiben; er ist aber von Gott
wegen seiner Heuchelei verworfen worden; ebenso
können sie auch wohl meinen, das zeitliche Leben hier
zu erhalten, und noch dazu das ewige Leben zu erlan-
gen, aber es wird sie ihre Meinung betrügen. O Herr
Gott! Wie mögen doch die Menschen so verblendet
sein, dass sie dieses vergängliche Leben so lieb haben.
während sie doch weder Zeit, Stunde noch Tag wis-
sen, wenn sie sterben müssen, wie auch der Apostel
Jakobus sagte, dass dieses Leben nichts anderes sei
als ein Rauch, welcher eine kleine Zeit gesehen wird
und dann aus der Menschen Augen verschwindet.
Jesus Sirach, welcher unser Leben mit den Tagen der
Ewigkeit vergleicht als einen Staub, oder ein Körn-
lein Sandes gegen allen Sand am Meere, oder als ein
Tröpflein Wasser gegen alles Wasser in der See. Was
ist denn also der Mensch und was ist seine Schönheit,
oder was ist sein Gut, worauf er sich verlassen will?
Weil aber nun unser Leben so unsicher und kurz ist,
so ist es ja zu beklagen, dass die Menschen solche
Sorge dafür tragen und dabei so wenig auf das ewige
Leben bedacht sind; hierzu helfen die falschen Leh-
rer, auch die betrüglichen Arbeiter und Feinde Christi
und seiner Apostel, welche öffentlich lehren, dass die
Christen nicht mehr leiden müssen. Schämen müs-
sen sie sich mit ihrem Volke, die in des Herrn Namen
Lüge weissagen, ja gestraft müssen sie werden mit Ze-
dekia und Achas, die schändlich sündigen, auch das
Israel Gottes verführen und ihr Vertrauen auf nichtige
Dinge setzen, zu Schanden müssen sie werden mit
den ägyptischen Zauberern, die sich also der Wahr-
heit widersetzen, gleichwie jene Mose widerstanden
haben. Verflucht müssen sie werden mit Baal, dem
Sohn Böser, welche mit ihm den rechten Weg verlas-
sen und sich auf krumme Wege begeben, ja zur Hölle
müssen sie versinken mit Nathan, Korah und Abiram,
die, wie diese, Zank und Ärgernis in der Gemeinde
Gottes anrichten und die heilsame Lehre Jesu Chris-
ti verachten, womit sie den allmächtigen Gott zum
Zorne reizen und sich selbst einen Schatz des Zor-
nes Gottes sammeln auf den Tag, wenn Christus Jesus
sich vom Himmel mit den Engeln seiner Kraft und mit
Feuerflammen offenbaren wird, um Rache zu üben an
allen denen, die Gott nicht erkannt haben und dem
Evangelium unseres Herrn Jesu Christi nicht gehor-
sam gewesen sind. Diese sollen Pein leiden, die ewige
Verdammnis von dem Angesichte des Herrn, wenn er
kommen wird, um verherrlicht zu werden in seiner
Herrlichkeit und in allen seinen Gläubigen. Welche
sind aber mm die Ungläubigen, die an das Evange-
lium Jesu Christi nicht glauben, und um des willen
die ewige Pein leiden werden? Es sind diejenigen, die
hier die Gebote Jesu Christi nicht halten, noch um des
Namens Gottes willen leiden, oder die Wahrheit des
Evangeliums bekennen wollen; darum wird sie Chris-
tus auch nicht bekennen, oder vor seinem Vater und
seinen Engeln erkennen, mit welchen er vom Himmel
kommen wird, um solche untreuen und furchtsamen
Knechte zu strafen, die guten Knechte aber zu verherr-
lichen, mit den treuen Dienern und frommen Rittern,
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welche aus großer Trübsal gekommen sind und ihre
Kleider im Blute des Lammes gewaschen und gerei-
nigt haben. Darum sind sie vor dem Throne Gottes
und dienen Ihm Tag und Nacht in seinem Tempel,
und der auf dem Throne sitzt, wird über ihnen woh-
nen; sie wird nicht mehr hungern oder dürsten, auch
wird weder die Sonne noch irgendeine Hitze auf sie
fallen, denn das Lamm mitten im Thron wird sie re-
gieren und zu der lebendigen Wasserquelle leiten und
Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen;
alsdann wird erfüllt werden, was der Prophet 1. Es-
ra sagt: Ich Esra, sah auf dem Berge Zion eine große
Schar, welche ich nicht zählen konnte, die lobten alle
den Herrn mit Lobgesängen; und mitten unter ihnen
stand ein ansehnlicher Jüngling, der mit seiner Länge
alle übertraf, der gab einem jeden einen Palmzweig in
die Hand und setzte einem jeden derselben eine Kro-
ne aufs Haupt, ich aber verwunderte mich hierüber
sehr; da fragte ich den Engel und sprach: Lieber Herr,
wer sind diese, denen die Palmzweige in die Hand
gegeben und die Kronen aufgesetzt sind? Er antwor-
tete und sprach zu mir: Diese sind, die das sterbliche
Kleid abgelegt und das imsterbliche angetan, und den
Namen Gottes bekannt haben. Jetzt werden sie ge-
krönt und empfangen Palmzweige. Weiter fragte ich
den Engel: Wer ist aber der Jüngling, der ihnen die
Kronen aufgesetzt und ihnen Palmzweige in die Hän-
de gibt? Und er antwortete und fagte zu mir: Es ist
Gottes Sohn, welchen sie in der Welt bekannt haben.
Er aber fing an, diejenigen höchlich zu preisen, welche
so fest für den Namen des Herrn gestanden hatten.
O welch eine Freude und Herrlichkeit ist es, wel-
che allen frommen Christen bereitet ist! Wer ist denn
nun so verzagt und furchtsam, der für solche Freu-
de und Herrlichkeit nicht ein wenig leiden wollte. Es
ist zwar wahr, dass das Leiden und die Trübsal dem
Fleische schwer fällt, aber man muss an die Worte
Pauli denken: Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist,
dünkt uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein;
nachher aber bringt sie eine friedsame Frucht der Ge-
rechtigkeit allen, die dadurch geübt sind. Solches hat
auch Christus zu seinen Aposteln gesagt: Wahrlich,
ich sage euch, ihr werdet weinen und Heulen und die
Welt wird sich freuen, ihr aber werdet traurig sein;
doch soll eure Traurigkeit in Freude verwandelt wer-
den. Ein Weib, wenn sie gebärt, hat Angst, weil ihre
Stunde gekommen ist, wenn sie aber das Kind gebo-
ren hat, so gedenkt sie der Angst nicht mehr um der
Freude willen, weil der Mensch zur Welt geboren ist.
Und ihr habt auch nun Traurigkeit, aber ich will euch
Wiedersehen und euer Herz soll sich freuen, und eure
Freude wird niemand von euch nehmen.
Seht, alle ihr Gläubigen, die ihr hier in dieser Zeit ei-
ne kurze Weile um der Wahrheit willen Angst, Trübsal
und Verfolgung leidet, merkt auf diese Worte und seid
getrost: Lasset euch nicht erschrecken oder verdrieß-
lich machen, und obschon die Trübsal dem Fleische
nicht angenehm ist, so gedenkt doch, dass euch für
eine geringe Betrübnis die ewige Freude geschenkt
werden wird; ja gedenkt, was geschrieben steht: Aber
der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand, und keine
Qual rührt sie an. Vor den Unverständigen werden sie
angesehen, als stürben sie, und ihr Abschied wird für
eine Pein gerechnet und ihre Hinfahrt für ein Verder-
ben, aber sie sind im Frieden. Und obwohl sie von den
Leuten viel Leidens haben, so sind sie doch gewisser
Hoffnung, dass sie nimmermehr sterben. Sie werden
ein wenig gestäupt, aber viel Gutes wird ihnen wi-
derfahren; denn Gott versucht sie und findet, dass
sie seiner wert sind. Er prüft sie wie Gold im Ofen
und nimmt sie an wie ein völliges Opfer und zur Zeit,
wenn Gott drein sehen wird, werden sie hell scheinen,
und daher fahren wie die Flammen über die Stoppeln.
Sie werden die Heiden richten und herrschen über
die Völker, und der Herr wird ewiglich über sie herr-
schen; denn die ihm vertrauen, die erfahren, dass er
treulich halt, und die treu sind in der Liebe, lässt er
sich nicht nehmen, denn seine Heiligen sind in Gnade
und Barmherzigkeit.
O welche schöne Verheißungen sind dieses für die-
jenigen, welche um der Wahrheit willen verfolgt wer-
den, und welche tröstliche Verheißungen sind es, die
uns Christus in dem Evangelium zugesagt hat, näm-
lich, dass wir selig sein sollen, wenn wir weinen, denn
wir sollen getröstet werden; desgleichen, dass wir se-
lig seien, wenn wir um der Gerechtigkeit willen ver-
folgt werden, denn das Himmelreich gehöre uns zu;
oder mit kurzen Worten, dass wir selig seien, wenn
uns die Menschen schmähen, lästern und viel Üb-
les von uns reden, um des Namens Christi willen,
wenn sie daran lügen; alsdann sollen wir uns freu-
en und fröhlich sein; denn siehe, unser Lohn ist groß
im Himmel. Ja, groß ist unser Lohn, wie uns Jesaja
bezeugt, wenn er sagt: Wie denn von der Welt her
weder mit Ohren gehört worden ist, noch irgendein
Auge gesehen, ohne Dich, Gott, was denen geschieht,
die auf dich harren, und der Psalmist David sagte:
Wie groß ist deine Güte, die Du verborgen hast denen,
die dich fürchten, und denen erzeigest, die vor den
Leuten auf dich trauen. Aber wie wenige Menschen
arbeiten nun nach dieser großen Herrlichkeit, es geht,
wie des Herrn Gleichnis spricht, dass der Hausvater
ein Abendmahl zubereitet und vielen zugerufen habe,
dass sie kommen sollten, denn alle Dinge seien bereit;
aber der eine hat ein Haus gekauft und muss solches
besehen, der andere hat fünf Joch Ochsen gekauft und
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
muss sie probieren, der Dritte hat ein Weib genom-
men und kann darum nicht kommen; als aber solches
der Hausvater hörte, ward er zornig und sprach, dass
niemand von allen denen, die nicht kommen wollten,
sein Abendmahl schmecken sollte.
O welch ein hartes Urteil und harter Ausspruch ist
dieses über alle diejenigen, die nicht kommen wollen,
Gottes Ruf verachten und irgendein Ding lieber ha-
ben, als Gott, das ist, die wegen Vater oder Mutter,
Bruder oder Schwester, Weib, Kind, Reichtum oder
Armut, Lob, Preis oder Schande Gott verlassen und
seiner Stimme nicht horchen, ja die nicht alle irdischen
Dinge verlassen und eigene Frömmigkeit gering ach-
ten, damit sie Christum gewinnen mögen, gleichwie
Paulus und auch die Hebräer taten, von welchem der
Apostel sagt, dass sie den Raub ihrer Güter mit Freu-
den erduldet haben, indem sie wussten, dass sie ein
besseres und ewiges Gut im Himmel hätten; aber ach,
wie wenig merken jetzt die Menschen auf himmlische
Dinge! Ach, wie wenig denken sie daran, was für ein
Unterschied zwischen den Gerechten und Gottlosen
noch sein werde; ja, es wird ein solcher Unterschied
sein, wie der Herr durch Jesaja geredet hat: Siehe,
meine Knechte sollen trinken, und ihr Durst leiden;
siehe, meine Knechte sollen essen und ihr sollt hun-
gern; meine Knechte sollen fröhlich sein, ihr aber sollt
beschämt werden. Merkt darauf, meine Diener sollen
aus feurigem Herzen jauchzen, ihr aber sollt wegen
Betrübnis eurer Herzen weinen und jämmerlich heu-
len; darum sagt Christus im Evangelium: Da wird
Heulen und Zähneklappern sein, wenn ihr Abraham,
Isaak und Jakob sehen werdet, euch aber hinaus gesto-
ßen. Ach, wie fröhlich werden alsdann die frommen
Christen sein, welche für den Namen Christi tapfer
streiten und durch Ihn überwinden; ja wie fröhlich,
sagen wir, werden sie alsdann sein, wenn sie die Ver-
heißung empfangen werden, wovon der Geist Gottes
sagt: Wer überwindet, dem will ich zu essen geben
von dem Holze des Lebens, das im Paradiese Got-
tes ist. Fürchte dich vor keinem, was du leiden wirst;
siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis
werfen, auf dass ihr versucht werdet und ihr wer-
det zehn Tage Trübsal haben. Sei getreu bis in den
Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben; wer
überwindet, dem will ich zu essen geben von dem
verborgenen Manna, und ich will ihm einen weißen
Stein geben, und auf dem Steine einen neuen Namen
geschrieben, den niemand kennt, denn der ihn emp-
fängt; und wer da überwindet und hält meine Werke
bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Hei-
den, und er soll sie weiden mit einer eisernen Rute,
und wie eines Töpfers Gefäß wird er sie zerschmei-
ßen, wie ich von meinem Vater empfangen habe, und
will ihm geben den Morgenstern. Wer überwindet,
der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich
werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buche
des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor
meinem Vater und vor seinen Engeln. Dieweil du das
Wort meiner Geduld behalten hast, will ich auch dich
behalten vor der Stunde der Versuchung, die da kom-
men wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen
diejenigen, die da wohnen auf Erden. Siehe, ich kom-
me bald, halte was du hast, dass niemand deine Krone
nehme. Wer überwindet, den will ich zum Pfeiler in
dem Hause meines Gottes machen, und er soll nicht
mehr hinausgehen, und will auf ihn schreiben den
Namen meines Gottes, und den Namen des neuen
Jerusalems, der Stadt meines Gottes, die vom Him-
mel herniederkommt von meinem Gotte, und meinen
Namen, den neuen. Welche ich lieb habe, die strafe
und züchtige ich, und habe an ihnen ein Wohlgefal-
len, gleichwie ein Vater an seinem Sohne hat. So sei
nun fleißig und tue Buße. Siehe, ich stehe vor der Tür
und klopfe an; so jemand meine Stimme hören und
die Türe auf tun wird, zu dem will ich eingehen und
das Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir. Wer
überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem
Stuhle zu sitzen, wie ich überwunden habe und mit
meinem Vater auf seinem Stuhle gesessen. Ja, mei-
ne lieben Brüder, dass sie scheinen als die Sonne in
meines Vaters Reiche und besitzen alle Dinge. Ach,
wie traurig werden die Verfolger der Christen sein,
wenn der gerechte Gott ihnen mit demselben Maße
einmessen wird, womit sie den Christen ausgemessen
haben! Ach, wo wird sich alsdann der mörderische
Kain verbergen, wenn das betrübte und unschuldige
Blut des gerechten Abels bei Gott um Rache wider
ihn schreien wird! Wie wird alsdann die babylonische
Hure, welche nun prächtig in ihrem Lusthause sitzt,
und von dem Blute seiner Heiligen und der Zeugen
Jesu Christi trunken geworden ist, der Strafe Gottes
entrinnen, wenn der Herr das Blut seiner Heiligen
und Zeugen rächen und von ihrer Hand fordern wird,
was ohne Zweifel geschehen wird, wie der Prophet
sagt: Siehe, das unschuldige und gerechte Blut schreit
zu mir, sagt der Herr, und die Seelen der Gerechten
schreien ohne Unterlass. Ich will mich an ihnen mit
Eifer rächen, spricht der Herr, und will alles das un-
schuldige Blut von ihren Händen fordern. Christus
sagte: Sollte Gott nicht seine Auserwählten retten, die
Tag und Nacht zu Ihm schreien? Und ob er schon
verzieht, so sage ich euch, er wird sie in Eile retten.
O welch eine grausame Strafe wird das sein, womit
der allmächtige Gott alles Blut seiner Heiligen rächen
wird. Wie teuer musste der tyrannische Pharao das
Blut der unschuldigen Kindlein, welches er vergossen
95
hatte, bezahlen? Wie hart mussten die Amalekiter ge-
straft werden, weil sie das imschuldige Blut der Israe-
liten vergossen? Die blutdürstige Isabel musste aufs
Feld geworfen werden, so dass die Hunde ihr Blut
leckten, weil sie das gerechte Blut vergossen hatte. O
Jerusalem, die du tötest die Propheten, und steinigst,
die zu dir gesandt sind, du bist darum den Heiden
zum Zertreten gegeben worden, und allen Völkern
zu einer Beschimpfung; also werden auch von Gott
alle diejenigen gestraft werden, welche nun unschul-
diges Blut vergießen, und es wird geschehen wie im
Buche der Weisheit geschrieben steht: Alsdann wird
der Gerechte mit großer Freudigkeit wider die stehen,
welche ihn geängstigt und seine Arbeit verworfen ha-
ben. Wenn dieselben dann solches sehen, werden sie
grausam erschrecken vor solcher Seligkeit, deren sie
sich nicht versehen hatten; sie werden vor Angst des
Geistes seufzen und untereinander sagen: Das ist der,
den wir etwa für einen Spott und für ein höhnisch
Beispiel hatten. Wir Narren hielten sein Leben für un-
sinnig, und sein Ende für eine Schande. Wie ist er
nun unter die Kinder Gottes gezählt, und sein Erbe
ist unter den Heiligen. Darum haben wir den rechten
Weg verfehlt, und das Licht der Gerechtigkeit hat uns
nicht geschienen, und die Sonne des Verstandes ist
uns nicht aufgegangen; wir sind eitel Unrechte und
schädliche Wege gegangen, und sind wüste Umwe-
ge gewandelt, aber des Herrn Weg haben wir nicht
gewusst. Was hilft uns nun die Pracht, was hilft uns
nun der Reichtum und der Hochmut? Alle derglei-
chen Dinge werden diejenigen, welche in der Hölle
sind und gesündigt haben, sagen; denn des Gottlosen
Hoffnung ist wie Staub vom Winde zerstreut, und wie
ein dünner Reif vom Sturme Vertrieben, und wie ein
Hauch vom Winde verweht, und wie man jemanden
vergisst, der nur einen Tag Gast gewesen ist. Aber
die Gerechten werden ewig leben, und der Herr ist
ihr Lohn, und der Höchste sorgt für sie. Darum wer-
den sie ein herrliches Reich und eine schöne Krone
von der Hand des Herrn empfangen, denn er wird
sie mit seiner Rechten beschirmen und mit seinem Ar-
me verteidigen. O grundlose Gnade des allmächtigen
Gottes! O unaussprechliche Liebe des himmlischen
Vaters, wie überschwänglich ist deine Gnade, und wie
unendlich deine Güte, dass Du deinen Auserwählten
solche Herrlichkeit bereitet hast! Wer kann Dir für
alle deine Wohltaten, die du so reichlich an uns er-
wiesen hast und noch täglich erweist, genug danken?
Gesegnet müsse dein Name sein in Ewigkeit. Dar-
um bitten und ermahnen wir alle frommen Christen,
und alle die ihre Seligkeit lieb haben, dass sie sich
selbst verleugnen und ihr Kreuz auf sich nehmen und
Jesu Christo nachfolgen, und dadurch den Willen Got-
tes tun, damit wir die Verheißung erlangen mögen.
Niemand sei furchtsam oder erschrecke vor dem gott-
losen Tyrannen, sondern jeder tue, wie Matthias seine
Söhne lehrte, indem er sagte: Liebe Söhne, eifert um
das Gesetz und wagt euer Leben für den Bund unse-
rer Väter, und gedenkt, welche Taten unsere Väter zu
ihren Zeiten getan haben, so werdet ihr rechte Ehre
und einen ewigen Namen erlangen. Darum fürchtet
euch nicht vor der Gottlosen Trotz, denn seine Herr-
lichkeit ist Kot und Würmer. Heute schwebt er empor
und morgen liegt er darnieder und ist nicht mehr, so
er wieder zur Erde geworden ist, und sein Vorneh-
men ist zu Nichte geworden. Deshalb, liebe Kinder,
seid unerschrocken und haltet fest an dem Gesetze,
denn wenn ihr dasjenige getan haben werdet, das
euch von dem Herrn, eurem Gotte, befohlen ist, so
sollt ihr in Ihm verherrlicht werden. Diese Worte Got-
tes nehmt zu Herzen, o ihr frommen Christen und
wappnet euch damit, um für die Gerechtigkeit auch
bis zum Tode zu streiten, so wird Gott für euch strei-
ten und eure Feinde überwinden. Fürchtet diejenigen
nicht, welche euern Leib töten, und dann nichts mehr
tun können; sondern fürchtet den allmächtigen Gott,
den gerechten Herrn und Richter, welcher Leib und
Seele in die ewige Verdammnis stürzen kann; diesen
lasst uns allein fürchten und in seinen Wegen wandeln
und Ihm in Heiligkeit und Gerechtigkeit alle Tage un-
seres Lebens dienen, ja für seinen Namen den Tod
leiden, damit wir mit Paulus sagen können: Wir ha-
ben einen guten Kampf gekämpft; wir haben unsem
Lauf vollendet, wir haben Glauben gehalten, hinfort
ist uns die Krone der Gerechten beigelegt, welche uns
der Herr Christus geben wird, Gott, der Vater der
Barmherzigkeit, und der Gott allen Trostes, welcher
uns gegeben hat, nicht allein an ihn zu glauben, son-
dern auch um seines Namens willen zu leiden, wolle
uns mit seinem heiligen Geiste stärken, kräftigen und
befestigen, dass wir im Leiden um der Wahrheit wil-
len nicht ermüden, sondern bis ans Ende standhaft
bleiben, und uns mit allen frommen und wahren Hei-
ligen erfreuen mögen, und wenn wir um des Namens
Christi Jesu willen gelästert und verfolgt werden; das
gebe uns der allmächtige Vater durch Jesum Christum,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Heiland, welchem
Herrlichkeit, Majestät, Segen, das Reich und ewige
Herrschaft sei. Amen.
Seid männlich, stark und unverzagt, dass ihr al-
le Dinge, ja Gottes Wort und Gesetze haltet und tut,
und weichet nicht davon, weder zur Rechten, noch
zur Linken; tut auch nichts dazu, noch davon, damit
ihr weislich handeln mögt; erschreckt nicht, wo ihr
hingeht und entsetzt euch nicht, denn euer Herr und
Gott ist mit euch, wenn ihr ins Wasser oder Feuer
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
geht, und obschon ihr jetzt durch falschen Schein und
Heuchelei der Strafe entgeht, so könnt ihr doch der
Gewalt des allmächtigen Gottes (weder lebendig oder
tot) entlaufen.
Darum lasst uns alles, was in dieser Welt ist, ver-
leugnen; denn sie lebt im Argen, und lasst einen jeden
sein Kreuz aufnehmen und Jesu Christo nachfolgen,
denn er ist uns und allen denen nahe, die in der Not
sind, und will ihnen daraus helfen und sie zu Ehren
bringen, wenn sie eines zerbrochenen Herzens und
zerschlagenen Gemütes sind. O welch ein großer Trost
ist das, einen solchen gewaltigen und treuen Mitgesel-
len zu haben! Und welch eine große Ehre ist es, dass
er uns so freundlich hat beistehen wollen; aber wir
müssen wissen, dass unser Herr Christus Jesus nur
allein zu seiner rechten Zeit unser Mitgesell, Helfer
und Beistand nach dem Rate des göttlichen Willens
und Wohlgefallens sei, in welchem er alle Dinge in
Maß und Gewicht verordnet und gesetzt hat; denn
gleichwie er das Haupt der heiligen Kirche ist und
ihr Leiden sieht, so hat er auch eine Zahl, ein Maß
und Gewicht gesetzt, wie weit er den Bösen zu gehen
erlaubt, und wie weit sie greifen mögen, und nicht
mehr oder weiter, gleichwie die babylonische Gefan-
genschaft siebzig Jahre dauern sollte. Ja, wenn auch
die Not am größten ist und man meint, dass Gott
einen ganz verlassen und vergessen habe, so ist als-
dann die Hilfe Gottes am nächsten; ja, eigentlich zu
reden, der Herr tröstet vor und mitten in aller Betrüb-
nis, denn ein Christ hat in seinem Herzen den Geist
Gottes, die Quelle des lebendigen Wassers, welche
ihn stets abkühlt, tröstet, erfreut und fröhlich macht;
ja, je mehr das Leiden zunimmt, desto größere Hilfe
und Beistand erlangen wir, denn Gott lässt uns nicht
über unsere Kräfte hinaus versucht werden, sondern
macht, dass die Versuchung in der Weise ein Ende
gewinne, dass wir es ertragen mögen. Seht, in diesen
Worten zeigt uns Paulus sehr tröstlich an, dass uns
Gott nicht härter oder schwerer antasten und versu-
chen lasse, als wir ertragen mögen, denn wenn wir des
Leidens Christi viel haben, so werden wir auch durch
Jesum Christum unsern Herrn reichlich getröstet.
Ein Hauptmann macht seinen Kriegsleuten mit tap-
fern Worten und Verheißungen Mut; sollte nun der
wahrhaftige und getreue Gott uns nicht mit seinem
göttlichen Worte des Evangeliums tapfer und stark
machen, welches eine Kraft Gottes ist zur Seligkeit al-
len, die daran glauben. Ja, der gute Gott lässt es nicht
bei schlichten, einfachen Worten bewenden, sondern
ist selbst mit seinem Geiste bei uns, welcher Geist,
als ein Unterpfand, unsere Herzen von seiner göttli-
chen Hilfe versichert, und uns in unserer Schwachheit
stärkt, denn wenn der Teufel durch seinen lügenhaf-
ten Geist die Menschen treibt, dass sie zur Büberei
ganz bereit sind, und sollte es sie auch ihr Leben kos-
ten, warum sollte bei uns die Gnade Gottes durch
seinen wahrhaften Geist nicht auch zum Guten in al-
len Nöten und Trübsalen geneigt machen? Solches tut
auch der gute Gott nicht allein durch seinen Geist,
sondern auch durch Engel, Sterne, Elemente, Tiere,
Menschen und allerlei Kreaturen. Zum Exempel, Eli-
sa sagte zu seinem Knaben: Fürchte dich nicht, denn
ihrer sind mehr, die mit uns sind, als derer, die ge-
gen uns kommen. Das Rote Meer und der Jordan
öffneten sich, dass die Kinder Israel mit trockenen
Füßen durchgingen. Die Sonne und der Mond stan-
den so lange still vor Josua, bis er die fünf Könige
überwunden hatte, Elia wurde wunderbar von den
Raben gespeist; durch eines Weibes Hand sind die
Kinder Israel sämtlich aus ihrem Elend erlöst wor-
den. Gott der Herr tröstet gewöhnlich die Menschen
durch andere Menschen; denn alle Christen auf Erden
haben miteinander Gemeinschaft sowohl in glückseli-
gen als in unglückseligen Dingen; denn wenn jemand
Schmerzen und Verdruss leidet, so leidet er solches
nicht allein, sondern Christus leidet solches mit ihm,
desgleichen auch alle Christen; denn er sagt im Evan-
gelium: Ihr habt mich gespeist, gekleidet, beherbergt
und getröstet; deshalb sind auch alle Christen in dem
Herrn Jesu Christo ein Leib, ein Brot und ein Trank.
Wenn nun Christus Jesus unser Herr ganze Näch-
te im Gebete und auch im Garten vor seinem Tode
zugebracht, so sollen wir auch beständig den Vater
des Lichts, von welchem allein alle gute und voll-
kommene Gaben von oben herkommen, besonders
in unserer Not, anrufen, dass er uns, um des Todes
seines lieben Sohnes willen, alle unsere Sünden ver-
geben wolle, denn er ist um unserer Sünden willen
auferweckt; darum sollen wir bitten, dass er uns nicht
nach unserm Gutdünken, sondern nach seiner göttli-
chen Weisheit erlösen oder strafen wolle, damit wir
nicht alle zugrunde gehen möchten. Wir sollen auch
in unserer Trübsal Gott Lob und Dank sagen, dass er
uns nicht vergessen, sondern nach seiner väterlichen
Barmherzigkeit züchtigen und alle Last in Gnaden
tragen helfen wolle, gleichwie auch Paulus in seinem
Elende Gott gedankt hat, wenn er sagt: Gelobt sei Gott,
der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,
der uns in allen unsern Trübsalen tröstet. Amen.
Ein Gebet.
O barmherziger Vater! Du wollest mich doch ansehen
mit den Augen der Barmherzigkeit, womit Du den
verlorenen Sohn angesehen hast; denn Dir, o Vater,
gebührt allein Lob, Preis und Ehre, uns aber nichts
97
als Schmach vor deinem Angesichte; darum, gnädiger
Vater, übergebe ich Seele und Leib in Deine göttli-
che gnädige Obhut; leite mich durch Jesum Christum,
deinen lieben Sohn, zu allem, was deinem göttlichen
Geiste wohlgefällig ist; Du wollest der Gottlosen Rat
zu Torheit und Narrheit machen und uns bei Deinem
göttlichen Worte erhalten nun und zu allen Zeiten,
Amen. Verfertigt durch Walter von Stölwick.
Dietrich Peter Krood, Peter Trynes, Nicolaus
Roders, Peter Nicolaus Janß von Wormer im
Wasserlande.
Als das Wort Gottes in vielen Landschaften nach dem
Willen Gottes erschollen und mit vieler Christen Blu-
te bezeugt und befestigt worden ist, so ist dasselbe
auch zu Nordholland zu Wormen bekannt und an-
genommen worden, wo unter andern auch Dietrich
Peter Krood und Peter Trynes, Nicolaus Roders und
Peter Nicolaus Janß gewesen sind. Diese haben ihre
Ohren von den päpstlichen Erdichtungen abgewandt
und ihr verdorbenes Leben gebessert, und haben statt-
dessen durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes
das Wort Gottes willig in ihren Herzen aufgenommen
und ihren ganzen Wandel nach demselben eingerich-
tet. Gleichwie nun Christus vorhergesagt, es werde
die Zeit kommen, dass wer euch töten wird, wird
meinen, Gott einen Dienst daran zu tun, so hat sich
solches an den Bezeichneten sehr deutlich erwiesen,
denn weil sie nach dem Worte Gottes wandelten, sind
sie zu Enchüysen gefangen gelegt worden, sind aber
doch, weil sie auf Christum gegründet waren, in al-
len diesen Prüfungen und schweren Anfechtungen
standhaft und treu geblieben. Darum sind sie an dem
genannten Orte zum Tode verurteilt worden, und ha-
ben ihren Leib dem Herrn zu einem süßen Gerüche
aufgeopfert und also die herrliche Krone erlangt.
Von dem Jahre, worin diese Aufopferung stattge-
habt, haben wir keine Nachricht finden können.
Jacobi und Seli, seine Hausfrau, von Wormer, im
Jahre 1542.
Unter vielen andern, die um der Wahrheit des heili-
gen Evangeliums willen ihr Gut und Leben freiwillig
verlassen und übergeben haben, sind auch ein Bruder
im Wasserlande zu Wormer, namens Jacob, und seine
Hausfrau, genannt Seli, gewesen. Diese haben sich
auch um die gute Perle, die im Acker verborgen war,
bemüht und dieselbe auch gefunden. Darüber haben
sie sich gefreut und alle irdischen Reichtümer und
Wollüste dieser Welt, sowie den päpstlichen gegen
Gott streitenden Aberglauben abgelegt und ihr gan-
zes Leben nach diesem köstlichen Schatze des Wortes
Gottes eingerichtet und reguliert. Deshalb ist es ge-
schehen, dass die neidischen Papisten sie, um solches
zu dämpfen, gefangen genommen und nach Amster-
dam gebracht haben, wo sie um der Wahrheit willen
viel haben leiden müssen. Weil sie aber durch kei-
ne Versuchung sich von dem bekannten Glauben ha-
ben abziehen lassen wollen, sondern bei Christo und
seinem heiligen Worte bis zum Tode Stand hielten,
so sind sie an dem genannten Orte verurteilt und in
großer Standhaftigkeit verbrannt worden. Also haben
sie ihre Leiber zum Feuer übergeben, ihre Seelen aber
in die Hände Gottes befohlen und warten nun unter
dem Altäre bis die Zahl ihrer Mitbrüder erfüllt sein
wird.
Jan Egtwercken, Nicolaus Melisß, Aecht Melis,
Wilhelm, ihr Mann, Henrich Walingß, Catharina
Amkers, Cornelius Luytß, Nicolaus Dietrich,
Nicolaus Nicolas und Junker Dietrich Gerhard von
dem Busch, bei Krommeniersdyk, im Jahre 1542.
Nachdem nun das Wort Gottes an vielen Orten ver-
kündigt und von vielen mit großer Dankbarkeit auf-
genommen worden ist, so ist dasselbe auch im Was-
serlande auf Krommeniersdyk in Erfahrung gebracht,
geglaubt und angenommen worden; dies hat sich so
fruchtbar erwiesen, dass einige durch dasselbe von ih-
rem sündhaften Leben und stummen Götzen zu dem
wahrhaften und lebendigen Gotte gezogen und be-
kehrt worden sind, was unter andern an Jan Egtwer-
cken, Nicolaus Melisß und Aecht Melis und ihrem
Manne Wilhelm, Henrich Walingß, Katharina Amkers
und Cornelius Luytß, Nicolaus Dietrich und Nicolaus
Nicolas, sowie Junker Dietrich Gerhard von dem Bu-
sche zu ersehen ist. Diese haben sämtlich von dem
Papste und seinem Anhang sich abgesondert und un-
ter den treuen Hirten Jesum Christum begeben, haben
ihre Ohren nach seiner himmlischen Stimme gewandt
und ihre Leiber zu seinem Dienst zubereitet. Es haben
aber diese genannten dasjenige, was Christus seinen
getreuen Nachfolgern von dem Kreuze und der Ver-
folgung vorhergesagt hat, in reichem Maße erfahren;
denn die blutdürstigen Papisten haben sie gefänglich
eingezogen, gefoltert und nach vielen erlittenen An-
fechtungen vom Leben zum Tode gebracht, was sie
alles geduldig im Namen Jesu erlitten, und also die
Krone des Lebens erlangt haben; sie erwarten also
die Offenbarung Jesu, ihres Seligmachers, zu ihrer
vollkommenen und ewigen Vergeltung.
98
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Balthasar Hubmaier mit seinem Weib.
Auch ist zu Zwinglis Zeiten einer gewesen, Balthasar
Hubmaier von Friedberg, ein gelehrter und wohlbe-
redter Mann, der von den Papisten ein Doctor der
Heiligen Schrift genannt wurde. Dieser war zuerst
ein Leser und Prediger zu Ingolstadt, ist dann nach
Rheinsburg gekommen, wo er wider die Juden und ih-
ren Wucher gewaltig gepredigt hat, und durch die Er-
leuchtung des Heiligen Geistes des Gräuels des Papst-
tums kundig geworden ist; darum hat er sich von
ihnen nach dem Rate Gottes abgesondert, hat auch
nachher unter andern Irrtümern ihre selbsterdichtete
Kindertaufe verworfen und die Taufe der Gläubigen
nach dem Befehle Christi mit großem Nachdruck ge-
lehrt. Weil aber diese finstere Welt es nicht ertragen
kann, dass ihr das helle Licht des Evangeliums in die
Augen leuchte, und dass man wider ihren falschen
Glauben und ihre bösen Werke zeuge, so ist der Ge-
nannte mit vielen andern von der Weib gehasst und
verfolgt worden. Er ist aber nach mancherlei Anfech-
tungen, erlittener Landesverweisung und Gefangen-
schaft nach Nicolasburg in Mähren gekommen, wor-
auf er mit seinem Weib gefänglich eingezogen und
nach Wien in Österreich geführt worden ist, wo er
nach mancherlei Versuchungen und langer Gefangen-
schaft in großer Standhaftigkeit zu Asche verbrannt,
sein Weib aber ertränkt worden ist. Also haben sie bei-
de ihren von Gott empfangenen Glauben mit ihrem
Tode standhaft befestigt.
Leset Seb. Franck, von den römischen Ketzern,
Buchstabe B.
Dieser Balthasar Hubmaier hat zu seiner Zeit ein
Büchlein veröffentlicht, worin er über Zwingli und
die seinen klagt, indem er schreibt:
Sie hätten es dahin gebracht, dass man auf einmal
zwanzig, sowohl Männer und schwangere Frauen, als
auch Witwen und junge Mägdlein, in einen dunklen
Turm elendiglich geworfen und folgendes Urteil über
sie gefällt habe: Dass sie von nun an ihr Leben lang
weder Sonne noch Mond sehen und ihr Leben bei
Wasser und Brot beschließen sollten. Zu dem Ende
sollten sie alle in dem finstern Turme, Tote und Leben-
dige, zusammenbleiben, verfaulen und im Gestanke
liegen, bis von ihnen keiner mehr übrig wäre.
Er schreibt ferner, dass auch einige in drei Tagen
keinen Mund voll Brotes aßen, damit die andern zu
essen haben möchten.
Ach Gott (schreibt er ferner), welch ein hartes,
schweres und strenges Urteil über fromme, christliche
Leute, welchen niemand etwas weiteres nachsagen
konnte, als dass sie nach dem Befehle Christi die Was-
sertaufe empfangen hatten.
O eine betrübte Deformation (sagen wir) der soge-
nannten Reformierten! Der Herr wolle es ihnen verge-
ben und ihren Seelen bei ihrem blinden Eifer gnädig
sein!
Siehe durchgehend in Balthasar Hubmaiers Klage
über Zwingli. Ferner, in der Vorrede an den unpartei-
ischen Leser, welche dem Opferbuche vorgesetzt ist
über das Jahr 1615, Buchstabe I. Endlich, Chronik von
dem Untergange, gedruckt 1617, Pag. 1031, Col. 2.
Leonhard Bärnkopff, 1542.
Im Jahre 1542 ist der Bruder Leonhard Bärnkopff zu
Salzburg um des Glaubens willen gefangen genom-
men worden. Man hat ihn auf mancherlei Weise ver-
sucht, um ihn zum Abfall zu bringen; als er aber auf
dem engen und schmalen Wege der Wahrheit Gottes
standhaft verharrte und kein Abfall von ihm zu hof-
fen war, so hat man ihn zum Tode verurteilt, auf den
Richtplatz hinausgeführt und neben ihm ein Feuer an-
gesteckt, woran sie ihn gebraten haben; aber er hielt
sich unverrückt an den Herrn und sagte noch zu den
Bluthunden und Schindersknechten: Diese Seite ist
genug gebraten, wendet mich um, denn dieses Leiden
ist mir durch die Kraft Gottes gering und schlecht ge-
gen die ewige Herrlichkeit. Also hat er an dem Gräuel
der Verwüstung und seinem Malzeichen den Sieg wi-
der das Tier und sein Bild davongetragen; denn ehe
er dessen Malzeichen hätte annehmen oder Gott sei-
nem himmlischen Vater zuwider hätte etwas tun wol-
len, ließ er lieber seinen Leib mit den sieben tapferen
und gottesfürchtigen Söhnen rösten und braten und
durch Feuer hinrichten; auch konnte ihn solches nicht
von der Liebe Gottes abziehen, darum wird er auch
die Harfe Gottes in seinen Händen haben, dann wird
sein Mund mit allen gläubigen Überwindern, welche
durch große Trübsale gekommen sind, voll Lachens
werden, und ihre Zunge wird voll Lobgesangs sein
und sie werden mit den Knechten das neue Lied des
Lammes singen, ja sie werden den allmächtigen Gott
ewig anschauen.
Hans Huber, im Jahre 1542.
In diesem Jahre 1542 ist der Bruder Hans Huber oder
Schuhmacher zu Wasserberg im Bayerlande unter
dem Grafen Oting gefangen genommen worden. Als
sie nun mit ihm vieles angefangen und ihn vom Glau-
ben abzuziehen gesucht hatten, er aber dabei stand-
haft verharrte, so dass er stets bekannte und zeugte,
dass dieses, worauf er sich stütze, der rechte Grund
der Wahrheit und der rechte Glaube an Christum Je-
sum unsern Seligmacher sei, um deswillen er auch
99
bekannte, dass ihm um Christi willen dieses Leiden
nicht schwer falle, so ist er nachher zum Tode verur-
teilt und hinausgeführt worden. Als sie ihm nun sein
Gesicht mit Feuer verbrannten, so dass ihm das Haar
und der Bart abgesengt ward, fragten sie ihn noch,
ob er abfallen wolle, in welchem Falle sie ihn beim
Leben erhalten wollten. Er wollte aber nicht abwei-
chen, sondern ist in Christo Jesu standhaft geblieben.
Hierauf ist er lebendig verbrannt und hingerichtet
worden und hat dem Herrn Christo sein Taufgelüb-
de getreulich bezahlt, auch sein Leben zum rechten
Brandopfer um des Wortes Gottes übergeben, indem
er lieber dieses zeitliche Leben verlassen, als an Gott
treulos werden wollte; also hat er durch die Tat bewie-
sen, dass er ein standhafter Liebhaber Gottes sei.
Damian, 1543.
Um diese Zeit im Jahre 1543 hat man einen Bruder
namens Damian aus Algau zu Ingolstadt gefänglich
eingezogen, um ihn vom Glauben abwendig zu ma-
chen; als er sich aber zum Abfall nicht verstehen woll-
te, ist er zum Tode verurteilt worden und hat, indem
man ihn hinausführte, dem Volke zugeredet und von
seinem Glauben Rechenschaft gegeben, sodass ein
Student sagte, eines von beiden sei gewiss, dieser
Mensch habe seinen Glauben entweder vom bösen
Teufel, oder von dem Geiste Gottes, weil er so viel
wüsste, während er doch dem Ansehen nach ein ein-
fältiger Mensch zu sein schiene; auch hat ihm damals
jemand zugeredet und gefragt, ob er als ein frommer
Christ sterben wollte, worauf er sagte: Ja. Er fragte ihn
ferner: Was gibst du uns denn für ein Zeichen, wor-
an wir solches erkennen mögen? Der Bruder sprach:
Merke darauf, wenn man mich verbrennt, so wird
der Rauch geradewegs gen Himmel steigen, was auch
wirklich geschehen ist. Als er mm gerichtet wurde,
fragte der Scharfrichter, wohin sich sein Rauch wen-
dete, und ob er auch recht gerichtet hätte. Der Richter
antwortete: Du hast gerichtet, wie du gewollt hast, ich
habe das Urteil nicht gefällt. Also hat dieser Zeuge
Gottes und Christi die Marterkrone erreicht.
Von einem gewissen Befehl, welcher in ganz
Westfriesland wider Menno Simon und folgeweise
wider alle diejenigen, welcher seine Lehre
beistimmten, um das Jahr 1543 bekannt gemacht
worden ist.
In der Chronik von dem Untergänge der Tyrannen
und jährlichen Geschichten, in der Auflage von 1617,
auf das Jahr 1553, Pag. 1104, Col. 1 und 2 findet man
diese Worte:
»Um diese Zeit haben die Diener des Antichristen
durch ganz Westfriesland einen schrecklichen Befehl
ausrufen lassen, worin allen Übeltätern und Totschlä-
gern, welche Menno Simon den Peinigern und Scharf-
richtern in die Hände liefern würden, die Strafe ihrer
Bosheit erlassen und ihnen dabei des Kaisers Gnade,
Freiheit des Landes, auch außerdem 100 Karlsgulden
verheißen wurde.«
Wenn man diesen Befehl genau einsieht und be-
trachtet, so lässt sich die über die Maßen große Bosheit
und Tyrannei der westfriesländischen Obrigkeiten in
den Zeiten gegen diejenigen nicht verkennen, wel-
che den wahren Glauben verteidigten, oder wenigs-
tens demselben zugetan waren. Alle Missetäter und
Totschläger, welche wegen ihrer schweren Missetat
und Mordes nach den Landesgesetzen sehr schwe-
re Strafen, ja selbst den Tod verdient hatten, werden
hier glimpflicher behandelt als ein frommer Christ,
welcher niemanden beleidigt; ja, sie wurden von der
Strafe des Verderbens frei gesprochen und ihnen (laut
derselben Zeit) noch außerdem eine große Summe
Geldes verheißen, für den Fall, dass sie selbst nur eine
einzige Person, welche die wahre Lehre verteidigte,
den Richtern des Blutgerichts in die Hände liefern
würden.
Wie viel, meint ihr wohl, würde man ihnen verhei-
ßen haben, wenn sie alle Rechtgläubigen und folglich
die ganze Kirche Gottes hätten ausrotten können? We-
nigstens hätten wir gegründete Ursache zu schließen,
dass dieses die Häupter der wahren Zeugen Jesu, die
sich in den Gegenden aufhielten, im allgemeinen nicht
wenig getroffen habe, wovon auf betreffenden Orts
Nachricht gegeben werden soll, wie unbarmherzig die
Obrigkeiten daselbst durch Anreizung einiger geist-
lich genannten Personen mit den unschuldigen und
wehrlosen Schäflein der Herde Jesu Christi gehandelt
haben.
Georg Libich und Ursel Helrigling, 1544.
Um das Jahr 1544 ist Georg Libich um des Glaubens
der Wahrheit Gottes willen zu Filleburg bei Insbruck
gefangen genommen worden. Da aber dieser Ort, wie
bekannt ist, der Gefahr der bösen Geister besonders
unterworfen ist, so hat auch dieser Bruder von dem
bösen Feinde viel Widerstand und Verfolgung erlit-
ten; denn derselbe hat ihn oft in sichtbarer Gestalt
versucht, und insbesondere im ersten Jahre ihn viel
angefochten.
Einst erschien er ihm in Gestalt einer Jungfrau und
wollte ihn umarmen; wenn der Bruder niederkniete
und betete, so legte er ihm etwas in den Weg, sein
Gebet zu verhindern; auch hat er den Versuch ge-
100
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
macht, ihn mit sich zu nehmen, allein er vermochte
es nicht; er ist ihm ebenfalls in Gestalt eines Jünglings
und eines Kriegsmannes erschienen und hat viel der-
gleichen Dinge angefangen; als er aber damit nichts
schaffen oder ausrichten konnte, ist er oben zum Tur-
me hinausgefahren. Er hat auch vieles erzählt, wie es
auf dem Lande bei der Gemeinde zuginge, dass er
mit den Brüdern geredet, und dass sie ihm derglei-
chen Dinge erzählt hätten, als aber der Bruder Georg
ihn scharf bestrafte, ließ er ihn zuletzt in Ruhe und
hat sich nicht mehr viel mit ihm eingelassen. Es hat
ihn nicht allein der Feind in eigener Person besucht,
sondern auch durch seine Kinder versuchen lassen;
denn einst kam jemand zu ihm, wie ein Bruder ge-
kleidet, gab sich auch für einen Bruder aus, grüßte
ihn und sprach: Der Herr sei mit uns, mein Bruder,
und bot ihm den Frieden an, um ihn durch solche
Schalkheit zu verführen und zu betrügen. Georg aber
fragte ihn, woher er käme; er sagte: Aus Mähren, von
der Gemeinde. Hierauf fragte ihn Georg, was für eine
Botschaft er brächte, und wie es dort stünde und zu-
ginge. Er sprach: Die Gemeinde und Brüder sind alle
verjagt und zerstreut, keiner ist mehr mit dem andern
und es ist aus mit ihnen. Da merkte Georg, dass es
ein Betrug sei. Er sprach zu ihm seiner Schalkheit we-
gen, welche er wohl verstand, und hat ihn mit seinem
ernstlichen Zureden vertrieben, worüber er sich lange
zu bedenken hatte.
Um nun die Versuchungen des Satan und seiner
Kinder vollzählig zu machen, wurde eine Schwester,
die auch des Glaubens wegen gefangen lag, namens
Ursel Helrigling, eine schöne junge Weibsperson in
eben dasselbe Gefängnis an seine Füße gelegt und
eine Zeitlang daselbst gelassen. Was der Satan und
sein Same gerne gesehen hätte, ist leicht zu erraten. Sie
aber hielten sich ritterlich und gottesfürchtig, ließen
sich auch durch keine Lockung bewegen oder zu Falle
bringen.
Dieser Georg Libich wusste ein Jahr zuvor den Tag,
wann er erlöst werden sollte.
Auch sind nach ihm noch einige gefangen genom-
men worden, welche alle auf denselben Tag aus ihrer
Gefangenschaft befreit und wieder zu der Gemeinde
gekommen, dann aber im Herrn entschlafen sind.
Die Schwester Ursel, welche bei ihm gefangen ge-
wesen, ist durch Gottes Schickung ohne an ihrem
Glauben und Gewissen verletzt zu weiden, wieder
frei geworden, auch zu der Gemeinde gekommen und
daselbst im Herrn entschlafen.
Maria von Beckum und Ursel, ihres Bruders Weib,
im Jahre 1544.
In diesem Jahre 1544 war eine Schwester im Herrn,
Maria von Beckum genannt, welche um ihres Glau-
bens willen von ihrer Mutter aus dem Hause getrieben
wurde; als dies im Stifte Utrecht ruchbar geworden
und dem Statthalter gemeldet wurde, hat derselbe
Goosen von Raesfeld mit vielen Dienern ausgesandt,
um die Jungfrau bei ihrem Bruder Jan von Beckum,
wohin sie geflüchtet war, zu fangen; hier musste sie
aus dem Bette aufstehen und mit ihnen gehen; als
sie aber einen großen Haufen Volkes sah, welcher
um ihretwillen gekommen war, fragte sie ihres Bru-
der Weib Ursel, ob sie mitreisen und ihr Gesellschaft
leisten wollte, worauf dieselbe antwortete, wenn Jan
von Beckum damit zufrieden ist, so will ich gerne mit
dir gehen, und wir wollen uns gemeinschaftlich in
dem Herrn erfreuen. Als nun Maria solches von ih-
rem Bruder begehrte, war er damit wohl zufrieden,
und Ursel zog deshalb mit ihr; hier war die Liebe stär-
ker als der Tod und fester als die Hölle. Ihre Mutter
und Schwester waren aus Friesland zu ihr gekom-
men; solches aber konnte sie keineswegs bewegen;
sie hat von denselben Abschied genommen und ist
mit ihrer Schwester Maria fortgezogen, weil sie lieber
Ungemach leiden, als der Welt Freude haben wollte.
Sie wurden zusammen nach Deventer geführt; hier
kamen die blinden Leiter zu ihnen, die sie mit List
zu ihren Menschensatzungen zu überreden suchten;
sie aber antwortete: Wir halten uns an Gottes Wort
und achten weder des Papstes Satzungen noch die
Irrtümer der ganzen Welt; Bruder Grouwel wollte sie
auch viel lehren, er konnte aber seine Sachen mit der
Schrift nicht beweisen; als er sie nun nicht überwinden
konnte, sprach er: Der Teufel redet aus eurem Mun-
de, weg, weg, zum Feuer damit. Sie haben sich aufs
Höchste gefreut, dass sie würdig wären, um Christi
Namen willen zu leiden und seine Schmach tragen
zu helfen; dann hat man sie auf das Haus zu Delden
gebracht, wo man, wiewohl umsonst, viel Mühe an-
gewandt hat, sie zum Abfalle zu bringen. Es kam von
dem Burgundischen Hofe ein Verordneter, welcher
die Messe, sowie die Satzungen des Papstes, trefflich
herausstrich, aber er konnte den von ihnen angeführ-
ten Schriftstellen nichts abgewinnen. Hierauf hat er
sie gefragt, ob sie wiedergetauft wären, worauf sie ant-
worteten: »Wir sind einmal nach dem Befehle Christi
getauft, wie er geboten hat, und die Apostel getan
haben; denn es ist nur eine rechte Taufe; wer dieselbe
empfängt, hat Christo angezogen und führt ein un-
sträfliches Leben durch den Heiligen Geist im Bunde
eines guten Gewissens.« Er fragte auch, ob sie glaub-
101
ten, dass Christus ganz im Sakramente sei, welches
sie für eine blinde Frage hielten und sagten: »Gott will
weder Gleichnis noch Bildnis haben, weder im Him-
mel noch auf Erden; denn Er sagt durch die Propheten:
Ich bin der Herr, und außer mir ist kein Heiland. Von
dem Abendmahle aber finden wir, dass es Christus
zum Gedächtnisse seines Todes mit Brot und Wein
nachgelassen; so oft wir nun solches gebrauchen, sol-
len wir seinen Tod verkündigen bis Er kommt.«
Als nun diese Maria und Ursel die Einsetzungen
des Papstes für Ketzerei hielten, so sind sie den 13. No-
vember in dem öffentlichen Gerichte zu Delden vor
Pilatus und Kaiphas Gesellen gestellt und zum Tode
verurteilt worden, worüber sie sich freuten und Gott
lobten. Als nun das Volk ihre Standhaftigkeit sah und
man sie zum Pfahl führte, haben viele geweint; sie
aber sangen vor Freude und sagten: »Weinet nicht
über das, was man uns antut; wir leiden nicht,« sag-
te Maria, »als Zauberinnen oder andere Missetäter,
sondern weil wir bei Christo bleiben und von Gott
nicht weichen wollten; darum bekehret euch, so wird
es euch ewig wohl gehen.«
Als nun die Zeit des Leidens herannahte, sprach
Maria: »Liebe Schwester! Der Himmel ist uns geöff-
net, weil wir hier eine kleine Zeit leiden, so werden
wir uns in Ewigkeit mit unserm Bräutigam erfreuen.«
Hierauf haben sie sich einander den Kuss des Friedens
gegeben. Auch baten sie dort gemeinschaftlich, dass
Er den Richtern ihre Sünden vergeben wolle, denn sie
wüssten nicht, was sie täten, und weil die Welt ganz
in Blindheit versunken sei, so wolle sich Gott über
sie selbst erbarmen und ihre Seelen in sein ewiges
himmlisches Reich aufnehmen. Zuerst bemächtigten
sie sich der Maria; dieselbe bat die Obrigkeit, dass
sie doch nicht noch mehr unschuldiges Blut vergie-
ßen wollte, dann verrichtete sie ihr Gebet brünstig
zu Gott und bat auch für diejenigen, welche sie tö-
teten; darauf stand sie freudig auf und ging mit so
großer Freude zum Holzstoße, dass es nicht beschrie-
ben werden kann; dabei sagte sie: Dir, o Christe, habe
ich mich übergeben, ich weiß dass ich ewig mit Dir
leben werde. Darum, o Gott vom Himmel, in deine
Hände befehle ich meinen Geist. Der Scharfrichter
fluchte, weil die Kette nicht nach seinem Sinne war;
sie aber sagte: »Freund, bedenke, was du tust, mein
Leib ist dessen nicht würdig, dass du Christum dar-
über lästerst; bessere dich, dass du nicht in der Hölle
brennen mögest.« Der Prediger, welcher Lehrer zu
Delden war, hat die Ursel abgewandt, sie aber wand-
te sich wieder um und sagte aus einem dringenden
Gemüte: »Lasst mich meiner Schwester Ende sehen,
denn ich begehre Teil zu nehmen an der Herrlichkeit,
während sie eingehen wird.« Als nun Maria verbrannt
war, fragten sie jene, ob sie noch nicht abfallen wollte?
Sie sagte aber: »Nein, um des Todes willen nicht; ich
will den ewigen Gott nicht also verlassen.« Sie woll-
ten sie auch mit der leichteren Todesart des Schwertes
begünstigen, sie aber sagte: »Mein Fleisch ist nicht
zu gut, um für Christi Namen verbrannt zu werden.«
Damit sagte sie zu einer ihrer Basen: »Sagt Jan von
Beckum gute Nacht, und dass er Gott diene, welchem
ich nun geopfert werde.«
Als sie zum Scheiterhaufen kam, schlug sie ihre
Hände zusammen und sprach: Unser Vater, der Du
bist im Himmel. Ja, sprach der Pfaff, dort findet man
ihn. Weil ich Ihn dort suche, sagte sie, muss ich des
zeitlichen Todes sterben; hätte ich Ihn im Brote beken-
nen wollen, ich hätte wohl noch länger leben können.
Als sie nun auf das Holz trat, glitt sie aus, worauf sie
sagte: Es dünkt mich, ich falle ab; der Tyrann aber
rief: Haltet ein, denn sie will abfallen! Nein, sprach
sie, der Block weicht unter meinen Füßen; ich will in
Gottes Wort nicht schwach werden, sondern bei Chri-
sto standhaft bleiben. Also haben sie sich bis an ihr
Ende männlich gehalten und haben mit ihrem Tode
das Wort Gottes mit großer Geduld und Freimütigkeit
versiegelt und uns ein gutes Beispiel hinterlassen.
Johann Niclaus und Lucas Lambertß, einem alten
Manne, genannt Großvater, im Jahre 1544.
Einige Testamente, geschrieben von Jan Niclaus (welcher in
Amsterdam gefangen gelegen) an seine Hausfrau, Kinder
und andere Freunde im Jahre 1544:
Ein Testament an sein Weib.
Einen freundlichen Gruß in dem Herrn an mein liebes
Weib, welche ich nun nicht länger nach dem Fleische,
sondern nach der Seele liebe. Höre meine Ermahnung;
du weißt, dass, solange es uns nach dem Fleische mit
Israel wohl ging, wir nicht wussten, was wir waren;
nun aber, da uns der gute Vater antastet, fühlen wir,
dass wir krank, schwach, elend, arm und nackend
sind. Darum, mein liebes Weib, nimm dir Jesum Chris-
tum als Beispiel, auf welche Weise er uns vorangegan-
gen ist, nämlich, dass wir durch viele Trübsal ins Reich
der Himmel eingehen müssen. Vergiss dein Fleisch
mit aller deiner Sinnlichkeit, bitte den Herrn um Glau-
ben, damit du überwinden mögest. Ich will mich auch
freiwillig dem Herrn übergeben, weil Er mein Herz
mit seiner Gnade tröstet. Du hast noch Zeit zur Besse-
rung, ich aber bin an seine Gnade gebunden, worauf
ich mich verlasse. Darum gedenke dessen nicht, was
vergangen ist, sondern dringe mit festem Vertrauen in
den Herrn, er wird dir zu allem verhilflich sein, was
102
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
gut ist; dazu übergibst du dich und halte dich immer
zu denen, die den Herrn fürchten; denn das wird das
Beste für dich sein; denn wohl dem, der nicht im Rate
der Gottlosen wandelt, noch auf den Weg der Sün-
der tritt, noch da sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern
der Lust zum Gesetze des Herrn hat, und von seinem
Gesetze Tag und Nacht redet.
Mein geliebtes Weib! Bei den Gottesfürchtigen re-
det man davon und dadurch weicht man vom Bösen;
denn durch des Herrn Furcht scheut man das Böse,
und durch die Liebe vollbringt man alles Gute. Wache
doch einmal auf, denn es ist bei uns beiden nachlässig
zugegangen; laß dich des Herrn Wort zu allem Guten
anreizen; bitte Ihn um seinen Heiligen Geist; Er kann
dich trösten, denn die Leiden dieser Zeit sind der
Herrlichkeit nicht wert, die an uns offenbart werden
sollen, denn das ist die Bewährung, die an unserm
Glauben erfunden werden muss, welcher viel köst-
licher ist, als das vergängliche Gold, welches durch
Feuer bewährt wird. Mein liebes Weib, hätten wir also
ins Reich Gottes eingehen können, wie wir angefan-
gen und zuvor lange getan haben, so wäre der Weg
nicht zu enge gewesen; aber unser Heiland musste
durch Angst und Leiden zu seiner eigenen Herrlich-
keit eingehen; wie wollen wir auf dem breiten Wege
dort eingehen? Denn der Weg ist (wie der Herr sagt)
schmal, der zum Leben führt, und wenig sind derer,
die ihn finden; noch weniger aber, die richtig darauf
wandeln; denn der gute Vater hat mir zwar diesen
Weg gezeigt, aber mein böses Fleisch hat mich allzu
schwer beschwert. Gleichwohl habe ich das Vertrauen,
durch des Herrn Gnade selig zu werden; denn Paulus
sagt: Wenn ich all mein Gut den Armen gäbe, und ließ
meinen Leib brennen, und hätte die Liebe nicht, so
wäre mir 's nichts nütze.
Überlege, was diese Liebe sei, so wirst du alles auf-
nehmen können, was auch der Herr über dich ver-
hängt. Wie könnte ich es ausdrücken, die Liebe ist
Gottes Natur, dieselbe sei mit dir und uns allen; ich
gebe sie dir zum freundlichen Gruß. Der gute und
barmherzige Vater gieße sie in unser aller Herzen
durch seinen geliebten Sohn, Amen.
Grüße alle lieben Freunde in dem Herrn; bitte den
Herrn für mich; wie mir der Herr mitteilen wird, so
will ich wieder tun.
Noch ein Testament von Johann Nicolaus an sein
Weib, 1544.
Wisse, mein herzlich geliebtes Weib, dass ich dir ge-
biete, dass du niemals von dem Worte des Herrn wei-
chest, sondern tröste dich stets damit, denn das Lei-
den dieser Zeit ist nichts gegen die Herrlichkeit, die an
uns offenbart werden soll, so wir anders im Glauben
bleiben. O laß uns dadurch überwinden und nicht ab-
weichen, so werden wir die Krone empfangen, welche
der gütige Herr allen denen verheißen hat, die seine
Ankunft lieb haben; wenn wir hier bleiben wollen, so
lieben wir seine Zukunft nicht; bitten wir Ihn aber
um den Heiligen Geist, so wird uns derselbe in allen
Stücken durch seine Gnade unterweisen, trösten und
stärken. O laß uns beten! Denn durch das Gebet müs-
sen wir alles empfangen. Darum, mein liebes Weib,
sei nicht besorgt um die Dinge, die den Leib betreffen,
sondern suche das Reich Gottes und seine Gerechtig-
keit, so wird dir alles zufallen. Hiermit befehle ich
dich Gott und dem Wort seiner Gnade, welches dich
in jeder Versuchung stärken und bewahren kann. Die
Gnade des Herrn sei mir Dir und uns allen, Amen.
Erziehe meine lieben Kindlein in der Unterweisung
des Herrn, das befehle ich dir, und halte dich zu den
Guten, denn dieselben haben es gut. Sei nicht um zeit-
liche Dinge bekümmert, denn was sichtbar ist, muss
vergehen. Was du fortbringen kannst, das nimm mit,
das übrige vertraue treuen Freunden und ziehe mit
deinen Kindlein so weit, dass du vor den Menschen
beschützt bist. Erziehe sie in der Unterweisung zum
Herrn und halte dich zu denen, die den Herrn fürch-
ten. Mein liebes Weib! Gib dich zufrieden; wenn mich
der Herr durch eine schnelle Krankheit zu sich ge-
nommen hätte, so hättest du Ihm dafür danken sollen;
tue nun dasselbe. Diese Schrift hinterlasse ich dir als
Testament; warte alle Tage deines Lebens auf die Zu-
kunft unseres Herrn Jesu Christi; die Gnade des Herrn
sei mit dir, Amen.
Ein Testament an seine Kinder und dann an sein
Weib.
Meine lieben Kindlein Nicolaus Janß und Geertge
Janß, Tochter; diese Schrift hinterlasse ich euch als
Testament, wenn ihr etwa zu euren Jahren kommt;
hört eures Vaters Unterweisung. Hasst alles, was die
Welt und eure Sinne lieben, und liebt die Gebote Got-
tes. Lasst euch darin unterweisen; denn sie lehren:
Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst,
das ist, er muss von seiner eigenen Weisheit abstehen
und ernstlich bitten: Herr, Dein Wille geschehe. Tut
ihr dieses, so wird euch der Heilige Geist alles leh-
ren, was euch zum Glauben nötig ist. Glaubt nicht,
was Menschen sagen, sondern was euch dass Neue
Testament gebietet; diesem sollt ihr gehorsam sein
und Gott bitten, dass Er euch lehre, was sein Wille sei.
Verlasst euch nicht auf euren Verstand, sondern auf
den Herrn, lasst alle eure Ratschläge in Ihm bleiben
und bittet Ihn, dass Er euren Weg regieren wolle. Mei-
103
ne Kinder, wie ihr Gott den Herrn lieb haben, eure
Mutter lieben und ehren und euren Nächsten lieben
sollt, kann euch das Neue Testament lehren, so wie
auch alle anderen Gebote, welche euch der Herr ab-
fordert; was darin nicht enthalten ist, das glaubt nicht,
und was darin begriffen ist, dem seid gehorsam. Hal-
tet euch zu denen, die den Herrn fürchten, von dem
Argen weichen und die durch die Liebe alles Gute be-
wirken. Ach, seht weder auf den großen Haufen, noch
auf lange Gewohnheit, sondern auf das kleine Häuf-
lein, welches um des Herrn Wort willen verfolgt wird;
denn die Guten verfolgen nicht, sondern sie werden
verfolgt. Wenn ihr euch hierzu begeben habt, so hütet
euch vor jeder falschen Lehre; denn Johannes sagt:
Wer Übertritt und nicht in der Lehre Christi bleibt, der
hat keinen Gott, wer aber in der Lehre Christi bleibt,
der hat beides, den Vater und den Sohn. Die Lehre
Christi ist: Liebe, Barmherzigkeit, Friede, Keuschheit,
Glaube, Sanftmut, Demut und der volle Gehorsam
gegen Gott. Meine lieben Kinder! Übergebt euch dem
Guten, der Herr wird euch in allem Verstand geben.
Dieses gebe ich euch zu meinem letzten Abschiede.
Merkt auf des Herrn Bestrafung; denn wenn ihr Bö-
ses tut, so wird Er euch in eurem Gemüte bestrafen.
Darum lasst ab und ruft den Herrn um Hilfe an und
hasst das Böse, dann wird euch der Herr erlösen und
das Gute wird euch zuteil werden. Gott der Vater ge-
be euch seinen Heiligen Geist durch seinen geliebten
Sohn Jesum Christum, der euch in alle Wahrheit leiten
wolle, Amen.
Dieses habe ich, Jan Nicolaus, euer Vater, geschrie-
ben, als ich um des Wortes des Herrn willen im Ge-
fängnisse lag. Der gute Vater gebe euch seine Gnade,
Amen.
Mein liebes Weib, ich gebiete dir, dass du meine
Kinder in aller Unterweisung zum Guten erziehest,
und dass du sie mein Testament lesen lassest, und
sie im Herrn nach deinem Vermögen erziehest, solan-
ge du bei ihnen bist. Auch ist das mein Begehren an
dich, dass du dich selbst und deine Kinder nicht mehr
lieben wollest, als den Herrn und sein Zeugnis; laß
dich nicht von deinem Fleische überwinden; wollen
sie dir nicht erlauben, in dieser Stadt zu wohnen, so
ziehe in eine andere. Das aber ist mein herzliches Ver-
langen an dich, dass du dich immer zu den Guten
halten wollest, denn wohl dem, der mit den Guten
umgeht, der, welcher stets der Geringen Hilfe gewe-
sen ist, wird auch dir helfen, dieses ist der gute Vater.
Kann es nicht sein, dass du unverheiratet bleibst, so
nimm einen Mann, der den Herrn fürchtet; aber was
du auch tun magst, verlasse den Herrn nicht um ei-
ne kleine Schüssel von Brei willen. Und obgleich ich
dich für so unschuldig halte, als ich immer kann, so
verlasse doch um ganz Amsterdam willen den Herrn
nicht. Durch seine Gnade will ich Ihn um der ganzen
Welt willen nicht verlassen; tue du desgleichen. Ach,
lasst uns mit Gewalt durchdringen; mein Fleisch muss
ich durch des Herrn Gnade verlassen, verlasse deines
auch so. Mein liebes Weib, sollten wir an das Leiden
denken, wir blieben darin stecken, aber wir müssen
durch dasselbe auf die ewige Belohnung sehen; ich
tröste mich fröhlich in dem Herrn, tue auch dasselbe.
Wenn mich der Herr auf dem Bette abgefordert hätte,
du hättest wohl zufrieden sein müssen; wie viel mehr
nun? Du weißt ja nicht, wie lange deine Zeit hier sein
werde! Darum folge dem Rate des Herrn, sei immer
zu seiner Ankunft bereit, dann wirst du alles über-
winden können; denen, die überwinden, ist die ewige
Ruhe verheißen.
Ein fester Glaube, eine gewisse Hoffnung auf die
ewige Belohnung und eine brennende Liebe zu Gott
und unserm Nächsten sei mit dir und mir und uns
allen. Amen.
Schreibe mir sofort, wie es dir geht; ich werde umso
wohlgemuter sein, wenn du mein Begehren erfüllen
wirst. Bitte, der Herr will angerufen sein; dies fühle
ich jetzt. Bittet sämtlich, dass des Herrn Willen in mir
und uns allen geschehe. Amen.
Ein Testament von Johann Nicolaus an seine
Brüder und Schwestern nach dem Fleische.
Wisset, meine lieben Brüder, Cornelius Nicolaus, Ger-
hard Nicolaus und Adriaantgen, Nicolaus Tochter,
meine liebe Schwester, dass mein freundliches Be-
gehren an euch sei, dass ihr euch doch zum Herrn
bekehren, alle Hoffart, Geiz und Bosheit meiden, des-
gleichen auch alle böse Gesellschaft verlassen wollt,
euch still haltet und den Guten zugesellt. Untersucht
des Herrn Wart und bittet Ihn um seinen Heiligen
Geist, der wird euch Unterricht geben in allem dem,
das euch nötig sein wird. Dies wird geschehen, wenn
ihr euch selbst verleugnet und von eurem Eigenwillen
ablasset; denn der Herr sagt: Wer mir folgen will, der
verleugne sich selbst, nehme sein tägliches Kreuz auf
sich und folge mir nach. Darum sterbet euren Lüs-
ten ab; dann werdet ihr in der Ewigkeit nicht sterben,
denn der Sünde Sold ist der Tod. Bittet aber Gott um
seinen Heiligen Geist, Er wird eure Sinne so verän-
dern, dass ihr das Böse hassen und euch davor hüten
werdet. Ach, meine Liebsten! Hasset doch das Böse
und liebt das Gute, dann wird Gott, der allein gut ist,
mit euch sein; werdet ihr aber bei eurem bösen Sinne
bleiben, so bezeuge ich aus des Herrn Munde, dass ihr
euch selbst verdammen werdet; aber wenn ich schon
so rede, so hoffe ich doch etwas besseres von euch.
104
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Ach, bewahrt doch, was euch der Herr offenbart hat,
nämlich: Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen
tun, das tut ihr ihnen; dann wird es euch wohlgehen,
und ihr werdet reich werden an allem Guten. Hier-
zu helfe euch der gute Gott, durch Jesum Christum,
seinem geliebten Sohn. Amen.
Noch ein Testament von Johann Nicolaus an sein
ganzes Geschlecht.
Wisset, meine lieben Brüder und Schwestern, Vetter
und Freunde und mein ganzes Geschlecht, dass ich
nicht als ein Dieb, Mörder oder Übeltäter leide, son-
dern um der Ordnung willen, welche des Herrn Apo-
stel gelehrt und eingesetzt haben. Ich meine die hei-
lige Kirchenordnung, welche vor achtzehnhundert
Jahren gemacht worden ist, die Jesus Christus seinen
lieben Jüngern befohlen und mit seinem Blute versie-
gelt hat, und welche die Apostel gepredigt, gelehrt
und mit ihrem Blute befestigt haben. Meine lieben
Freunde! Lasset um meinetwillen das Haupt nicht sin-
ken, weil etwa die Menschen schreien, ich sei als ein
Wiedertäufer und Ketzer gestorben; wir finden nur
von einer Taufe auf den Glauben Nachricht und vor
dem Glauben ist von Gott keine Taufe befohlen. Es
möchte aber nun jemand fragen: Was, soll man denn
die Kindlein nicht taufen? Nein! Gleichwohl sind sie
selig durch das Verdienst Jesu Christi und sind in sei-
nem Blute getauft, denn es steht geschrieben: Gleich-
wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christo
alle lebendig gemacht werden. Dieses geschieht aus
lauter Gnade ohne irgendein Zeichen. Aber, meine
lieben Freunde, der Herr hat befohlen, das Evangeli-
um zu predigen, die da glauben, die soll man taufen.
Auch hat Er befohlen, dass die Gläubigen sein Abend-
mahl zu seinem Gedächtnisse auf solche Weise halten
sollen, wie es der Herr eingesetzt und seine Apostel
gebraucht haben; sonst hat Er ihnen nichts befohlen,
weder Messe noch Kindertaufe, noch Ohrenbeichte
oder sonstige auswendige Gottesdienste, sondern Er
hat befohlen, Gott über alles zu lieben, seinem Wort
gehorsam zu sein, seinen Nächsten wie sich selbst zu
lieben.
Ach, wo soll man diejenigen finden, die solches
tun? Forschet im Worte Gottes, es ist kein Christ, der
solches nicht wisse. Es ist ja damit nicht ausgemacht,
dass sie lehren, dass ihr bei der heiligen Kirche bleiben
sollt, sondern ihr müsst auch wissen, was die heilige
Kirche sei, nämlich: die Versammlung der Gläubigen,
welche durch das Wort Gottes ausgeboren sind, denn
es ist euch wohl bekannt, dass niemand in diese Welt
kommen kann, ohne dass er geboren werde; ebenso
kann auch niemand in die zukünftige eingehen, es
sei denn, dass er wiedergeboren sei; gleichwie Petrus
sagt: Nicht aus vergänglichem, sondern aus unver-
gänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wor-
te Gottes, das da ewiglich bleibet. O wohl dem, wel-
cher hier ausgeboren wird! Diese Wiedergeborenen
gebrauchen die rechte Taufe und das rechte Abend-
mahl, auch sondern sie sich von allen solchen ab, die
schändlich lehren oder ungeziemend leben. Sie töten
nicht den Leib, denn solches lehret Gottes Wort nicht,
sondern sie meiden ihre Gesellschaft so lange, bis sie
sich bekehren, denn sie sind die christliche Kirche, die
Gemeinschaft der Heiligen, ihnen sind ihre Sünden
vergeben, denn es ist kein anderer Name gegeben, we-
der im Himmel noch auf Erden, durch den sie selig
werden können, als der Name Jesu, das ist, durch Sein
Verdienst. Sie glauben und leben allein nach seiner
Verordnung. Er hat dieselben nicht getötet, welche
nicht an ihn glaubten, auch hat es seine heilige Kirche
nicht getan; aber er und die Seinen sind von Anfang
her getötet worden und dabei wird es auch bleiben.
Hieran sollt ihr diejenigen erkennen, die Ihm angehö-
ren. Nicht diejenigen, die sich seines Namens rühmen
und ihre Sache mit dem Schwerte behaupten, sondern
diejenigen, die nach dem Exempel des Herrn leben
und ihre Sache mit dem Worte Gottes befestigen, tra-
gen das Schwert der Rechtgläubigen. Es möchte aber
jemand sagen: Wo sind die Voreltern geblieben, die
sonst nichts gewusst haben? Solches überlassen wir
Gott zu beurteilen; man könnte auch sagen, dass der
Herr verheißen habe, bei uns zu sein, bis an der Welt
Ende; bei den Gläubigen ist er immer, bei den Ungläu-
bigen aber niemals, das heißt, mit seinem Worte und
dem rechten Gebrauche seiner Zeichen, nämlich der
Taufe und dem Abendmahle, und so wird Er stets bei
denen sein, die recht wandeln und ihr Leben nach
seinen Worten einrichten.
Liebe Freunde! Es sind zu der Apostel Zeiten sieben
Sekten unter ihnen entstanden, um deswillen aber
war die rechte Lehre nicht zu verwerfen, obgleich
nun unter dem Evangelium viele böse Buben sich her-
vorgetan haben, so nimmt doch solches dem Worte
Gottes nichts an seiner Kraft; wer selig werden will,
muss sich unter dasselbe beugen. Zu den Zeiten des
heiligen Tobias hat ganz Israel die goldenen Kälber
angebetet, welche der König Jerobeam hatte machen
lassen; er aber hielt sich allein an den Herrn, seinen
Gott, und tat, was Er ihm befohlen hatte. Freunde!
Sehet ja nicht auf den großen Haufen, sondern sehet
auf das Wort Gottes; dieses wird euch nicht betrügen.
Verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen ver-
lässt und Fleisch für seinen Arm hält; gesegnet aber
ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt. Darauf
verlasse ich mich, dass er seinen Vater nicht allein für
105
diejenigen bittet, die bei Ihm waren, sondern auch
für diejenigen, welche sich durch das Wort zu Ihm
bekehren würden. Der gute Vater wolle durch seinen
eingeborenen Sohn Jesum Christum euch den rechten
Verstand geben, dass ihr Ihn fernerhin kennen lernen
möget.
Bericht des Todesurteils über Johann Nicolaus und
einen alten Mann, Lucas Lambertß von Beveren,
auch Großvater genant, desgleichen wie sie
gestorben sind.
Als Johann Nicolaus und Lucas Lambertß, ein alter
Mann von siebenundachtzig Jahren, welchen man den
Großvater nannte, vor Gericht kamen, haben einander
mit dem Kusse gegrüßt, worauf Johann Nicolaus zu
dem Großvater sagte: Mein lieber Bruder, wie ist dir
zu Mute? Der Großvater antwortete liebreich und sag-
te mit fröhlichem Angesichte: Sehr wohl, mein lieber
Bruder. Darauf sagte Johann Nicolaus: Laß dich we-
der durch Feuer noch durch das Schwert furchtsam
machen; o welche fröhliche Mahlzeit wartet auf uns,
ehe die Glocke zwölf schlägt; worauf sie voneinander
abgesondert worden sind. Nachher sprach der Schult-
heiß: Du bist wiedergetauft? Johann Nicolaus sagte:
Ja, ich bin auf meinen Glauben getauft, wie man alle
Christen, nach Anweisung der Schrift, taufen soll; le-
set diese. Hierauf haben sie abermals zu ihm gesagt:
Du gehörst zu den verfluchten Wiedertäufern, welche
fremde Sekten, Meinungen, Irrtümer und Streit unter
dem Volke anrichten. Johann Nicolaus: Wir sind kei-
neswegs ein solches Volk; wir begehren sonst nichts
als das rechte Wort Gottes, und wenn wir darum lei-
den müssen, so berufe ich mich auf die sieben Rats-
herrn. Darauf wurde er gefragt, ob er nicht bekenne,
dass er ungefähr vor vier Jahren wiedergetauft wor-
den sei? Johann Nicolaus antwortete: Ungefähr vor
drei Jahren wurde ich getauft, wie man alle Christen
taufen soll. Der Rat sagte: So bekennst du es denn?
Johann Nicolaus: Ja. Der Rat: Wohl, wenn du nun
solches bekennst, so haben wir Vollmacht von allen
sieben Ratsherren. Johann Nicolaus: Kann ich nicht
vor den vollen Rat kommen? Man lässt es ja Dieben
und Mördern zu, warum sollte es mir nicht auch er-
laubt sein? Hierauf gingen die vier Ratsherrn hinaus,
das Urteil zu fällen. Johann Nicolaus aber erhob seine
Stimme und sprach: O barmherziger Vater, du weißt,
dass wir keine Rache verlangen. Er schlug auch seine
Hände in einander und sagte: Gib ihnen deinen Geist
und rechne ihnen dieses nicht als Bosheit an. Dann
kamen die vier Ratsherrn wieder ins Gericht und setz-
ten sich nieder, um das Urteil bekannt zu machen und
sagten also: Johann Nicolaus, gebürtig zu Alkmaar,
welcher das Volk falsche Lehren, Irrtümer und neue
Meinungen gelehrt hat, worauf Johann Nicolaus ant-
wortete und sagte: Dem ist nicht also. Die Herren des
Gerichts aber haben ihm hierauf das Reden verboten,
weshalb der gute Johannes Nicolaus still geschwiegen
hat, damit er sein Urteil anhören möchte; darauf fuh-
ren sie in ihrem Urteile fort und sagten zum Schreiber:
Lies ab seine Missetat. Derselbe hat nun vorgelesen,
dass Johann Nicolaus zu Antwerpen 600 Bücher, die
er mit Menno Simon aufgesetzt haben soll, hätte dru-
cken lassen, welche er in ihrem Lande ausgestreut und
wobei er falsche Meinungen gelehrt, fremde Sekten
aufgerichtet, auch Schule gehalten und Versammlun-
gen aufgerichtet hätte, um Irrtümer unter das Volk zu
bringen, was gegen den Befehl des Kaisers und unse-
re Mutter, die heilige Kirche, ist, und was die Herren
des Gerichts nicht dulden, sondern vielmehr strafen
sollen. Hierüber hat sie, wie zuvor, Johann Nicolaus
gestraft und gesagt, es seien keine Sekten, sondern
es sei Gottes Wort. Die Herren des Gerichts antwor-
teten hierauf: Wir verurteilen dich, dass du mit dem
Schwerte vom Leben zum Tode hingerichtet werden
sollst. Der Leib soll aufs Rad gelegt, dein Haupt aber
auf einen Pfahl gesteckt werden, und solches Urteil
fällen nicht wir über dich, sondern der Hof. Als nun
Johann Nicolaus aus dem Gerichte ging, hat er gesagt:
Ihr Bürger sollt Zeugen sein, dass wir aus keiner an-
dern Ursache, als um des lautern Wortes Gottes willen
sterben; dieses ist vor Gericht geschehen. Als Johann
Nicolaus auf die errichtete Schaubühne kam, hat er
eine sehr verständige Anrede des Inhalts an das Volk
gehalten: Höret, ihr Bürger zu Amsterdam! Wisset,
dass ich nicht als Dieb oder Mörder leide, oder als
hätten wir nach anderer Leute Gut oder Blut getrach-
tet; auch seht mich nicht an, als ob ich mich selbst
rechtfertigen oder erheben wollte, sondern ich kom-
me mit dem verlorenen Sohne und gründe mich allein
auf das reine Wort Gottes. Der Scharfrichter stieß ihn
hierauf auf seine Brust: Johann Nicolaus aber wandte
sich um und rief mit lauter Stimme: O Herr, verlass
mich weder jetzt noch in der Ewigkeit! Herr, du Sohn
Davids, nimm meine Seele auf!
Hierauf hat der liebe Bruder Johannes Nicolaus das
Wort Gottes mit seinem Blute befestigt, worauf sein
Haupt auf einen Pfahl gesetzt, sein Leib aber aufs Rad
den Vögeln und wilden Tieren zum Raube gelegt wur-
de; der alte 87 jährige Großvater aber hat gleichfalls
sein altes graues Haupt um der Wahrheit Jesu Christi
willen gutwillig dem Schwerte dieser Tyrannen über-
geben, und ruhen also beide unter dem Altar.
106
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Einige Gläubige und Getaufte nach dem Befehle
Christi, welche versammelt waren, das Wort Gottes
zu hören, werden zu Rotterdam 1544 getötet.
Was der heilige Apostel Paulus durch den Geist Gottes
geweissagt hat, dass alle diejenigen, welche in Christo
Jesu gottselig leben wollen, Verfolgung leiden müs-
sen, hat sich auch in Wahrheit in der Stadt Rotterdam
um das Jahr 1544 erwiesen, wo eine Anzahl frommer
Nachfolger Jesu Christi im Namen des Herrn mitein-
ander versammelt waren, um miteinander zu reden
und von dem Worte Gottes zu handeln, auch sich un-
tereinander zu erbauen und in der angenommenen
Wahrheit des heiligen Evangeliums zu stärken; des-
gleichen auch, um den großen Gott des Himmels und
der Erde aus einem Munde und mit demütigem Her-
zen um die Vergebung und Erlassung der Sünden und
um die Gabe des heiligen Geistes zu bitten und also
seinem preiswürdigen Namen mit vereinigtem Lobe
zu danken. Aber die Papisten, welche der Wahrheit
Feind sind, haben jede solche gute Übung der Gottse-
ligkeit zu verhindern und zu unterdrücken gesucht
(so viel in ihrem Vermögen war); daher ist es gekom-
men, dass die erwähnte Versammlung der Frommen
ihnen in die Hände gefallen ist, indem sie durch ein
Weib, welches in das Haus der Versammlung gekom-
men ist, unter dem Vorwände, einen Kessel zu leihen,
verraten worden sind. Als sie nun den Wölfen in die
Hände gefallen sind, haben dieselben nach ihrer Art
sehr grausam mit diesen wehrlosen Schäflein gehan-
delt, in der Absicht, um dieselben von der Wahrheit
abzuziehen, wiewohl sie solches alles in Geduld um
des Namens Jesu Christi willen gern erlitten und er-
tragen haben (und das zwar in der festen Hoffnung
auf sein unvergängliches Reich). Als sie aber durch
keine Pein zum Abfall bewegt werden konnten, sind
sie zum Tode verurteilt worden; dieses Urteil ist auch
an ihnen vollstreckt worden, indem die Mannsper-
sonen an dem bezeichneten Orte mit dem Schwerte
enthauptet, die Weiber aber grausamer Weise in einen
Bach geworfen und unter das Eis gesteckt worden, bis
sie endlich gestorben sind. Also haben hiermit diese
beiden Gemeinden oder Völker, das ist, die Gemeinde
Gottes und die Gemeinde des Satans, klar bezeugt
und ausgedrückt, wessen Geistes Kinder sie gewesen
sind, welches an den Früchten, der Art und Natur
derselben leicht gemerkt und ersehen werden kann.
Die Antichristlichen sind als reißende und raubende
Wölfe von Natur zum Fangen und Würgen geboren,
die Gemeinde Jesu Christi aber besteht in sanftmü-
tigen Schafen und Lämmern, welche, wenn sie zur
Schlachtbank geführt werden, stumm sind und sich
nicht rächen mögen, und deshalb ihren Leib um des
Namens des Herrn willen freimütig übergeben. Dar-
um werden auch diese Schäflein, wenn der oberste
Hirte wieder erscheinen wird, mit allen treuen Knech-
ten die süßen Worte hören: Gehet ein zu eures Herrn
Freude.
Unter diesen Auf geopferten hat sich auch eine Jung-
frau von vierzehn Jahren befunden; diese hat das Lied
gemacht, welches in dem alten Liederbuche steht und
so anfängt: Emanuel, der ausgegangen aus seines Va-
ters Reich in dieses Weltgebäude.
Franz von Bolßweert, 1545.
Zu Bolßweert in Friesland ist ein rechtes Schäflein
Christi, namens Franz, gewesen, welcher schlicht und
recht in der Furcht Gottes lebte; aus diesem Grunde
wurde er ergriffen und auf einem Schlitten nach Leeu-
warden gebracht; hier ist er vor dem Richter gefragt
worden, warum er nicht schwören oder das Abend-
mahl mit ihnen in der Kirche halten wollte, worauf
er geantwortet hat: Meine Herren, Christus lehrt uns,
dass wir nicht schwören sollen, und weil ihr ungläu-
big und unrein seid, will ich mich mit euch nicht ge-
mein machen. Um solcher Reden willen gerieten die
Herren in Zorn und sagten: Wir sind weder Diebe
noch Mörder, warum sollten wir denn unrein sein?
Aber es kommt uns vor, du habest eine falsche Leh-
re und solche Ketzer gibt es nicht viele, wir wollen
dieselben ganz ausrotten. Franz sagte: Meine Herren,
entrüstet euch nicht, sondern lasset eure Hohenpries-
ter mir die falsche Lehre, die ich habe, aus der Bibel
beweisen; ich habe hier eine mitgebracht, kommt und
unterrichtet mich daraus. Hierauf haben die Herren
mit den Isabels Priestern Rat gehalten und gesagt: Er
hat unsere Messe verschmäht; auch hält er nicht von
unsern Gewohnheiten, und wir haben einen schar-
fen Befehl, welchem wir gehorsam sein müssen; nach
solchem muss er sterben; also ist er auf den Palma-
bend 1545 zum Tode verurteilt worden, nämlich zu
Asche verbrannt zu werden. Für dieses Urteil hat er
den Herren unerschrocken gedankt und gesagt: Ich
will euch dieses alles von Herzen vergeben, und wün-
sche, dass euch Gottes Geist zur Besserung erleuchten
wolle, dass ihr Buße tun und euch nach Gottes Wort
richten möget; nun gehe ich nach der heiligen Stadt
und meines Vaters Erbe. Hierauf wurde er wie ein
Schlachtschaf zum Tode geführt. Viele, die solches
sahen, haben geweint; er aber sagte: Weinet nicht, son-
dern bereitet euch dazu, dass ihr euren Sünden ab-
sterbet, denn dieses ist der rechte Weg zum Leben
einzugehen; er hat auch noch andere tröstliche Wor-
te geredet. Nachdem er nun öffentlich gebetet hatte:
Herr Gott, nimm meine Seele auf und weide sie in
107
deinem Frieden, so hat der Scharfrichter sein Werk
mit ihm angefangen. Als er ihn aber entkleidet und
an den Pfahl gebracht hatte, und nun ihn mit dem
Stricke erwürgen wollte, riss der Strick, dass er nie-
derfiel. Hierüber ist der Scharfrichter erschrocken und
hat ihn mit vielem Torf und Holz schnell zu Asche
zu verbrennen gesucht, aber Gott erzeigte dabei sein
Wunderwerk; denn das Feuer hat seine rechte Kraft
verloren, so dass sein Leib nicht ganz verbrannt wer-
den konnte; darum haben sich auch die Herren über
den Scharfrichter entrüstet und zu ihm gesagt, dass
er nicht Holz genug herbeigebracht habe, wiewohl es
der Wille Gottes gewesen ist, dass er also unter die
Zahl der Märtyrer kommen sollte.
Oswald von Jamniß, 1545.
In eben demselben Jahre ist der Bruder Oswald von
Jamniß zu Wien in Österreich um des Glaubens willen
gefangen gesetzt worden. Man hat mancherlei ver-
sucht, um ihn vom Glauben abzubringen, denn die
Bürger kamen zu ihm ins Gefängnis und redeten ihm
freundlich und ernstlich zu, er sollte abweichen, sonst
müssten sie ihn in der Donau ertränken; aber er sagte:
Ob ihr mich schon ertränkt, so will ich doch von Gott
und seiner Wahrheit nicht abweichen. Christus ist für
mich gestorben. Ihm will ich nachfolgen und auch
um seiner Wahrheit willen lieber sterben, als dieselbe
verlassen. Sie konnten ihn, was sie auch sagten, nicht
zum Abfall bewegen; nachher kamen zwei Brüder zu
ihm, dieselben trösteten ihn und er befahl ihnen sein
Weib und Kind. Sie umarmten sich und nahmen so
Abschied voneinander und wünschten ihm Geduld in
seinem Leiden, woran er doch unschuldig war. Als er
nun ein Jahr und sechs Wochen gefangen gelegen hat-
te, haben sie ihn nun auf einen Mittwoch, des Nachts,
aus dem Gefängnisse und aus der Stadt geführt, da-
mit die Menge des Volks es nicht sehen oder hören
sollte; darauf haben sie ihn ins Wasser geworfen und
in der Donau ertränkt. Es ist auch kein Urteil über
ihn gefällt worden, desgleichen hat man auch sein
Verbrechen nicht angezeigt.
Weil er sich nun bis an sein Ende so geduldig und
tröstlich betragen hat, so wird ihn Gott auch beken-
nen, und wenngleich sie ihn heimlich und bei Nacht
gerichtet haben, so wird er doch in dem öffentlichen
Gerichte des Herrn im Tale Josaphat erscheinen, wo
ein anderes Gericht gehalten werden wird, und dieses
Gericht wird diejenigen wohl hundertmal schwerer
treffen, welche das unschuldige Blut auf Erden ver-
wegen verurteilen, ja es wird denen von Sodom und
Gomorrha am jüngsten Tage erträglicher ergehen als
allen solchen.
Andreas Kofler, im Jahre 1545.
Im Jahre 1545 ist auch einer aus Etschland, namens
Andreas Kofler zu Ips an der Donau um des Glau-
bens und der göttlichen Wahrheit willen gefangen ge-
nommen worden, weil er weder abweichen noch ver-
leugnen wollte, noch durch die Pfaffen und falschen
Propheten sich abwendig machen ließ; nachher ist er
von den Pilatuskindern zum Tode verurteilt und dem
Scharfrichter überantwortet worden; derselbe hat ihn
mit dem Schwerte gerichtet und die Gottlosen also
befriedigt; er hat demnach die Wahrheit Gottes männ-
lich bis an seinen Tod bekannt und bezeugt; nun ist er
voraus nach dem ewigen Lichte und Leben und ruht
in Abrahams Schoße, ja unter dem Altäre, unter wel-
chem diejenigen liegen, welche um des Wortes Gottes
und des Zeugnisses Jesu Christi willen enthauptet
und erwürgt worden sind, bis die Zahl ihrer Mitbrü-
der, die auch, gleichwie sie, getötet werden sollen,
erfüllt sein wird.
Hans Blietel, im Jahre 1545.
In eben demselben Jahre 1545 ist gleichfalls der Bru-
der Hans Blietel, welcher von der Gemeinde ausge-
sandt worden ist, zu Ried im Bayerlande gefangen
genommen worden. Als nämlich die von Ried Geld
daraufsetzten, wer ihn auskundschaften könnte, hat
sich ein Verräter gefunden; dieser gab ihm gute Worte,
stellte sich an, als wäre er sehr eifrig und verlangte
um ihn zu sein, nahm ihn auch mit sich in sein Haus.
Der Bruder, welcher meinte, es sei ihm um das Heil
seiner Seele zu tun, ging mit ihm; als er aber in sein
Haus kam, schloss er ihn ein und sagte: Hans, du bist
ein gefangener Mann. Er aber sagte zu ihm: Davor
behüte dich Gott; ich bin ja um des Guten willen zu
dir gekommen.
Der Verräter forderte Geld von ihm und wollte ihn,
wenn er ihm solches geben würde, loslassen; als aber
der Bruder solches nicht tun wollte, ging er zur Ob-
rigkeit und verriet ihn. Als er von ihnen gehen sollte,
begehrte auch des Verräters Weib Geld von ihm, denn
(sagte sie) die Obrigkeit würde ihn doch mitnehmen;
sie wollte, wenn er ihr 15 Gulden geben wollte, ihn
aus dem Hause entwischen lassen. Der Bruder Hans
Blietel aber wollte ihr nicht einen Heller zugestehen,
sondern wollte lieber mit Gottes Hilfe jede Trübsal
erwarten. Unterdessen kam die Obrigkeit mit einem
großen Haufen bewaffneter Männer und nahm den
Bruder samt dem Verräter, sowie auch dessen Weib,
gefangen, und verwahrte sie wohl mit Stricken, Ban-
den und Seilen.
Als sie nun nach Ried in die Markt kamen, nahmen
108
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sie dieselben und peinigten sie grausam, sowohl den
Verräter als den Bruder, denn da sie so wenig Geld
bei dem Bruder fanden, meinte die Obrigkeit, dass
ihm der Verräter solches abgenommen hätte; auch ha-
ben sie dem Weibe des Verräters die Hände so übel
zugerichtet, dass das Blut herauslief, und solches zu
wissen verlangt; und obwohl dieselben nichts empfan-
gen hatten, so kam ihnen doch ihre Verräterei teuer
zu stehen. Als der Bruder Hans vier oder fünf Wo-
chen gefangen gelegen hatte, so hat es sich ungefähr
um St. Johannestag zugetragen, dass man ihn verur-
teilt hat, lebendig verbrannt zu werden. Darauf haben
sie ihn hinaus nach dem Richtplatze geführt; hier un-
terstanden sich die Pfaffen, ihn dahin zu bewegen,
dass er von seinem Glauben abfiele und denselben
verließe. Aber er sagte zu ihnen: Ihr mögt von eurer
gottlosen Verführung abstehen; ich will eure falsche
Lehre nicht hören, noch derselben beistimmen; ich ha-
be wohl jetzt eine andere Arbeit, als euch, ihr falschen
Propheten, zu hören; ich muss dem Herrn, meinem
Gotte, in Christo nachfolgen und das vollenden, was
ich angelobt habe; darum blieben die Pfaffen zurück
und ließen ihn in Ruhe. Es begegnete ihm aber im Hin-
ausführen auf dem Wege nach dem Richtplatze einer
seiner Bekannten, namens Mich. Dirks, oder Krämer;
als sie nun einander antrafen, hat Hans Blietel dem
Michael mit lachendem Munde angesehen und nach
dem Himmel gewiesen; dieser verwunderte sich, dass
er lachen könnte, indem er ja zum Tode und Feuer
ginge; ja solches hat Michael in seinem Herzen sehr
gedemütigt, gleichwie auch sein Weib, welche in drei
Tagen nichts gegessen hat; sie hat sich auch, nebst
mehreren andern bemüht, zur Gemeinde zu kommen
und fromm zu werden.
Als der liebe Bruder Hans hinaus auf den Richtplatz
kam, dachte er an die Gemeinde und rief mit lauter
Stimme unter das Volk, ob etwa jemand vorhanden
wäre, der es wagen wollte, der Gemeinde Gottes in
Mähren zu verkündigen, dass er, Hans Blietel, um des
Evangeliums willen zu Ried im Bayerlande verbrannt
worden sei. Sofort trat ein eifriger Mann voll Fröm-
migkeit hervor; derselbe war durch dessen Standhaf-
tigkeit aufgemuntert, und obgleich er nicht zu ihm
kommen konnte, so rief er ihm doch zu, er wolle es
der Gemeinde in Mähren sagen und bekanntmachen,
dass er zu Ried um des Glaubens willen verbrannt
worden sei. Dies machte den Bruder Hans so wohlge-
mut, dass er abermals zum Volke sprach: Dieser mein
Glaube ist die göttliche Wahrheit; solches will ich euch
bezeugen, und ich sage euch: Tut Buße, bessert euch,
und lasst ab von eurer Ungerechtigkeit und eurem bö-
sen und lasterhaften Leben; werdet ihr solches nicht
tun, so wird euch Gott um eurer Sünden willen heim-
suchen und euch mit ewiger Pein strafen, welche auf
alle Sünder wartet, ja er wird auch das unschuldige
Blut von euren Händen fordern, und um des willen an
euch Strafe ausüben. Als nun das Feuer angezündet
und bereitet war, band man ihn auf eine Leiter; unter-
dessen erklärte er wiederholt, dass dies die Wahrheit
und der Weg zum ewigen Leben, ja die rechte Gemein-
de Gottes seien; dessen seien Himmel und Erde seine
Zeugen. Auch soll Gott, sprach er, heute ein Zeichen
am Himmel geben als Beweis, dass dies der Weg zum
ewigen Leben sei. Solches ist auch geschehen; denn
die Sonne am Himmel verfinsterte sich und wurde so
unklar, dass sie auch keinen Schatten mehr warf; ja,
obgleich der Himmel klar und hell war, so gab doch
die Sonne auf Erden einen bleichen und gelben Schein
von sich; denn mit solchen Zeichen wollte Gott die
Wahrheit bekräftigen. Dieser Freund Gottes hat auch
im Feuer gesungen, indem er noch eine Zeitlang darin
gelebt hat; er hat Gott mit seinem Gesänge gelobt und
für alle Menschen, die dessen wert waren, gebetet,
dass Gott sie erleuchten wolle. Und also ist er in der
Feuerprobe gleich dem köstlichen und reinen Golde
beständig und im Glauben standhaft erfunden wor-
den; er hat auch das, als ein gewisses Zeichen, vorher
verkündigt, dass der Rauch seines Scheiterhaufens
schnell über ihm in die Höhe steigen und dass seine
Seele in demselben nach dem Himmel fahren würde;
solches ist auch geschehen, so dass der Ranch in gera-
der Richtung gen Himmel gefahren ist. Einige sagen,
es habe eine schöne weiße Taube im Feuer geschwebt,
und sei über ihm gen Himmel geflogen. Also ist ihm
Gott sehr kräftig zur Seite gewesen.
Michael Matschilder, Elisabeth, sein Weib, und
Hans Gurßham, im Jahre 1546.
In diesem Jahre 1546 ist auch der Bruder Michael Mat-
schilder, oder der kleine Michael genannt, welcher ein
Diener Jesu Christi und seiner Gemeinde gewesen,
mit zwei andern, nämlich seinem ehelichen Weibe
Elisabeth, und mit Hans Gurßham, einem Schuhma-
cher, zu Altenburg in Oberkärnten gefangen gelegt
und verhört worden. Daselbst war ein Doctor und ein
Gelehrter von Vilach; diese handelten mit ihnen, aber
dieser Bruder gab ihnen solche Reden und Antworten,
dass sie mit Schande ihren Abschied nehmen mussten
und nichts ausrichten konnten.
Nachher hat man sie in eisernen Ketten durch Stei-
ermark geführt, und sie zu Wien im Amthause dem
Stockmeister überantwortet, welcher sagte: Kommt,
ich will euch in ein Gewölbe bringen; es befanden
sich aber in demselben Hans Stautdach und seine drei
Mitgefangenen.
109
Als sie zusammenkamen, umarmten und küssten
sie einander und lobten Gott, dass er sie um seines Na-
mens Ehre willen zusammengebracht hatte; nachher
hat man Hans Stautdach nebst seinen drei Mitgefange-
nen, wie zuvor gemeldet, hingerichtet; diese letzteren
aber hat man sehr lange, nämlich an drei Jahre, näm-
lich bis ins Jahr 1549 gefangen gehalten, um welche
Zeit in der Stadt ein Brand entstanden ist. Bei dieser
Gelegenheit hat man, wie in dieser Stadt gebräuchlich
ist, wenn ein Brand entsteht, die Stadttore zugeschlos-
sen und die Gefangenen losgelassen. Nachdem nun
der Brand gelöscht war, ist, durch Gottes Schickung
und der Beihilfe eines Bürgers, der Bruder Michael
und sein Weib aus der Stadt entkommen und bei der
Gemeinde angelangt, und also hat ihnen Gott unver-
letzt und in Frieden wieder zu ihrer Freiheit geholfen.
Hans Gurßham aber ist wieder ins Gefängnis gegan-
gen und hat noch ein Jahr gefangen gelegen, nämlich
bis ins Jahr 1550, zu welcher Zeit er auf einen Frei-
tag frühe, im Juni, in der Donau ertränkt und also
hingerichtet worden ist.
Quirinus Pieterß, von Groningen, um des
Zeugnisses Jesu Christi willen zu Amsterdam in
Holland durch Feuer hingerichtet oder lebendig
verbrannt, den 16. April im Jahre 1545.
Als nun der Gewissens und Glaubenszwang nicht auf-
hörte, sondern von den Papisten gegen die frommen
Christen, die sich, nach dem Befehle Christi, auf ihren
Glauben hatten taufen lassen, nur mehr entzündet
wurde und durchbrach, so ereignete es sich, dass ein
frommer Bruder, namens Quirinus Pieterß, in Gronin-
gen geboren, sich von dem Papsttume abgesondert
und sich unter die Kreuzeskirche Jesu Christi begeben
hat, die man Taufgesinnte, oder verächtlich Wieder-
täufer, nannte; derselbe hat sich dann von Menno Si-
mon, welcher zu der Zeit einer der berühmtesten Leh-
rer in Friesland gewesen, auf das Bekenntnis seines
Glaubens durch die Taufe der Gemeinde einverleiben
lassen.
Als er aber ungefähr vor 6 Jahren sich nach Holland
begab und sich zu Amsterdam niederließ, um daselbst
in der Stille nach seinem Glauben und Gewissen zu
leben, hat ihn die Obrigkeit daselbst gar bald ausge-
kundschaftet, gefangen genommen und zuletzt, den
16. April des Jahres 1545, als er nicht abfallen woll-
te, verurteilt, mit Feuer gestraft zu werden, wodurch
denn auch sein Tod erfolgt ist.
Diese abscheuliche und harte Todesstrafe hat dieser
fromme Held Christi standhaft erduldet, nachdem er
seine Seele in die Hände Gottes befohlen hatte.
Dieses alles haben wir aus nachfolgendem Todes-
urteile gezogen, welches auf den Tag seines Todes
durch die Herren der Finsternis vor Gericht öffent-
lich abgelesen und uns aus dem Blutgerichtsbuche
durch Vermittlung des Sekretärs daselbst aufrichtig
zugesandt worden ist, dessen Inhalt, den Titel ausge-
nommen, also lautet:
Todesurteil über Quirinus Pieterß von Groningen.
Nachdem Quirinus Pieterß, geboren in Groningen,
sich zu der Wiedertäufer Unglauben und Ketzerei be-
geben, indem er sich ungefähr vor sechs Jahren von
einem Lehrer der gemeldeten Sekte, Menno Simon,
hat wiedertaufen lassen, auch eine böse Lehre von den
Sakramenten der heiligen Kirche behauptet, und noch
überdies andere Menschen zu solchem Unglauben
und Irrtümem verführt und ihnen dazu geraten hat,
was gegen den christlichen Glauben, die Ordnungen
der Kirche und die Befehle ihrer Kaiserlichen Maje-
stät, unsers gnädigsten Herrn, streitet, und außerdem
noch bei dem vorgebuchten Unglauben hartnäckig
verharrt, so ist es geschehen, dass meine Herren, die
Räte, nachdem sie die Anklage gehört haben, welche
mein Herr, der Schultheiß, gegen den vorgemeldeten
Quirinus Pieterß erhoben und dabei seine (des Beklag-
ten) Antwort und Bekenntnis, und alle Umstände der
vorgemeldeten Sache in reife Überlegung gezogen,
dem vorerwähnten Quirinus Pieterß verurteilen von
dem Scharfrichter mit Feuer hingerichtet zu werden;
und dass sie ferner seine Güter zu ihrer Kaiserlichen
Majestät Nutzen der Kaiserlichen Kammer verfassen
zu sein erkennen. Dieser Ausspruch ist den 16. April
in Gegenwart des ganzen Rates des Gerichts von Meis-
ter Heinrich Dirkß, Bürgermeister, geschehen.
Zufolgedessen ist Quirinus Pieterß auf denselben
Tag vom Scharfrichter hingerichtet worden.
Nota - Dieses alles ist aus dem Protokolle des Blut-
gerichts gezogen, welches in der Kanzlei der Stadt
Amsterdam niedergelegt ist. N. N.
Hans Stautdach, Anthonius Klein, Blasius Beck,
Leonhard Schneider, im Jahre 1545.
Im Jahre 1545 sind vier Brüder, mit Namen Hans Staut-
dach von Kaufbayern, Anthonius Klein, ein Schneider
von Gundhausen, Blasius und Leonhard Schneider,
beide von Kaufbayern, als sie mit ihren Weibern und
Kindern zu der Gemeinde hierher nach Mähren zie-
hen wollten, in Österreich gefänglich eingezogen wor-
den. Man hat sie darauf den dritten Tag im August
nach Wien gebracht und sie paarweise aneinander
gebunden, hat ihnen schwere Ketten an die Füße ge-
legt und sie als Missetäter durch die Straßen geführt.
110
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
auch ihre Weiber und Kinder ihnen nachfolgen lassen;
dann hat man sie ins Gefängnis gelegt und vier Tage
lang bei Weib und Kindern gelassen; in diesen vier
Tagen hat man sie verhört und ihnen hart zugesetzt,
ob sie bei solchem Glauben bleiben wollten, worauf
sie bekannt, dass sie solches mit Gottes Kraft und Hil-
fe halten würden. Hierauf haben sie die vier Brüder
in ein anderes Gefängnis gebracht, dann haben sie
dieselben noch einmal verhört, und auch ihre Weiber
und Kinder in des Richters Haus geführt, die Brüder
aber dabei verhindert mit ihnen viel zu reden.
Auf einen Sonntag, den 16. August, ist viel Volk zu
ihnen in das Gefängnis gekommen und hat mit den
Brüdern gesprochen, auch von ihren Weibern, wie
sehr man ihnen aber auch zusetzte, um sie zum Ab-
falle zu bewegen, so hielten sie sich doch tapfer und
männlich, obgleich man ihnen sehr drohte, ihre Kin-
der wegzunehmen; ihre Weiber sind übrigens endlich
wieder freigelassen und zu der Gemeinde gekommen.
Nachher hat man mit diesen Brüdern viel Schalkheit
getrieben, um sie durch Furcht zum Abfalle zu be-
wegen. Viermal sind sie vor die Obrigkeit nach Wien
gebracht worden, auch vor Mönche, Pfaffen und Doc-
toren, welche Christus nicht umsonst reißende Wölfe
nennt, vor denen man sich hüten soll, denn ihre Pfaf-
fen sind gleich den Wölfen, dieselbe kommen ja in
einem schönen Gewände, sie zu verschlingen; aber
sie wollen sie zuerst alle getötet und erwürgt haben,
denn es ist den falschen Propheten leid, wenn sie je-
manden bei seiner Frömmigkeit lassen müssen und
ihn nicht verführen können; darum arbeiten sie auf
viele und mancherlei Weise. Sie haben derer genug,
welche ihrer falschen Propheten Lehre folgen und ih-
rem gottlosen und lasterhaften Leben nachwandeln;
sie könnten ja wohl die Frommen in Ruhe lassen.
Also haben sie diese Liebhaber Gottes zwar auch
versucht, aber denselben nichts abgewinnen können,
sondern sind an ihnen zu Spott und Schanden gewor-
den, denn es kann niemand Christo die Seinen aus
der Hand nehmen. Sie haben ihnen auch des Königs
Befehl vorgelesen und ihnen mit Feuer, Wasser und
Schwert gedroht, desgleichen auch, dass man sie nur
mit Wasser und Brot speisen und sie voneinander tren-
nen oder sie bei der Nacht ertränken wolle wie den
Bruder Oswald von Jamnitz; mit dergleichen Dingen
haben sie ihnen Furcht einjagen wollen, wie zuvor
berichtet worden ist. Aber diese Ritter und Helden
der Wahrheit Gottes waren unerschrocken.
Den 5. Tag nach St. Michaelis hat man sie wieder
darüber verhört, ob sie vom Glauben abfallen wollten,
und wenn dies nicht der Fall wäre, so hätten sie Be-
fehl, sie vom Leben zum Tode zu bringen, es sei durch
Feuer, Wasser oder Schwert; dies war ihre letzte Er-
mahnung; als sie aber mit ihren Drohungen nichts
ausrichten konnten, haben sie alle vier wieder in das
Gefängnis (Joppen genannt) geführt. Den Hans Staut-
dach haben sie im Gefängnisse gelassen, Blasius in
der Holzkammer, Leonhard aber, nebst einem andern,
in einem hellen Gefängnisse; nachher aber ungefähr
um Allerseelentag, hat man sie wieder zusammenge-
bracht.
Hierauf, nämlich nicht lange nach St. Martinstag,
den 22. November, hat man sie, als sie männlich und
standhaft geblieben sind, und ohne Hehl bekannten,
dass sie auf dem rechten Wege der göttlichen Wahr-
heit wandelten, welches sie mit ihrem Blute versiegeln
wollten, zum Tode verurteilt und dem Scharfrichter
übergeben. Derselbe band sie und führte sie des Mor-
gens früh, als der Tag anbrach, nach dem Hochgerich-
te hinaus, damit nicht, wenn es ruchbar würde, die
Menge des Volkes herbeilaufen möchte.
Als man sie nun zur Schlachtbank hinausführte,
waren sie guten Mutes und sangen fröhlich; darauf
wurde ein Kreis geschloffen, wie die Scharfrichter zu
tun pflegen. In diesem Kreise sind die Brüder nieder-
gekniet und haben herzlich gebetet, auch dem Herrn
dieses Brandopfer zum Abschiede aus diesem Leben
anbefohlen.
Der Scharfrichter ward traurig, tat es ungern und
fühlte sich in seinem Gemüte beschwert, dass er so
richten musste; die andern Pilatuskinder wollten auch
unschuldig sein; aber sie mussten es um ihrer hohen
Obrigkeit willen und auch von Amts wegen tun, wie-
wohl sie wünschten, des Handels enthoben zu sein.
Sie haben aber einander gesegnet und zur Standhaf-
tigkeit ermahnt und einander geheißen getrost und
guten Mutes zu sein, indem sie sagten: Heute werden
wir bei den andern in unseres himmlischen Vaters
Reiche sein.
Also haben sie ihre Nacken um des Namens Christi
willen unverzagt und ohne Furcht übergeben, und
sind alle vier mit dem Schwerte hingerichtet und ent-
hauptet worden.
Dirk Pieterß Samuels und Jacob de Geldersman,
werden zu Amsterdam den 24. Mai im Jahre 1546
lebendig verbrannt
Unter mancherlei Verfolgungen und Trübsalen, wel-
che den frommen Nachfolgern Christi zugestoßen
sind, hat es sich auch zugetragen, dass der Schaffner
aus dem Haag und der Amtmann von Amsterdam,
Wasserland und Seeland mit einem Haufen Häscher
von Edam gekommen sind; dies geschah den 12. März
des Jahres 1546, Freitag nachts vor dem großen Festa-
bende; dieselben haben sich mit Fackeln und Laternen
nach Dirk Pieterß Samuels und Jacob de Geldermans
Hause verfügt, welche Bürger von Edam nach der
111
Wahrheit gesinnt und im Glauben einstimmig waren.
Sie haben aber dieselben aus ihren eigenen Häusern
und Betten abgeholt und von der Ostseite der Stadt
außerhalb der Steinpforte nach der Westseite gebracht,
wo sie in einen Nachen gesetzt und gefänglich nach
Amsterdam gebracht wurden; von da aber haben sie
dieselben nach einer gewissen Zeit nach dem Haag
geführt, wo sie den 16. Mai desselben Jahres ihres
Glaubens wegen untersucht worden sind. Als sie aber
bei der angenommenen Wahrheit standhaft aushar-
ren wollten, sind sie den 22. Mai in dem hohen Hofe
von den Herrn dieser Welt verurteilt worden, leben-
dig verbrannt zu werden. Hierauf hat man sie wieder
nach Amsterdam geführt, wo sie viele Verfolgungen
erlitten haben; sie sind hier auf Leitern gebunden wor-
den, und haben also in großer Standhaftigkeit den
Feuertod erlitten. Also haben sie ihre irdischen Woh-
nungen freudig übergeben und verlassen und dafür
von Gott einen Bau verlangt, der ewig dauern wird
im Himmel.
Andreas Samuel und Dirk Pieterß, 1546.
Die Verantwortung und das Glaubensbekenntnis An-
dreas Samuels und Dirk Pieterß, welches sie zu Ams-
terdam vor den Verordneten abgelegt und im Jahre
1546 mit ihrem Tode befestigt haben.
Gesegnet sei Gott der Vater unseres Herrn Jesu
Christi in Ewigkeit, Amen. Höret mein Bekenntnis an,
ihr Fürsten dieser Welt. Zuerst haben sie mich nach
meinem Glauben gefragt, worauf ich ihnen geantwor-
tet habe: Es kam ein Schriftgelehrter zum Herrn und
fragte ihn: Meister, welches ist das größte Gebot? Und
der Herr sagte zu ihm: Du sollst den Herrn, deinen
Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit
allen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst
lieben, das ist das größte Gebot, und außer diesem ist
kein anderes Gebot; und der Schriftgelehrte antworte-
te: Du hast in der Tat wohl geantwortet, dass ein Gott
sei und dass denselben aus ganzen Herzen, aus ganzer
Seele und aus allen Kräften lieben, den Nächsten aber
wie uns selbst lieben, mehr sei als Brandopfer oder ir-
gendein anderes Opfer. Sie sagten darauf, wir wissen,
dass ein Gott sei; glaubest du aber auch, wenn der
Priester vor dem Altäre steht, dass Gott unter seinen
Händen sei? Hierauf habe ich mit nein geantwortet.
Stephanus sagte: Siehe, ich sehe den Himmel offen
und des Menschen Sohn zur Rechten des allmächti-
gen Vaters stehen. Darauf haben sie abermals gesagt:
So glaubest du also nicht, dass er darin sei? Ich habe
geantwortet: Ich glaube es nicht. Frage: Uns ist gesagt,
dass, als euer Prediger an der einen Seite der Straße,
ihr aber zu dreien an der andern Seite gewesen, ihr
weder ihm noch dem Sakramente einige Ehre erwie-
sen hattet; ist dem also? Antwort: Ja. Frage: Warum
habt ihr das getan? Antwort: Ich will es sagen, meine
Herren! Der Herr sagte durch den Propheten Jesaja in
seinem 2. Kap: »Sie haben ihrer Hände Werk angebetet,
welche ihre Finger gemacht haben; da bücket sich das Volk,
da demütigen sich die Junker, das wirst du ihnen nicht ver-
geben.« Frage: Hast du es um deswillen getan, weil es
von Menschenhänden gemacht ist? Antwort: Ja, um
deswillen, meine Herren! Damit ich dadurch meinen
Herrn und meinen Gott nicht erzürnen möchte. Frage:
Wie lange ist es, dass du das letzte Mal zur Beichte
gegangen bist? Antwort: Wohl zwei oder drei Jahre.
Frage: Warum das? Antwort: Weil der Herr gesagt hat:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen
seid, ich will euch erquicken. Frage: Hast du solches
um deswillen getan? Antwort: Ja, um deswillen. Fra-
ge: Wohlan, wie lange bist du nicht zum Sakramente
gegangen? Antwort: Auch wohl in zwei oder drei Jah-
ren nicht. Frage: Warum das? Antwort: Weil Paulus,
Eph 5,27 , sagt: Christus hat ihm eine Gemeinde darge-
stellt, die weder Flecken noch Runzeln habe, sondern
dass sie heilig und unsträflich sein sollte. Frage: Tatest
du solches um deswillen, weil du dessen nicht wür-
dig wärest? Antwort: Ja, denn ich habe Runzeln und
Flecken. Frage: Was hältst du von der heiligen Kirche?
Antwort: Ich weiß von keiner heiligen Kirche, als von
der Gemeinde der Apostel, von der Christus der Eck-
stein ist. Frage: Das wissen wir wohl, dass es damals
eine heilige Kirche war. Antwort: Kann denn auch ein
anderer Grund gelegt werden, als der gelegt ist? Pau-
lus sagte an die Galater im ersten Kapitel: Es wundert
mich, dass ihr euch so bald lasst abwenden von dem,
der euch berufen in die Gnade Jesu Christi, auf ein an-
der Evangelium, so doch kein anderes ist, ohne dass
etliche sind, die euch verwirren und wollen das Evan-
gelium Christi verkehren. Aber so auch wir oder ein
Engel vom Himmel euch das Evangelium würde an-
ders predigen, denn das ihr empfangen habt, der sei
verflucht. Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott
Zu Dienst? Oder gedenke ich Menschen gefällig zu
sein? Wenn ich Menschen noch gefällig wäre, so wäre
ich Christi Knecht nicht; denn das Evangelium das ich
predige, ist nicht menschlich, denn ich habe es von
keinem Menschen empfangen noch gelernt. Ferner
sagte er zu den Korinthern: Ich hielt mich nicht dafür,
dass ich etwas wüsste unter euch, ohne allein Jesum
Christum, den Gekreuzigten. Frage: Wohl, was hältst
du von Maria, der Mutter Gottes? Antwort: Viel, denn
sie hat sich vor dem Herrn gedemütigt und ist durch
ihre Demut erhoben wurden. Frage: Du hast wohl
geantwortet. Was hältst du von dem Fegefeuer? Ant-
wort: Ich weiß sonst von keinem Wege, als von zwei
112
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Wegen. Frage: Kennst du auch wohl euren Prediger?
Antwort: Ich kenne ihn wohl von Ansehen, aber ich
habe ihn niemals angeredet, und er auch mich nicht.
Frage: Warum hast du ihn nicht gehört? Frage: Weil
Jakobus in seinem 1. Kap. sagt: »Ein Zweifler ist unbe-
ständig in allen seinen Wegen.« Frage: Wohl, was hat er
denn gesagt? Antwort: Ich habe sagen gehört, dass er
gesagt haben soll, dass der Mensch allein durch den
Tod Christi nicht selig werden könne. Frage: Hat er
denn daran übel geredet? Antwort: Ja, denn Paulus
sagt: Durch welches ihr nicht konntet im Gesetz Mo-
ses gerecht werden, wer aber an diesen glaubt, der ist
gerecht. Frage: Man weiß das wohl, dass man durch
das Gesetz nicht selig werden könne. Antwort: Petrus
sagt, dass den Menschen kein anderer Name gegeben
sei, wodurch sie selig werden können, als nur der Na-
me Jesu Christi. Frage: Wohl, wie lange ist es, dass
du getauft worden bist? Als ich zu meinen Jahren ge-
kommen bin. Bist du denn mit dieser Taufe zufrieden,
dass du dadurch selig werden kannst? Antwort: Ja,
ich glaube durch den Tod Jesu Christi selig zu werden.
Frage: Wir müssen dennoch wissen, ob du glaubest,
dabei selig zu werden? Antwort: Ich glaube, durch
den Tod Christi selig zu werden. Frage: Wenn du da-
zu kommen könntest, würdest du dich nicht mehr
taufen lassen? Antwort: Das weiß ich nicht, denn Gott
weiß beides, das Wollen und das Vollbringen. Frage:
Wir wollen aber doch wissen, ob du die Taufe, die du
in der Kindheit empfangen hast, für die rechte Taufe
hältst, oder die, welche auf den Glauben geschieht?
Antwort: Willst du solches deutlich wissen? Es steht
geschrieben, dass der Herr zu seinen Aposteln gesagt
habe: Gehet hin in alle Welt und prediget das Evan-
gelium allen Kreaturen, wer da glaubet und getauft
wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt,
soll verdammt werden. Ferner sagten die Männer zu
Petrus und den Aposteln: Was sollen wir tun, dass
wir selig werden? Tut Buße, sagt er, und lasse sich ein
jeglicher taufen in dem Namen Jesu Christi zur Verge-
bung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe
des Heiligen Geistes, welche euch und euren Kindern
verheißen ist und allen denen, die ferne sind, welche
Gott unser Herr hinzurufen wird. Ferner bezeugt er
mit vielen andern Worten und sagt: Lasset euch hel-
fen von diesen unartigen Leuten. Die nun sein Wort
gerne annahmen, ließen sich taufen und wurden auf
diesen Tag an dreitausend Seelen dazu getan; sie blie-
ben aber beständig in der Lehre der Apostel und in
der Gemeinschaft und in dem Brotbrechen, und im
Gebet, und es kam alle Seelen eine Furcht an und es
geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apo-
stel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren
beieinander und hielten alle Dinge gemeinschaftlich.
Ihre Güter und Habe verkauften sie und teilten sie
unter alle, je nachdem jedermann Not hatte, und sie
waren täglich und stets beieinander einmütig im Tem-
pel und brachen das Brot hin und her in den Häusern,
nahmen die Speise und lobten Gott mit demütigem
Herzen und hatten Gnade bei allem Volke. Frage: Hier
sagst du selbst, dass die Apostel in den Tempel ge-
gangen seien? Antwort: Ja, das ist wahr, das war ein
Tempel, den Gott zu bauen befohlen hat. Frage: Die
Apostel gingen aber aus zu lehren, wohin gingen sie
denn zu lehren? Antwort: Wo sie hinkamen, da gin-
gen sie in die Schulen und predigten das Evangelium
Christi. Frage: Wir haben gehört, dass du auch lehrest,
wo du hinkommst? Antwort: O Herr! Was sollte ich
predigen? Es kann wohl sein, dass wir das Evange-
lium untereinander gelesen haben. Frage: Wo habt
ihr dasselbe miteinander gelesen? Antwort: Das weiß
ich nicht. Frage: Wie sollst du das nicht wissen, mit
welchen du es gelesen hast? Antwort: Wie sollte ich
das wissen, bald mit dem einen, bald mit dem andern.
Hierauf haben sie viele genannt und gesagt. Frage:
Kennst du diese und jene wohl? Antwort: Ja, ich ken-
ne sie wohl. Frage: Hast du keine Bücher von Menno
Simon und David Joris? Antwort: Nein, ich habe keine
Bücher zu Hause, als eine Bibel, ein Testament und ein
Büchlein vom Glauben. Darauf haben sie mancherlei
gefragt und gesagt: Es sei so viel gesagt worden, dass
wir hier und da gepredigt hätten; es wäre auch keine
Stadt, wo wir gewesen, oder sie wüssten es besser, als
ich es selbst wüsste. Nun, meine lieben Brüder, ich
befehle euch Gott und dem Worte seiner Gnade, die
mächtig ist, euch zu stärken und zu bewahren, und
euch das Erbe aller Heiligen zu geben; darum sehe
jeder zu, dass er nicht so vermessen und stolz sei und
Wasser in den Brunnen des Lebens gieße, denn der
Herr sagt, Joh 6,44: Es kann niemand zu mir kommen,
es sei denn, dass ihn der Vater, der mich gesandt hat,
ziehe, und ich werde ihn auferwecken am jüngsten
Tage. Es steht geschrieben in den Propheten: Sie wer-
den alle von Gott gelehrt sein; wer es nun hört vom
Vater und lernt es, der kommt zu mir. Nicht, dass je-
mand den Vater gesehen habe; darum, liebe Brüder
und Schwestern, lasst uns Gott einmütig um Weis-
heit bitten, gleichwie der Apostel Jakobus uns lehrt,
und uns vor dem Sauerteige der Pharisäer und Saddu-
zäer hüten, welcher Heuchelei oder Scheinheiligkeit
ist; darum lasset uns dem obersten Herrn und Hirten
Christo nachfolgen, und Ihm, vor Gott dem Vater, Lob
und Dank sagen, welchem allezeit Preis und Lob von
Ewigkeit zu Ewigkeit sei. Amen.
Hier beginnt das Testament, welches Dirk Pieterß Samu-
el sei. And. im Gefängnisse an seine Hausfrau geschrieben
hat, als er sich zubereitete, um des Namens und Zeugnisses
113
Jesu willen zu sterben, worin er sie getröstet und ermahnt
hat, dass sie Fleiß anwenden und seine und ihre Kinder von
Jugend auf in der Gottesfurcht unterrichten soll:
Gnade und Friede von Gott, dem Vater unsers
Herrn Jesu Christi, Amen. Ich ermahne dich, meine al-
lerliebste Schwester und Weib, Wellemoet Claes, dass
du deinen Leib zu einem lebendigen Opfer begebest,
das heilig und Gott wohlgefällig und dein vernünf-
tiger Gottesdienst sei, und dass du dich dieser Welt
nicht gleichstellst. Jakobus sagt: Wer der Welt Freund
sein will, muss Gottes Feind sein; denn der Herr Jesus
sagt, Joh 16,20: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ihr
werdet weinen und heulen, und die Welt wird sich
freuen, ihr aber werdet traurig sein; doch eure Trau-
rigkeit soll in Freude verwandelt werden. Ein Weib,
wenn sie gebärt, hat Traurigkeit, denn ihre Stunde
ist gekommen, wenn sie aber das Kind geboren hat,
so gedenkt sie nicht mehr der Angst, um der Freude
willen, dass der Mensch zur Welt geboren ist. Und
ihr habt auch nun Traurigkeit; aber ich will euch Wie-
dersehen, und euer Herz wird sich freuen und eure
Freude soll niemand von euch nehmen. Darum sol-
len wir mit dem heiligen Apostel Paulus sagen: Wer
kann uns scheiden von der Liebe Gottes, Trübsal oder
Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Gefahr,
oder Schwert, gleichwie geschrieben steht: Um dei-
netwillen werden wir den ganzen Tag getötet; wir
sind wie Schlachtschafe geachtet, die zum Tode ge-
führt werden, aber in allem überwinden wir weit, um
deswillen, der uns geliebt hat. Wer überwindet, der
soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich
werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buche
des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor
meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer Ohren hat
zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden
sagt. So bitte ich dich nun, meine Allerliebste, dass du
vorsichtig wandeln wollest, nicht wie die Unweisen,
sondern wie die Weisen, und kaufe die Zeit aus, denn
es ist böse Zeit, und sei nicht unverständig, sondern
verständig und tue, was des Herrn Wille sei, denn es
ist genug, dass wir die vergangene Zeit des Lebens
nach heidnischem Willen zugebracht haben, wo wir
in Unzucht, Lüsten, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei
und gräulichen Abgöttereien wandelten. Darum, wer
sich dünken lässt, er stehe, mag wohl Zusehen, dass
er nicht falle. Es hat euch bis jetzt nur menschliche
Versuchung beschlichen; denn Gott ist getreu, er lässt
euch nicht über Vermögen versucht werden, sondern
macht, dass die Versuchung so ein Ende gewinne,
dass ihr es tragen könnt.
Darum, meine Liebsten, flieht vor dem Götzen-
dienste, und wisset, dass ihr nicht mit vergänglichem
Silber oder Golde von dem eitlen Wandeln nach vä-
terlicher Weise erlöset seid, sondern mit dem teuren
Blute Christi, als eines unschuldigen und unbefleckten
Lammes, das zuvor ersehen ist, ehe der Welt Grund
gelegt ward; aber in den letzten Zeiten um euretwil-
len offenbart, die ihr durch ihn an Gott glaubt, der
Ihn von den Toten auferweckt und Ihm die Herrlich-
keit gegeben hat, damit ihr Glauben und Hoffnung
zu Gott haben mögt; denn die Hauptsumme und das
Ende des Gebotes ist Liebe von reinem Herzen und
von gutem Gewissen und von ungefärbter Liebe oder
Glauben. Dieses sagte Jesus und hob seine Augen gen
Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist hier, dass Du
deinen Sohn verklärst, auf dass Dich dein Sohn auch
verkläre. Gleichwie Du Ihm Macht gegeben hast über
alles Fleisch, damit Er das ewige Leben gebe allen, die
Du Ihm gegeben hast. Das ist das ewige Leben, dass
sie Dich, der Du allein wahrer Gott bist, und den Du
gesandt hast, Jesum Christum recht erkennen. Denn
einen solchen Hohenpriester sollten wir haben, der da
wäre heilig, unschuldig, unbefleckt von den Sünden
abgesondert, und höher denn der Himmel ist; dem
nicht täglich Not wäre, wie jenen Hohenpriestern, zu-
erst für eigene Sünden Opfer zu tun, darnach für des
Volkes Sünde; denn das hat Er einmal getan, da Er
sich selbst opferte. Denn das Gesetz macht Menschen
zu Hohenpriestern, die da Schwachheit haben. Dies
Wort aber des Eides, das nach dem Gesetze gesagt ist,
setzt den Sohn ewig und vollkommen.
Deshalb ermahne ich dich, meine Allerliebste, da
wir einen solchen Hohenpriester über das Haus Got-
tes haben: Lasst uns hinzugeben mit wahrhaftigem
Herzen in vollkommenem Glauben. Johannes sagt:
Meine Kindlein, solches schreibe ich euch, auf dass ihr
nicht sündigt, und ob jemand sündigt, so haben wir
einen Fürsprecher bei Gott dem Vater, Jesum Chris-
tum, der gerecht ist; dieser ist die Versöhnung für
unsere Sünden. Nun befehle ich dich Gott und dem
Wort seiner Gnade, der da mächtig ist, dich zu erbau-
en und dir das Erbe unter allen zu geben, die geheiligt
werden.
Die Gnade unseres Herrn sei mit dir nun und zu
ewigen Zeiten, Amen.
So ermahne ich dich nun, meine allerliebste Mut-
ter, dass du fleißig Sorge tragest und die Kinder von
Jugend auf Gott fürchten lehrest.
114
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Ein tröstlich ermahnender Sendbrief, im
Gefängnisse von Dirk Pieterß Samuel, sei.
Andenkens, welcher zu Amsterdam in Holland um
des Namens und Zeugnisses Jesu willen lebendig
verbrannt worden, an alle Liebhaber der
evangelischen Wahrheit im Jahre 1546 geschrieben.
Gesegnet sei Gott und der Vater unseres Herrn Je-
su Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott
allen Trostes, der uns in allen unsern Trübsalen trös-
tet, damit wir auch diejenigen, die in allerlei Trübsal
sind, mit dem Tröste trösten können, womit wir von
Gott getröstet werden. Denn gleichwie wir des Lei-
dens Christi viel haben, so werden wir auch durch
Jesum Christum reichlich getröstet. Darum sagt Pau-
lus, Eph 3: Ich bitte euch, liebe Brüder, dass ihr nicht
müde werdet um meiner Trübsale willen, die ich für
euch leide, welche euch eine Ehre sind. Deshalb beuge
ich meine Knie gegen den Vater unseres Herrn Jesu
Christi, der der rechte Vater ist über alles, was Kinder
heißt im Himmel und auf Erden. Derselbe sagt: Ich
preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde,
dass du solches den Klugen und Weisen verborgen
hast, und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater,
denn es ist so wohlgefällig gewesen vor Dir; und nie-
mand kennt den Sohn, denn der Vater, und niemand
kennt den Vater, denn der Sohn, und wem es der Sohn
offenbaren will.
Darum spricht Er: Kommt her zu mir alle, die ihr
mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken;
nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir; denn
ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so wer-
det ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist
sanft und meine Last leicht.
Darum, meine lieben Brüder, da wir einen solchen
Hohenpriester haben, so lasset uns hinzugehen mit
wahrhaftigem Herzen in völligem Glauben, besprengt
in unserem Herzen und befreit von dem bösen Gewis-
sen, und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser, und
lasset uns an dem Bekenntnisse der Hoffnung halten
und nicht Wanken, denn Er ist treu, der sie verheißen
hat; und lasset uns untereinander antreiben zur Liebe
und zu guten Werken, und unsere Versammlung nicht
verlassen, wie einige tun, sondern untereinander uns
ermahnen, und zwar umso mehr, da ihr seht, dass
sich der Tag naht; denn wir kennen denjenigen, der
da sagt: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht
der Herr, und ferner: Der Herr wird sein Volk richten;
schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes
zu fallen. Denn er sagt: Wer mir nachfolgen will, der
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mk 8),
denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlie-
ren; wer es aber um des Evangeliums willen verlieren
wird, der wird's erhalten.
Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du
sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind has-
sen; aber ich gebe euch ein neues Gebot, sagt Christus
(Mt 5): Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen,
tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die,
so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kin-
der seid eures Vaters, der im Himmel ist, welcher
seine Sonne lasset scheinen über die guten und bösen
Menschen, und lässt regnen über Gerechte und Unge-
rechte. Wenn ihr liebet, die euch lieben, welchen Dank
habt ihr davon, tun solches nicht auch die Zöllner und
öffentlichen Sünder?
So seid nun Gottes Nachfolger, als die lieben Kinder,
und wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns ge-
liebt und sich selbst für uns zur Gabe und zum Opfer,
Gott zum süßen Gerüche, dahingegeben hat.
Fliehe die Lüste der Jugend, jage aber nach der Ge-
rechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden, mit
allen, die den Herrn anrufen von reinem Herzen; aber
der törichten und unnützen Fragen entschlage dich,
denn du weißt, dass sie nur Zank gebären; dass sie
auf die Knechte des Herrn sehen, dieselben müssen
nicht zänkisch sein, sondern freundlich gegen jeder-
mann, lehrhaftig, die die Bösen ertragen können mit
Sanftmütigkeit, und strafen die Widerspenstigen, ob
ihnen Gott dermaleinst Buße gäbe, die Wahrheit zu
erkennen und sie wieder nüchtern würden aus des
Teufels Strick, von dem sie gefangen sind zu seinem
Willen.
Wer ist weise und klug unter euch, der erzeuge mit
seinem guten Wandel seine Werke in der Sanftmut
und Weisheit; habt ihr aber bittern Neid und Zank
in euern Herzen, so rühmt euch nicht, und lügt nicht
wider die Wahrheit, denn das ist nicht die Weisheit,
die von oben herab kommt, sondern irdisch, mensch-
lich und teuflisch. Denn wo Neid und Zank ist, da
ist Unordnung und eitel böse Ding. Die Weisheit aber
von oben her ist aufs Erste keusch, darnach friedsam,
gelinde, lässt ihr sagen, voll Barmherzigkeit und gu-
ter Früchte, unparteiisch, ohne Heuchelei. Die Frucht
aber der Gerechtigkeit wird gesät im Frieden denen,
die den Frieden halten.
Wer Übertritt und bleibt nicht in der Lehre Chris-
ti, der hat keinen Gott; wer aber in der Lehre Christi
bleibt, der hat beides, den Vater und den Sohn. Und
so jemand zu euch kommt und bringt diese Lehre
nicht mit sich, denselben nehmt nicht auf zu Haus
und grüßt ihn auch nicht; denn so ihr ihn grüßt, so
habt ihr Gemeinschaft mit seinen bösen Werken. Dar-
um sehet euch vor vor den falschen Propheten, die
in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber
sind sie reißende Wölfe; an ihren Früchten sollt ihr
115
sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den
Dornen, oder Feigen von den Disteln? Also ein jegli-
cher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler
Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht
arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht
gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht
gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer
geworfen. Darum seid barmherzig, wie auch euer Va-
ter barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch
nicht gerichtet; verdammt nicht, so werdet ihr auch
nicht verdammt; vergebt, so wird euch vergeben; gebt,
so wird euch gegeben: Ein vollgedrückt, gerüttelt und
übervolles Maß wird man in euren Schoß geben. Denn
eben mit dem Maße, da ihr mit messet, wird man euch
wieder messen. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Mag
auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen, wer-
den sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger
ist nicht über seinem Meister; wenn der Jünger ist wie
sein Meister, so ist er vollkommen. Wer die Welt über-
windet, wird alles besitzen; in Gott ist alles, und Gott
wirkt alles in allem.
Darum, meine lieben Brüder! Wandelt nur würdig
nach dem Evangelium Christi, damit, wenn ich kom-
me und euch sehe oder abwesend von euch höre, ihr
in einem Geiste und einer Seele steht, mit uns für den
Glauben des Evangeliums kämpft und euch durch
nichts abschrecken lasset von den Widersachern, was
ihnen zur Verdammnis, euch aber zur Seligkeit gerei-
chen wird. Denn euch ist auferlegt, um Christi willen
zu beweisen, dass ihr nicht allein an Ihn glaubt, son-
dern auch um seinetwillen leidet, und dass ihr densel-
ben Kampf kämpft, welchen ihr an mir gesehen habt
und nun von mir hört.
Darum, meine allerliebsten Brüder, lasset euch die
Hitze, die euch begegnet, nicht befremden (die euch
widerfährt, damit ihr versucht werdet), als widerfüh-
re euch etwas Seltsames; sondern freut euch, dass ihr
mit Christo leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offen-
barung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben
mögt. Selig seid ihr, wenn ihr über dem Namen Chris-
ti geschmäht werdet, denn der Geist, der ein Geist der
Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch; bei ihnen ist
er verlästert, aber bei euch ist er gepriesen; niemand
aber unter euch leide als ein Mörder oder Dieb oder
Übeltäter, oder als einer der in ein fremdes Amt greift;
leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht; er
ehre aber Gott in solchem Falle, denn es ist Zeit, dass
das Gericht an dem Hause Gottes seinen Anfang neh-
me; wenn aber zuerst an uns, was will es für ein Ende
mit denen nehmen, die dem Evangelium Gottes nicht
glauben? Und wenn der Gerechte kaum erhalten wird,
wo will der Gerechte und Sünder erscheinen? Darum
sollen diejenigen, welche nach Gottes Willen leiden.
Ihm ihre Seelen befehlen, als dem treuen Schöpfer, zu
guten Werken.
Denn das ist gewisslich wahr: Sterben wir mit, so
werden wir mit leben; dulden wir, so werden wir mit
herrschen; verleugnen wir, so wird er uns auch ver-
leugnen; glauben wir nicht, so bleibt Er doch getreu;
Er kann sich selbst nicht verleugnen.
Darum, meine lieben Brüder, seht nun zu, wie ihr
vorsichtig wandelt, nicht wie die Unweisen, sondern
wie die Weisen, und erkaufet die Zeit, denn es ist
böse Zeit; darum werdet nicht unverständig, sondern
verständig, was des Herrn Wille sei.
Denn es sind offenbar die Werke des Fleisches, als
da sind: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht,
Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn,
Zwietracht, Rotten, Hass, Mord, Saufen, Fressen und
dergleichen, von welchen ich euch zuvor gesagt habe
und noch sage, dass, die solches tun, das Reich Gottes
nicht ererben werden. Die Frucht aber des Geistes ist
Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütig-
keit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit; wider solche ist
das Gesetz nicht; diejenigen aber, welche Christo an-
gehören, kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und
Begierden. Ja, sagen die Weltweisen, die Ketzer glau-
ben nicht, dass Gott im Sakramente sei. Ja wohl, mit
vollem Rechte glauben sie das nicht; denn Paulus sagt:
Er wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht
sind. Sein wird auch nicht von Menschenhänden ge-
pflegt. Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig
macht, und vor Christo Jesu, der unter Pontius Pilatus
ein gutes Bekenntnis bezeugt hat, dass du das Gebot
ohne Tadel und unsträflich bis zur Erscheinung un-
seres Herrn Jesu Christi hältst, welche zu seiner Zeit
der allein Selige und allein Gewaltige, der König aller
Könige und Herr aller Herren zeigen wird, der allein
Unsterblichkeit hat, der da wohnet in seinem Lichte,
wo niemand zukommen kann, welchen kein Mensch
gesehen hat, noch sehen kann, dem sei Ehre und sein
ewiges Reich. Amen.
Niemand hat je Gott gesehen; der eingeborene Sohn,
der in des Vaters Schoße ist, hat es uns verkündigt.
Stephanus sagte: Ich sehe den Himmel offen, und
des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen. Wenn
nun Jesus Christus offenbar werden wird, welchen
ihr nicht gesehen und doch lieb habt, und nun an
ihn glaubt, wiewohl ihr ihn nicht seht, so werdet ihr
euch mit unaussprechlicher und herrlicher Freude
freuen, und das Ende seines Glaubens davonbringen,
welches der Seelen Seligkeit ist. Ich sage, dass es ei-
ne große Vermessenheit sei, wenn Menschen sagen
dürfen, dass sie Gott mit Händen betasten; denn Jo-
hannes, von welchem der Herr selbst bezeugt, dass
von Weibern kein Größerer geboren worden sei, als
116
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Johannes der Täufer, hielt sich selbst unwürdig, seine
Schuhe aufzulösen.
Wie aber den Menschen gesetzt ist, einmal zu ster-
ben, dann aber das Gericht, so ist Christus einmal ge-
opfert worden, vieler Sünde hinwegzunehmen, dann
aber wird Er denen ohne Sünde erscheinen, die auf
Ihn zur Seligkeit warten. Aber dieses ist mein Glau-
be, dass denjenigen, die durch den Glauben an Jesum
Christum den weltlichen Satzungen abgestorben sind
und die bösen Lüste und Begierden ihres Fleisches
gekreuzigt haben, Christus das Abendmahl unsers
Herrn zum Gedächtnisse seines Todes hinterlassen
habe, damit sie des Herrn Tod verkündigen sollen, bis
Er kommen würde, wie Paulus sagt; mit den Klugen
rede ich, richtet ihr selbst, was ich sage: Der gesegnete
Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die Gemein-
schaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist
das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn
ein Brot ist's; so sind wir viele ein Leib, weil wir alle
eines Brotes teilhaftig sind. Sehet an den Israel nach
dem Fleische. Welche die Opfer essen, sind die nicht
in der Gemeinschaft des Altars? Was soll ich denn
sagen? Soll ich sagen, dass es der Götze sei, oder dass
das Götzenopfer etwas sei? Aber ich sage, was die
Heiden opfern, das opfern sie den Teufeln und nicht
Gott. Nun will ich nicht, dass ihr in der Teufel Ge-
meinschaft sein sollt; ihr könnt nicht des Herrn Kelch
und der Teufel Kelch zugleich trinken; ihr könnt nicht
zugleich des Herrn Tisches und der Teufel Tische teil-
haftig sein.
Hiermit endigen seine Briefe; sie sind übersetzt und
geendigt den 12. Januar im Jahre 1614.
Riehst Heynes, im Jahre 1547.
Um das Jahr 1547 ist auch eine gottesfürchtige Frau,
namens Riehst Heynes, gewesen, welche, nach der
Landessitte, nach ihrem Manne so genannt wurde; sie
wohnte in Friesland in der Ilst, nahe bei Sneek. Diese
hatte gleichfalls ihre Schultern unter das süße Joch des
Herrn Jesu gebeugt, hat seine gesegnete Stimme ge-
hört und ist derselben nachgefolgt, hat sich auch vor
allen fremden Stimmen, die dagegen stritten, gehütet.
Als die Feinde Gottes dies gemerkt, haben sie solches
sofort zu verhindern und zu dämpfen gesucht und
zu dem Ende ihre tyrannischen Diener ausgesandt,
welche als reißende Wölfe gekommen sind und dieses
wehrlose Schäflein handfest gemacht haben. Als sol-
ches ihr Mann gewahr wurde, hat er sich mit großer
Lebensgefahr auf die Flucht begeben; seine Ehefrau
aber haben sie, ohne Mitleiden und ohne Barmherzig-
keit, auf eine strenge Weise angegriffen und grausam
gebunden, wiewohl sie schwanger war und ihre Ent-
bindung nahe bevorstand, dass auch die Hebamme
schon bei ihr gewesen war. Aber dessen ungeachtet
haben sie dieselbe mit sich genommen, obschon ihre
Kindlein sehr jämmerlich schrieen und weinten und
sie nach Leeuwaarden ins Gefängnis gebracht, wo
sie, als sie drei Wochen gefangen gelegen, einen Sohn
geboren hat. Diesem Kinde waren zu großer Verwun-
derung derer, die es sahen, die Malzeichen seiner Mut-
ter, die sie durch die tyrannischen Banden empfangen,
in den Armen tief eingedrückt. Nachher haben sie
dies Schäflein auf eine grausame Weise gepeinigt und
so tyrannisch behandelt, dass sie ihre Hände nicht
aufs Haupt bringen konnte; in dieser Weise war sie
durch unmenschliche Pein zugerichtet und das insbe-
sondere um deswillen, weil sie ihre Mitbrüder nicht
verraten wollte; denn diese Wölfe waren noch nicht
gesättigt, sondern dürsteten sehr nach imschuldigem
Blute. Aber der getreue Gott, der eine Feste in der
Zeit der Not und ein Schild aller derer ist, die auf ihn
trauen, hat ihren Mund bewahrt, so dass durch sie
niemand verraten worden ist. Also ist sie, da sie kei-
neswegs von Christo abfallen wollte, an demselben
Orte zum Tode verurteilt; sie wurde wie ein unver-
nünftiges Tier in einen Sack gesteckt und so ins Wasser
geworfen und ertränkt. Dies alles hat dieses gemelde-
te Schäflein Jesu Christi geduldig und standhaft um
des Herrn Namen willen ertragen und ist bis in den
Tod getreu geblieben, weshalb sie auch würdig ist,
endlich die Krone des ewigen Lebens in der Ewigkeit
von Gott zu empfangen und zu genießen.
Nicolaus Leks, im Jahre 1548.
Nicolaus Leks, geboren in Ostende, ist daselbst in
Folge einiger Gerüchte, die man daselbst über ihn
ausstreute, im Jahre 1548 auf das Rathaus gefordert
worden. Als er nun daselbst erschien und seines Glau-
bens wegen untersucht wurden ist, hat er ein gutes
Bekenntnis getan und ist darauf gefangen gesetzt wor-
den. Derselbe war ein Mann, der um der großen Almo-
sen willen, die er unter den Armen austeilte, sich des
allgemeinen Lobes erfreute. Als er untersucht wur-
de, hat er der papistischen römischen Kirche und der
Kindertaufe abgesagt, welches er mit der Heiligen
Schrift widerlegt hat. Als er von seinem Glauben an
Gott nicht abfallen wollte, ist er verurteilt worden,
dass er erwürgt und verbrannt werden sollte. Als er
nun zum Tode geführt wurde, hielt ihm der Pfaffe
das Kruzifix vor, um solches zu küssen. Er weigerte
sich aber dessen; auch sagte der Pfaffe zu dem Volke:
Bittet für diesen Verführer, denn er gehet aus diesem
Feuer in das ewige Feuer. Hierauf antwortete er ein-
fach: Das sagst du; ich aber habe besseres Vertrauen.
117
Und also hat er, als ein rechtes Kind Gottes, sein Opfer
vollbracht.
Elisabeth, im Jahre 1549.
Den 15. Januar des Jahres 1549 wurde Elisabeth ge-
fangen genommen. Als nämlich diejenigen, die sie
fangen sollten, ins Haus kamen, wo sie wohnte, fan-
den sie daselbst ein lateinisches Testament. Als sie
nun Elisabeth in Händen hatten, sagten sie: Wir ha-
ben den rechten Mann, wir haben nun den Lehrer;
dann sagten sie weiter: Wo ist dein Mann, der Lehrer
Menno Simon? Und sie brachten sie auf das Rathaus;
Tags darauf aber nahmen zwei Büttel sie zwischen
sich und brachten sie ins Stockhaus. Nachher ward
sie vor den Rat gestellt und auf den Eid gefragt, ob sie
auch einen Mann hätte? Elisabeth antwortete jedoch:
Es ist uns nicht erlaubt zu schwören, sondern unsere
Worten sollen sein: Ja, ja; Nein, nein; ich habe keinen
Mann. Die Herren: Wir sagen, dass du eine Lehrerin
seiest, welche die Menschen verführt; solches haben
wir auch von dir sagen gehört; wir wollen wissen, wer
deine Freunde seien.
Elisabeth: Mein Gott hat mir geboten, dass ich mei-
nen Herrn und meinen Gott lieben, daneben aber mei-
ne Eltern ehren soll; darum will ich euch nicht sagen,
wer meine Eltern seien; denn dass ich um des Na-
mens Christi willen leide, ist meinen Freunden keine
Unehre.
Die Herren: Hiermit wollen wir dich verschonen;
aber wir wollen wissen, welche Menschen du gelehrt
hast. Elisabeth: Ach nein! Meine Herren, lasset mich
doch in dieser Sache zufrieden, und fragt mich über
meinen Glauben; davon will ich euch gerne Rechen-
schaft geben. Die Herren: Wir wollen dir schon so
bange machen, dass du es uns sagen wirst. Elisabeth:
Ich hoffe durch Gottes Gnade, dass Er meine Zunge
bewahren wird, dass ich keine Verräterin werde, und
meine Brüder nicht dem Tode überantworte. Die Her-
ren: Wer war dabei, als du getauft wurdest? Elisabeth:
Christus sprach: Fragt diejenigen darum, die dabei
waren, oder die es gehört haben. Die Herren: Nun mer-
ken wir, dass du eine Lehrerin seiest, denn du willst es
Christo nachmachen. Elisabeth: Nein, meine Herren,
das sei ferne von mir, denn ich achte mich nicht höher
als der Ausfegsel, welches aus des Herrn Hause ge-
kehrt wird. Die Herren: Was hältst du denn von dem
Hause Gottes? Hältst du unsere Kirche nicht für das
Haus Gottes? Elisabeth: Nein, meine Herren, denn es
steht geschrieben: Ihr seid der Tempel des lebendigen
Gottes, wie Gott spricht: Ich will in ihnen wohnen und
wandeln. Die Herren: Was hältst du denn von unserer
Messe? Elisabeth: Meine Herren, ich halte nichts von
eurer Messe; halte aber viel von allem, was mit Gottes
Wort übereinkommt. Die Herren: Was hältst du von
dem hochwürdigen, heiligen Sakramente? Elisabeth:
Ich habe mein lebelang in der Heiligen Schrift von
einem heiligen Sakramente nicht gelesen, wohl aber
von dem Abendmahle des Herrn (sie führte auch die
Schrift an, die davon handelte). Die Herren: Schweige,
denn der Teufel redet durch deinen Mund. Elisabeth:
Ja, meine Herren, dies ist eine kleine Sache, denn der
Knecht ist nicht besser als sein Herr. Die Herren: Was
redete der Herr, als Er Seinen Jüngern das Abendmahl
gab? Elisabeth: Was gab Er ihnen, Fleisch oder Brot?
Die Herren: Er gab ihnen Brot. Elisabeth: Blieb aber
der Herr nicht daselbst sitzen? Wer wollte denn des
Herrn Fleisch essen? Die Herren: Was hältst du denn
von der Kindertaufe, da du dich hast wiedertaufen
lassen? Elisabeth: Nein, meine Herren, ich habe mich
nicht wiedertaufen lassen; ich habe mich einmal auf
meinen Glauben taufen lassen; denn es steht geschrie-
ben, dass den Gläubigen die Taufe zukomme. Die Her-
ren: Sind denn nun unsere Kinder verdammt, weil sie
getauft werden? Elisabeth: Nein, meine Herren, das
sei ferne von mir, dass ich die Kinder richten sollte.
Die Herren: Suchest du deine Seligkeit nicht in der
Taufe? Elisabeth: Nein, meine Herren, alles Wasser im
Meere kann mich nicht selig machen, aber die Selig-
keit besteht in Christo, und Er hat mir geboten, Gott,
meinen Herrn, über alle Dinge, und meinen Nächs-
ten wie mich selbst zu lieben. Die Herren: Haben die
Priester auch Macht, die Sünden zu vergeben? Elisa-
beth: Nein, meine Herren, wie sollte ich das glauben?
Ich sage, dass Christus der einzige Priester sei, durch
welchen die Sünden vergeben werden. Die Herren:
Du sagst, dass du alles glaubst, was mit der Heiligen
Schrift übereinkommt, hältst du denn nichts von den
Worten Jakobus? Elisabeth: Ja, meine Herren, wie soll-
te ich nichts davon halten? Die Herren: Hat er nicht
gesagt: Gehe zu den Ältesten der Gemeinde, dass sie
dich salben und für dich bitten? Elisabeth: Ja, meine
Herren; aber wolltet ihr denn sagen, dass ihr von der-
selben Gemeinde seid? Die Herren: Der Heilige Geist
hat euch alle selig gemacht, ihr bedürfet weder der
Beichte noch des Sakramentes. Elisabeth: Nein, meine
Herren, ich bekenne wohl, dass ich die Satzungen des
Papstes, die durch des Kaisers Befehle bestätigt sind,
übertreten habe; aber beweiset mir in einem einzigen
Artikel, dass ich mich an meinem Herrn und Gott
versündigt habe, so will ich Ach und Weh über mich
armen und elenden Menschen rufen. Das Vorstehende
ist das erste Bekenntnis.
Hinterher stellten sie dieselbe abermals vor den
Rat und führten sie in den Folterturm, wobei auch
der Scharfrichter Hans gegenwärtig gewesen ist. Hier-
118
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
nächst sagten die Herren: Wir sind nun schon lange
in der Güte mit dir zu Werke gegangen, wenn du
aber nicht bekennen willst, so wollen wir dich mit der
Strenge angreifen. Der Anwalt sprach: Meister Hans,
greife sie an. Meister Hans antwortete: Ach nein, mei-
ne Herren, sie wird wohl freiwillig bekennen. Als sie
aber nicht freiwillig bekennen wollte, setzte er ihr
Daumeisen an ihre beiden Daumen und an die beiden
vordersten Finger, dass das Blut zu ihren Nageln her-
ausspritzte. Elisabeth sprach: Ach, ich kann es nicht
länger ertragen! Die Herren sagten: Bekenne, so wol-
len wir deine Pein erleichtern. Aber sie rief den Herrn
ihren Gott an: Hilf mir, o Herr! Deiner armen Dienst-
magd, denn Du bist ein Nothelfer. Die Herren riefen
alle: Bekenne, so wollen wir deine Pein erleichtern,
denn wir haben dir gesagt, dass du bekennen, nicht
aber Gott, den Herrn, anrufen sollst; sie aber sprach
beständig zu Gott, ihrem Herrn, wie oben berichtet
worden ist; und der Herr erleichterte ihre Pein, so dass
sie zu den Herren sagte: Fraget mich, ich will euch
antworten, denn ich fühle keine Pein mehr in meinem
Fleische, wie zuvor. Die Herren: Willst du noch nicht
bekennen? Elisabeth: Nein, meine Herren! Da setzten
sie ihre zwei Schraubeisen an, an jedes Schienbein
eins. Sie sagte hierauf: Ach, meine Herren, beschämt
mich nicht, denn es hat noch kein Mann meinen blo-
ßen Leib angetastet. Der Anwalt sagte: Nein, Jungfrau
Elisabeth, wir wollen dich nicht unehrlich antasten;
dann fiel sie in Ohnmacht, und einer sagte zum an-
dern: Vielleicht ist sie tot. Als sie aber wieder erwach-
te, sprach sie: Ich lebe und bin nicht tot. Da schlugen
sie alle Schraubeisen los und setzten ihr mit schmei-
chelnden Worten zu. Elisabeth: Warum versucht ihr
mich mit solchen schmeichelnden Worten? So pflegt
man mit den Kindern umzugehen. Sie konnten von
ihr weder zum Nachteile ihrer Brüder in dem Herrn,
noch sonst eines Menschen, auch nicht das Mindes-
te herausbringen. Die Herren: Willst du alle Worte,
die du vorher bekannt hast, widerrufen? Elisabeth:
Nein, meine Herren, sondern ich will sie mit meinem
Tode versiegeln. Die Herren: Wir wollen dich weiter
nicht mehr peinigen. Willst du uns nun gutwillig sa-
gen, wer derjenige ist, der dich getauft hat? Elisabeth:
Nein, meine Herren, ich habe euch ja gesagt, dass ich
solches nicht bekennen will.
Hierauf ist im Jahre 1549, den 27. März, das Urteil
über Elisabeth gefällt, wodurch sie zum Tode verur-
teilt worden ist, nämlich in einem Sacke ertränkt zu
werden; sie hat also ihren Leib Gott aufgeopfert.
Sechs Brüder und zwei Schwestern, nämlich Peter
Janß, Tobias Questinex, Jan Pennewaarts, Gysbert
Janß, Ellert Janß, Lucas Michiels, Barbara
Thielmans und Truyken Boens werden sämtlich
auf einen Tag, den 20. März 1549, zu Amsterdam
lebendig an Pfählen verbrannt.
Im Jahre 1549 saßen zu Amsterdam um des Namens
Jesu willen ungefähr 20 Personen, sowohl Männer
und Frauen, gefangen, deren Namen nicht alle be-
kannt sind, umso weniger, weil einige Personen auf
folgende Weise aus dem Gefängnis entkommen sind.
Einer der Gefangenen hatte zwei Brüder im Wasser-
lande wohnen, welche rauhe Leute waren, die ihre
Zeit meistens in den Wirtshäusern zubrachten. An
einem bestimmten Tag hat es sich ereignet, dass sie im
Wirtshause saßen und ihres gefangenen Bruders ein-
gedenk wurden, von welchem sie vermuteten, dass
die Zeit seiner Aufopferung vor der Türe sei, darum
beratschlagten sie sich untereinander, auf welche Wei-
se sie ihren gefangenen Bruder am füglichsten befrei-
en könnten; hierbei schwuren sie auch einen Eid, dass
sie weder Mühe noch Gefahr scheuen wollten und
sollte sie es auch das Leben kosten; zur Bekräftigung
ihres Vorhabens streckten sie die Finger in die Hö-
he, warfen ihre Hüte in die Luft und riefen Gott zum
Zeugen an. Als sie am andern Morgen früh, sowohl
von der Trunkenheit, als vom Schlaf erwachten, hat
der gefährliche Anschlag ihnen im Herzen einige Be-
schwernis verursacht; nichtsdestoweniger haben sie,
in Betracht des teuren Eides, den sie Gott schuldig wa-
ren, und des betrübten Todes ihres lieben Bruders, die
römische Art mit einem standhaften Gemüte gezeigt,
und sind auf nachfolgen» Weise zu Werke gegangen.
Sie nahmen ein Seil mit einem Blocke, welcher mit
Fett überstrichen war, damit er, weil er sehr dürr war,
kein Geräusch verursachen möchte; dieses packten
sie in einen Korb, brachten es in das Haus des Jan
Janß, welcher dem Gefängnisse gegenüber im Halb-
mond wohnte und zu welchem diese Brüder sagten:
Jan Janß, können wir diesen Korb hier hersteilen und
ihn in der letzten Abendstunde abholen, wie es uns
bequem sein wird? Worauf Jan Janß ja sagte, ohne an
einen gefährlichen Anschlag zu denken, bis sie kamen
und den Korb abholten. Auch hatte dieser vorgenann-
te Jan Janß unter den Gefangenen einen Vetter, seines
Handwerks ein Schneider, welcher einen Stelzfuß hat-
te; diesen hatte der Schultheiß aus seiner Werkstätte
auf dem neuen Damme abgeholt und mit den andern
gefangen gelegt. Diese gedachten beiden Brüder ha-
ben ihre Zeit an einem dunklen Abend wahrgenom-
men und einen Bootsanker mitgebracht; denselben
haben sie an den Fenstern eingeschlagen, sind hier-
119
nächst daran hinaufgestiegen und haben das Seil ir-
gendwo befestigt, worauf sie mit einem Instrumente
die Fenster aufgebrochen. Also haben sie ihren An-
schlag ins Werk gesetzt und haben ihren Bruder mit
einem Seile zum Fenster heruntergelassen. Dann sind
sie zu den andern Gefangenen gekommen, welche sie
alle durch das Fenster hinuntergelassen haben, jedoch
mit Ausnahme des Ellert Janß, welcher nicht heraus
wollte, sondern ihnen antwortete, er sei nun so wohl-
gemut, sein Opfer zu tun, befände sich auch in einem
solchen seligen Zustande, dass er nicht mehr hoffen
könne, durch ein langes Leben besser zu werden, son-
dern besorgt sei, dass ihm in der großen Wüste der
Mut entfallen möchte, und er also nimmer über den
Jordan in das Land der Verheißung kommen würde.
Auch wandte er vor, dass er um seiner Stelze willen
sehr bekannt sei, so dass er durch Steckbriefe bald
entdeckt werden würde.
Aber Tobias, Peter, Grietgen, Jan, Lyntgen und Bar-
bartgen saßen in andern Gefängnissen, und konnten
sie zwar hören, jedoch nicht zu ihnen kommen; die-
selben blieben sitzen, bis die Zeit ihrer Aufopferung
herannahte; die Lyntgen aber verschonte man, weil
sie schwanger war; sie hat auch in ihren Banden ein
Kind geboren, die Geburtsschmerzen haben sie aber
dergestalt angegriffen, dass sie ihren Verstand verlo-
ren, auch noch lange nachher zu Amsterdam in einem
Fläuslein gelegen hat, wo sie endlich gestorben ist.
Als nun der Tag herbeikam, an welchem die Vorge-
buchten aufgeopfert werden sollten, so hat sich dieser
vorgenannte Jan Janß in die Nähe des Gerichtsplat-
zes begeben, um zu sehen, wie seinem Vetter Ellert
Janß in der letzten Stunde seines Lebens zu Mute sein
würde. Sobald nun Ellert Janß seinen Vetter gewahr
wurde, hat er ihn mit einer so fröhlichen Miene ange-
redet, dass alle Zuhörer sich darüber verwunderten;
auch hat er ihm durch das Gitter des Gerichtsplatzes
ein Testament dargereicht (worüber der Schultheiß
wie ein grimmiger Löwe ausrief, wo das Buch hinge-
kommen, wiewohl er solches nicht erfahren konnte)
und einen jeden, insbesondere aber seinen Vetter Janß,
mit vielen guten Gründen ermahnt, dass er sich nicht
länger von dem stolzen Weibe, der Hure zu Babel,
verführen lassen, sondern sich nach der Stadt alles
Guten begeben sollte; ja er sagte, dass er noch keinen
fröhlicheren Tag erlebt hätte; welches diesem vorge-
nannten Jan Janß so zu Herzen gegangen ist, dass er
sich nachher auch unter des Kreuzes Druck begeben
hat. Also haben alle diese vorgemeldeten Freunde in
großer Freude ihr Leben geendigt und sind mit Feu-
er lebendig verbrannt worden. Kurz darauf hat ein
Liebhaber der Wahrheit zu ihrem Andenken ein Lied
gemacht, welches so eingerichtet war, dass der erste
Buchstabe eines Verses mit dem ersten Buchstaben
des Namens übereinkam; solches ist in dem alten Lie-
derbuche zu finden; der erste fängt mit dem T an: T'is
nu schier al vervult.
Das Urteil über diese sechs Brüder und zwei
Schwestern haben wir aus dem Buche des Blutgerichts
der Stadt Amsterdam durch Hilfe des Schreibers die-
ses Ortes erlangt und lautet (den Titel ausgenommen)
also:
Todesurteil über Peter Janß, Tobias Questinex, Jan
Pennewaarts, Gysbert Janß, Ellert Janß, Lucas
Michael, Barbara Thielemans und Truyken Boens.
Nachdem Peter Janß, Sohn zu Lininkhausen, Tobi-
as Questinex, Brüder dieser Stadt, ihres Handwerks
Schuhmacher, Jan Pennewaarts von Loenen, Gysbert
Janß von Wörden, Ellert Janß, gleichfalls Bürger dieser
Stadt, ein Schneider, Lucas Michael, von Dortrecht, sei-
nes Handwerks ein Glasmacher, Barbara Thielemans
von Dortrecht und Truyken Boens, Wilhelm Boens
Tochter, von Antwerpen, sich durch Gillis von Aa-
chen haben wiedertaufen lassen, und sich unter die
Sekte und Ketzerei der Wiedertäufer begeben, welche
von den Sakramenten der heiligen Kirche, dem heili-
gen christlichen Glauben, den Satzungen der heiligen
Kirche eine lose Lehre haben, den geschriebenen Rech-
ten und Befehlen ihrer Kaiserlichen Majestät unseres
gnädigen Herrn zuwider, und außerdem in ihrem Un-
glauben, ihren Irrtümem und Ketzereien hartnäckig
verharren, so ist es geschehen, dass meine Herren des
Rates, nachdem sie die Anklage wider oben gemelde-
te Personen, von meinem Herrn, dem Schultheißen,
ausgegangen, samt ihrem Bekenntnisse gehört, die
Sache in reife Überlegung genommen und die vorge-
meldeten Personen dahin verurteilten, dass sie von
dem Scharfrichter mit Feuer hingerichtet werden sol-
len; sie verordnen ferner in dieser Sache, dass alle ihre
Güter zum Nutzen der Kaiserlichen Majestät, als Gra-
fen von Holland und unsers gnädigen Herrn, doch
den Freiheiten dieser Städte ohne Nachteil verfallen
sein sollen.
Dieses Urteil ist den 20. März des Jahres 1549 in Ge-
genwart des Schultheißen Egbert Gabriels und Joost
Buyk der beiden Bürgermeister und aller Ratsherren
ausgesprochen und ausgeführt worden.
Von diesen Verurteilten sind drei auf die Folter ge-
bracht und gefoltert worden, nämlich Tobias Ques-
tinex, den 14. Februar, Peter Janß den 15. desselben,
und Ellert Janß den 8. des Monats März.
Ausgezogen aus dem Protokolle des Blutgerichts
der Stadt Amsterdam, welches daselbst in der Schrei-
berei niedergelegt ist. N. N.
120
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Fye und Gelken zu Leeuwaarden, im Jahre 1549.
Im Jahre 1549 ungefähr drei Wochen vor Ostern sind
in Boon in Westfriesland zwei liebe Männer, namens
Fye und Gelken, gefangen genommen worden. Diese
wurden vor die Herren gebracht, wo sie ihren Glau-
ben ohne Furcht bekannt haben. Zuerst fragten sie Gel-
ken: Wer hat dir erlaubt, das Volk zu versammeln und
zu lehren? Antwort: Gott hat es mir erlaubt. Frage:
Was hast du denn gelehrt? Antwort: Frage diejenigen,
die es gehört haben, was wir untereinander gelehrt ha-
ben, denn ihr habt ja eine Frau gefangen, die solches
gehört hat. Hierauf haben sie die Frau gefragt, was
sie von Gelken gehört hätte? Antwort: Er hat die vier
Evangelien gelesen, Paulus, Petrus, Johannes Send-
briefe und die Geschichte der Apostel. Hierauf wurde
Gelken abermals gefragt: Was hältst du von dem Sa-
kramente? Antwort: Ich weiß nichts von eurem geba-
ckenen Gott. Frage: Freund, sieh dich wohl vor, was
du redest, denn solche Worte kosten den Hals. Was
hältst du von der Mutter Gottes? Antwort: Vieles. Fra-
ge: Was sagst du, hat der Sohn Gottes kein Fleisch und
Blut von Maria empfangen? Antwort: Nein, ich glau-
be das, was der Sohn Gottes hiervon selbst bezeugt.
Frage: Was hältst du von unserer heiligen römischen
Kirche? Antwort: Ich weiß nichts von deiner heiligen
Kirche, auch kenne ich sie nicht, ich bin, solange ich
lebe, noch in keiner heiligen Kirche gewesen. Frage:
Du redest sehr trotzig. Ich habe Mitleiden mit dir, sag-
te ein Ratsherr, und fürchte, es möchte dich den Hals
kosten. Bist du getauft? Antwort: Ich bin nicht getauft,
aber es verlangt mich sehr nach der Taufe. Frage: Was
hältst du von den falschen Lehrern, die also umherlau-
fen und das Volk taufen? Antwort: Von den falschen
Lehrern halte ich nichts, aber mich hat sehr verlangt,
einen Lehrer zu hören, welcher von Gott gesandt ist.
Sie sagten: Wir haben aber doch gehört, dass du ein
Lehrer gewesen seiest. Gelken sagte: Wer hat mich
zum Lehrer gesetzt? Sie sagten: Wir wissen es nicht.
Gelken sagte: Fragt ihr mich, was ihr nicht wisst, wie
sollte ich es wissen? Ich weiß niemand, der mich zum
Lehrer verordnet hat. Gott aber hat mir alles gegeben,
worum ich Ihn gebeten habe. Sie sagten: Nun haben
wir alle Artikel aufgeschrieben, worüber wir dich für
dieses Mal haben verhören wollen. Wenn nun etwas
darin ist, was dich gereut, so wollen wir solches gerne
auslöschen. Antwort: Meint ihr, dass ich Gott verleug-
nen werde? Darauf haben beide Gelken und Lye ihr
Urteil empfangen, und sind zusammengebracht wor-
den, wo sie sich umarmt, ja einander mit großer Liebe
Hände und Füße geküsst, so dass alle Menschen, die
solches sahen und hörten, sich darüber verwunderten;
die Büttel und Knechte liefen und sagten zu den Her-
ren, es haben noch niemals Menschen einander so lieb
gehabt als diese. Gelken sagte zu Fye: Lieber Bruder!
Nimm es mir nicht übel, dass du durch mich in dieses
Leiden gekommen bist. Fye antwortete, lieber Bruder,
denke daran nicht, denn es ist eine Kraft Gottes.
Nach dem Urteile wurden sie noch bis an den drit-
ten Tag verspart und hiernächst ist Gelken zuerst mit
dem Schwerte hingerichtet worden. Als dem Fye das
Urteil vorgelesen wurde, hat er vor Freuden nicht dar-
auf Achtung gegeben, wiewohl er dessen unkundig
war, was mit Gelken geschehen war oder noch gesche-
hen sollte, sondern er sang und sprang, lobte Gott,
dankte ihm und sprach: Dies ist der einzige Weg. Dar-
auf haben sie Fye in das Schiff geführt, in welchem
Gelken enthauptet lag und in welchem sich auch das
Rad befand, worauf man Gelken setzen sollte, sowie
auch der Pfahl, woran Fye stehen sollte, um verbrannt
zu werden; auch wurden dem Fye im Schiffe die Hän-
de losgebunden, gleichwohl saß er still. Da sagten die
Mönche: Bindet ihn wieder. Der Scharfrichter sagte:
Bindet ihr ihn; aber der Schlossvogt gebot, dass er
Fye wieder binden sollte. Einige Weiber, die solches
ansahen, weinten sehr; da sprach Fye: Weinet nicht
über mich, sondern über eure Sünden.
Ferner sagte er zum Scharfrichter: Was willst du mir
tun? Antwort: Das wirst du wohl sehen. Ja, ja, sprach
Fye, tue was du willst, ich habe mich in meines Herrn
Hände übergeben. Die Brüder und das gemeine Volk
gingen neben ihm. Als nun Fye unter denselben eini-
ge seiner Bekannten sah, rief er: Freunde, freuet euch
mit mir, über solche Hochzeit, die mir bereitet ist. Als
er auf den Galgenberg kam, redeten ihn einige Brüder
an, die sich mit ihm sehr freuten und sagten: Dies ist
der enge Weg; dies ist des Herrn Weinkelter, hieran
hängt die Krone. Als der Schlossvogt das Rufen hörte,
rief er: Niemand lege Hand an diesen bei Verlust sei-
nes Lebens und seiner Güter. Der Scharfrichter hatte
sein Werkzeug vergessen und lief in die Stadt, sol-
ches zu holen. Unterdessen hatten der Schlossvogt
und die beiden Mönche den Fye im Beichthäuslein
und quälten ihn sehr mit Brot und Wein; aber sie ge-
wannen ihm nichts ab, denn Fye tat nichts anders, als
dass er sang, redete, lobte Gott und Ihm dankte. Als
sie ihm nichts abgewinnen konnten und der Scharf-
richter wiederkam, sagten sie zu Fye: Wie bist du so
hartnäckig, während du doch sagst, dass du ein Mit-
glied Jesu Christi seiest? Warum willst du denn nicht
die Werke der Barmherzigkeit tun und dieses Brot
und diesen Wein um unseretwillen für Brot und Wein
annehmen? Antwort: Mir verlangt nicht nach eurem
Wein, denn mir ist eine Speise im Himmel zubereitet.
Als sie ihm nichts abgewinnen konnten, sprachen sie:
Fort mit dir, du Ketzer. Der Landvogt sagt: Ich habe
121
zwar manchen Ketzer gesehen, aber mein lebelang
keinen härteren als diesen. Als nun Fye zum Tode
fertig stand, sprach er zum Scharfrichter: Meister, hast
du dein Werk verrichtet? Er antwortete: Noch nicht.
Fey sprach: Ja, hier ist das Schaf, womit ihr umgeht.
Hierauf ging der Scharfrichter zu ihm, riss ihm das
Hemd auf, nahm die Kappe von seinem Haupte und
füllte sie mit Schießpulver. Als nun Fye an dem Pfahle
stand, woran er erwürgt werden sollte, rief er: O Herr,
nimm deinen Knecht auf! Darauf ist er erwürgt und
verbrannt worden, und ist also im Herrn entschlafen.
Das gemeine Volk rief: Dieser war ein frommer Mann;
ist er kein Christ, so gibt es keinen in der ganzen Welt.
Jacob Claeß von Landsmeer und Cecilia,
Hieronymus Weib, werden in großer
Standhaftigkeit um des Zeugnisses Jesu willen zu
Amsterdam im Jahre 1549 verbrannt.
Die Trübsal, die Angst und Not der geliebten Freunde
und Kinder Gottes hörte noch nicht auf, denn man
fuhr fort dieselben zu verfolgen, zu töten, ja ihnen auf
eine grausame, jämmerliche und elende Weise den
Tod zuzufügen, was sich auch im Jahre 1549 in der
Stadt Amsterdam in Holland mit zwei frommen und
sehr gottesfürchtigen Personen, namens Jacob Claeß
von Landsmeer und Cecilia Hieronymus von Wormer,
ereignet hat. Diese sind nach vielen Anfechtungen,
Streit und Trübsal, die sie sowohl von Weltlichen, als
auch von Geistlichen erlitten, welche sie vom Glauben
abzuziehen suchten, worin sie gleichwohl standhaft
geblieben sind, als Ketzer zum Feuer verurteilt wor-
den und haben ihre Strafe den 9. November des Jah-
res 1549 nach der Geburt Christi tapfer und standhaft
ausgestanden, wie solches aus nachfolgenden zwei
Todesurteilen hervorgeht, welche auf den Tag ihres
Todes öffentlich im Gerichte zu Amsterdam vorgele-
sen worden sind, wovon wir die wahren Abschriften,
durch Hilfe des Gerichtsschreibers daselbst, in die
Hände bekommen haben und die wir, um die obige
Sache in Gewissheit zu setzen, nachstehend mitteilen
wollen.
Todesurteil über Jacob Claeß von Landsmeer.
Nachdem sich Jacob Claeß von Landsmeer zu der Leh-
re, Sekte und Ketzerei der Wiedertäufer begeben und
sich wiedertaufen lassen, auch eine böse Lehre von
den Sakramenten der heiligen Kirche, dem heiligen
christlichen Glauben, den Verordnungen der heiligen
christlichen Kirche führt, den geschriebenen Rechten
und Befehlen der kaiserlichen Majestät unseres gnädi-
gen Herrn zuwider, und überdies in seinem Irrtume
und seiner Ketzerei hartnäckig verharrt, des Unter-
richts ungeachtet, der ihm von dem wahren Glauben
gegeben worden ist, so haben die Herren des Rates,
nachdem sie die Anklage, welche der Herr Schultheiß
von wegen der kaiserlichen Majestät gegen diesen
vorgemeldeten Jacob Claeß eingebracht, sowie sein
Bekenntnis und die Umstände der gemeldeten Sa-
che genau erwogen, diesen vorgebuchten Jacob Claeß
dahin verurteilt, dass er, nach den geschriebenen Be-
fehlen, von dem Scharfrichter mit Feuer hingerichtet
werden soll, auch weiter verordnet, dass seine Güter
zum Nutzen der kaiserlichen Majestät, als Grafen von
Holland, verfallen sein sollen. Solches ist bekannt ge-
macht und durch den Scharfrichter ins Werk gesetzt
worden am 9. November des Jahres 1549, in Gegen-
wart des Schultheißen, Meister Henrich Dirks, Bürger-
meister; Jan Willemß, Claes Meeuweß, Simon Claes
Kops, Floris Martß, Jan Claeß von Hoppen und Hen-
rich Janß Krook, Ratsherren.
Von der Zeit, zu welcher er gepeinigt worden ist.
Dieser Jacob Claeß ist auf der Folter gewesen und
gefoltert worden den 22. Oktober im Jahre 1549. Aus-
gezogen aus dem Buche des Blutgerichts, welches in
der Kanzlei der Stadt Amsterdam zu finden ist.
Todesurteil über Cecilia Hieronymus.
Nachdem Cecilia, Hieronymus Tochter, von Wormer,
sich unter die Lehre, Sekte und Ketzerei der Wieder-
täufer begeben, sich auch Wiedertaufen lassen und
eine böse Lehre von den Sakramenten der heiligen
Kirche, dem heiligen christlichen Glauben, den Ver-
ordnungen der heiligen christlichen Kirche hegt, den
geschriebenen Rechten und Befehlen der kaiserlichen
Majestät unseres gnädigen Herrn zuwider; und über-
dies noch in ihren Irrtümern und Ketzereien hartnä-
ckig verharrt, wiewohl man sie im wahren Glauben
unterrichtet hat, so haben die Herren des Rats, nach-
dem sie die Anklage, welche der Herr Schultheiß im
Namen der kaiserlichen Majestät gegen die vorgemel-
dete Cecilia eingebracht, gleichwie auch ihr Bekennt-
nis angehört und die Umstände der vorgemeldeten
Sache in reife Überlegung genommen hat, die vor-
gedachte Cecilia, Hieronymus Tochter, dahin verur-
teilt, dass sie, nach den vorgemeldeten Befehlen, von
dem Scharfrichter mit Feuer hingerichtet werden soll,
und verordnen ferner, dass ihre Güter der kaiserlichen
Kammer, zum Nutzen der kaiserlichen Majestät, als
Grafen von Holland, verfallen sein sollen. Gegeben
und ausgeführt wie oben gemeldet.
Ausgezogen aus dem Buche des Blutgerichts, wel-
122
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ches in der Kanzlei der Stadt Amsterdam niedergelegt
ist. N. N.
Hans von Oberdam wird zu Gent im Jahre 1550
getötet.
Sein Bekenntnis, welches er im Gefängnisse geschrie-
ben und nachher mit seinem Tode bezeugt hat, im
Jahre 1550:
Hans von Oberdam, nebst seinen Mitgefangenen,
um des Zeugnisses Jesu Christi willen, wünscht allen
Brüdern und Schwestern in dem Herrn Gnade, Frie-
den und eine feurige Liebe von Gott dem Vater und
dem Herrn Jesu Christo, welchem sei Preis, Ehre und
Majestät von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Meine Herzallerliebsten! Seid meinetwegen unbe-
kümmert, sondern lobt den Herrn, dass Er mir ein
solch guter Vater ist, dass ich um des Zeugnisses
Christi willen Bande und Gefängnis leiden darf, wie
ich denn auch hoffe, darum ins Feuer zu gehen. Der
Herr gebe mir Kraft durch seinen Heiligen Geist,
Amen. Wandelt in der Furcht des Herrn, wie ihr be-
rufen seid. Und wenn wir einander hier im Fleische
nicht mehr sehen, so hoffen wir einander in der Ewig-
keit anzuschauen in unsers Vaters Reiche, in welchem
ich in Kurzem zu sein hoffe. Der Friede des Herrn sei
mit euch. Amen.
Meines Herzens Wünschen und Begehren von dem
ganzen Grunde meiner Seele ist, o liebe Brüder und
Schwestern in dem Herrn, dass ihr immer mehr und
mehr Fleiß anwendet, euren Beruf wahrzunehmen,
wozu ihr von Gott dem Vater durch Christum zur Ma-
jestät und Herrlichkeit des Reiches seines geliebten
Sohnes berufen seid, welcher seine Gemeinde durch
sein eigenes Blut erkauft und sich selbst für sie dahin-
gegeben hat, damit er sie herrlich mache, und der sie
durch das Wasserbad im Worte gereinigt hat, damit
Er sie Ihm selbst als eine Gemeinde darstelle, die herr-
lich sei, die weder Flecken noch Runzeln, oder etwas
dem Ähnliches habe, sondern dass sie heilig und un-
sträflich sei. Darum, o liebe Freunde, merkt hier auf,
welche große Liebe uns der Vater bewiesen habe, weil
Er seinen eingeborenen Sohn nicht verschont hat, wie
Christus sich selbst so willig übergeben und den aller-
schmählichsten und schändlichsten Tod des Kreuzes
für uns erlitten und sein teures Blut für uns vergossen
habe, um uns von unsem Sünden zu waschen und
zu reinigen. Ach liebe Brüder und Schwestern, lasst
uns aufmerken, ernstlich bitten und wachen, damit
wir die seligmachende Gnade Gottes und die unaus-
sprechliche Liebe des Vaters und Christi über zeitliche
Sorgen oder Bekümmernisse dieser Welt, oder durch
die Lüste und Begierden, welche die Seele töten, nicht
versäumen oder vergessen, und dass wir nicht als
Flecken und Runzeln, aus der herrlichen Gemeinde
Christi gewaschen und gefegt, ja als eine unfruchtbare
Rebe abgeschnitten und ins Feuer geworfen werden
mögen. Denn, meine Allerliebsten, es ist nicht genug,
dass wir die Taufe auf unsern Glauben empfangen ha-
ben und durch diesen Glauben in Christo eingepfropft
sind, wenn wir den Anfang seines Wesens nicht fest
bis ans Ende behalten. Darum, wenn jemand ist, der
da fühlet, dass er ein Flecken oder Runzel geworden
sei, der sehe zu und eile, ehe ihn der Tag überfalle,
wie ein Fallstrick den Vögel; er bekehre sich und trage
wahre Reue und Leid; er richte wieder auf die lässigen
Hände und müden Knie und laufe mit vollem Laufe
in der Bahn des Kampfes (die ihm verordnet ist, da-
mit das Lahme nicht aus dem Wege gestoßen, sondern
vielmehr gesund und stark werde und wir die Zeit
unserer Pilgerschaft in der Furcht Gottes vollenden,
auch uns von dieser argen bösen Welt imbefleckt hal-
ten mögen, die doch voller Betrug, Stricke und Netze
ist, welche der Teufel stellt, um der Menschen Seelen
zu verführen, und durch mancherlei Lüste und Betrug
zu fangen. Ach Herr, bewahre deine Pilger vor diesen
Mördern, die wir in deiner Hoffnung wandeln und
unsere Hilfe und Trost von Dir, o himmlischer Vater,
durch Jesum Christum, unsern Herrn, erwarten, und
führe das gute Werk in uns aus, das Du zum Preise
und Lobe deines heiligen Namens in uns angefan-
gen hast. O du allmächtiger und ewiger Gott, wie gar
unbegreiflich ist deine Gnade und väterliche Barmher-
zigkeit über diejenigen, die Dich fürchten und lieben.
O Vater, wer sollte solchen Gott nicht fürchten, wel-
cher die Seinen zu erlösen weiß und obgleich sie hier
eine kleine Zeit verlassen, von allen Menschen verach-
tet, verworfen und auf dieser Erde verflucht zu sein
scheinen, so verlässt Er doch die Seinen nicht, durch
den Trost seines Heiligen Geistes in unsern Herzen,
der uns wohlgemut und fröhlich gemacht, dass wir
um seines Namens willen Schmach leiden können.
Auch hoffen wir, durch die Güte Gottes, dass unsere
Pilgerschaft bald ihr Ende erreichen werde und dass
wir von dieser elenden Welt und aus dem Tränentale
bald werden erlöset werden, und dass dieses irdische
Haus unserer Wohnung werde zerbrochen werden,
damit wir nach Hause zu unserem himmlischen Va-
ter kommen und die Krone des ewigen Lebens, wel-
che uns nun vorgehalten wird, davontragen mögen!
Wir hoffen auch, dass uns dieselbe von keiner Krea-
tur werde genommen werden. Dazu wolle uns der
allmächtige und ewige Gott, der barmherzige Vater,
stärken, durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen.
Wisset, liebe Freunde, wie es mir vor und nachher
in meiner Gefangenschaft ergangen ist und wie man
123
mit uns umgegangen sei.
Zur Zeit, als die vier Freunde aufgeopfert waren,
von welchen ich das Lied gemacht hatte, welche ich
auch hatte verbrennen sehen, hörte ich sagen, dass
sie die andern Freunde, welche noch im Gefängnisse
geblieben waren, auf den Rat der falschen Prophe-
ten, deren Gemüt mit des Teufels Schalkheit angefüllt
ist, gleichwie sie sich denn auch rühmten, das sie
tun wollten, mit großer List und Betrug versucht ha-
ben. Unsere Freunde, die daselbst zurückgeblieben,
waren zwei Jünglinge und ein junges Mägdlein; für
diese baten wir den Flerrn alle Tage eifrig, denn wir
fürchteten, sie möchten in etwas zu Schaden kommen,
warteten auch täglich darauf, dass sie getötet werden
würden; ich aber wurde in meinem Gemüte um ihrer
Jugend willen getrieben, dass ich vorn an die Schau-
bühne trat, wo sie getötet werden sollten, dass ich sie
trösten möchte, wenn sie etwa durch Betrübnis nieder-
gebeugt wären, auch die Mönche bestrafen möchte,
welche unsern Freunden Not und Qual verursachen,
wenn sie zum Tode geführt werden. Aber leider, die
armen Kinder sind nicht so weit gekommen, sondern
haben sich mit den falschen Propheten unvorsichtig in
einen Wortstreit eingelassen, obgleich man sie deswe-
gen genug gewarnt hatte, dass sie sich davor in Acht
nehmen sollten, so lieb sie ihre Seele hätten, denn es
hat nicht jedermann die Gabe, einen Wortstreit zu füh-
ren; aber den Glauben getrost zu bekennen, wie man
solches von dem Herrn empfangen hat, solches passet
wohl für Christen.
Aber diese armen Schäflein, als sie sich in einen
Wortstreit einließen, sind in ihrem Gewissen verwirrt
worden und sind also von der Wahrheit abgefallen,
wovon die falschen Propheten viel Rühmens machten,
weil sie ihre Seelen gewonnen und zu der heiligen
Kirche zurückgebracht hatten. Als ich dieses gehört
hatte, ist meine Seele und mein Geist sehr betrübt ge-
worden, um dieses Verlustes der armen Schafe willen,
und weil die falschen Propheten und die Ratsherrn
über den Fall und das Verderben der armen Lämmer
und Säuglinge, welche sie durch ihre Beschweren da-
zu gebracht hatten, wie ihr nachher hören werdet, so
sehr frohlockten.
Als ich nun betrübt war und die Gewalt und Kraft
des Teufels, welche er durch seine Kinder des Un-
glaubens bewirkt hatte, seufzend Gott klagte, so ist es
mir in den Sinn gekommen, dass ich einige Brieflein
schreiben und sie an einigen Orten anheften sollte,
worin ich sie wegen ihrer eitlen Freude über den Ver-
lust der armen Schäflein, deren Seelen sie ermordet
hatten, bestrafen sollte. Also fing ich an zu schrei-
ben und unter dem Schreiben ist mein Gemüt so eifrig
geworden, dass, während ich meinte, ein kleines Brief-
lein zu schreiben, daraus ein Brief von einem ganzen
Blatte geworden ist und der Herr hat mir den Ver-
stand geöffnet, dass ich den Herren, nach Anweisung
der Schrift, ihre Strafe und dem ganzen römischen
Reiche den Untergang wunderlich erwiesen habe; in
dem Briefe schrieb ich, dass ich mich mit allen ihren
Gelehrten in einen öffentlichen Wortstreit einzulassen
begehrte und zwar in der Nähe eines großen Feu-
ers und stellte dabei die Bedingung, dass derjenige,
welcher in dem Streite erliegen würde, ins Feuer ge-
worfen werden sollte, auch schrieb ich ihnen, dass sie
die armen Lämmer zufrieden lassen, das obrigkeitli-
che Schwert beiseite legen und mit dem Worte Gottes
streiten sollten. Als dieser Brief fertig war, habe ich
ihn den Brüdern gezeigt, welchen er sehr gefallen hat;
darum habe ich durch einen Bruder, welcher besser
schreiben konnte als ich, sechs andere Briefe abschrei-
ben lassen. Unterdessen sind die armen gefangenen
Schäflein aus dem Gefängnisse gelassen worden und
haben alles widerrufen; es ist aber ein Jüngling an
eben demselben Tage, als er das Gefängnis verlassen,
eine Meile außerhalb der Stadt gestorben und ist den-
jenigen, die ihr Leben erhalten wollten, zum Exempel
und Spiegel geworden. Als dieses geschah, bin ich
mit Hansken Käskaufer von Antwerpen gekommen
und wir haben alles vorbereitet, dass wir unsere Brie-
fe verschicken wollten, haben sie auch des Samstags
abends an die Herren der Stadt gesandt und mitten
in der Stadt zwei offene Briefe angeschlagen, damit
sie jedermann lesen möchte. Wir loben und danken
Gott sehr dafür, dass wir solches ausgerichtet, ehe wir
gefangen genommen wurden, denn wir waren bereits
von einem Judas verraten, der unter uns war und der
frommste Bruder unter allen denen, die daselbst wa-
ren, zu sein schien; seine Verstellungskunst geht aus
dem Gesagten hervor; er ist aber auch, wie wir nun
wissen, lange Zeit darauf aus gewesen, einen Hau-
fen Freunde zu verraten. Dieser Verräter war auch
dabei, als die Briefe angeheftet wurden, auch hatten
wir verabredet, des Sonntags morgens zusammen zu
kommen, um von des Herrn Wort zu handeln, denn
ich wollte von den Brüdern Abschied nehmen und
des andern Tags verreisen, aber der Herr sei gelobt,
der es anders verordnet hat. Hierauf ist Hansken des
morgens früh mit mir nach dem Walde gegangen, wo
wir uns versammeln sollten; wir haben aber unsere
Freunde an dem Orte, wo wir sie erwarteten, nicht ge-
funden; wir suchten wohl eine halbe Stunde lang und
dachten, dass sie noch nicht gekommen wären, weil
es den vorhergehenden Abend so sehr geregnet hatte;
als wir wieder umkehren wollte, sagte ich: Laß uns
gehen; vielleicht sind sie etwas dort vor uns und fing
an leise zu singen, so dass sie es, wenn sie daselbst
124
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
wären, hören möchten. Da hörte ich etwas in dem
Busche rauschen und sagte zu Hansken: Hier sind
unsere Freunde; wir standen still und merkten darauf,
wer herkommen würde, es kamen aber drei mit Waf-
fen und Stöcken. Ich sagte: Wohlan, Gesellen, habt ihr
einen Hasen gesucht und nicht gefangen? Da erblass-
ten sie wie Tote, traten vor uns, ergriffen mich beim
Arme und sagten: Gebt euch gefangen. Sie fingen uns
dann und sagten: Wir haben noch einen großen Hau-
fen gefangen. Wir sahen sodann einen Wagen, der mit
Leuten angefüllt war, in welchem wir unsere Brüder
erkannten und in ihrer Begleitung drei Richter und
einen großen Haufen ihrer Knechte, die sie bewach-
ten. Als wir dahin kamen, grüßten wir unsere Brüder
mit dem Frieden des Herrn und trösteten sie mit des
Herrn Worte, dass sie um seines Namens willen nun
tapfer streiten sollten. Hiernächst bestraften wir die
Richter, dass sie so begierig wären, unschuldiges Blut
zu vergießen. Darauf haben sie Hansken und mich mit
eisernen Banden zusammengeschlossen; desgleichen
auch unsere Daumen.
Wir dachten nun zwar, sie würden uns nach der
Stadt führen, aber weil der Ort, wo wir gefangen wur-
den, unter einer anderen Herrschaft stand, so mussten
wir eine halbe Meile weit gehen. Wir hielten solches
für eine besondere Fügung, dass wir noch so lange
beieinander sein durften und uns unterwegs unter-
einander mit des Herrn Wort trösten konnten, ehe
sie uns voneinander absonderten. Hierauf wurden
wir eine Meile von der Stadt in ein Schloss gebracht,
in welchem wir drei Tage sämtlich in einer Kammer
verwahrt wurden; denn also lautete das Recht der
Herrschaft, wo wir gefangen wurden. Wir lobten hier
den Herrn, unsern Gott, und dankten Ihm, dass Er es
gefügt hatte, dass wir so viel Zeit hatten, uns unter-
einander getrost zu ermahnen. Auch kam viel Volks
aus der Stadt, uns zu hören und zu sehen; zuletzt aber
wurde niemand mehr zu uns in die Kammer gelassen.
Hierauf untersuchte uns der Oberamtmann des Lan-
des Aelst wegen unseres Glaubens, welchen wir ihm
ohne Scheu bekannten. Wir dachten, wir würden nach
Aelst geführt werden, weil aber der Amtmann von
Gent, als wir gefangen genommen wurden, uns auf
einen Wagen hatte setzen lassen, um uns nach Gent zu
bringen, so mussten wir auch sämtlich wieder nach
Gent geführt werden; auch war unser Verräter mit
uns gefangen genommen, damit wir nicht merken
sollten, dass er uns verraten; sie setzten ihn und ver-
schiedene von uns in eine andere Kammer, was uns
sehr schmerzte, indem er nicht bei uns sein konnte,
denn wir wussten es damals noch nicht, dass er unser
Verräter war; erst als er mit uns auf dem Wagen in
das Gefängnis nach Gent geführt wurde, erfuhren wir
dort, das er uns verraten hatte.
Als man uns nun aus dem Schlosse brachte, um
uns nach der Stadt zu führen, kam daselbst viel Volk
aus der Stadt zusammen, um uns zu sehen; bei die-
ser Gelegenheit wurde meines Bruders Frau, welche
auch eine Schwester war, gefangen genommen und
auf den Wagen gesetzt, weil sie mit mir redete und
so auch noch ein Mann, welcher uns Glück wünschte.
Wir redeten daselbst frei zum Volk, welches dahin ge-
kommen war, dass diejenigen, die sich vom Bösen ab-
kehren und Christo nachfolgen wollten, jedermanns
Raub sein müssten. Viele begehrten damals mit uns
zu reden, aber des bösen Richters wegen durften sie
nicht. Es waren unserer zehn Bundesgenossen; zwei
davon waren zur Taufe bereit und vier Ankömmlinge,
die beiden andern aber waren gefangen genommen,
weil sie uns anredeten; demnach haben sie zwei Wa-
gen voll in die Stadt bei hohem Sonnenschein geführt;
sie nahmen unterwegs noch eine Frau gefangen, nur
weil sie zu uns sagte: Gott bewahre euch; dieselbe
musste auch auf den Wagen sitzen. Aber hätten sie
alle diejenigen gefangen nehmen wollen, die, als wir
in die Stadt kamen, uns angeredet und zu denen wir
aus dem Worte Gottes redeten, sie hätten dieselben
wohl auf zwanzig Wägen nicht führen können, denn
wo wir vorbeikamen, strömte das Volk haufenweise
von allen Orten herzu, gleich dem Wasser, welches
von den Bergen läuft und zu einem Strome wird; sol-
ches währte wohl eine Stunde Wegs und zwar in der
Zeit, bis wir von dem einen Stadttore bis in des Gra-
fen Schloss, welches am anderen Ende der Stadt steht,
geführt wurden. Dann wurden wir auf das Schloss
geführt und der Richter des Landes Aelst überant-
wortete uns den Händen der Herren des kaiserlichen
Rates, worauf wir voneinander abgesondert wurden;
einige von uns wurden in die oberen Kammern ge-
setzt, auch blieben die Weiber oben, aber unserer elf
wurden in ein dunkles und tiefes Gewölbe geführt; in
diesem befanden sich verschiedene gemauerte dunkle
Gefängnisse, in welche wir zu drei und drei gebracht
wurden; aber Hansken und ich wurden in das aller-
dunkelste geführt; in demselben war etwas zerlegenes
Stroh, so viel als man in einer Schürze tragen konnte,
damit konnten wir uns behelfen. Ich sagte: Es kommt
mir vor, als ob wir mit Jona in dem Bauche des Wal-
fisches wären, so dunkel ist es hier; wir mögen wohl
mit Jona den Herrn anrufen, dass Er unser Tröster und
Erretter sein wolle, denn wir sind nun jedes mensch-
lichen Trostes und Beistandes beraubt, worüber wir
uns jedoch nicht betrübten, sondern Gott Lob und
Dank sagten, dass wir um seines Namens willen lei-
den durften; auch redeten wir unsere anderen Brüder
an, welche in den anliegenden Höhlen lagen, denn
125
wir konnten einander wohl reden hören. Als wir hier
drei oder vier Tage gesessen hatten, wurden wir bei-
de, Hansken und ich, hinauf zu den Herren entboten;
dieselben untersuchten und fragten uns nach unse-
rem Glaubensgrunde, und wann wir getauft worden
wären.
Da hat uns der Herr nach seiner Verheißung den
Mund geöffnet, um ohne Scheu zu reden. Wir begehr-
ten, uns mit dem Worte Gottes öffentlich zu verteidi-
gen; sie antworteten uns aber, sie wollten uns gelehrte
Männer zuschicken, die uns unterrichten sollten, wor-
auf wir wieder hinuntergebracht worden sind. Kurz
darauf wurde ich wieder in eine andere Kammer zu
zwei Ratsherren und einem Schreiber hinaufgebracht;
daselbst haben sie mich scharf untersucht, wo ich
gewesen wäre, und ob ich auch wohl wüsste, dass
ich vor sechs Jahren zu Martin Huerblocks Zeit des
Landes verwiesen worden sei, und wo wir unsere Ver-
sammlung gehalten? Das letztere wussten sie wohl,
denn der Verräter hatte es ihnen gesagt. Ich sagte:
Was wollt ihr mich fragen, der ich aus fremden Län-
dern komme? (Denn ich habe mich mit Bedacht nicht
erkundigen wollen, damit, wenn ich etwa gefangen
genommen würde, ich nicht viel zu verantworten hät-
te.) Warum fragt ihr aber so scharf, habt ihr noch nicht
genug unschuldiges Blut zu vergießen? Dürstet euch
noch nach mehr? Fragt nur genau, sagte ich, ihr wer-
det von dem gerechten Richter auch wieder gefragt
werden, wenn ihr euch nicht bekehrt. Hierauf fragten
sie mich noch mehr und beschworen mich bei meiner
Taufe, dass ich es sagen sollte; denn, sagten sie, wir
wissen, dass ihr nicht lüget, darum sage es uns. Ich
sagte: Da ihr wisset, dass wir nicht lügen, dies ist uns
ein Zeugnis zur Seligkeit, euch aber zur Verdammnis,
weil ihr uns tötet; aber eure Beschwörung hat keine
Macht wider die Wahrheit. Es wurde aber alles, was
ich sagte, aufgeschrieben. Auch drohten sie mir, mich
zu foltern, wenn ich ihnen nicht alles sagen würde. Ich
sagte: Was ich nicht weiß, kann ich euch nicht sagen;
auf solche Weise quälten sie mich sehr lange. Darauf
wurde ich wieder hinuntergeführt. In derselben Weise
haben sie mit allen unsern Freunden gehandelt, und
zwar mit jedem derselben besonders.
An einem Samstag ward ich wieder auf dieselbe
Kammer geführt. Hier waren vier Mönche, der Vor-
steher der Minderbrüder, nebst noch einem, und der
Vater der Jakobinen, eben mit noch einem; mit mir
aber kam ein junger Bruder, der die Taufe noch nicht
empfangen hatte, wiewohl er dazu bereit war.
Als ich mich niedersetzte und fragte, was ihr Begeh-
ren wäre, sagten sie, sie seien von den Herren ange-
wiesen worden, uns zu unterrichten und mit uns von
dem Grunde und den Artikeln des Glaubens zu reden.
Hierauf gab ich ihnen zur Antwort, dass ich bereit
sei, mich mit Gottes Wort unterrichten zu lassen, und
nicht abgeneigt wäre, mit ihnen eine Unterredung
von dem Grunde und den Artikeln des Glaubens,
und zwar öffentlich, in Gegenwart der Richter, die
uns richten sollten, und unserer Brüder und Schwes-
tern, die mit uns gefangen sind, zu halten. Antwort:
Solches werden sie keineswegs erlauben. Hans von
Oberdamm: Wohlan, so können sie tun, was sie wol-
len; wir aber wollen nicht im Winkel allein mit euch
uns in Unterredung einlassen, damit man hinter un-
serem Rücken unsere Worte verdrehe. Antwort: Wir
wollen eure Worte nicht verdrehen. Hans von Ober-
damm: Nein, wir kennen euch wohl. Frage: Wofür
haltet ihr uns denn? Was haben wir euch denn Böses
getan? Sage es uns doch, wenn du etwas Böses von
uns weißt! Hans von Oberdamm: Wenn ihr es doch
wissen wollt, ich halte euch für falsche Propheten und
Verführer.
Dann kamen wir mit ihnen in einen Wortstreit we-
gen ihres geistlichen Scheines und von des Papstes
Gebote wegen der Reinigkeit der Pfaffen und Mönche,
und warum sie Geistliche, die andern aber Weltliche
genannt werden, während sie doch alle Geistliche sein
sollten. Sie meinten aber, solches sei nicht erbaulich,
und sie wollten daher lieber eine Unterredung von
den Glaubensartikeln halten. Darauf sagte ich: Wohl-
an, wie ich gesagt habe; worauf sie erwiderten, sie
wollten es den Herren sagen. In dieser Weise sind
wir voneinander geschieden, nachdem wir wohl zwei
Stunden in der Unterredung zugebracht hatten. Zwei
Tage darauf wurden Hansken und ich zu den Herren
entboten, wobei die vier Mönche abermals zugegen
waren und sich mit uns in eine Unterredung einzu-
lassen begehrten. Ich sprach zu den Herren: Meine
Herren, ich frage euch, in welchem Hause sind wir, in
einem Hause des Rechtes oder der Gewalt? Antwort:
In einem Hause des Rechtes. Hans von Oberdamm:
Gott gebe, dass es so sein möge; aber, meine Herren,
wessen beschuldigt ihr uns, da ihr uns wie Diebe und
Mörder gefangen und geschlossen haltet? Haben wir
jemanden übervorteilt, oder beschuldigt ihr uns einer
Gewalttätigkeit, eines Mordes oder sonstiger Schel-
menstücke. Antwort: Nein, wir wissen nichts derglei-
chen von euch. Hans von Oberdamm: Wohlan, meine
Herren, warum habt ihr uns denn gefangen genom-
men? Das werden euch eure Ankläger wohl sagen.
Hans von Oberdamm: Seid ihr denn unsere Anklä-
ger? Antwort: Nein, sondern wir sind Richter.
Darauf sagte ich zu den Mönchen: Seid ihr denn un-
sere Ankläger? Antwort: Nein. Hans von Oberdamm:
Wohlan, ist niemand unser Ankläger, warum sind wir
denn gefangen genommen? Hierauf sagte ein Rats-
126
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
herr: Der Kaiser ist euer Ankläger. Hans von Ober-
damm: Wir haben uns an der Kaiserlichen Majestät
nicht vergriffen, nach der Gewalt, die er von Gott emp-
fangen hat; wollen ihm auch in allen Verordnungen
gehorsamen, so weit es mit der Wahrheit bestehen
kann. Der Ratsherr: Ihr habt in Beziehung auf diese
neue Lehre Versammlung gehalten; der Kaiser aber
hat geboten, dass man solches nicht tun sollte. Hans
von Oberdamm: Es ist ihm von Gott nicht erlaubt, sol-
che Gebote zu machen; hierin Übertritt er die Gewalt,
die ihm von Gott gegeben ist; darin erkennen wir ihn
nicht als einen Obersten, denn unserer Seelen Selig-
keit liegt uns näher, nämlich, dass wir Gott Gehorsam
erweisen. Hierauf sagten die Mönche: Wir sind eure
Ankläger darin, dass ihr eine falsche Lehre habt; denn
wäre sie gut, ihr würdet nicht in Büsche und Winkeln,
sondern öffentlich lehren. Da sagte Hansken: Gebt
uns einen freien Platz auf dem Markte oder in euren
Klöstern oder Kirchen, und seht, ob wir alsdann in
das Gebüsche gehen werden; aber nein, ihr müsstet
fürchten, man möchte euch bestrafen, darum habt ihr
es dahin gebracht, dass man euch nicht bestrafen darf
und habt uns aus Städten und Ländern getrieben. Die
Mönche: Ei, Lieber, solches haben wir nicht getan, das
tut der Kaiser. Hansken: Dazu habt ihr ihn angereizt.
Die Mönche: Wir haben dies nicht getan.
Dann fingen die Herren auch an, wider uns zu re-
den, warum wir mit unserer Eltern Glauben und mit
unserer Taufe nicht zufrieden wären. Wir sagten: Wir
wissen von keiner Kindertaufe, sondern nur von ei-
ner Taufe des Glaubens, welche uns Gottes Wort lehrt.
Hierauf hatten wir noch verschiedene Gespräche und
bestraften sie, weil sie über Glaubenssachen Richter
sein wollten, wahrend sie doch die Schrift nicht ver-
stünden. Wollt ihr aber Richter sein, so seid unpartei-
isch und sorget, dass es ordentlich zugeht, und lasset
beide Parteien zugleich beisammen sein; lasset auch
unsere Brüder und Schwestern, die mit uns hierher
gefänglich gebracht worden sind, bei uns sein; als-
dann soll einer unter uns reden, welchem der Herr
den Mund öffnen wird, solange dieser redet und auf
gleiche Weise sollen unsere Widersacher auch verfah-
ren. Die Herren: Wir wollen euch nicht Zusammen-
kommen lassen; wir wollen, dass ihr hier allein den
Wortstreit haltet.
Da sagten wir: Meine Herren, solches wäre euch
am bequemsten und könnte auch mit einem Wort-
streite ans Ende gebracht werden; sonst müsst ihr den
Wortstreit mit einem oder zweien immer wieder aufs
Neue anfangen. Die Herren: Was ist daran gelegen,
wir wollen es nicht so haben. Da sagte ein Ratsherr: Sie
wollen sie beisammen haben, damit sie einander noch
mehr verführen können, darum muss man sie nicht
dazukommen lassen. Hans von Oberdamm: Meine
Herren, ihr sagt, dass ihr Richter seid; wir aber halten
euch für unsere Widersacher, denn ihr sucht uns auf
allerlei Weise zu beleidigen und uns, sowie unsere
Mitgenossen, mit Gewalt und List von unserm Glau-
ben abzubringen. Antwort: Warum sollten wir das
nicht tun und nicht versuchen, euch wieder auf den
rechten Weg zu bringen? Wohlan meine Herren, so
höret dies, weil wir sehen, dass ihr keine Richter, son-
dern unsere Widersacher seid, und Gewalt und List
gebraucht, wo ihr nur Gelegenheit dazu findet, euch
zum Vorteil und uns zum Nachteile. Erstens habt ihr
uns unsere Testamente, worin wir unsern Trost finden,
mit Gewalt genommen und geraubt; zweitens habt ihr
uns an verschiedene Orte gefangen gelegt, den einen
in ein tiefes und dunkles Gewölbe, den andern in ei-
ne hohe Kammer; und drittens sucht ihr uns durch
Wortstreite auf mannigfache Weise zu überlisten und
zu betrügen, wobei ihr dann hinter unserem Rücken
zu unseren Brüdern sagt, ihr habt uns überwunden;
ebenso sprecht ihr auch zu uns von unsern Brüdern
und Schwestern. Um deswillen, meine Herren, wollen
wir uns hier nicht in einen Wortstreit mit euch einlas-
sen, es sei denn, dass unsere Brüder und Schwestern
dabei seien.
Als sie hörten, dass ihr Anschlag wider uns nach
ihrem Willen nicht gelang, so wurden sowohl sie, als
auch die Mönche, sehr zornig; wir sahen wohl, um
was es ihnen zu tun war, und dass es lauter Schalkheit
war, womit sie umgingen; denn obgleich man sie mit
der Heiligen Schrift überwiesen, dass sie in einigen
Stücken unrecht hatten, so wollten sie doch nicht be-
kennen, sondern entschuldigten sich mit dem Kaiser
und seinem Befehle, die Mönche mit der langen Ge-
wohnheit der römischen Kirche und mit dem großen
Haufen unserer Vorfahren, und obgleich man ihnen
aus der Heiligen Schrift das Gegenteil erwiesen hatte,
so war doch nichts ausgerichtet, ja nicht mehr, als ob
man den Ofen angegafft hätte.
Da sagten wir: Wohlan, meine Herren, wollt ihr
uns denn nicht erlauben, in guter Ordnung den Wort-
streit zu führen, wie wir solches begehrt haben? Ant-
wort: Nein. Wohlan denn, sagten wir, ihr wisst un-
seren Glaubensgrund, welchen wir euch offenherzig
bekannt haben; nun könnt ihr mit uns tun, was ihr
wollt, und so viel euch Gott zulässt, doch nehmt euch
wohl in Acht, was ihr tut und handelt, denn es ist
noch ein Richter über euch. Der Herr wolle euch die
Augen des Verstandes öffnen, damit ihr sehen mö-
get, wie erbärmlich ihr von den falschen Propheten
verführt und betrogen seid, die ihr wider Gott und
das Lamm streitet, welches euch, wenn ihr euch nicht
bekehrt, schwer fallen wird. Als wir uns mm nicht
127
wieder in den Wortstreit einlassen wollten, sind wir
wieder abgeführt worden, denn diesen Entschluss
hatten wir miteinander gefasst, als wir noch beiein-
ander auf dem Schlosse außerhalb der Stadt waren,
damit sie nicht die Einfältigen mit dem Wortstreite
überfallen möchten und hinterher sagen könnten, sie
hätten sie durch den Wortstreit überwunden, indem
es uns allen bekannt war, dass niemand von uns sich
in einen Wortstreit einlassen würde, außer in unserer
aller Gegenwart, und so der Wortstreit zum Tröste
und zur Ermahnung unserer Brüder und Schwestern,
die solches hören, gereichen würde; denn weil wir
sahen, dass sie ihr Bestes taten, wollten wir auf unse-
rer Seite auch nichts mangeln lassen, indem wir wohl
sahen, dass es die Not so forderte. Als sie sahen, dass
es ihnen hierin nicht glücken wollte, haben sie einen
andern Plan erdacht und einen Ratsherrn und zwei
Mönche, einen grauen und einen schwarzen, in eine
Kammer beordert; diese ließen jedes Mal einen Bru-
der oder eine Schwester vorführen, dass sie mit ihnen
sich in einen Wortstreit einlassen und wider die Mön-
che ihren Glaubensgrund behaupten sollten: sie, die
Gefangenen, sagten aber, dass sie nicht allein in ei-
ner Kammer, sondern öffentlich den Wartstreit führen
wollten, wenn wir alle vor dem Herrn versammelt
wären. Da sagten sie: Wir beschwören euch bei eurem
Glauben und bei eurer Taufe, dass ihr den Wortstreit
hier führt. Hierauf sagte der Bruder: Meinen Glauben
und meine Taufe kenne ich, aber mit eurem Beschwö-
ren habe ich nichts zu schaffen, sondern es ist unser
ernstliches Begehren, dass wir Zusammenkommen
und den Wortstreit öffentlich mit euch führen mö-
gen, nicht aber in einer Kammer allein. Also ließen
sie einen nach dem andern vorführen, bis sie diesel-
ben alle vorgenommen hatten; es wollte sich aber nie-
mand auf solche Weise in einen Wortstreit einlassen.
Hierauf musste ich allein in einer Kammer vor einem
Ratsherrn und zwei Mönchen erscheinen; dieselben
fingen auch an, mich zu beschwören; ich antwortete
ihnen aber darauf: Was wollt ihr mich noch beschwö-
ren, dass ich die Rosen vor die Hunde und Perlen
vor die Schweine werfen soll, damit ihr sie zertretet?
Nein, das hat mir der Herr verboten; nein, ich achte
das Wort Gottes würdiger, als dass ich hier das Licht
umsonst scheinen lassen wolle, wodurch doch nie-
mand erleuchtet, sondern nur gelästert und verspottet
wird, wie ihr tut, wenn man euch die Wahrheit sagt;
sie haben mich aber darauf nur noch mehr beschwo-
ren. Hierauf antwortete ich ihnen: Was wollt ihr mich
viel beschwören, ich achte eure Beschwörung nicht,
denn dergleichen tun die Zauberer, welche mit ihren
Beschwörungen sich der Wahrheit widersetzen; aber
nun sehe ich wohl, dass unserer beiden Brüder und
der Schwester Seelen ermordet und durch eure zaube-
rische Beschwörung verführt worden seien, weil sie
sich vor dem Betrüge des Teufels nicht gehütet haben,
auch die Gaben nicht hatten, sich in einen Wortstreit
einzulassen. Hierauf sagte der Vorsteher: Du hast dich
in deinem Briefe gerühmt, dass du dich öffentlich in
einen Wortstreit einlassen wollest, warum willst du
dich aber jetzt nicht einlassen? Hans von Oberdam:
Du Mönch, ich begehre noch von ganzem Herzen
meinen Glauben mit Gottes Wort öffentlich vor allen
Menschen zu verteidigen; aber gewiss, deine Kappe
würde beben, wenn du dich auf die Gefahr des Feuers
mit mir in einen Wortstreit einlassen würdest, und
wenn dich die Obrigkeit nicht beschützen würde. Der
Ratsherr: Nein, es gefällt uns nicht, dass du dich in
einen öffentlichen Wortstreit einlässt, du bist nun in
unseren Händen. Hans von Oberdam: Ich habe sol-
ches begehrt, ehe ich wusste, dass ich in eure Hände
fallen würde, aber ich sehe wohl, dass wir dem Ad-
ler in die Klauen gekommen sind, und wer in diese
gerät, wird ohne Verlust des Leibes oder der Seele
nicht wieder frei. Der Ratsherr: Wer ist der Adler, der
Kaiser? Hans von Oberdam: Nein, es ist das römische
Reich oder die Gewalt, leset den Brief, den ich euch
geschrieben habe, der kann euch den Unterschied
zeigen. Hierauf wechselten wir noch viele Worte mit-
einander; die Mönche aber wurden mir feind, und
stießen aufgeblasene Worte gegen mich. Da sagte ich,
dass Paulus von ihnen recht geweissagt hätte, dass sie
Lästerer, stolz und aufgeblasen wären. Hierauf wurde
der Bruder Jan de Crook so zornig, dass er zu rufen
anfing: Narren, Narren, Ketzer, Ketzer seid ihr. Hans
von Oberdam: Seht, ist das nicht ein feiner Lehrer?
Sagt nicht Paulus: Ein Lehrer soll nicht zänkisch oder
zornig sein. Der Ratsherr schämte sich selbst, dass sich
der Mönch so unbesonnen aufführte und ermahnte
ihn still zu schweigen.
Dann auf eine andere Zeit kamen zwei weltliche
Pfaffen (Secular-Priester), Meister Willem von dem
neuen Lande, und der Pfarrherr von St. Michael; ich
fragte sie, was sie begehrten. Sie sagten, wir sind ge-
kommen, deine Seele zu suchen. Damals hielt ich mit
meinen Reden so viel an mich, als ich konnte, indem
mir hofften, dass wir öffentlich vor den Herren einen
Wortstreit halten würden, denn sie sagten, sie woll-
ten allen Fleiß darauf verwenden; als ich aber hörte,
dass es nicht anders sein könnte, dachte ich, als sie
mit dem Schreiber wieder zu mir kamen, wir müssen
nun mit diesen anders zu Werke gehen, als wir neu-
lich getan hatten. Hierauf fragte ich: Was verlangt ihr
denn? Antwort: Unser Begehren ist, dass du dich un-
terrichten lassen wollest, denn siehe, wir suchen doch
deine Seele. Hans von Oberdam: Wendet ihr denn so
128
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
viel Fleiß an, Seelen zu suchen? Antwort: Ja. Flans von
Oberdam: Wohlan, so gehet in die Stadt an alle Plätze
zu den Trunkenbolden, Hurenjägern, Fluchern, Läste-
rern, Geizigen, Hoffärtigen, Götzendienern, Schlem-
mern, Prassern und Mördern, welche unschuldiges
Blut vergießen; diese sind alle eure Brüder; gehet hin
und suchet ihre Seelen, die meinige hat Christus ge-
funden. Antwort: Wir ermahnen sie, dann haben wir
ihre Seele errettet. Hans von Oberdam: Damit ist es
nicht genug, ihr müsst auch zu ihnen gehen und sie
bestrafen, und wenn sie euch nicht hören wollen, so
müsst ihr sie vor die Gemeinde bringen und sie öf-
fentlich strafen; hören sie alsdann nicht, so sondert sie
von der Gemeinde ab und haltet sie als Heiden und
offenbare Sünder, gleichwie Christus lehrt und Pau-
lus an die Korinther; und bestraft auch eure Richter,
welche Gewalt und Unrecht tun, ja, welche unschul-
diges Blut vergießen. Hierauf sagte ein Pfaff : Sollten
wir die Obrigkeit bestrafen? Ich fragte, ob bei Gott ein
Ansehen der Person wäre? Antwort: Nein. Hans von
Oberdam: Wollt ihr Gottes Diener sein und sehet die
Person an? Antwort: Solches würde einen Aufruhr in
der Stadt erregen, und den Betreffenden das Leben
kosten. Hans von Oberdam: So leidet ihr um der Ge-
rechtigkeit willen? Aber es kam mir vor, als hätten
sie keine große Lust, darum zu leiden. Summa, wir
handelten so viel vom Banne, dass, wenn man demsel-
ben nach den Worten Christi und Paulus nachfolgen
wollte, ihr Papst, ihre vornehmen Geistlichen, ihre
Kaiser und ihre Könige, ja sie auch, mit ihrem gan-
zen Haufen, ausgeschlossen werden müssten, und ihr
Haufen sicherlich sehr klein geworden sein würde.
Hierauf sagte ich ihnen, dass ihr Haus ganz in Brand
stände und durch das höllische Feuer entzündet sei;
sie sollten zuerst dasselbe auslöschen und dann kom-
men und sehen, ob in unserem Hause Feuersnot wäre.
Hiermit gingen sie weg, und der eine Pfaffe kam nicht
wieder. Also handelte ich auch mit Meister Antonis
von Hille; derselbe quälte die andern sehr, mich aber
ließ er in Ruhe.
Hiermit befehle ich meine lieben Brüder und
Schwestern in dem Herrn in die Hände des allmächti-
gen Gottes und Vaters, durch Jesum Christum, unsern
Herrn, Amen. Geschrieben in meiner Gefangenschaft
um des Zeugnisses Christi willen. In dem dunklen
Gefängnisse habe ich einen Monat gelegen; mm liege
ich in einem tiefen runden Loche, in welchem sich
etwas mehr Licht befindet, hier habe ich diesen Brief
geschrieben. Ich hoffe, diese Woche mein Opfer zu
vollenden, wenn es dem Herrn gefällt und denen,
welche der Herr dazu hat ausersehen; denn wenn
es diese Woche nicht geschieht, so wird es sich wohl
noch zwei Monate verziehen, weil sie nachher in sechs
Wochen kein Gericht mehr halten. Wisset, dass, Gott
sei Dank, unsere Brüder und Schwestern, durch die
Gnade des Herrn, getrost und wohlgemut sind; ich
bitte euch um der brüderlichen Liebe willen, die ihr
zu mir tragt, dass ihr diesen Brief nach Friesland be-
stellt, insbesondere nach Emderland, ich meine, den
eigentlichen Brief, sobald als ihr könnt; ihr könnt ihn
wohl abschreiben, aber tut es ohne Verzug; übrigens
begehre ich freundlich, dass man ihn verwahre, da-
mit er nicht zerrissen oder beschmutzt werde. Die
Brüder, welche bei mir im Gefängnisse liegen, lassen
euch sämtlich grüßen mit dem Frieden des Herrn. Wir
bitten täglich den Herrn für euch, tut auch dasselbe
für uns. Wandelt im Frieden des Herrn, so wird es
euch Wohlergehen. Wenn dieser Brief gelesen ist, so
schickt ihn nach Antwerpen, dass er zur Gemeinde
nach Embden geschickt werde, damit er einem jeden
vorgelesen werde; dies begehre ich von meinen lieben
Brüdern, um der brüderlichen Liebe willen, die ihr zu
mir tragt.
Ein Brief von Hans von Oberdam, der er an die
Herren des Gerichts zu Gent und an die Ratsherren
den Tag vor seiner Gefangenschaft gesandt hat.
Merket wohl auf! Wer Ohren hat zu hören, der höre,
und der es liest, merke darauf und urteile mit Ver-
stand der Heiligen Schrift; wehe aber denen, die mit
Unverstand urteilen. Höret es; euch geht es an, was
ich rede: O ihr vom fleischlichen Geschlechte, ihr Is-
maeliten, die ihr euch rühmt, Christen zu sein, weil
ihr aus dem Wasser ohne Geist geboren seid und die
Kinder der Verheißung verfolgt, welche durch den
Glauben an Gottes Wort aus Wasser und Geist ge-
boren sind, ja, ihr verfolgt sie, gleichwie Ismael den
Isaak, Esau den Jakob verfolgte, und gleichwie alle
Juden Christum verfolgten; auf gleiche Weise verfol-
gen nun auch die fleischgeborenen Antichristen die
geistgeborenen Christen, welche die Verheißung des
ewigen Reiches durch Christum empfangen sollen,
welcher der Erbe aller Dinge ist und der sein Reich
durch das Evangelium wieder verkündigen lässt, zur
Buße und wahrhaftigen Reue über die toten Werke,
durch den Glauben an Ihn; lästern seine Zeugen. Dies
ist der Wind, o Adler, merke darauf, der da bläst, wo
er will, von welchem du nicht weißt, von wannen er
kommt, oder wohin er geht. Höret nun seine Stimme,
welche der Allerhöchste bis in die letzten Zeiten zu-
rückgelassen hat, um eure Missetaten und Strafen zu
offenbaren, welcher nun sein Volk durch vieles Elend
und Herzeleid erlösen will.
Darum merke auf, o du Adler! Das Ende deiner
Zeit ist vor der Türe; bist du nicht das vierte Tier?
129
O ja, du bist es, welches Daniel sah, welches mit sei-
nen eisernen Zähnen alles zerriss, was überblieb mit
seinen Füßen zertrat und das allerschlimmste Horn
hervorbrachte. Du hast viele Jahre lang den Erdboden
mit Betrug beherrscht und hast die Welt nicht nach
der Wahrheit gerichtet, denn du hast die Sanftmüti-
gen geplagt und die Stillen verwundet, die Lügner
geliebt, die Wohnung derer, die Frucht schaffen, ver-
dorben und diejenigen überwältigt, welche dir nichts
Arges getan. Darum ist deine Lästerung zu dem Al-
lerhöchsten und deine Hoffart zu dem Allmächtigen
aufgestiegen. Daher wirst du Adler vergehen, damit
die Erde erquickt und von deiner Gewalt befreit wer-
de; hoffe auf das Gericht und auf die Barmherzigkeit
dessen, der sie geschaffen hat, dessen Gericht besser
und gerechter sein wird, als das deine; o Adler, darum
müssen deine bösen Häupter, die bis zuletzt aufbe-
halten worden sind, dir den Untergang bereiten, um
die ärgste Bosheit des Adlers samt seinen bösen Fe-
dern zu vernichten, welche bis aufs letzte gespart sind.
So höre denn, du nichtiger Leib des Adlers, der du
mit dem eitlen Ruhme dessen prangst, was du doch
nicht bist, nämlich mit dem Ruhme eines Christen.
Höret zu, ihr boshaften Klauen, die ihr willig und
bereit seid, dasjenige zu verderben und zu zerreißen,
worüber ihr von euern boshaften Häuptern durch
Rat der Lügner, welche sie lieben, Befehl empfanget;
warum erfreut ihr euch über den Jammer und Unter-
gang der armen Lämmer und Säuglinge, welche noch
an der Brust trinken, welche ihr mit Gewalt gefan-
gen haltet und denen ihr mit falschem lügenhaftem
Betrüge die Seelen ermordet, die doch ungefähr erst
vor ein oder zwei Jahren zum Gehör des Wortes der
Wahrheit gekommen sind; ihr habt ja solche nicht, die
euch in allen Glaubensartikeln unterrichten können.
Schämet euch des Rühmens, als ob ihr durch eure
fleischlichen blinden Gelehrten die Unschuldigen mit
spitzfindigen lügenhaften Ränken und verstümmel-
ten Schriftstellen überwunden hättet. Aber weh! Weh!
Des großen Elends, der schrecklichen Zeiten, dass die
Bosheit so weit die Oberhand bekommen hat, dass
auch der Wahrheit nicht so viel eingeräumt wird, sich
öffentlich verantworten zu dürfen. Dem Höchsten sei
der Jammer und das Elend der Schwängern und Säug-
linge in diesen Zeiten geklagt, weil ihnen keine Hilfe,
kein Trost noch Beistand von denjenigen zu Teil wird,
welchen der Herr mehr Gnade und Gaben gegeben,
um den Widersachern den Mund zu schließen. Wollte
man hierauf sagen: Lasset sie denn hervorkommen,
die besser begabt sind und mehr Gnade empfangen
haben, so antworten wir hierauf, dass der Wolf den
Schafen lange wird rufen müssen, bis sie hervorkom-
men, weil sie wissen, dass sie von ihm mit großer
Grausamkeit wider Recht und Billigkeit zerrissen wer-
den. Ach, weh, weh, welch ein grausames Urteil und
erschreckliche Strafe des grimmigen und verschlin-
genden Zornes Gottes kommt über diejenigen, wel-
che ohne alle Barmherzigkeit die Unschuldigen und
Gottesfürchtigen ängstigen, verfolgen und ermorden,
und sie selbst in allen ungerechten Werken des Flei-
sches so ungöttlich leben, dass sie das Himmelreich
nicht besitzen werden. O du geistiges Babylon, wie
wird der Herr die unschuldigen Seelen und das Blut
seiner Zeugen an dir zu rächen suchen; denn solches
alles wird in dir erfunden. Du hast die Könige der
Erden und alle Völker mit dem Weine der geistlichen
Hurerei so trunken gemacht, dass sie die Wahrheit
weder sehen noch hören mögen. Ach, dass wir uns
einmal mit dem Worte Gottes, in Gegenwart eines
großen brennenden Feuers, wider alle gelehrten Dok-
toren, Lizentiaten, Pfaffen und Mönche, welche das
Reich des Antichristen stärken, beschützen, bewahren
und erhalten helfen, öffentlich frei verantworten dürf-
ten und dass derjenige, welcher überwunden wird,
ins Feuer geworfen würde, dann wäre es nicht nötig,
die armen, unschuldigen Lämmer zu quälen und zu
ängstigen, und euer Glaube würde geprüft werden,
wie er mit der Wahrheit übereinkommt; auch wäre
alsdann Pilatus Handwasser oder des Kaisers Befehl
nicht nötig und die Obrigkeit würde von dem Blute
der Unschuldigen frei bleiben; wenn sie nämlich das
Wort Gottes Richter über den Glauben sein ließe; aber
nein, die falschen Propheten und Verführer wissen
wohl, dass ihre Schalkheit und ihr Betrug dadurch
allzu sehr offenbar werden würde. Darum rufen sie
so ernstlich, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer
taten: Kreuzige Ihn, kreuzige Ihn! Des Kaisers Befehl
muss Recht haben; so war es im Anfang des vierten
Tieres. Merket mit Verstand darauf, wer es begreifen
kann; das Ende ist das Allerschlimmste. Fürsten, tut
Buße und bessert euch, denn das Ende ist nahe vor der
Türe. Wehe euch, ihr falschen Propheten, die ihr der
Wahrheit widersteht, wie die ägyptischen Zauberer
dem Mose widerstanden; aber eure Schalkheit wird
noch allen Menschen offenbar werden, gleichwie es
schon jetzt einen Anfang nimmt. Wehe euch, die ihr
den Antichristen verteidigt und für ihn streitet, die
ihr die lange Gewohnheit der römischen Kirche als
Panzer anzieht, um euch damit wider die Wahrheit
zu verteidigen, die ihr des Kaisers Befehl als einen
Schild und das Schwert des Obrigkeit gebrauchet, um
in allen Landen das unschuldige Blut derer zu ver-
gießen, die sich nicht mit zeitlichen oder leiblichen
Waffen, sondern mit dem Worte Gottes wehren wol-
len. Das Wort Gottes aber ist unser Schwert, welches
zweischneidig und scharf ist. Zwar wird täglich viel
130
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
über uns gelogen von denen, die da sagen, dass wir
unsern Glauben wie die von Münster mit dem Schwer-
te verteidigen wollten; der allmächtige Gott wolle uns
vor solchen Gräueln behüten.
Wisset, ihr edlen Herren, Ratsherren, Bürgermeister
und Beisitzer, dass wir eure Amtsbedienung als recht
und gut, ja von Gott verordnet und eingesetzt zu sein
erkennen; wir meinen damit das weltliche Schwert
zur Strafe der Übeltäter und zur Beschützung der
Frommen; wir begehren, euch auch in allen Schät-
zungen, Zöllen und Ordnungen, insoweit es nicht
wider Gott streitet, gehorsam zu sein; und sollte man
uns hierin ungehorsam finden, so wollen wir gern als
Übeltäter unsere Strafe leiden; das weiß Gott, der alle
Herzen kennt, dass dies unsere Meinung sei. Aber
merkt darauf, edle Herren, die Missbräuche und was
in euren Ämtern oder Diensten misshandelt wird, be-
kennen wir nicht von Gott, sondern von dem Teufel
zu sein; dagegen halten wir dafür, dass der Antichrist,
durch des Teufels Schalkheit, euch die Augen bezau-
bert und verblendet habe, dass ihr euch auch sonst
nicht kennt, wer ihr seid, und wie ein schweres Ge-
richt des Zornes Gottes auf euch liegt. Darum werdet
nüchtern und erwacht, und öffnet die Augen des Ver-
standes, und sehet, mit wem ihr streitet, und dass ihr
es nicht mit Menschen, sondern mit Gott zu tun habt.
Darum wollen wir euch nicht gehorsam sein, denn
so gefällt es Gott, dass wir dadurch geprüft werden
sollen, und wollen lieber durch Gottes Gnade unsern
vergänglichen Leib brennen, ertränken, enthaupten,
ausspannen, peinigen oder nach eurem Gutbefinden
uns geißeln, ausbannen oder verjagen und unsere Gü-
ter uns rauben lassen, als euch wider des Herrn Wort
Gehorsam erweisen. Darin wollen wir auch gedul-
dig und leidsam sein, und Gott die Rache anbefehlen,
denn wir kennen den, welcher gesagt hat: Mein ist die
Rache, ich will vergelten; und ferner: Der Herr wird
sein Volk richten, und schrecklich ist es, in die Hän-
de des lebendigen Gottes zu fallen. Darum bezeugt
der Geist Gottes, dass solches vor der Türe sei und
nun bereits seinen Anfang genommen habe. Höre zu,
du, die du deine Schwangerschaft auf die Hälfte ge-
bracht hast, bereite dein Bette, denn du sollst gebären!
Was soll ich gebären? Die Frucht deiner Arbeit, mit
Pein und Schmerzen, nachher aber den Tod. Höre zu,
zur rechten Seite: Bereite das Maß. Wozu soll ich es
bereiten? Um deinen Nächsten zu messen, nachher
sollst du auch gemessen werden. Bereite dich, Feuer,
und komme bald. Höret zu, zu euch rede ich: Ihr, die
ihr dem Herrn zugehört; der Tag eurer Mahlzeit ist
gekommen, eure Speise ist bereit, esset geschwind
das fette Fleisch der Trunkenen, damit dem Tiere die
Macht gegeben werde. Einen solchen Sinn habt ihr
empfangen, also zu tun; ihr sollt nach dem Tiere ei-
ne kurze Zeit herrschen; ihr streitet mit dem Lamme,
aber das Lamm wird euch überwinden; dasselbe ist
ein König aller Könige, und ein Herr aller Herren,
dessen Reich in Ewigkeit bleibt, Amen.
Wir zeugen von Ihm, dass Er es sei, der da kommen
soll, ja. Er kommt schnell, der Herr Jesus, der einem
jeden nach seinen Werken lohnen wird.
Jannyn Bueskyn.
Ein Brief von Jannyn Bueskyn (welchen man Hans
Käs-Kaufer nannte), in Berwicke geboren, welchen
er zu Gent in seiner Gefangenschaft im Jahre 1550
geschrieben hat
Einen seligen Wandel, einen lebendigen und geistli-
chen Glauben, Hoffnung und ein wahrhaftiges evan-
gelisches Vertrauen zu Gott dem Vater, und dem
Herrn Jesu Christo, unserm einigen Helfer und Selig-
macher, wünsche ich meinen geliebten Freunden zu
einer fröhlichen Botschaft und zum freundlichen Gru-
ße, damit ihr durch diesen Glauben und durch dieses
Vertrauen zu Gott in einem neuen reinen Leben auf-
wachsen möget, welches Leben man in dem heiligen
Evangelium verspürt und in reichem Maße antrifft. O
wie selig sind diejenigen, die sich nach dem Inhalte
des Evangeliums reinigen und heiligen, ohne welche
Reinigung oder Heiligung niemand weder Gott noch
den Herrn sehen wird. Folget dem Rate Jesu, welcher
sagt: Forscht in der Schrift; ich habe auch sonst nichts
getan, gleichwie ich und meine Mitgefangenen vor
den Herren des kaiserlichen Rates bekannt haben; dar-
um können sie uns mit Gründen der Wahrheit nicht
beschuldigen. Sie haben uns, einen nach dem andern,
gefragt, und zwar mich zuerst, ob ich getauft wäre. Ich
sagte: Ja, meine Herren. Frage: Wie lange ist es? Ant-
wort: Vier Jahre, meine Herren. Frage: Was hältst du
von der Taufe in deiner Kindheit? Antwort: Gar nichts,
meine Herren. Frage: Von den Sakramenten der Pries-
ter? Glaubst du nicht, dass Fleisch und Blut darin sei
und dass es Gott sei? Antwort: Nein, meine Herren;
wie sollte solches Fleisch und Blut Gott sein? (sagte
ich zu den Priestern Isabels) Legt davon diese Tafel
voll, ich will sie alle wegblasen, dass es stäubt; deshalb
sind es keine Götter; man kann Gott nicht betasten,
oder auf eine leibliche Weise essen. Hierauf fragten sie
mich, ob ich dabei bliebe? Ich sagte: Ja, meine Herren,
bis man mich mit der Schrift eines Besseren überzeugt.
Also hat man mich von dem Rate hinweggeführt; und
einen andern zur Stelle gebracht; es haben aber ihrer
zehn dasselbe Bekenntnis abgelegt, unter welchen ei-
ner nicht getauft ist, der aber gleichwohl bekannt hat,
dass es recht und gut sei; er sagte auch, dass er einmal
131
bei einem Lehrer gewesen sei, um getauft zu werden.
Hierauf fragten ihn die Herren: Warum taufte er dich
denn nicht? Da antwortete die Person, die noch ein
junger Geselle und ein freundliches Kind war: Meine
Herren, als mir der Lehrer den Glauben vorlegte und
mich untersuchte, merkte er wohl, dass ich noch jung
an Verstand wäre, und befahl mir, ich sollte die Heili-
ge Schrift noch mehr untersuchen; aber ich begehrte,
dass es geschehen möchte. Da fragte er mich, ob ich
auch wüsste, dass die Welt solche Menschen töte und
verbrenne? Ich sagte: Ich weiß es wohl. Er aber sagte
zu mir: Darum bitte ich dich, dass du noch Geduld
habest, bis ich wiederkomme: durchforsche die Schrift
und bitte den Herrn um Weisheit, denn du bist noch
jung an Jahren; so sind wir voneinander geschieden.
Es fragten hierauf die Herren: Es ist dir denn leid,
dass du nicht getauft bist? Er sagte: Ja, meine Herren.
Da fragten sie ferner: Wenn du aber nicht gefangen
genommen wärest, würdest du dich taufen lassen? Er
sagte: Ja, meine Herren. Da wurde er aus dem Rate
geführt. Nun seht, liebe Freunde, dies sind schöne
Zeichen und Wunder; tut eure Augen auf, da solche
junge Menschen für die Wahrheit ins Gefängnis, ja
in den Tod gehen. Wir haben den Herren gesagt, sie
sollten alle ihre Gelehrten herbeibringen, wir wollten
ihnen mit der Wahrheit beweisen, dass sie alle falsche
Propheten seien, und dass sie die Welt fast 1300 Jahre
mit ihrer Falschheit betrogen hätten, wollten auch lie-
ber öffentlich auf einer Schaubühne mitten auf dem
Markte mit ihnen handeln als im Winkel; aber die Pfaf-
fen wenden alle Mühe an, solches zu verhindern. Also
haben wir alle Gelehrten in ihrer Ratsversammlung,
vor allen Herren des Rates, zum Wortstreite aufgefor-
dert, wobei auch vier der vornehmsten, gelehrtesten
Pfaffen von Gent zugegen waren; solches alles habe
ich angehört, denn ich bin mit dabei gewesen.
Darum forschet in der Schrift, welche der Herr euch
zu untersuchen gebietet und euch befiehlt, darnach
zu tun bei Strafe der Verdammnis eurer Seelen und
in das ewige Feuer geworfen zu werden, woselbst
ewiges Weinen der Augen und Knirschen der Zähne
sein wird. Solche Schriften verbieten euch die Pfaffen
zu lesen, und haben darauf die Strafe gesetzt, dass ihr
hier euer lebelang von allen Menschen gehasst und
euer Leib an einem Pfahle verbrannt werden soll, was
bald geschehen ist, wie man sieht. Darum folgen wir
lieber dem nach, was der Herr gebeut, obgleich wir ei-
ne kleine Zeit Schmach tragen und von den Menschen
aus dieser armseligen Welt verstoßen sind; wir ruhen
aber lieber in dem Herrn, als dass wir tim sollten, was
die Menschen gebieten, und nachher in Ewigkeit, in
der abscheulichen Hölle, Gottes Feind zu sein. Darum
forschet in der Schrift mit lauterem Herzen nach Gott;
der Herr wolle euch Verstand geben. Der Herr sei mit
euch; meine Liebe wünsche ich euch.
Von mir, Jannyn Bueskyn, um des Zeugnisses Chris-
ti willen zu Gent gefangen. Ich wünsche die Seligkeit
allen denen, welche den Herrn mit ungeheucheltem
Herzen suchen. Geschrieben im Dunkeln mit schlech-
ten Gerätschaften.
Nun folgt, wie die beiden Vorgedachten, nämlich
Hans von Oberdam und Hans Käs-Kaufer zum
Tode geführt worden sind.
Als diese zwei Schäflein verurteilt waren, sprach der
Anwalt: Dass ihr als Ketzer verurteilt worden seid, ist
darum geschehen, weil verschiedene Gelehrte einen
Wortstreit mit euch gehalten haben und ihr euch doch
nicht habt unterrichten lassen wollen. Hans von Ober-
dam: Meine Herren, wäre es uns erlaubt worden, öf-
fentlich einen Wortstreit zu halten, man hätte wohl
gesehen, welche Gelehrte sie gewesen sind. Der An-
walt: Es ist nun zu spät, es ist nun zu spät. Da wurden
sie beide weggebracht und gingen mit lachendem
Munde davon. Hans von Oberdam: Ja, ja, es ist nun
zu spät. Es hatte sich aber Hans Käs-Kaufer mit Hans
von Oberdam verabredet, dass er auf der Schaubüh-
ne seine Unterhosen ausziehen wollte; unterdessen
sollte Hans von Oberdam an das Volk eine Anrede
halten, was auch geschehen ist. Als der Scharfrichter
Hansken helfen wollte, begehrte es Hansken allein zu
tun, damit Hans von Oberdam desto länger zum Vol-
ke reden möchte. Als dieses geschehen, ist ein jeder
derselben an einen Pfahl gestellt worden und haben
ihren Leib Gott aufgeopfert.
Govert, Gillis, Mariken und Anneken, 1550.
Den letzten Januar 1550 wurden zu Lier in Brabant
vier fromme Christen, namens Govert, Gillis, Mariken
und Anneken um des Glaubens willen aufgeopfert;
dieselben haben sich ohne Widerstand wie Schlacht-
schafe gefangen nehmen lassen. Als man sie nun vor
Gericht brachte und ihres Glaubens wegen fragte, ha-
ben sie denselben freimütig und ohne Scheu bekannt.
Sodann sagte der Schultheiß: Ihr steht hier zu eurer
Verantwortung; worauf Govert sprach: Was meinen
Glauben betrifft, so habe ich denselben ohne Scheu
bekannt, werde mich auch zu keinem andern wenden;
und sollte es mich das Leben kosten, so will ich doch
dabei bleiben.
Hierauf hat man ihnen sofort den kaiserlichen Be-
fehl vorgelesen, wobei der Schultheiß fragte, ob sie
wohl verstanden hätten, was darin stände. Govert
sagte: Gott hat uns durch Jesum befohlen, wie Mk 16
132
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
steht, dass alle, die da glauben und getauft werden,
selig werden sollen und die nicht glauben, verdammt
werden sollen; der Kaiser aber, nach seinem blinden
Urteile, hat befohlen, dass derjenige, welcher sich auf
seinen Glauben taufen lassen würde, ohne einige Gna-
de getötet werden sollte. Diese beiden Befehle stritten
gegeneinander; darum müssen wir einen verlassen;
doch soll ein jeder wissen, dass wir Gottes Befehl be-
obachten müssen, denn obgleich der Satan lehrt, dass
wir Ketzer sind, so handeln wir gleichwohl nicht wi-
der das Wort Gottes. Als man sie vor Gericht führte,
sagte Govert zu den Pfaffen: Ziehet eure langen Klei-
der aus, tut Säcke an, streuet Asche auf eure Häupter
und bekehret euch, wie die Niniviten. Im Richthaus
fragte der Schultheiß, ob er keine Gnade begehre, wor-
auf er antwortete: Ich will euch um eure Gnade keine
guten Worte geben, denn der höchste Gott wird mir
das geben, was ich nötig habe. Auch sagte der Schult-
heiß zu Anneken: Begehrst du keine Gnade, ehe man
das Urteil über dich fällt? Sie antwortete: Ich werde
von Gott, der meine Zuversicht ist, Gnade begehren.
Mariken, welche eine alte Frau von 75 Jahren war,
wurde gefragt, ob sie ihre Sünden vor dem Pfaffen
beichten wolle. Sie antwortete: Es reuet mich, dass
ich jemals einem Pfaffen meine Sünden in seine sterb-
lichen Ohren gebeichtet habe. Govert, als er einige
Brüder sah, hat seine Augen von den andern abge-
wendet, dieselben freudig getröstet und unter anderm
gesagt: Ich bitte Gott, dass ihr zu seiner Ehre ebenso
gefangen sein mögt, wie ich jetzt bin. Der Schultheiß
sprach ergrimmt: Schweige, denn dein Predigen gilt
hier doch nichts. Lieber Herr Schultheiß, sagte er, ich
rede nur fünf oder sechs Worte, welche mir Gott zu
reden eingegeben hat, tut dir das so wehe? Und als
das Volk darüber murrte, sagte er: Verwundert euch
nicht darüber, denn man hat solches von den Zeiten
des gerechten Abels an gesehen, dass die Gerechten
Schmach erlitten haben. Die beiden Diener, welche
bei ihm standen, sagten: Schweige und sage nichts,
der Schultheiß will es nicht haben. Sofort hat Gott
seinen Mund verschlossen, welches viele Menschen
verdrossen hat. Gillis wurde nicht gefragt, hat auch
kein Wort geredet; aber sie wurden abermals nach
dem Steine gebracht, wo sie miteinander fröhlich wa-
ren und sangen: Selig ist der Mann und gut genannt;
auch sangen sie den 41. Psalm. Dann kam der Schult-
heiß ins Gefängnis und fragte Govert, ob er sich nicht
bedacht hätte; darauf sagte er: Wenn du dich nicht bes-
serst, so wird die Strafe von Gott über dich kommen;
der Schultheiß sah zum Finster hinaus und sagte: Soll
denn Gott diese Menge Volks verdammen? Darauf
sagte Govert: Ich habe das Wort Gottes zu dir geredet;
ich hoffe aber, dass hier noch Menschen seien, welche
Gott fürchten. Der Schultheiß wandte sich zu der An-
neken und fragte sie, was sie dazu zu sagen hatte; sie
sagte: Herr Schultheiß, man hat mir zweimal in der
Stadt große Ehre angetan, nämlich, als ich mich verhei-
ratete, und als mein Mann Kaiser wurde; aber meine
Freude war niemals so standhaft wie jetzt. Als sie
zum Tode geführt wurden, hielt Govert eine schöne
Ermahnung, bestrafte sie wegen ihres gottlosen Ge-
spöttes und sagte: Laß doch Gott eine kleine Zeit mit
dir umgehen; bessere dich, denn dein Leben ist kurz;
da sagte ein Bruder: Gott wolle dich stärken. O ja! sag-
te er, die Kraft seines Geistes wird nicht schwach in
mir. Der Mönch wollte Mariken Zureden; Govert aber
sagte: Gehe von mir, du Verführer, zu deinem Volke,
wir bedürfen deiner nicht. Als sie in den Kreis kamen,
sagte Govert zu seinen Zunftgenossen: Wie, stehet
ihr hier mit Stöcken bewaffnet? So standen die Juden,
als sie Christum dem Tode überantworteten; hätten
wir uns davor gefürchtet, wir hätten uns beizeiten auf
die Flucht begeben. Dann sind sie alle auf ihre Knie
gefallen, haben ihr Gebet verrichtet, und im Aufste-
hen einander geküsst; darauf hat Anneken sogleich
zu singen angefangen: Ich traue, Herr, auf dich! Die
Diener zwar hießen sie schweigen, aber Govert sag-
te: Nein, Schwester, singe ohne Scheu, und sang mit;
hierüber wurde der Schultheiß entrüstet, rief einen
Diener, welchem er etwas ins Ohr sagte; derselbe ging
zu des Scharfrichters Knechte. Als nun dieser Befehl
empfangen hatte, hat er dem Govert ein Gebiss an-
gelegt, aber er hielt seine Zähne so fest zusammen,
dass ihn das Gebiss nicht sehr hinderte, und sagte
mit lachendem Munde: Ich kann auch noch wohl mit
dem Gebisse singen; aber Paulus sagt: Singet Gott in
eurem Herzen. Der Scharfrichter hat Anneken, um sie
zu beschämen, bis aufs Hemd entkleidet. Ein Diener
fragte Gillis, ob er keinen von seinem Volke sehe? Gil-
lis sagte: Weißt du sonst nichts, uns zu quälen? Was
sagt er, sagte Govert. Er fragt, sagte Gillis, nach unse-
ren Mitgenossen. Govert sagte: Und könnte ich ihrer
auch zwanzig zählen, so wollte ich dir nicht einen of-
fenbaren; du meinst sie mit uns zu töten, und Gottes
Wort zu unterdrücken, aber von denen, die solches
hören und sehen, werden noch Hunderte hervorkom-
men. Als er an dem Pfahle stand, sagte er: Bessert
euch, tut Buße, denn nach diesem wird keine Zeit der
Buße mehr sein. Ein Diener hatte eine Flasche Wein
und fragte: Ob sie trinken wollten? Govert sagte: Es
lüstet uns nicht nach deinem kraftlosen Weine, denn
unser Vater wird uns in seinem ewigen Reiche neuen
Most einschenken. Als man glaubte, die alte Frau sei
an dem Pfahle erwürgt, hat sie, ihrem Bräutigam zu
Ehren, ein Liedlein angestimmt, die Anneken aber, als
sie solches hörte, hat aus feuriger Liebe mitgesungen.
133
Als sie nun alle an den Pfählen standen und ein jeder
derselben einen Strick am Halse hatte, haben sie gelä-
chelt, das Haupt gegeneinander geneigt und einander
freundlich gegrüßt und getröstet, auch ihre Seelen in
Gottes Hände befohlen, und sind also in dem Herrn
entschlafen und verbrannt worden.
Willem, Maritgen, Dieuwertgen und Maritgen
Jans, im Jahre 1550.
Im Jahre 1550 sind zu Leyden in Holland vier Schäf-
lein Christi gefangen gesetzt worden, nämlich ein Bru-
der und drei Schwestern, namens Willem, Maritgen,
Dieuwertgen und Maritgen Jans, welche endlich, als
sie ohne Furcht ihr Glaubensbekenntnis abgelegt ha-
ben, und weder durch Pein noch durch Leiden zum
Abfalle bewogen werden konnten, als Ketzer zum To-
de verurteilt worden sind. Als man sie nun vorführte,
sprach Willem: Wir leiden nicht als Diebe oder Mör-
der, sondern um des Herrn Namens willen; darum,
o Herr, vergib es denen, die uns dieses verursachen.
Maritgen sagte: Herr, stärke uns, die wir um deines
Wortes willen leiden, was wenige tun wollen; ich bin
nicht würdig, um deines Namens willen zu leiden;
aber Du, o Herr, kannst mich würdig machen. Dieu-
wertgen, als sie vortrat, fing an zu singen und sagte
dann: Liebe Bürger, rächt solches nicht an mir, denn
es geschieht um des Herrn Namens willen; ferner
sagte sie: Herr, siehe uns an, die wir um deines Wor-
tes willen leiden, denn unser Vertrauen ist allein auf
Dich gerichtet. Maritgen Jans sagte: Dies ist der enge
Weg zur Seligkeit, o Herr! Nimm meinen Geist auf;
ihr Ratsherren, überlegt einmal, welchen Schaden ihr
eurer Seele damit zufügt, dass ihr unschuldiges Blut
vergießt; darum tut Buße, wie die Niniviten, denn
dass wir leiden geschieht nicht darum, weil wir Sek-
ten oder Rotten gebildet haben; wir wollen auch nicht
streiten, ausgenommen mit des Geistes Schwerte, das
ist Gottes Wort. Hierauf haben sie alle (als sie ihre
Seelen in die Hände Gottes befohlen) ihr Opfer vollen-
det, und Gott ein angenehmes Rauchwerk gebracht,
welches ihnen auch vergolten werden wird.
Theunis von Haustelrath, 1550.
Dieser Theunis von Haustelrath war in der Furcht
des Herrn ein eifriger und emsiger Mann, dem Herrn
mit dem Pfunde, welches er ihm anvertraut hatte, et-
was zu gewinnen und viele Menschen zur Erkenntnis
der Wahrheit zu bringen, auch diejenigen, welche die
Wahrheit angenommen hatten, darin zu stärken. Als
er nun die Gemeinde Christi auf solche Weise in aller
Treue regiert und bedient hatte, ist er zuletzt gefangen
genommen und zu Limmit, einer Stadt im Jülicher
Lande, ins Gefängnis gelegt worden, wo er mit vielen
spitzfindigen klugen Geistern manchen harten Streit
hatte und dort, um seines Glaubens willen, viele Mar-
ter erlitten und ertragen hat. Der wichtigste Streit,
den er führte, handelte sich um die Kindertaufe und
das Sakrament, worin er mit den Papisten nicht einig
war. Als er von ihnen weder überwunden noch ab-
wendig gemacht werden konnte, sondern sich fest an
die Wahrheit hielt, ist er zuletzt zum Feuer verurteilt
worden. Also führten sie ihn zur Stadt hinaus aufs
Feld und verbrannten ihn dort, um das Jahr 1550, zu
Asche. Als er noch im Gefängnisse war, hat er seinen
Brüdern und Schwestern eine trostreiche Ermahnung
aufgesetzt und ihnen dieselbe aus dem Gefängnisse
zugesandt und hinterlassen, welche wie folgt lautet:
O Gott! Gib mir in meinem großen Leiden, dass
ich unaufhörlich zu dir eindringen möge und weder
irgendeine Pein noch den Tod fürchte; ja, lieber Herr,
darum bitte ich Dich, der Du Gott über alle Dinge
bist, dass ich nicht durch alles dasjenige verstrickt
werden möge, was mir noch zustoßen wird und soll,
und was mir mit Christo zu leiden um meiner Se-
ligkeit willen obliegt, denn ich weiß, dass die Krone
des Lebens denen zubereitet ist, die darin beharren.
Darum, o ihr Frommen, verzaget ja nicht, sondern
wendet euch ernstlich zu eurem Hauptmanne, Chris-
tus, denn Er kann den Sieg erhalten; derselbe wird
am jüngsten Tag mit Feuerflammen kommen und ein
strenges Gericht über alle Gottlosen halten. Dann wird
Er zu seinen Schafen, die zu seiner rechten Hand ste-
hen, sagen: Kommt, ererbet das Reich meines Vaters,
das euch von Anfang der Welt her bereitet ist. O ihr
Christen alle, werfet doch von euch alles, was euch be-
schwert, stehet mit aufgeschürzten Lenden und war-
tet auf den Herrn. Seid ihr gerecht, so werdet noch
gerechter, denn glaubet mir, ihr werdet alles dessen
noch benötigt sein. O ihr Glieder Christi insgesamt,
ich bitte euch, wachet doch einmal recht auf, damit ihr
nicht schlafet, wenn der Bräutigam kommt; denn als-
dann werden die Klugen zur Seligkeit eingelassen, die
Törichten aber zur ewigen Verdammnis ausgeschlos-
sen werden. Der Herr, welchem das Pfund angehört,
das euch anvertraut worden ist, wird wiederkommen
und scharfe Rechnung darüber halten, was ein jeder
gewonnen hat. Alsdann wird man die Klugen rühmen
und sagen: Kommt, gehet ein zu eures Herrn Freude;
die Trägen aber wird man ihrer Schalkheit wegen be-
strafen und sie in die Pein schicken. O Schäflein des
Herrn, weidet euch jetzt, dass ihr zubereitet werden
möget, damit ihr nicht unbereitet seid, wenn ihr zum
Hochzeitsfeste kommen sollt, sonst würde der König
sagen: Freund, wie bist du hereingekommen und hast
134
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
doch kein hochzeitliches Kleid an; darüber wird der
Mensch, weil er sich doch nicht verantworten kann,
verstummen müssen; aber der König wird über ihn
gebieten, dass man ihn in die ewige Finsternis werfe.
Werdet doch ja nicht solche, die Äcker kaufen; ver-
kauft lieber, die ihr geladen seid, und gebt es den
Armen. O, ihr lieben Brüder, erbarmt euch doch über
die Armen, tröstet sie und helfet ihnen. Ich habe nun
den Kampf fast ausgerungen und mein Lauf ist bald
geendigt; Gott gebe mir, dass ich möge Glauben hal-
ten, so wird mir die Krone des Lebens zuteil werden.
O Herr! Erwecke doch treue Knechte und setze sie
über dein Hausgesinde, damit sie ihnen zu rechter
und bequemer Zeit Speise geben mögen. Dies schen-
ke ich euch, ihr frommen Christen, als einen brüderli-
chen Abschied zum Guten. Es ist mit treuem Herzen
geschrieben, und ich hoffe es mit meinem Blute zu
versiegeln.
Tys von Lind, 1550.
Dieser Tys von Lind war ein eifriger, andächtiger
Mann und zu Remunde in Gelderland wohnhaft
(nach der Erkenntnis, die ihm von Gott verliehen
war), der andächtig in der Furcht des Herrn wandelte,
und insbesondere mit einem mitleidigen und barm-
herzigen Herzen gegen arme notdürftige Leute begabt
war, deshalb hatte er durch seine vielen Almosen und
Gaben, welche er den Armen in der Gemeinde ver-
abreichte, bei vielen Menschen einen guten Namen
erlangt; denn er ist mit demjenigen, was ihm Gott
verliehen hatte, vielen Menschen in ihrer Not behilf-
lich gewesen. Als er aber das Papsttum und dessen
Abgötterei verlassen und die evangelische Wahrheit
angenommen, den seligmachenden Glauben an Chris-
tum empfangen und wegen seines sündhaften Lebens,
welches er in der Unwissenheit missbraucht, Buße ge-
tan hatte und sich auf seinen Glauben hatte taufen las-
sen, auch täglich in einem neuen, heiligen Leben zur
Ehre Gottes, zur Auferbauung des Nächsten und zur
Erleichterung derer, die noch in der Blindheit saßen,
zu wachsen suchte, um also seinen Leib zu einem Op-
fer darzubringen, welches lebendig, heilig und Gott
wohlgefällig wäre, so haben die Feinde der Wahrheit
solches nicht ertragen können. Darum haben sie die-
sen frommen Mann angeklagt, ihn der Ketzerei be-
schuldigt, weshalb er gefänglich eingezogen worden
ist und manchen Streit und Anfechtung hat erdulden
müssen; sie haben ihm mit der Folter scharf zugesetzt,
dass er seinen Glauben verleugnen sollte; da er aber,
aller Leiden und Pein ungeachtet, doch bei seinem
Glauben standhaft blieb, so ist er endlich, nach des
Kaisers Befehl, zum Tode verurteilt und zu Asche ver-
brannt worden. Kurz nachdem dieser fromme Zeuge
Jesu Christi in Remunde verbrannt worden ist, ist die
Stadt von selbst in Brand geraten, wenigstens kennt
man die Veranlassung nicht, und ist größtenteils ab-
gebrannt und zu Asche geworden. Viele mutmaßen,
dass es eine Strafe für das unschuldige Blut gewe-
sen sei, welches Urteil wir Gott befohlen sein lassen
wollen.
Palmken Palmen, 1550.
Dieser Palmken Palmen ist zu Borren, nahe dem Lan-
de Millen, wohnhaft gewesen; er war sehr eifrig in
der Wahrheit des heiligen Evangeliums zu leben und
Christo, seinem Herrn, welchen er, als er auf seinen
Glauben getauft wurde, angenommen hatte, in Gehor-
sam zu folgen. Weil aber das Licht von der Finsternis
beneidet wird und auch um diese Zeit in jenem Lan-
de von einigen blutdürstigen obrigkeitlichen Perso-
nen, welche von den Pfaffen des Landes aufgehetzt
wurden, eine schwere Verfolgung veranlasst wurde,
so ist dieser gute Mann oft in großer Not gewesen;
er ist auch endlich ins Gefängnis gesetzt worden, in
welcher Gefangenschaft er nicht wenig Schmach und
Anfechtung erlitten hat. Als er nun in allen Nöten und
Ängsten von seinem Glauben nicht abweichen wollte,
so ist er zuletzt verurteilt worden, dass er zu Asche
verbrannt werden sollte, welches Urteil er, wie man
wahmehmen konnte, mit fröhlichem Gemüte aufge-
nommen hat, denn als er aus dem Gefängnisse zu
Barren abgeführt wurde, hat er wohlgemut ein geistli-
ches Lied gesungen und damit nicht eher aufgehört,
als bis ihn an dem Pfahle, woran er stand, der Atem
verließ, worauf er endlich zu Asche verbrannt worden
ist; dies ist zwischen Sittert und Limmerich im Felde
geschehen, wo man noch eine Grabstätte sieht, welche
als die Stelle seiner Hinrichtung angegeben wird.
Im Amte Millen und Borren werden elf und dann
sieben Personen getötet, 1550.
Kurz zuvor sind auch im Amte Millen und Borren
sieben Brüder, und zu einer andern Zeit elf Brüder
mit dem Schwerte hingerichtet worden und haben
also den Namen Christi mit ihrem Blute bezeugt.
Remken Ramakers, 1550.
Desgleichen ist auch ein frommer andächtiger Bru-
der und Mitglied der Gemeinde Jesu Christi, namens
Remken Ramakers, bei Sittert um der Wahrheit des
Evangeliums willen verbrannt worden.
135
Johann Knel oder Büchner und Anna Cantiana,
1550.
Auch ist es im Jahre 1550 geschehen, dass in der Stadt
London, in England, zwei fromme Zeugen Jesu ge-
fangen genommen worden sind, eine Mannsperson,
namens Johann Knel oder Büchner und eine Frau, An-
na Cantiana genannt, welche unter andern mit Men-
no Simon und andern wahren Gläubigen geglaubt
und bekannt hat, dass der Sohn Gottes um unseret-
willen Mensch geworden sei, und dass auch Er das
Wesen seines Fleisches nicht von Maria oder sonst
woher angenommen habe, sondern dass das ewige
Wort oder der Sohn selbst Fleisch oder Mensch ge-
worden sei. Als nun die Gedachten auf keine Weise
zum Abfall gebracht werden konnten, sondern bei der
angenommenen Wahrheit feststanden, sind sie nach
vieler erlittener Pein an gemeldetem Orte zum Tode
verurteilt worden. Johann Knel ist den 2. Mai, im Jah-
re 1550, und Anna Cantiana in demselben Jahre zu
Asche verbrannt worden, obgleich Johannes Anglus
Foxus selbst bezeugt, dass die gemeldete Anna eine
dienstfertige Frau gewesen sei, insbesondere gegen
diejenigen, die in Banden gefangen saßen, denn sie
war beständig um sie, ihnen zu dienen. Und weil
die Erwähnten solches alles nicht wegen irgendeiner
Missetat, sondern um des Zeugnisses Jesu erlitten,
auch für die Wahrheit ihr Leben männlich gelassen
und sich Christi und seines Wortes hier in diesem
Leben vor den Menschen nicht geschämt haben, so
wird er sich ihrer vor seinem Vater auch nicht schä-
men, sondern ihnen, mit allen Gesegneten, das Reich,
welches ihnen von Anfang bereitet ist, aus Gnaden
erteilen.
Hiervon siehe in der Vorrede über das alte Opfer-
buch des Jahres 1616, Buchst. I auf der andern Seite.
Gerhard von Kempen, 1550.
Desgleichen ist auch Gerhard von Kempen zu Wis-
len um des Zeugnisses Jesu Christi willen verbrannt
worden.
Drei Brüder von Antwerpen, von welchen der
älteste Jan genannt wurde, welcher das Wort
führte, 1550.
Der Neid der Pfaffen war so groß, dass sie es nicht
ertragen konnten, dass diejenigen, welche in der Stille
Gott dem Herrn einfältig und recht zu dienen suchten,
sich in Antwerpen aufhielten; deshalb haben sie den
Markgrafen dahin vermocht, dass er sie in Verhaft zu
nehmen gesucht, und sollte es ihn auch sein Amt kos-
ten, denn er hat seine Diener ausgesandt und drei der-
selben gefangen nehmen lassen, welches sowohl die
Pfaffen, als auch die gefangenen Brüder nicht wenig
erfreut hat, weil sie gewürdigt waren, für den Herrn
zu leiden. Sie wurden auch scharf über ihren Glauben
untersucht, von welchem sie, sowohl in Ansehung
der Taufe und der Sakramente, als auch rücksichtlich
anderer Artikel, ein gutes Bekenntnis abgelegt haben,
und wiewohl die Pfaffen und Gelehrten mit List ihnen
sehr zugesetzt haben, so haben sie sich doch mit der
Schrift so tapfer verteidigt, dass auch der Markgraf
selbst bezeugte, dass er eine solche deutliche Ausle-
gung der Schrift noch niemals gehört hätte, und wenn
er vierzehn Tage bei ihnen wäre, sie würden ihn sicher-
lich überreden. Darauf sagten die Brüder: Urteilt ihr
selbst, ob es nicht der rechte Glaube und die Wahrheit
sei, für welche wir unser Leben zum Pfände geben,
von welcher wir auch nicht abzufallen, sondern darin
zu des Herrn Lob und Preis zu verharren beabsichti-
gen, der uns nicht verlassen hat, auch selbst, da wir
im Finstern saßen.
Als nun die Gelehrten viele Schriften verkehrt und
unrecht zur Anwendung brachten, sagten die Brüder:
Wie dürft ihr so vermessen sein, dass ihr von dem
Wege des Herrn eine so verkehrte Lehre habt? Wor-
auf einer der Gelehrten sagte: Das kommt daher, weil
wir nicht mit euch gefangen sein, oder Angst und
Verfolgung leiden wollen; aber nach sieben oder acht
Jahren will ich die Wahrheit recht ausbreiten und der-
selben guten Vorschub tun. Ach, Armer, sagte einer
der Brüder, wie verlässt du dich auf eine eitle Hoff-
nung, da du doch weder Abend noch Morgen, weder
Stunde noch Zeit in deiner Hand hast (was sich auch
an ihm erwiesen, denn kurz darauf ist er gestorben).
Seht, sagten sie, ihr bekennt selbst, dass wir nichts ver-
schuldet haben, warum wollt ihr uns denn ums Leben
bringen? Der Rat sagte: Des Kaisers Befehl gebietet
uns, euch zu töten. Nehmt denn, sagten sie hierauf,
diesen Befehl mit euch vor des Herrn Gericht und
sehet, was er euch nützen wird, in Wahrheit nichts.
Nachher wurden sie zum Tode verurteilt, dass ein je-
der an einem Pfahle verbrannt werden sollte. Dieses
Urteil hat sie keineswegs erschreckt, sondern sie sind
wohlgemut gewesen und haben einander getröstet.
Der Rat sagte zum Jüngsten: Bitte den Markgrafen, er
wird dich wohl freilassen. O nein! sagte er, ich will mit
meinen Brüdern für die Wahrheit leiden. Also sind sie
freudig und getrost nach den Pfählen dahingegangen,
und haben untereinander gesagt: Also wandeln wir
im Frieden nach dem friedsamen Hause Gottes, um
daselbst eine ewige Wohnstätte zu erlangen. Auch ba-
ten sie für die Herren, dass Gott ihnen diese Tat nicht
zurechnen, und sie erleuchten wolle, damit sie sich
136
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
bekehren möchten. Endlich mm, als sie an dem Pfahle
standen, haben sie gerufen: Himmlischer Vater, nimm
unseren Geist in deine Hände auf! Und also haben sie
ihr Opfer als rechte Kinder Gottes gebracht.
Anthonius von Asselroye, im Jahre 1550.
Der Herr Jesus hat zu Petrus (welcher nicht allein ein
Schäflein Jesu Christi war, sondern auch ein getreuer
Hirte, Ältester und Sorgeträger derselben gewesen)
also gestochen: Wahrlich, ich sage dir, da du jünger
wärest, gürtetest du dich selbst, und wandeltest, wo
du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, so wirst du
deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich
gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte
er aber (sagt Johannes) zu deuten, mit welchem Tode
er Gott verherrlichen würde. Hier werden dem ho-
hen Apostel Petrus von seinem Meister Christus Jesus
für seine treuen Dienste, die er in Verpflegung und
Versorgung seiner Schafe und Lämmer anfangen und
vollenden sollte, kein großes Bistum, keine Gefälle
und jährliche Einkünfte, sondern vielmehr Trübsal,
Bande und der bittere Tod, welcher ihm begegnen
würde, verheißen; denn gleichwie sein Meister durch
Verfolgung und Leiden in seine Herrlichkeit einge-
gangen ist, so hat Er auch gewollt, dass seine Diener
Ihm in dieser Spur folgen und nachwandeln sollten.
Solches hat sich auch um das Jahr 1550 mit einem ge-
treuen Nachfolger Christi und seines auserwählten
Apostels Petrus, namens Anthonius von Asselroye,
zugetragen; dieser hat seinen Hals auch unter das sü-
ße Joch unseres Herrn Jesu Christi gebeugt und ist
Ihm in der Wiedergeburt von ganzem Herzen nach-
gefolgt; darum hat ihn die Gemeinde Gottes erwählt,
um des Herrn Schafe, gleichwie dort Petrus, mit dem
Worte Gottes an der Seele zu speisen und zu weiden.
Solches hat er auch in einer so gefährlichen, dunkeln
und blutigen Zeit treulich ausgeführt, bis er endlich
den blutdürstigen Papisten in die Hände geraten ist.
Diese nun haben ihn auch gebunden und geführt, wo-
hin er nicht gewollt hat, denn jede Züchtigung, wenn
sie ein trifft, dünkt dem Fleische nicht Freude, sondern
Traurigkeit zu sein. Also hat dieser gemeldete Lehrer
und Älteste die Blutkelter auch mit treten müssen,
und hat von den Verfolgern manche Pein erlitten und
ertragen. Nachdem er mm dieses alles geduldig ausge-
standen hatte, und durch keine Tyrannei zum Abfalle
gebracht werden konnte, so ist er zum Tode verurteilt
und hingerichtet worden, und also haben die reißen-
den Wölfe ihn dem Fleische nach (keineswegs aber
dem Geiste nach) zerrissen und aufgefressen. Weil
mm dieser Held und Streiter Jesu Christi Ihm und sei-
nen getreuen Nachfolgern im Glauben und in der Wie-
dergeburt im Gehorsam nachgewandelt ist, so wird
er mit ihnen in der Wiederkunft des Herrn auf zwölf
Stühlen sitzen und die zwölf Geschlechter Israels rich-
ten; alsdann wird er diese Glieder, welche er um der
Wahrheit und des Herrn Namen willen dem bittem
Tode übergeben hat, wieder empfangen und wird in
herrlicher Unsterblichkeit, gleich dem verherrlichten
Leibe unseres Herrn Jesu Christo mit Ihm in Ewigkeit
leben.
Pieter Bruynen, welcher zu Antwerpen im Jahre
1531 aufgeopfert worden ist, bekennt, dass er die
christliche Taufe auf seinen Glauben von diesem ge-
meldeten Anthonius von Asselroye empfangen habe.
Jakobus Dosie zu Leeuwaarden.
Auch ist es geschehen, dass zu einer gewissen Zeit,
von welcher wir keine bestimmte Nachricht haben
finden können, ein Jüngling, namens Jakobus Dosie,
von welchem berichtet wird, dass er ungefähr 15 Jah-
re alt gewesen, zu Leeuwaarden in Friesland um der
Wahrheit des heiligen Evangeliums willen in Verhaft
genommen worden sei; der wundertätige Gott aber
hat durch den Heiligen Geist seine Kraft an diesem
Jünglinge bewiesen, und aus dem Munde dieses jun-
gen Kindes sich sein Lob zubereitet; denn als zu einer
gewissen Zeit der Herr und die Frau von Friesland
mit vielen Herren und Edelfrauen zu Leeuwaarden
versammelt waren, so haben sie diesen gemeldeten
Jakobus vor sich rufen lassen, haben mit ihm geredet
und ihn untersucht, ob er mit irgendeiner Ketzerei
besudelt wäre; aber der getreue Gott hat ihm nach sei-
ner Verheißung solche Sprache und Weisheit gegeben,
welcher sie nicht widerstehen, noch sie dämpfen konn-
ten. Nach wenigen Worten ist der Herr von Friesland
seines Wegs gegangen (weil das Volk auf ihn warte-
te), die Frau von Friesland aber ist durch ihn, wie es
scheint, bewegt worden, hat mit ihm geredet, und ihn
gefragt, warum er in seinen jungen Jahren so hart ge-
fangen und gebunden sei. Jakobus antwortete: Dieses
ist allein darum geschehen, weil ich an Christum glau-
be, Ihm allein anhange und Ihn nicht verleugne. Die
Frau fragte ihn: Gehörst du nicht zu dem Volke, wel-
ches sich wiedertaufen lässt und in unserm Lande so
viel Übels tut, Aufruhr erweckt, zusammenläuft und
sagt, dass es um des Glaubens willen vertrieben sei,
welches sich selbst rühmt, die Gemeinde Gottes zu
sein, und doch ein arger Haufe ist, der unter dem Vol-
ke großen Aufruhr macht? Jakobus: Meine Frau, ich
kenne keinen von diesem aufrührischen Volke, auch
gehöre ich solchem nicht zu, sondern wir wollen viel-
mehr, nach Unterweisung der Schrift, unsern Feinden
behilflich sein und dieselben, wenn sie hungrig und
137
durstig sind, mit Speise und Trank sättigen, auch die-
selben keineswegs mit Rache oder Gewalt beleidigen.
Eine andere sprach: Hättet ihr nur die Gewalt, man
würde es wohl sehen. Jakobus sprach: Ach nein, mei-
ne Frau, glaube mir, wäre es unter uns erlaubt, den
Bösen mit dem Schwerte zu widerstehen, so sollst du
wissen, dass mich keine sieben Männer hätten hierher
bringen mögen, und dass ihr mich nicht in eure Hän-
de gebracht haben solltet; denn hierzu sollte sich noch
wohl Gewalt gefunden haben. Die Frau: Ich weiß, dass
dergleichen Sekten sind, welche sehr boshaft sind, das
Volk verführen, auch ihre Güter und ihre Weiber ge-
meinschaftlich haben. Jakobus: Ach nein, meine Frau,
solche böse Dinge werden uns ohne unsere Schuld
beigelegt, und daraus sucht man Veranlassung zu neh-
men, uns zu verfolgen; aber wir müssen solches alles
leiden und mit Geduld ertragen. Die Frau: Waren es
nicht eure Leute, welche zu Amsterdam und Münster,
zur großen Schande und Unehre, das Schwert gegen
die Obrigkeit ergriffen haben? Jakobus: Ach nein, mei-
ne Frau, denn jene haben sehr geirrt, wir aber halten
solches für eine teuflische Lehre, wenn man sich der
Obrigkeit mit dem äußerlichen Schwerte und mit Ge-
walt zu widersetzen sucht, und wollen lieber von der-
selben Verfolgung und den Tod, mit allem, was uns
auferlegt wird, ertragen. Die Frau: Gleichwohl wird
solches euch zugeschrieben, und diejenigen, welche
Aufruhr erwecken, tun sehr übel; wiewohl ich das,
was du hierüber sagst, gern glaube. Jakobus: Meine
Frau, findet man nicht viele dergleichen Nachrichten,
wie die bösen Menschen selbst von den Aposteln und
der ganzen Christenschar übel geredet und die Ob-
rigkeit mit vielen bösen Dingen zur Rache gegen sie
zu bewegen gesucht haben, und gleichwohl nur alles
erlogen. Die Frau: Glaubst du denn nicht, dass sie alle
verdammt sind, welche nicht auf eure Weise getauft
sind? Jakobus: Ach nein, meine Frau; denn es kommt
Gott allein zu, sie zu richten; Er wird auch einem je-
den nach seinen Werken lohnen, wie solches in vielen
Stellen der Schrift deutlich zu ersehen ist; auch ist das
Wasser nicht kräftig genug, uns von Sünden zu rei-
nigen, gleichwie Petrus sagt, sondern es ist allein ein
Zeichen allen Gehorsams. Die Frau: Sage mir, könnt
ihr auch noch sündigen, nachdem ihr getauft seid?
Jakobus: Ja, meine Frau, denn solches ist deutlich aus
Paulus Worten zu ersehen, indem wir noch mit einem
schwachen, sündhaften Leibe umgeben sind und auf
mancherlei Weise sündigen; aber wir müssen densel-
ben beständig kreuzigen und töten, und die Werke
des Fleisches nicht ausüben oder vollbringen, sonst
verdammt uns die Gerechtigkeit Gottes zum ewige
Tode. Die Frau: Worin bist du denn nicht einig mit
dem Ketzermeister? Laß es mich einmal hören. Jako-
bus: Meine Frau, weil ich seiner Lehre nicht beistim-
men will, es sei denn, dass er mir deutlich beweise,
dass dieselbe mit Gottes Wort in allen Stücken wohl
übereinstimme, sonst wird seine Arbeit verloren sein,
denn mein Glaube ist allein auf das reine Wort Gottes
gegründet; was aber den Gebrauch der Kindertaufe
betrifft, so widersprechen wir derselben mit Grund,
weil es kein Befehl des allmächtigen Gottes, sondern
nur eine menschliche Erfindung ist, indem die jun-
gen Kinder von den Umständen der Taufe, und was
darin erfordert wird, keine Erkenntnis haben, noch
den Unterschied wissen, sondern Christus, welcher
diesen Unschuldigen günstig gewesen ist, hat ihnen,
ohne dass sie es selbst begehrten, das Reich Gottes aus
Gnaden zugesagt. Meine Frau, ich finde, dass außer-
dem das Papsttum mit vielen Irrtümern behaftet ist,
denn ihre Meinung ist auch, dass Christus in das Brot
komme, oder dass Er dasselbe in sein Fleisch und Blut
verwandele, was wir keineswegs glauben, sondern
für einen groben Irrtum und Unverstand halten. Wir
glauben dagegen, dass Christus wahrhaftig gen Him-
mel aufgefahren sei und zur Rechten seines Vaters
sitze, also glauben wir nicht, halten auch nicht dafür,
dass irgendeine Seligkeit in ihrem Mehle, in ihrer Mes-
se, in dem Fegfeuer oder allem ihrem Totendienste,
und was dergleichen Menschengedichte mehr sind,
enthalten sei, deren es sehr viele gibt, die alle in der
Heiligen Schrift nicht bekannt sind, sondern von der-
selben ausgeschlossen werden. Im Gegenteile rufen
wir Gott allein an und suchen unsere Seligkeit in Ihm
und nicht in irgendeiner Kreatur, damit wir Gott die-
se Ehre, die ihm gebührt, nicht rauben, und dieselbe
irgendeiner seiner Kreaturen oder Geschöpfe geben.
Als er zu dem Vorsteher der Klöster kam, hat dieser
ihm gesagt: Willst du denn nicht an das Sakrament
glauben, welches doch Christus selbst eingesetzt hat?
Jakobus: Paulus sagt, dass das Brot zu seinem Ge-
dächtnisse gebrochen werde, und der gesegnete Kelch
die Gemeinschaft des Blutes Christi sei. Damit hat er
seine Reden geendigt.
Die Frau: Das halte ich an dir für das Ärgste, dass
du nicht zugestehen willst, dass man die Kinder tau-
fen soll, denn ganz Deutschland und alle Königreiche
halten euer Tun für Ketzerei. Jakobus: Meine Frau!
Solches ist ja die Wahrheit, dass wir überall verachtet
sind und uns (gleichwie der apostolischen Schar) von
aller Welt widersprochen wird, aber denket nicht, dass
um deswillen alle solche am jüngsten Tage verdammt
werden. Die Frau: Mein liebes Kind, ich bitte dich, tritt
doch auf unsere Seite und bekehre dich, so wirst du
dieser Last entledigt, und ich verheiße dir, dich wieder
auf freien Fuß zu stellen. Jakobus: Meine Frau, ich bin
sehr dankbar, dass du solche Gunst und Gewogenheit
138
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
für mich hegst, aber ich will meinen Glauben nicht mit
der Gunst eines sterblichen Menschen vertauschen,
oder man müsste mir mit der Schrift beweisen, dass
ich irrte, denn ich habe mich Gott (um sein Freund
zu sein) ganz übergeben, worin ich zu leben und zu
sterben hoffe. Die Frau: Mein Sohn, sieh einmal al-
le diese Menschen an, es jammert mich deiner und
ich bitte dich sehr, laß dich doch deine Taufe gereuen
und verharre nicht in deiner Verstocktheit. Solltest
du (als ein so junges Kind) um deswillen sterben, so
würde solches mir in meinem Heizen ein schweres
Kreuz sein; darum sorge, dass du wieder frei wer-
dest und nach Hause ziehest. Jakobus: Meine Frau,
ich kann nicht finden, dass in meiner Taufe eine Miss-
etat liege, denn ich bin hierin nicht meiner eigenen,
sondern der heiligen Einsetzung Jesu Christo nach-
gefolgt, und hätte ich einen andern und bessern Weg
zum Reiche Gottes finden können, so wäre solches
nicht geschehen, denn ich war von ganzem Herzen
geneigt, den Herrn, meinen Gott, zu suchen. Die Frau:
Sollten sie denn alle irren, so viel gelehrte Männer, die
vor dir gewesen sind, solltest du wohl so vermessen
sein dürfen? Jakobus: Meine Frau, in Israel waren 400
Propheten gegen den einzigen Micha, welcher allein
die Wahrheit geredet hat, und bei Wasser und Brot ge-
fangen gesetzt war, aber solches hat der König Ahab,
wiewohl zu spät, in seiner Not erfahren. Die Frau hat
endlich gesprochen: Ich finde zwar bei dir viele gute
Dinge, aber ich halte dafür, dass dein Hauptirrtum in
der Taufe bestehe, und solches ist meiner Meinung
nach nicht von Gott.
Auf solche Weise hat sie ihn oft zu sich kommen
lassen; weil aber derselbe, der zwar jung an Jahren
aber alt in der Bekenntnis Jesu Christi war, seinen Bau
auf den Stein Jesum Christum gegründet hatte, so hat
er alle listigen Anschläge des Satans (welche ihm von
dem Reiche dieser Welt durch Strafe, Bedrohungen
oder schöne Verheißungen widerfahren sind) mit dem
Schwerte des Geistes, welches Gottes Wort ist, tapfer
abgewiesen. Als er nun Christus keineswegs verleug-
nen wollte, so ist er von den Herren der Finsternis
vom Leben zum Tode verurteilt worden, und hat also
den ungefärbten Glauben an die Wahrheit mit seinem
Tode und Blute bezeugt und versiegelt, und also die
Krone der ewigen Herrlichkeit aus Gnaden erlangt.
Siehe hiervon ein Liedlein in der goldenen Harfe,
welches anfängt: Zu Leeuwaarden auf einen Tag.
Hans von Monster, Bartel und der alte Jakob
werden bei Antwerpen auf dem Hause zu Berchem
getötet.
Gleichwie man von jeher häufig gehört und erfahren
hat, dass die Wahrheit von den Feinden derselben be-
neidet und zertreten worden ist, so dass ihre frommen
Bekenner auf mancherlei Weise haben leiden müssen,
so hat sich solches unter andern auch zu einer ge-
wissen Zeit erwiesen, nachdem Marie von Beckum
nebst ihrer Schwester zu Delden aufgeopfert waren,
dass ein getreuer Bruder, namens Hans von Monster,
bei Antwerpen, auf dem Hause zu Berchem, um der
Wahrheit willen gefangen gesessen. Und weil uns der
Mund Jesu mit großem Ernste lehrt und anpreist, die
Kranken und Gefangenen in ihrem Drucke und in
ihrer Trübsal zu besuchen, so ist es geschehen, dass
ein Lediger, namens der alte Jakob, und ein anderer,
genannt Bartel, auf Antrieb des Geistes und der brü-
derlichen Liebe von Antwerpen nach Berchem gereist
sind, um ihren Bruder in seiner Trübsal nach ihren
Kräften zu trösten. Als sie dahin kamen, haben die
Neider auf sie Achtung gegeben, in der Meinung, dass
der alte Jakob ein Lehrer und Ältester sei, denn zu
der Zeit hatten die blutdürstigen Papisten auf einen
Lehrer dreihundert Gulden gesetzt, wenn man den
Scharfrichtern einen derselben in die Hände geben
könnte; weil nun der alte Jakob sehr beredt gewesen
und sich aus Gottes Wort wohl verantworten konnte,
haben sie das vorgemeldete Geld an ihm zu verdienen
gehofft, was ihnen gleichwohl fehlgeschlagen, weil
Jakob kein Lehrer gewesen ist. Nichtsdestoweniger
haben sie auch ihre Hand an diese beiden gelegt und
sie zu ihren Mitbrüdem gefangen gesetzt; sie sind
aber sämtlich, weil sie auf den unbeweglichen Felsen
Christum Jesum gegründet waren, in diesem Unge-
witter standhaft geblieben und endlich, weil sie durch
keine Marter von der Wahrheit abgebracht werden
konnten, alle auf dem Hause zu Berchem getötet wor-
den. Also haben sie ihre Leiber für die Wahrheit willig
hingegeben, und erwarten nun mit allen Heiligen Got-
tes die selige Auferstehung zum ewigen Leben.
Zur Zeit, als dieser hier gemeldete Bartel noch mit
einem andern, genannt Gerrit, bekehrt wurde, hat es
sich zugetragen, dass diese beiden Jünglinge dabei
standen, als Marie von Beckum, nebst ihrer Schwester,
auf dem Hause zu Neiden aufgeopfert wurden; diese
haben berichtet, dass sie Marie von Beckum haben
sagen und öffentlich vor dem Volke bezeugen gehört,
als sie, um verbrannt zu werden, an den Pfahl gestellt
werden sollte: Diesen Pfahl, woran ich verbrannt wer-
de, werdet ihr noch grünen sehen, woran ihr erkennen
könnt, dass es die Wahrheit sei, für welche ich leide
139
und sterbe. Diese beiden gemeldeten Jünglinge, wel-
che dieses mit angehört haben, sind einige Zeit darauf
zum Pfahl gegangen und haben ihn grünen sehen,
und weil sie dadurch in ihrem Gemüte erschreckt
worden sind, so sind sie beide nach Antwerpen gezo-
gen, um nach jenem Volke zu fragen, und als sie zu
einem der Ältesten, Heinrich von Aarnem genannt,
und Jan Lubberts von B. gekommen sind, haben sie
ihnen solches erzählt. Hierauf hat ihnen Heinrich von
Aarnem geantwortet: Ich werde solches euch nicht
nachsagen dürfen; sie aber sagten: Sollten wir das
nicht sagen, was wir gehört und gesehen haben? So-
dann haben sie dasjenige, was mit Marie von Beckum
sich zugetragen, behauptet, worauf sie sich auch der
Wahrheit zugewandt, Buße getan und sich bekehrt,
auch sich mit der Gemeinde Gottes vereinigt haben.
Der eine von ihnen, Gerrit genannt, ist nachher nach
Amsterdam gezogen, wo er seinen Wohnsitz genom-
men und gestorben ist, der Bartel aber hat sein Leben
für die Wahrheit gelassen, wie berichtet worden ist.
Zwei junge Mägdlein, im Jahre 1550.
Es hat sich ferner im Bistum Bamberg, um das Jahr
1550 zugetragen, dass sich zwei junge Mägdlein mit
dem Herrn Christo durch den Glauben verehelicht
und ihn angenommen haben, auch sich nach der Leh-
re Christi auf ihren Glauben haben taufen lassen und
so von den Sünden zu einem neuen Leben mit Chri-
sto auferstanden sind, worin sie zu wandeln gesucht
haben. Hierauf haben die Antichristen sie in diesem
guten Vorsatze zu verhindern und diese gute Mei-
nung nach ihrem Vermögen in ihnen zu dämpfen ge-
sucht; deshalb haben sie die genannten beiden jungen
Schäflein ins Gefängnis geworfen, wo sie dieselben
hart gepeinigt und allerlei antichristliche Mittel ange-
wandt haben, um sie zum Abfalle und Verleugnung
der Wahrheit zu bringen, weil sie aber auf Christum
fest gegründet waren, sind sie in allen diesen Ver-
suchungen getreu und standhaft geblieben. Darum
sind sie von der Obrigkeit, welche hierin gewöhn-
lich dem Rate der falschen Propheten folgt, zum Tode
verurteilt worden, worin sie sich auch freudig und
unerschrocken bezeugt haben. Als sie nun zum Tode
hinausgeführt wurden, haben ihre Verfolger, um sie
zu beschimpfen und zu verspotten, ihnen Strohkrän-
ze aufgesetzt, worauf die eine zu der andern gesagt
hat: Weil der Herr Christus für uns eine Dornenkro-
ne getragen, warum sollten wir nicht wiederum. Ihm
zu Ehren, diese Strohkronen tragen; der getreue Gott
wird uns dafür eine schöne, goldene Krone und einen
herrlichen Kranz aufsetzen. Also haben diese zwei
jungen Zweige, nach dem Beispiele ihres Hauptman-
nes Jesu, sich mit Geduld gewaffnet und sind bis zum
Tode getreu gewesen, standhaft gestorben und haben
die herrliche Krone bei Gott im Himmel aus Gnaden
erlangt.
Diesen gedachten Mägdlein haben auch ihre Wi-
dersacher es als ein Lob zugeschrieben, dass sie un-
erschrocken und standhaft gestorben seien und dass
sie ein rechtes Fundament und den wahren Grund
des christlichen Glaubens an ihrem Erlöser Christum
Jesum gehabt hätten, welchen sie öffentlich bekann-
ten und in ihrer Not anriefen, worin sie auch in ihrer
Hoffnung unbeweglich und standhaft gestorben sind,
so dass auch ihre Widersacher ungewiss waren, ob
sie selbst nicht in einen größeren Irrtum vor Gott ver-
fallen wären, als diese gemeldeten jungen Mägdlein,
obgleich dieselben schon wiedergetauft worden seien.
Wem es gefällt, der lese von dieser Geschichte Jo-
hannes Manlius, gedruckt zu Frankfurt im Jahre 1550.
Ein Jüngling von fünfzehn Jahren, im Jahre 1550.
Um dieselbe Zeit ist auch zu Leeuwaarden ein Jüng-
ling von fünfzehn Jahren in großer Standhaftigkeit
hingerichtet worden, welcher in Ansehung seines
Glaubens mit den gedachten beiden Mägdlein die
zu Bamberg getötet worden sind, verglichen wird.
Siehe im 16. Buche vom Untergange, gedruckt 1620,
auf das Jahr 1550, Pag. 1130, Col. 1.
Von einem Befehle, um das Ketzergericht im Jahre
1550 einzuführen.
In derselben Zeit ist, wie sich urteilen lässt, die Erbit-
terung der römisch genannten Geistlichen gegen die-
jenigen, welche der evangelischen Lehre Jesu Chris-
ti nachzufolgen suchten, mehr und mehr entzündet
worden und ausgebrochen. Sie hatten nämlich des
Kaisers Zustimmung erlangt, das Ketzergericht, wel-
ches schon eine geraume Zeit nicht mehr scharf im
Gange war, in den Niederlanden durch Befehle über
die Gewissen der Einwohner zu erwecken und mit
mehr Strenge, als jemals geschehen, wieder einzufüh-
ren, welches auch in der Weise zum großen Missver-
gnügen und zur Betrübnis der gemeinen Einwohner
dieses Landes ausgeführt worden ist. Ein gewisser
Schreiber berichtet hiervon Folgendes:
Wiewohl in früheren Zeiten öfters viele scharfe Be-
fehle zur Unterdrückung der Evangelischen (Nachfol-
ger) bekannt gemacht worden sind, wodurch in den
Niederlanden viele tausend Menschen um des Glau-
bens willen ihr Leben jämmerlich eingebüßt haben,
so ist doch des Volkes Hass und Erbitterung im Jahre
1550 durch den Befehl, welchen der Kaiser Karl der
140
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Fünfte in Ansehung des Ketzergerichts zu Brüssel den
29. April erlassen hat, bedeutend vermehrt worden,
denn in diesem Befehle wurde bekannt gemacht, dass
man von der Zeit an öffentlich das geistliche Gericht
einführen und gleichwohl die grausamen blutigen
Befehle durch die Strafe der weltlichen Obrigkeit voll-
bringen wollte.
Chronik vom Untergange der Tyrannen und jähr-
lichen Geschichten, der zweite Teil, gedruckt 1617,
auf das Jahr 1550, Pag. 1129, Col. 1. Vergl. mit Eman.
von Met., Buch 1. Peter Bor., Buch 1. Ursprung des
Niederländischen Aufruhrs (die alte Auflage), Fol. 5,
6 .
Nacherinnerung.
Obschon der Schreiber im Nachfolgenden sagt, dass
einige Obrigkeiten diesen Befehl des Ketzergerichts
nicht hätten bekannt machen wollen, und dass einige
durch demütige Bittschriften eine Milderung vom Kai-
ser erlangt hatten, so ist es gleichwohl so weit gekom-
men, dass im Verborgenen Hand angelegt worden
ist, um solches durch das Ketzergericht zu bewerk-
stelligen, wodurch die Gemüter der Untertanen sehr
unruhig und verdrießlich geworden sind, weshalb
viele aus den Brabantischen Städten, insbesondere
aus West-Flandern, fortgezogen sind.
Reyer Dirks, ein Schiffer, wird zu Amsterdam in
Holland um des Zeugnisses Jesus Christi willen
nach erschrecklicher Pein verbrannt, 1550.
Damals hat auch Reyer Dirks, ein gottseliger Held
und tapferer Ritter Jesu Christi, wiewohl nach Ansicht
der Welt von geringem Ansehen (denn er ernährte
sich mit einem Schifflein, womit er auf dem Flusse
Amstel sein Brot zu gewinnen suchte), sich unter das
Blutpanier seines Seligmachers zu der Kreuzeskirche
begeben, die man verächtlich Wiedertäufer nannte.
Als er nun ungefähr drei Jahre dabei gewesen war, hat
er tatsächlich erfahren, dass das Himmelreich Gewalt
leide, dass es die Gewaltigen einnehmen und dass
er nicht zu dem weiten Raume des seligen Palastes
Gottes gelangen könne, wenn er nicht zuerst durch
die enge Pforte eindringen würde, an deren Pfosten
auch sein Fleisch, ja sein ganzer Leib, den Vögeln und
Ungeziefer zur Speise, hängen geblieben ist, was man
durch den Brand des Feuers ausgeführt hat.
Er wurde zu Amsterdam, in Holland, gefangen ge-
setzt und als er jämmerlich gepeinigt worden war,
gleichwohl aber von seinem Glauben und dem Ver-
sprechen, welches er Gott in der Taufe geleistet, nicht
abfallen wollte, als Ketzer zum Tode verurteilt und
durch Feuer lebendig hingerichtet.
Dieses alles kann man aus nachfolgendem Todesur-
teile ersehen, welches an seinem Todestage zu Ams-
terdam vor Gericht von der päpstlichen Obrigkeit
vorgelesen worden ist.
Des Schiffers Reyer Dirks Todesurteil.
Nachdem Reyer Dirks, ein Schiffer und Bürger der
Stadt, sich vor ungefähr drei Jahren unter die Lehre,
Irrtümer, Sekten und Ketzerei der Anabaptisten (oder
Wiedertäufer) begeben, welche von den Sakramen-
ten der heiligen Kirche eine irrige Lehre haben, dem
heiligen christlichen Glauben, den Verordnungen der
heiligen Kirche und den geschriebenen Rechten und
Befehlen der kaiserlichen Majestät, unseres gnädigen
Herrn, zuwider und überdies in seinen Irrtümern und
Ketzereien verharrt, des Unterrichts ungeachtet, wel-
cher ihm von dem rechtsinnigen Glauben gegeben
worden ist, so haben meine Herren des Gerichts, nach-
dem sie die Anklage meines Herrn, des Schultheißen,
welche er im Namen der kaiserlichen Majestät gegen
den vorgenannten Reyer Dirks gemacht, samt seinem
Bekenntnisse und alle Umstände der Sache in reife
Überlegung genommen, den besagten Reyer Dirks
dahin verurteilt, dass er, nach den vorgeschriebenen
Befehlen, durch den Scharfrichter mit Feuer hingerich-
tet werden soll, und verordnen ferner, dass alle seine
Güter der kaiserlichen Majestät, als Grafen von Hol-
land, zu dero Gebrauch verfallen sein sollen, jedoch
ohne Nachteil der Freiheiten dieser Stadt.
Abgelesen und durch den Scharfrichter ins Werk
gesetzt, den 16. Tag im August, im Jahre 1550, in Ge-
genwart des Schultheißen, aller Bürgermeister und
Gerichtsbeamten. Dempto Jan Dunen.
Von der Zeit, zu welcher Reyer Dirks gepeinigt wor-
den ist: Dieser Reyer Dirks ist auf der Folter verhört
worden, den 9. Juli im Jahre 1550.
Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts,
welcher in der Kanzlei der Stadt Amsterdam zu fin-
den ist. N. N.
Ein Schmied zu Komen.
In oder um das Jahr 1551 ist zu Komen in Flandern
ein Schmied um der göttlichen Wahrheit willen in Ver-
haft genommen worden, welcher, als er seinen Glau-
ben ohne Scheu bekannte und davon nicht abfallen
wollte, auf eine zweifache Weise zum Tode verurteilt
worden, indem er, wenn er abfallen würde, mit dem
Schwerte hingerichtet, sonst aber mit Feuer lebendig
verbrannt werden sollte. Aus diesem Grunde hat man
auch zweierlei Zurüstungen gemacht; die Obrigkeit
141
aber, welche die Menge des Volkes sah und sich vor
der Mühe fürchtete, hat den Bruder im Gefängnisse
behalten; deshalb sind einige auf das Gefängnis ge-
stiegen und haben durch das Dach gebrochen, um
zu sehen, was man darin mit dem Leidenden vorneh-
me; zuletzt hat einer an die Türe des Gefängnisses
geklopft, um sich zu erkundigen, ob der Bruder leben-
dig oder tot sei. Als jener hineingelassen wurde, kam
er sofort mit blutigen Händen wieder heraus, zeigte
sie dem Volke und sagte: Er ist tot! Er ist tot! Nachher
hat man den Toten auf einer Leiter herausgebracht,
ihm das Haupt zwischen die Beine gelegt und ihn
mit der Leiter auf die Kirchhofsmauer gesetzt, wo der
Pfaffe eine lange Rede (vielleicht war es eine Predigt)
gehalten und unter anderm gesagt hat, dass dersel-
be von seinem ketzerischen Glauben abgefallen und
wieder zu der römischen Kirche und ihrem seligen
Glauben übergetreten sei, und weil er nun einen so
guten Vorsatz ausgeführt (sagte er), so sei er sofort
hingerichtet worden, damit er nicht wieder zu seinem
alten Irrtume umkehren möchte. Aber man hält es
für gewiss, dass der Pfaffe über den Toten gelogen
habe, und das umso mehr, weil er, nachdem er dessen
Tod, wie angegeben, veröffentlicht hat, hinzugesetzt,
dass derselbe in seinem vorhergehenden Bekenntnis-
se halsstarrig geblieben sei. Auf solche Weise zwingt
Gott die Gottlosen, auch in ihren Lügenberichten wi-
der Willen die Wahrheit der Sache zu offenbaren.
Gillis und Elisabeth.
Im Jahre 1551, den 21. Juli, wurden zwei fromme
Christen, ein Bruder, genannt Gillis, und eine Schwes-
ter, genannt Elisabeth, nach des Kaisers Befehle, zu
Gent in Flandern als Ketzer zum Tode verurteilt, wor-
auf man sie vorführte, um sie zu töten, jedoch nicht
zur gewöhnlichen Zeit, sondern des Nachmittags um
1 Uhr. Als sie auf die Schaubühne kamen, haben sie ihr
Gebet zu Gott verrichtet; unterdessen hat der Scharf-
richter die Schnur des Rockes aufgelöst, so dass sie
nichts anhatte als das Hemd und leinene Hosen, wel-
che sie der Scharfrichter aus Spott hatte anziehen las-
sen; hierüber hat sie sich sehr geschämt, ist sofort zum
Pfahle getreten und hat gesagt: Ich danke Dir, o Herr,
dass ich würdig bin, um Deines Namens willen zu
leiden; ich stehe nun an dem Prüfsteine, woran die
Auserwählten Gottes geprüft werden; o Herr, stärke
mich und zögere nicht. Gillis sagte: Liebe Schwester,
sei geduldig in deinem Leiden, und tröste dich in Gott;
er wird dich nicht verlassen. O lieber Bruder, sagte sie,
ich will nimmer von ihm weichen.
Da rief Gillis: O Herr, vergib denen die Sünde, die
mir den Tod antun, denn weil sie dich nicht kennen.
so wissen sie nicht, was sie tun; endlich riefen sie:
O himmlischer Vater! In deine Hände befehlen wir
unsern Geist, und haben also im Feuer ein selig und
Gott wohlgefälliges Ende genommen.
Joris, Wouter, Grietgen und Naentgen.
Als die große Verfolgung in den Niederlanden wider
die rechten Christen überall scharf anhielt, so sind
unter andern im Jahre 1551 vier fromme Christen, na-
mens Juris, Wouter, Grietgen und Naentgen, von Lier
in Brabant nach Gent in Flandern geflüchtet, welche,
als sie daselbst noch nicht lange gewohnt hatten, von
einem Judas verraten und aus ihren Häusern nach des
Grafen Stein gefänglich gebracht worden sind, wo sie
Gott fröhlich gedankt und ihm Lob gesungen haben,
weil sie würdig waren, um seines Namens willen zu
leiden. Als sie nun von den Mönchen und andern Be-
trügern angefallen wurden, haben sie ihren Glauben
ohne Scheu bekannt, und haben durch keine falsche
List davon abgezogen werden können, sondern ha-
ben ihren Verführern, welche ihre Seelen zu ermorden
suchten, mit der Wahrheit tapfern Widerstand geleis-
tet. Nachher sind sie auf des Kaisers Befehl zum Tode
verurteilt worden, weil sie von der römischen Kirche
abgefallen waren, die Kindertaufe verachtet, und sich
auf den Glauben hatten taufen lassen. Sie wurden da-
hin verurteilt, dass sie, ohne erwürgt zu werden, an
einem Pfahl verbrannt werden sollten; dafür haben
sie sich gegen die Herren bedankt und Grietgen sagte:
Meine Herren, sparet drei Pfahle, wir können alle vier
an einem sterben, denn im Geiste haben wir alle doch
dieselbe Gesinnung. Sie waren freudig im Herrn und
dankten Gott aufs Höchste; auch sagte Naentgen: Dies
ist der Tag, wonach mich so sehr verlangt hat. Darauf
kamen acht Mönche, um sie zu quälen; sie aber ha-
ben ihren Rat nicht angenommen, sondern Grietgen
sagte: Ziehet eure langen Kleider aus und lehret euch
selbst, ehe ihr euch untersteht, andere zu lehren. Man
führte sie wie Schlachtschafe zum Tode und die Mön-
che gingen mit ihnen, zu welchen sie sagten: Bleibt
nur zurück und lasst uns zufrieden, denn wir kennen
euch wohl und wollen euch nicht hören.
Als sie auf den Schauplatz kamen, sprach Joris zum
Volke: Wisset, dass wir nicht wegen Dieberei, Mord
oder Ketzerei sterben; hierüber wurden die Mönche
entrüstet und widersprachen ihnen; dann sind sie auf
ihre Knie gefallen, haben ihr Gebet zu Gott verrichtet
und beim Aufstehen einander mit dem Kusse des Frie-
dens geküsst. Als sie nun mit fröhlichem Angesichte
das Volk anredeten, standen die Mönche vor ihnen,
um sie zu verhindern; einer aber aus dem Volke rief:
Ihr rasenden Antichristen, tretet zurück und lasset
142
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sie reden! Wouter sagte: Ihr Bürger von Gent, wir lei-
den nicht als Ketzer oder Lutheraner, die in der einen
Hand den Bierkrug, in der andern aber ein Testament
halten, und dadurch Gottes Wort verunehren als Trun-
kene verhandeln, sondern wir sterben für die rechte
Wahrheit. Der Scharfrichter hat sie an die Pfähle, einen
jeden derselben an einen Strick gehängt, aber nicht
erwürgt; da haben sie einander gestärkt und gesagt:
Lasst uns nur tapfer streiten, denn dies ist unsere letz-
te Pein, nachher werden wir uns mit Gott in ewiger
Freude erfreuen. Als sie nun in der Pein hingen, ehe
die Pfähle angezündet wurden, ist Joris mit dem Stri-
cke gefallen; da hat ihm Wouter zugerufen: O Bruder,
sei wohlgemut. O Herr! rief Joris, auf dich traue ich,
stärke meinen Glauben. Darauf ist das Feuer ange-
gangen, und sie riefen: O Gott Vater, in Deine Hände
befehlen wir unsern Geist. Also haben sie, nach des
Herrn Willen, ihr Opfer getan, und ihr Glaube ist wie
Gold im Feuer probiert und gut befunden worden,
welcher auch also von Gott angenommen worden ist.
Catharina.
Acht Tage nachdem die Vorgenannten aufgeopfert
worden sind, ist auch eine Frau, namens Catharina,
zum Feuer verurteilt worden, welche, als sie noch ge-
fangen saß, von den Mönchen sehr gequält worden
ist, dass sie abfallen sollte; sie sprach aber: Ich stehe
so fest auf meinem Glauben, dass ich mich dafür zu
Gottes Ehren an einem Pfahle braten lassen will. Was
würdet ihr, wohl für euren Glauben tun; gewiss nicht
viel, darum bessert euch, ehe ihr zu Schanden wer-
det. Als sie nun verurteilt war, lebendig verbrannt
zu werden, und zum Richtplatze hinausging, wur-
de sie von einem Bruder begrüßt, und als sie zu der
Schaubühne kam, wurden auf ihr Begehren ihre Hän-
de entfesselt. Da ist sie niedergekniet und hat Gott
inbrünstig um Kraft angerufen, welche ihr auch zuteil
geworden ist; denn als sie aufstand und an den Pfahl
gebunden wurde, hat sie herzhaft gesagt: Ich werde
um der Wahrheit willen getötet; darum will ich ohne
Furcht alles leiden, was euch in die Hände gegeben ist,
an mir zu tun. Da kam ein Verführer herbei, um sie zu
trösten und (wie er sagte) zu stärken; sie aber sprach:
Schweige, denn du bist von deiner Qual ganz ermü-
det; höre auf mich zu trösten, und tröste dich selbst;
denn derjenige, um dessen willen ich leide, wird nun
mein Trost sein. Sodann ist sie, unter dem Anschauen
allen Volkes, im festen Vertrauen zu Gott, welchen sie
anrief, lebendig verbrannt worden, und hat ihre Seele
und ihren Leib, Gott zu einem Brandopfer, mit einem
standhaften Gemüte aufgeopfert.
Johannes Bair.
Im Jahre 1528, am Mittwoch nach Allerheiligentag,
ist der Bruder Johannes Bair von Lichtenfels um des
Glaubens und der göttlichen Wahrheit willen gefan-
gen gesetzt worden, und hat zu Bamberg im Franken-
lande in einem Turme dreiundzwanzig Jahre wegen
seiner Standhaftigkeit in der Gefangenschaft zuge-
bracht, wie aus nachfolgendem Briefe, welchen er an
die ältesten Brüder der Gemeinde geschrieben hat, zu
ersehen ist:
Liebe Brüder! Die Schreibtafel habe ich empfangen,
wie auch die Rechenschaft unseres Gottesdienstes, un-
serer Lehre und unseres Glaubens, dazu sechs Lichter
oder Kerzen und Federn; die Bibel aber insbesondere
habe ich nicht empfangen, wie ich vorn in der Tafel
auch bemerkt habe; aber das ist noch meine Bitte, dass
ihr mir dieselbe, wenn sie noch vorhanden ist, schi-
cken wollet; ich hätte sie vor allen Dingen sehr gern,
wenn es nach dem Willen Gottes geschehen könnte;
denn ich bedarf ihrer sehr und leide großen Hunger
und Durst nach dem Worte des Herrn schon so man-
ches Jahr; solches sei zu Gott und seiner Gemeinde
geklagt, denn die Zeit meiner elenden Gefangenschaft
besteht aus vollen zwanzig Jahren, weniger acht Wo-
chen; am Mittwoch nach Allerheiligen jährt es sich.
Ich, Johannes Bair, von Lichtenfels, der ich ein Elender
der Elendigen, ein Verlassener der Verlassenen und in
Jesu Christo, unserm Herrn, gefangen bin, klage die-
ses abermals Gott und seinen Engeln, wie auch allen
seinen Arbeitern, Kirchen und Gemeinden. Nun, mei-
ne herzallerliebsten Brüder und Schwestern in dem
Herrn; bittet Gott für mich, dass er mich aus dieser
Gefahr und großen Not erlösen wolle, aus der Not,
welche unaussprechlich ist, das weiß Gott und ich
Armer, und ihr wisset es auch mit mir; hiermit Gott
befohlen. Geschrieben zu Bamberg, in einem finstern
Loche, im Jahre 1548.
Nach diesem Schreiben hat er noch drei Jahre, also
23 Jahre, gefangen gesessen; nach Ablauf dieser Zeit
ist er im Jahre 1551 im Gefängnis mit fröhlichem Her-
zen im Herrn entschlafen und hat die Marterkrone
erlangt.
Hieronymus Segerß mit seinem Weib Lysken
Dirks und dem großen Henrich, im Jahre 1551.
Im Jahre unseres Herrn 1551 sind zu Antwerpen in
Brabant Hieronymus Segerß mit seinem Weibe Lys-
ken Dirks und der große Henrich um des Zeugnisses
Jesu willen den Tyrannen in die Hände gefallen, und
haben, durch Gottes Gnade, viel schwere Pein und
Folter ausgestanden und ertragen. Weil sie aber durch
143
den Glauben mit ihrem Hauptmanne Christo Jesu
so fest verbunden waren, dass sie keineswegs zum
Abfalle gebracht werden konnten, so haben sie den
2. Sept. im Jahre 1551 Hieronymus Segerß und den
großen Henrich auf die Schlachtbank gebracht, wel-
che ihre Leiber, ein jeder derselben an einem Pfahle, in
großer Standhaftigkeit Gott zum wohlgefälligen Op-
fer übergeben haben. Die Lysken Dirks, Hieronymus
Segerß Weib, welche schwanger war, haben sie, als sie
geboren hatte, des Morgens frühe zwischen drei und
vier Uhr in einen Sack gesteckt, und so, ehe die Leute
aufstanden, mörderischer Weise in die Schelde gewor-
fen und ertränkt. Gleichwohl haben einige Menschen
zugesehen, welche von ihrem festen Glauben bis an
den Tod Zeugnis gegeben haben; darum ruhen sie
auch sämtlich unter dem Altäre. Leset ihre folgenden
schönen Briefe, welche von ihrem starken Glauben,
ihrer festen Hoffnung und brennenden Liebe zu Gott
und seiner heiligen Wahrheit Zeugnis geben.
Ein Brief des Hieronymus Segerß im Gefängnisse
zu Antwerpen an sein Weib, genannt Liesken,
welche auch daselbst gefangen lag, im Jahre 1551
geschrieben.
Fürchte Gott allezeit!
Ins Kaisers Stuhl lag ich gefangen und beschwert,
Ums Zeugnis Jesu Christi, das Er uns gelehrt.
Und die Tür' ist hart verschlossen,
Auch sehr stark die Wand,
Doch ist’s Herren Hand,
Die mich machet unverdrossen.
Gnade, Frieden, Freude, Trost, festen Glauben und
ein gutes Vertrauen mit einer feurigen Liebe zu Gott
wünsche ich meinem lieben Weibe Lysken Dirks, wel-
cher ich mich vor Gott und seiner heiligen Gemeinde
vertrauet, und nach des Herrn Befehle zum Weibe ge-
nommen habe. Trost, Freude und Wonne müsse sich
bei dir, mein liebes Weib, vervielfältigen und vermeh-
ren.
Ich bitte den Herrn ernstlich für dich, dass Er dich
trösten und dir das abnehmen wolle, was dir zu
schwer ist. Ich weiß es wohl, mein auserwähltes Schaf,
dass du um meinetwillen sehr betrübt bist; aber setze
doch alle Betrübnis beiseite und siehe auf den Herzog
unseres Glaubens und den Vollender Jesus, und laß
uns ferner in aller Gerechtigkeit und Heiligkeit wan-
deln, als Kinder des Friedens, auch die Gnadenzeit
wohl wahmehmen, und der großen Gnade, welche
der Herr an uns erwiesen hat, eingedenk sein. Ach,
mein liebes Weib, gedenke doch, welch einem getreu-
en Gotte wir dienen; er wird uns nicht zu Schanden
werden lassen; gedenke, wie treulich er die Kinder
Israel mit ausgestreckter Hand aus dem Diensthau-
se Pharaos und aus Ägypten durch das rote Meer
geführt habe, und gedenke, wie sie sich zubereiten
mussten, ehe sie ausziehen konnten, und wie sie das
Osterlamm aßen mit ungesäuertem Brote; stehend
mussten sie das Osterlamm essen, und das ungesäu-
erte Brot, das sie hatten, wickelten sie in ihre Kleider,
und fingen an, nach der Wüste auszuziehen; auch
ging der Engel des Herrn vor ihnen her, des Tages in
einer Wolkensäule und des Nachts in einer Feuersäu-
le und leuchtete ihnen auf solche Weise vor; als sie
aber von Pharao und seinem Heere geängstigt wur-
den, fing das Volk an, wider Moses zu murren, denn
sie hatten zu dem Herrn kein festes Zutrauen, dass
Er sie ausführen würde; aber der Herr sagte zu Mose,
was Er tun wollte, und wie Er Seine Macht an Pharao
und seinem Heere beweisen wollte, darum gebot Er
Mose, er sollte den Stab nehmen und ins Meer schla-
gen; und als Moses ins Meer schlug, vertrocknete das
Meer, und das Wasser teilte sich voneinander und
stand wie Mauern zur rechten und linken Seite, so
dass sie trocken durch das Meer gingen; Pharao aber,
der ihm nachfolgte, ertrank mit seinem ganzen Heere
und Volke, während die Kinder Israel ohne Schaden
hindurchgingen, und also Gott lobten und Ihm dank-
ten, dass Er sie aus dem Diensthause Pharaos erlöset
hatte. Aber damals waren sie noch nicht im verheiße-
nen Lande; sie kamen erst in eine abscheuliche Wüste,
wo kein Brot war; des Brotes, welches sie aus Ägypten
brachten, war nur wenig; es war der ungesäuerte Teig,
den sie in ihren Kleidern trugen, als sie aus Ägypten
zogen. Da ging es an ein Zagen, weil sie nichts zu es-
sen hatten, aber der Herr speiste sie mit Himmelsbrot.
So auch, mein liebes Weib, haben wir noch nicht
alles gewonnen, wenn wir die Wahrheit erkannt, uns
von der Welt geschieden und uns alle Wollüste und
Begierden versagt haben; wir müssen auch wider Fein-
de streiten, das ist, wir müssen hier in dieser Welt
wider Kaiser und Gewaltige und wider die Fürsten
dieser Welt streiten; wir müssen in dieser Welt lei-
den, denn Paulus hat gesagt, dass alle, die gottselig
in Christo Jesu leben wollen, Verfolgung leiden müs-
sen; wir müssen die Welt, die Sünde, den Tod und
den Teufel ganz überwinden, nicht mit äußerlichen
Schwertern oder Spießen, sondern mit dem Schwerte
des Geistes, welches Gottes Wort ist, und mit dem
Schilde des Glaubens, womit wir alle scharfen, feuri-
gen Pfeile abweisen können; wir müssen den Helm
der Seligkeit auf unser Haupt setzen, und den Panzer
der Gerechtigkeit anziehen, und Schuhe an unsern Fü-
ßen haben zum Dienste des Evangeliums. Wenn wir
mit solchen Waffen versehen sind, so werden wir mit
144
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Israel durch die Wüste gelangen, und werden allen
unsern Feinden Widerstand leisten und sie überwin-
den; sie müssen zu Schanden werden, die wider die
Wahrheit streiten. Als nun die Kinder Israel aus der
Wüste waren, aus der grausamen und entsetzlichen
Wüste, wo die Schlangen Feuer spien, nachdem sie
vierzig Jahre lang in derselben herumgewandelt wa-
ren, auch so manche Gefahr überwunden und so viele
Städte und Länder diesseits des Jordans eingenom-
men hatten, so hatten sie doch das verheißene Land
noch nicht eingenommen, denn sie waren noch nicht
über den Jordan; der Herr aber zeigte Mose das ver-
heißene Land von ferne. Ach, mein liebes Weib, ich
habe das verheißene Land auch von der Ferne gese-
hen; ich hoffe, bald in die schöne Stadt zu kommen,
von welcher Johannes schreibt, welche schön ausge-
ziert ist; ihre Grundsteine sind zwölf köstliche Steine
und ihre Mauern und Straßen von klarem und laute-
rem Golde; auch hat die Stadt zwölf Tore, ein jedes
besteht aus einer Perle; dort ist keine Nacht, denn der
Herr, ihr Gott, erleuchtet sie. Und der Herr sprach zu
Mose, er solle das Volk nicht in das verheißene Land
einführen, sondern Josua brachte sie herein, und der
Herr führte sie mit trockenem Fuße durch den Jordan
und gebot ihnen, dass, wenn sie seine Gebote und
Rechte halten würden, er ihre Feinde vor ihren Füßen
ausstoßen werde; als sie aber seine Gebote und Rechte
übertraten, übergab sie Gott den Händen ihrer Feinde,
so dass sie von ihren Feinden in die Flucht geschlagen
wurden. Als sie nun über dem Jordan waren, hatten
sie gleichwohl das verheißene Land noch nicht inne,
wo Milch und Honig floss, sondern sie mussten es
mit Gewalt einnehmen, alle ihre Feinde töten, und
die Städte mit Feuer verbrennen; ebenso müssen auch
wir das verheißene Land mit Gewalt einnehmen, denn
Christus sagt, dass das Himmelreich Gewalt leide. Ich
weiß nun erst, was streiten sei; niemand weiß es bes-
ser, als derjenige, der es versucht hat; so listig setzten
sie an uns, um uns zu verführen.
Wisse, dass ich deinen Brief durch meine Mutter
empfangen, welchen ich mit Tränen gelesen habe; ich
danke dir, dass du mich so herzlich darin getröstet
hast, und freute mich, als ich vernommen habe, dass
du so wohl zufrieden seiest.
Wisse, meine innig geliebte Hausfrau Lysken, dass
ich vor dem Markgrafen gewesen bin; er hatte zwei
Dominikaner, zwei vom Rate und den Schreiber des
Blutgerichts bei sich. Er fragte mich, ob ich mich noch
nicht besser bedacht hätte, und sagte, dass er die bei-
den guten Männer oder Herren dazu angewiesen hät-
te, dass sie meine Seele gewinnen sollten, wenn ich
mich bekehren wollte. Ich sagte, ich wollte meinen
Glauben nicht verlassen, denn er sei die Wahrheit.
Hierauf fragten sie mich, was denn mein Glauben
wäre? Worauf ich zu den Mönchen sagte: Fraget den
Markgrafen, ihm habe ich meinen Glauben bekannt.
Sie quälten mich sehr, ich aber wollte ihnen durchaus
nichts sagen. Sie fragten, woher ich wüsste, dass es
die Wahrheit sei, ob Gott mündlich mit mir geredet
hätte.
Als sie nun von mir sonst nichts erlangen konnten,
wurde mein Bekenntnis abgelesen, nämlich, dass ich
nichts vom Sakramente hielte. Ich sagte: Für nichts als
für einen Brotgott. Die Pfaffen aber wurden hierüber
sehr entrüstet, weil ich ihren Gott so verachtete; sie
wollten mit mir reden, ich aber sagte: Ich will euch
nicht anhören oder mit euch reden; lasset meine Brü-
der zu mir kommen, so will ich mit euch reden und
unsern Glauben bekennen. Da fragten sie mich, ob
ich in meinem Glauben nicht genügend bewandert
wäre, weil ich mich auf meine Brüder berief. Ich sagte:
Ja, mein Glaube ist stark genug, nur damit ihr meine
Worte nicht verdrehet. Sie sagten hierauf: Wir wollen
deine Worte nicht verdrehen. Ich antwortete: Ich ken-
ne euch allzu wohl und weiß eure Schalkheit gut. Der
Markgraf sagte: Es soll dir bewilligt werden. Ich aber
meinte, er hätte gesagt, dass er eine Bibel mitbringen
wollte. Die Pfaffen meinten, wenn man die Kindlein
tauft, so haben sie den Glauben. Ich lachte darüber
und sagte, warum sie denn nicht in die Türkei gingen,
um die Türken zu taufen, denn wenn dem so ist, wie
er sagt, dass man dann gläubig wird, so würden sie ja
auch gläubig werden. Sie sagten: Und wenn man auch
die Türken taufte, so würden sie doch Türken bleiben.
Auch quälten sie mich sehr, dass ich abfallen und ein
gutes Kind der römischen Kirche werden sollte. Selbst
der Markgraf und die Herren des Rates zeigten mir
eine falsche Art der Barmherzigkeit, indem sie sag-
ten: Wenn man dich am Leben erhielte und du dich
bekehren und ein gutes Kind der römischen Kirche
werden würdest, so hätte ich gute Hoffnung zu dir,
denn du bist jung und unschuldig dazu gekommen;
ich weiß wohl durch wen (solches bezog sich auf Jelis
von Aken) und auch, weil du so gute Eltern hast und
deine Mutter sich bald zu Tode grämt. Ich entgegnete:
Wenn auch die Türe offen stände und du zu mir sa-
gen würdest: Gehe deines Wegs und sage nur, es ist
mir leid, ich würde nicht gehen, denn ich weiß wohl,
dass die Wahrheit mir zur Seite steht. Da sagte der
Markgraf: Wenn du nicht gehorchen willst, so will ich
dich lebendig verbrennen lassen. Darüber lachte ich
und sagte: Was ihr mir um meines Glaubens willen
zufüget, will ich gerne leiden; auch sagte er: Sein Weib
ist die größte Ketzerin, die in der Stadt ist.
Ich kann dem Herrn für alle Kraft und Stärke, die
er mir in dieser Not verleiht, nicht genug danken; ich
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merke nun wohl, dass der Herr mit uns ist; denn er
hilft uns so treulich aus aller Not. Er ist ein treuer
Hauptmann und gibt seinen Knechten Mut, stärkt
sie auch, dass sie sich nicht fürchten; sie zagen und
zittern nicht, um der großen Liebe willen, die sie zu
ihrem himmlischen Vater tragen; denn Paulus sagt:
Wer will uns von der Liebe Christi scheiden? Trüb-
sal oder Angst, Verfolgung oder Hunger, oder Blöße,
oder Lährlichkeit, oder Schwert? Wie geschrieben ste-
het: Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen
Tag, wir sind für Schlachtschafe geachtet, aber in dem
allen überwinden wir weit um desjenigen willen, der
uns geliebt hat; denn ich bin gewiss, dass weder Tod
noch Leben, weder Engel noch Pürstentum, noch Ge-
walt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder
Hohes noch Tiefes, noch irgendeine andere Kreatur
uns von der Liebe Gottes scheiden mag, die in Christo
Jesu, unserm Herrn, ist.
Darum, mein geliebtes Weib Lysken, füge dich in
die Zeit und sei geduldig in Trübsal, halte an im Gebet
und siehe doch immer auf die schönen Verheißungen,
welche uns überall gegeben sind, wenn wir bis an
das Ende standhalten. Laß uns doch den Schatz wohl
bewahren; denn da wir solchen Schatz in irdischen
Gefäßen haben, so können wir denselben nicht ver-
bergen, sondern er bricht überall hervor. Er ist viel zu
köstlich, als dass man ihn verbergen sollte; wir freuen
uns über diesen Schatz; er besteht in unserm Glauben,
in der Hoffnung und Liebe, diese werden uns nicht
müßig sein lassen, wenn man gleich uns auch vonein-
ander absondert und uns in ein finsteres Loch werfen
wollte, denn der Schatz ist von solcher Art, dass er
nicht verborgen sein will; der eine ruft dem andern
zu und schüttet so seinen Schatz aus, dass er gesehen
werden möge; wir sind so wohlgemut, dem Herrn
sei in Ewigkeit Lob und Dank gesagt. Wir rufen, wir
singen miteinander, solche Freude haben wir, um uns
untereinander zu trösten und zu stärken; der Herr
gibt uns solche Stärke und Kraft, dass wir Ihm für
die große Gnade, die Er an uns erwiesen, nicht genug
danken können. Darum werden wir nicht müde, und
wenn auch unser auswendiger Mensch vergeht, so
wird der inwendige von Tag zu Tag erneuert; denn
unsere Trübsal, welche zeitlich und leicht ist, bringt
uns eine ewige und über alles gewichtige Seligkeit,
die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf dasjenige
sehen, was unsichtbar ist.
Darum, mein liebes Weib, laß doch nicht nach, dem
Herrn, deinem Gott, von ganzem Herzen zu dienen
und seinen Fußstapfen nachzufolgen, denn wir wis-
sen, dass wenn unser irdisches Haus dieser Hütte
zerbrochen wird, wir einen Bau von Gott erbaut ha-
ben werden, ein Haus, das nicht mit Händen gemacht.
sondern das ewig ist im Himmel, und über dasselbe
sehnen wir uns auch nach unserer Behausung, die
vom Himmel ist, und uns verlangt, dass wir damit
überkleidet werden, denn wir wollen lieber nicht ent-
kleidet, sondern bekleidet sein; denn so lange wir in
diesem Leibe wohnen, so wallen wir dem Herrn.
Darum, mein liebes Weib, wende doch Fleiß an,
dass du die Zeit deiner Wanderschaft mit Furcht und
Zittern vollenden mögest, nicht (meine ich) mit sol-
cher Furcht und solchem Zittern, dass wir vor der
Welt uns fürchten und zittern sollten, weil man so
erbittert auf uns ist, sondern wir sollen uns vor dem
Herrn fürchten und vor ihm erzittern; seine Gebote
und Rechte halten und also die Zeit unserer Pilger-
schaft in der Furcht des Herrn vollenden, und das
Ende unseres Glaubens, nämlich der Seele Seligkeit
davon tragen; dann werden wir ewiglich uns mit dem
Herrn erfreuen und Ihm in der Auferstehung der To-
ten begegnen; darum fürchte dich nicht vor der Welt,
denn es sind alle Haare deines Hauptes gezählt; sie
haben keine Gewalt, es sei denn, dass sie ihnen von
oben gegeben werde, und Christus sagt: Fürchte dich
nicht vor denen, die den Leib töten, sondern fürchte
den, der, wenn er den Leib getötet hat, auch Macht
hat, die Seele in die Hölle zu werfen; da wird Heulen
und Zähneklappern sein, und ihr Wurm wird nicht
sterben, auch werden sie weder Tag noch Nacht Ruhe
haben. Der allmächtige, ewige und starke Gott wolle
dich mit seinem gesegneten Worte stärken und trös-
ten, dass du bis ans Ende getreu bleiben mögest, dann
wirst du auch unter den Altar zu allen lieben Kinder
Gottes kommen, wo alle Tränen von unsern Augen
werden abgewischt werden; alsdann wird alle Trübsal
ein Ende haben; dann wird unser verachteter Leib
verklärt werden, und dem Bild seiner Klarheit gleich
sein; alsdann wird unser Weinen in Lachen und un-
sere Trauer in Freude verwandelt werden; dann wer-
den wir (die wir um des Zeugnisses Jesu willen eine
kurze Zeit verachtet und verschmäht, ja verfolgt und
mit großer Schmach und Verspottung getötet worden
sind), ewig triumphieren und mit dem Herrn leben.
Wir werden mit weißen Kleidern angetan werden,
gleichwie Johannes in seiner Offenbarung von den
Seelen derjenigen bezeugt, die um des Wortes Gottes
und um des Zeugnisses willen, das sie hatten, getötet
worden sind; und sie lagen unter dem Altäre, riefen
mit lauter Stimme und sagten: Herr, du Heiliger und
Wahrhaftiger! Wie lange richtest du und rächest nicht
unser Blut an denen, die auf Erden wohnen. Und ih-
nen wurde, einem jeden, ein weißes Kleid gegeben,
und es ward zu ihnen gesagt, dass sie noch eine klei-
ne Zeit ruhten, bis dass vollends ihre Mitknechte und
Brüder hinzukämen, die auch noch getötet werden
146
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sollten, gleichwie sie. O welch ein herrliches Volk wer-
den wir sein! Wenn wir mit der großen Schar sein
werden, von welcher Esdras schreibt und Johannes
in seiner Offenbarung sagt, dass er eine große Schar
gesehen habe, die niemand habe zählen können, aus
allen Heiden, Geschlechtern, Völkern und Zungen,
welche vor dem Throne und vor dem Lamme stan-
den, gekleidet in weißen Kleidern und Palmzweige
in ihren Händen, und riefen mit lauter Stimme: Heil
sei dem, der auf dem Stuhle unseres Gottes sitzt und
dem Lamme. Diese sind es, die aus großen Trübsa-
len gekommen sind, die ihre Kleider gewaschen und
sie durch das Blut des Lammes weiß gemacht haben;
darum sind sie vor dem Stuhle Gottes und dienen
ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Und der auf
dem Stuhle sitzt, wird über ihnen wohnen, und sie
wird nicht mehr hungern und dürsten; auch wird sie
die Sonne nicht mehr brennen, noch sonstige Hitze;
denn das Lamm mitten in dem Stuhle wird sie regie-
ren und er wird sie zu dem Brunnen des lebendigen
Wassers bringen, und Gott wird alle Tränen von ihren
Augen abwischen. Und Esdras zeugt von derselben
Schar, indem er sagt: Dass sie mitten auf dem Berge
Zions standen und in weiße Kleider gekleidet waren,
und dass mitten unter ihnen ein Jüngling war, der mit
seiner Länge alle überragte, und einem jeden einen
Palmzweig in die Hand gab und einem jeden eine
Krone aufs Haupt setzte; und Johannes sagte, dass
er gleichsam ein gläsernes Meer, mit Teuer vermengt,
gesehen habe, und dass diejenigen, welche den Sieg
über das Tier und dessen Bild mit seinem Zeichen und
die Zahl seines Namens erhalten hatten, an dem glä-
sernen Meere mit Gottes Harfen gestanden und das
Lied Moses, des Knechtes Gottes, und das Lied des
Lammes gesungen haben. Siehe doch, mein geliebtes
Weib, welche herrlichen Verheißungen wir überall fin-
den, welche Gott allen lieben und wahren Kindern
geben und schenken wird, die Ihm hier treu geblieben
sind, ihr Leben dem Herrn zu Ehren geendigt und ih-
re Kleider in dem Blute des Lammes weiß gewaschen
haben.
Ach, mein innig geliebtes Weib! Ich kann dem
Herrn für alle seine große Tugend, die Er an mir be-
weist, nicht genug danken; Er gibt mir solche Kraft
und Stärke, dass ich es nicht aussprechen kann. Ach,
ich werde es nun wohl gewahr, dass der Herr ein
getreuer Nothelfer sei! Er verlässt diejenigen nicht,
welche Ihm vertrauen; denn wer sich auf den Herrn
verlässt, soll nicht zu Schanden werden; Er wird uns
wie seinen Augapfel bewahren; er wird uns aus aller
Gewalt des Teufels und von der Tyrannei dieser Welt
erlösen; ja. Er wird uns bewahren, dass wir nicht zur
Hölle fahren, wenn wir Ihm anders bis ans Ende treu
bleiben; Christus sagt: Wer bis ans Ende beharret, soll
selig werden. Ach, mein innigst geliebtes Weib! Bleibe
doch dem Herrn bis in den Tod getreu, denn die Kro-
ne ist nicht im Anfänge, noch in der Mitte, sondern
am Ende. Wenn du dem Herrn getreu bleibst, wird Er
dich nicht verlassen; Er wird dir die Krone des ewi-
gen Lebens geben und dich in Sein Reich einführen;
Er wird dich mit Preis und Ehre krönen; Er wird alle
Tränen von deinen Augen abwischen. Liebe Lysken,
soll Er alle Tränen abwischen, so muss man hier erst
geweint haben; Er wird uns von unsem Leiden erlö-
sen, darum müssen wir zuerst in dieser Welt leiden;
wir müssen streiten und fechten wider die grimmigen
Löwen, Drachen und Bären, ja wider das arge und
böse Otterngezüchte und die Schlangen; wider die
listigen Schlangen dieser Welt und den bösen Samen
Kains, denn Paulus sagte, dass wir nicht mit Fleisch
und Blut zu kämpfen haben, sondern mit den Herren
der Finsternis und wider die Fürsten und Gewalti-
gen dieser Welt, ja wider die Geister, die in der Luft
hantieren, welches die alte Schlange und Satanas ist,
welcher, wie Petrus sagt, um uns herumgeht, wie ein
brüllender Löwe und suchet, wen er verschlinge, dar-
um wende Fleiß an im Streite, mit Bitten und Flehen
zum Herrn und halte dich an der Lehre Jesu Chris-
ti, unseres Seligmachers, damit du das Ende deines
Glaubens, nämlich deiner Seele Seligkeit, retten mö-
gest. Darum kämpfe doch mit Paulus einen guten
Kampf. Hiermit will ich dich, mein herzlich geliebtes
Weib und Schwester, dem allmächtigen, ewigen und
starken Gotte und dem Worte seiner reichen Gnade
anbefohlen haben, damit du wider alle Pforten der
Hölle bestehen mögest. Amen.
Noch ein Brief von Hieronymus Segerß an die
Brüder und Schwestern.
Die ewige Freude, der Friede und die Gnade Gottes,
des Vaters, und die grundlose Barmherzigkeit, Gunst
und Liebe des Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi, wel-
cher von Gott dem Vater aus Gnaden zum Heile aller
derer gesandt ist, die durch sein unvergängliches Wort
oder Evangelium mit ihm wiedergeboren sind und
seinen Willen vollbringen, und der gründliche und
unaussprechliche Trost, Kraft und Gemeinschaft des
Heiligen Geistes, welcher von ihnen beiden vom Him-
mel zum ewigen Tröste, zur Freude und Ergötzung
ausgesandt ist, sei mit allen wahren, bußfertigen und
gehorsamen Kindern Gottes, die ihr Leben gebessert
haben und also mit Christo durch sein Evangelium in
einem neuen Leben auferstanden sind. Dieser ewige
Gott wolle euch sämtlich in seiner ewigen Wahrheit
stärken und euch mit dem kräftigen Worte seiner Gna-
147
de in aller Gerechtigkeit, Heiligkeit und Wahrheit bis
ans Ende erhalten: Er bewahre euem Verstand, euer
Herz und eure Sinne in Christo Jesu. Demselben sei
Preis, Ehre, Lob, Kraft und Stärke von Ewigkeit zu
Ewigkeit. Amen.
Meine herzlich geliebten, werten und auserwähl-
ten Brüder und Schwestern, und alle Liebhaber der
ungefärbten und ewigen Wahrheit, ich wünsche euch
den wahren bußfertigen Glauben, der durch die Liebe
tätig ist, welcher vor Gott gilt, in einem reinen und
keuschen und heiligen Umgänge und Wandel in der
Furcht Gottes und eine feurige Liebe zu Gott, unserm
himmlischen Vater, eurem Nächsten und zu seiner
ewigen, klaren und unveränderlichen Wahrheit. Ich
bitte den Herrn Tag und Nacht ohne Aufhören für
euch, dass Er euch die Augen des Verstandes öffnen
wolle, damit ihr erkennen möget, dass solches die
rechte Wahrheit sei und dass Er euch mit seinem gött-
lichen Worte kräftig und im Glauben stark machen
wolle, damit ihr in dieser Wahrheit in aller Demut und
Sanftmut wandeln und ein Licht allen Menschen seid
und standhaft bis ans Ende bleiben möget. Auch bitte
ich den Herrn, dass Er euch vor allen reißenden Wöl-
fen bewahren wolle, die von uns ausgegangen sind
und unter euch noch aufstehen werden, welche der
Schafe nicht schonen werden, und vor allen falschen,
ketzerischen und teuflischen Lehrern, die sich unter
Christi Namen aufwerfen und in einem heiligen Schei-
ne auftreten, als ob sie von Christo gesandt wären, die
aber vom Teufel gesandt und ausgegangen sind.
Darum, meine lieben Brüder, seid munter, betet und
wachet, denn es ist sehr nötig, und denket daran, nach
meinem Abschiede, dass ich euch aus dem Gefängnis
vor den falschen Propheten gewarnt habe. Also habe
ich euch mit Gottes Hilfe ein wenig geschrieben und
mit Paulus ein wenig ermahnt, weil ich wohl weiß,
dass ich meinen sterblichen Rock bald ablegen und
mit meinen Brüdern und Schwestern in Christo ent-
schlafen werde. Obgleich ihr nun selbst in dieser ge-
genwärtigen Wahrheit unterrichtet und gestärkt seid,
so halte ich es gleichwohl für nützlich, euch noch
ein wenig zu ermahnen, damit etwa dadurch noch
jemand gebessert werde, gebaut, gestärkt und so der
Name des Herrn dadurch gelobt und gepriesen wer-
den möchte, auch zu meinem eigenen Andenken, der
ich euch in demjenigen, das mir der Herr gegeben hat,
ein Vorbild gewesen und in aller Demut unter euch
gewandelt bin.
Darum ermahne ich euch, meine herzlich geliebten
Brüder und Schwestern in dem Herrn, und bitte euch,
mit Paulus, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass
ihr euren Leib zu einem Opfer begebet, das heilig,
lebendig und Gott wohlgefällig sei und welches euer
vernünftiger Gottesdienst ist. Stellt euch dieser argen
und verkehrten Welt nicht gleich, sondern erneuert
euch durch die Erneuerung eurer Sinne, damit ihr
prüfen könnt, welches der gute, wohlgefällige und
vollkommene Wille Gottes sei.
Ach, meine lieben Brüder, ich bitte euch herzlich,
dass ihr doch alle euer Leben bessern und die Welt
mit ihren Lüsten fahren lassen und sämtlich auf das
Leben Christi sehen wollt, wie er uns vorgewandelt
ist, denn Johannes sagt: Wer sich Christi rühmen will,
der muss auch wandeln, gleichwie Er gewandelt ist.
Ach seht, meine lieben Freunde, es ist nicht genug,
dass wir in Christi Namen getauft sind, ein Bruder
oder eine Schwester Christi heißen und Christen ge-
nannt werden. Ach nein, solches kann nicht selig ma-
chen, denn Johannes sagt: Kindlein, lasset euch durch
niemanden verführen.
Wer recht tut, der ist gerecht; wer Sünde tut, der
ist vom Teufel, und daran wird es offenbar, welche
die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels sind.
Und Christus sagt: Ihr seid meine Freunde, wenn ihr
tut, was ich euch gebiete. Und abermals sagt Christus:
Wer mich lieb hat, wird mein Wort halten, und meine
Gebote wahrnehmen, und wer meine Gebote hat, und
hält sie, der ist's, der mich lieb hat. Johannes sagt: Wer
da sagt, dass er Gott liebe, und hält seine Gebote nicht,
der ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm.
Ihr wisset aber, dass ein Lügner keinen Teil an dem
Reiche Gottes habe. Darum seid doch keine Christen
mit dem Munde oder mit der Zunge, sondern mit der
Tat und mit der Wahrheit; denn es ist ohne allen Wert,
den Namen eines Christen zu tragen, solange wir ihm
in Worten Werken und Gedanken nicht gleichmäßig
sind. Paulus sagt ja: Welche er zuvor ersehen, die hat
er auch verordnet, dass sie dem Bilde seines Sohnes
gleichförmig sein sollten, damit Er der Erstgeborene
unter allen Brüdern sei. Hat er euch nun dazu be-
rufen und verordnet, so wendet auch Fleiß an, um
ihm gleichförmig zu werden, damit ihr in der Tat als
rechte Christen erfunden werdet, wenn ihr nämlich
in solche Trübsal fallt, worin wir nun sind; denn eben-
so wohl wie wir uns darin befinden, kann die Reihe
auch morgen an euch kommen. Darum wachet und
betet, denn ihr wisset weder Zeit noch Stunde, und
lasset es euch ein Emst sein, dem Herrn zu gefallen,
denn wir werden alle vor dem Richterstuhle Christi
offenbar werden, wo ein jeder an seinem Leibe emp-
fangen wird, je nachdem er gehandelt hat, es sei gut
oder böse. Weil nun der Herr zu fürchten ist, so rate
ich euch, und bitte euch demütig, dass ihr dem Evan-
gelium gemäß wandeln wollt, denn das macht die
Sache nicht aus, dass man den Namen eines Christen
trägt, und sich einen Bruder nennen lässt, sondern
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Gottes Gebote erfüllen, das gilt allein. Ich habe vie-
le unter uns gesehen, die die Christen sehr rühmten,
und Christum mit der Zunge lieb hatten, aber mit der
Tat verleugneten sie Ihn, was sehr zu beklagen ist,
denn sie münzen falsches Geld, welches zwar dem
Äußeren nach gutes Geld zu sein scheint, aber wenn
man es auf den Prüfstein oder ins Feuer bringt, so ist
es seinem Gehalte nach nichts als Kupfer; ebenso wan-
deln sie auch unter den Frommen, als ab sie rechte
Christen wären, wenn sie aber der Herr in Trübsalen
zu prüfen beginnt, so sieht man, dass alles auf Sand
gebaut ist, und dass sie ihren Bauch lieber haben, als
Christum, was man auch an unsern Mitgefangenen
ersehen kann, denn sie haben sich lange fromme Brü-
der nennen lassen, nun aber führen sie eine andere
Sprache.
Darum, meine herzlich geliebten Brüder und
Schwestern in dem Herrn, nehmet uns zum Spiegel;
alle die ihr dem Herrn ein bequemes Opfer tun wollt,
folgt uns nach und seid nicht länger so träge und kalt-
sinnig in der Liebe, damit, wenn ihr auch in Bande
kommt, ihr darin alsdann in Betrübnis geraten müsst,
weil ihr nicht besser gewandelt seid, denn damit ver-
sucht uns der Teufel Tag und Nacht. Darum warne ich
euch aus brüderlicher Liebe, dass ihr eurer selbst wohl
wahrnehmt, weil ihr Zeit habt, denn Paulus sagt: Die
heilsame Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen,
und züchtigt uns, dass wir das imgöttliche Wesen und
die weltlichen Lüste verleugnen und züchtig, gerecht
und gottesfürchtig in dieser Welt leben und die Of-
fenbarung und Erscheinung des großen Gottes und
unseres Erlösers Jesu Christi erwarten sollen, der sich
selbst für unsere Sünden aufgeopfert hat, damit er
uns von aller Unreinigkeit reinige, und ihm also ein
Werk reinige, das zu allen guten Werken fleißig wäre.
Sehet, meine lieben Freunde, ein solches Volk hat
Christus auserwählt, das nicht eitel oder leichtfertig
sei, sondern welches durch Geduld in guten Werken
das ewige Leben sucht, denn er hat uns dazu berufen
und auserwählt, dass wir heilig und unsträflich vor
ihm in der Liebe sein sollten, indem er sich eine solche
heilige Gemeinde auserwählt, welche weder Flecken
noch Runzeln hat, sondern dass sie heilig, unsträflich
und untadelhaft vor ihm in der Liebe wandle. Darum
seid fleißig in eurem ganzen Wandel, weil geschrie-
ben steht: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig. Ach
sehet, meine lieben Brüder, es ist Zeit euch vorzuse-
hen, denn die Axt ist mm den Bäumen an die Wurzel
gelegt; ein jeder Baum aber, der keine guten Früchte
bringt, soll abgehauen und ins Feuer geworfen wer-
den. Denn es werden nicht alle, die da sagen: Herr,
Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den
Willen meines Vaters im Himmel tun; darum, wenn
ihr den Sünden abgestorben und durch die Erkenntnis
der Wahrheit gereinigt seid, so müsst ihr nicht müßig
sein, damit der Teufel die sieben Geister nicht zu sich
nehme und zu euch wiederkomme, und das Letztere
ärger werde als das Erste.
Darum lasset die Sünde nicht herrschen in eurem
sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in ihren
Lüsten, auch übergebt nicht der Sünde eure Glieder zu
Waffen der Ungerechtigkeit, sondern übergebt euch
selbst Gott, als solche, die da aus den Toten lebendig
sind, und eure Glieder Gott zu Waffen der Gerech-
tigkeit und bittet, dass eure Flucht nicht im Winter
oder auf den Sabbat geschehe und wandelt nicht im
Finstern, liebe Brüder, damit euch der Tag nicht wie
ein Dieb überfalle. Werdet ihr also tun, so werdet ihr
die Kinder des Lichtes und des Tages sein, denn das
sind keine Kinder Gottes, die sich selbst des Glaubens
rühmen, und solchen mit den Werken nicht beweisen,
indem Christus sagt: So ihr solches wisset, selig seid
ihr, so ihr es tut. Denn wer es weiß und tut es nicht,
wird mit den Narren verglichen, weil der Knecht, wel-
cher des Herrn Willen weiß und nicht tut, doppelt
Streiche leiden wird. Die aus dem Grunde ihres Her-
zens glauben und ihren Glauben mit der Tat erweisen,
sind rechte Kinder Gottes, und solche werden auch
im Himmelreiche für Gläubige gehalten werden. Dar-
um rate ich euch, und bitte mit Petrus, dass ihr allen
Fleiß daran wendet, und in eurem Glauben Tugend,
in der Tugend Bescheidenheit, in der Bescheidenheit
Mäßigkeit, in der Mäßigkeit Gottseligkeit, in der Gott-
seligkeit brüderliche Liebe und in der brüderlichen
Liebe allgemeine Liebe zeigt; denn wo solches reich-
lich bei euch ist, wird es euch weder faul noch un-
fruchtbar sein lassen in der Erkenntnis unseres Herrn
Jesu Christi.
Und also wird euch der Eingang zum ewigen Leben
reichlich dargereicht werden; wer aber dieses nicht
hat, der ist blind und vergisst die vorige Reinigung
seiner Sünden. Darum machet eure Seelen durch den
Gehorsam der Wahrheit keusch, in rechter ungefärbter
brüderlicher Liebe, und habt euch untereinander lieb
aus reinem Herzen, als solche, die wieder von neuem
geboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus
unvergänglichem Samen, nämlich durch das lebendi-
ge Wort Gottes, welches in Ewigkeit bleibt. Umgürtet
die Lenden eures Gemütes, und seid nüchtern und
setzet alle eure Hoffnung auf Gott, und habt unter-
einander eine brünstige Liebe, und seid gleichgesinnt;
achtet auch nicht, was hoch ist, sondern haltet euch
zu den Geringen, und lasst kein faules Geschwätz
aus eurem Munde gehen; verschwendet auch nicht
eure Zeit mit eitlen Worten, welche zu nichts nützen
als zu einem ungöttlichen Leben und Wesen; sondern
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redet was holdselig sei zu hören, und nützlich zur
Besserung, und lasset eure Worte immer in der Gnade
mit Salz vermenget sein; denn Petrus sagt: So jemand
redet, so rede er Gottes Wort, auf dass er allen Men-
schen ein Spiegel sein möge, und Christus sagt: Ihr
seid das Salz der Erde; wo nun das Salz dumm wird,
so ist es zu nichts mehr nütze, als dass man es hinaus-
schütte und lasse es die Leute zertreten. Denn man
zündet nicht ein Licht an und setzt es unter einen
Scheffel, sondern auf den Leuchter, auf dass sie alle
davon sehen mögen. Und ihr seid das Licht der Welt,
lasset euer Licht leuchten vor der Welt, auf dass die
Menschen eure guten Werke sehen und euren Vater
im Himmel preisen. Und Petrus sagt: Pühret einen
guten Wandel unter den Heiden, auf dass die, welche
von euch afterreden, wie von Übeltätern beschämt
werden, weil sie euren guten Wandel in der Purcht
Gottes verspottet haben.
Und David sagt: Wer leben will und gute Tage se-
hen, der zähme seine Zunge, dass sie nichts Arges
rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen; er
wende sich vom Argen und tue Gutes; er suche Prie-
den und jage ihm nach, denn die Augen des Herrn
sehen auf den Gerechten und seine Ohren hören sein
Gebet, aber das Angesicht des Herrn siehet auf den,
der Böses tut. Darum hütet euch, dass das zornige
Antlitz des Herrn euch nicht ansehe; denn am letz-
ten Tage werden die Gottlosen rufen: O ihr Hügel
und Berge, fallet auf uns und bedecket uns, damit
wir nicht das zornige Antlitz dessen sehen, der auf
dem Stuhle sitzt! Und Christus sagt: Es sei denn eu-
re Gerechtigkeit besser als die der Schriftgelehrten
und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich
kommen. Und abermals: Es sei denn, dass ihr um-
kehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht
in das Himmelreich kommen. Sehet, meine lieben Brü-
der und Schwestern, wenn ihr nicht erniedrigt seid, so
wendet Pleiß an, dass ihr so werdet, denn die Worte
Christi sind keine Lügen, wenn er sagt: Es werden an
jenem Tage viele zu mir sagen: Herr, Herr! Haben wir
nicht vor dir gegessen und getrunken und in deinem
Namen Teufel ausgetrieben? Dann aber werde ich
ihnen bekennen, dass ich sie noch nie erkannt habe;
gehet von mir alle ihr Übeltäter. Und Paulus sagt: Wer
nach dem Pleisch lebt, muss sterben. Ach, Preunde,
es sind viele unter euch, welche den Eseln und Maul-
tieren nacharten, die in ihrem Gange so träge sind,
dass sie mit Schlägen und Stößen getrieben werden
müssen. Ach, das ist nicht nach der Liebe gewandelt;
richtet die müden Knie und die lässigen Hände wie-
der auf, es ist lange genug geschlafen, denn Paulus
sagt: Wache auf, der du schläfst und stehe auf von
den Toten, so wird dich Christus erleuchten; seid ihr
mit Christo auferstanden, so suchet, was droben ist,
wo Christus zur Rechten Gottes seines Vaters sitzt;
trachtet nach dem, das himmlisch ist, und nicht nach
dem, das irdisch ist.
Ach meine lieben Brüder und Schwestern in dem
Herrn, seid doch Gottes Nachfolger als auserwählte
Kinder, und wandelt in der Liebe, gleichwie er uns
geliebt und sich selbst für uns zum Opfer und Gabe
dahingegeben hat, Gott zu einem süßen Gerüche; Hu-
rerei aber und Unreinigkeit lasset nicht unter euch
gefunden werden, gleichwie den Heiligen geziemt;
auch nicht schandbare Worte und Narrengeschwätz,
welche euch nicht geziemen, sondern vielmehr Dank-
sagung; denn das sollt ihr wissen, dass kein Hurer,
oder Unreiner, oder Geiziger, welcher ein Götzendie-
ner ist, am Reiche Gottes Erbe hat. Darum seid nicht
ihre Mitgenossen, denn ihr wäret einst Pinsternis, nun
aber seid ihr ein Licht in dem Herrn; wandelt als Kin-
der des Lichts, denn die Prucht des Geistes ist allerlei
Gütigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit, und habt kei-
ne Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der
Pinsternis, sondern bestrafet sie vielmehr.
Darum ermahne ich euch als Mithelfer, denn der
Herr sagt: Ich habe dich zur angenehmen Zeit erhö-
ret und dir am Tage des Heils geholfen; nun ist die
angenehme Zeit, nun ist der Tag des Heils; lasset uns
niemandem Ärgernis geben, damit unser Dienst nicht
gelästert werde, sondern in allen Dingen als Diener
Gottes uns zeigen in großer Geduld, in Verfolgung,
in Angst, in Schlägen, in Gefängnis, in Aufruhr, in
Blöße, in Gefahr, bei dem Schwerte, in Keuschheit, in
Erkenntnis, in Langmütigkeit, in Preundlichkeit, in
dem Heiligen Geiste, in ungefärbter Liebe, in Wor-
ten der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Ehre und
Schmach, durch gute Gerüchte und böse Gerüchte, als
Verführer und gleichwohl wahrhaftig, als die da ster-
ben und doch leben, als die Unbekannten und doch
Bekannten, als die geschlagen und doch nicht getö-
tet werden, als die Armen und die doch viele reich
machen, als die nichts haben und doch alles besitzen.
Meine lieben Preunde, mein Mund hat sich aus brü-
derlicher Liebe zu euch aufgetan, und ich bitte euch
demütig, dass ein jeder von euch gesinnt sei, wie Jesus
Christus auch war, und erweiset solche Liebe in der
Tat untereinander, denn das ist die Botschaft die ihr
von Anfang gehört habt, dass ihr einander lieben sollt;
denn wer nicht lieb hat, der bleibt im Tode, wenn aber
jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder
darben und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt
die Liebe Gottes in ihm? Meine lieben Brüder und
Schwestern in dem Herrn, lasset uns nicht länger mit
der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit
lieben, und seid immer der Armen eingedenk und
150
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ein jeder teile nach seinem Vermögen mit Freuden
mit, denn Gott hat einen fröhlichen Geber lieb, und
Paulus sagt: Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er es
mit Lust. Überlegt es einmal, ob ihr eifrig in der Liebe
wäret, wenn es euch in der Welt wohlginge, ob ihr
auch wohl zwei oder drei Stüber so leicht zu finden
wissen würdet, um sie den Armen zu geben, als ihr sie
zum Trinken und Spielen gefunden hättet? Dies sage
ich nicht, meine lieben Freunde, als wollte ich euch
gebieten oder euch beschweren, sondern ich sage es
nur, dass ein jeder darin nach seinem schwachen Ver-
mögen seine Liebe erweise. Ihr könnt doch das Gut
nicht mitnehmen, und hierin könnt ihr ein Beispiel an
mir nehmen, denn sie haben alles genommen, ja alles
Geld, das wir hatten, und fragten auch dabei, ob wir
nicht mehr hätten.
Darum ist es viel besser, dass ihr damit den Armen
helft, als dass es die Obrigkeit einziehe, und wenn
ihr euer Leben für eure Brüder geben wollt, wie viel
mehr gebührt euch, euren Brüdern mit eurem zeit-
lichen Gute beizustehen, damit erfüllt würde, was
geschrieben stehet: Die viel sammelten, hatten keinen
Überfluss und die dagegen wenig sammelten, hatten
keinen Mangel. Sehet auch zu, dass es aufrichtig zu-
gehe, damit es ein Segen und kein Geiz sei, und damit
das Opfer dem Herrn angenehm sei; denn die Hand-
reichung solches bewährten Dienstes ersetzt nicht nur
den Mangel der Heiligen, sondern macht sie auch dar-
in wohltätig, dass viele um dieses bewährten Dienstes
willen Gott danken. Darum wendet Fleiß an, dass ihr
eure Liebe erweiset, damit dem Herrn dadurch ge-
dankt und er gepriesen werden möge, und ihr euch in
allen Dingen als Diener Gottes erweist. Leset Paulus
an die Korinther; er wird euch lehren, wie ihr euch
hierin Verhalten sollt, ja, ich bitte euch, dass wenn ihr
solches gelesen habt, ihr darnach tut, denn es ist nötig;
ferner bitte ich euch alle, die ihr den Ehestand erst
angetreten habt, dass ihr doch in aller Demut, Einfalt
und Freundlichkeit beieinander wohnen wollt; ihr jun-
gen Weiber, seid doch euren Männern in der Furcht
Gottes untertan; und ihr Männer, habt eure Weiber
lieb, wie euch selbst, nehmt sie auf und traget sie in
aller Demut und Freundlichkeit, ermahnt und unter-
richtet sie herzlich mit dem Worte des Herrn, denn ihr
wisset weder Stunde noch Zeit, wann euch der Herr
voneinander nehmen wird. Nehmet ein Beispiel an
mir und meiner Hausfrau, wie bald uns der Herr ihm
zum Preise wieder voneinander geschieden hat. Dar-
um wohnt beieinander in aller Demut, solange euch
der Herr beieinander lässt, weil eure Zeit hier kurz ist,
denn es gefällt dem Herrn wohl, seine Auserwählten
bei sich zu haben.
Ferner bitte ich euch, meine lieben Brüder, dass
ihr Fleiß anwenden wollt, auch wieder an andern zu
wuchern, denn ich habe das Vertrauen zu dem Herrn,
dass sich noch viele, die solches sehen und hören, zu
der Wahrheit bekehren werden; was mich betrifft, so
will ich auch mein Bestes tun an denen, die zu mir
kommen.
Versammelt das arme zerstreute Häuflein wieder,
welches ich sehr bejammere, denn sie wissen kaum,
wo sie hingehen oder wohnen sollen, und sind mehr
beängstigt, als wir hier; aber seid getrost, meine lieben
Brüder und Schwestern in dem Herrn, und seid ge-
duldig in eurer Verfolgung, denn obgleich wir mehr
Raum haben, als ihr, wo wir sitzen, so werdet doch
auch ihr die Städte Israels nicht durchwandeln, bis
euch der Herr erlöset. Darum befleißiget euch, zu-
sammenzukommen und einander zu trösten und zu
ermahnen in dem Worte des Herrn, damit die Liebe
unter euch nicht erlösche.
Darum ermahnt und unterrichtet einander in der
Liebe Gottes; ich bitte auch euch, dass ihr unser in
eurem Gebet nicht vergesset, und dass ihr auch an
meine Frau einen Brief schreibet und sie tröstet, denn
sie wird noch lange sitzen. Ferner lasse ich euch wis-
sen, dass ich sehr erfreut bin und meinem Herrn Tag
und Nacht nicht genug danken und Ihn loben kann
wegen seiner großen Liebe, die er uns mitgeteilt hat,
indem er uns beide würdig gemacht hat, um seines
Namens willen zu leiden und um seiner Kraft und
Stärke, die Er an uns erwiesen hat, auch um der Ver-
heißung willen, die Er uns gegeben, denn dies ist die
Stunde, um welche ich den Herrn so lange gebeten;
ich habe mich selbst aber nicht gut oder würdig genug
geachtet, um seines Namens willen zu leiden. Darum
freue ich mich sehr, dass meine Stunde gekommen ist,
dass ich von diesem Fleische erlöst werben soll.
So stärkt euch denn untereinander in der Liebe Got-
tes, und erwartet die Barmherzigkeit unseres Herrn
Jesu Christi in dem ewigen Leben. Dem aber, der euch
ohne Anstoß behalten und euch vor das Angesicht sei-
ner Herrlichkeit unsträflich und mit Freuden stellen
kann, dem Gotte, der allein weise ist, unserem Erlöser,
sei Ehre und Macht, Reichtum und Kraft nun und in
Ewigkeit, Amen. Grüßt euch untereinander mit dem
heiligen Kusse des Friedens.
Lasst diesen Brief alle Freunde hören, denn ich habe
euch aus brüderlicher Liebe geschrieben, und es ist
mir leid, dass ich euch nicht mehr schreiben kann.
Seid dem Herrn alle anbefohlen. Grüßt mir G. S. H. D.
in dem Herrn, denn ich liebe sie von Herzen, und auch
alle Brüder und Schwestern in dem Herrn. Nehmt
diese geringe Ermahnung zum Besten auf, denn ich
bin in meinem Geiste angetrieben worden, euch ein
wenig zu ermahnen.
151
Geschrieben im Gefängnisse von mir, Hieronymus
Segerß.
Ein Brief von Hieronymus Segerß, welchen er an
sein Weib Lysken Dirks geschrieben hat.
Die Gnade und Barmherzigkeit Gottes des Vaters, die
Gütigkeit und Liebe des Sohnes, und die Gemein-
schaft und der Friede des Heiligen Geistes, welcher
uns vom Vater gesandt ist durch den Namen des
Herrn Jesu Christi, zum Trost und zur Freude allen
wahren und getreuen Kindern Gottes, welche uns
auch treibt, lehrt und unterrichtet, bewahre dein Herz,
deinen Verstand und deine Sinne in Christo Jesu, zum
Lobe und Preise des Vaters, zum Heile deiner betrüb-
ten Seele und zur Erbauung aller Brüder und Schwes-
tern, die den Herrn fürchten und denselben Gott lie-
ben, der allein weise ist, welchem Preis, Ehre, Kraft
und Stärke von Ewigkeit zu Ewigkeit sei. Amen.
Mein liebes Weib, ich wünsche dir eine rechte, wahr-
haftige, gottselige Liebe, einen rechten, ungefärbten,
bußfertigen und ungeheuchelten Glauben, welcher
durch die Liebe tätig ist und eine feste Hoffnung und
Vertrauen zu Gott, auch eine unbewegliche Standhaf-
tigkeit in deinem Glauben an Gott den Vater und an
den Herrn Jesum Christum, Ihm befehle ich dich und
dem Worte seiner Gnade. Denn mein liebes Weib Lys-
ken, weil ich mit dir nicht mehr mündlich reden kann,
so habe ich dir mit der Hilfe Gottes aus des Herrn
Wort ein wenig geschrieben, und obgleich wir dem
Leibe nach voneinander geschieden sind, so sind wir
doch im Geiste beisammen, denn ich gedenke dei-
ner Tag und Nacht in meinem Gebete und bitte den
Herrn, dass Er dich mit seinem Geiste der Wahrheit
stärken wolle. Ich weiß sehr wohl, dass es dich noch
viel Streit kosten wird, ehe du erlöst werden wirst;
auch weiß ich wohl, dass du von den listigen Füchsen
und reißenden Wölfen, ja von den Löwen und Dra-
chen, und dem Ottergezüchte sehr versucht werden
wirst, welche deine Seele nicht verschonen, sondern
dieselbe verderben, verschlingen und ermorden wer-
den. Darum sagt Paulus: Sehet zu, dass euch niemand
beraube durch die Philosophie und Schalkheit der
Menschen, womit sie uns Zusehen, um uns zu verfüh-
ren. Ja Christus selbst hat uns vorher gesagt, dass in
den letzten Tagen viele falsche Propheten und falsche
Christen sein werden, und wenn es möglich wäre,
würden auch die Auseiwählten verführt werden; aber
es ist nicht möglich, denn der Herr bewahret sie mit
seinem starken Arme, so dass ihnen die Pforten der
Hölle nicht schaden können. Ja es sagt Paulus, dass in
den letzten Tagen einige vom Glauben abfallen und
den verführerischen Geistern und der Lehre der Teu-
fel anhängen werden, die da verbieten, ehelich zu
werden, und die Speise, die Gott erschaffen hat, zu
gebrauchen; auch sagt er: Lasset euch nicht verfüh-
ren durch eitle Worte, denn darum kommt der Zorn
Gottes über die Kinder des Unglaubens. Ja, es hat uns
auch Christus vor der Lehre der Pharisäer und vor de-
nen gewarnt, welche in Schafskleidern kommen, denn
inwendig sind sie reißend Wölfe; an ihren Früchten
sollt ihr sie erkennen, wie Paulus sagt. Verwundert
euch nicht, dass des Antichristen Diener sich werden
anstellen wie Diener Gottes, denn der Teufel kann
sich auch in einen Engel des Lichts verstellen; also
kommen sie auch in verstellter Heiligkeit, und wer-
den als Lügner erfunden. Darum siehe, mein liebstes
Schaf, wie treulich uns Christus und seine Apostel
vor der falschen und listigen Schlange gewarnt haben,
damit wir uns von der alten Schlange nicht betrügen
lassen sollten, welche der Teufel und Satanas ist, denn
dieselbe sucht nichts anderes, als unsere Seelen in
die ewige Verdammnis zu stürzen, gleichwie Paulus
sagt, dass er um uns herumgehe, wie ein brüllender
Löwe, und suche, wen er verschlinge; diesem wider-
stehet mit einem festen Glauben. Darum bitte ich dich,
mein liebes Weib, aus meines Herzens Grunde, weil
wir vor den falschen Propheten so treulich gewarnt
werden, welche nichts als die Lehre der Teufel haben,
und nichts suchen als die Seelen zu verderben und
zu verschlingen; ja, ich bitte dich noch einmal, du
wollest ihnen kein Gehör geben, und habe auch mit
ihnen nichts zu schaffen; denn Paulus sagt: Habt kei-
ne Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der
Finsternis, sondern bestraft sie vielmehr; ja, Johannes
sagt, dass, wer nicht in der Lehre Christi bleibt, kei-
nen Gott habe; auch sagt Paulus: Wenn auch ein Engel
vom Himmel euch ein anderes Evangelium predigen
würde, als das wir euch gepredigt haben, der sei ver-
flucht. Wenn sie nun keinen Gott haben, und nichts
als eine falsche, ketzerische, verfluchte und teuflische
Lehre, wie sollten sie uns etwas Gutes lehren können?
Darum hat uns Christus samt seinen Aposteln so treu-
lich gewarnt, dass wir uns von den argen Füchsen
und der listigen Weltweisheit und Schalkheit nicht
betrügen lassen sollten; denn es wird bis in Ewigkeit
kein anderer Grund gelegt werden, als der gelegt ist,
nämlich Christus, auf welchen du deinen Bau und
dein Fundament gegründet hast; auch mag kein ande-
res Evangelium gepredigt werden, als was gepredigt
ist, an welches du auch glaubst, gleichwie du denn
um des Zeugnisses des Evangeliums willen in den
Banden liegst.
Darum bitte ich dich, mein liebes Weib Lysken,
durch die Barmherzigkeit Gottes, du wollest das Wort
des Herrn immer vor Augen haben und dich in dei-
152
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
nem Glauben durch die Schalkheit der Menschen,
womit sie dir zusetzen, um dich zu verfuhren, nicht
bewegen lassen, denn ich weiß, dass du noch viele
Versuchungen wirst leiden müssen. Darum, meine
Liebste, siehe nicht auf Menschen, denn der Prophet
sagt: Verflucht ist, wer sich auf Menschen verlässt. Ja,
vor Menschen sich scheuen bringt zu Fall, sagt der
weise Mann. Achte nicht darauf, dass Fleisch und Blut
gepeinigt wird, denn das ist der Sonnenbrand, ja das
sind die Stürme, wodurch das Werk des Herrn geprüft
wird.
Darum bekenne Christum in dieser Zeit, so wird
Er uns auch vor seinem himmlischen Vater bekennen,
denn Er will den dritten Teil durchs Feuer probieren,
wie Gold im Ofen, und was darin übrig bleibet, wird
als lauteres Gold erfunden. Auch hast du teilweise
schon die Probe ausgestanden, in welcher Probe du
standhaft geblieben bist; dem Herrn sei ewig Lob,
Preis und Ehre; der gnädige Herr wolle dich stärken,
dass gleichwie du angefangen, du auch vor Gott und
seiner ganzen Gemeinde als lauteres Gold erfunden
werdest.
Also, meine Liebste! Sei standhaft in der Lehre
Christi, denn jetzt ist der Tag, wovon Christus geredet
hat, dass wir vor Fürsten und Herren geführt werden
sollen. Seinen Namen zu bezeugen, und dass wir von
allen Menschen verworfen werden sollten; wer aber
standhaft bleibt bis an den Tod, soll selig werden. Und
Christus sagt: Haben sie mich verfolgt, so werden sie
euch auch verfolgen, und es wird die Zeit kommen,
dass wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen
Dienst daran. Sehet, sagt der Herr, solches alles ha-
be ich euch vorher gesagt, damit, wenn es geschieht,
ihr daran denket, dass ich es gesagt habe. Denn die-
ses werden sie tun, weil sie weder mich noch meinen
Vater erkannt haben; so siehe nun, mein liebes Weib,
also hat uns Christus vorher gesagt, wie sie mit uns
handeln werden. Darum, meine Liebe! Fürchte dich
nicht, sei auch nicht verzagt, ob du nun schon mit
Daniel in der Löwengrube gefangen liegest, traue auf
den Herrn, er wird dich wohl bewahren, dass du von
ihnen nicht beschädigt werden wirst; Er wird dich aus
ihren Zähnen erlösen, dass sie dich nicht zerreißen
werden; verlasse Ihn nicht, so wird Er dich auch nicht
verlassen, denn Er sagt: Wer euch verachtet, der ver-
achtet mich; wer euch verfolgt, der verfolgt mich; wer
euch antastet, der tastet meinen Augapfel an; wenn
sie nun nicht uns, sondern den Herrn verfolgen, so
streite doch tapfer, als ein frommer Streiter Christi,
streite um den Ehrenkranz, und wie Er bis an den Tod
gestritten hat, so streite auch du, durch Gottes Gnade,
denn wer da kämpft, der wird nicht gekrönt, es sei
denn, dass er gesetzmäßig kämpfe, sagt Paulus.
Darum, meine Liebe! Waffne dich mit dem Harni-
sche Gottes, und schäme dich nicht. Sein Wort vor
den Menschen zu bekennen, sondern gedenke immer
der Worte Christi: Wer mich vor den Menschen be-
kennt, den will ich auch vor meinem himmlischen
Vater bekennen; wer sich aber meiner und meiner
Worte schämt, dessen werde ich mich auch vor mei-
nem himmlischen Vater schämen; denn wer sein Le-
ben sucht zu erhalten, der wird's verlieren; wer aber
sein Leben um des Evangeliums willen verliert, der
wird es finden; wer aber etwas lieber hat als mich, der
ist nicht würdig, mein Jünger zu sein; ja, wer seine
Hand an den Pflug legt und sieht zurück, das ist nicht
tüchtig zum Reiche Gottes, und Paulus sagt: Das ist je
gewisslich wahr, sterben wir mit, so werden wir auch
mit leben; verleugnen wir aber Ihn, so wird Er uns
auch verleugnen.
Darum, meine Vielgeliebte! Verlasse ja den Herrn
nicht; denn wir sind nichts als Staub und Asche, nichts
als ein sterbliches Fleisch, welches zwar in Unehre da-
hinsterben muss, aber mit Ehre wieder auferstehen
wird. Darum sei geduldig in der Trübsal, denn es ist
der rechte Weg, der zum ewigen Leben führt, wel-
chen alle Heiligen Gottes, die Propheten und Apostel,
ja Christus selbst, durchwandelt sind, und alle ha-
ben diesen Kelch trinken müssen. Darum siehe nicht
auf den Tod, sondern durch den Tod, damit nicht
ein anderer dir zuvor komme und dir die Krone neh-
me. So sei nun, Geliebteste, leidsam in deiner Trübsal
und geduldig im Leiden, und warte auf deine Erlö-
sung, gleichwie der Ackermann auf seine Früchte war-
tet. Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet,
denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des
Lebens empfangen, die Gott allen denen verheißen
hat, die Ihn lieb haben. Es sagt ja Christus: Selig ist
der Mensch, der um der Gerechtigkeit willen verfolgt
wird, denn das Himmelreich ist sein. Ja, wir preisen
selig, die erduldet haben, sagt Jakobus. Christus hat
auch für uns gelitten und uns ein Exempel gegeben,
dass wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollten. Da
nun Christus gelitten hat, so waffnet euch auch mit
demselben Sinne; hiermit stimmen auch die Worte
Johannes überein, welcher sagt, dass Christus sein
Leben für uns gelassen habe, darum sollen wir auch
unser Leben für die Brüder lassen.
Darum, sei nicht verzagt, Auserwählte und Gelieb-
te, vor ihren Bedrohungen, sondern lobe und preise
den Herrn hierin, denn Christus sagt: Selig seid ihr,
wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen
um meines Namens willen, seid fröhlich und getrost,
denn es wird euch wohl belohnet werben von meinem
Vater, der im Himmel ist. Meine sehr Geliebte! Solches
ist nicht gesagt, um uns in Traurigkeit zu versetzen.
153
sondern dass wir uns freuen sollen, dass wir würdig
sind, um seines Namens willen zu leiden. Paulus sagt:
Ihr habt keinen knechtischen Geist empfangen, dass
ihr euch abermals fürchten müsst, sondern ihr habt
einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir
rufen: Abba, lieber Vater. Derselbe Geist gibt unserem
Geiste Zeugnis, dass wir Kinder Gottes sind, wenn wir
anders mit leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit
erhoben werden; denn da dieser Zeit Leiden die Herr-
lichkeit nicht wert ist, die an uns offenbar werden soll,
so hat auch kein Auge gesehen und ist in keines Men-
schen Herz gekommen, auch hat es niemals ein Mund
ausgedrückt, als Gott allein, was denen offenbart wer-
den soll, die ihn lieb haben, und sein Wort bewahren.
Und Paulus sagt: Dass es nicht genug sei, dass ihr an
Ihn glaubet, sondern dass ihr um seinetwillen leidet.
Darum, meine Geliebteste! Sei doch eine freiwillige
Braut zum Streite geschickt, denn Er wird dich nicht
über Vermögen versucht werden lassen, sondern be-
wirken, dass die Versuchung in der Weise ein Ende
gewinne, dass du es ertragen kannst. Und ob auch
eine Mutter ihres Kindes vergäße, so will ich doch
dein nicht vergessen, spricht der Herr; Er wird dich
bewahren wie seinen Augapfel. Darum fürchte dich
nicht vor den Menschen, welche wie das Heu verge-
hen, sondern setze mit Josua und Kaleb deine Reise
unverzagt fort nach dem verheißenen Lande, warte
mit Noah auf den Tag des Herrn, denn Christus sagt:
Meine Schafe hören meine Stimme, und sie folgen
mir, aber der Fremden Stimme hören sie nicht, und
niemand wird sie aus seiner Hand reißen, denn es
ist unmöglich, dass die Auserwählten verführt wer-
den, wie Paulus sagt: Wer kann uns von der Liebe
Gottes scheiden? Ja, keine Pein dieser Welt, denn wir
wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum
Besten dienen, indem unsere Trübsal, die zeitlich und
leicht ist, uns eine über alles gewichtige Herrlichkeit
bringt; weil dies nun des Herrn Wille ist, so hoffe ich,
dass auch diese, deine Versuchung dir zum Besten
dienen wird, denn der Herr hat deine Zeit bestimmt,
diese werden wir nicht überschreiten; darum fürch-
te dich nicht, denn Gott ist dein Hauptmann, Er ist
deine Stärke, Er ist dein Führer, verlasse Ihn nicht. Er
wird dich auch nicht verlassen; traue auf Ihn, so wirst
du nicht zu Schanden. Sei getreu bis in den Tod, die
Krone des Lebens ist dir zubereitet; ich will meinen
Leib dem Herrn zum Preise willig aufopfern; ja nicht
allein meinen Leib, sondern auch, wenn jedes Glied,
ja jedes Haar ein Leib wäre, so will ich sie alle durch
die Kraft Gottes zum Preise des Herrn aufopfern, um
seine Verheißungen zu erlangen. Denn welche Liebe
hat uns der Vater erzeigt, dass wir Gottes Kinder hei-
ßen sollen; darum kennt uns die Welt nicht, denn sie
kennt Ihn nicht. Meine Liebste, wir sind nun Gottes
Kinder, und wir wissen, wenn Er offenbar werden
wird, dass wir Ihm gleich sein werden. Ja, Petrus sagt:
Wir werden seiner göttlichen Natur teilhaftig werden
und werden bei Christus sein und mit Ihm alle Ge-
schlechter richten. Ja, wir werden dem Lamme folgen,
wo es hingeht und auf dem Berge Zion das neue Lied
singen. Denn wir wissen gewiss, dass wenn unser ir-
disches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, wir einen
Bau von Gott erbauet haben, der ewig ist im Himmel;
wer wollte dieses faule, stinkende Fleisch, welches
nichts ist als ein Haufen Erde, über diese schöne Ver-
heißungen erheben? Ach, siehe doch, welche schöne
Verheißungen Christus den Seinen gegeben hat, wel-
che bis ans Ende standhaft bleiben, denn es ist kein
anderer Weg zum ewigen Leben, als dieser, in dem
von Anfang her alle gerechten Seelen haben leiden
und also das Reich Gottes haben einnehmen müssen.
Darum, mein geliebtes Weib, weil doch kein anderer
Weg ist, so sei doch eine willige Braut, deinen Bräu-
tigam zu empfangen. Dann wirst du mit Preis und
Ehre gekrönt werden.
Darum, meine Geliebte, habe ich ein wenig geschrie-
ben, womit du dich durch das Wort Gottes ein wenig
stärken kannst, denn Christus sagt: Die Welt wird sich
freuen, ihr aber werdet traurig und betrübt sein, doch
eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden
und niemand wird eure Freude von euch nehmen
können, denn der in uns wirkt, ist stärker, als der in
der Welt ist. Und Johannes sagt, dass unser Glaube
der Sieg sei, der die Welt überwunden habe. Geden-
ket immer an Lots Weib und an den Mann Gottes,
welchen der Löwe getötet, weil er wider den Befehl
Gottes Brot gegessen hat und vom falschen Propheten
betrogen worden ist; also laß dich von den falschen
Propheten nicht verführen, sondern streite mit dem
Propheten David wider den Goliath, so wirst du ihn
als Brot aufzehren; denn das Himmelreich leidet nun
Gewalt, und die ihm Gewalt antun, reißen es zu sich;
denn Josua und Kaleb haben das verheißene Land
mit Gewalt eingenommen, und die nicht standhaft
blieben, konnten nicht hineinkommen.
Darum laß den Mut nicht sinken, obschon du hier
eine kurze Zeit versucht wirst, denn es ist nun sein
Wille. Deshalb nimm nun gutwillig von seiner Hand
an, was Er dir zusendet, denn Paulus sagt: Wir wissen,
dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten
dienen; es will ja Christus seine wunderbare Kraft und
Stärke wider die Drachen und das Otterngeschlecht, ja
wider die reißenden Wölfe an dir offenbaren, welche
täglich Christo widerstehen und wider dich streiten,
um dich zu verderben; aber sei getrost und traue auf
Christum. Er wird dich nicht verlassen, denn Er ist
154
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
deine Stärke; Er sorgt für dich. Er ist dein Beschützer,
durch welchen du alle deine Widersacher überwinden
wirst, denn Er wird dich mit dem Brote des Lebens, ja
mit dem Brote des Verstandes speisen und wird dir
vom Wasser der Weisheit zu trinken geben, und wird
dich in aller deiner Trübsal trösten, und dir einen fes-
ten standhaften Glauben in dein Herz drücken, wel-
chem sie nicht werden widerstehen können. Denn
derjenige, der das gute Werk in dir angefangen hat,
wird es auch durch seine Gnade und Kraft, zu seinem
Preise, bis ans Ende, zu deiner Seele Heil und zur Er-
bauung aller derer, die den Herrn fürchten, ausführen
und vollenden. Derselbe Gott, der dir aus aller Trüb-
sal helfen und dich erlösen, und vor allen Stricken
des Teufels und vor aller falschen Lehre bewahren
kann, dem sei Preis, Ehre, Kraft, Stärke von Ewigkeit
zu Ewigkeit. Amen.
Siehe, mein liebes Weib! Weil ich dir nun weder
mit meinen Tränen, noch mit meinem Blute helfen
kann, so habe ich dir ein wenig geschrieben, um dich
zu trösten und habe dir solches zum Andenken oder
Testamente zugesandt, wobei du meiner immer einge-
denk sein kannst, wie ich dir vorgewandelt sei, denn
ich hoffe, diesen Brief mit meinem Blute zu versiegeln;
dass nämlich solches die lautere Wahrheit sei, dafür
will ich mein Leben lassen, Gott zum Preise und zur
Erbauung aller derer, die den Herrn fürchten, und wie
ich durch die Gnade Gottes dir voranzugehen hoffe,
so bitte ich auch den Herrn, dass Er dich nachfolgen
lassen wolle, wie ich denn auch das Zutrauen zu dir
habe, dass du mir durch des Herrn Gnade so stand-
haft nachfolgen werdest. Auch bitte ich den Herrn,
dass Er die Frucht zu seinem Preise anwachsen lassen
wolle, damit sie auch würdig erfunden werden mö-
ge, um des Namens des Herrn willen zu leiden; also
habe ich die Frucht dem Herrn anbefohlen, welcher
kräftiger ist, euch zu bewahren, als ich. Der Herr wird
euch auch bewahren, wie ich nicht daran zweifle; da-
zu hoffe ich, dass mein Blut dieses Briefes Siegel sein
wird.
Darum befehle ich dich dem Herrn und dem Worte
seiner Gnade, dass Er dich in aller Gerechtigkeit, Hei-
ligkeit und Wahrheit bewahren wolle, und obgleich
wir hier voneinander scheiden müssen, so weiß ich
doch und habe das feste Vertrauen zum Herrn, dass
wir im ewigen Leben beisammen sein werden; darum
will ich willig mein Opfer tun.
Ach, möchte ich für dich leiden, ich wollte gern
mein Fleisch für dich aufopfern. Es tut mir leid, dass
ich dir nicht mehr schreiben kann. Hiermit sei dem
Herrn befohlen, und sei nicht für das Kind besorgt,
denn meine Freunde werden es wohl in Acht nehmen,
ja der Herr wird für dasselbe sorgen. Henrich von
Deventer lässt dich herzlich grüßen im Herrn, und
bittet den Herrn Tag und Nacht für dich, dass du bis
ans Ende standhaft bleiben wollest.
Noch ein Brief des Hieronymus Seeerß an sein
Weib.
Gnade, Friede, herzliche Freude durch die Erkenntnis
Jesu Christi sei mit dir, mein liebes Weib Lysken in
dem Herrn. Ich wünsche dir, mein liebes Weib Lysken,
eine feurige Liebe zu Gott und ein fröhliches Gemüt
in Christo Jesu. Wisse, dass ich deiner Tag und Nacht
in meinem Gebete gedenke, dass ich für dich zu Gott
flehe und seufze, denn ich bin sehr betrübt um deinet-
willen, weil du so lange gefangen sitzen musst, und
ich hätte gewünscht, wenn es des Herrn Wille wäre,
dass du von den Banden befreit worden wärest. Nun
aber hat der Herr ein anderes gewollt, weil Er dich
prüfen und seine Kraft und Stärke gegen alle Wider-
sprecher der Wahrheit an dir offenbaren will. Darum
kann ich wider des Herrn Willen nichts tun, damit
ich Ihn nicht versuche, sondern ich will Ihn vielmehr
loben und Ihm danken, dass Er uns beide gewürdigt
hat, um seines Namens willen zu leiden, denn alle
auserwählten Schafe hat Er hierzu verordnet, indem
er sie aus den Menschen zu Erstlingen Gottes erkauft
hat. Ferner, meine Liebste, ich bin bis auf diese Stunde
sehr fröhlich gewesen, habe den Herrn gelobt und
Ihm gedankt, weil Er uns hierzu tüchtig gemacht; als
ich aber von dir hörte, dass du mehr betrübt seiest,
als dein Mund ausdrücken könnte, so hat mir solches
viele Tränen verursacht und mich in meinem Herzen
sehr betrübt. Auch habe ich verstanden, dass deine
Betrübnis daher entstanden sein sollte, weil du mir oft
gesagt, wir sollten Assuerus verlassen, was ich aber
nicht getan habe; solches hat mich viele Tränen gekos-
tet und ist mir herzlich leid; gleichwohl aber kann ich
nichts gegen des Herrn Willen tun, und wäre es sein
Wille gewesen. Er hätte uns wohl eine Rettung ver-
schafft, aber Er hat uns ein Ziel gesetzt, welches wir
nicht überschreiten können. Weil wir dem Herrn nun
nicht entlaufen können, so laß uns um sein Werk nicht
betrübt sein, sondern vielmehr, wie Christus sagt, uns
freuen und fröhlich sein, denn im Himmel wird es uns
wohl belohnt werden, und wie Petrus sagt: den Herrn
in solchem Falle ehren. Ach, meine Liebe! Solches sagt
er nicht, dass wir uns betrüben sollen; darum sei doch
geduldig in deiner Trübsal und gelassen in deinem
Leiden, denn Paulus sagt, dass denen, die Gott lieben,
alle Dinge zum Besten dienen; deshalb habe ich auch
das Vertrauen im Herrn, dass es dir zum Besten ge-
reichen wird, dass du so lange gefangen sitzen musst.
Darum nimm doch gutwillig von seiner Hand an, was
155
Er dir zusendet, denn Er lässt niemanden über seine
Kräfte versucht werden. Deshalb sei ein Mitgenosse
des Leidens Christi, denn alle, welche ohne Züchti-
gung sind, sind Hurenkinder und keine Kinder. So
sagt auch Jakobus: Selig ist der Mann, der die Anfech-
tung erträgt, denn nachdem er bewährt ist, wird er
die Krone des Lebens empfangen, welche der Herr
denen verheißen hat, die Ihn lieb haben.
Deshalb sei doch Christi Nachfolgerin, und nimm
dein Kreuz in Geduld und mit Freuden auf und folge
ihm getrost nach, denn Er hat um unseres Heils wil-
len so viel erlitten; darum laß uns auch Ihm zu Ehre
leiden, denn es ist jetzt unsere Stunde. Laß uns um die
Krone des Lebens, welche uns zubereitet ist, freudig
streiten.
So bitte ich dich nun, meine Liebe, du wollest doch
deine Betrübnis fahren lassen, denn der Herr wird
dich wie seinen Augapfel bewahren, und ob auch ei-
ne Mutter ihres Kindes vergäße, so will ich doch dein
nicht vergessen, spricht der Herr. Ja, meine Schafe hö-
ren meine Stimme, sagt der Herr, und sie folgen mir
nach, und niemand wird sie aus meiner Hand neh-
men. Darum, Geliebteste, sei doch immer zufrieden,
und vertraue auf den Herrn; Er wird dich nicht verlas-
sen. Auch habe ich von meiner Schwester vernommen,
dass deine Betrübnis zum Teile deshalb entstanden
sei, weil du dich nicht verträglich genug gegen mich
bezeugt hast. Siehe, mein liebes Schaf, du bist nicht
widerspenstig gewesen; wir haben nicht anders mit-
einander gelebt, als es unsere Schuldigkeit erfordert;
warum wolltest du dem betrübt sein? Sei nur zufrie-
den, denn solches wird uns Christus nicht zurechnen,
weil Er ja unserer Sünden nicht gedenken will; ich
danke dem Herrn, dass du in deinem Umgänge mit
mir so demütig gewesen bist; ich wollte wohl ein Jahr
lang bei Wasser und Brot für dich sitzen, und auch
zehnmal des Todes sterben, wenn du damit befreit
werden könntest. Ach, könnte ich dir mit meinen Trä-
nen und mit meinem Blute helfen, wie gern wollte ich
für dich leiden, aber mein Leben kann dir nicht helfen.
Darum sei doch zufrieden; ich will den Herrn noch
mehr für dich bitten; ich habe auch diesen Brief mit
Tränen geschrieben, weil ich hörte, dass du so betrübt
seiest, und bitte dich, du wollest mir schreiben, wie es
um dich stehe. Hiermit befehle ich dich dem Herrn.
Ein Brief der Lysken, Hieronymus Hausfrau,
welchen sie im Gefängnisse zu Antwerpen im
Jahre 1551 an ihn geschrieben hat.
Gnade und Frieden widerfahre uns beiden von Gott
dem Vater; die Liebe des Sohnes und die Gemein-
schaft des Heiligen Geistes sei mit uns zu unserer
Seelen Stärke, Trost, Freude und Seligkeit.
Mein geliebter Mann in dem Herrn! Wisse, dass
mir im Anfänge die Zeit sehr lang gefallen ist, weil
ich nicht gewohnt war, gefangen zu sitzen, auch
sonst nichts hörte, als dass ich versucht wurde, vom
Herrn abzufallen. Sie sagten, warum ich mich mit der
Schrift bemühen wollte; ich solle meine Naht nähen.
Es scheint, sagten sie, dass du den Aposteln nachfol-
gen willst; wo sind die Zeichen, die du tust? Sie haben
alle Sprachen geredet, als sie den Heiligen Geist emp-
fangen hatten, und sagten: Wo ist deine Sprache, die
du vom Heiligen Geist empfangen hast? Aber es ist
genug, dass wir durch ihre Worte gläubig geworden
sind, wovon Christus spricht, wie Johannes berichtet:
Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für dieje-
nigen, die durch ihr Wort an mich glauben werden.
Hiermit befehle ich dich dem Herrn; die Gnade Gottes
sei stets mit uns.
Dank sei Gott dem Vater, der solche Liebe zu uns
gehabt und an uns erwiesen hat, dass Er seinen lieben
Sohn für uns dahingegeben hat; derselbe wolle uns
solche Liebe, solche Freude, solche Weisheit und solch
ein standhaftes Gemüt durch Christum und durch die
Kraft des Heiligen Geistes verleihen, dass wir wider
alle reißenden Tiere, wider Drachen und Schlangen,
und wider alle Pforten der Hölle stehen mögen, die
nun sehr listig sind, unsere Seelen zu fangen, zu betrü-
gen, zu verderben und zu verführen. Deshalb sollen
wir den Herrn Tag und Nacht ohne Aufhören demü-
tig bitten; denn der uns zu verschlingen sucht, geht
um uns her und sucht, welchen er verschlinge, indem
uns nicht bekannt ist, was er im Sinne hat. Aber ob-
schon sie sehr listig sind, so ist doch des Herrn Hand
nicht zu kurz bei denen, die Ihn lieb haben und sei-
nen Willen tim, denn die Augen des Herrn sehen auf
diejenigen, die Ihn lieben, und seine Ohren hören auf
ihr Schreien, aber das Angesicht des Herrn steht über
denen, die Böses tun. Darum soll sich auch ein jeder
wohl vorsehen, dass des Herrn Angesicht nicht über
ihm stehe, denn eines jeden Menschen Seele, welcher
sündigt, soll des Todes sterben, wenn er sich nicht
bessert, ehe der Herr kommt. Wir sind aber nicht ge-
wiss, wann der Herr kommen wird, denn Er wird
kommen wie ein Dieb in der Nacht. Darum soll ei-
ner für den andern bitten, dass unsere Flucht nicht
am Sabbat geschehe, wenn wir müßig, noch im Win-
ter, wenn unsere Bäume ohne Frucht sind, denn ein
jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird ab-
gehauen und ins Feuer geworfen; den aber, der gute
Früchte bringt, wird Er reinigen, damit er reichliche
Früchte hervorbringe. Auch ist uns durch des Herrn
Wort verkündigt, dass, wenn wir mutwillig sündigen,
wir ferner kein Opfer mehr für die Sünde haben, son-
156
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dern ein schreckliches Warten des Gerichtes und des
Feuereifers, der die Widerwärtigen verzehren wird.
Das Gesetz Moses hatte solche Kraft, dass, wer sol-
ches übertrat, ohne Gnade des Todes sterben musste,
durch zwei oder drei Zeugen; wie vielmehr wird der
gestraft werden, welcher den Sohn Gottes mit Füßen
tritt. Ferner sagt auch der Heilige Geist: Wenn wir
mit leiden, so werden wir auch mit herrschen; sterben
wir mit, so werden wir auch mit leben; verleugnen
wir ihn, so wird Er uns auch verleugnen; glauben
wir nicht, so bleibt Er doch getreu, denn Er kann sich
selbst nicht verleugnen, noch versagen. Da wir nun
eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, so
lasst uns alles ablegen, was uns beschwert, und die
Sünde, die uns träge macht, und lasst uns durch Ge-
duld in dem Kampfe laufen, der uns verordnet ist
und zu dem Vollender aufsehen, welcher, da Ihm die
Freude vorgelegt wurde, das Kreuz erduldete und
der Schande nicht achtete, auch nicht drohte, als er
für unsere Sünde, zu unserer Seelen Heil, litt. Also
auch wir, mein Liebster in dem Herrn, dem Herrn
zum Preise und zum Tröste aller lieben Freunde. Ich
wünsche uns beiden den gekreuzigten Christum zur
ewigen Freude und Stärke. Ich habe das Vertrauen zu
dem Herrn, der allein weise ist, und seine Weisheit
allein den Einfältigen, Unschuldigen und in dieser
Welt Verstoßenen mitteilt, dass Er uns trösten werde,
bis unsere Geburt geschehen ist.
Mein lieber Mann in dem Herrn, mit welchem ich
mich vor Gott und seiner Gemeinde verehelicht habe,
wovon sie sagen, dass ich mit dir im Ehebruch gelebt
hätte, weil unsere Ehe in dem Baal nicht befestigt
worden ist; aber der Herr sagt: Freuet euch, wenn alle
Menschen Übles von euch reden um meines Namens
willen; freuet euch alsdann und seid fröhlich, denn es
wird euch im Himmel wohl belohnt werden.
Wisse, dass ich sehr geweint habe, weil du um mei-
netwillen betrübt warst, indem du vernommen hast,
dass ich oft zu dir gesagt habe, wir sollten von As-
suerus fortziehen, und du gleichwohl solches nicht
getan hast; sei hierin zufrieden, mein Liebster in dem
Herrn; hätte solches dem Herrn nicht wohl gefallen,
es wäre nicht so geschehen; des Herrn Wille soll zu
unserer beiden Seelen Seligkeit geschehen; denn Er
lässt uns nicht über unser Vermögen versucht werden.
Darum sei getrost, mein Liebster in dem Herrn, und
freue dich in dem Herrn, wie du zuvor getan hast;
lobe Ihn und danke Ihm, dass Er uns dazu ersehen
hat, dass wir um seines Namens willen so lange in
Banden liegen sollten und dessen würdig geachtet
sind; Er weiß, was Er hierin zuvor verordnet hat. Und
obschon die Kinder Israel lange in der Wüste lagen,
so wären sie doch mit Josua und Kaleb in das Land
der Verheißung gekommen, wenn sie der Stimme des
Herrn gehorsam gewesen wären. Also sind wir nun
auch hier in der Wüste unter den reißenden Tieren,
welche ihre Netze täglich stellen, um uns zu fangen;
der Herr aber ist stark, der die seinen nicht verlässt,
die auf ihn trauen, bewahrt Er vor allem Übel, ja wie
seinen Augapfel; darum sollen wir uns in Ihm zufrie-
den geben und unser Kreuz mit Freuden und Geduld
auf uns nehmen, und mit festem Vertrauen auf die
Verheißungen warten, welche Er uns gegeben hat und
an welchen nicht zu zweifeln ist, indem derjenige, der
uns diese Verheißungen gegeben hat, sagt, dass wir
auf dem Berge Zion gekrönt werden und, mit Palmen
geziert, dem Lamme nachfolgen sollen. Ich bitte dich,
mein Lieber im Herrn, sei getrost im Herrn, nebst al-
len lieben Freunden, und bitte den Herrn für mich,
Amen.
Ein Brief des Hieronymus Segerß an sein Weib.
Gnade und Frieden sei mit dir von Gott, dem Vater,
die Barmherzigkeit und Liebe des Sohnes und die
Kraft und Gemeinschaft des Heiligen Geistes stärke
deinen Glauben, dein Herz, deine Sinne und deinen
Verstand in Christo Jesu, Amen. Dies wünsche ich
meinem geliebten Weibe, die ich vor Gott und seiner
heiligen Gemeinde geehelicht habe, gleichwie Abra-
ham Sarah, Isaak Rebecca und Tobias seines Vetters
Tochter zum Weibe genommen hat, so habe ich dich
zum Weibe genommen, nach der Lehre und dem Be-
fehle des Wortes Gottes, und nicht, wie diese arge
blinde Welt; darum lobe ich den Herrn und danke
Ihm Tag und Nacht, weil Er uns so lange erhalten
hat, bis wir miteinander bekannt worden sind und
die Erkenntnis der Wahrheit erlangt haben. Sie sagen,
dass unser Verhältnis Ehebruch gewesen sei, weil wir
dasselbe nicht, wie das ehebrecherische Geschlecht,
auf eine abgöttische, fleischliche, eitle, hoffärtige und
wollüstige Weise haben bestätigen lassen, was vor
Gottes Augen nichts als ein Gräuel ist. Darum lügen
sie über uns, gleichwie sie auch über Christum gelo-
gen haben. Und wenn sie auch sagen: Du sollst dich
an das Nähen halten, so hindert uns solches nicht,
denn Christus hat uns alle berufen und uns die Schrift
zu durchforschen befohlen, denn sie zeugt von Ihm;
auch sagt Christus ferner, dass Magdalena das beste
Teil erwählt habe, weil sie in der Schrift forsche.
Und ferner, meine Geliebte, wenn sie dich auch
fragen wollten, wo deine Zeichen und Sprachen wä-
ren, solches schadet dir nichts, denn die Gläubigen,
welche Petrus und Johannes tauften, redeten nicht
mit Zungen, sondern es war ihnen genug, dass sie an
Christum glaubten. Auch hat Stephanus, welcher des
157
Heiligen Geistes voll war, nicht mit Zungen geredet,
gleichwie auch die Bischöfe und Lehrer, die mit Pau-
lus waren, weder Wunder getan, noch mit Sprachen
geredet und gleichwohl das Wort Gottes unsträflich
gelehrt haben. Und so sagt auch Paulus, dass der Hei-
lige Geist in den Gemeinden seine Gaben mitteilt; die-
ser hat die Gaben gesund zu machen, ein anderer zu
weissagen, ein anderer mit vielen Sprachen zu reden,
ein anderer Wunder zu tun, ein anderer zu ermahnen,
ein anderer Barmherzigkeit zu erweisen, ein ande-
rer standhaft zu glauben, und dieses wirkt alles der
Heilige Geist, durch welchen einer dem andern zu sei-
ner Selbstbesserung Handreichung tut und also zum
heiligen Tempel aufwächst; darum wandle ein jeder,
wie er berufen ist. Ferner ist uns genug, dass Christus
nicht nur für seine Jünger, sondern auch für diejeni-
gen gebetet hat, die durch ihr Wort an Ihn glauben
würden.
Siehe, mein geliebtes Weib in dem Herrn, wie gern
die reißenden Wölfe die einfältigen Seelen mit ihren
Lügen und ihrer Arglist ermorden wollen, womit sie
auch uns zusetzen, um uns zu verführen und auch
deine Seele in den ewigen Tod zu stürzen suchen;
darum hüte dich vor ihnen und gib ihnen kein Gehör,
weil sie sehr listig sind, sondern tue, wie Christus
sagt: Meine Schafe hören meine Stimme, die fremde
Stimme hören sie nicht; darum wird sie auch niemand
aus seiner Hand nehmen.
Siehe, meine Geliebte, wie uns Christus vor dieser
Zeit gewarnt habe; darum laß uns vorsichtig sein, da-
mit wir nicht durch die listige Schlange betrogen wer-
den. Und wisse, dass ich auch einmal vor den Herren
gewesen bin, als ich dir zurief und dass ich damals so
geredet habe, dass sie mich zufrieden gelassen haben,
und wiewohl sie die andern noch zweimal vorgefor-
dert, so haben sie mich doch in Ruhe gelassen; auch
habe ich einmal mit den Pfaffen von der Sendung ge-
handelt und sie mit des Herrn Wort dergestalt bestraft,
dass sie aus Erbitterung mit ihren Fäusten auf den
Tisch schlugen und nichts zu sagen wussten, denn sie
sagten nur, Petrus sei Papst gewesen und St. Andre-
as habe die erste Messe gehalten. Hierauf antwortete
ich ihnen, dass sie es mit der Wahrheit nicht dartun
könnten; ich sagte ihnen auch, dass sie Irrgeister wä-
ren und die Lehre der Teufel hätten, worauf sie mich
verließen.
Ferner lasse ich dich wissen, mein geliebtes Weib
in dem Herrn, es tut mir leid, dass du geweint hast,
denn als ich hörte, dass du betrübt wärest, so habe
ich den Herrn Tag und Nacht desto brünstiger für
dich gebeten und bin versichert, dass Er dich wie
seinen Augapfel bewahren wird; ich lobe den Herrn
allezeit, weil Er uns beide würdig gemacht hat, um
seines Namens willen zu leiden, worüber ich mich
sehr freue.
Als ich deinen Brief las und hörte, wie es mit dir
stand, und dass du mir den gekreuzigten Christum
zu einem Gruße wünschest, so hüpfte mein Herz und
mein Geist vor Freude auf, so dass ich den Brief nicht
auslesen konnte, sondern ich musste meine Knie vor
dem Herrn beugen. Ihm danken und Ihn für seine
Kraft, seinen Trost und seine Freude loben, obgleich
ich auch um unserer Brüder und um deinetwillen be-
trübt bin, weil ihr so lange sitzen müsst. Ich habe dich
und unser Kind des Herrn Händen anbefohlen, denn
ich traue Ihm solches zu, und zweifle nicht daran,
dass Er dir dieselbe Freude geben werde, welche Er
mir gegeben hat, und dich bis ans Ende bewahren
werde. Ich freue mich und bin so fröhlich in seinen
Verheißungen, welche Er denen gegeben hat, die bis
ans Ende standhaft bleiben. Ich bin so voller Freude,
Trost und Fröhlichkeit, als ich jemals gewesen bin; ja,
ich habe solche Freude, dass ich's nicht sagen oder
schreiben kann, ich hätte auch nicht gedacht, dass ein
Mensch solche Freude im Gefängnisse haben könnte,
denn ich kann Tag und Nacht vor Freude kaum schla-
fen, kann auch dem Herrn nicht genug danken und
Ihn loben, denn es kommt mir vor, als wäre ich hier
noch keinen Tag gewesen. Ach möchte ich mein Herz
in Stücke brechen und es dir und unsern Brüdern ge-
ben. Ach, ich wollte, dass ich ihnen mit meinem Blute
helfen könnte, ich wollte gern für sie leiden.
Ach, meine Geliebte in dem Herrn! Nun erfahre ich,
wie kräftig, nachdrücklich und väterlich Er diejeni-
gen bewahrt, die Ihm trauen und nichts als seine Ehre
suchen; ja welche Stärke, welchen Trost und welche
Freude Er ihnen gibt, wie abscheulich Er aber diejeni-
gen fallen lässt, die Ihn verlassen und verleugnen und
sich auf Menschen verlassen, sodass sie ein nagendes
Gewissen, ein betrübtes Herz und grausamen Schre-
cken bekommen und nichts erwarten, als die ewige
Verdammnis, des Feuers Pein und das erschreckliche
Wort: Gehet hin, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer,
denn das Angesicht des Herrn sieht auf die, die da
Böses tun. Darum siehe, mein geliebtes Weib in dem
Herrn, laß uns auf den Vollender Jesum sehen, wie
Er uns um unsers Heils willen bis in den Tod vorge-
wandelt ist; denn siehe, die Krone des Lebens ist uns
bereitet; wir werden mit Ihm auf seinem Throne sit-
zen; wir werden mit weißen Kleidern angetan werden.
Hiermit befehle ich dir den gekreuzigten Christum
zum Tröste und zur Freude, dass Er dich bewahren,
dich mit seinem göttlichen Worte sättigen und mit
dem Brote des Lebens und mit dem Brote des Verstan-
des speisen und dir aus dem Brunnen des Lebens das
Wasser der Weisheit und die unverfälschte Milch zu
158
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
trinken geben wolle. Derselbe bewahre deine Seele
zur Seligkeit, Amen.
Ein Brief von Lysken, des Hieronymus Weib.
Die Gnade, der Friede, die Freude und Liebe, die
Christus seinen Jüngern hinterlassen hat, ist es, um
welche ich aus eifrigem Herzen bitte, dass Er uns sol-
che Liebe und solch ein standhaftes Gemüt mitteilen
wolle, dass wir tüchtig erfunden werden mögen, der
schönen Verheißung teilhaftig zu werden, die Er uns
gegeben hat, wenn wir anders bis ans Ende standhaft
bleiben. Demselben Christo sei Preis und Ehre von
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Ich kann dem Herrn
nicht genug für seine große Gnade, grundlose Barm-
herzigkeit und die große Liebe danken und loben,
welche Er an uns erwiesen hat, dass wir seine Söhne
und Töchter sein sollen, wenn wir überwinden, gleich-
wie Er überwunden hat. Ach, wir mögen wohl mit
Recht sagen, dass der wahre Glaube sich nach dem
richtet, das nicht erscheint; der, welcher durch die
Liebe wirkt, wird uns auch zur Herrlichkeit bringen,
wenn wir anders mit Ihm leiden. Lasset uns darauf
merken, liebe Freunde in dem Herrn, welche große
Liebe die Weltmenschen, einer gegen den andern, ha-
ben. Es sind, wie man sagen hört, solche auf dem Stein
gefangen, die sich freuen, wenn sie nach der Folter
gebracht werden, weil sie daselbst denjenigen desto
näher sein können, die sie lieben und zu welchen sie
doch nicht persönlich gelangen können. Höret doch,
meine geliebten Brüder und Schwestern in dem Herrn:
Hat die Welt solche Liebe, ach, welche Liebe sollten
wir denn nicht haben, die wir auf solche schöne Ver-
heißungen hoffen? Es steht mir noch ein schönes Bild
vor Augen von einer Braut, die sich schmückt, um ih-
rem Bräutigam von dieser Welt zu gefallen. Ach, wie
sollten wir uns denn nicht schmücken, um unserem
Bräutigam zu gefallen? Ach, möchten wir so ausgerüs-
tet sein, wie die fünf klugen Jungfrauen ausgerüstet
waren, mit Öl in ihren Lampen, um unserem Bräu-
tigam entgegen zu gehen, und dass wir auch seine
süße Stimme hören mochten: Kommt, ihr Gesegneten,
ererbet das Reich meines Vaters. Ich bitte den Herrn
Tag und Nacht, dass Er uns solche brünstige Liebe
geben wolle, dass wir auch der Pein nicht achten, die
sie uns antun, ja dass wir mit dem Propheten David
sagen mögen: Ich fürchte mich nicht, was können mir
Menschen tun. Und diese unsere Pein, welche leicht
und zeitlich ist, ist nicht mit der Herrlichkeit, die an
uns offenbart werden soll, zu vergleichen. Deshalb,
da es des Herrn Wille ist, dass ich mit Daniel so lange
in der Löwengrübe liege und brüllende und reißende
Wölfe und Löwen, wie auch die alte Schlange erwar-
ten soll, die von Anfang her gewesen ist und auch
bis ans Ende sein wird, so bitte ich alle lieben Brü-
der und Schwestern, dass sie in ihrem Gebete meiner
eingedenk sein wollen; solches will ich auch wieder
nach meinem Vermögen tun. Ach, meine lieben Freun-
de, wie kann ich meinem himmlischen Vater genug
danken, dass Er mich armes Schaf tüchtig gemacht
hat, um seines Namens willen so lange in Banden zu
liegen; ich bitte den Herrn Tag und Nacht, dass diese
meine Prüfung zu meiner Seele Heil, zum Preise des
Herrn und zur Auferbauung meiner lieben Brüder
und Schwestern gereichen möge, Amen.
Nicolaus auf der Buckerei hat zwei Pfaffen zu mir
hierher gebracht, um mich zu unterrichten, welchen
ich durch des Herrn Gnade antwortete. Sie sagten
zu mir, es täte ihnen sehr leid, dass ich dieser Leh-
re zugefallen wäre, denn sie konnten daraus keinen
Glauben machen, sondern nur eine Meinung, weil wir
das nicht beobachten, was die christliche Gemeinde
oder Kirche gebiete; ich aber antwortete ihnen: Wir
begehren sonst nichts zu tim oder zu glauben, als was
uns die Kirche Christi gebietet; aber mit dem Baal oder
andern Tempeln wollen wir nichts zu tun haben, weil
sie mit Händen gemacht sind nach der Menschen Ge-
bote und Lehren, und nicht nach Christo. Stephanus
sagt, dass der Allerhöchste nicht in Tempeln wohne,
die mit Händen gemacht sind, denn er sagte, er sehe
den Himmel offen, und Christus zur rechten Hand sei-
nes allmächtigen Vaters sitzen. Und Paulus sagt, dass
wir der Tempel des lebendigen Gottes seien; wenn
wir anders seinen Willen tun, so will Er in uns woh-
nen und wandeln. Sie sagten, dass sie gesandt wären,
und diejenigen seien, welche auf Moses Stuhl sitzen;
hierauf antwortete ich ihnen, dass sie also die Wehen
angingen, von welchen geschrieben stände, Mt 23.
Sie fragten mich, ob ich sagen wollte, dass derjenige,
der mir diese Dinge gelehrt hätte von Gott gesandt
worden sei, worauf ich antwortete: Ja, ich weiß dies
gewiss, dass derselbe von Gott gesandt war. Hierauf
fragten sie mich, ob ich wohl wüsste, wie ein Leh-
rer sein müsste? Ich antwortete: Ein Lehrer soll eines
Weibes Mann sein, unsträflich, der gehorsame Kinder
hat, kein Trunkenbold, Weinsäufer oder Hurenjäger
ist; hierauf entgegneten sie: Tun wir Böses, so wird
es auf unsere Kappe triefen; der Herr ist barmherzig.
Da fragte ich, ob sie auf die Barmherzigkeit Gottes
sündigen wollten und fügte hinzu, dass es geschrie-
ben stände, dass wir nicht Sünde mit Sünde häufen
und nicht sagen sollten: Der Herr ist barmherzig. Wir
haben mehr geredet, welches zu weitläufig wird zu
beschreiben. Ich sagte ihnen unter anderem, dass sie
diejenigen seien, die allezeit lernten, und doch nicht
zur rechten Erkenntnis der Wahrheit kommen könn-
159
ten. Da sagten sie, Christus habe zu seinen Aposteln
gesprochen: Euch ist es gegeben zu verstehen, den
andern aber in Gleichnissen; ich entgegnete: Die es
nun recht verstehen, denen ist es auch gegeben. Zu-
letzt zeichneten sie sich sehr mit dem Kreuze und
sagten, ich sollte es wohl innewerden, wenn ich vor
Gericht stehen würde. Das soll wahr sein, sagte ich,
wir werden dort zu Richtern gesetzt werden, um das
ungehorsame und ehebrecherische Geschlecht zu rich-
ten. Hiermit gingen sie davon. Auch sagte ich ihnen,
sie seien vom Satan gekommen, meine Seele zu er-
morden und zu töten.
Noch einmal wünsche ich meinem lieben Manne
in dem Herrn und mir den gekreuzigten Jesu zur un-
vergänglichen Freude, und eine unvergängliche Liebe
bis in Ewigkeit, Amen.
Wisse, mein lieber Mann in dem Herrn, als ich las,
dass du so sehr erfreut bist in dem Herrn, konnte ich
den Brief nicht auslesen, sondern musste den Herrn
bitten, dass Er mir solche Freude auch verleihen und
mich bis an das Ende erhalten wolle, damit wir unser
Opfer, zur Verherrlichung unseres Vaters, der im Him-
mel ist, und zur Erbauung aller lieben Brüder und
Schwestern mit Freuden erfüllen mögen. Hiermit will
ich dich dem Herrn und dem Worte seiner Gnade an-
befehlen. Wisse, dass ich dir für deinen Brief, welchen
du an mich geschrieben hast, sehr dankbar bin. Die
Gnade des Herrn sei allezeit mit uns.
Noch ein Brief von Lysken an ihren Mann
geschrieben.
Die unbegrenzte Gnade Gottes sei allezeit mit uns bei-
den, die Liebe des Sohnes mit seiner unergründlichen
Barmherzigkeit, und die Freude des Heiligen Geistes
sei mit uns bis in Ewigkeit, Amen. Demselben, wel-
cher uns von den Toten wiedergeboren hat, sei Preis
von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Ich wünsche uns beiden den gekreuzigten Jesum
zum Beschützer und Erhalter unserer Seelen; dersel-
be wolle uns in aller Gerechtigkeit, Heiligkeit und
Wahrheit bis ans Ende bewahren.
Er wird uns auch als seine Söhne und Töchter, ja
als seinen Augapfel bewahren; wenn wir anders das
angefangene Wesen bis ans Ende festbehalten. Darum
laß uns Ihm vertrauen, so wird Er uns in Ewigkeit
nicht verlassen, sondern uns bewahren, wie Er den
Seinen von Anfang der Welt her getan hat, und wird
uns keine andere Versuchung überfallen lassen, als
die menschlich ist.
Der Herr ist getreu, sagt Paulus, der wird uns nicht
über unser Vermögen versucht werden lassen. Dank
sei Gott, dem Vater unseres Herrn Jesu Christi, der
uns tüchtig gemacht hat, um seines Namens willen
ein kurzes und geringes Leiden zu ertragen, durch
die schönen Verheißungen, die Er uns nebst allen, die
in seiner Lehre standhaft bleiben, gegeben hat; wir
werden hier ein wenig gestäupt, aber viel Gutes wird
uns widerfahren.
Mein herzlich geliebter Mann im Herrn, du hast
zum Teil schon eine Versuchung ausgestanden, in
welcher Versuchung du standhaft geblieben bist; dem
Herrn sei ewig Lob und Preis für seine große Gna-
de. Ich bitte den Herrn darum mit Weinen, dass Er
mich auch tüchtig machen wolle, um seines Namens
willen zu leiden, denn alle auserwählten Schafe hat
Er hierzu ersehen, indem Er sie aus den Menschen
zu Erstlingen Gottes erkauft hat. Ja, wir wissen, wie
Paulus sagt, dass, wenn wir mit leiden, wir auch mit
herrschen werden; sterben wir aber mit, so werden
wir auch mit leben. Darum laß uns die Züchtigung
des Herrn nicht verachten, denn diejenigen, die Er
lieb hat, züchtigt Er, und stäupt einen jeden Sohn, den
er aufnimmt, wie Paulus meldet. Hiermit will ich dich
dem Herrn anbefehlen und dem Worte seiner Gna-
de und Herrlichkeit, wodurch Er uns verherrlichen
wird, wenn wir anders dabei ans Ende verharren. Die
Gnade des Herrn sei mit uns.
Ein Brief von Hieronymus Segerß an sein Weib
geschrieben.
Die Gnade, die Freude, der Friede von Gott dem Va-
ter, die Barmherzigkeit und Liebe des Sohnes, unseres
Herrn Jesu Christi, und die Gemeinschaft und der
Trost des Heiligen Geistes wolle uns trösten, stärken
und kräftig machen, und wolle uns beide in aller Ge-
rechtigkeit und Heiligkeit bis ans Ende erhalten. Dem-
selben sei Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Ich wünsche meinem auserwählten Weibe in dem
Herrn und mir die ewige Freude und das unvergäng-
liche, unverderbliche Leben, und gönne uns beiden,
dass wir bei seinem göttlichen Worte und seiner ewi-
gen Wahrheit bis ans Ende unveränderlich bleiben
möchten, welches Er auch tun wird, denn Er hat es
uns verheißen, wenn wir anders in demjenigen treu
bleiben, was Er uns gegeben hat, und auch Ihm zum
Preise, dafür streiten wollen, gleichwie Er auch um
unser Heil gestritten hat, und seinem Vater bis zum
Tode gehorsam gewesen ist. Wenn wir nun auch bis
zum Tode getreu bleiben, so werden wir die Krone des
Lebens empfangen und mit ihm das ewige Leben be-
sitzen. Dann wird Er uns in Ewigkeit nicht verlassen,
indem der Herr nicht wider sein Wort handeln kann
oder mag, weil sein Wort in Ewigkeit nicht vergehen
wird. Daneben hat Er uns auch so treulich verheißen.
160
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dass er uns bewahren wolle, wenn wir Ihn nicht ver-
lassen, dass uns niemand aus seiner Hand reißen wird.
Er wird uns wie seinen Augapfel, ja wie seine Söhne
und Töchter bewahren. Denn siehe, meine Geliebte,
wie treulich Er diejenigen bewahrt, die Ihm getreulich
gedient haben, gleichwie Noah in der Arche bewahrt
worden und Lot aus Sodom geführt wurde, und Jakob
vor seinem Bruder Esau erhalten ward, wiewohl er
ihn zu töten suchte, auch Joseph vor seinen Brüdern,
den Söhnen Jakobs, und Josua und Kaleb, welche in
das Land der Verheißung eingegangen sind vor allen
Heiden, und David vor dem Goliath, und die Susanna
vor den falschen Zeugen, und Daniel vor den Löwen,
und noch mehrere andere, welche zu beschreiben zu
viel Zeiten kosten würde.
Aber hieran können wir merken, wie treulich Er
diejenigen bewahrt, welche Ihn von Herzen lieben
und fürchten, ja wie schändlich auch diejenigen fallen,
die ihn verlassen; wie wir von Anfang der Welt her
sehen mögen, dass dieselben um ihrer Bosheit wil-
len zu Grunde gegangen sind, wie Lots Weib gestraft
worden sei und Esau seine Erstgeburt nicht wieder
habe erlangen können, und wie das ganze Israel in
der Wüste vergangen sei. Siehe, mein geliebtes Weib,
solches hat der Herr zugelassen, nicht allein um derer
willen, die gesündigt haben, sondern auch um unse-
retwillen, damit wir sehen möchten, wie Christus mit
den Gerechten sei und sie bewahre, und dass wir er-
kennen möchten, wie Er die Gottlosen verlässt und zu
Grunde richtet; denn Paulus sagt: Alles, was geschrie-
ben ist, ist zu unserer Lehre geschrieben. Darum laß
uns Fleiß anlegen, dass wir den Herrn von unseres
Herzens Grunde suchen, fürchten und lieben. Ihm
treulich dienen, und Ihn nicht verlassen, denn Chris-
tus sagt: Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und
wer nicht mit mir sammelt, der zerstreuet; gleichwie
wir täglich vor unsern Augen sehen, wie kräftig Er
denen beistehe, die sich auf Ihn verlassen, und wie
bald die zu Falle gekommen seien, die Christum ver-
lassen und ihr Vertrauen auf Menschen gesetzt haben.
Darum, mein geliebtes Weib in dem Herrn, laß uns
dem allmächtigen Herrn vertrauen, und allezeit auf
den Herzog des Glaubens und Vollender, Jesum, se-
hen; laß uns allezeit den gekreuzigten Christum vor
Augen haben und Ihm treulich nachfolgen, gleichwie
Er uns vorgegangen ist; auch unser Kreuz mit Geduld
auf uns nehmen und allezeit an die Worte Christi den-
ken, wo Er spricht, dass sie uns töten werden und
dabei meinen, sie tun Ihm einen Dienst damit; geden-
ke, dass solches uns vorhergesagt ist, damit, wenn es
geschieht, wir uns daran nicht ärgern sollen, denn der
Knecht ist nicht mehr als sein Herr. Und dieses wer-
den sie euch tun, weil sie weder mich, noch meinen
Vater erkannt haben.
Denn das Wort vom Kreuz Christi dünkt denjeni-
gen, die verloren gehen, eine Torheit und Narrheit zu
sein, uns aber ist es eine Kraft Gottes. Darum lasst uns
stets an das Wort des Herrn halten, wovon Christus
spricht: Wer mich vor den Menschen bekennt, den
will ich auch vor meinem himmlischen Vater beken-
nen; wer mich vor den Menschen verleugnet, den will
ich auch vor meinem himmlischen Vater und vor sei-
nen heiligen Engeln verleugnen. Laß uns doch unser
ganzes Vertrauen ans Ihn setzen, so wird Er uns nicht
verlassen, denn Er verlässt die Seinen nicht, sondern
hat seinen himmlischen Vater gebeten, dass Er wolle,
dass, wo Er sei, auch wir mit Ihm sein sollten. Darum
laß die Welt nur verketzern, Wiedertäufern, verdam-
men, denn Paulus sagt: Wer will die Auserwählten
Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht,
wer will uns verdammen? Christus ist hier, der für
uns gestorben ist, der auch auferstanden ist und zur
rechten Hand des Vaters sitzt und für uns bittet; wie
sollte Er uns nicht alles geben? Denn Er hat seinen
eingebornen Sohn nicht verschont, sondern hat Ihn
für uns alle dahingegeben; hat uns nun Gott so geliebt,
als wir noch Feinde waren, wie viel mehr werden wir
vor dem Zorne erhalten werden, nachdem wir durch
sein Blut gerecht geworden sind. Denn nachdem wir
durch den Glauben gerecht geworden sind, haben wir
Friede mit Gott, durch unsern Herrn Jesum Christum,
durch welchen wir zu dieser Gnade, worin wir stehen,
einen Zugang haben und uns der zukünftigen Herr-
lichkeit rühmen, die uns Gott geben wird; nicht allein
aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsal,
weil wir wissen, das Trübsal Erfahrung, Erfahrung
Geduld, Geduld aber Hoffnung wirkt, die Hoffnung
aber wird uns nicht zu Schanden werden lassen; und
das darum, weil die Liebe Gottes durch den Heiligen
Geist, der uns gegeben ist, in unsere Herzen ausge-
gossen ist.
Meine Geliebteste, darum laß uns unser Vertrauen
auf den Herrn setzen, und in Geduld auf seine Verhei-
ßungen warten, gleichwie der Ackermann auf seine
Früchte wartet, und laß uns ihn nicht verlassen, dann
wird Er uns auch nicht verlassen. Ich habe uns bei-
de und unser Kind seinen Händen anbefohlen, dass
er uns nach seinem göttlichen Willen tue, wodurch
sein Name verherrlicht werden möge, und dass es
zu unserer Seelen Seligkeit und zum Tröste und zur
Freude aller derer, die den Herrn fürchten, gereichen
möge; ich habe das feste und unbedingte Vertrauen
zu ihm, dass er uns als seine Söhne und Töchter, ja
wie seinen Augapfel bewahren werde. Und ich be-
richte dir, dass ich mich sehr gefreut, als ich deinen
Brief gelesen habe, weil du schreibst, du bätest den
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Herrn mit weinenden Augen, dass er dich auch tüch-
tig machen wolle, um seines Namens willen zu leiden.
Meine Geliebte, sorge nicht, sondern bitte den Herrn
mit demütigem Herzen, dass Er uns geben wolle, was
unserer Seele am ersprießlichsten ist; solches wird Er
ohne Zweifel tun, und wird uns nicht über unser Ver-
mögen versucht werden lassen. Derselbe wolle uns in
aller Gerechtigkeit, Heiligkeit und Wahrheit bis ans
Ende bewahren.
Ferner berichte ich dir, meine Geliebte, dass sie
mich sehr peinigten, um die Hebammen zu entde-
cken, die unsere Schwestern entbunden haben; der
Herr aber war kräftiger (der meinen Mund bewahrt
hat) als alle Pein. Dem Herrn sei ewig Preis und Lob,
der die Seinen nicht verlässt; sie erlangten von mir
keine Namen als einen oder zwei, die sie mir aus ei-
nem Briefe vorgelesen hatten; solche wollte ich ihnen
sagen, um zu vernehmen, was sie sagen würden. Sie
aber fragten mich, ob ich mit ihnen spottete, und setz-
ten mir noch heftiger zu, ich sollte die Frauen und
mehrere andere verraten, oder sie wollten mich peini-
gen bis am andern Morgen und wollten mich einen
Fuß länger auseinander spannen, als ich lang wäre; sie
sagten auch zu Gileyn, er sollte ausspannen, und sein
Knecht zog nach Kräften aus, Gileyn aber goss mir
den Leib voll Wasser; sie hatten mich mutternackend
auf der Bank liegen und mir weiter nichts als mein
Hemd gelassen, um meine Blöße zu bedecken; in die-
ser Beschaffenheit hatten sie mich mit vier Stricken
auf die Bank gebunden, dass es mir vorkam, ich hätte
bereits meinen Hals und meine Füße verloren; aber sie
erlangten sonst nichts, dem Herrn sei Lob und Preis.
Als sie mich nun wieder von den Stricken befreiten,
mussten mich ihrer zwei oder drei von der Bank he-
ben und mich ankleiden; es wäre nicht möglich gewe-
sen, ohne des Herrn Hilfe die Pein zu ertragen; auch
sagten sie, ich sollte mich bedenken und ein gutes
Kind der römischen Kirche werden; auch sollte ich
alle, die ich wusste, verraten, oder sie wollten es mir
noch besser machen; aber ich sagte hierauf, ich hät-
te nicht geirrt und wollte lieber sterben, als meinen
Glauben verleugnen. Sie entgegneten darauf, sie woll-
ten bald wiederkommen, aber sie konnten nicht mehr
tun, als ihnen der Herr zuließ. Dem Herrn sei ewig
Lob, der uns hierzu tüchtig gemacht hat. Er wolle uns
ferner zubereiten, damit wir Kinder seines Reiches
werden, Amen. Mein geliebtes Weib, ich befehle dich
dem Herrn und dem Worte seiner Gnade.
Ein Brief von Hieronymus Segerß an den großen
Henrich, welcher auch daselbst gefangen lag, im
Jahre 1551 geschrieben.
Die Gnade und der Friede von Gott dem Vater, und
die große Barmherzigkeit und Liebe des Sohnes, unse-
res Herrn Jesu Christi, der vom Vater aus Gnaden und
zum Heile allen denen gesandt ist, die ihren Sünden
abgestorben und also mit Christo in einem neuen Le-
ben auferstanden sind, und die ewige unergründliche
Freude, Trost und Gemeinschaft des Heiligen Geistes
starke dein Herz, deinen Verstand und deine Sinne
in Christo Jesu. Demselben sei Preis von Ewigkeit zu
Ewigkeit, Amen.
Ich wünsche dir, mein lieber Bruder im Herrn, Hen-
rich, den ich aus meines Herzens Grunde, um der
Stärke unsers Glaubens willen in Christo Jesu liebe,
den rechten bußfertigen Glauben, welcher durch die
Liebe wirksam ist, den du hast, und ein festes, be-
ständiges Gemüt und Standhaftigkeit bis ans Ende in
diesem kräftigen, seligmachenden Glauben. Ich bin
über deine Standhaftigkeit sehr erfreut, weil du wie-
der so wohlgemut und zufrieden bist, dem Herrn sei
ewiger Preis; ich bitte auch den Herrn für dich Tag
und Nacht, dass Er dich mit seinem göttlichen Worte
stärken und dich im Glauben befestigen, auch dich
in der Löwengrube bewahren wolle, wie Er Daniel
bewahrt hat, und dass Er dich mit seinem starken Ar-
me behüten und dir das neue Jerusalem zum Erbteile
geben wolle, was Er auch tun wird; denn Er ist treu,
der es verheißen hat.
Darum, mein lieber Bruder in dem Herrn, laß uns
wider alle reißenden Tiere tapfer streiten, denn das
Leben ist uns zubereitet, und laß uns vor ihrem Dro-
hen nicht furchtsam sein, noch ihrer Pein erschrecken,
denn ohne den Willen des Vaters können sie nichts
tun. Der Herr wird uns nicht über unser Vermögen
versucht werden lassen. Der Herr ist unser Haupt-
mann, vor wem sollten wir uns fürchten? Der Herr ist
mit uns, wer mag wider uns sein? Er wird uns bewah-
ren wie seinen Augapfel, wie seine Söhne und Töchter,
denn niemand wird seine Schafe aus seiner Hand rei-
ßen; es ist ja unmöglich, dass die Auserwählten Gottes
sollten verführt werden können.
Darum siehe, mein lieber Bruder in dem Herrn, sei
unverzagt, wenngleich sie hässlich über dich grun-
zen und murren, sie können dir sonst nichts tun. Laß
uns wider alle Drachen und Löwen tapfer streiten,
ergreife den Harnisch Gottes und das Schwert des
Geistes und widerstehe ihnen getrost und unverzagt,
und scheue niemanden; sie werden sich bald auf die
Flucht begeben, denn das Schwert, welches uns der
Herr gegeben hat, ist ihnen zu scharf; so ist auch der
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Herr für uns im Streite, wer sollte wohl vor Ihm ste-
hen können? Denn unser Gott ist ein verzehrendes
Feuer, welches seine Feinde verzehrt. Darum bitte ich
dich mein Bruder, laß es dich nicht verdrießen, dass
sie dich hier in dieser Löwengrube so lange sitzen
lassen, denn damit prüft uns der Herr, weil Er seine
Auserwählten wie das Gold im Ofen prüft. Darum sei
doch in deiner Trübsal geduldig, denn wo kein Streit
ist, da ist auch kein Sieg; sollen wir nun überwinden,
so müssen wir streiten; wer aber überwindet, wird al-
les besitzen. Darum laß uns das Kreuz mit Demut und
Geduld auf uns nehmen und auf unsere Verheißung
warten, gleichwie ein Ackermann auf seine Früchte
wartet. Laß uns den Herrn vor Augen haben und Ihm
bis in den Tod getreu sein, denn hier werden wir ein
wenig gestäupt, aber viel Gutes wird uns widerfah-
ren; er wird uns auf seinen Thron setzen und uns mit
dem verborgenen Himmelsbrote speisen, und uns zu
Pfeilern in dem Tempel seines Gottes machen. Hier-
mit sei dem Herrn anbefohlen und dem Worte seiner
Gnade; Er wolle dich in seiner Gerechtigkeit bis ans
Ende stärken.
Ferner berichte ich dir, dass du (wie mir gesagt wor-
den ist) gehört haben solltest, ich hätte den Herrn
verlassen, denn solches ist nicht wahr, wird auch in
Ewigkeit nicht wahr werden, aber solches haben sie
gesagt, um dich wieder abzuziehen und zu betrü-
ben, und haben über mich gelogen, denn ich habe in
meinem Glauben sonst nichts bekannt, als was sich
gebührte, und bin jetzt noch ebenso getrost, als ich
war, als ich bei dir lag, dem Herrn sei Lob, habe mich
auch niemals bewegen lassen, denn ich wollte lieber
alle Tage zehnmal gepeinigt und zuletzt auf einem
Roste gebraten werden, als meinen Glauben, den ich
bekannt habe, verleugnen.
Darum glaube ihnen nicht, wenn sie dir sagen, dass
ich abgefallen sei, weil solches der Teufel tut, um dich
damit zu verführen und zu betrügen, denn durch
Gottes Gnade werde ich den Herrn nimmermehr ver-
lassen; aber ich bin lange körperlich krank gewesen,
wiewohl mein Geist um desto stärker gewesen ist. Ich
habe den Herrn gebeten. Er solle mir mehr Leiden
zusenden, wenn es mir ersprießlich sein würde, und
Er stärkt und tröstet mich noch immer mehr, wofür
ich Ihm nicht genug danken kann. Hiermit sei dem
Herrn befohlen. Wenn du laut singst, so höre ich dich
wohl. Ich danke dem Herrn, dass Er mir noch so viel
Kraft gibt, dass ich singen hören kann.
Dies ist der letzte Brief, den Hieronymus an sein
Weib, in der Nacht, als er zum Tode verurteilt
worden war, geschrieben hat; er ist im Jahre 1551,
den 2. September, getötet worden.
Gnade und Friede von Gott dem Vater, die unergründ-
liche Barmherzigkeit des Sohnes, unsers Herrn Jesu
Christi und die Gütigkeit und Gemeinschaft des Hei-
ligen Geistes in deinen Banden, Trübsal, Leiden und
Drang in deiner Arbeit und zum Tröste in deinem
Glauben und Liebe. Demselben sei Preis von Ewigkeit
zu Ewigkeit, Amen.
Mein herzlich geliebtes, auserwähltes Weib in dem
Herrn! Ich wünsche dir den rechten, wahren, buß-
fertigen Glauben, der durch die Liebe tätig ist, auch
ein recht festes unbewegliches und standhaftes Ge-
müt in meinem und deinem allerheiligsten Glauben.
Ferner wünsche ich dir den gekreuzigten Christum
zum Bräutigam, der dich zur Tochter, Braut und Kö-
nigin erwählt hat; diesem Könige des Allerhöchsten,
dem ewigen Vater und eifersüchtigen liebhabenden
Gott, habe ich dich anbefohlen, meine Geliebte in dem
Herrn, dass Er nun dein Tröster und Bräutigam sein
wolle, weil Er mich zuerst gerufen und abgefordert
hat, womit ich auch wohl zufrieden bin, weil ich er-
kannt habe, dass es des Herrn Wille sei; dem Herrn
sei ewig Lob und Preis für seine große Kraft, die Er
an uns erwiesen hat. Darum, meine Liebste in dem
Herrn, mache dir hierüber keinen Kummer oder Be-
trübnis, weil Er mich zuerst abgefordert hat; dies hat
Er uns zum Besten getan, damit ich dir ein Vorbild
sein möge und du mir tapfer nachfolgen könnest, wie
ich, durch Gottes Gnade, dir vorangehen werde, der
uns würdig gemacht hat, dass wir um seines Namens
willen leiden sollen. Ach, mein liebes Schaf, ich bitte
dich demütig, du wollest den Papisten oder anderen
Menschen kein Gehör geben, sondern folge deinem
Bräutigam, deinem unbeweglichen Bräutigam stand-
haft nach, folge Seinen Fußstapfen nach und fürch-
te dich nicht vor ihren Bedrohungen, erschreck auch
nicht vor ihrer Peinigung, denn mehr können sie nicht
tun, als ihnen der Herr zulässt, denn sie können kein
Haar von deinem Haupte kränken ohne den Willen
des Vaters, der im Himmel ist. Darum fürchte dich
nicht, sondern sei beständig und standhaft in der Leh-
re Christi und bei der rechten Wahrheit, denn der Herr
wird dich nicht verlassen, sondern wie seinen Augap-
fel bewahren, ja wie seine Tochter und sein Kind, denn
es ist unmöglich, dass die Auserwählten Gottes soll-
ten verführt werden können, indem seine Schafe seine
Stimme hören und ihm nachfolgen, aber der fremden
Stimme gehorchen sie nicht; darum wird sie auch nie-
mand aus seiner Hand reißen, denn Er ist ihr Hirte
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und Beschützer. Deshalb, mein auserwähltes Schaf,
streite tapfer um des Herrn Ehre willen, gleichwie Er
auch so tapfer um unserer Seelen Heil gestritten hat.
Sei daher wohlgemut, wenn du auch noch eine Zeit-
lang in dieser Löwengrube liegen musst. Deine Erlö-
sung ist vor der Tür und verzieht nicht zu kommen,
sondern sie kommt. Wenn nun derjenige kommt, der
mit Kraft kommen soll, so wird Er dich als seine Braut
und Königin aufnehmen, denn es gefällt Ihm wohl.
Seine Auserwählten bei sich zu haben und Er hat ein
Wohlgefallen, sie anzuschauen; deshalb ist auch der
Tag des Herrn nahe vor der Türe.
Darum, mein liebes Weib in dem Herrn, streite auch
so tapfer und scheue dich vor keinem Menschen, son-
dern sage lieber mit Susanna, du wollest lieber in der
Menschen als in Gottes Hände fallen, denn schreck-
lich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu
fallen. So gehe denn dem Herrn mit brünstiger Liebe
entgegen, wie du bisher durch des Herrn Gnade, die
in dir wirksam ist, getan hast, und streite tapfer, denn
die Krone des Lebens ist dir bereitet, indem den Über-
windern alles verheißen und zugesagt ist; sie werden
auch alles besitzen, denn Christus sagt: Selig seid ihr,
wenn alle Menschen übel von euch reden, denn es
wird euch im Himmel wohl belohnt werden; ferner
sagt er: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen
Verfolgung leiden, denn das Himmelreich ist ihr; auch
sagt der Herr, dass, wenn sie uns vor Herren und Fürs-
ten geführt, gepeinigt und getötet haben werden, so
werden sie noch meinen, sie hätten Ihm einen Dienst
damit getan haben. Darum setze dein Vertrauen fest
auf Christum, so wird dich der Herr nicht verlassen,
denn die Krone des Lebens ist dir zubereitet. Hiermit
will ich dich dem Herrn und dem Wort seiner Gnade
anbefehlen und will meinen Abschied hier in dieser
Welt von dir nehmen, denn ich glaube nicht, dass ich
dein Angesicht mehr sehen werde, hoffe dich aber in
kurzer Zeit unter dem Altäre Christi wiederzusehen.
Darum, mein geliebtes Eheweib in dem Herrn,
wenn uns schon die Welt für Lügner hält und uns
dem Leibe nach voneinander scheidet, so wird uns
doch der barmherzige Vater in kurzer Zeit unter sei-
nem Altäre wieder zusammenbringen, sowie auch
unsem Bruder, denn ich zweifle nicht an ihm, son-
dern habe ein festes Vertrauen zu ihm; ich habe uns
drei in seine Hände befohlen, dass Er an uns seinen
göttlichen Willen also erfüllen wolle, wie sein Name
am meisten dadurch gepriesen und Ihm Dank abge-
stattet werden möchte, zur Seligkeit unserer Seelen
und zum Tröste und zur Stärkung aller derer, die den
Herrn fürchten. Seinem Namen dienen und denselben
lieben, was Er auch tun wird, wie ich nicht bezweifle,
denn Er verlässt die Seinen nicht, die auf Ihn trauen.
Darum gehe ich auch dahin mit einem fröhlichen Ge-
müte mein Opfer zu tun zum Preise des Herrn. Hätte
ich noch einmal zu dir kommen können, ich hätte es
getan; aber Joachim wollte nicht, wiewohl uns Chris-
tus in kurzer Zeit unter seinem Altäre wieder zusam-
menbringen wird, was die Menschen nicht werden
verhindern können. Hiermit sage ich gute Nacht, bis
wir unter dem Altäre wieder Zusammenkommen. Sei
dem Herrn anbefohlen. Der große Henrich lässt dich
sehr grüßen im Herrn. Siehe, mein liebes Weib in dem
Herrn, nun ist die Stunde gekommen, dass wir von-
einander scheiden müssen; ich gehe nun mit großer
Freude und getrost voran zu meinem himmlischen
Vater, und bitte dich demütigst, du wollest um des-
willen nicht betrübt sein, sondern dich mit mir freuen.
Ich war zum Teil betrübt, dass ich dich unter diesen
Wölfen lasse, aber ich habe dich mit der Frucht dem
Herrn anbefohlen, und weiß gewiss, dass Er dich bis
ans Ende bewahren wird, womit ich mich zufrieden
gebe. Halte dich tapfer in dem Herrn.
Hier folgt nun, wie Lysken, Hieronymus Eheweib,
tapfer gestritten, und vor allen Menschen ihren
Glaubensgrund bekannt habe, auch bis ans Ende
standhaft geblieben sei, bis man sie des Nachts in
einen Sack gesteckt und in die Schelde geworfen
und also ihren Glauben mit ihrem Tode versiegelt
hat.
Lysken, unsere Schwester, welche lange in Banden ge-
legen, hat die Zeit ihrer Wanderschaft vollendet und
ist, der Herr sei ewiglich gepriesen, in des Herrn Wort
bis ans Ende unbeweglich und standhaft geblieben;
sie hat auch ihren Glauben ohne Scheu und Heuchelei
im Gerichte vor der Obrigkeit und dem gemeinen Vol-
ke bekannt. Zuerst haben sie dieselbe wegen der Taufe
gefragt, worauf sie sagte: Ich erkenne nicht mehr als
eine Taufe, welcher sich Christus und seine Heiligen
bedient und uns hinterlassen haben. Was hältst du,
fragte der Schultheiß, von der Kindertaufe? Worauf
Lysken antwortete: Für nichts anderes als für eine
Kindertaufe und Menschensatzung. Da standen die
Herren auf und steckten die Köpfe zusammen, wäh-
rend welcher Zeit Lysken ihren Glaubensgrund vor
dem Volke klar bekannt und an den Tag gelegt hat;
darum haben sie das Urteil gegen sie ergehen lassen.
Sodann hat Lysken also zu den Herren gesprochen:
Ihr seid nun Richter, aber die Zeit wird kommen, dass
ihr wünschen werdet, Schafhirten gewesen zu sein,
denn es ist ein Richter und Herr, welcher über alle ist,
der wird euch auch zu seiner Zeit richten; aber wir
haben nicht mit Fleisch und Blut zu streiten, sondern
wider die Fürsten, Gewaltigen und Herren dieser Welt.
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Darum sprachen die Herren: Führet sie hinweg vom
Gerichte.
Hierauf ist das Volk in großer Menge herbeigelau-
fen, um sie zu sehen; aber Lysken hat freimütig zum
Volke gesprochen: Wisset, dass ich nicht um Dieb-
stahls, Mordes oder sonstiger Missetat, sondern allein
um des unvergänglichen Wortes Gottes willen leide.
Als sie zur Bergkirche kamen, hat sie gesagt: O du
Mordgrube! Wie manche Seele wird in dir ermordet!
Als sie zwischen den Dienern, welche sie übrigens
nicht führten, vorwärtsging, so haben die Diener zu
dem Volke gesagt: Stehet auf und machet Platz. Da
hat Lysken gesagt: Sie hindern mich nicht, sie mögen
mich wohl sehen und an mir einen Spiegel nehmen,
die das Wort des Herrn lieben; unter diesem Gesprä-
che ist sie wieder ins Gefängnis zurückgeführt.
Hierdurch ist das gemeine Volk sehr bewegt wor-
den; die Freunde aber sind fröhlich und guten Mu-
tes gewesen, weshalb am Nachmittage einige unserer
Freunde in Begleitung einer großen Volksmenge auf
den Stein zu ihr gegangen sind, um mit ihr zu reden;
hier haben die Freunde ein wenig mit ihr gesprochen
und gesagt: Es ist gut, dass du allein um des Wohltuns
und in nicht um Böses willen leidest, aber um des an-
dern Volks willen, das auf dem Stein ist, musste sie
sich ihrer entziehen. Auch hat Lysken freimütig und
tapfer zum Volke geredet und ein schönes Liedlein ge-
sungen, worüber sich das Volk sehr verwunderte; des-
gleichen sind zwei Mönche dahin gekommen, um sie
noch einmal zu versuchen, und haben sich (mit ihr) zu
dreien in eine Kammer eingeschlossen; Lysken aber
wollte ihnen kein Gehör geben. Als nun bei dieser
Gelegenheit die Kammertür geöffnet wurde und viel
Volk davor stand, sprach Lysken (welche eben in der
Türe stand) zu den Mönchen: Gehet eures Weges, bis
man euch rufet, denn ich will euch kein Gehör geben;
wäre ich mit eurem Sauerteige zufrieden gewesen,
ich wäre nicht hierzu gekommen; hierauf wurden sie
abermals zu dreien in die Kammer geschlossen, und
also sind die irrenden Geister oder Sterne mit ihrem
falschen und tödlichen Gifte gekommen, aber Lysken
war (Gott Lob) unerschrocken und wohlgemut, hat
auch in der Mönche Gegenwart ein Liedlein zu singen
angefangen. Hierauf hat einer von den Freunden, wel-
cher daselbst war, gesagt: Schwester, streite tapfer; als
sie aber solches hörten, sind sie sehr zornig geworden
und haben gesagt: Hier ist noch einer von ihrem Vol-
ke, der ihr Gemüt stärket, und deshalb mehr verdient
verbrannt zu werden, als sie selbst; sodann sind sie
aber im Zorne weggegangen, denn ihre Stimme war
fremd und sie wurden nicht angehört. Hierauf wurde
Lysken allein in eine Kammer eingeschlossen, welche
an der Straße lag, wo sie zu sitzen pflegte und nie-
mand zu ihr kommen konnte, als derjenige, der den
Schlüssel hatte. Als nun die Mönche auf die Straße
kamen, um fortzugehen, haben sie einige Freunde,
welche ihnen begegneten, gefragt: Will sie sich denn
nicht bekehren? Hierauf antworteten sie: Nein, denn
es war daselbst einer von ihrem Volke, welchen sie
lieber hörte. Als es nun gegen den Abend ging, fügte
es der Herr, dass einer von den Freunden an den Ort
kam, da Lysken saß, und vieles mit ihr redete, dass
es auch das Volk auf der Straße hörte, und jedermann
sich nach dem Orte umsah, wo der Freund war, so
dass einige, die bei ihm waren, ängstlich wurden, und
ihn abgehen hießen; er aber sagte: Ich muss zuerst
von ihr Abschied nehmen; dann sagte er zu der Ge-
fangenen: Stehe auf, Schwester, und laß dich sehen
und schaue zum Fenster hinaus; solches hat sie sofort
getan, und als sie nach dem Volke, das auf der Straße
stand, hinaussah, sind auch einige Freunde unter dem-
selben gewesen, welche ihr zugerufen haben: Liebe
Schwester, streite tapfer, denn dir ist die Krone des Le-
bens vorgelegt. Da sagte sie zum Volke: Trunkenbolde,
Hurer und Ehebrecher werden alle geduldet, sie lesen
in der Schrift und reden von derselben; aber die nach
Gottes Willen leben und wandeln, müssen geängstigt,
unterdrückt, verfolgt und getötet werden. Auch hat
sie nachher zu singen angefangen: Siehe doch, sind
wir nicht arme Schafe. Unter dem Singen aber (als das
Liedchen noch nicht geendigt war) kamen die Her-
ren mit den Dienern auf den Stein; da sagten einige
Freunde: Lysken, singe ohne Scheu bis ans Ende; ehe
sie aber das Lied geendigt hatte, zogen sie jene vom
Fenster, und es fing an Abend zu werden, sodass man
sie nicht mehr sah. Am Samstag früh aber sind wir
aufgestanden, einige vor Tag, andere mit dem anbre-
chenden Tage, um diese Hochzeit zu sehen, wovon
sie meinten, dass sie nun geschehen würde; aber die
bösen Mörder sind uns zuvor gekommen; wir hatten
zu lange geschlafen; sie hatten bereits zwischen drei
und vier Uhr ihre Mordtat vollbracht. Sie sind näm-
lich mit dem Schäflein nach der Schelde gegangen, wo
sie dieselbe in einen Sack gesteckt und, ehe das Volk
ankam, ertränkt haben, so dass nur einige Menschen
zugesehen haben, doch haben es einige gesehen, dass
sie getrost zum Tode gegangen ist und herzhaft gesagt
hat: Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist.
Auf solche Weise ist sie zu des Herrn Preise überant-
wortet worden und abgeschieden, so dass viel Volk
durch Gottes Gnade dadurch bewegt worden ist. Als
mm das Volk ankam und vernahm, dass sie schon tot
wäre, ist ein großer Aufruhr unter demselben entstan-
den, denn das Volk bejammerte solches so sehr, als
ob sie öffentlich umgebracht worden wäre, und sagte
auch: Diebe und Mörder bringt man öffentlich vor alle
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Menschen; und also ist dadurch ihre Falschheit desto
mehr ausgebreitet worden. Darum fragten einige ein-
fältigen Leute: Warum muss dieses Volk sterben, denn
viele geben ihnen ein gutes Zeugnis; einige von den
Freunden, die gegenwärtig waren, sagten öffentlich
zum Volke: Die Ursache ist, weil sie Gottes Geboten
mehr gehorchen, als des Kaisers oder der Menschen
Gebote, und weil sie sich von Herzen zu dem Herrn,
ihrem Gott, von den Lügen zur Wahrheit, von der
Finsternis zum Lichte, von der Ungerechtigkeit zur
Gerechtigkeit, vom Unglauben zum rechten Glauben
bekehrt haben, weil sie ferner ihr Leben gebessert
und sich, nachdem sie recht gläubig geworden wa-
ren, nach Christi Befehle und dem Gebrauche seiner
Apostel haben taufen lassen; sie haben auch ferner
das Volk aus dem Worte Gottes unterrichtet, dass die
Papisten diejenigen seien, von welchen der Apostel
Paulus geweissagt hat, dass sie verführerische Geister
seien, welche die Lehre der Teufel lehren; auch wie
die Gerechten von Anfang her, von Abels Zeiten bis
nun, haben leiden müssen, gleichwie auch Christus
hat leiden und also zu seines Vaters Herrlichkeit ein-
gehen müssen, und uns ein Beispiel hinterlassen hat,
dass wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen, denn
alle, die in Christo Jesu gottselig leben wollen, müssen
Verfolgung leiden.
Peter Bruinen, Jan Plennis und Jahn, der alte
Kleiderkäufer, mit noch einem Bruder, sind alle
den 2. Oktober im Jahre 1551 zu Antwerpen getötet
worden.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater
und dem Herrn Jesu Christo. Gelobt sei der Gott der
Barmherzigkeit, der uns durch sein göttliches Wort zu
einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren hat, wel-
che uns im Himmel Vorbehalten ist, die wir durch
die Kraft Gottes in dem Glauben bewahrt und um
des Reiches Gottes willen bewährt werden, um wel-
ches willen wir leiden, wofür dem Herrn gedankt
sei, weil er uns hierzu ersehen hat, zum Erbteile sei-
ner Heiligen in seinem Lichte. Darum, liebe Brüder,
seid getrost und unverzagt, wandelt in einem starken,
unveränderlichen Glauben vor Gott und seiner Ge-
meinde, und setzt euch fest vor, von dem Herrn nicht
abzufallen, noch euch von seiner Liebe, um Trübsal
oder Leidens willen, zu scheiden, dann wird er euch
in eurer Verlassenschaft, wenn ihr aller menschlichen
Hilfe und Trostes beraubt sein werdet, beistehen und
euch trösten, denn er kommt demjenigen zu Hilfe,
der von sich selbst ausgeht, und sich verleugnet, in-
dem er allein in dem Herzen der Menschen wohnt
und wohnen will; er will auch nicht, dass wir außer
Ihm jemandem dienen sollen. Darum gründet und
erbauet euch in Ihm, und lasset die Liebe untereinan-
der wachsen, worin einer durch den andern erhalten
wird, und befleißigt euch mit einem fröhlichen Ge-
müte, dass ein jeder in der Tugend der Vornehmste
sei. Gebt nicht Achtung auf der Trägen und Unachtsa-
men Wandel, nämlich derjenigen, die bei ihres Lebens
Gemächlichkeit und Kleiderpracht, oder bei äußerli-
chen Dingen sich Christen nennen lassen, und folgt
ihrer Weise nicht nach, sondern merkt auf diejenigen,
deren Leben und Glaubensbekenntnis mit der Leh-
re Jesu übereinkommt, damit ihr nicht in der Höhe
oder Tiefe, Breite oder Länge zu weit fahrt; denn viele
verlaufen sich hierin, dass einer auf den andern sieht,
wodurch sie erkalten.
Deshalb, meine lieben Brüder, seid ihr mit Christo
auferstanden, so suchet, was droben ist, auf dass euer
Gemüt auf das Unvergängliche gerichtet sei; lasst eu-
re Hoffnung auf das Unsichtbare gerichtet sein und
seid darinnen geduldig, denn Geduld ist nötig, wenn
wir anders die Verheißung empfangen wollen. Stär-
ket eure Herzen, denn des Herrn Zukunft ist nahe;
ziehet den alten Menschen aus, und den neuen an,
verleugnet das ungöttliche Wesen und die weltlichen
Lüste; verändert euch durch die Erneuerung eures
Sinnes; wollt ihr der Auferstehung Christi teilhaftig
werden, so wisset, dass ihr zuvor den alten Menschen
gekreuzigt haben müsst, auf dass der sündhafte Leib
aufhöre. Werdet nicht müde Gutes zu tun, denn eure
Arbeit wird nicht vergeblich sein, indem ihr Christi
teilhaftig geworden seid, wenn ihr anders den Anfang
seines Wesens bis ans Ende bewahrt, darum lasst euch
durch kein Ding bewegen, fürchtet auch nicht ein
Menschenkind, welches wie das Heu vergeht, denn
ohne Gottes Zulassung können sie euch nichts tun. O
fürchtet aber Gott denn das ist vollkommene Weisheit;
demütigt euch vor ihm, denn von den Niedrigen wird
die große Herrlichkeit geehrt; vergleicht euch allezeit
mit den Demütigen, so werdet ihr in Gottes Augen
groß sein; lasst euch selbst nicht dünken, als ob ihr et-
was wüsstet, oder etwas wäret, damit ihr euch selbst
nicht betrügt; gehet allezeit von euch selbst aus und
achtet es nicht, wer euch etwas Ungöttliches oder Lei-
den zufügt, wenn man euch schon unrecht tut; denn
das ist Gnade bei Gott, wenn man um des Gewissens
willen Trübsal erduldet und unschuldig leidet. Dar-
um seid mm geduldig in eurer Trübsal, und teilhaftig
des Leidens Christi, damit ihr die Verheißung erer-
ben mögt, denn hier ist die Zeit, worin man Schmach
leidet, gegen die ewige Freude nur kurz. Und die-
ses Leiden, welches zeitlich und leicht ist, wirkt eine
ewige und über die Maßen große Herrlichkeit; denn
wenn wir auch ein armes Leben haben, so wird uns
166
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
doch viel Gutes vergolten werden, und obgleich jetzt
der Tod über uns herrscht, so wird doch ein Ostwind
vom Herrn kommen, der seine Plage wieder trocknet,
denn es wird gesät in Unehre, und wird auferstehen
in Kraft, es wird gesät ein natürlicher Leib, und wird
auferstehen ein geistiger. Wenn wir nun den Bau, der
von Gott erbauet ist, erlangen wollen, so muss das
Haus dieser Hütte zerbrochen werden. Darum dürfen
wir diejenigen nicht fürchten, die den Leib töten, denn
sie können der Seele nicht schaden; denn für alles, des-
sen sie uns berauben, wird uns Gott wieder reichlich
belohnen; nachher können sie nichts mehr ausrich-
ten. Darum umgürtet die Lenden eures Gemütes, seid
nüchtern, wachet im Gebete, und sagt Gott dem Vater
allezeit Dank, durch unfern Herrn Jesum Christum
für seine reiche Gnade, und weil Er uns seinen Willen
bekannt gemacht, und den Geruch seiner Erkenntnis
offenbart, auch uns die herrlichsten und allerteuers-
ten Verheißungen gegeben hat, die wir zuvor durch
die Vernunft in bösen Werken und von dem Leben
entfremdet waren, das aus Gott kommt, dessen wir
keine Hoffnung hatten in den Verheißungen; als aber
die Freundlichkeit Gottes uns erschienen, nicht um
der Werke willen, die wir getan haben, sondern durch
seine Gnade macht Er uns selig durch das Bad der
Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geis-
tes, durch welchen wir bis auf die Zeit der Erlösung
versiegelt sind, dieser ist das Pfand des zukünftigen
Erbteils, welcher uns auch versichert und uns Zeug-
nis gibt, dass wir Gottes Kinder sind, und uns allerlei
lehrt; derselbe ist uns von Gott zur Weisheit, zur Ge-
rechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung gegeben.
Gott der Vater, welcher allein Unsterblichkeit hat, und
dem allein Kraft und Macht, Lob und Preis zukommt,
sei Ehre und Dank durch Christum, unsern Herrn,
durch seine unaussprechliche Gnade von nun an bis
in Ewigkeit.
Wie es um uns steht, dafür sei der Herr gelobt, wel-
chem wir nicht genug für die Freude danken können,
dass Er uns würdig erkannt hat, um seines Namens
willen zu leiden, und die Freude, die Er uns dane-
ben in unserer Gefangenschaft zubereitet hat, denn
Er ist getreu und verschafft den seinen in den Versu-
chungen ein Auskommen; auch lässt Er die Seinen die
Ihm vertrauen, nicht zu Schanden werden. Die Gnade
des Herrn sei mit euch. Grüßet euch untereinander
mit dem heiligen Kusse. Jan Pleun und ich grüßen
euch auch sehr. Hiermit seid Gott und dem Worte sei-
ner Gnade befohlen. Geschrieben von mir, Peter von
Weert, als ich zu dritt im Gefängnis saß.
Hierauf folgt des Peter zweiter Brief, worin er
Abschied nimmt.
Hiermit befehlen wir euch dem Herrn, alle ihre lieben
Brüder und wünschen euch, dass ihr euren Lauf zu
des Herrn Preise vollenden möget, damit ihr die Kro-
ne erlangen, bis ans Ende standhaft bleiben und die
Seligkeit erwerben möget, denn niemand erlangt den
Preis, der nicht ritterlich streitet; darum lauft, damit
ihr das Kleinod erlangt, streitet als Ritter des Herrn;
nehmt euch fest vor, nicht zu sorgen, wie oder was ihr
in der Stunde reden werdet, wenn ihr vor die Obrig-
keit werdet gebracht werden, denn der Herr lässt die
Seinen, die ihm vertrauen nicht zu Schanden werden,
und wenn sie auch als Übeltäter dastehen, so verlässt
er doch die Seinen nicht. Den Abend hindurch wäh-
ret zwar das Weinen, aber des Morgens die Freude,
und wenn Er schon um der Züchtigung willen eine
Zeitlang zornig ist, so erhält Er uns doch durch seine
Gnade im Leben; darum sind wir von Ihm nicht ver-
lassen, obgleich wir mehr Widerwärtigkeiten haben,
als die Welt. Meine Brüder, der Knecht ist nicht mehr
als sein Herr oder Meister; gedenkt, dass Christus
um unseretwillen arm geworden sei und obgleich Er
reich und in Herrlichkeit war; dessen ungeachtet hat
Er um unseretwillen Schmach erlitten und angenom-
men, damit wir durch seine Armut reich und durch
seine Schmach Miterben seiner Verheißungen würden.
Darum lasst uns mit Ihm zum Lager hinausgehen
und seine Schmach tragen helfen; lasst uns nach dem
zukünftigen Gute uns sehnen; wandelt nicht in der
Finsternis, noch beladet euch mit Essen oder Trinken;
verwickelt euch nicht in Nahrungshändel oder Sor-
gen; wandelt als Kinder des Lichtes; seid immer fertig
als solche, die allezeit auf ihren Herrn warten, denn
Er wird kommen wie ein Dieb in der Macht; rüstet
euch, nehmt den Stab in die Hand, umgürtet eure Len-
den, wandert nach dem Lande der Verheißung, ihr
werdet es einnehmen, wenn ihr anders nicht in Un-
glauben fallt; es ist lustig und schön, wir haben es von
fern gesehen, wofür wir dem Herrn danken und Ihn
preisen. Darum ist meine Bitte an euch, dass ihr die
Wahrheit liebt, dass ihr mir dem Herrn, danken helft,
denn ich habe auch dem Herrn einmal ein Gelübde
getan, dass ich Ihm alle Tage meines Lebens leben
wollte; solches hat Er mir halten helfen; darum preise
ich Ihn, und habe auch solches oft mit ausgestreckten
Armen inbrünstig getan. Ich schreibe solches darum,
dass ihr nicht vergeßt, dem Herrn zu danken und Ihn
zu loben, denn Er ist mehr als all unser Leben; ihr
könnt Ihn auch nicht so groß machen, oder Er ist noch
wunderbarer. Bleibt in seinen Worten und haltet sei-
ne Gebote; habt euch untereinander von Herzen lieb.
167
Auch preisen wir Ihn darum, weil Er seine Zusage
treulich hält, indem Er uns freudig macht, wovon ich,
liebe Brüder, nicht genug zu schreiben weiß; denn bei
unserer Gefangennahme waren wir freudig und ohne
Furcht, gleichwie auch vor den Herren; ebenso waren
wir auch auf der Brücke und in unserem Gefängnisse
voller Freude; hoffen auch ferner, dass uns Gott bis
ans Ende Mut verleihen werde. Darum, liebe Brüder,
erschreckt nicht, wenn man uns auch mehr als einen
Tod antun würde, denn man kann in einer Viertelstun-
de viel tun; unser Leiden ist doch weit entfernt von
der höllischen Pein, und auch mit der zukünftigen
Freude nicht zu vergleichen.
Wenn wir diese Angst überstanden haben, und die-
se Enge durchwandelt sind, werden wir zur Freude
und in den weiten Raum gelangen; dann wird man al-
le Tränen von uns abwischen; wir werden nicht mehr
weinen oder schreien, sondern von einer Freude zur
andern gehen. Ach, meine Brüder, trachtet darnach,
zu seiner Freude einzugehen. Lebt fernerhin christlich,
und macht, dass um euretwillen das Evangelium nicht
gelästert werde. Seid allezeit sanftmütig und habt ein
unbeflecktes Gewissen. In allem, was ihr tut, bedenkt
das Ende, dann werdet ihr nimmer Übels tun; ver-
gesst auch nicht des ersten Ernstes in der geistlichen
Bekehrung des christlichen Lebens, damit ihr nicht,
indem ihr meint, vollkommene Christen zu sein, noch
selbst der Besserung des Lebens nötig habt. Seid Gott
befohlen und dem Worte seiner Gnade. Wir, Jan, Pleun
und Peter grüßen euch im Herrn. Bittet den Herrn für
uns, dass wir unsern Lauf zu seiner Verherrlichung
vollenden mögen. Wir bitten auch für euch.
Jans, des alten Kleiderkäufers, Bekenntnis oder
Verantwortung des Glaubens, als er zu Antwerpen,
im Jahre 1551, in Gefangenschaft war.
Frage: Was hältst du von der Kindertaufe? Antwort:
Ich halte solches für nichts anderes als für eine Men-
schensatzung. Frage: Womit willst du denn deine Tau-
fe beweisen oder gutmachen? Antwort: Mit Mk 16.
Frage: Was hältst du denn von den Sakramenten?
Antwort: Ich weiß nichts von den Sakramenten der
Menschen zu sagen, aber das Abendmahl, welches
Christus mit seinen Aposteln gehalten hat, wird von
mir hoch und würdig geachtet; ich denke, dass viele
Menschen seien, die nicht wissen, was das Sakrament
bedeute. Frage: Was hältst du von der römischen Kir-
che? Antwort: Davon halte ich nichts; aber die christli-
che Kirche, welche die Gemeinde Christi ist, halte ich
hoch und wert. Fragt: Was hältst du von der Hostie,
welche der Priester in seiner Hand hat? Glaubst du
nicht, dass darin unser Herr mit Fleisch und Blut sei?
Antwort: Nein, denn es steht geschrieben, Apg 1, dass
Er wiederkommen werde, wie Er gen Himmel gefah-
ren ist. Frage: Was hältst du von dem Papste? Antwort:
Dass er der Antichrist sei. Frage: Was hältst du von der
Messe, den Zeremonien und von der Beichte, welche
man in der Kirche verrichtet? Antwort: Davon halte
ich nichts; denn der Baum, der es hervorgebracht hat,
ist zu nichts nütze. Frage: Wo bist du getauft? Ant-
wort: Meine Herren, was fragt ihr mich doch, da ihr
solches schon wisset? Frage des Schultheißen: Ich be-
schwöre dich bei deiner Taufe, dass du uns sagest, wo
du getauft seiest. Antwort: Ich halte meine Taufe für
vollkommen und gut, aber dein Beschwören achte ich
nicht. Hierauf haben sie mir die Vor- und Zunamen al-
ler derjenigen, die mitgetauft worden sind, vorgelesen
und gesagt: Assuerus hat es uns bekannt; worauf ich
antwortete: Es ist wahr. Frage: Wer hat dich getauft?
Antwort: Solches ist mir nicht erlaubt zu sagen. Frage:
Wir wollen es dich wohl sagen machen. Antwort: Hier
ist das Fleisch, tut damit nach eurem Wohlgefallen.
Wilhelm Kistemacher wird in Cleve enthauptet,
desgleichen wurde daselbst Wendel Ravens im
Jahre 1551 getötet.
Dieser Wilhelm Kistemacher hat in Weeß gewohnt,
welches ein Dorf im Clevischen Gebiete ist, er war
ein friedsamer und erbaulicher Mann, der zuvor um
seines christlichen Glaubens willen sein Vaterland hat
verlassen müssen; weil er sich aber der Welt nicht
gleichstellen wollte, ist er von Weeß nach Cleve ge-
fänglich gebracht worden, wo er ungefähr ein Jahr
gefangen gelegen und zuletzt enthauptet worden ist;
er hat einige Briefe im Gefängnis geschrieben.
Als nun Wilhelm Kistemacher vom Rate zu Cleve
verurteilt werden sollte, wollte einer der Ratsherrn,
Namens Claes Meselaar, im Rate nicht beisitzen, um
denselben zu verurteilen, sondern legte sich zu Bett
und stellte sich krank; darum ist der Bürgermeister
mit den sechs Ratsherren an sein Bett gekommen und
hat um seine Stimme zu desselben Verurteilung an-
gehalten; derselbe sagte aber: Er wollte solch einen
frommen Mann nicht verurteilen, worauf der Bür-
germeister entgegnete: Dadurch wirst du bei unserm
gnädigen Fürsten und Herrn in große Ungnade fallen.
Hierauf sagte Claes zu den Ratsherren: Ich will lieber
in des Herzogs Wilhelm, als in des Höchsten Ungnade
sein. Dann will ich es auf mich nehmen, sagte der Bür-
germeister, welcher auch nachher die Strafe von des
Herrn Hand empfunden hat, denn die Läuse quälten
ihn, und er konnte eine Zeitlang seine Sprache nicht
gebrauchen und ist in großem Elende gestorben. Aber
dieser Claes Meselaar hat seine Ratsstelle niedergelegt
168
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
und ist auch als ein Bruder der Gemeinde gestorben.
Außer diesem ist noch ein Bruder zu Cleve, namens
Wendel Ravens, getötet worden, welcher auch, gleich-
wie die Vorhergehenden sein Leben mit dem Tode
vertauscht, nachdem er seine Seele in die Hände Got-
tes befohlen hat.
Maria von Monjou, 1552.
Gleichwie es nach dem Zeugnisse der göttlichen
Schrift bekannt und offenbar ist, dass alle, die in Chri-
sto Jesu gerecht und gottselig leben, von Anfang der
Welt her haben leiden müssen, so ist diese Maria als ei-
ne fromme, gottesfürchtige Frau, dieses Leidens auch
teilhaftig geworden; denn als sie, nach dem Befehle
der Schrift, sich auf den wahren Glauben, als ein Glied
an dem Leibe Christi, taufen ließ, auch eine Zeitlang
bei ihren Brüdern und bei allen Menschen einen er-
baulichen Wandel geführt hatte, so ist sie durch den
Neid des Drachen ruchbar geworden; darum hat der
Amtmann von Monjou diese Frau abholen lassen und
hat sie daselbst gefangen gesetzt, wo sie bis ins zweite
Jahr gesessen und obgleich sie vieles zu leiden hatte,
so hat sie solches mit Freuden ertragen; auch hat sie
die Frommen stets ermahnt, dass sie doch in der Lie-
be wandeln und sich fest an den Bund Christi halten
sollten; sie ist selbst allezeit damit umgegangen, dass
sie ihren Leib zum Opfer geben möchte, welches le-
bendig, heilig und Gott wohlgefällig wäre, und dass
sie zum geistigen Hause auferbaut werden möchte,
welches inwendig mit dem Worte Gottes ausgeziert
wäre. Die Obrigkeit hat sie drei Tage nacheinander
versucht, aber nicht bewegen können, ihren Glauben
zu verlassen, denn sie wollte bei Christo bleiben, in-
dem, nach dem Zeugnisse der Schrift, niemand zu
Schanden wird, der Gott von Herzen fürchtet. Der
Amtmann fragte sie bittweise, ob sie in die Kirche
gehen wollte, in diesem Falle wolle er sie in Freiheit
setzen und ihr ein ganzes Jahr die Kost geben; sie aber
hat ihm solches nicht zugestanden, sondern begehrt,
bei Christo zu bleiben und ihr Leben für denselben
zu lassen, worauf sie verurteilt worden ist, dass sie
im Wasser ertränkt werden sollte. Als sie nun zum
Wasser hinausging, sang sie mit fröhlichem Gemüte,
weil dieser Tag erschienen wäre und sie diese Stunde
erlebt hätte; sie ist in die Hände des Pilatus übergegan-
gen, gleichwie ein Schäflein zur Schlachtbank geführt
wird, und wie man auch, nach der Schrift Zeugnis,
mit Christo umgegangen ist, sie werden euch töten
und meinen, sie hätten Gott einen Dienst damit getan.
Auf dem Wege hat Maria gesagt: Ich war eines Man-
nes Braut, aber heute hoffe ich eine Braut Christi zu
sein und mit Ihm sein Reich zu ererben. Als sie sich
dem Wasser näherte, sagte einer von den Heuchlern:
Ach, Maria, bekehre dich doch, oder es wird dir nicht
wohl ergehen. Bei dem Wasser hielt man sie länger als
zwei Stunden auf, in der Hoffnung, sie zu bewegen,
die Wahrheit zu verlassen und ihnen nachzufolgen.
Darauf sagte Maria: Ich bleibe bei meinem Gott; fahret
doch darin fort, warum ihr hierher gekommen seid.
Das Korn ist im Stroh, es muss gedroschen sein; also
hat das Wort Gottes angefangen und das muss vollen-
det sein; hiermit hat sie ihre Kleider ausgezogen; sich
dazu willig übergeben und gesagt: O himmlischer Va-
ter! In Deine Hände befehle ich meinen Geist; sodann
ist sie im Wasser ertränkt worden und gestorben, hat
auch zum Tröste aller Gläubigen, den Namen Gottes
bezeugt und solches mit ihrem Tode versiegelt.
Um diese Zeit hat man auch eine fromme, gottes-
fürchtige Frau, Bärbel genannt, zu Jülich ertränkt, weil
sie das Papsttum und die Abgötterei verlassen und
sich unter den Gehorsam des heiligen Evangeliums
begeben hat.
Wilhelm von Bierk, Christoph aus den Geistens,
Christian aus dem Eukeraat und Tieleman aus
Nunkirchen, im Jahre 1552.
Desgleichen auch Wilhelm von Bierk, Christoph aus
den Geistens, Christian aus dem Eukeraat und Tiele-
mann aus Nunkirchen. Diese vier Brüder sind sämt-
lich auf einen Tag zu Blankenburg mit dem Schwerte
hingerichtet worden. Um des Zeugnisses Jesu Christi
willen haben sie den Tod willig erlitten und dasselbe
mit ihrem Blute bezeugt.
Mariken und Anneken, im Jahre 1552.
Diejenigen, welche sich allein auf Gott und sein hei-
liges Wort gründen und dasselbe zu vollbringen su-
chen, werden nicht nur verfolgt, sondern auch gefan-
gen und getötet, gleichwie es im Jahre 1552 sich in
Leyden mit zwei Frauen, Mariken und Anneken ge-
nannt, zugetragen hat; dieselben wurden gefangen ge-
nommen und in ein Haus gebracht, wo sie der Schult-
heiß fragte, was sie von der römischen Kirche hielten.
Sie antworteten, sie hätten größtenteils nichts ande-
res als eine teuflische Lehre. Ferner fragte er sie von
dem Sakramente der Pfaffen, ob Christus nicht leibli-
cher Weise darin wäre. Sie sagten, es möge wohl ein
verdeckter Teufel sein, denn Gott ließe sich in kein
silbernes oder goldenes Kistlein einschließen. Hierauf
brachte man sie zum Gefängnisse, und als sie an der
Kirche vorbeigingen, sagten sie: O Mördergrube und
Teufelschor! Des Schultheißen Knecht sagte: Warum
redet ihr solche hohe Worte? Sie sagten: Weil in die-
169
ser Kirche so viele arme Seelen ermordet werden. Als
sie nun eine Zeitlang gefangen lagen und untersucht
wurden, haben sie ihren Glauben tapfer bekannt, und
sind standhaft dabei geblieben, weshalb sie zum Tode
verurteilt worden sind. Das Urteil der Mariken lautete:
Sie hätte die Kindertaufe verleugnet, das Sakrament
verworfen und, gegen des Kaisers Befehl, ungebührli-
chen Versammlungen beigewohnt. Die Anneken, weil
sie nicht getauft war, wäre frei ausgegangen, wenn
sie von ihrem Glauben hätte abfallen wollen; man hat
sich auch darum sehr bemüht; sie aber blieb imbeweg-
lich und sagte: Euer Brotgott wird von den Spinnen
und Würmern auf gezehrt; ich will kein Teil an sol-
chem haben. Weil sie aber in andern Artikeln auch
standhaft blieb, wurde sie zum Tode verurteilt. Also
haben diese beiden ihr Leben um der Wahrheit willen
lassen müssen, und haben hiermit die blutdürstigen
Richter gesättigt, deren Füße schnell sind, Schaden zu
tun, und deren Hände schnell sind, imschuldiges Blut
zu vergießen.
Guilliame von Robaeys, im Jahre 1552.
Zu Körnen, in Flandern, wurde auch in demselben
Jahre ein Bruder, genannt Guilliame von Robaeys, um
der Gerechtigkeit, Wahrheit und der Nachfolge Christi
willen verfolgt, gefangen, untersucht, gepeinigt und
endlich getötet.
Henrich Dirkß, Dirk Janß und Adrian Cornelius.
Auch wurden in demselben Jahre 1552 drei Brüder,
mit Namen Henrich Dirkß, Dirk Janß, und Adrian
Cornelius, zu Leyden gefangen genommen und we-
gen ihres Glaubens untersucht; als sie aber denselben
ohne Furcht bekannten und davon nicht abweichen
wollten, sind sie auch zum Tode verurteilt worden.
Henrich Dirkß trat mit Freuden vor und sagte: Selig
sind, die hier weinen, denn sie werden dort lachen
und mit glänzenden Kleidern, ja, mit der ewigen Kro-
ne belohnt werden, wenn sie standhaft streiten. Dieses
ist des Herrn Sabbat, wonach ich mich lange gesehnt
habe, nicht, als ob ich würdig wäre, um seines Na-
mens willen zu leiden, sondern Er hat mich hierzu
würdig gemacht, und also leiden wir nicht wegen
Diebstahls oder Mordes, sondern wegen des reinen
Wortes Gottes.
Dirk Janß sprach: Obgleich uns alle Menschen ver-
achten, so verachtet uns doch Gott um deswillen nicht;
denkt daran, ihr Herren, dass dort oben ein Richter
sei über alle, und glaubt, dass Er auch einmal richten
und urteilen werde. Dieses Leiden, sagt er, ist nicht
so groß, Christus hat viel mehr leiden müssen, als Er
sein Blut für uns vergossen hat; Er wird uns stärken in
dem, was wir um seines Namens willen leiden, denn
wir leiden um keiner Sekte oder Übeltat willen; denn
außer unserem Glauben, den wir verteidigen, wird
man sonst keinen rechten Glauben finden. Darum, o
Gott, erbarme dich doch meiner und nimm mich auf
deine Arme. Adrian Cornelius sagte mit tapferem Ge-
müte: Diesen Weg ist Christus und auch seine lieben
Apostel vorgewandelt; nun sollen wir, seine Knech-
te, nicht über unserm Herrn sein. Hierauf fielen sie
auf ihre Knie, verrichteten ihr Gebet ernstlich zu Gott
und sagten beim Aufstehen: Sie meinen mit uns die
Gottesfürchtigen zu töten und auszurotten, aber statt
einem, den sie umbringen, werden ihrer hundert wie-
der aufstehen. Darum fürchtet nicht diejenigen, die
den Leib töten, sondern fürchtet den, der Leib und
Seele in die ewige Pein werfen kann. Als sie auf der
Bank standen, riefen sie: Fürchtet nicht das Zeitliche,
sondern fürchtet das, was ewiglich währen wird, denn
ewig währet lang. Hiermit haben sie ihre Seelen in die
Hände Gottes befohlen und ihr Brandopfer verrichtet.
Nun liegen sie und ruhen unter dem Altäre und war-
ten darauf, dass sie mit glänzenden Kleidern angetan
werden und dass ihnen in des Himmels Throne der
neue Wein eingeschenkt werde.
Hier folgen einige Briefe, von Adrian Cornelius im
Gefängnisse geschrieben.
Ein Gebet, eine Ermahnung und Bekenntnis des
Adrian Cornelius.
Ein Gebet, eine Ermahnung und Bekenntnis des Adri-
an Cornelius, Glasmacher, welcher zu Leyden gefan-
gen gelegen und daselbst um des Zeugnisses Jesu
willen, wie zuvor berichtet worden ist, im Jahre 1553
getötet worden ist.
Sein Gebet zu Gott
O Herr des Himmels und der Erde, der Du alles aus
nichts gemacht, der Du mir das Leben nach dem Bilde
deines Sohnes gegeben hast; ich hoffe jetzt dasselbe
um deines heiligen Namens willen aufzuopfern, denn
du bist der Herr, vor dem sich alle Knie beugen, die im
Himmel und auf Erden sind. Erhöre mein Gebet und
laß mein Rauchwerk Dir angenehm sein. Nimm deine
Gnade nicht von mir, der ich ein befleckter Mensch
bin, von unreinen Lippen; reinige meinen Mund, dass
dein Name dadurch gepriesen werden möge, neige
deine Ohren zu mir, so wirst du diejenigen anschauen,
die mich überfallen; aber es ist mir lieber, in der Men-
schen Hände zu fallen, als vor deinem Angesichte zu
sündigen; denn deine Augen sind wie eine Feuerflam-
me und dein Wort wie ein zweischneidiges Schwert,
170
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
welches an beiden Seiten scharf ist und durchdringt,
bis es Seele und Geist, auch Mark und Bein scheidet,
und ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens
ist, vor welchem keine Kreatur unsichtbar ist. Darum
rufe ich mit David, deinem lieben Propheten, aus, dass
es besser ist, in der Menschen Hände zu fallen, als in
deinen Zorn. O Herr! Führe mich in das Land Harun,
in welchem ich nicht einen Fuß Erbteil habe, näm-
lich in das Land der Verheißung; dies wollest Du mir
aus Gnaden geben und nicht nach meinem Verdienste
oder meinen Werken. Erlöse mich mit Lot von diesem
Geschlechte, bewahre mich, Herr, vor den grimmigen
Löwenzähnen, deren viele sind, ja vor den grimmigen
Wölfen am Abend, die nichts bis an den Morgen übrig
lassen, die mit ihren Füßen schnell laufen um unschul-
diges Blut zu vergießen. O Herr, bewahre mich mit
Sadrach, Mesach und Abednego, dass mir das Feuer
der Lästerung, welches aus ihrem Munde geht, nicht
schaden möge. O Herr! Laß mein Gebet mit Tobias
und Sarah erhört werden; erhöre mein Gebet mit Elia,
und nimm mich zum Brandopfer, welches lebendig,
heilig und dir wohlgefällig sei, damit die Propheten
Isabels zu Schanden werden und dein Volk nicht län-
ger verführen. Herr, bewahre mich mit Joseph vor
diesem bösen Weibe, dass ich lieber meinen Mantel
fahren lasse, nämlich meinen ersten Leib, denn es
heißt: Wer einer Hure anhängt, der ist ein Fleisch mit
ihr. Bewahre mich, Herr, denn ich rufe Himmel und
Erde zu Zeugen, dass ich in meiner Unschuld sterbe:
Wer sein Leben hier zu erhalten sucht, der wird es
verlieren, und wer sein Leben um des Herrn und des
Evangeliums willen verliert, der wird es erhalten. Dar-
um rufe ich auch mit dem alten Eleazar: Ich will lieber
sterben, als mit Schanden leben. O Herr, siehe, es ist
der Grimm einer großen Menge über uns angezündet,
und sie werden einige unter uns hinwegführen, und
die Erschlagenen mit Götzenopfer speisen; aber der
Herr bewahrte mich. Du gibst deinem Knechte Brot in
der Not und Wasser im Durste; zur Zeit der Trübsal
vergibst du die Sünden, hast auch zu deinen lieben
Propheten gesagt: Kann auch ein Weib ihres Kindleins
vergessen, dass sie sich nicht über den Sohn ihres Lei-
bes erbarme, und wenn sie desselben vergäße, so will
ich doch dein nicht vergessen; solches ist dein Wort,
Herr, Du hast es durch deinen lieben Apostel Pau-
lus geredet: Gehet aus von dem bösen Geschlechte
und rührt kein Unreines an; alsdann willst Du uns an-
nehmen und unser Vater sein, und wir werden deine
Söhne und Töchter sein. Nun gehen wir auch mit zum
Lager hinaus und wollen deine Schmach tragen hel-
fen. Herr, lehre uns nach deinem Willen bitten, dass
wir im Geiste und in der Wahrheit bitten mögen, dass
wir dich einen rechten Vater nennen, denn ein Sohn
soll seinen Vater ehren, und ein Knecht seinen Herrn.
Laß uns des Wortes teilhaftig werden, wenn gesagt
wird: Diese sind es, die ihr Leben nicht geliebt, son-
dern es zum Tode übergeben haben; denn diejenigen,
welche von den Menschen getötet worden sind, haben
von Gott eine bessere Hoffnung zu erwarten, dass sie
nämlich werden wieder auferweckt werden. Denn Du
prüfest deine Auserwählten, Du prüfest sie wie Gold
im Ofen. Du nimmst sie auf als eine Aufopferung des
Brandopfers. Herr, laß deinen Knecht im Frieden; hei-
liger Vater, heilige deinen Sohn, damit ich untadelhaft
erfunden werden möge in deiner Zukunft. Bewah-
re mich, heiliger Vater, um deines heiligen Namens
willen, Amen.
Des Adrian Cornelius Ermahnung an die Freunde.
Die reiche Gnade und der Friede Gottes, unseres
himmlischen Vaters, der uns durch das Bad der Wie-
dergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes
gereinigt hat, hat uns einen klaren Schein in unsere
Herzen gegeben, und die Augen des Verstandes durch
die Hoffnung des Evangeliums geöffnet, und hat uns
gewarnt, dass wir das imgöttliche Wesen und die welt-
lichen Lüste verleugnen und in dieser Welt züchtig,
gerecht und gottselig leben sollen, dass wir uns von
dieser Welt vor Gott dem Vater unbefleckt halten sol-
len, welcher will, dass alle Menschen selig werden
und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, dass wir
zur Zeit der Offenbarung Hoffnung und Trost haben
mögen, und unter die Zahl der Auserwählten gezählt
werden. Hierzu mache euch tüchtig der Vater und
sein gesegneter Sohn, Jesus Christus, nun und zu al-
len Zeiten, bis in Ewigkeit, Amen.
Wir Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Got-
tes, gebaut auf den Grund der Apostel und Propheten,
wovon Christus der Eckstein ist, auf welchem der gan-
ze Bau aneinanderhängt, und zum heiligen Tempel in
dem Herrn wächst. Heil sei den zwölf Geschlechtern,
die durch die Grausamkeit der Befehle und die stren-
ge Verfolgung überall zerstreut sind. Darum, meine
lieben Brüder und Schwestern, lasset es euch nicht
verdrießen, dass ihr nun eine Zeitlang leidet, und von
einer Stadt zur andern fliehen müsst, gedenkt, meine
lieben Freunde, dass es euch alles zur Seligkeit dient,
und nehmt Tobias mit seinem Weibe und seinem Soh-
ne zum Vörbilde, wie er flüchtig werden musste und
man ihn heimlich verbarg; desgleichen Mathatias mit
seinen Söhnen und denen, welche ihn liebten, wie
er sagt: Wer nun fromm ist und wohlgemut, der ma-
che sein Testament und folge mir nach. Nehmt euch
Abraham, Isaak und Jakob zum Vörbilde, die in Hüt-
ten wohnten, und noch andere mehr; denn wir haben
171
hier keine bleibende Stätte. Sie gingen in Schafs- und
Ziegenfellen umher und hatten Mangel, Trübsal und
Ungemach, deren die Welt nicht wert war. Sehet, mei-
ne geliebten Freunde, denkt nicht, dass ihr allein seid,
oder dass ihr von dem Herrn verlassen seid, wenn
euch ein Sturmwetter überfällt, sondern bedenkt, dass
wir durch viele Leiden das Reich Gottes einnehmen
müssen. Hätten die Vorgemeldeten das gemeint, so
hätten sie, nachdem sie ausgezogen waren, ja Zeit,
wieder umzukehren; aber diese geben zu verstehen,
dass sie ein Vaterland suchen, eine Stadt, die einen
Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.
Darum hat sich auch Gott nicht geschämt, ihr Gott
genannt zu werden. Also auch, meine lieben Freunde,
wird er sich unserer nicht schämen; denn er spricht
durch seinen frommen Propheten Jesaja: Kann auch
eine Mutter ihr eigenes Kind verlassen, welches sie
selbst geboren hat? Und wenn sie auch dessen vergä-
ße, so wird dich doch Gott nicht vergessen. Darum
schauet an, wie der gnädige Vater mit allen frommen
Kindern Gottes gewesen sei, und wie Er sie durch
seine starke Hand bewahrt und erhalten habe, wie
wir bei Abraham klar sehen mögen, denn Gott hat
ihn oft getröstet, als er in ein fremdes Land auszog.
Er stärkte Jakob, als er vor Esau, seinem Bruder, floh;
Er speiste Hiskia drei Tage und drei Nächte, welcher
über die Lästerung Sanheribs klagte; Er erlöste die
Juden durch Judith, die von Holofernes belagert wa-
ren; Er erlöste die drei Jünglinge von der Hitze des
feurigen Ofens, auch war Er in der Grube bei Daniel,
dass die Löwen ihn nicht zerrissen; Er erlöste Israel
aus des Pharao Dienstbarkeit; Er erlöste Rahab aus
dem Schatten des Todes; Susanna erlöste er durch
Daniel; Petrus erlöste Er aus dem Kerker; Johannes er-
löste er von der Insel Patmos; Paulus tröstete Er durch
ein Gesicht, als er nach Damaskus reiste; die Apostel
tröstete er durch den Tröster, den Heiligen Geist; Er
verwandelte Josephs große Traurigkeit in Ägypten
in große Freude. Also wird Gott euer aller Herzeleid
in große Freude verwandeln, wie Er selbst sagte: Die
Welt wird sich freuen, ihr aber werdet traurig und
betrübt sein; doch seid getrost, eure Traurigkeit soll
in Freude verwandelt werden. Ein Weib, wenn sie ge-
biert, hat Traurigkeit, aber wenn sie das Kind geboren
hat, so gedenkt sie der Traurigkeit nicht mehr, weil
der Mensch zur Welt geboren ist; also auch ihr habt
nun Traurigkeit, aber ich will euch wieder sehen, und
eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt weiden,
und diese Freude soll niemand von euch nehmen.
Darum fürchtet euch nicht, meine lieben Freunde,
vor den Menschenkindern, welche wie Heu vergehen;
fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist eures
Vaters Wohlgefallen, euch sein Reich zu geben; fürch-
tet euch nicht, meine lieben Freunde, vor dem tyranni-
schen Geschlechte; fürchtet euch nicht vor denen, die
den Leib töten; aber ich will euch zeigen, vor wem ihr
euch fürchten sollt; fürchtet den, welcher, nachdem
ihr tot seid, Macht hat, ins ewige Feuer zu werfen.
Auch ist, meine lieben Freunde, das wenige Leiden
und Trübsal hier sehr gering gegen die ewige Pein
oder Strafe. Aber Johannes in der Offenbarung sagt
also: Fürchtet Gott und gebt Ihm Ehre. Und der Pro-
phet Esdras sagte also: Siehe, Gott ist Richter, fürchtet
ihn und lasst ab von euren Sünden, und vergesset
jetzt eurer Ungerechtigkeit, dass ihr dieselbe nicht in
Ewigkeit treibt und Gott wird euch ausführen und
von aller Trübsal erlösen. Siehe, es wird über euch
der Grimm einer großen Menge angezündet, und sie
werden einige von euch wegführen und die Erschlage-
nen mit Götzenopfer speisen und diejenigen, welche
ihnen nicht Beifall geben, werden von ihnen verlacht,
gehöhnt und zertreten werden, denn es wird große
Empörung wider die umliegenden Städte wegen der-
jenigen, die Gott fürchten, entstehen, und sie werden
wie unsinnige Menschen sein indem sie niemanden
verschonen und diejenigen wegführen und vertilgen,
die noch Gott fürchten; sie werden deren Güter ver-
wüsten und rauben, und sie aus ihren Häusern versto-
ßen. Alsdann wird die Bewährung der Auserwählten
offenbar werden, gleichwie das Gold, welches durch
das Feuer bewährt wird. Darum meine Auserwählten,
sehet, die Tage der Trübsale sind vorhanden und der
Herr wird euch davon erretten. Ihr sollt euch weder
fürchten noch Wanken, denn Gott ist euer Herzog.
Der Herr wird euch nicht als Waisen lassen, denn
Er sorgt für alle. Er wird uns bewahren wie seinen
Augapfel. Darum lasst nicht nach um unserer Trüb-
sal willen, die über uns gekommen ist, denn wenn
ihr dem Herrn treu bleibt, so wird euch das Unge-
witter bald überfallen; aber bedenket, meine lieben
Freunde, dass gleichwie des Leidens Christi viel über
uns kommt, so kommt auch der Trost reichlich durch
Christum. Denn kein Auge hat gesehen und kein Ohr
hat gehört, es ist auch in keines Menschen Herz ge-
kommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben.
Wer nun solche Hoffnung in sich hat, der reinige sich
selbst, gleichwie er rein ist und sondere sich von dem
unartigen Geschlechte ab; habe auch keine Gemein-
schaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis,
sondern bestrafe sie vielmehr, denn was heimlich von
ihnen geschieht, das ist auch schändlich zu sagen, was
aber vom Lichte bestraft wird, das ist Licht; darum
sagt Er: Wache auf, der du schläfst, und stehe auf,
von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. Dar-
um, meine lieben Freunde, wenn noch einige unter
euch wären, die träge oder schläfrig sind, so lasset die-
172
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
selben aufwachen, oder sie werden mit den törichten
Jungfrauen ausgeschlossen werden. Ach, meine lieben
Freunde, es wird euch nichts nützen, dass einige un-
ter euch verstehen, welches der Weg sei. Ach, meine
lieben Freunde, das Wissen bläht auf, aber die Liebe
erbaut; denn es nützt nichts, dass man den Weg ver-
steht, sondern man muss darauf wandeln, und wenn
er auch enge, schmal und voller Arbeit ist, so will er
doch gewandelt sein. Darum, meine lieben Freunde,
die ihr des himmlischen Rufes teilhaftig geworden
seid, nehmt die Zeit der Gnaden wahr und seht nicht
auf diejenigen, die kalt und träge wandeln, sondern
trachtet darnach, dass ihr durch die enge Pforte einge-
hen möget, denn viele werden darnach trachten, wie
sie hineinkommen und werden es nicht tun können.
Wie aber das, meine lieben Freunde? Darum, weil sie
durch einen andern Weg einzugehen suchen, welcher
uns nicht geboten ist, als derjenige, welcher durch
Christum hineingeht, denn Er ist der Weg. Diese sind
es, die die Stadt ererben werden, welche der Bräuti-
gam an die Tafel setzen und ihnen dienen wird; aber,
meine lieben Freunde, die Lauen, die weder kalt noch
warm sind, wird Gott aus seinem Munde ausspeien,
die da sagen, dass sie reich seien und haben gar satt;
wissen aber nicht, dass sie arm, jämmerlich, nackend
und blind seien. Darum kommt Salomo und sagt: Ge-
he hin zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an; sie
bereitet ihr Brot im Sommer, dass sie im Winter zu
zehren habe. Auch kommt der Prophet Jeremias und
sagt also: Die Kraniche und Schwalben merken auf
ihre Zeit, wenn sie wiederkommen sollen, aber mein
Volk merkt nicht auf die Zeit. O ihr Unwissenden!
Der Ochse kennt die Krippe seines Flerrn. Ihr, die ihr
sagt, es wird morgen schönes Wetter sein, und es ge-
schieht also. O ihr, die ihr die Gestalt des Himmels
und der Erde beurteilen könnt, könnt ihr denn nicht
unter euch beurteilen, was recht ist. Darum, meine lie-
ben Freunde, sehet zu, dass nicht jemand unter euch
träge erfunden werde, sondern seid aufgeschürzt und
habt den Stock in der Hand um das Osterlamm zu
essen, denn wir haben ein Osterlamm zu essen, wel-
ches Christus ist. Darum lasset uns nun Ostern halten,
nicht im alten Sauerteige, auch nicht im Sauerteige
der Bosheit, sondern in dem Süßteige der Lauterkeit
und Wahrheit.
Darum, meine herzlich geliebten Freunde, verwun-
dert euch nicht, wenn ihr durch das Feuer der Trübsal
versucht werdet, als ob euch etwas Neues widerführe,
sondern werdet des Leidens Christi teilhaftig, damit
ihr in der Zeit der Offenbarung Hoffnung und Trost
haben mögt. Niemand leide unter euch als ein Dieb
oder Mörder; leidet aber jemand als ein Christ, so
schäme er sich nicht, sondern preise Gott in dieser
Sache, denn es ist Zeit, dass das Gericht am Hause
Gottes anfange, wenn aber zuerst an uns, was will es
für ein Ende mit denen nehmen, die dem Evangelium
Jesu Christi ungehorsam sind? Und so der Gerech-
te kaum wird erhalten werden, wo will der Gottlose
und Sünder erscheinen? Darum sagt Salomo: Da der
Gerechte auf Erden leiden muss, wie viel mehr der
Sünder und Gottlose?
Darum, meine lieben Freunde, seht euch vor, flie-
het den Schatten dieser Welt. Meine lieben Freunde,
trachtet nicht darnach, in andere Länder zu ziehen,
um dem Kreuze zu entfliehen, oder große Freiheit
zu erlangen. Ach nein, meine lieben Freunde, son-
dern beugt euch allezeit unter das Kreuz, denn die
Kinder, welche unter der Rute sind, sind so gehor-
sam, dass sie sich immer fürchten, ihr Herr möchte
kommen und sie schlafend finden, und darum sind
sie immer fleißig, damit sie nicht schlafend gefunden
werden; denn wenn das Fleisch nur ein wenig Frei-
heit erlangt, so nimmt es sich selbst noch mehr. Meine
lieben Freunde, ich bin so keck gewesen, solches an
euch zu schreiben; nehmt solches zum Besten auf; ich
bin zwar euer Herr nicht in dieser Sache, aber ich
schreibe, wie mein eigenes Fleisch mir Zeugnis gibt.
Darum, meine lieben Freunde, wandelt weislich unter
denen, die draußen sind; bleibt unter dem zerstreuten
israelitischen Häuflein, denn wo Blut vergossen wird,
da kann man Gewinn machen; wuchert daselbst mit
eurem Pfunde, ein jeder nach der Gabe, die er von
Gott empfangen hat; begegnet einander mit Ehrerbie-
tigkeit, befleißigt euch, dass ihr euch selbst als geübte
Diener Gottes zeigt; legt alle List und Heuchelei von
euch und seid nach der lautern unverfälschten Mich
begierig, wie neugeborene Kindlein, dass ihr dadurch
aufwachset; wenn ihr anders geschmeckt habt, wie
freundlich der Herr ist. Zu welchem ihr gekommen
seid, als zu dem lebendigen Steine, so bauet euch auf
zum geistigen Hause, zum königlichen Priestertume,
zum heiligen Volke, zum Volke des Eigentums, damit
ihr die Tugenden desjenigen verkündigt, der euch als
gehorsame Kinder berufen hat. Der da redet, der rede
mit Gottes Wort; verrichtet euren Dienst weislich, da-
mit euer Schatz nicht gelästert werde. Und gleichwie
ihr vormals fleißig gewesen seid von Gott abzuirren,
so wendet nun um desto mehr Fleiß an, euch zum
Herrn zu bekehren, und seid darin ohne Grenzen. Tut
allen Menschen Gutes, besonders aber den Glaubens-
genossen, und seht zu, dass ihr in eurem Glauben
Tugend erweiset, in der Tugend Bescheidenheit, in
der Bescheidenheit Mäßigkeit, in der Mäßigkeit Gott-
seligkeit, in der Gottseligkeit brüderliche Liebe, und
in der brüderlichen Liebe allgemeine Liebe; wenn ihr
alles dieses besitzt, so wird es euch in der Erkenntnis
173
des Herrn weder leer, noch unfruchtbar sein lassen;
wer aber dieses nicht hat, der ist blind und tappt nach
dem Wege, und vergisst die vorige Reinigung seiner
Sünden. So soll es nicht bei euch sein, meine Freunde;
macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon,
und wenn ihr der geistigen Güter teilhaftig seid, so
macht euch auch untereinander der zeitlichen Güter
teilhaftig; lasset solches ordentlich zugehen und be-
denkt, dass es seliger ist zu geben als zu nehmen, denn
wir lesen Joh 6, dass einige dem Herrn nachfolgten,
der aber sagte: Ihr folgt mir nicht, weil ihr die Zeichen
gesehen, sondern weil ihr von dem Brote gegessen
habt und satt geworden seid.
Darum, meine lieben Freunde, wirket nicht Speise,
die vergeht, sondern die bleibt ins ewige Leben, denn
der Mensch lebt nicht allein vom Brote, sondern von
einem jeden Worte, das aus dem Munde des Herrn
geht; die Speise gehört dem Bauche, und der Bauch
der Speise, aber Gott wird den Bauch und die Speise
vernichten. Deshalb, meine lieben Freunde, wenn ihr
euch nach dem Evangelium richten werdet, so wer-
det ihr fruchtbare Reben an dem wahrhaftigen Wein-
stocke Christo und liebliche Ölzweige sein, welche
auf Christum gepfropft sind. Meine lieben Freunde,
lasst euch nicht durch die Feinde des Kreuzes Chris-
ti zum Abfall bewegen; glaubet denen nicht, welche
das Evangelium ohne Kreuz predigen wollen, denn es
sind diejenigen, die euer Fleisch lieben und eure See-
le töten; es sind diejenigen, welche Kissen unter die
Arme oder unter die Häupter legen; sondert euch ab
von solchen, denn solche dienen nicht dem Herrn Je-
su Christo, sondern ihrem Bauche und verführen die
einfältigen Herzen durch süße Predigt und schmei-
chelnde Worte, denn uns ist nicht unbewusst, was der
Teufel im Sinne hat, indem der Teufel sich in einen
Engel des Lichtes verwandeln kann; was ist es also
für ein Wunder, dass seine Diener auch von außen
diese Gestalt an sich haben? O meine lieben Freunde,
ein Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu morden;
darum hütet euch, dass ihr von ihnen nicht verführt
werdet und aus eurer eigenen Festung fallt. Darum,
halte, was du hast, dass dir niemand deine Krone neh-
me, und wer steht, sehe zu, dass er nicht falle, denn
was hast du, das du nicht empfangen hast, indem alle
geistigen und vollkommenen Gaben von oben her-
ab, von dem Vater des Lichtes kommen, bei welchem
weder Veränderung nach Wechsel des Lichts und der
Finsternis ist.
Darum ermahnet einander, meine lieben Freunde,
alle Tage umso mehr, weil der Tag Christi herannaht,
und das, solange als es heute heißt. Seht doch zu,
dass ihr füreinander Sorge tragt, und fragt nicht viel,
meine lieben Freunde, nach andern, wenn ihr zusam-
menkommt, oder wo ein jeder wohnt, sondern seid
in solchen Dingen unweise, und seid Kinder in der
Bosheit, alt und Greise aber in dem Verständnis; be-
wahrt auch die Türe eures Mundes vor derjenigen, die
in euren Armen liegt. Meine lieben Freunde, habt ihr
Verstand, so antwortet eurem Nächsten, ist das aber
nicht, so sei eure Hand auf eurem Munde, damit ihr
nicht durch ein unmanierliches Wort gefangen und so
zu Schanden werdet. Lasst kein faules Geschwätz aus
eurem Munde gehen, sondern redet was nützlich zur
Besserung ist, dass es nötig und holdselig sei zu hö-
ren, und betrübt auch nicht den heiligen Geist Gottes,
durch welchen ihr auf den Tag der Erlösung versiegelt
seid. Meine lieben Freunde, hiermit hoffe ich meinen
Abschied zu nehmen; haltet es mir zugut, dass ich
euch ein wenig geschrieben habe; ich hoffe, es werde
euch erbaulich sein. Ich habe auch allen Fleiß auf die-
se kleine Gabe verwandt, die mir der Herr gegeben
hat.
Von mir, Adrian Cornelius, Glasmacher, eurem un-
würdigen Bruder, der ich nicht wert bin, ein Bruder zu
heißen. Geschrieben in meiner Gefangenschaft, als ich
mit zwei Mitgenossen und einem Dritten, der jedoch
von uns abgesondert war, sowie mit zwei Schwestern,
welche in einem unterm Zimmer liegen, im Stocke saß;
wir warten alle Tage auf unseres Leibes Erlösung. Ich
hoffe auch, dass wir die Hälfte unserer Pilgerschaft
schon zurückgelegt und das Übrige bald vollendet
haben.
Seid dem Herrn anbefohlen, liebe Brüder. Gedenket
der Gefangenen, wir gedenken eurer in unseren Ge-
beten. Grüßet alle Liebhaber der einigen Seligkeit mit
Namen; die Zeit ist nun zu streng, um zu schreiben,
darum richten wir uns nach der Zeit.
Wisset, wie es uns neulich ergangen ist. Des Sonn-
tags kam ein Pfaffe zu uns, als wir Montags darauf
geopfert werden sollten, welcher uns sagte: Ihr müsst
sterben. Antwort: So taten auch die Juden und sag-
ten: Wir haben ein Gesetz, danach muss er sterben.
So müssen auch wir, wie solches des Kaisers Befehl
ausweist. Aber wir haben den Pfaff gefragt, ob ihre
Dinge richtig wären. Er antwortete uns: Nicht alle,
denn wir haben auch Missbräuche in unsern Kirchen.
Da sagten wir: Ein wenig Sauerteig versäuert den gan-
zen Teig; worauf er uns zur Antwort gab: Und doch
muss er Sauerteig haben. Daran kann man merken,
dass ihre Dinge nicht gut sind; aber hütet euch vor
solchen, denn sie sind nicht von Gott gesandt. Grüßet
alle Liebhaber des Wortes Gottes.
174
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Des Adrian Cornelius Bekenntnis vor der
Obrigkeit.
Dieses ist des Adrian Cornelius Bekenntnis vor der
Obrigkeit und den Pfaffen, nebst einem Berichte, wie
er gefangen genommen worden ist.
Meine werten, herzlich geliebten, Brüder und
Schwestern, Heil sei den zwölf Geschlechtern, die
hin und her zerstreut sind, in Pontus, Galatien, Kap-
padozien, Asien und Bithynien, samt allen, die den
Herrn aus reinem Herzen an ihren und unsern Orten
anrufen. Ich muss euch ein wenig schreiben und hof-
fe hiermit meinen Abschied zu nehmen. Hört, wie es
mir in meiner Gefangenschaft ergangen ist. Es hat sich
zugetragen, dass ich nach Leyden gekommen bin, wo
ich mit meinem Bruder ein Gespräch hatte; wir wun-
derten uns, woher es käme, dass sie unsere Freunde
so lange gefangen hielten. Darum verabredeten wir,
dass ich mit des Schultheißen Knecht, welcher Jan
von Delft genannt wurde, reden und ihn fragen sollte,
wie es um die Gefangenen stände, und ob sie nicht
bald aufgeopfert würden. Er sagte hierauf: Ich höre
gar nichts davon. Da sagte ich: Diese lange Gefan-
genschaft macht euch viel Mühe. Jan: Ich wäre wohl
zufrieden, wenn es bald zu Ende wäre. Adrian: Du
kannst kaum mehr fort. Jan: Ja, das ist wahr. Adrian:
Dir wäre wohl Ruhe nötig. Jan: Ja, es wäre bald Zeit.
Adrian: Jan Jantz, ich möchte wohl ein wenig mit dir
von einigen Dingen reden. Jan: Ich habe hier noch et-
was zu tim, nachher aber will ich mit dir reden; warte
hier ein wenig auf mich. Ich wartete ein wenig und
er kam noch ehe er die Gefangenen versorgt oder ih-
nen Essen gebracht hatte; er redete freundlich mit mir
und war mit meinen Worten so sehr einverstanden,
dass ich nichts anderes dachte, als er würde unsern
Glauben auch annehmen. Da sagte ich: Jan Jantz, was
dünkt dich; willst du dieses Amt aufgeben und die Ge-
fangenen befreien, dann will ich machen, dass es dir
wohlgehen soll, denn solches kannst du tun, du hast
die Schlüssel. Ehe ich ihm dieses Anerbieten machte,
hatte er schon zu unsern Freunden im Gefängnisse
gesagt: Ich will einmal die Tür offen stehen lassen,
dass ihr herauslaufen könnt. Was willst du denn tun,
sagten unsere Freunde. Um deswillen bin ich desto
kecker in meiner Rede gewesen, wobei ich mich der
Worte Pauli von dem Stockmeister erinnerte, ob etwa
der Herr diesem auch einige Gnade gegeben hätte,
und da mich unsere Freunde hierzu aufforderten, re-
dete ich viel mit ihm. Er nannte mir einige und fragte,
ob ich dieselben wohl kenne. Ich sagte: Nein, ich habe
aber wohl von ihnen gehört; doch nannte er mir einen,
den ich wohl kannte. Da sagte ich: Ja, ich kenne die-
sen wohl. Darauf fragte er mich, wo ich her sei? Ich
antwortete: Ich bin in Schonhoven geboren, sagte ihm
aber nicht, dass ich in Delft wohnte; aber wie klug ich
auch war, so war doch der Teufel listiger, wie bekannt
ist. Wir gingen lange miteinander und kamen wieder
an das Gefängnis. Da sagte er: Willst du einmal mit
den Gefangenen reden? Ich ging unverzagt hinein
und kam zu unsern lieben Schwestern und redete mit
ihnen, wiewohl ich mich nicht zu erkennen gab. Die-
ser Diener aber ging ein wenig beiseite und redete mit
einem andern Diener; da merkte ich wohl, was mir
begegnen, würde. Es möchte aber vielleicht jemand
fragen oder sagen: Warum bist du hineingegangen?
O liebe Freunde, mein Fleisch und Blut hat mich nicht
hineingetrieben; hier gilt weder Laufen noch Rennen,
sondern es gilt, wie der Prophet sagt: Wir mögen wohl
fliehen, aber nicht entfliehen. Darum kommen wir alle
endlich an den Ort, wo wir hingehören. Ich dachte
nicht, dass ich nach Leyden eine glückliche Reise ha-
ben würde. Hierauf fragte mich der andere Diener, ob
ich hinauf zu den andern gehen wollte; ich dachte, es
ist schon so arg, als es werden mag, und ging hinauf;
sofort schlossen sie die Türe hinter mir zu, und der
eine ging nach dem Schultheißen.
Als ich nun ein wenig droben war und mit unsern
Freunden geredet hatte, ging ich wieder hinunter; da
öffneten sie die Türe und der Nachtschultheiß stand
vor derselben. Er sagte: Hier warte ein wenig. Ich
fragte hierauf, ob ich hinauf gehen sollte? Er sagte: Ja.
Hierauf sagte ich: Christus hatte zwölf Apostel und
einer derselben war ein Judas; hier aber waren zwei
und einer war ein Judas; wohlan denn, der Herr sei
gelobt für seine Gnade. Bald darauf wurde ich oben
allein eingeschlossen; ich aber fing sofort an, das Lied
zu singen: Wie bist du nun, o Wahrheit, so zertreten!
Ich hatte aber nicht lange Zeit, denn es versammel-
te sich sehr viel Volks; sie kamen auch und nahmen
mir mein Testament und das Liedlein von unsern vier
Freunden, das ich gemacht hatte. Dann schlossen sie
mich ein unten bei E. S. Es dauerte nicht lange, so kam
der Schultheiß mit dem ganzen Rate; die Pforten wur-
den zugeschlossen, und man sagte, es seien ihrer ein
Dutzend in Leyden, sie waren auch sehr emsig und
meinten, sie hätten einen großen Hans oder Haupt-
mann gefangen, wiewohl leider nicht. Der Schultheiß
fragte hierauf: Wo ist dein Dolch. Ich antwortete: Mein
Meister hat mich keinen Dolch tragen lehren. Schult-
heiß: Wer ist dein Meister? Adrian: Christus ist mein
Meister. Schultheiß: Christus ist unser aller Meister.
Adrian: Wäre Christus euer Meister, ihr würdet euch
nicht unterstehen, wider Ihn zu streiten; aber es wird
euch teuer zu stehen kommen, wider den Stachel zu
lecken. Schultheiß: Solches fällt auf uns. Da fragten
sie, wo ich geschlafen hatte. Adrian: Ich habe wohl
175
geschlafen; hast du übel geschlafen? Schultheiß: Nein;
ich will es dich wohl sagen machen. Darauf fragte
einer von den Herren, ob ich wiedergetauft wäre. Ich
sagte: Nein, ich bin einmal recht getauft. Schultheiß:
Wer hat dich getauft? Ich fragte, ob er auch getauft
werden wollte. Schultheiß: Schäme dich nicht, solches
zu sagen; ich will dir wohl sagen, wo und von wem
ich getauft bin; hier in der St. Peterskirche. Adrian:
Willst du auch getauft sein, so will ich dir 's wohl
sagen. Schultheiß: Dazu habe ich noch keine Lust.
Adrian: Du bist noch nicht tüchtig dazu. Schultheiß:
Wo ist der Knecht mit dem Hute, der mit dir ging?
Adrian: Ich weiß von keinem Knechte mit dem Hu-
te. Schultheiß: Wir haben ihn mit dir gehen gesehen.
Adrian: Herr Schultheiß, du lügst; wärest du Christi
Diener, so gebührte dir nicht zu lügen. Da gaben sie
mir das Lied von den Freunden und fragten mich,
wer es geschrieben hätte. Ich sagte: Ich habe es ge-
schrieben. Sie fragten mich, ob ich es auch in Reime
gebracht hätte. Ich sagte: Ich habe es geschrieben; aber
wer es in Reime gebracht hatte, davon sagte ich nichts.
Da sagte der Unterschultheiß: Du warst auf einen
Freitag bei mir und hast mir von Maria Magdalena
eine untertänige Begrüßung gebracht. Hier hast du
auch gelogen, denn mein Meister hat mich keinen
untertänigen Gruß gelehrt. Unterschultheiß: Oder Er-
mahnung. Adrian: Dem ist nicht so. Dann sagten die
Diener und mehrere andere: Der Knecht ist trunken.
Ja, liebe Freunde, da fielen mir die Worte des Petrus,
Apg 2, ein: Denn wie sie trunken waren, so auch ich;
ich hatte den ganzen Tag weder Bier noch Brot ver-
sucht. Hierauf wollten sie wieder Weggehen, sie wuss-
ten aber nicht, wohin sie mich setzen sollten, denn Jan
von Delft, der Diener, sagte: Jetzt steht es gut mit E.
S., aber nun wird ihn dieser Bösewicht wieder verder-
ben. Dessen ungeachtet haben sie mich zu ihm gesetzt.
Dieses alles ist denselben Montag geschehen, als ich
gefangen genommen wurde.
Den folgenden Donnerstag kam der Schultheiß mit
zwei Ratsherren und einem Verordneten aus dem
Haag. Sie fragten mich vieles, ich aber sagte nichts;
auch fragten sie mich, wo ich geschlafen hätte, was
ich ihnen auch nicht sagen wollte, und noch viele an-
dere Dinge, welche zu weitläufig sind, zu erzählen;
auch fragten sie: Kennst du wohl Gelis von Aachen?
Ich sagte: Ich bin noch niemals in Aachen gewesen.
Als sie aber näher nachfragten, sagte ich: Ja, ich kenne
ihn. Da fragten sie, wo ich bei ihm gewesen wäre. Ich
sagte: Solches kann ich euch nicht sagen; dabei blieb
es. Sie sagten: Man wird es dich wohl sagen machen;
hierauf entgegnete ich: Meine Herren, ich habe mich
allezeit gehütet, viel zu wissen, damit, wo ich gefan-
gen würde, ich nicht viel sagen dürfte. Dann legten
sie mir die Briefe vor, die ich ihnen gesandt hatte und
auch das Lied; sie sahen auch wohl, dass es alles von
derselben Hand geschrieben war, ich aber bekannte
es nicht; ich dachte, es würde noch früh genug kom-
men, denn ich müsste ihnen doch etwas sagen, wenn
sie mich peinigten; außerdem ging auch die Sache
mich selbst an, darum habe ich es nicht verschwie-
gen, als ich gepeinigt wurde; von andern aber habe
ich keinen Befehl, um sie in Ungelegenheit zu brin-
gen; auch begehrte ich niemals, wenn ich mit jemand
redete, zu wissen, wo die Freunde wohnten. Darum
wisset, lieben Freunde, dass hierin unter einigen ein
großer Mangel sei, welche allezeit nach diesem und
jenem fragen, und wenn man es nicht sagt, es übel auf-
nehmen. Ach, liebe Freunde, wüsstet ihr, was das für
ein Leiden wäre, wenn ihr gefangen seid, ihr würdet
nicht so fragen. Wollt ihr nun etwas fragen, so fragt
nach dem Glauben, der eure Seele selig machen kann.
Seht, meine lieben Freunde, nehmt dies zum Besten
auf, denn ich habe euch dieses aus Liebe geschrieben.
Alle Pein, die ich ausgestanden habe, ward mir dar-
um angetan, weil sie andere von mir wissen wollten;
darum je weniger ihr wisset, desto weniger habt ihr
zu verantworten. Da besah der Verordnete mein Tes-
tament und sagte: Das ist ein verbotenes Testament.
Ich sagte: Da hast du auch gelogen; hierauf schwieg
er still, und es ward Abend. Sie aber gingen davon
und versprachen mir, nächstens Gericht über mich zu
halten. Früh morgens am Samstag kamen sie alle vor
acht Uhr und brachten mich in das Foltergefängnis,
wo der Scharfrichter war. Hierauf fragten sie mich, ob
ich mich eines andern besonnen hätte und antworten
wolle. Ich fing an, sie zu ermahnen; sie sagten: Wir
sind nicht gekommen, von dir unterrichtet zu werden,
sondern wir fragen dich, ob du es sagen wollest, aber
ich hatte hierzu keine Lust. Da zog mir der Scharf-
richter die Kleider aus und band meine Hände auf
den Rücken; sie befestigten sodann einen Pflock an
meine Beine und zogen mich mittelst eines Zughas-
pels in die Höhe und ließen mich hängen. Als ich nun
so hing, fragten sie mich, aber ich antwortete nicht;
indem sie mich aber wieder niederließen, fragte der
Schultheiß, wo ich gearbeitet, nachdem ich Flandern
verlassen hätte; zu Delft, sagte ich. Da sie mich aber
noch mehr fragten und ich es nicht sagen wollte, zo-
gen sie mich wieder in die Höhe; sie lösten aber den
Pflock von meinen Beinen, banden mir dieselben zu-
sammen, dann steckte der Scharfrichter ein Holz oder
Eisen zwischen dieselben und stellte sich auf dieses.
Als er mich nun wieder heruntergelassen hatte,
fragte der Schultheiß, ob ich zu einer gewissen Zeit,
die er nannte, mit sechs andern von meinen Freunden
in Leyden gewesen wäre; solches bekannte ich nicht.
176
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Da zog mich der Scharfrichter wieder in die Höhe;
sie hatten übrigens meine Augen verbunden, nahmen
Ruten und geißelten mich. Als sie mich wieder nie-
derließen, sagte der Schultheiß: Sage solches, oder ich
will es dir sagen; ich wollte niemanden in Ungelegen-
heit bringen. Da zogen sie mich wieder in die Höhe,
zupften mich bei meinem Barte und meinen Haaren,
und schlugen und geißelten mich auf meinem Rücken;
ich sah jedoch nicht, wer es tat, denn meine Augen
waren verbunden. Sie hätten auch wohl fragen mö-
gen: Wer hat dich geschlagen? Dieses hielt so lange an,
bis ich mit sieben oder acht Ruten geschlagen war. Sie
ließen mich aber wieder nieder, und als ich lange nicht
antwortete, begossen sie mich mit Wasser, denn sie
besorgten, ich möchte in Ohnmacht fallen; in eben der
Weise hatten sie mich auch begossen, als ich in die Hö-
he gewunden war; als ich nun mich widersetzte und
lange nichts redete, sagte der Schultheiß: Du willst es
nicht sagen, ich will es dir sagen, du hast bei Steven
Claeß geschlafen. Adrian: Das ist wahr. Schultheiß:
Du bist mit sechs deiner Freunde vor dem Gefängnis
gewesen und hast die Gefangenen ermahnt, dass sie
tapfer streiten und bei ihrem Glauben bleiben soll-
ten; auch hast du für sechs Stüber ein Boot gedungen,
und wer war der Knecht, dem das Boot zugehörte,
und der Knecht, der in dem andern Boote war, dem
der Schiffer einen halben Stüber gab und ihm seine
Kiste verdung, weil er mit dir fahren wollte? Auch
wusste er des Knechtes Namen, ebenso was wir getan
hatten, und dass eine Frau mit uns gewesen sei, dass
wir gelesen hätten, und dass zwei mit bloßem Haupte
dabei gewesen und wo wir ausgestiegen wären; ich
sagte hierauf, dem sei so, worauf sie diese Aussage
niederschrieben; ich entschuldigte zwar zwei von de-
nen, die in dem Boote gesessen hatten, aber es half
ihnen nichts, es blieb dabei. Hierauf zeigten sie mir
vier oder fünf Briefe; ja, sagte ich, ich habe sie geschrie-
ben. Hierauf sagten sie: Dieser ist der Befehlschreiber;
solches ziemt sich nicht, sagten die Ratsherrn, dass
du den Kaiser so gering machst. Darauf sagte ich,
ich mache den Kaiser nicht gering; wie groß aber der
Kaiser ist, so ist doch der oberste Kaiser noch größer.
Bringt mir eine Bibel und ich will euch zeigen, was
ich geschrieben habe. Sie sagten darauf: Warum hast
du diese Briefe geschrieben? Ich entgegnete: Ich habe
sie geschrieben, weil es mich jammerte, und damit ihr
eure Finger nicht mehr mit Blut besudeln, sondern
Buße tun mögt, wie die von Ninive taten. Das wart
ebenfalls aufgezeichnet; ferner fragten sie, was ich
von dem Sakramente des Altars hielte; ich sagte, dass
es nichts nütze. Frage: Wie lange bist du nicht dort
gewesen? Antwort: In vier Jahren nicht. Frage: Hast
du dich schon lange zu diesem Glauben bekannt? Ant-
wort: Nein. Frage: Warum gingst du nicht dazu? Aus
Unverstand wusste ich wohl, dass es nichts taugt. Da
machten sie sich davon. Sie waren mit mir von acht
Uhr bis zu halb zwölf des Mittags beschäftigt.
Dieses habe ich davon geredet, liebe Freunde, ver-
zagt nicht, obwohl es etwas scharf geschrieben ist;
der Herr hilft den Seinen; hätte mir der Herr nicht
geholfen, es wäre mir nicht möglich gewesen, es zu
ertragen; aber wir können alles durch den, der mich
mächtig macht, welcher ist Christus. Und gleichwie
des Leidens Christi viel über uns kommt, so kommt
auch viel Trost durch Christum.
Hiermit will ich schließen; ich trage die Malzeichen
(wovon Paulus spricht) an meinem Leibe.
Am Sonntagmorgen kamen sie und lasen mein Ver-
hör ab und fragten, ob dem so wäre. Da fiel mir in den
Sinn, dass der Prophet sagt: Es sind Wölfe am Abend,
die bis an den Morgen nichts übrig lassen, ja die mit
Füßen schnell laufen, unschuldiges Blut zu vergießen.
Ich sagte darauf zum Schultheiß, ob er noch nicht satt
wäre vom unschuldigen Blute, weil er auf dem Wege
der Ungerechtigkeit so fleißig war; er sagte darauf:
Ich töte euch nicht. Ich erwiderte: Des Kaisers Befehl
tötet uns, aber du solltest dann mit dem, das du hast,
zufrieden sein und nicht nach mehr fragen. Womit
willst du beweisen, dass du uns mit Recht tötest? Es
steht geschrieben: Sündiget dein Bruder an dir, so be-
strafe ihn zwischen dir und ihm allein; hört er dich
nicht, so nimm noch einen oder zwei mit dir; hört
er dann noch nicht, so sage es der Gemeinde; will er
auch die nicht hören, so halte ihn für einen Heiden
und öffentlichen Sünder; hier redet die Schrift nicht
von Töten. Schultheiß: Wir haben eine andere Schrift,
wenn Paulus sagt: Die Obrigkeit ist nicht umsonst
eingesetzt, denn Gott hat sie selbst verordnet. Adri-
an: Ja, den Guten zum Schutze und den Bösen zur
Strafe; aber es kommt mir vor, es werde das Gegenteil
befolgt, dass sie den Guten zur Strafe, den Gottlosen
aber zum Schutze sei. Schultheiß: Wir wollen dir wohl
mit Schriften dartun, dass wir ein Recht haben, dich
zu töten. Adrian: Solches könnt ihr mit dem Evangeli-
um nicht tun. Unterschultheiß: Was weißt du, was das
Evangelium sei. Adrian: Es steht geschrieben: Tue Bu-
ße und glaube an das Evangelium. Unterschultheiß:
Es sind acht Evangelien geschrieben. Adrian: Ich bin
mit vier dergleichen wohl zufrieden; können die mich
nicht belehren, so werden mich die vier andern auch
nicht belehren.
Schultheiß: Adrian Cornelius, soll man Gelehrte zu
dir schicken, dass sie dich mit dem Worte des Herrn
unterrichten? Adrian: Ich will mich mit des Herrn
Worte unterrichten lassen. Schultheiß: Das ist wohl
geredet. Adrian: Ich will nicht mit ihnen reden, es
177
sei denn, dass es in des Rates Gegenwart und im Bei-
sein meiner Mitgefangenen geschehe; das gefiel ihnen
nicht. Hierauf gingen sie davon und der Schultheiß
fuhr sofort nach Delft.
Drei Wochen später kam der Schultheiß ins Gefäng-
nis, wo wir zu dreien saßen und fragte, ob wir nicht
anfangen, überdrüssig zu werden. Wir sagten: Nein.
Darauf sagte ich: Jakobus sagt: Nehmt das Leiden
zum Vorbilde. Sie verwunderten sich, dass wir sol-
ches so gering achteten.
Da sagte ich zum Schultheiß: Gleichwie des Leidens
Christi viel über uns kommt, so kommt auch des Tros-
tes viel durch Christum. Schultheiß: Ich sollte denken,
es würde euch solches beschwerlich fallen. Adrian:
Fallt euch denn auch das Blutvergießen beschwerlich?
Er antwortete nichts; hierauf fragte er, ob man
uns Gelehrte bestellen sollte. Wir sagten: Wir wollen
uns allezeit mit des Herrn Worte unterweisen lassen.
Schultheiß: Man wird euch mit sonst nichts unterwei-
sen, als mit des Herrn Worte. Antwort: Wir wollen
unsem Glauben allezeit um einen bessern dahinge-
ben, damit man nicht sagen möge, wir seien halsstar-
rig, und dasselbe sollten unsere Widersprecher tun.
Schultheiß: Dem ist so; lasst euch unterweisen, denn
ihr wisst nicht, wie lange ihr noch zu leben habt. Adri-
an: Weißt du doch nicht, wie lange du noch hier zu
bleiben hast; wir sind nun schon verlassen, so wird
uns doch der Herr gnädig sein; hierbei hatte es sein
Bewenden; er sagte hierauf: Man wird euch jeman-
den bestellen. Als er die Treppe hinunterging, riefen
wir ihm nach, er sollte eine Bibel oder ein Testament
mitbringen.
Den Nachmittag kam ein Pfaffe mit zwei Dienern,
derselbe kam uns sehr schön vor; er legte seinen Kram
aus und meinte etwas zu verkaufen, redete auch sehr
angenehm, und als einer unter uns sich in Reden er-
ging, brachte er vieles vor; darauf sagte ich: Der Herr
hatte uns vor dem Sauerteige der Pharisäer und vor
denen, die in langen Kleidern gehen, gewarnt. Pfaffe:
Die Kleider machen es nicht aus. Darauf sagte ich,
ihre Dinge wären nichts nütze, Kindertaufe, Glocken-
lauten, Messe und all ihr Lumpenwerk. Er antwortete,
dass die heilige Taufe der Kinder Recht wäre. Ich frag-
te, wo dieses Recht geschrieben stände. Pfaffe: Im
1. Briefe an die Korinther, Kap. 16. Adrian: Daselbst
steht: Stephanus Hausgesinde seien die Erstlinge in
Achaja gewesen, die sich zum Dienste der Heiligen
begeben haben; diese konnten ja keine Kinder gewe-
sen sein; die Kinder könnten sich ja nicht zum Dienste
der Heiligen begeben, sondern man muss selbst den
Kindern dienen.
Er fragte uns wegen des Stockmeisters und seines
Hausgesindes, ob darunter keine Kinder wären? Ant-
wort: Nein. Pfaff: Woher weißt du das? Adrian: Es
steht geschrieben: Der Stockmeister freute sich, dass er
mit seinem ganzen Hausgesinde an Christum gläubig
geworden war. Die Kinder können sich nicht über den
Glauben erfreuen, indem sie keinen Glauben haben;
da war er hiermit auch am Ende. Auf solche Weise hat
er auch Lydia, die Purpurkrämerin angeführt. Pfaffe:
Als ich noch jung war, hatte ich meinen Glauben so
vollkommen als wohl jetzt. Adrian: Was sagtest du
denn damals? Darauf antwortete er mir nichts. So-
dann sagte er: Als ich geboren war, hatte ich die Hand
und wusste es nicht, ebenso auch meinen Glauben,
der in mir verborgen war, und die Erbsünde, die ich
hatte, wurde durch die Wiedergeburt des Wassers,
welche auf dem Taufsteine geschieht, hinweggenom-
men. Da fragte ich ihn, ob das Wasser oder Christus
für ihn gekreuzigt wäre. Pfaffe: Christus. Gleichwohl
suchst du die Seligkeit im Wasser; darauf schwieg er.
Da fragte Dirk Janß, wo es geschrieben stände, dass
man die Glocken taufen sollte. Pfaffe: Das ist von der
heiligen Kirche eingesetzt worden. Auch fragte ich ihn
wegen des Messehaltens, worauf derselbe antwortete,
dass er Gott in leiblicher Weise in Fleisch und Blut
in der Messe hätte. Ich sagte, er wäre ein Verführer.
Pfaffe: Hat denn Gott nicht gesagt: Nehmt, esst, das
ist mein Fleisch, und trinkt, das ist mein Blut, und so
oft ihr von diesem Brote esst, sollt ihr des Herrn Tod
verkündigen; darüber hatten wir ein langes Gespräch.
Darauf fragte ich ihn, ob er auch wohl in lTim 4
gelesen hätte. Pfaffe: Ja. Ich fragte, ob er ein Testament
mitgebracht hätte. Pfaffe: Ja, hier ist ein Testament in
Latein. Adrian: Wir sind in keiner lateinischen hohen
Schule, sondern in der hohen berühmten Schule des
Evangeliums gewesen, deren Lehrmeister der Geist
Gottes ist. Er sagte, er könnte es wohl in deutscher
Sprache lesen; dann las er die Stelle vor, von dem Ver-
bote ehelich zu werden und die Speise zu meiden. Ich
fragte, von wem es gesprochen sei. Er entgegnete, er
wüsste es nicht. Adrian: Wenn du ein Lehrer bist, so
gebührt dir solches wohl zu wissen. Pfaffe: Ja, es steht
von der Welt Ende. Adrian: Es wird von den letzten
Zeiten gesagt, willst du nun sagen, dass solches die
letzte Zeit nicht sei? Da schwieg er und sagte, er habe
das Ehelichen nicht verboten, vielweniger die Speise.
Wir sagten: Dein Vater hat es getan, nämlich der Papst;
du aber bist mit Haman darauf aus gewesen. Befehle
zu erlangen, um uns und die Unsrigen zu töten, auch
hast du geholfen, dem Kaiser zehntausend Pfund Sil-
ber zu geben. Pfaffe: Ich habe es nicht getan. Adrian:
Seid ihr Christen? Den Christen gebührt nicht, jeman-
den zu verfolgen. Pfaffe: Wir verfolgen euch nicht. Da
fragte ich ihn, ob die Christengemeinde verfolge, oder
ob sie Verfolgung litte? Pfaffe: Sie leidet Verfolgung.
178
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Darauf fragte ich, wo er Verfolgung litte, ob nicht wir
diejenigen seien, die Verfolgung leiden. Pfaffe: Wir
leiden Verfolgung vom Teufel. Da fragten wir, wo es
geschrieben stände, dass man uns um unseres Glau-
bens willen töten sollte. Er erwiderte, es sei um der
bösen Sekten willen verordnet. Wir sagten, wir hingen
keiner Sekte an. Pfaffe: Man mutmaßt, es möchte mit
euch so gehen. Darauf entgegnete Dirk Janß: Hängt
man auch wohl einen Mann, von welchem man mut-
maßt, dass er gestohlen habe, obgleich er solches nicht
getan hat? Ebenso sollte man uns auch nicht töten, ehe
man uns überwiesen hätte. Endlich ging der Pfaffe
davon und wir hatten ihn in vielen Dingen, wovon
er nichts verstand, gefangen; auch sagte ich, er sei
einer von denen, die Gott durch das Beichten seine
Ehre rauben, indem sie Sünde vergeben wollen; dar-
in wurde er auch geschlagen, und ging also hinweg.
Ich hoffe, wir werden unser Opfer bald miteinander
verrichten.
Ach, meine lieben Freunde! Seht doch zu, dass ihr
füreinander Sorge tragt und vorsichtig handelt, denn
die Menschen sind sehr ergrimmt, und setzen unse-
rem Bruder sehr nach, wo er ist. Deshalb handelt hier-
in etwas weißlicher, als einige unter euch tun, denn,
liebe Freunde, wenn es der Herr zuließe, sie würden
unbarmherzig mit ihm umgehen, wenn sie ihn hät-
ten. Darum nehmet solches zum Besten auf, denn es
sind so wenige Arbeiter in der Ernte und sorgt für
diejenigen, die nun in der Ernte sind. Und ferner, lie-
be Freunde, wenn ihr zusammenkommt, um von des
Herrn Worte zu reden, so bringt eure Zeit nicht mit
unnützem Geschwätze und albernen Gedichten zu,
sondern übt euch in der Gottseligkeit, damit ihr Wi-
derstand tun könnt, wenn das böse Stündlein kommt,
und alles wohl ausrichten mögt, und seid allezeit flei-
ßig, dass ihr den geistigen Tempel bis auf des Herrn
Zukunft mit Ehren aufbauet. Wer heilig ist, werde
noch heiliger, wer rein ist, werde noch reiner, gleich-
wie Paulus an die Thessalonicher schreibt, dass es
nicht nötig sei, solches ihnen zu schreiben, sondern
er sagte: Sie sollten noch überfließender werden; also
auch ihr, liebe Brüder. Leset die Ermahnung, die ich
euch geschrieben habe, und die euch wohl gezeigt
werden wird; grüßt mir alle Freunde in dem Herrn,
insbesondere unsem Bruder G., welcher ein treuer
Diener ist; auch grüßen ihn alle, die in Banden liegen;
sie grüßen auch zugleich alle, die die Wahrheit lieben.
Seid dem Herrn befohlen, und wisset, dass wir noch
alle guten Mutes sind, der Herr sei allezeit gelobt.
Meine lieben Freunde, ich muss euch noch ein we-
nig schreiben; das Papier, das mir zuerst zu Gebote
stand, war nicht groß genug, denn, geliebte Freunde,
das Papier ist rar in unserer Gefangenschaft; weil aber
Habakuk noch etwas Papier brachte, so schreibe ich
noch etwas von einigen Sachen, die sich in unserer
Gefangenschaft zugetragen haben, bis jetzt aber von
mir vergessen worden sind. Als der Diener, der mich
verraten hatte, uns Speise brachte, fragte ich ihn, ob
ich ihm vielleicht in einigen Dingen etwas Leides ge-
tan hätte, dann bäte ich ihn um Vergebung; solches
habe ich oft so freundlich zu ihm gesagt, als ich im-
mer konnte, wie uns denn solches geboten ist; hierauf
antwortete er: Du hast mir kein Leid getan, auch kei-
ner von den Eurigen; um meiner freundlichen Anrede
und Liebesbezeugung willen schämte er sich, dass
er mich verraten hatte, und dass ich ihm so liebreich
zuredete.
Ferner will ich noch einige Reden von dem Pfaffen
anführen, welcher uns zu unterrichten kam; ich fragte
ihn, ob er auch Glauben hätte. Er antwortete: Ja. Adri-
an: Solltest du einen Monat mit uns hier im Stocke
sitzen müssen, ich denke, du würdest deinen Glau-
ben verleugnen. Pfaffe: Vielleicht täte ich es nicht. Da
fing er an, vom Glauben zu reden, und sagte, dass der
Glaube imbegreiflich sei. Ich entgegnete: Ist der Glau-
be unbegreiflich, wie könnten wir denn selig werden?
Da ward er geschlagen. Darauf redeten wir ein we-
nig von dem Rufe der Lehrer, und wie Paulus gesagt
habe: Ein Lehrer soll unsträflich sein, und im ferne-
ren Verlaufe der Reden, dass sie gastfrei sein sollen.
Da sagte ich: Ihr sollt wohl lieber zu Gaste gehen, als
jemanden zu Gaste haben und Fremde beherbergen,
und, sagte ich, wenn ich zu dir käme, wolltest du
mich wohl aufnehmen? Pfaffe: Vielleicht wohl. Auch
redeten wir von der Kindertaufe; diese wollte er mit
den Hausgenossen beweisen. Ich fragte ihn darauf,
zu wem die Schrift redete: Redet sie nicht zu denen,
die Ohren haben zu hören und Herzen zu verstehen?
Pfaffe: Ja. Dann fragte ich ihn, ob den Kindern eini-
ge Schrift gehöre. Pfaffe: Nein. Adrian: Gehört den
Kindern keine Schrift, so gehört ihnen auch die Taufe
nicht. Da war er verstrickt und mit seiner Kindertaufe
geschlagen. Auch redete er noch von dem Essen des
Fleisches Christi, und von dem Trinken seines Blu-
tes, wie Christus seinen Aposteln Fleisch von seinem
Fleische, und sein Blut äußerlich zu trinken gegeben
habe; ich erwiderte darauf, er wäre ärger als die Juden.
Pfaffe: Warum? Adrian: Die Juden murrten darüber
und sagten: Wie kann uns dieser sein Heisch zu essen
geben? Du aber kommst nun und willst es aufessen.
Glaube gewiss, sagte ich zum Pfaffen, Christus hat
diese Reden nicht in dem Sinne gesprochen, worin du
sie nimmst. Summa: Er wäre gern mit Ehren fortge-
gangen, denn er konnte seinen Kram nicht anbringen.
179
Sechs fromme Brüder, 1552.
Sechs fromme Brüder, nämlich Lieven Janß, Mey-
nert Hermanß, Peter Thymanß, Reyer Egbertß, Hen-
rich Anthoniß, Claeß Gerbrantß, werden alle, um
des Zeugnisses Jesus Christi willen, zu Amsterdam
mit Feuer hingerichtet, oder lebendig verbrannt, den
6. August im Jahre 1552.
Das Blut der Märtyrer (sagte einer von den Alten)
ist der Same der Kirche; die Rose wächst in und unter
den Dornen, so auch die Rose der blühenden Gemein-
de Christi.
Dies ist in diesen schweren betrübten Zeiten zu
ersehen, worin fast von nichts als von Würgen, Bren-
nen, Morden und Blutvergießen der unschuldigen
und wehrlosen Schäflein Christi gehört wurde; dass
eben damals vielmehr Personen sich erhoben, ihnen
nachzufolgen und ihren Glauben anzunehmen, als
die Zahl derjenigen ausgemacht, die zuvor getötet
worden sind.
Man trat haufenweise (so zu sagen) in den geistli-
chen Streit, ja auf die Plätze, wo nichts anderes als der
gewisse Tod zu erwarten war, denn ein jeder war be-
reit, um Gottes willen (wenn er dazu von ihm würdig
erkannte würde) ein Opfer zu werden. Es wurde we-
der Feuer noch Schwert gefürchtet um des Zeugnisses
des Herrn willen, denn man sah auf seine tröstlichen
und herrlichen Verheißungen, welche er denen, die
standhaft bleiben, gegeben hat.
Dieses war im Jahre Christi 1552 im Monate August
an sechs frommen Christen zu ersehen, welche aus
Babel gegangen waren, und sich zu dem Angesichte
des Friedens, zu dem geistigen Jerusalem, der wah-
ren Gemeinde Gottes begeben hatten, wiewohl viele
Anfälle und Stürme auf sie getan wurden, sodass sie
auch durch den grausamen und schrecklichen Tod
des Feuers ihr heben eingebüßt haben.
Es hat sich aber die Sache so zugetragen, drei von
ihnen waren bereits durch die Taufe als Mitglieder der
Gemeinde aufgenommen, die übrigen drei aber wa-
ren dazu zubereitet. Unterdessen aber wurden sie alle
gefangen genommen und nach Amsterdam gebracht,
wo sie alle ein gutes Bekenntnis von dem allerheiligs-
ten Glauben, der in ihren Seelen wohnte, getan haben,
wiewohl die drei letzten sich darüber beklagten, dass
sie noch nicht die Taufe erlangt, zu welcher sie sich
(wenn es möglich gewesen wäre) noch vor ihrem Tode
begeben hätten.
Summa: Das Todesurteil wurde über sie alle gefällt,
nämlich, dass sie (als Ketzer) mit Feuer hingerich-
tet, das ist (nach dem Sprachgebrauche) lebendig ver-
brannt werden sollten; diese grausame Art des Todes
haben alle standhaft ertragen, wie solches aus nach-
folgendem Todesurteile zu ersehen ist, das wir aus
dem Buche des Blutgerichtes der Stadt Amsterdam,
welches ihnen kurz vor ihrem Tode vor Gericht vor-
gelesen worden ist, empfangen haben, und welches
wir zur vollen Feststellung der vorgemeldeten Sache
hier beifügen wollen.
Todesurteil der vorgenannten sechs Personen.
Todesurteil der vorgenannten sechs Personen, Lieven
Janß, Meynert Hermanß, Peter Thymanß, Reyer Eg-
bertß, Henrich Anthoniß, Claes Gerbrantß.
Nachdem Lieven, des Jansen Sohn von Gent, sonst
Liefken, der Kaiser genannt, seines Handwerks ein
Weber, Meynert Hermanß von Balchde, Holzsäger, Pe-
ter Thymanß von Zuiphen, sonst seines Handwerks
ein Küfer, nun aber ein Buchbinder, Reyer Egbertß,
Bürger dieser Stadt, Henrich Anthoniß von Leyden,
beide Weber, und Claes Gerbrantß, geboren zu Wor-
mer, sich in die heidnischen Zusammenkünfte und
Versammlungen der Leute begeben haben, die zur
Sekte der Wiedertäufer gehören und sich von den
Häuptern und Lehrern derselben haben unterrichten
lassen, nämlich der vorgenannte Claes Gerbrantß von
Menno Simon, schon vor zehn Jahren, und der vor-
genannte Lieven von Gent und alle andern von Gillis
von Aachen, gleichwie sie sich auch zu deren Leh-
ren, Irrtümern und Ketzereien, welche die genannten
falschen Lehrer ausbreiteten, begeben, und sich auch
von dem Glauben, Gehorsam und der Einigkeit der
heiligen christlichen Kirche abgesondert und eine ir-
rige Lehre von den Sakramenten der heiligen Kirche
haben, so dass der vorgenannte Lieven, Meynert und
Peter sich von vorgenanntem Gillis von Aachen haben
wiedertaufen lassen und also von der Taufe, die sie in
ihrer Kindheit empfangen haben, abgefallen sind; des-
gleichen, dass auch der vorgenannte Reyer Egbertß,
Henrich Anthoniß und Claes Gerbrantß, welche von
ihrer vorgenannten Taufe abgewichen sind, bekannt
haben, dass sie, wenn sie dazu gelangen könnten, zur
Wiedertaufe bereit seien, welches dem heiligen christ-
lichen Glauben, den Verordnungen der heiligen Kir-
che, den geschriebenen Rechten und Befehlen der kai-
serlichen Majestät, unsers gnädigen Herrn, zuwider
ist, auch überdies noch in ihrem Unglauben, Ketzerei
und Irrtümern halsstarrig verharren, so haben mei-
ne Herren des Rates, nachdem sie meines Herrn, des
Schultheißen Anklage gegen die Vorgenannten gehört,
wie auch ihr Bekenntnis und der vorgemeldeten Sache
Umstände genau erwogen, die Vorgemeldeten dahin
verurteilt, dass sie von dem Scharfrichter mit Feuer
hingerichtet werden sollen, wobei sie ferner erklären,
dass ihre Güter zum Nutzen der kaiserlichen Maje-
180
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
stät, als Grafen von Holland und unseres gnädigen
Herrn, doch ohne Schaden und Nachteil dieser Stadt
Freiheiten verfallen sein sollen.
Gegeben und öffentlich verlesen vor Gericht den
8. August, im Jahre 1552, in Gegenwart aller Ratsher-
ren. Dempto Andreas Boelen, mit Rat der Bürgermeis-
ter.
Von der Folter des Henrich Anthoniß und Reyer
Egbertß, auch wann solches geschehen.
Von denselben sind Henrich Anthoniß den 28. Juni
und Reyer Egbertß den letzten Juni, im Jahre 1552, auf
der Folter untersucht worden.
Ausgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts,
welches in der Stadtkanzlei zu Amsterdam zu finden
ist, N. N.
Peter von Olmen, oder von Werwyk, wird zu Gent
getötet, 1552.
Ein Brief von Peter Olmen, genannt von Werwyk, wel-
chen er im Gefängnisse zu Gent geschrieben hat, wo
er um des Zeugnisses Jesu willen, im Jahre 1552, sein
Leben gelassen hat.
Die überfließende Gnade und der Friede von Gott
dem Vater und dem Herrn Jesu Christo sei mit euch.
Gnade und Friede sei mit euch von Gott unserm Va-
ter und unserm Herrn Jesu Christo, der ein Vater der
Barmherzigkeit und ein Gott allen Trostes ist, der uns
in all unserer Trübsal tröstet, damit wir auch diejeni-
gen trösten mögen, die in allerlei Trübsal sind, mit
dem Tröste, womit wir von Gott getröstet werden,
denn wie wir des Leidens in Christo viel haben, so
werden wir auch durch Christum getröstet. Denn un-
sere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft uns, die
wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsicht-
bare sehen, eine ewige und über alle Maßen gewichti-
ge Herrlichkeit; denn was sichtbar ist, das ist zeitlich,
was aber unsichtbar ist, das ist ewig. Wir wissen aber,
wenn unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen
wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein
Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im
Himmel. Über dasselbe sehnen wir uns auch nach un-
serer Behausung, die im Himmel ist, und uns verlangt,
daß wir damit überkleidet werden. So doch, wo wir
bekleidet und nicht nackend erfunden werden, denn
weil wir in der Hütte sind, sehnen wir uns und sind
beschwert, indem wir lieber nicht entkleidet, sondern
überkleidet werden wollten, damit das Sterbliche von
dem Leben verschlungen würde. Derjenige aber, der
uns zu demselben bereitet, ist Gott, der uns das Pfand,
den Geist, gegeben hat. Wir sind aber getrost allezeit
und wissen, daß, weil wir im Leibe wohnen, so wallen
wir dem Herrn, denn wir wandeln im Glauben und
nicht im Schauen; wir sind aber getrost und haben
vielmehr Lust außer dem Leibe zu wallen, und da-
heim zu sein bei dem Herrn. Ich ermahne euch, liebe
Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit
Gottes, daß ihr euch untereinander fleißig versam-
meln wollt, um einander guten Unterricht von der
ewigen Wahrheit unseres Seligmachers zu geben, weil
ihr Zeit habt, denn wir haben hier keine bleibende
Stätte, sondern erwarten eine andere, und das mit
Geduld.
Darum, liebe Brüder und Schwestern, nehmt des
Herrn Wort wohl zu Herzen und merkt darauf, was
der Herr sagt, damit, wenn ihr versucht werdet, ihr
feststehen mögt; denn ich sage euch, liebe Brüder, daß
man einen ernstlichen Kampf führen muss, ja, viel
ernstlicher als ich dachte, denn sie setzten uns mit
sehr listigen Fragen und süßen Worten zu, womit sie
uns fangen und abwendig machen mögen. Darum,
liebe Brüder, gebt einander gute Anweisung darüber,
welches der Weg des Herrn und welches der Weg
des Teufels, welches der lautere Gottesdienst und der
Dienst des Teufels und der Abgötter sei; desgleichen
auch, welches die Kinder des Herrn und die Kinder
des Teufels sind, denn die Kinder des Herrn sind nicht
von dieser Welt, darum hasst sie die Welt; sie leiden al-
le Verfolgung; sie werden wie Schlachtschafe zum To-
de geführt und von allen Menschen gehasst; sie müs-
sen jedermanns Raub sein; sie haben nirgends einen
sichern Ort; sie sind allen Menschen in der Welt und
jedermanns Ausfegsel; sie weinen und heulen und
die Welt freut sich darüber; sie werden geschmäht,
weil sie auf den lebendigen Gott hoffen. Hier erkennt
man, welche die Kinder des Herrn und die Kinder
des Teufels sind; wer recht tut, ist gerecht, gleichwie
er gerecht ist, wer Sünde tut, der ist vom Teufel. Ach,
darum, liebe Kindlein, liebt nicht die Welt, noch was
in der Welt ist, denn wenn jemand diese Welt liebt, in
demselben ist nicht die Liebe des Vaters; denn alles,
was in der Welt ist, nämlich Fleischeslust, Augenlust
und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern
von der Welt und diese Welt vergeht mit ihren Lüsten;
wer aber den Willen des Vaters tut, bleibt in Ewigkeit.
Meine sehr Geliebten! Wisst, daß ich mit den Her-
ren der Finsternis und den falschen Propheten einen
großen Kampf gehabt habe, denn sie sagen, man mö-
ge wohl hören und von ihnen Unterricht empfangen,
wiewohl sie nicht nach des Herrn Gebot leben. Da
fragte ich so: Ist derjenige nicht von dem Herrn ent-
fremdet, der nicht in den Geboten des Herrn wandelt?
Sie antworteten: Ja. Darauf sagte ich, daß Christus ge-
sagt habe: Meine Schafe hören meine Stimme und sie
181
folgen mir, aber der fremden Stimme folgen sie nicht,
sondern fliehen davor; wenn ich nun einen Fremden
hören würde, so wäre ich von Christi Schafen nicht,
denn die Schafe Christi hören den Fremden nicht. Ant-
wort: Sie predigen aber doch die Wahrheit; das Wort
leidet um deswillen keinen Abbruch. Dann sagte ich:
Johannes sagte: Wer da sagt, er kenne Gott und hält
seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und es ist keine
Wahrheit in ihm; ist nun keine Wahrheit in ihm, wie
kann er denn die Wahrheit reden? Also müsste Johan-
nes lügen. Christus sagt: Ein böser Baum kann keine
guten Früchte bringen. Ferner sagt er: Wie könnt ihr
Gutes reden, während ihr böse seid? Löst diese Frage
auf, so will ich euch glauben. Ich sage euch, wenn
einer der Eurigen auch ein Testament nehme und läse
dasselbe in eurer Kirche vom Anfänge bis zum Ende,
wie die Apostel geschrieben haben, so will ich ihm be-
weisen, daß er lügt; lasst aber dieselben Worte einen
Menschen reden, der in den Wegen des Herrn wan-
delt, der wird die Wahrheit sagen; wenn aber jemand
von den Eurigen diese Worte in eurem Tempel über
Trunkenbolde, Ehebrecher, Diebe, Mörder, Geizige,
Verleumder oder Lästerer usw. predigen und sagen
würde: Ihr seid das auserwählte Volk, das königliche
Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums,
damit ihr die Tugenden desjenigen verkündigt, der
euch von der Finsternis zu seinem wunderbaren Lich-
te berufen hat, die ihr vor Zeiten kein Volk wart, nun
aber Gottes Volk seid, und früher nicht in Gnaden
wart, nun aber in Gnaden seid; wenn er nun, sage ich,
diese Worte über das böse Volk redete, würde er nicht
daran lügen? Würde aber ein gottesfürchtiger Mensch
sie über das gottesfürchtige Volk aussprechen, so wür-
de er die Wahrheit sagen. Ferner, wenn ihr predigen
würdet: Wir sind um deinetwillen wie Schlachtschafe
zum Tode geführt; würdet ihr nicht auch daran lügen?
Aber ein Gottesfürchtiger würde die Wahrheit sagen.
Wir hatten noch mehr dergleichen Gespräche, aber sie
waren fruchtlos. Dann fragte ich, ob des Herrn Kinder
nicht alle geistlich sein müssen? Er antwortete: Ja, sie
müssen. Darauf fragte ich, warum man denn sie Geist-
liche, die andern aber Weltliche nenne, da sie doch
alle Geistliche sein müssten. Das konnten sie nicht
beweisen. Darauf sagte ich: Christus bittet nicht für
die Welt, sondern für diejenigen, welche nicht von der
Welt sind; seid ihr nun Geistliche, wie kommt es denn,
daß ihr nicht eines Sinnes seid? Denn der eine darf
anders nicht als in grauer Farbe gehen und kein Geld
anrühren, auch müssen seine Schuhe oben ein Loch
haben, andere müssen ganz schwarz, die übrigen aber
in bunten Farben gekleidet gehen, andere essen nichts
Gekochtes, und wenn sie Vater oder Mutter sehen,
dürfen sie dieselben nicht anreden; wenn sie aber die-
selben nicht sehen, so reden sie mit ihnen. Ich fuhr
fort: Diese alle sind verschiedene Sekten und sind alle
von Menschen gepflanzt, nicht aber von Gott, darum
werden sie alle ausgerottet werden; hierauf wussten
sie nicht viel zu antworten. Da sagte ich: Eure Lehre ist
die Lehre des Teufels, denn, was unter euch geschieht
und beobachtet wird, streitet mit der Wahrheit, gleich-
wie auch Paulus sagt, daß in den letzten Zeiten einige
vom Glauben abtreten und den verführerischen Geis-
tern und Lehren der Teufel anhangen werden, die da
verbieten ehelich zu werden, und die Speise, die Gott
erschaffen hat, zu meiden. Nun sehe ich, daß ihr sol-
che Lehre habt, denn ihr verbietet ehelich zu werden
und die Speise zu gebrauchen; hierauf hieß man mich
Weggehen.
Nicht lange nachher kam der Diakon von Ronsen
mit einem andern Pfaffen; dieselben setzten mir mit
listigen Fragen scharf zu, aber der Herr bewahrte
mich, daß ich nicht verraten wurde; er fragte mich,
ob ich nicht glaube, daß das Brot, welches Christus
seinen Aposteln gegeben, der Leib Christi sei, wie er
sagte: Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch
gebrochen wird. Ich antwortete: Das Brot ist nicht der
Leib Christi gewesen, der für uns gebrochen worden
ist; es war nur zum Andenken. Darauf sagte er: Das
Brot verändert sich in seinen Leib; ich aber erwiderte,
daß es nur zum Andenken wäre und nicht der Leib
selbst. Dann fragten sie mich von der Taufe, ob die
Kinder nicht getauft werden müssten. Ich antwortete:
Man findet nichts von einer Kindertaufe, sondern von
einer Taufe des Glaubens. Sie entgegneten: Siehe, wir
wollen beweisen, daß die Kinder getauft werden müs-
sen. Sagt nicht Christus daselbst in Joh 3: »Es sei denn ,
daß jemand von neuem geboren werde aus Wasser und
Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.« Da
sagte ich, daß dies nicht zu den Kindern gesprochen,
sondern zu denen, die es hören. Sie aber bestanden
darauf, und damit wollten sie die Kindertaufe behaup-
ten und aufrichten. In solcher Weise disputierten wir
viel miteinander, aber kamen in nichts überein.
Darum ermahne ich euch, liebe Brüder und Schwes-
tern, daß ihr einander von allen Dingen guten Unter-
richt geben wollt, nämlich vom Abendmahle, von der
Taufe und von der Menschwerdung Christi, auch von
den geistlichen Kindern und Weltkindern; wandelt
weislich in der Furcht des Herrn, und fürchtet auch
nicht die Menschen, wenn sie auch hässlich toben. Ich
ermahne euch auch, liebe Brüdern und Schwestern,
durch die Liebe unsers Herrn, daß ihr alle den Herrn
für mich bitten wollt, damit ich standhaft aushalten
möge, wenn ich versucht werde; ferner bitte ich, daß
ihr meine geliebte Mutter, desgleichen auch meinen
Bruder und mein Weib in allen Dingen fleißig unter-
182
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
richten wollt, wenn sie sich etwa bekehren möchten.
Der Herr erfülle euch mit seinem Geiste, Amen. Ge-
schrieben mit Angst um des Volkes willen, welches
allezeit daselbst war. Die überfließende Gnade und
der Friede von Gott, dem Vater, und der Herr Jesus
Christus sei mit euch. Amen.
Wer Gott fürchtet, wird wohltun.
Cornelius von Kulenberg, 1552.
Es ist unter der Regierung des Grafen von Kulenberg
im Jahre 1552 ein junger Geselle, um des Zeugnisses
Jesu willen, namens Cornelius, gefangen genommen
worden; derselbe hat zu Kulenberg ungefähr drei Jah-
re gefangen gelegen, und ist nachher um der Wahr-
heit Christi willen verbrannt worden; er hat während
seiner Gefangenschaft von Pfaffen, Mönchen und vor-
nehmen Geistlichen, welche in dem Hause zu Keulen-
burg zusammenkamen, große Anfechtungen erduldet.
Es haben auch diese Diener des römischen Antichris-
ten diesem gemeldeten Jüngling viele Stricke gelegt,
um seine Seele zu fangen, und haben ihm sowohl
mit großer Pein, als auch mit schönen Verheißungen
dieser Welt zugesetzt, damit er seine Mitgenossen
offenbaren möchte, worin sie dem nachgefolgt sind,
was ihr Meister, der Satan, bei unserm Seligmacher
Jesu ausgeübt hat. Aber dieser Gefangene, wiewohl
noch jung an Jahren, ist nichtsdestoweniger alt im
Glauben gewesen, und hat dieser Versuchung durch
Gottes Gnade tapfer widerstanden. Deshalb hat dieser
Fromme dem gedachten Grafen, welcher von den ge-
nannten Geistlichen dazu gezwungen worden ist und
nicht gern bei dem Papste in Ungnade fallen wollte,
seine Beharrlichkeit bezahlen müssen; man hat ihn
nämlich an einen Pfahl gestellt, worauf die Pfaffen zu
ihm gekommen sind und ihn versucht haben, um ihn
abfällig zu machen; aber er hat viel lieber erwählt, um
des Namens Jesu willen zu sterben, als von der Wahr-
heit abzuweichen, und ist deshalb an einem Pfahle
verbrannt worden; also ist er ein Mitgenosse des Lei-
dens Christi geworden, was ihm in der Offenbarung
des großen Gottes mit ewiger Freude belohnt wird.
Seht hiervon ein Liedlein in dem Geschichtsliederbu-
che.
Herman Janß von Sollem, 1553.
Herman Janß von Sollem wird um des Zeugnisses
Jesu Christi willen zu Amsterdam mit Feuer hinge-
richtet oder lebendig verbrannt, den 16. Februar 1553.
Zu dieser Zeit war die Not noch nicht geendigt,
sondern sehr groß, denn alle diejenigen, welche sich
mit Ernst von dem abgöttischen römischen Babel ab-
sonderten und sich zu dem geistigen Jerusalem, der
friedsamen Gemeinde Jesu Christi, wandten, wurden
sofort für Menschen des Todes erklärt.
Dieses hat sich zu Amsterdam im Anfänge des Jah-
res 1553 an einem frommen und gottesfürchtigen Neu-
bekehrten, namens Herman Janß, aus Sollem, erwie-
sen, welcher in der Zubereitung stand, um die Taufe
auf seinen Glauben zu empfangen. Derselbe ist in sei-
nem ersten Eifer für die göttliche Wahrheit von den
Regenten der Bosheit ergriffen und nach Amsterdam
gefänglich gebracht worden; hier hat er viel Anstoß
und Qual ausstehen müssen, wodurch man ihn vom
Glauben abzuziehen gesucht hat; weil er unbeweg-
lich und standhaft blieb, so hat man ihn vom Leben
zum Tode verurteilt, nämlich, daß er als ein Ketzer
mit Feuer hingerichtet werden sollte. Dieses Urteil ist
ihm den 16. Tag des Monats Januar des Jahres 1553
öffentlich vor Gericht vorgelesen und noch an dem-
selben Tag an ihm vollstreckt worden, wie solches aus
folgendem Urteile zu ersehen ist, das wir Zum Bewei-
se dieser Sache aus dem Stadtbuche des Blutgerichtes
zu Amsterdam empfangen haben, und welches lautet,
wie folgt:
Das Todesurteil des Herman Janß von Sollem
Nachdem Herman Janß, geboren in Sollem, sich in
die Gesellschaft der Leute von der Wiedertäufer-Sekte
begeben und ihre Ermahnung, Lehre und Irrtümer
aufgenommen, auch gewissen Konventikeln (das ist,
heimlichen Versammlungen) beigewohnt hat, wo so-
wohl von Gillis von Aachen, als auch von andern
aus der Schrift ungebührlich gelehrt und gehandelt
worden, sodass er von seiner empfangenen Taufe ab-
gefallen ist und bekannt hat, daß er begehrt habe,
eine andere Taufe zu empfangen, wenn er dazu hät-
te gelangen mögen, auch dazu eine irrige Lehre von
dem heiligen Sakramente des Altars hat, gegen die
Verordnungen und den Glauben der heiligen christ-
lichen Kirche, und gegen die geschriebenen Rechte
und Befehle der kaiserlichen Majestät, unseres gnä-
digen Herrn, und überdies noch in seinem Unglau-
ben, Ketzerei und Irrtume hartnäckig verharrt, des
Unterrichts ungeachtet, der ihm von den Rechtgesinn-
ten gegeben worden ist, so haben meine Herren des
Rats, als sie sowohl die Anklage meines Herrn, des
Schultheißen, auf den vorgemeldeten Herman Janß,
wie auch des Angeklagten Bekenntnis und alle Um-
stände der Sache in genaue Überlegung genommen,
den vorbeschriebenen Herman Janß dahin verurteilt,
daß er, nach den geschriebenen Rechten, von dem
Scharfrichter mit Feuer hingerichtet werden soll, und
183
erklären ferner, daß seine Güter zum Nutzen der kai-
serlichen Majestät, als Grafen von Holland, verfallen
sein sollen. Abgelesen und ausgeführt den 16. Janu-
ar im Jahre 1553, in Gegenwart des Schulzen Peter
Cantert, und Jost Buyk, Bürgermeister, und aller Ge-
richtsverwandten, auch unter Zuziehung der beiden
andern Bürgermeister.
Ausgezogen aus dem Buche des Blutgerichts der
Stadt Amsterdam, welches daselbst in der Kanzlei
niedergelegt ist.
Felistis Jans, 1553.
Felistis Jans, mit dem Zunamen Resinx, wird um des
Zeugnisses Jesu Christi zu Amsterdam, den 16. Januar
im Jahre 1553, verbrannt.
Auch ist aus gleicher Ursache in demselben Gerich-
te auf denselben Tag eine Jungfrau, genannt Felistis
Jans, mit dem Zunamen Resinx, gebürtig in Breden (in
Westfalen) zum Feuer verurteilt worden, wie solches
aus dem geschriebenen Urteile, welches wir aus dem
Blutgerichtsbuche der Stadt Amsterdam abgeschrie-
ben haben und ferner auch an der Zeit, wann dieselbe
gefoltert worden, zu ersehen ist. Wir könnten dieses
alles von Wort zu Wort hierher setzen, wollen aber,
um Weitläufigkeiten zu vermeiden, nur den Sinn in
der Kürze ausziehen und solchen klar vorlegen, damit
man sehen möge, worauf ihr Todesurteil gegründet
gewesen sei.
Kurzer Auszug aus dem Todesurteile der Jungfrau
Felistis Jans oder Felistis Resinx
Nachdem zuerst von ihrem Namen und Vaterlande
das Nötige bemerkt ist, werden die Stücke angeführt,
die zu ihrer Beschuldigung eingebracht worden sind
und welche in den nachfolgenden Punkten bestehen.
1. Daß sie sich unter die Versammlung der Sekte der
Wiedertäufer begeben habe. 2. Daß sie sich von dem
Gehorsam und dem Glauben der (genannten) heiligen
(nämlich römischen) Kirche abgesondert habe. 3. Daß
sie eine irrige Lehre von dem Sakramente des Altars
hätte. 4. Daß sie denjenigen, von welchen sie doch
wusste, daß sie von derselben Sekte (nämlich der ge-
nannten Wiedertäufer) wären, Raum und Herberge
gegeben habe. 5. Daß sie einige Leute von dem Ge-
horsame der römischen Kirche ab- und zu ihrer Lehre
gezogen habe. 6. Daß sie selbst bei den vorgemeldeten
sogenannten Irrtümern hartnäckig verharren wollte,
ohne davon abzuweichen. 7. Daß solches alles gegen
die Verordnungen der heiligen Kirche und die Befehle
der kaiserlichen Majestät streite.
Darauf folgt dann der Schluss, nämlich, daß sie um
deswillen von dem Scharfrichter mit Feuer hingerich-
tet werden sollte, und daß alle ihre Güter zum Nutzen
des Kaisers verfallen sein sollten. Geschrieben in Ge-
genwart derer, wie oben gemeldet.
Hierauf wird die Zeit angeführt, wann sie gepeinigt
worden ist, worüber die nachstehenden Worte gefun-
den werden: Diese Felistis ist den 2. Januar 1553 auf
die Folter oder Peinigungsbank gebracht und gefoltert
worden.
Abgeschrieben, aus dem Blutgerichtsbuche, wel-
ches in der Kanzlei der Stadt Amsterdam niedergelegt
ist.
Die früheren Schreiber der Martergeschichten ha-
ben weder die Jahrzahl des Todes dieser Felistis, noch
auch ihren Namen richtig angegeben; wir aber ha-
ben durch Vorschub des vorgemeldeten Todesurteils
solches alles wieder in Ordnung gebracht.
Inzwischen ist außer dem oben Angeführten noch
das merkwürdig, was die Alten von ihr melden, daß
sie nämlich eine sittsame, ehrbare Jungfrau gewesen
sei, welche durch ihre langwierige Gefangenschaft
mit des Kerkermeisters Frau so bekannt wurde, daß
dieselbe sich ihrer als Dienstmagd bediente.
Als es sich nun zutrug, daß des Kerkermeisters Frau
einigen Unflat hinauszutragen hatte, aber dabei nie-
mand um sich hatte, dem sie es anbefehlen konnte,
sagte die Felistis: Soll ich es tun?, worauf des Kerker-
meisters Frau antwortete: Wirst du aber auch nicht
weglaufen?, worauf diese versetzte: Nein. Als sie aber
unterdessen die Sache genauer überlegte, und die Un-
beständigkeit der menschlichen Sinne betrachtete, hat
sie es nicht auf die Probe ankommen lassen wollen,
sondern hat es abgeschlagen. In der Tat ein seltenes
Anerbieten eines schwachscheinenden jungen Mägd-
leins.
Kurz nachher (sagen die Alten) hat man sie auf
die Schaubühne kommen sehen, um verbrannt zu
werden; sie war reinlich gekleidet und trug eine weiße
Schürze, als ob sie durch ihr auswendiges Kleid hätte
zu erkennen geben wollen, wie rein und lauter eine
christliche Jungfrau inwendig geschmückt sein müsse,
wenn sie ihrem geliebten himmlischen Bräutigam Jesu
Christo angenehm sein soll.
So hat sie nun ihr Opfer vollendet und ist unter
die Zahl der heiligen und gottgefälligen Märtyrer ge-
zählt worden. Vergleiche dieses mit dem Märtyrerspie-
gel der wehrlosen Christen, gedruckt 1631, Pag. 125,
Col. 2.
Simon, der Krämer, im Jahre 1553.
Um das Jahr 1553 ist in Brabant zu Bergen op Zoom
ein Krämer gewesen, genannt Simon, welcher auf
184
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dem Markte seine Ware feil hatte. Als nun die Pfaffen
mit ihrem Abgott vorbeigingen, hat der gedachte Si-
mon diesem gemachten Abgotte keine göttliche Ehre
beweisen mögen, denn er wollte, nach dem Zeugnis-
se Gottes, welches in der Heiligen Schrift vorgestellt
wird, den Herrn, seinen Gott allein anbeten und ihm
allein dienen. Aus diesem Grunde haben ihn die, wel-
che den römischen Antichristen verteidigen, gefangen
genommen und ihn im Glauben untersucht, welchen
er ohne Scheu bekannt, und bei welchem Bekennt-
nisse er die erdichtete Kindertaufe nebst allen Men-
schengeboten verworfen und sich an dem Zeugnisse
des göttlichen Wortes festgehalten hat. Darum haben
ihn die Feinde der Wahrheit zum Tode verurteilt, hier-
nächst zur Stadt hinausgeführt und ihn also um des
Zeugnisses Jesu willen verbrannt. Viele von dem um-
stehenden Volk sind in große Verwunderung gesetzt
worden, als sie die große Freimütigkeit und Standhaf-
tigkeit dieses frommen Zeugen Gottes sahen, welcher
so die Krone des ewigen Lebens aus Gnaden erlangt
hat.
Als der Landrichter (Drossaert), welcher ihn hin-
richten ließ, von dieser Tat nach Hause kam, ist dersel-
be an einer schweren Krankheit bettlägerig geworden,
und hat beständig mit Reue und Leidwesen ausge-
rufen: Ach Simon! Simon!, und wenngleich ihn die
Pfaffen und Mönche von den Sünden loszusprechen
suchten, so konnten sie ihn doch nicht trösten, son-
dern er ist in seiner Verzweiflung schnell gestorben,
allen Tyrannen und Verfolgern zur Lehre und zum
denkwürdigen Exempel.
Wouter von Capelle, im Jahre 1553.
Zu Dixmuyde in Flandern ist im Jahre 1553 ein gottes-
fürchtiger Bruder, genannt Wouter von Capelle, weil
er das Wort Gottes belebte und demselben nachfolgte,
gefangen gesetzt worden und hat an dem genannten
Orte den Glauben der Wahrheit mit seinem Tode und
Blute bezeugt und versiegelt, allen wahren Gläubi-
gen zur Lehre und zum Vorbilde, wenn sie diesen
Ausgang ansehen und ihrem Glauben nachfolgen, ins-
besondere dem Herzoge des Glaubens, welcher ist
Christus Jesus, gesegnet in Ewigkeit. Weil nun die-
ser gemeldete Zeuge Gottes um der Wahrheit und
des Zeugnisses des Wortes Gottes willen, nicht aber
wegen einer Missetat gelitten hat, so hat er (durch
Gottes Gnade) die Krone des ewigen Lebens erlangt,
welche Gott allen denen verheißen hat, die von den
Menschen um des Wortes Gottes willen dem Tode
überantwortet wurden, damit sie am jüngsten Tage
mit großer Herrlichkeit auferweckt werden.
Tys, ein junger Gesell, und Berentge, eine
Jungfrau, im Jahre 1553.
Im Jahre 1553 sind zu Leuwaarden in Friesland (um
des Zeugnisses Jesu willen) ein junger Gesell, genannt
Tys, und eine Jungfrau, genannt Berentge, ertränkt
worden. Dieselben waren zwei eifrige Nachfolger
Christi; darum hatten sie ein großes Verlangen, ein-
mal zusammenzukommen und sich miteinander in
Gottes Wort zu erfreuen; aber solches konnte nicht
wohl geschehen, denn Tys war lahm und Berentgen
war beständig bettlägerig. Doch hat es Gott zuletzt so
gefügt, daß sie zusammengekommen sind. An dem-
selben Tage sind die Verfolger ausgezogen, das Volk
Gottes zu fangen, weil sie aber solches merkten, so
sind sie damals ihren Händen entronnen; gleichwohl
wollten sie (die Verfolger) nicht leer wieder zurück-
kehren, sondern haben die beiden gebrechlichen Men-
schen mitgenommen und sie nach Leuwaarden in die
Gefangenschaft gebracht; hier haben sie noch eine
Zeitlang beieinander gesessen, in welcher Zeit sie sich
miteinander sehr in dem Herrn, ihrem Schöpfer, er-
freut haben, sodass die Liebe, welche stärker ist als der
Tod und fester als die Hölle, sehr brünstig an ihnen
hervor leuchtete; darum haben sie nachher das Todes-
urteil über sie gefällt, daß man sie beide ertränken
sollte. Dieses Urteil hat der Tys so übel auf genommen
und es hat ihn so heftig verdrossen, daß er auch sagte:
Katzen und Hunde ertränkt man; er versuchte deswe-
gen eine Abänderung des Urteils zu erlangen, denn
ihr Verlangen war, man solle sie auf dem Galgenfelde
richten, damit sie bei ihren lieben Brüdern die Krone
erlangen möchten und das umstehende Volk es hören
und sehen könnte, was die Ursache ihres Todes sei;
aber man hat ihnen solches abgeschlagen und hat das
Urteil vollstreckt, denn sie haben dieselben um Mitter-
nacht, gleichsam als schämten sie sich, solche elenden
Menschen zu töten, zusammen in einen Sack gesteckt
und ihnen den Mund zugestopft; hierauf haben sie
dieselben in ein Schiff geworfen und sie außerhalb
der Mauer in den Graben geschmissen und haben sie,
nachdem man sie an das Schiff gebunden, so lange im
Graben herumgeschleift, bis der Tod erfolgt ist. Also
haben sie diese frommen Lichter und Zeugen Christi,
deren Schein ihre Augen nicht ertragen mochten, aus
dem Wege geräumt; aber der gerechte Gott, der mit
seinem Volke in Wasser und Feuer geht, wird wohl zu
seiner Zeit diese Tat rächen und diesen werten Kin-
dern Gottes bei sich Ruhe und Frieden geben in der
Ewigkeit; auch wird dieser vollzogene Mord, der in
der Finsternis geschehen ist, an jenem großen Tage,
an welchem alle Heimlichkeiten werden ans Licht ge-
bracht werden, billig gerächt werden. Siehe hiervon
185
ein Liedlein in dem Geschichts-Liederbuche.
Joos Kind, im Jahre 1553.
Ein Brief oder ein Bekenntnis des Joos Kind, welcher
in Kortryk gefangen war und daselbst, um des Zeug-
nisses Jesu willen, sein Leben an einem Pfahle geen-
digt hat, im Jahre 1553, den Anfang des Jahres vom
Neujahrstag an gerechnet.
Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und un-
serm Herrn Jesu Christo sei mit euch; er wolle uns
trösten und stärken mit seinem heiligen Geiste, damit
wir gegen den Anlauf des Teufels bestehen mögen,
der, wie Petrus sagt, wie ein brüllender Löwe umher-
geht und sucht, welchen er verschlinge; ihm sollen
wir mit festem Glauben Widerstand leisten. Darum
wisst, liebe Freunde, daß ich einen solchen Streit ge-
gen die Herren des Fleisches führe, denn sie setzen
mir mit ihren Vernunftgründen zu und wollen mich
von dem Gehorsam unseres lieben Herrn abziehen,
obgleich ich nicht zweifle, daß mir der Herr beiste-
hen wird; denn Gott, als er die Seinen tröstete, spricht
durch den Propheten Jesaja: Und ob auch eine Mutter
ihr Kindlein verließe, so will ich dich doch nicht ver-
lassen, was der Herr an mir wunderbar erweist (ihn
müssen alle Zungen loben); und wenn ich auch so
viel Papier hätte, als ich jemals beschrieben habe, und
mir auch die Zeit zum Schreiben zu Gebote stände, so
könnte ich doch die Freude und den Trost, den ich in
mir finde, damit nicht beschreiben, ja, meine Freude
ist unaussprechlich.
Aber N. ist krank; er bittet, ihr wollt den Herrn
ernstlich für ihn bitten, denn er ist bereit, ins Feuer zu
gehen, aber den Feinden des Kreuzes kann er nicht
Widerstand leisten, denn sie setzen ihm mit Vernunft-
schlüssen zu, gleichwie der Teufel, ihr Lehrmeister,
viel Vernunft hat, was er auch an unserem Seligma-
cher bewiesen, als er ihm in der Wüste mit der Versu-
chung zusetzte, wie in dem Evangelium geschrieben
steht; hat er nun aber an unserm Seligmacher seinen
Verstand gebraucht, so bin ich nicht betrübt, obgleich
es mich einen geringen Kampf kostet; denn, meine
lieben Freunde, es wäre uns leicht, ihnen zu widerste-
hen, wenn sie nur Vernunftgründe gebrauchten, aber
sie setzen einem mit Lügen zu, denn ihr Vater ist ein
Lügner, gleichwie ihnen unser Seligmacher sagte; dar-
um haben sie auch ihres Vaters Art an sich; dies haben
sie zum Teil auch an mir erwiesen, was ich euch aber
nicht erzählen kann, doch hoffe ich, der Herr wird
mir so viel Gnade geben, daß ich ein wenig von dem
Handel wider diese Fleischlichen schreiben kann.
Wisset deshalb, daß Ronse und Polet des Samstags
Nachmittags zu mir in das Gefängnis kamen und
mich zu sich entboten. Als ich zu ihnen kam, frag-
te ich, was ihr Begehren wäre. Sie sagten: Man wird
dir dies sagen. Sie fragten mich nach meinem Alter.
Ich antwortete: Das weiß ich nicht; wollt ihr sichere
Nachricht darüber haben, so müsst ihr meine Mut-
ter fragen. Ronse: Sage es uns so genau, als du es
weißt. Joos: Zwischen zwanzig und dreißig Jahren;
da schrieb ihr Schreiber nieder: zwischen dreißig und
vierzig Jahren. Ronse: Wann hast du das letzte Mal
gebeichtet? Joos: Warum fragst du darnach? Ronse:
Ich wollte es gerne wissen. Joos: Ihr habt mich nicht
gefangen nehmen lassen; ihr wisst wohl, wie es um
mich steht. Antwort: Wir wissen es. Joos: Von wem
seid ihr, oder in wessen Namen seid ihr zu mir gekom-
men? Antwort: Von Gottes wegen. Joos: Das glaube
ich nicht. Frage: Warum? Joos: Weil ihr mich gefan-
gen habt, um zu erfahren, wie es mit mir bestellt sei;
alle aber, die der Herr ausgesandt hat, um zu predi-
gen, haben niemanden ins Gefängnis werfen lassen,
denn als er sie aussandte, befahl er ihnen, sie sollten,
wohin sie kämen und man sie nicht aufnehmen woll-
te, den Staub von ihren Füßen schütteln und davon
gehen. Polet: Du hast ja gelesen, daß Paulus einige
dem Teufel übergeben habe. Joos: Beweist mir, wo sie
Paulus habe ins Gefängnis geführt. Polet: Ich weiß
es nicht. Warum untersteht ihr euch denn, jemanden
die Schriften anzuführen, die ihr selbst nicht versteht?
Ja, überdies jemanden zu fangen, um ihn zu eurem
Glauben zu bringen, wenn auch euer Glaube gut wäre;
wiewohl ich nicht dafür halte, daß er gut sei, denn ich
bin nicht der Meinung, daß ihr von Gott seid. Frage:
Warum? Joos: Weil der Herr sagt: Ich will Gehorsam
und kein Opfer, und weil ihr ihm nicht gehorsam seid?
Worin? Joos: Weil Christus befohlen, daß man den Ver-
irrten den rechten Weg zeigen soll; nun sagt ihr, ich
sei verirrt; warum habt ihr mich denn nicht zurecht-
gewiesen, während ich doch nichts anderes suche als
das Recht? Antwort: Darum sind wir gekommen. Joos:
Dann hättet ihr dahin kommen sollen, wo ich wohnte.
Antwort: Wir wussten nicht, wo du wohntest. Joos:
Ihr wusstet aber doch den Amtmann zu senden. Ant-
wort: Wärest du ein gutes Schaf gewesen, so wäre
dies nicht nötig gewesen. Joos: Jesus verließ die neun-
undneunzig und ging hin, das Verlorene zu suchen.
Darauf sagte Ronse: Hältst du nicht dafür, daß ich von
unserm heiligen Vater, dem Papste, eingesetzt und un-
ser gnädiger Herr, der Kaiser, zu deinem Obersten
verordnet sei? Joos: Ich erkenne keinen Obersten als
Christum. Frage: Hälst du denn den Kaiser für nichts?
Ich sagte: Ich wäre damit wohl zufrieden, daß er mein
Oberster wäre nach dem Fleische. Hierauf schrieben
sie nieder, daß ich keinen Obersten erkennen würde
nach dem Geiste als Christum, den Kaiser aber nach
186
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dem Fleische. Dann sagte Ronse: Wann hast du zuletzt
gebeichtet, sage mir doch das? Joos: Hierüber begeh-
re ich nichts mit euch zu reden. Frage: Warum? Joos:
Vor den Herren im ganzen Rate will ich reden. Da
wird es dich, sagten sie, daß Leben kosten, wenn du
dergleichen Reden Vorbringen wirst. Sage mir, sagte
er, was hältst du von der Kindertaufe? Da wurde ich
getrieben zu reden und sagte ihnen: Nichts. Ronse: Ja
was hältst du denn für eine Taufe? Joos: Ich weiß nur
von meinem Glauben und einer Taufe. Ronse: Wie lan-
ge ist es, daß du getauft worden bist? Joos: Ungefähr
ein halbes Jahr; solches schrieben sie auf. Frage: Was
hälst du von der römischen Kirche? Joos: Ich halte
ganz und gar nichts von alledem, was sie hält; solches
wurde auch aufgeschrieben. Sie fragten mich viel, daß
ich ihnen sagte: Ich habe meinen Glauben ohne Scheu
bekannt, und bin bereit, für denselben lebendig ins
Feuer zu gehen; darum seid ihr damit zufrieden, daß
ihr meinen Glauben wisst. Hiernach fragten sie noch
sehr vieles. Ich sagte: Geht von mir, ich halte euch für
Feinde des Kreuzes Christi; darum geht von mir, denn
ihr wisst meinen Glaubensgrund, welchen ich euch
offenherzig bekannt habe; darum tut mit nur wie es
euch wohlgefällt, denn diese Glieder besitze ich durch
des Herrn Gnade und bin auch bereit, dieselben durch
des Herrn Gnade abzulegen, ja, sie für seine heilige
Ehre dahinzugeben. Sie redeten vieles; aber ich sagte:
Geht von mir und kommt nicht wieder zu mir, denn
ihr widersteht Gott. Fürchtet ihr den Herrn nicht? Be-
trachtet was da steht, Mt 13, von dem Unkraute des
Ackers; weil ihr nun sagt, daß ich böse sei, so hat der
Herr geboten, daß man es bis zur Ernte aufwachsen
lassen soll. Antwort: Sollten wir es aufwachsen las-
sen, ihr würdet uns alle verderben. Polet: Sagt nicht
Augustinus Joos: Redet nicht von Augustinus, denn
ich kenne ihn nicht; ich halte keine Lehre, als die der
Apostel, Propheten und die Worte, welcher unser Se-
ligmacher von dem hohen Himmel, aus dem Munde
seines himmlischen Vaters, mitgebracht und mit sei-
nem teuren Blute versiegelt hat; für diese begehre ich
ins Feuer zu gehen; Augustinus aber, Gregorius und
Ambrosius kenne ich nicht. Ronse: Glaubst du aber
nicht, daß unser gesegneter Seligmacher unter dem
heiligen Sakramente ruht? Joos: Das glaube ich nicht.
Ronse: Wo ist er denn? Joos: Zur rechten Hand sei-
nes himmlischen Vaters, und er wird endlich in der
Herrlichkeit seines Vaters herabkommen, die Lebendi-
gen und die Toten zu richten; fürchtet dieses strenge
Gericht; bessert euch und tut Säcke an und härene
Kleider; tut Buße und geht zu dem Volke, das ihr eu-
rem falschen Gottesdienst nachlaufen macht; warnt
es, denn ihr ermordet ihre Seele, und sagt doch, ihr
habt den Schlüssel des Himmelreichs von Petri Zeit
an, und daß derselbe allezeit bei euch geblieben sei.
Christus sagt wohl recht, daß ihr den Schlüssel habt,
und daß ihr selbst nicht hineinkommt und auch die-
jenigen hindert, die gerne hinein wollen. Ronse: Wer
hat dich getauft? Hat dich Gelis, der Täufer, getauft?
Joos: Ihr wisst meine Umstände, seid damit zufrieden.
Polet: Es war Adam Pastor. Ronse: Oder David Jo-
ris. Ich schwieg. Ronse: Joos, sage mir, welche waren
deine Gevatter? Joos: Ich weiß von keinen Gevattern.
Ronse: Deine Zeugen? Joos: Ich habe euch gesagt, daß
es geschehen sei; darum seid damit zufrieden, denn
ich habe ein solches Vertrauen zum Herrn, daß ich hof-
fe, er werde die Türe meines Mundes bewahren, daß
ich euch nichts sagen werde, wenn ihr mich auch in
Stücke zerreißen würdet; sie fragten mich außerdem
noch um sehr vieles; ich sagte: Geht von mir, denn ihr
seid nicht von Gott. Antwort: Wir sind. Joos: Hinweg,
hinweg, geht von mir, geht von mir und kommt nicht
wieder zu mir. Es hat sich dort noch mehr zugetragen,
was aber zu weitläufig ist zu beschreiben. Zuletzt gin-
gen sie fort und ich wurde wieder in mein voriges
Gefängnis gebracht.
Den Sonntag wurde ich auf das Rathaus gebracht,
wo der Rat (de Wet) versammelt war; außer diesem
waren Salome und Meister Cornelius, der Diakon von
Kestenne, Ronse und Polet gegenwärtig; ich wurde in
die Mitte gesetzt, wohl gebunden und von zwei Büt-
teln gehalten. Ich sagte: Meine Herren, was ist euer
Begehren? Ronse: Das wird man dir sagen. Da las man
mein Glaubensbekenntnis vor, das sie im Gefängnis
geschrieben hatten, und fragte mich, ob ich noch so ge-
sinnt wäre; ich erwiderte: Ja, ich bin noch bereit, dafür
ins Feuer zu gehen. Ronse fragte, ob ich nicht glaub-
te, daß Christus von Maria sein Fleisch angenommen
hätte? Ich sagte: Nein. Da schien es, als wollte Meister
Cornelius in Ohnmacht fallen, er redete und quälte
sich sehr; auch waren sie alle sehr entrüstet, und es
wurde ein wenig davon gehandelt, aber sie bliesen
den Ratsherrn ihr Gift gleichwie die Drachen ein; ein
jeder unterrichtete einen Ratsherrn und sie sagten: Es
steht wohl so geschrieben, aber er hat den Verstand
nicht, die Schrift will verstanden sein; sie brachten
auch von weitem viele vernünftige Schlussreden bei,
steckten den Herren die Ohren voll und richteten viele
vernünftige Fragen an mich. Ich sagte: Ich habe mei-
nen Glauben bekannt, seid damit zufrieden, und ich
bitte euch, nicht als ob ich dessen würdig wäre, son-
dern durch das rote Blut unseres lieben Herrn, lasst
mich in Ruhe; ihr habt meinen Glauben und auch
mich hier in euren Händen, seid damit zufrieden, tut,
was euch gefällt. Da fragte Ronse, ob ich niemals dabei
gewesen wäre und beschwor mich dreimal bei meiner
Taufe, daß ich sagen sollte, wer dabei gewesen wäre.
187
Ich entgegnete, daß ich ihm nicht ein Wort sagen wür-
de. Ronse: Du hast deine Taufe verleugnet, solches
wird dir Menno nicht wohl aufnehmen. Joos: Ich ken-
ne meinen Glauben und meine Taufe, aber mit deiner
Beschwörung habe ich nichts zu tun, daran erkenne
ich, daß ihr Zauberer seid. Da sagte Polet: Man mag
wohl schwören. Joos: Lies Mt 5, ob er nicht verbietet,
auf irgendeine Weise zu schwören; sie sagten: Nein.
Ich sagte: Ja. Da sah Polet in eine Bibel, die sie mitge-
bracht hatten; es war ein großes Buch, und es stand
darin, wie ich gesagt hatte. Da sagte Cornelius: Diese
Bibel ist falsch, in unserer lateinischen Bibel steht es
anders. Joos: Bringt euer falsches zu mir; warum sagt
ihr, daß sie verfälscht sei, sie ist doch für gültig erklärt,
lasst sie denn für gültig erklärt sein und durchsucht
sie. Antwort: Ich habe sie nicht durchsucht. Joos: Je-
mand von den Gelehrten zu Löwen? Da sagte Ronse
Cornelius Roose etwas leise und sodann laut ins Ohr:
Es ist wahr, sie sind durchsucht worden und waren
gut, aber der Drucker hatte einen Knaben, der sie in
der Zeit falsch druckte, als Meister in der Stadt war.
Ronse fragte mich, woher es käme, daß ich so leicht je-
mandem glaubte, den ich vielleicht nicht mehr sehen
würde, und mich von ihm taufen ließe, und warum
ich ihnen nicht glauben wollte, die ich täglich sähe, ja,
ihnen, die gegenwärtig wären und mich dieses Mal
und auch schon früher, wie sie sagten, unterrichtet
hätten; warum ich ihm, meinem Pfarrer nicht glauben
wollte, der täglich das Evangelium predigte? Hierauf
antwortete ich: Weil er ein Lügner ist, und weil ich
ihn predigen hörte, daß man nirgends geschrieben
finde, daß Maria eine Mutter und Jungfrau gewesen
sei; aber (weil er sagte), weil es die Kirche lehrte, dar-
um müsse man es glauben. So (sagte ich) will ich ihm
nicht glauben, denn ich habe beim Matthäus, Jesaja
und an mehreren anderen Stellen das Gegenteil gele-
sen. Da ich nun die Lügen aus deinem Munde gehört
habe, so habe ich nachher weder dich noch einen an-
dern gehört, hoffe auch durch des Herrn Gnade euch
nicht mehr zu hören. Er sagte: Nein; ich entgegnete:
Ja, und ich biete meinen Leib zur Folter gegen den
deinen an; aber hierzu hatte er keine Lust und sagte:
Sollte man nicht auf der Folter? Ronse: Du bekennst,
daß unsere Kirche nicht gut sei, weil wir nicht un-
sträflich sind, bist du denn unsträflich? Es sind unter
deinem Volke Totschläger, weil man ihnen nicht hat
glauben, ja, ihrer Lehre nicht hat anhängen wollen.
Joos: Hast du solches an mir gesehen, oder sonst et-
was wahrgenommen, das sich nicht geziemt? Ich bin
hier in der Richter Hände, daß sie mich darüber stra-
fen. Ronse: Wir wissen dergleichen von dir nicht. Jons:
Darum sagt mir nicht, was ein anderer tut und haltet
mich (um dessen willen, was ein anderer tut) nicht
für böse; der eine soll des anderen Last nicht tragen,
ihr nicht die meine und ich nicht die eure; die Seele,
die sündigt, soll sterben. Sie sagten auch noch viel
mehr, das nicht der Mühe wert ist, niederzuschrei-
ben. Ferner sagten sie, daß Christus gesagt habe: Auf
Moses Stuhl sitzen die Pharisäer und Schriftgelehr-
ten, und uns geboten habe, nach ihrem Gebote, aber
nicht nach ihren Werken zu tun; darum (sagten sie)
tue, was wir dir raten, aber nicht nach unsern Wer-
ken, denn Christus lehrt solches. Joos: Von welchen
sagt Christus, daß sie auf Moses Stuhl gesessen hät-
ten? Antwort: Von den Pharisäern. Joos: Redet diese
Schrift von euch? Antwort: Ja. Joos: So bekennt ihr,
daß ihr von ihrem Geschlechte seid? Da fragte mich
Cornelius, der Pfarrpfaffe, warum ich nicht an ein ein-
ziges Stück der römischen Kirche glaubte. Ich sagte ja,
Christus sei gekreuzigt worden, solches glaubte die
römische Kirche auch, und solches sei ja ein Punkt,
warum ich glaubte, daß das Evangelium des Matthäus
ein Evangelium sei, solches stände nirgends geschrie-
ben, und er wollte mir beweisen, Paulus habe vor den
Evangelisten geschrieben. Hierauf entgegnete ich: Be-
weist es mir, daß Paulus vor Matthäus geschrieben
habe. Cornelius: Was hast du damit zu schaffen? Joos:
Sollte ich nichts damit zu schaffen haben? Es gilt mir
ja, wie ihr sagt, Leib und Seele. Cornelius: Er ist über-
wunden. Joos: Schweigt, denn ihr seid nicht wert, daß
man mit euch redet und seht zu, daß ihr mir nicht
nachsagt, ihr hättet mich überwunden, oder ich hätte
den Teufel in mir, oder verdammt mich unter dem
einfältigen Volke und verführt damit noch mehr. Da
sagte Ronse: Du bist verdammt, wenn du so bleibst.
Joos: Warum? Ronse: Weil du nicht glaubst. Joos: Ich
glaube und stehe so fest auf meinem Glauben, daß
ich lieber ins Feuer gehen, als einen Punkt übertreten
wollte; es kam noch manches vor, was ich, um nicht
weitläufig zu werden, übergehen will. Zuletzt wurde
ich wieder ins Gefängnis geführt und es wurden mir
zwei Bande angelegt. Ich sagte: Ich bin nicht nur bereit
mich in Bande schließen zu lassen, sondern auch des
schmählichsten Todes um des Herrn Namen willen
zu sterben. Polet kam Mittags mit dem Fettverkäufer
und fragte, wie es um mich stände; ich entgegnete:
Es hat noch niemals so wohl gestanden, und ich habe
deshalb den Herrn gelobt. Sie sagten, daß sie darüber
sehr erfreut wären. Dann sagte Polet: Joos, sollte wohl
eure Kirche und eure Sache gut sein? Die Deutschen
haben eine Gemeinde und die Englischen haben eine
Gemeinde, aber wo sind die Glieder eurer Gemeinde,
ihr seid keine besondere Kirche? Laß hören, ob ihr
auch ein Häuflein seid und wer eure Mitglieder sind;
worauf ich fünf oder sechs Mal ausrief: Weicht, ihr
Teufel, hinter mich, worauf sie beide fortliefen. Ich
188
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
rief ihnen nach: Jetzt redet ihr, aber im Gerichte wird
ein anderer reden; nach einer Zeit habe ich sie nicht
wieder gesehen. Ich habe vernommen, daß ich sehr
gepeinigt werden soll, denn sie hoffen von mir alle
Umstände zu erfahren; aber ich habe das Vertrauen
zu Gott, er werde meinen Mund bewahren. Darum
bittet den Herrn für mich, daß er mir beistehen wolle,
denn sie dürsten nach vielem Blute; doch können sie
nicht mehr tun, als ihnen der Herr zulässt. Darum
befehle ich mich in des Herrn Hände, und was ihr im
Widerspruche mit diesem Briefe sagen hört, haltet für
Lügen. Zum Zeichen der Wahrheit hoffe ich diesen
Brief mit meinem Blut zu versiegeln. Dazu gebe Gott
seine Gnade, damit sein Name dadurch gepriesen
werden möge.
Noch ein Brief oder ein Bekenntnis von
demselben Joos Kind zum Preise des Vaters
Ich, Joos Kind, um des Zeugnisses in Christo Jesu
gefangen genommen, bitte und ermahne alle lieben
Freunde und alle lieben Brüder und Schwestern in
dem Herrn mit der Gnade des Vaters, des Sohnes und
des Heiligen Geistes, und bitte durch deren Gnade,
daß sie nicht nur meine Bitte oder Ermahnung beher-
zigen, oder darnach leben, sondern daß sich ein jeder
(wie ich hoffe, durch die Hilfe Gottes) befleißigen wol-
le, die Warnung des Herrn zu beobachten und sich die
Besserung des sündlichen Lebens angelegen sein zu
lassen, gleichwie ich auch nicht zweifle, es werde ein
jeder solches tun, der den Herrn von ganzem Herzen
fürchtet; denn die Schrift sagt: Wer den Herrn fürchtet,
wird Gutes tun; ja, die Furcht Gottes ist der Weisheit
Anfang. Weil uns nun die Furcht Gottes zu den Tu-
genden leitet, so lasset uns den Herrn fürchten, denn
Christus Jesus fordert uns solches mit seinem geseg-
neten Munde ab, indem er sagt: Fürchtet nicht die den
Leib töten, aber die Seele nicht töten können, sondern
fürchtet den, welcher, nachdem er getötet hat, auch
Macht hat, Seele und Leib in die ewige Verdammnis
zu werfen. Darum ermahne ich euch mit diesen Wor-
ten, und nicht nur mit diesen Worten, sondern auch
mit dem ganzen Inhalte der Schrift, daß ein jeder Fleiß
anlegen wolle, um solches zu bewahren, denn Chris-
tus sagt: Wer meine Wort hört und bewahrt sie, den
will ich mit einem weisen Manne vergleichen, der sein
Haus auf den Felsen gebaut hat, und als ein Platzre-
gen fiel und Stürme kamen, und die Winde wehten
und gegen das Haus stürmten, so ist es doch nicht
umgefallen, denn es war auf einen Felsen gegründet.
Und wer diese meine Worte hört und tut sie nicht, der
ist gleich einem törichten Manne, der sein Haus auf
Sand gebaut hat, und als ein Platzregen fiel und die
Stürme kamen, und die Winde wehten und auf das
Haus stürmten, so fiel es und sein Fall war groß.
Darum bemühe sich ein jeder, Fleiß anzulegen und
seiner selbst wohl wahrzunehmen, und sich von die-
ser gefährlichen Zeit zu befreien, denn Paulus sagt:
Erkauft die Zeit, denn es ist böse Zeit. Darum nehmt
die Zeit wahr und ermahnt euch untereinander, denn
die Not erfordert es, und waffne sich ein jeder wohl,
gleichwie uns Paulus ermahnt, denn wir haben nicht
allein mit Fleisch und Blut zu kämpfen. Solches hat
Paulus recht gelehrt; solches will ich nun euch anbe-
fohlen haben, dem Herrn sei Lob, der mir mit diesen
Waffen so treulich beisteht, und mir auch nun, wie
er verheißen hat (wenn wir vor solche geführt wer-
den sollten, daß er uns einen Mund zu reden geben
wolle), den Mund geöffnet hat; ihm müsse Lob ge-
sagt sein; darum streite ich tapfer durch des Herrn
Wort, und habe meinen Feinden schon fünfmal tapfer
widerstanden; aber nicht nur meinen Feinden, son-
dern den Feinden des Kreuzes Christi, wie ihr ferner
vernehmen werdet.
Wisst deshalb, daß ich auf denselben Tag, den man
in Babel St. Thomas nennt, als ich in dem Gefängnisse
lag, in welchem ich allezeit zu liegen pflegte, nachmit-
tags gesehen und gehört habe, daß fleischliche und
weltliche Herren ins Gefängnis gekommen sind, bei
welchem auch der Oberamtmann gewesen. Da kamen
die Diener und sagten: Joos, komm heraus; ich sagte
dann in meinem Herzen: Herr, öffne meine Lippen;
mein Mund soll dein Lob verkündigen. Unterdessen
kam ich hinein vor dieselben. Da zogen Ronse und
Polet ihre Kappen ab und sagten: Joos, Gott grüße
dich, und neigten ihre Häupter vor mir. Ich nahm
auch meine Kappe (Bonnet) ab und sagte: Gott ist mir
wohl solches Grußes würdig, und wohl noch meh-
reres; ich bin bereit, um seines Namens willen diese
Glieder, welche er mir durch seine Gnade gegeben
hat, wieder zu seinem Preise abzulegen; der Herr ist
mir wohl so viel wert, denn er hat uns auch so hoch
geachtet, daß er für uns des bitteren Todes gestorben
ist. Da sagten die Kellermeister: Joos, hast du dich
noch nicht bedacht? Willst du noch nicht abstehen?
Ich entgegnete: Ja, allezeit von Übeltaten; warum aber
fragt ihr mich das nicht, als ob ich noch in der Bosheit
herumlief und allerlei Ungerechtigkeit ausübte? Sie
sagten: Du hättest in die Predigt gehen sollen. Auch
fragten sie nach meinem Glauben, welchen ich ihnen
ohne Scheu bekannte. Sie sagten: Rede mit uns und
sage uns, ob du dich noch nicht bedacht habest? Joos:
Mit euch lasse ich mich nicht ein, denn ihr seid nicht
von Gott, wie sollte ich an euch glauben? Christus ist
für mich gestorben, an ihn glaube ich, ihr aber solltet
wohl nicht für mich sterben, ebenso wenig dieser oder
189
jener Diakon (denn es waren zwei Diakone gegen-
wärtig, Ronse und Olymacher), auch würde wohl der
Pfarrpfaffe oder ein anderer nicht für mich sterben;
ich bin auf den Tod eingesperrt worden; lasst mich
los und sterbt ihr für mich. Frage: Wer lehrt solches?
Joos: Christus, wenn er sagt: Ein guter Hirte liebt seine
Schafe und lässt seine Leben für seine Schafe. Ihr sagt,
daß ich verdammt sei, wenn ich in diesem verharren
würde. Ronse: Ja. Joos: Es ist aber ein Wunder, daß
ihr mich töten wollt, weil ich einen Entschluss gefasst
habe, um welchen ich verdammt sein soll; lasst mich
gehen, bis ich einen besseren Entschluss gefasst. Ant-
wort: Wir wollen von dir scheiden. Joos: Ja wohl, und
mich übergeben. Polet: Paulus hat auch einige in die
Hände des Teufels übergeben. Joos: Dasselbe tut ihr
auch; ihr habt mich verdammt, seid damit zufrieden
und überantwortet mich nicht in der Richter Hände;
dies hat Paulus nicht getan, und auch Christus hat
nicht so gelehrt, Mt 28 und Mk 16, wo er sagt: Geht
hin und predigt das Evangelium allen Kreaturen; aber
Christus sagt nicht, daß ihr diejenigen, die euch nicht
glauben wollen, in Gefängnisse sperren oder ihnen
schwere Fesseln an die Beine legen sollt. Haben sie alle
Christo geglaubt, die ihn predigen gehört? Haben sie
alle den Aposteln geglaubt, die sie gehört haben? Ant-
wort: Nein. Joos: Sind denn diejenigen getötet worden,
welche den Aposteln nicht geglaubt haben? Antwort:
Nein. Joos: Woher kommt es denn, daß die Apostel
solches nicht getan haben, und daß ihr, die ihr sagt,
ihr seid der Apostel Statthalter, euch untersteht, uns
zu töten, wenn wir auch wirklich, wie ihr sagt, böse
wären, aber ihr habt eine bessere Meinung von uns
als ihr sagt. Polet: Das will ich dir sagen; hast du nicht
gelesen, wie Elia die Baalspfaffen getötet habe? Joos:
Ja, ich habe, und eben das mangelt noch, um euch zu
überwinden, denn ihr dient dem Baal noch mehr, als
sie taten; auch prasst und schlemmt ihr viel mehr mit
Isabel als sie taten. Antwort: Was geht dich das an? Du
siehst allezeit unsere Werke. Joos: Christus hat mich
gelehrt, den Baum an den Früchten zu erkennen und
sagt, daß ein böser Baum keine guten Früchte tragen
kann, noch ein guter Baum böse, und wie er weiter
von dieser Sache redet; und ich sagte: Weil eure Werke
nicht gut sind, so halte ich euch nicht für gut. Frage:
Bist du denn gut? Joos: Das habt ihr mich noch nicht
sagen gehört; es ist niemand gut als Gott, und wenn
wir auch sagten, daß wir gut wären, was wir doch
nicht tun, so sagt ihr dagegen, daß wir böse seien,
und das um der Ursache willen, die du anführtest, als
wir im Rathause waren, nämlich, daß wir, was man
uns noch nicht zumuten wird, diejenigen töten, die
unsere Lehre nicht annehmen wollen. Ronse: Das sage
ich noch. Joos: Wo hast du solches an mir gesehen? Ha-
be ich auch jemanden erstochen oder totgeschlagen,
oder auch nur ein Haar gekrümmt, um meiner Lehre
willen, welche ich, nach eurer Behauptung, als eine
Meinung ausbreite, weil ihr doch sagt, daß ich das
Volk gelehrt habe? Antwort: Wir wissen dergleichen
von dir nicht. Joos: Ich aber weiß dergleichen von
euch, denn ihr verbrennt und ermordet diejenigen,
die eurem falschen Gottesdienste nicht anhängen wol-
len; in dieser Sache habt ihr euch das Urteil selbst mit
Recht gefällt. Antwort: Dieses nützt zu nichts, lasst
uns über den Glauben den Wortstreit führen. Joos: Ich
will hier allein den Wortstreit nicht führen. Da sagten
sie: Gibst du denn dein Spiel verloren? Und wenn ich
ja gesagt hätte, so gedachten sie mich den Richtern zu
übergeben; aber ich sagte: Nein, worin habt ihr mich
überwunden? Ich habe es nicht einmal, sondern wohl
fünfzigmal gesagt: Belehrt mich eines Bessern mit die-
sem evangelischen Worte, dann will ich zurücktreten.
Antwort: Lasst uns den Anfang machen. Joos: Wohlan,
vor dem Rathause in Gegenwart eines großen Feuers,
und derjenige, welcher verspielen wird, den soll man
hineinwerfen. Antwort: Dies wird dir nicht bewilligt
werden. Darauf sagte der Unteramtmann: Du suchst
einen Aufruhr zu machen. Joos: Ihr habt es veranlasst,
indem ihr mich gefangen habt; hättet ihr mich arbei-
ten lassen, Kortryk stände nicht, wo es jetzt steht; so
stände es nicht in sieben Jahren. Polet: Man wird dich
nicht dorthin bringen, daß du dein Gift nicht dort aus-
breitest. Joos: Ihr sollt wohl vor das Rathaus kommen,
und je mehr vom Volke es hören würden, desto besser
würde es sein, wenn die Lügen auf meiner, die Wahr-
heit aber auf eurer Seite ist. Schämt ihr euch denn
der Wahrheit vor dem Volke? Bringt mich dahin und
beweist mir, daß ich Unrecht habe, so werdet ihr dem
Volke den Mund stopfen, und wenn ihr mich über-
wunden habt, so sagt: Dieses ist der Mann, der gegen
den christlichen Glauben gelehrt hat; nun beweisen
wir ihm mit der Heiligen Schrift, daß er Unrecht hat.
Und werft ihr mich dann ins Feuer, so wird das Volk
erbaut werden; wollt ihr das aber nicht tun, so ist es
euch nicht darum zu tun, daß das Volk die Wahrheit
erkenne. Ronse: Man wird dich nicht dahin bringen,
daß du dort redest; wenn man dich dahin bringt, so
wird man dir das Reden wohl verbieten. Joos: Warum?
Das Volk hat fünf Sinne, und wer fünf Sinne hat, wird
wohl hören, ob ich gut oder böse rede. Ronse: Man
wird dir dort das Reden wohl verwehren. Joos: Wie
es euch gefällt; steckt mich kecklich in einen Sack und
ersäuft mich nachts, daß es kein Mensch sieht; sieht es
der, welcher die Herzen und Nieren durchschaut, so
sieht es Volks genug; derselbe wird es wohl sehen und
sich rächen. Ich lasse es auf ihm beruhen, den ich bin
doch bereit, dieses Fleisch abzulegen es sei im Feuer
190
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
oder Wasser, vor dem Rathause oder hier in diesem
Feuer (das war das Feuer auf dem Herde); ist es nicht
groß genug, so macht es größer. Da schlugen sie mir
abermals das Disputieren vor und sagten, sie seien
von Gott, als dessen Statthalter gesandt und gesetzt.
Ich erwiderte hierauf: Mitnichten, denn ihr habt eure
Ämter gekauft, oder sie sind euch gegeben, oder habt
sie durch euern Dienst erhalten; diejenigen aber, wel-
che Gott gesandt hat, sind von Anfang der Welt her
anders ausgesandt worden. Sie sagten, sie wollten es
mir mit der Schrift erweisen, daß sie gesandt wären.
Ich erwiderte: Beweiset es. Antwort: Wir beweisen es
dadurch, daß dem Petrus, welcher Papst gewesen, der
Schlüssel gegeben worden ist, er ist aber ihm und sei-
nen Nachkömmlingen gegeben worden. Joos: Beweist
mir, daß da von Nachkömmlingen die Rede ist. Ant-
wort: Das wird man dir wohl beweisen. Joos: Wohlan
denn. Da las Ronse in einem Testamente, Mt 16, von
dem, wo Christus fragte: Wer sagen die Leute, daß des
Menschen Sohn sei; wo Christus sagt: Ich gebe euch
die Schlüssel; aber daselbst wird keiner Nachkömm-
linge gedacht. Da sagte er: Du hast es wohl gehört,
hast du nicht, Joos? Es ist zu lang, ich wollte wohl fort-
lesen, aber es ist zu viel Arbeit. Joos: Ich will, daß du
fortlesest. Ronse: Wie weit? Joos: Bis von Nachkömm-
lingen die Rede ist. Ronse: Du hast wohl gehört, daß
er sagt: Auf diesen Stein will ich meine Kirche bauen.
Also ist sie auf St. Peter gegründet, und er ist Papst
gewesen. Joos: Christus ist Fundament, gleichwie Pau-
lus spricht in IKor 3,11, wenn er sagt: Kein anderer
Grund kann gelegt werden außer dem, der gelegt ist,
welcher ist Christus Jesus; Petrus aber ist der Grund
nicht, auch hat er die Kirche nicht auf Petrus, son-
dern auf sein Glaubensbekenntnis gegründet, worin
er bekannt hat: Ich bekenne, daß du bist Christus, der
Sohn des lebendigen Gottes; deshalb ist Christus der
Grund. Aber lasst uns, sage ich, von dem Schlüssel
reden; ihr fallt von dem Schlüssel auf die Kirche; ihr
sagt: Ich falle von einem auf das andere, bleibt ihr bei
einem und beweist mir, wie ihr versprochen habt, daß
Christus gesagt habe, ich gebe euch den Schlüssel und
euren Nachkömmlingen. Sie sagten: Das wollen wir
dir wohl beweisen, wobei Polet einen Vernunftschluss
anführte; ich antwortete: Ich bin mit keinen Schlüssen
zu befriedigen; beweist es mir in dem Buche; da sagte
Ronse: Wir wissen es auswendig und so auch du; höre
uns auswendig reden. Ich sagte: Lest es; sie erwider-
ten: Ist es nicht dasselbe, ob wir es lesen oder reden?
Joos, höre was ich dir sagen will. Ich sagte: Ich bin mit
keinem Sagen zufrieden. Als sie es nicht lesen wollten,
redete ich den Oberhauptmann und den Roegaergys
mit folgenden Worten an: Meine Herren, ich begehre,
daß ihr mir in dieser Sache beisteht; macht sie solches
lesen, oder ich sage, daß ihr gewaltig und keine Rich-
ter seid. Dann sagten sie: Lest es ihm vor. Sie lasen
darauf Mt 16. Ronse las (da er es nun nicht fand, wur-
de er so weiß wie Schnee), darauf sagte er: Es steht
nicht da. Polet: Dieselben Worte stehen nicht daselbst,
doch aber steht der Sinn, Mt 28, und er las: Ich bleibe
bei euch bis an der Welt Ende. Joos: Das ist es nicht,
was er gesagt hat: Ich gebe dir den Schlüssel und dei-
nen Nachkömmlingen. Polet: Willst du eben dieselben
Worte haben, die stehen nicht dort, warum machst du
davon so viel Aufhebens? Joos: Nein, sondern nur,
weil ihr sagt, ihr wollt es mir zeigen. Ronse: Schweige,
du bist nicht wert, daß du redest. Joos: Warum sollte
ich schweigen, da ihr es doch mit euren falschen Be-
fehlen dahin gebracht habt, daß weder Anwalt noch
Advokat für uns reden darf, noch Freunde für uns
reden dürfen; wollt ihr nicht, daß ich rede, so hättet
ihr mich unten im Loche liegen lassen sollen; aber
ich werde nicht schweigen, weder um euretwillen,
noch um sonst jemandes willen; ich bin weder Dieb,
noch Mörder, noch Frauenschänder, warum sollte ich
aufhören zu reden? Ich will mich verteidigen, weil
es mein Leben betrifft, werde auch nicht schweigen,
solange sich meine Zunge im Munde bewegt; aber
ihr schweigt R., ihr seid nicht wert, daß ihr redet, ihr
Seelenmörder, ihr Feinde des Kreuzes Christi.
Da wollten sie weiter mit mir disputieren; ich sagte:
Vor dem Rathause, aber nicht hier. Antwort: Dahin
wird man dich nicht bringen. Joos: Wohlan, so tut, was
euch gefällt; ich habe euch meinen Glauben bekannt,
als ich zuerst hierher kam, und habe es zuvor mehr
als fünfzig Mal gesagt, und sage es euch noch, daß
ich nichts von all eurer Krämerei, oder nur von einem
einzigen Punkte halte, den die römische Kirche lehrt.
Ronse: Hältst du nichts von dem Sakramente? Laß
uns hören, was du davon hältst. Joos: Ein Abgott, ein
wenig Blumen, und wenn ich euer Öl hätte, ich wollte
damit meine Schuhe schmieren. Ronse: Wir hören es,
daß du verwegen genug bist.
Da entstand ein Streit, und sie gedachten, mich
überfallen; aber ich wehrte mich tapfer mit dem Worte
des Herrn, wie es einem Knechte gebührt, der seinen
Meister lieb hat. Der Herr gab mir so gute Warte ein,
daß ich innerhalb drei Stunden nicht eine einzige Re-
de vorbrachte, worin sie nicht zu kurz kamen. Darauf
wurde von der Menschwerdung gehandelt, welche
sie mit dem stummen Buchstaben beweisen wollten,
Mt 1. Dieses ist das Buch der Geburt Jesu Christi, des
Sohnes Davids. Darauf sagte ich, es steht bei Mt 22,42.
Da fragte Jesus die Schriftgelehrten und Pharisäer,
und sprach: Wie dünkt euch um Christo, wessen Sohn
ist er? Sie sprachen: Davids; er sagte zu ihnen: Wie
nennt ihn denn David im Geiste einen Herrn, wenn
191
er sagt: Der Herr hat zu meinem Herrn gesagt: Setze
dich zu meiner Rechten, bis daß ich deine Feinde zum
Schemel deiner Füße lege? Wenn nun David ihn einen
Herrn nennt, wie ist er denn sein Sohn?, und niemand
konnte ihm auf sein Wort antworten. Auch meldete
ich ihnen von dem Vorbilde Melchisedeks und von
dem letzten Kapitel in der Offenbarung, daß er die
Wurzel Davids sei; solches wollten sie nicht hören,
sondern blieben auf ihrem stummen Texte. Als ich
nun hörte, daß sie ihr Unrecht nicht bekennen woll-
ten, sagte ich: Wollt ihr von der Menschwerdung oder
von einigen Glaubenssachen reden, so kommt vor
das Stadthaus. Da sagte Polet: Wer sollte dort urtei-
len, wer Recht oder Unrecht habe? Joos: Diese guten
Herren. Polet: Sie verstehen die Schrift nicht. Joos: Sie
verstehen sie gut genug für euch, um hier oder in dem
Rathause zu disputieren, so müssen sie dieselbe auch
genug verstehen, wenn vor dem Rathause disputiert
werden soll. Verstehen sie aber die Schrift nicht, so
sollten sie sich billig schämen, daß sie Richter über
diese Sache sind. Es trug sich viel zu, daß ich ihre
Vernunftgründe in eine Handvoll Papier nicht schrei-
ben könnte. Ich befehle alle lieben Freunde und alle
Brüder und Schwestern in dem Herrn in die Hände
des Herrn, und bitte sie alle, daß sie sich vorsichtig
waffnen wollen, denn es ist nötig, und wenn sie dahin-
kommen, wo ich bin, daß sie sich nicht ins Disputieren
wagen, denn wenn es möglich wäre, sie würden uns
von der Wahrheit abziehen. Ich berichte euch, daß ich
wohlgemut bin, da ich die Freude und den Trost, den
ich habe, nicht beschreiben könnte; ich hoffe, daß das
Ablegen meines Leibes das Siegel dieses Briefes sein
wird. Dazu wolle mir der Herr seine Gnade geben,
damit sein Name dadurch gepriesen werden möge,
denn ich suche sonst nichts als des Herrn Ehre. Mehr
nicht, bleibt dem Herrn befohlen und dem Worte sei-
ner Gnade. Bittet den Herrn für mich, ich will den
Herrn gerne für euch bitten.
Ist Christus Davids Sohn, ursprünglich zu verstehen,
Wie wird ursprünglich er denn Gottes Sohn genannt?
Zwei Väter eines Sohnes hat man niemals gesehen;
Drum zvirdfilr Gottes Sohn (wie billig) er erkannt.
Elisabeth und Hadewyk, 1549.
Elisabeth und Hadewyk, von denen die erste, nämlich
Elisabeth, zu Leuwaarden ertränkt worden, Hadewyk
aber dem Tode entgangen ist; im Jahre 1549.
Diese Elisabeth war von vornehmer Herkunft; sie
war in ihrer Jugend von ihren Eltern dazu bestimmt,
daß sie in das Tienger Kloster, bei Lier in Ostfriesland
gelegen, gehen sollte, um dort verschiedene Künste
und die lateinische Sprache zu lernen; sie hat dort zu-
fällig oder vielmehr durch die Vorsehung Gottes ein
lateinisches Testament erlangt, in welchem sie bestän-
dig las und woraus sie so viel Erkenntnis des Willens
Gottes erlernte, daß sie sich in ihrer Lage nicht glück-
lich fühlte, und weil sie nicht sah, wie sie ihr Leben
im Kloster, vielweniger in ihrer Eltern Hause nach der
Richtschnur des Wortes Gottes einrichten könnte, so
hat sie sich nach hartem Kampf entschlossen, heim-
lich aus dem Kloster zu fliehen. In dem Vertrauen
auf die väterliche Vorsehung des allmächtigen Gottes,
daß dieselbe ihr helfen und sie führen werde, ist sie
zu dem Ende mit der Melkerin des Klosters einig ge-
worden, daß diese mit ihr die Kleider wechseln und
ihr so des Morgens früh in der Maske einer Melke-
rin aus dem Kloster helfen sollte. Nachdem solches
geschehen, ist sie zuerst in Lier, und zwar ohne ihr
Wissen, in ein Haus gekommen, in welchem Taufge-
sinnte wohnten, welche, als sie der Elisabeth Lage in
Überlegung genommen, sie zu sich aufnahmen, ihr
den Weg zu Gott noch deutlicher auslegten, und sie
nach einiger Zeit, aus Furcht, man möchte ihr nach-
spüren, nach Leuwaarden führten, und daselbst zu
einer sittsamen Schwester der taufgesinnten Gemein-
de (genannt Hadewyk) brachten, mit welcher sie auch
später zugleich gefangen worden ist.
Diese Hadewyk war mit einem Trommelschläger
der Kompanie, welche in Leuwaarden lag, verheiratet;
dieser nun, wenn er von Übungen, Wacht, usw. frei
war, ging in eine gewisse Werkstätte, das Nötige für
Weib und Kinder zu verdienen, wo zugleich mit ihr
ein sehr frommer Brudetj^jder Taufgesinnten arbeitete,
welcher damals um der Religion willen in Bande kam
und zum Tode verurteilt wurde. Als mm die gedachte
Kompanie Befehl erhielt, auf dem Richtplatze, wo die-
ser fromme Bruder aufgeopfert werden sollte, einen
Kreis zu schließen, um Aufruhr zu verhüten, so hat
der vorgenannte Trommelschläger Schwierigkeit ge-
macht, bei solcher Gelegenheit sein Amt zu verwalten,
hat auch solches seinem Weibe Hadewyk zu erkennen
gegeben, welche ihm hierzu widersprach und ihm
anriet, sich seinem Geschäfte zu unterziehen, was er
auch darauf sich vornahm zu tun.
Nachdem er sich aber zuvor einen Rausch trank,
um dadurch das Mitleiden gegen diesen imschuldig
Verurteilten desto weniger zu empfinden, so ist durch
solche Trunkenheit das Mitleiden ihm nicht benom-
men, sondern nur vermehrt, und er dabei so freimütig
geworden, daß er den umstehenden Zuschauern von
der Frömmigkeit und Tugend dieses ihm so wohlbe-
kannten Märtyrers erzählte, und dabei die Gründe
2 Man meint, daß es Sycke Schneider gewesen sei.
192
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
angab, warum er so misshandelt würde, wie unge-
recht die Obrigkeit, welche durch die Geistlichkeit
dazu veranlasst würde, daran täte, und daß es besser
wäre, gottlose Menschen, Hurer, Ehebrecher, Unge-
rechte und dergleichen, deren in der Stadt, ja, selbst
unter den Geistlichen genug seien, anzutasten und
so mit ihnen umzugehen, weshalb denn einige lach-
ten, andere es zu Herzen nahmen, noch andere aber
sagten: Der Trommelschläger ist trunken; andere, er
hat Verstand, er selbst aber, als er nüchtern geworden
war und zu sich kam, überlegte, was er getan und
nun zu erwarten hätte; deshalb nahm er sich vor, die
Stadt Leuwaarden, die Kompanie und die römische
Kirche zu verlassen, und ersuchte seine Frau, mit ihm
zu gehen, welche aber darein nicht willigen konnte,
und nach ihres Mannes Abreise nicht gewusst hat,
wohin er sich gewandt hatte. Aber als sie einige Zeit
darauf der Sache nachdachte und von den Taufgesinn-
ten hörte, bekam sie Gelegenheit, den Ermahnungen
beizuwohnen; sie nahm den Glauben an und ließ sich
nicht allein auf ihren Glauben taufen, sondern auch
nachher zugleich mit Elisabeth gefangen nehmen. In-
dem nun Elisabeth in einem andern Gemache gefan-
gen saß, wurde diese Hadewyk benachrichtigt, daß
sie des andern Tages über eine große Anzahl Artikel
untersucht werden und sich darüber verantworten
sollte, was ihr sehr große Not und Herzensbangig-
keit verursachte, insbesondere, weil sie weder schrei-
ben noch lesen konnte, auch fromm und gutwillig,
aber dabei ungeübt war; darum ward sie getrieben,
ernstlich zu Gott zu bitten, daß es doch dem über-
guten und menschenliebenden Vater gefallen wolle,
sie, seine arme Dienstmagd, deren Unvermögen er
am besten kenne, mitleidig anzusehen und sie nicht
über Vermögen zu versuchen, sondern durch seine
göttliche Hand ihr zu helfen und sie zu erretten, wor-
auf, als sie im Gebete lag, eine Stimme zu ihr kam,
welche rief: Hadewyk! Als sie sich nun umsah und
niemanden sah, fuhr sie in ihrem eifrigen Gebet fort;
darauf hörte sie die Stimme zum zweiten Male, und
als sie niemandem gewahr wurde, fuhr sie in ihrem
Flehen fort, bis die Stimme zum dritten Male zu ihr
sagte: Hadewyk, ich sage dir, gehe hinaus! Als sie nun
die Tür offen sah, setzte sie ihre Haube auf und ging
aus dem Gefängnisse, wusste aber damals nicht, wo
sie sich verbergen sollte; sie kam durch Schickung in
die Kirche, woselbst sie von denen, die dahin kamen,
sagen hörte, daß die Stadtpforten geschlossen seien,
weil eine Wiedertäuferin aus dem Gefängnis entron-
nen sei, ohne daß man wüsste, auf welche Weise, und
daß dies zu Grübeleien Veranlassung gegeben, ob es
wohl durch Zauberei geschehen sein möchte; deshalb
hat man sie überall mit großem Fleiße gesucht; als
sie aus der Kirche ging, hörte sie auf der Straße den
Trommelschläger ausrufen, wer ihre Person anzeigen
könnte, der sollte hundert Gulden zum Lohne haben,
wer sie aber verbergen würde, sollte um 150 Gulden
gestraft werden, worüber ihr immer banger wurde.
Weil sie aber in ihrem eigenen Hause nicht sicher war
und gleichwohl irgendwo sich verstecken musste, so
ging sie in das Haus ihres gewesenen Meisters und
dessen Frau, welchen sie in ihrem ledigen Stande eine
Zeitlang treue Dienste erwiesen hatte und die daher
viel von ihr hielten; dieselben ersuchte sie, ob sie in
dieser Not sie beherbergen wollten. Als aber solches
ihr abgeschlagen wurde, ist sie in Verzweiflung weg-
gegangen, und vor des Pfaffen Haus gekommen, bei
welchem ein ihr wohlbekannter Knecht wohnte, der
seinen vollen Verstand nicht hatte; diesen, als er eben
vor der Türe stand, redete sie an und bat ihn, daß er
sie heimlich verbergen wollte, was er auch tat; denn
er brachte sie heimlich auf den Boden und versorgte
sie mit Speise und Trank; des Nachts aber kam er zu
ihr und begehrte ungeziemende Dinge von ihr.
Hier war sie mehr verlegen als jemals; sie hatte es
mit jemandem zu tun, der körperkräftig und üppig
war, und bei welchem die Reden wenig Eingang fan-
den; machte sie Lärm, so war sie in Lebensgefahr;
darum ging sie mit Erhebung ihrer Seele zu ihrem Er-
löser und rief ihn in dieser Not um Hilfe an, bat auch
diesen gedachten Knecht, daß er von solcher bösen
Tat ablassen wollte, denn das wäre ein Ehebruch, weil
sie einen Mann hatte; nun aber müssten die Ehebre-
cher und Ehebrecherinnen ewig in der Hölle brennen;
darauf ließ er sie in Ruhe, ging hinweg und sagte: Die
Schnippe ist so klug in der Schrift, ich kann nichts mit
ihr ausrichten.
Des andern Tags ging er auf den Markt zu der Ha-
dewyk Schwager, welcher täglich Muttermilch dahin
zu Kaufe brachte, und berichtete ihm, daß er seine
Schwägerin ohne jemandes Wissen in des Priesters
Haus verberge, und riet ihm, daß er mit seinem Nach-
en an die Wassertreppe hinter des Priesters Hause
kommen, sie in den Nachen nehmen, und durch die
Schleuse zur Stadt hinausführen sollte, was er auch
tat, und so ist dieses Schaf, diese Hadewyk, durch
die wunderbare Hand Gottes den Klauen der reißen-
den Wölfe entronnen, nach Emden geflüchtet, und hat
am Abende ihres Lebens in dem Versammlungshau-
se der Taufgesinnten gewohnt, wo sie in dem Herrn
entschlafen ist.
Remmeltje Wubbers hat dieses nicht allein von ih-
ren Eltern und anderen öfters gehört, sondern auch
von der Frau, die Hadewyk erzählt hat und von wel-
cher Remmeltje ich dieses empfangen habe.
193
Von einem frommen Bruder, der in der Stadt
Buren in Flandern um des Wortes Gottes willen
1553 getötet worden ist.
Um das Jahr 1553 ist in der Stadt Buren in Flandern
um des Zeugnisses Jesus willen ein gottesfürchtiger
frommer Bruder mit dem Schwerte hingerichtet wor-
den, welcher von den Papisten (welche die Widersa-
cher der Wahrheit sind) manche schwere Kämpfe aus-
gestanden hat. Er aber, als ein tapferer Held Christi,
hat diejenigen nicht fürchten wollen, die den Leib tö-
ten, sondern vielmehr demjenigen zu gefallen gesucht,
welcher nach diesem zeitlichen Tode auch Macht hat
in die Hölle und in das ewige Feuer zu werfen, wo
ihr Wurm nicht stirbt, und ihr Feuer nicht ausgelöscht
wird. Daher hat er seine betrübte Frau getröstet, weil
er ihretwegen einen Unfall besorgte, daß sie die Pein,
die man ihm um des Wortes Gottes willen antun wür-
de, geringachten möchte. Also haben sie ihn verurteilt,
mit dem Schwerte gerichtet zu werden; darum hat er
auch von allen seinen Brüdern einen zärtlichen Ab-
schied genommen und ist, als ein demütiges Lamm
(das den Fußstapfen seines Vorgängers nachgefolgt
ist) auf die Schaubühne gestiegen; aber die Wölfe am
Abend, die nichts bis an den Morgen übrig lassen,
die an diesen und ihren anderen Früchten wohl zu
erkennen sind, behielten ihre Wolfsart, sodass sie die-
sem Freunde Gottes sieben grausame Hiebe gegeben
und endlich ihm noch das Haupt abgesägt, und ihn
auf solche Weise getötet haben. Das umstehende Volk,
welches diese Marter ansah, hat vor großer Betrüb-
nis viele Tränen vergossen; seine arme schwangere
Frau aber hat es kläglich bejammert, und ist aus Be-
trübnis mit der Frucht gestorben. Diesen entsetzlichen
Mord der Blutdürstigen konnten viele Menschen dort
ansehen, aber der große und getreue Gott, der sich
des Leidens der Seinen annimmt, als ob ihm nach
seinem Augapfel gegriffen würde, wird solches zu
seiner Zeit wohl rächen. Ach, womit wollen sich die-
se blutigen Menschen verantworten, wenn der der
oberste Hirte in den Wolken erscheinen und dieser
Sache wegen von ihnen Rechenschaft fordern wird?
Aber alle solche getreuen Helden, die ihr Leben um
Gottes willen gewagt haben und ihrem Schöpfer die
göttliche Ehre nicht haben nehmen dürfen, sondern
ihm recht nach seinem Worte haben dienen wollen
und dafür ihr Leben gelassen, haben die Verheißung
von dem Munde Jesu, daß er sie bei seinem Vater im
Himmel wieder bekennen werde, daß es des Vaters
Wohlgefallen sei, dieser kleinen Schar sein herrliches
Reich zu geben, und daß alle, die hier mit Christo um
der Gerechtigkeit willen leiden, sich mit Gott in der
Ewigkeit erfreuen werden. Lest hiervon ein Liedlein
in dem alten Liederbuche.
Peter Witses, ein Maurer, wird zu Leeuwarden im
Jahre 1553 an einem Pfahle erwürgt.
Das Bekenntnis des Peter Witses, eines Maurers, wel-
cher zu Leeuwarden gefangen war, und daselbst um
des Zeugnisses Jesu willen im Jahre 1553 sein Leben
gelassen hat.
Frage und Antivort.
Frage: Was ist dein Name? Antwort: Peter Witses. Fra-
ge: Wie alt bist du? Antwort: 27 Jahre. Frage: Wann
hast du zum letzten Mal gebeichtet? Antwort: Ich
beichte alle Tage und bekenne, daß ich ein Sünder
bin. Frage: Was hältst du von dem Sakramente? Ant-
wort: Ich halte dafür, daß dasselbe von großer Würde
sei. Frage: Was hältst du von dem Sakramente, das
der Pfaffe auf Ostern gibt? Antwort: Ich halte nichts
davon. Frage: Christus sprach: Nehmt, esst, das ist
mein Fleisch. Antwort: Es ist wahr, aber er hat zu
denen geredet, die ihm gehorsam waren. Frage: Bist
du auch wiedergetauft? Antwort: Ich bin einmal ge-
tauft, und das nach der Lehre Gottes; ich weiß von
keiner Wiedertaufe. Frage: Wie lange ist es? Antwort:
Ungefähr anderthalb Jahre. Darauf wurde Peter in
ein Gewölbe gebracht, und als er dort ungefähr eine
halbe Stunde gesessen hatte, hat man ihn wieder vor
die Herren gebracht und aufs Neue gefragt: Peter, du
bist verführt, willst du dich nicht unterrichten lassen?
Antwort: Ja, gerne; wer die Strafe und Unterweisung
verlässt, der bleibt irrig. Nehmt ein Testament und un-
terrichtet mich. Frage: Wir sind keine Lehrer, willst du
dich nicht von Priestern unterrichten lassen? Antwort:
Gott ist der beste Priester; er wird mich wohl unter-
richten, dabei will ich durch Gottes Gnade bleiben.
Frage: Vielleicht ist etwa ein Landläufer (Bies) gewe-
sen, der dir etwas vorgepredigt hat; ferner sagten sie,
sie hätten in dem Alten Testamente gelesen, daß viele
Kinder getauft worden seien. Peter antwortete: Ich ha-
be nichts davon gelesen; ich habe zwar wohl gelesen,
daß Christus den Gläubigen befohlen hat zu taufen,
Mt 28,19; Mk 16,16, was auch von den Aposteln getan
worden ist, Apg 2,38, und daß Petrus gelehrt habe: Tut
Buße, und lasse sich ein jeder taufen, so werdet ihr die
Gabe des Heiligen Geistes empfangen, denn euer und
eurer Kinder ist diese Verheißung; auch hat er Joli 8
angeführt. Darauf sagten sie: Peter, du bist verführt;
sind deine Brüder auch so gesinnt? Er antwortete: Was
weiß ich von meinen Brüdern! Von demjenigen, was
mir Gott gegeben hat, kann ich reden, solches weiß
ich. Ferner hat er erzählt, daß Christus gesagt habe:
194
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Geht hin in alle Welt, predigt und lehrt, wer da glaubt
und getauft wird, der wird selig werden; endlich, wie
Christus zu Johannes an den Jordan gekommen sei,
um von ihm sich taufen zu lassen, damit er zuerst für
uns alle Gerechtigkeit erfülle und uns ein Vorbild sei,
seinen Fußstapfen nachzufolgen; nach Christi Leiden
haben solche die Apostel gebraucht, welche sein Leib
und seine Gemeinde waren.
Von ihrem Abendmahle hat er bekannt, daß er über-
haupt davon nichts hielte; sie haben ihn auch mit dem
Evangelium ermahnt, welches alles er als richtig aner-
kannt hat, nicht aber, daß es auf ihre Gemeinde gesagt
worden sei, denn Christus sprach, sagte er, zu seinen
Aposteln: Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch
gebrochen wird; auch den Kelch: Trinkt alle daraus;
das ist der Kelch des neuen Testamentes in meinem
Blute, das zur Vergebung der Sünden für viele vergos-
sen wird. Die Christen sollen es halten, wie Paulus an
die Korinther lehrt; dort haben wir es klar. Sie sagten,
daß ihr Abendmahl, welches sie essen und trinken,
wahrhaftig Fleisch und Blut sei, und fragten mich, ob
wir es nicht auch so zu essen und zu trinken pfleg-
ten? Antwort: Christus sprach: Das Fleisch ist nichts
nütz, nämlich äußerlich zu essen; das Wort aber ist
Geist und Leben; unsere Gemeinde ist nicht außer
dem Leibe Christi.
Eine kurze Ermahnung von Peter Witses, dem
Maurer
Christus hat, Mt 24,5, gesagt: Es werden viele in mei-
nem Namen kommen und sagen: Ich bin Christus,
und werden viele verführen, welches wohl wahr ist;
denn wenn man ihnen die Sünden beichtet, so verge-
ben sie dieselben, wie sie sagen; solches haben sie seit
der Zeit getrieben, daß das Evangelium verborgen
gewesen ist, und tun es noch, Paulus hat auch davon
an Timotheus geweissagt, und Christus, Mt 7: Hütet
euch vor den falschen Propheten ; ferner Johannes im
10. Kapitel, der viel davon schreibt, ebenso Judas und
Petrus. Aber sie sind wie unvernünftige Tiere, welche
von Natur dazu geboren sind, daß sie gefangen und
erwürgt werden. Sie lästern, was sie nicht verstehen;
ferner, sie weben Spinngewebe und brüten Basiliske-
neier aus; ferner, sie tünchen die Wand mit losem Kalk,
und legen den Menschen Kissen unter die Arme; denn
obgleich die Kirche in die Höhlen flieht, so bleibt doch
das Bekenntnis ewiglich. Sie können nicht widerste-
hen, denn sie verleugnen die Kraft Gottes; sie lieben
den breiten Weg, das Kreuz Christi ist ihnen eine Tor-
heit. Hiervon gab mir Gott etwas zu reden ein. Ich
merke anders nichts, als den Gräuel der Verwüstung,
wovon der Prophet Daniel spricht, und wovon auch
Christus sagt, daß er auf Erden kaum Glauben finden
werde; aber seid guten Muts und streitet im Glauben,
als solche, die wohl wissen, daß es das Wort der Wahr-
heit sei, welches nicht fehlen kann. Darauf habe ich
durch Christi Gnade gebaut; er wird mich bewahren;
ich will stets auf ihn trauen, weil ich weiß und gewiss
bin, daß keine Kraft, keine Macht und keine Herrlich-
keit weder im Himmel noch auf Erden ist, als nur die
seinige. Darum seid sorgfältig, prüft euch selbst in eu-
rem Gewissen, was ihr sucht, es muss ein jedes Werk
offenbar werden. Lest und untersucht es fleißig, denn
es gilt uns nicht wenig. Die Obrigkeit kann jemanden
mit der Pein nicht bald verführen; aber die Geister
der Verführung kommen mit falschen Stricken unter
Christi Namen, vor welchen wir doch zur Genüge
gewarnt sind, Mt 7; 24; lTim 4; 2Tim 3,4 ; Tit 3; Rom 16;
Phil 3,2; 2 Pt 2. Meine lieben Freunde! Sie mögen mir
mit Fragen zusetzen, wie sie wollen; unterweiset doch
die jungen, einfältigen Herzen recht in dem Unter-
schiede des Abendmahls des Herrn, denn ich weiß,
was mir begegnet. Ist das Haus recht auf den Eckstein
gegründet, so kann es nicht fallen; ein jeder sehe wohl
zu, denn die Zeit der Versuchung ist vor der Türe,
und es ist wohl bekannt, daß es bei den Worten nicht
allezeit bleiben werde, denn Christus hat selbst gelit-
ten. Haben sie seinen gesegneten Leib angetastet, so
werden sie auch wohl unserer nicht schonen; lasst uns
mit dem Worte Gottes uns waffnen, denn das Wort
Gottes ist die rechte Türe; es ist das Brot des Lebens.
Die Zeit des Heulens ist gekommen; darum ist unsere
Erlösung nahe. Lasst uns um Gnade bitten, es ist Zeit,
daß das Gericht an dem Hause Gottes anfange; wenn
es mm an uns anfängt, wie wird es denen ergehen,
die an das Wort nicht glauben. Meine Brüder! Verge-
sst uns arme Schafe nicht in eurem Gebete, die wir
um der Wahrheit willen in den Banden der Obrigkeit
sind. Sorgt für diejenigen, die bei euch wohnen, denn
Christus wird sagen: Ich bin nackend gewesen, und
ihr habt mich gekleidet ; betet und wacht, der Gräuel
der Verwüstung naht heran; lasst nicht nach; habt gu-
ten Mut, denn der in uns ist, ist größer als der in der
Welt ist. Mein freundliches Begehren ist, daß ihr Fleiß
anlegen wollt, damit ihr nicht verführt werdet, denn
es sind jetzt gefährliche Zeiten. Wisst, daß ich allezeit,
wenn ich vor sie gebracht wurde, meine eigenen Ge-
danken in mir vernichtet und zu dem allmächtigen
Gott gebetet habe, daß er meinen Mund nach seinem
Wohlgefallen öffnen wolle; glaubt für gewiss, es ist
geschehen, daß er den Elenden Trost genug gegeben;
sie haben mir in vielen Stücken Recht gegeben, als ich
durch Gottes Gnade mit einem sanftmütigen Geiste
mit ihnen redete. Meine lieben Freunde! Nehmt es
zu Dank auf; der Herr wolle euch alle vor den bösen
195
Verführern bewahren: Betet und wacht; es ist eine ge-
fährliche Zeit. Vergesst unserer nicht in eurem Gebete,
und kommt zu Zeiten zu uns; solches ist erbaulich.
Der Herr wolle uns alle bewahren.
An sein Weib.
Mein liebes, auserwähltes Weib! Bleibe bei Gott, und
laß dich nicht in Gemeinschaft mit den Bösen ein,
denn wenn der Gerechte abweicht, spricht der Herr,
so soll meine Seele keinen Wohlgefallen an ihm haben.
Die Zeit meines Todes scheint nahe zu sein; mit Gott
wird es geschehen. Wenn es zum Scheiden kommt,
so fürchte dich nicht, sondern bewahre deinen Mund.
Mein liebes Weib, bleibe bei der Gnade Gottes, die dir
gegeben ist!
Wilhelm von Leuwen.
Im Jahre 1554 ist zu Gent in Flandern um des Zeug-
nisses der Wahrheit willen ein frommer Zeuge Got-
tes, Wilhelm von Leuwen genannt, welcher des Jahn
Doom Großvater gewesen ist, getötet worden. Dieser
hat nicht wegen irgendeiner Übeltat oder Ketzerei,
sondern allein um des Zeugnisses der Wahrheit wil-
len in einem guten Gewissen gelitten, denn er hatte
der babylonischen Hure mit allen ihren Buhlern und
falschem Gottesdienste entsagt und hatte sich wieder
mit Christo vereinigt, welchem er von ganzem Her-
zen in der Wiedergeburt nachgefolgt ist, und hat so
diese Welt und alles, was darin ist, durch den Glau-
ben überwunden; daher hat er endlich das Ende des
Glaubens, das ist, die ewige Seligkeit, durch Christum
Jesum aus Gnaden erlangt.
David und Levina.
Zu Gent, in Flandern, wurde im Jahre 1554 ein junger
Bruder, namens David, gefangen genommen, weil er
Christo nachfolgte und die Gebote Gottes hielt, wel-
cher, als er untersucht wurde, seinen Glauben ohne
Furcht bekannt hat, und als er gefragt wurde, was er
von dem Sakramente hielt, sagte David, er hielte sol-
ches für nichts anderes als für eine Abgötterei. Darauf
sprach ein Pfaffe zu ihm: Freund, du bist sehr verführt,
weil du so leicht deinen Glaube bekennst, denn wenn
du dich nicht bei Zeiten bedenkst, so wird es dich das
Leben kosten. Darauf antwortete David mit sanfter
Stimme: Ich bin bereit, für den Namen Christi mein
Blut zu vergießen, und sollte es hier auf diesem Platze
sein; denn Gott ist mein Heil, der wohl vor allem Übel
behüten und bewahren kann. Der Pfaffe sprach: So
gut wird es dir nicht ergehen, daß man dich hier auf
diesem Platze heimlich töten wird, sondern man wird
dich öffentlich auf dem Markte, zur ewigen Schande,
an einem Pfahl mit Feuer verbrennen. Nachher hat
man ihn vor Gericht gebracht, wo er zum Tode ver-
urteilt worden ist; sein Urteil wurde abgelesen und
lautete, daß er von dem rechten Glauben in Ketzerei
verfallen sei, und darum, nach des Kaisers Befehle,
verurteilt werde, erwürgt und verbrannt zu werden.
David sante: Es wird mir niemand mit der Schrift
beweisen können, daß der Glaube Ketzerei sei, um
deswillen ich nun sterben muss.
Mit ihm wurde auch eine Frau, Levina genannt,
zum Tode verurteilt, welche nicht nur ihre sechs lie-
ben Kinder, sondern auch ihr zeitliches Leben lieber
verlassen wollte, als ihren lieben Herrn und Bräu-
tigam Jesum Christum. Als sie auf die Schaubühne
kamen, wollte David niederknien und sein Gebet zu
Gott verrichten; aber solches wurde ihm nicht erlaubt,
sondern sie wurden nach den Pfählen fortgetrieben.
Als sie nun an denselben standen, sprach David zu
Levina: Freue dich, liebe Schwester, denn was wir hier
leiden, ist nicht mit dem ewigen Gute zu vergleichen,
welches unserer wartet. Als sie nun ihr Opfer tun
wollten, riefen beide: Vater, in deine Hände befehlen
wir unsem Geist. Da wurde einem jeden ein Säck-
lein mit Schießpulver angehängt, worauf sie erwürgt
und verbrannt worden sind. Hierbei zeigte sich ein öf-
fentliches Wunderwerk Gottes, denn als sie verbrannt
waren und das Feuer ausgelöscht war, sah man, daß
David sein Haupt noch bewegte, so daß das Volk rief:
Er lebt noch. Der Scharfrichter nahm die Gabel in die
Hand und stach ihm damit dreimal in den Bauch, daß
das Blut herauslief; gleichwohl sah man ihn nachher
sich noch bewegen. Darum legte der Scharfrichter ei-
ne Kette um seinen Hals, band ihn an den Pfahl und
zerbrach ihm so den Hals.
So haben diese beiden sich tapfer durchgestritten,
mit festem Vertrauen zu Gott, der sie auch nicht zu
Schanden werden ließ, denn sie hatten ihren Bau auf
den einigen Grund fest gegründet, weshalb sie auch
in Ewigkeit nicht vergehen, sondern allezeit unbeweg-
lich bleiben werden.
Peter mit dem Krüppelfuße, Jan Doogscherder,
Hans Borduerwercker und Franz Schwerdtfeger.
Als im Jahre 1555 Junker Jan von Immerseele Mark-
graf geworden ist, sind zu Antwerpen, um des Zeug-
nisses der Wahrheit willen, vier Brüder gefänglich
eingezogen worden, nämlich: Peter mit dem Krüppel-
fuße, Jan Doogscherder, Hans Borduerwercker und
Franz Schwerdtfeger, welche endlich zum Tode verur-
teilt wurden, weil sie standhaft dabei geblieben sind
196
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
und zu keinem Abfalle gebracht werden konnten; sie
haben öffentlich auf dem Markte ihr Leben um des
Namens des Herrn lassen müssen, was er ihnen wohl
vergelten wird.
Tannecken von der Leyen, 1555.
Auch wurden in demselben Jahre zu Antwerpen eine
junge Tochter von Gent, namens Tannecken von der
Leyen, gefangen genommen, welche Gott und seine
Wahrheit mehr liebte als alles, was in der Welt ist;
deshalb, weil sie die Lehre Christi und seiner Apo-
stel mehr achtete, als alle menschlichen Lehren, und
standhaft dabei blieb, ist sie zum Tode verurteilt und
in der Schelde ertränkt worden.
Bartholomäus der Töpfer, 1555.
Bartholomäus der Töpfer, der im Hause Gottes ein
Gefäß der Ehren gewesen ist, wurde auch um seines
Glaubens willen zu Antwerpen gefangen, untersucht
und ihm viel Verdruß angetan, und endlich, nachdem
das Urteil gefällt worden ist, öffentlich auf dem Mark-
te, als ein frommer Zeuge Jesu Christi getötet.
Romeken, 1555.
Um dieselbe Zeit hat auch Rommeken, der ein be-
rühmtes Kind Gottes war, die Wahrheit Gottes zu
Antwerpen auf dem Markte öffentlich vor jedermann
mit seinem Blute bezeugt und versiegelt; darum wird
Christus bei seinem himmlischen Vater wieder von
ihm zeugen und ihn bekennen.
Hans Pichner.
Im Jahre 1555 ist Hans Pichner von Sal zu Borst im
Etschlande oder Funts-Gau gefangen genommen und
von den Häschern nach Schlanters vor den Richter
geführt worden, welcher ein grausamer Tyrann und
eines sehr grimmigen Gemütes war; derselbe nahm
ihn sofort vor und hat ihm mit scharfen Fragen zuge-
setzt, daß er denjenigen angeben und verraten sollte,
der ihn beherbergt hatte; als er solches aber nicht tun
wollte, wurde er sogleich vom ersten Tage an gefoltert;
aber all ihr Peinigen war umsonst, und es ärgerte sie
sehr, daß sie von ihm nichts erfahren konnten. Man
hat ihn einige Mal entkleidet und im Foltern ihn ei-
nige Stunden an Stricken hängen lassen; ja, er wurde
so ausgespannt, daß er weder auf seinen Füßen ste-
hen, noch einen Schritt tun, auch nicht seine Hände
zum Munde bringen konnte, um zu essen; gleichwohl
ließ er sich nicht verführen, sondern blieb standhaft
im Herrn. Dann haben sie ihm Hände und Füße ge-
bunden, und ihn in einem dunklen Gefängnisse oder
Kerker länger als ein halbes Jahr gefangen gehalten;
auch brachten sie viele Weltgelehrte (ob sie etwa ihn
abziehen konnten), als Pfaffen und Mönche, auch ei-
nige Edelleute zu ihm, die ihm zwei Tage und eine
ganze Nacht scharf zusetzten, aber sie wurden zu
Schanden, denn er ließ sich nicht abschrecken, son-
dern überzeugte sie mit der Wahrheit.
Endlich haben sie ihn zum Tode verurteilt und auf
den Richtplatz hinausgeführt, wo er das Volk, das in
großer Anzahl versammelt war, zur Buße ermahnt hat;
hiernach wurde er sitzend, mit dem Rücken gegen
ein Holz gelehnt, enthauptet, denn sie hatten ihn so
jämmerlich ausgespannt und gepeinigt, daß er nicht
knien konnte; gleichwohl ist er unbeweglich bei dem
Herrn und seiner Wahrheit geblieben; darum hat ihn
Gott auch in der Stunde jener Versuchung bewahrt,
und wird ihm hinfort kein Leid von dem zweiten Tode
widerfahren; das ewige Feuer wird er nicht sehen,
sondern er wird zu den vielen tausend Engeln, zu
dem Abendmahle und der Hochzeit des Lammes, in
reiner, weißer Seide gekleidet, eingehen, wo Freude
über Freude von Ewigkeit zu Ewigkeit sein wird.
Christian, im Jahre 1555.
Im Jahre 1555 wurde im Baierland ein Bruder mit
Namen Christian gefangen genommen und nach Wer-
mes geführt, und obgleich er noch nicht lange bei der
Gemeinde gewesen war, so hat er doch die Wahrheit
Gottes, die er angenommen und erkannt hatte, treu-
lich bewahrt, auch was er Gott in seinem christlichen
Taufbunde versprochen hat, bis an den Tod festgehal-
ten, und so durch die Kraft und Stärke Gottes den
Glauben mit seinem Blute bezeugt; er ist zu Wermes
mit dem Schwerte gerichtet worden und hat so bis in
den Tod einen guten Kampf gekämpft, für die Wahr-
heit gestritten, seinen Lauf zu einem sichern Ende
gebracht, und hat nicht in die Verführung eingewil-
ligt, sondern lieber ritterlich sterben, als schändlich
leben wollen; darum ist ihm auch die Krone der Ge-
rechtigkeit verheißen, welche der Herr am jüngsten
Tage ihm und allen geben wird, die seine Erscheinung
lieben.
Digna, Pieterß Tochter, 1555.
Digna, Pieterß Tochter, wird um des Zeugnisses Jesu
Christi willen, nach vielem Verdruss, zu Dortrecht in
dem Puttoxturm in einen Sack gesteckt und ertränkt,
den 23. November 1555.
Als man schrieb das 1555. Jahr nach der Geburt
197
unseres Herrn, hat man sich auch zu Dortrecht in Hol-
land an einigen von den Heiligen Gottes vergriffen,
unter welchen unter anderem auch eine gottesfürchti-
ge Frau, namens Digna Pieterß, genannt wird, welche
eine Bürgerin dieser Stadt war, die aber ihr Bürger-
recht in der geistigen Stadt Gottes hatte, nämlich in
der Gemeinde Jesu Christi auf Erden, ja, auch, um ih-
rer Aufrichtigkeit willen, im neuen und himmlischen
Jerusalem, das droben ist, worin und wovon sie durch
das Wort der Wahrheit wiedergeboren war.
Diese hat man, um ihres Glaubens willen, den sie
mit den lieben Freunden und Kindern Gottes gemein
hatte, gefänglich eingebracht und ist auf mancherlei
Weise streng gegen sie verfahren, in der Absicht, um
sie vom Glauben abzubringen.
Als man aber nun die Sache nicht weiter bringen
konnte, weil sie auf den unbeweglichen Eckstein, näm-
lich Jesum Christum, gegründet war, so hat man sich
vorgenommen, ihrem Bürgerrechte und zugleich ih-
rem Leben ein Ende zu machen.
Darauf ist erfolgt, daß die Gerichtskammer durch
Hilfe der Gerichtsverwandten und des Rats dieser
Stadt mit öffentlichem Glockenschlage ihr den 17. No-
vember desselben Jahres vor den Treppen des Stadt-
hauses das Bürgerrecht abgenommen hat, um künftig
mit ihr zu handeln, wie die Herren dieser Kammer es
für gut befinden oder billig erkennen würden.
Diese Geschichte ist in dem Buche von dem Glo-
ckenschlage dieser Stadt, welches in der Schreiberei
daselbst niedergelegt, jedoch durch die Länge der Zeit
sehr defekt geworden ist, übergeblieben.
Actum per Campanam.
»Nachdem Digna, Pieterß Tochter, eine Bürgerin die-
ser Stadt, gegenwärtig gefangen, vor dem Gerichts-
verwandten und dem Rate dieser Stadt ohne Folter
und Bande öffentlich bekannt hat, daß sie wiederge-
tauft worden sei etc.; auch Versammlungen gehalten
dem Glauben, den heiligen Sakramenten und andern
Diensten und Gebräuchen der heiligen Kirche zuwi-
der, so hat die Kammer der vorgemeldeten Stadt die-
ser Digna, Pieterß Tochter, das Bürgerrecht entzogen,
und entzieht ihr dasselbe hiermit, um fernerhin mit
derselben zu verfahren, wie die vorgemeldete Kam-
mer nach Erforderung und Gelegenheit der Sache gut
befinden wird.«
Hierauf folgt in demselben Buche, was die Gerichts-
kammer sechs Tage später, wie es scheint, ihretwegen
getan hat, wovon die nachstehenden Worte gefunden
werden:
Digna Pieterß ertränkt.
Heute, den 23. November im Jahre 1555 ist Digna,
Pieterß Tochter, in Gemäßheit eines Urteils, welches
von den Gerichtsverwandten und dem Rate dieser
Stadt gefällt und bekannt gemacht worden ist, in dem
Puttoxturme (und das nach Berichte des Woutec Bar-
thouts Gerichtsverwandten) in einen Sack gestellt und
ertränkt worden.
Abgeschrieben aus dem Buche von dem Glocken-
schlage der Stadt Dortrecht, welches mit dem letzten
Oktober 1554 anfängt und sich mit dem 16. Juni 1573
endigt.
Dieses ist das Ende dieser tapferen Heldin Jesu ge-
wesen, welche, obgleich sie heimlich in einem Turme
ermordet und umgebracht worden ist (gleichwie Jo-
ris Wippe und mehrere andere), doch dermaleinst
an dem großen Tage des Herrn öffentlich zum Vor-
schein gebracht werden wird; dann wird man den
Unterschied sehen zwischen denen, die es getan, und
denen, die es erlitten haben. Denn es wird ein jeder
an seinem Leibe empfangen, je nachdem er hier getan
hat, es sei gut oder böse (2Kor 5,10).
Dieser Puttoxturm, wo diese Marter geschehen ist,
hat in der Stadt Dortrecht in der Nähe der Pforte des
großen Hauptes gestanden, er ist aber endlich durch
die Länge der Zeit (oder zur Warnung von Gott wegen
dieser Mordtat) umgefallen, an dessen Stelle gegen-
wärtig ein Haus gefunden wird, wo in dem Giebel
nachfolgende Worte in einem harten Stein ausgehau-
en stehen:
Wo vormals Puttoxturm zerbrach,
Bin ich erbauet bald hernach.
Was die Personen betrifft, die in demselben Jahre bei
dem Todesurteile (oder Todesstrafe) gedient haben
(und welche dieses Werk ausgeführt haben), so sind es
(nach Johann Beverwüks Beschreibung des Regiments
der Stadt Dortrecht) nachfolgende gewesen: Adriaen
von Bleyenberg, Adriaenß war damals Schulze. Die
Gerichtsbeamten waren:
1. Jakob Adriaenß.
2. Philips von Beverwük Ogierß.
3. Maerten Schrevel Dirkß.
4. Jakob dem Herrn Jakobß.
5. Peter Mugs Jakobß.
6. Schrevel Herrn Ockers.
7. Wouter Barthouts.
8. Cornelius von Beveren Herrn Claß.
9. Wouter von Drenkwaart Herrn Wilmß.
Ob aber alle diese Gerichtsverwandten nebst dem
Schulzen in das vorgemeldete Urteil eingewilligt ha-
ben, oder ob Wouter Barthouts, der bei ihrem Tode
198
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
zugegen war, insbesondere zu diesem Werke angetrie-
ben habe, wird nicht ausgedrückt; gleichwohl lässt
es sich annehmen, daß die meisten derselben keinen
großen Gefallen daran gehabt haben müssen, weil
sich Wouter Barthouts allein (wie es scheint) nebst
dem Scharfrichter und den Gerichtsdienern bei dem
Tode dieser Frau eingefunden hat.
Erneuerung der vorhergehenden blutigen Befehle,
im Jahre 1556.
Erneuerung der vorhergehenden blutigen Befehle des
Kaisers Karl des Fünften wider die Taufgesinnten oder
sogenannten Wiedertäufer durch Philipp den Zwei-
ten, König von Spanien, im Jahre 1556.
Bis hierher hatte der Kaiser Karl der Fünfte die Ver-
gießung des Blutes der Heiligen in den Niederlanden
und die grausamen Tyranneien, die mit Hilfe des Ket-
zergerichts, samt dem, was darauf erfolgt und sowohl
durch Feuer, Wasser, Schwert, als auch durch ande-
re Mittel über dieselben ins Werk gesetzt worden ist,
auf seinem Gewissen; aber in diesem Jahre hat sein
Sohn, Philipp der Zweite, König von Spanien, der
seines Vaters Fußstapfen nachfolgte (statt eine Lin-
derung im Gewissenszwange zu veranlassen), allein
oder doch hauptsächlich alle vorhergehenden alten,
blutigen und grausamen Befehle, die sein Vater gegen
die genannten Ketzer erlassen hatte, erneuern und
befestigen lassen; insbesondere den sehr grausamen
Befehl, welcher den 25. September des Jahres 1550
öffentlich bekannt gemacht worden ist, dessen Inhalt
wir bisher aufgespart haben, den wir aber hier anfüh-
ren wollen, weil er doch in dem Jahre 1556 erneuert
worden ist, wiewohl nicht in seinem ganzen Umfange,
sondern nur insoweit er wider die Taufgesinnten und
hauptsächlich wider ihre Lehre handelt.
In dem Buche, worin sich der Prinz von Oranien,
Wilhelm der Erste, wider die Falschheiten, deren ihn
seine Widersacher mit Unrecht zu beschuldigen such-
ten, verantwortet, gedruckt 1569, wird hiervon Pag.
165, Buchst. L 6, mit nachstehenden Worten Erwäh-
nung getan.
Von den Verordnungen und Befehlen.
Von den Verordnungen und Befehlen, welche für al-
le Zeiten und ohne Ausnahme gemacht und überall
verkündigt worden sind, vom 25. September 1550 an,
aber erneuert und befestigt durch die königliche Ma-
jestät im Jahre 1556.
Desgleichen verbieten wir allen weltlichen Perso-
nen und andern, sich in eine Verhandlung oder einen
Wortstreit wegen der Heiligen Schrift, es sei öffentlich
oder heimlich einzulassen, insbesondere in zweifel-
haften und schweren Materien, oder andere zu lehren
und die Heilige Schrift auszulegen oder zu verdolmet-
schen, es sei denn, daß sie Gottesgelehrte wären und
die Gottesgelehrtheit oder geistlichen Rechte gelernt
hätten, die von berühmten hohen Schulen für tüchtig
erkannt, oder sonst dazu vom Bischöfe desselben Orts
Freiheit erhalten; und geht unsere Meinung dahin,
daß solches nicht von denjenigen verstanden werden
müsse, die sich darauf legen, daß sie wegen der Heili-
gen Schrift einfältige Aufschlüsse erteilen und dabei
die Auslegung der Heiligen und Gottesgelehrten an-
führen, die man für gut befunden, sondern von denen,
die, um andere zu verführen, dasjenige lehren und
in demjenigen unterrichten, was verboten ist, und
die, den Verordnungen unserer Mutter, der heiligen
Kirche, zuwider, falsche und arge Sätze und Lehren
behaupten und lehren, welche öffentlich für Ketzer
gehalten werden, oder auch, die irgendeine Lehre der
vorgemeldeten Schreiber predigen, verteidigen und
behaupten, es sei öffentlich oder heimlich.
Bei Strafe, daß derjenige, welcher gegen einige der
obengenannten Punkte gehandelt oder getan haben
wird, als eine aufrührerische Person und ein Zerstörer
unserer Regierung und der allgemeinen Ruhe bestraft
und hingerichtet werden soll; nämlich, die Männer
sollen mit dem Schwerte getötet, die Weiber aber le-
bendig begraben werden, wenn sie ihre Irrtümer nicht
ferner behaupten oder verteidigen wollen; wenn sie
aber in ihren Irrtümem, Meinungen oder Ketzereien
verharren, sollen sie mit Feuer hingerichtet werden,
und es sollen unter jeden Umständen alle ihre Güter
zu unserm Nutzen verfallen sein.
Was dasjenige betrifft, was wir in unsern vorherge-
henden Befehlen und unsern letzten Verordnungen
beschlossen haben, daß sie von dem Tage an, wo sie
dagegen gehandelt haben, oder in die vorgenannten
Irrtümer gefallen sind, nicht berechtigt sein sollten,
rücksichtlich ihrer Güter etwas zu verordnen, und
daß aller Handel, Geschenke, Abtretung (Zession),
Verkäufe, Übergebung der Güter, Testamente oder
letzte Willen, die sie von dem letztbeschriebenen Tage
an getan und gemacht haben, nichtig, kraftlos und
ungültig sein sollten.
Ferner, Pag. 168: Denn nachdem viele aus unseren
vorgemeldeten Landen, die wegen Ketzerei verdäch-
tig sind, und insbesondere wegen der Sekte der Wie-
dertäufer ihre Wohnplätze verändern, um die einfäl-
tigen Leute in denjenigen Flecken, wo ihre Art nicht
bekannt ist, zu vergiften, so wollen wir, um diesem zu
begegnen, verordnen und befehlen, daß niemand von
den Einwohnern unserer vorgemeldeten Niederlan-
de, wes Standes, Art und Beschaffenheit er auch ist.
199
in irgendeiner Stadt oder irgendeinem Dorfe dieser
Lande aufgenommen oder zugelassen werden soll,
es sei denn, daß er ein Zeugnis von dem Pfarrer des
Fleckens bringe, wo er zuletzt gewohnt hat.
Er soll aber verbunden sein, solches Zeugnis auf-
zuweisen und dem obersten Aufseher der Stadt oder
des Dorfes, wo er wohnen will, in die Hände zu lie-
fern, bei Strafe, daß allen, die solches Zeugnis nicht
mitbringen werden, nicht erlaubt sein soll, daselbst
zu wohnen.
Auch gebieten wir den Beamten, daß sie sich nach
denselben genau erkundigen, und hierin verfahren,
wie es sich gebührt. Es soll auch unseren vorgemel-
deten Beamten, oder den Herren und ihren Beamten,
nicht erlaubt sein, solchen Personen irgendein Geleit
oder einen Geleitsbrief zu geben.
Ferner, Pag. 171: Alle diejenigen, die von einigen
Kunde haben, die mit Ketzerei besudelt sind, sollen
gebunden sein, dieselben sofort und ohne Verzug zu
offenbaren, anzubringen und allen geistlichen Rich-
tern, Bedienten der Bischöfe, und andern, wo es sich
gebührt, bekannt zu machen.
Desgleichen, wenn befunden wird, daß jemand wi-
der diese unsere Verordnungen und Verbote gehan-
delt hat, und es an den Tag legt, daß er angesteckt oder
ein Übeltäter von den Ketzern sei, oder etwas gegen
diese unsere Verordnungen und Verbote tut, insbe-
sondere, wenn es zur Ärgernis und Aufruhr gereicht
Diejenigen, welche von denselben Wissenschaft oder
Kunde haben, sollen verbunden sein, unsere geistli-
chen Richter oder ihre Untergebenen und Verordne-
ten, oder die Beamten der Plätze, wo solche angesteck-
te Übeltäter wohnen, davon zu benachrichtigen, und
das bei willkürlicher Strafe.
Auch sollen sie verbunden sein, wenn sie Plätze
wissen, wo einige solcher Ketzer sich aufhalten und
zur Herberge sind, dieselben den Beamten dieser Plät-
ze anzuzeigen, bei Strafe (wie vorgemeldet worden),
für Missetäter gehalten zu werden, die solche Ketze-
rei gehegt und ihr angehangen haben, und sollen mit
derselben Strafe belegt werden, welche einem Ketzer
oder Missetäter gebührt, wenn er in Verhaft genom-
men und gefangen worden wäre.
Und damit die vorgemeldeten Richter und Beam-
ten, welche die vorgenannten Ketzer, Wiedertäufer
und Übertreter unserer vorgeschriebenen Verordnun-
gen und Verbote gefangen und in Verhaft genommen,
unter dem Vorwände, es schienen die Strafen zu groß
und zu schwer zu sein, und dieselben seien nur ver-
ordnet, den Übertretern (nämlich den Wiedertäufern)
und Übeltätern Furcht einzujagen, keine Ursache ha-
ben, ihnen, ihren Rottgesellen und Gönnern, durch
die Finger sehen, oder dieselben mit einer geringeren
Strafe zu belegen, als sie verdient haben, wie man er-
fahren, daß solches vor Zeiten oft geschehen ist, so
wollen wir, daß diejenigen, die mit Wissen diese Ver-
ordnungen übertreten (samt denen, die einige ketzeri-
sche, ärgerliche Bücher und Schriften bei sich gehabt,
gedruckt, verkauft, ausgeteilt, bekannt gemacht, oder
sonst gegen die Verordnungen getan und gehandelt
haben, die zuvor oder nachher berichtet, oder gegen
einige von denselben) mit der oben angeführten Strafe
tätlich gestraft und gezüchtigt werden sollen.
Wir verbieten allen unsern Richtern, Gerichtsräten
und Beamten, wie auch Lehnträgern und Untertanen,
weltlichen Herren, die im hohen Gerichte sitzen, wie
auch ihren Bedienten, die vorgemeldete Strafe auf
irgendeine Weise zu verändern oder zu mäßigen; son-
dern sie sollen, wenn sie die vorgemeldete Übertre-
tung erkannt haben, in Vollziehung der vorbeschrie-
benen Strafen und ihrem Ratschlüsse geradezu ver-
fahren, es wäre denn, daß die vorgemeldeten Richter
in einem großen, wichtigen Falle Bedenken gefunden
hätten, die Strafe, die nach unsern vorgemeldeten Be-
fehlen gegen die Übertreter verordnet ist, nach der
Schärfe auszuführen.
Gleichwohl soll ihnen in solchem Falle nicht erlaubt
sein, nach ihrem Gutdünken etwas nachzulassen, son-
dern sie sollen verbunden sein, die Verhandlung des
Blutgerichts, wohl verschlossen und versiegelt, an das
oberste Gericht des Landes, unter dessen Herrschaft
sie wohnen, zu übermachen und zu senden; daselbst
soll alles genau untersucht, durchforscht und darüber
beratschlagt werden, ob darin eine Veränderung oder
Linderung der vorgemeldeten Strafen Platz haben
könne oder nicht.
Und wenn diese unsere vorgemeldeten Räte fin-
den werden, daß mit Grund, Recht und Fug (was wir
ihnen bei ihrem Gewissen anbefehlen wollen) darin
einige Veränderung oder Linderung vorkommt, so
sollen sie dieselben in solchem Falle schriftlich be-
nachrichtigen, und alles an die vorgemeldeten Richter
und Beamten übersenden, um danach den vorgemel-
deten Gerichtshandel auszuführen und zu Ende zu
bringen.
Wir befehlen ihnen auch, nicht weniger zu tun, und
gebieten ausdrücklich und scharf, bei Vermeidung
in unsere willkürliche Strafe und Züchtigung zu fal-
len, daß sie ohne wichtige und erhebliche Ursache
die vorgemeldete Beratschlagung nicht unternehmen,
sondern, so viel als sie können und vermögen, sich
nach dem Inhalte dieser gegenwärtigen Verordnun-
gen richten.
Ausgeschrieben aus dem großen Gesetzbuche von
Gent, worin alle Gesetze, Befehle und Verordnungen
des Kaisers Karl des Fünften und Königs Philipp des
200
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Zweiten zusammengetragen sind, und von Wilhelm
dem Ersten, Prinzen von Oranien, in seiner Verantwor-
tung, wider seine Widersprecher angeführt werden;
gedruckt 1569, von Pag. 165 bis Pag. 174 eingeschlos-
sen.
Augustin, der Bäcker, 1556.
Es hat sich im Jahre 1556 oder um dieselbe Zeit zu-
getragen, daß in Beverwyk ein Bruder war, Augustin
genannt, seines Handwerks ein Bäcker, welcher, nach-
dem er die Welt verlassen hatte, sich auf seinen Glau-
ben nach der Ordnung Christi taufen ließ, was die
Papisten nicht ertragen konnten. Zu derselben Zeit
war dort ein Bürgermeister, welcher sehr feindselig
gesinnt und mit einem verkehrten Eifer erfüllt war;
dieser sagte einst, er wolle Torf und Holz dazu herge-
ben, um Augustin zu verbrennen. Der Schulze sagte,
er wollte Augustin nicht fangen, ohne ihn zuvor zu
warnen; aber er hat sein Wort nicht gehalten, denn er
ist gerade zu der Zeit gekommen, als Augustin damit
beschäftigt war, den Teig zu kneten; als Augustin ihn
bemerkte, begab er sich auf die Flucht, er wurde aber
von seinen Verfolgern sofort ergriffen und ins Gefäng-
nis gebracht, und weil er ein sehr lieber Mann war, so
hat solches des Schulzen Frau sehr betrübt, welche zu
ihrem Manne sagte: O, ihr Mörder! Was habt ihr getan!
Aber es war umsonst, er musste als ein Schlachtschäf-
lein seinem Herrn Jesu nachfolgen. Weil er aber in
seinem Glauben standhaft blieb, so haben sie über ihn
ein grausames Urteil gefällt, nämlich, daß er an eine
Leiter gebunden, ins Feuer geworfen und lebendig
verbrannt werden sollte. Als er nun zum Tode ging,
sah er einen seiner guten Bekannten, zu welchem er
sagte: Lebe wohl, Joost Cornelissen! Dieser, der eine
gute Hoffnung von ihm hatte, antwortete ihm freund-
lich: Ich hoffe, daß wir dermaleinst ewig beieinander
sein werden!, worauf der Bürgermeister mit feindse-
ligem Gemüte sagte: Er wird nicht hinkommen, wo
du hinkommen wirst, sondern er geht von diesem
Feuer in das ewige. Darauf sagte Augustin zum Bür-
germeister: Ich fordere dich auf, innerhalb dreier Tage
vor dem Gerichte Gottes zu erscheinen. Es ist aber der
Bürgermeister, nachdem Augustin hingerichtet war,
sofort vom Wahnsinne befallen worden, und hat alle-
zeit aus einem beängstigten Gewissen gerufen: Torf
und Holz! Torf und Holz!, sodass es schrecklich an-
zuhören war. Er ist auch, ehe die drei Tage zu Ende
waren, gestorben. Wahrlich, ein großes Kennzeichen
der allsehenden Augen Gottes, der solche Grausam-
keiten nicht ungestraft lassen wollte, allen denen zum
Beispiele, die dergleichen in ihrer verkehrten Blind-
heit begehen; denn man sieht, daß diejenigen, die
mit der tyrannischen Grausamkeit über die Frommen
Gott einen Dienst zu tun glauben, oft ein böses Ende
nehmen. Auch der Apostel Jakobus sagt, daß ein un-
barmherziges Gericht über diejenigen ergehen werde,
die keine Barmherzigkeit geübt haben; der Herr wol-
le sie erleuchten, die mit solcher Blindheit umgeben
sind.
Francyntgen, Grietgen und Maeyken Doornaarts,
im Jahre 1556.
Zu Belle in Flandern sind auch um des Zeugnisses
der Wahrheit willen drei Frauenspersonen, nämlich
eine alte Frau, genannt Francyntgen, und eine junge
Tochter, Grietgen, deren Nichte, nebst einer andern
jungen Tochter, Maeyken Doornaarts genannt, welche
alle drei große Widerwärtigkeit und Pein erlitten ha-
ben, gefangen genommen worden. Als man die alte
Frau nackend peinigen wollte, sagte sie den Herren:
Bedenkt, daß ihr von Weibern hergekommen seid,
darum beschämt mich doch nicht; dadurch hat sie
bewirkt, daß sie auf der Folterbank das Hemd hat
anbehalten dürfen. Bei der jungen Tochter Grietgen
haben sie große Arbeit und Mühe angewandt, um
sie vom Glauben abzuziehen, denn sie war noch sehr
jung, allein ohne Erfolg, denn sie wollte lieber von
dieser zeitlichen Pein oder Leiden eine ewige Freude
erwarten, als mit dieser bald vergehenden Freude ein
ewigwährendes Leiden einkaufen.
Die andere junge Tochter, Maeyken Doornaarts, hat
auch nackend auf der Folterbank liegen müssen; als
sie aber durch keine Pein oder Leiden dieselbe von ih-
rem Glauben abspenstig machten konnten, haben sie
ihr damit zugesetzt, ob sie sich nicht schämte, so bloß
und nackend hier zu liegen, worauf sie antwortete:
Ich habe mich selbst nicht nackend hierhergelegt; son-
dern ihr, die ihr mir ohne Schuld solche Betrübnis und
Unehre antut, werdet dermaleinst dafür eine ewige
Schande und Pein leiden müssen; und obgleich sie so
sehr gepeinigt wurde, daß auch ihr Blut an der Bank
herunterlief, ist sie doch durch Gottes Gnade, der die
Seinen allezeit stärkt, standhaft im Glauben geblieben.
Darauf sind alle drei zum Tode verurteilt und mit Feu-
er verbrannt worden. Als Maeyken Doornaarts am
Pfahle stand, sagte sie: Dieses ist die Stunde, wonach
mich sehr verlangt hat, daß all meine Drangsal ein
Ende erreiche. Also haben diese drei Heldinnen tap-
fer gekämpft, und dieses alles erlitten, weil sie, nach
der Lehre Christi, sich auf ihren Glauben hatten tau-
fen lassen, und darauf sich bestrebt, in aller Einfalt
und Aufrichtigkeit dem lebendigen Gotte zu dienen
und ihm mehr gefallen als den sterblichen Menschen,
weshalb auch die Krone der Freuden des ewigen und
201
unvergänglichen Lebens ihrer wartet.
Abraham im Jahre 1556.
Zu Antwerpen ist im Jahre 1556 ein sehr frommer und
gottesfürchtiger Bruder namens Abraham gewesen;
derselbe ist um seines Glaubens willen gefangen, und
nachdem er freimütig bekannt und standhaft in sei-
nem Glauben geblieben, zum Tode verurteilt worden,
und hat Gott öffentlich auf dem Markte ein angeneh-
mes Opfer verrichtet und der Wahrheit mit seinem
Blute Zeugnis getan.
Jan de Kudse, im Jahre 1556.
Kurz darauf hat gleichfalls Jan de Kudse, als ein eifri-
ger Liebhaber Gottes, welcher auch um der Wahrheit
willen gefangen wurde und von derselben nicht ab-
fallen wollte, als ein sanftmütiges Lämmlein Christi,
um seinem Hirten nachzufolgen, zu Antwerpen auf
dem Markte den Tod unschuldig erlitten, und ist so
mit Gewalt durch die enge Pforte ins Reich Gottes
eingedrungen.
Claes de Praet wird um des Zeugnisses Jesu
Christi willen im Jahre 1556 zu Gent verbrannt.
Das Bekenntnis des Claes von Praet, als er zu Gent im
Gefängnisse lag, wo er um des Wortes des Herrn wil-
len sein Leben ließ, zum Brandopfer vor dem Herrn,
1556.
Gnade und Friede von Gott, unserm Vater, und dem
Herrn Jesu Christo sei mit euch allen, meine lieben
Brüdern und Schwestern in dem Herrn.
Gesegnet sei Gott und der Vater Jesu Christi, der
uns gesegnet hat mit allerlei geistigem Segen im
himmlischen Wesen durch Christum, gleichwie er uns
durch denselben auserwählt hat, ehe der Welt Grund
gelegt war, damit wir vor ihm heilig und unsträflich
in der Liebe sein sollten. Ein jeder unter euch nehme
seines Berufes wahr, damit er berufen ist, daß euch
der Satan damit in eurer Prüfung nicht plage, und
ermahne einer den andern ernstlich in der Liebe. Ich
wollte euch wohl eine Ermahnung schreiben, aber ich
habe dazu keine passende Zeit, denn der Stockmeis-
ter, welcher sich sehr vor dem Diakon fürchtet, hält
scharfe Wache bei mir; gleichwohl bin ich sehr geneigt,
euch etwas von meinem Verhör und von den Boshei-
ten und erdichteten Lügen der Pfaffen zu schreiben,
wodurch sie mich zu verdammen beabsichtigten; aber
Gott sei Lob, daß er mir das Feld erhalten hilft. Dieses
schreibe ich euch zu dem Ende, ob etwa dadurch je-
mand von denen, die noch jung sind, aufgemuntert
werden möchte.
Als ich gefangen war, saß ich am fünften Tage sehr
betrübt, bekümmert und schwermütig in meinem Hei-
zen; das Fleisch war in großer Furcht; nun musste ich
an einen ganz andern Streit wegen Weib und Kinder;
auch mit dem Satan hatte ich zu kämpfen, welcher
mich umkreiste, um mich unter wunderlichen An-
fechtungen zu verschlingen, was ich der Kürze wegen
übergehen will. Den sechsten Tag vormittags aber
kam der Stockmeister, befahl mir aus dem Gefäng-
nisse zu kommen und sagte: Claes, komm herunter
und folg mir, und er ging voran. Mein Herz aber war
mit Freude zu dem Herrn, meinem Gott erfüllt, so-
dass all mein Druck und Drangsal von mir getrieben
wurde, gleichwie der Staub mit Macht von der Straße
getrieben wird. Da dachte ich: O gnädigster Gott! Nun
merke ich, daß du treu bist in deinen Verheißungen;
Herr, regiere meinen Mund nach deinen Verheißun-
gen. Darauf führte er mich in eine Kammer, wo der
Richter und zwei Gerichtsverwandte, nebst dem Amt-
mann und einem Mann mit einem großen Bart saßen,
welcher ein großes Buch, um zu schreiben, hatte; sie
sahen mich verwundert an, als ich in die Kammer
kam; ich erwies ihnen große Ehrerbietigkeit und grüß-
te sie sämtlich mit dem Frieden. Der Stockmeister
stellte nur einen Stuhl hin und sagte: Claes, setze dich,
so ist's gebräuchlich. Ich setzte mich also mit einem
fröhlichen Gemüte und Herzen zu dem Herrn, mei-
nem Gott, und dachte nicht an mich selbst, noch an
etwas, das auf dieser Welt ist; da sagten sie: Bedecke
dein Haupt. Ich entgegnete: Solches ziemt sich nicht
wohl. Der Amtmann fragte mich: Wie heißt du? Ich
sagte: Claes de Praet. Da sagte er: Schreib dieses, und
in dieser Stadt geboren. Darauf fragte mich der Schrei-
ber: Bist du hier geboren? Ich erwiderte: Ich weiß es
nicht anders. Amtmann: Wo hast du dich so lange
aufgehalten, Claes, das letzte Mal, als du so lange
von zu Hause warst? Claes: In Emderland. Amtmann:
Was war deine Verrichtung daselbst? Claes: Ich er-
kundigte mich daselbst im Lande, ob ich nicht einige
Waren kaufen oder verkaufen, oder sonst etwas tun
könnte, womit ich mein täglich Brot hätte verdienen
können. Amtmann: Ja, die Brüder zu besehen, das hö-
re ich wohl. Claes: Ja, Herr. Amtmann: Ja, Claes, hast
du eine andere Taufe empfangen, als die du in dei-
ner Kindheit empfingst, da du zum Christen gemacht
wurdest? Claes: Ich erinnere mich dessen nicht, was in
meiner Kindheit geschehen. Amtmann: Hast du kei-
ne Taufe empfangen, deren du dich erinnern kannst,
Claes? Claes: Ja, Herr Amtmann. Amtmann: Wie lan-
ge ist es, daß solches geschehen? Claes: Ungefähr vier
Jahre.
Da verwunderten sie sich alle sehr. Der Amtmann
202
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
fragte mich noch einmal: Wie lange, sagst du? Der
andere Ratsherr sagte: Ungefähr vier Jahre. Da sah
mich der Amtmann sehr an und fragte, woher sie ge-
wesen seien, die mit mir Umgang gehabt, und welche
von meinen Brüdern auch getauft worden seien; ich
erwiderte: Es ist nicht unsere Weise, einander zu fra-
gen, woher bist du?, oder wo wohnst du?, oder wie
heißt du?, oder was tust du? Amtmann: Ihr wollt es
nicht wissen. Claes: Nein, Herr Amtmann. Amtmann:
Das tut ihr, damit ihr niemanden in Ungelegenhei-
ten bringt. Claes: Es ist wahr, Herr Amtmann; denn
wir wissen wohl, daß man unserm Blute sehr nach-
stellt; deshalb hat uns der Herr erlaubt, vorsichtig
zu sein wie die Schlangen. Da murrte der Amtmann
über mich; sie redeten auch viel Latein untereinan-
der. Darnach fragte der Amtmann: Wo war es, wo
du deine Taufe empfangen hast? Claes: Zu Antwer-
pen. Amtmann: Wo daselbst? Claes: Zwischen St. Joris-
Pforte und der Koeper-Pforte. Amtmann: In welchem
Hause? Claes: In einem kleinen neuen Häuslein. Amt-
mann: Welche Hantierung trieb man darin? Claes: Ich
sah, daß man darin ein Handwerk trieb. Amtmann:
Ja, Claes, wer war dabei? Es mussten Zeugen dabei
sein, die Zeugnis gaben, daß du ein Bruder geworden
seiest. Claes: Es waren drei oder vier Personen dabei,
die im Hause wohnten, und einer, der mich hinein-
führte. Amtmann: Wer war es, der dich hineinführte?
Claes: Es war ein junger Mensch. Amtmann: Woher
war er? Claes: Ich fragte ihn nicht. Amtmann: Wie
viel sind ihrer daselbst mit dir getauft worden? Claes:
Unserer drei. Amtmann: Woher waren sie? Claes: Ich
fragte sie nicht. Amtmann: Welch Handwerk trieben
sie? Claes: Wie es mir vorkam, so war der eine ein
Maurergesell. Amtmann: Wo wusste er dich zu fin-
den, der dich dahin führte. Claes: Er hatte mir einen
Tag bestimmt in der Koeper-Pforte. Amtmann: Wie
wusstest du, ob der Täufer in der Stadt wäre? Claes:
Ich habe, als ich meiner Kaufmannschaft nachging,
zu verschiedenen Zeiten nach ihm gefragt, und da
vernahm ich, daß er da wäre. Amtmann: Wo hast du
gehört, daß er da wäre? Da sagte der Oberrichter: Sie
kennen sich alle untereinander. Amtmann: Wohnen
sie noch in dem Häuslein, wo du getauft worden bist,
oder weißt du es nicht? Claes: Bald darauf hat man
sie alle verjagt. Amtmann: So weißt du nichts davon
zu sagen, ist's nicht so? Claes: Der eine zog nach Eng-
land, der andere wurde verbrannt; wo die andern
hingekommen sind, weiß ich nicht. Amtmann: Wie
war der Mann beschaffen, der dich taufte? Claes: Er
schien mir ein unsträflicher Mann zu sein. Amtmann:
Ja, Claes, wie weißt du von dem Manne, der dich tauf-
te, ob er unsträflich gewesen sei? Darauf sagte einer
von den Rats-Herren: Er hat gesagt, er sei ihm wie
ein unsträflicher Mann vorgekommen. Da sagte der
Oberrichter: Diese Leute predigen auch, ist es nicht
so? Der Amtmann sagte zu ihm: Wir pflegten solches
alles zu fragen, aber wir tun es nicht mehr. Darauf mu-
tete die Glocke, daß der Stockmeister kommen und
mich abholen sollte. Das Obige schrieben sie auf. Der
Schreiber fragte, welche Menschen von Gent ich zu
Emden gelassen hätte. Darauf wollte ich ihm nicht
antworten, weil es ihm nicht gebührte zu fragen. Da
sagten die Ratsherren zu mir: Claes, wir wollen dir
Männer senden, die dir den rechten Glauben lehren
sollen. Claes: Ich hoffe den rechten Glauben zu ha-
ben; wollen sie mich nun darin stärken, so sollen sie
mir angenehm sein; wollen sie mich aber davon ab-
ziehen, so begehre ich ihrer nicht. Sie sagten darauf
im Ernste: Claes, höre sie, höre sie allezeit; ich dankte
darauf den Ratsherren und dem Amtmanne herzlich,
weil sie Mühe mit mir hatten. Des Stockmeisters Die-
ner sagten mir dann, ich sollte hinaufgehen, was ich
auch tat; ich war aber nicht wenig bekümmert, weil
sie mich nicht nach meinem Glauben gefragt hatten.
Zwei Diener standen an der Tür und hörten mir zu;
sie kamen hinauf und quälten mich mit mancherlei
Dingen und sagten: So ein armes Blut, wie du bist, der
du dein Leben dafür lassen willst; dein Weib und Kin-
der aber lassest du in der Not; es ist nicht wohlgetan,
daß du den Stand der Ehe zerbrichst; denn Gott hat
ihn selbst eingesetzt. Ich erwiderte: Ich breche mei-
nen Ehestand nicht, beleidige auch nicht meine Frau,
aber diejenigen sind schuld daran, welche mich von
meinem Weibe nehmen; diese sollten Zusehen, was
sie tun. Sie sagten: Ich sollte reden, sie wollten zuhö-
ren. Ich sagte: Solches hat mich Gott nicht gelehrt; ich
ermahnte sie, sie sollten sich hüten, und solches Blut
nicht antasten oder sich daran beteiligen; ich redete
auch scharf mit ihnen, worauf sie weggingen, und
Gott baten, daß er mir verleihen wolle, was mir am
seligsten wäre.
Da saß ich nun allein im Gefängnisse und der Sa-
tan kam, mich zu versuchen und setzte mir inwendig
zu: Du armer Mensch! Bist du hier um deines Glau-
bens willen? Die Herren fragen dich nicht nach dem
Glauben, sondern nach der Taufe, die du von einem
solchen Manne empfangen hast, wie du wohl weißt;
er quälte mich mit allem, was er Vorbringen konnte,
und sparte keine Mühe, um mich niederzuwerfen. Da
dachte ich: O du böser Versucher! Du Mörder! Ich füh-
le wohl, daß du derselbe bist, der auch Petrus quälte,
vor dem er auch uns gewarnt hat. Darum flüchtete
ich zu Gott, fing ein geistliches Liedlein an, sang mit
Freuden und wurde fröhlich und guten Muts, weil ich
mich durch diesen Sturm hindurch geschlagen hat-
te. In diesem Gefängnisse brachte ich ungefähr zehn
203
Wochen zu.
Darauf kam der Stockmeister und sagte: Claes,
komm hierher, hier sind zwei bunte Krähen, und be-
fahl mir nachdrücklichst, ich sollte mein Weib und
meine Kinder bedenken; ich erwiderte: Darauf bin ich
genug bedacht; aber Christus hat gesagt: Wer Vater
und Mutter, Bruder und Schwester, Weib und Kin-
der, ja, sein eigenes Leben um meines Namens willen
nicht verlässt, der ist meiner nicht wert; er sagte: Es
ist wahr, wer es tun kann. Darauf führte er mich in
eine Kammer, wo zwei Jakobiner waren; diese zogen
ihre Kappe ab, und ich entblößte auch mein Haupt.
Sie boten mir einen guten Abend, und ich ihnen auch.
Der eine fragte mich: Wie heißt du, mein Freund? Ich
sagte: Claes, und fügte hinzu: Wie heißt du? Er erwi-
derte: Bruder Peter de Bäcker, und sagte mir, er sei
beim Richter gewesen; derselbe habe begehrt, daß er
kommen und mich im rechten Glauben unterweisen
sollte; ich sagte: Solchen habe ich von Gott empfangen.
Frage: Was ist dein Glaube? Claes: Ich glaube allein
an Jesum Christum, daß er der lebendige wahrhaftige
Sohn Gottes sei, und daß weder im Himmel, noch auf
Erden eine andere Seligkeit sei. Soll man sonst nicht
glauben; wo bleibt denn die Mutter, die heilige Kir-
che, an welche wir glauben müssen? Claes: Weißt du
wohl, welches die heilige Kirche sei? Frage: Weißt du
solches, so laß es mich hören? Claes: Ich frage dich,
denn du redest davon. Antwort: Dieselbe, die von
Christo und der Apostel Zeiten an da gewesen ist,
und welche die Apostel unterhalten haben und noch
erhalten. Claes: Welche ist es? Antwort: Die Mutter,
die heilige römische Kirche. Claes: Ist das die apostoli-
sche Kirche? Antwort: Ja. Claes: Haben sie die Apostel
so unterhalten? Antwort: Ja. Claes: Haben die Apo-
stel Messe gehalten? Antwort: Ja. Claes: Wo steht das
geschrieben? Antwort: Ich will es dir zeigen, und er
zeigte mir die Korinther, wo Paulus vom Abendmahl
redet; ich sagte: Daselbst redet er vom Brotbrechen,
hat er daselbst Messe gehalten, wie ihr tut? Antwort:
Ja, er hat nicht weniger oder mehr getan, als wir tun.
Claes: Haben die Apostel verfolgt, und ihre Kirche mit
Feuer und Schwert erhalten, wie ihr tut? Antwort: Ja,
sie haben Blut vergossen, verraten und totgeschlagen:
Claes: Petrus hat des Malchus Blut vergossen, Judas
hat verraten; wo aber haben sie jemanden totgeschla-
gen? Antwort: Petrus schlug Ananias und Saphira mit
dem Schwerte seines Mundes, daß sie tot niederfielen;
dabei lachte er und streckte seine Finger aus. Da sagte
ich: Es kommt mir vor, daß ihr von denen seid, von
welchen Paulus spricht, 2Tini 3,3, vor welchen wir flie-
hen sollen, denn eure Torheit bleibt nicht verborgen,
sondern wird vor den Menschen offenbar, denn ihr
sitzt und spottet und zaudert und erweist wohl, daß
ihr Menschen von zerrütteten Sinnen seid, die allezeit
lernen und nimmermehr zur Erkenntnis der Wahrheit
kommen; ich bestrafte ihn sehr; sie wollten auch noch
viel reden und mich von der Taufe, der Menschwer-
dung Christi und andern Glaubensartikeln ausfragen,
aber ich hatte mir vorgenommen, mich mit ihnen ohne
der Ratsherren Gegenwart in keinen weiteren Wort-
streit einzulassen, sondern nur Bekenntnis zu tun, wie
ich droben ein Bekenntnis vor ihnen abgelegt hatte.
Als sie hörten, daß ich nicht mehr hören wollte, und
aufstanden, um fortzugehen, sagte einer derselben:
Ach Claes, wie jämmerlich bist du verirrt, und gleich-
wohl habe ich dich so lieb, ich wollte, daß du meines
Sinnes wärest und daß ich meinen Leib verbrennen
lassen möchte. Ach, armer Mensch, ich will für dich
bitten und bitten lassen, wenn ich predige. Claes: Ich
begehre nicht, daß ihr für mich bittet oder bitten lasst,
denn euer Gebet ist nichtig und wird von Gott nicht
erhört, solange als ihr in eurer Bosheit bleibt. Ant-
wort: Vielleicht ist doch unter dem ganzen Haufen
einer oder zwei, die gut sind. Claes: Geht eures Wegs,
denn ihr sucht nur zu plaudern. Da ging er lachend
hinweg und sagte: Ich will für dich bitten lassen, du
magst wollen oder nicht, denn ich habe an dir einen
Wohlgefallen, und ich will wiederkommen.
Ungefähr zwei Wochen später kamen zwei von
demselben Orden; der eine war ein dicker, fetter
Mann, der viel plauderte, der andere war sehr grim-
mig und zänkisch in Worten; er wollte mir hart zuset-
zen, um mit mir zu disputieren, aber ich wollte nicht
daran und beschränkte mich auf manche Fragen, die
ich ihnen aufwarf, gleichwie ich den andern getan
hatte, und ließ sie auf diese Weise selbst ihre Bosheit
entdecken, denn es waren viele Gefangene da, die, um
zu horchen, unter dem Kammerfenster und unter der
Kammertür standen; solches wusste ich wohl; darum
tat ich um desto mehr Fragen, denn der eine machte
so viel Geschwätz, und das kam vom vielen Trinken
her.
Als ich ungefähr sieben Wochen gesessen hatte,
wurde ich hinabgerufen und in eine Kammer geführt,
wo ich den Diakon von Ronse mit seinem Schreiber
und noch einer Person antraf.
Der Diakon hieß mich sitzen und ich setzte mich
vorn an die Tafel zu ihm; er hielt mir eine lange Rede,
welche ich anhörte; er erzählte, daß es unmöglich wä-
re, ohne Glauben Gott zu gefallen, und sagte, daß der,
welcher nicht glaubt, verdammt sei. Zuletzt fragte er
mich: Warum hast du dich so verführen und in Irr-
tum bringen lassen und bist von der heiligen Kirche
abgefallen? Hierauf erwiderte ich: Weil es geschrie-
ben steht, daß es unmöglich ist, ohne Glauben Gott
zu gefallen, so habe ich Fleiß angewandt, um diesen
204
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Glauben zu untersuchen, und habe zu Gott gebetet,
daß er mich durch seine Gnade und Barmherzigkeit
darin stärken wolle; solches hat er in überfließendem
Maße getan, was ich auch zu seinem Preise treulich be-
wahren, und ihn um keines Leidens oder sonst etwas
willen, das in der Welt ist, verleugnen will. Diakon:
Du meinst, du habest den Glauben, aber du bist davon
abgewichen; und daß du so wohlgemut und getrost
zum Tode bist, das ist der Teufel, der sich in einen En-
gel des Lichts verstellen kann, denn, als du die Schrift
lasest, hast du dich von einem andern geringen Hand-
werksmanne unterrichten lassen, der dich nach seiner
Vernunft sie gelehrt hat; darum bist du nun betrogen;
du hättest dich von denen unterrichten lassen sollen,
welche die rechte Lehre empfangen haben, von den
Dienern der heiligen Kirche, nämlich den Pastoren
oder Hirten. Claes: Sind sie es, welche die rechte Leh-
re empfangen haben? Diakon: Ja, sie sind es. Claes:
Warum führen sie denn ein teuflisches Leben, wie man
sieht? Diakon: Was geht dich das an? Es steht Mt 23:
Tut nach ihren Geboten, aber nicht nach ihren Werken.
Claes: Seid ihr denn die Schriftgelehrten und Pharisä-
er, von welchen Matthäus geschrieben hat? Diakon:
Ja, wir sind. Claes: So kommen denn auch alle Wehen
auf euch, die nachher in demselben Kapitel folgen.
Diakon: Mitnichten. Hierüber wurde noch manches
gesprochen. Er hätte gern gehabt, daß ich mich mit
ihm in einen Wortstreit über die Glaubensartikel ein-
gelassen hätte; aber ich wollte nicht daran. Der Mann
war gütig im Reden und sehr sanft, und begehrte, daß
man seinen Reden Gehör geben sollte, wie er auch
wohl zuhörte; ich dachte: Ich habe schon lange von
diesem Manne gehört, daß er die Gemeinde so sehr
verfolgt, und geängstigt habe. Ich muss wissen, wie
er es mit der Schrift beweisen will, wenn ich mit ihm
rede, denn ich weiß nicht, daß ich ihn jemals gesehen
hatte.
Ich fragte ihn, wo er es geschrieben fände, daß er
so blutgierig nach unschuldigem Blute laufen sollte,
welche doch niemand irgendeiner Missetat beschul-
digen könne. Diakon: Mein Freund, ich laufe und
stelle niemandes Blut nach. Claes: Du sendest des-
halb deine Diener aus. Diakon: Ich tue es nicht, mein
Freund. Claes: Verfolgst du denn niemanden? Dia-
kon: Nein, mein Freund. Claes: Hast du auch keine
Befehle, womit du es tun lassest? Diakon: Nein, mein
Freund. Claes: Du hast aber doch meine Mitbrüder,
die in deine Hände geraten und im Glauben standhaft
geblieben sind, der Obrigkeit überantwortet. Solches
hat man ja öffentlich vor aller Welt gesehen. Diakon:
Ich tue solches nicht, mein Freund. Warum sitzest du
denn bei den Herren des Gerichtes und redest so viel,
wenn du dich darum nicht bemühst? Wer dich hört.
sollte denken, du hättest keine Schuld daran. Diakon:
Nein, mein Freund, und schlug die Hände ineinander.
Claes: Wer tut es denn? Diakon: Die Weltlichen, oder
der Herr, der das Schwert empfangen hat. Wir hatten
noch viele Reden davon, sodass er keinen Ausweg
wusste. Er fragte aus der Schrift, 5 Mo 17,17, damit
wollte er beweisen, daß die Priester die Macht hätten;
ich sagte: Das war unter dem Gesetze des Zornes, aber
nun sind wir unter dem Gesetze der Gnade. Ich fragte
ihn, wie er sich unterstehen dürfte, das beizubringen,
was der Herr verboten hätte, nämlich vom Unkraut,
Mt 13,30, daß man sowohl das gute Kraut und das
böse Kraut miteinander aufwachsen lassen sollte; ich
fragte ihn ferner, welches von beiden ich wäre, ich
muß ja ein böses oder ein gutes Kraut sein. Diakon:
Du bist ein böses Kraut. Claes: Warum lässt man mich
nicht aufwachsen bis zur Ernte? Diakon: Daß der Herr
des Ackers solches seinen Dienern befohlen, ist darum
geschehen, damit wenn sie das Böse ausrotten, sie das
Gute nicht verderben möchten. Ich aber kann wohl an
den Enden herumgehen und hie und da ein oder zwei
Unkräuter, ja, zu Zeiten sechs oder acht, zehn oder
zwölf, ja, zu Zeiten ein- oder zweihundert ausrupfen,
ohne dem Guten Schaden zu tun. Claes: So bist du
denn weiser als des Herrn Diener. Diakon: Das kann
ich ja wohl tun. Claes: Als ich es mit den Pfaffen hielt
und nach eurem Willen wandelte, war ich denn da-
mals ein gutes Kraut. Diakon: Ja. Claes: Bin ich denn
nun ein böses. Diakon: Ja. Claes: Wohlan denn, bin ich
ein böses Kraut, wie du selbst sagst, so hast du mich
und mehrere andere mit mir, die vor mir hingefahren
sind, selbst mit deinen Predigten verdorben, und du
sagst doch, daß du es so wohl verständest, ei du armer
Diener; als du vor fünf Jahren auf dem Verleplatze die
vier Kräutchen von Liere ausrupftest, während du
auf der Schaubühne standest und predigtest, und die
Leute sagten: Der Antichrist predigt, der Antichrist
predigt, da fing ich an zu untersuchen, was das für
ein Glauben wäre, für welchen die Leute so getrost
dahinstürben, und ich untersuchte die Schrift, die du
damals aus 2 Tim 2 und 3 angeführt hast, da fand ich,
daß ich mich von solchem Volke absondern müsste;
wie daselbst deutlich genug steht, daß es auf euch zu
beziehen ist; deshalb wandte ich mich von solchem
Haufen und tue es noch. Wo willst du nun hinaus mit
deinem Predigen, du armer Diener, je mehr du pre-
digst, desto mehr verdirbst du, nach deinem eigenen
Bekenntnis; besser wäre es, du hieltest dich stille; ich
sagte ihm sehr viel aus der Schrift, sodass er beschämt
wurde und nichts zu antworten wusste; zuletzt sagte
er: Das waren nicht meine Leute, mein Freund; ich
glaube, daß du die Schrift wohl durchsucht hast; wo
habt ihr eure Versammlungen gehalten? Claes: Wo sie
205
Christus und seine Apostel gehalten haben, hinter den
Zäunen, in den Büschen, in dem Felde, auf den Ber-
gen, an den Wasserufern, bisweilen in den Häusern,
oder wo sie Gelegenheit fanden. Diakon: Christus pre-
digte öffentlich, aber man kann nicht ausfinden, wo
ihr seid, oder wer ihr seid. Claes: Das wird euch ge-
wiss sehr verdrießen, daß ihr sie nicht finden könnt,
auch sie nicht kennt, und daß man euch so wohl kennt;
ich hoffe, Gott werde es nicht zulassen, daß ihr sie fin-
det, und obgleich ihr zuweilen die Reben beschneidet,
so hoffe ich doch, ihr werdet den Weinstock nicht ab-
schneiden. Christus Jesus, der lebendige Sohn Gottes,
wird seine Reben wohl bewahren und erhalten, daß
sie Frucht bringen, obgleich ihr allen Fleiß anwendet
und euer Bestes tut, sie zu zerreißen und zu Grunde
zu richten. Wir redeten auch noch vieles von unserer
Kirche und von der Seinigen. Er spricht die seine sehr
heraus; ich fragte ihn viel davon, ob die jungen Kinder,
die ohne Taufe sterben, verdammt seien. Er erwiderte:
Ja. Ob die Apostel Messe gehalten und verfolgt hätten,
und er sagte immer: Ja. Es kam mir vor, daß, je mehr
ich ihn fragte, desto mehr löge er; ich bestrafte ihn
wegen seiner Lügen, auf welchen ich ihn ertappte; er
sagte, es sind keine Lügen, sondern es ist die Wahr-
heit, aber ihr glaubt dem nicht, was man euch sagt;
ihr bleibt immer verstockt und ungläubig. Es scheint,
daß die Apostel ebenso wie die Pfaffen gelebt haben,
nicht besser oder schlechter, sagte er, und fuhr fort,
was euer Leben betrifft, so führt ihr wohl einen guten
Wandel oder Umgang mit allen Menschen und tut
eurem Nächsten, was ihr wollt, das euch selbst ge-
schieht; lebt auch miteinander in Frieden, Liebe und
Eintracht, was sehr gut ist, gleichwie ihr auch einan-
der in eurer Not und Trübsal beisteht, und (wollt) daß
man das Leben für einander lassen soll, was auch sehr
gut ist; dagegen kann ich nichts sagen; und daß ihr
die, welche unordentlich wandeln, aus der Gemeinde
ausbannt, wie ihr an Gelis von Aachen getan habt, der
ein böses Leben geführt hat, wie mir wohl bekannt ist,
dagegen kann ich nichts einwenden; es ist wohlgetan;
aber, was hilft es, daß ihr den Wandel habt, wenn ihr
den Glauben nicht habt? Solches kann euch nicht selig
machen. Ich sagte: Wir haben den Glauben auch, aber
ihr versteht es nicht, oder wollt es nicht verstehen;
doch wird es euch endlich noch am jüngsten Tage des
Herrn offenbart werden, wem ihr gedient habt; ich
redete noch scharf mit ihm.
Hierauf zog er das Glöcklein, damit der Stockmeis-
ter ihn hinauslassen möchte. Als nun der Stockmeister
in die Kammer kam und er aufstand, um zu gehen,
dankte ich ihm sehr, daß er um meinetwillen hierher
gekommen wäre. Er wandte sich aber um und sagte:
Ich sähe es gerne, wenn du dich auf den rechten Weg
bringen ließest, aber du bist in deinem Unglauben
verhärtet und bist deinem Herrn gleich; wer ist denn
mein Herr? Er erwiderte: Der Teufel. Darauf setzte
ich ihm zu mit viel Schriftstellen, daß er nicht mehr
kommen sollte, und er ging beschämt fort, weil der
Stockmeister da war, und auch die anderen Gefange-
nen an die Türe liefen; ich begehrte auch Nachricht
von ihm wegen Gelis, da sagte er mir solche Dinge,
worüber ich mich sehr verwunderte. Den dritten Tag
darauf wurde ich noch einmal von dem Stockmeister
abgeholt, und ich ging gutwillig hinunter; er sagte mir,
ich sollte in eine Kammer gehen; als ich hineinging,
saß daselbst der Präsident, mit einem Ratsherrn und
einem Pastor oder Pfaffen; dieser war sehr abgerichtet,
unsere Freunde zu durchsuchen, auch sehr beißend in
seinen Worten und konnte keine Rede anhören, ohne
sie zu unterbrechen; aber der eine Ratsherr, welcher
zuvor noch niemals Ratsherr gewesen war, verbot es
ihm beständig, denn er merkte wohl auf und hörte
scharf zu. Als ich in die Kammer kam, erwies ich ih-
nen große Ehrerbietung und sie taten dasselbe. Darauf
setzte ich mich zur Tafel und der Pfaffe machte ein lan-
ges Geschwätz, wie auch der Diakon getan hatte; ich
aber schwieg, bis man mich fragte. Als er seine Rede
geendigt hatte, fragte er mich: Warum hast du dich so
jämmerlich von dem Glauben in die Irrtümer verfüh-
ren lassen. Claes: Ich bin in keinem Irrtum, sondern
ich bin aus dem Irrtum in den rechten christlichen
Glauben geführt worden. Pfaffe: Was ist denn dein
Glaube? Laß es uns hören. Claes: Ich glaube, daß Jesus
Christus der wahrhaftige, lebendige Sohn Gottes sei,
und daß keine andere Seligkeit sei, weder im Him-
mel noch auf Erden, noch unter oder über derselben.
Präsident: Das glauben wir auch alle in unserer Kir-
che. Der Pfaffe lachte und sagte: Solches predige ich
ja auch, sage uns etwas anderes und rede frei heraus,
denn Christus sagte: Wenn ihr vor Könige, Fürsten
und Obrigkeiten gebracht werdet, so sorgt nicht, was
ihr reden sollt, denn in derselben Stunde soll es euch
gegeben werden von meinem himmlischen Vater, ja,
mein Geist soll durch euren Mund reden. Hast du
mm den heiligen Geist empfangen, so rede frei her-
aus durch den Heiligen Geist. Der Präsident aber saß
beständig, nickte mit dem Haupt, lächelte und sagte:
Ja, ja, Claes, ja, sodass ich ja kein Wort davon reden
konnte. Der Pfaffe sagte darauf: Christus hat seiner
Kirche verheißen, daß er bis an der Welt Ende bei ihr
sein wolle, aber ich finde niemanden unter euch, der
mehr zu sagen weiß, als vor ungefähr 30 Jahren, denn
zuvor ist nichts davon dagewesen, oder weißt du ei-
nige von den Büchern deines Volks, die älter sind,
so zeige sie uns. Claes: Weil Christus seiner Kirche
verheißen hat, daß er die an der Welt Ende bei ihr
206
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sein wolle, so bin ich versichert, daß er der Erhalter
seines Leibes gewesen und noch sei, und nach seinen
Verheißungen sein wird, solange als die Welt steht,
Mt 28,21; Eph 5,23. Und obgleich sie bisweilen in eini-
gen Ländern durch das Blutvergießen und die Trübsal
der Verfolgung, und durch die falsche Lehre des rö-
mischen Reichs, oder auf andere Weise ausgerottet
worden ist, so ist sie doch um deswillen nicht in der
ganzen Welt zu Grunde gegangen, denn die Welt ist
groß; sie hat sich wohl in einigen Winkeln der Welt
kümmerlich erhalten können, bald hier bald da, ohne
daß sie ausgerottet worden wäre, und weil du mich
nach einigen Büchern unserer Kirche fragst, so ant-
worte ich dir, daß die Bibel unser Buch ist, das in der
Kirche von alten Zeiten her regiert hat. Pfaffe: Ist das
Buch euch groß genug und habt ihr genug an einem?
Claes: Ja, es ist uns noch zu groß. Der Pfaffe lachte und
sagte: Wo bleiben denn alle Bücher, welche, von der
Apostel Zeit an, die gelehrten Männer geschrieben,
welche ja den Geist Gottes auch eben so gut als die
Apostel empfangen haben; haben sie etwa umsonst
geschrieben, als Hieronymus, Gregorius, Augustinus
und Ambrosius; das waren ja gute, tugendhafte Män-
ner; ist dem nicht so? Claes: Waren das die vier Pfeiler,
worauf eure Kirche gegründet steht? Pfaffe: Ja. Claes:
Ich habe sie nur vom Hörensagen gekannt; wenn sie
eure Kirche gestiftet haben, so wie sie jetzt ist, wie
man sieht, so waren sie fromme Küchenjungen. Der
Pfaffe fuhr zurück und sagte: Ei, ei! Ich sagte: Chris-
tus hat seine Kirche nicht so gegründet, auch nicht
Petrus, Paulus, Stephanus und Johannes, sie bekamen
vielmehr Ruten auf den Rücken, Steine aufs Haupt
und das Schwert an den Nacken. Der Pfaffe ward sehr
unruhig und sagte: Gib uns doch rechten Bescheid
von eurer Kirche, denn man weiß sie nirgends zu
finden; wäre sie gut, so würde sie ja zum Vorschein
kommen; ihr habt weder Haupt noch Obrigkeit, auch
kennt ihr einander nicht, das ist nicht wohl zu be-
greifen. Claes: Paulus gibt Nachricht an die Epheser,
welches die rechte Kirche sei, welche sich Christus
gepflanzt, die da herrlich, heilig und unsträflich, ohne
Flecken und Runzel ist; die insgesamt getauft sind in
einem Geiste, zu einem Leibe, deren Haupt Christus
ist, und sie sind zusammengefügt als Glieder eines
Leibes. Diese haben einen Herrn, einen Glauben, eine
Taufe, einen Gott, einen Vater unser aller, und durch
uns alle, und in uns allen. Dieser ist der rechte Tem-
pel Gottes, worin Gottes Geist wohnt. Diese Kirche
hat Christus erkauft und mit seinem Blute erlöst. Pfaf-
fe: Hat Christus nicht alle Menschen erlöst, sondern
nur diese? Claes: Es steht an verschiedenen Stellen
geschrieben, daß die Ungläubigen verdammt sein sol-
len; was kann ihnen denn der Tod Christi nützen?
oder was wird es ihnen helfen, daß Christus gestor-
ben ist? Es ist zu fürchten, sie werden es beklagen,
daß Christus gestorben sei; aber diejenigen, die an des
Herrn Wort geglaubt haben und demselben nachge-
folgt sind, die sind es, die das Himmelreich ererben
und mit dem Herrn auf dem Berge Zion triumphieren
werden. Diese sind es, die den Tod, den Teufel, die
Hölle und die Welt unter den Lüßen haben, obschon
die Welt in ihrer Unsinnigkeit mit Blutvergießen läuft,
um sie zu zerreißen, zu verschlingen und zu vernich-
ten. Wären sie von der Welt, so würde die Welt sie
lieben; nun sie aber nicht von der Welt sind, so hasst
sie die Welt, wie Christus gesagt hat. Pfaffe: Ihr glaubt
nicht, daß Christus Gott und Mensch sei. Claes: Ich
glaube, daß Christus wahrhaftig Gott und Mensch sei.
Pfaffe: Glaubst du nicht, daß Christus von dem Flei-
sche Maria Mensch geworden sei? Claes: Nein, denn
wenn er von Maria natürlichem Fleisch und Blut ein
Mensch geworden wäre, so müsste er von Maria sei-
nen Anfang genommen haben; nun aber steht, daß
er ohne Anfang der Tage und ohne Ende des Lebens
sei; und hätte er Fleisch von Maria angenommen, so
wäre das Wort nicht Fleisch geworden; er wäre auch,
nach dem Zeugnisse Johannes, nicht ins Fleisch ge-
kommen, sondern er wäre vom Fleisch gekommen,
wenn er es von der Maria angenommen hatte. Es steht
geschrieben: Wer nicht bekennt, daß Christus ist ins
Fleisch gekommen, das ist der Geist des Antichristen,
und wenn er ein solcher fleischlicher Mensch wäre,
so hätte er nicht gen Himmel fahren können, denn es
steht IKor 15,50, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes
nicht ererben werde. Pfaffe: Sagt aber gleichwohl der
Engel Gabriel nicht zu Maria: Du wirst empfangen
und einen Sohn gebären? Claes: Wohlan, verstehe das
Wörtlein recht, denn er sagt: Du wirst empfangen und
gebären; was nun Maria empfing, konnte nicht von ihr
wachsen. Pfaffe: Welches Wort ist Fleisch geworden?
Claes: Dasselbe Wort, wovon uns Johannes im Ers-
ten zeugt, wenn er sagt: Das da von Anfang war, das
wir gehört und mit unseren Augen gesehen haben,
das wir beschauet und mit unseren Händen getastet
haben, vom Worte des Lebens, und das Leben ist of-
fenbart. Willst du nun noch mehr Nachricht haben?
Pfaffe: Wo hat Christus sein Fleisch angenommen, im
Himmel oder auf Erden? Claes: Was ich dir nicht mit
Schriftstellen beweisen kann, will ich dir nicht sagen.
Pfaffe: Glaubst du sonst nichts, als was geschrieben
ist? Claes: Nein. Pfaffe: Du glaubst ja doch, daß du
eine Seele habest; was weißt du aber, was deine Seele
sei, wie groß, wie lang, wie breit und von welcher
Farbe sie sei? Claes: Was geht das mich an, meine Se-
ligkeit ist nicht darauf gegründet. Pfaffe: Du glaubst,
daß die Toten auferstehen werden; wie aber kann es
207
jemand begreifen, daß das auferstehen und wieder le-
bendig werden soll, was vernichtet worden ist. Claes:
Ich lasse mir mit der Nachricht genügen, die uns Pau-
lus IKor 15 gegeben hat. Pfaffe: Glaubst du nicht, daß
Maria eine Mutter und Jungfrau sei? Claes: Ja. Der
Pfaffe schlug mit seiner Hand auf die Tafel, entrüstete
sich sehr und sagte: Das kannst du mir nicht bewei-
sen, man findet nirgends etwas davon in der Heiligen
Schrift geschrieben. Claes: Der Prophet Jesaja hat da-
von geweissagt, daß er von einer Jungfrau geboren
werben sollte; und abermals, als Gabriel zu Maria
sagte: Du wirst empfangen und einen Sohn gebären.
Maria antwortete: Ich erkenne keinen Mann, wie soll
das zugehen? Pfaffe: Ja, also kannst du es hie und
da schließen; aber daß sie eine Jungfrau bis an ihren
Tod geblieben sei? Claes: Das sage ich nicht. Pfaffe:
Das ist meine Meinung. Was hältst du denn von dem
Abendmahle, da Christus das Brot nahm, dankte und
brach es und sagte: Nehmt, esst, das ist mein Leib -
glaubst du nicht, daß er ihnen sein natürliches Fleisch
und Blut gegeben habe? Claes: Nein. Pfaffe: Sagt er
nicht: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschen-
sohnes und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben
in euch, und sagte: Das war das rechte Himmelsbrot,
das vom Himmel gekommen ist. Claes: Das Brot, wo-
von Christus spricht, Joh 6, ist es; das Brot, das ihr
dem Volke zu essen gebt, nämlich, welches ihr das
Sakrament nennt? Pfaffe: Ja, dasselbe ist es, das er uns
hinterlassen hat. Claes: So wird denn niemand von al-
len denen verdammt, die davon essen, denn Christus
sagt: Wer von diesem Brote isst, wird leben in Ewig-
keit; nun aber erlangen es alle, Huren und Buben,
Diebe und Mörder, von welchen geschrieben steht,
daß sie das Himmelreich nicht ererben werden. Pfaffe:
Sie haben Reue über ihre Sünde, ehe sie es empfangen;
so sagt auch der Herr: Wenn ein Sünder wegen seiner
Missetat bittet, will ich derselben in Ewigkeit nicht
gedenken. Davon redeten wir viel, aber es ist zu weit-
läufig, es niederzuschreiben. Zuletzt fragte ich den
Pfaffen, ob er glaubte, wenn er seine Hostie in den
Mund nimmt, daß er Christi Leib empfange in Fleisch
und Blut, so groß, als er am Holze des Kreuzes hing.
Pfaffe: Ja. Claes: Wenn du ihn einschluckst, wohin
fährt er denn dann? Der Pfaffe war sehr entrüstet. Der
Präsident fragte mich: Ja, warum kannst du nicht so-
wohl mit deiner ersten Taufe zufrieden sein, sondern
musst dich noch einmal taufen lassen? Claes: Ich weiß
nur von einer Taufe. Deine Taufzeugen wissen wohl,
daß du einmal getauft worden bist, du kannst sie dar-
um fragen. Claes: Obgleich ich es wohl wusste, daß
ich getauft worden bin, so weiß ich doch nun, daß es
ohne Glauben geschehen ist; nun aber steht Rom 14,24:
Alles, was nicht aus Glauben geschieht, das ist Sünde.
Präsident: Deine Taufzeugen waren gläubig. Claes:
Ich weiß nicht, daß die Apostel jemand getauft ha-
ben, es sei denn, daß er selbst geglaubt und seinen
Glauben bekannt hat; was habe ich aber bekannt, wie
ich in meiner Kindheit getauft worden bin? Pfaffe:
Frage solches deine Taufzeugen. Was hältst du aber
von unserem Vater, dem Papste und seinem Reiche?
Claes: Der Papst taugt nichts samt seinem ganzen Kra-
me, der Messe und allem, was darin ist; weder der
Sack noch Samen. Ihr verkauft und gebt dem Volke
die Messen dutzendweise, ja bei zwanzig und dreißig
auf einmal; sie aber haben weder Schneide noch Spit-
ze, und taugen nichts, weder zum Schneiden noch
Stechen, und dennoch preist ihr sie dem Volke als
gut und wahrhaftig an; ist das nicht Betrug? Ihr pre-
digt dem Volke, man soll sich nicht betrinken, und
dennoch geht ihr so betrunken auf den Gassen umher,
wie Schweine. Ihr lehrt, man soll nicht geizig sein, wer
aber ist geiziger, als die Pfaffen und Mönche? Ihr lehrt,
man soll nicht müßig sein, wo aber findet man mehr
Müßiggang als unter euch? Ihr wollt lieber mit dem
Sacke oder Korbe von Tür zu Tür umhergehen und
betteln, als arbeiten, wie man sieht. Der Pfaffe ward
zornig, stand auf und sagte: Das ist das Erste, was ihr
einander lehrt, eures Nächsten Mängel zu offenbaren.
Claes: Warum sollten wir das Bekenntnis nicht beob-
achten, das uns Christus gegeben hat, wenn er sagt,
daß man die Bäume an ihren Fruchten erkennen soll.
Pfaffe: Solches ist geistig zu verstehen. Darauf ging
er zur Kammer hinaus. Der Präsident fragte mich,
ob ich meine zweite Taufe und alles, was ich geredet
hätte, widerrufen wollte. Ich entgegnete: Nein, meine
Herren; keineswegs will ich verleugnen, was in dem
Namen des Herrn über mir geschehen ist. Als der Prä-
sident das hörte, stand er auf. Als sie nun sämtlich
aufstanden und sich entfernen wollten, bedankte ich
mich gegen sie, daß ich ihnen Mühe gemacht hätte.
Der Präsident kehrte sich um und fragte mich noch
einmal, ob ich widerrufen, oder Zusehen wollte, was
mir begegnen würde. Da entbrannte ich in meinem
Herzen, um ihnen und den anderen Gerichtsverwand-
ten zu sagen, sie sollten Zusehen, was sie täten, und
sagte: Meine Herren, widerrufen will ich keineswegs;
ich weiß auch wohl, was mir nach des Kaisers Befehle
begegnen wird; aber es sind zwei Befehle, der eine
von dem obersten Könige, der andere aber von dem
sterblichen Kaiser, und diese beiden Befehle streiten
gegeneinander; der eine sagt, daß man beides auf-
wachsen lassen soll, das Gute mit dem Bösen; der
andere aber, daß man es ausrotten soll. Darum, meine
Herren, bitte ich euch, ihr wollt die andern Ratsherren
warnen, daß sie überlegen, was das Beste sei; denn
ihr habt das Schwert nicht empfangen, die Unschul-
208
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
digen zu strafen. Ich sagte noch sehr vieles, das mir
der Herr zu reden eingab; er stand mit seinem Hute
in der Hand, desgleichen auch die andern und der
Stockmeister, und schwiegen still; zuletzt baten sie
Gott, daß er mir geben wolle, was mir am seligsten
wäre, worauf sie sich entfernten.
Ich grüße die ganze Gemeinde, welche in allen Lan-
den zerstreut ist, mit dem Frieden des Herrn, denn
ich warte nun von Tag zu Tag darauf, daß ich mein
Opfer tun soll. Bittet Gott, daß er mich bis ans Ende
erhalten wolle; ich bitte täglich für euch. Geschrieben
in Banden.
Gerhard Hasepoot, im Jahre 1556.
Im Jahre 1556 ist im Sommer in der Stadt Rimägen ein
Bruder namens Gerhard Hasepoot gewesen, seines
Handwerks ein Schneider. Nachdem derselbe um der
strengen Verfolgung willen aus der Stadt geflüchtet
war, ist er einmal wieder heimlich hineingegangen,
denn sein Weib und Kinder wohnten noch daselbst;
er ist aber von der Wache des Schultheißen gesehen
worden, welche es ihrem Herrn anzeigte. Der Schult-
heiß, welcher sehr blutdürstig war, hat ihm sofort
nachgesetzt und ihn mit sich genommen. Also hat
dieser Freund Christi von Weib und Kindern schei-
den müssen und sich um des Namens Jesu willen in
das Gefängnis unter den Druck und das Elend be-
geben. Als er nun von dem Herrn dieser Welt sehr
scharf untersucht wurde, hat er seinen Glauben ohne
Furcht bekannt und sich der Wahrheit nicht geschämt.
Deshalb haben ihn die oben Gemeldeten zum Tode
verurteilt, daß er an einem Pfahle verbrannt werden
sollte, wobei er auch sehr freimütig gewesen ist. Als
nun dieses geschehen, so ist seine Frau zu ihm auf
das Stadthaus gekommen, um noch einmal mit ihm
zu reden, Abschied von ihm zu nehmen und ihrem
lieben Manne gute Nacht zu sagen; sie hatte ein klei-
nes Kindlein auf dem Arme, welches sie vor großer
Betrübnis nicht wohl behalten konnte. Als ihm Wein
eingeschenkt wurde (wie es bei denen gebräuchlich
ist, die zum Tode verurteilt sind), sagte er zu seinem
Weibe: Es gelüstet mich nicht nach diesem Weine, aber
ich hoffe ihn neu zu trinken, welcher mir droben in
meines Vaters Reiche eingeschenkt werden wird. Also
sind sie mit großer Betrübnis voneinander geschie-
den und haben einander auf dieser Welt gute Nacht
gesagt, denn die Frau konnte nicht länger stehen, son-
dern schien vor Betrübnis in Ohnmacht zu fallen. Als
er zum Tode geführt und von dem Wagen auf die
Schaubühne gebracht wurde, erhob er seine Stimme
und sang das Lied: Dich, himmlischer Vater, rufe ich
an, wollest meinen Glauben stärken; dann fiel er auf
seine Knie, verrichtete sein eifriges Gebet zu Gott. Als
er nun an den Pfahl gestellt wurde, schlenkerte er
seine Pantoffeln von den Füßen und sagte, es wäre
schade, sie zu verbrennen, denn es könnte noch ei-
nem armen Menschen damit gedient werden. Als der
Strick, womit er erwürgt wurde, in etwas nachließ,
weil ihn der Scharfrichter nicht stark genug angezo-
gen hatte, fing er abermals an und sang das Ende von
gemeldetem Liede:
Brüder und Schwestern insgemein,
Wolüan, nun heißt's geschieden;
Bis wir zu Christo gehen ein,
Der unser Haupt hienieden;
Ich zvart' dort auf euch, folget nach,
Bereitet euch auf jenen Tag.
Als aber der Scharfrichter den Strick wiederum anzog,
ist dieser Zeuge Jesu in dem Herrn entschlafen und
verbrannt worden; also hat er seinen von Gott emp-
fangenen, vergänglichen Leib um der Wahrheit willen
freiwillig übergeben, und hat den Kampf gekämpft,
den Lauf vollendet, Glauben gehalten und ist ihm nun
die Krone der ewigen Herrlichkeit beigelegt.
Vor dem Jahre 1557 sind von den nach Christi Ord-
nung Getauften, unter der Regierung des Pfalzgrafen
bei Rhein, mehrere Personen ins Gefängnis geworfen
und nachher des Landes verwiesen worden, wie sol-
ches in der Vorrede über das Gespräch zu Franckental,
und ferner in der Vorrede über das alte Opferbuch,
auf das Jahr 1616, Buchstabe D, auf der andern Seite
zu finden ist.
Hieraus erhellt nun, daß die taufgesinnten Chris-
ten damals nicht allein von den Römischgesinnten,
sondern auch von denen, welche die römische Kirche
und viel von deren Aberglauben verlassen hatten, viel
haben leiden müssen, woraus man die große Drang-
sal abnehmen kann, worin die Kirche Gottes damals
gestanden, denn man hat nirgends Gewissensfreiheit
gefunden, sondern ihnen bei den Papisten das Leben,
bei andern Völkern aber die Übung des Gottesdiens-
tes genommen.
Hans Brael, im Jahre 1557.
Der Bruder Hans Brael ist im Jahre 1557, einige Tage
vor dem Himmelfahrtstag, im Pustertale um des Glau-
bens und des Zeugnisses Jesu Christi willen gefangen
worden. Als er nämlich seines Weges zog, ist ihm der
Richter fast eine Meile vom Schlosse begegnet; dieser
ritt an ihm vorbei und grüßte ihn, denn er kannte ihn
nicht. Hans Brael dankte ihm, aber der Gerichtsschrei-
ber ritt auf ihn zu und fragte: Wo willst du hin und
209
was hast du hier getan? Er antwortete, er sei bei seinen
Brüdern gewesen. Der Schreiber fragte, ob die Taufge-
sinnten seine Brüder wären; er antwortete: Ja. Hierauf
nahm er ihn gefangen. Der Richter aber wandte sich
um, stieg vom Pferde, nahm des Bruders eigenen Gür-
tel, band ihn damit, und ließ ihn neben seinem Pferde
wie einen Hund durch Kot und Schlamm eine ganze
Meile Wegs laufen, bis sie ins Schloss kamen. Er war
durch das Laufen und weil er so fest gebunden war,
so ermüdet, daß er kaum mehr stehen konnte und
im Feld niederfiel, sodass der Herr vom Schlosse den
Richter bestrafte und schalt, daß er ihn so hart gebun-
den hatte; im Schlosse haben sie ihn untersucht und
ihm, was er hatte, abgenommen, dann aber ihn ins
Gefängnis gebracht. Des andern Tags wurde er sofort
vorgeführt, und von dem Herrn des Schlosses selbst
verhört und über seinen Glauben, seine Taufe und die
Sakramente befragt. Als er von seinem Glauben und
der Wahrheit Gottes sein Bekenntnis ablegte, ließen
sie alle Diener fahren und drangen hart darauf, daß
er Widerrufen sollte; als er ihnen aber mit deutlichen
Worten sagte, sie sollten sich darauf nicht verlassen,
daß er von der erkannten Wahrheit abweichen würde,
so haben sie ihn wieder ins Gefängnis gebracht. Acht
Tage darauf ist er abermals vorgeführt worden, wo ihn
der Herr nebst sechs andern verhört hat; als sie aber
nichts ausrichten konnten, schickten sie ihn abermals
ins Gefängnis. Acht Tage darauf haben sie ihn wieder
vorgenommen und ihn vor dem ganzen Rate verhört;
bei dieser Gelegenheit nannte der Richter seinen Glau-
ben eine Verführung und seine Gemeinde eine Sekte.
Hans aber sagte: Es ist keine Sekte oder Verführung,
sondern es ist die Gemeinde Gottes. Der Richter sagte:
Sie mag wohl des Teufels Gemeinde, wie aber soll-
te sie Gottes Gemeinde sein? Derselbe wurde auch
darüber sehr zornig und wiederholte: Woher sollte
man sie doch eine Gemeinde Gottes nennen? Aber
der Bruder Hans bestand herzlich darauf, daß es die
Gemeinde Gottes wäre. Da sprach der Richter: Weil
dieser weiß, welche aus der Herrschaft von Innsbruck
gekommen sind, so müssen wir nun auch wissen, wo
diese Leute seien, die sie in diese Gegend ausgeschickt
haben, wie sie mit Namen heißen, wer ihnen zu essen
gegeben und sie beherbergt hat. Aber Hans antworte-
te ihnen: Wir werden nicht ausgesandt zu jemandes
Schaden oder Nachteil, sondern unser Beruf weist
uns an, daß wir der Menschen Seligkeit suchen sollen
und sie zur Buße und Besserung ermahnen; was aber
hier gefragt wird, sind keine Glaubensartikel noch
sonst Dinge, die notwendig zu wissen sind; darum
will ich es nicht sagen, oder jemanden beschuldigen.
Der Richter ermahnte ihn sehr, er solle doch sich selbst
schonen, denn man würde Hand an seinen Leib legen.
wenn er die Leute nicht nennen und offenbaren wür-
de, die ihn beherbergt hätten. Hans fragte den Richter
und den ganzen Rat, wenn er den Vorschlag anneh-
men und diejenigen, die ihm mit Speise und Herberge
Gutes getan, verraten und verschwatzen würde, ob
er dann auch für gut gehalten werden könnte. Es sah
einer den andern im Rate an und sie sagten selbst, sie
selbst würden solches nicht für gut erkennen, wenn es
an ihnen geschähe. Aber der Richter ward zornig und
fragte, ob er den ehrsamen Rat beschuldigen wollte,
daß derselbe Verräterei von ihm forderte; ermahnte
ihn auch wiederholt und scharf, er sollte sich selbst
verschonen, oder sie würden sehr streng mit ihm um-
gehen. Als er aber nichts bekennen wollte, schickten
sie ihn wieder ins Gefängnis, um zu sehen, wie er
sich bedenken würde. Nachher haben sie ihn wieder
vorgeführt und auf die Folter gelegt; hierbei hat er
seine Kleider selbst ausgezogen, sich vor ihnen nie-
dergelegt und sich geduldig unter die Folterstricke
begeben, sodass den Umstehenden die Augen überlie-
fen und sie sich des Weinens nicht enthalten konnten.
Der Scharfrichter hing ihn in den Strick; aber der Rich-
ter ermahnte ihn auf das Eindringlichste, er solle sich
selbst verschonen und diejenigen, die man von ihm
begehrte, anzeigen; aber er sagte, er wollte niemand
verraten, sondern erwarten, was ihnen Gott zulassen
würde; darauf haben sie ihm einen großen Stein an
die Füße gebunden. Als der Richter merkte, daß er
nichts ausrichten konnte, wurde er zornig und sagte:
Ihr schwört einander, daß ihr einander nicht verra-
ten wollt. Hans antwortete: Wir schwören nicht, uns
einander nicht zu verraten, sondern weil es Unrecht
ist, verraten wir niemanden. Da sprach der Richter:
Du bist ein Schelm, ich habe dich auf einer Lüge er-
tappt; was willst du dich martern lassen? Der Bruder
erwiderte: Ich bin kein Schelm; auf welcher Lüge hast
du mich ertappt? Der Richter sagte: Du hast gesagt,
du seiest kein Lehrer; nun aber finden wir, daß du
gleichwohl einer seiest. Er antwortete: Ich bin kein
Lehrer, und wenn ich einer wäre, ich wollte mich des-
sen nicht schämen, denn es ist vor Gott eine ehrliche
Sache. Da haben sie ihn am Stricke hängen lassen und
sind von ihm gegangen; der Scharfrichter aber blieb
bei ihm. Unterdessen kam das Gericht zusammen; er
wurde ermahnt, daß er doch Nachricht geben möchte,
oder sie würden nicht nachlassen, bis sie seine Glieder
wohl ausgestreckt haben würden. Er antwortete, er
wollte erwarten, was ihnen Gott seinetwegen zulas-
sen würde, denn sie könnten nicht mehr tun, als ihnen
Gott zuließe. Der Scharfrichter sprach: Bist du nicht
ein Narr, daß du meinst, Gott werde heruntersehen
auf das, was wir hier in dieser Höhle tun? Das wäre
ja eine schmähliche Sache. Dann kam der Rat wieder
210
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
und sagte, daß die Frau vom Schlosse ihn von der
Pein losgebetet hätte, darum wollten sie es dabei be-
wenden lassen, worauf sie ihn wieder ins Gefängnis
geschickt haben. Sodann ritt der Herr sehr freudig
nach Innsbruck zur Regierung, und als er wiederkam,
hat er zwei Tage nacheinander, nämlich den Samstag
und Sonntag, die Pfaffen mit ihm handeln, reden und
ihn untersuchen lassen, wobei der Herr selbst zuge-
gen gewesen ist. Als sie aber mit ihren mancherlei
Handlungen und ihrer falschen, betrüglichen Lehre,
welche wir der Kürze wegen nicht mitteilen wollen,
nichts ausrichten konnten, sondern er standhaft ver-
harrte und allezeit bekannte, daß es die Wahrheit sei,
worin er stände, und daß er durch den Schutz und die
Hilfe Gottes dabei Stand halten wolle, so wurde zu-
letzt der Herr sehr über ihn erzürnt und sprach: O du
verstockter Hund! Ich habe es mit dir auf alle Art und
Weise versucht, will es auch noch tun und dich auf
einen scharfen Haufen setzen und sehen, wie du Gott
auch in dieser Versuchung vertrauen wirst. Hans aber
antwortete: Ich werde um keines Unrechts, sondern al-
lein um des Glaubens und der Wahrheit willen leiden,
und Gott wird das Unrecht nicht übersehen. Nach drei
Tagen haben sie ihn in einen tiefen, dunklen, unfläti-
gen Turm gesetzt, worin er weder Sonne noch Mond,
noch das geringste Tageslicht sehen konnte, sodass
er nicht wusste, ob es Tag oder Nacht wäre; biswei-
len aber hat er es daran gemerkt, daß es Nacht wäre,
wenn es im Turme etwas kälter war als sonst. Auch
war es so feucht und sumpfig im Turme, daß ihm die
Kleider am Leibe verfaulten, sodass er fast nackend
wurde. Er saß lange Zeit ohne Kleid und hatte nur
eine grobe Decke, welche man ihm gab; diese schlug
er um seinen Leib und saß so im Elende und in der
Finsternis; das Hemd an seinem Leibe war so verfault,
daß nichts weiter davon übrig geblieben war, als der
Halskragen, welchen er an die Mauer hing. Wenn ihn
nun diese Pilatuskinder bisweilen heraufholen ließen,
um ihn zu versuchen, ob er abfallen wollte, so tat ihm
der Schein und das Licht so wehe, daß er froh war,
wenn sie ihn wieder in den dunklen Turm hinablie-
ßen; auch entstand solch ein unflätiger Gestank von
der Unreinigkeit, die in der dunklen Höhle war, daß
niemand bei ihm bleiben konnte, sondern wenn sie
ihn hineinbrachten, mussten sie sogleich wieder fort-
gehen, sodass die Ratsherren selbst sagten, sie hätten
niemals solch einen bösen Gestank gerochen.
In solcher Verfassung lag er nun in diesem unflä-
tigen Turme, worin auch viele Würmer und ande-
res Ungeziefer sich aufhielten, sodass er im Anfang
sein Haupt lange mit einem alten Hut bedeckte, der
ihm aus Barmherzigkeit zugeworfen wurde. Und weil
auch eine Zeitlang niemand im Turm gelegen hatte.
so war des Ungeziefers um desto mehr und verur-
sachte ihm viel Schrecken, bis er es gewohnt wurde;
die Würmer verzehrten auch oft sein Essen, sodass er
dasselbe, wenn man es hinunterließ, aufessen muss-
te, ehe er es niedersetzte, sonst setzten sich so viele
Würmer darauf, daß er es nicht essen konnte; bekam
er nun eine Schüssel gekochter Speise und setzte sie
nur einmal nieder, so verzehrten sie dieselbe sofort.
Kurz, er konnte kein Brot oder sonst etwas bewahren,
denn sobald es die Würmer rochen, machten sie sich
daran; doch hatte er hierbei keine große Sorge, denn
er wurde durch Hunger sehr gezüchtigt, indem man
ihm nichts Überflüssiges gab, sondern was man ihm
gab, das konnte er bald aufessen, wenn er nur gesund
war. Auch war das Ungeziefer oft in seinem Trinken
und ersoff darin, bis er zuletzt einen großen Stein er-
langte, welchen er auf seinen Trinkkrug legte. Seine
größte Not in dieser Versuchung aber war, daß er von
der Gemeinde oder von den Brüdern keine Nachricht
bekommen konnte. Damals war daselbst im Oberlan-
de Hans Mein, ein Diener des Herrn; derselbe hatte
auch ein großes Verlangen, einige Nachricht von ihm
zu erlangen, und ließ ihm in den Turm sagen, er soll-
te ihm doch ein Kennzeichen zuschicken, wenn es
noch wohl um ihn stände und sein Herz noch fest an
Gott und seiner Gemeinde hinge, und wenn er nichts
anderes hätte, so solle er ihm doch ein kleines Büsch-
lein Stroh, wie klein es auch wäre, zusenden; aber er
konnte so viel nicht im Turme zusammenbringen, in
solchem Elende und solcher Armut saß er; da erinner-
te er sich seines verfaulten Halskragens, welchen er
an die Mauer gehängt hatte; dessen war er froh; er
nahm denselben und sandte ihn seinem Bruder aus
dem Turm, zum Zeichen, daß er in seinem Glauben an
Gott noch unverändert wäre und mit der Gemeinde
im Frieden stände. Als dieser den Kragen empfing
und daran sein Elend und seine Armut erkannte, hat
er, samt der ganzen Gemeinde, ein herzliches Mitlei-
den mit ihm gehabt, und nachdem sie vor Betrübnis
bitterlich geweint, haben sie ihm wieder sagen lassen,
sie wollten ihm gerne einige Kleider, oder sonst etwas,
in seiner großen Armut zuschicken; aber er wollte es
um deswillen nicht haben, damit, wenn es offenbar
werden würde, man ihn nicht abermals auf die Fol-
terbank werfen und peinigen möchte, um von ihm
Mitteilungen zu erpressen; darum entbot er ihnen, er
wollte sich nun mit dem Kleide der Geduld behel-
fen; so lag er in diesem unflätigen Turme den ganzen
Sommer bis in den Herbst, nach Michaelistage; da sie
aber nun sahen, daß es anfing, kalt zu werden, haben
sie ihn herausgezogen und in ein anderes Gefäng-
nis gelegt, welches auch nicht beschwerlicher hätte
sein können; hier musste er mit einer Hand und ei-
211
nem Fuße an 37 Wochen im Stocke geschlossen sitzen,
sodass er nicht liegen oder recht sitzen, wohl aber ste-
hen konnte; auch musste er von den Gottlosen viele
Schmach und Spott leiden, welche sagten: Da liegt ein
heiliger Mann; niemand ist so verständig als er; da
sitzt er als ein Licht der Welt und als ein Zeuge des
Volkes Gottes und seiner Gemeinde und dergleichen
Schmachreden mehr. Da er gar keine tröstliche Bot-
schaft von der Gemeinde erlangen konnte, so schickte
es Gott, daß er von den Ungläubigen getröstet wurde,
denn einst kam einer vom Adel, ihn zu trösten, und
sprach, er solle tapfer sein und sich nicht abschrecken
lassen, denn er wüsste wohl, daß die Wahrheit auf sei-
ner Seite und sein Glaube der rechte wäre; aber man
konnte dem nicht folgen, viel weniger das leiden, was
er litte; darüber hat ihm der Bruder ernstlich zuge-
sprochen. Auch hat es sich einmal zugetragen, daß er
in göttlichem Eifer entzündet wurde und dem Schrei-
ber, der ihn gefangen hatte, sagen ließ, er möchte doch
einmal zu ihm ins Gefängnis kommen. Als nun der-
selbe eilend in das Gefängnis kam, sich niedersetzte
und fragte, was er begehrte, weil er ihn zu sich ge-
fordert hätte, so sagte der Bruder: Aus der alleinigen
Ursache, weil ich nicht unterlassen kann, dir zu bezeu-
gen, daß du, wie du wohl weißt, die Hauptursache
dieser meiner Gefangenschaft und elendigen Leiden
seiest, während ich dir doch mein Leben lang niemals
irgendein Leid zugefügt habe. Der Schreiber saß da,
ganz erschrocken und stumm, und sagte nur, er hät-
te es tun müssen. Der Bruder sagte: Ja, das Gericht
Gottes hat dich dazu getrieben; weil du so blutdürs-
tig über die Frommen gewesen bist, so hast du es
auch zum Teile erlangt, daß du hiermit dein Gericht
hast erfüllen müssen; du hast dir ein schweres Gericht
über den Hals gezogen; Gott wird dich gewiss des-
wegen finden, solches von dir fordern und dich um
deiner Sünden willen strafen. Der Schreiber schwieg
still, und konnte nichts sagen, so erschrocken und
verstummt war er, und ging also wieder von ihm. Un-
gefähr 14 Jahre darauf starb er plötzlich in der Nacht;
in einer Viertelstunde war er gesund und tot; Gott
hatte ihn mit großer Angst heimgesucht, daß er auch
schrecklich rief, wehklagte, und es bejammerte, daß er
Unrecht getan und sich versündigt hatte. Also muss
es denen ergehen, die dem Teufel und seinem Gesin-
de dienen wollen. Ich will jetzt nicht melden, daß er
von seinem Herrn darüber sehr gescholten worden
ist und bei den Seinen damit einen Teufelsdank damit
verdient hat; denn sie sagten zu ihm so laut, daß es
auch der Bruder selbst hörte: Wie hatte der Teufel dich
so besessen, daß du den Mann nicht hast gehen lassen
wollen, da du doch wohl solches hättest tun können,
und wünschten, daß ihn der Teufel hätte holen mögen.
weil er diese böse Tat begangen hatte, die er endlich
so teuer bezahlen musste. In derselben Nacht, als er
starb, kam dem Bruder eine große Freude an, sodass
er mit Bitten und Danksagen Gott nicht genug loben
und danken konnte, denn in dieser Nacht fiel ihm
ein, er sollte noch zu den Brüdern und der Gemeinde
kommen. Des Morgens kam ein Diener zu ihm und
erzählte ihm, daß der Schreiber dieselbe Nacht eines
erschrecklichen und jähen Todes gestorben sei. Als
nun dieses dem Schreiber widerfuhr, so ist der Herr
nicht wenig darüber erschrocken.
Ungefähr acht Tage darauf ist der Knecht, der den
Ackerbau besorgte, ins Schloss gekommen, und hat
sich gegen Abend mit den Schlüsseln zum Bruder
gemacht, und ihn gefragt, ob er hoffe, frei zu wer-
den; er antwortete: Ich will sehen, was du mit mir
tun willst. Der Knecht wollte den Stock aufschließen,
konnte aber den rechten Schlüssel nicht finden. Der
Bruder sagte, er sollte es nicht tun, es möchte ihm
sonst übel belohnt werden. Als aber der Knecht den
rechten Schlüssel nicht finden konnte, sagte er, er wol-
le ihn freilassen, aber es würde wohl dieses Mal nicht
geschehen. Die Frau vom Schlosse schickte auch einen
Diener vor das Gefängnis, der dem Bruder zurief: Die
gnädige Frau lässt dir sagen, sie will den Richter und
einen Geschworenen kommen lassen, und wenn du
nur zwei Worte sagen willst, daß du dich unterweisen,
und bekennen wollest, daß du geirrt hast, so sollst du
frei werden und ich will die Sünden tragen, die du
damit begehst, sodass du deshalb keine Schuld tragen
sollst. Sie hat schon Sünden genug, von denen sie ab-
stehen sollte; sie bedarf keiner fremden Sünden mehr.
Also musste er noch einen Winter in großer Betrübnis
gefangen liegen.
Nach dieser Zeit ist von der Regierung von Inns-
bruck ein Befehl gekommen, welchem ihm die Herren
vorlasen. Der Inhalt war dieser: Weil er so verstockt
wäre, daß er keinen Unterricht aufnehmen wollte, so
sollte man ihn auf die See senden; dahin sollte er den
nächsten Morgen gesandt werden, um zu erfahren,
wie man die Missetäter nackend ausziehe und mit Gei-
seln schlage; aber er antwortete, er wolle Gott, seinem
Herrn, vertrauen, der sei sowohl auf der See, als auf
dem Lande, um ihm zu helfen und Geduld zu geben.
Da haben sie ihn aus dem Gefängnisse gelassen und
zwei Tage im Schlosse umhergehen lassen, damit er
das Gehen wieder lernen sollte, denn er war durch Ge-
fangenschaft, Stock, Schloss und Bande, worin er zwei
Jahre weniger fünf Wochen zugebracht, und dadurch,
daß er in ungefähr anderthalb Jahren die Sonne nicht
gesehen, so sehr geschwächt, daß er nicht wohl gehen
konnte. Deshalb wurde aus den Dienern ein Mann
verordnet, dem sie ihn überantwortet haben, um ihn
212
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
auf die See zu führen; darum nahm er im Schlosse
von einem jeden Abschied und ermahnte sie zur Bu-
ße. Die Frau vom Schlosse ließ ihm sagen, er sollte zu
ihr kommen, welches er auch tat; sie rief ihn in ihre
Schreibstube; hier nahm er von ihr Abschied, ermahn-
te sie auch zur Buße und bat, sie wolle die Frommen
in ihrem Tun gehen lassen und sie nicht hindern, auch
keine Frommen mehr gefangen nehmen; was sie ihm
auch zusagte und wobei sie zu weinen anfing, daß
ihr die Tränen über die Backen liefen und sprach: Es
soll mir mein Leben lang keiner mehr in die Hände
kommen; sie schenkte ihm einen Zehrpfennig und
ließ ihn gehen.
Dann führte ihn dieser Knecht fort. Derselbe war
ein gottloser Mensch. Der Bruder musste überall sein
Schelm heißen, oder er gab ihm andere Scheltnamen.
Als er ihn nun zwei Tage geführt hatte, so hat sich
dieser Knecht zu Nieder-Dorff in einem Wirtshaus
mit Wein so angefüllt, denn die Anwesenden hatten
ihm so stark zugetrunken, daß er, anstatt sich ins Bette
schlafen zu legen, sich über die Tafel ausgestreckt hat
und dann im Schlafe wie ein Tier herabgefallen ist.
Als dieser Bruder solches sah, hat er die Kammer-
türe und Haustüre geöffnet, hat beide wieder zuge-
schlossen und ist davongegangen.
Auf diese Weise hat ihm Gott in dieser Nacht da-
vongeholfen, welches im Jahre 1559 geschehen ist;
derselbe ist hiernächst mit Frieden und Freude zu der
Gemeinde des Herrn und seinen Brüdern gekommen.
Er ist nachher noch einige Male ins Land hinaufgezo-
gen, als ihm das Amt des göttlichen Wortes aufgelegt
worden ist.
Hierauf kann man abnehmen, wie Gott den Seinen
beisteht und hilft, und wie er denjenigen, der mit
ganzem Herzen ihm anhängt, viel Kraft und Geduld
im Leiden geben kann, um seines starken Glaubens
willen, welches sonst unmöglich wäre; auch sieht man,
wie er seine Feinde und Widersprecher hinausstößt,
und sie wohl zu finden weiß, denn der Schreiber ist
nicht allein eines schrecklichen Todes gestorben, wie
zuvor beschrieben worden ist, sondern es ist auch
unter der Zeit, als dieser Hans Brael noch gefangen
lag, der Herr vom Schlosse plötzlich gestorben, und
der Knecht, der den Hans auf die See bringen sollte,
starb auch eines elenden Todes, ehe der Bruder aus
dem Lande zog, und ungefähr 2 Jahre darauf ist der
Richter auch gestorben, doch nicht eines ordentlichen,
sondern eines sehr jämmerlichen Todes.
Jannecken Walraven, 1557.
Auf den Pfingstabend im Jahre 1557 ist zu Antwer-
pen in Brabant um des unbeweglichen Grundes der
Wahrheit und des Zeugnisses Jesu Christi willen Jan-
neken Walraven, die Mutter des Jaques Walraven, der
bei den Taufgesinnten zu Amsterdam ein Diener des
Worts gewesen, und daher bei vielen wohlbekannt
war, lebendig verbrannt worden. Diese seine Mutter,
obgleich sie eins von den schwachen Gefäßen gewe-
sen (IPt 3,7), ist gleichwohl nicht schwach im Glauben,
sondern männlich und standhaft gewesen, und hat
einen guten Kampf des Glaubens gekämpft und den
Sieg durch die Gnade Gottes davongetragen, der die
Seinen nimmermehr verlässt, sondern ihnen beisteht
und mit ihnen ins Wasser und Feuer geht, damit sie
dadurch an ihrer Seelen Seligkeit keinen Schaden lei-
den möchten, deshalb, weil sie mit ihrem Bräutigam
durch Leiden und Sterben um seines heiligen Namens
willen überwunden hat, so ist auch ihre unsterbliche
Seele bei allen heiligen Märtyrern unter dem Altäre
und erwartet mit Geduld die vollkommene Seligkeit
in der Zukunft ihres Bräutigams, wenn er in den Wol-
ken des Himmels erscheinen wird, um alsdann Leib
und Seele zu vereinigen, sie zu verklären, und seinem
verklärten Leibe gleichförmig zu machen, damit sie
sich mit ihm in Ewigkeit erfreuen möchten.
Georg Simonsß, Clemens Dircks und eine Frau,
genannt Marie Joris, im Jahre 1557.
Zu dieser Zeit sind noch zu Haarlem in Holland drei
fromme Zeugen der Wahrheit in der Tyrannen Hän-
de gefallen. Von denselben wurde der eine Georg Si-
monß, der andere Clemens Dircks, die Frau aber Ma-
rie Joris genannt. Diese alle haben, als treue Knechte,
an dem gemeldeten Orte, um der Wahrheit Christi wil-
len, schweres Gefängnis und scharfe Untersuchungen
(durch Gottes Gnade) standhaft ertragen und auch
in dieser ihrer großen Not, ihr empfangenes Pfund
mit dem faulen Knechte nicht in die Erde verborgen,
sondern es mit großem Ernste auf Wucher gelegt, und
das Wort des Herrn von der Tür ihres Gefängnisses
beherzt zu eines jeden Besserung verkündigt; auch
haben sie außerdem durch ein Gedicht die Ursache
dieser ihrer Gefangenschaft bekannt gemacht, wie sie
nicht als Diebe und Mörder, oder als solche, die ande-
rer Leute Gut nachstellten, litten, sondern, daß dieses
allein um des Glaubens der Wahrheit und eines reinen
Gewissens willen geschehen sei, und daß sie um der
reinen Furcht des Herrn willen der Unwahrheit nicht
folgen könnten. Der hauptsächlichste Inhalt jenes Lie-
des ist in den nachfolgenden Punkten enthalten:
1 . Wie sie, mit allen wahren Zeugen Gottes, glauben
und bekennen, aus Kraft der Heiligen Schrift, daß der
gesegnete Jesus Christus von oben herab, vom Him-
mel gekommen und von Gott, seinem himmlischen
213
Vater, ausgegangen sei, und daß er deshalb rein und
lauter, keineswegs aber von Adams sündlicher und
vergänglicher Natur sei.
2. Weil sie sich nach dem Befehle Christi auf ihren
Glauben haben taufen lassen, und dagegen bekannt
haben, daß die Kindertaufe nicht von Gott sei, son-
dern gegen sein Wort streite, und daß man aus Christi
eigenem Munde wohl wisse, daß die Kinder vollkom-
men in Gottes Gnade und einem seligen Stande ste-
hen, ohne daß man nötig habe, die Taufe oder sonst
eine Zeremonie an ihnen zu gebrauchen. Deshalb hal-
ten wir dafür, daß alles, was man mit allem diesem,
als zur Seligkeit der Kinder, auszurichten sucht, nichts
anderes als ein nichtiges, menschliches Unternehmen
sei.
3. Vom Abendmahle des Herrn bekennen sie auch,
daß sie solches nach des Herrn Befehle gehalten ha-
ben, und daß laut der Einsetzung Christi, wie er, der
Gesegnete, es selbst mit seinen Aposteln gehalten hat,
worin ein jeder sich wohl untersuchen soll, ehe er zu
dieser Tafel geht; auch, daß Christus sein Abendmahl
nicht mit Trunkenbolden, Frauenschändem oder de-
nen gehalten habe, von welchen man etwas Böses
wusste, wie man bei den Papisten gewohnt ist.
4. Dagegen verwerfen sie auch mit Nachdruck der
Papisten kleines gebackenes Brot, oder geweihte Hos-
tie, die sie den Leuten für den wahren, wesentlichen
Sohn Gottes anpreisen, um daselbst in der Not Gna-
de und Seligkeit zu suchen und bekennen, daß sie
alle gröblich irren, die solches Brot verehren oder ein
göttliches Vertrauen darauf setzen.
5. Weil sie den Papst und die römische Kirche nicht
für die Gemeinde Gottes erkennen könnten, sondern
daß sie derselben mit allen ihren Zeremonien wider-
sprechen. Sie hielten auch nicht dafür, daß dieser ihr
Kaufhandel, den sie hierin trieben, von Gott sei.
6. Weil sie in der Gemeinde keine andere Strafe der
Übertreter erkannten, als die evangelische Absonde-
rung. Dadurch könnte man die Bösen von den From-
men absondern, um dem Herrn eine reine Gemeinde
zuzuführen, worunter keine Unreinen oder Befleckten
wohnen, sondern hinausgetan werden sollten. Diesel-
be bekennen sie, die Königin und Braut Christi zu
sein.
Durch solche und dergleichen Umstände hat das
Feuer des Evangeliums in Haarlem, trotz der Gewalt
dieses Tyrannen, so heftig zu brennen angefangen,
daß eben in der Nacht, als man mit ihnen so übel um-
ging, der gottesfürchtige Bouwen Lubbertß auf der
Schoutsstraße zu jedermanns Besserung eine herrli-
che Ermahnung ohne Scheu oder Furcht gehalten hat,
wodurch keine geringe Erbauung stattgefunden hat.
Als man den 26. April 1557 den oben gemeldeten
Georg und Clemens zum Tode hinausgeführt hat, hat
sie das gemeine Volk sehr beklagt; sie aber sagten:
Weint nicht über uns, sondern über eure Sünden, und
tut wahre Buße. Darauf, nachdem sie ihr Gebet mit
brünstigem Herzen zu Gott getan hatten, ist ein jeder
an einen Pfahl gestellt worden, worauf sie sagten: Wir
leiden nicht um Übeltat willen, sondern nur, weil wir
der Wahrheit gehorsam sind. Als sie ihren Geist oder
ihre Seelen, mit einem festen Vertrauen in die Hände
Gottes befohlen, so haben sie ihre Hälse tapfer und oh-
ne Scheu für die Wahrheit ausgestreckt, und sind zu-
erst erwürgt, dann aber verbrannt worden. So sind sie,
zum Tröste und zur Freude vieler Frommen, bei der
angenommenen Wahrheit des heiligen Evangeliums
standhaft bis ans Ende geblieben. Als sie aber nun ihre
Tyrannei mit Würgen und Brennen geendigt hatten,
haben sie, um diese ihre Lehre zu unterdrücken, auch
ihre Bücher zu verbrennen gesucht; denn wie uns die
Alten berichtet haben, so war der Bücherverkauf des
Georg Simonß Hantierung. Als man nun den Brand
der Bücher bemerkte, ist ein solcher Auflauf unter
dem Volke entstanden, daß sich die Herren davon
machten, worauf man die Bücher unter das gemeine
Volk warf, das mit großem Verlangen darnach griff.
So ist durch die göttliche Fügung die Wahrheit, an-
statt daß sie hat unterdrückt werden sollen, durch
das Lesen solcher Bücher nur desto mehr ausgebreitet
worden. Die oben gemeldete Marie Joris aber ist auch
in dieser Versuchung treu geblieben, und hat ihren
Glauben tapfer vor den Herren bekannt, denn sie war
bereit, ihr Leben für den Namen des Herrn mit ihren
Brüdern zu übergeben. Weil sie aber schwanger war,
hat sie bis nach ihrer Niederkunft warten müssen,
aber dem Herrn gefiel es anders, denn sie ist während
der Geburt gestorben und dadurch vom Fleische er-
löst worden, daß diese Tyrannen ihren Mutwillen an
ihr nicht kühlen konnten. So ist sie mit ihren Brüdern
im Herrn entschlafen.
Wem es gefällt, der lese diese Geschichte in dem
alten Liederbuche, welche diese Zeugen selbst in ihrer
Gefangenschaft, gleichwie auch der fromme Bouwen
Lubbertß, in Reime gebracht haben.
Ein Testament, welches Georg Simonß seinem
Sohne Simon hinterlassen hat.
Ein Testament, welches Georg Simonß seinem Sohne
Simon hinterlassen hat, als er um des Herrn Wortes
willen in Haarlem gefangen saß; derselbe ist nachher,
den 26. April 1557 getötet worden.
Gott, durch seine große Barmherzigkeit, wolle mei-
nem Sohne Simon verleihen, in Tugenden aufzuwach-
sen und ihn, wenn der Herr ihn zu seinem Verstan-
214
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
de kommen lässt, zu erkennen, und wenn er seinen
Willen erkannt haben wird, sein Leben darnach einzu-
richten, um ewig selig zu werden durch seinen gelieb-
ten Sohn Jesum Christum samt dem heiligen Geiste,
Amen.
Mein Kind und lieber Sohn, neige dein Ohr zu dei-
nes Vaters Ermahnung und merke auf seine Reden
und Erzählung, wie er sein Leben angefangen und
geendigt habe!
Der Anfang meines Lebens ist unnütz, hoffärtig,
aufgeblasen, dem Saufen ergeben, eigennützig, lügen-
haft und voll aller Abgötterei gewesen. Als ich nun
zu meinen Jahren kam und mein männliches Alter
erreichte, suchte ich nichts anderes, als was meinem
Fleische wohlgefiel, ein faules, üppiges Leben; ich war
nach schändlichem Gewinn begierig, ich suchte mei-
nes Nachbarn Tochter zu Fall zu bringen, wie solches
leider an der Tat, die von mir geschehen, zu erkennen
ist; auch ist es schändlich zu sagen, was ich im Ver-
borgenen getan habe, ja, ich war eben ein Gefäß voller
Untugend. Aber mein liebes Kind! Als ich mich zur
Schrift wandte, diese durchsuchte und durchlas, fand
ich, daß mein Leben den ewigen Tod zu erwarten hät-
te, ja, daß mir das ewige Wehe über dem Haupte hing,
und der feurige Pfuhl, der von Schwefel und Pech
brennt, mir zubereitet sei. Solches, sage ich, hatte ich
zu erwarten, laut der Worte Pauli, wenn er sagt: Die
solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben.
Als ich solches zu Herzen nahm, erschrak ich sehr
und fürchtete mich; ich habe daher das Wort Gottes
zu meinem Ratgeber angenommen, wie mir wohl am
besten zu raten wäre. Hier eine geringe Zeit ein wol-
lüstiges Leben zu führen und die ewige höllische Pein
zu erwarten; oder hier ein geringes Elend, wenn man
es anders Elend nennen mag, zu dulden, und nach-
her die ewige Freude zu genießen; ich fand in der
Schrift: Was nützt es dem Menschen, wenn er die gan-
ze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an seiner
Seele, denn er hat nichts, um sie zu erlösen. Darum,
mein geliebter Sohn, habe ich es für besser erachtet,
mit den Kindern Gottes, wie Mose, eine geringe Zeit
Ungemach zu leiden, als mit der Welt, die doch ver-
gehen wird, in aller Wollust zu leben. Darum habe
ich mein Gemach freiwillig und ungezwungen ver-
lassen, und habe mich auf den engen Weg begeben,
um Christo, meinem Haupte, nach zu wandeln, wohl
wissend, daß, wenn ich ihm bis ans Ende nachfolge,
ich nicht im Finstern wandeln werde. Als ich nun das
alte Verdammliche zum Teil abgelegt und verworfen
hatte, und eine neue göttliche Kreatur zu sein begehr-
te, sowie ein frommes, bußfertiges, gottseliges Leben
zu führen, so wurde ich sogleich, wie alle Frommen,
die vor mir gewesen sind, gehasst, ja, in Haarlem auf
St. Jans-Pforte gefangen gesetzt.
Dieses, mein lieber Sohn, ist mein Leben gewesen
bis zur Zeit, als mich der Herr erleuchtete. Vor al-
len Dingen, mein liebes Kind, will ich dich herzlich
gewarnt, ermahnt und gebeten haben, daß du dich
hüten wollest, alle Bosheit zu meiden, und daß du von
deiner Kindheit an in der Furcht des Herrn wandeln
wollest, welches ist der Weisheit Anfang; und wenn
dir Gott seine Weisheit offenbaren wird, so zögere
nicht, darin zu wandeln, denn der Tod geht sowohl
den Jungen als den Alten nach. Nimm doch die Zeit
wahr, die dir von Gott zur Besserung vergönnt ist,
habe deinen Umgang mit den Guten und hüte dich
vor den Verkehrten; wenn dich die Sünder locken, so
falle ihnen nicht zu, und geselle dich nicht zu ihnen,
wehre deinen Füßen vor ihren Pfaden, ihre Gänge
führen zur Verdammnis. Darum rühre kein Pech an,
damit du nicht besudelt werdest, denn auf den Bösen
wartet ein böses Ende, welches überall die Last tra-
gen soll. Hüte dich, mein Sohn, vor diesem und vor
allem Argen, und denke daran, was Paulus sagt, daß
wir alle vor Christi Richterstuhl dargestellt werden
müssen, damit ein jeder an seinem Leibe empfange,
nachdem er getan hat, es sei gut oder böse; das Fleisch
wird dir keinen guten Rat geben. Darum darf Paulus
wohl sagen: Fleischlich gesinnt sein ist der Tod, ja, die
fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. Darum
töte deine fleischlichen Glieder, die auf Erden sind.
Lies Paulus, oder laß ihn lesen, er wird dir wohl sa-
gen, welche die Werke des Fleisches sind. Hast du
Zeit und Gelegenheit, so wende Ernst und Fleiß an,
lesen und schreiben zu lernen, damit du besser lernen
und wissen mögest, was der Herr von dir fordert.
Geliebter Sohn! Meines Herzens Wunsch und Bit-
te ist zum Herrn für dich, daß deine Seele vor der
Sündflut des Zornes Gottes beschützt werden möchte,
welche über alle Gottlosen kommen wird, die nicht
nach dem Herrn gefragt haben und in seinen Gebo-
ten nicht gewandelt sind. Diesem zukünftigen Zorne
kannst du nicht besser entgehen, als wenn du auf
Jesum Christum, den Sohn des allmächtigen und ewi-
gen Vaters, siehst, welcher aller Gläubigen Haupt und
Vorbild, ja, der Herzog des Glaubens und der Vollen-
der ist. Frage ihn um Rat, was für dich das Beste und
Nötigste zu tun sei; er wird es dir sagen. Klopfe an
die Tür seiner heiligen Dreifaltigkeit und bete ihn an,
er wird dir auftun und dir dasjenige geben, was dir
nötig ist. Habe Lust und Hunger nach der Weisheit, so
wirst du gesättigt werden. Trachte nicht nach hohen
zeitlichen Dingen, denn obgleich diejenigen, die sie
erlangen, von dem gemeinen Volke selig genannt und
gepriesen werden, so sind sie doch vor Gott unselig
und verwerflich. Darum demütige dich unter die ge-
215
waltige Hand Gottes, damit du in Ewigkeit erfreut
werden mögest.
Sieh wie es ihm und allen Frommen vor und nach
ihm ergangen ist; seine Geburt war arm und voller
Elend, er musste vor Herodes flüchten, denn er trach-
tete ihm nach dem Leben; er hatte, als er litt, nichts,
worauf sein Haupt ruhen konnte. Und für alle diese
großen und herrlichen Wohltaten hatte er das zum
Danke, daß er ein Verführer, Weinsäufer, Samariter
und von dem Teufel besessen heißen musste; über-
dies musste er sich noch vor ihren Steinen hüten, bis
sie ihn (als die Zeit erfüllt war) zum allerschändlichs-
ten Tode verdammten. Und ehe das Gesetz offenbar
war, musste auch der fromme Abel von seinem Bru-
der Kain leiden, welcher ihn aus lauter Hass und Neid
(weil seines Bruder Werke gut und Gott angenehm,
die seinen aber böse und verwerflich waren) getötet
hat; auch haben alle lieben Propheten, die das Wort
Gottes verstanden und danach lebten, ohne Ansehen
der Person vieles leiden müssen; Micha, der zu des
Königs Ahabs Zeiten unter vierhundert falschen Pro-
pheten allein wahrhaftig erfunden wurde, musste von
Zedekia geschlagen und nachher in einen Kerker ge-
worfen werden; Elia, der unter 450 falschen Priestern
der Isabel allein wahrhaftig war, hatte auch vieles zu
leiden; daher darf Paulus wohl sagen (denn er hatte
es selbst erfahren), daß alle, die in Christo gottselig
leben wollen, Verfolgung leiden müssen.
Dieses haben auch alle anderen frommen Zeugen
Christi versucht und sind bis ans Ende standhaft ge-
blieben; darum ist ihnen auch (nach der Schrift) die
Krone zubereitet; denn solches bezeugt der Mund
Christi selbst, daß, wer standhaft bleibt bis ans Ende,
soll selig werden, wer überwindet, soll alles besitzen,
mit weißen Kleidern angetan werden und vom Bau-
me des Lebens essen, welcher mitten im Paradiese
steht.
Mein geliebter Sohn! Überlege dieses, darauf richte
Tag und Nacht deine Gedanken, nämlich: Der Welt zu
sterben, und Christi Willen zu vollbringen. Vor allem
hüte dich vor allen falschen Propheten, Heuchlern
und Scheinheiligen, welche zu meiner Zeit Pfaffen
und Mönche waren, und die, wie ich besorge, zu dei-
ner Zeit nicht mangeln werden, solange ihnen fette
Suppen folgen; glaube ihnen nicht, denn sie sind Be-
trüger und töten der Leute Seelen. Mein Sohn, der
dieses schreibt, hat es durch Erfahrung und Untersu-
chung gelernt, denn er hat selbst aus diesem Kelche
getrunken. Halte dich auch zu keiner Sekte, deren es
zu meiner Zeit viele gab, wie Lutherische, Zwingli-
sche und andere mehr, welche, obgleich sie den Schein
des Guten haben, dennoch im Grunde böse und ein
tödliches Gift sind. Sieh dich um nach einem kleinen
Häuflein, dessen Lebensregel mit den Geboten Gottes
genau übereinkommt, und deren Kirchengebräuche
oder Sakramente mit dem Befehle Christi und dem
Gebrauche der Apostel übereinstimmen; das ist die
rechte Gemeinde Christi, die ohne Runzel oder Fle-
cken ist; diese ist Fleisch von seinem Fleisch und Bein
von seinem Beine; diese haben auch Lehrer, die, nach
Paulus Lehre, unsträflich sind in allem; die gehorsame
Kinder und gläubige Weiber haben; die nichts wissen
von Rechten und Prozessen, vom Fluchen und Schwö-
ren, von Hass und Neid, von Lügen und Betrügen,
von Unkeuschheit und Ehebruch; wo lauter Liebe,
Friede, Einigkeit und Wahrheit zu finden ist, welches
die Früchte des Geistes sind, wie Paulus lehrt.
Mein lieber Sohn und geliebtes Kind, dieses ist
mein ernstlicher und letzter Wille, mein Testament
an dich; ich begehre von dir, du wollest solches mit
Fleiß durchlesen, wohl überlegen, und es neben die
Schrift legen, um deinen Wandel darnach einzurich-
ten. Merke wohl, mein Sohn, was ich schreibe: Es
werden sich viele, meistens unter dem Scheine des
Guten, offenbaren, und sagen, sie hätten eine Arznei
für deine kranke Seele; aber die, welche die Wahrheit
haben, sind, von welchen du Nutzen schöpfen kannst;
zu diesen halte dich. Wasser und Feuer wird dir vor
Augen gestellt; du kannst deine Hand ausstrecken,
wonach es dir gefällt, es sei Tod oder Leben. Dieses
wird dir, mein lieber Sohn, im Anfänge hart fallen
zu hören, denn es ist deiner ersten Geburt zuwider,
welche aus dem Fleische ist; du aber musst von neu-
em geboren und verändert werden, wenn du anders
ins Reich Gottes eingehen willst; solange du fleisch-
lich gesinnt bist, ja, solange du der Welt Narr und
Feind nicht wirst, kannst du solches nicht verstehen.
Herzinnigst geliebter Sohn! Ich bitte dich nochmals,
wie zuvor, du wollest darauf bedacht sein und dich
darnach richten; ich habe dir dieses aus meinem treu-
en Vaterherzen hinterlassen, als ich von dieser Welt
scheiden, und um des Wortes des Herrn willen getötet
werden sollte. Der Herr verleihe dir, und allen, die
es lesen oder lesen hören, daß sie es sich zu Herzen
nehmen, darnach tun und ewig selig werden.
Meines Sohnes Testament. Geschrieben im Jahre
1557 den ersten Montag im April und den 26. Tag des
Monats mit dem Tode befestigt.
Noch drei kleine Ermahnungsbriefe von Georg
Simonß und seinen Mitgefangenen.
1. Brief
Friede, Freude, Trost in aller Trübsal und allen Leiden
verleihe Gott allen denen, die um seines Wortes wil-
216
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
len leiden, durch seinen geliebten Sohn in Kraft des
Heiligen Geistes, Amen.
Unsern sehr geliebten Brüdern und Schwestern in
dem Herrn, und allen, die den Herrn von ganzem Her-
zen zu fürchten suchen, machen wir bekannt und las-
sen sie wissen, daß wir alle (dem Herrn sei ewig Lob)
sehr wohlgemut sind, und bei dem Worte des Herrn
zu bleiben und davon nicht abzuweichen hoffen, um
etwas Sichtbares willen, ja, nicht um des Lebens oder
Todes willen, denn es ist nichts, wie wir hoffen, das
uns von der Liebe Gottes scheiden werde; wir werden
alles vermögen durch den, der uns kräftig macht; wir
hoffen mit unserm Gott über die Mauern zu springen.
Liebe Freunde, freut euch mit uns; warum sollten wir
uns fürchten, da doch so viele Menschen in der Welt
sind, die um eines so kleinen Gewinns willen sich in
so große Gefahr setzen an Seele und Leib, zu Wasser
und zu Lande, und wenn es ihnen glückt, wissen sie
es gleichwohl nicht, ob es ihnen zum Gewinne oder
Verluste gereichen werde; aber wir, die wir diese Reise
mit des Herrn Hilfe vollendet haben, wissen, daß uns
lauter Gewinn bevorsteht, worauf kein Verlust folgt;
denn wir laufen nicht aufs Ungewisse; wir fechten
nicht wie solche, die in die Luft schlagen, sondern
wir sind, durch des Herrn Gnade, versichert, daß wir
dasjenige, was uns verheißen ist, wenn wir uns tapfer
durchstreiten, wie wir hoffen, erlangen werden; wir
gedenken ihr vielfältig wieder einzuschenken; wir
werden es ausrufen und nicht schweigen, was uns
der Herr verleiht und offenbart. Unsere Schwester,
Mariken, ist auch sehr wohlgemut und hat auch ih-
ren Glauben aufrichtig bekannt, wo sie zu bleiben
gedenkt, so lange ein Atem in ihr ist; sie ist so tapfer
und wohlgemut, daß sie uns alle erlustigt und erfreut.
Wir ermahnen einander mit dem Worte des Herrn, so
viel Gott einem jeden zu reden gibt, es sei mit Worten
oder Gesängen, ja, es gehen viele Stunden vorbei, wo
ich nicht einmal daran denke, daß ich gefangen sei,
eine solche Freude gibt uns der Herr. Ich danke euch
von Herzen, daß ihr meine Bitte erfüllt habt, auch für
eure herzliche Ermahnung; tut das Beste in Ansehen
meiner H. F. und seid dem Herrn und dem Worte
seiner Gnade anbefohlen. Georg Simonß, aus unsern
Banden.
2. Brief
Unsern sehr geliebten Brüdern und Schwestern in
dem Herrn und allen denen, die den Herrn von Her-
zen zu fürchten und ihm nachzufolgen begehren,
wünschen wir Gebundene in dem Herrn ein tapferes
standhaftes Gemüt und Beständigkeit in der Wahrheit
bis ans Ende, durch Jesum Christum, unsern Heiland,
Seligmacher und Erlöser in Kraft des Heiligen Geistes,
Amen.
Sehr geliebte Brüder und Schwestern im Herrn! Eu-
rer Liebe sei bekannt, daß wir, durch des Herrn Gnade,
alle nach dem Besten streben und darnach von gan-
zem Herzen trachten, daß wir uns dem Herrn in seine
Hände aufzuopfem begehren, es sei im Leben oder
Tode; wir streben noch darnach von ganzem Herzen,
daß der Herr seinen herrlichen Namen durch uns groß
machen und uns den Herzog unseres Glaubens und
den Vollender, Jesum, vor Augen stelle; wir wissen,
daß der Knecht nicht besser ist als sein Meister. Auch
ist es wahr, und ein teures Wort: Wenn wir mit ihm lei-
den, so werden wir uns auch mit ihm freuen. Hierauf
haben alle frommen Zeugen Christi gesehen, und auf
seine großen Verheißungen, dir wir im Alten Testa-
mente von den frommen Altvätern haben, welche auf
die zukünftige Gnade hofften; darum haben sie für
das Gesetz Gottes tapfer gestritten, und haben mit den
benachbarten Völkern keine Gemeinschaft machen
wollen; darum haben sie auch ihr Leben freiwillig
übergeben, weil sie gegossene oder geschnitzte Bil-
der weder anbeten noch verehren; gleichwie auch der
fromme Eleazar, der wider das Gesetz kein Schwei-
nefleisch essen wollte; wir hoffen, durch des Herrn
Gnade, seine heilsamen Worte zu unserm Vorbilde zu
nehmen, nämlich, daß es das Beste sei, bei dem Herrn
zu bleiben; denn, wenn wir durch Verstellung (wo-
vor Gott uns bewahren wolle) das Leben davontragen
würden, so könnten wir dennoch der allmächtigen
Hand Gottes nicht entlaufen, es sei denn im Leben
oder im Tode. Darum wollen wir uns ganz in die
Hände des Herrn übergeben, gleichwie die fromme
maccabäische Mutter mit ihren sieben Söhnen, und
gleichwie alle frommen Zeugen Christi getan, ja, die
sich erfreut haben, daß sie würdig erkannt waren, um
des Namens Christi willen zu leiden. Also sind wir, ge-
liebte Brüder, in dem Herrn gesinnt, und nicht anders.
Wir hoffen den schwachen, milchsaugenden Kindern,
durch des Herrn Gnade, ein Beispiel der Frömmigkeit
und Standhaftigkeit zu sein.
Dieses ist von mir am Montage geschrieben, nach-
dem ich zweimal vor den Herren gewesen war, und
gefragt wurde, ob ich dabei bleiben wollte.
3. Brief
Unsern sehr geliebten Brüdern und Schwestern in
dem Herrn und allen, die den Herrn von ganzem
Herzen zu fürchten und ihm nachzufolgen begehren,
wünschen wir Gebundene in dem Herrn, daß der gnä-
dige himmlische Vater sie alle vor allem Anstoß von
innen und außen bewahren wolle, durch seinen lie-
217
ben Sohn Jesum Christum, samt dem Heiligen Geiste,
Amen.
Herzlich geliebte Brüder in dem Herrn, wollt doch
nicht erkalten, obgleich ihr jetzt mit euren Freunden
und Verwandten von Haus und Hof wandern müsst,
unwissend wohin, denn der Sonnenbrand fängt nun
an, überall den aufwachsenden Samen in euch anzu-
tasten. Brüder, fürchtet euch nicht, lasst diesen Samen
in euch Feuchtigkeit bekommen und behalten; setzt
euch unter den Schatten der Schrift, sie wird euch ein
herrlicher Schirm sein. Wir wissen, daß wir durch viel
Trübsal in das Himmelreich eingehen müssen; wenn
das Haupt so leidet, so leiden auch alle andern Glieder
mit; wollen wir nun Glieder des Leibes Christi sein,
so müssen wir des Leidens des Hauptes mit teilhaftig
werden; wenn wir nun mit ihm leiden, so werden wir
uns auch mit ihm freuen.
Darum, liebe Brüder, wenn euch der Herr noch eine
Zeitlang unter dem argen Geschlechte wohnen lässt,
so erduldet die Zeit eurer Wanderschaft mit Furcht,
stellt euch als Lichter unter die böse, arge Welt; lasst
euren Glauben in den Werken hervorleuchten, sonst
ist er tot. Wendet eure Augen auf den Herzog des
Glaubens und Vollender Jesum Christum; er ist der
einige Eckstein in Zion, einen andern Grund kann
niemand legen, als der gelegt ist, welcher ist Christus
Jesus; halte, was du hast, daß dir nicht ein anderer dei-
ne Krone nehme. Seid dem Herrn befohlen, er wolle
euch in alle Wahrheit führen.
Ich, Georg Simonß, euer lieber Bruder, und meine
lieben Mitgefangenen, wünschen euch alles Gute, und
wir trachten von ganzem Herzen nach dem Besten.
Weil uns das Todesurteil der beiden vorgenannten
Freunde, Georg Simonß und Clemens Dircks, durch
den Stadtschreiber von Haarlem in die Hände gekom-
men ist, so haben wir für gut befunden, dasselbe hier
beizufügen, damit ein jeder von dem Vorgemeldeten
zur Genüge überzeugt sein möge. Dasselbe lautet, die
Überschrift ausgenommen, so:
Auszug des Georg Simonß von Hallmen und des
Clemens Dircks von Haarlem Todesurteil.
Nachdem Georg Simonß von Hallmen in Friesland
und Clemens Dircks von Haarlem, beide Weber, ohne
Pein und eiserne Bande bekannt haben, daß sie wie-
dergetauft worden seien, auch dabei eine sehr arge
Lehre von den ehrwürdigen heiligen Sakramenten
der heiligen Kirche an den Tag gelegt, vorgenannter
Georg Simonß auch sich unterstanden, verschiedene
falsche Bücher zu verkaufen und unter das Volk zu
bringen, Clemens aber sich nicht hat zu viel sein las-
sen, dieselben zu lesen und durch seine Lehre bekannt
zu machen, überdies auch beide in ihrem Irrtume und
ihrer argen Lehre hartnäckig und verhärtet sind, so
ist es geschehen, daß die Herren des Gerichts, nach-
dem sie die Anrede und den Schluss angehört haben,
welchen Zustand Peter von Zouteland, dieser Stadt
Schultheiß, wider sie und ihretwegen getan hat, nach
den Verordnungen und Befehlen der königlichen Ma-
jestät, welche durch die königliche Majestät, unsern
gnädigen Herren, unlängst bestätigt worden sind, die-
sen Georg Simonß von Hallmen und Clemens Dircks
als wiedergetaufte Ketzer und Störer der öffentlichen
Ruhe und christlichen Religion verurteilt haben und
hiermit verurteilen, daß der eine wie der andere an
einen Pfahl gestellt und mit Feuer hingerichtet wer-
den, und verordnen ferner, daß die Güter des vorge-
nannten Georg alle ohne Ausnahme, des vorgenann-
ten Clemens Dircks Güter aber, bis zur Summe von
sechzig Pfund und nicht mehr, wenn anders die Güter
diese Summe übersteigen, wie es die Freiheiten dieser
Stadt ausweisen, zum Nutzen der königlichen Ma-
jestät verfallen sein sollen. Also beschlossen den 26.
April 1557, von Joost von Hitgem, Dirk von Bokeroe,
Bürgermeistern, Wilhelm Harmanß Ramp, Johann Kö-
nig, Johann Mattheiß, Johann Raet und Adrian Wil-
lemß, Ratsherrn, und denselben Tag vor Gericht öf-
fentlich verlesen in Gegenwart des Schultheißen und
vorgemeldeter Ratsherren.
Ausgezogen aus dem ersten Buche der Strafen, wel-
ches mit dem 29. November im Jahre 1539 beginnt und
sich mit dem 27. Oktober im Jahre 1582 endigt, und
welches in der Kanzlei der Stadt Haarlem niederge-
legt ist; mit demselben ist die Abschrift gleichförmig
befunden worden.
Von mir, dem unterschriebenen Stadtschreiber ge-
meldeter Stadt, den 10. Juli im Jahre 1559.
Sechs Brüder werden bei Amsterdam auf dem
Bolewyk im Jahre 1555 an Pfählen erwürgt.
Im Jahre 1555 ist zuerst der Fall eingetreten, daß sich
die Taufgesinnten voneinander absonderten, weil Gil-
lis von Aachen und auch andere solche Dinge einführ-
ten, worüber die andern wasserlandischen Brüder
sich mit ihnen nicht vereinigen, auch solches ihnen
nicht zugeben konnten; daher ist es denn gekommen,
daß diese gemeldeten Bruder sich als ein Volk für
sich selbst gehalten haben; gleichwohl aber haben sie
sich von den andern nicht abgesondert, sind auch
nicht ausgebannt worden, sondern sie sind als ein
vergessenes, ja, verlorenes Volk angesehen worden,
sodass die wasserlandischen Brüder um der strengen
Verfolgung willen nicht in Häusern wohnen konnten,
sondern sich in Schifflein und auf den Feldern aufhal-
218
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ten mussten, weil sie nicht wussten, wo sie sich vor
den Häschern verstecken sollten, die sie überall such-
ten und ihnen nach dem Leben trachteten. Zu dieser
Zeit nun ist es geschehen, daß in dem Ostsaner Felde
sechs Brüder, die in einem Schifflein beisammen wa-
ren, ergriffen und nach Amsterdam gebracht wurden,
wo sie zum Tode verurteilt worden sind. Es war im
Anfänge des Winters als sie auf den Bolewyk gesetzt
und daselbst an einem Pfahl erwürgt worden sind.
Von dieser Zeit an hat dreizehn Wochen hindurch
über jedem Pfahle dieser sechs Brüder ein Lichtlein,
einer Kerze gleich, gestanden, das die ganze Nacht
hindurch gebrannt hat. Als nun diese dreizehn Wo-
chen zu Ende waren, ist ein gewaltiger Sturm und
Regen, und in deren Folge ein starkes Tauwetter ein-
getreten, so daß eine große Wasserflut erfolgte und
das Eis vom Winde zerteilt wurde. Um einen von
den sechs Brüdern stand das Wasser so hoch, daß der
Pfahl durch das daran stoßende Eis in Stücke zerbrach
und aufs Eis niederfiel; er ward mit dem Eis durch
die Ebbe und Flut zwischen Sparendam und dem Bo-
lewyk hin und her getrieben. In derselben Gegend
waren zwei Personen in einem Steigerschiffe, welche
unlängst zur Gemeinde gekommen waren; diese, als
sie des Nachts vorbeifuhren, sahen das vorgemeldete
Licht auf dem Eis; als sie nun genau zusahen, vermu-
teten sie, daß es auf Jaepje Maet (so nannten sie diesen
Bruder) stand. Sobald es nun Tag wurde, gingen sie
zu zwei Schwestern, die in der Stadt verborgen leb-
ten, welche diese beiden Ankömmlinge kannten; sie
erzählten ihnen, was sie des Nachts gesehen hatten.
Diese ließen sich deshalb von dem Schlagbaume aus-
schließen, setzten sich in ein Steigerschiff und fuhren
an den hohen Nord, wo sie das Eis erwarteten. Un-
terdessen wurde das gemeldete Lichtlein auf dem Eis
näher getrieben, und als sie nun auf das Lichtlein Zu-
fuhren, sahen sie, daß es auf Jaepje Maet stand. Sie
nahmen ihn in ihr Schiff und führten ihn zu den an-
dern Brüdern, die sich in einem Schiff bei dem Felde
aufhielten, diese brachten ihn aus dem Steigerschiff in
ihr Schiff. Als sie ihn aber anrührten, um mit ihm zum
Begräbnisse zu fahren, hat der vertrocknete und ge-
frorene Leib, welcher dreizehn Wochen lang an dem
Pfahle gehangen hatte und ausgedörrt war, zu bluten
angefangen, sodass das Blut stromweise in zwei oder
drei Körbe lief, welche sich im Boden des Schiffes be-
fanden. Die Personen, die solches alles gesehen und
an ihm getan haben, waren seine vornehmsten Brüder
und Spielgesellen, fromme und glaubwürdige Leute;
dieselben haben solches vielen andern erzählt, damit
ein solches Wunder nicht in Vergessenheit geraten,
sondern zur Erbauung der Frommen im Andenken
bleiben möchte.
Martin Zaey-Weber, Joris Oud-Kleer-Kooper,
Wilhelm Droogscheerder, Victor und Peter de
Bäcker, im Jahre 1557.
Als nun die Blutdürstigen, die dem Gewissen Zwang
antaten, noch nicht gesättigt waren, haben sie zu Ant-
werpen im Jahre 1557 fünf fromme Christen gefangen
genommen, nämlich: Martin Zaey-Weber, Joris Oud-
Kleer-Kooper, Wilhelm Droogscheerder, Victor und
Peter de Bäcker, welchen sie mit List, Bedrohungen
und Pein zugesetzt haben, um sie ihres köstlichen
Schatzes zu berauben, welchen sie, zu Gottes Ehre, in
irdischen Gefäßen so treulich bewahrten, damit er ih-
nen nicht genommen werden möchte. Hierüber sind
die andern so neidisch gewesen, daß sie ihnen öffent-
lich auf dem Markte einen schändlichen Tod angetan
haben; aber Gott wird sie mit den treuen Knechten
große Ehre und Freude genießen lassen, wenn die
anderen mit Schande zur ewigen Traurigkeit werden
eingehen müssen.
Ein Brief von Wilhelm Droogscheerer.
Ein Brief von Wilhelm Droogscheerer, zu Antwerpen
im Gefängnisse geschrieben, wo er um des Zeugnisses
unseres Herrn Jesu Christi willen, nebst vier andern,
im Jahre 1557 getötet worden ist, wie wir zuvor ge-
meldet haben.
Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, dem
Vater, und unserem Herrn Jesum Christum, der uns zu
seinem unvergänglichen Reiche berufen und erwählt
hat, ehe der Welt Grund gelegt war, uns auch durch
das Wasserbad im Worte gereinigt hat, damit wir vor
seinen Augen unsträflich wären.
Geschrieben an dich, meinen geliebten Bruder N.,
und meine geliebte Schwester N. Obgleich ich hier
um des Zeugnisses Christi willen geschlossen und ge-
bunden liege, und, durch des Herrn Gnade, bereit bin,
solches mit meinem Blute zu versiegeln, so lasse ich
doch auch nicht nach, meiner Mitglieder in meinem
Gebete zu gedenken, welches ich größtenteils mit Trä-
nen vor dem Herrn verrichte; denn ihr wandelt noch
in der wilden Wüste unter Drachen, Löwen und Bä-
ren, die fortwährend laufen und das unschuldige Blut
zu ermorden suchen, welches von Abels Zeiten an
Rache ruft, indem sie uns dem Tode überantworteten,
wie die Juden Christo taten, denn wir sind ihnen zu
schwer anzusehen, weil wir uns ihnen nicht gleich-
stellen; darum ratschlagen sie und sprechen: Lasst
uns ihn zum jämmerlichsten Tode verurteilen, denn
es soll ihm nach seinen Reden vergolten werden. Dar-
um, meine Auserwählten im Herrn, wir wollen uns
nicht vor ihrem Drohen und Schlagen fürchten, ob-
219
gleich sie wie wütende Hunde laufen; der Herr hat
doch ihre Herzen in seiner Hand; sie können uns oh-
ne den Willen unseres Vaters nicht ein Haar kränken.
Der Herr hat ja die drei Jünglinge in dem feurigen
Ofen bewahrt, Daniel in der Löwengrube, Hesekiel in
Jerusalem, Mose in Mesopotamien, Elia im Gebirge;
ja, alle, die auf den Herrn trauten, sind niemals zu
Schanden geworden, denn seine starke Hand, sagt
der Prophet, ist nicht zu kurz, und wenn auch eine
Mutter ihr eigenes Kind verließe, so will ich dich doch
nicht verlassen, spricht der Herr; denn wer euch an-
tastet, der tastet meinen Augapfel an. Darum sollen
wir unsere Seelen zur Anfechtung zubereiten, unsere
Erlösung naht herbei, und der Tag der Trübsal ist jetzt
hier; darum sollen wir unseren Herrn allezeit heili-
gen und verherrlichen, damit wir alle diese schönen
Verheißungen ererben möchten, welche er dem Chris-
tengeschlechte gegeben hat, damit wir in unserer Not
weder müde noch matt werden, sondern im Geiste
brünstig sein mögen, fröhlich in der Hoffnung, ge-
duldig in Trübsal und anhaltend im Gebete. Als die
Israeliten aus Ägypten gingen, waren sie sehr freudig,
daß sie vom Dienste und der Sklaverei erlöst waren;
als sie aber in die Wüste kamen, wo es dem Fleische
nicht wohl gefiel, sank ihnen aller Mut und sie murr-
ten, sodass sie wieder zurückkehren wollten, wozu
sie doch kein Recht hatten; denn sie hatten alle ihre
Satzungen mit sich genommen, damit sie keine Ursa-
che hätten, wieder zurückzukehren; deshalb sind sie
auch nicht in das verheißene Land gekommen, mit
Ausnahme von Kaleb und Josua, denn diese hatten
guten Mut, sodass sie ihre Feinde wie ein Stück Brot
vernichteten. Auch war der Herr mit David, da er den
Riesen Goliath niederschlug; sie gürteten ein Schwert
an seine Seite, um damit den Riesen niederzuschla-
gen; David aber war solches nicht gewohnt, weil er
ein Schäfer war; darum legte er das Schwert wieder
ab, ergriff seine Schleuder und warf damit dem Riesen
einen Stein an den Kopf, daß er zur Erde fiel; da nahm
David des Riesen Schwert und hieb ihm das Haupt ab.
Darum, meine auserwählten Brüder und Schwestern
im Herrn, lasst uns nicht weichen, weder zur rechten
noch zur linken Seite, denn wir haben solch einen
großen König, der uns nicht verlassen wird, wenn
wir anders treulich bei ihm ausharren; er ist so getreu,
der es verheißen hat, daß ich nicht daran zweifeln
kann, denn die Stadt, wo wir eingehen werden, ist
alles Guten voll; aber sie ist in der Demut gegründet.
Wisset, lieber Bruder N. und Schwester N., daß ich
euch ein Lied zum Andenken gebe; ich will euch da-
mit dem Herrn anbefehlen, bis wir auf den Berg Zion
kommen und daselbst das neue Lied mit allen Auser-
wählten Gottes singen. Lieber Bruder und Schwester,
als ich dieses Lied machte, hat mich großer Schmerz
und starke Versuchung überfallen, sodass ich sehr be-
trübt war, denn es kam mir vor, als ob mich der Herr
auf einmal verlassen hätte; ich fiel auf meine Knie,
weinte bitterlich zum Herrn und bat um Stärke und
Kraft; und der Herr erhörte mein Gebet und richte-
te mich wieder auf; denn er lässt uns nicht über un-
ser Vermögen versucht werden, dabei schafft er doch
einen Ausgang, wie es uns erträglich ist. Ich empfing
wieder solche Gnade und Freude, daß ich vor Freude
dieses Lied machte, zur Auferbauung meines Nächs-
ten. Grüßt mir J. von H. sehr mit dem Frieden des
Herrn, und du, N., grüße mir deinen Meister auch
sehr mit dem Frieden des Herrn, und sage meinetwe-
gen deiner Frau gute Nacht, ich kann ihr den Frieden
nicht geben, denn es steht geschrieben: Wehe denen,
die den Menschen trösten in oder auf eine eitle Hoff-
nung. Wisst, liebe Freunde, daß ich sehr erfreut war,
als ich vor Gericht ging, daß es mir vorkam, es könnte
nichts diese Freude übertreffen, daß ich nämlich mei-
nen Herrn, meinen Gott, vor der Welt bekennen sollte.
Der Schultheiß fragte, ob ich wiedergetauft sei; und
der Heilige Geist redete durch meinen Mund und sag-
te, daß ich nach der Lehre Christi getauft sei, und daß
sie Widertäufer wären, denn sie tauften wider Chris-
tum; darum kommt euch der Name zu, womit ihr uns
belegt. Ich bat sie auch, sie möchten mich zu meinen
Brüdern lassen, denn wir hatten doch einen Glauben;
aber sie gaben mir keine Antwort. Also, meine lieben
Freunde, wir wollen euch unter dem Altäre erwarten.
Hieronymus, Lorenz von Gelder, Peter Müller,
Jacob von Ypern und Martin de Waal.
Auch sind in demselben Jahre 1557 zu Antwerpen
fünf Brüder Christi, genannt Hieronymus, Lorenz von
Gelder, Peter Müller, Jacob von Ypern in und Martin
de Waal, gefangen worden; diese hatten solch ein fes-
tes Zutrauen zu Gottes Verheißungen, und waren so
brünstig an die Liebe Gottes geknüpft, daß sie durch
keine Menschen, ja, selbst nicht durch hohe Verhei-
ßungen, schwere Verfolgungen, gefährliche Anfech-
tungen oder Bedrohungen mit dem Schwerte abge-
zogen werden konnten; darum sind sie auch endlich
alle fünf, um des Zeugnisses ihres Glaubens willen,
welchem sie fest anhingen, auf dem Steine enthauptet
worden; und wie sie für die Wahrheit ihre Häupter
verloren haben, so werden sie auch von Gott zu Häup-
tern gesetzt werden, um diejenigen, die hier gerichtet
haben, zu überzeugen und zu richten.
220
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Margaretha, des Hieronymus Weib, Klaarken und
Janneken aus Dextelaar.
Es sind im Jahre 1557 zu Antwerpen drei Frauen, näm-
lich Margaretha, des vorgenannten Hieronymus Weib,
Klaarken und Janneken aus Dextelaar, weil sie stand-
haft bei der Wahrheit blieben und davon nicht abwei-
chen wollten, auf dem Steine enthauptet und dann zur
Schmach nackend in die Schelde geworfen worden;
aber sie werden wohl gekleidet und mit Ehren, samt
ihrem Bräutigam, zum Abendmahle des Lammes ein-
gehen, wo sie mit Freuden, samt allen Auserwählten
Gottes, das neue Lied werden singen helfen und in
ewiger, unvergänglicher Freude leben.
Sendbrief des Jünglings Algerius, 1557.
Ein tröstlicher Sendbrief des Jünglings Algerius, wel-
cher in der Stadt Rom um des Zeugnis Jesu willen im
Jahre unseres Herrn 1557 aufgeopfert worden ist. Die
Beschreibung seiner Aufopferung folgt nachher.
Den geliebten Brüdern und Mitknechten Jesu Chris-
ti, die aus Babylonia zum Berge Zion gereist sind,
deren Namen ich nicht ohne Ursache verschweige,
Gnade, Friede und Barmherzigkeit sei mit euch von
Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesu Christo, un-
serem Herrn und Seligmacher, Amen.
Um euch den Schmerz zu versüßen, oder zum Teile
zu benehmen, den ihr meinetwegen leidet, habe ich
euch der Süßigkeit teilhaftig machen wollen, die ich
empfinde, damit ihr euch mit mir erfreut, und in des
Herrn Gegenwart jauchzet mit Danksagung.
Ich will den Menschen ein unglaubliches Ding er-
zählen, namentlich, daß ich eine unendliche Süßigkeit
in dem Eingeweide des Löwen gefunden habe. Wer
wird solches wohl glauben, was ich hier erzählen wer-
de? Wer wird das glauben können?
In einer dunklen Grube habe ich Lustbarkeit gefun-
den und in einem Platze der Bitterkeit und des Todes
Ruhe und Hoffnung der Seligkeit, in dem Abgrunde
oder der Tiefe der Hölle Freude; wo andere weinen,
habe ich Lachen gefunden; wer wird solches jemals
glauben? Ich habe große Wollust in dem elenden Zu-
stande gefunden; in einem einsamen Winkel habe ich
herrliche Gesellschaft gehabt und in den härtesten
Banden große Ruhe. Alle diese Dinge, ihr Mitbrüder
in Christo Jesu, hat mir die milde Hand Gottes zuge-
sandt. Siehe, der zuvor fern von mir stand, ist nun bei
mir, und den ich nur ein wenig kannte, sehe ich nun
sehr klar, auf welchen ich vormals von weitem sah,
den sehe ich nun als gegenwärtig, der, nach welchem
mich verlangte, reicht mir nun die Hand, er tröstet
mich, erfüllt mich mit Freuden, er treibt die Bitterkeit
von mir, er erneuert die Kraft und die Süßigkeiten
in mir, er macht mich gesund, er erhält mich, er hilft
mir, er stärkt mich. O wie gut ist der Herr, welcher es
nicht leidet oder zugibt, daß seine Knechte über ihr
Vermögen versucht werden! O wie leicht, angenehm
und süß ist sein Joch! Ist auch jemand wie Gott, der
Allerhöchste? Er, der die Angefochtenen erhält und
erquickt, er heilt die Geschlagenen und Verwundeten,
und heilt sie insgesamt. Niemand ist ihm gleich. Lernt
doch, ihr allerliebsten Brüder, wie süß der Herr sei,
wie getreu und barmherzig; er, der seine Diener in
der Prüfung besucht, der sich erniedrigt und herun-
terlässt, um bei uns zu stehen in unsern Hütten und
schlechten Wohnungen; er verleiht uns ein frommes
Gemüt und ein friedsames Herz.
Wird aber die blinde Welt auch diese Dinge glau-
ben? Nein, sondern (weil sie ungläubig ist) sie wird
vielmehr sagen: Du wirst die Hitze, die Kälte und das
Ungemach des Orts nicht lange ertragen können, wie
wirst du dann das Kreuz, die tausendfältige Verach-
tung, das Unrecht, die Lästerworte und ungebührli-
che Schmach ertragen können? Solltest du nicht dein
liebes Vaterland, den Reichtum dieser Welt, die Eltern,
den Hofstaat und die Ehre im Auge haben? Solltest
du deine vortreffliche Kunst auch ganz aus dem Sinne
schlagen können, welche eine Stärkung und Erqui-
ckung für alle angewandte Mühe ist? Willst du so
vieles um nichts verlassen, ja, so viele Mühe, die du
angewandt hast, und dein Wachen, deinen Schweiß
und Fleiß umsonst verschwendet haben? Warum hast
du dir es doch von Jugend auf so sauer werden las-
sen?
Zuletzt aber, hast du denn gar keine Furcht vor
dem Tode, da dir derselbe, wiewohl unschuldig, be-
vorsteht? O welch ein gar törichtes und unwissen-
des Ding ist es, wenn man diesem allem mit einem
einzigen Worte zuvorkommen und dem Tode entflie-
hen kann, und es gleichwohl nicht tun will! O welch
eine verachtete Sache ist es, von so viel herrlichen,
gerechten, gottesfürchtigen, weisen und guten (oder
frommen) Ratsherren und durchlauchtigen Männern
etwas erlangen zu können und dasselbe mutwillig
nicht annehmen zu wollen.
Aber, hört doch, ihr blinden und sterblichen Men-
schen! Was ist heißer und brennender als das Feuer,
welches euch zubereitet ist? Was ist doch kälter als
euer eigenes Herz, welches noch in der Finsternis ist
und durchaus kein Licht hat? Was ist doch härter, ver-
wirrter und unruhiger als euer Leben? Was ist doch
verachteter und feindseliger als euer eigenes Alter?
Lieber sagt mir doch, welches Vaterland und eigene
Haus süßer ist als das himmlische? Welcher Schatz
größer ist als das ewige Leben? Und wer sind unsere
221
Eltern und Freunde ohne allein diese, die Gottes Wort
halten? Wo ist größere Freude, Reichtum und vortreff-
lichere oder höhere Ehre als im Himmel? Sag an, du
Unverständiger, sind nicht alle Künste zur Erkenntnis
Gottes gegeben? Wenn wir nun dieselben in der Wahr-
heit nicht erkennen, so haben wir unzweifelhaft alle
unsere Mühe, unser Wachen und unsem Schweiß, ja,
alle unser Unternehmen mit Schaden verschwendet
und dahingegeben. Antwortet mir doch, ihr unglück-
seligen Menschen, welchen Trost oder welche Arznei
kann doch der haben, der Gott verfehlt, in welchem
wir uns alle erholen und erquicken? Wie kann der
sagen, daß ich den Tod fürchte, da er doch selbst in
Sünden gestorben ist, und auf solche Weise den Tod
höher hält als das Leben. Denn wenn Christus der
Weg, die Wahrheit und das Leben ist, kann man wohl
das Leben außer Christo finden? Die Hitze ist mir eine
Erlustigung, der Winter ist mir ein Frohlocken in dem
Herrn; ich, der ich den Brand des Feuers nicht fürchte,
sollte die geringe Hitze fürchten? Und sollte der wohl
vom Eis gepeinigt werden, welcher sich doch selbst
verzehrt, verschmelzt und in der Liebe Gottes ganz
einschläft.
Der Ort ist in Wahrheit den Schuldigen und Misse-
tätern hart und schwer zu ertragen, aber sehr lieblich
und süß ist er den Unschuldigen und Gerechten; da
geht der Honig heraus, daselbst fließt der himmlische
Trank heraus, daselbst quillt aus und entspringt die
Milch, daselbst entsteht Überfluss an allen Dingen.
Es ist zwar wahr, der Ort wird für grausam und
unflätig gehalten, gleichwohl ist er mir wie ein weites
Tal und einer der edelsten Plätze in der Welt.
Sagt nun, ihr elenden Menschen, ob ich auch ein
Weidental oder eine Heide haben könnte, die lustiger
wäre als dieses, denn dort sehe ich Könige, Fürsten,
Staaten und Völker, dort sehe ich Krieg (oder Streit),
diesen in Stücken zerhauen, andere als Überwinder,
andere die ihr Ansehen und ihre Macht verloren, an-
dere aber zu hohen Ehren hinaufsteigen; hier aber ist
der Berg Zion, daselbst erhebe und begebe ich mich in
den Himmel; Jesus Christus steht vor meinen Augen,
rund um mich stehen die Altväter, die Propheten, die
Evangelisten, die Apostel und alle Diener Gottes. Er
(der Herr) umarmt und ernährt mich, diese ermahnen
mich, jene zeigen mir die heiligen Dinge, diese trösten
mich; die andern führen mich mit Geläut und Gesang.
Soll ich nun sagen, daß ich allein sei unter so vie-
len? Denn habe ich nicht hier eine Gesellschaft zu
Exempeln und zur Erquickung, indem ich einige ge-
kreuzigt sehe, diesen das Haupt abgeschlagen, einige
gesteinigt, andere verstümmelt, einige gebraten, an-
dere in Pfannen geröstet, oder in Ofen und Kessel mit
Ol, dem einen die Augen ausgestochen, einigen die
Zunge ausgeschnitten, diesen die Haut über den Kopf
gezogen, dem andern Hände und Füße abgehauen, ei-
nige in feurige Ofen geworfen, andere den Tieren zur
Speise gegeben; ja, es nähme zu viel Zeit weg, wenn
ich alles erzählen wollte.
Zuletzt sehe ich noch andere, die mancherlei Pein
und Marter erlitten haben, und solches allein zu dem
Ende, daß sie leben und außer aller Qual sein mochten;
für alle diese ist ein einziges Mittel und eine einzige
Arznei, die all ihren Schaden heilen kann, und dassel-
be gibt mir auch Kraft und Leben, und macht mich
fröhlich, alle diese Angst und Trübsal zu leiden, die
nur einen Augenblick währt, und nichts ist oder heißt;
dies ist die Hoffnung, die ich in den Himmel gesetzt
habe. Ich fürchte diejenigen nicht, die mich ohne Ur-
sache lästern und verfolgen, denn jene wird der, der
im Himmel wohnt, auswerfen und ausrotten, diese
aber heilen und gesund machen. Ich werde mich nicht
fürchten vor tausend Menschen, die um mich stehen,
denn der Herr, mein Gott, wird mich allezeit erret-
ten, er ist mein Beschützer und Erretter; er ist mein
Haupt, er wird sie schlagen, die sich ohne Ursache
gegen mich setzen; er wird die Zähne der Sünder zer-
malmen, denn sein ist Heil, Segen, Gewalt und das
Reich. Die Schmach, die wir leiden um Christi wil-
len, bringt uns lauter Frohlocken und Freude. Es steht
geschrieben: Selig seid ihr, so ihr geschmäht werdet
um Christi willen, denn das ist die Ehre, Herrlichkeit
und Kraft Gottes, und sein Geist wird auf euch ruhen.
Wenn wir mm von unserer Seligkeit gewiss und versi-
chert sind, so sollen wir die ungebührliche Schmach
derer, die uns lästern, nicht achten.
Auf Erden habe ich keine bleibende Stätte, um zu
ruhen, meine Behausung und mein Vaterland ist im
Himmelreich, ich suche die neue Stadt Jerusalem, wel-
che ich vor mir sehe, dieselbe begegnet mir. Seht, ich
bin schon auf dem Wege, dorthin habe ich meine süße
Wohnung, meine Reichtümer, meine Eltern und mei-
ne Freunde, meine Wollust und meine Ehre versetzt;
ich zweifle nicht, ich werde sie erlangen.
Alle diese irdischen Dinge sind nur Schatten, sie
sind alle vergänglich, eine Eitelkeit aller Eitelkeiten
denen, die der Hoffnung und des Wesens des ewigen
Lebens mangeln.
Die Künste oder Gaben, die mir Gott geschenkt hat,
sind mir zuerst liebliche Gespielen und Erquickun-
gen gewesen, nun aber geben sie mir heilige Früchte.
Es ist wahr, ich habe geschwitzt und Kälte erlitten,
und so viel mir möglich war. Tag und Nacht gewacht;
aber solche meine Mühe hat mir nun gedient und ist
mir zur Vollkommenheit gerechnet; ich habe niemals
weder Tag noch Stunde ohne eine Linie verstreichen
lassen. Seht, das wahre Angesicht Gottes hat sich über
222
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
mein Leben offenbart und der Herr hat gemacht, daß
ich große Freude in meinem Herzen empfinde; in ihm
allein werde ich in Frieden ruhen.
Wer wird sich nun unterstehen dürfen, zu sagen,
daß ich mein Alter und meine Tage verloren habe;
wer will sagen, daß ich meinen Mut verloren habe?
Denn meine Seele hat gesagt: Der Herr ist mein Teil,
darum will ich ihn suchen. Deshalb weil das Sterben
im Herrn kein Sterben ist, sondern ein seliges Leben
zu leiden, warum setzt sich denn nun der gegen mich,
welcher sich gegen Gott aufwirft, um mich am Sterben
zu verhindern? Dieses alles wird für mich die höchste
Freude sein, wenn ich nur den Kelch des Herrn trin-
ken darf. Welch ein gewisseres Pfand der Seligkeit
sollte ich wohl finden können? Hat er doch gesagt:
Die Menschen werden euch tun, eben wie sie mir
getan haben. Darum schweige fernerhin dieser Narr,
welcher sich nun lang in der Sonnen Licht betrügt.
Die blinde Welt, sage ich, höre auf sich selbst solche
Dinge einzubilden, denn ich will mit dem Apostel sa-
gen: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi,
weder Trübsal, noch Angst, noch Hunger, noch Blö-
ße, noch Sorge, noch Verfolgung, noch Schwert. Wir
werden den ganzen Tag getötet; wir werden wie die
Schafe zum Tode geführt, aber so sind wir Christi
teilhaftig, welcher gesagt hat, daß der Jünger nicht
größer sei als sein Meister, und der Knecht nicht mehr
als sein Herr; auch hat er hinterlassen, daß ein jeder
sein Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen soll.
Tröstet euch, o allerliebste Mitknechte Gottes! Trös-
tet euch, denn wir fallen in mancherlei Versuchungen.
Unsere Geduld sei allenthalben und an allen Orten
vollkommen, weil uns solche Dinge auf Erden zuge-
sagt und verheißen sind.
Denn es steht geschrieben, daß diejenigen, die uns
töten, meinen werden, daß sie Gott ein heiliges Werk
und Opfer damit tun. Darum sind beides, die Furcht
und der Tod, nur Teile und Stücke, die uns unsere
Berufung zu erkennen geben; wir freuen uns und
jauchzen in dem Herrn über das zukünftige Leben,
nachdem wir, doch ohne daß wir gesündigt haben,
geschlagen und dem Tode übergeben sind.
Denn es ist besser, um Wohltat willen (wenn es an-
ders so des Herrn Wille ist) zu leiden, als um Übeltat
willen. Es ist uns an Christo und den Propheten ein
Beispiel vorgestellt, welche im Namen des Herrn gere-
det haben, und von den Kindern der Ungerechtigkeit,
nach ihrer Weise und Gebrauch, getötet worden sind.
Seht, was tun wir nun? Selig sind, die standhaft ge-
blieben; wir erfreuen uns in unserer Unschuld und
von Gott geschenkten Gerechtigkeit.
Gott wird sie strafen, die uns verfolgen; ich bin be-
schuldigt worden, daß ich ein Narr sei, weil ich die
Erkenntnis Gottes nicht geheim halte und darauf nicht
Acht habe, ob ich heimlich im Verborgenen oder öf-
fentlich dasjenige sage, was ich doch allein mit einem
einzigen Worte nicht beantworten könnte. O du armer
Mensch! Wer oder was bist du doch, der du die Sonne
nicht siehst, und der du dich nicht einmal der Worte
Gottes erinnerst.
Lieber! Bedenke doch die Reden Christi: Ihr seid
das Licht der Welt; ferner, es kann eine Stadt, die auf
einem Berge liegt, nicht verborgen bleiben. Man steckt
auch kein Licht an und setzt es unter einen Scheffel,
sondern auf den Leuchter, damit es leuchte allen de-
nen, die im Hause sind.
Und an einem andern Orte sagt er: Man wird euch
vor Könige, Obrigkeiten und andere führen; darum
fürchtet nicht, die den Leib töten, sondern vielmehr
denjenigen, der die Seelen töten kann. Wer mich nun
bekennt vor den Menschen, den will ich auch beken-
nen vor meinem himmlischen Vater.
Da mm also der Herr so frei und deutlich davon ge-
redet hat, auf welche Macht und Ansehen gründeten
sie sich dann, die sich unterstehen, mir zu raten und
mich zu überreden? Ich werde doch nimmermehr den
Rat Gottes verlassen und der Menschen Rat nachfol-
gen, indem doch geschrieben steht, daß der selig sei,
der nicht im Wege der Gottlosen geht oder wandelt,
und nicht im Rate der Ungerechten steht noch auf der
Bank der Spötter sitzt.
Es wird nimmermehr geschehen, daß ich Christum
verleugne, sondern ich will ihn bekennen, so oft es
nötig sein wird; ich will mein Leben nicht höher ach-
ten als meine Seele; ich will die zukünftige Zeit nicht
mit der gegenwärtigen verwechseln. O wie wenig ver-
steht und erkennt es der, welcher dafür hält, daß wir
auf dem Wege der Torheit seien!
Obgleich ich den genannten, großmächtigsten, ge-
rechtesten, weisesten, barmherzigsten, gütigsten und
durchlauchtigsten Ratsherren dieses Ortes nicht gefal-
le, so ist mir deren Gnade, wenn ich abfiele, angeboten
worden; weil wir aber von den Aposteln des Herrn
unterrichtet sind, daß wir Gott mehr gehorchen sollen,
als den Menschen, darum nehme ich auch diese ihre
Gnade nicht an.
Ich wünsche ihnen, daß sie vollkommen sein möch-
ten in des Herrn Gegenwart; sie sind zwar hier groß-
mächtig, aber sie sollten sich auch vollkommen ma-
chen lassen in dem Herrn; sie sind wohl gerecht, aber
es fehlt ihnen noch Christus, welchen der Grund der
Gerechtigkeit ist; sie sind wohl weise, wo aber der
Weisheit Anfang ist, da ist auch die Furcht Gottes;
sie werden Barmherzige genannt, aber ich wünsche
ihnen, daß sie gelassener oder unterworfener in der
christlichen Liebe sein möchten; sie sind wohl gü-
223
tig, aber ich wünsche ihnen den Grund der Gütigteit,
nämlich den besten allerhöchsten Gott; sie werden
Durchlauchtige genannt, aber sie haben unsern Hei-
land nicht angenommen, den Allerdurchlauchtigsten.
Vernehmt es und merkt auf, o ihr Könige und ihr
Richter des Erdbodens! Lasst euch unterrichten; dient
dem Herrn mit Furcht und erhebt euch zu ihm mit
Zittern oder Beben; nehmt an und lernt die Lehre, da-
mit sich der Herr nicht erzürne, und ihr so ganz von
dem rechten Wege abfallt; warum erweckt ihr Auf-
ruhr, o ihr Leute und ihr Völker, warum gedenkt ihr
Eitles wider den Herrn? Ihr Könige der Erden und ihr
Fürsten, warum habt ihr euch miteinander vereinigt
wider Christum, den Heiligen Gottes? Wie lange wollt
ihr doch die Lügen suchen und die Wahrheit hassen?
Bekehrt euch, bekehrt euch zu dem Herrn unserm
Gotte und seid doch nicht verstockt in eurem Herzen.
Denn man muss es erkennen, daß derjenige, der die
Knechte Gottes verfolgt, Gott selbst verfolgt, indem
er selbst gesagt hat: Was die Menschen euch tun, das
haben sie nicht euch, sondern mir getan.
Aber Lieber, sagt mir, auf welche Weise ich es doch
verdient habe, verurteilt zu werden? Daß ich den
durchlauchtigsten Ratsherren, meinen Herren, nicht
nach ihrem Wohlgefallen geantwortet habe? Wenn
ich aber etwas gesagt habe, das habe nicht ich gesagt,
indem der Herr sagt, daß vor der Obrigkeit wir es
nicht sein werden, die da reden, sondern unsers Va-
ters Geist, der in uns sein wird. Wenn nun der Herr
treu und wahrhaftig ist, wie er auch fürwahr ist, so ha-
be ich keine Schuld; er selbst ist es gewesen, der mich
hat reden lassen. Und wer war ich, daß ich dem Willen
Gottes hätte widerstehen können? Darum, wer solche
Reden bestrafen will, der bestraft auch des Herrn Re-
den, der es so in mir gewirkt hat; wenn er aber dafür
hält oder meint, daß der Herr nicht zu bestrafen sei,
ach, so beschuldige er mich auch nicht mehr, weil ich
an diesem Werk nicht schuldig bin, denn ich habe
getan, was ich nicht gewollt habe; ich habe geredet,
was ich nicht gedacht habe. Wenn aber diese Dinge,
die ich geredet habe, nicht gut und aufrichtig gere-
det sind, und solches nach angestellter Prüfung mir
erwiesen wird, so will ich bekennen, daß sie von mir
allein, und nicht von Gott ausgegangen seien, wenn
ich aber etwas geredet habe, das durchsucht und gut
befunden worden, und mit Recht nicht gestraft wer-
den kann, wir wollen oder wollen nicht, so muss man
bekennen, daß es vom Herrn ausgegangen sei. Wenn
sich nun dieses alles so verhält, wer will mich dann
beschuldigen?, das allerweiseste Volk? Wer will mich
verdammen?, die allergerechtesten Richter, die doch
unweise und ungerecht sind?
Man tut, was man will; sollen auch des Herrn Wor-
te vernichtet werden? Soll das Evangelium gar nichts
mehr gelten? Mitnichten, denn das Reich Gottes wird
den rechten Israeliten um desto süßer und lieber sein,
sodass die Auserwählten Jesu Christo desto eher er-
langen werden. Die aber solche Dinge tun, werden
das große Gericht Gottes erfahren. Sie werden nicht
frei ausgehen, die den Gerechten töten.
Ihr Liebsten, öffnet eure Augen und nehmt den Rat
Gottes zu Herzen. Vor kurzer Zeit hat euch der Herr
ein Zeichen der Pest gezeigt, um euch zu bessern;
wenn man dieses aber nicht beobachten will, so wird
er das Schwert ganz ausziehen, und das Volk, wel-
ches das Horn wider Christum erhebt, mit Schwert,
Pest und Hunger schlagen, welche Geißel Gott durch
seine Barmherzigkeit von diesem Platze abwenden
wolle. Allen Gläubigen eifrigster D., der gefangene
und gebundene Algerius.
Gegeben in dem sehr angenehmen Lustgarten des
Gefängnisses, Leonia genannt, den 12. Juli 1557.
Wie Algerius aufgeopfert worden ist.
Dieser Algerius, sehr jung an Jahren, ist ein Student
aus dem Königreiche Neapel gewesen und hat zu Pa-
dua studiert; dorthin ist ein Bruder, der seine Sprache
redete, zu ihm gekommen, bei welchem er sich des
Weges und des Willens des Herrn fleißig erkundigt
und ihn andächtig angehört hat; darum hat er sich
auch bald in seinen (nämlich des Herrn) Tod taufen
lassen, was er bald darauf, als ein unerschrockener
Held und junger Ritter Christi tapfer, unverzagt, frei
und kräftig mit der Tat erwiesen und mit seinem Blute
bezeugt und versiegelt hat und also seinem Meister
gleichförmig geworden ist; denn er ist auch (gleich-
wie Christus, als er aus dem Jordan herauf stieg) bald
nachher von dem Feinde, dem Versucher und seinen
Werkzeugen, angefochten und ins Gefängnis gewor-
fen worden, worin er viele und manche harte Kämpfe
ausgestanden und erlitten hat, wiewohl er allezeit
vom Herrn, welchen er sich vor Augen gestellt hatte,
darin kräftig gestärkt und mit großer Freude getröstet
worden ist, wie diese seine gegenwärtige Schrift es
zur Genüge ausweist, welche er daselbst zu Padua
aus dem Gefängnisse an die Brüder in Welschland ge-
schrieben hat, um sie damit in ihrer Traurigkeit, die sie
seinetwegen hatten, weil sie für ihn, als einen Neuling
im Glauben, Sorge trugen, zu stärken und zu trösten.
Aber der Herr hat ihn mit großer Kraft angezogen,
und durch ihn, als durch eines seiner auserwählten
Rüstzeuge, seinem Namen Ehre eingelegt; denn er
ist, nach vielen Versuchungen, endlich nach Venedig
gesandt worden, wo ihm der ganze Rat oder Adel von
Venedig (gleichwie auch der Versucher Christo zuletzt
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
getan hat) in den Ohren gelegen hat, in der Meinung,
ihn durch vieles Bitten und Liebkosen, mit Anerbie-
tung allerlei weltlicher Hilfe und Freundschaft, zu
fangen und zum Abfalle zu bewegen, welches auch ei-
ner nicht der geringsten Pfeile gewesen ist; aber er hat
solches alles, als eine unbewegliche Säule, verschmäht
und um Christi willen verachtet, damit er, mit Mose
und Paulus, allein denselben (nämlich Christum) ge-
winnen und erlangen möge.
Als sie ihm nun durch langes Zögern nichts abge-
winnen konnten, haben sie ihn darauf nach Rom ge-
sandt und dem Papste überantwortet, wo er auch end-
lich, nach einer strengen und harten Gefangenschaft,
in großer Standhaftigkeit sein Leben dem Herrn zum
süßen Gerüche aufgeopfert hat und sehr begierig und
freudig in die Fußstapfen aller seiner Voreltern und
der herrlichen Bekenner Christi eingetreten ist, wes-
halb er auch des Leidens seines Herrn und Meisters
in reichem Maße teilhaftig geworden ist, ja, es ist sein
Ende (auch von allen seinen Lästerern) mit hohem
Siegeslobe gekrönt, und der verlangte Kelch von ihm
ausgetrunken worden.
Als man nun mit ihm mancherlei vorgenommen
hatte, ist er zuletzt zum Feuer verurteilt und ver-
dammt worden; aber nicht auf solche Art und Wei-
se, wie andere, welchen man, da sie auch um des
Glaubens willen hingerichtet worden sind, die Pein
verkürzt hat, indem man sie nach welschem oder fran-
zösischen Gebrauche zuerst aufgehängt, sie erstickt,
und sodann verbrannt hat, aber dieser fromme Algeri-
us ist von dem Herrn Christo ein wenig höher geadelt
worden; und darum hat er auch einen viel wichtige-
ren und ehrlicheren Kampf und Streit angefangen und
zum Siege hinausführen müssen.
Als man ihn nun auf einem Wagen auf den
Platz, Mercado genannt, geführt hatte, hat man zum
Abschiede ihm noch einmal zugesetzt, und einen
Kartäuser-Mönch (die man zu Rom Kapuziner und
heilige Leute nennt) ihm zu geredet; derselbe hat ihm
allezeit ein Kruzifix vorgehalten und ihn ermahnt, er
sollte doch einmal zum Abschiede an seinen Herrn
und Erlöser denken und in seinem Irrtume nicht so in
Verstocktheit und Verzweiflung sterben, hat ihm auch
jenes Kruzifix stets vor die Augen gehalten, welches
Algerius mit seinen Händen (die ihm, wie ich gehört
habe, nicht gebunden waren) mit Gewalt von sich ab-
gehalten, dabei seine Augen zu dem Himmel erhoben
und in seiner Sprache laut gesagt hat: Mein Herr und
Gott lebt droben im Himmel.
Darauf hat das umstehende Volk mit lauter Stimme
gerufen: Ach, er hat es geschlagen (womit es das Kru-
zifix verstand)! O nur fort mit ihm, er ist doch ganz
und gar verstockt und verblendet; es hilft nichts mehr
an ihm (denn man hält es in Rom für ein großes Ding,
wenn die Kartäuser jemanden nicht bewegen können;
darum spart man sie gewöhnlich bis zuletzt). Darauf
hat man ihn bis an den Gürtel entkleidet und ihn zu-
letzt mit siedend heißem Öle über das Haupt und
den bloßen Leib begossen, was der gute und fromme
Algerius geduldig erlitten (doch unbezweifelt wohl
gefühlt), auch mit seinen Händen über sein Angesicht
gestrichen, und die Haut mit den Haaren abgezogen
hat; dann erst hat man ihn ganz zu Pulver und Asche
verbrannt, was doch in Italien ein ungewöhnliches
Ding ist, wie ich denn mit meinen Augen gesehen
habe, daß man sie in dem vorgemeldeten Feuer nur
geröstet und gesengt, und dann den Leichnam ins
Grab getragen hat.
Aber, wie gesagt, dieser selige Algerius musste bei
unserm Herrn und Gott viele größere Ehre einlegen;
ihm, und dem Herrn Jesu Christo, der mit der Kraft
seines Heiligen Geistes solches durch ihn gewirkt hat,
sei Lob und Preis in alle Ewigkeit; derselbe helfe uns
armen und schwachen Menschen, ihm nachzufolgen,
Amen. Ja, o Herr Jesu Amen.
Ferner schreibt Bruder Da. Gr., der diese Geschichte
aufgesetzt hat (wie das alte Buch anzeigt), in Folgen-
dem:
Solches ist an ihm im Jahre 1557 vollbracht wor-
den, kurz zuvor ehe ich nach Rom kam, denn zu der
Zeit war noch ein allgemeines Singen und Sagen von
diesem Algerius. Ich habe auch selbst von einigen,
die gute Papisten sein wollten und ihn töten sahen,
mit meinen Ohren gehört, in welcher wunderbaren
Standhaftigkeit er gestorben sei, und was er daselbst
in seiner großen Marter und Pein vor allen Menschen
mit dem Munde bekannt hat, das hat er auch (wie sie
sagten) wahrhaftig im Herzen so geglaubt und belebt.
Darum ist er ohne Zweifel gen Himmel gefahren und
selig geworden. So müssen auch die Widersacher des
Heiligen Gottes, wider ihren Willen, Zeugnis geben
(5Mo 32,31).
Bald darauf ist die römische Sündflut erfolgt, indem
die Tiber ausgetreten ist und so großen Schaden getan
hat, daß auch einige Römer sagten, es habe damals
Rom ebenso großen Schaden erlitten, als ob die Stadt
im Sturme geplündert worden wäre; ich habe dies
selbst erfahren und großem Brotmangel niemals ge-
sehen; ich kann auch nicht genug sagen, wie schreck-
lich solches anzusehen war und welch ein Jammer
daselbst, insbesondere unter den Armen, geherrscht
habe; aber solchen ist es nicht bekannt, daß es billig
(Weish 19,12).
225
Conrad, der Schuhmacher, im Jahre 1558.
Auch ist in demselben Jahre ein junger Bruder, na-
mens Conrad, Schuhmacher, samt seinem Volke, aus
Schwabenland gezogen, und zu Stain bei Krens an
der Donau gefangen genommen, darauf aber nach Wi-
en geführt und dort der Obrigkeit eingehändigt wor-
den; er hat dort einige Wochen über ein Jahr um des
Glaubens und der Wahrheit Gottes willen gefangen
gesessen; im Amthause hat er bei Dieben und andern
Übeltätern (deren einige bei ihm lagen) große Not
und Hunger erlitten. Man hat ihnen nichts gegeben,
als was andere Leute ihnen mitteilten und zutrugen;
überdies, als man diese Übeltäter gefoltert hatte, wie
man zu tun pflegte, sind sie nachher mit ihm übel
umgegangen, sodass er großen Hunger litt, ehe er
etwas zu essen haben konnte, wenn sie auch etwas
hatten; auf solche Weise hat er, außer der Tyrannei im
Gefängnisse, viel Elend ertragen müssen.
Um diese Zeit ist der Kaiser Ferdinand zu Augs-
burg auf einem großen Reichstag gewesen; bei dieser
Gelegenheit hat der Bischof von Wien den Bruder
zweimal vor Tagesanbruch vor sich bringen lassen
und ist Willens gewesen, ihn im Hause hinrichten
zu lassen. Als sie ihn das erste Mal vorgeführt und
ihn in der Kürze verhört, haben sie von ihm begehrt,
daß er sagen sollte, ob er von seinem Glauben abfal-
len wollte oder nicht; er hat ihnen aber in der Kürze
geantwortet, sie sollten solches von ihm nicht erwar-
ten, denn er wollte darauf sterben, daß es die Wahrheit
und der Weg zum ewigen Leben wäre; solches wollte
er mit dem Munde bekennen, solange als noch eini-
ges Vermögen in ihm wäre. Damals nun wurden sie
verhindert, daß sie an demselben Tage nichts weiter
ausrichten konnten, als daß sie von morgens früh bis
an den Mittag mit ihm handelten; darauf ließen sie
ihn wieder ins Gefängnis bringen und sagten, er sollte
sich noch drei Tage bedenken und alsdann sagen, was
er tun wollte. Drei Tage darauf haben sie ihn abermals
vor Tagesanbruch vor den Bischof, vor seine Mönche
und Pfaffen gebracht, vor denen er die Wahrheit treu-
lich verteidigt hat. Der Scharfrichter war schon auf
dem Platze und wartete draußen, in der Vorausset-
zung, ihn früh zu enthaupten, ehe einiges Volk dahin
käme, denn sie fürchteten sich, die Wahrheit möchte
an den Tag kommen und seine Unschuld vor dem Vol-
ke offenbar werden. Aber der Herr hat sie abermals
verhindert, sodass man ihn wieder nach dem Gefäng-
nis brachte; unterdessen aber haben die Pfaffen mit
ihm viel gehandelt und ihn nicht in Ruhe gelassen.
Nachher hat man ihm gedroht, man wolle ihn in
einen unflätigen Turm setzen, worin in acht Jahren
kein Mensch gesessen; hier sollte er sein Leben endi-
gen; er sagte: Solches wollte er erwarten, und seine
Hoffnung auf den Herrn stellen, der ihn aus dem un-
flätigen Turme und aus ihrer Gewalt wohl erlösen
könnte, denn es kam ihm vor, daß ihn der Herr zu
einem Zeugen der Wahrheit angenommen hätte.
Er hat sich in allem so unverzagt erwiesen, daß
sich viele seiner Widersacher über ihn verwunderten;
andere sagten, sie wollten mit ihm etwas Neues vor-
nehmen, womit sie ihm wohl bange machen wollten.
Unterdessen hat der Hofmeister des Königs Maximili-
an den Bischof zum Besten ermahnt, hat auch deswe-
gen mit des Königs lutherischen Predigern gehandelt,
welche es nachher dem Könige vortrugen, auch sehr
zu Gunsten des Gefangenen arbeiteten und sagten,
daß er noch jung sei und es zu beklagen wäre, wenn
er um des Glaubens willen getötet werden sollte; dar-
auf hat der König Maximilian beschlossen, ihn von
ferneren Tyranneien und Leiden zu befreien; er wurde
daher aus dem Gefängnisse entlassen, und ist so wie-
der in Frieden zu seinen Brüdern und der Gemeinde
gekommen.
Verhör, Folter und Todesurteil der Annetgen
Antheunis, Styntgen Jans, Evert Routs und Peter
von Eynoven zu Rotterdam im Jahre 1558.
Verhör, Folter und Todesurteil der Annetgen Antheu-
nis, Styntgen Jans, Evert Routs und Peter von Eyno-
ven zu Rotterdam im Jahre 1558, ausgezogen aus ei-
nem Buche des Blutgerichts der Stadt Rotterdam.
Den 20. Februar 1558, Stilo coj. in Gegenwart des
Adrian Fyck, Adrian Adrianß, Adrian Robbertß, Peter
Henrichs, Cornelius Joosten und Wilhelm Muylwyk,
Ratsherren, ist Annetgen, Antheunis Tochter, über
dreißig Jahre alt und zu Buuren geboren, mündlich
verhört worden.
Sagt, daß sie allezeit zu Buuren gewohnt habe, mit
Ausnahme eines Jahres, in welchem sie hier in dieser
Stadt gewohnt hat; ist aber nachher von hier fortge-
reist und um letztverwichenen St. Victorstag wieder
hierher gekommen und bis auf diese Zeit hier geblie-
ben.
Sagt, daß sie nicht nach der Leute Namen gefragt
habe, wo sie zuvor gearbeitet habe.
Sagt, daß sie mit der andern Frau, genannt Stynt-
gen von Ick, oder Maurick von Buuren, seit St. Victor
hier in der Stadt gewohnt habe und daß sie mit der
vorgemeldeten Frau von Buuren hierher gekommen
sei.
Sagt, daß Evert von Antwerpen gestern Abend nach
ihr in das Haus gekommen, wo sie ergriffen worden
sei.
Sagt, daß sie ungefähr zwei oder drei Monate den
226
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
vorgemeldeten Evert erst kenne, und daß er in Arent
Willemß Haus auf dem Holzplatze gekommen sei, um
einen Käse zu kaufen.
Sagt, daß sie weder vergangene Ostern, noch Weih-
nachten in der Beichte gewesen sei.
Sagt, daß sie alles halte, was Gott geboten hat.
Sagt, daß sie nach des Herrn Befehle getauft sei, den
Tag aber so genau nicht anzeigen könnte; doch sei es
in des vorgenannten Arent Willemß Hause auf dem
Holzplatze geschehen; sie habe nach dessen Namen,
der sie getauft hat, nicht gefragt.
Verhör des Jan Henrich von Utrecht.
Den vorgemeldeten 20. Februar, in Gegenwart derer,
wie oben gemeldet, ist Jan Henrich von Utrecht, 28
oder 29 Jahre alt, mündlich verhört worden.
Sagt, daß er seit Bamesche hier in der Stadt gewohnt
habe, nämlich in Maritgen Jan Cheelen Hause an dem
Fischteiche, zuletzt aber in Wilhelm Reyerß Hause,
wo er ergriffen worden sei.
Sagt, daß er zu Dortrecht bei Reels gewohnt habe.
Sagt, daß er es nicht sagen wolle, wo und von wem
er die Lehre gehört habe.
Sagt, daß er von dem Sakramente viel, von der Pfaf-
fen Sakramente aber nichts halte, und daß, seitdem er
diese Lehre angenommen, er nicht zum Sakramente
gegangen sei.
Sagt, daß er getauft sei, als er gläubig geworden,
welches zu einer gewissen Zeit geschehen sei; aber
er wolle es nicht sagen, wann, wo oder von wem es
geschehen sei.
Sagt, sein Kind sei vom Pfaffen gewaschen worden,
aber er wolle die Zeit nicht sagen.
Verhör der Styntgen, Jans Tochter.
Den vorgemeldeten Tag, in Gegenwart der vorgemel-
deten Ratsherren, ist Styntgen, Jans Tochter, 40 Jahre
alt, aus Geldern, von Maurick mündlich verhört wor-
den.
Sagt, daß sie ungefähr zwei oder drei Jahre hier in
der Stadt gewesen sei, mit Annetgen, Antheums Toch-
ter; sie hätten zuerst auf dem Holzplatze geherbergt,
dann hätten sie in einem Hause gewohnt, wo man
und welches hinter einem Stalle steht.
Sagt, daß sie nichts von dem Sakramente halte, wel-
ches die Priester bedienen, sondern daß sie von dem
Sakramente halte, wie Gott es eingesetzt habe, und
daß sie an das Sakrament der Kirche nicht glaube,
weil sie es nicht begreifen könne.
Sagt, daß sie vor einer gewissen Zeit getauft worden
sei; es seien aber noch keine zwölf Jahre; auch sei es
nicht hier in der Stadt, sondern zu Utrecht geschehen.
Verhör des Evert Routs von Antwerpen.
An dem Tage und in Gegenwart derer, wie zuvor ge-
meldet, ist einer von Antwerpen, Evert Routs, unge-
fährt 27 Jahre alt, mündlich verhört worden.
Sagt, daß er ungefähr vor drei Monaten in die Stadt
gekommen und eine Zeitlang auf dem Holzplatze zur
Herberge gewesen sei; nachher habe er in der Nähe
des Hauses, zur Falke genannt, an Borten gearbeitet.
Sagt, daß er an das Sakrament glaube, soviel als die
Schrift davon sagt, aber daß er nicht glaube, daß Gott
in dem Sakramente des Altars sei, weil er hiervon aus
der Heiligen Schrift keine Gewissheit habe.
Sagt, daß er vor etwas länger als drei Jahren bei
Antwerpen an einem bestimmten Orte, nach Christi
Lehre, getauft worden sei und daß Gillis von Aachen,
wie er ihn nennen gehört, die Taufhandlung vollzogen
habe.
Verhör des Peter von Eynoven.
Auf den Tag, und in Gegenwart der Ratsherren, wie
oben gemeldet, ist Peter von Eynoven, geboren zu
Antwerpen, 28 Jahre alt, mündlich verhört worden.
Sagt, daß er hier seit vierzehn Tage vor Christmesse
in der Stadt gearbeitet habe, seines Handwerks ein
Seidenweber sei, daß sein Meister Christian, dessen
Weib aber Anneken hieße.
Sagt, daß er an den Grund der Apostel und Prophe-
ten glaube.
Sagt, daß er glaube, daß die Bedienung der Sakra-
mente in den Kirchen ein großer Gräuel und Ekel vor
Gott sei.
Sagt, daß er vor ungefähr zwei Jahren nach Christi
Lehre getauft sei, daß er aber nicht sagen wolle, von
wem oder an welchem Orte es geschehen sei.
Folter des Peter von Eynoven.
Den 19. März 1558, Stilo coj., in Gegenwart Adrian
Fyck, Dirkß von Hove, Adrian Adrianß, Adrian Ro-
bertß, Peter von Reck Henrichs, Cornelius Joosten,
Wilhelm Cornelis Muylwyk und Dirk Dirkß, Ratsher-
ren, ist des Morgens um 6 Uhr auf dem Stadthause
auf der Folter verhört worden Peter von Eynoven,
geboren zu Antwerpen, ungefähr 28 Jahre alt.
Peter, als er auf der Bank gefoltert wurde, sagte,
daß er zu Antwerpen, ungefähr vor zwei Jahren, von
einem gewissen Leonhard, dessen Zunamen er nicht
wüsste, getauft worden sei; es sei ihm imbekannt, wo-
227
her derselbe sei, auch hätte er ihn nicht weiter gese-
hen, als das eine Mal, wo er ihn getauft habe.
Sagt, daß, als er getauft worden sei, einige ande-
re dabei gewesen seien, welche er nicht zu nennen
wüsste.
Als er wegen der andern Weibspersonen gefragt
wurde, mit welchen er geredet, als er ergriffen wurde,
sagte er, daß er nicht wisse, wo sie hingegangen seien,
noch wer sie wären.
Sagt, daß derjenige, der sie getauft habe, unter ih-
nen ein Lehrer genannt werde.
Sagt, daß er, ehe er getauft worden sei, wohl gehört
habe, daß man nach der Lehre Jesu leben müsse; daß
er deshalb eine Bibel und ein Testament genommen
und darin gelesen, und daß er alles gefunden, wie es
ihm gesagt worden ist; daß er aber diejenigen nicht
zu nennen wüsste, die ihn zuvor darin unterrichtet,
weil sie nach anderer Namen nicht viel fragten, oder
dieselben zu wissen begehrten, damit sie dadurch ihre
Brüder nicht in Ungelegenheit bringen möchten.
Sagt, daß sein Meister Christian, und seine Haus-
frau auch geglaubt hätten, wie er zu ihnen geredet
habe; er wisse aber nicht, ob sie getauft worden wären.
Jan Henrich von Utrecht, 29 Jahre alt, wurde auf
der Bank sehr gefoltert.
Sagt, er sei von einem gewissen Leonhard getauft; er
wisse aber nicht, woher er sei, auch hätte er ihn zuvor
nicht gesehen; er sei von ihm vor anderthalb Jahren
hier in der Stadt auf dem Holzplatze getauft worden.
Sagt, daß sein Kind zu Dortrecht von dem Pfaffen
auf dem Taufsteine getauft worden sei; sagt, daß nie-
mand gegenwärtig gewesen, den er gekannt habe, als
er getauft worden sei.
Styntgen, Jans Tochter, ungefähr vierzig Jahre alt,
von Utrecht.
Styntgen sagt, daß derjenige, der sie getauft habe,
Leonhard genannt worden sei, und daß es vor fünf
oder sechs Jahren zu Utrecht in dem Hause eines ge-
wissen Gerrit geschehen sei, daß sie jedoch dieses
gemeldeten Leonhards Zunamen ebenso wenig wisse,
als auch, woher er sei, weil sie nicht fragen noch auch
wissen wollte, wie die Namen ihrer Mitgesellen seien,
um dieselben nicht in Ungelegenheit zu bringen.
Sagt, es seien noch mehrere mit ihr getauft worden,
aber sie kenne dieselben nicht.
Die Ratsherren, sämtlich versammelt, beschließen,
daß die Sache der vorgemeldeten Gefangenen, in Be-
treff der Zeit ihrer Hinrichtung, noch aufgeschoben
bleiben soll, bis der Meister des Hochgerichts wieder
kommt, damit sich unterdessen diese Gefangenen be-
raten und besehen, ob sie zu einem gütlichen Vertrage
gebracht werden können, und wenn alle Ratsherren
anwesend sind, so sollen sie dem Amtmann sofort
Nachricht geben, und das Gericht vor sich gehen las-
sen.
Auf den 28. März.
Die Ratsherren beschließen, weil Cornelis Joosten und
Dirk Dirkß, Ratsherren, nicht anwesend sind, so las-
sen sie die Sache der vorgemeldeten Gefangenen in
der Lage, wie sie ist, bis dieselben erscheinen werden.
Weil die Ratsherren den Gefangenen keinen Tag zur
Hinrichtung bestimmen wollen, so erklärt sich der
Amtmann förmlich gegen die daraus erwachsenden
Unkosten und Interessen.
Dagegen erklären sich die Ratsherren feierlich, und
sagen, weil die Ratsherren Cornelis Joosten und Dirk
Dirkß abwesend wären, und sie sich zusammen ver-
bunden hätten, daß sie sämtlich gegenwärtig sein
wollten, um die Sache der vorgemeldeten Gefangenen
zu befördern, so wollten sie bei dem vorhergehenden
Beschlüsse bleiben.
Den 26. März ist den vorgemeldeten fünf Gefange-
nen alles vorgelesen worden, was sie mündlich auf
der Folter bekannt haben, welches sie vor dem Stadt-
hause öffentlich, daß es jeder hören konnte, als wahr
bekannt haben. Auch ist den Gefangenen von dem
Amtmanne Gerhard von der Mersche ein Tag ihrer
Hinrichtung bestimmt worden, welches auf Montag,
den 28. März geschehen, wie vorgemeldet, in Gegen-
wart: Adrian Fyck, Adrian Adrianß, Adrian Robbertß,
Peter Henrichs, Cornelis Joosten, Wilhelm Cornelis
und Dirk Dirkß, Ratsherren.
Todesurteil, auf den 28. März 1558.
Nach den geschriebenen Rechten und den Befehlen
der kaiserlichen Majestät, welche ihre königliche Ma-
jestät bestätigt hat und nach allen ihren Punkten und
Artikeln so beobachtet haben will, auch nach des Amt-
mannes Anklage, wie auch dem Bekenntnis der Gefan-
genen Evert Routs, Peter von Eynoven, beide von Ant-
werpen, und Jan Henrich von Utrecht, sollen diesel-
ben dem Befehle gemäß hingerichtet werden. Gesche-
hen in Gegenwart des Adrian Fyck, Adrian Adrianß,
Adrian Robbertß, Peter Henrichs, Cornelis Joosten,
Wilhelm Cornelis und Dirk Dirkß, Ratsherren, und
Meister Rooland, Stadtschreiber.
Anlangend nun Styntgen, Jans Tochter, und Annet-
gen, Antheunis Tochter, so sollen dieselben bis nach
Ostern in der Haft verbleiben, aus Ursachen, welche
228
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
die Gerichtsherren dazu bewogen haben.
Nachricht.
Den 28. März 1558. Nachdem das vorgemeldete Ur-
teil von dem Schreiber Matthys Bark, wie oben be-
schrieben worden, vorgelesen worden ist, und die
vorgemeldeten Gefangenen verurteilt waren, mit Feu-
er hingerichtet zu werden, so ist allhier vor dem Stadt-
hause alle Zurüstung und Vorbereitung gemacht und
sind drei große Pfähle nebeneinander gesetzt worden,
woran die vorgemeldeten Gefangenen zuerst erwürgt,
dann aber verbrannt werden sollten, welcher Ort mit
Brettern und Pfählen eingefasst worden ist; sodann
ist im Namen des Amtmanns, Schultheißen, der Bür-
germeister und Ratsherren vor dem Ratshause bei
Glockenschlag ausgerufen worden, daß sich ein je-
der bei Strafe, seines Oberrockes verlustig zu sein,
aus dem Kreise entfernen sollte, daß dem Gerichte
niemand etwas in den Weg legen oder demselben
widerstehen sollte, es sei mit Worten oder Werken,
bei Strafe Leib und Güter zu verlieren. Sodann ist
ungefähr zwischen elf und zwölf Uhr, nachdem alle
Zurüstung, die zur Hinrichtung nötig war, verfertigt
war, der vorgemeldete Jan Henrichs, um hingerichtet
zu werden, zuerst gebracht; er wurde an den mittels-
ten Pfahl auf ein Stühlchen gestellt und ihm ein Strick
um den Hals gelegt, woran er erwürgt werden soll-
te. Darauf hat Meister Aert, der jüngere Büttel, als
des Scharfrichters, Meister Jan von Haarlem, Unter-
gebener, den gedachten Strick von hinten mit einem
Stocke stark zugedreht und dann den Stuhl unter des
Jan Henrichs Füßen fortgestoßen, ihn auch, als er so
gehangen, an dem Leib und den Beinen stark gezogen;
darauf ist der Meister Jan mit einem Haferbüschlein
gekommen, worin etwas Schießpulver war, welches er
ihm vor sein Gesicht hielt, um es zu versengen. Meis-
ter Aert aber hatte eine Zange mit einer glühenden
Kohle, welche er in das Schießpulver werfen wollte;
er hat drei oder viermal fehlgeworfen und das Pul-
ver nicht berührt, sodass das Stroh zu rauchen anfing;
gleichwohl konnte das Feuer das Schießpulver nicht
erreichen; es entstand deshalb ein großes Geschrei
und Rufen; der eine sagte: Er schmeckt das Feuer
kaum, der andere: Du tust dem Manne tausendfachen
Tod an, zuletzt aber: Werft den Büttel tot, steinigt ihn,
und dergleichen. Hierauf hat eine Frau zuerst mit
einem Pantoffel geworfen, dann haben andere Umste-
henden angefangen mit Steinen nach dem Büttel zu
werfen; sodann wurde Meister Hans von den Bürgern
gestoßen und in Jan Sempels Haus, dem Stadthause
gegenüber, versteckt; der junge Büttel aber, genannt
Meister Aert, samt den Dienern des Anwaltes von
Schieland und von dieser Stadt, welche Befehle hat-
ten, das Gericht zu beschützen, sind auf das Stadt-
haus zurückgewichen, und der Amtmann Gerhard
von der Mense ist ihnen dahin nachgefolgt; der Jan
Henrichs blieb am Stricke hängen. Als die Ratsher-
ren, Stadtschreiber und Sekretäre den großen Tumult
und Aufruhr bemerkten, sind sie oben auf ein Eck
des Turmes am Stadthause geflüchtet, welches Adri-
an Robbertß, ein Ratsherr, und Matthys Bark, Schrei-
ber, zuerst erreichten, die von der Ecke des Turmes
den vorgenannten Jan Henrichs noch an dem Pfah-
le haben hängen sehen; die Bretter aber und Pfähle
(womit der Kreis eingefasst war, daß man nicht zum
Gerichte kommen konnte) wurden abgebrochen und
herausgerissen. Darauf kam ein Knabe zum Pfahle
gelaufen und suchte den Strick, woran der gemeldete
Jan erwürgt war, abzuschneiden; aber er wurde daran
verhindert, bis ein anderer kam, der den Strick ent-
zwei geschnitten hat, worauf Jan zur Erde gefallen
ist.
Weil es aber meistens fremde Leute waren, welche
die beschriebene Tat begangen hatten, so haben alle
Bürger, welche in der Nähe wohnten, ihre Türen fest
zugeschlossen. Der Amtmann aber, mit den Dienern
des Anwalts, und von Schieland, haben die vordere
Seite des Stadthauses mit Bänken, Brettern und an-
derem Holze verbollwerkt, um dadurch die andern
beiden Verurteilten und die Weiber zu bewahren; weil
aber die Unruhe und der Auflauf mehr und mehr zu-
nahm, haben die Aufrührischen die Pfähle und andere
Pfosten aus der Straße genommen, und haben mit Ge-
walt die Türe des Stadthauses gestürmt, um dieselbe
aufzurennen; weil aber die Türe fest verbollwerkt war,
sind sie mit Pfählen auf die Treppe des Wirtshauses
gelaufen und haben die Hintertüre des Stadthauses,
wo man auf die Kammer von Schieland und Thesau-
rie geht, zuerst erbrochen. Als solches der Amtmann
mit seinen Dienern, welche mit den Gefangenen da-
selbst waren, hörte, haben sie die beiden Frauen, weil
Annetgen ein Krüppel war und nicht gehen konn-
te, dort gelassen, und sind mit den beiden andern
Verurteilten von dem untern Teile des Stadthauses
hinaufgekommen und auf den Turm entwichen; die
Anführer aber haben das Stadthaus von beiden Seiten
auf gerannt, die Türe in Stücke zerschlagen, und ha-
ben zuerst die gedachten beiden Frauen genommen,
sie aus der Stadt gebracht und fortgeführt. Als sie so-
dann vom auf das Stadthaus kamen, haben sie die
Türe, wodurch man zuerst auf den Turm gelangt, auf-
geschlagen, wobei sie riefen und schrien, sie wollten
die beiden gefangenen Mannspersonen heraushaben,
oder alles ermorden und den Turm in Brand setzen;
daher haben endlich die Diener die beiden Gefange-
229
nen in Freiheit gesetzt, welche die Aufrührerischen
sofort zur Stadt hinausgebracht haben. Gleichwohl
haben sie nachher noch eben so stark gerufen und ge-
schrien, und wollten den jungen Büttel, desgleichen
auch den Amtmann und das Gericht heraushaben;
weil aber die Diener auf dem Turme und auf der Ecke
nicht so hoch hinaufgestiegen waren, als die Herren
des Gerichts, so sagten sie zu den Aufrührerischen,
daß die Herren und der Büttel schon vom Stadthau-
se fort seien. Es konnte auch in einem Kloster kein
größeres Stillschweigen herrschen, als damals bei den
Herren war; denn obgleich einige derselben ihre Reue
nicht zu erkennen gaben, die sie in ihrem Herzen hat-
ten, so konnte doch, wer nur einen Scharfblick hatte,
solches in ihren Augen lesen. Obgleich nun schon
der Mittag vorüber war und niemand an dem Tage
viel gegessen hatte, wie ich denn glaube, daß, wenn
auch alles vollauf, sowohl Gekochtes als Gesottenes
und Gebratenes da gewesen wäre, niemand daran viel
Schaden getan hätte, so hat sich doch endlich (Gott
sei dafür gedankt) dieser Tumult und Auflauf gelegt,
und zwar durch die treue Fürsorge des Adrian Jakobß
Tromper, Ratsherrn der vorgenannten Stadt, welcher,
aus der Arche fliegend, mit einem Ölblatte wiederkam
und die Herren des Gerichts (in der Not, worin sie sa-
ßen) benachrichtigte, der Auflauf sei gestillt, und die
Aufrührischen hätten alle die Stadt verlassen. Darum
sind die Herren, ungefähr um zwei Uhr des Nach-
mittags, vom Turme gekommen; die Stadt aber war
noch in Unruhe, und der abgeschnittene Jan Henrichs
wurde in das Haus des Kers Govertß Brauer in der
Nähe des Stadthauses gebracht, wo er bis des Abends
um fünf oder sechs Uhr liegen blieb, bis er öffentlich
in ein Schifflein getan und so aus der Stadt geführt
wurde; übrigens wird behauptet, daß er noch lebe.
Denselben Abend sind die Schützen auf die Wacht
entboten worden; es sind auch des andern Tages, als
den 29. März, Verordnete von Seiten der Stadt nach
dem Haag zu den Herren des Rates gereist und ha-
ben sie von dem Handel benachrichtigt, auch sich im
Namen der Stadt entschuldigt und dieselben ersucht,
Verordnete zur Untersuchung des Aufruhrs zu sen-
den, damit die Stadt entschuldigt würde. Am folgen-
den Tage sind auch Herr Wilhelm Zeegerß, Herr von
Wassenhofen und Mr. Christian de Waert, General-
Anwalt, hierhergekommen, haben sich nach dem Vor-
fälle erkundigt und dem Rate davon Bericht erstattet;
hernach, als die kaiserliche Majestät hiervon benach-
richtigt wurde, daß die Stadt allerdings eingenommen
sei, sind, weil der Herr Markgraf von Verre krank war,
der Graf von Boussu und Herr von Gruyningen ge-
sandt worden, welche am Osterabend hier heimlich
nach dem Haag durchgezogen sind, auf den Ostertag
den ganzen Rat versammelt und dem Amtmanne Be-
fehl zugesandt haben, die Pforten und Schlagbäume
der Stadt zu schließen und diejenigen, die genannt
waren, des Nachts aus dem Bette zu holen, was auch
in derselben Nacht, als der Ostertag vorüber war, ge-
schehen ist, worauf in der Nacht, mit Hilfe der Schüt-
zen und in Gegenwart eines der Bürgermeister Chiel
Pot gefangen worden ist. Den folgenden Tag, als den
zweiten Ostertag, sind in die Stadt gekommen: Der
Graf von Boussu, der Herr von Gruyningen, der Herr
Gerrit von Assenrelst, Präsident des Rates, Wilhelm
Zeegerß, Herr von Wassenhofen, Mr. Cornelis Zuys,
Arnold Sasbour, Cornelis von Weldam und Domini-
cus Boot.
Den 21. April 1558, nach Ostern.
Nachdem Jakob Antheunis, sonst Mosselman, gebo-
ren zu Rotterdam, gegenwärtig gefangen, frei von
Folter und Ketten, vor dem Grafen von Boussu, Rit-
ter des Ordens vom goldenen Bließ, dem Herrn von
Gruyningen, als kaiserlichen Bevollmächtigten, und
dem Rate von Holland bekannt hat, daß er, der Ge-
fangene, die Treppe des Stadthauses hinaufgegangen,
mit einer Krücke an den Hals geworfen worden sei,
welche Krücke er, der Gefangene, aufgehoben habe,
damit auf das Stadthaus gegangen sei und dieselbe
von unten hinauf nach den Dienern, welche noch im
Turme waren, geworfen habe, welches Dinge sind, die
ein böses Exempel geben und nicht ungestraft bleiben,
sondern gestraft werden sollen, andern zum Beispiele,
so ist es geschehen, daß vorgemeldeter Rat, mit reifer
Überlegung, im Namen des Königs von Spanien, Eng-
land und Frankreich, als Grafen von Holland, Seeland
und Friesland, vorgenannten gefangenen Jakob An-
theunis verurteilt hat und ihn hiermit verurteilt, vor
dem Rate zu erscheinen und daselbst dem Rate, an
der Stelle der kaiserliches Majestät und des Gerichtes,
mit bloßem Haupte und auf den Knien Abbitte zu
tun und zu bekennen, daß es ihm von Herzen leid
sei, daß er mit der Krücke auf dem Stadthause nach
den Dienern geworfen habe, und daß er, wenn die-
ses verrichtet, auf die Schaubühne, welche vor dem
Stadthause dieser Stadt steht, gebracht werden soll,
wo er stehen bleiben soll, bis die Hinrichtung der
Aufrührerischen beendigt sein wird. Geschehen zu
Rotterdam von dem Herrn Gerh. von Assendelft Ems-
kerk, erster Ratspräsident, Wilhelm Zeergerß, Herr
von Wassenhofen, Ritter, Mr. Cornelis Zuys, Arnold
Sassebout, Cornelis Weldam, Dominicus Boot, Damas
von Drogendyk, Zuintin Weyts Zoon und Arnold Ni-
cola, Ratsleute von Holland, und öffentlich verlesen
den 21. April 1558, nach Ostern.
230
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Nachdem Avicenna Janß, geboren in Delft, gegen-
wärtig gefangen, frei von Folter und Ketten, vor dem
Grafen von Boussu, Ritter des Ordens des goldenen
Bließes, dem Herrn von Gruyningen, als der kaiserli-
chen Majestät Bevollmächtigten, und dem Rate von
Holland bekannt hat, daß er, der Gefangene, kurz vor
dem Auflaufe und Tumult, in die Stadt Rotterdam
gekommen sei, und damals, als der Auflauf entstand,
in Kors Goverß Brauers Hause gestanden habe, daß
er ferner, nachdem der Auflauf größtenteils geendigt
war, in der Meinung gewesen, er ginge nach Hause, er,
der Gefangene, aber vor Schrecken ostwärts gegangen
und nachher wieder zu des vorgenannten Kors Haus
gekommen sei, wo er den verurteilten und erwürgten
Mann gesehen, der von dem Pfahle, woran man ihn
erwürgte, abgeschnitten und in des vorgemeldeten
Kors Goverß Haus gebracht worden war, womit er,
der Gefangene, auch ins Haus gegangen sei, auch, als
der vorgenannte erwürgte Mann noch auf der Straße
bei der Tür gelegen, und einige, die dabei gestanden
gesagt: Schleppt den Mann etwas zurück, womit sie
den vorgemeldeten erwürgten Mann verstanden, er,
der Gefangene, auch Hand angelegt, den Erwürgten
aufgehoben und demselben (als einige zu ihm gesagt,
er sollte sehen, ob auch noch Leben in dem erwürg-
ten Manne wäre) unten an den Füßen geklopft hätte,
sodann aber abends aus dem vorgemeldeten Hause
heimgegangen sei.
Soweit geht dieses Buch des Blutgerichts und ent-
hält kein Wort mehr; daher es ungewiss ist, wie es
weiter ergangen.
Thomas von Imbroek, im Jahre 1558, den 5. Mai.
Zu Köln am Rheine ist ein gottesfürchtiger Bruder,
namens Thomas von Imbroek, der ein Druckerknecht
war, im Jahre 1557 um der Wahrheit willen gefangen
genommen und auf einen Turm gesetzt worden. Als
er wegen der Taufe und der Ehe untersucht worden
ist, hat er ihnen mit Gottes Wort so geantwortet, daß
sie mit weiteren Fragen von ihm abließen und ihn auf
einen andern Turm brachten. Sein Weib schrieb ihm
einen Brief und ermahnte ihn, tapfer zu streiten und
bei der Wahrheit standhaft zu bleiben. Über solche
tröstlichen Worte hat er sich herzlich bedankt, und mit
vielen Schriften erwiesen, daß die Gerechten allezeit
gelitten hätten, und daß er mit einem guten Gewissen
frank und frei vor Gott stände, um demselben nach-
zufolgen, Weib, Kinder und alle sichtbaren Dinge zu
verlassen, Christi Kreuz aufzunehmen und ihm nach-
zufolgen, worum er auch bei Gott anhielt, um tüchtig
erfunden zu werden. Nachher kamen zwei Pfaffen zu
ihm, die mit ihm von der Kindertaufe handelten; sie
wurden aber untereinander uneinig, denn der eine
wollte die Kinder, die ohne Taufe sterben, verdammt
haben, der andere aber gestand ihnen die Seligkeit zu.
Sie setzten ihm stark zu, er solle sich bekehren lassen;
er aber sagte, dasjenige, was ich behaupte, hat mich
die Schrift gelehrt, und wer mich aus derselben eines
Besseren belehrt, dem will ich gern folgen. Sie sagten:
Du verachtest unsere Gemeinschaft und lassest dich
nicht von uns lehren. Er erwiderte: Daß ich eure Kir-
che verachte und in eure Gemeinschaft nicht komme,
geschieht aus dem Grunde, weil ihr eure Kirche nicht
rein haltet; denn Hurer und Ehebrecher und derglei-
chen sind alle bei euch fromme Brüder. Sie fragten
auch, warum er seine Kinder nicht taufen ließ. Er ant-
wortete: Die Schrift lehrt uns keine Kindertaufe, und
die nach Gottes Wort getauft werden sollen, müssen
erst gläubig sein. Darauf sagten sie, daß er ein Ketzer
sei, aber sie konnten es nicht erweisen. Dann brach-
te man ihn auf die Folterbank, wo er scharf verhört,
aber nicht gefoltert wurde, obwohl der Scharfrichter
alle Dinge dazu in Bereitschaft hatte, denn die Herren
wurden uneinig untereinander, und solches ist zu drei
verschiedenen Malen geschehen. Nachher wurde er
in des Grafen Haus gebracht, der ihn gern freigelas-
sen hätte, wenn er sich nicht vor des Kaisers Befehle
und des Bischofs Ungnade gefürchtet hätte. Thomas
aber war unverzagt, getrost und bereit, sein Leben
um des Namens Christi willen dahinzugeben und so
standhaft bei der Wahrheit und an der Liebe Gottes zu
bleiben, daß weder Feuer, Wasser, noch Schwert, oder
sonst etwas ihn davon abziehen möchte. Als sie ihn
wieder aus des Grafen Hause brachten, hat er die gan-
ze Nacht hindurch von des Grafen Volk und andern
viel Anfechtung erlitten, die sich unterstanden, ihn zu
lehren und zu unterrichten, aber alles umsonst, denn
es waren solche, die selbst von Gott nicht unterrichtet
oder gelehrt waren.
Endlich wurde er vor das Halsgericht gebracht, wo
er in des Grafen Gegenwart, welcher damals sein ers-
tes Gericht hielt, und seinen Stab in der Christen Blut
färbte, zum Tode verurteilt worden ist. Also ist er als
ein frommer Zeuge Jesu Christi, den 5. März im Jahre
1558, weil er im rechten Glauben standhaft verharrte,
enthauptet worden, als er 25 Jahre alt war.
Er hat aus seiner Gefangenschaft Briefe an sein Weib
und seine Brüder gesandt (auch ein Bekenntnis sei-
nes Glaubens von der Taufe), wovon ein besonderes
Büchlein im Drucke erschienen ist, welches für Gottes-
fürchtige lehrreich und tröstlich ist, wie ihr aus dem
Nachfolgenden, welches euch hier mitgeteilt wird,
wahrnehmen könnt.
231
Ein Brief von Thomas von Imbroek an sein Weib
und Brüder aus dem Gefängnis geschrieben.
Viel Gnade und Friede von Gott, dem himmlischen
Vater, der ein rechter Vater ist, denn er erweist seine
väterliche Treue an allen seinen Kindern, nach seiner
Verheißung, indem er spricht: Ich will ihr Vater sein
und sie sollen meine Söhne und Töchter sein. Dieser
Vater wolle euch in euren Herzen so Zureden, daß
ihr mit gutem Gewissen mir glauben könnt, daß ihr
Kinder seid, dann werdet ihr nicht irren.
Solche Gnade wünsche ich dir, mein liebes Weib
und auch meines Herrn Braut (du verstehst wohl,
wen ich meine), durch den Herzog des Lebens und
den Vollender Jesum, wohin wir unsere Zuflucht al-
lein nehmen müssen, damit wir seinem Bilde in dieser
Welt gleich werden mögen, nach dem Spruche des
Propheten Jesaja, indem er sagt: Er wird keine Gestalt
noch Schönheit haben, wir sahen ihn, aber da war
keine Gestalt, die uns gefallen hätte; er war der Aller-
verachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und
Krankheiten, er war so verachtet, daß man auch das
Angesicht vor ihm verbarg, denn er war ein Mann,
welcher Schmerzen und Krankheiten wohl versucht
hatte.
Aber was sagt die Schrift? nämlich: Darum hat ihn
auch Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der
über alle Namen ist , und alle Zungen sollen beken-
nen, daß Jesus Christus der Herr sei, zum Preise Got-
tes, des Vaters.
Also halte ich auch dafür (o Weib des Herrn!), daß
es uns nötig sei, solches zu bedenken; denn wenn wir
auch hier vor allen Menschen zur Schmach, ja, ein
Ausfegsel und Auskehricht eines jeden sind, sodass
sie sagen: Weg mit ihm, denn er ist nicht wert, daß er
lebe, so werden sie doch einst zu seiner Zeit bekennen
und sagen: Seht, wie sind sie nun unter die Kinder
Gottes gezählt und haben ihren Teil mit den From-
men; wir hielten sein Leben für unsinnig und sein
Ende für eine Schande. Nun seufzen wir, wenn aber
der kommen wird, auf welchen wir warten, dann wer-
den sie seufzen und mit großen Schmerzen geängstigt
werden, da keine Hoffnung sein wird, denn ihr Wurm
wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlö-
schen.
Darum ist ein großer Unterschied zwischen den
Frommen, und Gottlosen, denn der Frommen Seelen
sind in Gottes Hand und keine Pein des Todes rührt
sie an; denn ihre Hoffnung ist voller Unsterblichkeit.
Dieses sollen wir, meine Brüder, wohl betrachten,
denn wenn wir zurücksehen, so sehen wir noch auf
tödliche, sterbliche Dinge, so trifft auch der tröstli-
che Spruch Paulus nicht bei uns ein, wenn er sagt:
Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, bringt eine
ewige und über die Maßen gewichtige Herrlichkeit
uns, (sagt er) die nicht auf das Sichtbare, sondern auf
das Unsichtbare sehen.
Nun weiß ich, daß Weib und Kinder sichtbar sind,
und obgleich sie mir angenehm sind, will ich sie doch
nun für Staub achten, und also sagen: Ich kenne fortan
niemanden nach dem Fleische, aber die Erkenntnis
des Geistes bleibt ewiglich. Also hoffe ich euch alle zu
erkennen, wenn wir alle in der ewigen Freude erschei-
nen werden, welche von Anbeginn denen bereitet ist,
die sich Christi nicht schämen; dieses aber heißt: Sich
seiner nicht schämen, wenn wir um Christi willen wie
Übeltäter zum Tore hinausgehen und ihm außer dem
Lager seine Schmach tragen helfen.
Darum will ich, daß die Reichen keine Ausflucht su-
chen und sagen: Ja, ich kann nicht gar alles ablegen, es
würde ein großes Wunder und Aufsehen vor der Welt
verursachen, wenn ich meinen Staat so ganz ablegen
würde, ja, sollten sie sich wohl einbilden, sie täten zu
viel? Ach nein, denn der, welcher Gott ist, gesegnet
über alles in Ewigkeit, hat sich noch viel mehr ernied-
rigt und gedemütigt, denn er war König und Herr
über die ganze Welt, wie ihn auch David im Geiste
einen Herrn nennt; er ist nicht gekommen, daß er sich
dienen lasse, sondern daß er selbst einem jeden diene,
denn er ist unser aller Knecht geworden, damit er uns
erlöse.
Da wir mm durch ihn die Freiheit haben, so lasst
uns dankbar sein, und dieselbe nicht von uns werfen,
denn sie hat eine große Belohnung, obgleich einige
sagen, man soll um die Belohnung von Gott nicht
eifern. Dieser Grund ist, sage ich, nicht recht, denn ich
sage mit Paulus: Hoffen wir allein in diesem Leben,
so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
Gleichwohl aber soll niemand meinen, daß er durch
seine guten Werke allein gerecht und selig werde,
denn solches müssen wir der Gnade Gottes und dem
Verdienste des unschuldigen Blutvergießens unsers
Herrn Jesu Christi (der das Gute in uns wirkt) allein
zuschreiben.
Darum, meine lieben Brüder, hütet euch vor allen
solchen Geistern, denn sie wollen noch größere Voll-
kommenheit erfahren und ermangeln des Kleinsten.
Bleibt bei dem Grunde, den ihr gelernt habt. Eins be-
gehre und wünsche ich, daß die Einfältigen besser
und gründlicher unterrichtet werden möchten, damit
eure Arbeit nicht in dem Feuer verbrennen möchte;
denn die Schrift sagt nicht umsonst: Worin er versucht
ist, kann er auch denen helfen, die versucht werden,
denn die Erfahrung bringt vollkommene Weisheit,
wie auch Paulus sagt: Gelobt sei der Vater aller Barm-
herzigkeit und Gott allen Trostes, der uns in unserer
232
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Trübsal tröstet, damit wir auch diejenigen trösten kön-
nen, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Tröste, womit
wir von Gott getröstet werden; denn wie des Leidens
Christi viel über uns kommt, so werden wir auch
reichlich getröstet durch Jesum Christum; ja, durch
ihn (sage ich) werden wir das Feld behalten; denn
er ist unser Leben und Sterben ist unser Gewinn, in-
dem er sagt: Und ob ihr schon sterbt, so sollt ihr doch
leben.
Darum ist es gut, mit Christo zu sterben, denn er ist
durch die Herrlichkeit seines Vater auferweckt wor-
den, deshalb wird er auch alles nach sich ziehen, was
ihm der Vater gegeben hat.
Darum, meine Brüder und mein liebes Weib, lasst
uns männlich sein, denn der Apostel sagt: Meine Kraft
ist in den Schwachen mächtig. Darum halte ich es für
gut, in Schwachheit zu sein (merkt), und was daraus
folgt, in Schmach, in Not, in Verfolgung, in Angst um
Christi willen. Ja, ich wollte dem Herrn aufs Höchste
danken, wenn er mich würdig achten würde, seinen
Namen mit meinem Blut zu bezeugen; denn ich hoffe
nicht nur diese Bande mit Geduld zu tragen, sondern
auch um Christi willen zu sterben, damit ich meinen
Lauf mit Freuden vollenden möchte, denn ich will
lieber bei dem Herrn sein, als wieder in der gräulichen,
argen Welt wandeln; doch geschehe sein göttlicher
Wille, Amen.
Und wenn noch etwas an meinem Wandel mangelt,
daß ich nicht ernstlich genug gewesen bin (was ich
auch bekenne), das wolle nun der Herr durch das
Feuer seiner Liebe und Barmherzigkeit in dem Blu-
te Jesu Christi austilgen und läutern, denn dadurch
muss alles geläutert und gereinigt werden.
Ich begehre, liebe Brüder, eurer aller Fürbitte bei
Gott, daß er uns durch Jesum Christum, unsern Herrn
und Heiland, bewahren wolle, Amen.
Noch ein Brief, den Thomas von Imbroek aus dem
Gefängnisse an sein Weib geschrieben hat.
Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, dem
himmlischen Vater, und die reine Liebe seines Sohnes
Jesu Christi wünsche ich dir, mein liebes Weib, daß sie
vollkommen sei in deinem Herzen, damit du dadurch
von allen sichtbaren Dingen zu den imsichtbaren und
ewigen hingezogen werden mögest, durch Hilfe und
Mitwirkung seines Heiligen Geistes, welcher die Kin-
der Gottes führt und regiert; ihm sei Lob und Preis in
Ewigkeit, Amen.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Chris-
ti, für seine große und unaussprechliche Gnade, die er
uns durch seine mildreiche Güte mitgeteilt und uns in
das Reich seines geliebten Sohnes gezogen hat, durch
welchen wir die Erlösung von allen unsern Sünden in
seinem Blute empfangen haben.
Darum sollten auch wir billig nicht aufhören, ihm
allezeit mit großer Demut zu dienen als dankbare und
gehorsame Kinder und die Gnade nicht gering achten,
die uns widerfahren ist, sondern mit Ernst bedenken,
warum und wozu sie uns gegeben ist, nämlich, daß
wir damit handeln und gewinnen sollen, damit wir
die liebliche Stimme hören möchten, die da sagt: Ei,
du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenig
getreu gewesen, ich will dich über viel setzen.
Laß dir dieses zur Ermahnung dienen, daß der
Kaufmann alles verkauft hat, was er hatte, und den
Acker gekauft hat, worin der Schatz lag. In eben die-
ser Weise sollst du nun auch denken, daß du deinen
Mann dem Herrn mit Jephtah gern schenkst, der seine
Tochter dem Herrn aufopferte, oder ferner merke auf
mit dem frommen Vater aller Gläubigen, Abraham,
welcher im Glauben nicht schwach geworden ist, und
seinen Sohn Isaak willig übergeben hat, um dem ge-
waltigen Gott Gehorsam zu erweisen, der jedermann
Leben und Atem gibt.
Auch sollt ihr des geduldigen Hiob euch erinnern,
der in seiner Anfechtung mit aller Sanftmut sprach:
Ich bin nackend von meiner Mutter Leib gekommen,
nackend werde ich wieder dahinfahren: Der Herr
hat's gegeben, der Herr hat's wieder genommen, wie
es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der
Name des Herrn sei gesegnet.
Auch darf Jakobus wohl sagen: Die Geduld Hiobs
habt ihr gehört und das Ende des Herrn habt ihr gese-
hen; desgleichen sagt auch Paulus: Gedenkt an den,
der ein solches Widersprechen der Sünder gegen sich
geduldet hat und er selbst hat keine Sünde erkannt;
aber wir müssen bekennen, daß wir noch mehr Strafe
verdient haben, als wir leiden, wiewohl dasselbe nütz-
lich ist, wie geschrieben steht: Er straft uns zu Nutz,
es dient uns allen zum Besten.
Darum begehre ich von dir, meine liebe Freundin,
du wollest unverzagt sein in dem Herrn und dich
nicht betrüben, denn ich habe wohl gemerkt, daß du
mager geworden bist und an dem Fleische abgenom-
men hast. Freue dich mit mir und danke Gott, daß wir
nicht Bastarde bleiben, sondern daß er sich unserer
väterlich annimmt, als Kinder und Miterben seines
Reiches, welche mit seinem Sohne hier auf Erden glei-
chen Lohn empfangen, und das um seines Zeugnisses
willen.
Warum sollten wir nicht das Böse leiden, da wir
doch das Gute von ihm empfangen haben. Wenn wir
aber traurig sein wollen, so haben wir ja Ursache ge-
nug, verstehe aber nur die göttliche Traurigkeit, denn
wir können uns wohl in Wahrheit beklagen, daß wir
233
noch sehr ungeschickt sind; wie du mir denn schreibst,
daß du nicht wohl beten kannst, eben wie auch ich un-
vollkommen bin, denn nach meinem Erachten ist das
die Ursache, weil wir nicht genug Missfallen an uns
selbst haben, oder, weil wir der Dornen nicht gewahr
werden, die in unserm Fleische stecken.
Der Herr wolle sich über uns erbarmen und uns
die Augen des Verstandes öffnen, damit wir so die
Sünder hassen mögen, wie sie Gott selbst hasst, denn
dann hat er ein Wohlgefallen an uns, wie auch der
heilige David sagt: Herr, sei mir gnädig, denn ich
bin schwach; heile mich, Herr, denn meine Gebeine
sind erschrocken und meine Seele ist sehr erschrocken.
Ach, du Herr, wie lange, wende dich, Herr, und errette
meine Seele, hilf mir um deiner Barmherzigkeit willen.
Ich bin so müde vom Seufzen. Ich befeuchte mein Bett
die ganze Nacht und netze es mit meinen Tränen.
Wo sind doch die Tränen, die wir vergossen haben,
mein liebes Weib, um unserer vorhergehenden Sün-
den willen? Wo unsere Seele bis zum Tode verwundet
worden, ja, beiderseits zur Hölle versunken ist. Wir
singen wohl: Ich bekenne meine Übertretung, und
meine Sünde ist allezeit vor mir, aber es wäre uns viel
besser, aus der tiefen Not des Herzens zu klagen und
so mit einem zerbrochenen, zerschlagenen und brüns-
tigen Herzen zu bitten, wie wir solches nun finden,
da wir Trübsal und Leiden im Fleische erfahren.
Also hat auch Esther bitten lernen, wenn sie spricht:
O mein Herr, der du bist allein unser König, hilf mir
Elenden, ich habe keinen andern Helfer, als dich; er-
löse uns und hilf mir, denn du weißt alle Dinge, und
weißt, daß ich den Weg der Ungerechtigkeit hasse und
die Schlafkammer der Unbeschnittenen wie auch das
Zeichen der Hoffart verachte.
Hier müssen wir merken, daß die fromme Frau
einen Widerwillen an den kostbaren Kleidern hatte
und dieselben mehr gehasst als geliebt habe. Hüte
dich auch davor, und wenn du solche siehst, die er-
mahne scharf, denn es kommt nicht aus demütigem
Herzen. Man spricht: Man muss die Läuse nicht in
den Pelz setzen, man muss auch dem Fleisch keine
Ursache geben zu sündigen; es ist doch leider arg
genug.
Darum, meine liebe Schwester, habe kein Ansehen
der Personen, denn der Glaube an Jesum leidet kein
Ansehen der Personen, sondern strafe das Böse mit
aller Freundlichkeit und Demut aus Liebe, und stel-
le dich selbst dar zum Vorbilde aller guten Werke
und Ehrbarkeit, allen Frauen in der Frömmigkeit und
Wortkargheit, denn wer die Zunge nicht im Zaume
hält, der verführt sein Herz und sein Gottesdienst ist
eitel.
Darum ermahne ich dich freundlich, weil du Zeit
hast, daß du allen Fleiß anwendest; denn es ist nicht
genug, daß wir im Gefängnisse den Namen des Herrn
mit dem Munde bekennen, sondern wir müssen auch
vor ihnen das Bekenntnis in der Kraft beweisen, denn
wir wissen, daß sowohl derjenige sündigt, der außer-
halb des Gefängnisses Übertritt, als auch derjenige,
welcher im Gefängnisse sündigt, obgleich es der eine
aus Schwachheit, der andere aber aus Mutwillen tut.
Darum nimm deiner selbst wahr und sei allezeit
bereit, denn wir wissen keine Zeit; so wache nun und
halte deine Kleider rein, damit du nicht bloß wan-
delst, und deine Schande offenbar werde; sei allezeit
zum Streite bereit, denn David spricht: Die Gerech-
ten müssen viel leiden, aber der Herr hilft ihnen aus
diesem allem; er bewahrt alle ihr Gebeine, daß nicht
eins zerbrochen werde; er hilft den Armen von dem
Schwerte der Gottlosen und den Dürftigen von der
Hand des Mächtigen; ferner sagt Hiob: Selig ist der
Mensch, welchen Gott züchtigt; darum weigere dich
nicht der Züchtigung des Allmächtigen, denn er ver-
wundet und verbindet; er schlägt, und seine Hand
heilt.
Also sagt auch Paulus, daß er Christum und die
Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft sei-
nes Leidens zu erkennen verlange, daß ich seinem
Tode, spricht er, gleichförmig werde, ob ich auch in
der Auferstehung der Toten ihm begegnen möchte;
darum müssen wir auch mit ihm trauern, damit wir
auch mit ihm Freude haben mögen. Sagt nicht Chris-
tus: Selig sind, die weinen und klagen, denn sie sollen
getröstet werden, ja, die Tränen werden abgewischt
werden. Auch verlässt der Herr die unterdrückten
Witwen nicht, wie geschrieben steht. Der Herr erhört
das Gebet der Notleidenden und Bedrängten: So ver-
achtet er auch nicht das Gebet der Witwen, die mit-
klagen und seufzen, dasselbe vor ihm ausgießen, ja,
ihre Tränen steigen auch in den Himmel und der Herr
wird sie erhören.
So laß uns nun gelassen stehen und also zu uns
selbst sagen: O Herr! Allmächtiger König, alle Dinge
sind in deiner Gewalt. Willst du mir meinen Mann
wiedergeben, so ist niemand, der deinem Willen wi-
derstehen kann. Du hast Himmel und Erde gemacht,
samt allem, was in dem Bezirke des Himmels ent-
halten ist; du bist ein Herr aller Dinge; du bewahrst
uns wie deinen Augapfel und hast durch den Mund
Davids gesagt, daß wir unsere Last auf dich werfen
sollen, denn du wirst für uns sorgen und nicht zuge-
ben, daß die Gerechten ewiglich in Unfrieden bleiben.
Alsdann wird dein Gebet erfüllt, wie du mir schreibst,
daß du nicht anders bitten könnest, als nur: Herr, dein
Wille geschehe. Ich wünsche dir auch von Gott, daß
solches in der Wahrheit bei dir erfunden werden mö-
234
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ge, und nicht, wie Israel zum Herrn rief: Sie nahten
sich zu ihm mit ihrem Munde, und ehrten ihn mit
ihren Lippen, aber ihr Herz war fern von ihm und sie
wurden nicht treu erfunden in seinem Bunde; aber
die seine Gebote halten, werden bitten, und was sie
begehren (nach seinem Willen), das wird ihnen ge-
schehen.
Darum sei guten Mutes und ziehe deine Kinder
auf in Sitten und in der Furcht Gottes, damit die Art,
die in ihnen ist, getötet werden möge, und nimm ein
Beispiel an dir selbst, wie du sie in ihrer Schwachheit
mit großer Mühe und Arbeit auferzogen hast, und
reiche denen die Brust, welchen der Herr befohlen
hat, Milch zu geben.
Also gib ihnen auch die Rute, nach des Herrn Be-
fehle, wenn sie übertreten und halsstarrig sind, denn
das ist auch eine Speise der Seelen, und treibt die Tor-
heit aus, die in ihrem Herzen zusammengebunden
ist. Gedenke an das Wort Sirachs, wo er spricht: Tue
dich nicht freundlich zu deiner Tochter und zeige ihr
nicht ein freundliches Angesicht, daß sie nicht kühn
werde wider dich, und du zuletzt nicht ihretwegen
Schande davontragen mögest; aber lehre sie das Ge-
setz unseres Gottes, damit sie ihre Hoffnung auf den
Allmächtigen und Allerhöchsten setze und nimmer-
mehr die Wohltaten vergesse, die uns durch Christum
geschehen sind.
Auch bitte ich dich, daß sie, soviel als es möglich
ist, von ungezogenen Kindern abgehalten werden mö-
gen; gestatte ihnen auch nicht, daß sie auf die Straßen
laufen, sondern halte sie zu Hause so viel als es mög-
lich ist, damit du Freude und Leid zugleich mit ihnen
habest und vergiss nicht die Art der Witwen, von wel-
chen Paulus an den Timotheus schreibt, sondern setze
deine Hoffnung fest auf den Herrn und erwarte also
seiner in Geduld.
Nun wollest du gerne sterben, wie ich vernehme;
wenn ich aber noch bei dir wäre und wir lebten mit-
einander in Frieden, dann wäre dir das Leben kein
Kreuz.
Darum sollst du meines Wortes eingedenk sein, das
ich oft gesagt habe, daß es Gläubigen gut sei, wenn
sie Druck und Angst haben, damit wir alsdann erst
mit Paulus sagen lernen: Wir seufzen und verlangen
nach unserer Behausung, die im Himmel ist und be-
gehren, damit überkleidet zu werden, doch so, daß
wir bekleidet und nicht nackend erfunden werden,
denn weil wir dieses Fleisch an uns tragen, sind wir
beschwert, und haben vielmehr Lust, außer dem Flei-
sche bei dem Herrn zu sein, als in dieser Fremde mit
viel Betrübnis zu wandeln. Ach, Freund, wie wenig
sind derer, die das sagen, ich meine unter denen, die
Friede und Ruhe haben.
Darum danke dem Herrn, weil er Gnade gegeben
und, vielleicht zu unserm Besten, mich deinen Augen
entnommen hat, denn er ist ein eifersüchtiger Gott;
er will der Liebste sein und das Herz des Menschen
allein besitzen. So hast du auch Gott gebeten, daß er
alles aus dem Wege räumen wolle, was dir an dei-
ner Seligkeit hinderlich ist. Darum denke, daß er uns
beide so geprüft habe und laß uns das Joch gutwillig
aufnehmen, und dasselbe für eine große Freude ach-
ten. Was ist dieser Welt Leiden? Nichts anderes, als ein
Traum, wie David sagt: Wenn der Herr das Gefängnis
Zions wenden wird, so werden wir wie Träumende
sein; dann wird unser Mund voll Lachens sein.
Denn es geht uns wie einem Weibe in Kindesnöten;
wenn das Kind geboren ist, so will sie dasselbe nicht
geben um der Schmerzen willen, die vorhergegangen
sind; so auch wir, wenn wir eines Kindes genesen
sind, so nehmen wir die ganze Welt nicht dafür.
Darum hüte dich, daß du dich weder zum Zorne,
noch zur Furcht bewegen lassest, damit das Kind zu
seiner Zeit geboren werden möge. Nimm Nahrung
und Speise von dem Manne Christo, damit du zur Ar-
beit stark sein mögest, und versäume nicht, die rechte
Speise (nämlich Gottes Wort) zu dir zu nehmen. Ge-
denke an Israel, die des Himmelsbrotes satt wurden.
Der Herr gebe dir eine gesunde Seele und einen hitzi-
gen Magen der Liebe, damit die Speise wohl verdaut
werden möge, Amen.
Die Gnade des Herrn vermehre sich bei dir, mein
liebes Weib; sei allezeit gehorsam den Gottesfürchti-
gen und halte dich zu den Frommen; bitte auch Gott
für mich, daß er mich immer bei der Wahrheit erhal-
ten wolle, denn sie ist und bleibt stark in Ewigkeit; sie
lebt, und wird den Ruhm davon tragen ewiglich.
Grüße mir alle Heiligen mit dem Kusse der Liebe,
samt allen, die den Herrn Jesum lieb haben und sage
ihnen, daß sie fröhlich sein sollen, denn Gott ist der
Held und Herzog, welcher in der Not so treulich bei-
steht. Er ist wie der Regen im trocknen Sommer auf
dem dürren Erdreiche, denn er erquickt die betrübten
Gemüter, die nach ihm dürsten; er ist ein Schatten
gegen die Hitze der Sonnen.
Sage den Brüdern, daß sie für die Ankömmlinge
sorgen, und daß sie ernstlich für mich bitten; ich will
auch für sie anhalten, so viel als in mir ist. Gedenke
meiner Banden. Der Herr wolle mit deinem Geiste
sein, Amen.
Dein lieber Mann, Thomas von Imbroek, gefangen
um des Zeugnisses Jesu willen.
Dieser Thomas von Imbroek hat ein schönes Be-
kenntnis von der Taufe getan, desgleichen eine Ver-
teidigung gegen die Widersprecher über denselben
Gegenstand geschrieben, welche Abhandlungen er
235
dem Regierungsrate der Stadt Köln übergeben hat.
Hiervon siehe Teil 1 .
Govert Jasperß, 1558.
Um diese Zeit ist aus dem Kloster der Kreuzbrüder
zu Goes ein Laienbruder, genannt Govert Jasperß, mit
zweien andern fortgezogen; sie sind aber nicht lange
beieinander geblieben, denn der eine ist ganz verwil-
dert und hat diese Welt lieb gewonnen, der andere ist
aus Furcht vor der Verfolgung nach Friesland gezo-
gen, ist dort ein Bruder der Gemeinde geworden und
fromm gestorben. Aber dieser Govert Jaspers wur-
de bald nach seinem Abgänge aus dem Kloster, als
er im Felde in einem Testament las, von der Rooroe-
de gefangen genommen und in die Stadt Brüssel in
Brabant gebracht, wo er um des Zeugnisses der Wahr-
heit willen, auf welchem er standhaft beharrte, viel, ja,
endlich den Tod hat leiden müssen, und ist also, als
ein tapferer Ritter Jesu Christi, durch die enge Pforte
durchgedrungen, um das Reich Gottes mit Gewalt ein-
zunehmen, welches er vor allen Reichen dieser Welt
erwählt hatte.
Martin Boßier, 1558.
Um diese Zeit ist zu Wervyk in Flandern ein Bruder,
Martin Boßier, um der Wahrheit willen gefangen ge-
nommen worden, welcher nach großer Anfechtung
und Prüfung um des Zeugnisses Jesu Christi willen
auch (durchs Feuer) den zeitlichen Tod hat leiden müs-
sen; darum wird nun der zweite Tod über ihn keine
Gewalt haben.
Absalom von Thomme, oder der Sänger, 1558.
Alle, die Christo nachfolgen wollen, müssen sein
Kreuz auf sich nehmen; solches haben wir an einem
Bruder, Absalom von Thomme, oder der Sänger, wahr-
genommen, welcher, um der Wahrheit willen, im Jah-
re 1558 zu Kortryck in Flandern gefangen worden
ist. Nachdem er nun untersucht worden ist und sein
Glaubensbekenntnis abgelegt hat, so haben sie ihm
mit Drohen und Peinigen sehr hart zugesetzt, um ihn
zum Abfalle zu bringen; aber er ist in allem stand-
haft mit einem festen Vertrauen an Gott geblieben,
weshalb er auch zum Tode verurteilt und verbrannt
worden ist; er hat sich als ein guter Jünger oder Knecht
Christi erwiesen, der nicht über seinem Herrn, son-
dern ihm gleich sein, das ist, mit ihm leiden wollte,
um ins Reich Gottes einzugehen, gleich wie Christus
leiden musste, und so zu seiner Herrlichkeit einging.
Wilhelm von Haverbeke, 1558.
Wilhelm von Haverbeke hatte auch, um des Namens
des Herrn willen, nicht nur Verfolgung erlitten, son-
dern sich auch gefangen nehmen und vor Herren und
Fürsten führen lassen, woselbst er seinen Glauben oh-
ne Scheu bekannt hat, auch bei demselben standhaft
geblieben ist, ohne daß er durch irgend ihm zugefüg-
te Leiden, Pein oder Marter zum Abfalle bewogen
worden wäre; die Liebe Gottes hatte sich so sehr in
seinem Herzen ausgebreitet, daß er auch endlich um
deswillen verurteilt worden ist, und seinen Glauben
zu Kortryck in Flandern im Jahre 1558 mit seinem
Tode befestigt hat.
Daniel Verkampt, 1558.
Um dieser Zeit ist auch, nach viel erlittener Verfol-
gung, zu Kortryck in Flandern um der wahren Be-
kenntnis des Wortes Gottes willen ein junger Gesell,
genannt Daniel Verkampt, gefangen genommen wor-
den, welcher, als er von dem Diakon von Ronse und
Polet scharf verhört worden ist, seinen Glauben frei-
willig und ohne Scheu bekannt und gesagt hat, er
wolle bis an seinen Tod standhaft dabei bleiben, aber
von seinen Glaubensgenossen hat er niemand in Un-
gelegenheit bringen wollen.
Hernach haben Ronse und Polet die Mutter dieses
Jünglings vor sich entboten, welche ein kleines altes
Weib war, das an einem Stocke ging; als sie nun vor
ihnen erschien, haben sie ihr als strafwürdig vorgehal-
ten, daß sie ihren Sohn, den sie als Ketzer befunden,
beherbergt hätte und daß sie (nach des Kaisers Befeh-
le) ihres Lebens und ihrer Güter verlustig sei.
Darauf antwortete sie mit sanften Worten: Meine
Herren, soll ich Leib und Leben verlieren, weil ich
meinen eigenen Sohn, den ich unter meinem Herzen
getragen, mit Pein geboren und mit Schmerzen aufer-
zogen habe, zu Zeiten in seiner Not beherbergt habe,
da er doch kein Dieb oder Schelm, sondern, wie be-
kannt, der tugendhafteste Jüngling unseres Dorfes ist,
und das nur darum, weil ihr sagt, daß er ein Ketzer
sei? Ich meine, wenn der Kaiser hier gegenwärtig wä-
re, von welchem ihr, wie ihr sagt, einen Befehl habt, er
würde sagen, daß ihr seinen Befehl gegen mich miss-
braucht, und mich loben, weil das mütterliche Herz
sich über ihr Kind, welches sonst nichts getan hat,
erbarmt habe. Fürwahr, meine Herren, das ist gegen
eure geziemende Weisheit und Bescheidenheit, denn
wisset, hätte ich in derselben Stunde, als ihr ihn zu
fangen kamt, ihn in meinem Leibe vor euch verbergen
können, und ich hätte ihn auch abermals neun Mona-
te in meinem Leibe tragen, gebären und auferziehen
236
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
müssen, wie ich einmal getan habe, Gott weiß es, ich
hätte solches gern getan; dieses hat sie so beweglich
vorgestellt, daß alle Herren, die daselbst gegenwärtig
waren und beisaßen, sie für unschuldig erklärten und
sagten, daß sie nichts gegen die Art eines aufrichtigen
mütterlichen Herzens getan hätte. Also ist die Mutter
frei geworden; der Sohn aber musste die Standfes-
tigkeit seines Glaubens und der Liebe Gottes, die in
ihm brünstig entzündet war, mit dem Feuer bezahlen
und ist um des Zeugnisses Jesu Christi willen, der ihn
auch in ewige Freiheit setzen wird, verbrannt worden.
Marcus der Lederschneider, im Jahre 1558.
Nicht lange hernach ist auch zu Kortryck in Flandern
ein Bruder, genannt Marcus, der Lederschneider, ge-
fangen genommen worden, welcher, nachdem man
ihm heftig zugesetzt und ihn gepeinigt hat (wobei
er gleichwohl standhaft geblieben ist), zum Tode ver-
urteilt hat und mit Feuer verbrannt worden ist; so
hat er Gott seine Seele aufgeopfert, der sie auch sehr
angenehm aufgenommen hat.
Jacob, der Maurer.
Im Jahre 1558 ist zu Antwerpen ein Bruder, Jacob,
der Maurer, gefangen genommen worden, weil er das
Wort Gottes bewahrte und darnach lebte, welcher,
nach vieler Untersuchung und Qual, als er nicht abfal-
len oder abweichen wollte, zum Tode verurteilt, und
auf den Markt gebracht worden ist, mit einem Zau-
me im Munde, daß er nicht reden sollte; gleichwohl
ist er freimütig zum Tode gegangen und hat seinen
bekannten Glauben tapfer mit seinem Blute bezeugt.
Ludwig, der Weber, 1558.
In demselben Jahre ist der Bruder Ludwig, der We-
ber, zu Antwerpen auf dem Steine enthauptet worden,
weil er bei dem Bekenntnisse seines Glaubens stand-
haft verharrte.
Franz Tiban und der kleine Dirck, 1558.
Bald darauf sind auch zwei Brüder, Franz Tiban und
der kleine Dirck, zu Antwerpen um ihres Glaubens
willen gefangen genommen, verhört und gepeinigt
worden, und haben viel Drangsal erlitten, sind auch
endlich, als sie keineswegs abweichen wollten, zum
Tode verurteilt und auf dem Steine enthauptet wor-
den.
Henrich, Lederverkäufer, Anthonius und Dirck,
der Maler, im Jahre 1558.
Auch sind zu Antwerpen diese drei Brüder, nämlich
Henrich, der Lederverkäufer, Anthonius und Dirck
der Maler, um der Wahrheit willen gefangen genom-
men worden, welche als ernstliche Nachfolger und
rechte Schafe Christi um seinetwillen den Tod haben
schmecken müssen und mit dem Schwerte hingerich-
tet worden sind.
Waechlinck Dirckß, Martin Schuhmacher, und
Adrian Pieterß.
Im Jahre 1558 sind Waechlinck Dirckß, Martin Schuh-
macher und Adrian Pieterß, welche alle drei zu Win-
ckel geboren waren, um des Evangeliums und der
Wahrheit Gottes willen gefangen genommen worden,
sind auch endlich alle drei, als sie bei derselben Stand
hielten und nicht abfallen wollten, zu Grafenhaag
in Holland verurteilt und als fromme Zeugen Jesu
Christi getötet worden, weshalb sie nun die Krone
des Lebens erwarten.
Walter von Honschoten.
In demselben Jahre 1558 ist zu Honschoten in Flan-
dern ein Bruder, ein junger Geselle, Walter von Hon-
schoten, weil er dem Worte Gottes nachfolgte, gefan-
gen genommen worden; und weil er seinen Glauben
ohne Scheu bekannte und davon keineswegs abfallen
wollte, so ist er endlich zum Tode verurteilt und als
frommer Zeuge Gottes verbrannt worden.
Jacob Schwartz, Hans von der Brücke und mehr
andere.
Im Jahre 1558 ist ein Bruder, genannt Jacob Schwartz,
des Johann Schwartz Sohn, sowie Hans von der
Brücke, als sie von Ostende nach Brügge gingen, um
die Predigt des Wortes Gottes zu hören, daselbst mit
mehreren andern ergriffen worden. Da sie nun durch
keine Leiden von der Liebe Gottes abgeschreckt oder
geschieden werden konnten, so sind sie endlich zum
Tode verurteilt worden und haben im Sommer, um St.
Johannistag, ihr Leben um des Zeugnisses des Evan-
geliums willen tapfer geendigt.
Hans, der Deutsche, 1558.
Um diese Zeit wurde auch zu Antwerpen ein Bru-
der, genannt Hans der Deutsche, ergriffen, der seinen
Glauben tapfer bekannt hat und davon nicht abwei-
237
chen wollte; denn er wollte lieber um der Wahrheit
willen des zeitlichen Todes sterben und so das ewige
Leben erlangen, als für ein kurzes sündhaftes Leben
mit dem ewigen Tode ausbezahlt werden. Diesen ha-
ben sie auf dem Steine oder im Gefängnisse enthaup-
ten lassen, und dann, wie rasende Menschen, seinen
Leib in die Schelde geworfen.
Sander Henrichs, Hans, der Schmied, Hans von
Burculo, Peter von der Bettewary, Arent und
Gerhard, Bortenwirker, 1558.
Nicht lange darauf sind auch zu Antwerpen, auf dem
Markte, öffentlich vor allen Menschen um der Wahr-
heit willen sechs Brüder getötet worden, nämlich:
Sander Henrichs, Hans, der Schmied, Hans von Bur-
culo, Peter von der Bettewary, Arent und Gerhard,
Posamentirer, welche alle den Namen Christi tapfer
bekannt haben und nun die Krone der Herrlichkeit
erwarten, die allen Helden des Herrn zugesagt und
verheißen ist.
Gritgen, Tanneken, Lyntgen und Styntgen von
Aachen, im Jahre 1558.
Es wurden auch nicht lange darauf zu Antwerpen
vier Schwestern, mit Namen Gritgen, Tanneken, Lynt-
gen und Styntgen von Aachen, ihres Glaubens wegen
gefangen genommen. Als sie nun scharf untersucht
wurden, aber gleichwohl von ihrem Glauben nicht ab-
gebracht werden konnten, sondern als Heldinnen für
den Namen Christi stritten und allezeit unbeweglich
bei der Wahrheit blieben, so sind sie endlich krumm
gebunden und auf dem Steine ertränkt worden.
Janneken und Noele, 1558.
Desgleichen wurde zu Antwerpen um des Glaubens
willen ein junges Töchterlein, genannt Janneken, ge-
fangen genommen, welche, als sie vor die Herren kam,
ihren Glauben ohne Furcht bekannt hat. Der Mark-
graf sagte: Janneken, willst du abfallen, so will ich
dir gnädig sein; folge mir, dann will ich dir das Le-
ben schenken. Sie aber antwortete: Das Leben, das
du mir schenken willst, begehre ich nicht, denn deine
Verheißungen sind nichtig und schwankend, wie ein
Rohr, und würden mich, wollte ich sie annehmen, nur
in größeres Leid stürzen; verflucht sind alle, die auf
Menschen vertrauen.
Es war daselbst ein Prediger, Balthasar genannt, der
sie überreden wollte, daß Gott im Sakramente wäre;
sie aber wollte solches nicht bekennen, sondern sagte:
Ihr schändet Gott also in eurem Leibe; lies aber nur
das Vaterunser. Und als er es vorlas, sagte sie: Siehst
du wohl, du liest hier, daß er im Himmel sei, wie
darfst du nun sagen, daß er im Sakramente sei?
Sie wurde vom Schultheißen vor Gericht gefragt, ob
sie wiedergetauft wäre. Darauf entgegnete sie: Fragt
mich nach meinem Glauben, denselben will ich euch
ohne Scheu bekennen, oder schämt ihr euch dessel-
ben? Ich bekenne eine Taufe, welche auf den Glauben
geschehen muss und die Kinder nicht berührt, wohl
aber zuvor eine Besserung des Lebens erfordert. Der
Schultheiß sagte: Wir haben genug getan um dich zu
gewinnen; hättest du dir zum Abfalle raten lassen
wollen, so hättest du wohl getan. Sie antwortete: Ihr
habt mein Fleisch geliebt, nicht aber meine Seele; die-
se hättet ihr gern verschlungen, aber Gott wird sie wie
ein Kind aufnehmen und zum Erben machen; und ob-
gleich du jetzt ein Schulze bist in deiner Herrlichkeit,
so wirst du es doch endlich im Gerichte Gottes be-
klagen und wünschen, lieber in der Furcht Gottes ein
Schäfer gewesen zu sein. Darauf wurde sie zum Tode
verurteilt und ist, als sie ihren Geist in die Hände Got-
tes befahl, nebst einer andern Frau, Noele genannt, in
einer Bütte ertränkt worden.
Adrian von Hoe, Joos Meeuwens, Wilhelm,
Gossen, Eckbert, ein Hutmacher, und Lambert von
Doornik, im Jahre 1558.
Gleichwie die Juden von der Apostel Zeit an die Ver-
sammlungen der Christen beneidet und sie überall,
wo sie hinkamen, zerstört haben, so haben auch nach-
her durchgehend ihre Nachfolger, des Antichristen
Diener, getan, welches noch im Jahre 1558 bei Door-
nik zu ersehen war, wo einige Christen und gläubige
Kinder Gottes versammelt waren, um durch die Pre-
digt des Wortes Gottes erquickt, erbaut und gebessert
zu werden; diese wurden auch ausgekundschaftet,
verstört, zum Teil zerstreut und sechs derselben ge-
fangen genommen, nämlich: Adrian von Hoe, Messer-
schmied, Joos Meeuwens, Wilhelm, ein Hutmacher,
Gossen, ein Hutmacher, Eckbert, ein Hutmacher und
Lambert von Doornik. Diese wurden sämtlich nach
Doornik geführt, und als sie daselbst vierzehn Tage ge-
fangen gesessen hatten, wurden sie, weil sie dem rech-
ten Glauben in Gott standhaft und unverändert anhin-
gen, zum Tode verurteilt, sodann unweit Doornik bei
dem Walde auf das Henegausche Gebiet geführt und
daselbst als fromme Zeugen Gottes verbrannt, die das
höllische Feuer nicht schmecken, sondern mit allen
Auserwählten des Herrn in Freuden leben werden.
238
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Joris Wippe, Joostens Sohn, wird zu Dortrecht im
Jahre 1558 getötet.
Als Joris Wippe noch in der Finsternis des Papsttums
lebte, ist derselbe Bürgermeister zu Meene in Flan-
dern, wo er gebürtig war, gewesen; als er aber nach-
her zur Erkenntnis des Evangeliums kam, musste er
aus dem Lande flüchten, und hat sich zu Dortrecht in
Flolland häuslich niedergelassen, wo er eine Tuchfär-
berei angelegt hat. Als er nun eine Zeitlang daselbst
gewohnt hatte und anfing bekannt zu werden, so wur-
de ihm durch das Anhetzen der Feinde der Wahrheit
befohlen, zu den Herren in die große Kirche zu kom-
men. Darüber ist Joris in etwas erschrocken und hat
mit einigen Tuchkrämern, für welche er färbte, und
welches Leute von Ansehen waren, Rat gehalten, was
er tun sollte. Die Leute, welche der Obrigkeit alles
Gute zutrauten, haben für ratsam gefunden, daß er
hingehen und hören sollte, was sie ihm zu sagen hät-
ten.
Als er nun dahin kam, sind die Herren, da sie ihn
sahen, erschrocken und hatten lieber gewollt, daß er
ihre Aufforderung für eine Warnung angenommen
hätte, um sich heimlich davon zu machen; denn sie
waren nicht sehr durstig nach unschuldigem Blute;
weil er aber erschienen war, so hat der Schultheiß, als
er wieder aus der Kirche gehen wollte, Hand an ihn
gelegt, als an einen, der nach des Kaisers Befehl Leib
und Güter verschuldet hatte; dieses ist den 28. April
1558 geschehen.
Als er nun gefangen war, haben die Herren allen
Lleiß angewandt, um ihn vom Tode zu erretten; er
wurde nach Grafen-Haag gesandt, wo der Hof von
Holland ist, und daselbst verhört; weil er aber zu Dort-
recht gewohnt hatte und daselbst gefangen genom-
men war, so ist er wieder dahin gesandt, und endlich
daselbst getötet worden.
Er hat wegen seiner Freigebigkeit gegen die Armen
ein gutes Andenken hinterlassen, denn als er zum To-
de verurteilt war, hat es selbst der Scharfrichter mit
weinenden Augen beklagt, daß er einen solchen Mann
töten müsse, der seinem Weibe und seinen Kindern oft
Gutes getan und sie gespeist hatte, und wollte lieber
seinen Dienst quittieren, als diesen Mann töten, der
ihm und andern so viel Gutes, niemals aber jemanden
etwas Böses getan hätte. Endlich ist er in der Nacht in
einem mit Wasser angefüllten Weinfasse durch einen
der Büttel im Gefängnisse ertränkt worden, welcher
nach dem Befehle des Herrn das Scharfrichteramt an
ihm verrichtete und ihn rücklings ins Wasser stieß. In
solcher Weise hat er dem Herrn sein Leben aufgeop-
fert, den 1. Oktober, als er 41 Jahre alt war. Tags darauf
wurde er auf dem Hochgerichte den Leuten zum Ge-
spötte mit den Beinen an den Galgen aufgehängt, und
ist also, wie auch sein Meister, unter die Übeltäter ge-
rechnet worden. Den folgenden Tag wurden einige
Übeltäter ausgepeitscht und des Landes verwiesen,
in welcher Beziehung der Scharfrichter, nachdem er
dieses Amt verrichtet hatte, sagte: Sie haben Christum
gekreuzigt und Barnabas losgelassen, womit er dieses
Joris Tod noch beklagt hat.
Er hat einige Briefe aus seiner Gefangenschaft ge-
schrieben, von denen uns drei zu Händen gekommen
sind, und er hätte wohl deren noch mehr geschrie-
ben, wenn nicht so scharfe Aufsicht über ihn gehalten
worden wäre, daß man ihm auch keine Tinte gestat-
tet, weshalb er den letzten Brief an seine Kinder mit
Maulbeersaft geschrieben hat.
Nachdem wir in der Schreiberei dieser Stadt das
Todesurteil dieses Freundes Gottes, Joris Wippe, lange
gesucht und endlich gefunden, auch dasselbe selbst
aus dem Buche des Glockenschlags abgeschrieben
haben, so halten wir es für angemessen, dasselbe hier
beizufügen, damit die Gewissheit des Erzählten von
dieses Mannes Tod desto klarer und unumstößlicher
erscheinen möge.
Das Todesurteil des Joris Wippe, aufgesetzt und
abgelesen in der Gerichtskammer, den 4. August
im Jahre 1558.
Joris Wippe Joostens, geboren zu Meene in Llandern,
weil er sich unterwunden, sich wiedertaufen zu lassen,
auch eine böse Lehre von der Taufe gehabt hatte, wie
solches sowohl aus Zeugenaussagen, als auch aus
dem, was die Ratsherren und der Rat hiervon selbst
gehört und gesehen, wie auch aus seinem eigenen
Bekenntnisse hervorgeht, soll um deswillen zur Ehre
Gottes und den Herren und der Stadt zur Besserung
in einem Lasse ertränkt werden, sein Leib aber soll
nachher auf das Galgenfeld gebracht und daselbst
mit den Lüßen an den Galgen aufgehängt werden;
seine Güter aber sollen verfallen sein und in des Herrn
Schatzkammer geliefert werden.
Abgeschrieben aus dem Buche von dem Glocken-
schlage der Stadt Dortrecht, welches den letzten Ok-
tober 1554 anfängt und den 16. Juni 1573 endigt.
Dieses ist das erste Todesurteil, welches wir in die-
sem Buche gefunden haben, das über Glaubenssachen
öffentlich gegen jemanden ausgesprochen worden ist.
Er wird nicht angegeben, ob dieses Urteil in der Ge-
richtskammer vor den Herren allein, oder in öffentli-
chem Gerichte vor allen Menschen bekannt gemacht
worden sei; es ist uns auch wenig daran gelegen, ob
wir solches wissen; wenigstens ist gewiss, daß sein
Tod darauf erfolgt ist.
239
Weil aber, nach den Zeugnissen der Alten, der
Scharfrichter nicht willens war, diesen Mann hinzu-
richten, auch die Herren des Gerichts nicht wenig
bekümmert waren, obgleich sie sich von den Pfaffen
und Mönchen hatten überreden lassen, so ist, nach
vorgelesenem Urteile, die Hinrichtung über sieben
Wochen aufgeschoben worden, nämlich vom 4. Au-
gust bis zum 1. Oktober des Jahres 1558.
Darauf ist dann erfolgt, daß er in der folgenden
Nacht durch einen von den Bütteln, wie zuvor gemel-
det worden ist, auf der Buylpforte zu Dortrecht, wo er
gefangen saß, in einem Weinfasse ertränkt worden ist,
nachdem er seine Seele in die Hände Gottes befohlen
hat.
N acherinnerung.
Nach der Nachricht des Johann von Beverwyk von
der Stadt Dortrecht haben, als das Todesurteil über
diesen frommen Mann gefällt worden ist, nachfolgen-
de Personen im Gericht gesessen:
Adriaen von Blyenberg Adriaenß (welcher auch
bei dem Todesurteile der Diana Pieterß zu Gericht
gesessen hat), als Schultheiß von Dortrecht. Ferner als
Ratsherren:
1 . Mr. T. Schoock Herr Pieterß,
2. Cornelius Krooswyk Janß,
3. Franz Anthoniß,
4. Mr. Aert von der Lede Herr Staeß,
5. Wilhelm Bouguet Blasius,
6. Adrian von Rispen Gerriß,
7. Franz Adrianß,
8. Heyman von Blyenberg Adrianß, und
9. Cornelius von Bevern Claeß.
Ob aber alle diese Personen mit dem Todesurteile
übereingestimmt haben, wird nicht angegeben; doch
hat der größte Teil hierin gewilligt, wie es scheint,
was wohl nicht ohne Kummer und ohne Anklage ih-
res eigenen Gewissens geschehen sein mag, weil sie
kurz zuvor den Patienten gerne los gewesen wären,
und ihn um deswillen nach dem Haag, dem Sitze des
Hofes von Holland, gesandt hatten, daß er daselbst
verurteilt werden sollte. Als er ihnen aber wieder zu-
rückgesandt wurde, haben sie ihn verurteilt; gewiss,
das war eine klägliche Sache ihrerseits, aber für den
Märtyrer war es eine erfreuliche Sache, weil sein Tod
ein Eingang in das ewige und selige Leben war.
Der erste Brief von Joris Wippe, geschrieben an
sein Weib, als er von Dortrecht nach dem Haag
gesandt wurde.
Die ewige Freude und der Trost, welche kein Ohr
gehört, kein Auge gesehen und in keines Menschen
Herz gekommen ist, diese Freude und diesen Trost
wünsche ich dir, meine allerliebste in Gott geliebte
Hausfrau und Schwester im Herrn zum herzlichen
Gruße, Amen.
Mein herzlich geliebtes Weib und Schwester im
Herrn, ich wünsche dir die Freude des Heiligen Geis-
tes in dein Herz, zum herzlichen Gruße in Gott un-
serm Heiland und Herrn, welche Freude des Geistes
ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit,
Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Mäßigkeit, wider alle sol-
che ist das Gesetz nicht; denn die Christo angehören,
kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden.
Darum, meine liebe eheliche Schwester im Herrn,
habe Acht auf dich selbst, damit du mit diesem köst-
lichen Geiste besamt seiest, denn wie der Same ist,
eine solche Frucht gebärt man. Achte nicht die Freude
und Vergnügung dieser Welt, denn was der Mensch
sät, das wird er auch ernten; wer aufs Fleisch sät, der
wird vom Fleisch das Verderben ernten, wer aber auf
den Geist sät, der wird vom Geiste das ewige Leben
ernten. Ach liebe Schwester in dem Herrn! Laß uns
Gutes tun ohne Verdruss, denn zu seiner Zeit wer-
den wir auch ernten ohne Aufhören; weil wir nun
Zeit haben, so lasst uns Gutes tun an allen Menschen,
am meisten aber unter den Glaubensgenossen; darum
halte allezeit an mit Bitten, Wachen und Flehen im
Geiste in all deinen Anliegen zum Herrn; lasse deine
Züchtigkeit samt deinem Gehorsame und deiner Lie-
be zu Gott einen Spiegel und Vorbild sein allen unsern
lieben Kindern, welche der heilige Herr uns sämtlich
gegeben hat zum Lobe und Preise seines Vaters, und
spare keinen Fleiß, sie zu unterrichten und zu ver-
mahnen; züchtige sie, damit es der Herr nicht von
deiner Hand fordere; wendet aber allen Fleiß an, daß
ich euch alle Wiedersehen möge in der Auferstehung
der Gerechten. Seid zufrieden und richtet allezeit euer
Herz und Gemüt auf den lebendigen Gott, denn er
wird Witwen und Waisen nicht verlassen, sondern
seine Augen sehen auf die Bedrängten, Witwen und
Waisen, und seine Ohren auf ihr Gebet. Darum sei
geduldig und befiehl dem Herrn alle deine Sachen; er
wird nun dein freundlicher Vorsteher sein, wenn du
ihm treu bleibst, so wird er dir auch treu sein; es wird
an ihm nicht fehlen.
Ferner lasse ich dich wissen, daß mein Herz und
Gemüt noch allezeit auf den lebendigen Gott gerichtet
ist, und ich hoffe, durch seine große Barmherzigkeit,
240
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
mich nicht von ihm zu scheiden, warte auch alle Ta-
ge auf meine Erlösung; ich dachte, deine Schwester
wäre zu rechter Zeit gekommen mein Opfer zu sehen.
Ich wusste es eine Zeitlang nicht anders, aber meine
Stunde war noch nicht gekommen; der Herr weiß die
Seinen zu bewahren bis zur bequemen Stunde. Ach,
liebe eheliche Schwester, bitte den Herrn für mich, so-
lange ich dieses arme, schwache Fleisch an mir habe,
ich hoffe, deiner auch in meinem Gebete eingedenk
zu sein; ich danke dir herzlich im Herrn, daß du mir
eine solche freundliche Ermahnung zugesandt hast,
denn sie ist eine Speise der Seele, und für das Zeitliche
danke ich dir auch.
Hiermit befehle ich dich dem allmächtigen Gott
und dem Worte seiner Gnade, Amen. Grüße mir sehr
in dem Herrn alle Brüder und Schwestern.
Geschrieben von mir, Joris Wippe, deinem Manne
und Bruder im Herrn, gefangen im Haag in Holland
um des Zeugnisses Jesu Christi willen.
Der zweite Brief von Joris Wippe, geschrieben an
sein Weib, als die von Dortrecht ihn im Haag
gefangen gelegt hatten.
Die ewige Freude, Gnade und Friede von Gott, unse-
rem himmlischen Vater, durch Jesum Christum, un-
sern Herrn und Seligmacher, und die Freude des Hei-
ligen Geistes wünsche ich dir in dein Herz und Ge-
wissen, mein herzlich geliebtes und gutes Weib und
Schwester in dem Herrn, zum herzlichen Gruße in
dem Herrn, samt allen deinen lieben Kindern, die uns
Gott gegeben hat; demselben sei Preis von Ewigkeit
zu Ewigkeit, Amen.
Meine herzliebes und sehr geliebtes Weib und
Schwester in dem Herrn, ich grüße dich mit solchem
Liebesherzen in dem Herrn mit dem Gruße Christi,
auch alle meine lieben, gehorsamen Kinder, welche
uns der heilige Herr miteinander gegeben hat, zum
Lob und Preis seines Vaters; mein herzliches, eheli-
ches, liebes Weib im Herrn, ich berichte dir abermals
mit Freuden, daß mein Gemüt, mein Herz und meine
Seele noch auf den lebendigen Gott und Vater ge-
richtet sei durch Jesum Christum, seinen werten und
geliebten Sohn, unsern Seligmacher; ich hoffe durch
seine väterliche Liebe, die er an mir armem, unnützen
Knechte beweist, und durch seine große Barmherzig-
keit, von ihm und seinem heiligen Worte mich nicht
zu scheiden, denn sein Wort ist die Wahrheit und sein
Gebot das ewige Leben. Er ist uns vorgegangen in so
vielem Drange und Jammer, wir müssen seinen Fuß-
stapfen nachfolgen, denn der Knecht ist nicht über
seinem Herrn; er hat uns ja so liebreich ermahnt: Ha-
ben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfol-
gen; haben sie mich in den Bann getan, so werden sie
euch auch in den Bann tun; und und das alles werden
sie euch tun, weil sie weder mich noch meinen Vater
erkannt haben.
Darum, mein herzliebes und in Gott geliebtes Weib,
gib dich zufrieden, und setze dein Herz und deine
Hoffnung ganz auf den lebendigen Gott; er wird dich
mit allen deinen Waisen keine bedrängte Witwe sein
lassen, denn seine Augen sehen auf die Gerechten,
und seine Ohren auf ihr Gebet, und er wird der Wit-
wen und Waisen Sache wohl aufhelfen.
So halte nun, mein herzliebes Weib, den allmächti-
gen Gott für deinen Schutz, und fasse in dein Herz ein
männliches Gemüt, wie die makkabäische Mutter mit
ihren sieben Söhnen; und bitte den heiligen Herrn um
Weisheit und Verstand; halte auch an in all deinem An-
liegen bei Gott mit Bitten und Flehen im Geiste, daß
du alle unsere Ölzweige zu seiner Ehre und Verherr-
lichung seines heiligen Namens auferziehen mögest,
damit es nicht von deinen Händen gefordert werde.
Bisher hast du dein Bestes getan mit Ermahnen und
Züchtigen; erhalte sie darin durch des Herrn Hilfe
und sei allezeit den Ältesten der Gemeinde untertan;
denn sie wachen über eure Seele, damit sie dies mit
Freuden tun mögen, und wenn du einen Rat oder Hil-
fe in irgendeiner Sache nötig hast, so halte mit den
Ältesten Rat, wie wir bisher getan haben; sei gastfrei
und vergiss das Mitteilen nicht, denke oft an die ar-
me bedrängte Witwe, die nur zwei Scherflein in den
Schatzkasten legte; wahrlich, sagte Christus, sie hat
mehr eingelegt, als sie alle; damit du als eine rechte
Witwe vor dem Herrn erfunden werden mögest, die
der Heiligen Füße gewaschen und den Trübseligen
Handreichung getan hat, die da Kinder in der Furcht
Gottes aufgezogen hat und allen guten Werken in der
Furcht Gottes nachgekommen ist; bitte den Herrn flei-
ßig, daß er dich mit seinem göttlichen Geiste regieren
wolle, denn er ist der wahrhafte Tröster aller Kinder
Gottes; damit du deinen Witwenstand, solange es ihm
gefällt, zu seinem Preis und seiner Ehre führen mö-
gest. Ich danke dir sehr herzlich für deine Liebe, die
du durch deine angenehme Ermahnung, die du mir
zugesandt, an mir erwiesen hast; ich habe zu dem hei-
ligen Herrn auch ernstlich für dich gebetet, und hoffe
es für dich zu tun, solange ich in diesem zeitlichen Le-
ben bin; sei meiner auch eingedenk in deinem Gebete,
bis ich diesen sterblichen Rock abgelegt haben werde.
Hiermit befehle ich euch dem allmächtigen Gott
und dem Worte seiner Gnade und mache nun den
ewigen Abschied bis in die Auferstehung der Gerech-
ten; dann werden wir, hoffe ich, in einen Schafstall
versammelt werden, dann werden wir die erfreuli-
che Stimme unseres Bräutigams hören: Kommt, ihr
241
Gesegneten meines Vaters und besitzt das Reich, das
euch vom Anfang der Welt her bereitet worden ist. Se-
lig und heilig ist derjenige, der Teil hat an der ersten
Auferstehung, denn über denselben soll der zweite
Tod keine Gewalt haben, sondern wir werden Priester
Gottes und Christi sein, und mit ihm tausend Jahre
regieren, denn Christus ist die Auferstehung und das
Leben, und sollen wir die Stimme hören, so müssen
wir seiner teilhaftig sein.
Grüße mir die Freunde sehr im Herrn, insbesonde-
re die von Meene und Claes Moykaert und Janneken,
sein Weib; grüße mir auch Victor Maertens, ich habe
ihn in Dortrecht wohl gesehen, als ich in der Löwen-
grube lag. Grüße mir alle, die den Herrn fürchten, und
ermahne sie, daß sie fleißig seien, damit wir im neuen
Jerusalem alle Zusammenkommen mögen. Der Herr
des Friedens sei mit dir. Grüße deine Schwester sehr
von mir und alle diejenigen, die bei ihr sind.
Geschrieben von mir, Joris Wippe, deinem Manne
und Bruder in dem Herrn, der im Haag in Holland in
Banden liegt.
Der dritte Brief von Joris Wippe an seine Kinder,
als er abermals aus dem Haag nach Dortrecht
geführt wurde.
Ein ehrbares, tugendhaftes, gottseliges Leben in der
Furcht Gottes alle Tage eures Lebens zum Preis des Va-
ters und eurer Seelen Seligkeit, wünsche ich euch, mei-
ne herzlich geliebten und gehorsamen Kinder zum
herzlichen Gruß, Amen.
Meine herzlich und sehr geliebten drei Söhne, es ist
euch nun, wie ich hoffe, wohl bekannt, daß ich hier
um des Zeugnisses Christi, unseres Seligmachers, wil-
len, zum Preis seines allmächtigen Vaters in Banden
liege, und alle Tage mit Geduld erwarte, wenn es ihm
gefällt, meinen Leib und meine Seele zur Verherrli-
chung seines heiligen Namens aufzuopfern. Ich bitte
euch, meine lieben Söhne, mit dem alten Tobias, daß
ihr eure arme beraubte Mutter, welcher um des Na-
mens des Herrn willen alles genommen worden ist,
alle Tage eures Lebens in Ehren halten wollt, denn sie
hat euch, wie mir bekannt ist, unter großen Schmer-
zen und Pein zur Welt gebracht, und euch unter des
Herrn Hilfe mit großer Sorge und Fleiß so weit brin-
gen helfen; ich bin nun bisher euer Vorsteher gewesen,
mit großem Fleiß und Sorgfalt, um euch in der Furcht
Gottes zu seinen Ehren aufzuziehen; nun ist es der
Wille des Herrn, daß wir scheiden müssen, und lasst
euch solches nicht verdrießen. Werdet ihr aber nach
der Tugend streben, in der Furcht Gottes wandeln
und seine Gebote halten alle Tage eures Lebens, so
werden wir endlich mit allen auserwählten Kindern
Gottes in der Auferstehung der Gerechten in einen
Schafstall versammelt werden; ich ermahne euch mit
Tobias, daß ihr alle Tage eures Lebens Gott fürchten,
niemals in die Sünde einwilligen, oder auch Gottes
Gebote übertreten wollet, und daß ihr euer Brot mit
den Hungrigen essen und Almosen geben wollt, von
dem, was euch der Herr darreicht. Summa, dasselbe
Testament, welches Tobias seinem Sohne gab, das ge-
be ich euch auch, ihr könnt wohl lesen, ich bitte euch,
daß ihr dasselbe oftmals lest; und alles, was unsere
heiligen Väter ihren Kindern geboten haben, das lasse
ich auch euch, damit ihr solches fleißig haltet.
Ich segne euch nun alle, meine gehorsamen, lieben
und sehr geliebten Kinder, mit dem Gott, womit Abra-
ham, Issak und Jakob ihre Kinder und alle auserwähl-
ten Freunde Gottes gesegnet haben; ferner ermahne
ich dich, Joos, als meinen ältesten Sohn, und Hans-
ken, meinen zweiten Sohn, daß ihr alle Tage eures
Lebens eurer armen Mutter Vorsteher in der Furcht
Gottes sein wollt, und solches befehle ich auch dir, Bar-
bertgen, meiner lieben Tochter, daß du deiner Mutter
gehorsam sein, und ihr dabei behilflich sein wollest,
für alle eure kleinen Schwestern und Pierken Sorge
zu tragen; lernt auch lesen und seid fleißig in allen
guten Werken, damit ihr euer Leben in Heiligkeit und
in der Furcht Gottes zubringen mögt, gleichwie Sa-
rah, des jungen Tobias Weib, und haltet euch nicht
zu den unzüchtigen, leichtfertigen Töchtern dieser
Welt, deren Ende die Verdammnis sein wird, sondern
seid nüchtern, ehrbar und rechtschaffen in allem Han-
del, damit ihr behutsam sein und mit allen Tugen-
den geziert werden mögt, damit ihr, wenn Christus,
unser Bräutigam, kommt, mit den fünf klugen Jung-
frauen bereit sein mögt, um mit dem Bräutigam in
seines Vaters Reich einzugehen. Und nun befehle ich
dir, Joos und Hansken, daß ihr mit eurer gehorsamen
Schwester Barbertgen für eure drei kleinen Schwes-
tern und für Pierken Sorge tragen wollt, daß ihr sie
lesen und arbeiten lehrt, damit sie in aller Gerechtig-
keit zur Ehre Gottes und ihrer Seelen Seligkeit auf-
wachsen. Seid fleißig zu arbeiten mit euren Händen,
was ehrbar ist, und gedenkt der Worte des Apostels:
Es ist seliger geben als nehmen; damit ihr durch eure
Trägheit niemanden beschwerlich fallen mögt; bleibt
bei eurer Mutter, solange es dem Herrn gefällt, und
stellt euch in allen Dingen als ein Vorbild der guten
Werke dar. Werdet ihr aber dienen, so ermahne ich
euch, daß ihr eurem Herrn oder Meister untertänig
seid und euch ihm wohlgefällig erweist, ihm nicht
widersprecht, noch ihn herumtragt, sondern ihm gute
Treue in allen Dingen erweist, damit ihr die Lehre Got-
tes, unsers Seligmachers, in allen Dingen ziert; denn
die Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen und
242
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
lehrt uns, daß wir das ungöttliche Wesen und die welt-
lichen Lüste verleugnen und in dieser Welt züchtig,
gerecht und gottselig leben, und die selige Hoffnung
und Offenbarung der Herrlichkeit des großen Got-
tes und unseres Seligmachers Jesu Christi erwarten
sollen, der sich selbst für uns dahingegeben hat, da-
mit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse, und ihm
selbst ein Volk des Eigentums reinige, das zu guten
Werken fleißig wäre; ich ermahne euch alle, meine
lieben Kinder, daß ihr solches tut; tröstet eure Mutter,
und lest ihr oft, wenn ihr Zeit habt, ein oder zwei Ka-
pitel vor, und bringt die Zeit zu, die euch Gott gibt,
in aller Mäßigkeit und Gerechtigkeit, mit Bitten und
Flehen zu Gott, daß er euch vor dem Bösen bewah-
ren wolle; habt keine Gemeinschaft mit den Kindern
dieser Welt, damit ihr nicht samt ihnen ihrer bösen
Werke teilhaftig werdet; haltet allezeit Umgang mit
den Weisen, so werdet auch ihr weise werden, näm-
lich tapfer und freimütig, daß ihr euch vor dem Argen
hütet und alle Dinge nach dem Gesetze Gottes tut;
weicht nicht, weder zur Rechten noch zur Linken; tut
auch nichts dazu, noch davon, damit ihr vorsichtig
wandeln mögt, wo ihr hingeht, und lasst euch nicht er-
schrecken, denn euer Herr, euer Gott, ist mit euch, wo
ihr hingeht, und wird euer Beschützer sein; redet auch
allezeit die Wahrheit; euer Mund gewöhne sich nicht
zum Lügen; denn ein Mund, der da lügt, tötet die
Seele; wenn ihr aber redet, so redet Gottes Wort; dann
wird euch der Herr, euer Gott, wohl forthelfen von
einer Gerechtigkeit zu andern, denn vor ihm ist nichts
verborgen, seine Augen sind, wie Feuerflammen.
Hiermit nehme ich einen ewigen Abschied von
euch, meine lieben Kinder, bis zur Auferstehung, und
befehle euch sämtlich dem allmächtigen Gotte und
dem Worte seiner Gnade, Amen.
Der Geist müsse über euch bereit sein, um euch in
aller Gerechtigkeit zu trösten und zu stärken.
Geschrieben von mir, Joris Wippe, eurem Vater, ge-
fangen zu Dortrecht auf der Buylpforte um des Zeug-
nisses Jesu Christi willen.
Gotthardt von Nonnenberg und Peter Kramer, 1558.
Gotthard von Nonnenberg und Peter Kramer waren
beide treue Männer, welche unter den Brüdern im
Bergischen Lande einen erbaulichen Wandel führten,
wo damals die Wahrheit des Evangeliums wieder zu
leuchten anfing, und sehr viele Menschen dem Glau-
ben und der Erkenntnis der Wahrheit zufielen. Darum
sind diese beiden Männer zu Dienern der Gemein-
de und Armenpflegern berufen und erwählt worden,
welches Amt sie eine Zeitlang verwaltet und treulich
bedient haben, und weil sie in Christo Jesu gottselig
zu leben suchten, so ist auch darauf erfolgt, daß sie ha-
ben Verfolgung leiden müssen, wie sich solches erwie-
sen hat, denn sie sind beide in einer Nacht gefangen
genommen und nach Winnck gebracht worden. Hier
hat sie der Rentmeister aufgenommen, um seinen
Mutwillen an ihnen auszuüben und ihnen Schmach
anzutun; sie aber (die Männer) nahmen sich fest vor,
bei der Wahrheit zu bleiben.
Sie lagen daselbst eine lange Zeit gefangen und ha-
ben viele Anfechtungen und manchen Streit ertragen
und leiden müssen, damit sie die Wahrheit verlas-
sen sollten; für diesen Fall sollte ihnen das Leben ge-
schenkt sein, und sie sollten wieder zu ihren Kindern
und Weibern gehen. Aber das konnten sie aus Liebe
zu ihrem Herrn nicht tun, daß sie von der Wahrheit
abfallen und sich zu der Menschen Lehre wenden soll-
ten, sondern sie haben viel lieber ihre Weiber, Kinder
und ihre zeitlichen Güter verlassen, ja, auch zuletzt
ihr Leben, Fleisch und Blut gaben sie lieber dahin zum
Raube, damit sie die Krone besitzen und ihre Namen
im Buche des Lebens gefunden werden möchten. Als
nun die Zeit da war, daß man sie verhören sollte, so
hat man sie vor die Gelehrten gebracht, welche vie-
le listige Anschläge an ihnen ausübten; aber diese
Männer trieben, durch die Hilfe Gottes, ihre klugen,
listigen Anschläge zurück, ohne daß sie verzagt oder
davor erschrocken waren; sie suchten auch keinen
andern Rat oder Weg, sondern wie Christus vorgegan-
gen ist, so suchten sie ihm sein Kreuz nachzutragen,
worauf man sie auch verurteilt hat, mit dem Schwerte
hingerichtet zu werden.
Als man sie nun aus dem Gefängnisse dahin führ-
te, wo sie getötet werden sollten, waren und blieben
diese Männer mutig, fest und standhaft, wie eine Mau-
er, um bei der Wahrheit auszuharren und von dem
Glauben nicht abzufallen. Da nun alle Menschen ihre
Freimütigkeit ansahen und erkannten, daß es aufrich-
tige und fromme Leute wären, auch nun sahen, daß
sie um ihres Glaubens willen sterben mussten, so hat
fast jedermann geweint, der Rentmeister sowohl als
die Ratsherren, der Landesbote und Scharfrichter, wie
auch das gemeine Volk, aber das Herz dieser Männer
war voller Freuden, sie sangen auch vor Freuden mit
fröhlichem Gemüte. Da fing man abermals an, durch
mancherlei List mit dem Tröste des Lebens ihnen nach-
zustellen, um sie kleinmütig zu machen. Solches hat
sehr lange angehalten, bis nachmittags um zwei Uhr,
denn so lange hat es der Rentmeister verschoben, weil
er meinte, ihnen durch Schrecken bange zu machen
und hoffte, sie würden umkehren. Darum hat er sich
so große Mühe gegeben, ob er sie etwa auf seine Mei-
nung bringen möchte, daß sie in die Kirche gegangen
wären und der Pfaffen Lehre gehört hätten. Als aber
243
der Rentmeister bei diesen Männern nichts ausrich-
ten konnte, sie auf seine Meinung zu bringen, so hat
er den Scharfrichter gerufen und demselben die Ge-
fangenen eingehändigt. Der Scharfrichter tat solches
nicht gerne, sondern nahm sie auf mit Weinen, denn
es war ihm von Herzen bange, aber Gotthard sagte zu
ihm: Wie hat mich nach diesem Tage verlangt! Warum
zögerst du doch so lange? Als nun der Scharfrichter
anfing, diese Gefangenen zu binden, sagte er zu ihnen:
Liebe Männer, erschreckt nicht, denn Christus ist auch
unschuldig gebunden worden. Als aber der Rentmeis-
ter diese Worte hörte, sagte er zum Scharfrichter: So
musst du nicht sprechen. Da sagte Peter: Wir bleiben
fest beim Bunde des Herrn, solches hoffen wir nicht
zu brechen. Darauf fing Gotthardt an zu reden und
sagte: Hier muss man Trübsal leiden; wer endlich will
gekrönt werden, muss hier ritterlich streiten; die Braut
muss ebenso, wie ihr der Bräutigam vorging, durch
viel Leiden und Trübsal zur ewigen Freude eingehen.
Dieses lehren uns die Reden Christi, daß der Herr zwi-
schen zwei Mördern gekreuzigt sei, solches macht uns
das Kreuz und Leiden leicht; darum fürchten wir auch
weder Würgen noch Morden; denn haben sie das am
grünen Holze getan, was wird mit dem dürren gesche-
hen? Die Diener Gottes müssen den sauren Wein hier
auf Erden trinken; wenn wir aber zu Christo kommen,
so werden wir mit ihm neuen und süßen Wein trin-
ken. Zuerst müssen wir das Leiden ertragen. Damit
streckten sie ihre Hände aus und ließen sich gutwillig
binden, worüber sich viele Menschen verwunderten,
ja, das gemeine Volk erstaunte und sagte: Welche wun-
derbaren Dinge sieht man hier! Diese Männer gehen
so gutwillig zum Tode und konnten doch so leicht
frei werden. Gotthard sprach: Wir sterben nicht, son-
dern wir gehen durch den Tod zum ewigen Leben,
zu Gott und allen seinen lieben Kindern ein, dessen
haben wir eine gewisse Hoffnung; darum nehmen wir
diesen Tod mit Freuden auf und haben das Vertrauen,
daß wir Gott gefallen werden. Als nun der Augen-
blick herannahte, daß sie sterben sollten, so standen
sie in aufrechter Stellung, riefen Gott im Himmel an
und küssten einander als Brüder Christi (zum Zei-
chen der brüderlichen Liebe und Einigkeit) mit dem
angenehmen Kusse des Friedens, als solche, die mit
Gott verbunden sind. Also sind sie, aufrechtstehend,
enthauptet worden. Weil sie aber unrechtmäßig ge-
richtet wurden, so sagte der Scharfrichter mit großer
Angst und Bangigkeit, er wolle dergleichen Männer
nicht mehr richten.
Als nun die Häupter abgeschlagen waren, wollte
das gemeine Volk nach Hause gehen, aber der Rent-
meister rief dem Volke zu, eilt doch nicht so davon,
sondern helft erst diese frommen Männer begraben;
sie sind um keiner Übeltat willen gestorben, sie sind
weder Diebe noch Mörder, sie waren fromm in ih-
rem Leben und Wandel; sie haben einen Glauben an-
genommen, welchen die Herren und Fürsten nicht
verstehen konnten; darum mussten sie leiden. Also
sind diese frommen Zeugen Gottes begraben worden,
ihr ausgesätes Blut aber ist an diesem Orte nicht un-
fruchtbar geblieben. Gott sei Ehre für alles, Amen.
Geschehen ungefähr im Jahre 1558.
Hans Schmid, Henrich Adams, Hans Beck,
Mattheis Schmid, Dilman Schneider, mit noch
sieben andern, im Jahre 1558.
Im Jahre 1558 ist der Bruder Hans Schmidt, ein Diener
des Wortes Gottes, von der Gemeinde zu des Herrn
Werk ausgesandt worden, um solche aufzusuchen
und zu versammeln, die da eifrig um die Wahrheit
wären. Als er nun, wie von Gott getrieben, sich vor-
nahm, die Niederlande zu durchziehen, ist er den 9.
Januar in die Stadt Aachen mit noch fünf Brüdern
und sechs Schwestern gefangen genommen worden.
Als sie nämlich in einem Hause versammelt waren,
um von dem Wortes Gottes zu handeln und sich im
Gebete befanden, so sind des Nachts viel Diener und
Pilatuskinder durch Verräterei dahin gekommen, wel-
che mit Spießen, Hellebarden und bloßen Schwertern,
auch mit Stricken und Banden wohl versehen, das
Haus umringt und die Kinder Gottes gefangen ge-
nommen und gebunden haben; auch nahmen sie eine
Mutter nebst ihrem Kinde mit, das in der Wiege lag;
aber dieselben hielten sich tapfer, trösteten sich un-
tereinander, daß sie unverzagt sein sollten, weil sie
um der Wahrheit Gottes willen gefangen waren, und
als sie einander Trost zugesprochen, fingen sie an, vor
Freude zu singen. Sie wurden bald voneinander ab-
gesondert und in Gefängnisse gelegt; die Schwestern
aber waren in ihren Gefängnissen fröhlich und san-
gen, daß sich die Leute darüber verwunderten. Des
Morgens führte man sie vor den Richter; dieser rede-
te mit einem jeden einzeln, und ließ sie dann, als er
ihre Standhaftigkeit vernahm, wieder ins Gefängnis
bringen. Aber des andern Tages wurde der Diener
abermals vor die Herren gerufen, um ihnen anzuge-
ben, wie viel er getauft hätte, wer sie wären, und wo
die Gemeinde ihre Versammlung hätte; aber er sag-
te, sie sollten wissen, daß er lieber sein Leben lassen,
als solches sagen und dadurch ein Verräter werden
wollte; er wurde deshalb gepeinigt und eine Viertel-
stunde hindurch ausgespannt, wozu er sich gutwil-
lig übergab; er zog seine Kleider selbst aus und ging
zur Folterbank. Als sie nun damit nichts ausrichten
konnten, gingen sie fort, kamen aber bald wieder und
244
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sagten: Du musst uns beantworten, was wir dich ge-
fragt haben, oder wir wollen dich so peinigen, daß wir
auch deine Glieder voneinander reißen wollen; auch
fragten sie ihn nach der Kindertaufe; er erwiderte, die
Kindertaufe sei von Menschen eingesetzt, dafür hielte
er sie, und nicht für die rechte christliche Taufe.
Sie fragten auch, was er vom Sakramente hielte; er
entgegnete: Ich halte viel davon, aber was die Pfaf-
fen brauchen, das ist ja nicht das rechte Abendmahl
Christi, sondern ein abgöttisches Wesen.
Darauf haben sie ihm Hände und Füße gebunden,
ihm auch an die letzteren einen großen Stein gehängt,
der nicht viel weniger als hundert Pfund schwer war,
und haben ihn so aufgewunden, daß sogar der Ring
am Steine zerbrach und der Stein liegen blieb; sie nah-
men aber einen Strick, befestigten denselben statt des
gebrochenen Ringes an den Stein, hingen ihm den-
selben an die Füße und ließen ihn so geraume Zeit
hängen; doch konnten sie nicht erlangen, was sie be-
gehrten, darum ließen sie ihn wieder herunter und
brachten ihn ins Gefängnis bis des Sonntags früh; da
kamen die Herren der Stadt mit sieben Pfaffen, die ihn
nach seiner Bestallung fragten, worauf er antwortete,
er hätte sich nicht ins Amt gesetzt, sondern Gott und
sein Geist in seiner Gemeinde; denn gleich wie Gott
seinen Sohn gesandt hat, der Sohn aber die Apostel in
alle Welt, so sendet er auch noch seine Diener durch
seinen Geist, daß sie zuerst das Wort Gottes predigen
sollten, den aber, der solches hört, versteht und glaubt,
sollten sie taufen, und nicht die säugenden Kinder;
sie fragten ihn auch wegen der Obrigkeit, ob er sie für
christlich hielte oder nicht; er sagte, zunächst hielte
er sie für Diener Gottes, sie seien aber von den Pfaf-
fen verführt, falsch belehrt und in die Kirche Christi
nicht einverleibt; auch haben sie ihn gefragt, woher
die Obrigkeit sei; er sagte: Das Amt und die Gewalt
ist von Gott; dann fragten sie, ob sie auch Christen
wären. Er antwortete, wenn sie sich selbst verleugnen,
von sich selbst ausgehen, das Kreuz aufnehmen, ihre
Tyrannei und Pracht ablegen und Christo nachfolgen,
so können sie wohl Christen sein, aber sonst nicht.
Sie fragten ihn auch wegen des Eidschwurs. Er sag-
te, Christus habe solchen verboten, und dergleichen
noch mehr, was wir aber der Kürze wegen auslassen.
Endlich fragten sie wegen der Menschwerdung
Christi; er sagte, er glaube, Christus sei ein wahrer
Gott und wahrer Mensch, die Sünde ausgenommen.
Zuletzt sagten sie ihm, wenn er noch von seiner Taufe
abstehen und bekennen wollte, daß er geirrt habe, so
wollten sie ihm Gnade beweisen; aber er antworte-
te, gleichwie er die lautere Wahrheit gelehrt hätte, so
wollte er auch dabei bleiben. Da sagten sie, er wäre in
ihrer Stadt, darum sollte er nicht so tun, und wenn sie
solches nicht strafen würden, so würde sie der König
oder der neue Kaiser am Leibe strafen; mit derglei-
chen Worten verteidigten sie sich, wie Pilatus; aber
der Bruder entgegnete, solches würde ihnen schon
schwer fallen, denn obschon Gott alle Sünden vergebe,
so würde er doch das unschuldige Blut rächen, auch
sollten sie nicht denken, daß sie imgestraft bleiben
würden, wenn sie ihn töten würden; denn es würde
der Handel vor Christum kommen, der würde die Sa-
che richten und sich seiner an jenem Tage annehmen.
Hierauf haben sie ihn wieder in das Gefängnis geführt
und ihn darin liegen lassen bis den Montag Abend,
da kam der Richter wieder mit mehreren andern und
einem Mönche, um mit ihm zu handeln, aber sie rich-
teten nicht viel aus, sondern er beschämte den Mönch
so sehr, daß er froh war, als er wieder fortging. Da
wurden viel mehr Mönche und Pfaffen geschickt, um
wieder mit ihnen zu handeln und einen Wortstreit mit
ihm zu halten, aber sie wurden zu Spott und Schan-
den und konnten diesen Frommen nicht zum Abfalle
bringen. Bald darauf führte man sie wieder vor und
untersuchte sie, aber Gott gab ihnen allezeit Weis-
heit und einen Mund ohne Scheu zu reden, daß sie
an ihnen kein Unrecht und keine Ursache des Todes
finden konnten, es sei denn, daß sie den Kaiser zu
gering achteten. Einmal brachten sie zu dem Bruder
Henrich insbesondere eine listige Schlange und Läs-
terer, wobei sie sagten: Ihr verlangt keine Geistlichen,
nämlich Mönche und Pfaffen, darum haben wir dir
einen weltlich-gelehrten Mann zugeordnet, um dich
zu unterweisen; aber Henrich sprach, er wolle von
ihm nicht unterwiesen sein, es sei denn, daß er von
Gott und seinem Worte genug unterrichtet wäre, denn
er wollte das Leben nicht bei einem Toten suchen. Da
wollte dieser gelehrte Mann die Kindertaufe bewei-
sen und sagte, die Apostel hätten dieselbe eingesetzt,
aber Henrich antwortete und redete ihm so zu, daß er
öffentlich bekennen musste, daß zu der Apostel Zei-
ten keine Kinder getauft worden seien, auch, daß sie
keinen Glauben in ihrer Kindheit hätten; solches hat
Henrich mit Kreide auf die Tafel geschrieben, und zu
den widerspenstigen Herren gesagt, sie müssten des-
sen Zeugen sein, auch bezeugen, wie er verstummt
sei; ferner sagte er: Eben so werden alle eure Gelehrten
zu Schanden vor des Herrn Wort.
Einige von den Herren sagten, wenn man diese
töten würde, so sollten sie ihre Heimat verlassen.
Einmal hat man sie, die Brüder und Schwestern alle
zwölf, zusammen gelassen, bei welcher Gelegenheit
sie von vier Uhr morgens bis zehn Uhr abends bei-
einander verweilten, auch fröhlich und guten Mutes
waren, sich miteinander aus des Herrn Wort unterre-
deten, und anfingen, Gott zu bitten und zu loben.
245
Der Bruder Hans, als der Diener, betete ihnen vor,
so laut als er konnte, sodass das Volk herbeilief und
zuhörte. Als solches aber vor die Herren kam, sandten
sie den Amtmann dahin; dieser fragte, warum sie ein
solch lautes Geschrei gemacht hätten; sie hätten, ant-
worteten sie, gebetet; doch waren sie eben am Ende,
als er ankam. Ein Bruder, Mattheis, sagte: Wir wollen
Gott anrufen, mag uns jemand verbieten oder nicht.
Des Nachts um zehn Uhr führte man sie wieder von-
einander; da haben sie mit Freuden durch die Stadt
gesungen und ihren Glauben bekannt gemacht. Einige
Ratsherren waren blutdürstig und wollten sie töten,
einigen aber war es zuwider, denn sie wurden es ge-
wahr und erkannten es, daß sie unschuldig wären.
Der Scharfrichter kam wohl fünfmal in der Meinung,
sie zu richten, aber der Rat war noch nicht mit sich
einig. Sie waren Willens, den Diener und den Bruder
Henrich zuerst zu richten, denn diese hatten sich am
meisten verantwortet und ihnen widersprochen, ob
etwa die andern dadurch abgeschreckt werden möch-
ten. Als der Diener von seinem Tode hörte, fing er
freudig an zu singen, dankte daneben Gott und bat
ihn von Herzen, er wolle an ihm einen Wohlgefallen
haben.
Den 23. August wollten sie den Diener Hans und
den Bruder Henrich hinrichten; man führte sie vor Ge-
richt ins Gewölbe bei dem Pranger, wo viel Volk zulief,
worunter auch einige waren, die ihnen zugehörten
und ihnen Speise und Trank zugeschickt hatten. Sie
gingen mit lachendem Munde durch das Volk nach
dem Richtplatze hin, und als sie den großen Zulauf
des Volkes von allen Orten sahen, sagte der Diener: O
welch eine schöne Hochzeit werden wir nun haben,
weil so viel Volk zusammenkommt! Sie waren sehr
froh und hofften, denselben Tag nach ins Paradies
zu kommen zu ihren Brüdern und Schwestern, die
vorhergegangen, mit allen Frommen, von welchen er
viele gekannt hatte. Es kamen noch zwei Mönche, die
sie noch mit einer falschen Lehre zu verführen such-
ten; diesen widersprach der Diener ein wenig und
wies ihnen ihren Beruf nach, womit sie umgingen; zu-
letzt aber wollte er nicht mehr mit ihnen reden und
sagte: Ich will ja bei der Wahrheit bleiben; die Stunde
meines Abschieds ist vorhanden; ich habe nun etwas
anderes zu tun, als dir zu widersprechen. Als sie nun
zum Tode verurteilt werden sollten, konnten die sie-
ben Ratsherren über das Urteil nicht einig werden
und ließen ihnen sagen, sie wollten ihnen noch einen
gelehrten Mann zusenden, um sie zu unterrichten;
wenn sie denselben hören würden, so sollte zu ihrem
Besten die Sache noch aufgeschoben werden, sonst
aber müssten sie des Todes sterben, wiewohl sie (die
Ratsherren) es ungern sehen würden; aber Hans und
Henrich sagten unerschrocken, sie wollten standhaft
bleiben und von der Wahrheit weder zur rechten noch
zur linken Seite abweichen; ihretwegen dürfte man
sie nicht verschonen noch länger zögern; sie könnten
wohl das Urteil fällen; wenn sie aber dadurch eine
schwerere Anklage beabsichtigten, so wären sie ja mit
demjenigen zufrieden, was die Herren zu tun belieb-
ten. Die Herren steckten die Köpfe zusammen und
ließen das umstehende Volk wieder davongehen. Als
nun diese beiden bemerkten, daß das Recht nicht voll-
zogen wurde, waren sie betrübt, denn sie hatten sich
ganz dem Tode übergeben und meinten, daß sie gegen
die Schlangenlist genug gestritten hätten. Also ging
die Menge auseinander, jeder zu den Seinen, wie ein
Volk, das die Schlacht verloren hat, und als der Abend
kam, mussten die Angeklagten wieder ins Gefängnis
gehen, worüber sie traurig waren, denn sie meinten,
sie würden nun die Wahrheit mit ihrem Blute bezeu-
gen, aber sie mussten auf eine andere Zeit warten. Da
man sie aber wieder nach dem Gefängnisse führte, hat
solches dem Volk viel Nachdenken verursacht; einige
sagten, Gott hätte dem Handel widerstanden und ihn
verhindert.
Einer von den Ratsherren hatte sich fest vorgenom-
men, man sollte sie nach Verlauf von acht Tagen rich-
ten, und nicht länger verziehen, aber es ging doch
nicht vor sich, denn sie lagen noch bis in den Herbst
im Gefängnisse, mussten auch noch viel leiden und
mancherlei Anfechtungen erdulden; endlich hat man
sie verurteilt und hingerichtet.
Hans Schmid, als der Diener, wurde zuerst hinge-
richtet. Als nun derselbe durch die Stadt hinausge-
führt wurde, sang er freudig, hat auch nachher nicht
viel mehr geredet, sondern ist als ein geduldiges und
stummes Lämmlein eilend nach dem Richtplatze ge-
gangen, wo man ihn mit einem Stricke an dem Pfahle
erwürgt, ihn dann mit einer Kette daran befestigt und
mit Feuer versengt hat; so hat er sein Opfer verrichtet
den 19. Tag im Oktober, im Jahre 1538. Drei Tage dar-
auf führte man die andern vor und verurteilte sie zum
Tode, nämlich: Henrich Adams und seinen Schwager
Hans Beck. Es war einer unter den Ratsherren zu Aa-
chen den Brüdern allezeit sehr aufsässig; daher hat
es sich einmal zugetragen, daß, als sie mit Henrich
handelten, und er sich nicht bewegen lassen wollte,
dieser Ratsherr zornig wurde und sagte: Weg mit ih-
nen, weg mit ihnen, zum Tode, zum Feuer, denn es
ist alles verloren; man sollte ihnen keine Gnade mehr
anbieten; aber der Bruder Henrich sagte zu ihm: Du
wirst den Tag nicht erleben, wo du meinen Tod sehen
wirst; dies ist auch geschehen, denn er ist drei Tage
vor dem Henrich gestorben, an eben demselben Tage,
als der Diener Hans Schmid hingerichtet wurde. Als
246
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
er auf dem Totenbette lag, hat er allen Trost verloren.
Er raufte sich mit seinen Händen den Bart aus und
rief schrecklich, daß er viel Volk verurteilt, woran er
sich gewiss versündigt hätte, daß er auch von Gott
wegen seiner Blutdürstigkeit gestraft werden würde,
und dergleichen Reden noch mehr.
Als man nun den Bruder Henrich Adams mit den
andern zum Tode führte, band der Scharfrichter sei-
ne Hände so fest zusammen, daß seine Finger da-
von schwarz wurden; er aber erhob seine Hände zu
Gott, und lobte ihn, daß er gewürdigt wäre, solches
zu leiden; unterdessen wurden die Bande an seinen
Händen locker, welche aber so fest wie zuvor wieder
gebunden wurden; es half aber nichts, denn wenn er
seine Hände wieder erhob, so fielen sie abermals ab.
Solches ist einige Male geschehen, sodass der Richter
endlich zornig wurde und zum Scharfrichter sagte, er
sollte ihn fester binden; der Scharfrichter aber sprach:
Du siehst ja wohl, daß kein Binden an ihm etwas hilft;
das letzte Mal warf Henrich das Band unter das Volk,
sodass er auch nicht mehr gebunden wurde, und sag-
te: Gott will nicht haben, daß ich gebunden sein soll.
Er sagte auch, daß solche Gewalt Gott zuwider wäre,
und hat ferner freimütig geredet bis ans Ende. Nach-
her hat man diese beiden Brüder, Henrich Adams
und seinen Schwager (gleichwie zuvor dem Diener
geschehen) mit einem Stricke am Pfahle erwürgt, sie
sodann mit einer Kette daran gebunden und mit Feu-
er versengt, welches den 22. Tag des Monats Oktober
im Jahre 1558 geschehen ist. Es war aber eine große
Menge Volk gegenwärtig, sowie auch nachher, als
die Brüder Mattheis Schmid und Dilman Schneider
auf den 4. Januar, im Anfänge des Jahres 1559, hinge-
richtet wurden. Also haben diese fünf die göttliche
Wahrheit tapfer und standhaft mit ihrem Blute be-
zeugt, obschon einige noch nicht mit der Gemeinde
vereinigt waren.
Der sechste Bruder, der mit den andern gefangen
war, ist durch viele Verhandlungen mit den Gottlo-
sen zum Abfalle von seinem Glauben bewogen wor-
den; als er aber freigelassen ward, hat er seinen Abfall
herzlich beweint, ernstliche und rechtschaffene Buße
getan und sich wieder zu der Gemeinde begeben. Die
sechs Schwestern, welche auch mit gefangen waren,
wurden scharf mit Ruten gegeißelt und so ließ man
sie ihres Wegs ziehen; sie sind aber freudig im Herrn
und standhaft im Glauben wieder bei ihren bekannten
Glaubensgenossen angekommen.
Jaques d'Auchi, 1558 gefangen genommen, aber zu
Leeuwarden um des Zeugnisses Jesu Christi
willen, im Jahre 1559, getötet.
Ein Bekenntnis des Glaubens des Jaques d'Auchi, wel-
cher in der Stadt Leeuwarden gefangen lag und das-
selbe nachher mit seinem Tode bezeugt hat.
Ich glaube an einen einigen Gott, den allmächti-
gen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, wie
geschrieben steht, an welchen Abraham, Isaak und
Jakob, Mose und die Propheten geglaubt haben; ich
glaube an Jesum Christum, den ewigen Sohn des Va-
ters, welcher von Anfang bei Gott war, und als die Zeit
erfüllt war (welche Gott verheißen hatte) ist dieses
Wort Fleisch geworden, geboren von dem Geschlechte
Davids, von einer reinen Jungfrau, welche mit einem
Manne, genannt Joseph, von dem Geschlechte Davids,
verlobt war, und welche über alle Weiber gesegnet ist;
ich glaube, daß dieser wahrhaftige Sohn Gottes, durch
viele Zeichen uno Wunderwerke, das Wort von sei-
nem Vater verkündigt habe; nachher ist er zum Tode
überantwortet und unter Pontius Pilatus gekreuzigt
und begraben worden; ich glaube, daß eben derselbe
Jesus Christus für uns gelitten und, als wir seine Fein-
de waren, den Tod für uns erlitten hat, auf daß, die
an ihn glauben, nicht umkommen, sondern das ewige
Leben haben. Ich glaube, daß dieser unser Seligma-
cher von den Toten auferweckt worden ist, gleichwie
er vorher gesagt hat, und daß er zur Rechten Gottes,
seines Vaters, sitzt; ich glaube auch an den Heiligen
Geist, gleichwie Johannes solches in seinem ersten
Briefe im fünften Kapitel bezeugt, wenn er sagt: Drei
sind, die da zeugen im Himmel: Der Vater, das Wort
und der Heilige Geist, und diese drei sind eins; ich
glaube auch an die Gemeinschaft der Heiligen, wel-
cher Gebet viel vermag für uns; ich glaube auch an die
heilige Gemeinde, in welcher diejenigen sind, die an
Jesum Christum glauben, welche durch einen Geist
in einen Leib getauft sind, wie Paulus sagt: Wovon
Jesus Christus das Haupt ist, nämlich von der heiligen
Gemeinde, wie daselbst geschrieben steht.
Ich glaube, daß diese heilige Gemeinde Macht habe
zu binden und zu lösen, aufzuschließen und zuzu-
schließen, und was sie bindet auf Erden, das ist auch
im Himmel gebunden, und was sie auf Erden löst,
das ist auch im Himmel gelöst; ich glaube, daß Gott in
dieser heiligen Gemeinde Apostel, Propheten, Lehrer,
Bischöfe und Diener verordnet habe.
Ich glaube und bekenne auch eine Taufe in dem Na-
men des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes,
wie unser Herr Jesus Christus befohlen und verord-
net hat, welche die Apostel in der Übung gehabt und
davon geschrieben haben, und glaube auch, daß alle.
247
die diese Taufe empfangen haben, Glieder des Leibes
Jesu Christi in der heiligen Gemeinde seien.
Was das heilige Abendmahl Jesu Christi betrifft, so
glaube und bekenne ich davon, gleichwie Christus
gesagt hat, wie geschrieben steht, als sie das Abend-
mahl aßen: Jesus nahm das Brot, dankte, brach es und
gab es seinen Jüngern und sprach: Nehmt, esst, das
ist mein Leib, und nahm den Kelch, dankte, und gab
ihnen denselben und sprach: Trinkt und teilt ihn unter
euch, denn dies ist mein Blut des Neuen Testamentes,
welches für viele zur Vergebung der Sünden vergos-
sen wird; tut das zu meinem Gedächtnis. Ich glaube
dieses, wie Paulus bezeugt, wenn er sagt, der Kelch
der Danksagung, womit wir Dank sagen, ist der nicht
die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das
wir Brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes
Christi? Wer mein Fleisch isst, und mein Blut trinkt,
der hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwe-
cken am jüngsten Tage.
Ich erkenne und bekenne, daß der Ehestand eine
Ordnung Gottes sei, nämlich ein Mann und ein Weib
miteinander verbunden im Namen des Herrn und
der heiligen Gemeinde; darum wird ein Mensch Vater
und Mutter verlassen und wird seinem Weibe anhan-
gen, und beide werden ein Fleisch sein; darum sind sie
nicht zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusam-
mengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden;
und das Bett sei unbefleckt, denn Gott wird die Hurer
und Ehebrecher richten.
Ich bekenne auch, daß das Fasten und Beten, wie
die Apostel getan haben, sehr nützlich sei; ich halte
die Worte des heiligen Jakobus für gut und wahr-
haftig, wenn er sagt: Bekenne einer dem andern die
Sünde, und bittet füreinander, damit ihr selig werdet;
ich glaube, daß man solches mit aufrichtigem Herzen
tun müsse.
Ich erkenne und bekenne auch, daß die Obrigkeit
von Gott eingesetzt und verordnet sei, zur Strafe der
Bösen und zum Schutze der Guten, denn sie trägt das
Schwert nicht umsonst; solcher Obrigkeit befiehlt uns
die Schrift Untertan zu sein, und lehrt uns, für die-
selbe zu bitten, damit, wie Paulus sagt, wir ein stilles
und ruhiges Leben führen mögen. Paulus sagt auch,
daß die Macht ein Diener Gottes sei; weil sie denn
nun ein Diener Gottes ist, so wollte ich gebeten haben,
es sich gefallen zu lassen und mir Barmherzigkeit zu
erweisen, gleichwie Gott barmherzig ist. Hier entsage
ich allen denen, die sich der Macht durch das Schwert
und durch die Gewalt widersetzen wollen, und halte
solches für eine deutliche Lehre.
Ich glaube auch an die Auferstehung der Toten,
gleichwie geschrieben steht, daß alle Menschen von
den Toten in ihren eigenen Leibern auferstehen sol-
len, wenn der Herr kommen wird in den Wolken mit
seinen Engeln; dann wird er einen jeden nach seinen
Werken richten.
Summa: Ich glaube alles, was ein wahrhafter Christ
zu glauben schuldig ist von der heiligen Gemeinde;
und an die Glaubensartikel glaube ich von ganzem
Herzen, und will auch darin leben und sterben. Hier
sage ich mich los von allen falschen Lehren, Ketze-
reien und Sekten, welche mit Gott und seinem Worte
nicht Übereinkommen, und wenn ich etwa durch eini-
ge falsche Lehren geirrt haben möchte, so bitte ich den
allmächtigen Herrn, daß er mir solches durch seine
große Liebe und Barmherzigkeit vergeben wolle.
Ich bitte auch, daß sie es mir durch die große Liebe
und Barmherzigkeit Gottes vergeben wollen, worin
ich etwa gegen den Kaiser oder König, oder sonst
jemanden gesündigt haben möchte.
Des Jaques d'Auchi Bekenntnis, welches er vor
dem Commissarius und dem Inquisitor, den man
Ketzermeister nennt, abgelegt hat.
Nachdem ich zehn Wochen gefangen gelegen hatte,
wurde die erste Untersuchung mit mir angestellt. Den
3. Tag im Januar des Jahres 1558, den Anfang des Jah-
res vom Neujahrstag an gerechnet, kam nämlich nach-
mittags der Stockmeister zu mir und sagte, ich soll-
te vor den Verordneten erscheinen, um über meinen
Glauben verhört zu werden. Da war ich mit freudigem
Mute bald fertig und bin mit dem Stockmeister dahin-
gegangen. Als ich in den Saal kam, wo der Verordnete
saß, hatte ich ihn demütig gegrüßt, worauf er mich
auch wieder gegrüßt und die Worte gesagt: Jaques,
ist dein Name Jaques d'Auchi? Jaques: Ja, mein Herr.
Commissarius: Jaques, ich bin im Namen des Königs
und des Generalanwalts hierher verordnet, um dich
wegen deiner Glaubensartikel zu hören. Jaques: Wohl-
an, mein Herr, im Namen des Herrn muss solches ge-
schehen. Nach vielen Reden, die wir in Ansehung des
Glaubens miteinander wechselten, fing er an, mich zu
fragen, wo ich geboren wäre, und redete dann mit mir
von meiner Wohnung, von meinem Aufenthalte und
Umgang von meiner Jugend an bis auf die gegenwär-
tige Zeit, was ich ihm alles bekannte. Darauf hat mich
der Stockmeister wieder ins Haus gebracht.
Des andern Tages, nämlich den 4. Januar desselben
Jahres, wurde ich nachmittags abermals vor denselben
Commissarius gebracht. Als ich nun vor ihm stand,
fing er an, die Hirten und die Herde Christi zu lästern,
zu schelten und zu schmähen, und sagte: Ist es nicht
ein jämmerliches Ding, daß wir uns so verführen las-
sen? Jaques: Ja, mein Herr. Commissarius: Ich sage
von euch und andern mehr, die unsere Mutter, die
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
heilige Kirche, verlassen, und sich von einem Haufen
leichtfertiger Müßiggänger und Landläufer betrügen
lassen. Jaques: Ich habe mich von solchen nicht betrü-
gen lassen. Commissarius: Nicht? Als du den verfluch-
ten, schändlichen Menschen und Bettlern, wie dem
Menno, Leonhard, Henrich von Frieden, Franz von
Kuyper, Jelis von Aachen, und andern dergleichen
Bösewichtern glaubtest, und uns und das wahrhafti-
ge Wort Gottes verließest, hast du dich denn damals
nicht betrügen lassen? Jaques: Ich habe das Wort Got-
tes nicht verlassen, denn mein Glaube ist auf das Wort
Gottes, nicht auf Menschen oder Menschenlehre ge-
gründet, indem der Prophet Jeremia ruft: Verflucht
ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt und
Fleisch für seinen Arm hält.
Kurz darauf rief der Commissarius: O die Bösen!
Wie viele Menschen haben Menno und Leonhard ver-
führt und zu allen Teufeln in die Verdammnis geführt.
Jaques: Mein Herr, ich bitte dich, du wollest derglei-
chen Worte nicht reden, denn es würde dir zu hart
und schwer fallen, es zu beweisen, daß sie solche sind,
wie du sie nennst; sie haben nicht betrogen, sondern
das Wort Gottes klar ausgelegt; ich glaube auch nicht,
daß diejenigen, die dem Worte Gottes geglaubt haben,
ins Verderben fallen werden. Der Herr aber wird alles
wohl richten.
Commissarius: Ich will nicht disputieren, denn ich
selbst lasse mich von denen unterrichten, die in der
heiligen Kirche gelehrt sind; aber ich weiß wohl, was
hinter euch und eurer Lehre steckt: Hättet ihr die
Macht, ihr solltet uns wohl die Kehle abschneiden,
wie man gesehen hat, daß von eurem Volke zu Müns-
ter, zu Amsterdam und andern Orten geschehen ist.
Jaques: O mein Herr, rede doch solche Worte nicht
wider dein Gewissen; denn ich glaube, du weißt es
viel besser, weil du schon wie du sagst, zwanzig Jahre
hier im Rate gewesen bist (dies hatte er mir zuvor ge-
sagt), darum halte ich dafür, daß du uns besser kennst;
hätten wir solche böse Herzen, daß wir die Leute er-
morden wollten, wir würden uns selbst euch nicht in
die Hände geben; denn wenn wir gegen unser Herz
handeln und euch die Wahrheit verbergen wollten, so
hättest du keine Macht über uns, denn du würdest
niemanden finden, der uns mit Wahrheit anklagen
kann, dass wir jemandem Unrecht oder Schaden ge-
tan haben.
Commissarius: Woher kommen denn so viele Sek-
ten und Ketzereien? Woher entspringt so viel Aufruhr
und Meuterei? Jaques: Was die Sekten und Ketzereien
betrifft, die auf Erden sind, die von Münster, Amster-
dam oder anderswo ausgehen, so haben wir weder
Gemeinschaft noch Teil an ihren Werken oder ihrer
Lehre, sondern wir halten sie für teuflische Lehren;
auch können alle solche Dinge die Wahrheit nicht hin-
dern, daß sie nicht Wahrheit sei, und daß die Christen
nicht die rechten Christen sein sollten, ebenso wenig,
als zu den Zeiten der Apostel alle Sekten und Ketze-
reien, die rund um sie her waren, und noch einige
Spuren des Wortes Gottes behalten hatten.
Nach diesen und vielen andern Worten, die wir zu-
sammen wechselten, fing er an, sanfter zu werden,
und sagte zu mir: Du musst nicht so hoch studieren,
sondern dich von denen unterrichten lassen, die ge-
lehrter und weiser sind als du und an das Wort Gottes
glauben. Jaques: O mein Herr! Sollte ich an das Wort
Gottes nicht glauben? Um dieses Wortes willen bin ich
hier gefangen und stehe gegenwärtig vor euch, um
darüber Antwort zu geben. Commissarius: Du bist
nicht um des Wortes Gottes, sondern um deiner vielen
bösen Werke willen gefangen. Jaques: Mein Herr, hast
du gehört, daß mich jemand angeklagt hat, daß ich
ihm auf irgendeine Weise Unrecht oder Schaden zuge-
fügt habe? Commissarius: Nein, ich habe nicht gehört,
daß man irgendeine Klage wider dich vorgebracht
hat. Jaques: Der Herr sei gelobt, daß es nicht um mei-
ner Ungerechtigkeit, sondern um des Zeugnisses des
wahren Glaubens willen geschehen ist.
Commissarius: Dem ist nicht so, sondern um deiner
Missetat willen, weil du gegen die kaiserliche Majestät
gehandelt und den Befehl des Königs, unseres Herrn,
übertreten hast. Jaques: Habe ich des Königs Befeh-
le übertreten, so ist solches eine geringe Sache, weil
ich, indem ich solches getan, den Befehl des Königs,
welcher der wahre Gott rmd ewige König ist, erfüllt
habe. Commissarius: Du hast auch den Befehl Gottes
und unsrer Mutter, der heiligen Kirche, übertreten.
Jaques: Mein Herr, du so wenig als irgendein anderer
Mensch kannst mir solches mit der Heiligen Schrift
beweisen, daß ich nach derselben den Befehl Gottes
übertreten habe. Commissarius: Man wird dir solches
wohl beweisen. Wohlan, laß uns die Artikel, die mir
zu untersuchen befohlen sind, ans Ende bringen.
Wir redeten sonst noch vieles, welches hier zu er-
zählen zu weitläufig sein würde; überdies sind mir
diese Reden auch größtenteils aus dem Gedächtnis-
se entfallen. Der Commissarius war etwas verzagt
und gab mir in allem Gehör, was ich auch reden woll-
te. Dann fragte er mich, wann ich nach Emden ge-
kommen wäre, wo ich mich niedergelassen, und ob
ich Nachricht erhalten hätte, zu solchem Volke zu
kommen. Ich antwortete: Ja. Commissarius: Von wem
hast du Nachricht erhalten? Jaques: Von einem guten
Freunde.
Commissarius: In welchem Hause warst du? Jaques:
Ich kenne das Haus nicht, worin ich war. Commissa-
rius: Wer war es, der dich zu dem Leonhard führte?
249
Jaques: Es waren Männer und junge Gesellen, Frau-
en und Jungfrauen. Commissarius: Wie heißen sie?
Jaques: Was ihre Zunamen betrifft, so hätte ich viel
zu tun gehabt, wenn ich sie nach ihrem Namen und
Zunamen hätte erkennen wollen, weil ich nicht Zeit
genug hatte, sie kennen zu lernen. Commissarius: Wo
war der Leonhard, als du ins Haus kamst? Wovon
predigte er? Jaques: Er predigte das reine Wort Gottes.
Commissarius: Wovon und von welchen Artikeln pre-
digte er? Jaques: Er predigte von der Besserung des
Lebens, und wie man den alten Menschen aus- und
den neuen Menschen anziehen müsse; bewies es auch
kräftig mit der Schrift, daß diejenigen, die nach dem
Fleische und nach ihren Wollüsten wandeln, an dem
Reiche Gottes keinen Teil haben. Commissarius: Re-
dete er nichts von andern Dingen? Jaques: Mein Herr,
ich hätte viel zu tun, wenn ich alles behalten wollte,
wie ich denn denke, daß du mit Not und Mühe eine
Rede, die vor anderthalb oder zwei Jahren gehalten
ist, im Gedächtnis bewahren würdest.
Commissarius: Bist du damals zum zweiten Male
getauft worden? Jaques: Ich bin nur einmal getauft
worden, und zwar nach der Ordnung Christi. Com-
missarius: Hast du nicht auch in deiner Kindheit eine
Taufe empfangen. Jaques: Ich weiß nichts davon, was
man mit mir in meiner Kindheit getan hat; ich habe
kein Gedächtnis dafür. Commissarius: Hat dir dein
Vater oder deine Mutter nicht gesagt, daß du getauft
worden seist, und hast du nicht auch Gevatterleute
gehabt? Jaques: Ich glaube, daß sie es mir gesagt ha-
ben, ich habe auch einige Leute Vetter und Götger
genannt, aber das war nicht nach der Schrift. Com-
missarius: War denn das nicht genug? Hast du denn
außerdem von dem Leonhard noch etwas empfangen,
nämlich Wasser oder die Taufe nach deiner Meinung?
Jaques: Ich habe von ihm die Taufe nach dem Worte
Gottes empfangen. Commissarius: Hältst du die Tau-
fe, die du in deiner Jugend empfangen hast, nicht für
gut? Jaques: Hätte ich sie für gut und für eine Taufe
gehalten, ich hätte keine andere angenommen; denn
es steht geschrieben: Es ist ein Herr, ein Glaube, eine
Taufe, und nicht viele Taufen. Commissarius: Als du
von dem Leonhard getauft worden bist, ist das in dem
Hause geschehen, wo ihr versammelt ward? Jaques:
Ja. Commissarius: War es vor oder nach der Predigt?
Jaques: Nach der Predigt. Commissarius: Redete er
nicht von der Taufe? Jaques: Ja, denn er bewies aus
der Heiligen Schrift, was die Taufe wäre, und bedeu-
te, und ermahnte diejenigen, die die Taufe begehrten,
demütig sich wohl zu bedenken und auf dasjenige
Achtung zu geben, was sie annehmen, bewies auch,
daß bei denen, die so weit gekommen wären, Kreuz
und Verfolgung darauf folge, und führte noch mehre-
re andere Beweisgründe aus der Heiligen Schrift an.
Commissarius: Habt ihr euch nicht vor des Kaisers
Befehle gefürchtet? Jaques: Nein, ebenso wenig als
jetzt. Commissarius: Jaques, es wird dir nicht wohl-
gehen, es sei denn, daß du um deiner Missetat willen
dich der Gnade unterwirfst. Jaques: Mein Herr, ich
erwarte wohl Gnade von dem Herrn, aber ich weiß
nicht, daß ich gegen den Kaiser oder König gehandelt
haben sollte, weshalb ich auf Gnade zu warten hätte;
ist nun der Befehl gegen das Wort Gottes, so halte ich
dafür, ich vergriffe mich (wenn ich den Befehl Gottes
vollbringe) an keinem Menschen, wer er auch ist.
Commissarius: Jaques, überlege den Inhalt des Be-
fehls. Jaques: Mein Herr, ich weiß wohl, daß er in
dieser Welt die Herrschaft über das Wort Gottes hat,
um diejenigen zu töten, die an seinen Namen glau-
ben und von der Ungerechtigkeit abweichen, wie ge-
schrieben steht, daß es so ergehen sollte. Aber was ist
es denn, wenn ihr mit mir nach dem Befehle handeln
und mich töten werdet? Ihr werdet nichts weiter ha-
ben, als einen schnöden und sterblichen Leib, welcher
der Verwesung unterworfen ist; aber was die Seele
betrifft, diese könnt ihr nicht berühren, und wenn ihr
vor das Gericht Gottes kommt, werdet ihr innewer-
den, was ihr getan habt. Commissarius: Jaques, ich
suche deinen Tod nicht, Gott weiß es; es wäre mir
auch leid, wenn du auch nur an deiner Fingerspitze
Schmerzen hättest. Jaques: Mein Herr, man wird es zu-
letzt wohl sehen. Woher kommt es denn, daß ihr hier
das unschuldige Blut vergießt, weil ihr, wie du mir
selbst gesagt hast, von diesem Glauben keine Einsicht
habt? Warum verordnet ihr denn nicht, daß diejeni-
gen, welche nicht einsehen können, daß euer Glaube
recht und gut sei, Leib und Güter behalten, und nur
des Landes verwiesen werden, gleichwie man überall
in Deutschland und auch im Morgenlande verfährt,
welche um des Wortes Gottes willen kein Blutgericht
halten wollen.
Nachdem sonst noch viel geredet worden ist, fragte
er: Was hältst und glaubst du von dem Sakramente
des Altars? Jaques: Verstehst du darunter das Brot-
brechen? Commissarius: Ja. Jaques: Ich bekenne und
glaube, wie Christus verordnet hat und die Apostel
im Gebrauche gehabt haben und wie Paulus davon an
die Korinther schreibt. Commissarius: Wie verstehst
du das? Jaques: Wie es geschrieben steht. Ich will über
das Wort Gottes keine Auslegung machen. Damit war
er zufrieden und schrieb es so nieder. Commissari-
us: Was hältst du von der Messe, Beichte und dem
Ablasse des Priesters? Jaques: Was die Messe betrifft,
so ist sie mir und selbst der Schrift unbekannt; ich
habe diesen Namen auch niemals im Worte Gottes
gelesen. Commissarius: Was soll ich denn hiervon nie-
250
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
derschreiben? Jaques: Ich weiß es nicht; was dir gefällt,
mein Herr. Commissarius: Willst du nicht geradezu
bekennen, daß du an die Verordnung der wahren und
heiligen Kirche glaubst, wie die Schrift lehrt, und wie
ein guter Christ zu glauben schuldig ist? Ja, mein Herr,
von ganzem Herzen. Er schrieb dieses so nieder.
Commissarius: Wer sind deine Lehrer in diesen
Lehren? Mit wem hast du anfänglich Umgang ge-
habt, und an welchem Orte? Jaques: Ich habe mich zu
Antwerpen aufgehalten, und habe mit vielen von der
Schrift geredet, insbesondere aber bin ich aus dem hei-
ligen Worte des Herrn unterrichtet worden und habe
durch das Lesen desselben meine Grundsätze daraus
genommen; dieses schrieb er ebenfalls so nieder.
Commissarius: Aber nun vernimm hier einen richti-
gen Artikel, nämlich, ob du nicht ein Diener, oder ein
Diakon der Armen, oder ein Ermahner gewesen seiest,
oder ob du nicht sonst ein Amt in der Versammlung
unter den Brüdern gehabt hast, wie ich merken und
sehen konnte, stand diese Frage bereits auf seinem Pa-
piere, und ich wusste zuerst nicht, was er mit einem so
wichtigen Artikel sagen wollte; ich antwortete darauf:
Nein, ich befinde mich hierzu nicht tüchtig, sondern
ich bin ein kleines Glied in der Versammlung. Com-
missarius: Warst du nicht in der Versammlung, ehe
du die Taufe empfingst? Jaques: Ja, wenigstens zwei
oder drei Mal. Commissarius: In welcher Gegend ist
es gewesen, und in welchen Häusern? Jaques: Was die
Häuser betrifft, so weiß ich nicht, wem sie zugehören.
Commissarius: Was für Häuser waren es, große oder
kleine? Jaques: Wir versammeln uns, wo wir am bes-
ten können, und wie es gerade fällt; ich erinnere mich,
in sehr ärmlichen Häuslein gewesen zu sein, welche
einem Stalle ähnlicher waren als einem Hause; dies
schrieb er ebenfalls nieder.
Commissarius: Bist du auch unter den Brüdern in
der Versammlung gewesen, nachdem du die Taufe
empfangen hast? Jaques: Mein Herr, das beantwortet
sich von selbst; du kannst wohl denken, bin ich früher
dort gewesen, so werde ich nachher um desto mehr
dort gewesen sein? Commissarius: Ist dein Weib der
Lehre, welche du hast, zugetan? Ist sie auch wiederge-
boren? Jaques: Ich habe genug zu tun, für mich selbst
zu antworten, und habe nicht auch für mein Weib zu
antworten; wenn sie hier wäre, so könnte sie für sich
selbst antworten; doch halte ich sie für eine Frau, die
den Herrn fürchtet; damit war er zufrieden.
Den achten Tag des Januar im gedachten Jahre 1538,
auf einen Samstag morgen, wurde ich vor den Inquisi-
tor oder Ketzermeister, welcher kurz zuvor von dem
Könige in Spanien hier eingesetzt worden ist und von
ihm alle Gewalt, zu binden und zu lösen, freizuspre-
chen oder zu töten empfangen hatte, in denselben Saal
gebracht. Als ich nun vor denselben kam, grüßte ich
ihn demütig; er grüßte mich auch und sagte zu mir:
Jaques, ich bin über eine Sache sehr froh, ich meine
über dasjenige, was mir der General-Anwalt gesagt
hat, du wollest deine Schuld bekennen, wenn man dir
mit der Schrift beweisen könne, daß du das Gebot Got-
tes übertreten habest und im Irrtume wandelst; bist
du dies noch Willens und willst du die Schrift anneh-
men? Jaques: Ja, ebenso bin ich auch bereit, jede gute
Unterweisung nach dem Worte Gottes anzuhören; er
hatte mein Bekenntnis, das ich vor dem Commissarius
getan hatte, und fragte mich, willst du noch bekennen,
daß du die Taufe von Leonhard empfangen habest?
Jaques: Mein Wort ist nicht ja und nein, sondern ja,
ja, und wie ich bekannt habe, so bekenne ich noch
öffentlich. Ketzermeister: War dir die Taufe, die du
in deiner Kindheit empfangen hattest, nicht genug,
daß du noch eine andere annehmen musstest? Jaques:
Ich halte die Taufe, die ich in meiner Kindheit emp-
fangen habe, für keine Taufe nach dem Worte und
der Ordnung Gottes. Ketzermeister: Ich will es dir
beweisen, aber glaubst du auch, daß die Kinder in der
Erbsünde geboren seien? Jaques: David sagte zwar,
er sei in Sünden empfangen worden, gleichwie alle
Kinder, aber die Sünde wird ihnen nicht zugerech-
net, weil Christus gestorben ist, die Sünde hinweg zu
nehmen, wie Paulus überall in seinen Briefe bezeugt,
und gleichwie die Sünde durch einen Menschen in
die Welt gekommen ist, und der Tod durch die Sünde,
so ist die Gnade durch Jesum Christum überfließend
geworden. Ketzermeister: Wie werden die Kindlein
gereinigt? Geschieht solches nicht durch die Taufe?
Jaques: Sie sind durch das Blut Christi gereinigt, weil
er das Lamm ist, das der Welt Sünde hinwegnimmt.
Ketzermeister: Wie gebt das zu, daß sie von der Erb-
sünde gereinigt werden? Jaques: Mein Herr, ich habe
es dir schon gesagt, durch das Blut des Sohnes Gottes,
der für uns gestorben ist, als wir noch Feinde und un-
gläubig waren. Ketzermeister: Glaubst du nicht, daß
die Kinder ihre Sünde von Adam an tragen bis auf
die Zeit, wo sie durch die Taufe gereinigt werden?
Jaques: Man müsste mir solches mit der Schrift be-
weisen; ich glaube an das Wort des Propheten, der
da sagt: Der Sohn soll die Missetat des Vaters, und
der Vater die Missetat des Sohnes nicht tragen, son-
dern welche Seele sündigt, die soll des Todes sterben.
Ketzermeister: Es ist nicht so zu verstehen, sondern
das Kind ist unrein, bis es die Taufe empfangen hat.
Jaques: Werden die Kinder durch das äußere Zeichen
des Wassers gereinigt? Ketzermeister: Nein, sondern
sie müssen zunächst mit dem Wasser und dann mit
dem Heiligen Geiste gereinigt werden. Jaques: Welche
Reinigung hat den Vorzug, die auswendige oder die
251
inwendige? Ketzermeister: Die Reinigung von außen,
und wenn die Worte gesprochen worden sind: Im Na-
men des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen
Geistes, so werden sie dadurch von innen gereinigt.
Jaques: Mein Herr, du redest solches ohne die Schrift,
denn Christus sagt, daß solche Heuchler seien, die
zuerst das Auswendige reinigen; man soll also zuerst
das Inwendige reinigen, dann würde das Auswen-
dige auch rein werden. Ketzermeister: Du irrst und
verstehst die Schrift nicht, und hast dich von einem
Haufen Landläufer verführen lassen. Jaques: Mein
Herr, ich verlasse mich nicht auf Menschen, aber es
ist mir hiervon noch keine andere Einsicht gegeben
worden; auch können mir die Menschen den Glauben
nicht geben, denn es steht in den Propheten geschrie-
ben: Sie werden alle von Gott gelehrt sein, und Jesus
Christus sagt, es könne niemand zu ihm kommen,
es sei ihm denn vom Vater gegeben. Aber nun, mein
Herr, beweise es mir allein aus der Schrift, daß die
Taufe der kleinen Kinder eine Einsetzung und Verord-
nung der kleinen Kinder sei, welche die Apostel in
der Übung gehabt haben, dann will ich es glauben.
Ketzermeister: Die Verordnung ist von Jesu Christo
gemacht, indem er sagt: Es sei denn, daß jemand aus
Wasser und Geist geboren werde, so kann er nicht in
das Reich Gottes eingehen. Jaques: Christus spricht
nicht zu den Kindern, sondern zu einem Lehrer des
Gesetzes, auch redet er nicht von kleinen Kindern, die
erst geboren werden, denn er sagt im Verlaufe des-
selben Kapitels: Was vom Fleische geboren ist, das
ist Fleisch, und was vom Geiste geboren ist, das ist
Geist. Verwundert euch nicht, daß ich euch gesagt ha-
be, ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind
bläst, wohin er will, und du hörst sein Sausen wohl,
aber du weißt nicht von wo er kommt und wohin er
fährt; so ist auch ein jeder, der aus dem Geiste gebo-
ren ist. Als ich in seinem Testamente gelesen hatte,
welches zu Zürich in hochdeutsch gedruckt war, sag-
te ich: Mein Herr, wenn die äußere Taufe der Kinder
eine neue Geburt ist, so weiß man ja wohl, woher sie
kommt, denn man sieht sie mit Augen. Wie verstehst
du denn dieses? Jaques: Ich verstehe eine neue Ge-
burt von demjenigen, was in dem alten Adam war, in
dem Fleische der Sünden, das man solches ausziehen
und das Fleisch der Sünden samt allen seinen Lüs-
ten und Begierden töten und kreuzigen müsste, da-
mit man wiedergeboren werde in einem neuen Leben
nach dem neuen Menschen Christus Jesus, wie Paulus
deutlich und ausführlich bezeugt. Ketzermeister: Das
ist von großen und alten Leuten zu verstehen, aber
die kleinen Kinder, die unrein sind, muss man mit
Wasser reinigen, daß sie die Seligkeit erlangen. Jaques:
Was glaubst du von den Kindern, die hier keine Tau-
fe nach dem Glauben empfangen, welchen ihr habt,
nämlich von dem Papste? Ketzermeister: Sie gehen zu
allen tausend Teufeln. Jaques: O mein Herr! Es steht
geschrieben: Wenn du richtest, so richte ein rechtes
Gericht; auch sagt Christus: Mit welchem Gerichte ihr
richtet, werdet ihr gerichtet werden; du verdammst
die unschuldigen Kinder, da doch Christus sagt, daß
solchen das Himmelreich sei. Ketzermeister: Diese
waren getauft oder hatten doch wenigstens die Be-
schneidung empfangen, welche ihnen statt der Taufe
diente. Jaques: Die Schrift meldet nichts davon, daß
sie beschnitten gewesen seien; auch kannst du nicht er-
weisen, ob es jüdische oder heidnische gewesen seien.
Ketzermeister: Es waren lauter Juden, die in Jerusalem
oder dort herum im jüdischen Lande waren. Jaques:
Lukas bezeugt anderes, Apg 2, daß in Jerusalem, im
jüdischen Lande, alle Gattungen von Sprachen gewe-
sen seien, die unter dem Himmel sind. Ketzermeister:
Ist es nicht ein armer Handel von dir, daß du so in der
Schrift irrst? Sagt nicht Paulus, daß er seine Gemeinde
im Wasserbade gereinigt habe? Jaques: Paulus sagt:
Im Wasserbade durchs Wort; wohlan, kannst du nun
Kinder reinigen durchs Wort, oder allein durch das
Wasserbad? Denn sie können nicht glauben an das
Wort. Ketzermeister: So sind sie denn verdammt, weil
sie nicht glauben. Jaques: Rede doch nicht so, denn
sie sind unschuldig und arm an Geist, und solcher ist
das Himmelreich. Ketzermeister: Man muss sie vor
allen Dingen durch die Wassertaufe reinigen, damit
sie selig werden. Jaques: Der Apostel Petrus bezeugt
klar: Gleichwie die Arche, die Noah gemacht hatte,
alle diejenigen vor dem Tode und dem Zorne Gottes
bewahrte, die die Gesellschaft der Bösen und die Welt
verlassen hatten und da hineingegangen waren, auf
gleiche Weise ist auch die Taufe zur Seligkeit; aber der
Apostel hält die Taufe nicht hoch, welche nur des Lei-
bes Unreinigkeit wegnimmt, es sei denn, daß ein gutes
Zeugnis eines guten Gewissens vor Gott daran sei; ich
glaube nicht, daß die Kinder das Zeugnis eines guten
Gewissens haben, weil sie nicht wissen, was gut oder
böse ist. Auf diese Sache hat er mir nicht geantwortet,
sondern mich scharf angesehen und kurz darauf zu
mir gesagt: Calvinus hat geschrieben Attestat (das ist
Zeugnis) des guten Gewissens; das sind die falschen
Propheten, die euch verführen, aber der wahre Text
sagt nicht so. Jaques: Ich bin nicht um Calvinus Lehre
gefangen genommen; ich habe den Ketzermeister oft
gebeten, er wolle mich in seinem Buche lesen lassen,
wie es der Apostel geschrieben habe, nämlich in sei-
nem eigenen Testamente, das er vor sich hatte, oder in
seiner lateinischen Bibel, welche ein sehr kleines Buch
war, übersetzt und gedruckt zu Paris von Robertus
Stephanus; aber er wollte es mich nicht lesen lassen.
252
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
wie sehr ich ihn auch bat, worauf ich ihm sagte: Mein
Herr, weil du doch ja dem Worte widersprichst, so
solltest du mich doch nicht hindern, es zu beweisen.
Unter anderem sagte er mir auch: Weil du nun nicht
an die heiligen Lehrer wie St. Ambrosius und St. Au-
gustinus (und noch einen Haufen anderer Heiliger,
die er nannte) und an die Ordnungen, welche die hei-
lige Kirche eingeführt hat, glauben willst, was willst
du denn glauben? Jaques: Ich glaube einzig und allein
an die Ordnung Christi; wenn ihr mir beweist, daß
die Apostel kleine Kinder getauft haben, so will ich's
glauben. Solches wollte er nun mit dem Hausgesinde,
welches getauft wurde, beweisen, worunter, wie er
meinte, wohl kleine Kinder gewesen sein könnten; ich
antwortete: Hiervon tut die Schrift keine Erwähnung,
daß Kinder daselbst gewesen seien; sie stellt es aber
klar vor, daß solches Hausgesinde das Wort Gottes
angehört und geglaubt habe, wie vom Stockmeister
geschrieben steht, gleichwie auch vom Hauptmanne
Cornelius, samt allen denen, die in seinem Hause wa-
ren, welche den Heiligen Geist empfingen, wie auch
die Apostel, nämlich, die das Wort hörten; deshalb,
mein Herr, kannst du nicht beweisen, daß daselbst
kleine Kinder gewesen seien. Ketzermeister: Ich will
es nicht behaupten, es seien Kinder dabei gewesen,
denn solches ist zweifelhaft, sondern du musst glau-
ben, was die Alten und die heiligen Lehrer hiervon in
der Kirche verordnet und bisher unterhalten haben.
Jaques: Haben diese Lehrer solches in einer guten Ab-
sicht eingesetzt, oder haben sie es eingesetzt, weil es
eine in der Schrift enthaltene Ordnung Gottes war?
Ketzermeister: Sie haben es nach dem Worte Gottes
in guter Meinung getan. Jaques: Mein Herr, du weißt
wohl, wie scharf es dem Volke Israel verboten gewe-
sen sei, etwas nach ihrem eigenen Gutdünken zu tun,
denn sie sollten allein dasjenige tun, was der Herr
ihnen befahl und verordnete; denn Saul ist von Gott
verworfen worden, weil er nach dem Worte des Herrn,
das ihm befohlen war, nicht recht getan hatte, sondern
nach seinem eigenen Gutdünken gehandelt hat. Nach-
dem wir nun mehr dergleichen Reden gewechselt hat-
ten, ging er von mir weg und sagte: Jaques, ich bitte
dich, bedenke dich hierüber, denn du bist im Irrtum
und verführt. Jaques: Ich bin weder im Irrtume, noch
verführt, sondern wohl beraten; weil du mir aber aus
der Schrift nicht beweisen kannst, daß die Taufe der
kleinen Kinder eine Ordnung Gottes sei, darum glau-
be ich auch nicht daran. Ketzermeister: Was willst du,
dass ich dir beweisen soll, da du nicht an die Lehren
der katholischen Kirche oder die Verordnung glaubst.
Jaques: Mein Herr, es steht geschrieben: Jede Pflanze,
die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, soll
ausgerottet werden; und nachdem wir dergleichen
Worte noch viel mehr gewechselt hatten, ist er weg-
gegangen und hat zu mir gesagt: Lebe wohl, Jaques,
berate dich wohl und bitte Gott ernstlich; ich entgeg-
nete: Lebe wohl, meine Hoffnung besteht darin, den
Namen des Herrn zu meiner Hilfe allezeit anzurufen.
Außer dem Erzählten redeten wir übrigens noch
viel mehr miteinander, was ich aber nicht aufgeschrie-
ben, weil ich es vergessen habe und weil mich das
Fieber ankam. Unter anderem habe ich vergessen, sei-
ne Beweisgründe aufzuschreiben, womit er beweisen
wollte, dass die Beschneidung ein Vorbild der Taufe
gewesen sei, und dass man sie auch auf gleiche Weise
brauchen müsse; worauf ich ihm aus der Schrift be-
wies, dass die Beschneidung ein Vorbild auf den Bund
gewesen sei, und dass dieselbe nichts weiter vorge-
stellt habe, als dass sie zu erkennen gegeben, dass sie
in dem Bunde begriffen und Kinder seien, welchen
die Verheißungen zuständen. Aber Paulus beweist es
uns, dass er nicht ein Jude, nicht ein Kind Abrahams
sei, der es von außen oder von seinem Samen ist, nach
dem Fleische, sondern, die es im Herzen sind, wie
Christus sagt, dass solche Abrahams Kinder sind, die
Abrahams Werke tun, wenn sie auch, dem Fleische
nach, von dem Samen der Heiden sind; ich bewies
ihm, dass die Taufe die wahrhafte Wiedergeburt vor-
stelle, wie solches Christus Nikodemus erwiesen hat,
und die Ablegung des alten Menschen in ein neu-
es Leben, und dass man darum wiedergeboren und
nicht ein neugeborenes Kind sein müsse, gleichwie
sie sagen wollen; und wo keine Wiedergeburt sei, da
diene auch kein Zeichen, sondern es hieße nur mit
Gott Scherz getrieben. Er sagte zu mir: Sollten die Kin-
der denn keinen Teil an diesem Sakramente haben?
Ich entgegnete ihm: Die Sakramente sind uns zu dem
Ende zurückgelassen, um sie in der heiligen Gemein-
de zu gebrauchen, und zwar denjenigen, die Ohren
haben zu hören, Herzen zu begreifen und einen Un-
terschied in den Sakramenten machen, nicht aber für
die Unwissenden. Wir hatten noch mehr dergleichen
Redensarten über diesen Artikel, und ich bewies ihm
den Missbrauch, den sie in ihrer Taufe haben, dass er
gegen die Schrift sei; auch redete ich von der Taufe
der verständigen Hebammen, wie sie dieselbe für gut
erkennen, und dessen ungeachtet noch einmal taufen;
darum, sagte ich, seien sie Wiedertäufer.
Am Montag den zehnten Januar desselben Jahres
ward ich abermals vor denselben Ketzermeister ge-
führt; nach einigen Reden fragte er mich: Wie hast
du dich wegen der Taufe beraten? Jaques: Ich weiß
keine andere Auskunft dir zu erteilen, als die ich dir
gegeben habe, indem du es mir nicht aus der Schrift
erweisen kannst, dass es eine Einsetzung Christi sei,
dass man die kleinen Kinder taufen soll; ich glaube
253
auch nicht daran, sondern halte mich an die Taufe,
welche Jesus Christus eingesetzt und seinen Aposteln
befohlen hat. Ketzermeister: In solcher Weise haben
dich die falschen Propheten unterrichtet, von welchen
die Schrift sagt, dass sie kommen werden, und die
von uns ausgegangen sind. Jaques: Der Herr sagt,
man soll solche falsche Propheten an ihren Früchten
erkennen; und wenn auch du nun sagst, dass sie von
euch ausgegangen seien, so bezeugte doch auch Pau-
lus, als er zu Mileten war, den Ältesten zu Ephesus,
daß unter ihnen und aus der Herde böse Menschen
aufstehen würden, welche böse Dinge lehren würden;
ist dem nicht so, mein Herr? Ketzermeister: Ja. Jaques:
Ist denn nun, mein Herr, die Taufe, die ihr gebraucht,
nicht eine verkehrte und widrige Sache; denn Christus
hat diejenigen zu taufen befohlen, die da glaubten, un-
terrichtet und gelehrt waren. So haben auch die Apo-
stel nur diejenigen getauft, die das Wort aufnahmen;
und ihr tauft nur diejenigen, die nicht glauben und
die weder unterwiesen noch gelehrt werden können,
die auch das Wort nicht aufnehmen können, weil sie
unwissend sind; solches halte ich für ganz verkehrt,
und heißt die Pferde hinter den Wagen gespannt. Ket-
zermeister: Das kommt daher, mein Kind, weil du in
der Ketzerei steckst und den heiligen Lehrern nicht
glaubst; sieh' wie es dir ergehen wird; wohlan nun,
laß uns von einem andern Artikel reden. Nachdem
er nun mein Bekenntnis, das ich vor dem Commissa-
rius getan, gesehen und gelesen hatte, wie ich zuvor
gesagt habe, so fragte er mich: Was glaubst du denn
von der Eucharistie? Jaques: Was ist das? Ketzermeis-
ter: Von dem Sakramente des Altars. Jaques: Willst du
sagen, von des Herrn Abendmahle oder dem Brotbre-
chen? Ketzermeister: Ja, es ist ein Ding, Eucharistie,
Sacramentum oder Abendmahl. Jaques: Mein Herr,
es ist nicht ein Name, denn siehe, wie es die Apostel
genannt haben; Lukas sagt: Sie brachen das Brot hin
und her in den Häusern, und nicht den Leib Christi.
Ketzermeister: Was hier Lukas sagt, das ist von dem
Worte Gottes geredet, welches sie einem jeden austei-
len. Jaques: Mein Herr, so sagt auch David Joris und
andere Ketzer, die das Brotbrechen vernichten; aber
merke, als Paulus zu Troas war und die Versammlung
des Nachts gehalten wurde, sodass ein Jüngling durch
ein Fenster fiel, und als ihn Paulus aufgehoben hat-
te und sie wieder hinaufgestiegen waren, haben sie
das Brot gebrochen und gegessen; sie haben nicht das
Wort gegessen; nachher redete Paulus bis zur Mor-
genröte, und ging davon. Als er solches hörte, sah er
mich scharf an und wusste nicht, was er sagen sollte.
Glaubst du nicht, sagte er, daß wenn der Priester die
Worte gesprochen hat, unser Herr daselbst im Brot sei
mit Fleisch und Blut, eben wie ihn die Juden in ihren
Händen gehabt und gekreuzigt haben? Dieses hat er
mich sehr oft gefragt, und weil ich mich mit ihm in
keinen Wortstreit einlassen wollte, so sagte ich: Mein
Herr, wenn man mir solches mit der Schrift beweisen
kann, so will ich es glauben; er setzte mir scharf zu
und sagte: Sage nein oder ja, was du davon glaubst.
Jaques: Was hiervon die Schrift bezeugt. Ketzermeis-
ter: Ich frage dich, ob du nicht glaubst, daß er im
Sakramente sei mit Fleisch und Blut, wie er am Kreu-
ze war? Als ich nun sah, daß er sich erzürnte, hielt
ich mit der Antwort ein wenig zurück. Ketzermeister:
Wohl, was sagst du? Jaques: Nichts, mein Herr. Ketzer-
meister: Das höre ich wohl, aber warum zögerst du so
lange, ja oder nein zu antworten? Jaques: Mein Herr,
es steht geschrieben: Sei schnell zu hören und langsam
zu reden. Ketzermeister: Wohlan denn, Jaques, sage
nur ja oder nein; wenn du glaubst, daß er im Brote
sei mit Fleisch und Blut, so sage ja. Jaques: Mein Herr,
würde ich ja zu dir sagen, wie würde ich es dir mit der
Schrift beweisen können, daß er mit Fleisch und Blut
darin sei, wenn der Priester die Worte geredet hat?
Denn ich habe es niemals in der Schrift gelesen, und
weil ich es nicht beweisen kann, so will ich auch nicht
sagen, daß dem so sei. Ketzermeister: So glaubst du
es denn nicht, höre ich wohl, nicht wahr? Jaques: Ich
glaube hiervon nicht weiter, als die Schrift bezeugt;
und wie sollte er im Brote sein, mein Herr, da doch
geschrieben steht, daß er in den Himmel aufgefah-
ren sei und zur Rechten seines Vaters sitze, und daß
er seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt ha-
be. Ketzermeister: Glaubst du nicht, daß er mächtig
genug sei, zur Rechten seines Vaters zu sitzen und
auch im Brote zu sein? Jaques: Mein Herr, ich glau-
be, daß er allmächtig ist; aber er kann nichts gegen
sein Wort, denn er muss wahrhaftig sein und er selbst
ist die selbstständige Wahrheit. Ketzermeister: Willst
du dem nicht glauben, wie es in der Schrift geschrie-
ben ist: Nehmt, esst, das ist mein Leib, welcher für
euch gegeben wird; glaubst du denn nicht, daß es sein
Leib sei? Jaques: Was hältst du für seinen Leib, den,
der für uns dahingegeben worden ist, der gelitten hat
und an der Tafel saß und redete, oder das, was er in
seiner Hand hielt, nämlich Brot? Wurde dieses für
uns dahingegeben? Ist das Brot am Kreuze für unse-
re Sünden gestorben, oder hat das Brot nicht seinen
Leib vorgestellt? Ketzermeister: Beides. Jaques: Ich
habe niemals gelesen, daß zwei Christi sind, sondern
allein der einige Sohn Gottes. Dieses hatte ich ihm
zuvor oft gesagt. Ketzermeister: Diese zwei sind nur
einer; auch ist der Wein sein Blut, wenn der Priester
die Worte gesprochen hat. Jaques: Wird der Wein sein
Blut, wenn der Priester die Worte gesprochen hat, und
bleibt er allezeit Blut und nicht Wein? Ketzermeister:
254
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Wenn das Wort ausgesprochen ist, so ist das Brot sein
wahres Fleisch, und der Wein das wahre Blut Chris-
ti, und so bleiben sie Fleisch und Blut. Jaques: Was
wollte denn Christus seinen Jüngern zu erkennen ge-
ben, wenn er sagte: Dieses ist mein Blut des neuen
Testamentes, welches vergossen wird für viele, zur
Vergebung der Sünden, und ich sage euch: Ich wer-
de von nun an nicht mehr von diesem Gewächse des
Weinstocks trinken. Mein Herr, Christus nennt es sein
Blut des Testamentes, und gleichwohl gibt er seinen
Aposteln zu erkennen, daß es noch eine Frucht des
Weinstocks sei; denn er nennt ihn noch so, als er schon
gesagt hatte, daß es sein Blut sei. Ketzermeister: Wo
steht das geschrieben? Da nahm ich sein deutsches
Testament, welches er vor sich hatte, und las es ihm,
und als ich es ihm gezeigt und gelesen hatte, sagte
er mir: Du musst dich nicht nach deinem Verstände,
sondern nach der Auslegung der heiligen Lehrer, als
St. Augustinus, Ambrosius und mehrerer anderer von
der alten Kirche richten. Jaques: Ich bin mit Paulus
Auslegung wohl zufrieden, ohne andere Auslegun-
gen zu suchen. Ketzermeister: Wo hat Paulus eine
Auslegung über das Sakrament des Altars gemacht?
Jaques: Paulus hat an die Korinther es ausgelegt und
an den Tag gegeben, was das Abendmahl des Herrn
und das Brotbrechen sei. Ketzermeister: Zeige es mir!
Ich hatte sein Testament noch und las ihm das zehnte
Kapitel des ersten Briefes an die Korinther vor, wo
Paulus sagt: Als mit den Klugen rede ich, richtet ihr
selbst, was ich sage: Der gesegnete Kelch, welchen
wir segnen ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes
Christi? Das Brot, welches wir brechen, ist das nicht
die Gemeinschaft des Leibes Christi?
Ich hatte es kaum ausgelesen, so antwortete er mir
darauf in Eile: Das ist wider dich, denn hier beweist es
der Apostel klar, daß das Fleisch und Blut im Brot und
Wein sei, und daß man des Leibes Christi teilhaftig
werde. Jaques: Mein Herr, wenn es dir so beliebt, so
laß mich weiterlesen, du wirst bald merken, daß Pau-
lus nicht von dem Leibe Christi im Fleisch und Blut
rede, wie er am Kreuze hing, sondern von seiner Ge-
meinde, welche sein Leib ist; denn wenn er sagt, daß
wir Gemeinschaft und Teil haben an dem Leibe Chris-
ti, so setzt er hinzu: Denn so sind unserer viele ein
Brot und ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig
sind. Ketzermeister: Der Apostel redet daselbst von
einem andern Leibe, nämlich von seiner Gemeinde.
Jaques: Ich finde nicht, daß Paulus einen Unterschied
zwischen zwei Leibern macht, sondern er redet nur
von einem Leibe Christi. Ketzermeister: Wie verstehst
du denn das: Seinen Leib essen und sein Blut trin-
ken? Jaques: Wie es Paulus selbst zu verstehen gibt,
daß es eine Gemeinschaft und Mitteilung des Leibes
Christi sei. Ketzermeister: Mein Kind, wie bist du so
verführt! Meinst du denn, daß du durch die Gemein-
schaft des Leibes und Blutes Christi teilhaftig werden
mögest, ohne daß man davon isst und trinkt? Jaques:
Mein Herr, ich bin nicht verführt, sondern ich grün-
de mich auf das Wort Gottes. Ketzermeister: Wohlan,
was verstehst du denn unter dieser Gemeinschaft?
Jaques: Der Apostel gibt uns zu verstehen, wenn er
in demselben Kapitel sagt: Seht Israel an nach dem
Fleische, welche die Opfer essen, sind sie nicht in der
Gemeinschaft des Altars? Sieh' mein Herr, das ist das
Gleichnis, welches Paulus zum Unterrichte der Korin-
ther gegeben hat; verstehst du es nicht auch so, mein
Herr? Ketzermeister: Ja. Jaques: Mein Herr, ich denke
nicht, daß es deine Meinung sei, daß diejenigen, die
des Altars teilhaftig geworden sind, darum den Altar
gegessen haben, sondern allein die Opfer, die auf dem
Altäre lagen. Ketzermeister: So hältst du dafür, daß
es auch mit dem Sakramente solche Beschaffenheit
habe? Mein Herr, ich halte dafür, daß, wenn wir das
Brot essen, wir damit anzeigen, Teil zu haben an dem
Leibe Christi, und gleichwohl essen wir das Brot al-
lein und nicht Christum, gleichwie auch Israel den
Altar nicht aß, sondern allein die Opfer; und dennoch
gaben sie mit dem Essen der Opfer zu verstehen, daß
sie des Altars teilhaftig wären. Da sah er mich scharf
an und sagte: Welch ein Irrtum! Glaubst du nicht, daß
man in dem geweihten Brote den Leib Christi isst?
Jaques: Paulus gibt es nicht so zu verstehen und ich
verstehe es auch nicht so. Ketzermeister: Ist es nicht
eine jämmerliche Sache von euch Leuten, Jaques, daß
ihr dem Worte Gottes nicht glaubt, welches sagt: Das
ist mein Leib, das ist mein Blut, solches tut zu mei-
nem Gedächtnis. Jaques: Ich glaube dem Worte Gottes;
Christus hat damit zu verstehen gegeben, daß er leib-
licher Weise nicht da sein werde, weil er sagt, daß
man es zu seinem Gedächtnis tun solle. Paulus sagt
auch: So oft ihr dieses esst und aus diesem Kelche
trinkt, sollt ihr den Tod des Herrn verkündigen, bis er
kommt; so ist er nun nicht leiblicher Weise da, weil er
noch nicht gekommen ist.
Ketzermeister: Er ist ja leiblicher Weise da nach
dem Worte Jesu Christi, auch legen es alle heiligen
Lehrer so aus. Jaques: Ich halte mehr von Paulus al-
lein, als von allen andern Lehrern, und halte mich
allein an die Auslegung des Paulus. Ketzermeister:
Du musst auch an die heiligen Lehrer der katholi-
schen Kirche glauben. Jaques: Ich glaube an die heilige
Schrift und an das Wort Gottes allein. Ketzermeister:
Glaubst du an das Wort Gottes, so musst du glauben,
daß, wer solches leiblicher Weise empfängt, wenn das
Brot geweiht ist und die Worte gesprochen sind, der
empfängt den Leib und das Blut Christi, weil Chris-
255
tus selbst so sagt, der nicht lügt, sondern der Mund
der Wahrheit selbst ist. Jaques: Ich weiß wohl, daß
Christus die Wahrheit sei, aber man muss darauf ach-
ten, wie er redet, wenn er zum Beispiel sagt: Ich bin
das Brot, das vom Himmel gekommen ist, und das
Brot, das ich geben werde ist mein Fleisch; glaubst
du wohl dieses? Ketzermeister: Nein, glaubst du das?
Jaques: Das sage ich dir nicht, auch führen wir jetzt
keinen Wortstreit darüber; es ist nur um deswillen,
weil du sagst, man müsse so glauben, wie Christus
spricht; siehe er sagt: Ich bin ein Weinstock, und mein
Vater ist ein Weingärtner. So sagt auch Paulus: Der
Fels, von welchem die Kinder Israel getrunken haben,
war Christus. Ketzermeister: Nein, nein, solche Worte
muss man nicht so annehmen, sondern allein als ein
Zeichen auf Christum. Jaques: So verhält es sich auch
mit derselben Redensart. Ketzermeister: Ja, das ist ein
Sakrament, welches uns zum Gedächtnisse des Leibes
Christi hinterlassen ist. Jaques: Mein Herr, siehe an
Israel nach dem Fleische, das Lämmlein, das sie aßen,
wurde der Durchgang und ein ewiges Gedächtnis ge-
nannt, daß sie durch die starke Hand Gottes aus Ägyp-
ten und der Dienstbarkeit gezogen waren; so ist auch
das Brot, das wir brechen, ein Gedächtnis von Christo,
der uns von den Sünden und dem ewigen Tode erlöst,
und aus der Dienstbarkeit des Teufels und des Fein-
des gezogen hat. Ketzermeister: Ja, nach der Meinung
eures Hirten Calvinus und Zwinglius, und solcher
Ketzer, die neue Lehren aufgebracht haben; wir aber
haben in diesem Glauben über 1500 Jahre gestanden,
warum glaubt man uns nicht? Jaques: Mein Herr, soll-
te ich um der langen Zeit willen so glauben? Damals
sind viele Ketzer gewesen, als Sadduzäer, Nicolaiten,
Heiden und viele andere die noch länger geirrt haben;
wende dich allein zu der Schrift nach dem Exempel
des guten Königs Josua. Ketzermeister: Meinst du das,
mein Sohn? Nein, nein. Jaques: Mein Herr, so sagten
die Kinder Israel zu Jeremia und waren doch verirrt;
du weißt auch wohl, wie sie die Gnade Gottes miss-
braucht, ein goldenes Kalb gemacht, auch dasselbe
gelobt und gesagt haben: Dieser Gott ist es, der uns
aus Ägypten geführt und erlöst hat; so sagen auch
jetzt die eurigen vom Brote: Es ist Christus, der für
uns gestorben ist.
Er wurde zornig und fragte mich: Treiben wir Ab-
götterei, weil wir Christum anbeten? Jaques: Nicht,
wenn er im Brote ist; ist er aber nicht darin, was ist
es anderes, was ihr tut? Ketzermeister: Wohlan, was
glaubst du denn davon? Sprich nur ein Wort, ja oder
nein. Jaques: Mein Herr, du hast wohl gehört, daß
ich glaube, daß er zur Rechten seines Vaters im Him-
mel sitzt. Ketzermeister: Aber im Brote? Jaques: Mein
Herr, ich habe es dir gesagt, daß ich davon glaube.
wie Paulus davon bezeugt hat. Ketzermeister: So höre
ich denn wohl, daß du nicht glaubst, daß man das hei-
lige Fleisch Christi auf eine sakramentalische Weise
esse. Jaques: Empfangen alle diejenigen, die das Brot
empfangen, auch den Leib Christi? Ketzermeister: Ja,
allerdings, wer sie auch sind. Jaques: Empfängt denn
wohl ein Räuber, Mörder, Bösewicht, oder anderer,
der voll Verräterei, Betrug und Bosheit ist, und weder
Leid noch Reue über sein Böses empfindet, sofern den
Vorsatz hat, ein solches boshaftes Leben zu führen
den Leib und das Blut Christi? Ketzermeister: Wäre
er der ärgste Mensch von dieser Welt, ja, wäre es ein
Türke oder ein Heide, wenn er nur zum Sakramente
kommt, so empfängt er den Leib und das Blut Christi
ebenso gut, wie ein anderer, ja, was noch mehr ist,
wäre er selbst ein Tier. Jaques: Wie kann das, mein
Herr, möglich sein, daß Ungläubige, Gottlose und
Ungerechte, welchen die ewige Verdammnis gedroht
ist, den Leib und das Blut Christi empfangen sollten?
Es müsste denn gegen alle Schrift notwendig folgen,
Gott möge wollen oder nicht, daß sie das ewige Le-
ben hätten, und zwar sowohl die Tiere, als wir, weil
der Herr verheißen hat, daß wer sein Fleisch isst und
sein Blut trinkt, das ewige Leben habe, und so hätten
die Gottlosen Menschen Teil an dem Leibe Christi,
und an Belial, am Lichte und an der Finsternis; das ist
unmöglich, wie Paulus sagt.
Ketzermeister: Wie? Verstehst du nicht, was Pau-
lus sagt, daß, wer den Leib isst, sein Urteil empfan-
ge? Jaques: Halt mein Herr, brich die Schrift nicht,
denn Paulus sagt: Das Brot, und nicht der Leib. Ket-
zermeister: Wohl, wer diesen Leib isst oder dies Brot,
und trinkt diesen Kelch unwürdig, der empfängt sei-
ne Verdammnis. Jaques: Mein Herr, wer sein Gericht
empfängt, der ist weit davon entfernt, daß er den Leib
Christi empfangen sollte, sondern es ist sein Todes-
urteil, das er empfängt. Ketzermeister: Wohlan, so
bekennst du ja die Worte Jesu Christi, der gesagt hat:
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat
das ewige Leben; so glaubst du ja, daß man ihn essen
und trinken könne, wie er sagt. Jaques: Ich glaube die
Worte Jesu Christi, aber nicht auf solche Weise, wie
die Juden, die sich an ihm ärgerten und sagten: Wie
kann uns dieser sein Fleisch zu essen und sein Blut zu
trinken geben? Auch selbst nicht, wie sie seine Jünger
verstanden. Ketzermeister: Das kam daher, weil sie es
nicht verstanden. Jaques: Das glaube ich wohl, denn
hätten sie es wohl verstanden, sie hätten das nicht
gesagt, auch hätten ihn um dieser Worte willen seine
Jünger nicht verlassen, wie sie getan haben. Ketzer-
meister: Merke wohl, mein Sohn, das geschah, weil
sie verstanden, man müsse sein Fleisch gesotten oder
gebraten essen, gleichwie ein anderes Fleisch; aber er
256
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
redete von dem sakramentalischen Essen, das andere
Essen würde sonst wenig geholfen haben. Glaubst du
aber nun nicht, daß man sein Fleisch sakramentalisch
esse, was ein Sakrament ist, das er uns unter der Ge-
stalt von Brot und Wein hinterlassen in welches er sich
verwandelt hat? Jaques: So hat er denn Dinge hinter-
lassen, die uns nichts nütze sind. Ketzermeister: Wie-
so? Jaques: Darum, mein Herr, weil es seine Jünger so
grob verstanden, wie auch ihr tut und andere, denn er
sagt zu ihnen: Der Geist ist es, der lebendig macht, das
Fleisch ist nichts nütz, und meine Worte (sagt er) sind
Geist und Leben; wenn man also sein Fleisch isst, wel-
chen Nutzen hat man davon? Ketzermeister: Das war
darum, weil sie es nicht recht verstanden, wie ich dir
gesagt habe. Jaques: Mein Herr, ich glaube das wohl,
denn wenn sie es verstanden hätten, so hätte er nicht
nötig gehabt, es ihnen zu erkennen zu geben, daß es
sein Wort sei, was er sagen wollte. Ketzermeister: Wie
verstehst du aber das, daß er von seinem Worte redet?
Jaques: Mein Herr, ich verstehe, daß die Rede von sei-
nem Worte war, gleichwie geschrieben steht, daß der
Mensch nicht allein von dem Brote lebe, sondern von
dem Worte, das aus dem Munde Gottes geht, welches
uns allein in Gott lebendig macht zum ewigen Le-
ben. Ketzermeister: Siehe da, wie eure Verführer euch
in ihrer neuen Lehre unterwiesen haben! Jaques: Ich
bin nicht auf Menschen gegründet, sondern auf das
Wort Gottes. Ketzermeister: Warum willst du denn
nicht glauben, wie deine Mutter, die heilige Kirche,
daß, wenn die Worte gesprochen worden sind, das
Brot und der Wein verändert sei? Jaques: Mein Herr,
ich habe dir schon gesagt, weil in der Schrift von sol-
chen Sachen nichts geschrieben ist, denn es ist weder
Brot noch Wein verändert worden, das Christus ge-
geben hat. Ketzermeister: Es ist aber doch geschehen.
Jaques: Mein Herr, ich habe es dir bewiesen, daß er
es eine Frucht des Weinstocks nenne, nachdem schon
die Worte gesprochen waren. Ketzermeister: Glaubst
du denn nicht, Jaques, daß Jesus Christus allmächtig
sei, und daß er auch allmächtig war, sein Blut seinen
Jüngern zu trinken zu geben. Jaques: Ich weiß, mein
Herr, daß er allmächtig ist, und daß er auch mäch-
tig genug war, solches zu tun; wenn er es aber nun
getan hätte, mein Herr, hat er euch denn verheißen,
daß ihr solche Werke auch tun sollt? Ketzermeister:
Ist aber Jesus Christus nicht mächtig genug, uns sol-
ches in seinem Sakramente zu einem Testamente zu
hinterlassen? Jaques: Ja, mein Herr, wenn er es ge-
sagt hätte, denn er hatte Gewalt über den Wind und
über die Teufel, das Wasser in Wein zu verwandeln,
und sich selbst unsichtbar zu machen. Summa, ich
glaube, daß er in allen Dingen allmächtig sei; aber
ein sündhafter Mensch hat solche Gewalt nicht. Ket-
zermeister: Nicht? Wenn er dieselben Worte Christi
ausspricht. Jaques: In den Worten liegt nicht die Kraft,
solches wäre Zauberei, und wenn auch jemand zu
einem Kranken sagen würde, sei gesund, auf solche
Weise wie Christus sagte, so wäre er es um deswillen
nicht. Ketzermeister: So glaubst du denn nicht, daß
Jesus im Brote sei? Jaques: Mein Herr, ich denke, du
hast meine Meinung wohl gehört. Christus hat gesagt,
wir sollen es zu seinem Gedächtnisse tun; wäre er nun
gegenwärtig, wie könnte man es zu seinem Gedächt-
nisse tun? Ketzermeister: O wie haben dich die Buben,
Zwinglius und Calvinus, verführt, solche Sakrament-
schänder, die alle Schriften verdrehen. Jaques: Mein
Glaube ist nicht auf die Lehre des Zwinglius oder Cal-
vinus gegründet. Ketzermeister: Worauf denn? Jaques:
Auf das Wort Gottes, und auf den Grund der Apostel.
Ketzermeister: Wie? Du glaubst ja nicht an das Wort
Gottes? Jaques: Mein Herr, sollte ich nicht an das Wort
Gottes glauben? Nur deshalb bin ich hier gefangen
und stehe in Banden vor dir, um davon Zeugnis zu
geben.
Ketzermeister: Mein Sohn, es ist aber um des Wor-
tes des Satans, und nicht um des Wortes Gottes willen.
Jaques: Mein Herr, sieh dich vor, was du redest, da-
mit du nicht lästerst, denn ich habe des Satans Wort
für meine Lehre und meinen Glauben nicht benutzt,
sondern das reine Wort Gottes; du aber bringst mir
das Wort und die Auslegung der Menschen vor. Ket-
zermeister: Es ist das Wort der heiligen Kirchenleh-
rer, welches du verworfen hast; darin suche ich den
Grund deiner Verführung. Jaques: Ich verwerfe sie
nicht, sondern lasse sie in ihrem Werke, wie sie sind;
denn ich finde in dem Worte Gottes Materie genug,
einen guten Grund zu legen, und in der reinen Quelle
Wasser des Lebens genug, um zu trinken, weshalb
ich nicht nötig habe, zu den Bächlein und Pfützen zu
laufen, die größtenteils faul und trübe sind. Ketzer-
meister: Wohlan, dieses führt uns nicht zum Ziele; es
bleibt dir nicht viel Zeit mehr, es ist nun schon spät,
weil du nicht glauben willst, wie dich unsere Mutter,
die heilige Kirche, unterweist; sieh zu, berate dich
wohl, denn du bist in solchem Irrtume, daß, wenn du
so stirbst, du in den Grund der Hölle verdammt bist.
Jaques: Mein Herr, es steht geschrieben, daß das Urteil
Gott allein zukomme, wie setzt du dich so vermessen
an Gottes Stelle? Gott wird mich wohl richten. Ket-
zermeister: Jaques, es ist klar, denn du glaubst nicht;
wer nun nicht glaubt, der ist verdammt, sagt Chris-
tus. Jaques: Es steht geschrieben: Richtet nicht nach
dem Ansehen, sondern richtet ein recht Gericht; wenn
ich es nicht glaubte, so würde ich das Wort Gottes zu
meiner Schützung nicht anführen. Ketzermeister: Sol-
ches tun auch alle Ketzer; so bitte nun Gott ernstlich.
257
daß du zu der heiligen Kirche wiederkehren mögest.
Jaques: Durch die Gnade Gottes hoffe ich, sei ich ein
Glied der wahren und heiligen Kirche geworden, wel-
che durch das Blut Jesu Christi gereinigt und erkauft
ist. Nach diesem Gespräche stand er auf, und sagte
zu mir: Lebe wohl, Jaques; sieh wohl zu, daß du dich
wohl berätst, denn deine Zeit ist kurz, darum überlege
deine Sache; ich sagte ihm ebenfalls ein Lebewohl und
daß ich bereit sei, allezeit dem Besten nachzufolgen,
in demjenigen, was man mir mit der heiligen Schrift
beweisen würde, aber sonst nicht.
Unser Gespräch währte beinahe zwei Stunden und
umfasst noch manches andere, aber ich habe es verges-
sen; er gab gutes Gehör und erzürnte nicht leicht; wir
redeten bisweilen Flämisch, bisweilen Französisch,
wiewohl ich meistens Flämisch redete, und das der
Zuhörer wegen, die ich vor der Tür hörte.
Seht hier die zwei Artikel, womit man von ihnen
am meisten gequält wird. So oft er wieder zu mir
kam, brachte er einige spitzfindige Schriftstellen mit,
um mich zu fangen, aber der Herr müsse gepriesen
sein, ich habe allezeit den Sieg davon getragen; ich
bin wohl achtzehn oder zwanzig Mal vor ihm gewe-
sen, und wenn ich alle Reden niederschreiben sollte,
die ich mit ihm von diesen beiden Artikeln hatte, so
müsste ich wohl ein Buch Papier damit anfüllen, so
viele Gleichnisse brachte er vor, die in der Schrift nicht
enthalten sind; aber ich verwies ihn allezeit auf die
Schrift. Ist nun etwas in meinem Liede, das mit dieser
Schrift nicht übereinkommt, so soll man sich darüber
nicht verwundern, denn wenn ich auch noch so viel
schreibe, so könnte ich doch alle Reden nicht erzählen,
die ich mit ihm hatte; so sehr hat er mich gequält.
Den vierzehnten Tag im Januar des Jahres 1558, auf
einen Freitag Nachmittag, wurde ich abermals vor
den Ketzermeister gebracht; ich trat vor ihn, und er
grüßte mich freundlich; denn so viel ich merken konn-
te, hatte der Wein ihn sehr lustig gemacht. Er brachte
auch keine Bücher mit sich. Nach einigen Worten, die
wir miteinander wechselten, sagte er zu mir: Jaques,
die Ursache, warum ich hierher gekommen bin, ist
allein die, daß ich deinen Entschluss wissen mochte,
denn ich will mit dir nicht mehr von den Glaubensar-
tikeln, als von der Messe, der Beichte, dem Ablasse,
Fegfeuer und der Anrufung der Heiligen und andern
Satzungen unserer Mutter, der heiligen Kirche, dispu-
tieren. Jaques: Mein Herr, ich bin wohl zufrieden; ich
suche auch nicht zu disputieren, sondern allein das-
jenige einfältig zu glauben was wir in Ansehung der
Glaubensartikel zu glauben verbunden sind. Ketzer-
meister: Ja, wir haben mit dem Disputieren nicht viel
zu tun, denn Paulus sagt: Einen ketzerischen Men-
schen, wenn er einmal oder abermals ermahnt ist.
meide. Jaques: Mein Herr, wie könntest du mich der
Ketzerei wegen ermahnen, da du mich noch nicht
überwiesen hast, daß ich ein Ketzer sei? Ketzermeis-
ter: Nicht? Bist du nicht ein Ketzer, da du doch dem
christlichen Glauben widersprichst? Jaques: Ich wider-
spreche diesem Glauben nicht, denn mein ganzer Sinn
ist darauf gerichtet; aber du holst deine Meinung auf
die eine Weise aus der Schrift und ich auf eine andere,
und niemand kann urteilen, wer Recht oder Unrecht
habe, als nur die geistigen Menschen durch den Geist
Gottes. Er lachte und fragte mich: Hast du den Geist
Gottes? Jaques: Mein Herr, frage mich dieses nicht aus
Scherz, denn ich rühme mich dessen nicht; gleichwohl
hoffe ich durch die Gnade Gottes, dass ich nicht von
dem Geiste des Satans getrieben werde. Ketzermeis-
ter: Gleichwohl bist du verführt und im Irrtume, und
Paulus sagt: Man meide solche, wenn sie einmal oder
zweimal ermahnt sind. Jaques: Weil ihr uns denn nun
für Ketzer haltet, so wollte Gott, daß ihr wenigstens
den Rat Pauli beobachten möchtet, nämlich, daß ihr
uns meidet und euch von uns absondert, nicht aber
uns bis auf den Tod verfolgt und in allen Winkeln
unser Blut vergießt. Ketzermeister: Jaques, ich suche
nicht deinen Tod, das weiß Gott. Jaques: Mein Herr,
mein Gott weiß es in Wahrheit wohl, und man wird
es am Ende auch wohl sehen. Ketzermeister: Ja, wir
verrichten allein unser Amt und was uns befohlen
ist. Jaques: Von wem, mein Herr, von Gott oder von
den Menschen? Ketzermeister: Es ist uns von Gott
befohlen, die falschen Propheten zu meiden. Jaques:
Es ist wahr, mein Herr, Christus hat uns ermahnt, uns
vor den falschen Propheten zu hüten; aber er gibt uns
ein Zeichen, woran wir sie erkennen sollen, nämlich
gleichwie ein Baum an seinen Früchten; welche Frucht
habt ihr an uns gesehen, woraus ihr urteilen könnt,
daß wir falsche Propheten sind? Ketzermeister: Täg-
lich genug. Jaques: Worin? Ketzermeister: Darin, daß
ihr eine falsche Lehre habt, wodurch die Menschen
übel unterrichtet und in Verdammnis geführt werden.
Jaques: Mein Herr, daß unsere Lehre falsch sei, das
ist nach deinem Gutdünken gesprochen. Gleichwohl
könnt ihr nicht erkennen, daß wir falsche Propheten
sind, als nur aus der Frucht der Werke; denn Chris-
tus sagt: An ihren Werken sollt ihr sie erkennen, und
sagt nicht, an ihrem Glauben. Ketzermeister: Ihr recht-
fertigt euch selbst wegen eurer Werke. Jaques: Nein,
sondern es ist unmöglich, Trauben zu lesen von den
Dornen, oder Feigen von den Disteln, oder daß ein
böser Baum gute Früchte hervorbringen könne, wie
der Herr selbst bezeugt hat. Ketzermeister: Wohlan,
Jaques, wie ich dir gesagt habe, ich bin nicht hier-
her gekommen, um zu disputieren, sondern deine
Meinung zu vernehmen. Jaques: Ich frage auch nach
258
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
keinem Wortstreite, sondern ich will dir nur darauf
antworten, daß ihr uns mit Unrecht der Ketzerei und
Verführung beschuldigt. Ketzermeister: Wohlan, laß
das fahren; was hast du wegen deines Bekenntnis-
ses bei dir beschlossen; bist du noch so gesinnt, wie
du vor dem Commissarius bekannt hast? Jaques: Ja.
Ketzermeister: Willst du dich denn nicht unterrich-
ten lassen? Jaques: Ich suche sonst nichts, als stets
dem Besten, Gerechtesten und Tugendhaftesten nach-
zukommen, bin auch nicht so hartnäckig in meinem
Glauben; wenn ich einen bessern Weg zum ewigen Le-
ben erkennen sollte, als denjenigen, auf welchem ich
nun wandle, so würde ich ihn annehmen. Ketzermeis-
ter: Wohlan denn, was die Taufe und das Sakrament
betrifft, wovon wir miteinander geredet haben, was
hältst du davon? Jaques: Mein Herr, was mir mit der
Schrift wird bewiesen werden können, das will ich
glauben und sonst nichts. Ketzermeister: So höre ich
denn wohl, daß du an die heilige Lehre der katholi-
schen Kirche nicht glaubst; ist es nicht so? Jaques: Ich
glaube nur an die heilige Schrift. Ketzermeister: Dar-
um bist du der Ketzerei schuldig, weil du mehr von
dir selbst, als von den heiligen Lehrern hältst. Jaques:
Ich rühme mich selbst nicht, als nur in dem Kreuze
Christi; aber ich will mein Vertrauen nicht auf Men-
schen setzen, denn es steht geschrieben: Verflucht ist
der Mensch, der sich auf Menschen verlässt. Ketzer-
meister: Das weiß ich wohl; aber du glaubst auch nicht
an das Wort Gottes. Jaques: Mein Herr, sage doch das
nicht, denn dem ist nicht so. Ketzermeister: Nicht?
Als unser Heiland das Brot nahm und sagte: Das ist
mein Leib, und von dem Kelch, den er nahm: Das ist
mein Blut; warum glaubst du denn das nicht? Warum
zweifelst du daran? Jaques: Mein Herr, ich glaube den
Worten Christi, und zweifle nicht daran. Ketzermeis-
ter: Ja, nach deinem Begriffe und mit irriger Meinung.
Jaques: Mein Herr, ich hoffe, daß ich es auf keine an-
dere Weise verstehe, als wie es die Apostel verstanden
haben, und wie es Paulus IKor 10 auslegt. Ketzermeis-
ter: Du sagst es. Über diesen Artikel wurde noch viel
hin und her gesprochen, und auch von der Taufe, und
kurz darauf vom Fegfeuer und dem Befehle. Das Ge-
spräch dauerte fast anderthalb Stunden; hierauf ging
er fort und zeigte mir ein sehr freundliches Gesicht;
ob es von Herzen ging, weiß ich nicht.
Den zwanzigsten Tag des Monats Januar des vor-
genannten Jahres wurde ich abermals vor denselben
Ketzermeister geführt; er fragte mich: Wie hast du
dich wegen desjenigen beraten, was ich dir in Anse-
hung der Taufe und des Sakramentes vorgelegt habe,
und was ist deine Meinung hierin? Jaques: Ich weiß
keine andere Antwort zu erteilen, als die du von mir
zuvor gehört hast. Ketzermeister: So bleibst du denn.
wie ich höre, halsstarrig und bei deiner Meinung?
Jaques: Mein Herr, es wäre mir leid, daß ich gegen
mein Gewissen halsstarrig sein sollte; du kannst mir
aber dasjenige, was du glaubst, mit der Schrift nicht
beweisen, nämlich, daß die Taufe der jungen Kinder
eine Ordnung Gottes und ein Gebrauch der Apostel
sei, auch, daß Brot in Fleisch und Wein in Blut ver-
ändert werde, wenn der Priester die Worte über das
Brot gesprochen hat; solches ist meiner Meinung nach
Zauberei und ich kann es nicht so verstehen. Ketzer-
meister: Du sollst an der Veränderung durch die Kraft
Gottes ja nicht zweifeln, denn ich habe es dir aus der
Schrift Gottes genug bewiesen, aber du willst nicht
glauben. Jaques: Mein Herr, sage das doch nicht; hät-
test du mir es aus der Schrift bewiesen, so wollte ich
gerne glauben, denn meine Seligkeit liegt in diesem
heiligen Worte Gottes. Ketzermeister: Ich habe dir das
Wort Gottes beigebracht, aber du glaubst niemandem,
als nur deiner Einbildung und Meinung. Jaques: Ich
bitte dich, du wollest doch nicht das denken; erkenne-
te ich es besser, oder verstände es anders, ich wollte
gewiss gegen mein Gewissen dem Worte Gottes nicht
widerstehen, der ich mich in der Lage befinde, auf
den Tod angeklagt zu sein, und mich alle Tage des To-
des versehen muss; man könnte wohl sagen, daß ich
der jämmerlichste und unglückseligste Mensch wäre,
der jemals auf Erden gewesen, indem ich mit freiem
Willen und vorbedachter Tat hier zu leiden und bis
an den Tod gepeinigt zu werden suchte, um dadurch
die ewige Verdammnis zu erlangen. Ketzermeister:
Ja, mein Kind, sieh wohl zu, was du tust; denn wenn
du in solchem bösen Glauben und solcher Lehre, die
du jetzt hast, stirbst, so bist du vor allen Teufeln ver-
dammt. Jaques: O mein Herr! Wie darfst du doch so
reden? Es steht geschrieben: Richtet nicht, damit ihr
nicht gerichtet werdet; denn mit welchem Gerichte
ihr richtet, sagt der Herr, sollt ihr wieder gerichtet
werden. Ketzermeister: Ich richte dich nach der Wahr-
heit. Jaques: Mein Herr, sage doch das nicht, denn du
weißt nicht, was du urteilst. Ketzermeister: Ich weiß
es wohl. Darauf nahm er ein Tintenfass, das auf der
Tafel stand, und sagte zu mir: So gewiss, als ich weiß,
daß ich dieses Gefäß halte, so gewiss weiß ich auch,
daß, wenn du in dieser Lehre bleibst und so stirbst,
du nimmermehr das Angesicht Gottes sehen, sondern
ewiglich verdammt werden wirst. Jaques: Mein Herr,
urteile nicht so, denn du setzest dich an Gottes Stelle
und nimmst ihm seine Ehre; denn ihm allein kommt
das Gericht zu. Ketzermeister: Meinst du, ich wisse
nicht, was ich sage, und sähe nicht, daß du verführt
seiest? Die Ketzer sollen nicht ins Paradies kommen.
Jaques: Mein Herr, es kommt dir nur so vor, als ob
wir im Irrtume wären, und wie du solches von uns
259
meinst, so meinen wir solches auch von euch. Ket-
zermeister: Ach! Es ist durch das Wort Gottes leicht
zu erkennen, welche im Irrtume und Ketzerei seien.
Jaques: Dem ist so. Demjenigen wird es leicht zu er-
kennen, dem der Herr Gnade und Weisheit gegeben
hat; darum bitte ich dich, mein Herr, du wollest mir
nicht übel nehmen, wenn ich etwas freier mit dir re-
de und mein Herz dir offenbare. Ketzermeister: Nein,
auf meine Treue. Jaques: Mein Herr, gleichwie es euch
vorkommt, daß wir falsche Propheten und Verführer
seien, so kommt es uns von euch vor, und wie es euch
dünkt, wir irren, so dünkt es auch uns von euch, daß
ihr irret; wie ihr meint, daß wir das Volk verführen, so
meinen wir, daß ihr es verführt, und für diese Ansicht
lassen wir das Leben, und alles, was wir in der Welt
haben, um euch den Glauben, welchen wir an Gott
haben, zu bezeugen und mit unserm Blute zu versie-
geln. Ketzermeister: Gleichwohl dient euch solches zu
nichts anderem, als zur Verdammnis. Jaques: Wenn
uns dieses zur Verdammnis dient, so sind wir die Elen-
desten, die unter dem Himmel sind; denn wir sind
verstoßen, verachtet, verworfen als ein Gräuel vor der
ganzen Welt, die von einem Orte zum andern flüch-
ten, sodass wir allezeit keine Ruhe haben, und wie du
sagst, so müssten wir auch nach diesem Leben noch
leiden; nein, nein, mein Herr, wir haben ein ganz an-
deres Zeugnis und Verheißung durch das Wort Gottes.
Ketzermeister: Das kommt daher, weil ihr verführt
seid, aber es wird euch zu nichts dienen. Jaques: Wo
ist aber das Volk, welches in Leiden und Widerwärtig-
keiten seinem Meister bis ins ewige Leben nachfolgen
soll, wie Christus gesagt hat, daß sie um seines Na-
mens willen gehasst werden? Ketzermeister: Das war
allein zu den Aposteln gesagt.
Jaques: Woher kommt es denn, daß Paulus sagt,
daß alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu,
Verfolgung leiden müssen? Und der Prophet sagt: Die
Gerechten müssen viel leiden, aber der Herr erlöst sie
von allem Übel. Ketzermeister: Das ist so zu verstehen,
daß der Teufel ihnen viel Versuchung und Widerwär-
tigkeit verursachen werde. Jaques: Paulus redet von
Verfolgung und nicht von Versuchung; ich kann es
auch nicht verstehen, daß Christus von Versuchungen
gesprochen haben soll, wenn er sagt: Sie werden euch
geißeln in ihren Schulen und euch bis zum Tode ver-
folgen und werden meinen, sie tun Gott einen Dienst
damit; auch sollt ihr gehasst werden von Vater und
Mutter, Brüdern und Freunden, und sie werden einige
unter euch töten.
Ketzermeister: Er redet allein zu den Aposteln.
Jaques: Spricht Christus da nicht von allen, die an sei-
nen Namen glauben? Ketzermeister: Er redete allein
zu den Aposteln, denn diese mussten leiden, als sie
das Wort verkündigten, nachher aber würde man auf-
hören, sie zu verfolgen. Jaques: Woher kam es denn,
daß die Gemeinde und die Versammlung solche grau-
same Verfolgung erlitten hat? Und gleichwohl waren
es nicht alle Apostel. Ketzermeister: Wieso? Jaques:
Gleichwie Lukas bezeugt Apg 8,1 und Paulus 2Th 1,4.
Ja, du selbst, mein Herr, weißt wohl, was einer von
den alten Lehrern (genannt Eusebius) in seinem vier-
ten Buche in dem achten Kapitel schreibt, sagt er nicht,
als er von der ersten Kirche schrieb, wie sie verfolgt
und verachtet worden sei; daß sie das Volk für Räuber,
Totschläger, Kindermörder, abscheuliche Menschen
gehalten habe, und daß sie Menschenblut vergössen
in ihrem Gottesdienste, und daß sie ihre Kinder den
Götzen opferten; ebenso sind sie auch für aufrühreri-
sche, verfluchte Buben, Feinde Gottes und aller Krea-
turen gehalten worden, und man hat ihnen außerdem
andere Bosheiten aufgebürdet; ist dem nicht so, mein
Herr? Gleichwie auch die alten Lehrer Cyprianus und
Tertullianus solches melden. Ketzermeister: Es ist dem
so, wie du sagst, aber das geschah von denen, die kei-
ne Erkenntnis des Evangeliums hatten. Jaques: Ich
glaube, hätten sie an das Evangelium geglaubt, sie
hätten dieselben nicht verfolgt, oder ihnen solche er-
logenen Dinge vorgeworfen; aber es ist allezeit so
ergangen, daß selbst diejenigen, die sich des Wortes
Gottes rühmten, diejenigen verfolgt haben, die den
Herrn zu fürchten und Gott von ganzem Herzen zu
dienen suchten, wie du an dem Volke Israel siehst,
welches, als es für Gottes Ehre und sein Gesetz hätte
stehen sollen, die Propheten, die zu ihm gesandt wa-
ren, und die den Herrn aus reinem Herzen kannten,
getötet hat. Ketzermeister: Darum sind allezeit Böse
unter den Guten, und die Spreu wird unter dem guten
Getreide bis ans Ende sein.
Hierüber wechselten wir noch manche dergleichen
Reden; zuletzt fragte er mich um meinen Entschluss
wegen der Taufe und des Sakramentes, worauf ich
ihm antwortete, wie ich zu andern Zeiten getan hat-
te. Er ging darauf von mir weg und befahl mir, ich
sollte Gott bitten, daß er mir Verstand geben wolle,
um (wie er sagte) zu der heiligen katholischen Kirche
zurückzukehren.
Den 27. Tag des Monats Januar im vorgenannten
Jahre wurde ich abermals vor denselben Ketzermeis-
ter gebracht. Nachdem er ein wenig geredet hatte,
fragte er mich, wie ich mich in Ansehung der Tau-
fe und des Sakramentes beraten hatte; darauf gab
ich ihm zur Antwort, wie zu andern Zeiten, daß ich
keinen andern Rat wüsste, als mich an mein erstes
Bekenntnis zu halten, denn ich fände das nicht in der
Schrift, was er mir vor Augen legte, und mich zwin-
gen wollte zu glauben.
260
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Ketzermeister: Bleibst du denn halsstarrig darin
und willst du sonst nichts glauben? Jaques: Ich bin
nicht halsstarrig, sondern ich finde es nicht in der Wei-
se in der Schrift, wie du mir sagst, daß ich glauben
müsse. Ketzermeister: Nicht? Findest du nicht in der
Heiligen Schrift, was du von dem Sakramente glauben
sollst? Jaques: Ja, aber nicht auf solche Weise, wie du
glaubst, denn so konnte ich es nicht verstehen. Ketzer-
meister: Die Ursache ist, weil du es nicht so verstehen
willst. Jaques: Wie, mein Herr, meinst du, daß ich Gott
wider mein Gewissen widerstehen wolle, dann wäre
ich ärger als ein unvernünftiges Tier. Ketzermeister:
Warum verstehst du es denn nicht? Jaques: Weil es
mir nicht anders gegeben worden ist zu verstehen;
darüber darfst du dich nicht wundern, denn es steht
geschrieben, daß der Herr sagt: Sie werden alle von
Gott gelehrt sein. Ketzermeister: Gleichwohl halte ich
dafür, wenn ich dir solches mit der heiligen Schrift vor
Augen lege, daß es nicht anders sei, als dein eigner
Wahn und deine Halsstarrigkeit, wenn du nicht so
glauben willst. Jaques: Ich könnte es nicht so verste-
hen; denke auch nicht, daß ich, wenn ich es anders
verstände, mein Vergnügen und Zeitvertreib darin su-
chen würde, daß ich hier gefangen und gefesselt bin,
und mein Weib und Haushaltung zu meinem großen
Schaden verlassen habe und jeden Tag den Tod erwar-
te; denn es ist eine Sache, die wider die menschliche
Natur streitet. Ketzermeister: Wohlan, glaube allein
an das Wort Gottes, wie in der Heiligen Schrift ge-
schrieben steht, so bin ich zufrieden, nämlich, daß
wenn man das Brot isst, man des Leibes Christi teil-
haftig werde, und wenn man den Wein trinkt, man
des Blutes Christi teilhaftig werde, wie Paulus an die
Korinther bezeugt. Jaques: Sei damit zufrieden, ich
glaube es, wie es Paulus daselbst bezeugt. Ketzermeis-
ter: Glaubst du denn, daß eine Gemeinschaft des Lei-
bes Christi sei? Jaques: Ja. Ketzermeister: Wohlan nun,
du kannst des Leibes nicht teilhaftig werden, ohne da-
von zu essen, also kannst du ja sagen, daß es der Leib
Christi sei, was du isst. Jaques: Paulus sagt das nicht.
Ketzermeister: Wie kannst du des Leibes teilhaftig
werden, ohne davon zu essen? Jaques: Wie wurde Is-
rael des Altars teilhaftig, und aß doch den Altar nicht,
sondern nur die Opfer? Ketzermeister: Ha, ha, siehe,
wie dich Calvinus oder Zwinglius unterwiesen haben.
Jaques: Meine Lehre und mein Glaube ist nicht auf
Menschen, sondern auf das Wort Gottes gegründet.
Ketzermeister: Wer ist denn euer Haupt und Führer?
Jaques: Christus. Ketzermeister: Aber wer unterrich-
tet euch hier auf Erden, wer ist euer Lehrer? Jaques:
Das Wort Gottes. Als ich vernahm, daß er nicht wuss-
te, von welcher Gemeinde ich wäre, so wollte ich es
ihm auch nicht sagen. Ketzermeister: Gleichwohl aber
musst du hierin von einigen Menschen unterrichtet
sein. Jaques: Wir sind nicht auf Menschen gegründet,
sondern auf den lebendigen Felsen. Ketzermeister:
Habt ihr denn keine Hirten oder Bischöfe? Jaques: Ja,
wir haben. Ketzermeister: Wer ist es? Jaques: Christus,
der Sohn Gottes. Ketzermeister: Du verstehst wohl,
was ich sagen will, aber du willst nicht antworten;
gleichwohl hast du einige Anhänger des Calvinus
oder Zwinglius. Bist du denn wider Menno Simon?
Jaques: Ich glaube, daß zwischen Menno Simon und
meinem Glauben kein großer Unterschied sei. Ket-
zermeister: Glaubst du denn wie Menno Simon, daß
Christus in der Jungfrau Maria von unserem Fleische
nichts an sich genommen habe? Jaques: Mein Herr,
du hast gesagt, daß du über die Sache nicht dispu-
tieren wollest; redest du nun anders? Ketzermeister:
Wohlan, sage mir nur, was du davon glaubst. Jaques:
Ich glaube, daß er der Sohn Gottes im Fleische und
Geiste sei, woher er aber sein Fleisch genommen habe,
überlasse ich dem Geheimnisse Gottes; die Apostel
haben nicht darüber disputiert. Ketzermeister: Ja, ja.
Wir redeten noch viel miteinander, was ich aber hier
nicht niedergeschrieben habe.
Den ersten Tag im Februar desselben Jahres 1558
auf einen Montag, wurde ich abermals vor denselben
Ketzermeister gebracht. Nachdem wir einige Worte
miteinander gewechselt hatten, fragte er mich: Hast
du den Herrn nicht um Weisheit gebeten? Jaques:
Ja, ich habe auch nötig, ihn täglich zu bitten. Ketzer-
meister: Findest du dich ruhig in deinem Gewissen?
Jaques: Sehr wohl, der Herr sei dafür gelobt. Ketzer-
meister: Was glaubst du denn nun von der Taufe und
dem Sakramente, wovon wir geredet haben? Jaques:
Ich glaube eben dasselbe, wie ich mich zuvor deutlich
erklärt habe. Ketzermeister: Willst du nichts ande-
res glauben? Jaques: Ich wollte wohl anders glauben,
wenn es mir nur gegeben wäre, anders zu verstehen;
aber ich will nicht heucheln und wider mein Herz und
Gewissen reden, denn es steht geschrieben: Der Geist
Gottes flieht vor den Heuchlern. Ketzermeister: So bist
du denn hierin, wie ich höre, zum vollen Entschluss
gekommen? Jaques: Ja, bis zu der Zeit, daß ich anders
unterrichtet werde. Mein Herr, meinst du wohl, daß
außerdem nichts sei, was mir in eurer Versammlung
im Wege steht, als die Taufe und das Sakrament? Ket-
zermeister: Wohlan, was ist dir denn noch im Wege?
Jaques: Noch viele andere Ordnungen und Satzungen
in eurer Gemeinde, von denen ich nicht ein Wort in
der Heiligen Schrift finde. Ketzermeister: Dennoch
haben wir keine Verordnung oder Satzung, die ich
dir nicht mit der Schrift beweisen könnte. Jaques: Wo
steht denn das Wort Messe geschrieben, oder Fegfeuer,
oder daß man für die Toten bitten soll? Ketzermeister:
261
Ich will dir wohl beweisen, daß in der Heiligen Schrift
von dem Fegfeuer und daß man für die Toten bitten
müsse, die Rede ist. Jaques: Wo steht das geschrieben
in der Heiligen Schrift?
Ketzermeister: Willst du auch wohl die Bücher der
Makkabäer gelten lassen? Jaques: Ja, gewiss, für apo-
kryphe Bücher. Ketzermeister: Was will apokryph
sagen? Jaques: Die Alten haben diesen Namen ge-
braucht, um damit anzuzeigen, daß es keine gülti-
gen Bücher seien, aus welchen man eine Regel oder
einen Gebrauch hernehmen möge. Ketzermeister: Es
ist zwar war, daß die Lehrer einige Schwierigkeit dar-
in gehabt haben, aber um deswillen kannst du sie
nicht verwerfen. Jaques: Ja, mein Herr, die Ursache,
warum ich sie nicht annehmen will, besteht nicht nur
darin, weil ich mein Vertrauen nicht auf dasjenige set-
zen will, was Menschen gesagt haben, sondern auch,
weil ich nicht finde, daß Christus oder seine Apostel
dieselben angenommen oder irgendein Zeugnis dar-
aus angeführt haben. Ketzermeister: Ja, ja; wo hast du
aber gefunden, daß Christus oder seine Apostel einige
Worte aus den Büchern der Könige angeführt haben?
Jaques: Genug. Ketzermeister: Wo? Jaques: Mein Herr,
zunächst steht im Matthäus geschrieben, daß die Pha-
risäer Christum bestraften, weil seine Jünger auf den
Sabbat die Kornähren ausrauften, welchen Christus
antwortete: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als
ihn hungerte, und die mit ihm waren; wie er in das
Haus Gottes ging und die Schaubrote aß, welche ihm
doch nicht erlaubt waren zu essen. Darum, sage ich,
weil Christus auf dasselbige verweist, was in den Bü-
chern der Könige geschrieben ist, so zeigt er dadurch
an, daß er sie für gut erkenne. Ketzermeister: Findest
du denn auch etwas in dem Buche Josua? Jaques: Ja,
mein Herr. Ketzermeister: Was ist doch das? Jaques:
Mein Herr, du weißt wohl, was Jakobus in seinem
Sendbrief sagt, wo er ein Zeugnis oder Exempel aus
dem Buche Josua, nämlich das zweite Kapitel, anführt,
wenn er von der Hure Rahab redet, welche durch ih-
re Werte im Glauben selig wurde. Ketzermeister: So
willst du denn die Bücher der Makkabäer nicht anneh-
men, weil Christus und seine Apostel kein Zeugnis
aus denselben genommen haben. Jaques: Nein, son-
dern um deswillen, weil darin eine Lehre enthalten
ist, die gegen alle Schrift läuft, nämlich vom Opfer
und vom Bitten für die Toten. Ketzermeister: Wenn
ich mir die Mühe geben wollte, so wollte ich alle un-
sere Ordnungen, als Messe, Beichte, Anbetung der
Bilder, Anrufung der Heiligen und andere, mit der
Schrift beweisen. Jaques: Ich denke das nicht, und
wenn wir auch, mein Herr, in allen Artikeln über-
einkämen, so wollte ich mich doch nicht mit euch
vereinigen, es wäre denn, daß du mir aus der Schrift
bewiesest, daß es ein christlich Ding sei, das unschul-
dige Blut, um des Glaubens willen, zu vergießen, wie
ihr tut. Ketzermeister: Das geschieht um der Verfüh-
rung willen. Jaques: Und wenn es auch um deswillen
geschähe, weil man die Schrift übel versteht, so finde
ich dennoch nicht in der Schrift, daß man jemanden
um seines Glaubens willen töten solle. Ketzermeister:
O das kann ich wohl beweisen, daß man die Ketzer
töten möge, denn es steht geschrieben: Wenn ein Ket-
zer oder falscher Prophet aufstehen würde, so sollte
man sie töten. Jaques: Im 13. Kap., 5. Mose, steht nur
geschrieben: Wenn ein falscher Prophet oder sonst
jemand von ihrem Geschlechte aufstehen würde, der
sie lehren wollte, andern Göttern nachzuwandeln, als
sie erkannt hatten, so sollte der falsche Prophet ge-
tötet und gesteinigt werden. Ketzermeister: Wohlan,
so siehe ein Zeugnis, daß man die Ketzer töten möge.
Jaques: Mein Herr, wir sind nicht mehr unter dem
Gesetze, sondern unter dem Evangelium, und wenn
wir auch unter dem Gesetze wären, so wollten wir
euch doch nicht lehren, andern Göttern nachzufolgen,
sondern dem, der Himmel und Erde erschaffen hat
und seinem Sohne Jesu Christo. Ketzermeister: Ihr tut
es ja durch eure Verordnungen. Jaques: Die Kinder
Israel durften niemanden um der abgewichenen Kir-
chengebräuche willen zum Tode verurteilen, wenn
sie nur an denselben Gott glaubten; aber solches al-
les dient uns nichts; denn was im Gesetze befohlen
war, das ist im Evangelium Christi nicht befohlen. Ket-
zermeister: Nicht, wieso? Jaques: Darum, mein Herr,
im Gesetze war befohlen: Auge um Auge, Zahn um
Zahn; auch daß man seinen Nächsten lieben und sei-
nen Feind hassen soll; durch Christum aber ist uns
das Gegenteil befohlen, dem Übel nicht zu widerste-
hen und unsere Feinde zu lieben. Ketzermeister: Das
ist wahr; aber von den Ketzern hat er nicht befohlen,
daß man sie nicht töten soll. Jaques: Was bedeutet
denn das, mein Herr, was Christus sagen will, wenn
er lehrt, daß man das Unkraut nicht ausrotten soll,
welches unter dem guten Getreide steht, aus Furcht,
wenn man das Unkraut oder das böse Kraut ausrot-
tet, es möchte auch zugleich der Weizen ausgerottet
werden; darum befiehlt er, daß man es bis zur Ernte
lassen soll; die Ernte aber ist noch nicht gekommen.
Ketzermeister: Du verstehst das nicht recht; denn man
kann es leicht erkennen, was Unkraut oder Weizen sei.
Jaques: Ja, nämlich der, welcher des Samens kundig
ist. Ketzermeister: Ja, das ist wahr. Jaques: Mein Herr,
es steht geschrieben, daß die fleischlichen Menschen
allein fleischliche Dinge erkennen, die aber geistig
sind, erkennt niemand als der Geist Gottes. Ketzer-
meister: Das ist wohl wahr. Jaques: Darum, mein Herr,
wollte ich dich gern etwas fragen. Ketzermeister: Was
262
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ist das? Jaques: Hast du den Geist Gottes, oder hat
der Rat den Geist Gottes empfangen? Ketzermeister:
Nein, ich wollte das nicht beantworten. Jaques: Wie
willst denn du oder der Rat geistige Dinge beurteilen
können? Denn die Sache, von der wir reden, ist geistig,
welche man durch den Geist Gottes beurteilen muss.
Ketzermeister: Man urteilt euch um deswillen, weil
ihr des Kaisers Befehl übertreten habt. Jaques: Wäre
sein Befehl nicht wider den Befehl Gottes gewesen,
so hätte ich ihn nicht übertreten. Ketzermeister: Er ist
nicht wider den Befehl Gottes. Jaques: Ich wollte wohl
von dir mit der Schrift bewiesen haben, daß der Be-
fehl des Kaisers oder Königs wahrhaftig und gerecht
sei. Ketzermeister: Ich glaube, du denkst, es seien alle
unsere Väter betrogen gewesen und deine Sekte sei al-
lein selig. Was willst du sagen; es ist bereits 1200 oder
1300 Jahre, daß der Kaiser Theodosius einen Befehl
oder ein Gebot ergehen ließ, um die Ketzer zu töten,
nämlich, die damals wiedergetauft worden sind, wie
eure Sekte. Jaques: Ja, mein Herr; du sagst, unsere
Sekte habe nur zwanzig oder dreißig Jahre bestanden;
aber es ist allezeit so ergangen, daß diejenigen, die
in Christo Jesu haben gottselig leben wollen, haben
Verfolgung leiden müssen, nach den Worten Paulus.
Ketzermeister: So sagen alle Ketzer. Jaques: Paulus
hat es zuerst gesagt; gleichwohl war er kein Ketzer.
Ketzermeister: Ich weiß wohl, daß er kein Ketzer war,
doch gebrauchen sie insgesamt das Wort Paulus; aber
ich sage dir, es ist dir nicht erst jetzt aufgekommen,
daß man Befehle und Gebote erlassen hat, die Ketzer
zu töten; solches ist schon länger als vor 1400 Jahren
der Fall gewesen. Jaques: Aber es ist zu berücksichti-
gen, ob der Kaiser Theodosius, den du gemeldet hast,
wohl getan und ein gutes und Gott wohlgefälliges
Werk verrichtet habe, indem er einen solchen Befehl
erlassen hat. Ketzermeister: Ja, in Wahrheit, denn er
wusste wohl, daß sie Ketzer waren. Jaques: Mein Herr,
nach seiner Meinung waren sie Ketzer, aber nach der
Meinung derjenigen, die ihr Leben für das Zeugnis
ihres Glaubens ließen, war er selbst ein Ketzer und
Tyrann. Ketzermeister: Wie weißt du das? Jaques: Das
weist sich von selbst aus; denn diejenigen, die uns
um unseres Glaubens willen töten, achten wir nicht
höher, als Ketzer und Tyrannen, wie man auch wohl
denken kann, daß diejenigen getan haben werden,
die von dem Kaiser Theodosius getötet worden sind.
Darum kann man eine solche Sache nur durch den
Geist Gottes beurteilen. Ketzermeister: Nein, nein, du
darfst nicht denken, daß so viele gelehrte Lehrer, die
damals in der katholischen Kirche waren, wenn es
unrecht wäre, die Ketzer zu töten, dies zugelassen
haben würden. Jaques: Ich will mich nicht auf die
Verordnungen oder die Weisheit der Menschen stüt-
zen, denn ich halte mich an den Unterricht Christi
und seiner Apostel, die uns allezeit ermahnen, uns
von den falschen Propheten abzusondern und die Ket-
zer zu meiden, und nicht ihnen nachzusetzen, oder
sie bis zum Tode zu verfolgen. Ketzermeister: Mein
Sohn, weißt du wohl, warum sie dieselben nicht ge-
tötet haben? Jaques: Ich glaube, es sei um deswillen
geschehen, weil es Gott nicht wohlgefällig war. Ket-
zermeister: Nein, nein, Jaques, es kam daher, weil sie
nicht mächtig genug waren, und weil sie weder Kö-
nig, noch Fürsten, noch Obrigkeiten hatten. Jaques:
Christus war mächtig genug, zu seinem Dienste mehr
als zwölf Legionen Engel zu haben; ebenso hatten
auch die Apostel durch den heiligen Geist Gewalt
genug; aber ihr Ruf ging dahin, daß sie eine Herde
Schafe und Lämmer, ohne Falsch wie die Tauben, und
gerade wie Kinder sein sollten. Ketzermeister: Es ist
wahr, damals war es so. Jaques: Sollten denn nun,
mein Herr, die Kinder Gottes von einer anderen Art
sein, als diejenigen, die damals waren? Sollten sie ei-
ne Wolfsart haben? Ketzermeister: O nein, das sage
ich nicht. Jaques: Dennoch kommt es mir vor, mein
Herr, daß diejenigen, die sich jetzt rühmen, Kinder
Gottes zu sein, die Art der reißenden Wölfe in der
Tat an sich haben. Er sah mich scharf an und sagte
zu mir: Warum dünkt dich das so? Jaques: Darum,
mein Herr, weil Christus sein Volk Schafe und Läm-
mer nennt; nun aber hat es eine Herde Schafe in der
Art, daß sie, wenn sie einige Tiere kommen sehen
und merken, daß ein Wolf darunter ist, sämtlich ent-
fliehen; ja, wenn ihrer auch tausend wären, gegen
einen Wolf, sie würden nicht dem Wolfe nachsetzen,
um ihn zu verschlingen und sein Blut zu vergießen;
die aber, die sich rühmen, die Herde Christi zu sein,
tun ganz das Gegenteil; woher haben sie doch diese
Art? Ketzermeister: Dieses Gleichnis ist nicht zuläng-
lich, es sind nur unnütze Beweisgründe; es verhält
sich nicht mit der Herde Christi wie mit einer Herde
Schafe. Als ich nun sah, daß er dieses verwarf, frag-
te ich ihn: Ist es nicht nötig, daß die Kinder Gottes
von Gott geboren werden müssen, wie Johannes be-
zeugt; müssen sie nicht solche Art und Zuneigung
an sich haben, wie ihr Vater und Herr? Ketzermeis-
ter: Ja, aber warum? Jaques: Darum, weil geschrieben
steht, daß der Sohn Gottes wie ein Lamm oder Schaf
zur Schlachtbank geführt worden sei und gleichwohl
seinen Mund nicht aufgetan hat; darum müssen sei-
ne Kinder solche Art und Natur auch an sich haben,
weil sie von Gott geboren sind. Ketzermeister: Solches
musste so geschehen. Jaques: Warum? Ketzermeister:
Um die Schrift zu erfüllen. Jaques: Ebenso muss es
auch mit seinen Kindern gehen, daß die Schrift erfüllt
werde. Ketzermeister: Welche Schrift? Jaques: Dieje-
263
nige, wo geschrieben steht: Haben sie mich verfolgt,
so werden sie euch auch verfolgen, gedenkt, daß ich
es euch gesagt habe; der Knecht ist nicht besser als
sein Herr. Ketzermeister: Das sagte er zu seinen Apo-
steln. Jaques: Ich halte dafür, daß er von allen seinen
Kindern geredet habe, und daß solches uns zur Lehre
geschrieben sei. Ketzermeister: Nein, nein, mein Sohn,
du sollst wissen, daß die Apostel ausgesandt worden
seien, allen Kreaturen das Evangelium zu predigen
und zu verkündigen, und daß der Herr vorhergesagt
habe, daß ihnen viel Leiden begegnen würde und daß
sie getötet werden sollten; als sie aber einen Kaiser
zum Glauben gebracht hatten, so hatten sie Ruhe und
durften wohl die Ketzer in ihrem Lande töten. Jaques:
Mein Herr, das sagt die Schrift nicht, auch kann ich es
nicht begreifen, daß es eines Schafes Natur sein sollte,
einen Wolf zu töten und ihn zu verschlingen; nun aber
sagt ihr, daß ihr die Herde Christi seid, wir aber rei-
ßende Wölfe, und dennoch tötet ihr uns; mich dünkt,
das sei nicht recht getan; hierauf lachte er und fragte
mich: Jaques, war Petrus nicht auch ein Schaf Christi?
Jaques: Mein Herr, er war von Gott erwählt, so gehörte
er auch zu der Herde Christi. Ketzermeister: Antwor-
te ja oder nein. Jaques: Ich glaube nicht nur, daß er
ein Schaf der Herde Christi war, sondern auch selbst
ein Hirt. Ketzermeister: Wohl, nun derjenige, der ein
Schaf war, hat auch zwei Menschen getötet. Jaques:
Welche? Ketzermeister: Ananias und sein Weib Sap-
phira. Jaques: Wie hat er sie getötet, hat er doch weder
Stock noch Schwert, ist das nicht durch den Geist des
Herrn geschehen? Ketzermeister: Gleichwohl hat er
das getan. Jaques: Mein Herr, gib doch nicht den Men-
schen die Ehre, als ob sie das durch ihre eigene Kraft
tun könnten, denn daß sie getötet worden sind, ist
durch den Geist des Herrn geschehen; auch ist es nicht
um solcher Ursache willen geschehen, um deretwillen
ihr jetzt tött, sondern die Ursache war, weil sie wi-
der den Heiligen Geist logen. Ketzermeister: Wohlan,
Jaques, mein Sohn, dieses bringt uns einander nicht
näher; sieh zu, daß du dich wohl berätst, dich besserst
und zu dem Glauben bekehrst, den deine Eltern ge-
habt haben, denn du lebst im Irrtum, darum glaube,
wie einem guten Christen zu glauben geziemt, und er-
kühne dich nicht so vieler Dinge. Jaques: Der Glaube
ist eine Gabe Gottes, sagt Paulus. Ketzermeister: Er ist
in Wahrheit Gottes Gabe. Jaques: So können die Men-
schen solche nicht geben. Ketzermeister: Gewiss nicht,
man muss Gott darum bitten. Jaques: Woher kommt
es denn, daß man mich mit Bedrohungen des Todes
zum Glauben zwingen will? Ketzermeister: Man gibt
dir Zeit, dich zu bekehren. Jaques: Mein Herr, welche
Zeit? Sechs, sieben oder acht Tage, wie ich in Brabant
gesehen habe? Ist das eine Zeit, sich so schnell im
Glauben zu verändern? Ketzermeister: Von Brabant
weiß ich nichts, aber hier gibt man den Leuten wenigs-
tens dreimal vierzehn Tage, um sich zu bedenken, ob
sie glauben wollen, wenn man ihnen das Wort Gottes
vorgehalten hat. Jaques: Wie sagst du aber nun, mein
Herr, wenn sie glauben wollen? Du redest, als ab sie
aus eigenen Kräften glauben können, und gleichwohl
sagst du, daß der Glaube eine Gabe Gottes sei. Die
Apostel hatten den Herrn Jesum, der voller Weisheit
und Wahrheit war, zwei oder drei Jahre lang gehört,
und gleichwohl fehlte es ihnen nach am Begriffe, wie
du an den zwei Jüngern abnehmen kannst, die nach
Emmaus gingen; Paulus hatte auch die Apostel und
Jünger gehört, gleichwohl konnte er es nicht begreifen,
sondern stieß sie ins Gefängnis; als es aber Gott gefiel,
hat er ihnen seinen Willen offenbart, zu solcher Zeit,
die er dazu ersehen, und nicht die Menschen verord-
net hatten. Ketzermeister: Das geschah darum, weil
sie solche Lehre noch nicht hatten, und weil es noch
der Anfang war, darum konnte sie es nicht begreifen.
Jaques: Es kam daher, weil es ihnen nicht gegeben
war, oder weil sie vom Vater nicht gezogen waren;
warum erwartet ihr nicht auch die Zeit, wo Gott an
uns seinen Willen tue? Ketzermeister: Du hast solches
neulich schon gehört, auch gibt man dir noch Zeit,
dich zu beraten. Du hast von diesem Tage an noch
drei Wochen Zeit, dich zu bedenken. Jaques: Mein
Herr, ist es deine Meinung, daß man mich nach drei
Wochen töten wird? Ketzermeister: Du kannst dich
unter der Zeit noch bekehren. Jaques: Wenn mir es
aber nicht gegeben ist, es anders zu verstehen, und
ich es auch nicht anders begreifen könnte, wie kann
ich mich bekehren? Ketzermeister: Darum gibt man
dir Zeit, um zu sehen, ob Gott nicht seine Barmher-
zigkeit erweisen und dich bekehren wolle. Jaques:
Mein Herr, ich denke nun an die Kinder Israel, die
in der Stadt Bethulien belagert waren, und Mangel
an Wasser hatten, sodass ihre Weiber und Kinder vor
Durst umkamen und deshalb sagten: Es ist keine Hoff-
nung mehr zu Gott für uns; lasst uns die Stadt in der
Feinde Hände übergeben; ebenso sagt ihr auch: Es ist
keine Hoffnung mehr, daß er sich bekehren werde,
lasst uns ihn dem Tode überantworten. Und gleich-
wie Oseas, der Stadtoberste, einen guten Rat zu geben
gedachte, und zu den Einwohnern sagte, lasst uns
noch fünf Tage warten, und wenn innerhalb dieser
fünf Tage keine Hilfe kommt vom Herrn, so wollen
wir die Stadt unsern Feinden übergeben. Mein Herr,
hat es ihnen nicht eine Witwe, genannt Judith, scharf
verwiesen, welche zu ihnen sagte: Wer seid ihr, die ihr
heute den Herrn versucht, und an Gottes Stelle unter
die Menschen tretet und seinen Rat begreifen wollt.
Ketzermeister: Das kann man mit eurer Sache nicht
264
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
vergleichen. Jaques: Mein Herr, es scheint mir ganz
dasselbe zu sein, denn ihr sagt, wenn innerhalb der
Zeit, die ihr uns gesetzt, von Gott keine Hilfe kommt,
so soll man uns dem Tode überantworten, dann sind
wir auch, wie ihr sagt, vor allen Teufeln verdammt.
Ketzermeister: Jaques, daran ist kein Zweifel. Jaques:
Wie gedenkt ihr aber, mein Herr, dem Gerichte Gottes
zu entfliehen, da ihr uns zur Verdammnis hinsendet?
Warum lasst ihr uns nicht in der Hand Gottes bis an
unser Ende? Denn so lange als wir hier leben, hat man
immer Hoffnung zur Besserung; weil wir aber nach
deiner Meinung verdammt sind, so ist auch nach dem
Tode keine Hoffnung mehr! Ketzermeister: Ich jage
euch nicht zur Verdammnis, denn ich bin es nicht,
der euch verurteilt, auch will auch unschuldig sein
an eurem Tode. Jaques: Mein Herr, als Susanna so
unrechtmäßig zum Tode verurteilt wurde, wer war
Schuld daran, die Richter oder die Zeugen? Ketzer-
meister: Diejenigen, die daran Schuld hatten. Jaques:
Mein Herr, die Richter erhielten einen Verweis von
Daniel; aber die Zeugen bekamen nicht allein einen
Verweis, sondern wurden auch gestraft. Ketzermeis-
ter: Meinst du, daß ich Zeuge sei in deiner Sache?
Ich bin nur hierhergekommen, um dich zu unterrich-
ten. Jaques: Mein Herr, gleichwohl halte ich dich für
einen Hauptzeugen; auf dein Zeugnis werden mich
die Richter zum Tode verurteilen oder freisprechen,
denn aus diesem Grunde bist du hierher gesandt und
von dem Könige eingesetzt.
Ketzermeister: Ich will nicht, daß sie dich auf
mein Zeugnis verurteilen, auch will ich nicht urteilen.
Jaques: Mein Herr, wenn dich die Richter meinetwe-
gen fragen werden, was willst du antworten? Wirst
du nicht sagen, daß ich ein Ketzer sei, und daß ich
den Tod verdient hätte? Ketzermeister: Nein. Jaques:
Mein Herr, ich bitte dich, was wollest du wohl sagen?
Ketzermeister: Du seist betrogen und vom rechten
Wege abgeirrt. Jaques: Verführt zu sein, zu irren, oder
ein Ketzer zu sein, mein Herr, scheint mir von glei-
cher Bedeutung. Ketzermeister: Wohlan, mein Sohn,
denke ja nicht, daß ich um deswillen hierher gekom-
men sei, daß ich ein Todesurteil über dich fällen und
dich verdammen wolle, denn du wirst allein auf dein
Bekenntnis, das du vor dem Commissarius getan hast,
verurteilt werden; was meine Person betrifft, so will
ich nicht, daß sie dich auf mein Wort verurteilen; ich
möchte auch nichts damit zu schaffen haben. Jaques:
Mein Herr, ich habe so lange Zeit die Hinterlist (Par-
tique) nicht getrieben und sieben oder acht Jahre im
Rate gesessen, daß ich wissen sollte, was dieses zu
bedeuten hat; daß ich aber dir dieses sage, geschieht,
um dich zu unterrichten, damit du dich an meinem
Blute nicht besudelst, denn ich weiß wohl, warum du
hierher gesandt worden bist; da stand er auf und ging
fort; die oben angeführten Worte haben wir nachher
noch oft miteinander verhandelt.
Den siebten Tag desselben Monats Februar im Jahre
1558, auf einen Montag, wurde ich abermals vor den-
selben Ketzermeister gefordert. Als ich vor ihn kam,
grüßte er mich und fragte: Wie geht es dir; hast du
noch das Fieber? Jaques: Es steht wohl mit mir; der
Herr sei dafür gelobt; auch hat mich das Fieber vor
ungefähr drei Wochen verlassen. Ketzermeister: Wie
befindest du dich in deinem Gewissen? Jaques: Sehr
wohl, dem Herrn sei Dank dafür. Nachher machte
er ein langes Geschwätz, welches zu lang ist, als daß
ich es in der Kürze anführen könnte; es bestand sei-
nem Hauptinhalte nach darin, daß er mich sehr bat,
ich sollte zu der heiligen katholischen Kirche zurück-
kehren und glauben, wie einem guten Christen zu
glauben zukommt, auch hohen Dingen nicht nachfor-
schen und nicht selbst weise sein wollen. Hierauf habe
ich geantwortet: Ich untersuche nichts, als was mir zu
glauben erlaubt ist; ich bin auch wohl zufrieden, das-
jenige einfältig zu glauben, was einem guten Christen
zu glauben zukommt. Ketzermeister: Du sagst wohl,
du wollest glauben, wie ein guter Christ, und dennoch
hast du einen ketzerischen Glauben. Jaques: Ich habe
keinen solchen, sondern mein Glaube ist allein auf
das reine Wort Gottes gegründet, und wenn du mit
dem Worte Gottes zufrieden sein wolltest, so solltest
du auch mit meinem Glauben wohl zufrieden sein.
Ketzermeister: Du führst das Wort Gottes wohl an,
aber du redest eine andere Meinung in deinem Her-
zen. Jaques: Wir reden, wie wir glauben, und weil wir
euch die Schrift, welche das Wort Gottes ist, als ein
Zeugnis unseres Glaubens Vorhalten, warum seid ihr
damit nicht zufrieden? denn das Herz zu durchfor-
schen, kommt Gott allein zu und nicht den Menschen.
Ketzermeister: Was glaubst du denn von Jesu Chri-
sto, woher hat er denn sein Fleisch genommen?
Jaques: Fehrt dich die Schrift, mich solches zu fragen?
Ketzermeister: Darum, weil Menno gesagt hat, er habe
sein Fleisch vom Himmel gebracht. Jaques: Ich habe
es ihn nicht sagen gehört. Ketzermeister: Gleichwohl
glaubt er es so. Jaques: Des Mennos Glaube ist, daß
das Wort zu Fleisch geworden sei, nach dem Zeugnis-
se Joh 1, oder wie der Text in deinem Testamente lau-
tet: Fleisch geworden sei. Ketzermeister: Was glaubst
du davon? Jaques: Ich glaube, daß Christus der Sohn
des lebendigen Gottes ist. Ketzermeister: Woher hat
er sein Fleisch genommen? Jaques: Ich weiß es nicht,
ausgenommen, daß er vom Vater geboren ist. Ketzer-
meister: Glaubst du denn nicht, daß er sein Fleisch in
dem Leibe der Jungfrau Maria angenommen habe?
Jaques: Mein Herr, kannst du mir beweisen, daß Je-
265
sus Christus und seine Apostel jemanden gezwungen
haben, solches zu bekennen, so will ich es euch auch
bekennen; denn als Petrus Christum bekannte, daß
er der Sohn des lebendigen Gottes sei, so fragte ihn
Christus nicht von wem er gemacht sei, sondern sagte,
daß er auf diesen Felsen seine Gemeinde bauen wolle;
auch als der Kämmerer von Candaces zu Philippus
sagte, er glaube, daß Jesus Christus der Sohn Gottes
sei und daß er begehre, auf diesen Glauben sich taufen
zu lassen, ist Philippus zufrieden gewesen und hat
nicht untersucht, woher er sein Fleisch angenommen
habe. Ketzermeister: Damals war es noch nicht nötig,
danach zu fragen, weil noch kein Streit darüber war.
Jaques: Wie sollte es denn jetzt nötig sein? Ketzermeis-
ter: Um deswillen, weil so viele Ketzer da sind. Jaques:
Es waren auch Ketzer genug zu der Apostel Zeit, aber
die Ursache, warum der Satan allezeit eitlen Wortstreit
hervorbringt, ist die, um den Verstand der Menschen
zu verderben und denselben in Irrtum zu ziehen. Ket-
zermeister: So willst du denn nicht bekennen, daß er
sein Fleisch und Blut in der Jungfrau angenommen ha-
be? Jaques: Ich will dasjenige nicht untersuchen, was
meinen Verstand übersteigt, nämlich, wovon der Sohn
Gottes gemacht worden sei, denn das war ein wun-
derbares Werk; damit du aber nicht denken mögest,
daß ich ein Ketzer sei, so bekenne ich, daß er ein Sohn
Gottes sei, in Kraft und Macht, in Geist, in Fleisch und
Blut, gezeugt von der selbstständigen Wesenheit des
eineinigen Vaters, nämlich des ewigen Gottes, wie uns
auch die Schrift bezeugt, welcher von Ewigkeit beim
Vater war, und als die Zeit der Verheißung erfüllt war,
so ist das ewige Wort Fleisch geworden, und in einer
Jungfrau von dem Heiligen Geiste empfangen, und
von derselben Jungfrau Maria geboren worden. Ket-
zermeister: Er hat sein Fleisch angenommen, und ist
von unserem Fleische gemacht worden; darüber willst
du nichts sagen, nichts? Jaques: Es ist mir genug, daß
ich davon nach der Schrift glaube, ohne weiteres Un-
tersuchen. Ketzermeister: Sagt nicht die Schrift, daß
er unser Fleisch angenommen habe? Jaques: Ich habe
es niemals gelesen, und begehre auch nicht, weiter
zu disputieren; auch hast du gesagt, du wollest nicht
darüber disputieren; warum fragst du mich denn so
oft darüber? Ketzermeister: Die Ursache ist, daß ich
wissen möchte, ob dein Glaube nicht mit Menno Si-
mons Glaube übereinkomme. Jaques: Du hast gehört,
daß ich der Menschen Zeugnis nicht annehme, um
meinen Glauben darauf zu gründen. Als er nun sah,
daß er von mir nichts erlangen konnte, fragte er mich:
Was ist dein Entschluss? Jaques: Ich habe dir meinen
Glauben erklärt, und darüber meinen Entschluss bis
dahin gefasst, bis mir das Gegenteil bewiesen werden
wird. Ketzermeister: Ich habe es dir genug bewiesen.
aber du willst nichts glauben als deiner Einbildung
und Hartnäckigkeit, und hast die heilige Kirche ver-
lassen. Jaques: Mein Herr, ich habe die heilige Kirche
nicht verlassen, denn hätte ich eure Kirche für die hei-
lige Kirche erkannt, so hätte ich sie nicht verlassen
und mich zu einer andern begeben. Ketzermeister:
Obgleich dich nun der Satan so betrogen hat, und du
meinst, daß wir die heilige Kirche nicht seien, so ist es
gleichwohl eben dieselbe, die allezeit gewesen ist von
der Aposteln Zeiten an, und durch die heiligen Lehrer
bis hierher unterhalten worden ist. Jaques: Wenn sie
nun dieselbe Kirche ist, die zu den Zeiten der Apostel
war, so muss sie auch eben dieselben und doch der-
gleichen Bischöfe und Hirten haben, als damals waren.
Ketzermeister: Ja, das haben wir auch. Jaques: Wohlan
denn, mein Herr, zeige mir in deiner ganzen Gemein-
de nur einen Bischof oder Hirten, der in Lehre und Le-
ben unsträflich sei, wie Paulus oder Timotheus, oder
auch wie Titus; dann will ich ihm von ganzem Her-
zen nachfolgen. Ketzermeister: Habt ihr unter euch
solche Hirten? Jaques: Du sagst, daß wir des Satans
Versammlung seien, und daß eure Kirche oder Ge-
meinde eben dieselbe sei, die zu den Zeiten der Apo-
stel war; zeige mir denn dasselbe Volk, woran ich es
erkennen möge. Ketzermeister: Wo meinst du solche
zu finden? Denn sie hatten den Heiligen Geist, und
nun empfängt man ihn nicht. Jaques: Nicht? Warum
sagt denn Paulus: Wer Gottes Geist nicht hat, der ist
nicht sein? Ketzermeister: Das hat einen andern Sinn.
Jaques: Mein Herr, welche Bedeutung denn? Ketzer-
meister: Er redet daselbst von denen, die nicht nach
dem Geiste wandeln. Jaques: Wohl, wonach fragte ich
dich sonst, als nach Bischöfen und Hirten, die durch
den Geist Gottes wandeln und getrieben werden, die
heilig, gerecht, bedachtsam, unsträflich in Lehre und
Wandel sind, wie Paulus lehrt, daß sie sein müssen.
Ketzermeister: Ich wollte wohl solche Bischöfe oder
Hirten nennen, die unsträflich sind, aber du kennst sie
nicht. Jaques: Wo sind sie? Ketzermeister: In Italien
und Spanien. Jaques: Ist die Gemeinde Gottes dort
und nicht hier? Ketzermeister: Es ist auch ein Kardi-
nal oder Bischof in England, welcher in Wahrheit ein
Mann ist, unsträflich in Lehre und Umgang. Jaques:
Mein Herr, befreie mich doch von diesen Ketten und
laß mich gehen; ich will alle Mühe anwenden zu ihm
zu kommen, um zu sehen, ob dem auch so sei; er
lachte und antwortete: Nein, nein, du musst dasjeni-
ge glauben, was man dir sagt. Jaques: Mein Herr, es
steht geschrieben: Verflucht ist der Mensch, der sich
auf Menschen verlässt; soll ich mich denn allein auf
dein Wort verlassen? Ketzermeister: Meinst du, daß
ich lüge? Jaques: Das sage ich nicht, aber ich wollte es
gerne zuerst sehen, ehe ich es glaubte. Ketzermeister:
266
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Ja, ja, du kannst es jetzt nicht sehen. Jaques: Weil ich
es nun jetzt nicht sehen kann, so kann ich es auch
nicht glauben. Ketzermeister: Warum willst du auf ih-
ren Wandel so genau Achtung geben, da sie doch die
Lehre der Apostel haben? Jaques: Das muss mir noch
bewiesen werden; auch wird es dir schwer fallen, mit
der Schrift zu beweisen, daß sie eben dieselbe Lehre
der Apostel haben. Ketzermeister: Freilich haben sie
dieselbe, aber du bist verhärtet und kannst es nicht
fassen. Jaques: Das kommt daher, weil der Schriftbe-
weis mangelt; sind sie aber Bäume von der Wurzel
der Apostel, so zeige mir die Früchte, damit ich sie
erkennen möge. Ketzermeister: Kannst du denn den
Glauben an den Werken erkennen, ob er gut oder
böse sei? Jaques: Mein Herr, unser Meister hat uns
unterrichtet, daß wir die falschen Propheten an ihren
Früchten erkennen sollen, denn wenn wir Trauben an
einem Weinstocke finden, so dürfen wir nicht sagen,
wie ihr tut, daß wir sie an den Domen abgebrochen
hätten; er lachte und sagte zu mir: Sagen wir das?
Jaques: Sagt ihr es nicht? Sagt ihr nicht, daß wir böse,
arge, unnütze Bäume seien, die man ins Feuer wer-
fen müsse? Und gleichwohl hast du mir bekannt, daß
unsere Werke gut seien, wäre unser Glaube nicht. Ket-
zermeister: Es ist zwar wahr, ihr bringt gute Früchte
für den Menschen, aber das Inwendige taugt nichts,
denn euer Glaube ist nicht gut. Jaques: Unsere Wer-
ke entspringen aus unserem Glauben, das Fass kann
nichts anderes von sich geben, als was darin ist, und
darum nennt der Herr diejenigen ein Ottergeschlecht,
die da bekennen, daß die Frucht gut sei, der Baum
aber böse, indem er sagt: Pflanzt einen guten Baum, so
wird seine Frucht gut sein, oder einen bösen Baum, so
wird seine Frucht böse sein. Ketzermeister: Du willst
also sagen, daß unsere Bischöfe und Hirten keinen
guten Glauben haben können, es sei denn, daß ihre
Werke gut sind. Jaques: Mein Herr, ich mag wohl mit
Paulus antworten: Sie sagen, daß sie Gott erkennen,
aber mit den Werken verleugnen sie ihn, denn sie
sind abscheulich ungehorsam und untüchtig zu allen
guten Werken; und solchen nun will ich nicht nach-
folgen als Hirten. Ketzermeister: Nein, nein, Jaques;
sie sind nicht so abscheulich, wie du meinst, wiewohl
sie auch Sünder sind, gleichwie wir alle. Jaques: Mein
Herr, du weißt es besser, als du sagst, denn ich schäme
mich, die Schandflecken dieses Volkes aufzudecken,
die sich doch rühmen, das Licht und das Salz der Er-
de und die Leiter der Blinden und Unwissenden zu
sein. Ketzermeister: Welche Schande ist es denn? Sage
es frei heraus. Jaques: Mein Herr, du begehrst von
mir, daß ich es dir sage, während du doch selbst wohl
weißt, welche unmenschliche Hurerei, die schändlich
zu erzählen ist, gleichwie die von Sodom und Gomor-
rha, man zu Rom begeht, insbesondere der Papst, der
sich doch rühmt, ein heiliger Mensch und Gott auf
Erden zu sein, auch die Kardinale und Bischöfe, die
dort sind; ich will jetzt nicht der Hoffart, der Pracht
und Gottlosigkeit gedenken, welche solche heiligen
Leute begehen. Ketzermeister: Es ist wahr, es sind
einige, die abscheuliche Dinge vor Gott tun, sodass
es ein Gräuel ist; aber, Jaques, um der Bösen willen,
muss man die guten nicht verdammen, sie sind nicht
alle böse; es sind auch Gerechte darunter. Jaques: Ich
glaube, daß die Gerechten dünn geät sind, denn ich
habe von meiner Jugend an mich die meiste Zeit un-
ter Priester, Ordensleuten und Mönchen aufgehalten,
aber die unbeschreibliche Bosheit, die ich daselbst ge-
sehen habe, ist schändlich zu erzählen. Ketzermeister:
Mein Sohn, nicht alle. Jaques: Mein Herr, ich weiß
nicht, daß ich unter allen, die ich jemals gesehen und
gekannt, nur einen nach der Regel, die einem Bischof
oder Hirten anbefohlen ist, habe wandeln gesehen;
du selbst weißt es recht gut, was vor ungefähr vier-
zehn Tagen oder drei Wochen hier in dieser Stadt A.
in dem Jakob inerkloster geschehen ist; denn es hat
sich zugetragen, daß die Mönche oder Jakobiner ihren
Vorsteher aus dem Kloster jagten, weil er ihnen wegen
ihrer Hurerei und Bosheit einen Verweis gab. Ketzer-
meister: Jaques, obschon gottlose Päpste, Kardinäle,
Bischöfe, Priester, Mönche da gewesen sind, so sind
doch auch dagegen gute gewesen; weißt du nicht, daß
das gute Körnlein nicht ohne Spreu ist? Nein, nein,
es gibt gute Körnlein und gute Hirten, wenngleich
du sie nicht kennst. Jaques: Zeige mir denn einmal
einen rechtschaffenen Hirten, so will ich ihm nach-
folgen. Ketzermeister: Wenn ich sie dir auch nennen
würde, so kennst du sie ja doch nicht und willst mir
nicht glauben; und wenn dem auch so wäre, daß sie
böse wären, so haben sie doch den wahren Glauben.
Jaques: Ich halte mich an das Zeugnis des Paulus, daß
das Licht keine Gemeinschaft mit der Finsternis hat.
Ketzermeister: Willst du denn sagen, daß ein Mensch,
der böse Werte tut, den wahren Glauben nicht haben
könne? Jaques: Wenn ein Mensch, der die Erkenntnis
empfangen hat, sich dazu hergibt. Böses zu tun, so
wird sein Glaube nicht lange währen, sondern bald
verfinstert werden. Ketzermeister: Wer hat dir das
gesagt? Jaques: Paulus schreibt an die Römer, daß ei-
nige die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten, denn
daß man weiß, daß Gott ist, ist ihnen offenbar, denn
Gott hat es ihnen geoffenbart, weil sie wussten, daß
ein Gott sei, und haben ihn nicht gepriesen wie einen
Gott, noch ihm gedankt; darum hat sie auch Gott da-
hingegeben in ihrer Herzen Gelüste, erfüllt mit Fins-
ternis. Ketzermeister: Paulus spricht daselbst von den
Weltweisen, die auf die Zeichen des Himmels, der
267
Sterne und Planeten Achtung gaben. Jaques: Es ist
mir gleichgültig, wovon er redet, es mögen Weltweise
oder andere gewesen sein, aber Paulus beweist es, daß
ihre Herzen durch ihre Werke und Undankbarkeit mit
Finsternis erfüllt gewesen seien; und dazu sagt er, daß
sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben,
daß sie selig würden; darum wird ihnen Gott kräf-
tige Irrtümer senden, und so ist es auch geschehen.
Ketzermeister: Hat nicht Judas Ischarioth ein böses
Werk getan, daß er den Sohn Gottes überantwortet
hat? Jaques: Die Schrift sagt, es wäre besser gewesen,
er wäre nie geboren worden. Ketzermeister: Gleich-
wohl hatte er einen wahren Glauben, was sagst du
dazu? Jaques: Hatte er den wahren Glauben vorher
oder nachher? Ketzermeister: Vorher und nachher, ob-
gleich er ein Dieb war. Jaques: Obwohl sein Herz böse
war, so führte er doch (zum Scheine) einen guten Wan-
del, sodass sie nicht denken durften, daß er es sei, der
das Werk tun würde, sondern alle fragten: Bin ich es,
bin ich es? Ketzermeister: Sieh auch den Demas an,
hatte er nicht den wahren Glauben? Gleichwohl hing
sein Herz an den Dingen dieser Welt, wiewohl ihn
dennoch Paulus für einen Bruder hielt. Jaques: Es ist
wahr, daß ihn Paulus eine Zeitlang für einen Bruder
und Mithelfer in dem Werke des Herrn gehalten, aber
nachdem er gesagt hatte, Demns habe ihn verlassen
und diese gegenwärtige Welt lieb gewonnen, nennt er
ihn nicht mehr einen Bruder oder Mithelfer. Ketzer-
meister: Das weißt du nicht. Jaques: Die Schrift gibt
davon keine Nachricht. Ketzermeister: Das gibt und
nimmt der Sache nichts; du musst glauben, daß ein
sündhafter Mensch dennoch den Glauben und das
Evangelium haben kann; meinst du, man müsse ihn
darum nicht hören und seinem Worte nicht glauben?
Jaques: Mein Herr, worin rückst du doch Paulus die
Sünde vor, nachdem er die Erkenntnis der Wahrheit
empfangen hatte? Ketzermeister: Steht nicht geschrie-
ben: Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so
machen wir ihn zum Lügner. Jaques: Dem ist so, aber
in eben demselben Briefe steht auch geschrieben: Wer
aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde, denn sein
Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen, denn
er ist aus Gott geboren; auch sagt Paulus: Wie sollten
wir in der Sünde leben, die wir der Sünde abgestor-
ben sind? Ketzermeister: Es ist eine Frage, die Paulus
dort aufwirft, aber meinst du darum, er habe nicht
gesündigt? Jaques: Du weißt, was Paulus sagte, daß
Christus in ihm lebe; hat denn nun Christus die Sün-
de getan? Auch hat er die Korinther ermahnt, daß
sie seine Nachfolger sein sollten, gleichwie er Christi
Nachfolger sei, und nimmt Gott und Menschen zu
Zeugen, wie heilig, gerecht und untadelhaft er unter
ihnen gewandelt sei, welcher Sünde willst du denn
Paulus beschuldigen?
Ketzermeister: Gleichwohl war er ein Sünder, das
kann man keineswegs leugnen. Jaques: Ich will es
nicht leugnen, denn er selbst sagt, daß er der vor-
nehmste Sünder, Lästerer und Verfolger, während
er im Unglauben befunden, gewesen sei, nicht aber,
nachdem er Erkenntnis erlangt habe. Wohlan nun, die-
jenigen, wonach ich dich frage, sind es Hirten, welche
in Sitte, Lehre und Leben unsträflich sind? Ich weiß
zwar wohl, daß alle Menschen in Sünden geboren
sind; wer aber in der Sünde bleibt, der hat Gott nicht
erkannt. Ketzermeister: Du musst den Spruch nicht
so verstehen, denn ein sündhafter Mensch hat auch
Erkenntnis Gottes. Jaques: Ja, mit dem Munde, sonst
müsste es nicht wahr sein, was der Apostel Petrus ge-
sagt hat, daß derjenige, welcher nicht die Furcht Got-
tes und die brüderliche und lebendige Liebe hat, blind
sei und mit der Hand nach dem Wege tappe. Ketzer-
meister: Nein, er sagt, daß er dem Blinden gleich sei.
Jaques: Mein Herr, mit Erlaubnis, er sagt daß ein sol-
cher Blinder nach dem Wege tappe; es ist ein Zeichen,
daß er ihn nicht gefunden hat; soll ich nun solchen
Leuten nachfolgen? Ketzermeister: Ist euer Menno so
gerecht, heilig und unsträflich? Jaques: Ich habe so
viel Umgang mit ihm nicht gehabt, daß ich etwas Ta-
delhaftes an ihm bemerkt hätte. Ketzermeister: Mit
wem hast du denn deinen Umgang gehabt? Kann man
eurem Lehrer nichts nachsagen? Ist er untadelhaft?
Jaques: Mein Herr, kannst du ihm etwas nachweisen
oder ihn in irgendeinem Stücke tadeln? Ketzermeister:
Ich kenne den Bösewicht nicht. Jaques: So lästere ihn
denn auch nicht, denn es wird dir schwer fallen, zu
beweisen, daß er ein solcher sei, wie du ihn nennst.
Ketzermeister: Das würde mir nicht schwer fallen,
denn er mag wohl so genannt werden, weil er Leu-
te genug verführt hat. Jaques: Mein Herr, sieh wohl
zu, daß du nicht selbst einer seiest, der das Volk ver-
führt. Ketzermeister: Ist er nicht in Seeland geboren,
in dem Dorfe? Er nannte mir das Dorf, aber ich habe
es vergessen. Jaques: Ich weiß nicht, wo er geboren ist.
Ketzermeister: Wie war er gestaltet, welchen Bart und
Kleider hatte er? Jaques: Du fragst sehr genau nach
ihm, ich denke, du wollest ihn gerne verraten, weißt
du denn sonst keinen Weg, mein Herr? Ketzermeis-
ter: Ich wollte ihm kein Leid antun. Jaques: Ich höre
wohl, daß du solches sagst, gleichwohl möchtest du
ihn gerne an dem Ort haben wollen, wo ich bin, möch-
test du nicht, mein Herr? Ketzermeister: Ja, oder er
würde sich bekehren. Jaques: Wenn er sich aber nicht
nach eurem Sinne bekehren würde, würdet ihr ihn
nicht ins Feuer stellen? Ketzermeister: Dann würde
ich den Richter gewähren lassen. Jaques: Wurdest du
ihm aber nichts Übles wünschen? Würdest du wollen.
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
daß man dir solches täte? Als er dann aber sah, daß er
mir nicht antworten konnte und daß zwei oder drei
Personen vor der Türe zuhörten, den Stockmeister
ausgenommen, welcher allezeit bei den Gefangenen
ist, fing er ein langes Geschwätz an und sagte, daß
ich nicht so tief in der Schrift forschen, sondern mich
von denen, die gelehrter wären als ich, unterrichten
lassen sollte, auch daß ich glauben möchte, ein sünd-
hafter Mensch, der böse im Leben ist, könne ebenso
gut den Glauben haben, als ein anderer, und daß ich
sein Wort hören, aber nicht nach seinen Werken tun
sollte. Jaques: Muss ich das durch die Schrift oder
ohne die Schrift glauben? Ketzermeister: Ich habe es
dir durch die Schrift bewiesen. Jaques: Durch welche
Schriftstelle? Ketzermeister: Mit Judas und Demas,
welche den Glauben hatten und doch in ihrem Leben
böse waren.
Jaques: Mein Herr, es dünkt mich, unsere Worte
seien ein Kinderspiel; habe ich dir nicht darauf geant-
wortet und bewiesen, daß es sich nicht gezieme, die-
jenigen Führer und Hirten zu nennen, die vom Glau-
ben abgefallen sind? Ketzermeister: Ja, wo denkst du
solche unsträflichen Hirten Zu finden, wie du sie ha-
ben willst? Siehst du nicht, daß die Welt mit Büberei
angefüllt ist? Jaques: Wiewohl du keinen kennst, so
kenne ich doch einige, und solchen will ich nachfol-
gen. Ketzermeister: Wo sind sie? Jaques: Sie sind dir
unbekannt? Weißt du nicht, daß, als der Prophet mein-
te, es seien alle Gerechten in Israel durch Ahab und
Isabel getötet worden, der Herr sagte, daß ihrer noch
siebentausend übergeblieben seien, die ihre Knie vor
dem Götzen Baal nicht gebeugt hätten. Ketzermeis-
ter: Das geschah damals um der Verfolgung willen,
daß sie so zerstreut waren. So geschieht es auch noch
heutzutage um der Verfolgung willen, daß sie so zer-
streut und der Welt unbekannt sind. Ketzermeister:
Musst du aber einem einzigen Menno, oder einem
andern Menschen, der einen guten Wandel zu führen
scheint, nachfolgen, und um deswillen alle übrigen
Bischöfe und Pastoren, die nicht ebenso richtig wan-
deln, verlassen? Jaques: Mein Herr, meinst du, Ahab,
der König Israels, hätte Übel getan, wenn er den Rat
der vierhundert Propheten verlassen hätte und dem
Rate des armen Michas allein nachgefolgt wäre? Ket-
zermeister: Gewiss nicht, denn Micha war ein Prophet
Gottes. Jaques: Sagten nicht die andern, sie wären es
auch? Und gaben dem armen Micha einen Backen-
streich, weil er wider sie weissagte und sagten zu ihm:
Meinst du, daß der Geist Gottes von uns gewichen sei?
Ketzermeister: Sie rühmten sich des Heiligen Geistes,
aber mit Unrecht, denn sie waren solche nicht. Jaques:
Ahab wusste das nicht, denn weil Micha allein wider
die vierhundert Propheten geweissagt hatte, wurde
der arme Mann Gottes sehr hart bei Wasser und Brot
ins Gefängnis gelegt, bis Ahab aus dem Streite von
Ramoth in Gilead zurückkehren würde; aber er hat
erfahren, daß der Rat der vierhundert Propheten ihn
das Leben kostete, wie Micha ihm zuvor gesagt hatte.
Ketzermeister: Das sind Schriftstellen, die sich nur auf
vergangene Zeiten beziehen. Jaques: Paulus sagt, daß
es zu unserer Lehre geschrieben sei; und so geschieht
es noch heutzutage. Ketzermeister: Wohlan, so willst
du denn keinen Lehrern gehorchen, und ihnen nicht
nachfolgen, es sei denn, daß sie tun, was sie lehren,
ist dem nicht so? Jaques: Dem ist so; denn es steht
geschrieben: Das Auge ist des Leibes Licht, ist nun
dein Auge ein Schalk, so wird dein ganzer Leib finster
sein. Ketzermeister: So willst du denn nicht nach dem
Rate Jesu Christi verfahren, nämlich nach ihren Wor-
ten, und nicht nach ihren Werken zu tun? Jaques: Zu
wem hat er dieses geredet? Ketzermeister: Zu seinen
Jüngern. Jaques: Von wem redete er es? Ketzermeister:
Jesus Christus sagt: Auf Moses Stuhl sitzen die Schrift-
gelehrten und Pharisäer; was sie euch befehlen, das
tut; aber tut nicht nach ihren Werken. Jaques: Welch
ein Stuhl war es, von Holz oder von Stein? Ketzermeis-
ter: Es war der Stuhl, welcher daselbst war. Jaques:
Wie konnte so viel Volk auf einem Stuhle sitzen? War
er denn groß, oder war es nicht das Gesetz, wovon
Christus redete? Ketzermeister: Von dem Gesetze, das
sie verkündigten. Jaques: Das Gesetz war ein Befehl
Gottes, und nicht der Menschen, und da Christus sol-
ches sagte, hat er sie nicht erwählt, seine Herde zu
weiden und zu leiten. Ketzermeister: Setzte er sie nicht
zu Hirten, wenn er ihnen sagt: Tut nach ihren Worten,
aber nicht nach ihren Werken? Jaques: Hast du nicht
gelesen, was der Herr sagt: Es sei denn, daß eure Ge-
rechtigkeit besser sei, als die der Schriftgelehrten und
Pharisäer, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.
Siehe, sie sind ja schon draußen, wie sollten sie denn
einen andern führen? Ketzermeister: Tut allein nach
ihren Worten. Jaques: Habt ihr keine anderen Hirten
unter euch, das Wort Gottes zu verkündigen, als sol-
che Schriftgelehrten und Pharisäer, welchen Gott mit
so vielen Flüchen gedroht hat? Sagt nicht der Prophet:
Selig ist der Mensch, der nicht gegessen hat bei den
Gottlosen, und Christus ermahnt uns, vor ihrem Sau-
erteige uns zu hüten. Ketzermeister: Du musst dieses
nicht so verstehen, sondern glauben, ein Gottloser
könne wohl Gutes reden. Jaques: Es steht geschrieben:
Das Lob ist nicht schön in dem Munde der Gottlosen,
weil sie von Gott nicht gesandt sind. Und wie sollte er
predigen, wenn er nicht gesandt ist? Ketzermeister: Es
ist wahr, es ist nicht schön, aber er sagt nicht, daß es
nicht gut sei. Jaques: Ist es nicht schön, so ist es auch
nicht angenehm, denn was kann ein unbußfertiger
269
Mensch für Buße verkündigen? Dann soll auch wohl
das Wort eines Diebes, der seine Mitgesellen ermahnt,
nicht mehr zu stehlen, Frucht bringen? Wird nicht sein
Mitgeselle sagen: Ist es übel getan, warum tust du es
selbst? Du Heuchler, tue erst den Balken aus deinem
Auge, denn wirst du auch den Stab in meinen Augen
sehen.
Ketzermeister: Du verdrehest jede Schriftstelle nach
deinem Sinne und Verstände; du musst dir selbst nicht
so viel Zutrauen, sondern deinen Verstand unter den
Verstand derer gefangen geben, die weiser sind als
du. Jaques: Mein Herr, ich rede immer mit dem Vorbe-
halte, daß wenn mir ein Besseres bewiesen wird, ich
demselben nachfolgen wolle. Dann stand er auf und
sagte: Es ist Zeit, daß ich gehe, siehe zu, daß du dich
wohl bedenkest und rufe Gott ernstlich an. Jaques: Ich
weiß von keinem Bedenken, weil du mir gar nichts
beweisen kannst.
Ketzermeister: Was sollte ich dir beweisen? Jaques:
Ich habe dich gebeten, du wollest mir sagen, welchen
Hirten ich nachfolgen sollte, und ob sie solche seien,
wie die Schrift verordnet hat, daß sie im Leben, in
der Lehre und im Wandel sein sollten. Ketzermeister:
Folge denen nach, welchen deine Eltern nachgefolgt
sind, und damit ging er fort.
Hier endigte das Schreiben, weil ich am Ende von
einer Menge Volks und Widersprechern gestört wur-
de.
Dieses, des Jaques Bekenntnis, ist aus dem Franzö-
sischen ins Niederländische und Hochdeutsche über-
setzt worden.
Verrat des Jaques d'Auchi.
Außer dem Obigen wollen wir dem Leser berichten,
wie dieser gemeldete Jaques d'Auchi verraten, gefan-
gen worden und in der Tyrannen Hände gefallen sei;
desgleichen auch, welche Strafe der gerechte Gott an
diesem Tyrannen und Verräter ausgeübt hat, allen Ty-
rannen und Verrätern zur Lehre und denkwürdigem
Exempel.
Es hat zu Harlingen ein Ratsherr, namens Herr von
der Waal gelebt; dieser hat nach dem Jaques schar-
fe Nachsuchung gehalten, hat ihn mit freundlichen
Worten angeredet und ihn in sein Haus genötigt unter
dem Vorwände, daß er einen Brief an ihn hätte. Als
Jaques dahin kam, hieß er ihn freundlich willkommen,
nötigte ihn auch sehr, bei ihm zu Gaste zu bleiben
(denn, um der alten Bekanntschaft willen, schien er
große Liebe für ihn zu empfinden). Als er aber merkte,
daß Jaques nicht bleiben wollte, hat er mit freundli-
chen Worten, doch aus einem Judasherzen, von ihm
begehrt, er sollte zu ihm kommen und von seiner
Ware und Arbeit mitbringen (denn Jaques trieb die
Krämerei, und es schien, als hätte er von ihm etwas
kaufen wollen); unterdessen hat er heimlich einen
Boten nach Leeuwaarden an den Rat gesandt und
sich einen Commissari us und Türwächter erbeten.
Als nun Jaques wieder zu ihm kam, hat er ihn freund-
lich gegrüßt, und unterdessen nach dem Türwächter
geschickt; als nun derselbe ankam, hat der Verräter
mit spitzigen Worten gesagt: Fange ihn, siehe, dies
ist der Mann. Darauf haben sie unbarmherzig Hand
an ihn gelegt und gesagt: Halte fest!, und haben ihn
genau untersucht. Da sprach Jaques: O, mein Herr!
Was hast du nun getan, daß du mich so verraten hast,
denn ich habe dir mein Leben mit all meinem Gute
anvertraut; warum trachtest du mir nach dem Leben
und dürstest so nach meinem Blute? Er erwiderte: Sei
zufrieden und laß dich binden, denn du musst mit mir
auf das Haus gehen; auch (sagte er) daß er solches tun
müsste, um seinem Eide Genüge zu tun, darum hat
er auch ihm, dem Jaques, seinen grausamen, tyran-
nischen Befehl vorlesen lassen, außerdem auch sehr
scharf nach vier andern Männern gefragt. Jaques ant-
wortete, er wolle niemanden verraten oder betrügen;
hätte er aber über ihn oder sonst jemanden klagen
gehört, das könnte er offenbaren. Der Verräter gab
zur Antwort, er habe solches nicht gehört, und daß
er nicht wegen einer Missetat gefangen sei, sondern
nur darum, weil er der Ketzerei angehangen hätte;
er hat ihn auch gefragt, ob er nicht ein Wiedertäufer
wäre. Jaques hat sowohl verneint, daß er der Ketze-
rei angehangen habe, als daß er ein Wiedertäufer sei,
sondern gesagt, daß er, nach des Herrn Wort, auf sei-
nen Glauben nur einmal getauft worden sei. Als er
ihn wegen der römischen Kirche fragte, hat Jaques
geantwortet, daß dieselbe nicht aus Gott sei. Da hör-
te man diesen Verräter betrübten Blicks zum Scheine
tief aufseufzen und sagen: Ach Jaques, musst du in
meine Hände fallen? Jaques antwortete: Mein Herr,
ich hatte auf dich all mein Vertrauen gesetzt, um der
alten guten Bekanntschaft willen und weil ich so lan-
ge mit dir Umgang gehabt; aber ich will es dir von
Herzen vergeben; und es ist mein ernstliches Begeh-
ren, daß dir der Herr gnädig sein wolle. Er dankte
Jaques für diese Gunst, und meinte, er hätte vor Gott
keine Schuld, weil er nach seinem Eide getan hätte.
Jaques sagte: Dünkt dieser Handel dich vor Gott und
Menschen recht zu sein? Die Zeit wird kommen, daß
du es anders finden wirst. Da sandte er Jaques in die
Kammer und sagte zu ihm: Man wird dich zu Leeu-
waarden wegen deines Glaubens und deiner Lehre
untersuchen.
Als Jaques dort gefangen saß, ist sein Weib zu ihm
gekommen, worüber sich dieser Freund Gottes sehr
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
gegrämt und betrübt hat, daß er sie in großer Betrüb-
nis gesehen hat, denn sie war schwanger. Der Türhü-
ter hatte sie mit großer Ungebühr von sich gestoßen,
viele der umstehenden Menschen aber haben bitter-
lich mit ihr geweint und den Türhüter gebeten: Ei,
lasse sie doch zu ihm kommen; aber es konnte nicht
lange währen. Jaques hat zu ihr gesagt: O meine Ge-
liebte!, gehe nach Hause und tröste dich in dem Herrn,
denn ich bin hier gefangen um des Wortes Gottes wil-
len; solches wird dir nicht zur Schande und Unehre
gereichen, denn ich habe niemanden beleidigt; sie ent-
gegnete: Der Herr wolle dich stärken in der Wahrheit,
denn nach diesem Streite ist dir die Krone in der Ewig-
keit bereitet. Ach, möchte ich mit dir sterben und mit
dir das selige Leben ererben, dann wäre mein Herz er-
freut. Jaques sagte: Ach, Schwester in dem Herrn, laß
dich dieses nicht bekümmern, wenn ich auch ein we-
nig vorausgehen muss, das geschieht nach des Herrn
Willen. Der Türhüter konnte solches nicht leiden, son-
dern sprach: Mache dich eilends davon. Jaques sagte
ihm hierauf in bittendem Tone: Ach, laß doch Gott
eine kleine Zeit mit uns machen. So sind diese zwei
lieben Schäflein voneinander geschieden, hofften aber
in der Auferstehung der Gerechten wieder zusammen
zu kommen, wo in Ewigkeit keine Klage oder Schei-
dung vernommen werden wird. Er ist aber, nachdem
er durch die Gnade Gottes mancherlei Anstoß, viel
Untersuchungen und Bedrohungen der Blutgierigen
ausgestanden und ertragen hat, um des Zeugnisses
Jesu Christi willen in großer Standhaftigkeit gestor-
ben, jedoch nicht auf dem Richtplatze, sondern er ist
während der Nacht heimlich ermordet worden. In
jener Zeit sind noch glaubwürdige Personen am Le-
ben gewesen, welche, als er vor Mitternacht ermordet
worden ist, ihn des Morgens früh in seinen ledernen
Kleidern erwürgt und erstickt in seinem Blute liegend
gesehen haben; derselbe ruht nun unter dem Altäre Je-
su, und erwartet mit Gottes Auserwählten eine selige
Auferstehung und das ewige Leben.
Dieser vorgedachte Verräter (Herr von der Waal) ist
nicht lange nach dieser Tat zur Strafe für seine mörde-
rische Verräterei von Gott sehr hart getroffen worden,
wodurch es herbeigeführt ist, daß er ein schreckliches
Ende in dieser Welt genommen hat, zum warnenden
Vorbilde und ernstlichen Berücksichtigung für alle
diejenigen, die gleiche Gesinnungen mit ihm haben
und solche etwa zur Ausführung bringen möchten,
denn er ist aus Leeuwaarden unter großer Schmach
und unter dem Gespötte des gemeinen Volkes in größ-
ter Schnelligkeit vertrieben worden, sodass sowohl
der Schiffer, der ihn fortschaffen sollte, als auch er
selbst sich in der größten Lebensgefahr befanden und
nur durch Bitten und Flehen ihr Leben retten konnten.
denn dieser Verräter ist von dem gemeinen Volke und
selbst von den Kindern sehr unbarmherzig gesteinigt
und seine Verräterei ihm unter Schimpfreden vorge-
worfen worden, sie schimpften ihn einen Schelm, Ju-
das, Bösewicht und Erzketzer; auch sangen sie über
ihn unter großen Beschimpfungen und Vorwürfen die
nachfolgenden Verse, welche von Jaques gedichtet
worden sind:
Er sprach: Ich habe dich gefunden,
Mein Eid hat nun sein Ziel erseh'n;
Ergib dich d'rein und wird' gebunden,
Du musst mit mir auf's Haus hingeh’n.
Und ferner:
Sollt’ wohl dieser Handel frommen
Vor Gott und der Menschen Schaar;
Wenn die Zeit wird endlich kommen,
Wird dies werden offenbar.
Auch hat ihn Gott mit einem bösen Aussatze ge-
straft, welche Krankheit ihm in sehr beleidigenden
Ausdrücken vorgeworfen worden ist, denn wenn sie
einen Vers des obigen Liedes gesungen hatten, so rie-
fen sie wieder schmähender Weise: Du aussätziger
Judas und verräterischer Schelm, wird es dir jetzt
nicht offenbar? Die Steinwürfe haben immer über-
hand genommen, sodass der Schiffer, der ihn fort-
schaffen sollte, in Lebensgefahr ausrief, daß er auf
Befehl des Herrn ihn wegführen müsse. Also ist er
mit großer Schmach und Unehre aus Leeuwaarden
vertrieben worden, und ist mit großer Schande und
Verachtung hie und da von einem Orte zum andern
geflüchtet, bis ihn endlich der Aussatz verzehrt und
aufgerieben hat, sodass er, wie Antiochus und Hero-
des, ein schreckliches und unzeitiges Ende genommen
hat, allen seinen Nachfolgern zum Spiegel. Die Sage
über diesen Vorfall unter dem gemeinen Volke lautet
noch bei weitem schrecklicher, als wir ihn hier geschil-
dert haben.
Das Bekenntnis einer Frau, genannt Claesken, die
um des Zeugnisses Jesu Christi willen ihr Leben
gelassen hat, 1559.
Fragen und Antworten zwischen dem Commissarius und
Claesken.
Der Commissarius hat mich zuerst nach meinem Na-
men, wo ich geboren wäre, nach meinem Alter und
nach mehreren anderen dergleichen Dinge gefragt;
dann fragte er mich: Bist du getauft? Claesken: Ja.
271
Commissarius: Wer hat dich getauft? Claesken: Je-
lis von Aachen. Commissarius: Der Verführer; er ist
selbst von seinem Glauben abgefallen. Wie machte
er es, als er dich taufte? Claesken: Er taufte mich im
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geis-
tes. Commissarius: Wo hast du die Taufe empfangen?
Claesken: Zu Workum im Felde. Commissarius: War
mehr Volk dabei? Claesken: Ja. Commissarius: Was für
Volk war es? Claesken: Ich habe es vergessen. Com-
missarius: Durch welche Gelegenheit bist du dahin
gekommen? Claesken: Ich habe es vergessen; beides
konnte ich mit Wahrheit wohl sagen. Commissarius:
Sind deine Kinder nicht getauft: Claesken: Meine bei-
den jüngsten Kinder nicht. Commissarius: Warum
hast du deine Kinder nicht taufen lassen? Claesken:
Weil ich so viel Wohlgefallen daran hatte, daß der Herr
sie mir gegeben. Commissarius: Warum hattest du so
viel Liebe für Abraham und Sicke, und nicht auch für
Douwe; du hast ja Douwe taufen lassen? Claesken:
Damals wusste ich es nicht. Commissarius: Was wuss-
test du damals nicht? Claesken: Was ich jetzt weiß.
Commissarius: Was weißt du jetzt? Claesken: Was mir
der Herr zu erkennen gegeben hat. Commissarius:
Was hat dir der Herr zu erkennen gegeben? Claesken:
Daß ich es in der Schrift nicht verstehen kann, daß sol-
ches geschehen müsse. Commissarius: Wie lange bist
du nicht in der Kirche gewesen? Claesken: In neun
oder zehn Jahren nicht.
Dieses sind die Fragen, worüber er mich verhört
hat; wiewohl er viel mehr Worte machte, und wenn
ich ihm nicht sofort antwortete, so sagte er, ich hätte
einen stummen Teufel in mir; der Teufel verstelle sich
in uns in einen Engel des Lichts, und so wären wir
wie die Ketzer alle; dann las er mir die Artikel vor, wie
ich bekannt hatte, und sagte mir, sie würden vor die
Herren kommen; wenn ich es haben wollte, so wollte
er noch etwas anders niederschreiben. Ich erwiderte:
es ist nicht nötig, etwas anders niederzuschreiben.
Fragen und Antworten zwischen dem Ketzermeister und
Claesken.
Ketzermeister: Warum hast du dich taufen lassen?
Claesken: Die Schrift zeugt von einem neuen Leben.
Johannes ruft zuerst von der Buße, desgleichen auch
Christus selbst, und nach ihm die Apostel; sie lehr-
ten das Volk Buße tun, sich bekehren, und dann sich
taufen lassen; in gleicher Weise habe ich auch Buße
getan und mich bekehrt, und habe mich taufen lassen;
hierauf erwiderte er nicht viel. Ketzermeister: Warum
hast du deine Kinder nicht taufen lassen? Claesken:
Ich kann es in der Heiligen Schrift nicht finden, daß
solches nötig sei. Ketzermeister: David sagt ja: Ich bin
in Sünden geboren, und meine Mutter hat mich in
Sünden empfangen; da nun die Kinder in der Erbsün-
de geboren sind, so müssen sie auch getauft werden,
sollen sie anders selig werden. Claesken: Kann ein
Mensch durch ein auswendiges Zeichen selig werden,
so ist Christus umsonst gestorben. Ketzermeister: Es
steht Joli 3,5: Man muss wiedergeboren werden aus
Wasser und Geist; darum müssen die Kinder auch
getauft werden. Claesken: Das hat Christus nicht zu
den Kindern, sondern zu Verständigen geredet; dar-
um habe ich mich zur Wiedergeburt begeben; wir
wissen es, daß die Kindlein in des Herrn Hand sind,
denn er sagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen,
solcher ist das Reich der Himmel. Ketzermeister: Ste-
phanus' Hausgesinde wurde getauft, dabei sind auch
zufälligerweise Kinder gewesen. Claesken: Wir ver-
lassen uns nicht auf den Zufall, denn wir haben eine
große Gewissheit; dagegen sagte er auch nicht viel.
Ketzermeister: Was hältst du von der heiligen Kirche.
Claesken: Davon halte ich sehr viel. Ketzermeister:
Warum gehst du denn nicht in die Kirche? Claesken:
Von euren Kirchenbesuchen halte ich nichts. Ketzer-
meister: Glaubst du wohl, daß Gott allmächtig sei?
Claesken: Ja, das glaube ich. Ketzermeister: Glaubst
du denn auch wohl, daß Christus sich geheiligt ha-
be und in dem Brote komme? Paulus sagt: Das Brot,
das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des
Leibes Christi, und der Kelch, den wir segnen, ist der
nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Claesken:
Ich weiß wohl, wie Paulus sagt, und so glaube ich
auch. Ketzermeister: Christus sagte: Nehmt, esst, das
ist mein Leib, desgleichen auch Paulus. Claesken: Ich
weiß wohl, wie Christus und Paulus sagen, und das-
selbe glaube ich auch. Ketzermeister: Glaubst du denn
auch, daß Christus sich heilige und im Brote komme?
Claesken: Christus ist zur Rechten seines Vaters; er
kommt nicht unter der Menschen Zähne. Ketzermeis-
ter: Bleibst du bei diesem Glauben, so musst du ewig
in den Abgrund der Hölle fahren; in gleicher Weise
reden alle Ketzer; es hat sie Jelis von Aachen verführt,
welcher doch selber von seinem Glauben abgefallen
ist, weil er erkannte, daß er geirrt habe. Claesken: Ich
beruhe weder auf Jelis, noch auf einem andern Men-
schen, sondern allein auf Christo; derselben ist unser
Grund, darauf haben wir uns erbaut, wie uns Christus
in seinem Evangelium lehrt: Wer meine Worte hört
und tut sie, den will ich einem weisen Manne verglei-
chen, der sein Haus auf den Felsen baute, und wenn
schon Stürme entstehen und auf das Haus stoßen, so
fällt es doch nicht ein. Dies sind nun die Stürme, die
auf unser Haus zustürmen; aber Christus ist unsere
Feste, er wird uns wohl bewahren. Ketzermeister: Du
verstehst es nicht, und es sind viele andere Schriften,
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
von denen du nicht weißt. Claesken: Wir bedürfen kei-
ner anderen Schriften als des heiligen Evangeliums,
welches Christus selbst mit seinem gesegneten Munde
zu uns geredet, und mit seinem Blute versiegelt hat;
können wir dieses halten, so werden wir die Seligkeit
erlangen. Ketzermeister: Du solltest dich unterrichten
lassen; die heiligen Väter haben vor 1500 Jahren den
Gebrauch, in die Kirche zu gehen, eingeführt. Claes-
ken: Die heiligen Vater hatten solche Heiligkeit nicht;
das sind Menschengebote und Satzungen; auch haben
die Apostel solche Heiligkeit nicht gebraucht; ich habe
nichts davon gelesen. Ketzermeister: Willst du wei-
ser sein als die heilige Kirche? Claesken: Ich begehre
nichts wider die heilige Kirche zu tun; ich habe mich
unter den Gehorsam der heiligen Kirche begeben. Ket-
zermeister: Du solltest denken: Sollte ich es besser
wissen, als die heiligen Väter vor 1500 Jahren; du soll-
test denken, du seiest einfältig. Claesken: Bin ich auch
schlicht und einfältig vor den Menschen, so bin ich
doch nicht schlicht in der Erkenntnis des Herrn. Weißt
du nicht, daß der Herr seinem Vater dankte, daß er
solches vor den Weisen und Verständigen verborgen
und es den Einfältigen und Unschuldigen offenbart
hätte?
Einstmals waren zwei Mönche bei ihm, die mich
auch unterrichten sollten. Sie wussten aber nicht viel
zu sagen, und meinten, daß wir Menschen von zerrüt-
teten Sinnen und untüchtig zum Glauben wären. Wir
lernten allezeit und könnten doch nie zur Erkennt-
nis der Wahrheit kommen. Ich erwiderte: Wenn der
Tag des Herrn kommt, werdet ihr es wohl anders
erfahren; seht euch vor, damit ihr nicht solche sein
werdet, die da sagen werden: Diese sind es, die wir
für einen Spott hielten; siehe, wie sind sie nun unter
die Kinder Gottes gerechnet, und ihr Teil ist unter den
Heiligen. Darauf sagten sie: Siehe, sie richtet uns. Ich
sagte: Ich richte euch nicht, sondern ich sage, ihr sollt
euch vorsehen; jetzt wird unser Leben für unsinnig
gehalten und unser Ende für eine Schande; wenn aber
des Herrn Tag kommen wird, so wird man es wohl
anders finden. Der Anfang und das Ende war, daß
ich den Teufel hätte und verführt wäre. Ich sagte: Ist
denn Christus ein Verführer? Er sagte: Nein, Chris-
tus ist kein Verführer. Ich sagte: So bin ich auch nicht
verführt; ich suche und begehre nichts anderes, als
den Herrn von ganzem Herzen zu fürchten, und mei-
nes Wissens nicht ein Pünktlein von seinen Geboten
zu übertreten; als er mir nun länger vorgeredet hatte,
so sagte er endlich: Ich kann dir nichts anderes sa-
gen; du kannst dich bedenken. Ich erwiderte: Ich darf
mich nicht anders bedenken; ich weiß wohl, daß die
Wahrheit auf meiner Seite ist.
Als ich nun abermals vor ihn kam, so sagte er: Nun,
Claesken, wie hast du dich bedacht? Claesken: Ich
habe mich bedacht, daß ich dabei bleiben will, wozu
mich der Herr berufen hat. Ketzermeister: Der Teu-
fel hat dich berufen; derselbe verstellt sich in euch
in einen Engel des Lichtes. Als er mich das sechste
Mal verhörte, fragte er mich: Als Christus sein Abend-
mahl mit seinen Aposteln hielt, gab er ihnen nicht
sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken? Claes-
ken: Er gab ihnen Brot und Wein; seinen Leib aber gab
er dahin zu ihrer Erlösung. Ketzermeister: Christus
sagt ja klar: Nehmt, esst, das ist mein Fleisch; dem
kannst du ja nicht widersprechen. Claesken: Paulus
sagt: Ich habe es von dem Herrn empfangen, was ich
euch gegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da
er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach es,
gab es seinen Aposteln und sprach: Nehmt, esst, das
ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut
zu meinem Gedächtnis; desgleichen auch nach dein
Abendmahle nahm er den Kelch und sprach: Dieser
Kelch ist ein neues Testament in meinem Blute; so oft
ihr solches trinkt, so tut es zu meinem Gedächtnis,
und so oft ihr von diesem Brot esst und von diesem
Kelch trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis
daß er kommt. Darum hat uns Christus sein Abend-
mahl hinterlassen, daß wir uns seines Todes dabei
erinnern sollen, daß er seinen Leib für uns dahinge-
geben und sein Blut für uns vergossen habe. Solches
Abendmahl wollte ich wohl mit Gottes Volke halten,
aber kein anderes. Er blieb bei seiner Redeweise, man
müsste das Fleisch Christi essen und sein Blut trin-
ken; die Worte Christi und Pauli brächten solches klar
mit sich. Claesken: Weil die Worte so deutlich sind,
kann ich sie so wohl verstehen, doch pflegt es zu ge-
hen, wie Paulus sagt, daß diejenigen, die sich nicht
zum Herrn bekehren, eine Decke vor ihrem Herzen
haben; diejenigen aber, die sich zum Herrn bekehren,
denen ist die Decke von ihrem Herzen hinweggetan.
Wir haben uns zum Herrn begeben; es ist vor uns
nichts verborgen. Ketzermeister: Bei Joh 6 sagt Chris-
tus auch deutlich, daß man sein Fleisch essen und sein
Blut trinken müsse. Claesken: Daselbst steht auch, als
die Juden murrend sagten: Wie kann uns dieser sein
Fleisch zu essen geben, sagte Christus: Es sei denn,
daß ihr das Fleisch des Menschensohnes esst, so habt
ihr kein Leben in euch. Auch sagt er: Wer mein Fleisch
isst, und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben. Er
sagte auch: Fleisch und Blut ist nichts nütz, die Worte,
die ich rede, sind Geist und Leben; wer an Gott glaubt
und in aller Gerechtigkeit wandelt, der ist ein Tempel
Gottes, worin Gott wohnen und wandeln will, wie
Paulus bezeugt.
Als er mich das siebte Mal verhörte, sagte er:
Glaubst du nicht, daß die Apostel Christi Fleisch ge-
273
gessen haben? Claesken: Christus nahm das Brot und
dankte, brach es und gab es seinen Jüngern; seinen
Leib aber hat er für sie hingegeben zur Erlösung. Ket-
zermeister: Glaubst du nichts anderes? Claesken: Ich
glaube nichts anderes, als was Christus geredet hat.
Ketzermeister: So bezeuge ich über dir, daß ich rein
sei von deinem Blute. Dein Blut komme auf deinen ei-
genen Kopf. Claesken: Damit bin ich wohl zufrieden.
Ketzermeister: Hiermit übergebe ich dich dem Herrn.
Darauf hat er mich noch einmal verhört und mich
gefragt: Glaubst du noch nicht, daß die Apostel Chris-
ti Fleisch gegessen haben? Claesken: Ich habe es dir
gesagt. Ketzermeister: Sage es jetzt. Claesken: Ich sage
es nun nicht mehr. Ketzermeister: Glaubst du noch
ebenso bei der Taufe? Claesken: Du weißt es ja wohl,
daß man die Bußfertigen taufen müsse. Ketzermeis-
ter: Das ist freilich wahr. Wenn ein Jude kommt, der
noch nicht getauft ist. Bist du auch noch ebenso in
der Kindertaufe gesinnt? Claesken: Ja. Ketzermeister:
Glaubst du denn nichts anderes? Claesken: Ich glaube
nichts anderes, als was Christus befohlen hat. Ketzer-
meister: So bezeuge ich über dir, daß du ewiglich in
dem Abgrunde der Hölle gequält werden müssest.
Claesken: Wie darfst du mich so abscheulich richten,
da doch dem Herrn allein das Gericht zukommt? Ich
bin deswegen nicht erschrocken; ich weiß es besser,
nämlich, daß man es anders finden wird, wenn des
Herrn Tag kommt. Dann fragte ich ihn: Was sagt mein
Mann? Ketzermeister: Dein Mann ist eben auch so ge-
sinnt; der Herr muss euch erleuchten. Claesken: Wir
sind schon erleuchtet; der Herr sei gelobt. Von meiner
Taufe redete er nicht viel, auch nicht von der Kin-
dertaufe, sondern alle seine Reden gingen dahin, daß
man Christi Fleisch essen und sein Blut trinken müsse;
auch redete er von der vor 1500 Jahren geschehenen
Einsetzung, meinte, daß ich einfältig sei und das Testa-
ment kaum einmal durchgelesen hätte. Ich erwiderte:
Was? Meinst du, daß wir aufs Ungewisse laufen? Es
ist uns nicht unbekannt, was im Neuen Testamente
steht; wir verlassen unsere lieben Kinder, die ich um
die ganze Welt nicht verlassen wollte; auch wagen
wir alles daran, was wir haben; sollten wir denn auf
das Ungewisse hinlaufen? Wir suchen sonst nichts, als
unsere Seligkeit; du kannst es uns in mit der Heiligen
Schrift nicht beweisen, daß wir auch ein Pünktlein
gegen des Herrn Wort brauchen oder glauben. Es war
bei ihm ausgemacht, daß wir alles vom Teufel hätten,
und daß wir mit dem Hoffartsteufel besessen wären.
Ich sagte: Wir wissen, daß die Hoffärtigen vom Stuhle
gestoßen sind. Er redete so viel, weil er dachte, daß
er mich vielleicht überreden könnte, darum musste
ich bisweilen auch reden, weil ich nicht haben wollte,
daß er solches mutmaßen sollte.
Brief der vorerwähnten Claesken an ihre Freunde
nach dem Fleische, auch nach dem Geiste.
Nim folgt ein Brief der vorerwähnten Claesken an ihre
Freunde nach dem Fleische, auch nach dem Geiste,
geschrieben ans dem Gefängnisse im Jahre 1559, den
14. März, welche auch auf oder um dieselbe Zeit samt
ihrem lieben Manne und ihrem Bruder Jaques um des
Zeugnisses Jesu getötet worden ist.
Der Herr wolle durch seine große Gnade und Barm-
herzigkeit allen denen, die nach der Gerechtigkeit
hungern und dürsten, verleihen, daß sie gesättigt wer-
den mögen.
Meine herzlich geliebten Freunde, meine herzliche
Bitte und Begehren ist nochmal an euch, daß ihr die
Schrift (die heilig ist) wohl durchforschen und ergrün-
den wollt; lernt den Herrn doch von Herzen fürchten,
denn die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang,
die Toren verachten die Weisheit und die Unterwei-
sung der Weisheit. Die Weisheit klagt draußen und
lässt sich auf den Gassen hören; sie ruft in der Tür
am Tore, vorn unter dem Volke: Wie lange wollen die
Albernen albern sein und die Spötter Lust zur Spötte-
rei haben und die Ruchlosen die Lehre hassen? Kehrt
euch zu meiner Strafe. Siehe, ich will euch meinen
Geist offenbaren und euch meine Worte kundtun. Da
ich nun rufe und ihr euch weigert, da ich meine Hand
ausstrecke, aber niemand darauf achtet und ihr allen
meinen Rat in den Wind schlagt, und meine Bestra-
fung nicht wollt, so will ich auch lachen in eurem
Unfall und eurer spotten, wenn da kommt, was ihr
fürchtet. Wenn über euch kommt wie ein Sturm, was
ihr fürchtet, wenn euer Unfall wie ein Wetter über
euch hereinbricht, wenn über euch Angst und Not
kommt. Dann werden sie mir rufen und ich werde
sie nicht erhören, sie werden mich frühe suchen und
nicht finden, weil sie die Lehre hassten und des Herrn
Furcht nicht haben wollten; weil sie meinen Rat nicht
wollten und alle meine Strafe lästerten, so sollen sie
von den Früchten ihres Wesens essen und ihres Ra-
tes satt werden; wer aber mir gehorcht, wird sicher
bleiben und genug haben und kein Unglück fürchten.
Seht, meine lieben Freunde, nehmt doch dieses zu
Herzen, daß der Herr diejenigen nicht erhören wolle,
die ihn nicht fürchten; und wie köstlich ist die Furcht
des Herrn, wer sie nur annehmen will, denn mit ihr
ist nichts zu vergleichen; die Furcht des Herrn ist Eh-
re und Ruhm, Freude und eine schone Krone. Die
Furcht des Herrn macht das Herz fröhlich und gibt
Freude und Wonne ewiglich; wer den Herrn fürchtet,
dem wird es wohl gehen in der letzten Not, und er
wird endlich den Segen behalten. Gott lieben, ist die
allerschönste Weisheit, und wer sie erkennt, der liebt
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sie, denn er sieht, welch große Wunder sie tut. Die
Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. Die Furcht
des Herrn ist der rechte Gottesdienst, sie behütet und
macht das Herz fromm und gibt viel Freude und Won-
ne. Wer den Herrn fürchtet, dem wird es wohlgehen,
und wenn er des Trostes bedarf, so wird er gesegnet
werden. Gott fürchten ist die Weisheit, die reich macht.
Die Furcht Gottes ist eine Krone der Weisheit, und gibt
reichen Frieden und Heil. Den Herrn fürchten ist die
Wurzel der Weisheit, aber den Sündern ist die Weis-
heit ein Fluch. Die Furcht des Herrn wehrt der Sünde,
denn wer ohne Furcht fährt, der mag nicht gerechtfer-
tigt werden. Seid nicht ungläubig, denn die Weisheit
kommt nicht in eine boshafte Seele, und wohnt nicht
in einem den Sünden unterworfenen Leibe.
Meine sehr geliebten Freunde! Nehmt doch den
großen Unterschied zu Herzen, der zwischen denen
ist, die Gott fürchten, und die ihn nicht fürchten.
Durchforscht doch die Schrift wohl, damit ihr nicht
den Städten gleich sein mögt, von welchen Christus
im Evangelium sagt und bezeugt, daß es denen von
Sodom und Gomorrha am Tage des Gerichts erträg-
licher ergehen werde, als solchen Städten, weil sie
die kräftigen Taten nicht zu Herzen nahmen, die in
ihrer Gegenwart geschahen. Darum, liebe Freunde,
stellt der Herr euch auch noch jetzt durch uns solche
kräftigen Taten vor Augen: lasst es euch zur Stärkung
dienen, wie Paulus sagt, daß viele Brüder durch seine
Bande eine Zuversicht im Herrn gewonnen haben,
und desto mutiger geworden sind, das Wort ohne
Furcht zu reden. Meine lieben Freunde, merket wohl
auf: Als der Herr seine kräftigen Taten verrichtete, so
tat er es nicht allein um eines Menschen willen, wie
wir lesen bei Johannes, als er Lazarus von den Toten
auferweckte, sondern, daß das Volk seine kräftigen
Taten sehen und an ihn glauben sollte, wiewohl nur
einige an ihn glaubten, andere aber sich an ihm ärger-
ten und sagten: Konnte der, der den Blinden sehend
gemacht hat, nicht auch bewirken, daß dieser nicht ge-
storben wäre? So geht es heutzutage auch mit denen
zu, die nicht glauben: Denn wenn sie es auch wohl
sehen, wie stark und kräftig der Herr mit uns ist, so
ärgern sie sich doch daran und sagen, daß wir dieses
aus Hartnäckigkeit tun; wenn wir dann entgegnen,
daß die Gerechten verfolgt werden müssen, so sagen
sie, daß wir wegen der Wiedertaufe verfolgt werden.
Also gereicht es ihnen zum Ärgernisse. Aber denen,
die Gott glauben, ist es wohlbekannt, daß wir um der
Gerechtigkeit willen leiden müssen; diesen, hoffe ich,
soll es zur Stärkung dienen, uns aber als eine Prüfung
zur ewigen Seligkeit.
Meine lieben Freunde, nehmt es doch zu Herzen,
welche große Herrlichkeit denen verheißen sei, die
den Herrn von ganzem Herzen fürchten, und welche
große Trübsal über alle Seelen der Menschen kommen
werde, die dem Evangelium nicht gehorsam sind; die-
se werden Pein leiden, das ewige Verderben von dem
Angesichte des Herrn. Darum begebt euch doch der
Wahrheit zum Gehorsam und verändert eure Sinne,
damit ihr prüfen mögt, was der wohlgefällige und
vollkommene Wille Gottes sei. Habt eure Betrachtung
Tag und Nacht in dem Gesetze des Herrn, lasset euch
auch nicht abhalten, beständig zu bitten, wie uns die
Schrift an vielen Stellen lehrt: Wer bittet, der empfängt;
wer anklopft, dem wird aufgetan. Darum, meine lie-
ben Freunde, verändert eure Herzen, dann wird euch
der Herr eher geben, als ihr ihn darum bittet; denn
selig sind, die eines guten Willens sind; selig sind, die
da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn
sie werden gesättigt werden.
Darum tragt doch Leid und habt ein Verlangen nach
dem Herrn, und sagt: O Herr, zeige mir deine Wege,
und lehre mich deine Stege; leite mich in deine Wahr-
heit und lehre mich; denn du, Gott, bist es, der mir
hilft; täglich warte ich dein, Herr, gedenke an deine
Güte und Barmherzigkeit, die von Ewigkeit gewesen
ist; gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und mei-
ner Übertretung, sondern gedenke meiner um deiner
großen Gnade und Barmherzigkeit willen. Der Herr
ist gütig und aufrichtig; darum unterweist er die Sün-
der auf dem Wege; er schafft den Elenden Recht, und
lehrt die Elenden seine Wege. Darum, meine geliebten
Freunde, tut aufrichtige Buße und bekennt dem Herrn
eure Sünden von ganzem Herzen; der Herr wird von
denen gefunden, die eines zerbrochenen Herzens und
zerschlagenen Geistes sind. Darum demütigt euch
unter die gewaltige Hand Gottes, damit ihr in Ewig-
keit erhoben werden mögt. Hiermit will ich euch dem
Herrn anbefehlen; der wolle euch in alle Wahrheit
leiten.
Meine herzgründlich geliebten Freunde; nehmt es
doch zu Herzen, denn es ist aus herzlicher eifriger Lie-
be geschehen, die ich zu euren Seelen trage, weil ich
gewiss und versichert bin, daß kein anderer Weg ist,
auf welchem man selig werden kann; darum warne
ich euch aus reinem Herzen; es wird auch in der Ewig-
keit nicht anders befunden werden. Obgleich nun eini-
ge viel zu schwatzen und zu sagen haben, so tun sie es
doch nur darum, weil sie das Kreuz Christi nicht auf
sich nehmen wollen und damit verfolgt werden, wie
davon Paulus redet: Aber nehmt ihr zum Exempel,
daß ihr Christi Fußstapfen nachfolgen müsst, und daß
uns die ganze Schrift zwingt, daß wir uns zum Leiden
begeben und bereit machen sollen, was auch Paulus
sagt: Wenn wir mit leiden, so sollen wir uns auch
mit freuen, und wie des Leidens Christi viel über uns
275
kommt, so werden wir auch reichlich getröstet durch
Jesum Christum; so lesen wir auch, daß alle heiligen
Männer Gottes durch viel Trübsal und Leiden geprüft
worden seien; und wie freudig sie das Leiden aufge-
nommen haben, ja, sie erfreuten sich aufs Höchste,
daß sie würdig waren, um des Namens Gottes willen
zu leiden; aber die den Herrn nicht recht lieben, wol-
len dieses Leidens entübrigt sein, und haben dieses
zeitliche Leben lieber als ihren Herrn und Gott; den-
noch sagt Christus: Wer sein Leben zu erhalten sucht,
der wird es verlieren, wer aber sein Leben verliert um
meines Namens und um des Evangeliums willen, der
wird es in Ewigkeit erhalten; nicht, als ob alle um des
Wortes des Herrn willen sterben müssen, sondern das
Gemüt muss so beschaffen sein, daß wir lieber ster-
ben, als eins der Gebote des Herrn mit Wissen und
Willen übertreten wollten. Darum sagt Cnristus: Wer
etwas lieber hat als mich, der ist meiner nicht wert.
Darum, meine herzlich geliebten Freunde, die ich
von ganzem Herzen liebe, achtet doch nicht auf eines
Menschen Sagen, sondern seht allein auf Jesum Chris-
tum, wie er uns in Leiden und Trübsal vorgegangen
ist; liebt doch den Herrn, euren Gott, von ganzem Her-
ren, aus allen Kräften und Vermögen, und wenn auch
die ganze Welt gegen euch aufstehen und stürmen
würde, so wird euch doch niemand schaden können,
wenn ihr Gott zum Vater und eine aufrichtige Liebe
zu ihm und seinen Heiligen habt. Die Liebe vermag al-
les, denn wo keine aufrichtige Liebe ist, da wird wohl
alles bald zerbrochen, wenn Angst und Verfolgung
kommt; wer sich aber dem Herrn anbefiehlt und die
Liebe hat, dem ist kein Ding zu schwer; hätte ich es
nicht selbst erfahren, so wäre es mir unmöglich zu
wissen, daß es so leicht wäre. Darum sagte Christus:
Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Ja, liebe
Freunde, mein Gemüt ist noch so beschaffen; ich habe
solche Liebe zu dem Herrn, meinem Gott, daß wenn
ich auch mein Leben durch einen Gedanken erretten
könnte, wüsste aber, daß es dem Herrn nicht gefiele,
so wollte ich lieber sterben, als solche Gedanken he-
gen, nicht, als ob ich mich rühmen wollte, der Herr
weiß wohl, wie unrein ich mich vor ihm erkannt habe,
sondern durch die große Gnade, Barmherzigkeit und
Liebe, welche er uns bewiesen hat, daß wir zu sei-
nem himmlischen Reiche erwählt sind. Nim fühle ich
erst in mir die unaussprechliche Gnade, Barmherzig-
keit und Liebe Gottes, und wie wir ihn darum wieder
lieben müssen. Ja, ich habe solche Hochachtung vor
dieser Gnade und Liebe, daß meine Betrübnis in Freu-
de verwandelt ist.
Ich muss euch ferner etwas von meiner Traurigkeit
sagen, welche ich hatte, ehe ich gefangen wurde; ich
merke jetzt auf die Worte des Apostels, daß ich gött-
lich betrübt worden bin, und daß die göttliche Reue
zur Seligkeit wirke; ja, ich hatte bisweilen solche Trau-
rigkeit, daß ich nicht wusste, wohin ich mich wenden
sollte, daß ich auch oft mit lauter Stimme zum Herrn
rief: O Herr, zermalme doch das alte Herz und gib mir
ein neues Herz und Gemüt, damit ich vor deinen Au-
gen auch richtig erfunden werden möge; ich sagte zu
meinem lieben Manne: Wenn ich mein Leben mit der
Schrift vergleiche, so ist es mir, ich müsste zu Grunde
gehen; ich kann wohl mit David sagen: Meine Sün-
den sind über mein Haupt gefahren; wie eine schwere
Last sind sie mir zu schwer geworden. Ich sagte: Mein
lieber Mann, bitte doch den Herrn für mich, denn ich
werde angefochten; je mehr ich meine Gedanken zu
dem Herrn richtete, desto mehr setzte mir der Versu-
cher mit andern Gedanken zu. Da rief ich nun zum
Herrn und sagte: O Herr, du weißt ja wohl, daß ich
sonst nichts verlange, als dich zu fürchten; bisweilen
hat mich mein Mann getröstet; es dünkte ihm, ich
täte nichts, das vor dem Herrn nicht wohl bestehen
könnte. Ich sagte: Ich habe meine erste Liebe nicht,
darum bin ich betrübt, sodass ich nicht schlafen kann.
Hier ist keine Hoffnung, den Sünden abzusterben; ich
fürchte noch lange zu leben; wenn ich mich auch noch
so sehr nach Besserung bestrebte, so bleibe ich doch
in der Unreinigkeit; ich elender Mensch, wo soll ich
hin?
Ich hätte euch ein Mehreres schreiben sollen, aber
es kam eben ein Bote, daß wir reisen sollten. Meine
herzlich geliebten Freunde, mein Mann, mein Bruder
und ich haben ein fröhliches Urteil gehört; wir erwie-
sen einander alle Liebe, und waren wohlgemut; ich
dankte dem Herrn so sehr, daß es auch die Herren hör-
ten; sie hießen mich schweigen, aber ich redete ohne
Scheu. Als wir nun unser Urteil gehört hatten, rede-
ten wir alle drei und sagten, sie hätten das gerechte
Blut verurteilt; mein lieber Mann redete viel und sehr
freundlich, ja, wir dankten dem Herrn mit fröhlichem
Angesichte, daß das Volk zuschaute. Hiermit will ich
euch dem Herrn anbefehlen. Eilt, zu uns zu kommen,
damit wir beieinander in Ewigkeit leben mögen.
Dieses ist noch ein Brief oder Bekenntnis
derselben Claesken; als eine neue Zugabe hier
beigefügt.
Als wir vor dem vollständig versammelten Rate wa-
ren, wurden wir von dem Oberanwalte des Rates an-
geredet; derselbe erklärte den Herren im Allgemeinen,
was wir vor dem Commissarius bekannt hätten, hielt
auch eine lange Rede darüber, wie lange wir nicht in
der Kirche gewesen wären, daß wir unsere Kinder
nicht hätten taufen lassen, und daß wir Wiedertäufer
276
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
wären, sagte auch, wir hätten, laut Befehls, das Leben
sowie auch unsere Güter verwirkt. In dieser angege-
benen Weise stellte er die Anklage, und machte einen
Anspruch an unsern Leib und unsere Güter, und als
er Bericht gegeben hatte, wie und wo wir getauft wor-
den wären, fragte er uns, ob wir bei unserer Taufe
bleiben wollten; wir redeten freimütig und imverzagt,
mit einem fröhlichen Gemüte, daß wir eine Taufe nach
des Herrn Befehle empfangen hätten; unser Bruder
Jaques sagte, wenn man es ihm mit des Herrn Wort
anders beweisen könnte, so wollte er nicht gegen das
Wort des Herrn handeln.
Mein Mann sagte, er begehre bei seiner Taufe zu
bleiben; ich sagte, wie unser Bruder gesagt hatte, daß
wir unsere Taufe nach dem Worte des Herrn empfan-
gen hätten, worauf er beide Male entgegnete: Nach
deiner Meinung! Dann fragte er uns, ob wir keinen
Verteidiger begehrten; unser Bruder erwiderte darauf:
Christus ist unser Fürsprecher; damit entfernten wir
uns; wir gingen fröhlich und guten Mutes vom Rate,
obgleich es uns das Leben kosten sollte.
Seit dieser Zeit ist mein Mann und unser Bruder ein-
mal vor dem Pfarrer von dem alten Hofe gewesen; des
Sonntags aber in den Fasten waren wir alle drei vor
dem Rentmeister; zuerst hatte unser Bruder ein langes
Gespräch mit ihm, und bewies ihm mit der Schrift,
sodass er nichts dagegen zu sagen wusste, als daß es
vom Teufel wäre, und daß zwar viele in der Hölle wä-
ren, daß aber die Unsrigen die Ärgsten wären; dann
wurde mein Mann vor ihn gebracht, und endlich auch
ich. Als ich vor ihn kam, fing er von der Kindertaufe,
von meiner Taufe, von dem Essen des Fleisches Chris-
ti und von vielen andern Dingen an; ich erwiderte:
Du brauchst alles solches nicht hervorzusuchen, es
ist mir nicht gegeben, mit dir zu disputieren; ich sage
dir gerade heraus: Ich will bei dem bleiben, wozu der
Herr mich berufen hat. Er sagte, der Teufel hätte mich
berufen. Ich entgegnete: Ist denn jetzt der Teufel von
solcher Art, daß er von dem Bösen ablässt und Gutes
tut? Es geht uns, wie der Prophet sagt: Wer sich vom
Bösen wendet, muss jedermanns Raub sein! So ist es
uns ergangen; von dem ersten Tage an, wo wir von un-
serm eitlen, bösen Wegen abließen, wurden wir von
jedermann gehasst, wie Christus sagt: Ihr werdet um
meines Namens willen von jedermann gehasst wer-
den. Christus sagt ferner: Fürchtet diejenigen nicht,
die den Leib töten, und keine Gewalt haben, mehr
zu tun, sondern fürchtet denjenigen, der Seele und
Leib in die Hölle verdammen kann; ja, den fürchten
wir allein. Auch begehrte er, ich sollte ihm von der
Kindertaufe und von dem Essen des Fleisches Christi
Auskunft geben. Ich erwiderte: Es ist nicht der Mühe
wert, dir auf deine Fragen eine Antwort zu geben.
solche unnötigen Fragen tust du! Ich habe dir genug
davon gesagt; ich sage dir nichts mehr, wir haben des-
sen genug gehabt; wache übrigens auf und merke, du
siehst es ja wohl, daß es nicht eines Menschen Tim ist,
was wir durch den Herrn zu tun vermögen, daß wir
unsere lieben Kinder, ja, unser Leben selbst um der
Ehre Gottes willen mit solcher Freude verlassen. Sie-
he zu, was du tust! Wir sind das heilige Volk Gottes,
die Auserwählten Gottes, wenn auch alle eure Gelehr-
ten zusammenkämen, die in der ganzen Welt sind, so
können sie uns mit dem Worte des Herrn nicht be-
weisen, daß wir wider das Wort Gottes glauben oder
tun; hierauf erwiderte er, wir glaubten es ja nicht, daß
die Apostel Christi Fleisch gegessen und sein Blut ge-
trunken hätten; Christus habe ja gesagt: Nehmt, esst,
das ist mein Leib; ich sagte: Christus nahm das Brot,
dankte und brach es, und gab es seinen Aposteln; als
er nun das Brot nahm und brach es, und gab es ihnen,
so war ja das Brot kein Fleisch; er gab ihnen ja nicht
seinen lebendigen Leib zu essen, als er lebendig bei
ihnen stand; aber zur Erlösung hat er denselben ge-
geben, nicht allein ihnen, sondern allen denen, die an
ihn glauben. Man mochte ihm sagen, was man woll-
te, er blieb bei seiner alten Redeweise. Unser Bruder
hatte ihn von allen Dingen mit der Schrift so klar über-
wiesen, daß er nicht ein Pünktlein dagegen zu sagen
wusste. Unser Bruder redete laut, damit diejenigen,
die außerhalb an der Kanzlei standen, es hören möch-
ten, wie deutlich er ihm alles bewies; ich redete auch
so laut, als ich konnte, mit einem fröhlichen Gemüte;
was mir der Herr in den Sinn gab, das redete ich ohne
Furcht, will es aber, um kurz zu sein, hier nicht an-
führen. Er redete nichts anderes, als daß wir mit dem
Teufel besessen wären, daß sich der Teufel in uns in
einen Engel des Lichts verstelle, daß wir einen Hoff-
artsteufel hätten, und daß wir ewig in dem Abgrunde
der Hölle sein müssten; dieselbe Sprache führte er, so
oft wir vor ihm waren. Ich erwiderte: So tief du uns
in den Abgrund der Hölle verstößt, so hoch sind wir
bei dem Herrn erhoben.
Von der Kindertaufe wusste er nichts anderes zu
sagen, als was Christus sagt: Ihr müsst von neuem
geboren werden aus Wasser und Geist; ich erwiderte,
die Kinder können die neue Geburt nicht verstehen;
Christus sagte solches zu den Verständigen; darum
haben wir unser altes Leben abgelegt und haben ein
neues angezogen. Wir wissen wohl, daß unsere Kin-
der selig sind vor dem Herrn. Da kam er mit David
hervor, wie er in Sünden geboren worden sei; unser
Bruder hatte ihm alles so deutlich erklärt, aber gleich-
wohl blieb er unverständig. Als wir unsere Reden
geendigt hatten, fragte ich ihn, was mein Mann sag-
te? Er entgegnete: Dein Mann bleibt auch auf seiner
277
Meinung; ich sagte: Was willst du doch noch mit mei-
nem armen Manne tun, der ja nicht einen Buchstaben
lesen kann? Darauf antwortete er: Deine Verdammnis
wird größer sein als die deines Mannes, weil du lesen
kannst und ihn verführt hast, damit schied ich von
ihm.
Nachher ist die vorgenannte Claesken mit ihrem
Manne und Bruder Jaques um des Zeugnisses der
Wahrheit willen zu Leeuwaarden in Friesland ertränkt
worden, im März 1559.
Jelis de Groot und Mahieu von Halewyn, 1559.
Zu Kortryck in Flandern sind zwei gottesfürchtige
und schlichte Brüder gewesen, der eine Jelis de Groot,
der andere Mahieu von Halewyn genannt, die viel
lieber mit den Kindern Gottes Ungemach leiden, als
mit der gottlosen Welt der eitlen Freude pflegen woll-
ten, welchem Ungemache sie auch nicht haben ent-
fliehen können, denn im Jahre 1559 sind sie gefangen
genommen und zugleich auch wegen ihres Glaubens
untersucht worden; sie haben denselben ohne Furcht
bekannt, und sind ungeachtet aller Bedrohungen und
Pein, die sie um deswillen erdulden mussten, bis zu-
letzt standhaft dabei geblieben, sodass sie um dieser
Standhaftigkeit willen zum Tode verurteilt worden
sind und als fromme Helden Gottes öffentlich unter
dem Anschauen vieler Menschen den zeitlichen Tod
durchwandert haben; sie liegen nun unter dem Altäre,
und erwarten mit ihren vorangegangenen Mitbrüdern
den Tag ihrer Rache.
Carl von Tiegem, 1559.
Um dieselbe Zeit ist auch zu Kortryck ein Bruder, na-
mens Carl von Tiegem, weil er Gott liebte und nach
seinem Worte wandelte, gefangen gesetzt worden,
welcher sich nicht geschämt hat, Christum, seinen
Herrn, vor den Menschen ohne Furcht zu bekennen,
und ein gutes Bekenntnis seines Glaubens abzulegen,
worin er sich bis ans Ende standhaft geblieben ist. Wie
sehr er aber auch gepeinigt worden ist, so hat er doch
niemanden in Ungelegenheit bringen wollen; deshalb
haben die Regenten dieser Welt an ihm Anlass genom-
men, wie Pilatus, welcher von den Priestern angereizt
worden ist (um des Kaisers Freund zu bleiben), an
Christo, haben ihn zum Tode verurteilt und mit Feuer
verbrennen lassen, weshalb sie auch das Gericht des
ewigen Feuers zu erwarten haben, welches an diesem
keine Macht haben wird.
Wolfgang Mair und Wolfgang Huber, 1559.
In diesem Jahre 1559 sind zwei Brüder, namens Wolf-
gang Mair und Wolfgang Huber im Lützenburger
Lande um des Glaubens willen gefangen genommen
und nach Titmain geführt worden; von dort hat man
sie nach Salzburg gebracht, in welchen Ortschaften sie
beide große Pein, Elend und Tyrannei haben schme-
cken und leiden müssen. Wolfgang Mair ist zweimal
auf die Folterbank gebracht und jedes Mal entkleidet
und scharf gepeinigt worden; aber man konnte ihn
nicht dazu bewegen, daß er etwas gesagt hätte, das
seinem Glauben zuwider gewesen wäre. Der Land-
schreiber sagte: Du musst sagen, wer dich ins Haus
genommen oder beherbergt habe, oder du musst auf
der Folterbank sterben. Er erwiderte: Sterbe ich, so
sterbe ich; ich will doch nichts wider mein Gewissen
reden, noch diejenigen verschwatzen, die mir Gutes
getan haben; darauf haben sie mit Foltern nachgelas-
sen und die Pfaffen sind mit mancherlei Anlockungen
zu ihnen gekommen, haben mit ihnen sehr viel gehan-
delt, auch sie durch Bedrohungen und Bitten abzu-
wenden gesucht, und ihnen mit vielen Lästerworten
alle Hoffnung aufgekündigt; aber diesem allen haben
sie mit Ernst widersprochen, und haben die Wahrheit
mit großem Eifer verteidigt, denn der Herr hat ihnen
eine solche Kraft gegeben, daß sie ihr Leben um der
Wahrheit willen schon übergeben hatten.
Nachher hat man ihretwegen viel beratschlagt, ins-
besondere unter den Pfaffen; einmal war beschlossen,
sie sollten ihr Leben lang gefangen sitzen. Gott aber
machte diesen Beschluss zunichte. Darnach sind sie
noch von dem Einen und dem Andern sehr versucht
worden, die sie von ihrem Glauben abfallen machen
wollten; aber es war umsonst. Sie machten sie alle
mit dem Worte Gottes zu Schanden, und bezeugten
ihnen ohne Scheu, daß ihr Glaube der Weg der göttli-
chen Wahrheit in Jesu Christo sei, wobei sie durch die
Hilfe Gottes standhaft bleiben wollten, man mochte
auch dagegen sagen oder anfangen was man woll-
te. Darauf hat man sie abermals von Salzburg nach
Titmain geführt, um ihr Todesurteil zu empfangen.
Als man nun aber ihr Todesurteil ablas, widerspra-
chen sie denselben scharf, daß es nicht wahr wäre;
ihr Glaube wäre keine Ketzerei oder Verführung, son-
dern zu allen Dingen nützlich. Es weinten aber einige
Weiber aus Mitleiden, als man sie aus der Stadt führ-
te, daß sie um des Glaubens willen auf solche Weise
getötet werden sollten. Sie aber sagten: Ihr dürft um
uns nicht weinen; weint aber über euch selbst und
über eure Sünden; auch sangen sie vor Freuden, daß
ihr Ende und ihre Erlösung nahe vor der Tür wäre.
Als sie auf dem Richtplatze waren, rief der Bruder
278
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Wolfgang Mair dem Volke zu: Heute will ich meinem
Gott ein rechtes Brandopfer bringen, meine Gelübde
bezahlen und die Wahrheit Gottes mit meinem Blute
bezeugen; also sind sie mit dem Schwerte hingerichtet
und sodann mit Feuer verbrannt worden, und haben
auf solche Weise ihr zeitliches Leben getrost, tapfer
und ohne Furcht übergeben, um das ewige Leben zu
ererben.
Einige, die an ihrer Gefangenschaft und an ihrem
Tode die meiste Schuld hatten, sind von dem Urteile
Gottes merklich getroffen worden, sodass einige der-
selben nicht lange gelebt haben, andere sind keines
natürlichen Todes gestorben, sondern dergestalt von
Gott heimgesucht worden, daß man wohl hat merken
können, daß sie von dem Zorne Gottes ergriffen und
gestraft worden sind.
Jan Janß Brand, 1559.
Es hat sich im Jahre 1559, den 9. November zugetra-
gen, daß ein Bruder, genannt Jan Janß Brand, um der
Nachfolge Christi und des Evangeliums willen zu Ge-
ervliet in Südholland gefangen genommen worden
ist. Als er nun von den Gelehrten untersucht wurde,
ist er bei seinem Glauben standhaft geblieben, hat
denselben freimütig bekannt und ferner gesagt: Dies
ist der rechte Weg zum ewigen Leben, den so wenige
finden und viel weniger wandeln; denn er ist ihnen zu
eng und es würde ihrem Fleische zu viele Schmerzen
machen. Um solcher und dergleichen Worte willen
wurden sie mehr über ihn erbittert, als über irgendei-
nen Übeltäter, sodass sie ihn innerhalb vierzehn Tage
zum Tode verurteilt haben würden, wenn er nicht
auf das Bitten einiger noch geschont worden wäre,
weshalb er in allem einen Monat gefangen gesessen
hat. Nach dieser Zeit haben sie ihn dahin verurteilt,
daß er in einem Sacke ertränkt werden sollte, wozu er
auch wohl bereit war. Der Scharfrichter hat ihn in den
Sack gebunden und von der hohen Hofbrücke hinab-
geworfen; es ist aber der Sack aufgegangen und der
Scharfrichter hat ihn mit einem Stocke auf den Leib
gestoßen, sodass er aus dem Wasser rief: Ach, wie
ermordet ihr mich!, was viele Menschen bejammert
haben, daß er so jämmerlich sein Leben hat endigen
müssen. Also hat er sein Opfer vollendet, und ruht
nun von aller seiner Arbeit, und erwartet den herr-
lichen Sabbat, wovon bei Jesaja erzählt wird, ja, die
Ruhe mit Christo im Paradiese.
Triinken Keuts, 1559.
Triinken Keuts war eine Witwe, welche in der Stadt
Mastricht wohnte; diese, als sie zur Erkenntnis der
göttlichen Wahrheit durch das heilige Evangelium ge-
kommen war, hat die Sache in ihrer Einfalt beherzigt,
und mit ernstlichem Gebete Tag und Nacht angehal-
ten, bis sie der Herr mit dem klarscheinenden Lichte
seiner göttlichen Gnade weiter erleuchtete und mit
Glaubenskraft begabte, sodass sie sich als eine Gläu-
bige und Bußfertige auf den wahren Glauben in dem
Namen Jesu Christi hat taufen lassen, zu einem Mit-
gliede des Leibes und der Gemeinde Jesu Christi, weil
sie nun nach ihrem Glauben lebte, und nicht mehr zu
den päpstlichen Abgöttereien ging, sondern sich von
allen Gräueln enthielt und ein neues Leben anfing,
so hat das giftige Tier solches nicht ertragen können,
und sie ist bei der Obrigkeit dieser Stadt als eine Ket-
zerin verklagt und angebracht worden. Als dieses
geschehen, so haben die Bürgermeister diese Frau auf
die Landeskrone (welches das Haus ist, wo der Bür-
germeister und der Rat ihr Gericht halten) entboten.
Nachdem sie nun diese Botschaft durch einen Diener
des Bürgermeisters erhalten hatte, verfügte sie sich
nach der Landeskrone; die Bürgermeister aber, als sie
dahin kam, haben sie angeredet und untersucht, ob
dem so mit ihr wäre. Als sie ihnen mm gute Antwort
gab und die Wahrheit bekannte, so haben sie dieselbe
daselbst gefangen gesetzt. Da sie eine Zeitlang ge-
fangen gesessen hatte, und unterdessen mancherlei
Anrede und Streit ausstehen musste, so hat man sie
zuletzt scharf durch die Pfaffen, von welchen der eine
ein Predigermönch war, verhören lassen, vor welchen
sie auch ihren Glauben ohne Furcht bekannt hat. Da
man sie fragte, ob sie wiedergetauft wäre, antwortete
sie: Ich bin auf meinen Glauben nach der Lehre Jesu
getauft; worüber noch manches verhandelt wurde; sie
aber blieb bei der Wahrheit. Auch fragten sie die Pfaf-
fen wegen des Sakramentes, ob sie glaubte, daß Chris-
tus wesentlich mit Fleisch und Blut, wie er am Kreuze
gehangen hatte, im Brote sei, wenn der Priester fünf
Worte darüber gesprochen hätte. Triinken antworte-
te, sie glaubte, Christus sei gen Himmel aufgefahren,
und sitze zur Rechten Gottes, seines himmlischen Va-
ters; sie sagte darauf: Wie soll er denn in das Brot
kommen? Nachdem sie nun standhaft bei der Wahr-
heit blieb, ist sie von den Pfaffen verurteilt worden,
daß sie hier mit Feuer zu Pulver verbrannt werden
und in der Hölle ewiglich brennen sollte. Triinken sag-
te: Wenn ihr in wenigen Tagen nach mir vor Gottes
Gericht erscheinen werdet, so werdet ihr es anders
erfahren.
Auf dieses Urteil ist Triinken dem Schultheißen und
Ratsherren überantwortet worden, welche sie verur-
teilt haben, daß sie, nach des Kaisers Befehle, hin-
ausgeführt und mit Feuer zu Asche verbrannt wer-
den sollte; dieses Urteil hat Triinken mit Dank aufge-
279
nommen und sich willig dazu übergeben. Also ist sie
mit zugebundenem Munde nach dem Brythof geführt
worden, wo sie ihre Hütte abgelegt hat und zu Asche
verbrannt worden ist, nachdem sie ihre Seele in die
Hände Gottes befohlen hatte. Dieses ist geschehen
1559, den Palm- Abend in den Fasten.
Man erzählt öffentlich als eine wahre Begebenheit,
daß einer der vorgemeldeten Pfaffen, nämlich der Pre-
digermönch, den dritten Tag, nachdem Triinken auf-
geopfert und verbrannt war, ganz unerwartet, ohne
daß man von einer Krankheit etwas gewusst, in sei-
ner Zelle tot gefunden und von den Läusen verzehrt
worden sei. Was nun Gott hierin getan hat, wollen wir
seinem gerechten Urteile überlassen, welcher einem
jeden seinen verdienten Lohn zu geben weiß.
Fransken, Hebamme, Naantgen, Lederkäuferin,
und Pleuntgen von der Goes, 1559.
Auch sind zu Antwerpen drei Schwestern, nämlich
Fransken, Hebamme, Naantgen, Lederkäuferin, und
Pleuntgen von der Goes durch die Liebe Gottes eifrig
erweckt worden und haben, als Lämmer und Schafe
Christi, ihres Hirten Stimme gehorcht und sind ihr
nachgefolgt; darum, als sie im Jahre 1559 um deswil-
len gefangen worden sind, sind sie in allen Versu-
chungen, in Pein und Leiden fest bei der Wahrheit
geblieben; also sind sie endlich alle drei für den Na-
men Christi gestorben, und auf dem Steine in einer
Waschbütte ertränkt worden.
Diejenigen aber, die sie zum Tode verurteilt haben,
werden deshalb von dem Herrn ein schweres Urteil
erwarten müssen, das um deswillen über sie ergehen
wird.
Betgen, Neelken und Mariken Fransse, 1559.
Es sind auch in demselben Jahre zu Antwerpen noch
drei andere Schwestern, nämlich Betgen, Neelken und
Mariken Fransse um deswillen gefangen genommen,
weil sie nach ihrem Glauben vor Gott wandelten. Da
sie mm als solche die aus Gott geboren, mit einem fes-
ten Vertrauen für die angenommene Wahrheit stand-
haft gestritten, so sind sie zuletzt zum Tode verurteilt
und ertränkt worden. Also haben sie durch die en-
ge Pforte dieses zeitlichen Todes eindringen müssen,
um, samt allen frommen Zeugen Gottes, sein ewiges,
unvergängliches Reich zu ererben.
Adrian Pan und seine Hausfrau, im Jahre 1559.
Ferner ist im Jahre 1559 zu Antwerpen in Brabant der
treue Freund Christi, Adrian Pan, mit seiner Haus-
frau den Wölfen in die Klaue geraten, und haben da-
selbst, durch Gottes Gnade, schwere Gefängnisse und
grausame Untersuchungen erduldet; sie waren aber
durch ihren lautern Glauben und durch ihre lebendige
Hoffnung so fest mit ihrem Oberhaupte Jesu Christo
verbunden, daß man sie keineswegs zum Abfalle brin-
gen konnte. Deshalb sind sie von den Regenten der
Finsternis, die das Licht der Wahrheit nicht erkannt
haben, zum Tode verurteilt worden, sodass Adrian
Pan mit dem Schwerte getötet worden ist; sein Weib
aber, welche damals schwanger war, hat solches alles
um Christi willen ertragen, wie sehr es ihr auch ge-
schadet hat; nachdem sie eines Kindes genesen, ist sie
in großer Standhaftigkeit ertränkt worden; also haben
sie die ewige Ruhe bei dem Herrn erlangt.
Ein Brief von Adrian Pan, geschrieben aus seiner
Gefangenschaft, 1559.
Gnade und Friede von Gott, unserem himmlischen
Vater, durch die Verdienste Jesu Christi, seines gelieb-
ten Sohnes, und die rechte Erleuchtung des Heiligen
Geistes wünschen wir allen Liebhabern der ewigen
Wahrheit, Amen.
Meine herzlich geliebten und erwünschten Brüder,
die wir von Grund unseres Herzens lieben und in un-
serm Herzen tragen, als solche, mit welchen wir eine
Seele und ein Leib sind. Obgleich wir eurer, der Wahr-
scheinlichkeit nach, beraubt sind, so seid ihr doch um
desto mehr in unsern Herzen; darum bitten wir euch,
daß doch niemand wegen unserer Trübsal, welcher
wir nun übergeben sind, ablassen wolle; denn wir
hoffen, es werde euch eine Freude sein, solches zu hö-
ren, indem wir gewiss wissen, daß es um der rechten
Wahrheit willen geschieht. Niemand unter euch leide
als ein Übeltäter (sagt Petrus) oder als ein solcher, der
nach anderer Gut trachtet; leidet ihr aber als Christen,
so seid ihr selig; denn die Herrlichkeit und der Geist
Gottes ruht auf euch, aber bei ihnen wird er verlästert.
Paulus sagt, daß das Leiden dieser Zeit der Herrlich-
keit nicht wert sei, die an uns offenbart werden soll;
ja, daß kein Auge gesehen habe, noch jemals in eines
Menschen Herz gekommen sei, was Gott denen berei-
tet hat, die ihn lieben. Gleichwie des Leidens Christi
viel über uns kommt, so werden wir auch reichlich ge-
tröstet durch Christum. Meine lieben Brüder! Sollten
wir nicht guten Mutes sein, wenn wir solchen Trost
vernehmen? Meine lieben Freunde, je mehr wir in
Widerwärtigkeit versucht werden, desto reichlicher
werden wir getröstet. Das haben wir sattsam erfah-
ren, als wir ihnen zuerst in die Hände gerieten, und
sie unser Haus überfielen, als wollten sie dasselbe,
samt allem, das darin war, zugrunde richten; da wur-
280
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
de mein Herz gestärkt, als ob ich ein anderer Mensch
geworden wäre. Meine Hausfrau war zwar ein wenig
in der Not, ehe sie Hände an uns legten; als sie aber
sah, daß es sein musste, so wich die Furcht von ihr,
wie ein Kleid, das man ausgezogen hat, sodass sie
anfing zu singen:
Drum seid besorgt und auf der Wacht, Denn zvie ein Dieb
infinst'rer Nacht, Wird kommen Er, eh' zvir's gedacht.
Denn wir hatten unsern Hausrat eingepackt und ge-
dachten in Eile fortzuziehen; der Herr aber hat es
anders gefügt; er müsse gelobt sein in Ewigkeit. Als
sie nun in der Eile raubten, hätte ich gerne gesungen;
denn ich habe niemals eine größere Freude in mir
gehabt, als nun in diesen Zeiten; aber ich bezwang
mich selbst, daß ich nicht sang, weil ich dachte, es
warten noch viele Prüfungen auf mich; der Herr aber
sei gelobt, der uns nicht zu Schanden werden lässt.
Sie warfen uns vieles vor von Münster und Amster-
dam; aber ich sagte, daß ich daran nicht Schuld hätte,
sondern es sei um der rechten Wahrheit willen, wes-
halb wir litten; auch sei ich noch nicht 33 Jahre alt, wie
hätte ich dabei sein können? Einige lästerten, andere
aber beklagten uns; aber ich sagte: Weint nicht über
uns, sondern weint über euch selbst und über eure
Kinder. Es dünkt mich, wir hätten mit David wohl
sagen mögen: Ich fürchte mich nicht vor vielen Hun-
derttausenden, die sich umher wider mich legen. Sie
umgeben mich überall; gleichwie Bienen umringten
sie mich, aber im Namen des Herrn will ich sie zerhau-
en. Meine lieben Brüder, dieses melde ich nicht aus
eitlem Ruhme, sondern aus Freude, und um unserm
Gott für seine große Macht und Stärke zu danken, die
er uns verliehen hat, und allen Liebhabern der Wahr-
heit, die solches hören werden, zur Freude. Bittet für
uns, dass wir bis ans Ende standhaft bleiben mögen.
Auf gleiche Weise bitten wir auch, nehmt unser gerin-
ges Schreiben zum Besten auf.
Den fünfzehnten Tag unserer Gefangenschaft und
den 9. Tag im Mai.
Mein Weib und ich lassen euch sehr grüßen, auch
alle die uns bekannt sind oder nach uns fragen.
Noch ein Brief des Adrian Pan, nach seiner
Verurteilung geschrieben.
Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen Va-
ter, durch die Verdienste Jesu Christi, und eine rechte
Erleuchtung des Heiligen Geistes wünschen wir allen
Liebhabern der ewigen Wahrheit, Amen.
Mein lieber N. Ich denke noch deiner an dem Ende
meines Lebens, und bitte den allmächtigen Gott, daß
er dich mit seinem Geiste trösten und dich mit aller-
lei geistiger Weisheit, die dir zur Seligkeit dienlich
ist, unterweisen wolle. Ferner lasse ich dich wissen,
daß ich den zweiten Januar auf der Folterbank gewe-
sen bin, und daß ich den 16. Tag vor Gericht geführt
wurde, wo sie mich fragten, ob ich getauft oder wie-
dergetauft wäre; ich fragte, ob ich Freiheit zu reden
hätte. Sie erlauben es mir. Ich sagte, ich glaubte alles,
was in dem Gesetze und den Propheten geschrieben
stände, darauf wollte ich leben und sterben; auf das
Bekenntnis meiner Sünden, daß sie mir leid seien, und
auf das Bekenntnis meines Glaubens sei ich getauft
im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes. Darauf haben sie mich verdammt; ich erwarte
mm sonst nichts anderes, als daß sie an dem Leibe ih-
ren Willen ausüben werden. Der Herr wolle den Geist
aufnehmen, ich bin auch bereit für des Herrn Namen
zu leben und zu sterben. Ich kann meinen Gott nicht
genug loben und ihm danken, daß er mich dazu beru-
fen hat, daß ich um seines Namens willen leiden darf.
Ach!, mein lieber N., ich bin getrost, der Herr, hoffe
ich, wird mir auch Kraft geben bis ans Ende. Ich kann
nicht sagen, daß ich auf dem Steine einen so fröhlichen
Tag gehabt habe, als diejenigen gewesen sind, wo ich
zuerst gefangen und nachher verurteilt worden bin.
Mein lieber N., sei doch wohlgemut, es ist hier bald
getan, laß uns doch diejenigen nicht fürchten, die den
Leib töten. Christus aber sagt uns, wen wir fürchten
sollen. Ich und mein Weib lassen dich herzlich grüßen
mit des Herrn Frieden. Nehmt mein kurzes Schrei-
ben zum Besten auf, ich wollte euch wohl Mehreres
berichten, aber ich habe keine besondere Gabe, doch
danke ich dem Herrn für alles, was er mir verliehen
hat.
Grüße uns sehr die lieben Freunde, die uns bekannt
sind oder die nach uns fragen. Fahre wohl. Geschrie-
ben von mir, Adrian Pan.
Hans de Vette mit elf andern werden um des
Zeugnisses Jesu Christi willen zu Gent in
Flandern im Jahre 1559 getötet.
Ein Bekenntnis, geschrieben von Hans de Vette zu
Gent, als er mit elf andern in Banden lag, im Jahre
1559, seine Verhöre betreffend.
Den ersten Freitag nach Pfingsten sind einige um
des Wortes des Herrn willen zu Gent ins Gefängnis
gelegt worden, deren Namen nachfolgende sind: Pe-
ter Coerten von Menene, Carl Tanckreet von Nipkerke
samt Proentken, seinem Weibe von Belle, Jakob Spille-
baut, Abraham Tanckreet, Maeyken Floris von Nipker-
ke, Anthonis von Cassele, Hans de Smit, Markus, sein
Bruder, Hans de Vette samt Maritgen, seinem Weibe
281
von Waestene, und Tanneken, des J. de S. Weib. Diese
sind durch Verräterei dem Oberanwalte übergeben
worden, welcher sie mit drei Bütteln des Abends aus
ihrer Herberge gefangen abgeführt hat.
Des andern Tages wurden wir von der Obrigkeit
besucht, die einen jeden von uns sowohl nach seinem
Namen als auch woher wir wären gefragt hat, was
wir ihnen auch gesagt haben; dann fragten sie uns,
ob wir eine andere Taufe bekannten als die Kinder-
taufe und ob wir auch eine andere empfangen hätten;
darauf haben wir alle der abgöttischen Kindertaufe
abgesagt und bekannt, daß wir eine christliche Taufe
empfangen hätten, ausgenommen Markus de Smit,
welcher bekannte, daß er dieselbe noch nicht emp-
fangen hätte, aber von ganzem Herzen geneigt wäre,
dieselbe zu empfangen, wenn er nur dazu Gelegen-
heit haben könnte. Dann fragten sie uns, ob wir einige
Gelehrte begehrten, die uns unterweisen sollten; sie
wollten sie uns senden und zwar, wie wir sie begehr-
ten, geistliche oder weltliche Männer; sie sagten auch,
sie wollten uns nicht übereilen; weil aber fast alle von
uns um dasselbe fragten, so sagte ich, der ich dieses
geschrieben habe, daß ich durch des Herrn Gnade
keine andere Unterweisung begehrte, als die ich emp-
fangen hätte, und wenn auch ein Engel vom Himmel
kommen würde.
Gleichwohl haben sie acht Tage darauf den Bruder
Peter de Bäcker, der uns zum Teil ausgekundschaf-
tet hatte, und noch einen andern seiner Mitgesellen
gesandt, welche zwei falsche Propheten waren, die
man, wie ich meine, Jakobiner nennt. Als wir nun vor
dieselben kamen, sind wir nach wenigen Worten auf
die Kindertaufe gekommen, von welcher er bekannte,
daß sie eine von Gott eingeführte Lehre sei, und sagte,
daß die Beschneidung ein Vorbild derselben gewesen
sei, auch daß die Apostel ganze Häuser getauft hatten,
was auch Christus befohlen hatte, Joh 3. Als ich ihm
aber bewiesen hatte, daß er nicht recht geredet hätte,
wie man klar in der Geschichte der Apostel findet, so
fing er an, von einem andern Artikel zu reden, wie-
wohl er sagte, wir werden wohl nicht miteinander
Übereinkommen können; ich aber sagte, daß ich zu-
erst das Ende des ersten Artikels begehrte; ich bat ihn
auch, daß er sich bessern wolle, denn ich bewies ihm,
daß ihr Dienst eine unflätige stinkende Abgötterei
und ein Menschengepflänz wider alle Gebote Gottes
sei, und daß man an Gottes Geboten genug habe; es
sei nicht nötig, Lügen hinzuzusetzen, es nütze auch
nichts auf dasjenige zu sehen, was Gott nicht befoh-
len hat. Darauf sagte er, ich sei verführt, und hätte zu
viel auf ihre Missbräuche gesehen, daß zwar in ihrer
Kirche einige Missbräuche wären, doch sei, sagte er,
das Hauptwerk, das man daselbst beobachtete, gut.
Also sind wir nach vielen und mancherlei Gesprächen
voneinander geschieden.
Nach einigen Tagen ist der Diakon von Ronse, wel-
cher ein Ketzermeister ist, in die Landschaft Flandern
gekommen, und mit ihm Peter de Bäcker, der zuvor
bei uns gewesen war, mit mehreren andern falschen
Propheten. Nachdem ich nun vor dieselben kam, frag-
te der Diakon nach meinem Namen; ich erwiderte,
daß ich Hans de Vette heiße; darauf fragte er mich, ob
ich verheiratet wäre. Ich erwiderte: Ja. Weiter fragte er
mich, ob mein Weib auch von Waestene wäre; ich erwi-
derte: Ja. Er fragte, wie lange ich schon verheiratet sei;
ich erwiderte: Nicht sehr lange. Er fragte mich, in wel-
cher Kirche und bei welchem Pfarrherrn es geschehen
wäre; ich antwortete ihm, ob man denn in der Schrift
finde, daß hierzu ein Pfarrherr nötig sei. Da sagte er,
daß Huren und Buben in der Welt ohne Pfarrherrn
zusammen liefen; ich entgegnete darauf, ich hätte sol-
ches nach Anweisung der Schrift getan, indem solches
von Paulus zugelassen worden sei, um Hurerei zu ver-
meiden, weil es besser sei zu freien, als Brunst leiden;
Huren und Buben dagegen wollen lieber Brunst lei-
den als freien, gleichwie man solches häufig in der
bösen Welt an vielen Tausenden sieht und hört. Da
sagte er, daß dieses eine geringe Sache wäre; wenn
ich nichts Ärgeres getan hätte, so wäre dies wohl gut
zu machen gewesen; ich sollte ihm nur sagen, wo es
geschehen wäre; ich erwiderte, daß ich nicht im Sinne
hätte, es ihm zu sagen. Da beschwor er mich bei dem
lebendigen Gotte, daß ich es ihm sagen sollte, aber
ich schwieg dazu. Da fragte er mich, warum ich nicht
in dem Glauben der römischen Kirche und in ihrem
Dienste geblieben wäre; ich antwortete darauf, daß
ich mich von ihr geschieden hätte, damit ich ihrer Pla-
gen nicht teilhaftig werden möge, denn die Finsternis
kann keine Gemeinschaft haben mit dem Lichte, noch
Christus mit Belial, noch der Gerechte mit den Unge-
rechten, darum muss man von ihr ausgehen. Darauf
fragte er mich, was ich von den sieben Sakramenten
hielte, welche er mir zum Teil nannte; ich antwortete
ihm hierauf, daß ich gar nichts darauf hielte, um ihres
abscheulichen Götzendienstes willen, den sie unter-
hielten; weil es uns aber von dem Herrn befohlen ist,
seinen Namen vor den Menschen zu bekennen, so
sagte ich, daß ich ihm wohl meinen Glauben beken-
nen wollte; er sagte, ich sollte das tun. Da habe ich
angefangen, mein Bekenntnis zu tun, nämlich, daß ich
an einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Er-
de, des Meeres und der Wasser, samt allem, was darin
ist, und der den Menschen nach seinem Bilde erschaf-
fen hat, glaube; demselben müssen wir allein dienen,
ihn ehren und anbeten, auch ihn lieben von ganzer
Seele, aus allen unsern Kräften, und mit allen unsern
282
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Gedanken, denn er ist allein gut; ich entsage hiermit
allen Abgöttern, sie seien van Gold, Silber, Stein, Erz,
Holz, Brot, oder von welchem Machwerk oder Wesen
es sein möchte, gleichwie sie in der Heiligen Schrift
verachtet und verboten sind; denn wir wissen, daß
ein Götze nichts ist in der Welt. Als ich mm noch re-
dete, sagte der Diakon Ronse zu mir, daß ich es zu
lang machte, um alles niederschreiben zu können; du
würdest uns, sagte er, sehr viel Arbeit machen, wenn
du deinen Glauben so bekennen solltest, von dem An-
fänge der Bibel an; ich glaube es auch, sagte er, was du
gesagt hast; aber was sagst du, fuhr er fort, von dem
Sakramente der Taufe, wie es in unserer Kirche be-
dient wird, zu welchem ein jeder, der selig zu werden
begehrt, kommen muss? Hierauf erwiderte ich, daß
ich von der Kindertaufe nichts hielte, weil sie nicht
von Gott befohlen ist; er sagte: Die Beschneidung sei
ein Vorbild auf dieselbe gewesen, und daß alle Kinder,
die weder im alten Testamente beschnitten, noch im
neuen Testamente getauft worden, verdammt seien;
darauf sagte ich folgerecht aus seinen Worten, daß die
Mägdlein im alten Testamente auch verdammt wor-
den sein müssten; er entrüstete sich aber und sagte,
es wäre nur eine Philosophie, womit ich angezogen
käme; ich antwortete: Er sollte sich schämen zu sagen,
daß die Kinder verdammt wären, von welchen doch
der Herr sagt, daß solcher das Himmelreich sei; er
sagte, ich löge daran.
Ein anderer Pfaffe sagte mir, es habe einer von Pau-
lus Jüngern geschrieben, daß er die Kindertaufe von
Paulus, seinem Meister, erlernt habe. Da sagte ich, daß
Paulus schrieb, daß wir uns nicht von unserem Sin-
ne bewegen lassen sollten, weder durch Geist, noch
durch Engel, noch durch Brief, als von uns gesandt.
Und wenn auch ein Engel aus dem Himmel käme, der
uns anders lehren wollte, als in dem heiligen Evange-
lium geschrieben ist, der sei verflucht; auch sagte ich
ihm, er sollte mir beweisen, wo der Herr befohlen ha-
be, die Kinder zu taufen, oder er sollte es dartun, daß
die Apostel die Kinder getauft hatten, was er nicht
tun konnte; ferner fragte er mich, wie lange ich schon
getauft wäre; ich erwiderte: Noch kein Jahr; er fragte,
wo und von wem ich getauft worden wäre, aber ich
sagte es ihm nicht; da beschwor er mich dreimal bei
dem lebendigen Gott und bei der Taufe, die ich emp-
fangen hatte, daß ich es sagen sollte; ich antwortete
darauf: Ebenso hat Kaiphas Christum beschworen;
er sagte, daß Christus geredet habe. Ich sagte darauf,
daß Christus für sich selbst geredet habe, als er ihn
aber wegen seiner Jünger fragte, redete er nichts.
Dann fragte er mich, was ich von ihrem Sakramente
des Altars hielte; ich erwiderte, daß ich solches für
nichts anderes hielte, als für eine unflätige, unreine
und stinkende Abgötterei und ein Gräuel vor Gott;
er sagte: Wie? Glaubst du nicht, daß er daselbst in
Fleisch und Blut sei, gleichwie er auf Erden gewandelt
ist, oder wie er an des Kreuzes Stamme hing? Das sei
ferne, sagte ich, daß ich glauben sollte, daß Christi
Fleisch und Blut hier auf Erden sei, denn Christus
hat selbst zu seinen Aposteln gesagt, daß wir Arme
allezeit bei uns haben werden, aber ihn nicht allezeit.
Darauf sagte er zu mir, daß er auf solche Weise
nicht in dem Sakramente sei, sondern daß es in ei-
ner geistigen Wesenheit sei, und daß ich mich gar
nicht darauf verstände, sondern es sei dieser Beweis-
grund manch hundert Jahre vor meiner Zeit erfunden
worden; denn als Christus, sagte er, sein Abendmahl
hielt, nahm er das Brot und gab es seinen Jüngern und
sprach: Nehmt, esst, das ist mein Leib; ich erwider-
te, daß Christus das Brot, das er seinen Jüngern gab,
ihnen als ein Gleichnis seines Leibes gegeben habe,
der für sie zerbrochen werden sollte, gleichwie er sich
selbst in vielen Schriftstellen durch Gleichnisse abge-
bildet hat, nämlich, bei dem Johannes sagte er: Ich
bin ein rechter Weinstock; in der Tat aber war er kein
Weinstock, sondern er verglich sich nur mit einem
Weinstock; ebenso war auch das Brot, das Christus
seinen Jüngern brach, geistig und eine Abbildung sei-
nes Leibes, denn er sagt Joh 6: Fleisch und Blut ist
nichts nütz, aber die Worte, die ich rede, sind Geist
und Leben. Er sagte, es sei dort nichts von diesem
gesprochen worden, denn, sagte er, wäre Christus
nicht darin, wie könnte man daran die Verdammnis
essen? Aber ich sagte: Wäre dies Christi Fleisch und
Blut, man würde daran nicht die Verdammnis essen,
denn Christus spricht selbst: Wer mein Fleisch isst
und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben; darum
kann man diese Worte nicht dem Buchstaben nach
verstehen, sondern muss dieselben geistig nehmen,
nämlich: Wenn jemand mit der Gemeinde Christi zu
des Herrn Abendmahl ginge, deren Haupt Christus
ist, und er wäre noch ein Trunkenbold, oder ein Geizi-
ger, oder ein Götzendiener, oder dergleichen, so sollte
ein solcher untüchtig sein, mit Christi Mitgliedern das
Brot zu brechen, weil sie den Leib Christi nicht unter-
scheiden. Darauf sagte er, es wären viele dergleichen
unter uns, als Trunkenbolde, Ehebrecher, und daß er
solche wohl kenne; ich fragte ihn: Wer? Er erwider-
te: J. de R.; ich fragte, wo er wohnte; er antwortete:
Ich will es dir nicht sagen; ich sagte, daß ich wohl
wüsste, wenn solche in unserer Gemeinde wären, und
würde man sie kennen, so würde man sie nach Inhalt
der Schrift absondern und hinaustun. Darauf fragte
er mich abermals, wer mich getauft hätte; als er aber
solches von mir nicht erfahren konnte, beschwor er
mich, aber ich sagte es ihm nicht. Darauf sagte sein
283
Greffier: Ich will mit dir um eine Kanne Wein wetten,
daß du es wohl sagen sollst, ehe vierzehn Tage ver-
gehen; aber ich wollte nicht wetten. Sodann verhörte
er mich, wie oft ich das Abendmahl gehalten hätte;
ich erwiderte, ich hätte es bisweilen bei Gelegenheit
mit vielen lieben Brüdern und Schwestern gehalten;
er fragte: Mit wem? Wie heißen sie? Darauf nannte
ich ihm einen, um den er mich mit Namen gefragt
hatte; er fragte auch nach einigen, ob ich sie für meine
Brüder hielte, oder ob es nur Freunde oder Ankömm-
linge wären; denn all dieses Flämische, sagte er, habe
ich von Ankömmlingen, Freunden und Brüdern ge-
lernt; ich sagte: Ich meinte, du wärest ein Brabanter,
kannst du denn auch so gut Flämisch? Ich weiß kaum,
sagte er, vielleicht bin ich ein Findling; ja, sagte ich, es
steht in der Offenbarung Johannes von einem Tiere
geschrieben, das aus der See herausgestiegen ist; du
magst wohl von seinem Geschlechte sein. Dann frag-
te er mich, ob ich nicht glaubte, daß Jesus Christus
von Maria Fleisch und Blut angenommen habe; ich
erwiderte, daß ich glaube, daß das Wort, welches im
Anfänge bei Gott war (wodurch die Welt erschaffen
worden ist), Fleisch geworden sei. Darauf sagte er, daß
er dem Fleische nach Davids Sohn sei; ich antwortete:
Ist er Davids Sohn (wie Christus selbst spricht), wie
nennt ihn denn David einen Herrn? Er sagte, Christus
habe solches nur für die Pharisäer vorgebracht, um
daraus einen Beweisgrund zu nehmen, aber Matthä-
us, sagte er, beschreibt sein Geschlecht von Abraham
bis Maria; ich sagte, daß Matthäus die Geburt Christi
allein auf Joseph, den Mann der Maria bringe, von
welcher Christus geboren ist, und Lukas sagt: Jesus sei
für einen Sohn Josephs gehalten worden. Ja, sagte er,
glaubst du nicht, daß Maria Christi Mutter sei? Ich ant-
wortete: Ja, Christus spricht, wer den Willen meines
Vaters tut, der ist meine Mutter, Schwester und Bruder.
Darauf sagte er, daß Christus von des Weibes Samen
sei; ich aber sagte, daß die Weiber selbst keinen Samen
haben, denn gleichwie das Weib von dem Manne, so
ist der Mann durch das Weib; hierauf sagte er, daß er
von dem Wesen der Maria und von ihrem Blute wäre,
aber ich antwortete, daß Christus zu den Juden sagte,
er sei von oben, sie aber von unten; ihr seid, sagte er,
von der Welt, ich bin nicht von der Welt. Überdies sagt
noch der Apostel, daß der erste Mensch von der Erde
sei und irdisch, der zweite Mensch aber sei der Herr
selbst vom Himmel und himmlisch. Ferner sagte ich
zu ihnen, sie sollten sich doch bessern von ihrer Un-
gerechtigkeit, Verfolgung und falschen, abgöttischen
Lehre; sie erwiderten, wir haben die rechte Lehre; ich
sagte, daß Paulus dennoch solche zu meiden befeh-
le, die die Speise zu gebrauchen verbieten, die Gott
zum Gebrauche der Gläubigen geschaffen hat, und
die da verbieten zu ehelichen, und die ein Brandmahl
in ihrem Gewissen haben, denn es ist besser zu freien,
als Brunst zu leiden; ihr aber verbietet, ganz gegen
die Schrift, die Speise zu gebrauchen, und verbietet
zu freien, und wollt lieber Brunst leiden, als freien.
Diakon: Wir verbieten nicht zu freien. Hans: Es ist
dennoch so, du weißt, daß man in den Fasten und
an mehreren anderen Tagen um eures Gebotes wil-
len weder Fleisch essen, noch auch trauen darf; auch
habt ihr einen solchen Bund aufgerichtet, daß ihr euch
nicht verehelichen dürft; dennoch treibt ihr solche Un-
keuschheit, daß es eine Schande ist zu sagen, wie man
täglich an den Hurenkindern sieht, die man euch ins
Haus bringt, wovon doch Paulus sagt, daß man mit
solchen (nämlich Unkeuschen, Trunkenbolden usw.)
nicht essen sollte, sondern man sollte sie dem Teu-
fel zum Verderben ihres Fleisches übergeben. Diakon:
Wir sind nicht so arg, wir wollen sie dem Teufel nicht
übergeben; so viel besser sind wir. Hans: Ja, armer
Mensch, willst du besser sein als Paulus? Aber es hilft
alles nichts, was man euch sagt, denn ihr wollt euch
nicht bessern; wollt ihr aber auf dem Markte oder auf
andern öffentlichen Plätzen mit uns reden, so sind wir
dazu bereit, in der Hoffnung, es möchte jemand von
den Unwissenden dadurch bewegt werden. Diakon:
Das wird nicht geschehen. Wer sollte alsdann Rich-
ter sein? Schiffsleute, Fischhändler, oder dergleichen
Menschen? Das wäre eben das Mittel, einen Aufruhr
zu erwecken; aber wir sind töricht, daß wir so viel mit
euch reden; man sollte euch nur ohne Umschweife
unsem Glauben erzählen, und wenn ihr denselben
nicht annehmen wolltet, nach dem Rechte zu Werke
gehen.
Wir redeten auch noch viel mehr, namentlich von
der Anbetung der Heiligen, von dem Papste zu Rom,
von der Beichte, dem Fasten, dem Fegfeuer und dem
Schlafen der Heiligen, welches zu weitläufig sein wür-
de, niederzuschreiben; das Vorstehende habe ich aus
meinem Gedächtnisse aufgesetzt, aber weil vieles vor-
gefallen ist, was schon vor langer Zeit geschehen, so
kann ich es von Wort zu Wort nicht aufsetzen. Inzwi-
schen aber, weil ich wohl weiß, daß es nicht bessert,
was man ihnen auch sagt, und daß sie vermessen und
unverschämt sind, so fasse ich es zu Zeiten aufs Kür-
zeste zusammen und erbiete mich zu einem öffent-
lichen Gespräche, welches sie mir aber abschlugen.
Viele Dinge haben sie oft in ihren Fragen an unsere
Brüdern und Schwestern, welche samt uns in Banden
sind, wiederholt; alle sind bis jetzt, dem Herrn sei
Lob, noch getrost, denn wir hielten von den falschen
Propheten viel mehr, ehe wir mit ihnen redeten, als
nachher; aber der Herr weiß seinen Auserwählten in
solcher Stunde den Mund zu öffnen, wie er verheißen
284
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
hat, und das bei weitem mehr, als wir denken können,
denn, die außer den Banden schwach zu sein schienen,
sind so beherzt, daß man sich darüber verwundert,
wenn man sie sieht und hört. Dem Herrn müsse allein
der Preis sein von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Der Diakon fragte mich auch, ob wir nicht für ihn
beten. Ich antwortete: Ja. Wie nennen mich, sagte er,
eure Leute; heißet ihr mich Saulus? Ich erwiderte: Ich
habe dich bisweilen den Ketzermeister (da lachten sie
alle), bisweilen aber den Diakon von Ronse nennen
gehört. Darauf sagte er: Das ist mein Name. Wir hatten
noch mehrere andere Gespräche, aber wegen Mangel
an Papier muss ich mein Schreiben abkürzen; doch
bitte ich alle, die dieses sehen, daß sie es mir zum
Besten aufnehmen; und wenn es möglich ist, so lasst
hiervon eine Abschrift nach Antwerpen an unsere
Bekannte gelangen; sendet auch eine solche westwärts
an unsere Bekannten.
Darauf haben diese zwölf Freunde (deren Namen
im Anfänge des Briefes von Hans de Vette gemel-
det sind) sämtlich ihr Leben freimütig für die Wahr-
heit gelassen. Zuerst haben sich vier derselben tapfer
durchgestritten, die ihr Brandopfer im Namen unseres
Herrn Jesu Christi getan haben, und kurz darauf noch
sechs andere. Dieselben sind nach einem standhaft-
haften Bekenntnisse ihres Glauben auch vorgeführt
worden und haben auf Befragen, ob sie noch nicht
abfallen wollten, mit nein geantwortet; daß man aber,
wenn sie irgendeine Missetat begangen hätten, mit ih-
nen demgemäß verfahren möge. Nichtsdestoweniger
wurden sie sofort als Ketzer zum Tode verurteilt, und
als sie nun auf zwei Wagen zum Richtplatze hinaus-
geführt wurden, haben sich zwei Mönche zu ihnen
gesetzt, die sie verhinderten, daß sie nicht viel reden
konnten, sodass sie mit genauer Not noch einige Wor-
te sprachen, nämlich: Fürchtet diejenigen nicht, die
den Leib töten, denn sie haben nachher keine Macht
mehr, sondern, o Menschen, bekehrt euch, denn der
Apostel sagt: Wer nach dem Fleische lebt, der muss
sterben.
Als sie nun in das Häuslein geführt wurden, das
von Holz und Stroh gemacht war, und in welchem
sie verbrannt werden sollten, haben sie eine große
Freude bezeugt, und als sie ihre Seelen in die Hände
Gottes befohlen, haben sie, um das Unvergängliche
anzuziehen, das Vergängliche abgelegt.
Es waren noch zwei Frauen übrig, welche schwan-
ger waren, diese sind, nachdem sie geboren und ihr
Kindbett gehalten hatten, beide auf des Grafen Schloss
heimlich enthauptet worden. So sind demnach diese
alle, als sie bis ans Ende standhaft geblieben, mit dem
Herrn in die Ruhe eingegangen, und werden auch
mit ihm zu allen lieben Kindern Gottes in die ewige
Freude kommen.
Maeyken Kats von Wervike in Flandern,
Magdaleentken, Aechtken von Zierikzce, die alte
Maeyken, Grietken Bonaventures und Maeyken
de Körte, im Jahre 1559.
Der Markgraf von Antwerpen, der einen Bruder such-
te, auf welchen dreihundert Gulden gesetzt waren, ist
den 20. Mai 1559 mit vielen Dienern und Knechten
ausgegangen und hat zwei Häuser besetzt, in wel-
chen sie sechs Schwestern fanden, nämlich: Maeyken
Kats, Magdaleentken, Aechtken von Zierikzce, die
alte Maeyken, Grietken Bonaventures und Maeyken
de Körte. Wie sehr sie aber in den Häusern hin und
her suchten, so konnten sie doch den Mann, den sie
suchten, nicht finden. Da wünschte der Markgraf die
Weiber auf die Hoboker Heide; gleichwohl aber, als
er seinen Zweck nicht erreichen konnte, hat er sie alle
sechs mit sich geführt und sie in ein dunkles Gefäng-
nis eingesperrt. Nachher sind sie untersucht worden
und haben ihren Glauben freimütig bekannt, haben
auch weder durch des Kaisers Befehl, noch durch Be-
drohungen oder Peinigungen zum Abfall gebracht
werden können, wie sie denn auch niemand in Unge-
legenheit gebracht haben.
Also sind die drei Erstgenannten den 18. Juni zum
Tode verurteilt, und in der folgenden Nacht auf dem
Steine ertränkt worden.
Nachher sind den 11. Oktober die andern drei auch
zum Tode verurteilt worden. Die alte Maeyken, die
ehrbare Witwe (die zweifacher Ehre wert war), wurde
ertränkt, und sowohl Grietken Bonaventures, als auch
Maeyken de Körte, haben durch das Schwert (wel-
ches doch bei Frauenspersonen nicht gebräuchlich ist)
um der Wahrheit willen den Tod leiden müssen; dar-
um werden sie auch von ihrem Herrn, welchen sie
geliebt und nicht vergessen haben, nicht vergessen,
sondern mit Freuden in sein Reich und Freudenfest
ins Paradies aufgenommen werden.
Ein Brief von Maeyken de Körte.
Meine liebe Schwester, bitte für uns, daß das Volk des
Herrn erfolgreich sei und fruchtbar werde, in aller Ge-
duld und Helligkeit, ihn zu erwarten in Leidsamkeit,
denn er wird gewiss kommen und seinen Lohn mit
sich bringen. Er ist getreu, der es verheißen hat, er
wird es auch tun; es ist freilich, wie ich sage, unser
Leben besteht in eitlem beständigen Streit auf Erden.
Wisse, daß ich sehr wohlgemut bin, das Fleisch ist
wohlauf, dem Herrn sei Lob; wir sind hier recht ein
Fluch der Welt und sehnen uns immer nach Hause
285
und nach der Behausung, die nicht mit Händen ge-
macht, sondern selbst im Himmel ist; wir erwarten
neue Himmel und eine neue Erde nach seiner Verhei-
ßung, worin Gerechtigkeit wohnt. Wie müssen wir
denn nicht geschickt sein, mit einem gottseligen We-
sen, ich finde mich oft geschlagen; auch finde ich noch
so viele Gebrechen in mir, und muss noch so vielem
absterben; solches muss ich dem Herrn mit einem
demütigen Herzen und mit zitterndem und furcht-
samen Gemüte übergeben, und ihn um Gnade, nicht
aber um Recht, bitten. Ich fühle, je mehr ich mich er-
niedrige, desto mehr der starke Gott in mir wirkt und
seine Gnade in mich ergießt; dann weine ich bitter-
lich, falle auf meine Knie und danke meinem Gott
mit den Worten: O mein Herr und Gott!, was bin ich
Adamskind, daß du dessen eingedenk bist? Du hast es
erhaben und herrlich gemacht über alle deine Werke;
woher kommt es, daß du uns so reichlich heimsuchst,
daß du deine Schätze so mildreich öffnest, und in uns
eingehen, und den schönen Morgenstern in unseren
Herzen scheinen lassest, und uns aus dieser finstern
Nacht zu dem unvergänglichen Lichte gezogen hast?
Was sollen wir ihm anders dagegen geben, meine liebe
Schwester, als ein bußfertiges und zerschlagenes Herz
und einen zerbrochenen Geist, mit Liebe und großer
Dankbarkeit, daselbst ruht der Geist des Herrn, sagt
David. Laß uns einander herzlich lieben, denn Gott
ist die Liebe, und uns allezeit ermahnen, damit wir
durch den Betrug der Sünden nicht erkalten, damit
Gott in uns geehrt und wir erlöst werden mögen von
der Hoffart und den argen bösen Menschen, denn der
Glaube ist nicht jedermanns Ding; der Herr ist treu,
er wird uns stärken und bewahren. Wisse, daß meine
Schwestern hier waren und ein Wort des Trostes von
mir verlangt haben; der Herr aber hat noch den Sieg
erhalten, ich weiß nicht, wie mir ist, ich fühle keine
Hinneigung zu ihnen, als ob sie mir nicht befreundet
wären; ich kann mich nicht erfreuen; wenn ich sie se-
he, kommt es mir vor, als ob sie vor mir furchtsam
wären. Sie machten mir sehr vieles Kreuz und hatten
einen Klosterbruder (Balten genannt) hierher gesandt,
um uns zu verhören; sie wollten ihm auch drei Kap-
pen geben, wenn er mich bekehren könne; er setzte
mir mit schönen Worten zu, ich aber wollte nichts
reden und war damals auch krank. Da sagten meine
Schwestern: Warum sagst du nichts? Ich erwiderte
hierauf: Es gelüstet mich jetzt nicht, wir haben so oft
mit ihm geredet, daß er unsere Meinung wohl weiß.
Darüber wurde Balten unwillig und klagte sehr
über mich, daß ich mit der Kraft der Schrift wider-
standen hätte, daß ich unrechtmäßig auf meiner Selig-
keit bestände, und daß ich keine Hoffnung hätte. Da
weinten sie sehr; aber es ging mir nicht zu Herzen, er
mochte schweigen oder reden; er ließ alles Volk aus
der Kammer sich entfernen, und blieb mit meinen bei-
den Schwestern und mir allein. Hierauf bat er mich
sehr und sagte: Liebe Maeyken, habe doch Mitleiden
mit deiner armen Seele; ich aber erwiderte herzhaft:
Das hoffe ich auch zu tun; und sage, sagten sie, daß
es dir leid sei, daß du geirrt habest; es ist genug, du
darfst nichts mehr sagen; man wird für dich sofort
eine Schrift nach meiner Angabe anfertigen und ich
samt deinen beiden Schwägern wollen sie selbst unter-
zeichnen; es soll heimlich gehalten werden und man
wird alles für dich tun, was möglich ist; laß dieses
geschehen, meine liebe Schwester. Da wurde ich in
meinem Geiste gerührt und sprach: Ihr solltet wohl
euer Haupt ruhen lassen, ihr tut verlorene Arbeit, ich
bin nicht von solcher Meinung, daß ich sagen sollte,
es wäre mir leid; nein, so wenig leid ist es mir, daß ich
es noch tun wollte, wenn ich es nicht schon getan hät-
te; was ich in meinem Sinne habe, dabei will ich mit
Gottes Hilfe bleiben und keine Bitten, keine Pein, ja,
selbst der Tod soll mich nicht abwendig machen, ich
begehre darin zu sterben. Darum quält mich nicht, ich
wollte wohl gerne mit Lauwrens Huysmaker reden,
wenn es mir gestattet werden möchte, desgleichen
auch eure Angesichter sehen, aber ich muss mich mit
Geduld trösten.
Bleibt dem Herrn befohlen und dem Worte seiner
Gnade. Grüßt mir Andries, grüßt mir Matthäus, ich
grüße euch beide, grüßt mir Lauwrens, grüßt mir
Hans, grüßt mir sehr den Adriaen und Lauwrens
Weib samt Lauwrens, des Besenmachers Weib und
Hanskens Weib.
Ein Testament, von Jelis Bernarts an sein Weib
geschrieben, als er zu Antwerpen um des Herrn
Wort willen im Jahre 1559 getötet worden ist.
Gnade und Friede müssen bei dir, mein wertes und
sehr geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn,
vermehrt werden, nachdem allerlei seiner göttlichen
Kraft, das zum Leben und göttlichen Wandel dient,
uns durch die Erkenntnis dessen geschenkt ist, der
uns durch seine Herrlichkeit und Tugend gerufen hat,
durch welche uns die teuersten und allergrößten Ver-
heißungen geschenkt sind.
Deshalb nun, meine Allerliebste, damit du durch
dasselbe der göttlichen Natur teilhaftig werdest, so
fliehe die vergänglichen Lüste dieser Welt, wie du
auch bereits getan, da du derselben entsagt und die
Wiedergeburt, und den Glauben und den Gehorsam
angenommen hast, welchen du in der Taufe, in wel-
cher du Christum angetan und dadurch der göttli-
chen Natur teilhaftig geworden bist, bewiesen hast.
286
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Und das ist nicht um der Werke der Gerechtigkeit
geschehen, die du getan hast, sondern nach seiner
Barmherzigkeit hat er dich durch das Bad der Wieder-
geburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes selig
gemacht.
Wenn du hierin fortfährst bis ans Ende und in allem,
was dir begegnet, geduldig bist, so wirst du dasjenige
erben, was dir verheißen ist; preise Gott und danke
ihm für alle seine herrlichen Wohltaten, die dir wider-
fahren sind, und segne Gott den Vater durch Jesum
Christum, obgleich dir jetzt, durch meinen Abschied
um des Herrn willen, Trübsal zugestoßen ist, und
wisse, daß er dich nach seiner großen Barmherzig-
keit zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren hat,
durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
zu einem unvergänglichen, unbefleckten und unver-
welklichen Erbe, das für dich und alle aufbewahrt ist,
die in demselben Glauben stehen, die ihr durch die
Kraft Gottes im Glauben zur Seligkeit bewahrt werdet,
welche bereitet ist, daß sie zur letzten Zeit offenbar
werden soll; worin du dich, meine liebe und werte
Frau, erfreuen willst, die du nun eine kleine Zeit, wo
es sein soll, in mancherlei Anfechtung traurig bist.
Denn wisse, meine Allerliebste, daß wir auf mancher-
lei Weise versucht werden, damit dadurch offenbar
werde, ob wir den Herrn recht lieben.
Darum sei getrost, meine Geliebteste, sollte dich
auch noch viel mehr Trübsal überfallen; denn wisse,
daß wir durch viel Leiden und Trübsal in das Reich
Gottes eingehen müssen, gleichwie auch Sirach sagt,
Kap 2,1: Mein Sohn, willst du Gottes Diener werden,
so schicke dich zur Anfechtung und leide; wenn man
dich davonlockt, so halte fest und weiche nicht, denn
wie das Gold und Silber durch Feuer geläutert wird,
so müssen diejenigen, die Gott lieben, durch das Feuer
der Verfolgung untersucht und geprüft werden.
Aber, meine Geliebteste, tue, gleichwie Jakobus in
dem ersten Kapitel schreibt: Meine lieben Brüder, ach-
tet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei An-
fechtung fallt, und wisst, daß euer Glaube, wenn er
rechtschaffen ist, die Geduld bewirkt; die Geduld aber
soll fest bleiben bis ans Ende, damit ihr vollkommen
und ganz seid und keinen Mangel habt; denn wenn
wir in Trübsal sind, so ist uns Geduld und Leidsam-
keit nötig. Darum bitte ich dich von Grund meines
Herzens und aus dem Innersten meiner Seele, daß
du doch getrost sein und in Geduld und Feidsamkeit
die Prüfung deines Glaubens offenbar werden lassen
wollest, gleichwie Petrus sagt: Auf daß die Prüfung
eures Glaubens viel köstlicher erfunden werde, als das
vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird,
zu Fob, Preis und Ehre; wenn nun Christus offenbar
werden wird, welchen ihr nicht gesehen und doch
lieb habt, an welchen ihr auch glaubt, obgleich ihr ihn
nicht seht, so werdet ihr doch, um eures Glaubens wil-
len, euch freuen mit unaussprechlicher und herrlicher
Freude, und das Ende eures Glaubens davonbringen,
nämlich eurer Seelen Seligkeit; alsdann wird alles bei-
den, Trübsal, Schmach, Verfolgung, Seufzen, Weinen
und Klagen ein Ende haben. Darum sei guten Mutes
und betrachte, daß all' dies Leiden, das uns hier zu-
stoßen mag, und alle Herrlichkeit, samt dieser Welt
Wollust, auch vergehen und zu nichts werden müssen,
sondern sieh' allezeit auf die zukünftigen herrlichen
Verheißungen, die uns getan sind, und die uns (die
wir glauben, wenn wir standhaft bleiben) gegeben
werden sollen; denn getreu ist, der es verheißen hat,
indem der Herr seine Verheißungen nicht verzieht.
Darum sei getrost und harre auf ihn, denn er wird
dich nicht verlassen, und wirf deine Sorgen auf ihn,
denn er sorgt für dich, indem er ein Gott ist voll aller
Gnade, der dich hierzu berufen und erwählt hat, wie
Petrus erzählt.
Aber der Gott aller Gnade, der uns zu seiner ewigen
Herrlichkeit in Christo Jesu berufen hat, wird dich, die
du eine kleine Zeit leidest (hört! er sagt: eine kleine
Zeit), voll bereiten, stärken, kräftigen und gründen in
demjenigen, was du angenommen hast, nämlich in
dem Glauben an ihn und seinen eingeborenen Sohn Je-
sum Christum, unsern Herrn, welchem sei Lob, Preis
und Ehre von nun an bis in Ewigkeit, Amen.
Einen herzlichen und freundlichen Gruß an dich,
meine geliebteste, auserwählte und sehr werte Haus-
frau und liebe Schwester in dem Herrn; ich habe dei-
nen Brief empfangen, in welchem du mich bittest, ich
soll dir ein Testament schreiben, was ich dir nicht ab-
schlagen will, wenn mir der Herr Zeit gibt; denn wenn
ich dir mit meinem Blute helfen könnte, so wollte ich
es tun; jetzt aber kann ich dir nicht weiter helfen, als
mit meinem Schreiben; und dieses alles soll von mir
geschehen aus rechter brüderlicher Liebe, zu deinem
Tröste, und aus dem Grunde meines Herzens, und in
demselben Sinne soll es auch vollendet werden, wie
ich durch des Herrn Hilfe und Gnade empfangen ha-
be. So wisse nun, meine liebe Hausfrau und Schwester
im Herrn, wie Gott in den vergangenen Zeiten sein
Volk heimgesucht, als sie in Ägypten in der Sklaverei
unter dem Könige Pharao waren, welchem sie unge-
fähr 500 Jahre dienen mussten und dienstbar waren.
Als er sie nun ausführen wollte, so hat er ihnen Mose
zu einem Führer erweckt, durch welchen sie Gott aus
der ägyptischen Dienstbarkeit erlöst und sie durch
das rote Meer geführt, den König Pharao aber, weil
er ihnen nachjagte, mit seinem ganzen Heere darin
ertränkt, ersäuft und umgebracht, und sie folglich aus
seinen Händen erlöst hat. So sind sie in die Wüste
287
gekommen, um nach dem Lande zu ziehen, das ih-
nen verheißen war; dort gab ihnen der Herr Gesetze
und Sitten durch Mose, ihren Führer, daß sie darnach
wandeln sollten; aber sie sind nicht in seinem Gesetze
geblieben; darum ward Gott zornig und schwur in
seinem Grimme, daß sie zu seiner Ruhe nicht kom-
men sollten; über welche aber schwur er, als über die
Ungläubigen. Darum sehen wir, daß sie nicht hinein-
gekommen sind, und das um ihres Unglaubens willen.
Als nun dieses geschehen war, hat der Herr durch den
Propheten gesprochen und gesagt: Siehe, es kommt
die Zeit, spricht der Herr, daß ich mit dem Hause
Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund ma-
chen will, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit
ihren Vätern machte, da ich sie bei der Hand nahm,
daß ich sie aus Ägyptenland führte, welchen Bund sie
nicht gehalten haben; darum habe ich sie nicht mehr
geachtet, spricht der Herr; sondern das soll der Bund
sein, den ich mit dem Hause Israel machen will nach
dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in
ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie
sollen mein Volk sein, dann will ich ihr Gott sein. Und
es wird keiner den andern lehren und sagen: Erkenne
den Herrn, sondern sie sollen mich alle kennen, von
dem Kleinsten bis zum Größten; denn ich will ihre
Missetat vergeben, und ihrer Sünde nicht mehr geden-
ken, welches Testament er nun in diesen letzten Zeiten
durch seinen Sohn Jesum Christum, unsern Herrn, of-
fenbart und gegeben hat, welcher der rechte Mose ist,
der uns bei der Hand genommen und aus Ägypten
geführt hat, worin wir alle saßen und dem höllischen
Könige Pharao dienten, unter welchem wir durch die
Sünde gefangen lagen, von welchen Banden und aus
welcher Sklaverei wir durch Christum erlöst sind, der
uns durch seinen Tod und durch sein Blutvergießen
erlöst, versöhnt und von dem höllischen Könige Pha-
rao, welchen er getötet und in seinem Blute erstickt,
freigemacht hat; mit demselben hat er das Alte Testa-
ment erfüllt; denn es musste alles erfüllt werden, was
im Gesetze und in den Propheten geschrieben stand.
So ist denn die Erfüllung geschehen, und das Neue
mit seinem Blute befestigt worden, welches er zuvor
durch die Propheten verheißen, wie oben gemeldet ist,
welches uns durchs Evangelium verkündigt und von
ihm und seinen heiligen Aposteln mit Zeichen und
Wundern befestigt worden ist, denn diese hat er nach
seiner Auferstehung ausgesandt, allen Völkern zu pre-
digen, wer da glauben und getauft werden würde, der
sollte selig werden, gleichwie er denn auch befohlen,
daß sie lehren sollten, alles dasjenige zu halten, was
er ihnen befohlen hat.
Darum nun, meine Allerliebste, sind wir das Volk,
das Gott zuvor ersehen, von der Grundlegung der
Welt an, und mit welchem er ein besseres Testament
gemacht hat, als mit dem Hause Israel, denn sie muss-
ten täglich für die Sünden opfern, womit sie doch
nicht genug tun konnten; denn Brandopfer und Sün-
dopfer hat er nicht gewollt, deshalb hatte auch Gott
kein Wohlgefallen daran, was unter dem Gesetze ge-
opfert wurde; aber er sprach (nämlich Christus): Siehe,
o Gott, ich komme, deinen Willen zu tun. Hier nimmt
er das Erste weg, damit er das Andere einsetzen möge,
durch dessen Willen wir geheiligt sind, durch das Op-
fer des Leibes Jesu Christi, welches einmal geschehen
ist. Denn damals wurde ein jeder Priester eingesetzt,
daß er alle Tage Gottesdienst pflegen und öfters einer-
lei Opfer tun sollte, obgleich sie die Sünden nicht hin-
wegnehmen konnten; aber dieser (nämlich Christus),
als er ein Opfer für die Sünde geopfert hatte, welches
in Ewigkeit gültig ist, hat er zur rechten Hand Gottes
gesessen und wartet, bis seine Feinde zum Schemel
seiner Füße gesetzt werden; denn mit einem Opfer
hat er in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden. Sol-
ches bezeugt auch der Heilige Geist, denn nachdem
er gesagt hatte (wie daselbst geschrieben steht): Das
ist das Testament, das ich mit ihnen machen will nach
dieser Zeit (spricht der Herr), sagt er: Ich will mein
Gesetz in ihr Herz geben in ihren Sinn schreiben, und
ich will ihrer Sünden und Ungerechtigkeit nicht mehr
gedenken. Wo nun solche Vergebung ist, da ist kein
Opfer mehr für die Sünde, wie Paulus schreibt.
Deshalb nun, mein liebes und wertes Weib, haben
wir einen freien und sichern Zutritt in das Heilige,
durch das Blut Jesu, welchen er uns als einen lebendi-
gen und neuen Weg durch den Vorhang, das ist durch
sein Fleisch, bereitet hat. So haben wir nun einen Ho-
hepriester über das Haus Gottes, welches die Gemein-
de ist, die er durch sein Blut gereinigt hat, daß sie ohne
Runzel oder Flecken heilig sein sollte und von wel-
cher du ein Mitglied bist; denn sie ist der Leib Christi,
und wir die Glieder dieses Leibes, Christus aber das
Haupt und der Priester des Hauses Gottes, wie gemel-
det ist. Darum, meine Geliebteste, bleibe fleißig dabei,
und laß uns allezeit hinzugehen, mit wahrhaftigem
Herzen in völligem Glauben, besprengt in unserm
Herzen und frei von dem bösen Gewissen, und gewa-
schen am Leibe mit reinem Wasser, ich meine, daß wir
alle Unreinigkeit des Herzens und des Fleisches ab-
legen und alle Gerechtigkeit und Heiligkeit ausüben,
und fest und unveränderlich das Bekenntnis der Hoff-
nung halten, denn er ist treu, der es verheißen hat;
und nimm doch allezeit deiner selbst wahr, solches
bitte ich dich, meine Geliebteste, um dich zur Liebe
und zu guten Werken anzutreiben.
Weil du ein Kind des neuen Bundes bist, so schreibe
ich dir dieses als dein Testament nach deinem Begeh-
288
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ren an mich. Das Niedergeschriebene ist nun mein
Begehren an dich, die du mein liebes, von Menschen
verachtetes Schaf bist, das aber von Gott auserwählt
und zu seinem Testamente berufen ist, denn er hat
uns das Testament hinterlassen, daß wir seines Todes
dadurch eingedenk sein sollten, nämlich das Brechen
des Brotes, wodurch wir anzeigen, daß er für uns an
dem Stamme des Kreuzes gebrochen worden sei, und
daß wir uns auch dadurch erinnern sollen, daß wir
durch ihn aus der Hand unserer Feinde erlöst seien.
Dieses nun hat er uns, nachgelassen, um es als ein
ewiges Testament zu beobachten, gleichwie den Kin-
dern Israel befohlen war, das Osterlamm zu essen
und jährlich zu halten zu einem Gedächtnis, daß sie
nämlich damals von dem Könige Pharao erlöst wor-
den seien; solches alles war eine bildliche Darstellung,
wovon wir nun das wahre Wesen haben, in der wah-
ren Unterhaltung unserer Erlösung durch das rechte
Qsterlamm Christum und seine Gemeinschaft, worin
du ja auch mitbegriffen bist; denn es ist nicht lange,
daß wir solches untereinander durch das Brechen des
Brotes und durch das Trinken des Weines bewiesen ha-
ben, weshalb du nun des neuen Testaments und aller
herrlichen Verheißungen, die den Kindern des neuen
Bundes zugesagt sind, teilhaftig bist. Es ist demnach
meine Bitte, daß du darin bis ans Ende treu bleiben
wollest, damit du alle Verheißungen ererben mögest,
denn wer überwindet, soll alles ererben; wer über-
windet, soll mit mir auf meinem Stuhle sitzen; wer
überwindet, den will ich im Himmel bekennen vor
meinem Vater, und seinen Namen in das Buch des
Lebens schreiben, und dergleichen schöne Verheißun-
gen, welche, wie du wohl weißt, allen Überwindern
zugesagt sind.
Darum, meine Geliebte, sieh zu, daß du treu bleibst,
denn du bist noch in der Wüste, wo du versucht wer-
den musst, wie Israel in der Wüste vierzig Jahre lang
versucht worden ist, damit ihnen Gott dadurch be-
kannt mache, was in ihren Herzen verborgen war;
wisse aber, daß sie alle zu Grunde gegangen sind, die
nicht standhaft blieben und die Verheißung nicht er-
erbt haben, wie droben gemeldet worden ist. Nun
aber haben wir ein ewiges Testament, welches ewig-
lich währt, und haben nicht, wie Israel, ein Gesetz
in steinerne Tafel geschrieben, sondern in die Tafeln
unserer Herzen.
Also, meine Geliebteste, weil wir ein besseres Testa-
ment haben, so wandle auch besser darin, und bleibe
standhaft im Glauben, und lasse solches durch die
Fürbitte des Glaubens und das Gesetz, das nun durch
den Geist Gottes in dein Herz geschrieben ist, offen-
bar werden; laß dieses in dir gelesen werden, und das
darin, daß du die Werke des Geistes vollbringst; daß
du also ein Brief Christi sein mögest, der von allen
gelesen werden kann, welchen du offenbar bist, wie
Paulus von den Korinthern bezeugt, daß sie ein Brief
Christi seien, durch seinen Dienst zubereitet, nicht
mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geiste des le-
bendigen Gottes; nicht in steinerne Tafeln, sondern in
die fleischlichen Tafeln, nämlich in ihre Herzen, denn
Christus sagt auch: Lasst euer Licht leuchten vor den
Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und eu-
ren Vater preisen. Da wir nun ein neues Testament
haben, welches durch Christum, unserem Geleitsman-
ne und Gesetzgeber, gegeben ist, so müssen wir auch
seine Gebote halten und ihm nachfolgen, wie ich dir
in den andern beiden Briefen geschrieben habe. Wir
müssen sein Bild ausdrücken, gleichwie er des Vaters
Bild ausdrückt; wie er zu Philippus sagte: Philippus,
wer mich sieht, der sieht meinen Vater, wie sagst du
denn: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, daß ich
in dem Vater und der Vater in mir sei? Die Worte, die
ich rede, die rede nicht ich, sondern der Vater, der in
mir ist; denn derselbe tut die Werke. Nun, meine Al-
lerliebste, nachdem du durch Gottes Gnade das Evan-
gelium, welches in aller Welt gepredigt ist, gehört und
an dasselbe geglaubt hast, und demselben gehorsam
gewesen bist, gleichwie du, wie ich hoffe, durch des
Herrn Gnade noch bist, und Christum angetan hast,
so laß ihn auch durch dich ausgedrückt werden, wie
das Bild des Vaters durch Christus ausgedrückt ist in
Worten und Wunderwerken, gleichwie du ihn auch
allezeit ausgedrückt hast durch einen reinen christli-
chen Wandel, worin du Christo recht nachfolgst; denn
er ist der rechte Mose, der uns vorgegangen ist; fol-
ge ihm tapfer nach, was dir auch darüber in dieser
Welt begegnet, es sei Druck oder Ungemach, Leiden
oder Verfolgung; Habe guten Mut, Christus ist voran,
folge ihm tapfer nach, denn der Knecht kann nicht
besser sein als sein Herr, noch der Jünger über seinem
Meister, noch die Frau über ihrem Mann, noch die
Magd über ihrer Frau, sondern es soll dem Knechte
genug sein, daß er wie sein Herr, dem Jünger, daß er
wie sein Meister, der Frau, daß sie wie ihr Mann, der
Dienstmagd, daß sie wie ihre Frau ist.
Darum, liebe Schwester im Herrn, sei getrost und
sieh auf die Langmut und Geduld Christi, auf alle
frommen Zeugen, die von Anfang bis hierher Christo
nachgefolgt sind; er hat dieselben nicht ungetröstet
gelassen, gleichwie er auch uns, die wir hier eben um
desselben Zeugnisses willen sitzen, nicht ohne Trost
lässt, sondern wunderlich tröstet und stärkt durch die
Kraft des Heiligen Geistes, worüber er ewiglich gelobt
werden müsse.
Darum habe guten Mut, halte stark an mit Bitten
und Flehen, und beweise es allezeit, daß du ein Kind
289
des neuen Bundes seiest, daß das Gesetz des Herrn
in dein Herz geschrieben sei, und man solches lesen
könne. Darin wolle dich der barmherzige Vater durch
seinen Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes stärken.
Hiermit will ich dich, mein liebes Weib, dem Herrn
anbefehlen (denn ich hatte nicht mehr Papier) und
dem Worte seiner Gnade.
Geschrieben aus meinen Banden, des Montags, von
mir, Jelis Bernarts, deinem lieben Manne.
Ein Brief, welchen Jelis Bernarts an sein Weib
geschrieben hat.
Die Gnade und der Friede Gottes des Vaters, der uns
durch Jesum Christum, seinen eingeborenen Sohn,
unsern Herrn, geworden ist, wolle dich trösten in al-
ler deiner Trübsal durch die Kraft des Heiligen Geis-
tes, welcher Geist ein Tröster aller Notleidenden und
uns vom Vater durch seinen Sohn Jesum Christum
gesandt ist, zum Lehrmeister aller Gläubigen, und
zum Tröster aller Notleidenden, die in göttlicher Trau-
rigkeit sind, welche Traurigkeit zur Seligkeit wirkt.
Dieser einige, ungeteilte, unveränderliche, ewige, all-
mächtige, starke Gott, in drei Namen ausgedrückt,
nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist im Wesen (
wie bei Johannes in dem ersten Briefe im 5. Kapitel
steht: Drei sind, die da zeugen im Himmel, der Vater,
das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind
eins), wolle dein Tröster sein, bis ans Ende; solches bit-
te ich aus Grund meines Herzens durch seinen lieben
Sohn, Jesum Christum, unsern Herrn, Amen.
Nebst herzlichem und freundlichem Gruße an dich,
mein geliebtes und wertes Weib und Schwester in
dem Herrn, die ich liebe wie meine eigene Seele, nach
dem Geiste und Fleische ( denn du bist Fleisch von
meinem Fleische, und ich auch mit dir), kann ich we-
der unterlassen, wenn ich deine Traurigkeit ansehe,
noch es versäumen, dich allezeit zu trösten mit mei-
nem Schreiben, solange ich Zeit habe. So wisse, mei-
ne Geliebteste, daß mir der Abschied von dir auch
schwer fällt; aber ich tröste mich mit des Herrn Worte,
wo er sagt, man müsse alles hassen und lassen, Vater,
Mutter, Weib, Kinder; und daß wer sein Kreuz nicht
täglich auf sich nimmt, sein Jünger nicht sein könne.
Da ich auch weiß, daß die Vereinigung des Fleisches,
die wir miteinander gehabt haben, nicht ewig beste-
hen kann, und nun der Fall eintritt, daß wir, nach
des Herrn Willen, voneinander scheiden, so verleug-
ne ich hierin meinen Willen und übergebe mich des
Herrn Willen; tue dasselbe, darum bitte ich dich, mei-
ne Geliebteste, übergib dich selbst dem Herrn, denn
er ist dein Leben und dein Sterben, wie Rom 14,8 steht:
Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so
sterben wir dem Herrn; denn wir sind des Herrn. Und
wenn ich die Einigkeit betrachte, worin wir noch ste-
hen, nämlich in dem geistigen Leibe Christi (denn
wir sind zusammen durch einen Geist zu einem Leibe
getauft), so freue ich mich, daß du auch mit mir in
der Gemeinschaft stehst, und der göttlichen Natur
teilhaftig geworden bist, ja, Reben an dem Weinsto-
cke, welcher Christus ist, Schafe des rechten Hirten,
Kinder der Verheißung, geboren von der Freien, Erb-
genossen in dem Reiche Gottes, mit Christo in dem
Reiche seines Vaters; denn wir sind durch ihn aus Gott
geboren, durch den unvergänglichen Samen, durch
das Wort der Wahrheit, welches er selbst ist; denn er
ist das Wort des Vaters, und das Wort ist Fleisch ge-
worden, durch welches Wort und durch welchen Geist
wir zu dieser Gemeinschaft gekommen und Fleisch
von seinem Fleische, Bein von seinem Beine und Glie-
der seines Leibes, nämlich seiner Gemeinde, deren
Haupt er ist, geworden sind; und wenn ich einsehe,
daß du mit mir demselben einverleibt bist, so erfreue
ich mich; tue dasselbe, meine Geliebteste, solches bit-
te ich von dir, denn wenn wir dem treu bleiben, mit
dem hier vereinigt stehen, und nicht Hurerei treiben,
so wird diese Einigkeit ewiglich bestehen, und wir
werden endlich alle herrlichen Güter mit ihm in sei-
nes Vaters Reiche miteinander genießen. Aber wisse
(die du bist), mein liebes Schaf, daß Christus, als er
die Herrlichkeit seines Vaters verlassen hatte, und auf
Erden kam, dieselbe wieder durch viel Trübsal und
Leiden habe einnehmen müssen; nun ist er das Haupt
und wir sind die Glieder; so ist er vorangegangen,
ebenso müssen die Glieder nachfolgen, denn es ist
nur ein Weg und eine Tür, durch welche die Glieder
nachfolgen müssen; der Leib kann nicht zerteilt in
das Haus gehen. Darum, meine Geliebteste, wenn wir
Glieder an dem Haupte sein, und mit Christo in das
Haus seines Vaters kommen und die herrlichen Gü-
ter genießen wollen, so müssen wir denselben Weg
einschlagen, und alles, was uns begegnen mag, an-
nehmen; denn, wollen wir mit herrschen, so müssen
wir auch mit leiden; sind wir Kinder, so sind wir auch
Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi,
wenn wir anders mit ihm leiden, damit wir auch mit
ihm zur Herrlichkeit erhoben werden; denn ich halte
dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht
wert sei, die an uns offenbar werden soll. So sagt auch
Christus: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ihr wer-
det weinen und heulen, und die Welt wird sich freuen,
ihr aber werdet trauern und betrübt sein, doch soll
eure Traurigkeit in Freude verwandelt werden.
Denn ein Weib, wenn sie gebärt, hat Traurigkeit,
weil ihre Stunde gekommen ist; wenn sie aber das
Kind geboren hat, so gedenkt sie nicht mehr an die
290
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Angst um der Freude willen, weil ein Mensch zur
Welt geboren ist. Also, meine Geliebteste, nimm hier
an den Worten Christi ein Exempel, daß es uns eben
so ergehen müsse, bis wir Christum geboren haben.
Darum, meine Geliebteste, merke wohl auf die
Schrift, wie er allezeit von Trübsal und Leiden in die-
ser gegenwärtigen Zeit redet, und doch immer den
Trost damit verknüpft, eben wie er sagte: Selig sind
die Traurigen, denn sie sollen getröstet werden; und
ferner: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost,
ich habe die Welt überwunden; an einer andern Stelle
sagt er: Fürchtet euch nicht, ich will euch nicht als
Waisen lassen; gleichwie er auch durch den Prophe-
ten Jesaja sagt: Kann auch eine Mutter ihres Kindes
vergessen? Ja, wenn sie es auch täte, daß sie des Soh-
nes ihres Leibes vergäße, so will ich doch dein nicht
vergessen.
Deshalb meine Geliebteste, sei doch getröstet mit
obigen Worten, und mit allen herrlichen Gütern, de-
ren du durch den Glauben teilhaftig geworden bist,
um deretwillen du nun weinst in dieser Zeit; darüber
wirst du dich nicht verwundern, denn du weißt ja
wohl, daß uns hier in dieser Zeit nichts anderes verhei-
ßen ist, als Trübsal, Leiden, Verfolgung und Weinen,
indem es heißt: Selig seid ihr, die ihr hier weint, denn
ihr werdet lachen; wehe euch, die ihr lacht, denn ihr
werdet weinen. Darum ist es besser, hier zu weinen
als nachher, denn die zukünftige Zeit wird ewig wäh-
ren; was aber vorhanden ist, muss schnell vergehen.
So wirf denn, meine Geliebte, deine Sorgen auf den
Herrn, denn er sorgt für dich, und sei gestärkt mit
aller Kraft, nach seiner herrlichen Macht in aller Ge-
duld und Langmut mit Freuden, und danksage dem
Vater, der uns tüchtig gemacht hat zu dem Erbteile der
Heiligen im Lichte, der uns errettet hat von der Obrig-
keit der Finsternis durch seinen geliebten Sohn Jesum
Christum, unsern Herrn, welchem sei Lob, Preis, Ehre
von nun an bis in Ewigkeit. Amen.
Hiermit sei, mein geliebtes Weib, (von mir, deinem
getreuen Manne), dem Herrn und dem Worte seiner
Gnade anbefohlen. Amen. Der Herr wolle dich durch
seinen Geist stärken und kräftig machen, damit du
das, was du hast, bis ans Ende behalten, mit Geduld
die Zeit deiner Erlösung erwarten und so endlich die
Krone des Lebens empfangen mögest. Der Friede des
Herrn sei mit dir und allen denen, die den Herrn
fürchten und lieben und seine Gebote halten.
Noch ein Brief von Jelis Bernarts an sein Weib.
Die Gnade und der Friede Gottes des Vaters und die
Verdienste unseres Herrn Jesu Christi, sowie die Ge-
meinschaft des Heiligen Geistes, seien mit dir, durch
welchen Geist wir sämtlich zu einem Leibe getauft
sind, dessen Haupt Christus ist, wir aber untereinan-
der die Glieder sind, Fleisch von seinem Fleische und
Bein von seinen Beinen; er ist seines Leibes Heiland;
demselben werden auch die Pforten der Hölle nicht
widerstehen können, noch ihn überwältigen, wenn
wir fest in der Liebe aneinander verknüpft bleiben,
und uns nicht verführen lassen, sondern den Glauben
an Jesum Christum festhalten, und die Gnade nicht
versäumen, die uns Gott durch Jesum Christum, sei-
nen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, verliehen hat,
welchem sei Lob, Preis, Ehre und Danksagung von
nun an bis in Ewigkeit, Amen.
Ein sehr herzlicher Gruß sei dir zugeschrieben,
mein geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn,
deren ich nun beraubt bin durch die Bande, worin ich
mich wegen des Zeugnisses unseres Herrn Jesu Chris-
ti und des Glaubens an Gott befinde; ich hoffe dieses
Zeugnis mit meinem Blute und Tode zu versiegeln,
und so zur Ruhe unter dem Altar zu allen Heiligen
Gottes einzugehen, welcher Altar Christus ist, wo ich
alle meine Mitbrüder und Schwestern erwarten wer-
de; dort werden wir versammelt werden und bleiben
von Ewigkeit zu Ewigkeit, und werden also ewiglich
in Freuden sein; dann wird man von keinem Scheiden
mehr hören, sondern wir werden in Ewigkeit mit Gott
und dem Lamme und allen Heiligen regieren; dort
wird kein Seufzen und Weinen mehr gehört werden,
sondern alle Tränen werden von unsern Augen abge-
wischt werden; unsere Trübsal wird in Freude und
Wonne, unser Weinen in Lachen und unser Scheiden
in ein ewiges Versammeln verwandelt werden; dort
wird Freude und Frohlocken sein, denn keine Augen
haben es gesehen, und keine Ohren haben es gehört,
und es ist in keines Menschen Herz gekommen, was
Gott für seine Auserwählten bereitet hat, aber uns hat
es Gott durch seinen Geist offenbart. Darum laß uns
guten Mut haben, und geduldig sein in Trübsal, denn
wir wissen, daß wir durch viel Trübsal und Leiden in
das Himmelreich eingehen müssen; laß uns allezeit
beständig sein in dem Gebete, und anhaltend bleiben,
mit Bitten und Flehen in dem Geiste, daß er uns alle-
zeit trösten, stärken und kräftig machen wolle, damit
wir in aller Trübsal und Leiden, welches uns begegnen
möchte, standhaft bleiben mögen, in welchem Leiden
er uns nicht ungetröstet lassen wird, denn wie des
Leidens Christi viel über uns kommt, so werden wir
auch durch Christum reichlich getröstet.
Darum, meine Geliebteste, dürfen wir wohl getrost
sein und guten Mut haben, und in der Hoffnung fröh-
lich sein, daß wir solche herrlichen Verheißungen er-
langt haben, und solche ungehoffte Seligkeit erwarten;
denn wir, die wir ehemals entfernt waren, sind nun
291
nahe gekommen, ja, wir, die wir ehemals Gäste und
Fremdlinge waren, sind nun Bürger geworden mit
den Hausgenossen Gottes, gebaut auf den Grund der
Apostel und Propheten, wovon Jesus Christus der
Eckstein ist, und sind so zusammen auferbaut zu ei-
nem heiligen Tempel, wie Petrus sagt: Und auch ihr,
als lebendige Steine, erbaut euch zum geistigen Hau-
se, zu opfern geistige Opfer, die Gott angenehm sind
durch Jesum Christum; denn er hat uns geliebt, und
uns gewaschen von unsern Sünden in seinem Blute,
und hat uns zu Königen und Priestern gemacht, Gott,
seinem Vater, gleichwie auch Petrus in seinem ersten
Briefe im zweiten Kapitel sagt: Ihr aber seid das aus-
erwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das
heilige Volk, das Volk des Eigentums, damit ihr die
Tugenden desjenigen verkündigt, der euch von der
Finsternis zu seinem unvergänglichen Licht berufen
hat, die ihr vormals kein Volk wart, nun aber Gottes
Volk seid, und über welche sich Gott vormals nicht
erbarmt hat, mm aber sich eurer erbarmt hat. Denn
dieses sollen wir wissen, daß wir ohne Gott in der
Welt waren; ja, was noch mehr ist, wir waren von
ihr gepriesen; aber (ach Elend) von Gott verachtet.
Denn gleich wie Jakobus sagt: Wer der Welt Freund
sein will, der muss Gottes Feind sein, so gehörten wir
damals auch zu denjenigen, über welche sich Gott
nicht erbarmte, denn wie Christus sagt, so können wir
nicht zweien Herren dienen, den einen müssen wir
hassen, und den andern lieben. Wenn wir nun unsern
Abschied von der Welt nehmen, und unserm eigenen
Leben entsagen, daß wir nicht mehr nach dem Willen
unseres Fleisches, sondern nach dem Willen Gottes
leben, so will er sich unserer erbarmen, und uns von
der Lüge zur Wahrheit bringen, von der Finsternis
zum Lichte, von dem Götzendienste zu dem lebendi-
gen Gottesdienste, so werden wir, die wir kein Volk
waren, Gottes Volk, und können alle Tugenden und
herrlichen Wohltaten verkündigen, die uns der Herr
erwiesen hat, indem er uns zu seinen Kindern ange-
nommen hat; denn an ein solches Volk hat der Apostel
Petrus geschrieben, die so umgekehrt und in ein neu-
es Wesen des Lebens verändert waren: Ihr seid das
auserwählte Geschlecht. Und merke daraus, meine
Geliebte, wie er in diesem Briefe zu einem solchen
Volke redet, welches um des Glaubens an Christum
Jesum willen überall zerstreut war, so müssen wir
uns nun auch nicht wundern, wenn wir auch verjagt,
zerstreut, gefangen und getötet werden, denn, wie
du hören und lesen kannst, so ist es von Anfang so
gewesen, und wird so bleiben bis ans Ende, denn die
Finsternis ist des Lichtes nicht fähig.
Darum meine Geliebteste, laß uns nicht furchtsam
sein, Gott ist unser Geleitsmann, und wenn Gott mit
uns ist, wer mag wider uns sein? Er hat auch seinen
einzigen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für
uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht
alles schenken? Gott ist es, der gerecht macht, wer
will verdammen? Denn Christus ist es, der gestorben
ist, ja, noch mehr, der auferweckt ist und zur rech-
ten Hand Gottes sitzt und uns vertritt; solches wissen
wir, ja, was noch mehr ist, daß er uns bewahrt wie
seinen Augapfel und gesagt hat: Ich will dich nicht
verlassen noch versäumen, weshalb wir sagen dürfen:
Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürch-
ten, was können mir auch Menschen tun? Ebenso hat
er uns auch ermahnt, daß wir diejenigen nicht fürch-
ten sollen, die den Leib töten, weil sie nachher keine
Macht mehr haben, sondern lasst uns den fürchten,
der Macht hat, Seele und Leib in die Hölle zu werfen.
Also sagt er auch durch den Propheten: Wer bist du
denn, der du dich vor Menschen fürchtest, oder vor
den Menschenkindern, die doch wie Heu vergehen
müssen?
So fürchte dich denn nicht, meine Geliebteste, vor
demjenigen, das dir noch begegnen möchte, auch sei
nicht ohne Trost, sondern sei getröstet außer den Ban-
den, und geduldig in Trübsal, gleichwie ich, durch
des Herrn Hilfe, in meinen Banden bin. Laß uns stand-
haft bleiben im Glauben und in der Liebe, und mit
dem heiligen Paulus sagen: Was kann uns scheiden
von der Liebe Gottes? Weder Trübsal, noch Angst,
noch Hunger, noch Gefahr oder Schwert; gleichwie
auch geschrieben steht: Um deinetwillen werden wir
den ganzen Tag getötet, denn wir sind geachtet wie
Schlachtschafe; doch in allem diesem überwinden wir
weit, um deswillen, der uns geliebt hat.
Darum, meine Geliebteste, habe guten Mut, und sei
getrost und geduldig in all' deiner Trübsal, und stehe
fest im Glauben, und sei standhaft bis ans Ende, da-
mit, gleichwie wir nun durch viel Trübsal und Leiden
voneinander geschieden sind, wir einander auf den
Tag der Auferstehung begegnen und so ewiglich mit-
einander in Freuden sein mögen, und mit dem Herrn
und allen Heiligen und allen Engeln Gottes regieren
von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Hierzu stärke dich
und mich, sowie alle diejenigen, die den Herrn lieben
und seine Gebote halten, der allmächtige Gott und
Vater unsers Herrn Jesu Christi, durch die Kraft seines
Heiligen Geistes, Amen. Der Friede des Herrn sei mit
dir.
292
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Ein Brief, welchen Jelis Bernarts an die Brüder und
Schwestern geschrieben hat, als er zum Tode
verurteilt war.
Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen
Vater, und seinem Sohne Jesu Christo, unserm Herrn,
welcher sich selbst für unsere Sünden dahingegeben
hat, damit er uns von dieser gegenwärtigen bösen
Welt, nach dem Willen seines Vaters, erlöse; ihm sei
Lob, Preis, Ehre und Danksagung von nun an bis in
Ewigkeit, Amen.
Mein geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn,
wie auch alle lieben Brüder und Schwestern der Ge-
meinde zu GH! Mein Herz war geneigt, als ich mein
Todesurteil empfangen hatte, ein wenig an euch und
mein geliebtes Weib (welche ich euch nun anbefehle
und dem Worte Gottes) zu schreiben, aus einem recht
zugeneigten Gemüte und aufrichtiger, ungeheuchel-
ter brüderlicher Liebe, die ich bis an den Tod zu euch
trage. Es ist meine brüderliche Ermahnung und Bitte
an euch alle, daß ihr euch vor denen nicht fürchten
wollt, die den Leib töten, denn sie haben nachher kei-
ne Macht mehr; so sagt auch Petrus: Fürchtet euch
nicht vor ihrem Trotzen, und erschreckt nicht, damit
ihr nicht entsetzt, sondern heiligt Gott den Herrn in
euren Herzen; gleichwie er auch ferner sagt (liebe
Brüder und Schwestern in dem Herrn): Lasst euch
die Hitze, die euch begegnet, nicht befremden, die
euch deshalb widerfährt, daß ihr versucht werdet,
als widerführe euch etwas Seltsames, sondern freut
euch, daß ihr mit Christo leidet, damit ihr auch zur
Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und
Wonne haben mögt. Der Apostel hat uns mit Recht
ermahnt, daß wir uns freuen sollen; solches kann ich
mit Wahrheit schreiben, denn es ist mir nun schon
vor meinem Tode begegnet, wiewohl das Urteil schon
über mich ergangen ist. Als ich in Bande gelegt wurde,
hatte ich sogleich eine große Freude nach dem Geiste,
und obschon das Fleisch viel Nachdenken und Über-
legung hatte, so war ich doch nach dem Geiste erfreut,
weil ich von Gott dazu ausersehen war, um für sei-
nen Namen zu leiden. Als ich aber den Glauben vor
der Obrigkeit bekannt hatte und damals sehr gefoltert
wurde, fühlte ich, daß Gott mit mir war, denn er gab
mir solche Kraft, daß, welcherlei Leiden und Qual sie
mir auch schon antaten, sie dennoch nichts von mir
erfuhren, als was zu des Herrn Preise und zu meiner
Seligkeit diente, weshalb sie auch zornig wurden und
fragten, ob ich noch nichts sagen wollte; denn, sag-
ten sie, wir haben Macht, dich alle Tage so zu foltern.
Ich erwiderte: Der Leib gehört euch, tut damit nach
eurem Wohlgefallen. Als dieses alles geschehen war,
wurde meine Freude sehr vermehrt; ich konnte des
Herrn Lob nicht aussprechen und ihm nicht genug
für seine Gnade danken, die er mir gegeben hat, weil
ich gewürdigt worden bin, für seinen Namen zu lei-
den, und das Wort mit meinem Blute zu versiegeln;
denn die Mahlzeiten, die ich damals empfing, und
die Pein blieb in meinen Gliedern bis auf den letzten
Tag, dem Herrn sei ewig Lob, denn ich hatte diese
Züchtigung um meiner Sünden und Missetat willen
wohl verdient.
Nach der Zeit bin ich zweimal vor einen Mönch ge-
bracht worden; das erste Mal wollte er meinen Glau-
ben wissen. Ich sagte: Frage darum die Obrigkeit, vor
welcher ich ihn bekannt habe; darauf fing er an, von
der Menschwerdung und der Taufe vieles zu erzäh-
len; als er ausgeredet hatte, fragte ich ihn, ob er damit
meinen Glauben wankend zu machen gedächte, denn
ich dachte ihm das Gegenteil zu beweisen; aber er
wollte meine Verantwortung nicht anhören und fing
an, viel lästerliche Worte gegen Menno und seine Bü-
cher auszustoßen, die er, wie er sagte, oft gelesen, und
worin er viele Lügen gefunden hätte. Ich erwiderte:
Hole sie alle hierher, und laß uns eine Woche lang dar-
über handeln. Er sagte: Du bist der Mann nicht; man
wird sich mit dir nicht so viele Mühe geben. Wir re-
deten noch viel von seiner Lehre und Gemeinde, was
zu weitläufig sein würde, niederzuschreiben, und so
schied ich von ihm.
Darauf wurde ich noch einmal vor ihn gebracht; er
hatte noch einen andern bei sich und wollte viel von
dem Sakramente der Taufe und der Menschwerdung
handeln, aber ich sagte: Du wolltest mir keine Ver-
antwortung zugestehen, als ich neulich bei dir war,
darum begehre ich nun auch nicht, mit dir zu reden.
Hiermit war er nicht wohl zufrieden und sagte, er
wollte mich mit des Markgrafen Werkzeugen wohl
reden machen, fragte mich auch, ob ich mich meines
Glaubens schämte. Ich erwiderte: Ich habe mich nicht
geschämt, denselben vor der Obrigkeit zu bekennen;
aber mit euch will ich nichts zu schaffen haben. Wir
beschlossen untereinander, daß wir alle dasselbe tun
wollten; ich will auch einem jeden raten, dasselbe zu
tun, denn es nützt nichts, was man auch mit ihnen
handelt, indem es fleischliche Menschen sind. Nach-
her wurde ich zum Tode verurteilt, da war meine
Freude so vollkommen, weil meine Erlösung so nahe
war, daß ich es nicht aussprechen konnte; ich nahm
hierbei des Wortes des Apostels wahr: Freut euch dar-
über, daß ihr des Leidens Christi teilhaftig geworden
seid, damit ich am Tage seiner Offenbarung große
Freude und Trost haben möchte, und daß er weiter
sagt: Selig seid ihr, wenn ihr um des Namens Christi
willen leidet, denn die Herrlichkeit und der Geist Got-
tes ruht auf euch, aber bei ihnen wird er gelästert. Als
293
ich nun hieran und an mehrere andere Schriftstellen
dachte, und als ich sah, daß Leiden und Trübsal so
schnell vorübergingen, und daß mir solche schöne
Verheißungen gegeben waren, daß ich in die Ruhe
zu meinen lieben Brüdern und Schwestern eingehen
sollte, die vorangegangen sind und unter dem Altar
liegen, und alle unsere Mitbrüder und Schwestern
erwarten, die uns auch nachfolgen werden. Als ich
dieses, wie gesagt, im Geiste ansah, so musste alle
Trübsal von mir weichen.
Meine lieben Brüder, dieses schreibe ich euch nicht
aus Ruhm, sondern euren Gemütern zum Tröste und
zur Stärkung, damit ihr euch vor denen nicht fürch-
tet, die den Leib töten, denn sie haben nachher keine
Macht mehr, sondern, damit ihr, liebe Brüder und
Schwestern, tapfer und wohlgemut sein und allezeit
eurer Vorgänger gedenken mögt, die euch das Wort
Gottes gesagt haben, wie Paulus sagt: Gedenkt an
eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben,
deren Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach.
Darum, meine Geliebtesten, seid allezeit fleißig unter-
einander, mit Ermahnen, mit Lesen, mit Bitten, und
verlasst eure Versammlung nicht, sondern ermahnt
euch untereinander zur Liebe und zu guten Werken;
seid fest zusammen verbunden in der Liebe, und seid
gastfrei untereinander; habt untereinander allezeit ein
Herz und eine Seele, damit, wenn ihr in Banden gera-
tet, das Gemüt alsdann frei stehen möge.
Hiermit will ich euch dem Herrn befehlen und dem
Worte seiner Gnade, Amen. Nun gute Nacht, gute
Nacht, ihr alle, meine lieben Brüder und Schwestern
in dem Herrn. Geschrieben von mir, Jelis Bernarts, an
euch, meine lieben Brüder und Schwestern in dem
Herrn, aus meines Herzens Grunde und aus rechter
Liebe, Amen.
Jan Bosch von Berg oder Jan Durps, 1559.
Dieser Jan Bosch, gewöhnlich Jan Durps genannt,
war ein frommer, ehrlicher Mann, seines Handwerks
ein Leinenweber, der zu Maastricht wohnte, wel-
chem, wiewohl die Erkenntnis der göttlichen Wahr-
heit durch das Papsttum sehr verdeckt und verfins-
tert worden ist, dennoch das Licht der Gnade Got-
tes erschienen und die rechte evangelische Wahrheit
vorgetragen worden ist; darum hat er sich zu der Ge-
meinde des Herrn begeben, und den Gehorsam, den
der Sohn Gottes verordnet und anbefohlen hat, erfüllt.
Als er nun eine Zeitlang seines christlichen Berufs
wohl wahrgenommen hat, so ist er verordnet und ihm
von der Gemeinde anvertraut worden, daß er der Ge-
meinde in etwas vorstehen und ihr mit dem Worte
des Herrn, sowohl durch Lesen, als Ermahnen, dienen
sollte, was er auch (wiewohl er sich dessen weigerte)
angenommen, getreulich bedient, und nach bestem
Vermögen mit seinem Pfunde gewuchert hat.
Weil nun dieses der Ehre Gottes und der Auferbau-
ung der Gemeinde förderlich war, so hat der Satan,
welcher alle guten und gottgefälligen Dinge allezeit
beneidet, dies gute Werk zu zerstören gesucht, und
hat seinen Dienern eingegeben, diesen guten Mann
als einen Ketzer und Wiedertäufer bei der Obrigkeit
anzuzeigen. Die Obrigkeit, welche durch diesen Geist
ebenfalls verführt worden ist, meinte auch, Gott einen
Dienst damit zu tun, und ist in ihrer Gottlosigkeit
eingeschritten; denn ein Bürgermeister ist am hellen
Tage mit seinen Stadtdienem an den Ort gegangen,
wo dieser Jan Durps bei einem Meister auf seinem
Webstuhle saß und arbeitete, hat ihn gefangen genom-
men, durch die Stadt geführt und ihn auf Landskron
(welches das Ratshaus ist) gebracht und daselbst ge-
fangen gelegt. Als er nun daselbst saß, ist er sofort von
den Pfaffen und Mönchen untersucht worden, welche
ihm auf allerlei Weise zusetzten. Vor denselben hat er
seinen Glauben frei bekannt, wie er auf den Glauben
an Christum Jesum getauft sei, und was er vom Sakra-
mente halte. Dieses alles hat er ihnen nach der Schrift
bekannt und sie der Abgötterei wegen bestraft, die sie
mit derselben trieben.
Als er nun vor diesem kleinen Rate und den Pfaf-
fen verhört wurde und seinen Glauben bekannt hatte,
auch dabei unverändert blieb, so haben sie die Sache
von solcher Wichtigkeit befunden, daß sie vor das
Blutgericht gehörte. Darum haben sie ihn den Herren
unter dem Schultheißen überliefert, diese nahmen ihn
auf und brachten ihn in das Torgefängnis, wo Jan noch
eine Zeitlang gefangen saß. In dieser Zeit ist ihm ein
Brieflein von seinem Weibe zu Händen gekommen,
worin sie ihn ermahnte, daß er doch in seinem Leiden
unverzagt sein und treulich bei der Wahrheit bis an
den Tod aushalten wolle, was er mit großem Danke
aufnahm und sein Weib ebenfalls trösten ließ, auch
sie und alle Freunde ermahnte, daß sie bei der Wahr-
heit bleiben und darin bis ans Ende fortgehen sollten;
desgleichen hat er auch ernstlich um das Gebet der
Gläubigen angehalten. Er hat viel Pein ausgestanden,
denn man begehrte von ihm zu wissen, welche in der
Stadt seine Brüder und Mitgesinnte wären, aber der
Herr bewahrte seinen Mund, sodass man nicht hat
vernehmen können, daß er jemanden genannt habe,
wie sehr man ihn auch darum peinigte.
Als nun die Zeit gekommen war, so hat man das
Urteil über ihn gefällt, daß er, laut kaiserlichen Befeh-
les, mit Feuer lebendig zu Asche verbrannt werden
sollte; dieses Urteil hat er getrost angehört, sich wil-
lig gefügt und sich binden und von vielen Häschern
294
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
führen lassen; diese waren mit Stöcken und Spießen
bewaffnet, womit sie bisweilen dem einen oder dem
andern einen Schlag auf den Kopf versetzten, wenn
er dem Jan zu nahe kam, um seine Worte zu hören.
Denn als er von dem Torgefängnis nach dem Brythof
ging, hat er auf dem Wege viel mit dem Volke geredet
und ihnen bezeugt, sie sollten daran denken, daß ein
Mann unter ihnen gewesen, der ihnen die Wahrheit
gesagt hätte. Er redete ihnen auch scharf zu, sie sollten
Buße tun, ihr Leben bessern und Gottes Gnade suchen.
Als er nun in den Brythof kam, wo die Schaubühne
gemacht war, fand man den Brythof voll Schützen im
vollen Gewehre, denn alle vier Schuftereien (Stadt-
regimenter) waren aufgeboten, mit ihrem Gewehre
daselbst zu erscheinen. So stieg nun dieser Jan ohne
weiteres auf die Schaubühne und wurde vom Scharf-
richter ins Häuslein geführt, welches derselbe nachher
an verschiedenen Stellen mit Feuer ansteckte; als nun
Jan im Feuer stand, rief er einige Male mit lauter Stim-
me: O Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist!,
und ist so als ein treuer Zeuge Jesu Christi zu Asche
verbrannt worden.
Dieses ist im Jahre unseres Herrn 1559, den 23. Sep-
tember, geschehen.
Hans Vermeersch, sonst genannt Hans von Macs,
wird zu Waesten in Flandern um des Zeugnisses
Jesu Christi willen im Jahre 1559 getötet.
Des Hans Vermeersch, sonst genannt Hans von Maes,
Bekenntnis, welches er geschrieben hat, als er zu Waes-
ten in Flandern im Jahre 1559 im Gefängnis lag.
Des Jahres 1559 im Oktober wurde ich vor den Ket-
zermeister gebracht, um daselbst meinen Glauben
zu bekennen, welcher, als ich vor ihn kam, mich um
mein Alter und um meinen Namen fragte, und wo
ich gewesen sei; dann fragte er mich, ob ich wieder-
getauft wäre. Ich erwiderte: Ich weiß nur von einer
Taufe, wie an die Epheser steht, welche die Taufe der
Gläubigen ist. Wie Matthäus und Markus in ihren
Evangelien berichten, und wie Petrus, Apg 2,38, zu
dem Volke redete, das ihn hörte: Tut Buße und lasse
sich ein jeglicher taufen in dem Namen Jesu Christi
zur Vergebung der Sünden; diejenigen nun, die sein
Wort gerne aufnahmen, ließen sich taufen. Nehmt
wahr in demselben Kapitel und überlegt es wohl: Sie
brachen das Brot, es kam eine Furcht auf sie, sie waren
alle eine Seele und hatten alle Dinge gemein, welches
alles ein kleines Kind nicht tun kann. Hierauf frag-
te er mich, warum ich glaubte, daß das Evangelium
wahr wäre; ich antwortete: Weil in dem Munde zwei-
er oder dreier Zeugen alle Worte bestehen; nun aber
sind vier Evangelisten, als Matthäus, Markus, Lukas
und Johannes, welche alle eben dasselbe von einem
Christo und Messias zeugen und sprechen, welcher
Gottes Sohn ist, und Gott ist sein Vater. Daß aber auch
ein Gott sei, kann man leicht an der Schöpfung der
Welt und den Zeichen und Wundern wahrnehmen,
die wir täglich sehen; dahin gehört, daß das Korn
wächst, desgleichen das Gras, Apfel, Kirschen, Nüs-
se und dergleichen. Ferner kann man auch merken,
daß das Evangelium wahr sei, denn ich habe gele-
sen, daß Christus sagt: Selig seid ihr, wenn euch die
Menschen schmähen und euch übel nachreden um
meines Namens willen, wenn sie daran lügen; ferner
sagt Christus: Ihr werdet gehasst werden um meines
Namens willen von allen Menschen. Als ich solches
las, glaubte ich es, und nun finde ich es an mir und an
andern, daß es wahr sei, und glaube, daß das Evan-
gelium wahr sei. Nun kann ein jeder wissen, sehen
und verstehen, daß es so sei, wie Paulus sagt: Alle,
die gottselig leben wollen, müssen Verfolgung leiden;
darum sage ich: Um aller dieser Zeugen willen, die
nicht lügen können, kann man wohl frei werden und
sagen, daß das Evangelium wahr sei, ein jeder sehe
wohl zu, damit quälten sie mich sehr.
Darnach fragten sie mich wegen der römischen Kir-
che, ob ich nicht glaubte, daß es die rechte Kirche
wäre, welche auf den Felsen gebaut ist, der da Chris-
tus ist; ich sagte: Nein. Da fragte er mich, welche Kir-
che ich für die rechte hielte; ich sagte: Die Versamm-
lung der Gläubigen in Christi Namen, wie Christus
zu Petrus sagt: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen
will ich meine Gemeinde bauen; das will soviel sagen,
die einen solchen Glauben haben, wie Petrus hatte,
wie man an den Korinthern wahrnehmen kann, zu
welchen Paulus sagt: Was hat der Tempel Gottes für
Gemeinschaft mit den Abgöttern? Ihr seid der Tem-
pel des lebendigen Gottes, gleichwie Gott spricht: Ich
werde ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein;
deshalb sind alle in Christi Namen versammelte Gläu-
bige die rechte Kirche; ferner fragten sie mich, ob
das Sakrament, welches die Kirche in der Messe ge-
braucht, nicht Fleisch und Blut sei, nachdem es der
Priester eingeweiht, und ob es nicht der Leib Christi in
Fleisch und Blut sei; ich erwiderte: Wie könnte solches
möglich sein, denn es steht in dem 1 . Kapitel der Ge-
schichte der Apostel geschrieben, daß er gen Himmel
aufgefahren sei, und im siebten Kapitel sagt Stepha-
nus: Ich sehe den Himmel offen und des Menschen
Sohn zur rechten Hand Gottes stehen; und Petrus sagt
im 1. Briefe, im 3. Kapitel, daß er auf erstanden und
auf gefahren sei, zur Rechten Gottes in den Himmel;
so ist er denn nicht daselbst. Darauf fragte er, ob er
denn nicht mächtig genug sei, daselbst durch seine
göttliche Kraft zu sein; ich antwortete: Er kann nichts
295
gegen sein Wort. Er ist allmächtig, das bekenne ich,
aber gegen sein Wort tut er nichts. Darauf sagten sie
ferner, daß er seinen Jüngern seinen Leib gegeben ha-
be, als er mit ihnen sein Abendmahl hielt, wie auch
im Texte steht, denn er sagt: Nehmt, esst, das ist mein
Leib; aber darauf entgegnete ich, daß er nicht seinen
Leib, sondern ein Stück Brot gegeben habe, denn, wie
man merken kann, so ist der Leib darauf von Judas in
der Juden Hände überantwortet worden, hat gelitten
und ist ans Kreuz aufgehängt worden; daher konnte
er ja seinen Leib nicht zu essen geben, wie er selbst
sagt: Von nun an werde ich nicht mehr von diesem
Gewächse des Weinstocks trinken, welches der Wein
ist, den er zuvor sein Blut nennt. Lest den 1. Brief an
die Korinther, Kapitel 10 und 11, daselbst könnt ihr
mehr Erläuterung finden. Er gab also seinen Aposteln
nicht seinen Leib, sondern es bedeutete seinen Leib.
Darnach fragte er mich, was ich von dem Dienste,
den man in der Kirche gebraucht, hielte; ich sagte:
Für eine große, abscheuliche Abgötterei; hierauf sagte
er: So hältst du es denn für die babylonische Hure?
Ich antwortete: Ja, wie Offb 13,4 steht von dem Tie-
re, das sich anbeten lässt. Wer es nun nicht anbetet
oder sein Zeichen empfängt an seine Hand oder an
seine Stirn , welches sich Gott widersetzt in seinen
Auserwählten. Darauf sagte er mir, daß wir es nicht
erweisen könnten, daß unsere Kirche, nämlich die
der Wiedertäufer (wie sie dieselbe nannten) vor 40
Jahren gewesen sei, während doch ihre Kirche schon
gedauert habe. Ich erwiderte hierauf: Wir setzen un-
sere Kirche in keine Registerbücher, wie die römische
Kirche tut; man würde sie sonst bald finden, denn ein
jeder sucht sie zu Grunde zu richten oder zu töten, so
wird sie auch, wie die römische Kirche, von dem Kai-
ser und Könige nicht unterstützt, sondern der Kaiser,
König oder Fürst suchen sie mit Fleiß aus dem Wege
zu räumen; doch kann ich dir wohl beweisen, daß sie
schon von 1559 Jahren her ist, denn Christus ist der
Eckstein und ist auch derselbe, seitdem er gekreuzigt
ist. Da sagten sie: Ja, die römische Kirche, denn sie ist
von Petrus eingesetzt; er war der Erste, nach ihm alle
heiligen Päpste, alle heiligen Lehrer, wie Hieronymus,
Augustinus, Ambrosius, Bernhardus, welche die vier
Doctores der heiligen Kirche sind. Willst du diesen
nicht glauben, da es doch gelehrte Männer waren?
Antwort: Ich glaube allein an Gottes Wort.
Ferner fragten sie mich, ob ich nicht an Gott den
Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist
glaubte, drei Personen und einen wahrhaftigen Gott;
ich antwortete: Ich finde in der Schrift nur eine Per-
son; sie fragten, wer es wäre? Ich erwiderte: Christus,
den man gesehen und gehört hat; aber den Vater hat
niemand jemals gesehen; wer wollte nun sagen kön-
nen, was er für eine Person sei? Denn er ist unsichtbar;
auch hat niemand jemals den Heiligen Geist gesehen;
man hat ihn zwar wohl als eine Taube auf Christum
herabfahren gesehen, aber eine Taube kann keine Per-
son sein. Da sagten sie: Du glaubst nicht, daß drei
Personen sind? Ich sagte: Nein, es sei denn, daß man
es mir mit der Schrift erweise; ich bekenne, daß sie
drei in Wesen seien, aber doch nur ein wahrhaftiger
Gott. Der Vater ist der Sohn nicht, auch ist der Sohn
nicht der Heilige Geist; den Vater bekenne ich als den
Vater, Jesum Christum als seinen Sohn, der von ihm
ausgegangen ist, den Heiligen Geist aber als beides,
von dem Vater und von dem Sohne, doch aber unter-
schieden und ein wahrhaftiger Gott.
Darauf fragte er mich, ob Christus sein Fleisch und
Blut nicht von Maria angenommen; ich antwortete,
man müsste mir solches beweisen. Sie sagten: Er ist
von dem Samen Davids; ich entgegnete, daß er sein
Fleisch und Blut von Maria angenommen haben sollte,
davon meldet die Schrift nichts. Lest Lukas, Kapitel
1, wo der Engel sagte: Du wirst schwanger werden
und dann, als Maria antwortete: Wie soll das zugehen,
indem ich von keinem Manne weiß?, antwortete der
Engel: Der Heilige Geist wird über dich kommen und
die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten;
weshalb auch das Heilige, das von dir geboren wer-
den wird, Gottes Sohn genannt werden soll. Diese
Worte überlegt; er sagt: Das Heilige; ferner sagt Pau-
lus, daß der erste Adam von der Erde irdisch sei, der
zweite aber der Herr selbst vom Himmel; lest im 1.
Briefe an die Korinther, Kapitel 15, da werdet ihr es
wohl wahrnehmen; auch Hehr 10,5, wo Paulus sagt:
Darum da er in die Welt kommt, sagt er: Opfer und
Gaben hast du nicht gewollt, aber den Leib hast du
mir bereitet; ferner Joh 16,28, wo Christus sagt, daß
er von seinem Vater ausgegangen und in die Welt
gekommen sei, und noch viel mehr dergleichen Stel-
len, namentlich im 8. und 9. Kapitel; untersucht die
Schrift, das Evangelium Johannes und die Sendbriefe.
Da fragte er, ob er keine Wesenheit von Maria ange-
nommen hätte, als Saugen und dergleichen; ich sagte,
daß sie ihn aufgeopfert habe, als er geboren ward; sie
wickelte ihn in Leinwand und legte ihn in eine Krip-
pe; ferner findet man, daß sie für ihn Sorge getragen
hat, als er verloren wurde, da er zwölf Jahre alt war;
sie suchten ihn, als sie von Jerusalem kamen; es steht
geschrieben, daß sie ihn mit Fleiß suchten und trau-
rig waren. Da fragte er, ob sie ihn nicht gesäugt hätte.
Antwort: Christus sagte (als das Weib sprach: Selig
sind die Brüste, die du gesogen hast): Ja, Weib, selig
ist der, welcher mein Wort hört und es bewahrt. Frage:
Was hältst du davon? Sage deine Meinung! Antwort:
Wovon ich keine Auskunft in der Schrift habe, davon
296
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
darf ich nicht reden; das Gutdünken gilt hier nicht;
auch fragte er mich, ob nicht Christus von dem Samen
Davids wäre; ich antwortete: Wie sollte er von Davids
Samen sein, denn Christus sagt selbst: Wie kommt es,
daß ihn David einen Herrn nennt, wenn er sagt: der
Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu mei-
ner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner
Füße lege. David nennt ihn seinen Herrn, wie kann
er denn sein Sohn sein? Darauf wussten sie nicht zu
antworten; dann sagte ich: Ich weiß, daß er aus dem
Samen Davids geboren ist, aber nicht von dem Samen
Davids; sie sagten: Es steht Gal 4, daß er von dem Wei-
be gemacht worden sei; ich erwiderte: Das lautet übel,
daß ein Weib ein Kind machen sollte, sagen nicht alle
andern Sprüche, aus einem Weibe geboren; er sagte:
Ich wollte wohl mit vierzig Stellen beweisen, daß er
von dem Samen Davids sei, aber er wollte es nicht
beweisen. Darauf sagte ich: Hat sie ihn vom Heiligen
Geiste empfangen, so kann er nicht von Davids Samen
sein. Darauf fragte er mich, wohin die Menschen gin-
gen, wenn sie von dieser Welt scheiden; ich erwiderte:
Sie entschlafen in dem Herrn, wie die Schrift bezeugt,
nämlich die Gläubigen; er fragte, wohin die Seelen
gingen; ich antwortete: Paulus spricht: Ich habe viel-
mehr Lust, außer dem Leibe zu wallen und daheim zu
sein bei dem Herrn; das ist meine Meinung. Da fragte
er, wohin die andern Seelen gingen. Antwort: Davon
meldet die Schrift nichts, deshalb kann ich auch nicht
sagen, wohin sie gehen. Lrage: Was dünkt dich davon?
Sie gehen irgendwohin. Antwort: Das überlasse ich
der Vorsehung Gottes.
Darauf fragte er, was ich von der Auferstehung der
Toten hielte; ich erwiderte: Gleichwie an die Korin-
ther, Kapitel 15, im ersten Briefe geschrieben steht,
wo Paulus sagt, daß dies Sterbliche das Unsterbliche,
und dies Vergängliche das Unvergängliche anziehen
soll, und daß eben derselbe Leib wieder auferstehen
werde; darauf wusste er nichts zu sagen; dann frag-
te er mich, wohin die Kinder gingen, die ohne Taufe
sterben; ich antwortete: Dahin, wo es Gott gefiel; er
fragte, ob sie zur Seligkeit kämen. Antwort: Christus
hat die Kinder gesegnet und gesagt, solcher ist das
Reich der Himmel. Lrage: So sagst du denn, sie seien
selig? Antwort: Haben sie das Himmelreich, so sind
sie glücklich genug. Lrage: Sieh, sie sind verdammt,
das ist klar. Antwort: Man liest an die Römer, Kapitel
5, daß wie durch eines Menschen Ungehorsam der
Tod kommt, so kommt auch durch eines Menschen
Gehorsam das Leben über alle Menschen. Darauf frag-
te er, ob ich nicht der Obrigkeit Untertan sein wollte.
Antwort: Ja, mein Herr, insoweit sie nicht wider Got-
tes Gebot handelt, denn Petrus sagt, man müsse Gott
mehr gehorchen, als den Menschen. Hierauf fragte
er mich, ob ich vor den Herrn nicht schwören wollte.
Antwort: Nein. Frage: Man soll der Obrigkeit unter-
tan sein, Paulus und Petrus lehren solches. Antwort:
Christus sagt: Ihr sollt keineswegs schwören, weder
bei eurem Haupte , sondern eure Worte sollen sein: Ja,
das ja ist, und nein, das nein ist, alles was darüber ist,
ist vom Bösen; siehe auch 2Kor 1, Jak 5. Dann fragte er,
ob wir nicht verbunden wären, die Wahrheit zu sagen.
Antwort: Ja, das sind wir. Frage: Sage mir, wer deine
Mitgesellen seien. Antwort: Unsern Nächsten zu be-
schuldigen ist nicht die Wahrheit; Christus lehrt das
nicht. Da beschwor er mich bei des lebendigen Got-
tes Sohn Jesu Christo, daß ich sie ihm nennen sollte;
ich erwiderte: Ich achte euer Beschwören nicht, es ist
Zauberwerk; darauf sagte er, wir wären verpflichtet,
gegen Gottes Gebot zu handeln, wenn wir beschwo-
ren würden.
Man quälte mich sehr mit denen, welche den Gicht-
brüchigen trugen, und er sagte, seine Sünden seien
ihm durch den Glauben derer vergeben worden, die
ihn brachten, so auch den Kindern in der Taufe durch
des Vaters und der Mutter Glauben; aber es heißt dort
nicht, durch den Glauben derer, die ihn brachten, son-
dern es steht nur daselbst: Als er ihren Glauben sah.
Ich habe aus Liebe so viel geschrieben; wenn ich
euch nicht recht geschrieben habe, so nehmt es mir
zum Besten auf, wiewohl ich meine, nach der rechten
Schrift geschrieben zu haben. Lebt wohl. Ich lasse alle
Freunde herzlich grüßen, und bitte, daß sie für mich
bitten. Wisst, daß ich guten Mutes sei; gelobt sei der
Herr. Die Gnade des Herrn sei mit euch allen, Amen.
Andreas Langedul, Matthäus Pottebacker, und
Lorenz von der Leyen, 1559.
Zu Antwerpen sind drei Brüder, genannt Andreas
Langedul, Matthäus Pottebacker und Lorenz von der
Leyen, um der Wahrheit willen gefangen genommen.
Dieser Andreas Langedul wurde gefangen, als eben in
seinem Hause Versammlung gehalten war, in welcher
das Wort Gottes gepredigt wurde. Als dies nun von je-
mandem ausgekundschaftet wurde, ist der Markgraf
dahin gekommen, als eben die Versammlung zu Ende
war, und Andreas in seinem Vorhause saß und in einer
Bibel las, und hat ihn daselbst gefangen genommen.
Seine Hausfrau lag damals im Kindbette, was der
Markgraf innewurde, als er in die Kammer ging und
sah, daß die Hebamme das Kindlein auf ihrem Scho-
ße hatte, weil die Frau eben niedergekommen war.
Als der Markgraf dies sah, ist er wieder zur Kam-
mer hinausgegangen, hat aber die Weiber, die dahin
gekommen waren, der Frau in der Not beizustehen,
alle gefangen genommen, ließ auch die Kindbetterin
297
durch einige seiner Diener bewachen, die Wärterin
der Kindbetterin aber, welche dies verdross, kam der
Sache zuvor, daß die Frau nicht gefangen wurde, denn
sie hat den Dienern so gut aufgewartet und ihnen mit
Wein zugesetzt, daß man die Kindbetterin, ohne der
Diener Wissen, über eine mit Brettern belegte Brun-
nengrube, die zwei Nachbarn zugehörte, geführt hat,
wodurch sie aus ihres Nachbarn Hause in des Christi-
an Langedul Haus (ihres Mannes Bruder) gelangt ist,
dessen Weib damals auch im Kindbette lag.
Den Tag, an welchem dieser Andreas Langedul ge-
fangen worden ist, haben wir nicht ermitteln können;
er hat sein Opfer mit Matthäus Pottebacker und Lo-
renz von der Leyen auf einen Donnerstag, den 9. No-
vember des Jahres 1559, gemeinschaftlich vollendet,
und zwar nicht öffentlich, sondern sie sind in dem
Gefängnisse (das man den Stein nennt) an einem Orte
enthauptet worden, von wo ab es die andern Gefan-
genen, deren damals viele waren, durch die Fenster
aus ihren Gefängnissen sehen konnten.
Als Andreas vor dem Schwerte niederkniete, faltete
er seine Hände und sagte: Vater, in deine Hände befeh-
le — ; aber »befehle ich meinen Geist« kam nicht ganz
heraus, weil solches der schnell dazwischen kommen-
de Schwertschlag verhindert hat.
Also sind diese drei als Schlachtschafe Christi getö-
tet worden.
Dieser Lorenz von der Leyen hat einige Briefe im
Gefängnisse geschrieben, von denen die nachfolgen-
den uns zu Händen gekommen sind.
Der erste Brief von Lorenz von der Leyen.
Gnade und Friede allen Brüdern, die zu Emden
wohnen, insbesondere meinen beiden Brüdern, und
Tonüntgen, Leevens Weib. Der Herr Jesus Christus
wolle euch und uns alle kräftig machen durch seinen
göttlichen Geist, Amen.
Ich, Lorenz von der Leyen, um des Zeugnisses Jesu
Christi willen den 21. Mai gefangen genommen, habe
den 22. Tag meinen Glauben vor den Promoteur, Meis-
ter Claes, bekannt; er kam allein, in der Hoffnung, ich
würde reden, wie er es gerne hätte; aber der Herr hat
meinen Mund bewahrt. Als ich gefragt wurde, vor
wem ich zu Ostern in die Beichte gegangen sei und
das Sakrament empfangen hätte, erwiderte ich: Vor
Herrn Lieven Biestman; aber nicht letztvergangene
Ostern, denn er ist schon zwei bis drei Jahre tot. Ich
wurde weiter gefragt: Glaubst du nicht, daß Gott im
Fleische und Blute im Sakrament sei? Darauf antwor-
tete ich: Nein. Für was hältst du denn das Sakrament?
Ich antwortete: Für einen Götzen. Dann wurde ich
gefragt, ob ich nicht an die römische Kirche glaubte.
von welcher der Papst das Haupt ist. Ich sagte: Nein,
denn ich habe einen Ekel an der römischen Kirche,
weil sie der Wahrheit ganz zuwider ist; aber ich glau-
be an die apostolische Kirche, deren Haupt Christus
ist. Was hältst du von der Kindertaufe? Dieselbe achte
ich für unwert und für einen üblen Gebrauch, denn
ich sage meiner ersten Taufe ab. So bist du also nicht
getauft? Ich antwortete: Nein. Ist die Taufe denn nicht
notwendig? Ich sagte: Ja, sie ist notwendig zur Voll-
kommenheit.
Warum bist du denn nicht getauft? Ich sagte: Ich
war noch nicht gut genug. Da sagte er: Warum? Weil
ich noch zu sehr in der Welt verwickelt war, denn ich
war und bin noch viel schuldig; darum dachte ich,
wenn ich gefangen würde, so würden die Leute sa-
gen, daß ich ein Betrüger wäre, und würden sich viel
daran ärgern; aus diesem Grunde habe ich die Taufe
noch nicht empfangen, aber ich halte sie für recht und
gut, will auch darin leben und sterben; und obgleich
es noch nicht geschehen ist, so wird mich doch der
Herr durch seine Barmherzigkeit und durch sein Lei-
den und teures Blut selig machen, denn ich glaube
alles, was ein Christenmensch zu glauben schuldig
ist; dabei will ich auch bleiben, ihr könnt mit mir tun,
was euch wohlgefällt, denn ich bin in eurer Gewalt.
Darauf wurde ich gefragt, was ich von der Mensch-
werdung glaubte, ob ich nicht glaubte, daß Christus
von dem Fleische und Blute Maria gekommen wäre.
Ich erwiderte: Ich glaube, was hiervon die Schrift be-
zeugt, Joh 1 und Lk 1. Solches erzählte ich ausführlich,
wobei es auch blieb; ich musste es selbst aufzeichnen;
das war der härteste Sturm, er dauerte wohl zwei oder
drei Stunden.
Den 24. Tag im Mai kam der Diakon von Ronsen
mit noch zwei anderen; er setzte mir mit vielen schö-
nen Worten zu, und sagte: Lorenz, du musst dich
unterrichten lassen; du darfst dich nicht auf einige un-
gelehrte Leute verlassen, welche dreißig oder vierzig
Jahre dem Hosenstricken obgelegen haben. Ich erwi-
derte: Was, meinst du, daß ich mich auf Menschen
verlasse? Verflucht ist, sagt die Schrift, der sich auf
Menschen verlässt; ich setze meine Hoffnung allein
auf Gott und auf sein lebendiges Wort; dabei will ich
bleiben, solange mir Gott das Leben gönnt. Sie wollten
mir mit vielen Worten beweisen, daß Gott im Sakra-
mente sei, wiewohl ich es nicht glauben wollte; mit
diesen Worten schieden wir voneinander, als wir wohl
zwei Stunden beieinander gewesen waren.
Geschrieben in Eile von mir, Lorenz von der Leyen,
den 25. Mai im Jahre 1559.
298
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Der zweite Brief von Lorenz von der Leyen.
Gnade und Friede vermehre sich bei euch, meine sehr
geliebten Brüder und Schwestern in dem Herrn. Wisst,
daß ich examiniert (oder untersucht) worden bin, und
daß der Markgraf von mir vieles wissen wollte. Ich
sagte, was meinen Glauben betreffe, so wolle ich ihm
alles sagen; worauf er erwiderte: Du sollst mir alles
sagen. Ich sagte: Was willst du wissen? Hierauf ent-
gegnete er: Was hältst du von deiner Taufe in der
Kindheit? Ich sagte: Ich halte gar nichts davon. Darauf
fragte er, wo es geschrieben stände, daß man die Kin-
der nicht taufen sollte. Ich sagte: Mk 16,16; Mt 28,19.
Da wurde er über mich sehr unwillig und fragte mich:
Was hältst du von den sieben Sakramenten? Ich erwi-
derte: Ich habe niemals etwas davon gelesen. Darüber
fragte er mich noch zwei- oder dreimal. Ich sagte: Da-
von habe ich niemals etwas gelesen; aber ich glaube,
daß Christus zur Rechten seines Vaters sitzt, dort hoffe
ich bei ihm zu sein, wenn die Zeit erfüllt sein wird.
Sodann fragte er mich nach der Ohrenbeichte. Ich
erwiderte: Ich bekenne eine Beichte, aber ich halte
nichts von der Ohrenbeichte, sondern ich beichte täg-
lich vor meinem himmlischen Vater. Darüber wurde
der Markgraf zornig und sagte, er wolle mich an einen
Pfahl stellen oder ins Wasser werfen lassen. Ich ent-
gegnete ihm, er solle mit mir tun, was er wollte; denn
mein Fleisch sei dazu übergeben. Darauf sagte er mir,
er wollte mir noch andere gelehrte Männer senden.
Ich antwortete ihm, ich hätte meinen Glauben bei mir,
wie ich es begehrte zu glauben. Er sagte: Du wirst es
nachher wohl hören. Ich antwortete ihm: Und wenn
ihr auch alle meine Glieder voneinander schneiden
würdet, so hoffe ich, daß ich meinen Herrn und Gott
nicht verleugnen werde. Da wurde der Markgraf samt
seinen Ratsherren zornig über mich, denn es sagte ei-
ner von den Ratsherrn, er wollte mich auf eine Galeere
senden; aber ich erwiderte: Tut mit mir nach eurem
Wohlgefallen.
Darauf sagte der Markgraf: Ich will ihm nicht so viel
Liebe erweisen, sondern wir wollen ihn an einen Pfahl
stellen lassen; ich erwiderte: Ich bringe mein Urteil ja
vor eure Augen, wobei ich ihm erzählte, daß, als ich
das letzte Mal gefangen saß, mir bei Todesstrafe ver-
boten worden sei, ein geistliches Lied zu singen, und
daß ich mich hüten sollte, nicht unter solchen Men-
schen erfunden zu werden; dieses aber sage nicht, als
ob ich jetzt noch kühner geworden wäre, denn wenn
mir dies auch zuvor niemals verboten gewesen wäre,
so will ich meinen Herrn und Gott doch nicht verleug-
nen. Darauf fragte mich der Markgraf: Gehört ihnen
deine Mutter auch an? Ich antwortete ihm: Das sähe
ich gern, und sagte ihm: Als ich zu spielen, mich trun-
ken zu trinken und der Welt nachzufolgen pflegte, da
ließ man mich in Ruhe, nun ich aber den Namen Got-
tes recht bekenne, so verfolgt man mich; aber es geht,
wie der Prophet Jesaja sagt: Die Wahrheit ist auf den
Gassen gefallen; und Recht kann nicht einhergehen,
und wer vom Bösen weicht, muss jedermanns Raub
sein.
Da sagte einer von den Ratsherren zu mir, hast du
auch gestohlen? Darauf fragte ich ihn zwei- oder drei-
mal: Hast du solches jemals von mir gehört? Aber
er antwortete mir nicht darauf. Da redeten sie mir
freundlich zu und sagten: Willst du dieses alles, das
du hier geredet hast, widerrufen, so wollen wir dieses
Papier in Stücke zerreißen und dir Gnade erweisen.
Auch sagte der Markgraf: Erinnere dich doch, wie
es deiner Schwester ergangen ist, welche ich auch in
die Schelde habe werfen lassen; aber ich sagte, daß sie
für die Wahrheit gestorben wäre, und was mich beträ-
fe, so wollte ich meinen Herrn und meinen Gott, der
mich erschaffen und gemacht hat, nicht verleugnen;
ich will lieber, daß ihr tut, was ihr wollt. Darauf sagte
der Markgraf: Meinst du, daß wir nicht auch lesen
können; wir lesen auch täglich die Schrift; aber die-
se Schuhflicker und Schneider wollen weiser sein als
wir; ich bin sehr froh, daß wir dich in Händen haben,
denn Gott der Herr hat dich ohne Zweifel in dieses
Haus gesandt, damit ich Strafe an dir ausüben könn-
te, woran ein anderer ein Beispiel und einen Spiegel
nehmen kann; er gab mir auch viele Schimpfnamen
und sagte: Du hast oft in meinem Hause gegessen
und getrunken, es ist mir leid, daß ich dir nicht habe
die Kehle zugeschnürt; er fragte mich auch: Wenn du
nicht gefangen wärst, würdest du dich wieder taufen
lassen? Darauf sagte ich ihm, willst du mich morgen
frei lassen, so will ich mich bemühen, daß ich die Tau-
fe empfange, denn solches kommt den Gläubigen zu.
Darauf fragte er mich: Willst du nichts anderes be-
kennen? Er fragte mich auch wegen der Fürsten und
Herren, und wegen des Papstes zu Rom; darauf erwi-
derte ich: Ich halte den allmächtigen Gott für meinen
obersten Schöpfer und für meinen König; dann sag-
te der Markgraf: Ich habe zu Hause ein Büchlein in
Schmasche eingebunden; darauf antwortete ich: Mein
Herr, das Büchlein hat mir zugehört, und wenn du
dieses Büchlein liest, so wirst du darin unsern Glau-
ben finden; er sagte: Sie sind zuerst von dem Papste
zu Rom herausgekommen. Ich sagte: Dafür halte ich
sie nicht, sondern es ist das Testament, das uns von
Gott zu einem Andenken hinterlassen ist. Da ward er
zornig und entrüstet auf mich, und sagte: Ich wollte,
daß ich dich mein Leben lang nicht gesehen hätte, und
fügte mit erzürntem Gemüte hinzu: Geh nun hinweg
von hier, denn ich und diese Ratsherren sind zu dir
299
gekommen, um dich zu unterweisen; aber wir wollen
dir andere gelehrte Männer zusenden. Da bedank-
te ich mich sehr für die Mühe, die sie sich mit mir
gegeben hatten.
Meine lieben Freunde, ich fürchtete sie nicht, wie
sehr sie mir auch drohten. Johannes in seinem 12. Ka-
pitel, Vers 25 sagt: Wer sein Leben zu erhalten sucht,
der wird es verlieren, wer es aber um meines Namens
willen verliert, der wird es finden. Sie meinten mir
viel Leids anzutun, aber ich fürchtete sie gar nicht; ich
hoffe, bald vom Fleische erlöst zu sein. Meine lieben
Freunde, fürchtet doch nicht diejenigen, die den Leib
hier töten, sondern fürchtet den, der euch erschaffen
und gemacht hat, und Macht hat, euch in das ewige
und höllische Feuer zu werfen.
Fliermit bleibt dem Herrn und der mächtigen Hand
Gottes anbefohlen, derselbe wolle euch führen und
bewahren, meine lieben Brüder und Schwestern in
dem Herrn. Sie fragten mich auch, ob ich zur Seligkeit
gelangen könnte, da ich die Taufe nicht empfangen
hätte; darauf sagte ich: Ja, denn ich hoffe, der Herr
werde meinen geneigten Willen ansehen, indem er
auch Abrahams guten Willen angesehen hat. Brüder
und Schwestern, bittet für mich, damit ich mit Gottes
Hilfe standhaft bleiben möge bis ans Ende. Ich hoffe,
ihr haltet mich auch für euern Bruder, obgleich ich
nicht zur Vollkommenheit gekommen bin.
Geschrieben von mir, Lorenz von der Leyen, den
10. Juli 1559, zu Antwerpen.
Ein kleines Glaubensbekenntnis.
Ein kleines Glaubensbekenntnis wie auch ein Teil der
Verhandlung, die ich, Lorenz von der Leyen, den 4.
Juli 1559 mit den Ratsherren zu Antwerpen und dem
Diakon von Ronse hatte; sollte ich hier alles erzählen,
es würde zu weitläufig sein.
Ein Bekenntnis des Glaubens und ein Bekenntnis
des ewigen Gottes, der von Ewigkeit ist, und auch in
Ewigkeit bleiben wird, ohne Anfang und Ende, der
ist und war; derselbe ist ein ewiger Gott, und ist kein
anderer; denselben bekenne ich, daß er ein ewiger
Gott sei, nämlich ein ewiger Vater, und bekenne auch,
daß sein einiger Sohn mit seinem ewigen heiligen
Geiste einig sei. Also ist er ein vollkommener Gott
und ist neben ihm kein anderer, nämlich Vater, Sohn
und Heiliger Geist, ljoh 5. Nach meinem Glauben
und nach dem Zeugnisse der Heiligen Schrift sind sie
eins, Amen. Der allmächtige, ewige Gott, samt seinem
ewigen allmächtigen Sohne, der auch das Wort des
Vaters ist; diesem großen, unbegreiflichen, unsträfli-
chen und unsichtbaren Gott, der durch sein ewiges
Wort die Welt gemacht hat und ohne welchen nichts
gemacht ist, was im Himmel und auf Erden ist; da
das Unsichtbare sichtbar geworden ist, und dessen
einigem Sohne, der auch das Wort des Vaters ist, sei
Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Von diesem müssen wir reden, von diesem ewigen
Sohne, der bei dem Vater war, und mit ihm im Wesen
oder göttlicher Gestalt war, durch welchen und mit
welchem er in Ewigkeit gewirkt hat, denn durch ihn
ist die Welt gemacht, und alles, was darin ist, und
ohne ihn ist nichts gemacht. Diesem ewigen Sohne,
der eins mit seinem ewigen Vater ist, der von Anfang
der Kreatur Gottes, Offb 3, ohne Anfang und Ende ist,
sei Preis und Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit,
Amen.
Denn als Gott den Menschen machte, so schuf er ihn
nach seinem Bilde, und hat ihn zum Haupte über alle
Dinge gesetzt, und hat ihm ein Gebot gegeben, wel-
ches er nicht übertreten sollte. Aber der Mensch war
gebrechlich, und der Teufel listig und ein Schalk; dar-
um hat er es dem Menschen schön vorgemalt, und ihn
dahin gebracht, daß er von seinem Glauben abgefal-
len ist; und als der Mensch übertrat, wurde die Sünde
in die Welt gebracht; dessen hat er sich geschämt und
sich vor Gottes Angesicht verborgen, und so ist der
Fluch über die ganze Welt gekommen, sodass Gott
sagte: Verflucht sei die Erde um euretwillen! Also ist
der Fluch auf dem Menschen geblieben, sodass nie-
mand die Sünde versöhnen konnte, denn es war dem
Menschen unmöglich, weil er durch das Fleisch ge-
schwächt war, und, nach Inhalt der Heiligen Schrift,
mit Fleisch, mit Sünden oder Schwachheiten und Ge-
brechen umgeben war. Darum konnte kein Mensch
die Sünde wegnehmen oder versöhnen, weil sie alle
mit Sünden behaftet waren. Da es nun nicht möglich
war, daß sie durch einen Menschen hätten versöhnt
werden können, so hat Gott seinen ewigen Sohn ver-
heißen, gleichwie er oft durch die Propheten zu dem
Volke geredet hat, daß er Jesum, den Seligmacher, er-
wecken wolle, welchen er durch viele Geschlechter
hindurch verheißen hat, wie man Mt 1 geschrieben
findet. Diese Verheißungen sind nun also erfüllt wor-
den, von Abraham bis auf Isai, den Vater Davids, von
David bis auf Jakob, Josephs Vater, und Joseph, den
Mann Maria der reinen Jungfrau, welche Gott ehrte,
dieselbe wartete auch auf die Verheißung, daß der Se-
ligmacher erweckt werden sollte; darum war sie auch
nicht ungläubig, als der Engel zu ihr sagte: Sieh, du
wirst schwanger werden in deinem Leibe, und einen
Sohn gebären, und sollst seinen Namen Jesus heißen;
dieser wird groß sein und ein Sohn des Höchsten ge-
nannt werden, Lk 1. Hieraus können wir versichert
sein, daß die Verheißungen vollendet seien, welche
er von Geschlecht zu Geschlecht verheißen hat, Mt 1,
300
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
welche nun in diesem Geschlechte erfüllt sind; da-
her ist das Wort erfüllt, Apg 13,22: Ich habe David
gefunden, den Sohn des Isai, einen Mann nach mei-
nem Herzen; er wird meinen Willen tun. Aus diesem
Geschlechte ist der Seligmacher Jesus, der Sohn des
allerhöchsten Gottes, geboren worden, wiewohl er
schon zuvor war, aber er ist in der letzten Zeit offen-
bart worden, um uns zu erlösen, und diejenigen, die
zerstreut waren, zu versammeln, wovon Paulus sagt,
daß er viele Verheißungen in der Heiligen Schrift von
seinem Sohne gegeben habe, der aus dem Samen Da-
vids nach dem Fleische geboren ist und sich kräftig
erwiesen hat als ein Sohn Gottes nach dem Geiste,
Rom 1. Ein Ratsherr sagte mir: Ist Christus nicht von
dem Fleische Maria, so ist auch die Verheißung nicht
erfüllt. Ich erwiderte: Es steht nicht geschrieben, daß
Christus von dem Fleische Maria sei. Der Diakon sag-
te mir: Es steht geschrieben; du lügst daran, denn es
steht geschrieben: Das Heilige, das von dir geboren
werden soll, wird Gottes Sohn genannt werden; fer-
ner: Eine Jungfrau soll schwanger werden und einen
Sohn gebären; dann: Daß er geboren sei aus dem Sa-
men Davids nach dem Fleische. Ich antwortete: Mein
Herr, es ist zwar wahr, aber es steht nicht so da, wie
du gesagt hast. Hört, meine Herren, ich rufe euch zu
Zeugen an; er hat mich geschmäht und einen Lügner
gescholten. Ich sagte ihm: Dennoch steht es nicht so
geschrieben. Er sagte noch einmal: Du lügst daran. Ich
erwiderte, wenn ich dich einen Lügner heißen wollte,
so lügst du ja selbst. Meine Herren, fuhr ich fort, hört
Lk 1,22: Der Engel war von Gott zu einer Jungfrau
gesandt, die einem Manne, genannt Joseph, aus dem
Hause Davids, vertraut war, und der Name der Jung-
frau war Maria; diese war noch eine reine Jungfrau,
zu derselben kam der Engel und sagte: Gegrüßt seist
du. Holdselige; der Herr sei mit dir, du bist gebene-
deit unter den Weibern; du wirst schwanger werden
in deinem Leibe und einen Sohn gebären, der wird
groß sein und ein Sohn des Allerhöchsten genannt
werden, und Gott der Herr wird ihm den Stuhl seines
Vaters David geben, und sein Königreich wird kein
Ende haben. Maria sprach: Wie soll das zugehen, in-
dem ich von keinem Manne weiß? Der Engel sagte zu
ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und
die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten,
denn auch das Heilige, das geboren werden wird, soll
Gottes Sohn genannt werden. Das sie empfangen hat,
ist von dem heiligen Geiste, Mt 1. Es ist nichts davon
geschrieben, daß er von dem Fleische Maria sei. Der
eine Ratsherr sagte noch einmal: Die Verheißung ist
noch nicht erfüllt. Aber ich sagte: Sie ist erfüllt; willst
du mich hören, so will ich dir es sagen. Ich sagte ihm,
daß der Seligmacher und Erlöser gekommen sei, und
um unseretwillen hier vieles gelitten habe, gleichwie
geschrieben steht, daß der Seligmacher Christus selbst
gesagt habe, Joh 3: So sehr hat Gott die Welt geliebt,
daß er seines eingeborenen Sohnes nicht verschont,
sondern ihn für uns alle dahin gegeben hat, damit alle,
die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern
das ewige Leben haben, und also ist er in die Welt
gekommen, Joh 3, und hat uns ein Beispiel gegeben,
daß wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen, IPt 2.
Ferner hat auch Zacharias recht geredet, Lk 1: Gelobt
sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat sein Volk
heimgesucht und erlöst, und das Horn des Heils in
dem Hause seines Dieners David aufgerichtet, wie er
vor Zeiten durch den Mund seiner heiligen Propheten
geredet hat, daß er uns von unsern Feinden und von
der Hand aller derjenigen errette, die uns hassen, und
unsern Vätern die Barmherzigkeit erzeigte und an sei-
nen heiligen Bund, und an den Eid, den er unserm Va-
ter Abraham geschworen hat, gedächte, uns zu geben,
daß wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde, ihm ohne
Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtig-
keit dienten. So findet man wohl, daß die Verheißung
erfüllt ist; aber daß Christus von dem Fleische Maria
sein sollte, findet man nicht geschrieben. Der Diakon
von Ronse fragte mich: Wie ist er denn Fleisch ge-
worden? Ich antwortete ihnen, daß derjenige, der von
Ewigkeit bei seinem Vater gewesen, durch welchen al-
le Dinge erschaffen und gemacht sind, die im Himmel
und auf Erden find, alles Sichtbare und Unsichtbare,
ja, der das lebendige Wort des Vaters selbst ist, der bei
seinem Vater war, aus seinem hohen Reiche gekom-
men, Mensch geworden, also in die Welt gekommen
ist und uns mit seinem eigenen Blute erlöst hat, OJJh 1.
Der Diakon fragte: Ist er denn verändert? Ich sagte
ihm, wie geschrieben: Das Wort ist Fleisch geworden
und wohnt unter uns, Joh 1. Der Diakon sagte zu mir:
Du bist von der ärgsten Sekte, die jemals auf Erden
war. Ich antwortete ihm, in Gegenwart aller Ratsher-
ren, daß er von einer unflätigen Sekte wäre. Ich will
es dir auch beweisen, daß ihre eine Sekte seid, denn
ihr könnt mit des Herrn Wort nicht beweisen, daß ihr
ein Pünktlein haltet, und Christus sagt: Alle Pflanzen,
die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, sol-
len ausgerottet werden (Mt 15,13). Ich fragte ihn, wo
er von ihren Satzungen, die sie hielten, geschrieben
fände, nämlich das Glockentaufen, Kronenschären,
Wasserweihen, daß der eine in löcherigen Schuhen
geht, der andere in Strümpfen, die keine Füßlinge
haben, jeder nach seinem Sinne, welches alles doch
außer dem Worte Gottes ist. Ferner sagte ich: Meine
Herren, ich habe mich erboten, öffentlich vor dem
ganzen Rate aus der Heiligen Bibel zu disputieren.
Der Diakon sagte zu mir: Man wird dich mit einer
301
Kugel in deinem Munde in einen Sack stecken und
ertränken. Ich erwiderte: Du Heuchler! Fürchtest du
nicht des Herrn Wort, wie geschrieben steht: Er wird
mit dem Atem seiner Lippen den Unbarmherzigen tö-
ten, Jes 11,4; und abermals: Ein Mensch, der am Blute
einer Seele unrecht tut, wird nicht erhalten, wenn er
auch in die Hölle führe, Spr 28,17; wie wollt ihr der
höllischen Verdammnis entfliehen, ihr Schlangen und
Otterngezüchte (Mt 23,33)! Bessert euer Leben, und
glaubt dem Evangelium, denn vielleicht habt ihr noch
ein wenig Zeit übrig. Er fragte mich, woher ich wüsste,
daß das Evangelium ein Evangelium sei. Ich antwor-
tete ihnen: Das ist eine wunderliche Frage; wollt ihr
mich aber anhören, so will ich es euch wohl sagen.
Sollte ich nicht wissen, sagte ich, daß es das Evangeli-
um sei, daß der allmächtige Gott dasselbe geredet und
gelehrt habe: Tut Buße und glaubt dem Evangelium,
Mt 4; Mk 1; Rom 1, und daß er aus seinem herrlichen
Reiche gekommen sei, und so viel um unserer Sünden
willen gelitten habe; ja, er, der reich war, ist arm ge-
worden, damit wir durch seine Armut reich würden,
2Kor 8,9, und hat die Menschen zu sich gerufen, damit
sie ihm nachfolgten, (Mt 16,24); er hat auch seinen
Aposteln anbefohlen, durch die ganze Welt zu pre-
digen; wer daran glaubt, und getauft wird, soll selig
werden, (Mt 28,19; Mk 16,15); und wer nicht daran
glaubt, soll verdammt werden. Sie fragten, woher ich
wüsste, daß seine Apostel dieses geschrieben hätten
und sagten: Andere Menschen haben es gedruckt; du
hast mit den Aposteln weder gesprochen, noch sie ge-
sehen; woher weißt du es denn? Es sind noch andere
Evangelisten, die du nicht gesehen hast; woher weißt
du denn, daß dieses das Evangelium sei? Die Men-
schen haben es nach ihrem Gutdünken aufgesetzt.
O listiger Teufel, dachte ich in meinem Herzen, und
sagte zu ihnen, die Heilige Schrift sei durch den Hei-
ligen Geist eingegeben und nicht ohne den Heiligen
Geist, denn Paulus sagt: Ich dürfte nicht etwas re-
den, wenn dasselbige nicht Christus durch mich wirk-
te, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch
Wort und Werk (Rom 15,18), und wie der Apostel Pe-
trus sagt, daß keine Weissagung aus menschlichem
Willen hervorgeb rächt wäre, denn die heiligen Men-
schen Gottes haben, von dem Heiligen Geiste getrie-
ben, geredet (2Pt 1,21). Also gibt uns der Heilige Geist
Zeugnis, daß das Evangelium, welches wir haben, die
Worte des lebendigen Gottes seien, die er uns gege-
ben hat, damit wir darnach leben sollen, und so selig
werden an dem letzten Tage, gleichwie geschrieben
steht: Dieses ist geschrieben, daß ihr glaubt, Jesus sei
Christus, der Sohn Gottes, und daß ihr durch den
Glauben das Leben habt in seinem Namen (Joh 20,31).
Ein Mönch fragte mich nach der Kindertaufe, ob ich
dieselbe nicht für gut erkenne. Ich erwiderte: Sie ge-
hört den Kindern nicht, sondern sie kommt den Gläu-
bigen zu (Mk 16,16). Er sagte: Sind denn die Kinder
verdammt? Ich antwortete: Nein, das Himmelreich ge-
hört ihnen (Mt 19,14). Er sagte: Die nicht getauft sind,
die sind verdammt. Ich antwortete: Solches steht nicht
geschrieben, viel weniger, daß man die Kinder taufen
soll. Er sagte: Es steht geschrieben. Ich antwortete: Es
steht geschrieben, die Kinder haben keinen Glauben,
aber sie sind des ewigen Lebens gewiss (Mt 19). Er
sagte: Es steht geschrieben: Es sei denn, daß ihr wie-
dergeboren werdet aus Wasser und Geist, werdet ihr
nicht in das Reich Gottes kommen (Joh 3,3). Ich sag-
te: Sie können nicht wiedergeboren werden, denn sie
haben keine Sünde. Er sagte: Sie haben, denn es steht
geschrieben, daß sie alle unter der Sünde seien. Ich
fragte, welche Sünde die Kinder hätten? Er antwor-
tete: Die Erbsünde. Ich fragte ihn, warum Christus
gestorben wäre? Er erwiderte, daß er genug getan hat-
te; aber wir müssten zuvor getauft werden, ehe die
Erbsünde hinweggenommen würde.
Ich sagte: Das ist wider Gottes Wort geredet, denn
als Johannes den Herrn zu sich kommen sah, sag-
te er: Siehe das ist Gottes Lamm, welches der Welt
Sünden wegnimmt, dieser ist es, von dem ich gesagt
habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir ge-
wesen ist (Joh 1,30), von welchem auch geschrieben
steht, daß er unsere Sünden getragen habe an seinem
Leibe aufs Holz (IPt 2,24), gleichwie auch Johannes
sagt, daß er erschienen sei, unsere Sünden hinweg zu
nehmen (ljoh 3,8). So sagt auch Paulus: Wir werden
ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die
Erlösung, welche durch Jesum Christum geschehen
ist (Rom 3,24); ferner sagt Paulus, daß wir dem dan-
ken sollen, der uns von der Obrigkeit der Finsternis
errettet und uns in das Reich seines lieben Sohnes
versetzt hat, durch welchen wir die Erlösung durch
sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden haben
(Kol 1,14). Auch sagt der Apostel: Er trägt alle Dinge
mit seinem kräftigen Worte, und hat die Reinigung
unserer Sünden durch sich selbst gemacht (Hehr 1,3);
auch sagt Paulus abermals: Darum preist Gott seine
Liebe gegen uns, daß Christus für uns gestorben ist,
als wir noch Sünder waren, also werden wir um de-
sto mehr durch ihn vor dem Zorne behalten werden,
nachdem wir durch sein Blut gerecht wurden, und al-
so mit ihm versöhnt sind (Rom 5,8); ferner sagt er: Wie
durch eines Menschen Sünde die Verdammnis über
alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch eines
Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle
Menschen gekommen (Rom 5,18); so sagt auch der
Prophet Jesaja: Der Herr warf unsere Sünde auf ihn.
Sie fragten mich, ob ich mich noch nicht bedacht hät-
302
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
te. Ich fragte sie, worüber ich mich bedenken sollte. Sie
sagten: Über deine Irrtümer. Ich sagte: Ich irre nicht,
sondern ich verlasse mich auf den lebendigen Gott,
auf sein heiliges Wort, und sonst auf nichts, und da-
von will ich mich nicht scheiden lassen, denn Christus
hat gesagt: Wer bis ans Ende beharrt, soll selig werden
(Mt 24,13). Sie sagten: Soll denn niemand selig werden,
als ihr, die ihr erst vor zwanzig oder dreißig Jahren
angefangen gefangen habt, und unsere Gemeinde ist
schon über vierzehnhundert Jahre alt und einträchtig
geblieben; sollten wir nun alle verdammt sein? Ich ant-
wortete: Das Wort des Herrn wird den Menschen am
jüngsten Tag richten, welches eher war als eure Kirche
und Gemeinde (Joli 12,48). Dasselbe ist uns durch sei-
nen heiligen Geist gegeben, damit wir lehren und alles
dasjenige unterhalten sollten, was er uns geboten hat
(Mt 28,20). Die nun solches nicht unterhalten wollen,
haben keine Verheißung des ewigen Lebens, sondern
es wird ihnen Ungnade und Zorn, Trübsal und Angst
widerfahren (Rom 2,8). Ja, er wird Rache ausüben über
alle, die Gott nicht erkannten und dem Evangelium
unsers Herrn Jesu Christi nicht gehorsam gewesen
sind; diese werden Pein und das ewige Verderben
leiden (2 Th 1,8-9). Darum müssen wir demjenigen
glauben, was durch den Heiligen Geist gesprochen
und geschrieben worden ist, gleichwie geschrieben
steht: Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist zur Lehre,
zur Strafe, zur Besserung und zur Züchtigung nütz-
lich, sodass ein Mensch Gottes zu allen guten Werken
vollkommen geschickt sei (2Tim 3,16-17). Darum sind
wir von der Heiligen Schrift, die wir haben, versichert,
daß sie von den Aposteln durch den Heiligen Geist ge-
schrieben worden sei, gleichwie Petrus sagt: Wir sind
nicht den klugen Fabeln gefolgt, als wir euch die Kraft
und die Zukunft unsers Herrn Jesu Christi verkün-
digten, sondern wir haben seine Herrlichkeit selbst
gesehen, als er von Gott dem Vater durch eine Stim-
me, die zu ihm geschah, Ehre und Preis empfing: Dies
ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe,
den sollt ihr hören (Mt 17,5). Sollten wir denn diesen
Worten nicht glauben, wo er sagt: Wir haben ein festes
prophetisches Wort, und ihr tut wohl, daß ihr darauf
achtet (2 Pt 1,19). Und so geben wir Achtung auf die-
se Worte. Sie fragten mich nach dem Sakramente des
Altars; ich antwortete, ich fände davon nichts geschrie-
ben, sondern von einem Abendmahle, das der Herr
mit seinen Aposteln gehalten hat, als die Zeit kam, da
er das erfüllen sollte, weshalb er gekommen war, da-
mit erfüllt werden möchte, was von ihm geschrieben
steht, und daß er wieder dahin gehen sollte, woher er
gekommen war. Als zwei Tage darauf Ostern war, sag-
te er: Des Menschen Sohn wird überantwortet werden,
um gekreuzigt zu werden, und seine Jünger fragten
ihn: Herr, wo willst du, daß wir dir bereiten das Oster-
lamm zu essen? Er nannte ihnen einen Platz, wohin
sie gehen sollten, und ging mit ihnen. Als sie aßen,
nahm er das Brot, dankte, brach es und sagte: Esst, das
ist mein Leib; desgleichen auch den Kelch und sagte:
Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des neuen Testa-
mentes, das für viele vergossen werden soll, das tut
zu meinem Gedächtnis (Mt 26,19; Mk 14,17; Lk 22,14).
Ich fragte sie auch: Aß ein jeder von ihnen seinen Leib,
wie er daselbst bei ihnen war in Fleisch und Blut? Sie
sagten: Ja, sie aßen daselbst sein Fleisch und tranken
sein Blut. Ich fragte sie noch einmal: Wie aßen sie ihn,
wie er bei ihnen war; aß ein jeder unter ihnen einen
Christus? Sie sagten: Ja, wie er am Stamme des Kreu-
zes hing. Ich sagte ihnen, er hätte ja nur einen Leib,
und derselbe hätte zum Lösegeld für der Welt Sünde
dahingegeben werden müssen, welcher auch in der
Juden Hände überantwortet worden ist; dieselben ha-
ben ihn an das Holz des Kreuzes aufgehängt und ihn
getötet; also hat er uns mit seinem Blute erlöst, wie
geschrieben steht (IPt 1,19). Er hat unsere Sünden auf
sich genommen und an das Holz getragen (IPt 2,24).
Sie sagten, sie hätten ihn nun auch ebenso, wie er am
Kreuze gehangen hatte. Ich erwiderte: Ich glaube das
nicht, daß ein solcher großer Herr von euch gegessen
werden sollte, die ihr doch Gottes Wort widerstrebt,
voller Bosheit, und des Herrn Wort ungehorsam seid;
aber ich glaube, daß er gen Himmel aufgefahren sei,
und zur rechten Hand Gottes, seines himmlischen Va-
ters, sitze (Apg 1), von da erwarten wir ihn, daß er
wiederkommen werde (Phil 3), und glaube, daß ihr
ihn nicht habt; denn wenn ihr ihn noch einmal hättet,
er müsste gewiss noch einmal gekreuzigt werden; dar-
um darf man euch nicht glauben; ihr handelt ja alle
wider das Wort Gottes. Man findet geschrieben, daß
die Apostel ihr Abendmahl einträchtig im Glauben
gehalten haben, alle eins gesinnt waren, und in demje-
nigen standhaft blieben, was sie von Gott gesehen
hatten; dennoch haben sie nicht gesagt und gelehrt,
daß sie Christi Fleisch gegessen und sein Blut getrun-
ken hätten, wie er an dem Kreuzesholze gehangen
hat, sondern sie haben gelehrt, daß er gen Himmel
aufgefahren sei und zur rechten Hand Gottes sitze
(IPt 3,22; Mk 16). Dennoch haben sie alles durch die
Kraft des Heiligen Geistes gelehrt, und sind standhaft
geblieben in dem Glauben, den ihnen Gott geboten
hatte. Darum kann man keinen andern Grund legen
als den, der gelegt ist, welcher Christus ist (IKor 3,11),
darauf haben auch seine Apostel ihren Grund gelegt
und gesetzt, und ich will auch ohne Abweichen dabei
bleiben. Darum habe ich zu ihnen gesagt: Wenn ihr
mit mir aus der heiligen Bibel öffentlich reden und
disputieren wollt, so will ich euch mit Gottes Wort
303
in allem zur Antwort bereit stehen, wovon ihr aus
dem Worte des lebendigen Gottes reden wollt; wer
recht hat, den soll man hören, wer Unrecht hat, der
soll rufen und bekennen, daß er bis auf den heutigen
Tag eine falsche Lehre gelehrt habe.
Dieses ist ein kleiner Teil der Worte, die wir über-
haupt mit den Ratsherren, dem Amtmanne und den
Geistlichen gewechselt haben.
Des Lorenz von der Leyen dritter Brief.
Der Friede des Herrn sei mit euch, Amen.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater
und unserm Herrn Jesu Christo, der sich für unsere
Sünden dahingegeben hat, damit er uns von dieser
bösen gegenwärtigen Welt, nach dem Willen Gottes,
unsers Vaters, erlöse, welchem sei Preis von Ewigkeit
zu Ewigkeit, Amen.
Einen freundlichen Gruß, samt dem Frieden des
Herrn, an dich, meinen lieben Bruder Nathanael; ich,
dein gefangener Bruder Lorenz, wünsche dir des
Herrn Gnade zum Gruße, und lasse dich wissen, daß
ich, dem Herrn sei Lob, dem Gemüte nach, sehr Wohl
bin, wie ich denn auch, durch des Herrn Gnade, bis
an das Ende so zu verharren hoffe, und also am Tage
des Herrn zu erscheinen. Du sollst wissen, daß wir
von Tag zu Tag auf unsers Fleisches Erlösung war-
ten; ferner wisse auch, daß ich dir zwei Lieder sende,
welche Lorenz, der Haubenmacher, in den Banden
gemacht hat. Mein lieber Bruder, laß uns allezeit fest-
halten, was wir erarbeitet haben, damit wir vollen
Lohn empfangen, und laß uns von unserm Sinn nicht
bewegt werden, denn wir sind gewiss, daß wir die
Wahrheit haben, und es wird auch in Ewigkeit kei-
ne andere erfunden werden, davon gibt uns unser
Gewissen Zeugnis; es ist mir auch von Herzen leid,
daß ich meine Zeit so lange mit der bösen Welt zu-
gebracht und dieselbe nicht besser angewandt habe;
obgleich ich aber erst unlängst angefangen habe, und
gleichwohl nun gefangen bin, so hoffe ich doch das zu
bewahren, was ich habe, und habe das Vertrauen zu
des Herrn Gnade, daß er mich nicht verlassen werde.
Wisse, lieber Bruder, daß ich viel mehr aus der
Schrift geschrieben hatte, wenn du nicht selbst von
Gott gelehrt wärest, und die Wahrheit wüsstest. Sieh,
daß du darin bleibst; der Herr wolle dich und alle
Freunde darin erhalten.
Hiermit will ich dich dem Herrn anbefehlen und
dem Worte seiner Gnade; wir zwölf, die wir miteinan-
der gefangen sind, grüßen euch alle mit dem Frieden
des Herrn.
Andreas Langedul, Sander Henrichs, Anthonis
Claeß, Hans de Luykener, Matthäus der Töpfer, Lo-
renz von der Leyen, Lorenz, der Haubenmacher. Die
Weiber: Adriaantgen, Jochems Weib, Kalleken, Lorenz,
des Besenmachers Weib, Claertgen Bauns Weib, Cate-
lyntgen Lorenz, des Haubenmachers Weib, Maeyken,
Andreas Langeduls junges Weib, Grietgen Bonaven-
tures, die alte Maeyken und Maeyken, die Kurze.
Grüße mir doch alle Freunde sehr, insbesondere
Tanneken und Pieryntgen in dem blinden Esel; Maey-
ken, Andreas junges Weib lässt Tanneken sehr grüßen,
Lorenz, der Haubenmacher, und sein Weib grüßen
Pryntgen mit dem Frieden des Herrn.
Ich, Lorenz, dein Bruder, sage dir gute Nacht, mein
lieber Bruder, gute Nacht.
Des Lorenz von der Leyen vierter Brief.
Gnade und Friede sei mit dir von Gott dem Vater, und
dem Herrn Jesu Christo. Gesegnet sei Gott, der Vater
unsers Herrn Jesu Christi, der ein Vater der Barmher-
zigkeit und ein Gott allen Trostes ist, der uns tröstet in
all unserer Trübsal, damit wir auch diejenigen trösten
mögen, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Tröste,
womit wir von Gott getröstet werden. Denn wie wir
des Leidens Christi viel haben, so werden wir auch
durch Christum reichlich getröstet; haben wir aber
Trübsal oder Trost, so geschieht es alles zum besten;
ist es Trübsal, so geschieht es euch zum Trost und
Heil, welches Heil sich auch erweist, wenn ihr mit
Geduld dermaßen leidet, wie wir leiden, ist es Trost,
so geschieht es euch auch zum Trost und Heil, und
unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen,
daß, gleichwie ihr des Leidens Christi teilhaftig seid,
so werdet ihr auch des Trostes teilhaftig sein.
Einen freundlichen Gruß samt dem Frieden des
Herrn an euch, meine lieben Brüder Nathanael und
Lieven, ich empfehle mich euch sehr, und lasse euch
wissen, daß ich noch wohlgemut bin. Gott sei Lob für
seine große Gnade, die er so reichlich an mir erwie-
sen, indem er mich von dieser gegenwärtigen argen
Welt erlöst hat, und daß mir das Licht der Wahrheit
geoffenbart worden ist, da ihr mich doch gesehen
habt, als ich voll aller Bosheit war; ich danke dem
Herrn aufs Höchste für meine Erleuchtung und hoffe
auch, durch des Herrn Gnade, dabei zu bleiben. Denn,
meine lieben Brüder, wisst, daß wir nichts von uns
selbst haben, sondern es muss alles von dem Herrn
kommen, indem er sagt: Wer sein Leben zu erhalten
sucht, der wird es verlieren, und wer sein Leben um
meines Namens willen verliert, der wird es erhalten.
Denn wir haben einen Hohepriester, Jesum, den Sohn
Gottes, der gen Himmel gefahren ist; darum lasset
uns an dem Bekenntnis halten; denn wir haben nicht
einen Hohepriester, der nicht mit unserer Schwach-
304
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
heit Mitleiden haben könnte, sondern der versucht ist
allenthalben, gleichwie wir, doch ohne Sünde. Darum
lasset uns mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhle hin-
zutreten, damit wir Barmherzigkeit empfangen und
Gnade finden auf die Zeit, wenn uns Hilfe Not tun
wird. Ach, meine lieben Brüder, weil wir die rechte
Wahrheit haben und wissen, so lasst uns nicht davon
abweichen, sondern lasst uns doch allezeit einen fes-
ten Grund legen auf den Eckstein Jesum Christum,
damit unser Bau fest gegründet werde, wenn wir ge-
prüft werden (Eph 2,19). Gleichwie das Gold im Ofen,
nämlich in aller Trübsal, es sei in oder außer Banden
( Eph 6,11); denn der Satan sucht uns oft sehr zu quälen
(Ofß 3,11). Darum lasst uns Zusehen, daß uns unsere
Kronen nicht genommen werden; daß wir bereit sein
mögen zu streiten, und den Helm des Heils auf dem
Haupt haben, samt dem Schwert des Geistes. Liebe
Brüder! Wer überwindet, wird alles besitzen, ja, wer
überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan wer-
den, dann wird uns die Krone des Lebens bereitet sein.
Ach, liebe Brüder, fürchtet euch nicht vor denen, die
den Leib töten, sondern fürchtet vielmehr den, wel-
cher, wenn er den Leib getötet hat, auch die Seele in
die Hölle werfen kann.
Meine lieben Brüder, ihr wisst, daß ich euch dieses
aus Liebe geschrieben habe, nehmt meine geringen
Einsichten zum Besten auf; ich sende euch auch ein
Lied. Hiermit bleibt dem Herrn befohlen und dem
Worte seiner Gnade; ich sage euch nochmals gute
Nacht, gute Nacht, meine lieben Brüder, gute Nacht!
Meine Mitgefangenen grüßen euch alle sehr herzlich.
Auch grüßt Hans de Luykener seinen Bruder sehr
herzlich; desgleichen lässt Anthonis Claeß Elschen
Herts auch sehr grüßen. Grüßt uns alle Lreunde sehr,
die den Herrn fürchten, und gedenkt der Gefangenen
als Mitgefangene. Liebe Brüder, grüßt mir auch sehr
herzlich Tanneken, Leonhard Lettersetzers Weib, und
sagt ihr meinetwegen gute Nacht.
Geschrieben den 25. Oktober 1559 von mir, Lorenz
von der Leyen, auf dem Steine zu Antwerpen um des
Zeugnisses Christi willen.
Der strenge Befehl des Kaisers Karl des Lünften,
der im September des Jahres 1550 gemacht und sechs
Jahre später durch Philipp den Zweiten, König von
Spanien, gegen die Taufgesinnten erneuert und be-
festigt wurde (wie wir auf das Jahr 1556 ausführlich
angegeben haben), wurde nun im Jahre 1560 durch
den vorgenannten Philipp den Zweiten wiederum er-
neuert und in den Niederlanden überall angeschlagen
oder abgelesen. Siehe in der vorgemeldeten Verant-
wortung Wilhelm des Ersten, Prinzen von Oranien,
gegen seine Widersprecher, gedruckt 1569, Seite 165,
ausgezogen aus dem großen Gesetzbuche der Stadt
Gent.
Dadurch (wie sich einsehen lässt) ist das Blutver-
gießen, Würgen und Brennen der Heiligen aufs Neue
hervorgerufen worden, wie an den nachfolgenden
Märtyrern zu ersehen ist.
Anthonis Claeß, Joris Tielemans und Johannes
Becker, im Jahre 1560.
Auch sind im Jahre 1560 zu Antwerpen drei Brüder,
mit Namen Anthonis Claeß, Joris Tielemans und Jo-
hannes Becker, als sie gefangen genommen, unter-
sucht und gepeinigt wurden, alle standhaft bei ihrem
Glauben und der bekannten angenommenen Wahr-
heit geblieben, und sind also auf dem engen Wege
nach dem neuen Jerusalem gereist; darum sind sie
auch von denen, welche die Wahrheit beneideten,
zum Tode verurteilt und in einem Waschzuber er-
tränkt worden. Und gleichwie sie hier den zeitlichen
Tod trinken mussten, so wird ihnen von Gott das ewi-
ge Leben eingeschenkt werden.
Peter aus Spanien, Gomer der Maurer, Jakob der
Goldschmied, im Jahre 1560.
In demselben Jahre haben auch noch drei fromme
Brüder zu Antwerpen der Wahrheit mit dem Tode
Zeugnis gegeben; unter diesen befand sich Peter, ein
Spanier, welchen einige Jahre zuvor ein Bruder von
Amsterdam, genannt Jakob Janß Ryntenberg, in Spa-
nien angeredet und einige Mal von Gott und seinem
Worte mit ihm gehandelt hat; zuletzt ist er mit ihm zu
Schiff gegangen und nach Antwerpen übergefahren,
nachdem er Weib und Kinder zu St. Lucas zurückge-
lassen hat, in der Meinung, nach einiger Zeit wieder
zu ihnen zu kommen, oder sie abzuholen. Als er nun
zu Antwerpen ankam, haben sich die Brüder, weil
er unbekannt war, anfänglich vor ihm gescheut, aus
Furcht, sie möchten, weil er ein Spanier war, verraten
werden; aber nachdem sie alles genauer untersucht
und genügende Auskunft empfangen, ist er nicht al-
lein in die Versammlung, sondern auch als ein Bruder
und Mitglied der Gemeinde Gottes aufgenommen
worden und hat die wahre, biblische Taufe auf sein
Glaubensbekenntnis empfangen, das er selbst münd-
lich vor der Versammlung in Aufrichtigkeit und Offen-
herzigkeit ablegte. Nicht lange nachher, als er wieder
nach Spanien ziehen wollte, um sein Weib und seine
Kinder, desgleichen auch einige seiner Freunde und
Bekannten zu gewinnen und zur rechten Erkenntnis
der Wahrheit zu bringen, wurde er von dem Mark-
grafen gefangen, welcher sich selbst darüber verwun-
derte, daß er einen Spanier in seine Hände bekam.
305
Man hat ihn lange gefangen gehalten; auch haben die
Spanier, welchen er in seiner Sprache die Wahrheit so-
wohl mündlich als schriftlich klar vor Augen gehalten
hat, sich seinetwegen viel Mühe gegeben, ihn (dem-
ungeachtet) zum Abfall zu bringen. Aber er konnte
keineswegs dazu bewogen werden, sondern hat sich
bis ans Ende standhaft erwiesen und die Wahrheit
samt der Liebe zu Gott freimütig bis in den Tod be-
zeugt, gleichwie auch Gomer der Maurer und Jakob
der Goldschmied, welche sämtlich um des Namens
Christi willen in einem Waschzuber ertränkt worden
sind.
Doof Betgen, Betgen von Gent und Lysken Smits,
im Jahre 1560.
Auch sind in der Stadt Antwerpen drei gefangene
Schwestern, nämlich Doof Betgen, Betgen von Gent
und Lysken Smits zum Tode verurteilt und in einem
Waschzuber ertränkt worden, weil sie von der Wahr-
heit und der Liebe ihres Bräutigams nicht abweichen
wollten, welches im Jahre 1560 geschehen ist.
Leonhard Plovier, Janneken und Maeyken von
Aachen, im Jahre 1560.
Es war auch ein frommer Mann, genannt Leonhard
Plovier, welcher ein Alter von 36 Jahren hatte, zu Mee-
nen, in Flandern, geboren und daselbst wohnhaft war;
er war ein Wolltuchhändler und weil er ein Mann
war, welcher einen guten Namen hatte, und bei allen
Menschen in einem guten Rufe stand, so ist er dazu
erwählt worden, um den Wert der Wollentuche zu
schätzen.
Die vorgenannte Leonhard Plovier ist, durch Gottes
Gnade, um das Jahr 1555 zur Erkenntnis der Wahr-
heit gekommen. Als er aber wegen seiner Tüchtigkeit
wieder dazu erwählt wurde, dieses Amt der Schät-
zung fortzuführen, so hat er sich geweigert, den Eid
zu leisten, und trotz seiner Weigerung waren doch sei-
ne Mitgesellen mit ihm zufrieden und sagten: Komm
nur mit uns auf das Stadthaus und laß dich sehen,
denn sie dachten, der Amtmann würde nicht darauf
achten; aber derselbe konnte seine Meinung nicht er-
tragen; weshalb er von der Zeit an große Verfolgung
hat erleiden und seinen Aufenthaltsort verheimlichen
müssen; er ist sodann mit Weib und Kindern um das
Jahr 1558 nach Antwerpen geflüchtet, wo sie sich mit
der Seidenarbeit ernährten; da aber auch dort eine
große Verfolgung entstand, so entschloss er sich, seine
Wohnung nach Friesland zu verlegen und hat, als sie
zu Antwerpen ein volles Jahr gewohnt hatten, sein
Weib mit seinen vier Kindern vorausgeschickt, in der
Absicht, ihnen nachzufolgen, sobald er seine Geschäf-
te verrichtet haben würde. Darauf ist er mit seiner
Kaufmannsware nach dem kalten Ipermarkte gereist,
und als er von da nach Antwerpen wieder zurück-
kehrte und sich dort etwas verweilte, hat er gehört,
daß der Markgraf ausziehen würde, um diejenigen zu
fangen, die nicht nach ihren Satzungen leben wollten.
Der vorgenannte Leonhard nun ist zur Stadt hinaus-
gegangen, um einige seiner Glaubensgenossen in der
Nacht zu warnen; bei dieser Gelegenheit ist ihm der
Markgraf mit seiner Begleitung begegnet, und auf ge-
schehene Anrede merkte er aus seiner Sprache, daß er
kein Mann ihres Schlages wäre, worauf er ihn gefragt,
ob er ein Testament bei sich hätte, und als er mit ja
antwortete, haben sie ihn gefangen genommen und
nach Antwerpen auf den Stein gebracht. Als seine
Eltern, seines Weibes Vater, der zu Meenen wohnte
und ein angesehener Mann war, dieses in Erfahrung
brachten, sind sie in Eile mit des Leonhards Mutter
nach Antwerpen gekommen; der Vater glaubte, ihn
durch seine Klugheit oder durch Geschenke an den
Markgrafen aus dem Gefängnisse zu erretten, und
berichtete, daß sein Tochtermann Leonhard zu Ant-
werpen nicht wohne, sondern nur dahin gekommen
sei, um seine Geschäfte zu verrichten. Der Markgraf
hat ihnen gute Worte gegeben, und zu der Mutter,
welche einige Nächte bei ihrem Sohne auf dem Stei-
ne gewesen war, gesagt: Gehe nur nach Hause, euer
Sohn wird bald aus dem Gefängnisse kommen. Des-
halb sind sie abgereist, in der Meinung, man würde
ihnen ihr Versprechen halten. Als aber seine Eltern
fort waren, haben sie den Leonhard verhört und nach
seinem Glauben, insbesondere nach seiner Taufe ge-
fragt, welche er ihnen freimütig bekannt und bei der
rechten angenommenen Wahrheit zu bleiben begehrt
hat, wobei er weder sein Weib noch ihre vier Kinder
berücksichtigte, wiewohl er dieselben sehr lieb hat-
te, wie solches aus sechs Briefen zu ersehen, welche
er aus dem Gefängnisse an sie geschrieben hat, von
denen hier zwei beigedruckt sind.
Nach einer kurzen Gefangenschaft ist dieser from-
me Bruder Leonhard mit zwei jungen Töchtern, ge-
nannt Janneken und Maeyken von Aachen, verurteilt
worden, ertränkt zu werden, welches Urteil auch voll-
zogen worden ist. Man hat sie in Säcke gesteckt, in
Weinfässer getan und so auf dem Steine ertränkt. Dies
ist in der Nacht, ungefähr 14 Tage vor Ostern des Jah-
res 1560 geschehen (den Anfang des Jahres von Neu-
jahrstag an gerechnet). Als einige von seinen Glau-
bensgenossen vernommen, daß der fromme Mann
Leonhard Plovier mit Janneken und Maeyken von Aa-
chen ihr Opfer in jener Nacht tun würden, sind sie
gekommen und haben vor der Türe des Steins (das
306
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ist, des Gefängnisses) gehorcht; der eine derselben
hieß Joost Rose, ein anderer Kestine von Damme; bei-
de haben davon ein gutes Zeugnis abgelegt und sind
zu Franeker in Friesland gestorben. Also sind diese
drei vorgemeldeten frommen Zeugen Jesu Christi, wie
Gold im Feuer, geläutert worden, und weil sie treu
erfunden worden sind, so werden sie die ewige Krone
der Ehren und der Freuden, wie alle Heiligen Gottes,
empfangen, Amen.
Das Obige ist von dem Sohne des vorgemeldeten
Leonhard beschrieben und als wahr bestätigt worden.
Ein Brief des Leonhard Plovier an sein Weib
geschrieben.
Sehr geliebtes und wertes Weib Maeyken, nebst herz-
lichem Gruße, wisse, daß es um mich, dem Gemüte
nach, noch wohl stehe, und daß ich auch, dem Flei-
sche nach, noch wohl sei, wie ich denn auch hoffe,
daß ihr euch alle ebenso befindet. Es ist mir aber
auch sehr angenehm gewesen, zu hören, daß dein
Gemüt entschlossen sei, dem Herrn in aller Gerechtig-
keit nachzufolgen; denn wir wissen nicht, wann uns
der Herr heimsuchen wird, daß wir vor dem Richter-
stuhle Christi offenbar werden müssen, wo ein jeder
seinen Lohn empfangen wird, nachdem er getan hat,
es sei gut oder böse. Darum, liebe Maeyken, schicke
dich, dem Evangelium Christi gehorsam zu sein, ehe
der Tag kommt, denn er wird kommen, wie ein Dieb
in der Nacht; das ist der rechte Weg, der zum ewigen
Leben führt; er ist dir ja zu Zeiten gezeigt worden,
und ist auch in keinem andern irgend ein Heil zu fin-
den, denn Christus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit
und das Leben, so laß uns suchen, der Wahrheit zu
folgen und auf diesem Wege zu wandeln, damit wir
das Leben haben mögen; denn es steht geschrieben,
daß der Herr kommen wird, herrlich zu erscheinen,
mit seinen Heiligen, und wunderbar mit allen Gläubi-
gen, und zur Strafe denen, die dem Evangelium nicht
gehorsam gewesen sind, welche Pein und das ewi-
ge Verderben von dem Angesichte des Herrn leiden
werden. Und wenngleich, liebe Maeyken, bisweilen
Trübsal, Angst und Verfolgung entsteht, ja, Bande und
Gefängnis unserer harren, wie man täglich an uns und
an anderen sieht, die der Wahrheit gehorsam sein wol-
len, so laß uns gleichwohl nicht aufhören, auf diesem
Wege zu wandeln, oder der Wahrheit nachzukommen,
denn Christus sagt: Die Welt wird sich freuen, ihr aber
werdet traurig und betrübt sein; doch eure Traurig-
keit soll in Freude verwandelt werden. Darum, liebe
Maeyken, siehe doch nicht auf Vater oder Mutter oder
Kinder, noch auf etwas, das zur Welt gehört; denn
Christus sagt: Wer etwas lieber hat als mich, der ist
meiner nicht wert; wer Sohn oder Tochter mehr liebt
als mich, der ist meiner nicht wert; denn fleischlich ge-
sinnt sein ist der Tod, ja, eine Feindschaft wider Gott,
weil es dem Gesetze Gottes nicht untertan ist. Das aber
heißt fleischlich gesinnt sein, wenn man Vater, Mut-
ter, Kinder, oder etwas, das der Welt angehört, mehr
liebt als Gott, oder wenn man um deswillen unterlässt,
der Wahrheit nachzufolgen, oder um zeitlicher Nah-
rung, zeitlichen Verlusts willen, oder weil wir viele
Kinder haben, aus Fürsorge, wie wir ihnen die Kost
gewinnen werden. Christus sagt: Sucht zuerst das
Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird euch
alles, was euch nötig ist, zugeworfen werden. Darum
wendet hierin allen Fleiß an, meine liebe Maeyken,
solches begehre ich von dir von Herzen, darum bitte
ich dich auch; ferner lasse ich dich wissen, daß ich auf
dem Jahrmärkte gewesen sei, und als ich wieder zu
Antwerpen ankam, sind wir (nämlich ich und unser
Vetter Henrich) vor Antwerpen hinausgegangen, als
es schon etwas spät war, und als wir in der Nähe der
Stadt kamen, sind uns die Stadtdiener (oder Büttel)
begegnet; diese haben uns ergriffen, so daß wir oh-
ne Kränkung unseres Glaubens ihren Händen nicht
entrinnen konnten. Darum, liebe Maeyken, obgleich
ich durch des Herrn Schickung gefangen worden bin,
so werde doch nicht kleinmütig, und betrübe dich
nicht zu sehr darüber; ich weiß zwar wohl, daß du
betrübt sein wirst, aber betrübe dich nicht allzu sehr,
damit du dadurch nicht bettlägerig werdest, oder dir
eine Krankheit zuziehst; denn es geschieht ja doch
um der Wahrheit willen; was aber mein Fleisch sehr
beschwert, ist, daß ich dich und die Kinder verlas-
sen muss, daß ich dir nicht helfen kann, ihnen die
Kost zu verdienen, und für sie Sorge zu tragen, auch
daß du nicht gesinnt bist, wie ich; doch hoffe ich, es
wird mit der Zeit geschehen. Darum, liebe Maeyken,
wende allen Fleiß an, dem Evangelium gehorsam zu
sein, daß, wenn wir auch einander dem Fleische nach
nicht mehr sehen sollten, wir doch einst einander fin-
den mögen; ich hätte wohl noch einmal dich sehen
und mit dir reden mögen, aber die Zeit wird wohl
zu kurz sein; auch würde es dir und mir hart ankom-
men, voneinander zu scheiden, da es mir jetzt schon
hart fällt, obgleich wir miteinander nicht reden, aber
wir müssen Gott über alles lieben und lieber alles,
als Gott verlassen. Darum, wenn du hierher kommst,
oder dein Gemüt so gesinnt, so wende allen Fleiß an,
der Wahrheit nachzukommen, und die Kinder in der
Furcht des Herrn aufzuziehen. Hiermit sei dem Herrn
befohlen. Geschrieben zu Antwerpen in Banden, des
Sonntags abends nach dem Ipermarkte, von mir, Leon-
hard R, deinem Manne. Grüße mir sehr den Franse,
und daß er den Herrn für mich bitten wolle, daß ich
307
es zu des Herrn Preise bis ans Ende ausführen möge.
Ein Testament des Leonhard Ploviers, welches er
seinen Kindern hinterlassen hat, als er, um des
Herrn Worts willen, zu Antwerpen gefangen lag,
woselbst er im Anfänge des Jahres 1560 sein Leben
gelassen hat.
Liebe und werte Kinder N. deines Alters, indem (ich)
euer Vater von euch genommen wurde, nicht um ei-
ner Übeltat, sondern um des Zeugnisses Jesu willen,
und euch bis in den Tod liebte, auch wollte, daß ihr,
wenn ihr euren Verstand erlangt haben würdet, eure
Seligkeit suchen möchtet, wie uns Christus gelehrt hat,
so habe ich euch eine kleine Ermahnung geschrieben,
damit, wenn ihr zu eurem Verstände kommt, ihr euch
dessen erinnern und eure Seligkeit suchen könnt.
Darum, liebe Kinder, seht, daß ihr eurer Mutter ge-
horsam seid, und sie in Ehren haltet, denn es steht
geschrieben: Ehre Vater und Mutter, damit du lan-
ge lebest auf Erden, und es dir wohl gehe; denn wer
Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben.
Widerstrebt oder widersprecht nicht, seid auch nicht
zänkisch, sondern freundlich; lügt auch nicht, denn
es steht geschrieben: Der Mund, der da lügt, tötet die
Seele; indem ein Lügner keinen Teil am Reiche Got-
tes hat, ja, sein Teil wird sein in dem feurigen Pfuhle.
Auch müsst ihr fleißig die Hand anlegen und eurer
Mutter die Kost verdienen helfen. Übet euch auch ein
Buch in der Hand zu haben, damit ihr, wenn ihr euren
Verstand erreicht habt, eure Seligkeit suchen mögt.
Seid auch allezeit vorsichtig mit euren Worten, wie es
Kindern zusteht, und wenn ihr zu eurem Verstände
gekommen seid, so nehmt ein Testament in die Hand
und seht, was uns Christus darin hinterlassen und
geboten hat, denn alle Schrift, von Gott eingegeben,
ist gut zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züch-
tigung in der Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes
vollkommen und zu allen guten Werken geschickt sei,
denn die heilsame Gnade Gottes ist allen Menschen
erschienen und züchtigt uns, daß wir das ungöttli-
che Wesen und die weltlichen Lüste verleugnen, und
züchtig, gerecht und gottselig in dieser Welt leben
sollen; denn der Mensch lebt nicht allein vom Brote,
sondern von einem jeden Worte, das aus dem Mun-
de Gottes kommt. Seht, lieben Kinder, daß des Herrn
Wort eine Speise der Seelen sei, wovon die Seele le-
ben muss, und wer sein Leben nach diesen Worten
nicht einrichtet, dem ist die ewige Verdammnis zuge-
sagt, wie Christus sagt: Wahrlich, wahrlich, ich sage
euch, es sei denn, daß jemand von neuem geboren
werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Darum
sagt Christus: Tut Buße, und glaubt dem Evangelium,
denn die Axt ist schon den Bäumen an die Wurzel
gelegt; ein jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt,
wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum, mei-
ne lieben Kinder, seht doch zu, damit ihr der Strafe
entflieht, denn welche dem Evangelium nicht gehor-
sam sind, die sollen Pein leiden, das ewige Verderben
von dem Angesichte des Herrn.
Ach, liebe Kinder, seht doch, welch eine Strafe wird
über denjenigen kommen, der dem Evangelium nicht
gehorsam ist, nämlich: Ewiglich des Angesichts Got-
tes zu ermangeln und ewiglich Pein zu leiden. Darum,
liebe Kinder, macht euch doch fertig, weil ihr gute
Zeit habt, und obgleich denen etwas Leiden und Trüb-
sal begegnet, die dem Evangelium gehorsam zu sein
suchen, so wird es doch gegen dasjenige, das ewig
ist, nicht lange dauern, denn wir müssen durch viel
Leiden und Trübsal ins Reich Gottes eingehen. Darum
sagt Petrus: Lasst euch die Hitze, die euch begegnet,
nicht befremden (die euch widerfährt, daß ihr ver-
sucht werdet), als widerführe euch etwas Seltsames,
sondern freut euch, daß ihr mit Christo leidet, damit
ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit
Freude und Wonne haben mögt. Auch musste Chris-
tus, unser Lehrer und Meister, selbst durch Leiden
und Trübsal in das Reich Gottes eingehen; deshalb
ist auch der Knecht nicht besser als sein Meister, son-
dern es soll dem Knechte genug sein, daß er ist wie
sein Meister. Darum sagte er, daß er nicht gekommen
sei, Frieden zu bringen, sondern das Schwert, denn er
hat vorhergesehen, daß die Welt denselben nicht hat
ertragen können, gleichwie sie von Anfang her den-
selben nicht hat ertragen können, denn sie haben von
Anfang her die Propheten verfolgt, obgleich sie sich
rühmten, daß Gott ihr Vater sei; gleichwohl konnten
sie das Gute nicht ertragen, was ihnen die Propheten,
nebst ihren Warnungen, gesagt haben; darum haben
sie dieselben auch verfolgt, ja, gesteinigt und getötet,
gleichwie sie auch Christum nicht erkannt haben, da
er doch so viele Zeichen und kräftige Taten unter ih-
nen getan hatte, sondern haben ihn gekreuzigt. Ach
liebe Kinder! Nehmt es doch zu Herzen, was Paulus
sagt: Diejenigen, die gottselig leben wollen, müssen
Verfolgung leiden; unterlasst doch darum nicht, eu-
re Seligkeit zu suchen, denn dieses Leiden ist doch
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns
offenbar werden soll, und wie des Leidens Christi viel
über uns kommt, so werden wir auch reichlich getrös-
tet durch Christum, denn es steht geschrieben: Sieh,
der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen,
und ihr werdet Trübsal haben zehn Tage, aber sei ge-
treu bis in den Tod, dann will ich dir die Krone des
Lebens geben; denn weil du das Wort meiner Geduld
behalten hast, so will ich dich auch vor die Stunde der
308
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Versuchung behalten, die über den ganzen Weltkreis
kommen wird, um diejenigen zu versuchen, die auf
Erden wohnen.
Sieh, ich komme bald; halte, was du hast, damit
dir niemand deine Krone nehme. Wer überwindet,
den will ich zum Pfeiler machen in dem Tempel mei-
nes Gottes; er wird nicht mehr heraus gehen; ich will
den Namen meines Gottes auf ihn schreiben, ja, den
Überwindern will ich zu essen geben von dem Holze
des Lebens, das im Paradiese Gottes ist; denselben
soll kein Leid geschehen von dem andern Tode. Wer
überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan wer-
den, und ich werde seinen Namen aus dem Buche des
Lebens nicht tilgen, und ich werde seinen Namen be-
kennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer
überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem
Throne zu sitzen, gleichwie ich überwunden habe,
und mit meinem Vater auf seinem Thron gesessen
habe.
Ja, liebe Kinder, seht doch, welch schöne Verheißun-
gen den Überwindern zugesagt sind. Darum fürchtet
doch nicht die Menschen, die uns hier eine kurze Zeit
Leiden antun, denn nach dieser Trübsal werden wird
doch unter dem Altar von all unserer Arbeit, samt
denen ruhen, die auch um des Wortes Gottes willen
getötet worden sind und werden mit vielen tausend
Heiligen erscheinen, die mit weißen Kleidern angetan
sind und Palmen in ihren Händen halten, und mit
lauter Stimme rufen werden: Heil sei dem, der auf
dem Throne unseres Gottes sitzt, und dem Lamme.
Sie wird nicht mehr hungern oder dürsten; es wird
auch nicht die Sonne auf sie fallen, oder irgendeine
Hitze, den der Herr wird ihr Licht sein, und wird
alle Tränen von ihren Augen abwischen, dort wird
keine Nacht sein, auch bedürfen sie keines Kerzen-
lichts noch des Lichtes der Sonnen, denn Gott, der
Herr, wird sie erleuchten, und sie werden regieren
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Darum, liebe Kinder, nehmt doch dieses zu Herzen,
seht auf diese schönen Verheißungen, die den Über-
windern gegeben sind, und nicht denen, die abfallen,
denn diese sind in die Erde geschrieben. So hütet euch
denn, liebe Kinder, daß ihr ja den Herrn fürchtet, weil
euch der Herr Zeit gibt, denn er wird kommen, wenn
man sich dessen nicht versieht. Darum wacht und
wartet auf ihn, weil seine Zukunft nahe ist.
Dieses ist das Testament, das ich euch hinterlasse.
Geschrieben zu Antwerpen auf dem Steine, wo ich
um des Zeugnisses Jesu willen gefangen lag. Von mir,
eurem Vater, Leonhard Plovier.
Claes Felbinger und Hans Leytner, im Jahre 1560.
Im Jahre 1560 ist der Bruder Claes Felbinger, oder
Schlosser, ein dienstwilliger Diener des Wortes Got-
tes, der noch in der Probe stand, mit einem andern
Bruder, welcher Hans Leytner hieß, nicht weit von
Neumark in Bayern auf den ersten Tag nach Judica,
in den Fasten, gefangen genommen worden, als sie
um des Glaubens willen sich auf der Flucht befan-
den. Man hat sie nach Neumark geführt, dort sind sie
von dem Richter und seinen Beisitzern zweimal ver-
hört und insbesondere wegen der Kindertaufe gefragt
worden; als sie aber klar und deutlich sich erklärten,
daß Christus dieselbe nicht befohlen habe, sondern
lediglich die Taufe der Erwachsenen, die das Wort
Gottes hören, verstehen, glauben und annehmen, so
haben sie dieselben des andern Tages früh auf einen
Karren gesetzt, und mit Reitern und Trabanten nach
Landshut geschickt, wo sie einen jeden in ein beson-
deres Gefängnis gelegt, und Claes mit einer Kette in
demselben festgeschlossen haben. Nachher ist der Rat
zusammen gekommen, hat sie vor sich gefordert oder
kommen lassen, und viel mit ihnen gehandelt, aber
nichts ausrichten können.
Sodann haben sie ihnen zwei Gelehrte, nämlich
zwei Predigermönche zugeordnet; dieselben haben
mit ihnen vom Sakramente und von der Kindertau-
fe verhandelt, und warum sie von der päpstlichen
Kirche abgegangen wären; die Brüder aber antwor-
teten ihnen aus Gottes Wort, daß sie von derselben
ausgehen mussten.
Darum haben sie ihnen nachher mit der Folter zuge-
setzt und sie sehr ausgespannt, insbesondere, als sie
wissen wollten, wo sie geherbergt hätten und wohin
ihre Reise ginge. Aber Claes sprach: Wir sind nicht
schuldig, euch solche Dinge zu sagen. Sie fragten:
Warum? Er antwortete: Weil ihr ihnen ihr Eigentum
nehmen, sie darum peinigen und umbringen würdet,
und euch daran versündigt. Sollten wir denn diejeni-
gen verraten, die uns Gutes tun? Wir verraten selbst
unsere Feinde nicht, warum denn unsere Freunde? Sie
sagten: So hören wir denn nicht auf, euch zu peinigen,
bis ihr es uns sagt. Sie ließen sie noch lange auf der
Folterbank liegen, bis der Scharfrichter selbst für sie
bat und sagte: Lasset doch ab, denn wenn sie auch
den ganzen Tag gepeinigt würden, so erfahrt ihr doch
nichts von ihnen.
Der Richter wurde darauf sehr entrüstet, nannte sie
Schelme und daß sie andere verdammten; aber der
Bruder Claes sagte: Wir verdammen niemanden, son-
dern eure Sünden verdammen euch, wenn ihr davon
nicht absteht; solches bezeugen wir nach der Wahr-
heit.
309
Der Oberrichter fragte: Was ist die Wahrheit? Der
Bruder sprach: Du verstehst es doch nicht, wenn ich
dir es auch sage, denn du weißt so viel, was Wahrheit
ist, als Pilatus, der ebenso fragte.
Nachher hat man zwei Doktoren von den Mönchen,
welche neun Meilen abwohnten, zu ihnen gesandt,
die auf viele und mancherlei Weise es versuchten, sie
von der Wahrheit abzuziehen, die aber damit nichts
ausgerichtet haben. In gleicher Absicht sind auch der
Kanzler und die Obrigkeit in Landshut einmal zu ih-
nen gekommen und haben ihnen zugesetzt; sie haben
dieselben aber in ihrem Glauben standhaft befunden
und haben ihnen mit ihrer falschen Lehre und verfüh-
rerischen Ratschlägen nichts abgewinnen können.
Darauf sind abermals zwei Pfaffen und auch ein
Doktor der Schrift zu ihnen gekommen und haben
mit ihnen einen heftigen Wortstreit wegen der Kinder-
taufe gehalten, aber Claes hat ihnen mit der Heiligen
Schrift kräftig widerstanden und sie von sich getrie-
ben.
Nach der Zeit ist der Kanzler mit einigen Prediger-
herren zu ihnen gekommen, und hat sie mit Frömmig-
keit zu bewegen gesucht; aber sie haben allen Pforten
der Hölle ritterlichen Widerstand geleistet, weil sie
versichert waren, daß sie in der göttlichen Wahrheit
ständen, welche sie getreulich und aufrichtig vertei-
digten und sagten, sie wollten in der Einfalt Chris-
ti dabei bleiben. Darauf sagte der Kanzler zu dem
Bruder Claes: Bist du einfältig? Das kann ich nicht
glauben, ich denke, es sollten wohl hundert Vorkom-
men, ehe einer kommt, der sich so verantworten kann
wie du, aber ich halte dich für einen Schwärmer, wie
man deren nun viele findet, die ohne richtige Ansich-
ten umherlaufen. Sie haben aber ihren Glauben ohne
Scheu bekannt und verteidigt, und Gott gab ihnen sol-
che Weisheit, daß ihnen die andern nicht widerstehen
konnten.
Endlich sind sie von den Pilatuskindern zum Tode
verurteilt worden. Dem Bruder Claes wurde die Zun-
ge festgebunden, damit er auf dem Richtplatze nicht
mit dem Volke reden möchte, doch wurde das Band
an der Zunge zuletzt so viel gelöst, daß die beiden
Brüder einander zusprechen konnten.
Hans Leytner, der von dem Scharfrichter zuerst
vorgenommen, sprach zu dem Claes: Lieber Bruder,
wenn du etwa durch meinen Tod erschreckt werden
solltest, so tritt lieber zuerst vor, dann will ich bis
zuletzt warten; aber der Bruder Claes antwortete: O
nein! O nein! Ich entsetze mich nicht darüber. Hierauf
streckte Hans seinen Hals unverzagt aus und wurde
enthauptet, sodass es Claes imerschrocken und unver-
zagt ansah, als hätte es ihn nicht betroffen; dann trat
er auch vor, kniete nieder und übergab sein Haupt,
welches ihm, wie den andern, um seines Glaubens wil-
len abgeschlagen worden ist. Also haben diese beiden
der Wahrheit Gottes mit ihrem Blute Zeugnis gege-
ben, welches den zehnten Tag des Monats Juli 1560
geschehen ist.
Joris und Joachim.
Im Jahre 1560 wurden zu Antwerpen zwei fromme
Christen, genannt Joris und Joachim, vor Gericht ge-
bracht. Als nun dieselben als Schlachtschafe vor den
Herren standen, fragte der Schultheiß den Joris, ob er
wiedergetauft wäre. Er antwortete: Ich bin nach der
Lehre Christi getauft, gleichwie er seinen Aposteln
befohlen und gesagt hat: Geht hin und predigt allen
Völkern; wer da glaubt und getauft wird, soll selig
werden; darum müssen sie zuvor unterrichtet werden
und glauben, und nachher im Namen des Vaters, des
Sohnes und des Heiligen Geistes getauft werden.
Der Schultheiß fragte Joachim auch, ob er getauft
wäre. Er antwortete: Ich halte mich an eine Taufe, an
einen Glauben, an einen Herrn und an einen Gott.
Darauf haben sie die Herren nach des Königs Befeh-
le verurteilt. Joachim sagte (als er sein Urteil anhörte):
Meine Herren, wir danken euch, daß ihr euch mit
uns so viel Mühe gebt; Gott wolle euch die Blindheit
eures Herzens vergeben und euch zur Erleuchtung
kommen lassen.
Als sie vom Gerichte gingen, sagten sie: Wir schä-
men uns des Evangeliums nicht, und als sie über die
Straße gingen, fingen sie an zu singen:
Ich hab' dich stets, o Herr! in meinem Sinn,
Mein' Seel' verlanget immer zu dir hin.
Darauf sprach Joachim: Fürchtet nicht diejenigen,
die den Leib töten, denn einst, wenn sie trauern, wer-
den wir uns erfreuen.
Also sind sie als Riesen im Glauben durch die enge
Pforte zu dem neuen Jerusalem eingedrungen, und
als sie an den Ort kamen, wo ihr Brandopfer gesche-
hen sollte, gaben sie einander den Kuss des Friedens.
Als sie am Pfahle standen, sagte Joachim: O Vater!
Du wollest es ihnen vergeben, die uns dieses Leiden
antun; aber wir danken dir, daß du uns gewürdigt
hast, um deines Namens willen zu leiden, und darum,
o Herr, stehe uns bei und nahe dich uns mit deiner
Hilfe in dieser letzten Not. Joris sagte: Herr! Du weißt,
wie ich dich und mein Heil gesucht habe, und darum
muss ich nun sterben; darum, o Herr, nimm mich auf
in Gnaden. Ferner sagte er: Ihr Bürger von Antwer-
pen, fürchtet euch nicht, wenn wir um der Wahrheit
willen sterben; Christus, unser Herr, ist uns vorange-
310
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
gangen, und wir müssen ihm folgen. Darauf haben
sie angefangen, das Abschiedslied zu singen:
»Gut' Nacht, ihr Brüder und Schwestern,« und ha-
ben so, als sie ihren Geist in Gottes Hände befohlen,
beide ihr Leben im Feuer geendigt; nun liegen sie un-
ter dem Altäre und warten, bis sie mit dem weißen
Seidenkleide angetan werden, wo sie wie die Sonne
in des Vaters Reiche leuchten werden, wo ihnen der
neue Wein und das Himmelsbrot zugeteilt werden
wird.
Wilhelm, der Schneider.
Zu Antwerpen wurde im Jahre 1560 ein Bruder, ge-
nannt Wilhelm, der Schneider, um der Wahrheit wil-
len gefangen genommen und zum Tode verurteilt.
Als er nun vor Gericht gebracht wurde, fragte der
Schultheiß, ob er wiedergetauft sei. Er antwortete:
Warum fragt ihr nach meiner Taufe, und nicht nach
meinem Leben und Glauben, dann könntet ihr nach-
her ein rechtes Urteil über mich fällen, und dieses Volk
könnte demselben nachfolgen. Der Schultheiß fragte
abermals, ob er nicht wiedergetauft sei. Wilhelm er-
widerte: Du begehrst ja nur ein Wort, und ich habe
doch zuvor ein Bekenntnis abgelegt; richte recht, und
überlege die Sache wohl. Der Schultheiß fragte noch
einmal, ob er wiedergetauft sei. Wilhelm entgegnete:
Du hast mich solches zuvor allein gefragt; darf ich
dich nun auch etwas fragen? Der Schultheiß sprach:
Gib erst Bescheid, dann will ich es dir sagen. Wilhelm
sagte: Ich wollte, daß du einmal an den Tag däch-
test, der wie ein Ofen brennen wird, wo die Gottlosen
wie Stroh vergehen werden. Ferner sagte er: Mk 16
steht geschrieben: »Wer glaubt und getauft wird , soll se-
lig werden.« Der Schultheiß sagte: Darnach fragt man
dich nicht. Wilhelm sprach: Die Kinder können nicht
glauben, darum habe ich mich auf meinen Glauben
taufen lassen. Da gingen die Herren hinein, und Wil-
helm sagte zum Volke: Tut Buße und bessert euch.
Der Schultheiß verbot ihm das Reden; aber er sag-
te: Lasst mich doch reden, denn es wird nicht lange
mehr währen; sofort kamen die Herren wieder, und
Wilhelm sagte: Meine Herren, richtet nicht nach des
Königs Befehle, wenn ihr nicht verloren gehen wollt,
sondern denkt an den Tag, welchem niemand ent-
gehen kann, an welchem ihr euch beklagen werdet,
es sei denn, daß ihr euch bekehrt. Darauf wurde er
verurteilt, und man las ihm sein Urteil vor; sodann
wurde er, wiewohl es noch sehr früh des Morgens
war, auf den Markt gebracht, an einem Pfahle erwürgt
und verbrannt; also hat er sich als ein tapferer Ritter
Christi durchgestritten.
Hans Korbmacher, Georg Raeck und Eustachius
Kuter.
In eben demselben Jahre 1560 ist der Bruder Hans
Korbmacher, ein Diener des Wortes Gottes und seiner
Gemeinde (der sehr oft zum Werke des Herrn ausge-
sandt worden ist), den ersten Freitag nach Martini im
Bayerlande, bei Rosenhaus, um des Glaubens und des
Wortes Gottes willen mit Georg Raeck, einem Diener
in weltlichen Angelegenheiten, und noch einem Bru-
der, genannt Eustachius Kuter, gefangen genommen
worden; welche man sämtlich nach Innsbruck geführt
hat, wo sie der Obrigkeit überliefert worden sind. Den
Hans Korbmacher, weil er ein Diener war, führte man
nach Fülleburg; daselbst hat man ihn in einen tiefen
Turm gebracht, in welchem viele Würmer und Tiere
waren; die Fledermäuse sind um ihn herumgeflogen;
die Mäuse haben ihm seine Speise weggetragen; auch
haben sich viele Gespenster bei ihm gezeigt, sodass
es jemanden, der kein festes Vertrauen auf Gott hatte,
hätte erschrecken können.
Wenn die Obrigkeit mit ihm reden wollte, so hat
sie ihn bei seinem Namen rufen lassen, daß er sich
schnell bereiten und zum Leiden fertig machen soll-
te. Die andern beiden Brüder hat man zu Innsbruck
in den Kräuterturm gelegt; sie haben auch alle drei
bis ans Ende des sechzigsten Jahres gefangen gelegen.
Auf den zweiten Januar hat die Obrigkeit den Hans
Korbmacher, den Eustachius und den Georg Raeck,
einen jeden insbesondere, streng verhört, in welchem
Verhöre sie viele Artikel treulich verantwortet haben,
welche man nebst ihrem Bekenntnisse darüber aufge-
schrieben hat; dieses Protokoll ist sodann nach Wien,
als auch an andere Orte als etwas Neues geschickt
worden.
Darauf sind sie abermals in die vorgemeldeten Tür-
me und Gefängnisse gebracht worden, und haben
darin bis an den Freitag nach St. Veitstag, welches
der dreizehnte Tag des Monats Juni war, gelegen, an
welchem Tage ihnen das Leben abgesprochen worden
ist. Als nun das Urteil über sie gefällt wurde, haben
sie, in Gegenwart einer großen Volksmenge, den Her-
ren des Gerichts und den Geschworenen freimütig
erklärt, und ihnen bezeugt, daß das Urteil und Ge-
richt, welches dieselben über sie vor dem Angesichte
Gottes fällten, weil sie unschuldiges Blut verurteil-
ten, als ein Zeuge ihrer Verdammnis dastehen würde,
und als jene sagten, daß sie nach des Kaisers Befehle
und Verordnungen richten müssten, sagte Hans Korb-
macher: O blinde Richter! Man soll ja nach seinem
eigenen Herzen und Gewissen richten, wie man es
vor Gott zu verantworten gedenkt; wenn ihr nun nach
des Kaisers Befehle richtet und urteilt, wie wollt ihr
311
das vor Gott verantworten? Auch sagte Eustachius:
Was geht uns des Kaisers Befehl an? Statt daß ihr uns
denselben vorlest, lest unser Bekenntnis vor, das wir
mit der heiligen, göttlichen und biblischen Schrift be-
kräftigt haben, daß es die rechte Wahrheit Gottes sei,
weshalb wir leiden müssen. Also haben sie unverzagt
geredet und das Volk zur Buße ermahnt. Als man nun
zuerst die Brüder Georg Raeck und Eustachius aus
dem Richthaus führte, fing Georg an, dem Volke zu-
zurufen, sie sollten Buße tun, von Sünden abstehen
und auch auf diesen Weg der Wahrheit treten, denn es
wäre die Wahrheit, um deretwillen er heute gerichtet
werden sollte.
Darauf wurde Hans Korbmacher auch vorgeführt,
sodass sie auf dem Richtplatz mit großer Freude zu-
sammenkamen und Gott lobten. Da ging ein Bruder,
Leonhard Dax, zu ihnen, gab ihnen die Hand und
nahm Abschied von ihnen, worüber sie aufs Höchste
erfreut waren und Gott priesen, weil sie noch einen
Frommen gesehen hatten, der ihren Abschied den Brü-
dern und der Gemeinde verkündigen könnte. Darauf
fing der Diener Hans Korbmacher an, dem Volke zu-
zureden und es zu ermahnen, daß sie sich von ihren
Sünden bekehren und der Wahrheit Gottes nachfolgen
sollten, damit sie nicht verdammt, sondern in Christo
Jesu selig werden möchten; ja, er hat seine Stimme
unverzagt erhoben und gesagt: Was ich gelehrt und
bekannt habe, ist die göttliche Wahrheit, und das will
ich mit meinem Blute bezeugen. Er hörte nicht auf,
Buße zu verkündigen, sodass der Richter einige Male
sagte: Ei, Hans, halte doch ein wenig ein! Er hielt dann
zwar ein wenig ein, aber hat sofort wieder angefan-
gen zu reden, sodass er fast ganz heiser vom Reden
wurde; sie haben auch das Volk aufs Dringendste zur
Besserung ermahnt; man hinderte sie nicht im Reden,
sondern ließ sie genug reden, desgleichen haben sie
auch ein herzliches Gebet zu Gott getan, ihn gelobt
und gepriesen, daß er sie bis dahin wohlgemut und
standhaft erhalten hätte, baten ihn auch, daß er sie
ferner bis an den Tod (der nun nahe wäre) treulich
erhalten, und ihren Geist, wenn nun Leib und Seele
voneinander scheiden würden, in seine Hände auf-
nehmen wolle.
Man las dann ihr Todesurteil ab, welches unter an-
dern hauptsächlich folgende Artikel enthielt; erstens:
Sie glauben nicht, daß der heilige Leib Jesu Christi
im Sakramente sei, sondern halten das Abendmahl,
wie es Christus mit seinen Jüngern gehalten hat. Zwei-
tens: Sie halten nichts von der Kindertaufe, sondern
halten nur von der Taufe der Erwachsenen, wie ih-
nen Christus befohlen hat. Drittens: Sie halten auch
den Ehestand; denselben haben sie bekannt und dem-
selben nicht widersprochen, und dergleichen mehr.
welche aufgeschrieben und vorgelesen worden sind;
ferner auch, was sie von der römischen Kirche hielten
und bekannten; dieses Bekenntnis hat der Richter so
nachteilig für dieselben, wie es ihm immer möglich
war, aufgesetzt.
Nachher führte man sie auf den Richtplatz, genannt
der Schweinsacker, bei den Schafshütten; hier wur-
den Eustachius, der dem Fleische nach schwach und
krank war, zuerst enthauptet; nach ihm trat der Bru-
der Georg Raeck heiter zum Scharfrichter und rief mit
fröhlichem Herzen: Hier verlasse ich Weib und Kind,
Haus und Hof, Leib und Leben um des Glaubens und
der Wahrheit Gottes willen. Darauf kniete er nieder
und ist auch vom Scharfrichter enthauptet worden.
Hans Korbmacher wurde bis zuletzt aufbehalten,
welcher, als er die beiden andern enthauptet liegen
sah, die Worte sprach: Meine Brüder, die ihr über-
wunden habt, sollt alles ererben. Dann nahm ihn der
Scharfrichter, band ihn auf die Leiter, zündete das
Feuer an und warf ihn lebendig hinein; die andern
beiden Leichname legte der Scharfrichter auch auf
einen Haufen Holz und verbrannte sie zu Pulver und
Asche.
Also haben sie den Glauben an Christum mit ihrem
Worte, ja, mit Leib und Blut freiwillig und geduldig
bezeugt, und dabei bekannt, daß Gott ihnen solche
Kraft als einen Segen gegeben habe. So reisten sie aus
dieser Welt nach dem ewigen Vaterlande mit einem
festen Vertrauen.
Soetgen von der Houte und Martha, im Jahre 1569.
In diesen Zeiten ist auch eine fromme Frau, genannt
Soetgen von der Houte, den Verfolgern der Wahrheit
in die Hände gefallen, sodass sie nach schwerer An-
fechtung und strengem Gefängnisse den 27. Novem-
ber 1560 in der Stadt Gent den Glauben der ewigblei-
benden Wahrheit mit ihrem Tode und Blute bezeugt
und befestigt hat, und mit ihr noch eine Weibsperson,
genannt Martha. Auch hat Soetgen von der Houte
bezeugt, daß ihr Mann zuvor die Kelter des Leidens
auch tapfer getreten und die Wahrheit mit Nachdruck
bezeugt, auch sein Leben dafür gelassen habe, wie
dieses ihr nachstehendes Testament klar ausweist.
Ein Testament von Soetgen von der Houte, welches
sie ihren Kindern David, Betgen und Tanneken
zum Andenken und als das beste Gut hinterlassen,
welches sie mit ihrem Tode zu Gent in Flandern
befestigt hat. Im Namen des Herrn.
Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, dem Va-
ter und dem Herrn Jesu Christo, wünsche ich euch.
312
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
meinen lieben Kindern, zum angenehmen Gruße, Da-
vid, Betgen und Tanneken, geschrieben in Banden von
eurer Mutter, auch zu einem Andenken der Wahrheit;
ich hoffe ihr sowohl mit Worten, als mit dem Tode
durch des Höchsten Hilfe Zeugnis zu geben, euch zu
einem Beispiele. Die Weisheit des Heiligen Geistes
wolle euch darin unterrichten und stärken, damit ihr
in des Herrn Wegen auferzogen werden mögt, Amen.
Ferner, meine lieben Kindlein, weil es dem Herrn
so gefällt, mich aus dieser Welt zu nehmen, so will
ich euch ein Andenken zurücklassen, nicht von Sil-
ber oder Gold, denn solche Juwelen sind vergänglich;
aber ich wollte gern ein Juwel in euer Herz schreiben,
wenn es möglich wäre, welches das Wort der Wahrheit
ist. Darin will ich euch ein wenig Unterricht erteilen
mit dem Worte des Herrn, nach der geringen Gabe,
die ich nach meiner Einfalt vom Herrn empfangen
habe.
Zuerst ermahne ich euch, meine Geliebtesten, daß
ihr euch allezeit von denen unterrichten lassen wollt,
die den Herrn fürchten, dann werdet ihr Gott gefal-
len, und er wird euer Vater sein und euch nicht als
Waisen lassen, solange ihr der guten Ermahnung und
Unterwerfung gehorcht und den Herrn fürchtet. Denn
David sagt: »Wer ist, der den Herrn fürchtet? Er wird ihn
unterweisen den besten Weg;« und ferner sagt er: »Siehe,
des Herrn Auge sieht auf die, die ihn fürchten, die aufsei-
ne Güte hoffen, damit er ihre Seele vom Tode errette. Der
Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten.«
Fürchtet den Herrn, ihr, seine Heiligen, denn die ihn
fürchten, haben keinen Mangel; die Furcht des Herrn
ist der Anfang aller Weisheit.
Darum, liebe Kindlein, lernt doch den Herrn fürch-
ten, dann werdet ihr Weisheit empfangen. Der wei-
se Mann sagt: Ein weiser Sohn lässt sich unterwei-
sen; wer die Züchtigung und Unterweisung liebt, der
wird verständig werden; ein weiser Sohn fürchtet und
scheut das Arge. Ein weiser Sohn erfreut den Vater,
aber ein törichter Sohn beschämt seine Mutter; wer
mit den Weisen umgeht, der wird weise, aber wer der
Narren Gesell ist, der wird ihnen gleich. Wer die Züch-
tigung und Unterweisung fahren lässt, der verwirft
seine eigene Seele; aber wer die Bestrafung hören will,
der wird klug.
Ach, meine Geliebtesten! Wollet nicht weichen von
der Züchtigung. Der weise Mann sagt: »Züchtige dei-
nen Sohn, zveil noch Hoffnung zu ihm ist.«
Darum, meine Geliebtesten, betrübt euch nicht,
wenn ihr gezüchtigt werdet, und redet nicht unfreund-
lich wider diejenigen, die euch strafen. Eine gelinde
Antwort stillt den Zorn, aber ein hartes Wort richtet
Grimm an; wenn man euch unfreundlich anredet, so
lernt freundlich antworten, dann werden euch alle
Menschen lieben, denn Sanftmut und Demut ist Gott
und den Menschen angenehm.
Ferner, meine lieben Kindlein, ermahne ich euch,
daß ihr euch vor den Lügen hütet, denn die Lügner ha-
ben keinen Teil im Reiche Gottes; auch steht geschrie-
ben: Lügenhafte Lippen sind vor Gott ein Gräuel und
wessen Mund lügt, dessen Seele soll sterben. Darum,
meine vielgeliebten Kindlein, hütet euch doch davor,
denn wer mit Lüge umgeht, wird von niemandem
geliebt.
Meine lieben Kindlein, bewahrt dieses in euren Her-
zen, meine lieben Schäflein, bewahret eure Zunge,
daß sie nichts Übles rede; begehet auch keinen Betrug
mit euren Lippen, verleumdet auch nicht hinterwärts,
denn dadurch kommt Streit und Uneinigkeit; Paulus
aber lehrt uns, mit allen Menschen, wenn es möglich
ist, Frieden zu halten.
Meine Geliebtesten, behaltet dieses von eurer Mut-
ter, daß ihr euren Eltern und denen gehorsam seid,
deren Brot ihr esst, auch allen, die euch in der Tugend
unterrichten; seid allezeit fleißig euer Werk zu tun,
wo ihr seid, denn Paulus sagt: Wer nicht arbeiten will,
soll auch nicht essen.
Ferner steht geschrieben: Schafft mit euren Händen
etwas Gutes, damit ihr etwas dem Dürftigen zu ge-
ben habt. Darum kehrt oder wendet euer Angesicht
nicht von dem Armen; wer seine Ohren vor dem Ge-
schrei der Armen verstopft, der wird rufen und nicht
erhört werden; Tobias aber lehrt seinen Sohn: Sohn,
hast du viel, so gib reichlich, hast du wenig, so gib
doch das wenige mit treuem Herzen; ein Almosen
von seiner Arbeit ist Gott angenehm. Der weise Mann
sagt: Almosen treibt Sünde aus. Ferner liest man von
Cornelius und Tobias, daß der Engel sagte: Dein Ge-
bet und Almosen sind ins Andenken vor den Herrn
gekommen, den du mit Tränen batest, und verließest
deine Mahlzeiten, um die Toten zu begraben.
Darum seid ernstlich im Gebete und liebt den Ar-
men, denn Christus ist um unseretwillen auch arm
gewesen. Darum seid auch barmherzig, wie euer Va-
ter im Himmel barmherzig ist, denn solche sind selig
und werden Barmherzigkeit erlangen; lernt auch von
Herzen sanftmütig und demütig sein, denn solche
sind selig und werden das Erdreich besitzen; selig
sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott
schauen.
Darum, meine lieben Kindlein, lasst keine unreinen
Gedanken in eurem Herzen bleiben, sondern seid mit
Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern be-
schäftigt, dann werden die bösen Gedanken keinen
Raum haben; lasst auch kein faules Geschwätz aus
eurem Munde gehen, denn von all dergleichen muss
man Rechenschaft geben.
313
Ferner, meine Geliebtesten, wo ihr auch seid, haltet
euch zu den Geringen und achtet euch selbst nicht
für weise, sondern lasst euch allezeit von denen un-
terrichten, die über euch sind, und wenn andere re-
den, so schweigt allezeit. Demütigt euch unter alle
Menschen, denn wer sich selbst erhöht, soll erniedrigt
werden; wer sich selbst erniedrigt, soll erhöht wer-
den. So hat auch Christus, der der Größte ist, sich
selbst zum Geringsten gemacht, uns zum Vorbilde,
desgleichen steht auch geschrieben: Je größer du bist,
desto mehr demütige dich, dann wirst du Gott ange-
nehm, denn die große Herrlichkeit Gottes wird von
den Demütigen geehrt.
Meine Kindlein, seid auch in allen Geschäften ge-
recht, denn auf dem Wege der Gerechtigkeit ist das
Leben, und auf dem gebahnten Pfade ist kein Tod. Es
ist den Gerechten eine Freude, zu tun, was recht ist,
aber eine Furcht den Übeltätern; ferner, erwählt euch,
mit eurer Hände Arbeit euch zu ernähren und euer
Brot in Frieden zu essen; trachtet nicht nach dem Han-
del, bekümmert euch auch nicht um großen Gewinn;
es ist besser wenig mit der Furcht Gottes, als große
Schätze mit Unfrieden; ein trockener Bissen Brot in
Ruhe ist besser, als viel geschlachtete Tiere in Unruhe.
Meine lieben Kindlein, liebt auch weder üppige
Speisen, noch den Wein; wer köstliche Mahlzeiten
begehrt, wird nicht reich; sondern seid mit der Arbeit
eurer Hände zufrieden.
Übervorteilt auch niemanden, sondern seid zufrie-
den mit dem, was billig ist, wie ihr an mir gesehen
habt, solange ihr eure Notdurft erwerben könnt; seid
niemandem beschwerlich, es ist besser zu geben, als
zu nehmen. Paulus sagt auch: Wenn ihr Nahrung und
Decke habt, so lasst euch begnügen.
Deshalb, meine lieben Kindlein, nehmt hieran ein
Beispiel, und wandelt allezeit auf des Herrn Wegen
in Mäßigkeit und Dankbarkeit, wie ihr mich oft von
Daniel, von Sadrach, Mesach und Abednego lesen
gehört habt; diese waren von dem Könige von Ba-
bel erwählt, daß sie von demselben Weine und von
derselben Speise, die der König an seiner Tafel aß, auf-
erzogen werden sollten, daß sie schön sein möchten,
um dem Könige zu dienen; aber sie begehrten nichts
als Gemüse und Wasser; sie wollten mit Mäßigkeit
und Dankbarkeit ihres Vaters Gebote und Gesetze un-
terhalten in der Furcht Gottes; sie waren auch schöner
und fetter als diejenigen, die von des König üppigen
Speisen aßen. Sie wandelten so treulich in des Herrn
Wegen und gefielen in ihrem Bitten und Flehen dem
Herrn so gut, daß Gott durch sie große Dinge getan,
und sie aus der Löwengrube und aus dem feurigen
Ofen errettet hat. So hat auch Joseph, als er in Ägyp-
ten verkauft wurde, weder üppige Speise, noch Wein
begehrt, als ihn die ägyptischen Weiber zu verführen
suchten, sondern er fürchtete Gott, und der bewahrte
ihn; er war mit seiner Mäßigkeit und mit seinem Ge-
bete bei Gott angenehm, sodass er zum Obersten in
ganz Ägypten gesetzt wurde.
Meine lieben Kindlein, nehmt hieran ein Beispiel
von eurer Jugend an, dann werdet ihr Gott gefallen,
und er wird euch vor aller Verführung bewahren.
Ach meine Schäflein! Ihr seid noch in eurer Jugend,
in eurer Kindheit; ihr habt noch euren Teil in eures Va-
ters Reiche; seht zu, daß ihr es wohl verwahrt, daß ihr
nicht wie Esau handelt, der das Erbteil seiner ersten
Geburt für eine Schüssel Mus hingab, und den Se-
gen seines Vaters nicht achtete; er gab es hin für eine
vergängliche Speise; aber Jakob hat das bessere Teil er-
wählt, und war Gott und seinem Vater gehorsam und
wandelte in des Herrn Wegen mit aller Gerechtigkeit.
Meine Geliebtesten, trachtet nach Unterricht, damit
ihr unterwiesen werden mögt, welches der rechte Weg
sei, denn nun steht euch bevor, das Leben oder den
Tod, Gutes oder Böses zu erwählen; was ihr nun er-
wählen werdet, das wird euch gegeben werden; näm-
lich, habt ihr eure Lust an dem Bösen, sodass ihr die
Ergötzlichkeit der Welt erwählt, wovon alle Ungerech-
tigkeit herkommt, nämlich Lügen und Betrügen, Spie-
len, Tauschen, Schwören, Fluchen, Afterreden, Hass,
Neid, Saufen, Fressen, Geschwätz, Tanzen , so erwählt
ihr den Tod, denn obgleich solches vor der Welt nicht
als Sünde geachtet ist, sondern für eine Ergötzlichkeit,
so ist es gleichwohl ein Gräuel vor des Herrn Augen.
Darum, sag ich, meine lieben Kindlein, seht zu; habt
ihr eure Lust an allen solchen Werken, so verkauft ihr
eure erste Geburt oder eures Vaters Erbteil für eine
Schüssel Mus, nämlich für ein wenig zeitliche Wol-
lüste, und diese führen euch zur Verdammnis; merkt
darauf, ob nicht der große Haufen diesen Weg zu ge-
hen erwählt; darum hat Esdras wohl recht gesagt, daß
man viel mehr Erde fände, irdene Gefäße zu machen,
als Gold, um güldene Gefäße zu machen; und wie der
großen Wellen im Meere mehr sind als der Tropfen
so werden derer mehr sein, die verdammt werden
sollen; viele sind berufen, aber wenige auserwählt,
weil sie ihres Rufes nicht wahrnehmen; denn Christus
sagt: »Meine Schafe hören meine Stimme, und sie folgen
mir nach;« diese aber folgen dem großen Haufen der
Gottlosen und der falschen Propheten.
Darum sagt Jesaja: »Die Hölle hat ihren Rachen weit
aufgetan, um die Hoffärtigen und alle diejenigen zu ver-
schlingen, die die Ungerechtigkeit tun, samt allen, die sich
nicht bessern zvollen.«
Deshalb seht, meine Geliebtesten, wenn ihr euch
zur Tugend unterrichten lasst, so werdet ihr der Stim-
me des Herrn gehorchen, wie von Abels Zeiten an bis
314
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
hierher viele getan haben, welche gelitten haben, ver-
schmäht, verachtet, verfolgt und getötet worden sind,
weil sie der bösen Welt und ihrer falschen Propheten
nicht folgen wollten.
Seht, meine Geliebtesten, erwählt lieber, mit den
Kindern Gottes Ungemach zu leiden, damit ihr mit
ihnen belohnt werden mögt, denn diese sind es, wel-
chen alle schöne Verheißungen zukommen; aber sie
müssen viel leiden, denn das Himmelreich leidet Ge-
walt, und die ihm Gewalt antun, reißen es zu sich;
auch steht geschrieben: »Durch viel Trübsal müsset ihr
ins Reich der Himmel eingehen.« Denn David sagt: »Wir
werden als Schlachtschafe zum Tode geführt ;« und Pau-
lus sagt: »Wir, die wir leben, werden alle Tage zum Tode
übergeben;« ferner steht geschrieben: »Ihr werdet wei-
nen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein,
aber eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden;
ihr werdet ein wenig Trübsal haben, aber seid getrost, und
seid getreu bis zum Tode, dann will ich euch die Krone des
Lebens geben. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost,
ich habe die Welt überwunden; Gott wird alle Tränen von
ihren Augen abivischen.« Ferner steht noch: »Die Hoch-
zeit des Lammes ist gekommen, sein Weib hat sich bereitet,
und es ward ihr gegeben, sich mit reiner und schöner Seide
anzutun; die Seide aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.
Selig sind, die zum Abendmahl des Lammes berufen sind.«
»Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in
ihres Vaters Reiche.«
Seht, Geliebte, dieses ist der beste Teil, und der
Lohn aller derer, die den Herrn fürchten, in seinen
Wegen wandeln und seine Gebote bewahren. Diese
sind es, zu welchen der Herr sagt: »Fürchte dich nicht,
du Würmlein Jakob, ihr armer Haufen, fürchtet euch nicht;
ich will euch nicht als Waisen lassen, sondern ich will euer
Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein, und ich will euch
bewahren gleichwie meinen Augapfel; und wenn ihr meine
Gebote bewahrt, so will ich euch wieder holen, wenn ihr
auch hinweggeführt wäret, bis an das Ende des Himmels,
und will euch an den Ort bringen, den ich erwählt habe.«
Ach, wer sollte einen solchen Herrn und Vater nicht
lieben, der uns erwählt hat, gleichwie er Israel dort er-
wählt und uns seine Gebote und Gesetze, nämlich sein
Evangelium, gegeben hat, welches uns lehrt, seinen
Willen und sein Wohlgefallen zu tun, und solche hat
er zu Erben aller Reichtümer des Himmels gemacht.
Ach, meine lieben Kindlein, dieses habe ich mit Trä-
nen geschrieben, und ermahne euch aus Liebe, mit
einem eifrigen Herzen, und bitte für euch, daß ihr,
wenn es möglich wäre, von derselben Zahl erfunden
werden mögt, denn als euer Vater mir genommen
wurde, so habe ich meiner selbst nicht geschont, we-
der Tag noch Nacht, um euch aufzuziehen, und mein
Gebet und meine Sorge war allezeit für eure Seligkeit
bedacht, und noch jetzt, wo ich in Banden bin, ist die-
ses allezeit meine größte Sorge gewesen, weil ich euch
nach meiner Umsicht nicht besser bewahren konnte,
denn als mir gesagt wurde, daß man euch nach Oude-
naerde und von da nach Brügge geführt habe, so ist
mir solches so schwer gefallen, daß ich keine größere
Betrübnis gehabt habe; als ich aber dachte, daß meine
Sorgen und Anordnungen nichts helfen möchten, und
daß man um Christi willen von allem, was man in der
Welt lieb hat, scheiden müsste, so habe ich solches
alles dem Willen des Herrn anheimgestellt, hoffe und
bitte auch allezeit, daß er euch in seiner Barmherzig-
keit bewahren wolle, gleichwie er Joseph, Mose und
Daniel unter den gottlosen Menschen bewahrt hat,
und so wird es euch auch wohl gelingen; werdet ihr
euch mit Ernst nach der Wahrheit richten, so wird
der Engel des Herrn mit euch sein, gleichwie er mit
Tobias gewesen ist, welchen er geführt hat, bis er ihn
in seines Vaters Haus gebracht, wo er sich mit seinem
Vater und seinen Freunden erfreute und Gott für seine
große Güte dankte.
Deshalb, wenn ihr der guten Unterweisung folgen
werdet, so wird sie euch durch alle Gefahren führen,
und zu eures Vaters Hause bringen, wo solche Freude
bereitet ist, die kein Ohr gehört, auch kein Auge ge-
sehen hat, noch in keines Menschen Herz gekommen
ist, welche Freude für die Auserwählten zubereitet
ist; aber den Auserwählten hat es Gott durch seinen
heiligen Geist offenbart.
Dazu wolle euch das Wort des Vaters bringen,
durch die Barmherzigkeit des Sohnes, und die Weis-
heit des Heiligen Geistes müsse euch stärken, daß ihr
es angreifen möget, Amen.
David, mein liebes Kind, ich will dich hiermit dem
Herrn anbefehlen; du bist der älteste, lerne Weisheit,
damit du deinen Schwestern ein gutes Exempel ge-
best, und hüte dich vor aller bösen Gesellschaft; spie-
le auch nicht mit den bösen Knaben auf der Straße,
sondern lerne wohl lesen und schreiben, damit du
Verstand erlangst; und habt einander lieb, ohne Streit
und Zank; es sei vielmehr der eine gegen den an-
dern freundlich; der Verständigste soll den Geringem
tragen und mit Freundlichkeit ermahnen; der Gesun-
de soll mit dem Kranken Mitleiden haben und ihm
aus Liebe helfen worin er kann; der Reiche soll dem
Armen aus brüderlicher Liebe Beistand leisten; die
Jüngsten sollen den Ältesten gehorsam sein im Guten;
ermahne einer den andern zum Fleiße in der Arbeit,
damit ihr wert sein mögt; ermahnt einander zu guten
Werken, zur Sittsamkeit, Ehrbarkeit und Stille; trage
allezeit der eine für den andern Sorge, denn jetzt ist
die Zeit, wo die Liebe erkalten wird, ja, wäre es mög-
lich, es würden die Auserwählten verführt werden;
315
darum seht zu und lernt fleißig die Schrift durchsu-
chen, damit ihr nicht verfuhrt werdet; haltet euch
allezeit an die erste und zweite Tafel, sie wird euch
Unterricht genug geben, und glaubt es nicht gleich,
wenn man Böses voneinander redet, sondern unter-
sucht es, und macht kein großes Geschrei, wenn man
euch belügt, sondern tragt es um Christi willen.
Liebt eure Feinde, und bittet für die, welche Böses
von euch sagen und die euch Leiden zufügen; auch
leidet lieber Unrecht, ehe ihr andern Unrecht tun soll-
tet; ertragt lieber Verdruss, ehe ihr andern Verdruss
bereitet solltet; leidet lieber Verschmutzung, ehe ihr
einen andern schmähen solltet; lasset euch lieber belü-
gen, ehe ihr einen andern belügen solltet; lasset euch
lieber das Eurige nehmen, ehe ihr einem andern das
Seine nehmen solltet; werdet lieber geschlagen, ehe
ihr einen andern schlagen solltet, und so ferner.
Seht, meine Liebsten, dieses alles wird durch die
brüderliche Liebe bewirkt, und ist in der zweiten Tafel
begriffen; darum müsst ihr allezeit Zusehen, daß ihr
niemals euren eigenen Gewinn allein sucht, sondern
tragt allezeit Sorge für diejenigen, mit welchen ihr
Gemeinschaft in der Hantierung habt, es sei jung oder
alt.
Ferner, meine lieben Kinder, Betgen und Tanneken,
meine lieben Schäflein, ich ermahne euch in allem die-
sem, daß ihr den Geboten des Herrn gehorsam sein
sollt, daß ihr ferner auch eurem Vetter und eurer Base,
auch euern Eltern und allen, die euch zur Tugend an-
weisen, gehorsam sein wollt; demjenigen, dessen Brot
ihr esst, müsst ihr Untertan sein in allem, was nicht
gegen Gott ist; seid auch fleißig und ermahnt euch
untereinander allezeit zur Verrichtung eurer Arbeit,
dann wird man euch wert halten, wo ihr auch wohnt,
und seid nicht zänkisch, schwatzhaft oder leichtfertig,
auch nicht frech oder mürrisch im Reden, sondern
freundlich, ehrbar und still, wie es den jungen Mägd-
lein gebührt. Bittet den Herrn um Weisheit, welche
euch mitgeteilt wird; lernt gut lesen und schreiben;
lasst solches eure Ergötzlichkeit sein, dann werdet
ihr weise werden; erlustigt und beschäftigt euch mit
Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern; ihren
Freuden trachtet allein nach; lernt von eurer Jugend
an dem Herrn gefallen, wie die heiligen Frauen und
Jungfrauen getan haben, gleichwie Judith.
Auch war Esther eine Jungfrau, die Gott fürchtete,
geziert mit Demut, lieblich, ehrbar, freundlich und
eines niedrigen Herzens; darum hat sie dem König
Ahasverus vor allen andern Jungfrauen wohl gefal-
len; aber sie war nicht hoffärtig in ihrem Stande, und
wiewohl sie in königlichen Kleidern glänzte, so hat
sie sich doch mit Fasten und Bitten zu dem Herrn
für ihre Brüder erniedrigt, damit sie aus ihrer Feinde
Hände erlöst würden, und hat sich selbst nicht höher
geachtet als einer der Geringsten ihrer Brüder.
Seht, meine Geliebten, wenn ihr euren Verstand er-
reicht habt, so seht doch zu, daß ihr euch mit guten
Werken ziert, nämlich mit Werken des Geistes, das
ist mit allerlei Gütigkeit, Freundlichkeit, Sanftmut,
Demut, Gehorsam, Geduld, Gerechtigkeit, Tüchtig-
keit, Ehrbarkeit, Reinigkeit, Friedfertigkeit, Standhaf-
tigkeit, Barmherzigkeit, Weisheit, Ernst zu guten Wer-
ken, Glauben, Hoffnung und Liebe; Gott über alles
lieben, was in der Welt ist, und eurem Nächsten tun,
was ihr wollt, daß man euch tun soll, daran hängt das
ganze Gesetz und die Propheten.
Seht, meine lieben Kindlein, dieses ist der Schmuck
der Heiligen.
Ach, meine Geliebtesten, bestrebt euch doch um
dasselbe Hochzeitskleid, damit ihr mit der Zahl der
Kinder Gottes zur Hochzeit des Lammes eingehen
mögt, wo sie in ihres Vaters Reich wie die Sonne schei-
nen werden.
Dazu wolle euch die starke Hand des Herrn brin-
gen; sie wolle euch geleiten, gleichwie sie Israel aus
Ägypten begleitet hat, und euch in das neue Jerusa-
lem bringen, damit wir am Tage der Auferstehung
einander mit Freuden sehen mögen.
Hiermit will ich euch dem Herrn befehlen; der Gott
Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs wolle
euch bis ans Ende des Lebens bewahren, Amen.
Meine lieben Kindlein, dieses lasse ich euch zum
Andenken oder Testament; wenn ihr damit wuchert,
so werdet ihr damit einen großem Schatz sammeln,
als wenn ich euch viele Reichtümer hinterlassen hätte,
welche doch vergänglich sind, denn die Güter die-
ser Welt kann man durch Brand, Krieg oder Unglück
verlieren.
Darum ist derjenige nicht weise, der sein Herz an
etwas hängt, das vergänglich ist, denn wir haben auch
keine Stunde Sicherheit; wir müssen alles zurücklas-
sen, darum seid nicht betrübt, obschon das, was wir
hatten, zerstreut und verloren ist, wie der Prophet
sagt: Wir müssen jedermanns Raub sein. Darum sollt
ihr noch dem Herrn danken, daß er euch uns gelassen
hat, bis ich euch so weit auferzogen habe, und wenn
ihr in aller Gerechtigkeit wandelt, so wird euch der
Herr genug verleihen. Nehmt ein Exempel an Tobias,
und David sagt: »Der Gerechte soll keinen Mangel haben,
noch sein Samen nach Brot gehen.«
Darum seid auch nicht begierig nach jemandes Gut
oder Kleinodien, und missgönnt es auch niemandem,
daß er mehr hat als ihr; seht auch niemanden um sei-
ner Gabe willen an, sondern folgt dem kleinen Häuf-
lein nach, welche in der Liebe und der Wahrheit wan-
deln, denn die Liebe ist das Band der Vollkommenheit,
316
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
und das Gebot der Liebe übertrifft alle andern Gebo-
te. Darum sucht allezeit denen nachzufolgen, die am
meisten in der Liebe wandeln, denn an den Früch-
ten erkennt man den Baum, obschon dieselben vor
allen Menschen verborgen sind, denn so ist Christus
auch gewesen; auch ist der Knecht nicht besser als
sein Flerr.
Hiermit will ich euch gute Nacht sagen, gute Nacht,
meine lieben Kindlein, gute Nacht, meine lieben
Freunde insgesamt.
Meine Geliebtesten, obschon unsere Widersacher
zu euch sagen, euer Vater und ich seien im Glauben
nicht einig gewesen, so glaubt es doch nicht, denn er
hat von der Taufe und der Menschwerdung Christi die
Wahrheit bekannt, so weit sich sein Begriff erstreck-
te; er hat auch tapfer für die Gerechtigkeit gestanden
und sein Leben dafür gelassen, und hat also, euch
zu einem Exempel, denselben Weg angewiesen, den
die Propheten, die Apostel und Christus selbst ge-
wandelt sind; er musste mit viel Trübsal und Leiden
vorher streiten, und um Christi willen seine Kinder
zurücklassen; darum tut desgleichen, denn es ist kein
anderer Weg, lest fleißig in dem Testamente, Amen.
Noch ein Brief von Soetgen von der Houte an
ihren Bruder und an ihre Schwester, desgleichen
auch an ihre Kinder. Geschrieben aus Liebe.
Der Friede des Herrn sei mit euch, mein lieber Bruder
und meine liebe Schwester, wisst, daß ich zwei Briefe
und deren Einlage empfangen habe; ich bedanke mich
sehr herzlich für alle Freundschaft, die ihr mir jemals
erwiesen habt und noch erweisen werdet, wie ich
hoffe, an meinen drei Schäflein, die ich hinterlasse, ich
befehle sie dem Herrn und denen, welche er ihnen
durch seine Gnade zusenden wird.
Hiermit nehme ich noch einmal Abschied, ich den-
ke, daß es nun das letzte Mal ist; wir sind auch so
wohlgemut, unser Opfer zu tun, daß ich es nicht aus-
sprechen kann, ich möchte wohl vor Freuden sprin-
gen, wenn ich an das ewige Gut denke, das uns zum
Besitze verheißen ist und allen, die in demjenigen be-
harren, was uns der Herr befohlen hat.
Ich weiß nicht, wie ich den Herrn genug preisen
und loben soll, daß er Martha und mich zu solcher
Auszeichnung erwählt hat, die wir doch solche ar-
men, geringen Schafe sind; wir sind niemals in der
Welt anders geachtet gewesen, als ein Ausfegsel, und
doch hat Gott solche verworfene, elendige, schlechte
Erdenwürmer erwählt, daß er durch uns wirken will,
und daß wir seine Zeugen sein sollen, die wir nicht
würdig sind, von uns selbst die geringste Gabe die
der Herr etwa mitteilt, zu empfangen.
Ach, wer kann die Kraft Gottes begreifen, daß er
denen, die hier am meisten verworfen werden, am
gnädigsten ist, sich über sie zu erbarmen, wenn sie ihn
mit Vertrauen anrufen und ihre Hoffnung auf seine
Gnade feststellen bis ans Ende, solche kann der Herr
unmöglich verwerfen. Darum bitte ich alle, die den
Herrn lieben, daß sie ihre Herzen demütigen, denn
der Herr spricht durch den Propheten Jesaja: »Bei dem
will ich wohnen , der eines zerschlagenen Geistes und zer-
brochenen Herzens ist, der vor meinem Worte zittert.«
Ach, diejenigen, die sich vor dem Herrn so demüti-
gen und sich nicht einbilden, daß sie etwas vor Gott
und vor den Menschen seien, die wird Gott erhöhen
und reich machen an himmlischen Gütern. Gedenkt,
wie Christus die Niedrigkeit erwählt hat, als er die
Herrlichkeit seines Vaters verließ, und in die untersten
Örter der Erde herabstieg; er ist aus Gehorsam gegen
seinen Vater und aus großer Liebe Mensch geworden;
mit großer Demut ist er uns zum Dienste hierher ge-
kommen, hat Pein und Schmach erlitten, und alles mit
Geduld und Langmut ertragen, aus Gehorsam gegen
seinen Vater bis an den Tod, bis er alles vollbracht hat,
damit er uns selig machte. Ach, welch eine Liebe hat
er uns bewiesen mit Angst und Seufzen! Wie er nach
seiner Menschheit sagte: »Ach, wie ist mir so bang, bis
es alles vollbracht ist!«
Ach, meine Geliebtesten, denkt an unsern Vorgän-
ger Jesum Christum, wie er die Niedrigkeit Maria an-
gesehen hat und von ihr geboren werden wollte, und
wiewohl sie zu einer solchen Auszeichnung erwählt
war, so hat sie sich doch gedemütigt, erniedrigt und
gesagt: Sieh, ich bin des Herrn Magd, denn Gott hat
die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, darum wer-
den mich alle Geschlechter selig preisen, denn seine
Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht
bei allen denen, die ihn scheuen oder fürchten; denn er
zerstreut die Hoffärtigen, er hat den Gewaltigen vom
Throne gestoßen und den Geringen hat er erhoben,
den Hungrigen erfüllt er mit Gütern, die Reichen hat
er leer gelassen, den Armen wird das Evangelium ge-
predigt; selig sind, die da hungern und dürsten nach
der Gerechtigkeit, denn sie sollen gesättigt werden.
Ach, meine Geliebtesten, meine herzliche Begierde
und Bitte ist zum letzten Male, daß ihr euch befleißigt,
in der Liebe und in der Einfalt zu wandeln, und al-
lezeit untereinander eins gesinnt seid in der Furcht
Gottes, damit ihr mit himmlischen Gütern erfüllt und
satt werden mögt, von nun an bis in Ewigkeit, Amen.
Hiermit will ich euch dem Herrn anbefehlen und
dem Worte seiner Gnade, derselbe müsse euch alle
trösten, stärken und kräftig machen mit seinem Geiste,
daß ihr dasjenige ausführen mögt, wozu ihr berufen
seid, zum Lob und Preise des Herrn, damit ihr euch
317
miteinander erfreuen und an des Herrn Tafel sitzen
mögt, wo er uns in seines Vaters Reich mit dem neuen
Weine dienen wird.
Dieses wurde geschrieben, als wir unser letztes
Abendmahl gehalten hatten, wie wir dafür hielten.
Hiermit sage ich allen meinen Brüdern und Schwes-
tern gute Nacht; ich und Martha, meine Schwester in
dem Herrn, lassen euch zum letzten Mal sehr grüßen
mit dem Frieden des Herrn, auch alle, die uns bekannt
oder unbekannt sind, wo sie auch sein mögen. Wir
sind fröhlich in dem Herrn und sagen gute Nacht, bis
wir dort oben in dem neuen Jerusalem Zusammen-
kommen. Lest diesen letzten Abschied allen, die ihn
zu hören begehren, ehe ihr ihn fortsendet, und sendet
ihn alsdann meiner Schwester Betgen.
Mein liebes Kind Betgen, ich bin sehr erfreut, daß
mich der Herr so lange aufgespart hat, daß ich vor
meinem Tode noch durch deinen Brief, worin du mich
gestärkt hast, erfreut worden bin; ich bitte den Herrn,
daß er dich mit seinem Geiste stärken und kräftig
machen wolle, damit du fortwandeln und dem Besten
nachkommen mögest, wie du mir geschrieben hast.
Ach, meine lieben Schäflein, seht zu, daß ihr eure
jungen Jahre nicht in Eitelkeit, Hoffart, Saufen oder
Fressen, sondern in Mäßigkeit, in der Demut, in der
Furcht Gottes zubringt, und befleißigt euch aller gu-
ten Werke, damit ihr mit dem Schmucke der Heiligen
bekleidet werden möget, und Gott euch würdig ma-
che, durch seine Gnade zur Hochzeit des Lammes
einzugehen, damit wir einander daselbst mit Freuden
sehen mögen. Euer Vater und ich haben euch und
noch vielen andern den Weg gezeigt; nehmt ein Ex-
empel an den Propheten und Aposteln, ja an Christo
selbst, welche diesen Weg gegangen sind, und wo das
Haupt vorgegangen ist, da müssen ja auch die Glieder
nachfolgen.
Hiermit will ich euch dem Herrn anbefehlen und
dem Worte seiner Gnade. Dies ist mein letzter Ab-
schied, meine lieben Schäflein, gedenkt allezeit anein-
ander in der Liebe, und lernt wohl lesen und schreiben
und seid einem jeden gehorsam zum Guten. Wenn
dein Bruder David und Tanneken zu dir kommen,
so grüßt euch untereinander in meinem Namen mit
einem freundlichen Kusse des Friedens.
Hiermit sage ich gute Nacht, mein liebes Kind
Betgen, gute Nacht, meine lieben Kindlein David
und Tanneken; gute Nacht, meine lieben Brüder und
Schwestern, wie auch Freunde insgesamt aller Orten.
Noch einmal sagen wir gute Nacht, grüßt auch Vet-
ter und Base in meinem Namen aufs Beste mit dem
Kusse des Friedens.
Geschrieben von mir, Soetgen von der Houte, eurer
Mutter, in Banden. Geschrieben in Eile, als ich vor
Kälte zitterte, aus Liebe zu euch allen, Amen.
Joost Joosten zu Beer in Seeland verbrannt, im
Jahre unsers Herrn 1560.
Im Jahre 1560 wurde zu Beer in Seeland ein junger Bru-
der, namens Joost Joosten, aus Goes, einem Städtlein
in Seeland, welcher in der lateinischen Sprache sehr
wohl erfahren war, gefangen genommen; hiermit hat-
te es folgende Bewandtnis: Als derselbe Student und
ungefähr vierzehn Jahre alt war, ist der König Phil-
ipp nach Seeland gekommen, bei welcher Gelegenheit
dieser Joost Joosten in der Kirche auf der Orgel den
Choral gesungen hat, wie es in der römischen Kirche
gebräuchlich ist; es hatte aber der König ein solches
Wohlgefallen an dem Singen des Knaben, daß er ihn
mit nach Spanien nehmen wollte, weshalb Joost Joos-
ten sich etwa sechs Wochen verborgen hielt, weil er
nicht mitziehen wollte. Nachher ist er zum wahren
Glauben bekehrt worden und hat sich auf seinen Glau-
ben taufen lassen, und also ein christliches Leben ge-
führt; dieses konnten die Beneider der Wahrheit nicht
ertragen, weshalb sie ihn gefangen genommen haben,
als er achtzehn Jahre alt war. Er hat viele Anfechtun-
gen ausstehen müssen, und ist einige Male versucht
worden, vom Glauben abzufallen; er hat auch mit
vier Ketzermeistern über viele Glaubensartikel einen
Wortstreit gehalten, welche große Mühe anwandten,
ihn zu ihrer Religion zu ziehen. Als sie ihn nun auf
solche Weise nicht beikommen konnten, haben sie ihn
schrecklich gepeinigt, hauptsächlich mit einem Werk-
zeuge, genannt eiserne Teerlingen, welche sie ihm an
den Knien hineingetrieben, sodass sie an den Knö-
cheln wieder zum Vorschein kamen. Dieses alles aber
hat er mit großer Geduld standhaft ertragen, und den
Schatz, den er in einem irdischen Gefäße hatte, treu-
lich bewahrt; darum ist er auch von Herodis Kindern
zum Feuer verurteilt worden, welches Urteil sie an
einem Montage vor Christtag an ihm vollzogen. Er
freute sich sehr im Herrn, als er zum Tode hinausge-
führt wurde, und sang, als er in das Strohhäuschen
ging, in welchem er verbrannt werden sollte, den letz-
ten Vers des Liedleins, welches er selbst gemacht hatte
und welcher so anfängt: »O Herr! Du bist ja stets in
meinem Sinn«
Er hat auch sein Glaubensbekenntnis geschrieben,
welches einige Bogen stark, aber im Verlaufe der Zeit
verloren gegangen ist.
Koolaert, der Küfer, 1561.
Zu Honschote in Flandern wurde auch im Jahre 1561
um der Wahrheit willen ein Bruder, genannt Koolaert
318
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der Küfer, gefangen genommen, welcher, als er sei-
nen Glauben freimütig bekannte, nach Wynoxberg
geführt wurde, und als er auch daselbst durch kei-
ne Qual oder Pein, die ihm angetan wurde, bewogen
werden konnte, daß er zur rechten oder linken Seite
abgewichen wäre, so ist er zum Tode verurteilt und
um St. Martini, um des Zeugnisses des Herrn Jesu
Christi willen, lebendig verbrannt worden.
Jons Verbeek, 1561.
Der Markgraf zu Antwerpen ist mit einem großen
Haufen Volkes, der mit Prügeln und Stäben wohl ver-
sehen war, ausgezogen, und hat Jons Verbeek, einen
Diener des Wortes Gottes und seiner Gemeinde, den
7. Juni 1561, gefangen genommen. Als er nun darauf
den neunten desselben Monats verhört wurde, hat
er sowohl von seinem Glauben als auch von seinem
Amte ein freimütiges Zeugnis abgelegt, worüber der
Markgraf und die Herren ihr Gespött hatten. Auch
wurde er hart gefoltert; aber Gott hat seinen Mund
in allem bewahrt, sodass er niemanden in Ungelegen-
heit gebracht hat, wiewohl man so unbarmherzig mit
ihm umging, daß auch ein Strick an seinem Leibe in
Stücken riss, und er in vier Tagen zweimal auf die
Folter musste, wobei er auch wieder bis aufs Blut ge-
geißelt wurde. Er hat alles in Geduld erlitten; doch
hat er es sehr beklagt, daß sie seine rechte Hand ge-
brochen, oder durch das Foltern lahm gemacht hätten,
sodass er um deswillen nicht schreiben konnte.
Den zwanzigsten Tag des Monats wurde er vor Ge-
richt gebracht; hier fragte ihn der Schultheiß, ob er
wiedergetauft wäre. Er antwortete: Fragt mich nach
meinem Glauben; dieses habe ich auf dem Steine vor
den Herren und vor dem Markgrafen bekannt. Darauf
fragte ihn der Schultheiß, was er von der Kindertaufe
hielte. Er erwiderte: Ich habe euch bekannt, daß diesel-
be nicht von Gott, sondern eine Menschensatzung sei.
Der Schultheiß fragte abermals, ob er wiedergetauft
sei, und sagte: Sage ja oder nein, denn ich weiß, du
wirst nicht lügen; darum sage mir die Wahrheit. Er
antwortete: Ich habe mich auf meinen Glauben taufen
lassen, wie Christus Mt 28 und Mk 16 lehrt.
Als er nun seinen Glauben, seine Taufe und Lehre
bekannt hatte, durfte er nicht weiter reden. Die Herren
fällten das Urteil über ihn; unterdessen sagte er zum
Volke: Liebe Bürger, ich habe elf Jahre hier gewohnt,
und niemand kann über mich klagen, denn ich habe
niemandem jemals einen Schaden zugefügt; ebenso
kommt auch mein Leben und meine Lehre mit dem
Worte Gottes überein. Nach diesen Worten rief ein
Bruder: Das ist wahr. Als solches die Büttel hörten,
standen sie auf und untersuchten, wer dieser Bruder
gewesen sei, aber sie fanden ihn nicht.
Joos sagte: Ach, daß ich mich öffentlich wider die
Pfaffen verantworten dürfte, die bei mir auf dem Stei-
ne gewesen sind, wie Paulus erlaubt war, vor Agrippa
zu tun, aber man verbietet uns das Reden.
Als er vom Gerichte ging, sagte er: Der, welcher
Daniel aus der Löwengrube erlöst hat, wird mich auch
bewahren, denn was ich leide geschieht um des Herrn
Namens und nicht um einer Übeltat willen.
Das ist wahr!, rief ein Bruder. Andere riefen: Streite
tapfer, lieber Bruder! Joos sprach: Tapfer und freimü-
tig, liebe Bürger, so müssen alle Kinder Gottes leiden;
diesen Weg sind die Heiligen Gottes, die Propheten
und so viele fromme Männer gewandelt.
Als er zu dem Häuslein kam und vor der Türe der
Hütte stand, in welcher er sein Brandopfer tun sollte,
erhob er seine Augen gen Himmel und sagte: O hei-
liger Vater!, stehe in dieser Not deinem Knechte bei.
Der Schinderknecht wollte ihm einen Strick mit einem
Knoten in den Mund stecken, um ihn am Reden zu
verhindern, aber er hat gleichwohl nicht geschwiegen,
denn man hörte ihn rufen: O Herr, du Sohn Davids!,
erbarme dich meiner!
Der Scharfrichter verrichtete sein Werk mit Zittern
aus Furcht. Als das Feuer angesteckt wurde, rief Joost:
O himmlischer Vater, in deine Hände befehle ich mei-
nen Geist! O Herr der Heerscharen!, der du mich von
meiner Mutter Leibe an abgesondert hast, stehe dei-
nem Knechte in dieser letzten Not bei, da ich um dei-
nes Namens willen leide. Er rief auch noch einmal: O
himmlischer Vater, in deine Hände befehle ich mei-
nen Geist! Darauf hat er, uns allen zum Spiegel und
Vorbilde, ein ruhiges und eifriges Opfer getan.
Ein kleiner Brief, von Joos Verbeek im
Gefängnisse zu Antwerpen an sein Weib
geschrieben.
Gnade und Barmherzigkeit von Gott, unserm himmli-
schen Vater, und unserm Herrn Jesu Christo, wünsche
ich dir, mein liebes Weib und Schwester im Herrn,
zum freundlichen Gruße alle Tage deines Lebens in
rechtem Ernste des Heiligen Geistes, Amen.
Ich lasse dich und alle meine fünf Kindlein sehr
herzlich grüßen; ziehe sie auf in der Unterweisung
zum Herrn, und wandle, wie den heiligen Frauen
geziemt, damit die jungen Weiber lernen züchtig sein,
ihre Männer lieben, daß sie keusch, sittig und ihren
Männern untertan seien, und halte fest an der Lehre,
die du jetzt bekennst.
Der Herr mache dich tüchtig zu allen guten Wer-
ken; in demjenigen, was deinem Rufe geziemt, sei
hiermit dem allmächtigen Gott anbefohlen, und dem
319
Worte seiner Gnade; er gebe, daß wir einander in der
Ewigkeit sehen mögen.
Von mir, Joos Verbeek, deinem Manne und Bruder
in dem Herrn, zu Antwerpen auf dem Steine, wo ich
um des Zeugnisses Jesu Christi willen gefangen lie-
ge, mit meiner linken Hand geschrieben, weil meine
rechte vom Foltern lahm war.
Grüße mir alle Freunde, insbesondere die Diener.
Julius Klampherer, 1561.
Im Jahre 1561 ist der Bruder Julius Klampherer, aus
Welschland oder Italien, um seines Glaubens und der
göttlichen Wahrheit willen zu Venedig gefangen ge-
setzt worden; darauf haben sie ihn oft vorgenommen,
verhört, ausgefragt und mit ihm gehandelt, um ihn
zum Abfalle zu bringen; aber er hat sich stets weis-
lich verantwortet, und es ist ihm auch erlaubt worden,
dasjenige, was er mit den verordneten päpstlichen
Gesandten verhandelte, nämlich seines Glaubens we-
gen, schriftlich aufzusetzen, sich also zu verantworten,
und mit seiner eigenen Schrift seines Glaubens we-
gen Rechenschaft zu geben. Als er nun solches getan
hatte, und dabei standhaft blieb, haben sie ihn zuletzt
verurteilt, daß er in die Tiefe der See geworfen wer-
den sollte; worauf er antwortete: Das ist mir nichts
Unerwartetes, denn es ist mir im Anfänge meiner
Bekehrung verkündigt worden, daß ich um des Zeug-
nisses der Wahrheit willen den Tod zu erwarten hätte;
das aber kommt mir fremd vor, daß die Herren von
Venedig in ein solches Urteil einwilligen und weder
bedenken, noch überlegen, daß sie am jüngsten Tage
vor Gott von dem unschuldigen Blute Rechenschaft
geben müssen.
Darauf gaben sie ihm zur Antwort, daß sie ihn
hierum nicht gefragt hätten; weil sie aber keinen Ge-
fallen an seiner Rede hätten, so vergönnten sie ihm
auch nicht, weiter zu reden, sondern haben ihn wieder
schnell nach dem Gefängnisse führen lassen.
Da sie sich vorgenommen hatten, ihr ausgesproche-
nes Urteil zu vollstrecken, so haben sie ihm nach ihrer
Gewohnheit, weil er ein Pfaffe war, die Priesterwei-
he abgenommen, und ihn in der Abenddämmerung
hinausgeführt, unter dem Vorwände, daß sie ihn vor
die Obrigkeit führen wollten; haben ihn aber unver-
sehens in die Tiefe der See geworfen und ertränkt,
wiewohl er damals nichts anderes erwartete; er ist
deshalb fröhlich gewesen, hat allezeit gesungen und
Gott mit fröhlichem und tapferen Gemüte gelobt, bis
er die Krone der frommen Märtyrer und getreuen
Zeugen Jesu Christi erlangt hat; und wiewohl sie ihn
heimlich bei Nacht ertränkt haben, so wird doch sol-
ches öffentlich an dem großen Tage des Herrn ans
Licht kommen und schwer gerächt werden.
Lorenz von der Walle, Anthonius Schönfeld,
Kalleken Strings, Syntgen Potvliets und Maeyken
Kocx, im Jahre 1561.
Im Jahre 1561 haben sich einige Brüder und Schwes-
tern nach ausgestandener starker Verfolgung bei
Ypern in Flandern niedergelassen, um dort an einem
Orte, auf dem hohen Sieken genannt, zu wohnen.
Nachdem dieselben Geld, Gut, Freunde und Verwand-
te, um der Nachfolge Christi willen, verlassen hatten,
wohnten sie dort in der Stille und ernährten sich mit
Schmalweben, mit welchem Handwerke sie die Kost
zu verdienen suchten; sie sind aber ausgekundschaf-
tet worden, als sie eben beieinander saßen und arbeite-
ten; deshalb ist der Ketzermeister, in Begleitung einer
großen Volksmasse, die mit Prügeln und Schwertern
und Stricken versehen war, dahin gekommen, um sie
zu fangen, und zwar zu der Stunde, als Anthonius,
der zum Besuche da war, Abschied genommen hatte
und an der Türe stand um fortzugehen.
Als sie nun mit großem Getümmel ankamen, ist
Syntgen Potvliets (welche schwanger war) zuerst zum
Hause hinausgelaufen, und ist auf die Weise gefangen
genommen worden; Carl N. lief auch zur Tür hinaus,
und Meister Claes (welcher ein großer Verfolger und
Gehilfe des Ketzermeisters war) lief ihm mit dem blo-
ßen Schwerte nach und hieb nach ihm, und wiewohl
er ihn verwundete, so ist er doch entronnen; Maeyken
Kocx (welche auch schwanger war) wurde von dem
Ketzermeister, der ein bloßes Schwert in der Hand hat-
te, angegriffen, und als sie ihm zurief, er sollte doch
des Kindes schonen, hat sich derselbe sehr blutdürs-
tig gebärdet, und hat sich selber, wie ein unsinniger
Mensch, verwundet.
Lorenz von der Walle, Anthonius Schönfeld und
Kalleken Strings wurden auch gefangen genommen,
Heinrich N. aber ist gleichfalls entronnen.
In der Zeit, daß man sie band, haben sie einander
mit dem Worte Gottes getröstet, und als man sie aus
dem Hause brachte, haben sie zu den Nachbarn ge-
trost gesagt: Kann wohl jemand sich über uns bekla-
gen, daß man uns solches Leid zufügt? Es ist um des
Namens Christi willen, wir dürfen uns dessen nicht
schämen.
Als sie nach der Stadt gingen, fing Kalleken an, ein
Lied zu singen, worauf Meister Claes sagte: Die Apo-
stel haben nicht gesungen, wie du dich gebärdest, so
will ich auch nicht tanzen; warum singst du denn?
Anthonius antwortete: Fürchte diese nicht, Schwester,
sondern singe fröhlich; darauf hat ihr Lorenz singen
helfen. Als sie in die Stadt kamen, ist eine große Volks-
320
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
menge zugeströmt, worauf sie durch Singen und Re-
den das Wort Gottes offenbart haben; unter andern
sagte Lorenz: Daß wir gefangen sind, solches ist um
keiner Übeltat willen geschehen, sondern weil wir
nach dem Worte Gottes leben.
Kalleken Strings sagte: Die Pforte ist enge, und der
Weg schmal, der zum Leben führt, bereitet euch da-
zu vor, tut Gutes und verlasst das Böse, und fürchtet
nicht die Regenten dieser Welt, sondern kauft Testa-
mente, lest darin den Rat Gottes, und folgt demselben.
Da wurden sie auf den Hof von der Sale gefangen
gesetzt, wo sie einige Monate und Tage gefangen sa-
ßen, geduldig und guten Muts, und darauf warteten,
wann sie ihre Opfer tun sollten; unterdessen haben
viele Brüder und Schwestern sie besucht und getrös-
tet; auch hat man sie sämtlich wegen ihres Glaubens
untersucht, welchen sie ohne Scheu bekannt haben,
und auch um keiner Pein oder Leidens willen davon
abweichen wollten.
Endlich, nach vieler ausgestandener Marter sind
Lorenz von der Walle, Anthonius Schönfeld und Kal-
leken Strings, weil sie tapfer und standhaft bei der
bekannten und angenommenen Wahrheit beharrten,
von dem Ketzermeister der weltlichen Obrigkeit in
die Hände überantwortet worden, damit sie mit ih-
nen nach Inhalt des königlichen Befehls handelten; er
hat auch bei der Überlieferung (vor den Ohren des
unverständigen Volkes) große und harte Beschuldi-
gungen über sie (wie er meinte) abgelesen, als unter
andern, daß sie bekannt und gestanden hätten, der
Papst zu Rom sei der Antichrist; daß sie die römische
Kirche für die babylonische Hure hielten; daß sie vom
Sakramente urteilten, das es ein abscheulicher Götze
sei, etc.
Darauf begann Lorenz zu sagen, er hätte nicht ohne
ausführliche Erklärung in solcher Weise bekannt und
ausgesagt; aber man befahl ihm sofort, in heftigen
Worten, still zu schweigen, worauf er jedoch sagte:
Dieben und Mördern wird erlaubt einen Fürsprecher
zu haben, aber ihr habt es dahin gebracht, daß weder
Fürsprecher noch Advokat für uns reden darf, darum
müssen wir ja für uns selbst reden.
Kalleken Strings aber, welche sich niedergesetzt hat-
te, um auszuruhen, und welche ihr Haupt auf die
Hand gestützt hatte, weil sie durch das Foltern sehr
gemartert worden war, hat sich nicht weniger unge-
scheut durch Reden hören lassen.
So sind denn nun, auf des Ketzermeisters Zeugnis,
Lorenz von der Walle und Anthonius Schönfeld von
der Obrigkeit dahin verurteilt worden, daß sie öffent-
lich an einem Pfahle erwürgt und verbrannt werden
sollten; zu dem Ende ist auch auf dem Markte eine
Schaubühne mit zwei Pfählen, sowie Holz und Stroh,
zubereitet worden.
Sie wurden mit den Armen aneinander gebunden,
vorgeführt und als sie an den Ort kamen, wo ihr Op-
fer geschehen sollte, sind sie auf die Knie gefallen
und haben ihr Gebet zu Gott verrichtet; als sie aber
wieder aufstanden, hat der Scharfrichter sie wegen
des bevorstehenden Werkes um Verzeihung gebeten,
worauf sie ihm liebreich vergeben haben (nach der
Lehre Christi).
Fürwahr, sprach Lorenz überlaut zu der Obrigkeit,
er wolle es ihnen, und allen, die daran Schuld wären,
gern vergeben; auch sagte er ohne Scheu wie der dritte
Sohn des makkabäischen Weibes: Diese Glieder hat
mir Gott vom Himmel gegeben, darum will ich sie
gern um seines Gesetzes willen wieder lassen. Als sie
beide in das Häuslein gingen, haben sie allen Brüdern
und Schwestern, die in vielen Ländern, Städten und
Dörfern zerstreut sind, gute Nacht zugerufen, und als
sie ihren Geist in die Hände Gottes befohlen, sind sie
von dieser Welt geschieden.
In dem Monat Oktober desselben Jahres ist auch
Kalleken Strings, eine sehr schöne und wohlgesittete
Jungfrau, der weltlichen Obrigkeit übergeben worden;
sie war sittsam, unverzagt und standhaft, daß man sie
keineswegs von ihrem Glauben abbringen konnte, we-
der durch schöne Verheißungen der Güter, des Geldes
oder des zeitlichen Wohlstandes, noch durch Pein und
schwere Marter (obgleich sie so sehr gefoltert wurde,
daß man sie auch wie tot von der Bank aufgehoben
hat); auch selbst ihre Mutter, als sie zu dem Ende zu
ihr ins Gefängnis kam, konnte sie nicht bewegen und
ihren Endzweck nicht erreichen, sondern, als sie ih-
rer Tochter Standhaftigkeit und freundliches Betragen
hörte und sah, hat gesagt: Meine Tochter ist besser als
ich.
Nachher ist sie auch dahin verurteilt worden, daß
sie erwürgt und verbrannt werden sollte; daraus sag-
te sie: Nun habt ihr mich, nach des Kaisers Befehle,
zum Feuer verurteilt; fürchtet euch vor dem Gerich-
te, welches Gott halten und euch zum ewigen Feuer
verurteilen wird.
Als man nun glaubte, daß sie gerichtet werden soll-
te, ist aus der Nähe und Ferne eine große Volksmenge
zusammen gekommen, um solches zu sehen. Als die
Obrigkeit das sah, und Aufruhr befürchtete, so hat
sie Kalleken nicht herausbringen lassen, sondern der
Scharfrichter kam aus dem Schlosse und sagte zum
Volke, sie sei schon tot. Hiernach ist das Volk aus-
einander gegangen, in der Meinung, sie sei heimlich
enthauptet worden.
Aber des andern Tages früh ist sie unvermutet auf
den Markt gebracht worden, wiewohl keine Schau-
bühne, sondern nur andere Gerätschaft zugerüstet
321
war, und ist, als sie ihr Gebet zu Gott verrichtet, und
ihren Geist in seine Hände befohlen hatte, das Urteil
an ihr vollzogen worden. Also ist sie von dieser Welt
geschieden, und ist mit brennenden Lampen ihrem
Bräutigam entgegen gegangen.
Unterdessen ist Syntgen Potvliets, weil sie nicht
standhaft blieb, wieder freigelassen worden, Maey-
ken Kocx aber, welche allezeit standhaft blieb, ist auf-
gespart und verwahrt worden, bis sie geboren hatte
und das Kindbett zu Ende war; darauf ist sie (obwohl
ihr Herz sehr an ihrem Manne und ihren Kindern
hing), weil sie Gott über alles liebte, und aus Liebe
zu ihm bei der erkannten und angenommenen Wahr-
heit blieb, und diesen köstlichen Schatz höher hielt
als ihr eigenes Leben, verurteilt worden, öffentlich
an einem Pfahle erwürgt und verbrannt zu werden,
welches auch so geschehen ist, und ist sie, als sie ihren
Geist in die Hände Gottes befohlen, freudig aus dieser
Welt geschieden, weil sie wusste, daß sie die ewige
Freude ererben und mit den fünf klugen Jungfrauen
eingelassen würde, wenn die Stimme zur Mitternacht
rufen wird: Siehe, der Bräutigam kommt, geht ihm
entgegen.
Orvel, Jan und Pleunis, 1561.
Um diese Zeit sind auch Orvel, Jan und Pleunis zu
Köln um der Wahrheit willen voneinander abgeson-
dert, gefangen gesetzt worden, und weil sie die Wahr-
heit standhaft bekannten und durch keine Marter oder
Verführung bewogen werden konnten, von derselben
abzufallen, sondern getreu blieben, so sind sie endlich
auf den Rhein gebracht und daselbst ertränkt worden,
nachdem sie ihre Seelen in die Hände Gottes befohlen
hatten. Im Jahre 1561.
Franz von Elstland, im Jahre 1561.
Ein Bruder, Franz von Elstland, sonst Franz von Mee-
nene genannt, seines Handwerks ein Maurer, ist von
Meenene nach Arien in Welsch-Flandern gezogen, um
dort zu mauern oder zu arbeiten, und dadurch seine
Kost zu verdienen; er ist aber daselbst auf St. Denys-
tag, den 9. Oktober 1561, gefangen genommen wor-
den, als er eben das Pferd eines Herrn, für welchen
er arbeitete, an das Wasser führte, weil er den Ab-
gott der Pfaffen nicht mehr ehrte. Als sie ihn nun oft
verhörten, und mit Bedrohungen und Marter ihm zu-
setzten, und er gleichwohl von seinem Glauben nicht
abstehen wollte, so ist er endlich den 21. Oktober als
Zeuge Gottes lebendig verbrannt worden. Während
der Exekution hat der Mönch unverschämter Weise
gerufen: Gehe hin, du Verfluchter, von diesem Feuer
ins ewige Feuer; aber Franz, der solches geduldig er-
trug, hat Gott die Rache überlassen, welcher zu seiner
Zeit recht richten wird.
Johannes Schut, im Jahre 1561.
Auch ist im Jahre 1561 noch ein tapferer Held und
Streiter Jesu Christi, genannt Johannes Schut, in der
Stadt Vreden in Westfalen, weil er Christo nachfolg-
te und nach dem heiligen Worte Gottes lebte, in die
Hände der Tyrannen und Verfolger gefallen; er hat
dort schwere Haft und Bedrohungen des Todes erlit-
ten und durch Gottes Gnade ertragen. Als er gebun-
den vor die Herren gebracht wurde, um von seinem
Glauben Rechenschaft zu geben, hat er auch freimütig
bekannt, daß er nach Gottes Wort glaube.
1. Fragten sie ihn nach seiner Taufe, und was er
von der Kindertaufe hielte. Er antwortete, er wäre
auf seinen Glauben getauft, wie solches Christus, sein
getreuer Heiland, Mk 1 6, uns befohlen, daß man die
Taufe allein den Gläubigen und nicht den unvernünf-
tigen Kindern mitteilen soll, und daß er niemals in der
Heiligen Schrift von einer Kindertaufe gelesen habe,
weshalb auch solches keineswegs mit Gottes Wort er-
wiesen werden könne, sondern die Taufe käme allein
denen zu, die ihr sündhaftes Leben gebessert hätten.
Sie fragten ihn mit Ungestüm, ob er nicht gesinnt
wäre, davon abzustehen. Er antwortete, es sei ihm kei-
neswegs nützlich, daß er Gottes Wort verlassen und
des ewigen Todes sterben sollte, sondern er wollte
lieber um der Wahrheit willen leiden, und wäre auch
die Pein noch so groß,
2. Von des Herrn Abendmahle hat er auch gründ-
lich vor ihnen bekannt, daß man solches nach der
Einsetzung Christi halten müsse, und daß man sich
dabei mit demütigem Herzen seines bittern Leidens
und unschuldigen Todes erinnern soll, und wie er sein
teures Blut für uns arme Sünder am Kreuze vergossen
habe.
3. Haben sie ihn alle mit vielen Worten gefragt, ob
Christus, unser Heiland, nicht von Maria Fleisch und
Blut wäre; da aber dieser Punkt ein Hauptartikel des
christlichen Glaubens ist, so hat er auch gründlich
dahin geantwortet, er habe diese ihre Behauptung nie-
mals in Gottes Wort gelesen. Er fragte sie: Wie sollte
der von der Erde sein können, den Gott der Vater
vom Himmel herniedergesandt hat? Aber die reine
Jungfrau Maria hat ihn vom Heiligen Geiste empfan-
gen, und er ist durch die Kraft des Allerhöchsten ein
Mensch geworden, sodass das Heilige, das von ihr ge-
boren worden ist, der Sohn des allerhöchsten Gottes
genannt wird, ohne daß er auf irgendeine Weise des
besudelten und sündlichen Fleisches des Menschen
322
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
teilhaftig geworden wäre, sondern es ist das Wort
(nach dem Zeugnisse Johannes) Fleisch oder Mensch
geworden, sodass man die Herrlichkeit des eingebo-
renen Sohnes des Vaters betastet und gesehen hat.
Dadurch sind die Verheißungen Gottes, daß Christus
aus dem Geschlechte Davids kommen sollte, in ihm
vollkommen erfüllt worden, durch welchen wir alle,
die wir verloren waren, erlöst und mit Gott versöhnt
worden sind.
4. Fragten sie wegen ihrer Obrigkeit, ob sie nicht
von Gott wäre. Er antwortete: Ja, zum Schutze der
Frommen und zur Strafe der Übeltäter, und von Gott
verordnet, um ihre Länder in Frieden zu regieren.
5. Fragten sie ihn, was er vom Ehestande hielte. Er
antwortete, daß ein Mann mit einem Weibe zusam-
men in den Ehestand verbunden seien, und daß diese
Treue durch nichts als Ehebruch wieder geschieden
werden möge, worin er der Lehre Christi, Mt 1 9, nach-
gefolgt ist.
6. Fragten sie ihn wegen Aufruhrs und Meuterei,
aber er antwortete, daß er nichts von solchen bösen
Dingen hielte, sondern daß er und auch seine Mit-
brüder unterrichtet waren, ihre Feinde zu lieben, und
denen wohlzutun, die ihnen Übels täten und sie ver-
folgten; daß auch nichts anderes von ihm und seinen
Mitbrüdern in Wahrheit gehört werden würde.
7. Fragten sie ihn, wer sein Hauptmann wäre. Er
antwortete, es wäre solches Christus mit seiner Lehre,
dieser hätte ihn in Frieden berufen. Bei diesem seinem
getreuen Heilande und seiner gesegneten Lehre hoffe
er zu bleiben, und solches mit seinem Tode und Blute
zu befestigen.
Darauf haben ihn die Tyrannen zum Tode verurteilt,
und er ist mit dem Schwerte gerichtet worden. Der
oberste Richter aber, der dieses Urteil gefällt hatte, hat,
als er wenige Tage nach dem Tode des Johannes Schut
an dem Leichnam vorüber ritt, spottender Weise ge-
rufen: Schut, singe uns mm ein Liedlein; weil Schut
in seinem Trübsale guten Muts gewesen, und viel im
Gefängnisse und als er zum Tode hinausging, gesun-
gen hat, worauf den Richter ein Schlagfluss getroffen
hat, daß er zu niemandem mehr redete, sondern kurz
darauf gestorben ist. Viele haben dafür gehalten, es sei
solches eine Rache und Strafe Gottes für ihn gewesen.
Leset von dieser Geschichte sein eigenes Liedlein
im alten Liederbuch, welches anfängt: O Herr, ich mag
wohl klagen.
Johann, Henrich, Bastian, Hans, Mariken von
Meenen, Beetken von Brugh und Lintgen, im Jahre
1561, den 15. August.
Ferner sind im Jahre unsers Herrn 1561 zu Antwer-
pen in Brabant um des Zeugnisses Jesu Christi willen
sieben fromme Zeugen der Wahrheit gefangen genom-
men worden, mit Namen Johann, Henrich, Bastian,
Hans, Mariken von Meenen, Beetken von Brugh und
Lintgen. Diese alle haben das Haus ihres Glaubens
so fest und unbeweglich auf ihr Haupt und Eckstein
Christum Jesum gebaut, daß sie weder durch die Welt-
weisheit der Papisten und ihre boshafte Verführung,
noch durch ihre Tyrannei und Gewalt zum Abfal-
le gebracht werden konnten, sondern ihr Glaube ist
viel köstlicher erfunden worden, als das vergängliche
Gold, das durch Feuer geläutert wird; darum haben
sie in dem genannten Orte den 15. August des gemel-
deten Jahres ihr Leben um der Wahrheit übergeben,
und das Ende des Glaubens, welches die ewige Selig-
keit ist, durch Gottes Gnade erlangt. Darum warten
sie nun, daß sie die Krone der ewigen Herrlichkeit mit
allen Frommen in der Ewigkeit empfangen mögen.
Leset hiervon das schöne große Lied im zweiten
Liederbuche, welches zum Tröste dieser gefangenen
an sie gerichtet worden ist, und so anfängt: Liebe
Brüder, wir grüßen euch mit Singen.
Zwölf Christen zu Brügge. Adrian Brael, Lukas
Hendriks, Martin Amare, Nikasen Amare,
Hansken Liß, Andreas Müller, Anthonius Kente,
Hansken Parmentier, Jan R., Jelis Outerman,
Francintgen Müllerin, Maeyken Trams, 1561.
Im Jahre 1561 des Abends vor St. Martinstage hat
es sich zugetragen, daß zu Brügge in Flandern ei-
nige Christen versammelt waren, welche einander
mit dem Worte des Herrn lehrten und zur Besserung
des Lebens ermahnten. Als die Herren davon Nach-
richt erhielten, haben sie des Amtmanns Diener da-
hingesandt, welche, als sie dort ankamen, hinein ge-
sprungen sind und gerufen haben: Gebt euch gefan-
gen, oder wir durchstechen euch; übergebt auch euer
Gewehr und eure Bücher. Darauf haben sie geant-
wortet: Wir sind das Volk nicht, das sich selbst zu
rächen sucht, sondern wir überlassen Gott die Rache,
der wird zu seiner Zeit Rache ausüben. Da wurden
zwei und zwei aneinander gebunden und nach dem
Steine, das ist das Gefängnis, geführt. Sie gingen un-
verzagt fort, und trösteten einander mit Gottes Wort.
Drei derselben sind ihnen entronnen, nämlich Rut-
saert mit seinem Weibe und eine Frauensperson, ge-
nannt Maeyken; die anderen aber, die auf den Stein
323
kamen, sind fröhlich gewesen. Francintgen Müllerin
sprach zu Maeyken: Liebe Schwester, laß uns daran
gedenken, daß das Himmelreich nahe ist, und laß uns
unserm Bräutigam von Herzen getreu sein.
Jelis und Hansken Parmentier haben vor Freude
ein Lied gesungen. Auf St. Martins Tag wurden sie
vor die Herren gebracht, wo sie ihren Glauben ohne
Scheu bekannt, auch dabei gestanden haben, daß sie
nach dem Befehle Christi recht getauft wären.
Es haben aber diese zehn Brüder und zwei Schwes-
tern ungefähr dreißig Tage auf dem Steine gesessen,
wo sie Gott lobten, ihm dankten und sich zubereite-
ten, um seines Namens willen zu leiden; unterdessen
sind sie noch einmal vor die Herren gebracht worden,
wo sie abermals ihren Glauben bekannten und sagten,
daß sie dabei fest verharren wollten.
Am zehnten Dezember sind ihrer sechs aufgeop-
fert worden, nämlich Adrian Brael, Lukas Hendriks,
Martin Amare, Nikasen Amare, Hansken Liß und An-
dreas Müller, welche einander furchtlos trösteten und
untern andern Worten sagten: Nun ist der Kampf ge-
kämpft, der Lauf ist fast vollendet, wir haben Glauben
gehalten, fernerhin ist uns (wie Paulus sagt) die Krone
des Lebens beigelegt.
Des andern Tages, den elften Dezember, sind die an-
dern sechs getötet worden, nämlich Anthonius Kente,
Hansken Parmentier, Jan R., Jelis Outerman, Francint-
gen Müllerin und Maeyken Trams, welche auch ihrem
Bräutigam mit Lampen und dem hochzeitlichen Klei-
de geziert, ohne Scheu und freudig mit solcher Liebe
entgegengegangen sind, daß sie auch um seinetwil-
len den bittern Tod nicht gescheut haben. Francintgen
rief einer von ihren Bekannten zu und befahl ihr, die
Brüder und Schwestern in dem Herrn herzlich zu grü-
ßen und ihnen zu sagen, daß sie sehr geneigt sei, für
des Herrn Namen zu leiden und wie ihr Bräutigam
beherzt streiten wollte.
Sie sind sämtlich um des Namens Gottes und sei-
ner Wahrheit willen erwürgt und verbrannt worden;
nun sind sie in der Ruhe, und erwarten die Zukunft
unseres Herrn, welcher ihr Leiden rächen wird.
Johann Hülle zu Ypern, 1561.
Gleichwie man bemerkt, daß der Wolf seiner angebo-
renen blutdürstigen Natur durchgehend folgt, wes-
halb die Schafe mit ihm keinen festen Bund machen
können, sondern beständig in Not und Gefahr schwe-
ben, von demselben verschlungen zu werden, so
hat sich solches auch im Jahre 1561 in Flandern, in
der Stadt Ypern, zugetragen, wo ein gottesfürchtiges
Schäflein Jesu Christi von diesen reißenden Wölfen
angetastet und gefangen worden ist, nämlich ein alter
Mann, Namens Johann Hülle; dieser hat daselbst mit
diesen reißenden Wölfen viele schwere Kämpfe aus-
stehen und ertragen müssen, nicht wegen irgendeiner
Übeltat, sondern weil er nach dem Worte Gottes lebte,
wovon diese ihn mit ihrer Tyrannei abzuziehen und
zum Abfalle zu bringen suchten. Weil er sich aber,
wie einem gehorsamen Nachfolger Jesu Christi zu-
steht, unter die Stimme seines einigen Hirten gebeugt
hatte, so ist er vor diesen Fremden geflohen, und hat
sie nicht hören wollen. Darum ist er von den Herren
dieser Welt zum Tode verurteilt, und also an gemel-
detem Orte mit Feuer verbrannt worden. In diesem
ganzen Kampfe hat er sich, als ein tapferer Streiter
Jesu Christi, mit Geduld gewaffnet, und all' dieses
angetane Leid standhaft (durch den Glauben) ertra-
gen, und gleichwie er sich hierin Christo und seiner
Wahrheit nicht geschämt, sondern sie öffentlich vor
den Herren und Fürsten bekannt und gestanden, auch
dieselbe mit seinem Blute und Tode bezeugt und be-
festigt hat, so wird sich Christus (wenn er kommen
wird in den Wolken des Himmels, mit der Herrlich-
keit seines Vaters) seiner dagegen auch nicht schämen,
sondern ihn vor seinem Vater bekennen, ihn zu seiner
Rechten stellen und ihn, samt allen Gesegneten, in das
Reich eingehen heißen, welches ihnen von Anbeginn
bereitet ist, welches die ewigwährende Herrlichkeit
im Himmel ist.
Peter von Maldegem, Peter von Male, Jaques
Bostyn und Lorenz Allaerts, 1562.
Im Jahre 1562 sind zu Gent in Flandern vier Brüder,
genannt Peter von Maldegem, Peter von Male, Jaques
Bostyn und Lorenz Allaerts, gefangen gesetzt wor-
den, weil sie nicht länger der römischen Kirche, son-
dern den Geboten Gottes nachzufolgen suchten. Diese
haben, als man sie verhört hat, ihren Glauben ohne
Furcht bekannt, und mit dem geistigen Schwerte des
Wortes Gottes für die Wahrheit tapfer gestritten; und
als sie nicht davon abgebracht werden konnten, sind
sie zum Tode verurteilt worden, und haben mit ih-
rem Blute dem Namen Christi Zeugnis geben müssen.
Nim ruhen sie unter dem Altäre, und warten der Zeit,
wann die Zahl ihrer Brüder erfüllt sein wird, wo ihnen
Belohnung, ihren Feinden aber Rache widerfahren
wird.
Byntgen, Goudeken und Janneken de Jonkheer,
Betgen von Maldegem, und Syntgen von Gelder,
im Jahre 1562.
In demselben Jahre sind auch zu Gent drei Geschwis-
ter, nämlich Byntgen, Goudeken und Janneken de
324
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Jonkheer, mit zwei andern, nämlich Betgen von Mal-
degem und Syntgen von Gelder gefangen genommen
worden. Diese haben alle fünf ihren Glauben ohne
Furcht bekannt, und sind bis an ihren Tod, den sie dar-
um leiden mussten, unverzagt dabei geblieben, und
haben sich an die Liebe ihres Bräutigams Jesu Christi
festgehalten; darum werden sie auch, wenn das Ge-
schrei um Mitternacht kommt, ihm mit ihren brennen-
den Lampen und mit Öl angefüllten, geschmückten
Gefäßen entgegen gehen, und, als bereitete Jungfrau-
en, mit ihm zur Hochzeit eingehen.
Wilhelm von Dale, 1562.
Nicht lange nachher musste auch zu Gent ein gefan-
gener Bruder, genannt Wilhelm von Dale (der so fest
an der Wahrheit und Liebe Gottes hing, daß er we-
der Pein, Leiden, Feuer, noch Schwert scheute), in der
Nachfolge Christi (welchem er dankte, daß er ihn da-
zu würdig gemacht hatte) den bittern Tod schmecken;
darum wird ihn Christus auch erhöhen, und ihm sein
ewiges Himmelreich, voll unvergänglicher Freude, zu
besitzen geben.
Jelis Strings nebst Peter und Jelis Potvliet, 1562.
Jelis Strings, ein bedachtsamer lediger Mensch oder
Junggeselle, wie auch ein Mann, Peter Potvliet, mit sei-
nem Bruder Jelis Potvliet, einem Junggesellen, welche
alle drei zu Tielt in Flandern gebürtig waren (nach-
dem sie zur Erkenntnis der Wahrheit Gottes und der
Gemeinde Gottes gekommen sind), haben sich nach
viel ausgestandener Verfolgung zuletzt zu Wervik
häuslich niedergelassen und sich mit Schmalweben
ernährt. Es hat sich aber ungefähr in der Mitte des
Sommers des Jahres 1562 zugetragen, daß der Ketzer-
meister in einer Nacht mit vielen Dienern gekommen
ist, und das Haus besetzt hat, und als er hineinkam,
sind darin diese drei Brüder gefangen worden.
Als es nun Tag wurde, hat man sie auf einen Wagen
gesetzt und darauf festgebunden, und sie, wahrend
der Ketzermeister und seine Gesellschaft zu Pferde
neben ihnen ritten, drei Stunden Weges durch Meenen
nach Kortryck geführt, wo sie drei Monate gefangen
sitzen mussten und genau bewahrt wurden; haben
auch mit dem Ketzermeister und andern Geistlichen
viel in Glaubenssachen verhandelt, sind aber doch
tapfer und standhaft bei der bekannten und angenom-
menen Wahrheit geblieben. Darauf hat der Ketzer-
meister samt dem Herrn von Everbeke (unter dessen
Herrschaft sie gefangen waren) und eine große Gesell-
schaft zu Pferde und zu Fuße diese frommen Zeugen
der Wahrheit wiederum auf einem Wagen denselben
Weg zurück nach Wervik geführt, wo auf dem Markte
(genannt der Steinacker) ein Kreis aus Pfählen und
Holz, um sie zu verbrennen, zubereitet war. Weil es
aber, als sie auf dem Wege zwischen Meenen und
Wervik waren, außerordentlich stark geregnet hatte,
sodass das zubereitete Holz und Stroh dadurch sehr
nass wurde und auch überdies der Amtmann sie nicht
gerne verbrennen lassen wollte, so sind sie alle drei
zum Schwerte verurteilt worden.
Zuerst ist Jelis Strings vorgeführt worden, welcher,
als er zum Tode ging, unter andern die Worte sagte:
Weil ich glaube, daß Jesus Christus der Sohn des le-
bendigen Gottes, aus der Jungfrau Maria geboren, ist,
darum muss ich sterben; worauf ein Mönch, welcher
neben ihm ging, sofort zu ihm sagte: Du lügst. Dann
fuhr Jelis in seiner Rede fort: Und weil ich glaube,
daß der Papst der Antichrist ist. Zuletzt ist er nie-
dergekniet und hat mit zitternder Stimme gesagt: O
himmlischer Vater! In deine Hände befehle ich mei-
nen Geist, und damit hatte der Scharfrichter sein Werk
sehr schnell an ihm verrichtet, hat auch den Leichnam
mit Holz zugedeckt, damit die andern, die ihm folg-
ten, denselben nicht liegen sehen sollten.
Dann ist Peter Potvliet vorgeführt worden, welcher,
als er zum Tode ging, folgende Worte sprach: So ist es
vorher beschlossen, um des Herrn Namens willen; er
führte auch an, zur Befestigung seines Glaubens, aus
Eph 4,5, daß ein Herr, ein Glaube und eine Taufe sei;
er rief auch, als er nieder kniete: O himmlischer Vater,
in deine Hände befehle ich meinen Geist! Da hat der
Scharfrichter sein Schwert schnell gebraucht und ihn
fünfmal in die Schulter, in den Hals und in das Haupt
gehauen, ehe er sein Werk an ihm vollendete, darauf
hat er den Leichnam, wie den vorigen, bedeckt.
Zum Beschlüsse ist Jelis Potvliet vorgeführt wor-
den, welcher an Jahren noch jung war; derselbe führte
unter andern, als er zum Tode ging, die Reden Chris-
ti an: Fürchtet nicht, die den Leib töten Auch sagte
er, als er niederkniete: O himmlischer Vater, in deine
Hände befehle ich meinen Geist! Aber ehe das letzte
Wort ganz geredet war, war sein Haupt vom Rumpfe.
Die Leichname wurden zwischen Wervik und Mee-
nen auf Räder geflochten, sind aber bald darauf von
einigen ihrer Mitgenossen heimlich abgenommen und
begraben worden.
Von Jelis Strings sind noch zwei Briefe vorhanden,
die er zu Kortryck im Gefängnisse geschrieben hat,
welche wir dem christlichen Leser zur Ergötzung bei-
gefügt haben.
325
Der erste Brief von Jelis Strings.
Gnade, Barmherzigkeit und Friede sei mit euch von
Gott unserm Vater und dem Herrn Jesu Christo, dem
Sohne des Vaters in der Wahrheit und Liebe; er wolle
euch (die ihr nun eine kleine Zeit Verfolgung leidet)
stärken und kräftig machen, und wolle euch verlei-
hen, stark zu werden an dem inwendigen Menschen,
und daß Jesus Christus durch den Glauben in euren
Herzen wohne, und daß ihr durch die Liebe eingewur-
zelt und eingepflanzt werden mögt, damit ihr erken-
nen mögt, mit allen Heiligen Gottes, die Höhe, Tiefe,
Länge und Breite seiner Barmherzigkeit, und darin
recht wandelt und unbeweglich bleibt bis ans Ende
eures Lebens, das wünschen wir euch allen, die den
Herrn lieben, zum herzlichen Gruße, liebe Brüder und
Schwestern in dem Herrn.
Ferner, nach aller Begrüßung, lassen wir euch wis-
sen, daß es um uns noch sehr wohl steht; der Herr
müsse ewig gepriesen sein für seine Gnade; bittet den
Herrn für uns, daß er es nach seinem Willen ergehen
lassen wolle; wir sind ziemlich tapfer, dem Herrn sei
Lob.
Auch ist das meine herzliche Bitte an euch, daß ihr
den Schwachen im Glauben von allen Dingen einen
rechten Unterschied geben und dieselben in der Ver-
sammlung oft ermahnen wollt, denn es ist große Not;
sie quälen die Gefangenen so sehr, wenn sie merken,
daß sie einfältig sind, ja, noch einmal so viel, als dieje-
nigen, die ihres Glaubens gewiss sind; und auch ihr,
die ihr einfältig seid, nehmt es wohl zu Herzen, und
schämt euch nicht, wegen eures Seelenheils zu fra-
gen, bis ihr einen guten Unterschied habt, ehe ihr in
die Klemme kommt. Nehmt diese Warnung zu Her-
zen, denn so viel man seines Glaubens gewiss ist, so
viel Versicherung hat man. Sirach sagt: Gleichwie ein
Haus, das fest ineinander verbunden ist, nicht zerfällt
vom Sturmwinde, so auch ein Herz, das seiner Sache
gewiss ist, fürchtet sich vor keinem Schrecken. Also,
liebe Freude, lasst uns auch bauen auf Jesum Chris-
tum; der muss der Grund sein, nämlich sein Wort,
denn Christus sagt selbst: »Wer mein Wort hört und tut ,
dem zvill ich zeigen, wem er gleich ist: Er ist gleich einem
Manne, der sein Haus baute, aber er grub tief, und legte
den Grund auf den Felsen, und obschon Sturmwinde und
Platzregen daran stoßen, so bleibt es doch stehen, denn es
ist auf den Felsen gegründet; wer aber mein Wort hört und
nicht tut ( sagt Christus), der ist einem törichten Manne
gleich, der sein Haus auf den Sand baut; wenn nun Platzre-
gen kommen oder Sturmwinde wehen, so fällt es, und sein
Fall ist groß.« Merkt, Freunde, er sagt: Er ist groß. Dar-
um, liebe Freunde, grabt tief, das heißt, nach meinem
Verstände, untersuchen und wohl beherzigen, damit
wir nicht als Törichte erfunden werden; denn Jakobus
ermahnt uns auch, daß wir Täter des Wortes sein sol-
len, und nicht Hörer allein, womit wir uns doch selbst
betrügen; denn wenn jemand ein Hörer des Wortes
ist, und nicht ein Täter, so gleicht er einem Manne, der
sein leibliches Angesicht in einem Spiegel beschaut,
und nachdem er sich beschaut hat, davongeht und
von Stund' an vergisst, wie er gestaltet war; wer aber
das vollkommene Gesetz der Freiheit durchschaut
und darin beharrt, und nicht ein vergesslicher Hörer
ist, der wird selig sein; ja Christus Jesus sagt selbst:
Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren; auch
ermahnt uns Johannes, Offenb 1,3: »Selig sind, die da hö-
ren die Worte dieser Weissagung und behalten, was darin
geschrieben ist.«
Seht, liebe Freunde, wenn wir sein Wort hören und
dasselbe in unsern Herzen bewahren, so gehören uns
alle diese Verheißungen der Seligkeit, denn sie sind
eine rechte Speise der Seele, womit alle Christen ge-
speist werden müssen, wenn sie anders leben sollen,
denn Christus sagt: »Der Mensch lebt nicht allein vom
Brote, sondern von einem jeden Worte, das aus dem Mun-
de Gottes kommt.« Desgleichen sagt auch der Prophet
Jeremia Kap 51: Indes enthalte uns dein Wort, wenn
wir es kriegen, und dieses dein Wort ist unsers Her-
zens Freude und Trost. Auch sagt Salomo, Spr 30,5:
»Alle Worte Gottes sind durchläutert und sind ein Schild
allen denen, die auf ihn trauen.« Darum, liebe Freunde,
lasst uns allezeit auf Gottes Wort vertrauen, denn wir
werden dadurch nicht belogen. Johannes sagt: »Dieses
sind wahrhaftige Worte Gottes: Himmel und Erde zverden
vergehen, aber Gottes Wort wird nicht vergehen.« O lie-
be Freunde, lasst uns darauf wohl Acht haben, denn
dasselbe wird uns am jüngsten Tage verurteilen; denn
Christus sagt: »Ich zverde euch nicht richten, sondern mei-
ne Worte, die ich geredet habe, zverden euch am jüngsten
Tage richten.« Liebe Freunde, soll uns dasselbe verur-
teilen, so müssen wir genaue Untersuchung halten,
und uns selbst allezeit prüfen, ob unser Leben mit
dem Worte Gottes übereinstimme, darin müssen wir
uns recht spiegeln, ob an uns nichts Verdammliches
sei; finden wir nun etwas Unreines an uns, so lasst
uns nach des Propheten Rat tim, der da sagt: »Wascht
euch, reinigt euch, tut euer böses Wesen von meinen Augen,
lasst ab vom Bösen, lernt Gutes tun, schafft den Waisen
Recht und helft der Witzven Sachen. So kommt denn und
lasst uns miteinander rechten, zoenn eure Sünde wie Ros-
infarbe ist, so soll sie doch wie Wolle werden.« Er sagt:
»Wollt ihr mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genie-
ßen; weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt
ihr vom Schzverte gefressen zverden, denn der Mund des
Herrn sagt es.« Liebe Brüder und Schwestern, lasst uns
nicht ungehorsam sein, auch nicht wider Gott murren.
326
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
gleichwie Israel, weshalb sie auch verworfen wurden.
Heute, wenn wir seine Stimme hören, so lasst uns un-
sere Herzen nicht verstocken, sondern lasst uns Fleiß
anlegen, daß wir die Verheißung, in seine Ruhe einzu-
gehen, nicht versäumen, damit nicht jemand als ein
solcher von uns erfunden werde, der draußen blei-
be, denn wir sind zur Genüge ermahnt und genötigt,
gleichwie auch Israel geschah; aber das Wort der Pre-
digt half ihnen nichts, weil sie nicht fest glaubten; lasst
uns aber einen standhaften Glauben haben, gleichwie
es Kaleb und Josua hatten, die sich weder vor der
großen Gestalt der Kanaaniter, noch vor der Stärke ih-
rer Städte scheuten, obgleich die Mauern ihrer Städte
bis an den Himmel reichten. Versteht es, sie hatten ho-
he Mauern, die Menschen waren groß wie die Riesen,
sie waren aber in ihren Augen nur wie Heuschrecken;
aber Kaleb und Josua vertrauten auf Gott, und sagten:
»Gott ist mit lins, ihr Schlitz ist von ihnen gewichen, wir
werden sie wie Brot fressen!« Sie haben auch durch ih-
ren Glauben alles überwunden, und sind ins Land der
Verheißung gekommen. So, liebe Freunde, sind auch
unsere Feinde groß, stark und ihrer viele; wenn wir
aber einen Glauben haben wie Josua und Kaleb, daß
wir nicht auf unsere eigene Macht sehen, sondern von
uns selbst ausgehen, und uns von ganzem Herzen auf
ihn verlassen, so werden wir wohl überwinden, denn
David sagt: »Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf
ihn, er wird es wohl machen.« Salomo sagt auch: »Ver-
lasse dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlasse
dich nicht auf deine Klugheit, sondern gedenke seiner in
allen deinen Wegen, dann wird er deine Gänge fördern!« Ja,
Paulus sagt auch: »Euer Wandel sei ohne Geiz, und lasst
euch an demjenigen genügen, was vorhanden ist, denn er
hat gesagt: Ich will dich weder verlassen noch versäumen,
sodass wir sagen dürfen: Der Herr ist mein Helfer, ich will
mich nicht fürchten, was sollte mir ein Mensch tun?« Ja,
David sagt: »Der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts
mangeln, er leitet mich auf grüne Weide, erführt mich zu
frischen Wassern, er erquickt meine Seele und leitet mich
auf den rechten Weg um seines Namens willen; obgleich ich
im finstern Tale wandle, so fürchte ich doch kein Unglück,
denn du bist bei mir, dem Stab und Stecken trösten mich.«
O liebe Freunde, wo ist ein solcher Gott in Babel zu
finden? Er sagt: »Wenn du durchs Teuer gehst, so will
ich bei dir sein, damit dich die Flamme nicht anzünden;
wenn du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß
dich die Ströme nicht ersäufen sollen.« Ja, er sagt: »Berge
sollen weichen und Hügel hinfallen, aber meine Barmher-
zigkeit soll nicht weichen und der Bund des Friedens soll
nicht von dir genommen werden, spricht der Herr, dein
Erbarmer.« Brüder und Schwestern, haben wir einen
solchen Gott, der so in der Not hilft, wer sind wir,
daß wir uns vor Menschen und vor Menschenkindern
fürchten sollten, die wie Heu vergehen müssen. Ja,
es hat Christus selbst gesagt: Fürchtet nicht, die den
Leib töten, sondern fürchtet den, der die Macht hat,
Leib und Seele in die Verdammnis zu werfen. Seht,
Freunde, obgleich uns viel Leiden um Christi willen
zustößt, so werden wir auch reichlich getröstet durch
Christum. Darum lasst uns von Herzen uns demüti-
gen und seine Gebote halten, und zu ihm mit Tränen
bitten, daß er uns nach seinem Wohlgefallen Barm-
herzigkeit erweisen wolle, damit, wie wir nun wegen
ihres Hochmuts trauern müssen, wir uns auch nach
diesem Jammer erfreuen mögen, weil wir nicht den
Sünden unserer Väter folgen, die ihren Gott verlie-
ßen und fremden Göttern nachliefen; deswegen hat
sie der Herr in ihrer Feinde Hände gegeben. Darum,
liebe Brüder, die ihr die Ältesten seid, tröstet das Volk
mit euren Worten, ermahnt sie, daß sie gedenken, daß
unsere Vater auf mancherlei Weise versucht worden
sind, und mancherlei Anfechtung haben überwinden
müssen, damit sie geprüft würden, ob sie Gott von
Herzen dienten. Ebenso sind auch Isaak, Jakob und
Mose standhaft geblieben und haben viel Elend über-
winden müssen; die andern aber, welche die Trübsal
nicht annehmen wollten, sondern in Ungeduld wi-
der Gott murrten, sind von dem Verderber und den
Schlangen umgebracht worden. Aber lasst uns beden-
ken, daß wir von Gott zur Besserung und nicht zum
Verderben gezüchtigt werden, und daß es eine Strafe
ist, welche viel geringer ist, als unsere Sünden; denn
wen der Herr lieb hat, den züchtigt er; er stäupt aber
einen jeden Sohn, den er aufnimmt; seid ihr aber ohne
Züchtigung, deren sie doch alle teilhaftig geworden
sind, so seid ihr keine Kinder, sondern Bastarde. Dar-
um, liebe Freunde, lasst uns eine geringe Zeit in dieser
Trübsal geduldig sein, denn das Leiden dieser Zeit ist
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns
offenbart werden soll. Der Gott aber aller Gnade wolle
uns alle stärken, kräftig machen und befestigen, das
wünsche ich euch allen zum Gruße; ich, Peter, lasse
euch sehr grüßen und begehre von Herzen, daß ihr
für meine Hausfrau Sorge tragen wollt, sie hofft ihr
Bestes zu tun, wie sie mir gesagt hat; wir bitten euch,
daß ihr für uns bitten wollt, daß wir es zu Gottes Prei-
se und zu unserer Seelen Seligkeit ausführen mögen;
auch entbieten wir euch, daß Pauwels, wenn er noch
nicht seine Wohnung verlassen hat, fortziehe; wir ra-
ten euch solches als das Beste, wir könnten wohl mehr
Nachricht schreiben, aber wir fürchten, es möchte der
Brief nicht in die rechten Hände geraten. Ich, Peter
Potvliet, lasse euch sehr grüßen und gebe euch ein
Testament, bleibt standhaft und unbeweglich im Wer-
ke des Herrn, macht, daß eure Arbeit nicht vergebens
sei, seid Gott befohlen. Von mir, Jelis Strings.
327
Der zweite Brief von Jelis Strings.
Gnade, Barmherzigkeit und Friede von Gott, dem
himmlischen Vater, und dem Herrn Jesu Christo, dem
Sohne des Vaters in der Wahrheit und Liebe, wolle
euch, die ihr eine kleine Zeit um Christi willen zu lei-
den habt, stärken und kräftig machen und befestigen;
derselbe wolle euch nach dem Reichtume seiner Herr-
lichkeit und Kraft verleihen, stark zu werden an dem
inwendigen Menschen, und Jesum Christum durch
den Glauben in euren Herzen zu wohnen und durch
die Liebe eingewurzelt und gegründet zu werden,
damit ihr alle mit dem Bande der Liebe verbunden
sein möget und also sämtlich durch die Vereinigung
des heiligen Geistes und durch den Gehorsam des
Herrn nach Inhalt des Evangeliums zum heiligen Tem-
pel und zur Wohnstätte Gottes in Einigkeit auferbaut
werden mögt; das wünsche ich euch allen, die den
Herrn lieben, zum herzlichen Gruße, liebe Brüder und
Schwestern in dem Herrn.
Ferner nach geschehenem Grüße hoffe ich euch
abermals ein wenig von unserm Handel zu schreiben,
welchen wir mit unsem Widersachern gehabt haben,
wiewohl es nicht sehr viel ist; denn als wir gefangen
genommen wurden, beschlossen wir untereinander,
uns in keinen Wortstreit einzulassen, es sei denn, daß
wir alle beisammen wären; dies haben wir auch gehal-
ten, damit sie hinter unserm Rücken nichts zu lügen
hätten, und damit sie, wenn sie von dem einen ein
Wort mehr hören würden, als von dem andern, die
Einfältigen durch ihr Schreien nicht irre machen möch-
ten; deshalb wurden sie auch sehr zornig und sagten,
sie verließen sich alle auf mich. Sie kamen oft, um
einen Wortstreit zu halten, aber wir wollten nicht, es
sei denn, daß wir alle auf dem Markte zusammen-
kämen; darüber waren sie sehr zornig und sagten: Wo
hat man jemals gesehen, daß man auf dem Markte
einen Wortstreit hält, ihr wollt immer neue Lehren
Vorbringen. Endlich willigten wir ein, daß wir unsern
Wortstreit im Gefängnisse halten wollten, wenn wir
nur die Erlaubnis hätten, alle Zusammenkommen zu
dürfen, aber sie wollten mit jedem Einzelnen verhan-
deln; aber auf solche Weise wollten wir nicht. Deshalb
kamen sie zwei- oder dreimal, wir hatten auch zwei-
oder dreimal einige Reden mit ihnen, damit sie nicht
sagen möchten, wir hätten sie nicht hören wollen; un-
sere Reden handelten von den drei Personen und der
Menschwerdung. Die erste Frage, die er an mich tat,
war, ob ich nicht glaubte, daß die Menschen selig wür-
den, wenn sie an Jesum Christum glaubten und sich
fernerhin von allem Bösen enthielten; ich antwortete:
Ja, alle diejenigen, welche glauben, daß Jesus Christus
der Sohn Gottes ist, der für uns gestorben ist, und die
durch solchen Glauben dem Evangelium Gehorsam
erweisen, sollen selig werden. Wohlan denn, sagten
sie, wenn sie nun glauben, daß man die Kinder taufen
soll, so werden sie ja nach eurer eigenen Aussage se-
lig. Ich erwiderte: Mein Herr, es scheint, du seiest den
Schriftgelehrten gleich, die Christum mit Schalkheit
zu tadeln suchten, es scheint, ihr tut dasselbe.
Ja, sagte er, Christus wusste den Schriftgelehrten
wohl zu antworten, dasselbe sollt ihr auch tun, wenn
ihr anders Christi Geist habt. Ich antwortete: Wenn
sie dem Evangelium Gehorsam leisten, so werden sie
keine Kinder taufen oder taufen lassen, denn solches
ist von Gott nicht eingesetzt oder geboten, sondern
ihr habt es eingeführt, es wird aber alles, was Men-
schen eingesetzt haben, von Gott ausgerottet werden;
ebenso wird es eurer Kindertaufe auch ergehen. Dann
sagte er, daß die Wiedertäufer glaubten, Christus habe
sein Fleisch aus dem Himmel gebracht. Ich entgegne-
te: Das sind Lügen; schämst du dich nicht, daß du so
da sitzest und in meiner Gegenwart lügst? Er sagte:
Was ihr glaubt, weiß ich nicht, sondern andere. Ich sag-
te: Das sind Lügen, ich habe von niemandem gehört,
der einen solchen Glauben hätte; gleichwohl habe ich
mehr Umgang mit ihnen gehabt, als du; schämst du
dich nicht, daß du so sitzest und in meiner Gegenwart
lügst.
Da fing er an vieles zu reden; es saßen noch drei
oder vier Pfaffen bei ihm, und auch der Schultheiß
war dabei. Sie sagten: Jelis, rede doch gelinde. Ich er-
widerte: So lügt denn auch nicht so; ich redete laut,
daß es die andern Mitgenossen hören sollten. Da frag-
te er: Was ist denn euer Glaube? Ich antwortete: Mein
Glaube ist mit allen Aposteln, daß er der Sohn Got-
tes ist, wie Petrus bekannt hat, Mt 16,16 und Joh 20
und Joh 6,69, sichtbarer und unsichtbarer Weise, daß
das Wort, wodurch alle Dinge geschaffen sind, in Ma-
ria, durch die Kraft des Allerhöchsten, Fleisch gewor-
den sei. Er sagte, ob das Wort Fleisch geworden sei,
wie Loths Weib zum Salzsteine, oder wie Wasser zu
Wein. Ich sagte: Nein. Er sagte: Wie denn? Ich ant-
wortete: Es ist Mensch geworden, und ist doch das
Wort geblieben, nämlich, das Wort, das unsichtbar
war, ist sichtbar geworden; das unbegreiflich war, ist
begreiflich, und was unleidentlich war, ist leidentlich
geworden. War das Wort, sagte er, nicht Gott? Ich ant-
wortete: Es ist Gott und Mensch. Er sagte: Ist denn
Gott gestorben? Ich erwiderte: Er ist gestorben nach
der Menschheit, wie Petrus sagt: Getötet nach dem
Fleische, lebendig gemacht nach dem Geiste. Dann
fragte ich ihn, wie er die Einheit erkenne. Er erkenne,
sagte er, drei Personen und einen Gott. Ich fragte, ob
der heilige Geist eine Person wäre. Er sagte: Ja. Ich
sagte: Als der Gruß von dem Engel an Maria geschah.
328
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
daß sie schwanger werden sollte, sie aber nicht wuss-
te, wie es zugehen sollte, weil sie niemals einen Mann
erkannt hatte, so sagte der Engel: Der heilige Geist
wird über dich kommen; ist nun der heilige Geist ei-
ne Person, so hat eine Person die andere empfangen,
gleichwie auch in der Apostelgeschichte steht, daß,
als die Apostel den heiligen Geist empfingen, dersel-
be sich auf einen jeden von ihnen gesetzt habe; nun
aber kann eine Person nur auf einen Menschen sitzen,
auch steht im Buche der Weisheit im 1. Kap, Vers 1,
geschrieben, daß der Welt Preis voll Geistes des Herrn
sei, mit welcher Person willst du ihn nun vergleichen?
Er wusste nicht, was er sagen sollte. Darauf sagte er:
Ich halte sie nicht für solche Personen, wie Peter, Claes
und Jan. Ich sagte: Womit vergleicht ihr sie denn? Da
redeten sie einige Worte Latein und sagten: Wir nen-
nen sie nur Personen; hast du geglaubt, daß wir von
ihnen wie von drei Menschen halten? Ich antwortete:
Ja. Er sagte: Hast du die Menschen so gelehrt, so musst
du bekennen, daß du über uns gelogen hast und ein
falscher Lehrer bist. Ich erwiderte: Ich bin kein Leh-
rer; es geht mir übel genug, daß ich mich selbst lehre.
Dann sagte ich: Ihr nennt sie Personen, sind es denn
keine? Warum nennt ihr sie denn drei Personen? Es
ist fast dasselbe, erwiderte er. Ich sagte: Es ist nicht
dasselbe; eine Person ist ein Mensch, du kannst sie
aber doch mit keinem Menschen vergleichen! Darauf
sagte er: Gott der Vater ist nicht der Sohn, der Sohn ist
nicht der Vater, der heilige Geist ist weder Vater noch
Sohn; dieses sind drei, was der eine ist, ist der andere
nicht, und obgleich ihrer drei sind, so sind sie doch
nur ein Gott. Ich sagte: Das ist mein Glaube auch; dar-
in erkenne ich nur eine Person, welche Jesus Christus
ist, den man sehen und betasten konnte; die übrigen
aber weiß ich mit nichts zu vergleichen. Wir kamen
also hierin überein, und er ließ dieses Thema fahren.
Darauf fragte er abermals, ob Gott gestorben wä-
re. Ich erwiderte: Du hast mir bekennen müssen, daß
du erkennst, daß das Wort nicht der Vater, und der
Vater nicht das Wort sei, und obgleich sie nach der
Gottheit ein Gott sind, so bekennst du doch, daß es
drei Zeugen seien, und diese zwei Zeugen sind nicht
Mensch geworden, sondern das Wort, wodurch alles
erschaffen worden ist, ist Fleisch geworden, wie Jo-
hannes, Kap 1, sagt; obgleich nun dieses Wort Mensch
geworden ist, so hört es darum nicht auf, nebst dem
Vater Gott zu sein; sonst könnte kein Gottmensch sein.
Darauf sagte er: Jelis, du irrst. Sie führten auch an
Rom 1,3; es stand aber in ihrem Testamente: Der von
dem Samen Davids nach dem Fleische geworden ist,
ist kräftig bewiesen, ein Sohn Gottes zu sein nach dem
Geiste. Ich antwortete, daß sie das Wort geworden übel
übersetzt hätten; es müsste heißen: Geboren von dem
Samen Davids; geht hin und beseht die Testamente, die
ihr vor 30 oder 36 Jahren habt drucken lassen, beseht
sie, ob es daselbst so stehe; ich habe darin gelesen, wie
es stehen soll, ihr aber habt es nun so verändern las-
sen, um die einfältigen Herzen zu verführen. Darüber
wurden sie sehr zornig. Da sagte ich: Sagt doch, wie
es sich gebührt, geboren, denn ein Weib kann ja kein
Kind machen; worauf er erwiderte: Geworden oder an-
genommen ist ganz dasselbe; aber es steht daselbst: Er
hat nicht die Engel angenommen, sondern den Samen
Abrahams hat er angenommen. Ich sagte: Das ist auch
verändert; es sollte daselbst nur stehen: Er nimmt nicht
die Engel an, sondern den Samen Abrahams nimmt er an
als seine Kinder; es werden aber die Gläubigen für sol-
chen Samen gehalten; denn Paulus sagt, lKorll,8, daß
der Mann nicht ist vom Weibe, sondern das Weib vom
Manne. Sie sagten: Das ist von Adam und Eva gespro-
chen. Ich antwortete: Gott hat's daselbst gezeigt, daß
der Mann nicht vom Weibe, sondern daß das Weib
vom Manne komme; das ist eurem Glauben durchaus
zuwider. Paulus führt die Geburt noch näher an, denn
er sagt: Gleichwie das Weib von dem Manne, so ist der
Mann durch das Weib gekommen, und das alles von
Gott; das zielt ja auf die Geburt; Adam ist nicht durch
Eva gekommen. Er sagte, man müsste es so verstehen.
Ich erwiderte: Ich verstehe es nicht so. Wir hatten auch
noch viel mehr Reden von den Verheißungen; aber
ich habe nicht Raum, dieselben aufzuschreiben. Alle
diese Reden hatte ich mit dem Pfarrherrn von St. Mar-
tins, einem losen Gaste, der so schalkhaft war, daß ich
seines Gleichen nicht gehört habe; alle anderen waren
nichts gegen ihn. - Geschrieben in Eile, im Dunkeln,
mit Tinte von Kohlen gemacht; habt Nachsicht damit.
Des Tages, ehe wir den weltlichen Herren überge-
ben worden sind, waren wir vor dem Diakon von
Ronse. Er sagte uns, ob wir uns nicht bedacht hätten.
Ich erwiderte, ich wäre allezeit darauf bedacht, das
Böse zu lassen und das Gute zu tun, so viel mir be-
kannt ist. Es waren drei oder vier Ratsherren dabei
und ein Unteramtmann; er sagte, es wäre ein großer
Hochmut, daß ich vorgäbe, weiser zu sein, als die gan-
ze Welt; da wären Ambrosius und Augustinus, und
noch mehrere andere heilige Männer, die hätten es so
verstanden. Ich entgegnete: Ich gebe mich nicht dafür
aus, daß ich etwas wüsste, sondern ich erkenne den
Glauben für die Wahrheit, und dabei will ich gern blei-
ben. Lebt wohl und seid Gott befohlen. Jelis Strings,
euer schwacher Bruder im Herrn.
Henrich Eemkens, 1562.
Zu Utrecht ist im Jahre 1562 um des Zeugnisses un-
sers Herrn Jesu Christi willen ein Bruder, genannt
329
Henrich Eemkens, seines Handwerks ein Schneider,
gefangen genommen worden, welchem, nach vieler
Versuchung und erlittener Pein, endlich die Nachricht
gebracht worden ist, daß er sterben sollte, worüber er
sich freute, daß er auch ein Zeuge des Namens des
Herrn sein sollte. Diese Botschaft wurde ihm von dem
Pfarrer von Buerkerk und einem grauen Mönche, ge-
nannt Bruder Jan von Herentals, überbracht, welche
mit wenigen Worten ihm diesen Bescheid gaben, und
ihn wieder verließen; bei dieser Gelegenheit sagte er
zu Bruder Jan: Du brauchst morgen nicht wieder zu
kommen, denn ich bedarf deiner nicht. Des Morgens
brachte man ihn aus dem Gefängnisse in eine andere
Kammer, wo er mit dem Mönche ein langes Gespräch
hatte, welcher ihn sogleich verdammte, worauf er ant-
wortete: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht ge-
richtet. Der Mönch sagte zu ihm: Du hast bekannt,
daß du nicht glaubst, Christus habe Fleisch von Ma-
ria angenommen. Darauf antwortete er: Ich habe es
einmal in meinem Bekenntnisse gesagt, willst du, daß
ich es noch einmal erzählen soll?, und verwies ihn
dabei auf Joh 1. Da fragte der Mönch, ob er ihm nicht
beichten wolle. Er antwortete: Ich habe schon vor Gott
gebeichtet. Der Mönch sagte: Bist du so alt geworden,
ohne zu beichten? Nein, antwortete er, ich habe auch
wohl vor Menschen gebeichtet, und das ist mir, Gott
weiß es, von Herzen leid, daß ich eurer Beichte so lang
Untertan gewesen bin. Darauf fragte der Mönch, ob
er keine Messe hören wollte. Ich habe, sprach er, so
viel gelesen, daß mir vor der Messe ekelt, aber wenn
ich es auch nicht haben wollte, und du wolltest es
gleichwohl tun, was kann ich dafür; deshalb, willst
du sie halten, halte sie; aber nicht um meinetwillen,
denn ich begehre es nicht. Dann fragte der Mönch,
ob er nicht das Sakrament haben wollte. Ich sagte:
Nein, aber könnte ich des Herrn Nachtmahl genie-
ßen, wie es der Herr eingesetzt und befohlen hat, und
wie es die Apostel und ihre Gemeinden im Gebrau-
che gehabt, solches wollte ich von Herzen begehren
und dem Herrn dafür danken, aber eure Schalkheit
begehre ich nicht. Darauf verdammte ihn der Mönch
abermals zwei- oder dreimal. Hiernächst kamen die
Büttel und wollten ihm zu trinken geben, aber er be-
gehrte es nicht. Sodann näherte sich ihm eine von des
Kerkermeisters Töchtern, welche wohl eine leichtfer-
tige Dirne war, und wollte es ihm mit einem Löffel in
den Mund gießen (denn sie saßen bei den Bütteln und
tranken mit ihnen); aber Henrich sprach zu ihr: Ich
habe dir ja gesagt, daß ich es nicht begehre; darum, ist
es möglich, so lasst mich in Ruhe. Darauf sagte einer
von den Bütteln: Willst du denn nüchtern von hinnen
scheiden? Er erwiderte: Mich dürstet nach lauterem
Weine, von welchem ich bald zu trinken hoffe. Der
Mönch aber sagte: Gott schenkt keinen neuen Wein in
alte Flaschen. Da sagte er zu dem Mönche: Weil ich
mich erneuert habe, darum hasst ihr mich.
Es sind noch viel mehr Worte dabei vorgefallen,
welche vergessen worden sind, denn er selbst konnte
nicht schreiben; dieses aber ist von einem geschrieben,
der gegenwärtig war, als Henrich mit dem Mönche
redete, und wiewohl es nicht des Henrichs Bruder
oder ein Mitglied der Gemeinde gewesen, so hat ihn
doch die Herzensgüte angetrieben, allen Liebhabern
der Wahrheit zum Andenken dasjenige, was er da-
von behalten, so wie er es gesehen und gehört hat,
aufzusetzen; das Nachfolgende aber hat nicht nur er,
sondern auch die ganze Bürgerschaft wohl gesehen
und gehört, die es mit ihm bezeugen kann.
Als nun Henrich auf die Schaubühne kam, fing er
an zu den Bürgern zu reden, und sagte unter anderem:
Ihr andächtigen Bürger, bessert euer Leben, glaubt
allein dem Evangelium, und keinen Menschensatzun-
gen.
Als sie ihn zu den Herren führten, damit er sein
Urteil hören möchte, wandte er sein Haupt abermals
nach den Bürgern und sagte: Alles, womit man um-
ginge, wären Menschensatzungen, und die denselben
nicht folgen wollten, müssten ein Ausfegsel und je-
dermann zum Spotte sein, und würden zum Tode
geführt.
Als das Urteil abgelesen ward, entfernte sich ein
großer Teil des Volkes, den es jammerte und seinen
Tod nicht sehen mochten; aber Henrich Eemkens fiel
auf seine Knie und sein Angesicht auf der Schaubüh-
ne nieder und schüttete sein ernstliches Gebet zum
Herrn aus; als aber der Scharfrichter sah, daß er nie-
derfiel, nahm er ihm seinen Mantel, welchen er auf
seinen Schultern hangen hatte, und brachte ihn ver-
mittelst des Hemdes in aufrechte Stellung, sodass er
sein Gebet nicht vollenden konnte.
Darauf sagte er zum Volke: Liebe Bürger, bessert
euch, es ist hohe Zeit; lebt nach Gottes Gebot und nach
den Worten des heiligen Evangeliums. Er rief auch
abermals mit lauter Stimme: Dieses ist der schma-
le Weg und die enge Pforte, und nannte die Kapitel,
wo es geschrieben stände, und viele andere Schrift-
stellen, die zu dieser Sache dienten. Darauf ging er
freiwillig mit fröhlichem Gemüte auf die Bank, wo
er erwürgt und verbrannt werden sollte, und sagte
abermals: Dies ist die enge Pforte; dringt durch diesel-
be, gleich den Männern Gottes, denn wer standhaft
streitet bis ans Ende, soll selig werden, daran zweifle
ich nicht. Er stellte sich sodann mit großer Freimü-
tigkeit an dem Pfahl und sagte abermals mit fröhli-
chem Gemüte: Liebe Bürger, bessert euch, glaubt dem
Evangelium und keinem Menschen, denn das ist der
330
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
schmale Weg, welchen ein Christ wandeln soll. Hier-
auf nahm der Scharfrichter eine Kette, und schlang sie
um seinen Leib, hing auch ein Säcklein Schießpulver
an seinen Hals, sodass es gerade auf seine Brust zu
hangen kam. Er redete beherzt bis ans Ende, aber man
konnte die Worte nicht verstehen, denn der Scharfrich-
ter nahm einen Strick, legte ihn um seinen Hals und
zog ihn zu. Da schloss er seine Augen, als wäre er in
Ohnmacht gefallen, und man sah nicht, daß er sich
weiter bewegte, als daß er seine Augen noch einmal
gen Himmel erhob, sodass er sehr bald seiner Besin-
nung beraubt war. Darauf zog der Scharfrichter die
Bank unter seinen Füßen hinweg, nahm eine Gabel,
woran er ein Bündlein Stroh steckte, welches er an
einem mit Feuer angefüllten Gefäße, welches auf der
Schaubühne stand, ansteckte, und als es brannte, zün-
dete er das Schießpulver an, sodass die Flamme ihm
nach den Augen schlug; aber sein Haar verbrannte
nicht. Da erhob er seine Hände noch einmal gen Him-
mel, und nachher sah man kein Leben mehr an ihm.
Auf solche Weise hat Henrich Eemkens sein Opfer
getan, als ein frommer Zeuge des Herrn, den 10. Juni
1562, ungefähr zwischen 10 und 11 Uhr Vormittags.
Georg Friesen, ein Kistenmacher, und Wilhelm
von Keppel, im Jahre 1562.
Dieser Georg Friesen, Kistenmacher, und Wilhelm
von Keppel (welch letztere zuvor ein Messpfaffe war)
wurden beide im Jahre 1562 zu Köln um der Wahrheit
des Evangeliums willen gefangen genommen. Als
man nun Wilhelm suchte und fand, ist er gutwillig
mit denen, die ihn fingen, gegangen. Sie führten ihn
zuerst auf einen Turm der Stadt, aber dort blieb er
nicht lange, indem sie ihn in des Grafen Gefängnis
brachten, wohin man diejenigen setzte, die zum Tode
verurteilt waren. Als er in dieses Gewölbe kam, fand
er daselbst den gemeldeten Georg Kistenmacher auch
als Gefangenen, welcher sein Bruder im Herrn war
und dessen Gesellschaft ihn daher sehr tröstete.
Hier wurden ihnen mancherlei Netze und Stricke
gelegt, um ihre Seele zu fangen; hauptsächlich redeten
sie viel von der Kindertaufe, von welcher sie sagten,
daß sie recht sei; weil sie aber solches mit dem Wor-
te Gottes nicht beweisen konnten, so brauchten sie
menschliche Klugheit; aber Gott sei geehrt, hiermit
konnten sie dieselben nicht bewegen; bald schmeichel-
ten ihnen die Herren sehr, bald drohten sie ihnen auch
mit Marter und Tod; aber die Gefangenen erfreuten
sich hierin; auch andere wandten sowohl Schmeiche-
leien als Drohungen an, aber es konnte die Gefan-
genen nicht bewegen, sondern ihre Herzen standen
durch die Hilfe des Herrn fester als eine Mauer.
Der Graf bot dem Georg Geld an und versprach ihm
seine Magd zum Weibe, wenn er von seinem Glau-
ben abstehen wollte; aber Georg wollte nicht von der
Wahrheit weichen, sondern sagte zum Grafen: Weder
deine Magd noch dein Gut und Geld kann mich zu
Gott bringen; aber ich habe etwas Besseres erwählt,
darnach will ich mich bestreben. Es kam auch ein
kluger Gast zu Wilhelm, der machte ihm schöne Ver-
heißungen und sagte, er wollte ihn mit nach England
nehmen. Dieser hätte ihm auch bald das Netz des
Betrugs über den Kopf gezogen, wenn ihn der Herr
nicht bewahrt hätte.
Als nun die letzte Zeit herannahte, wo man sie zum
Opfer zubereiten wollte, wonach sie übrigens sehr
verlangten, brachte man beide aus dem Gefängnisse,
welches des Grafen Gewölbe war, nach des Grafen
Hause in einen Saal, Nachts um 1 Uhr; dort hatten
sie mit ihnen mancherlei trotzige und unverschämte
Reden, und quälten sie sehr, wozu Georg still schwieg,
Wilhelm aber einiges sagte. Dieses währte bis Tagesan-
bruch, dann eilte man mit diesen beiden Gefangenen
nach dem Rheine, wo man sie ertränken wollte.
Als nun Georg sah, daß man früh in der Morgen-
stunde so eilig mit ihnen nach dem Rheine lief, sagte
er zum Grafen: Herr Graf, wo bleibt nun dein Verspre-
chen, welches du uns gegeben hast? Denn du hast
gesagt, du wollest uns am hellen Tage töten lassen;
aber es kehrte sich niemand an diese Worte, sondern
man lief mit ihnen nach dem Rheine, wo man sie um-
bringen wollte.
Auf solche Weise wurde also die Rede Davids er-
füllt, indem er sagt: Sie haben die Frommen heimlich
ermordet. Der Herr wolle es ihnen vergeben, denn sie
wissen nicht, was sie tun.
Als sie nun auf das Wasser gebracht wurden, in ei-
nem Rachen, hat sich Wilhelm entkleidet und seine
Hände auf seine Füße gelegt, um sich binden zu las-
sen, denn er meinte zuerst nach Hause zu kommen
und ertränkt zu werden; aber solches ist ihm nicht
widerfahren, denn man ließ ihn seine Kleider wieder
anziehen, und sagte, er sollte noch warten.
Deshalb musste Georg zuerst daran und zum Op-
fer zubereitet werden. Als er zum Tode fertig war,
nahm er brüderlichen Abschied von Wilhelm, und sie
küssten einander mit dem heiligen Kusse der Liebe.
Hierauf wurde Georg über Bord geworfen und in
dem Rheine ertränkt, und hat mit seinem Tode be-
zeugt, daß er ein Mitgenosse des Leidens Christi sei,
damit er auch von seiner Hand (aus Gnaden) die Kro-
ne auf dem Berge Zion empfangen und sich mit ihm
ewig erfreuen möge.
Als nun Georg ertränkt war, sagte der Scharfrichter
zum Wilhelm: Ziehe deine Kleider an, ich will dich
331
ans Land führen und dir dort den Kopf abhauen.
Hierzu war Wilhelm durch Gottes Gnade willig und
bereit, und sagte: Ihr könnt mit mir tun, was Gott will
und euch zulässt. Als sie aber ans Land kamen, ließen
sie ihn frei und ledig. Der Scharfrichter sagte zu ihm:
Gehe deiner Straße. Ob sie dieses nun taten, weil Wil-
helm ein Pfaffe gewesen war, welchen sie erst hätten
entweihen müssen, ehe sie ihn töten konnten, oder
ob sie ihn um deswillen lieber in Freiheit gesetzt ha-
ben, damit sie solcher Mühe überhoben sein möchten,
weiß man nicht.
Hier folgt nun eine Ermahnung, welche Georg
Friesen aus dem Gefängnisse gesandt hat.
Ich verkündige euch eine neue Botschaft und gute
Nachricht durch das Wort des Herrn, o euch Men-
schen allen zusammen, welche darin besteht, daß ihr
euch zu Gott bekehren sollt von eurem sündhaften
Leben, damit euch eure Sünden vergeben werden; rei-
nigt eure Herzen, lasst die Welt fahren samt all ihrem
falschen Scheine, welchen sie schön vor Augen stellt.
Seht, ich verkündige euch viel Freude, die ich finde,
wie Christus, der Sohn Gottes, verheißen, wenn er
sagt: Ich will euch nicht als Waisen lassen; die auf
mich trauen, denen will ich ihr Leid tragen helfen, und
sie aus aller Not erretten; denn er hat selbst unsere
faulen stinkenden Wunden verbunden und geheilt;
ohne unser Verdienst hat er uns geheilt, als wir noch
Feinde waren, was ein anderer nicht tun konnte; er
hat uns mit reinem Wasser gewaschen und uns den
Tröster, den heiligen Geist, gesandt, wie der treue und
milde Heiland Christus uns verheißen hat; er wird uns
alles erneuern, was wir gehört haben; er wird, wenn
wir fest an ihm bleiben und gute Früchte bringen,
uns Mund und Weisheit geben, wie sein göttliches
Wort meldet, wenn wir ernstlich nach seinem Willen
leben, ja, er wird uns solch einen Mund geben, daß
uns niemand von den Weisen dieser Welt, die noch
in Sünden stecken und die Wahrheit verfehlen, wird
widersprechen können.
Ich finde es täglich, daß diese den wütenden Mee-
reswellen gleichen, die, durch starke Winde getrieben,
ihre Unreinigkeit und ihren Schmutz aufwerfen und
nimmer stille stehen; wäre etwas Gutes an ihnen, es
würde wohl zum Vorscheine kommen; gleichwie nun
die Blumen des Feldes abfallen, so geht es auch denen,
die sich zu spät bedenken, denn das Gras verdorrt
und die Blume fällt ab, aber das Wort Gottes bleibt in
Ewigkeit.
Ich finde noch eine Sache, welche mir sehr zu Her-
zen geht, und welche darin besteht, daß so viele an-
klopfen und sagen werden: Herr, tue uns auf, und
laß uns mit eingehen, welchen der Herr sagen wird:
Ich kenne euch nicht, und daß es ihnen nichts helfen
werde, daß sie sagten: Wir haben doch geglaubt, daß
du wahrhaftig Gott seiest, und daß der dein Kind sei,
den du gesalbt hast, und den die Juden verspottet
haben; denn wenn sie anders in der Bosheit verharren,
so wird sie Bangigkeit überfallen, daß sie über alle
Baalspriester wehe! wehe! rufen werden, die sie hier
verführt haben, die sich nun auf Moses Stuhl setzen,
Christum verfolgen, den Baal ehren und sagen: Tut
nach unsern Worten und nicht nach unsem Werken,
womit sie beweisen, daß sie nicht recht wandeln. O
ihr Otterngezücht! Wer hat euch geweissagt, daß ihr
dem Zorne Gottes und der höllischen Verdammnis
entfliehen werdet? Wird nicht der Herr zu ihnen sa-
gen: Seid ihr so verständig gewesen, daß ihr mich
erkannt habt? Warum habt ihr denn nicht in meiner
Nachfolgung das Reich meines Vaters gesucht; darum
weicht mm von mir, alle ihr Heuchler, zum Teufel und
seinen Engeln in den feurigen Pfuhl und in die ewige
Verdammnis. Aber ihr Brüder und Schwestern, die
ihr zu dem Abendmahle des Lammes berufen seid,
macht euch doch auf in dieser letzten Zeit von Herzen,
und rüstet euch zum Abendmahle; lasst euch auch
diese Speise nicht nehmen, die euch vorgesetzt ist, da-
mit ihr nicht vor Hunger vergeht; haltet euch fest an
Jesum Christum, seht zu, daß ihr nicht verliert, was
ihr erarbeitet habt; lasst euch auch auf dieser Erde von
niemandem irre machen; fürchtet euch auch nicht vor
den Fürsten dieser Welt, denn wenn sie vor das An-
gesicht Christi kommen, müssen sie alle zu Schanden
werden.
Nun macht euch auf zum Herrn, denn es ist jetzt
rechte Zeit; lasst euch die Welt nicht irre machen, da-
mit ihr nicht verführt werdet; wacht, die ihr auf dem
Meere seid, damit ihr nicht umkommt; glaubt an den
Herrn von Herzen, so werdet ihr im Sturme bestehen.
Der König aller Könige, welcher alle Dinge erkennt,
wolle uns mit seiner starken Hand erhalten, damit wir
niemals durch irgendeinen widrigen Zufall von ihm
abgezogen werden, sondern daß wir treulich bei sei-
nem Worte bis in den Tod bleiben mögen; hierauf will
ich mein Leben gern für diese Zeit lassen und diesen
engen Weg durch Christum wandeln; mit seiner Hilfe
will ich gern sein Joch tragen, und an diesem Joche
allein meinen Pflug ziehen. O Gott!, möchte mir das
widerfahren, daß das Werk, welches in mir angefan-
gen worden ist, zu einem solchen glückseligen Ende
ausgeführt werden möchte, zu meiner Seele Seligkeit,
und zu deiner Ehre, und das allein durch deine Kraft;
reicher könnte ich nicht werden, auch keinen hohem
Stand des Menschen erlangen; dafür würde ich dich
loben und preisen durch Christum, deinen Sohn. Mei-
332
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ne lieben Brüder und Schwestern, dieses habe ich in
meiner Gefangenschaft geschrieben; ich schenke es
euch zur Ermahnung; ich, Georg Friesen, habe dieses
des Nachts aufgesetzt, als andere Menschen schliefen;
ich hoffe, daß der lichte Tag bald heller und klarer
scheinen wird. O Herr!, komme doch bald zu mir in
das Gefängnis; erlöse mich von den Ketten; lege die
Bande von mir und schütze mich vor dem Bösen; ach
so stände ich wohl vor dir. Meine Brüder, wollt ihr
euch im Geist erfreuen, und hiervon den Grund mei-
nes Herzens verstehen, so hütet euch vor der Sünde,
alsdann werdet ihr klar sehen. Wollt ihr im Geiste die
göttlichen Rechte verstehen, so naht euch zum Herrn,
dann wird er euch dazu verhelfen.
Martyntgen Aelmeers, 1562.
Im Jahre 1562 ist zu Honschote in Flandern eine junge
Tochter Namens Martyntgen Aelmeers von Steenwyk
gefangen gesetzt worden, weil sie sich auf den Glau-
ben hatte taufen lassen, und ihren Handel und Wan-
del nach dem Evangelium unsers Herrn Jesu Christi
eingerichtet hatte; sie ist aber, nachdem sie sehr stand-
haft geblieben, zum Tode verurteilt und mit Feuer
verbrannt worden, sodass sie Gott ein angenehmes le-
bendiges Opfer getan und der Pein des ewigen Feuers
zu entgehen, erlangt hat.
Nikasen von Aelmeers, 1562.
In demselben Jahre ist Nikasen von Aelmeers, der Bru-
der der vorgenannten Martyntgen, um des Glaubens
und der göttlichen Wahrheit willen, zu Brügge in Flan-
dern gefangen worden, und als er durch keine Pein
oder Marter von seinem Glauben abgebracht werden
konnte, ist er zum Tode verurteilt und verbrannt wor-
den, als ein treuer Zeuge unsers Herrn Jesu Christi.
Carl von der Beide mit seiner Hausfrau Proentgen,
Franz Schwarz mit seiner Hausfrau Claesken,
Jasper, der Schuhmacher, Charlo de Wael und
Martyne Amare, 1562.
Im Jahre 1562 sind zu Honschote in Flandern sie-
ben Personen um des Zeugnisses der Wahrheit wil-
len gefangen genommen worden, nämlich: Carl von
der Beide von Gent, mit seiner Hausfrau Proentgen;
Franz Schwarz von Belle, mit Claesken, seiner Haus-
frau; Jasper, der Schuhmacher; Charlo de Wael, ein
junger Gesell; und Martyne Amare, eine junge Toch-
ter, welche alle standhaft bei der Wahrheit und dem
Worte Gottes geblieben sind; diese fünf, nämlich die
vier Mannspersonen und die junge Tochter, sind bald.
nachdem sie gefangen wurden, um ihres Glaubens
willen verbrannt worden; die beiden Weiber aber, wel-
che Schwestern waren, sind darauf in einer Waschbüt-
te heimlich ertränkt worden; als die eine der beiden
Frauen sah, daß man sie heimlich töten wollte, so be-
klagte sie sich hierüber, denn sie hätte lieber öffentlich
mit ihrem Tode der Wahrheit Zeugnis geben wollen,
worauf ihre Schwester sagte: Es ist doch ganz dassel-
be, denn Gott sieht es alles; er wird es uns vergelten,
und unser Leid rächen.
So haben sie sich alle, als tapfere Helden, durchge-
stritten, und haben es erlangt vom Holze des Lebens
zu essen, das mitten im Paradiese Gottes ist.
Jan Grendel, 1562.
Im Jahre 1562 ist ein Mann von Oudewater nach Goes
gekommen, der Jan Grendel hieß und aus Kortryck
in Flandern gebürtig war; er ist aber an demselben
Abend, als er in die Stadt kam, von dem Schultheiß,
Uytwyk, ergriffen und gefangen genommen worden,
welcher, als er ihn in sein Haus gebracht, ihn um sei-
nen Glauben fragte; er hat demselben ein offenes Be-
kenntnis davon abgelegt, nach welchem er in das Ge-
fängnis gesetzt worden ist, in welchem er ungefähr ein
Jahr lang gelegen hat, denn weil der Schultheiß Uyt-
wyk sich in seinem Amte etwas zu schulden kommen
ließ, so ist er seines Schulzenamtes entsetzt worden,
und es ist ein anderer, mit Namen Floris Schaek, in
dasselbe Amt getreten; unter demselben ist er nach
vieler Prüfung und Leiden in den Fasten des Jahres
1563 öffentlich auf dem Markte auf seinen Glauben
verbrannt worden.
Franziskus von der Sach und Antonius Welsch,
1562.
Im Jahre 1562 ist der Bruder Franziskus von der Sach,
ein gebomer Italiener von Novigio, ein Diener des
Wortes Gottes (welcher noch in der Probe stand), und
noch ein Bruder, der mit ihm abgefertigt war, genannt
Antonius Welsch, zu Capo d'Istria, ungefähr hundert
italienische Meilen von Venedig, gefangen genom-
men worden, als sie wiederum nach Deutschland zu
der Gemeinde zurückkehren wollten, und eine starke
Begleitung aus dem Volke bei sich hatten; man hat je-
doch das Volk nicht mitgenommen, sondern es gehen
lassen. Diesem Franziskus haben sie, wie einem Miss-
etäter, eiserne Bande an die Füße gelegt und beide in
ein besonderes Gefängnis gesetzt; sie haben dieselben
zu Capo d'Istria auf eine satanische Weise versucht
und angefochten, wie sie in den Zeiten zu tun pfleg-
ten; sie haben auch mit Macht gesucht, dieselben in
333
Fallstricken zu fangen, um sie straucheln und klein-
mütig zu machen, und an Gott zu Fall zu bringen,
insbesondere ist Franziskus hart angefochten worden;
doch haben beide tapferen Widerstand geleistet. Als
man sie nun zu Capo d'Istria über alle Punkte verhört
und untersucht hatte, hat man sie noch drei Tage mit
eisernen Banden an Händen und Füßen sitzen lassen,
und sie alsdann nach Venedig gesandt, auf welcher
Reise sie, weil die See ungestüm war, drei Tage und
drei Nächte still gelegen haben. Unterdessen haben
sie einander tröstlich zugesprochen und zur Mannhaf-
tigkeit ermahnt, sodass es schien, als hatten sie den
Schmerz, den sie von den eisernen Banden und an-
deren Zufällen erlitten, kaum gefühlt, welche ihnen
doch Tag und Nacht großes Leiden verursachten.
Als sie nun den ersten Tag des Septembers des
vorgemeldeten Jahres zu Venedig ankamen, hat man
sie sogleich in dunkle Gefängnisse gesetzt, welche
den vornehmsten Ratsherren zugehörten, in denen
sie einen ganzen Monat gelegen haben; hiernächst
wurden sie vor die weltlichen und auch einige soge-
nannte geistliche Herren zu Venedig gebracht, welche
in großer Pracht, auf das herrlichste gekleidet, dasa-
ßen; sie fragten den Bruder Franziskus, ob er noch
dabei bleibe, was er den Herren, die ihn verhörten
(und zu Capo d'Istria darüber mit ihm gesprochen
hatten), zur Antwort gegeben hätte und ob er solches
noch für die Wahrheit hielte; er antwortete ihnen: Ich
halte es für die Wahrheit, und es ist auch die Wahrheit.
Darauf fragten sie ihn, ob er alles glaubte, was
die heilige allgemeine, apostolische, christliche Kir-
che glaubt, worauf er antwortete: Was den Glauben
betrifft, so glaube ich alle Artikel des apostolischen
christlichen Glaubens. Darauf fragten sie ihn auch we-
gen der Taufe, Sakramente, Beichte und vieler anderer
Dinge; als er aber über alles einen sehr gründlichen
Bericht abstattete, sind sie scharf in ihn gedrungen, ha-
ben ihn hart gescholten, und ihn alsdann wieder nach
dem Gefängnisse bringen lassen. Den Bruder Antoni-
us haben sie auch vorgenommen, welcher gleichfalls
ein gutes Glaubensbekenntnis vor ihnen abgelegt hat.
Nicht lange darauf haben sie Franziskus abermals
verhört, insbesondere wegen der Kindertaufe, haben
aber, nach ihrem Willen, nichts ausgerichtet. Nach-
her haben sie ihn noch einige Male vorführen lassen,
und mit ihm gehandelt, haben auch Mönche zu ihm
gesandt, welche nichts anderes getan haben, als daß
sie, wenn sie auf ihre Fragen antworten sollten, sie
immer Ketzer und Widersprecher so vieler Konzilien
gescholten haben, und daß, wenn sie nicht abstehen
würden, sie sterben müssen; mit diesem Bescheide
haben sie dieselben wieder nach dem Gefängnisse
bringen lassen.
Kurz darauf haben die Herren einen andern Mönch,
einen Ketzermeister, zu ihnen gesandt, der mit ihnen
vom Glauben reden sollte; derselbe fragte sie zuerst,
ob sie von der oberländischen Kirche wären. Darauf
antwortete Franziskus: Ja. Da sagte der Mönch: Das
ist der erste Irrtum. Er fragte auch, ob er mit ihnen
das Brot gebrochen hätte. Als nun Franziskus ja sag-
te, sprach der Mönch: Das ist auch ein Irrtum. Diese
Antwort gab er auf alles, und was sie auch antworte-
ten, so sagte der Mönch allezeit, sie wären Ketzer und
Verführer.
Auch sprach der Mönch: Sagt mir, wer ist das Haupt
der Kirche? Franziskus antwortete: Das ist Christus.
Der Mönch sagte: Das ist auch ein Irrtum.
Darauf sagte Franziskus: Du nennst uns Ketzer,
aber du bist selbst ein Ketzer, nicht aber wir; denn
Christus ist ja das Haupt seiner Gemeinde. Aber, sagte
der Mönch, der Papst ist es hier auf Erden. Franziskus
sagte: Ein Leib mit zwei Häuptern ist ein schreckliches
Ding.
Sodann fing der Mönch abermals an zu verketzern
und zu ermahnen, daß er abstehen sollte. Aber der
Bruder Franziskus sprach, er könnte nicht abstehen, er
hätte ihm denn seinen Irrtum mit der heiligen Schrift
erwiesen. Der Mönch antwortete: Wir sind nicht schul-
dig, euch solches mit der Schrift zu erweisen. Darauf
sind sie abermals nach dem Gefängnisse gebracht
worden, wo Franziskus sein Bekenntnis und seine
Verantwortung schriftlich aufgesetzt und übergeben
hat.
Nachdem sie noch eine lange Zeit und überhaupt et-
wa zwei Jahre gefangen gelegen hatten, und in vielen
Verhandlungen immer in der bekannten Wahrheit, die
sie angenommen, standhaft geblieben sind, so sind
beide zum Tode verurteilt und im Jahre 1564 zu Vene-
dig in die See geworfen und ertränkt worden. Aber es
wird auch die See auf den Gerichtstag des Herrn ihre
Toten wieder herausgeben müssen; alsdann werden
diese Mörder der Frommen es teuer bezahlen müssen
und mit großem Schrecken bekennen, wie hart man
sich an Gott vergreift, wenn man seine Gläubigen so
antastet (Sach 2,12; Apg 9,5).
Jan der Schwarze und sein Weib Claesken, Claes,
Christian, Hans, Mathieu, seine vier Söhne,
Percevael von dem Berge, Jan Maes, Peter, der
Schuhmacher, Henrich Aerts, Hutmacher,
Janneken, Cabeljau's Weib, Calleken Steens,
Hermann, 1563.
Jan der Schwarze, ein ehrlicher, gutartiger Mann von
Nipkerke, ist mit seinem Weibe und seinen erwach-
senen Kindern zur Erkenntnis der Wahrheit und der
334
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Gemeinde Gottes gekommen. Nachher ist er zum Die-
ner der Gemeinde erwählt und verordnet worden,
in welchem Dienste er sich nach Vermögen in der
Einfalt so betragen hat (nicht allein in dem Dienste
seiner Armenpflege, sondern auch nach seiner von
Gott empfangenen Gabe in dem Austeilen des Wortes
der Ermahnung), daß er durch seine Beredsamkeit
sich bei allen beliebt gemacht hat, die ihn kannten.
Was aber der Apostel Paulus vorhergesagt hat, daß
alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, Ver-
folgung leiden müssen, das ist ihm auch begegnet,
weshalb er in verschiedenen Städten und Flecken von
Flandern, namentlich zu FFonschote, Ryssel, Wervik,
Meenen, und zuletzt zu Fialewyn, gewohnt und sich
größtenteils mit Schmalweben ernährt hat; derselbe
ist auch mit seinem verdienten Lohne gegen die Ar-
men sehr gütig und freigebig gewesen, nicht allein
zum Dienste der FFausgenossen des Glaubens, son-
dern durchgängig gegen alle, wodurch er insbeson-
dere einen guten Namen (zu Gottes Preis und Ehre)
hinterlassen hat; auch ist er nicht nachlässig gewe-
sen, andern mit seinem Tische und FFerberge zu die-
nen, wie die Schrift vorschreibt; was daraus erhellt,
daß eben, als er gefangen worden ist, ein Bruder von
Doornik, Namens Percevael von dem Berge, und in
Zwevegem geboren, und noch ein anderer, der von
Honschote gekommen ist, Namens Jan Maes, bei ihm
zur Herberge gewesen sind.
Um eben diese Zeit wohnten zu Halewyn noch
verschiedene gottesfürchtige Brüder und Schwestern,
welche der Pfarrer N. von dem Castell sehr beneidete,
weshalb er sie auf verräterische Weise dem Diakon
von Ronse, als Ketzermeister in Flandern, überantwor-
tet hat. Derselbe ist auf einen Samstag, Nachts, den
7. März 1563, in Begleitung vieler Diener, von Ryssel
daselbst in der Stille angekommen, hat einige Häu-
ser von außen besetzt, dieselben sodann durchsucht,
und in der Nacht den vorgemeldeten Jan den Schwar-
zen mit seiner Hausfrau Claesken und vier Söhnen,
nämlich Claes, Christian, Hans und Mathieu, welcher
ungefähr sechzehn Jahre alt war, gefangen genommen;
außer diesen Personen hat er noch Percevael von dem
Berge, den vorgenannte Jan Maes, Peter den Schuh-
macher, und Jakomyntgen, dessen Hausfrau (welche
Jakomyntgen aber nicht standhaft geblieben ist), Hen-
rich Aerts, einen Hutmacher, Janneken, des Cabeljaus
Hausfrau, und noch eine Schwester, Calleken Steens,
die Hausfrau eines Bruders, der Augustin hieß, zur
Haft gebracht.
Als Jan der Schwarze gefangen genommen wurde,
waren die beiden jüngsten Söhne nicht bei der Hand,
sondern sind während der Zeit hinzugekommen, und
als sie in die Nähe des Hauses kamen, haben sie die
Nachbarn gewarnt, daß diejenigen im Hause wären,
die ihren Vater und Mutter fingen; da sagte einer zu
dem andern: Laß uns nicht laufen, sondern laß uns
mit Vater und Mutter sterben. Unterdessen ist Jan
der Schwarze gefangen zum Hause hinausgeführt
worden, und als er seine Söhne sah, sprach er zu ihnen:
Kinder, wollt ihr mit nach dem neuen Jerusalem? Sie
antworteten: Ja, Vater, und sind so mit ihm gefänglich
fortgeführt worden.
Der Diakon hat diese alle nach Ryssel gefangen
geführt und daselbst auf dem Schlosse genau bewah-
ren lassen. Jan wurde allein in eine Höhle gesetzt,
das Paradies genannt, welche so klein war, daß er in
derselben weder gerade stehen noch bequem liegen
konnte.
Während ihrer Gefangenschaft hat es sich ereig-
net, als einige Brüder und Schwestern (mit Liebe und
Mitleiden entzündet) vor die Stadt kamen und dem
Schlosse gegenüber standen, auch um die Gefange-
nen zu trösten, ihnen einige Worte zuriefen, daß unter
andern ein Bruder, genannt Hermann, welcher von
einem der Stadtdiener, der heimlich hinausging, er-
kannt worden ist, auch gefangen worden ist.
Nachdem diese Gefangenen zehn Tage gesessen,
hat sie der Ketzermeister den Händen der weltlichen
Obrigkeit überantwortet. Diese hat zuerst Jan den
Schwarzen mit seinem Sohne Claes, Peter, den Schuh-
macher, Henrich Aerts, den Hutmacher, Percevael von
dem Berge und Jan Maes, und sie alle sechs (weil sie
tapfer und standhaft bei der göttlichen Wahrheit blie-
ben) zum Tode verurteilt und auf einem Wagen auf
den Markt geführt, wo eine Schaubühne, mit Erde
und Pfählen versehen, errichtet war; sie wurden einer
nach dem andern hinaufgeführt und paarweise an
den Pfählen festgebunden.
Als sie zum Tode geführt wurden, schlug die Glo-
cke; Jan fragte, wie spät es wäre, da wurde ihm geant-
wortet: Vier Uhr. Er tröstete sich mit den Worten: Um
fünf Uhr hoffen wir in unserer Herberge oder auf un-
serem Ruheplatze zu sein. Sein Sohn Claes hat die
Worte gesprochen: Wir müssen sterben, weil wir glau-
ben, daß Jesus Christus des ewigen Gottes Sohn vom
Himmel und nicht von der Erde ist.
Dem Peter wurde ein Gebiss in den Mund gelegt,
um ihm das Reden zu verwehren. Als sie an den Pfäh-
len standen, wurde Holz und Stroh um sie her gelegt,
und als man solches anzündete, wurden sie lebendig
zu Asche verbrannt.
Wenige Tage darauf sind auch Claesken, Jan des
Schwarzen Hausfrau, mit ihren drei Söhnen und Her-
mann, weil sie fest und unbeweglich an der Liebe
Gottes blieben, alle fünf von der Obrigkeit zum Tode
verurteilt und lebendig zu Asche verbrannt worden.
335
und sind so als fromme Zeugen Christi bis ans Ende
standhaft geblieben.
Als nun hierauf fast ein Jahr verflossen, so sind auch
nach einer langwierigen Gefangenschaft Janneken Ca-
beljaus und Calleken Steens, als fromme, standhafte
Zeugen der göttlichen Wahrheit, zum Tode verurteilt,
lebendig ins Feuer gestellt und zu Asche verbrannt
worden.
Es hat sich auch zugetragen, daß der Pfarrer N. von
dem Castelle, der diese lieben Freunde Gottes aus
Neid verraten hatte, von Gott sehr hart gestraft wor-
den ist, denn sein Fleisch hat angefangen so sehr zu
faulen, daß es in Stücken von seinem Leibe gefallen ist,
oder geschnitten wurde, und daß seine Krankheit von
keinem Arzte geheilt werden konnte. Als einmal ein
großes Stück verfaultes Fleisch von seinem Leibe fiel
oder geschnitten wurde, ist dasselbe von einem Hun-
de aufgefressen worden, was er mit seinen eigenen
Augen angesehen hat; wie ihm nun dabei zu Mute
gewesen sein muss, ist leicht zu erraten, besonders
wenn er dabei einer Verwünschung gedachte, welche,
wie es heißt, über ihn ausgesprochen worden ist, näm-
lich, daß er mit seinen eigenen Augen noch würde
sehen müssen, daß die Hunde sein eigenes Fleisch
essen würden.
Auch trug es sich zu (als der Pfarrer oder Pfaffe
krank lag), daß ein Mann ihn zu besuchen kam, wel-
cher, als der Pfaffe über sein schweres Elend klagte,
zu ihm sagte: Es sind die Kohlen des Feuers zu Ryssel
(nämlich von dem Brande der oben genannten Freun-
de), was dem Pfaffen nicht wohl gefiel; musste aber
solchen Spott ebenso wohl ertragen, als auch seine
Strafe, die ihm Gott zusandte. Auf solche Weise ist er
endlich sehr elend gestorben, wie man liest, daß es
vor Zeiten dem Antiochus ergangen (2Makk 9,9) und
Herodes (Apg 12,23).
Dirk Lambertz, Christian von Wetteren und
Antonyn de Wale, 1563.
Auch sind zu Gent in Flandern um des Glaubens wil-
len drei Brüder, nämlich Dirk Lambertz, Christian von
Wetteren und Antonyn de Wale, gefangen genommen
worden, welche tapfer und ritterlich für ihren Glau-
ben und die Wahrheit gestritten haben, und durch
keine Anfechtung, Pein oder Leiden zum Abfalle ge-
bracht werden konnten, weshalb sie endlich zum Tode
verurteilt worden sind; sie haben, und zwar zuerst
Dirk Lambertz, bald darauf aber auch die beiden an-
dern, um Christo nachzufolgen, durch den Tod zum
Leben eingehen müssen, und deshalb werden sie mit
allen Auserwählten Gottes in weiße Seide gekleidet
werden, auch Palmzweige in die Hände und die Kro-
ne des Lebens auf ihre Häupter empfangen.
Joos Janß, 1563.
In eben demselben Jahre 1563 wurde auch zu Som-
merdyk ein Bruder, Namens Joos Janß, um der Bele-
bung der Wahrheit willen gefangen genommen, und
sofort nach Zierikzee geführt, wo er manche Verhöre
und Leiden ausgestanden hat; hat sich aber keines-
wegs bewegen lassen, von dem Worte Gottes und der
Liebe Christi abzufallen, weshalb er zuletzt verurteilt
und enthauptet worden ist, und hat so die Wahrheit
tapfer mit seinem Blute bezeugt.
Der mehrgemeldete Befehl des Kaisers Carl des
Fünften, welcher im Jahre 1550 erlassen und in den
Jahren 1556 und 1560 durch Philipp den Zweiten, Kö-
nig von Spanien, befestigt wurde (auf welches Jahr
wir denselben umständlich angeführt haben), wurde
im Jahre 1564 zum Verderben und Untergange der
unschuldigen und wehrlosen Christgläubigen zum
dritten Male erneuert und festgestellt, wie man in dem
großen Gesetzbuche der Stadt Gent, angeführt von
Wilhelm dem Ersten, Prinzen von Oranien, in seiner
Verantwortung wider seine Widersprecher, gedruckt
1569, Pag 165, sehen kann.
Darauf ist keine geringe Verfolgung erfolgt, wie
aus der Beschreibung der nachfolgenden Märtyrer zu
ersehen ist.
Daniel Kalvaert.
Daniel Kalvaert, geboren zu Teilt in Flandern, wur-
de im Jahre 1564 zu Armentiers um des Zeugnisses
der Wahrheit willen gefangen genommen, und von
da nach Ryssel geführt. Aber nachdem er einige Ver-
höre und Pein ausgestanden hatte, ist er mit vierzig
Dienern abermals nach Armentiers gebracht und dort
durch obrigkeitlichen Ausspruch verurteilt worden,
lebendig zu Asche verbrannt zu werden, welches Op-
fer er auch unverzagt getan hat; darauf ist seine Asche
in die Leye (ein dortiger Fluß) geworfen worden.
Peter von Oosthoven.
Peter Floeiß, genannt von Oosthoven, und gebürtig
zu Nipkerken in Flandern, ist um der Wahrheit Got-
tes willen zu Armentiers im Jahre 1564 gefangen ge-
nommen worden; er hat sich durch vieles Bitten und
Leiden, gleichwie auch durch Verheißungen, daß er
nicht sterben, sondern frei gelassen werden sollte, be-
wegen lassen von seinem Glauben abzufallen; aber als
er wieder im Gefängnisse war und zu sich selbst kam,
hat er bei sich überlegt, wie sehr er sich habe betrügen
336
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
lassen, und daß, wenn er auch dem zeitlichen Tode für
eine geringe Zeit entginge, so müsste er doch darum
den ewigen Tod schmecken; diese Betrachtung hat ei-
ne solche ängstliche Reue in ihm erzeugt, daß er sich
zu dem allmächtigen Gott (wie dort Petrus) mit ernst-
licher Anrufung gewendet, und mit heißen Tränen
um Vergebung seiner begangenen Missetaten, und
um ein standhafteres Gemüt, als er zuvor bewiesen,
gebetet hat.
Sein Gebet ist auch nicht umsonst und unerhört
geblieben, denn als er abermals vor die Obrigkeit
gebracht wurde, hat er seinen Abfall plötzlich wi-
derrufen, nachher seinen Glauben freimütig bekannt,
und ist standhaft dabei geblieben, weshalb er zuletzt
zum Tode verurteilt worden ist, dem er mit fröhlicher
Standhaftigkeit entgegen gegangen und also erwürgt
und verbrannt worden ist.
Stephan de Graet und Syntgen.
Es sind auch im Jahre 1564 zu Gent in Flandern, um
der Wahrheit willen, ein Bruder, genannt Stephan de
Graet und Syntgen, seine alte Mutter, gefangen ge-
nommen worden; beide waren gestärkt im Glauben
und sind dabei in allen Versuchungen und Leiden
bis in den Tod, welchen sie um des Namens Christi
willen haben öffentlich erleiden müssen, standhaft ge-
blieben; deshalb werden sie auch öffentlich droben in
des Himmels Throne den Herrn loben, und zu Ehren
des Lammes und desjenigen, der auf dem Stuhle sitzt,
das fröhliche neue Lied singen helfen.
Pieryntgen Ketels, Leentgen, ihre Mutter,
Pieryntgen und Martyntgen von Male, 1564.
In demselben Jahre wurden zu Gent vier Schwestern
Christi gefangen, nämlich: Pieryntgen Ketels, Leent-
gen, deren Mutter, und zwei Schwestern Pieryntgen
und Martyntgen von Male. Diese haben sich nicht
mit ihrem Fleische und Blute, sondern mit Gott berat-
schlagt, welcher sie stärken konnte, um dessen Na-
men willen sie (nach viel Anfechtung und standhafter
Beharrung) in dem Kloster zu St. Peter bei Gent ihr
Leben haben lassen müssen. Darum werden sie auch
von dem Jünglinge auf dem Berge Zion gekrönt und
von ihrem Bräutigam freudig empfangen werden.
Peter von der Mühl, 1564.
Kurz darauf hat auch zu Gent ein Bruder, Namens
Peter von der Mühl, so tapfer für seinen Glauben in
Christo gestritten, daß er mit einem festen Glauben
und Vertrauen auf Gott allen denen bis an seinen Tod
widerstanden, die ihn davon abfällig zu machen such-
ten, er ist aus dieser Welt geschieden und in Ruhe
und Frieden zu Christo gereist, um am jüngsten Ta-
ge diejenigen richten zu helfen, die ihn hier gerichtet
haben.
Maeyken Boosers wird um des Zeugnisses Jesu
Christi willen in der Stadt Doornik, im Jahre 1564,
den 18. September, zu Asche verbrannt.
Ein Bekenntnis und tröstlicher Sendbrief von Maey-
ken Boosers, gefangen zu Doornik, wo sie ihren Glau-
ben mit ihrem Tode versiegelt hat, welcher also lautet:
Die ewige unergründliche Gnade Gottes und die
Kraft des heiligen Geistes sei mit euch allen, meine
geliebten Freunde und Brüder. Ich lasse euch wissen,
daß ich dem Fleische nach gesund bin; aber dem Geis-
te nach möchte es wohl etwas besser sein, denn ich
finde Schwachheit in mir; doch steht meine Hoffnung
auf Gott, der den Schwachen stärkt und den Unter-
drückten tröstet, wonach mein Herz allezeit verlangt,
um vor seinen Augen tüchtig zu sein, daß ich zu sei-
ner Ehre dasjenige vollbringen möchte, was er in mir
angefangen hat. Darum bitte ich euch, meine geliebten
Brüder, daß ihr meiner nicht vergesst, wie ich denn
auch wahrnehme, daß ihr solches nicht tut, wofür ich
mich sehr bedanke und hoffe, der Herr werde euch in
seiner heiligen Wahrheit bewahren. Ferner lasse ich
euch wissen, daß mich die Herren fragten und wissen
wollten, wer mit mir getauft worden und ob keiner
von denselben in der Stadt wäre; sie wollten deren
Vor- und Zunamen wissen; ich erwiderte: Ich wüsste
es nicht, und könnte es nicht sagen; hiermit waren sie
nicht zufrieden, denn sie sagten, der Scharfrichter soll-
te mich entkleiden; ich war sehr beschämt und bat sie
freundlich, daß sie mir glauben wollten, aber es half
nichts. Darauf sagte ich: So geschehe denn euer Wille,
und entkleidete mich. Darauf führten sie mich zur
Folterbank, und banden mich, um mich aufzuwinden
und auszuspannen. Hierauf sagte der Bevollmächtig-
te, ich sollte sie ihnen nennen; ich erwiderte aber: Ich
könnte solches nicht tun; da banden sie mich wieder
los, ohne daß ich jemanden genannt hatte, deshalb
sei der hohe Gott gelobt. Aber den Peter und George,
haben sie schon vorher gewusst, darum musste ich sie
auch nennen, wiewohl ich auch ihre Zunamen nicht
wusste. Hiermit will ich euch dem Herrn befehlen,
und dem Worte seiner Gnade. Der Herr wolle uns alle
in der Einigkeit des Glaubens bewahren bis ans Ende
unsers Lebens, Amen.
337
Noch ein Brief von Maeyken Boosers an ihre
Eltern.
Aus dem Innersten meines Herzens grüße ich euch,
mein geliebter Vater und meine sehr geliebte Mutter,
und alle diejenigen, die in eurem Hause sind. Wol-
let vernehmen, daß ich gesund und unverändert im
Gemüte bin; der Herr sei ewiglich gelobt; ich hoffe
durch Gottes Güte, daß es mit euch ebenso steht; fer-
ner danke ich euch herzlich für euren freundlichen
Gruß, den ihr mir geschrieben habt, worüber ich mich
sehr gefreut habe, als ich hörte, wie euer Gemüt mir
zugeneigt wäre; deshalb will ich auch euch zum An-
denken etwas von meiner Gefangenschaft schreiben.
Zunächst hat mich der Bevollmächtigte gefragt, wie
alt ich gewesen, als ich getauft worden wäre. Ich er-
widerte: Ungefähr drei- oder vierundzwanzig Jahre.
Sie fragten, warum ich das hätte tun lassen. Ich sagte:
Weil es Gott befohlen hat. Sie fragten, ob ich nicht
wüsste, daß ich zuvor schon getauft worden wäre.
Ich antwortete: Davon weiß ich nichts, auch hat Gott
solches nicht befohlen. Sie fragten, ob ich keine Gevat-
terleute gehabt hätte. Ich sagte: Es kann wohl sein, sie
sind vielleicht gestorben. Da sagten sie, man sollte mir
Gelehrte zusenden. Ich entgegnete: Ihr solltet weise
genug sein, um gegen mich zu reden; aber sie wollten
Gelehrte senden. Darauf haben sie den Pfarrherrn von
der Frauenkirche gesandt, der zu mir sagte, warum
ich so lange nicht in seiner Kirche gewesen wäre, und
daß er mich nicht gekannt hätte. Ich erwiderte, ich
hätte mich zu Hause still gehalten. Sie fragten, wo
meine Kirche wäre. Ich antwortete: Sie ist euch unbe-
kannt, denn wenn ihr sie wüsstet, ihr würdet sie nicht
lange in Ruhe lassen. Wir redeten viel miteinander
von der Taufe. Ich sagte, Christus hätte seine Apo-
stel ausgesandt in alle Welt, welche zuerst alle Völker
lehrten, alles dasjenige zu halten, was er ihnen befoh-
len hätte, und sie im Namen des Vaters, des Sohnes
und des heiligen Geistes tauften; es können aber kei-
ne Kinder lernen; wer aber glaubt und getauft wird,
soll selig werden. Darauf sagten sie, daß die Apostel
ganze Häuser getauft hätten. Ich erwiderte: Ja, als-
dann haben sie sich erfreut, daß sie in Gott gläubig
geworden waren; solches können die Kinder nicht tun.
Christus hat die Kinder zu sich gerufen und gesagt,
daß solcher das Himmelreich sei, aber er befahl nicht,
sie zu taufen. Da brachten sie Adams Sünde vor, und
daß sie darin geboren wären. Ich sagte, Christus wäre
dafür gestorben; ich fragte sie, ob sie mit der Taufe die
Sünde abtun wollten; die jungen Kinder hätten aber
keine Sünde, darum könnten sie auch der Sünde nicht
absterben und durch die Taufe in einem neuen Leben
auferstehen. Da sagten die Herren: Deine Meinung ist.
wer da glaubt und getauft wird, soll selig werden, ist
dem nicht so? Ich erwiderte: Ja. Darauf fragten sie, ob
Christus nicht von dem Heische Maria wäre. Ich sagte,
Maria hätte ihn vom heiligen Geiste empfangen, wie
der Engel zu ihr sagte: Der heilige Geist wird über
dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird
dich überschatten, weshalb auch das Heilige, das von
dir geboren werden soll, Gottes Sohn genannt werden
wird. Sie fragten noch einmal, ob er nichts von ihrem
Fleische angenommen hätte, weil er dasselbe nicht
von Oben gebracht hat. Ich entgegnete, daß ich dem
Zeugnisse des Johannes glaubte, wo er sagt: Das Wort
ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Sie
fragten, ob ich nicht glaubte, daß er der Sohn Maria
nach dem Fleische wäre, und Gottes Sohn nach dem
Geiste. Ich antwortete, daß er Gottes eigener und ein-
ziggeborener Sohn wäre, der ohne Anfang der Tage
und ohne Ende des Lebens sei und zuletzt durch die
Kraft des heiligen Geistes von Maria geboren worden
sei. Darum ist er nicht von der Erde und irdisch, wie
Adam, und wird auch nicht zur Erde werden, denn er
ist der Herr vom Himmel. Hätte er Fleisch von unse-
rem Fleische, so müsste er auch die Verwesung sehen,
denn Gott sprach: Du bist Erde und sollst wieder zur
Erde werden, was sich nicht allein auf Adam, sondern
auf alle, die von ihm abstammen, bezog.
Dann fragten sie mich, ob ich nicht glaubte, daß in
dem Sakramente Christi Fleisch und Blut wäre. Ich er-
widerte: Nein, er ist aufgefahren und sitzt zur Rechten
Gottes, seines Vaters. Sie fragten, ob ich nicht glauben
wollte, daß alle Heiligen im Himmel seien. Ich antwor-
tete: Was ich nicht gelesen habe, kann ich nicht ver-
antworten; aber das habe ich gelesen: Der Gerechten
Seelen sind in Gottes Händen, und keine Todespein
wird sie anrühren.
Darauf sagten sie nicht viel, aber sie fragten, was
ich von der Maria hielte. Ich entgegnete, sie sei ein
reines und heiliges Gefäß gewesen, gesegnet über alle
Weiber, denn sie war würdig, den Sohn Gottes zu
empfangen und zu gebären.
Sie fragten, ob ich nicht bekennte, daß ein Fegfeuer
wäre. Ich erwiderte: Ich finde von zwei Wegen ge-
schrieben, von einem sehr breiten, der zur Verdamm-
nis, und von einem sehr schmalen, der zum ewigen
Leben führt.
Auch fragten sie, was ich von dem Papste hielte.
Ich antwortete: Den Papst kenne ich nicht, aber ist das
seine Lehre, die man hier hält, so halte ich ihn seiner
Lehre gleich.
Es sind noch mehr Worte gefallen, aber ich habe
dieses nur aus Zeitvertreib geschrieben. Lebt wohl.
338
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Noch ein Brief von Maeyken Boosers an die
Brüder.
Meine sehr geliebten und werten Brüder im Herrn!
Ich lasse euch wissen, daß mein Herz getrost und
wohlgemut ist, dem Herrn sei ewiges Lob, denn er
bewahrt uns durch seine rechte Hand, und hilft uns
aus der Mitte unserer Feinde, denn ohne ihn wäre ich
verloren, weil sie auf mancherlei Weise mich anfech-
ten, geistlich und weltlich, wie man diesen Sonntag an
Herrn Massaert, an einem Ratsherrn und noch einem
weltlich gelehrten Manne hat bemerken können, wel-
che dafür hielten, daß ich zu der allerschändlichsten
Sekte gehörte, die jemals unter dem Himmel gewe-
sen; als ich aber ihnen meinen Glauben erzählte, habe
ich sie alle weinen gemacht, sodass sie kaum reden
konnten; sie sind auch endlich freundlich von mir
geschieden.
Für dieses Mal nicht mehr, als bleibt dem Herrn al-
lezeit befohlen; er erhalte und bewahre euch in seiner
heiligen Wahrheit. Ich hoffe, es wird bald mit mir ge-
schehen sein, denn mir ist nichts lieber, als dem Herrn
zu gefallen und selig zu sterben, Amen.
Ein Testament der Maeyken Boosers an ihre
Kinder.
Ein herzlicher und zugeneigter Gruß sei an euch ge-
schrieben, meine herzlich geliebten Kinder; hört doch
eure Mutter, die nun um der rechten Wahrheit willen
in Banden ist; denn es hat Gott so gefallen, daß alle,
die gottselig leben wollen, Verfolgung leiden müssen.
Darum bin ich getrost und wohl zufrieden, daß der
Knecht seinem Herrn nachfolgt. Sein gesegneter Wil-
le müsse an mir geschehen; hätte es ihm gefallen, er
hätte mich vor diesen Banden wohl bewahren kön-
nen. Meine lieben Kinder, es ist von Anfang her so
gewesen, daß die Gerechten haben leiden müssen,
und daß die Ungerechten allezeit die Oberhand ge-
habt; aber es wird ihr Tag bald kommen, wo sie klagen
und vor Elend rufen werden: Ihr Berge, fallt über uns,
und ihr Hügel bedeckt uns vor dem Angesichte des
Herrn. Ach wehe!, wenn die Gerechten wie die Son-
ne scheinen werden, dann werden die Gottlosen ins
ewige Feuer gehen. Ach, geliebte Kinder, forscht in
der Schrift; richtet euch darnach, daß ihr das angeneh-
me Wort vernehmen mögt. Kommt, ihr Gesegneten,
ererbt das Reich meines Vaters. Bittet den Herrn um
Weisheit, und lernt Gott fürchten, so erlangt ihr rech-
ten Verstand, und stellt euch nicht der Welt gleich,
in Hoffart, im Tanzen, im Springen und eitlem Ge-
schwätze, sondern stellt in eurem Wandel ein gott-
seliges Leben dar; schmückt euch mit den heiligen
Weibern, schafft euch die Schrift an und lebt darnach,
damit eure Seelen selig werden, und wir nach die-
ser Zeit Zusammenkommen mögen. Der allmächtige
Gott, der König aller Könige, verleihe euch seine Gna-
de nach dem Reichtum seiner Güte, stark zu werden
an dem inwendigen Menschen, und gebe euch Chris-
tum zu wohnen in euren Herzen, welcher euch in
alle Wahrheit leiten wolle. Ich bitte euch, meine lie-
ben Kinder, seid doch untereinander friedsam, das ist
eine Frucht des Geistes; helft einander gerne, ohne
irgendeinen Widerspruch, und seid allezeit der Ar-
men eingedenk; seid freigebig in allem, was ihr habt;
macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon;
liebt das, was ewig ist, und nicht was zeitlich ist; sucht,
was himmlisch und nicht was irdisch ist, denn alles
Fleisch ist wie Gras, und die Herrlichkeit des Men-
schen wie des Grases Blume, welches heute steht und
morgen in den Ofen geworfen wird; die Herrlichkeit
des Menschen vergeht, aber des Herrn Wort bleibt in
Ewigkeit. Liebt die Welt nicht, noch die Dinge, die
darinnen sind, nämlich Augenlust und Hoffart des
Lebens, welche nicht von Gott, sondern von der Welt
sind, die Welt aber wird vergehen mit allem, was dar-
innen ist; wer aber den Willen des Vaters tut, bleibt in
Ewigkeit.
Meine Kinder, tut nach des Herrn Willen, ich, eure
Mutter, hoffe, euch den Weg vorzugehen; merkt aber
darauf, worin und wie ich vorgehe; seht doch nicht
auf die Ehre der Welt, sondern achtet es für eine Ehre,
um des Namens unsers Gottes willen zu leiden; denn
er, welcher der oberste König war, hat sich nicht ge-
schämt, seine Herrlichkeit zu verlassen, ist in die Welt
gekommen, und hat den allerschmählichsten Tod für
uns erlitten, ist auch unschuldig geschlagen und miss-
handelt worden, daß auch nichts Ganzes an seinem
gesegneten Leibe war; so lieb hatte er uns, womit er
uns ein Beispiel hinterlassen hat, daß wir seinen Fuß-
stapfen nachfolgen sollten. Er ist das Licht, welches
in die Welt gekommen ist, damit alle, die ihm nach-
folgen, nicht in der Finsternis wandeln, sondern das
Licht des Lebens haben möchten; der Herr gebe, daß
euch dasselbe Licht auch umscheinen möge, und daß
ihr darin wandeln mögt, Amen.
Noch ein Brieflein von derselben Mutter an ihre
Kinder.
Meine Kinder, ich grüße euch sehr herzlich, und sen-
de euch eure Schriften wieder zurück, damit ihr eu-
rem Versprechen, welches ihr mir darin gegeben habt,
nachkommen mögt. Seid doch allezeit denen unter-
tänig, die euch zur Gerechtigkeit anhalten und euch
in eurer Übertretung bestrafen. Lebt wohl, und hier-
339
mit auf dieser Welt gute Nacht. Meine lieben Kinder,
fürchtet Gott, meidet alles Arge.
Noch ein Brief von Maeyken Boosers an ihre
Eltern.
Mein sehr geliebter Vater und meine innigst geliebte
Mutter, ich befehle mich euch an, aus dem Innersten
meines Herzens, mit Bitten zu dem Herrn, daß er
euch und mich mit dem Tröste des heiligen Geistes
trösten wolle, als das Verheißene des Herrn, welchen
er verheißen hat, seinen Jüngern zu senden, indem er
sagt: »Nun abergehe ich zum Vater und ich will euch einen
andern Tröster senden, welchen die Welt nicht empfangen
kann, denn sie kennt ihn nicht.«
Darum, mein lieber Vater und meine liebe Mutter,
seid getrost und erwartet in Geduld, was der Herr mit
mir tun will; ich warte auch auf seinen Trost in Ge-
duld, und was geschehen ist, achte ich nur für etwas
Leichtes, wovon ich keine Beschwerde fühle. Der Herr
müsse gelobt sein, auf den ich hoffe, denn er tröstet
den Demütigen, und stößt den Hoffärtigen vom Stuh-
le, und obgleich uns hier Jammer vor Augen schwebt,
so wissen wir doch, daß des Herrn Tag bald kommen
und daß alles gottlose Wesen vernichtet werden wird,
und daß Gott ohne Ansehen der Person richten und
einem jeden nach seinen Werken vergelten wird. Dar-
um, mein lieber und sehr werter Vater und meine
teure Mutter, seid doch meinetwegen unbekümmert,
und lasst den Herrn sein Werk ausführen; ich hoffe,
er hat mich Arme, Unwürdige zum Opfer verordnet,
welches Ihm gefällig ist, denn ich habe auf seine Barm-
herzigkeit gehofft, und daß er nicht mit mir ins Recht
gehen werde; wollte er mich nach meinem Verdienste
richten, so wäre ich des ewigen Todes schuldig; aber
ich hoffe, der Herr werde sich meiner erbarmen.
Ich berichte euch, daß ich noch einmal vor den Dia-
kon gebracht worden bin, aber ein jeder behielt das
Seinige, und beim Abschiede sagte er zu mir: Wenn
du in diesem Glauben bleibst, so bist du ewig ver-
dammt. Ich erwiderte: Warum redest du so, da doch
Gott richten wird? Ja, sagte er, solches darf ich wohl
sagen, denn es wird so geschehen. Darauf folgte mir
Meister Claes und fragte: Wo hast du dich so lange
verweilt? Ich habe dich lange gesucht. Ich antwortete:
Nun habt ihr mich ja. Ich habe dich nicht, sagte er,
denn wärest du in unsern Händen, wir würden dich,
nach meinem Erachten, länger halten, als diese tun
werden. Hiermit will ich euch, mein lieber Vater und
meine liebe Mutter, dem Herrn anbefehlen, der euch
und mich bis ans Ende bewahren wird. Betrübt euch
nicht um mich, sondern erfreut euch, daß mich der
Herr würdig achtet; denn diese meine Glieder, die mir
der Herr gegeben hat, will ich um seinetwillen gern
verlassen. Lebt wohl allezeit.
Noch ein Brief von Maeyken Boosers an die
Brüder und Schwestern.
O meine herzlich und sehr geliebten Brüder und
Schwestern in dem Herrn! Ich grüße euch noch einmal
mit des Herrn Frieden, daß derselbe bis in Ewigkeit
bei euch bleiben wolle, Amen.
Ich berichte euch, daß diese meine Feinde mich
noch allezeit wegen der Taufe quälen; aber von der
Menschwerdung Christi sagen sie mir nichts mehr.
Der Diakon erzählte ihnen meinen Glauben, und sie
fragten mich um nichts weiter, als ob ich glaubte, daß
Christus Davids Sohn sei. Ich erwiderte, er wäre der
Sohn des lebendigen Gottes. Ach, ach! sprach der Dia-
kon. Die Herren fragten: Steht es nicht geschrieben,
aus dem Samen Davids nach dem Fleische? Der Dia-
kon antwortete ihnen, denn ich fand kein sonderliches
Gehör; er warf mir öfters vor, daß ich löge, weil ich
ihm widersprach, und er mir nicht beweisen konnte,
daß die Apostel Kinder getauft hätten. Sie überfielen
mich alle zugleich und sprachen, es könne niemand
ins Himmelreich kommen, es sei denn, daß er aus
Wasser und Geist geboren würde. Sie fragten mich
plötzlich, ob ich solches auch bekennte; worauf ich er-
widerte: Die Schrift gehört den Kindern nicht, sondern
den Alten, die Ohren haben zu hören. Da standen sie
auf und sagten: Du hegst eine Meinung.
Nim erwarte ich, meine lieben Freunde, morgen
noch einmal vor sie gebracht zu werden. Darum bit-
te ich euch, ihr wollt den Herrn für mich bitten, daß
er meinen Mund zu seinem Preise und zu seiner Eh-
re regieren wolle. Hiermit will ich euch ewiglich in
die Hände Gottes befehlen, und bitte freundlich, ihr
wollt mein einfältiges Schreiben zum Besten deuten,
denn ich suche sonst nichts, als aus einfältigem Her-
zen Gott zu gefallen. Ach, möchte ich dem König der
Könige und dem Herrn aller Herren in meinem Rufe
so gefallen, dann wäre ich gewiss zu einer seligen Zeit
geboren. Hiermit Frieden und gute Nacht; nach die-
ser Zeit nichts mehr. Haltet dieses für einen ewigen
Abschied.
Nachher ist Maeyken Boosers zu Doornik zu Asche
verbrannt worden, und hat ihre Seele in die Hände
des Herrn übergeben.
340
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Willeboort Corneliß wird zu Middelburg, in
Seeland, um der Wahrheit des Evangeliums willen
im Jahre 1564, den 14. September getötet.
Ein Brief van Willeboort Coineliß, geschrieben aus
dem Gefängnisse zu Middelburg, wo er gefangen lag,
welchen er mit seinem Blute versiegelt hat und wel-
cher so lautet:
Die Gnade und der Friede von Gott, dem himmli-
schen Vater, welche uns durch Jesum Christum, seinen
einigen Sohn, unsem Herrn, geworden sind, wollen
dich trösten in allem deinem Jammer, meine herzlich
geliebte Schwester im Herrn; der heilige Geist wol-
le dich leiten in alle Wahrheit und Gerechtigkeit bis
ans Ende, und die starke Hand Gottes wolle dich und
mich auf der ebenen Bahn erhalten, damit wir recht
wandeln mögen bis ans Ende, Amen.
Meine herzlich geliebte und werte Schwester in
dem Herrn! Wir müssen in dieser elenden und be-
trübten Welt als jedermanns Raub geachtet sein, wie
der Prophet uns berichtet; ja, Christus Jesus selbst
sagt: »Ihr müsst von allen Menschen um meines Namens
willen gehasst werden ;« ja, wir werden für Verführer
gehalten; gleichwohl sind wir wahrhaftig; wir sind
ein Schauspiel geworden, wir haben in allen Dingen
Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht; wir werden ge-
drängt, aber wir werden nicht verzagt; wir leiden Ver-
folgung, aber wir werden nicht verlassen; wir werden
unterdrückt, aber wir vergehen nicht. Wir werden für
Schlachtschafe gehalten, aber in all' diesem überwin-
den wir weit um desjenigen willen, der uns geliebt hat;
denn, mein liebes Schaf, wir wissen, daß wir durch
viel Trübsal und Leiden in das Himmelreich eingehen
müssen; ebenso wissen wir auch, daß, solange wir in
diesem Leibe wohnen, wir als Pilger in der Abwesen-
heit von dem Herrn wallen. Darum sagt Petrus: »Ich
ermahne euch als Pilger und Fremdlinge, enthaltet euch
der fleischlichen Lüste, die wider die Seele streiten.« Dar-
um mein liebes Schaf, hast du nun auch mit Abraham
unser Vaterland verlassen, so sei darum nicht träge in
demjenigen, was du tun sollst, sondern sei brünstig
im Geiste, schicke dich nach der Zeit, sei fröhlich in
der Hoffnung, geduldig in Trübsal, halte an im Gebete,
nimm dich der Heiligen Notdurft an und beherberge
gern. Darum, mein liebes Schaf, obgleich unser äuße-
rer Mensch verwest, so wird doch der innere von Tag
zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich und
leicht ist, schafft uns, die wir nicht auf das Sichtbare,
sondern auf das Unsichtbare sehen, eine ewige und
über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.
Darum, meine liebe Schwester, siehe allezeit auf
den Herzog des Glaubens und den Vollender Jesum,
welcher, wahrend er wohl hätte Freude haben mögen.
das Kreuz erduldete und der Schande nicht achtete,
und zur Rechten auf dem Stuhle Gottes gesessen hat.
Gedenkt an den, der ein solches Widersprechen von
den Sündern wider sich erduldet hat, daß ihr nicht
in eurem Mute matt werdet und ablasst, denn wen
der Herr lieb hat, den züchtigt er; er stäupt aber einen
jeden Sohn, den er liebt und aufnimmt; denn unser
Heiland hat selbst um unsertwillen so viel gelitten,
daß auch Jesaja wohl sagen durfte, daß er weder Ge-
stalt noch Schönheit gehabt; wir sahen Ihn, aber da
war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der
Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen
und Krankheit; er war so verachtet, daß man auch das
Angesicht vor Ihm verbarg. Darum durfte er durch
den Propheten wohl sagen: »Sie gaben mir Galle zu
essen, und Essig zu trinken in meinem großen Durste; al-
le Menschen spotten mein, sie schüttelten den Kopf, und
sperrten den Mund auf wider mich.« Ja, wie er durch den
Propheten sagt: »Ich bin ein Wurm und kein Mensch, ein
Spott der Leute und eine Verachtung des Volkes.«
Meine liebe Schwester in dem Herrn! Hat das
Haupt so gelitten, so müssen die Glieder auch fol-
gen; laß dich es nicht verdrießen, daß du noch in die-
ser Welt oder Wüste herumstreifen musst, denn Gott
ist es, der in euch das Wollen und Vollbringen wirkt,
nach dem guten Vorsätze deines Gemütes. Mein liebes
Schaf, laß dein Licht allezeit leuchten unter diesem
argen und verkehrten Geschlechte, damit diejenigen,
welche von euch afterreden, wie von Übeltätern, eu-
re guten Werke sehen und Gott preisen am Tage der
Untersuchung.
Meine herzlich geliebte Schwester in dem Herrn,
erwarte doch die Zeit in Geduld, und harre auf die
Zukunft unsers Herrn. Sieh, der Ackersmann erwar-
tet die köstlichen Früchte der Erde in Geduld und
geduldet sich, bis er den Früh- und Spätregen emp-
fange. Darum sei geduldig, stärke dein Herz, denn
des Herrn Zukunft ist nahe. Meine liebe Schwester,
du hast die Geduld Hiobs gehört, und hast auch das
Ende des Herrn gehört, daß er barmherzig und ein
Erbarmer ist.
Mein liebes Schaf, laß uns dasjenige, was wir ha-
ben, bis ans Ende festhalten, er ist getreu, der es uns
verheißen hat, meine liebe Schwester; erniedrige dich
allezeit, alle deine Sorge wirf auf den Herrn, denn er
sorgt für dich und für uns alle; wir wissen ja unsem
Lohn, den wir mit Geduld erwarten, schon im Vor-
aus, wenn wir seine Gebote nach unserer Schwachheit
bis ans Ende festhalten. Darum sagt Paulus, daß die
Liebe das Band der Vollkommenheit sei, und Petrus
sagt: Habt untereinander eine brünstige Liebe, denn
die Liebe deckt auch der Sünden Menge. Meine liebe
Schwester in dem Herrn, müssen wir auch ein Spott
341
der Welt sein, und in fremden Ländern herumwan-
dern, so wird es uns doch kein Hindernis sein, wenn
der Herr sagen wird: Kommt, ihr Gesegneten meines
Vaters, ererbt das Reich, welches euch von Anfang
der Welt bereitet ist; dann wird das Kind geboren sein,
dann wird man nicht mehr gelästert werden, dann
werden alle unsere Feinde überwunden sein, dann
werden unsere Tränen von unsern Augen abgewischt
werden, dann wird uns kein Leid mehr widerfahren,
dann werden wir aus dem Brunnen des Lebens um-
sonst trinken, denn alles, was sie geschrieben ist, das
ist zu unserer Lehre geschrieben, damit wir durch Ge-
duld und Trost der Schrift Hoffnung haben möchten.
Der Gott der Geduld und des Trostes gebe euch,
daß ihr untereinander gleich gesinnt seid, nach Chri-
sto Jesu, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott,
den Vater unsers Herrn Jesu Christi, preisen mögt.
Darum nehmt einander auf, gleichwie uns Christus
zur Herrlichkeit Gottes, des Vaters unsers Herrn Jesu
Christi, aufgenommen hat, Amen.
Von mir, Willeboort Corneliß, in den Banden ge-
schrieben.
Pryntgen Maelbouts und Martyntgen, 1564.
Im Jahre 1564, den 12. November sind Pryntgen Ma-
elbouts, die Witwe des Jakob de Bäcker, des Pauwels
von Meenen Bruders, und mit ihr Martyntgen Mael-
bouts, ihre Schwester, eine junge Tochter, geboren zu
Tielt, zu Gent in Flandern mit dem Schwerte enthaup-
tet worden, jedoch nicht wegen irgendeines Gerüchts
von bösen Werken, sondern allein um des Zeugnis-
ses unsers Herrn Jesu Christi willen, in einem guten
Gewissen. Sie hatten sich nämlich (nach der Lehre
der heiligen Schrift) von der päpstlichen Kirche des
Antichristen, welche mit vielen Unreinigkeiten der un-
reinen Werke der Finsternis besudelt ist, und von den
Lehren und Menschengeboten, welche mit des Herrn
heiligem Worte streiten, abgesondert, und hatten sich
mit den wahren Gliedern Christi wieder vereinigt,
und ( nach ihrem schwachen Vermögen) mit ihnen
ihres Herrn Gebote und Verordnungen unterhalten.
Deswegen sind sie von den Verfolgern und Beneidern
der Wahrheit ihres Lebens beraubt worden, welches
sie freiwillig verlassen wollten, um ihrem Herrn und
Erlöser zu gefallen, in einer lebendigen Hoffnung und
festem Glauben, daß sie diese ihre vergänglichen Glie-
der (die sie hier um seines Namens willen verlassen)
in der Auferstehung der Gerechten in großer Herr-
lichkeit wieder empfangen und mit Gott und seinen
Heiligen in Ewigkeit regieren werden.
Mr. Jelis Matthyß wird um des Zeugnisses Jesu
Christi willen zu Middelburg im Jahre 1564 getötet.
Ein Brief von Mr. Jelis Matthyß, im Gefängnisse zu
Middelburg, im Jahre 1564 geschrieben, wo er um des
Namens des Herrn willen sein Leben gelassen hat.
Der feste Grund Gottes bleibt ewig.
Die Gnade, der Friede und die überfließende Liebe
unsers Gottes, die herzgründliche, unaussprechliche
Liebe seines Sohnes, unsers Herrn Jesu Christi, und
die auserwählte Gabe des Glaubens ist uns von Gott,
dem barmherzigen, lieben Vater, durch Christum Je-
sum offenbart und seinen Heiligen gegeben, welche
er durch seine väterliche Liebe dazu erwählt, beru-
fen und verordnet, ja, dieselben von den Ketten und
schweren Banden der ewigen Finsternis des Unglau-
bens erlöst hat, womit diese arge, böse und verkehrte
Welt gebunden ist. Er hat uns auch nach seiner väter-
lichen Barmherzigkeit zu einer lebendigen, seligma-
chenden Hoffnung wiedergeboren, und in das Reich
seines geliebten Sohnes versetzt, durch welchen wir
die Vergebung unserer Sünden durch sein Blut erlangt
haben, damit wir ihm (meine lieben Schafe) fernerhin
in allem Gehorsam, Gerechtigkeit und Heiligkeit, oh-
ne Furcht alle Tage unseres Lebens dienen können.
Hierzu helfe und stärke uns doch der barmherzige
liebe Vater durch die Kraft seines heiligen Geistes,
Amen.
Nachdem ihr an mich durch euer Schreiben und
auch durch einen Gruß, welchen ich einige Male von
euch empfangen, das Verlangen an mich gerichtet
habt, daß ich euch schreiben und ermahnen möchte,
wie denn auch deine liebe Hausfrau in früheren Zei-
ten ein Gleiches von mir durch Schreiben begehrt hat,
so sei euch kund, daß ich mir oft in meinem Herzen
vorgenommen hatte, solches nach meiner geringen
Gabe zu tun, und wiewohl ich hoffe, daß ihr dessen
so eigentlich nicht bedürfet, so hoffe ich doch auch,
daß es euch desto sicherer und fester machen werde;
weil ich aber viel zu schreiben gehabt, und auch mit
andern Dingen beladen gewesen, so habe ich es nicht
wohl ausrichten können, habe aber doch allezeit eine
väterliche Sorge für euch getragen, und meinen Gott
oft mit brünstigem Herzen nach meiner Schwachheit
gebeten, daß er doch euch beide unter dem Schatten
seiner Flügel in dieser grausamen, gefährlichen Zeit,
voll aller Bosheit bewahren und euch mehr und mehr
mit seinem heiligen Geiste erfüllen, auch euch die Au-
gen eures Verstandes öffnen wolle, damit ihr, meine
lieben Schafe, des Teufels Stricke und ausgespannte
Netze doch recht erkennen lernen mögt, welche er
342
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
täglich auf mancherlei Weise den Wiedergebornen
stellt, wiewohl sie euch zum Teil nicht unbekannt
sind, indem ihr wohl wisst was er im Sinne hat; dar-
um habt ihr euch auch bis auf diese Zeit wachsam
gehalten, worüber ich sehr erfreut bin, und auch dar-
über, daß euer Glaube wächst und in der Erkenntnis
unsers Herrn Jesu Christi zunimmt, wozu ich auch
euch sämtlich durch die Kraft des heiligen Geistes in
meinen Banden unter Tränen geboren habe, sodass ihr
meine und des Herrn Nachfolger geworden seid, und
das Wort des Evangeliums vom Kreuze Christi mit
göttlicher Traurigkeit aufgenommen habt, und seid
ihm gehorsam geworden von Herzen in der Form der
Lehre, worin ihr nun steht, sodass ihr allen in Middel-
burg ein Vorbild geworden seid, die ihr Leben bessern
und das Kreuz des Herrn aufnehmen wollten; und
nicht allein diese, sondern es sind auch viele Heilige
dadurch erfreut worden, als sie euren Gehorsam und
eure Demut in der Furcht Gottes ansahen, welche, wie
ich hoffe, sich von Tag zu Tag noch mehr ausbreiten
und offenbar werden wird, damit es, meine heben
Schafe, recht klar werden möge, daß ihr von oben
aus Gott, dem Vater, recht wiedergeboren und erneu-
ert seid, durch die Erneuerung eures Sinnes. Gedenkt,
daß euer Wandel himmlisch sein müsse, nämlich nach
dem neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist
in aller Gerechtigkeit und Heiligkeit, denn nach dem
der heilig ist, der euch zu diesem Dienste berufen und
erwählt hat, so müsst ihr auch einen heiligen, keu-
schen und gottseligen Wandel, in der Furcht eures
Gottes, nach eurem Vermögen führen; denn wem wir
uns übergeben haben, dessen Knecht sind wir, wie
der Apostel auch sagt, es sei der Sünde zum Tod oder
dem Gehorsam zum Leben.
Gott sei ewiglich Preis und Dank, meine heben Scha-
fe, daß ihr Dienstknechte und Mägde der Sünden ge-
wesen, nun aber mit mir durch das Bad der Wieder-
geburt und die Erneuerung des heiligen Geistes abge-
waschen und gereinigt seid, welchen Gott der Vater
durch Christum, unsern Heiland, reichlich über uns
ausgegossen hat, nicht um der Werke unserer Gerech-
tigkeit willen, die wir getan hatten. Denn wir waren
Kinder des Zornes von Natur, wie die andern; aber
Gott, der barmherzige, hebe Vater, der reich an Barm-
herzigkeit ist durch seine große Liebe, womit er uns
geliebt hat, als wir tot waren in Sünden und Unge-
rechtigkeit, hat uns mit Christo, oder durch Christum,
seinen heben Sohn, durch den Glauben lebendig ge-
macht.
Darum, meine herz- und gründlich geliebten Schafe
in Jesu Christo, deren Seele ich von Herzen hebe, und
für welche ich eine väterliche und göttliche Fürsorge
trage, ermahne und bitte ich euch als ein Gefangener
in dem Herrn, daß ihr doch oft an den Tag gedenken
wollet, an welchem sich der barmherzige, hebe Vater
über euch erbarmt und die Decke von euren Augen
und Herzen hinweggenommen hat, welche noch vor
den Augen und Herzen so vieler tausend Menschen
hängt, die so schwere Wege noch wandeln und nicht
den Weg des Herrn erkennen, weil sie vom Weine
der Babylonischen Hure, nämlich der falschen Lehre,
trunken sind, womit die ganze Welt angefüllt ist, ihr
aber, meine Schafe, seid nüchtern geworden, und seid
von ihr ausgegangen, wie ich denn hoffe, ihr werdet
ihre Unreinigkeit nicht mehr anrühren, damit ihr nicht
in ihrer Plage umkommt.
Darum haltet doch scharfe Wacht in der Gerechtig-
keit, damit ihr, meine heben Schafe, nach meinem Ab-
schiede, in dieser grausamen gefährlichen Zeit nicht
zu Schanden werdet, denn ihr könnt öffentlich se-
hen und hören, daß es nun die Zeit ist, vor der uns
Christus Jesus und seine heiligen Apostel so ernstlich
gewarnt haben, wie Christus selbst sagt, daß die Liebe
in vieler Herzen erkalten würde; wer aber standhaft
bleibt bis ans Ende, soll selig werden. Ach, meine
werten Schafe, denkt den Worten Christi nach, und
lasst sie euch zu Herzen gehen; es ist freilich nicht zu
der Welt geredet, denn in derselben kann die Liebe
Gottes nicht erkalten; sie hat ja dieselbe nicht empfan-
gen, und kennt sie auch nicht, sondern es ist von den
wahren Israeliten geredet; denn ihr seht, daß solches
unter ihnen im Überflüsse geschieht, welches ja mit
Jammer zu beklagen ist, daß der Teufel, der Geist der
alten Schlangen in dieser Zeit solche Kraft und Ge-
walt erlangt hat, durch die mancherlei listigen Stricke,
welche er täglich stellt, um die Seelen der Wiederge-
bornen (die ihm durch die Erkenntnis Gottes entflo-
hen sind) wieder in seinem Netze des Unglaubens zu
fangen, welche er auch wieder an sich bringt, meine
lieben Schafe, einige durch falsche Lehre, nicht durch
den römischen Antichristen allein; denn es sind jetzt
viele Antichristen in der Welt; darum hat er nun auch
eine andere Kappe angezogen, welche nicht mehr der
römischen gleich ist, denn er weiß wohl, daß damit
sein Spiel bald zu Ende ist; darum hat er sich nun
verändert, und nimmt die Gestalt eines Engels des
Lichtes an, und befleißigt sich, auf solche Weise unter
die Kinder des Lichtes zu kommen, um daselbst sei-
ne Ware aufs Neue feilzubieten; denn, meine lieben
Schafe in dem Herrn, zuvor, oder in den vergangenen
Zeiten kam er mit Menschensatzungen und Geboten;
jetzt aber weiß er, daß die Menschen die Schrift hören
wollen; darum kommt er nun und bringt viel Schrift-
stellen an den Tag, sodass es die Wahrheit zu sein
scheint, wie er auch so vermessen mit Christo handel-
te, und ihm aus dem Propheten David anführte, daß
343
nämlich dort geschrieben stände: Er hat seinen Engeln
befohlen über dir, daß sie dich auf den Händen tragen,
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.
Seht, meine werten heben Schafe, er führt ja auch
die Schrift an, wie geschrieben stand; aber in solchem
Sinne war es nicht geredet oder geweissagt; so auch
diese, wenn sie auch viel Schriftstellen Vorbringen,
und in Aufgeblasenheit sagen: Es steht ja daselbst
geschrieben, womit er die Wankelmütigen und die,
deren Ohren, etwas Neues zu hören, gespannt sind,
leicht in seinem ausgespannten Netze fängt; die an-
dern fängt er durch den Zufluss der betrüglichen
Reichtümer, die doch heutzutage die Menschen ins
Verderben und in die Verdammnis stürzen, denn der
Geiz ist die Wurzel alles Übels, wiewohl einige ihre
Lust daran haben, wenn ihre irdischen Güter zuneh-
men; sie sind auch damit so geschäftig, daß sie bis-
weilen dabei der Übung der Gottseligkeit vergessen,
und sich selbst so viel Schmerzen aufbürden. Ach, es
wird ihnen gehen, meine heben Schafe, wie es einigen
unter den Israeliten ging; diejenigen, die viel gesam-
melt hatten, hatten keinen Überfluss, und die wenig
sammelten, hatten keinen Mangel. Darum, ach könnte
man sich doch genügen lassen, wenn man Nahrung
und Decke hat, denn wir haben nichts in diese Welt
gebracht, und außerdem ist es offenbar, daß wir nichts
mit uns Hinausnehmen werden, denn wir sehen, he-
be Schafe, daß die Worte unseres heben Herrn Jesu
Christi wahr sind, nämlich, daß der betrügliche Reich-
tum den guten Samen, das Wort Gottes, ersticke und
unterdrücke, wodurch auch viele wieder zu Schan-
den werden. Andere durch Verlust und Beraubung
ihrer Güter, welche nicht einmal einsehen oder recht
betrachten, daß sie mit dem Kaufmanne die schöns-
te Perle gefunden haben, welche doch alles dessen
wohl wert ist, was auch damit nicht zu vergleichen
ist; andere durch Kreuz und Leiden, nämlich durch
Verfolgung; noch andere durch das Bitten und Flehen
des Vaters und der Mutter, der Freunde und Verwand-
ten; andere durch Weib und Kinder und andere durch
ihr böses und listiges Fleisch, und die Übrigen da-
durch, daß sie auf dem Wege der Gerechtigkeit müde
werden, und sich wieder zurück nach Ägypten und
Sodoma wenden, um eine geringe Zeit mit der Baby-
lonischen Hure in Ruhe und Frieden zu leben, und
nachher mit ihr in ewiger Pein gequält zu werden.
Seht, meine herzlich geliebten auserwählten Schafe,
dieses alles wirkt und treibt der einige Geist, die alte
Schlange, welche weder schläft noch schlummert, son-
dern allezeit um uns herum geht und sucht, welchen
sie verschlinge; darum widersteht ihr mit einem tap-
feren Gemüte und gläubigen Herzen, und lasst euch
nicht abschrecken, wenn sie auch so leichtfertig die
Gebote des Herrn verlassen. Ach seht doch nicht auf
die Faulen, Trägen und Unfrommen, sondern lasst
alle treulosen Knechte und falschen Jünger von ihrem
Herrn und Meister weichen; wir hoffen doch bei ihm
zu bleiben, und ihr mit mir, und seid bereit alles zu
leiden, was uns von ihm auf erlegt wird. Ach, was
sollten wir doch tun oder vornehmen, wenn wir sei-
ne Gebote verließen; wohin sollten wir doch fliehen
oder gehen, wo er uns nicht finden würde? Ach, Him-
mel und Erde muss Ihm mit Zittern gehorsam sein;
Berge und Höhlen müssen vor Ihm erschrecken und
können nicht vor Ihm bestehen, wie viel weniger die
Menschenkinder, die in Lehmhäusern wohnen. Ach,
meine lieben Schafe, womit wollen sie sich rechtferti-
gen oder entschuldigen, wenn er sie heimsuchen wird,
die nun so treulos von Ihm weichen.
Ach! Ach!, man muss es mit Jammer beklagen, daß
ihnen vor dem edlen Himmelsbrote so sehr ekelt, und
daß sie wider die einzige Arznei, wodurch alle See-
len der Wiedergebornen zum Genesen kommen, eine
solche Todfeindschaft haben. Ja, meine werten Schafe,
wir mögen wohl mit dem Propheten über das Ver-
derben Israels und über Jerusalem, die schöne Stadt
Gottes, seufzen und klagen, und weil so viele Israeli-
ten in der wilden Wüste dieser argen Welt verfallen,
und von dem listigen Geiste der Schlangen wieder
verderbt und umgebracht werden, ach, weil auch ei-
nige Wächter abgefallen und die Bürger zu Jerusalem
lau und schläfrig geworden sind, wiewohl der, wel-
cher um das Heerlager herumgeht, weder ruht noch
feiert, sondern Tag und Nacht fleißig sucht, ob er je-
manden müßig oder schlafend finden möge, damit
alsdann sein Unkraut in die Äcker des Herzens hin-
einsähen möge, wie er (leider) zu meiner Zeit nicht
wenig getan hat, und, wie mich dünkt, noch immer
tun wird; denn je mehr das Volk Gottes wächst und
zunimmt, desto mehr wird er unter ihnen regieren,
und wird auch nicht nachlassen, bis er einige dersel-
ben wieder auf seine Seite gebracht hat, auch wird
es ihm von Gott zugelassen, die Frommen zu quälen
und zu versuchen, damit die Übrigen geprüft werden.
Seht, meine herzlich geliebten und sehr werten Kinder
in dem Herrn, meine väterliche Bitte und demütiges
Begehren an euch alle ist auf die ewige Seligkeit eurer
Seelen gerichtet, damit ihr doch fernerhin rechte Sorge
tragt, daß ihr auf dem Wege der Gerechtigkeit bleibt;
seid doch allezeit darauf bedacht, wie euch gebühre,
fernerhin in dem Hause Gottes zu wandeln, welches
die Gemeinde Gottes ist, zu welcher ihr zu meiner
großen Freude gekommen seid; als ich solches hörte,
dankte und lobte ich Gott für seine große väterliche
Güte und Gnade, die er an euch erwiesen, und euch
zu seinem Sohne und seiner Tochter, ja, zu Erben sei-
344
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ner himmlischen Güter angenommen hat, weshalb ihr
euch auch so freiwillig unter das Joch und die Rute
des Kreuzes begeben und mit dem heiligen Apostel
Paulus euren Gewinn für Schaden geachtet habt, da-
mit ihr eure Seele in Christo gewinnen mögt, wie ihr
auch getan habt. Darum habt doch auf euch selbst
Acht, und weicht und wankt ja nicht, weder zur rech-
ten noch zur linken Seite, damit ihr nicht aus eurer
eigenen Feste fallt, und daß das ewige Feuer nicht
euer Erbteil werde, sondern gleichwie ihr, meine lie-
ben Schafe, den Herrn Jesum Christum angezogen
habt, so wandelt auch ferner in ihm, und bleibt in
seiner Lehre fest gegründet und gewurzelt, damit ihr
in der Liebe nicht kalt und lau werdet und dadurch
zuletzt dasjenige verliert, was ihr empfangen und so
freiwillig angenommen habt.
Auch bitte ich euch durch die Barmherzigkeit un-
sers lieben Herrn Jesu Christi, daß ihr doch nicht ver-
säumen wollt, Gott, dem barmherzigen lieben Vater,
durch Christum, seinen lieben Sohn zu danken und zu
loben. Tag und Nacht, für seine großen, unaussprech-
lichen Wohltaten, die er an uns armen und elenden
Kreaturen bewiesen hat, und uns von unserer Mut-
ter Leib an ersehn und erwählt hat, daß wir seinen
Namen unter diesem argen und ehebrecherischen Ge-
schlechte recht beleben und bekennen und so den An-
fang des christlichen Lebens bis ans Ende festhalten
möchten; denn obgleich ihr, meine herzlich geliebten
Schafe und sehr werten Kinder, durch Gehorsam des
Evangeliums rechte Erben des ewigen Lebens gewor-
den seid und mit mir und allen Heiligen in dem Buche
des Lebens aufgeschrieben steht, ja, zu der Menge vie-
ler tausend Engel gebracht seid, so kann er uns doch,
o meine werten und lieben Schafe, gar bald wieder
vertilgen, und unsere abgefallenen Namen in die Er-
de schreiben, wenn wir in den Geboten Gottes, nach
unserer Schwachheit, nicht treulich wandeln bis ans
Ende unsers Lebens; denn wir wissen, daß die herrli-
chen Verheißungen der Frommen, und die Krone des
ewigen Lebens, weder im Anfänge noch in der Mit-
te gefunden werden, sondern wer beharrt und treu
bleibt bis ans Ende, der wird sie von der Hand des
Herrn empfangen. So ist es offenbar, daß es dem aus-
wendigen Israel (von welchem wir ein klares Exempel
haben) nichts geholfen hat, meine lieben Schafe, daß
sie durch die starke Hand des Herrn von dem Dienste
und der Sklaverei Pharaos aus Ägypten erlöst waren,
ja, alle Wohltaten, die der getreue, barmherzige, liebe
Vater an ihnen auf dem Wege bewiesen hat, waren
größtenteils verloren oder vergebens, obgleich er sie
mit dem Engelbrote speiste, und ihnen alles gab, was
ihre Seele wünschte; und gleichwohl sind sie auch
ungeduldig geworden und haben gemurrt, und ihre
Prüfung nicht in der Furcht Gottes oder in Geduld auf-
genommen; darum ist auch der Herr über sie zornig
geworden, und hat zu einer Zeit 23000 getötet. Ach,
meine werten, auserwählten Schafe! Denkt ihm doch
nach; es ist ja zu unserer Lehre und Ermahnung ge-
schehen, wie auch der heilige Apostel erzählt, damit
wir nicht in dasselbe Exempel des Unglaubens fallen;
denn was sollte es uns doch wohl nützen, daß wir aus
dem geistigen Ägypten und Sodoma und aus dem
Dienste des höllischen Pharao ausgegangen, durch
das rote Meer des Blutes Jesu Christi erlöst, im Na-
men des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes
auf das Bekenntnis unsers Glaubens getauft, und so
durch Verleugnung unserer selbst, in den wahren Kas-
ten Noah, als Christi Jesu, eingegangen sind. Ach,
meine werten, lieben Schafe! Es kann uns alles nichts
helfen, noch selig machen, wenn wir nicht die Gebote
unseres Gottes erfüllen, denn der Apostel Johannes
sagt: »Wer sagt, daß er Gott kenne, und hält seine Ge-
bote nicht, der ist ein Lügner, und in demselben ist die
Wahrheit nicht.« Ihr aber, meine Liebsten, seid allezeit
gehorsam gewesen, nicht allein in meiner Gegenwart,
sondern auch sogar in meiner Abwesenheit; darum
schafft, daß ihr selig werdet, mit Furcht, und wandelt
doch allezeit würdig, nach meinem Abschiede, nach
dem Evangelium unseres Herrn Jesu Christi, damit
ihr allezeit eines Geistes und eines Sinnes sein mögt,
und lasst euch doch keineswegs von allen euren Wi-
dersachern erschrecken, es sei von innen oder von au-
ßen, welches ihnen ein Beweis der Verdammnis, euch
aber der ewigen Seligkeit ist, und das von Gott; denn,
meine werten, lieben Schafe, es ist nicht genug, daß
ihr an Christum glaubt, sondern ihr müsst auch um
seines Namens willen leiden, und geschieht solches
nicht mit Banden oder Gefängnissen, so geschieht
es mit täglichem Streite und Anfechtungen, welches
jetzt auf viele und mancherlei Weise vorkommt, und
euch noch mehr begegnen dürfte; denn Gott prüft
und durchforscht seine Auserwählten auf mancherlei
Weise. Man hält die Bande und das Gefängnis zwar
für die schwerste Probe des Glaubens, aber, meine
werten und lieben Schafe, ich schreibe und bekenne
euch gegenwärtig, daß es mir das Leichteste ist, im
Vergleich zu den Gefahren und Anfechtungen, die
ich in der wilden Wüste dieser Welt erfahren und die
mir zugestoßen sind, oder die ich vor Augen gesehen
habe, sodass ich oft vor Bangigkeit meines Herzens
und Geistes nicht wusste wohin; ich seufzte auch zu
meinem Gott, und weinte wegen der vielerlei subtilen
und schnellen Stricke, welche jetzt die alte Schlan-
ge legt, und war besorgt, ich mochte auch noch in
ihre Stricke der menschlichen Schwachheit und der
Klugheit meines eigenen Fleisches verwickelt werden.
345
indem ich sah und hörte, daß hohe, starke eingewur-
zelte Bäume mit den Wurzeln ausgerissen und hohe
Berge in jämmerliche Täler verwandelt wurden. Da-
neben fühlte ich, daß in mir nichts Gutes wohnte, und
dachte dabei, daß an seinem Gerichtstage, wenn er
die Seinen besehen wird, viel Spreu werde gefunden
werden; ach, alsdann wird er sie wohl sehen, die kein
hochzeitliches Kleid an haben; darum stand ich auch
sehr bekümmert und war besorgt, ich möchte in seiner
Zukunft um meines täglichen Missgriffes und unrei-
nen Wandels willen nicht stehen können, weshalb ich
ihn auch oft mit Tränen gebeten habe, daß er mich
Armen, Elenden durch seine väterliche Barmherzig-
keit tüchtig machen wolle, um seines Namens willen
zu leiden, und um seines heiligen Zeugnisses willen
nicht allein in Banden und Gefängnis, sondern auch in
den Tod zu gehen; dann hätte ich Gewissheit von mei-
ner Seele Seligkeit, und würde am Tage seines Zorns
nicht zu Schanden werden, wozu er mich nun durch
seine väterliche Barmherzigkeit erwählt und würdig
gemacht hat, daß ich sein heiliges Zeugnis vor diesem
argen ehebrecherischen Geschlechte in meinen Ban-
den bezeugen soll; hierüber bin ich auch in meiner
Seele sehr erfreut, und es ist mir von Herzen leid, daß
ich meinem und unserem barmherzigen lieben Vater
wegen seiner unaussprechlich großen Wohltaten, wel-
che er an mir elenden Geschöpfe bewiesen hat und
noch täglich beweist, nicht genug danken und ihn
loben kann, denn ich habe das Vertrauen zu seiner
väterlichen Gnade und Barmherzigkeit, daß er mich
fernerhin tüchtig und würdig machen wolle, um sei-
nes heiligen Zeugnisses willen in den Tod zu gehen,
und er weiß, wie mich schon lange verlangt hat, zu
Hause zu sein, und das um der vielen Gefahren willen,
die ich auf dem Wege sehe. Darum, meine herzlich
geliebten Schafe in dem Herrn, da ich noch eine vä-
terliche Fürsorge für euch hege, und euch mit einer
göttlichen Liebe liebe, so kann ich es nicht unterlassen,
euch, weil ich noch eine kurze Zeit in dieser Hütte
bin, ein wenig durch mein Schreiben zu ermahnen,
und euch zu bitten, ihr wollet nicht denken, als wollte
ich über euch herrschen, sondern daß ich mit aller
Freundlichkeit euch zum vollkommenen Altar Chris-
ti aufzubauen suche, damit ihr, meine lieben Schafe,
doch als ein rechter Brief Christi befunden werden
mögt, nicht geschrieben mit Tinte oder auf Papier,
sondern durch den heiligen Geist des lebendigen Got-
tes, durch welchen ihr auch versiegelt seid auf den
Tag eurer Erlösung, welcher Gottes Sitten und Rechte
in euer Herz und Sinne geschrieben hat, wodurch ihr
nun ein Brief Christi geworden seid, der von allen
Menschen gesehen und gelesen wird, welche euren
heiligen keuschen Wandel in der Niedrigkeit eures
Herzens und Geringachtung eurer selbst ansehen.
Darum, meine lieben Schafe, bitte ich euch noch ein-
mal, obgleich ihr demütig seid, so demütigt euch noch
mehr, und obgleich ihr rein seid, so heiligt euch doch
mehr und mehr, damit ihr als reine und untadelhaf-
te Kinder Gottes unter diesem argen und verkehrten
Geschlechte erfunden werden mögt, unter welchem
ihr als ein Licht in der Welt leuchtet, damit ihr mir
zur Freude auf den Tag Christi das Wort des Lebens
haltet, damit ich auch nicht umsonst an euch gearbei-
tet haben möge, denn obgleich ich aufgeopfert werde,
und die Zeit meines Todes nahe ist, so freue ich mich
doch und bin fröhlich in meinem Gemüte um euret-
willen und um der andern willen, die ich in meinen
Banden geboren habe, die früher dem Hause Gottes
unnütz waren, nun aber demselben förderlich und
nützlich sind, welche ich auch um der Wahrheit wil-
len liebe und begehre, daß sie mit hieran Teil haben
sollen, in der Hoffnung, daß es ihnen im Geiste und
im Glauben eine Freude erwecken werde, zur Ver-
sicherung und Stärkung eures Gemüts insgesamt in
Christo Jesu. Darum ist noch zuletzt meine freund-
liche Bitte an euch alle, daß ihr doch einander aus
reinem Herzen herzlich lieben wollt, als solche, die
nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergängli-
chem Samen, nämlich aus dem lebendigen, kräftigen
und seligmachenden Worte wiedergeboren sind, und
gedenkt doch der Worte Paulus, unseres Mitbruders,
wenn er sagt: Die Hauptsumme der Gebote ist Lie-
be aus einem reinen Herzen und guten Gewissen, ja,
sie ist das Band der Vollkommenheit. Ach, wie selig
ist derjenige, welcher mit diesem Bande recht begür-
tet ist, denn er lebt sich selbst nicht, sondern seinem
Herrn, und nimmt in allem die Worte Christi in Acht,
wenn er sagt: Seid barmherzig, gleichwie euer Vater
im Himmel barmherzig ist.
Darum, meine lieben Schafe, ich bitte euch noch-
mals durch die Barmherzigkeit unseres lieben Herrn
Jesu Christi, und auch um der ewigen Seligkeit eurer
Seelen willen, daß ihr nicht vergesst, mitzuteilen und
Handreichung zu leisten, denn solches ersetzt nicht
allein den Mangel, sondern verursacht auch, daß man
Gott darum dankt und ihn lobt, indem man mit der-
gleichen Opfern Gott gefällt; gedenkt auch der Worte
des weisen Mannes, indem er sagt: »Wer sich des Ar-
men erbarmt, der leiht es dem Herrn, lind der wird ihm das
Gute vergelten.« Ferner sagt er: »Wer den Armen mitteilt,
der wird keinen Mangel leiden, wer aber seine Augen ab-
wendet, der wird abnehmen.« Der Gerechte gebraucht
sein Gut zum Leben, aber der Gottlose braucht es zur
Sünde.
Der eine gibt und teilt aus, und hat immer mehr;
der andere kargt, wo er nicht soll, und wird doch är-
346
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
mer, sagte er; ferner befiehlt Tobias seinem Sohne, daß
er der Armen auch gedenken sollte, und sagt: Wende
dich nicht von den Armen, dann wird dich Gott wie-
derum gnädiglich ansehen; wo du kannst, da hilf den
Dürftigen. Hast du viel, sagte er, so gib reichlich; hast
du wenig, so gib doch das Wenige mit treuem Herzen,
denn die Almosen erlösen vom Tode und tilgen die
Sünde, sagt er ferner. Hierüber sagt auch Sirach, daß
das Almosen die Sünde austilgt und den Geber in der
ewigen Wohnung verschonen wird. Darum hat auch
Christus befohlen, daß man sich mit dem ungerech-
ten Mammon Freunde machen soll, damit, wenn wir
darben, sie uns in die ewige Hütte aufnehmen.
Christus hat aber sehr richtig gesagt: Arme habt
ihr allezeit bei euch, darum wird er auch an seinem
gerechten Tage sagen: »Alles, ivas ihr diesen meinen Ge-
ringsten getan habt, das habt ihr mir getan.« Hieraus folgt,
meine liebwerten Schafe, daß die Worte Pauli auch
wahr seien, nämlich: »Wer kärglich sät, der wird auch
kärglich ernten, und wer im Segen sät, der ivird auch ern-
ten im Segen, denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.«
Meine herzlich geliebten Schafe in dem Herrn, ob-
gleich ich dieses euch schreibe, so weiß ich doch auch,
daß ihr von Gott und seinem heiligen Geiste gelehrt
seid, und daß ihr mehr tun werdet, als ich euch schrei-
ben kann; doch schreibe ich euch aus herzlicher und
christlicher Liebe, damit ihr doch euch der vergange-
nen Zeit erinnern wollt, in welcher ihr so viel Fleiß auf
allerlei Ungerechtigkeit verwandt, wie ihr denn auch
bei köstlichen Banketten oder Mahlzeiten, ja, bei dem
Gepränge und Prahlen, woran doch Gott einen Gräuel
hat, keine Kosten gescheut habt. Ach, gedenkt doch
einmal, meine lieben Schafe, welche Freude hattet ihr
doch damals; ach, solltet ihr mm nicht in den Dingen
umso viel mehr Fleiß anwenden, die euch Gott be-
fohlen hat, nämlich Schätze zu sammeln im Himmel,
welche weder Motten noch Rost verzehren. Ach, man
sollte jetzt auch bisweilen ein oder zwei Stücke Geld
zu finden wissen, um sie den armen Heiligen zu ge-
ben, ebenso wohl, als man früher ein, zwei oder drei
Pfund flämisch Geld zu finden wusste, um sie in der
Ungerechtigkeit zu verschwenden. Ach, meine wer-
ten, geliebten Kinder, solches schreibe ich euch nicht,
um dadurch euer Gemüt niederzubeugen, sondern
um deswillen, daß eure Liebe von Tag zu Tag mehr
zunehmen möchte, denn ihr wisst doch nicht, wie lan-
ge ihr noch Zeit habt, oder wann es den Räubern in
die Hände fallen wird. Ferner, meine treuen Schafe,
ist noch das meine väterliche Bitte an euch, daß ihr
in allem Frieden, in Liebe und Eintracht beieinander
wohnen wollt; der eine helfe des andern Last tragen
in der Liebe, denn ihr wisst nicht, wie lange ihr beiein-
ander wohnen werdet, und bedenkt, daß ihr Kinder
des Friedens genannt seid, denn euer König und Fürst
ist ein König und Fürst des Friedens, weshalb ihr als
Kinder des Friedens erfunden werden müsst, wie ich
denn auch das Vertrauen zu euch habe, daß ihr solche
seid, wiewohl ich so schreibe.
Hiermit will ich euch dem großen Hirten der Schafe
anbefehlen, zu welchem ich ein aufrichtiges Vertrauen
habe, daß er euch alle unter dem Schatten seiner Flü-
gel bewahren werde, wenn ihr anders schlechterdings
bei seinen Sitten und Rechten bleibt, und um keines
Dinges willen Ihm aus den Händen entweicht; ich bin
auch versichert, daß euch niemand aus seiner Hand
reißen werde. Ich bitte euch noch einmal, und das um
der Wunden unseres lieben Herrn Jesu Christi, und
auch um der ewigen Seligkeit eurer Seelen willen, daß
ihr doch mein Schreiben und meine treue Warnung
jetzt an dem Ende meines Lebens zu Herzen nehmen
wollt; lasst doch dieselbe nach meinem Tode nicht mü-
ßig bei euch liegen; haltet sie auch nicht für eine tote
Geschichte oder Fabel, sondern nehmt sie als ein Testa-
ment auf, und lasst sie euch zum ewigen Gedächtnisse
und Andenken sein; gedenkt meiner dabei, wie ich
euch, nach meiner Schwachheit, ein Vorbild gewesen
bin, und folgt meinen Fußstapfen nach, der ich euch
durch die Kraft meines Gottes vorzugehen, nämlich
bis ans Ende bei der Wahrheit zu bleiben, hoffe, um
euch und allen, die Gott aus reinem Heizen zu fürch-
ten suchen, zu bezeugen, daß dieses, wie Petrus sagt,
die rechte Gnade unsers Gottes, ja der richtige Weg
und die Heerstraße zum ewigen Leben sei, worauf
ihr euch nun auch befindet. Darum lasst euch durch
niemanden aus den Schranken treiben, worin ihr jetzt
steht, oder euch wankelmütig machen, sondern wen-
det allezeit um desto mehr Fleiß an, euren Ruf und
eure Erwählung zu befestigen. Ach, wenn ihr dieses
tut, meine werten Schafe, so werdet ihr nicht fallen,
sondern es wird euch der Eingang in das ewige Reich
unsers Herrn Jesu Christi im Überflüsse zubereitet
werden. Darum haltet doch während eurer Lebens-
zeit scharfe Wacht in der Gerechtigkeit, denn es ist
sehr nötig. Auch ist dieses mein freundliches Begeh-
ren an euch, ihr wollt diese Vorschrift in der Liebe
aufnehmen, denn ich habe sie ja aus christlicher Liebe
gegeben. Hiermit will ich Abschied von euch allen
nehmen, bis in Ewigkeit, Amen.
Ferner, meine herzlich geliebten Schafe in dem
Herrn, darüber, wie es mit mir und meinen Mitstrei-
tern stehe, diene euch zur Nachricht, daß wir noch auf
die Beförderung des Evangeliums bedacht sind; auch
wisst, daß mir der Herr in meinem Streite und mei-
ner Verantwortung treulich beisteht, und mir Kraft
gegeben hat, das Feld zu behaupten, mich auch von
der Höllen Mund und der Löwen Zähne erlöst hat;
347
ich glaube, daß ich wohl zehn- oder zwölfmal gegen
dieselben im Gewehre gewesen bin, die anderen aber
haben sie nicht so sehr gequält. Summa, ich hoffe, der
Streit sei gestritten, der Lauf geendigt und das Leben
erhalten; für die Zukunft ist mir die Krone der Herr-
lichkeit beigelegt, welche mir keine Geschöpfe (wie
ich hoffe) nehmen werden, denn getreu ist derjenige,
der dieses gute Werk in mir angefangen hat. Er wird
mir es auch ohne Zweifel, nach dem guten Vorsatze
meines Gemütes, ausführen helfen, damit ich ohne
Schaden durch den Jordan gehen möge. Gott gebe uns
seine Gnade, Amen.
Teilt dieses einander mit; befehlt es Gott, überdenkt
es fleißig und versteht es weislich. Ach, wenn ihr die-
ses tut, so wird man sehen, daß ihr alle eure Seligkeit
sucht und mein Schreiben wert haltet.
Vollendet den 6. Oktober, im 23. Monate meiner Ge-
fangenschaft. Noch eins, meine lieben Kinder, haltet
euch doch zusammen tapfer zum Kreuze Christi, und
weicht nicht davon ab.
Noch ein Brief von Meister Jelis Matthyß, welchen
er an sein Weib geschrieben hat.
Die Kraft des Geistes, dazu ein standhaftes Gemüt,
wünsche ich meinem Fleische und meinem Blute in
all ihrem Drucke, Streit und schwerer Trübsal, Amen.
Meine werte, liebe Hausfrau, welche ich vor Gott
und seiner Gemeinde geehelicht habe! Weil die Zeit
meines Todes nahe ist, so beliebe zu wissen, daß mein
Herz und Gemüt mit dir in Bekümmernis steht; ich
möchte dir daher gerne etwas schreiben, wiewohl ich
keine gelegene Zeit dazu habe, denn es steht mit uns
so, daß uns gegenwärtig wohl acht bis zehn Diener
bewahren und Wache bei uns halten, sodass ich wenig
Kraft des Geistes bei mir fühle, dir noch ein wenig zu
schreiben, weil wir so unerwartet überfallen worden
sind. Wir hatten nämlich kein Wort gehört, auch war
Willeboort, mein treuer Mitgeselle, fast ganz entklei-
det, als unser Wirt und unsere Wirtin hinaufkamen
und sagten: Meister Jelis und Willebort, kommt herun-
ter! Als wir nun hinabkamen, sahen wir den Statthal-
ter, dem sich auch noch der Amtmann zugesellte, mit
welchem ich ein kurzes Gespräch hatte. Summa, mein
herzlich geliebtes, auserwähltes Fleisch und Blut, ich
werde nun den Weg aller Propheten und Zeugen un-
seres lieben Herrn Jesu Christi wandeln, worin ich
auch bis hierher sehr fröhlich und guten Mutes bin;
ich finde in mir solche Freude und solchen Trost, daß
ich es dir nicht Wohl schreiben kann; ich finde auch
bis jetzt keine Furcht in mir, sondern bin meistens um
dich bekümmert, wegen der großen Traurigkeit, die
du hast; ich habe aber das Vertrauen zu deinem und
meinem Gott, daß er in der Versuchung dir Schutz
verleihen werde, durch den Trost des heiligen Geistes,
womit er dich trösten wird. Ach, mein Fleisch, mein
Blut! Ich bitte dich durch die blutigen Wunden unse-
res lieben Herrn Jesu Christi, sei doch geduldig in dei-
ner Trübsal, damit du nicht als eine solche erfunden
werden mögest, die wider Gott streiten will, sondern
sage vielmehr mit Maria: Siehe, Herr, mir geschehe
nach deinem Willen; denn wie damals die Stunde der
Versammlung, siehe, so stand die Stunde der Schei-
dung auch, als bekannt, vor des Herrn Augen, und
er hat dich dazu, durch seine väterliche Barmherzig-
keit, zuvor ersehen und erwählt, daß du nun auch mit
um seines Namens willen Trübsal und Schmerzen lei-
den sollst, und obgleich ich, mein auserwähltes Schaf,
nunmehr Freude habe, weil meine Wallfahrt ans Ende
gekommen ist, so bitte ich dich doch, du wollest im
Herrn getröstet sein, und es mit Geduld und Schmer-
zen aufnehmen. Drücke dein Herz nieder und leide.
Ach, ich weiß, daß deine Betrübnis sehr groß ist. Ach,
wenn es Gottes Wille wäre, und ich für euch in den
Tod gehen könnte, und wenn ich ihn auch zweimal
für euch schmecken müsste, so wollte ich mich doch
nicht vor demselben scheuen, denn er fällt mir nicht
schwer, ach, dann würde ich ja versichert sein, daß du
weder von fremden Buhlern betrogen, noch von dem
Mittagsteufel, oder deinem eigenen Fleische verführt
werden würdest, wiewohl ich dir aus dem Grunde
meines Herzens zutraue, daß du den Fußstapfen mei-
nes Glaubens nachfolgen und bis ans Ende bei der
Wahrheit bleiben werdest. Ach, ach! Die Veranlassung
meines Schreibens und mein letztes und großes Begeh-
ren ist, daß du doch bei demjenigen bleiben wollest,
was du von Gott empfangen hast und dir aus großer
Gnade mitgeteilt worden ist. Ach, du wollest wegen
deiner großen Betrübnis oder wegen eines dir etwa
zustoßenden Streites, welcher deiner Liebe nicht be-
kannt ist, weder weichen noch wanken, sondern in
all' deinem Anliegen bitte mit Vertrauen zu Gott, dem
barmherzigen lieben Vater; er wird dich nicht ver-
lassen, dessen bin ich gewiss; und obgleich wir jetzt,
mein wertes auserwähltes Schaf, auf eine kurze Zeit
voneinander geschieden werden, so werden wir doch
dermaleinst in der Auferstehung der Toten einander
wieder begegnen und ewiglich bei dem Herrn sein.
Ach, alsdann wird unsere geringe Betrübnis in eine
ewige unaussprechliche Freude verwandelt und alle
unsere Tränen werden von unsern Augen abgewischt
werden, und wir werden hören: »Kommt, ihr Geseg-
neten, in das Reich meines Vaters, welches von Anbeginn
der Welt bereitet ist.« Ach, mein wertes, liebes Schaf,
tröste dich mit diesen Verheißungen und mit den Wor-
ten des Evangeliums, wo Christus selbst sagt: Selig
348
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sind, die nun weinen, denn sie sollen getröstet wer-
den; wehe aber denen, sagt er, die hier lachen, denn
sie werden weinen; denn es wird die Zeit kommen,
daß sie rufen werden: O ihr Berge und Hügel, fallt auf
uns, und bedeckt uns vor dem Angesichte des Herrn!
Ach, alsdann wird es aus sein mit allen unsern Ver-
folgern, Schindern, Henkersknechten und denen, die
uns verderben; ja, alsdann wird das Wort des Prophe-
ten Jesaja erfüllt werden, wenn er sagt: O ihr Verstörer,
meint ihr, daß ihr nicht auch verstört werden sollt?
Und ihr Verächter, sagt er, meint ihr, daß ihr nicht
auch verachtet werden sollt? Denn wenn ihr dem Ver-
derben ein Ende gemacht haben werdet, so wird man
mit euch auch ein Ende machen; über dir aber, mein
Fleisch und Blut, und mir, samt allen Heiligen, soll die
Sonne der Gerechtigkeit aufgehen; Glück und ewige
Wohlfahrt wird uns umgeben. Ach, mein wertes Schaf,
wie gern wollte ich dich trösten und dir in deiner Trüb-
sal zu Hilfe kommen; aber für diese Zeit kann es nicht
gut geschehen. Doch bitte ich dich herzlich, erinnere
dich meiner Worte, die ich früher zu dir geredet habe;
folge denselben nach, um solches bitte ich dich, und
laß sie dir ein ewiger Grundstein sein. Ferner bitte ich
dich von Herzen, und das um der ewigen Seligkeit
deiner Seele willen, du wollest dich in der Stille hal-
ten, und dein Kind in der Furcht des Herrn auferzie-
hen, wie ich auch das Vertrauen desfalls zu dir habe.
Noch einmal, mein herzlich geliebtes auserwähltes
Schaf, bitte ich dich aus dem Grunde meines Herzens
und dem Innersten meiner Seele, erinnere dich doch
dessen oft, was ich früher zu dir geredet, und nun
auch ein wenig beschrieben habe, nämlich, daß du
doch alle Tage deines Lebens bei demjenigen bleiben
wollest, was du aus eigenem Antriebe und freiwil-
lig angenommen hast, und das ja der rechte Grund,
das Fundament und der Weg zum ewigen Leben ist.
Ach, es wird doch in Ewigkeit kein anderer gefun-
den werden, als dieser Weg des Kreuzes ist, und falls
es geschähe, daß der barmherzige Vater dich durch
seine väterliche Rute des Kreuzes mit Banden oder
Gefängnis noch prüfen wollte, so bitte ich dich um
der ewigen Seligkeit deiner Seele willen, du wollest
dich doch vor unsern Feinden nicht fürchten, denn
man kann es weder schreiben noch aussprechen, wie
Gott, der barmherzige liebe Vater, diejenigen tröstet,
die sich selbst dem Herrn ganz übergeben haben; ich
hätte nicht geglaubt, daß ich ein solches Herz und
Gemüt haben könnte, darum wunderte es mich sehr,
wie sie von Gottes Wort abfallen konnten, aber sie
haben den Trost der zukünftigen Herrlichkeit verges-
sen und sind unachtsam geworden, deshalb ist auch
das Öl der Gerechtigkeit und Liebe in ihrem irdischen
Gefäße ausgegangen.
Darum, mein treues, herzgeliebtes Fleisch und Blut,
sei doch gewarnt, damit du nicht mit den törichten
und unachtsamen Jungfrauen durch Trägheit und
Sorglosigkeit dich betrogen finden mögest; darum
sei munter im Geiste, und befleißige dich selbst von
Tag zu Tag immer mehr und mehr abzulegen, denn,
mein liebes Schaf, es ist ja recht nötig, daß du wa-
chest, indem sie nicht alle in das Land der Verheißung
kommen, die aus dem geistigen Ägypten und Sodo-
ma ausgegangen sind, in Folge der Kraft und Gewalt
der alten Schlange, welche weder ruht noch feiert, bei
Tag und bei Nacht, sondern um das Heerlager geht
und diejenigen sucht, welche sie schläfrig finden mö-
ge; ach, derselben widerstehe doch stark im Glauben,
und sei männlich und gläubig von Herzen.
Ferner, herzlich geliebtes Schaf, mein Begehren ist,
du wollest dich selbst doch nach aller Niedrigkeit
bequemen und dich bemühen in deinen eigenen Au-
gen klein zu sein; achte nicht, was hoch ist, sondern
halte dich zu den Geringsten; sei auch allezeit bereit,
und schicke dich dazu, daß du Gottes Wort hören
mögest und sei der Worte Christi eingedenk: »Wo
zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin
ich mitten unter ihnen.« Ach, mein liebes Schaf, habe
doch eine brennende Liebe zu der Gemeinde Gottes,
und vergiss nicht von demjenigen mitzuteilen, was
dir der barmherzige liebe Vater verliehen hat; geden-
ke, daß sich die Barmherzigkeit wider das Gericht
rühme, denn mit dergleichen Opfer gefallt man Gott,
wiewohl ich weiß, mein herzlich geliebtes Schaf, und
auch das Vertrauen zu dir habe, du werdest hierin
der Lehre unseres lieben Herrn Jesu Christi folgen.
Hiermit, meine Allerliebste, nehme ich Abschied von
dir, meinem Fleisch und Blut auf dieser Erde, und
befehle dich in die Hände des allmächtigen Gottes,
und unseres Erlösers Jesu Christi, der dich mit deinem
Kinde in aller Not bewahren, aufrichten und stärken
kann, gleichwie er auch getreu ist, und der dir wohl-
tun wird, wenn du, mein wertes Schaf, nur bei seinen
Sitten und Rechten bleibst, und in dem Kreuzwege
nicht müde wirst, wenn er dir auch hart und sauer
fällt. Ach, mein wertes Schaf, könntest du nur Mut
fassen, und deinen Gott loben und Ihm danken, weil
du würdig erfunden worden bist, um seines Namens
willen mit zu leiden. Ach, erinnere dich der Worte des
weisen Mannes, wenn er sagt: »Sie werden ein wenig ge-
stäupt, aber viel Gutes wird ihnen widerfahren, denn Gott
versucht sie und findet sie, daß sie sein wert sind, denn
Gott prüft seine Auserwählten wie Gold im Ofen.«
Darum, mein wertes und herzlich geliebtes Schaf,
laß deinen rechtschaffenen Glauben durch Geduld
wirken, und laß die Geduld ein vollkommenes Werk
in dir haben; sei auch eingedenk der Worte des weisen
349
Mannes: »Ein Geduldiger ist besser als ein Starker, und
wer seines Mutes ein Herr ist (ach merke), ist besser, als wer
Städte gewinnt.« Ferner sagt der Prophet Jeremia: »Es
ist ein köstliches Ding geduldig zu sein, und einem Verlas-
senen auf die Hilfe des Herrn zu warten.« Darum besitze
deine Seele noch eine kleine Zeit in Geduld, solches
bitte ich von dir aus dem Innersten meines Herzens.
Ach, mein herzlich geliebtes Schaf, noch eins bitte ich
von dir, halte dich tapfer. Ach, wenn du mich liebst
(wie du in vollem Matze tust), so folge den Fußstap-
fen meines Glaubens nach, denn die Zeit ist erfüllt,
die Tage sind abgelaufen, meine Jahre, die ich in die-
ser wilden Wüste mit großer Gefahr gewandelt bin,
haben ihr Ende erreicht; ich habe nicht für das Unge-
wisse gestrebt oder gestritten, darum freue ich mich
auch im Geiste, daß Gott, der barmherzige, liebe Vater,
mir beigestanden hat, sodass ich den Kampf gekämpft
und den Lauf vollendet habe; von jetzt an ist mir die
Krone des ewigen Lebens beigelegt, welche Gott, der
barmherzige, liebe Vater, mir geben wird, nicht allein
aber mir, sondern allen, welche seine Erscheinung lieb
haben, und ich werde in das gelobte Land kommen,
welches ich im Glauben geschmeckt und gesehen ha-
be; darum hat mein inwendiger Mensch Lust dazu,
sodass ich mich vor meinen Leinden nicht fürchte,
noch vor dem Jordan erschrecke, und obgleich er in
den Augen einiger schrecklich anzusehen ist, so sind
wir doch gewiss und versichert, daß unser getreuer
Gott Israels bei uns sein werde, und uns durch seinen
starken Arm zubereiten wird, daß wir ihn ohne Scheu
überschreiten werden, und damit den jungen tapfern
Israeliten Mut machen. Summa: Allen, die Gott von
Herzen fürchten wollen, sind wir, durch Gottes Gna-
de, ein Geruch zum ewigen Leben; denen aber, die
uns hassen, ein Geruch des Todes. Gute Nacht, mein
Fleisch und Blut, unter dem Altäre hoffe ich euch alle
zu erwarten. Lasst euch mein Blut ein ewiges Tes-
tament und Andenken sein. Gute Nacht bis in die
Ewigkeit, Amen.
Ach, haltet euch männlich auf dem Wege der Ge-
rechtigkeit, darum bitte ich euch, denn ich bezeuge es
euch vor Gott und seinen Engeln mit meinem Blute,
daß es der rechte Weg und und Heerstraße, ja, die
rechte Gnade unseres Gottes sei, auf welcher und in
welcher ihr besteht. Die Gnade Gottes sei mit euch,
Amen. Den 24. Oktober, des Morgens um 5 Uhr, im
Jahre 1564.
Noch ein Brief von Meister Jelis Mattyß an sein
Weib.
Mein herzlich geliebtes, auserwähltes, liebes Weib
und Schwester in dem Herrn! Ich wünsche dir viel
Kraft und Trost von Gott, dem barmherzigen, lieben
Vater, durch den Trost des Heiligen Geistes, womit er
alle unterdrückten und bekümmerten Heizen tröstet,
welche um seines Zeugnisses willen beschwert sind,
wie es denn auch in dieser Zeit mit dir so bestellt ist,
daß du sehr bedrängt bist, obgleich du so viel durch
den heiligen Geist erlernt hast, daß du wohl weißt,
daß solches unsers Herrn und Meisters Wille ist, vor
dem wir unsere Knie gebeugt haben, um ihm zu die-
nen, um ihm in aller Not, Trübsal und Anfechtung
getreu zu sein, denn hierzu hat er uns beide erwählt
und berufen, damit wir seinen Namen unter Druck
und Schmerzen bewahren, und uns diese wenigen
Schläge und väterliche Züchtigung nicht missfällig
sein möchten, denn dadurch macht er uns zu rechten
Erben seines himmlischen Reichs, wenn wir dieselben
in Gehorsam und Geduld aufnehmen und darin geübt
werden, wozu uns der barmherzige, liebe Vater mit
der Kraft seines heiligen Geistes stärken wolle, Amen.
Ferner, mein herzlich geliebtes Weib, da ich vermute,
daß dein Herz um meinetwillen sehr bekümmert und
betrübt ist, und du, wie ich wohl denken kann, noch
gern hören und wissen willst, wie es um mich steht,
so kann ich es nicht unterlassen, dir mit kurzen Wor-
ten zu schreiben, wie es uns ergangen ist. Ich habe dir
zwar in unserer letzten Nacht geschrieben (wie ich
meinte) und habe den Amtmann gebeten, ob ich noch
ein wenig an meine arme betrübte Frau schreiben
könnte, was er mir auch bewilligte; aber wir durften
nicht wieder hinaufgehen, sondern mussten in der Kü-
che bleiben; auch wollte mir Huyge zwar erlauben zu
schreiben, aber er wollte mein Schreiben haben und
es dem Amtmanne selbst einhändigen, was derselbe,
wie ich vermute, auch getan hat. Dessen ungeachtet
hoffe ich, du werdest es noch erhalten. Ferner, mein
liebes Schaf, wisse zunächst, daß mein Gemüt noch
unverändert ist, und daß ich bereit bin, in Geduld alles
zu erwarten, was mir von Gott, dem barmherzigen lie-
ben Vater, durch die, welche der Wahrheit Feinde sind,
auferlegt werden wird. Ferner wisse, daß wir noch
von keiner Beschwerung des Fleisches gehört haben,
denn abends um neun Uhr kam Huyge mit seinem
Weib hinauf und sagte: Meister Jelis und Willebort,
kommt herab, es ist jemand da, der mit euch reden
will; da fingen unsere Weiber, insbesondere Maeyken,
an zu schreien und zu weinen. Ich fragte ihn, ob wir
nicht wieder hinaufkommen würden, worauf er mir
nicht viel Bescheid erteilte; deshalb zog ich sogleich
meinen Reiserock aus und zog den alten Oberrock an,
gab auch meinem Blute, nämlich dem Kinde, einen
Kuss, und setzte meine Mütze ab, und sprach auch
mit wenig Worten zu Gott, dem barmherzigen, lieben
Vater, daß er es die Tage seines Lebens bewahren wol-
350
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
le, worüber mein Herz ein wenig betrübt war, aber es
währte nicht lange. Als ich nun hinunter kam, stand
der Statthalter eine Zeitlang da, bis der Amtmann
auch kam, welcher mich ansah und sagte: Wohlan,
Meister Jelis, die Zeit ist hier, oder dergleichen Worte.
Da trat ich ein wenig näher zu ihm, war in meinem
Gemüte sehr fröhlich, redete auch freundlich mit ihm
und sagte: Mein Herr, ich habe dich acht oder zehn
Jahre für einen redlichen Mann gehalten, wie kommt
es, daß du uns jetzt überfallen willst? Wir haben ja
kein Wort davon gehört.
Da sagte er: Es ist ja noch Zeit genug, es wird noch
nicht geschehen, aber macht euch fertig auf morgen
um fünf Uhr; da redete ich noch einige Worte mit ihm
und sagte: O Mann, Mann, welche große Last bürdest
du dir auf, ich wünschte von Herzen, du wärest kein
Richter über uns, nicht um unsers Fleisches willen,
denn wir sind dazu wohlgemut; ich nahm auch eine
Kanne, die daselbst stand und trank ihm einmal zu.
Als er nun fort war, fing ich an etwas zu schreiben und
schrieb beinahe fünf Stunden lang, da kam er wieder
und sagte, die Diener sollten uns wieder hinaufbrin-
gen; wie es aber droben auf dem Stadthause ergangen
ist, hast du vielleicht gehört. Als wir vom Rathause
gingen, schloss man uns beide in eine Kammer, und
weil ich gefesselt war, konnte ich dir nicht schreiben.
Ferner wisse, daß der Amtmann und der Statthalter
den andern Tag, als heute Morgen, uns wieder hin-
unter entboten haben; sie brachten uns beide in ein
Gewölbe, welches sehr dunkel war, indem sie auch
das Fenster verstopft hatten, und sagten: Hier müsst
ihr bleiben, bis es anders werden wird. Der Statthalter
sagte: Wir sind alle sterblich, wir wissen selbst nicht,
wann wir sterben müssen. Ich erwiderte: Nicht? Als
ich im Gewölbe stand, sah der Amtmann auf mich,
aber ich wandte meine Augen gen Himmel und sagte:
O Gott, bewahre uns!, oder einige ähnliche Worte.
Es schien, der Amtmann hätte sagen wollen: Ja, das
kommt durch euch; doch redete er nicht so viel heraus
und ging mit den andern hinweg. Es war aber unser
Gott mit dem Tröste seines heiligen Geistes nicht weit
von uns entfernt und machte mein Herz fröhlich, daß
ich anfangen musste ein Lied zu singen.
Nachmittags erlangten wir ein Lichtstümpflein, da
fing ich an dieses zu schreiben, hätte es dir auch noch
vor der Nacht gern zugesandt, aber ich habe dazu
keine Gelegenheit gehabt, nimm es also in Liebe auf.
Ach, mein herzlich geliebtes Schaf, ich vermute,
daß unsere Stunde sehr nahe ist, denn es scheint, es
werde diese Nacht der Fürst dieser Welt kommen; des-
halb bitte ich dich durch die blutigen Wunden unsers
lieben Herrn Jesu Christi und um der ewigen Selig-
keit deiner Seele willen, du wollest doch mein Bei-
spiel nimmermehr aus deinem Herzen fahren lassen,
und wenn mein Kind zu seinem Verstände kommt
(welches du, wie ich hoffe, in der Furcht Gottes aufer-
ziehen wirst), so halte ihm solches vor und ermahne
es darin, und du, meine Geliebteste, vergiss es auch
nicht, sondern laß dir mein Blut zum ewigen Testa-
mente und Andenken sein, wie ich dir nach meinem
schwachen Vermögen ein Vorbild gewesen bin, wie-
wohl ich wünschte, daß ich heiliger und unsträflicher
vor dir hätte wandeln können; du weißt aber doch,
daß ich gesucht habe, nach meinem geringen Vermö-
gen dem Herrn zu gefallen, bin auch nach meiner
Schwachheit mit Freimütigkeit auf dem Kreuzwege
gewandelt, wie ich auch von dir von Herzen begeh-
re, daß du denselben nicht verlassen wollest. Es ist
auch meine väterliche Bitte an dich, du wollest noch
mehr Fleiß anwenden, deinen heiligen Ruf und deine
Erwählung immer fester zu machen, denn des Herrn
Tag ist nicht fern, an welchem er einen jeden nach sei-
nen Werken lohnen wird; dann wird er, mein treues
Schaf, die Lauen, Trägen und Unachtsamen finden,
welche nun den Namen haben, daß sie Christen seien,
jetzt auch die Gefäße tragen, aber das Öl der Liebe
und Gerechtigkeit mangelt ihnen darin. Darum, mein
Fleisch, mein Blut, bitte ich dich freundlich, du wollest
doch ja nicht auf die Lauen, Trägen, Unachtsamen und
Furchtsamen sehen, sondern prüfe dich selbst und
durchforsche dich selbst täglich, ob du auch richtig
im Glauben des Sohnes Gottes wandelst, und wenn
du dich selbst so erkennst, so kannst du wohl prüfen
und wissen, was dir noch nötig ist abzulegen.
Ach, strebe allezeit nach der Demut, ein demütiges
Herz kann sich selbst am besten prüfen und unter-
suchen, denn es klagt allezeit vor dem Herrn über
seine Schwachheit und Kleinheit und ist besorgt, daß
es nicht zuletzt in dieser gefährlichen, abscheulichen
Zeit durch die vielen subtilen Stricke und Netze zu
Schanden werden möchte; darum hat auch ein solches
wiedergeborenes Kind Gottes ein herzliches Verlan-
gen nach Hause, und von diesem elenden befleckten
Rocke des Fleisches erlöst zu sein, weil es wohl weiß,
daß es in großer Gefahr wandelt; es freut sich auch
um deswillen, wenn es vom Kreuze Christi hört und
ist nicht gesinnt, vor den Gottlosen so leicht zu fliehen,
es sei denn, daß es die Not erfordert; aber die Trägen,
Lauen, Unachtsamen, die zu Zeiten meinen, sie seien
reich genug und daß ihnen nichts mangle, sind zu
Zeiten so erblasst und verzagt (so bald sie nämlich
etwas davon hören, daß der Gottlose nur einen Bund
macht, die Gerechten auszurotten), zu Zeiten ist es
auch damit noch nicht genug, sondern sie kommen
auch zu ihrem Nächsten (welchem sie ein unverzag-
tes Herz einsprechen sollten), und machen ihn noch
351
verzagt.
Du aber, mein treues Schaf, sei doch freimütig; um
solches bitte ich dich von Herzen; sieh' doch ja nicht
auf die Vorgenannten, noch auf die, welche zu die-
ser Zeit so treulos vom Herrn weichen, es sei durch
das Kreuz, oder durch Verfolgung, oder durch falsche
Lehre. Ach, hätten sie sich selbst zuvor täglich unter-
sucht und an himmlischen Dingen einen Geschmack
gehabt, so hätten sie sich nicht so leicht verführen
lassen, oder vor dem Kreuze sich so sehr gescheut,
sondern sie würden von Herzen begierig sein, den
Namen ihres Gottes diesem argen und verkehrten
Geschlechte zu bekennen und ihren Gott noch von
Herzen bitten, daß sie Fremdlinge in dem Lande sein
möchten, zum Preise ihres Gottes und zur Erbauung
ihres Nächsten.
Ferner, mein herzlich geliebtes, treues, liebes, aus-
erwähltes Weib, deren Seele ich so herzlich liebe wie
meine eigene, meine christliche und väterliche Bitte
ergeht noch einmal an dich, du wollest doch alle Tage
deines Lebens Sorge tragen, dahin zu kommen, wo ich
in wenigen Stunden sein werde, damit wir doch in der
ewigen Wohnung nicht geschieden sein mögen. Ach,
ach, möchte es Gottes heiliger und wohlgefälliger Wil-
le sein, und wäre es möglich, daß ich den Kelch der
Bitterkeit für dich trinken möchte, mich dünkt, wenn
es auch dreimal wäre, ich wollte es von Herzen gern
tun, damit du nur mit erhalten werden möchtest.
Ach, dann würde ich mit einem viel fröhlicheren
Herzen meine Reise antreten und wäre nicht besorgt,
daß du noch von der Einfalt unsers lieben Herrn Je-
su Christi abgezogen werden möchtest; doch bin ich
auch unbesorgt, solange du so bleibst, wie ich dich
jetzt lasse, denn du hast Angst und Furcht vor dem Ur-
teile der Gottlosen. Darum begehre ich von dir mit Si-
rach, daß du in all deinem Vorhaben an das gedenkst,
was er sagt: Mein Sohn, was du auch tust, so bedenke
das Ende, dann wirst du nimmermehr Sünden tun;
verstehe, nur solche Sünden, die von dem Reiche Got-
tes abhalten, denn was deine tägliche Schwachheit
und Fehltritte vor deinem Gotte betrifft, so werden
dich dieselben nicht verdammen oder ausschließen;
darum kommt der heilige Apostel Johannes und sagt:
Wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher
bei Gott dem Vater, der für uns bittet, welcher Christus
Jesus ist, der Hohepriester, der in das Allerheiligste
eingegangen ist und ein ewiges Opfer und Versöh-
nung für sein Volk und Geschlecht getan hat, und zur
rechten Hand Gottes, seines Vaters sitzt, als ein Für-
sprecher und Fürbitter für unser tägliches Straucheln
und für unsere Fehltritte, wie der Apostel sagt. Siehe,
mein treues und herzlich geliebtes Schaf, auf diesen
Fürsprecher und Advokaten weise ich dich, und nicht
auf die verstorbenen Heiligen, wie die blinden Führer
dieser Welt tun; darum nimm zu Ihm deine Zuflucht
in deiner großen Not, gedenke, daß sein Ohr nicht
verstopft ist, daß er nicht dich hören sollte, und daß
seine Hand nicht zu kurz ist, um dir nicht helfen zu
können; denn er wendet seine Augen auf seine Hei-
ligen, welche er mit seinem eigenen köstlichen Blute
so teuer erkauft hat, und merkt auf ihr Schreien, Seuf-
zen und Rufen, denn er nennt sie ja schon selig, die
hier weinen und um der Gerechtigkeit willen leiden,
zu welchen du in dieser Zeit auch gehörst. Darum, o
mein Fleisch, mein Blut, tröste dich mit diesen Verhei-
ßungen, darum bitte ich dich, denn diejenigen, welche
hier mit Tränen säen, werden dermaleinst wieder mit
großen Freuden ernten. Ach darum gedenke nicht,
mein weites und liebes Schaf, daß deine Tränen, die
du jetzt vergießest, umsonst seien, denn sie sind al-
le vor das Angesicht des Herrn gekommen. Deshalb
gedulde dich noch eine geringe Zeit; darum bitte ich
dich auch, denn, ich hoffe, er wird dich nicht lange
hier lassen, sondern dich auch vor dem Unglücke hin-
wegnehmen und zur sichern Ruhe in seine Kammer
bringen wie der Prophet Jesaja sagt, weil du nach
deinem schwachen Vermögen begehrst, aufrichtig zu
wandeln bis ans Ende, wozu dir der barmherzige lie-
be Vater durch die Hilfe und Kraft seines heiligen
Geistes helfen wolle; getreu ist er, er wird es ohne
Zweifel wohl tun. Ferner, mein herzlich geliebtes, aus-
erwähltes Weib und Schwester in dem Herrn, weil ich
mein väterliches, sorgfältiges Herz noch nicht wohl
von dir abziehen kann, sondern gerne aus dem In-
nersten meiner Seele dich deinem Gotte, nach deiner
Schwachheit, in allem vollkommen und untadelhaft
darstellen wollte, so ist noch dieses mein demütiges
freundliches Begehren, du wollest deinen Nächsten
lieben, und allezeit der armen heiligen Hausgenos-
sen Gottes eingedenk sein, wie du bisher noch ein
Herz dazu gehabt hast; hierin laß deine Liebe nicht
ab-, sondern vielmehr zunehmen; gedenke allezeit
der Worte Christi, indem er sagt: Arme habt ihr alle-
zeit bei euch; wie denn auch bekannt ist, daß allezeit
Arme unter oder in dem Hause Gottes sind. Gedenke,
daß es ein großes angenehmes Werk des Herrn sei;
weshalb auch Sirach sagt, daß die Almosen des Man-
nes seien als ein Beutel mit ihm auf dem Wege, und
wird seiner schonen im Urteile; ja, es löscht die Sün-
den aus und bedeckt die Menge derselben, denn die
Barmherzigkeit rühmt sich wider das Gericht, sagt Ja-
kobus. Darum spare hierin auch keinen Fleiß, wie ich
auch zu dir das Vertrauen habe, und wiewohl es nicht
nötig ist, dir solches zu schreiben, so hoffe ich doch, es
werde dir zum Besten dienen, damit du nach meinem
Tode nicht lau werdest. Ferner bitte ich dich noch.
352
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
mein herzlich geliebtes Schaf, du wollest dich allezeit
zu den Frommen halten, damit du in Frömmigkeit
und Bescheidenheit zunehmen mögest; sei begierig
nach der lauteren unverfälschten Mich, nämlich Got-
tes Wort zu hören, damit du dadurch aufwachsen und
in allen guten Werken zunehmen mögest. Halte dich
selbst in der Stille (du weißt, was ich meine), darum
bitte ich dich von Herzen, und warte auf den Tag dei-
ner Erlösung, vielleicht ist er nicht ferne. Hiermit will
ich meinen Urlaub und ewigen Abschied von dir, mei-
nem Fleische, meinem Blute, nehmen, und bitte dich
nochmals demütig um der ewigen Seligkeit deiner
Seele und der großen Liebe willen, die du immer je zu
mir gehabt hast, du wollest nach meinem Tode meines
Schreibens, meiner herzlichen Bitte und Ermahnung,
die ich schriftlich und mündlich an dich getan habe,
eingedenk sein, und sie nicht bei dir hinlegen als eine
tote Geschichte oder Fabel, sondern wollest sie oft als
eine zu deiner Gesundheit dienliche Arzneivorschrift
benutzen und in dem Kasten deines Herzens zum
Andenken bewahren, als einen ewigen Schatz, denn
sie wird dir mehr Gewinn und Nutzen einb ringen,
als viele Stücke feinen Goldes und Silbers. Ach, die
Zeit ist sehr nahe, darum will ich mich des Schrei-
bens und aller Dinge entschlagen, und bitte dich aus
dem Grunde meines Herzens, wenn du mich und
die ewige Seligkeit deiner Seele lieb hast, du wollest
nach deinem schwachen Vermögen mein Begehren
erfüllen, und weder zur rechten noch zur linken Sei-
te weichen, sei es um des Kreuzes, der Banden, um
Gefängnis, oder etwas anders willen, und wenn dich
Gott, der barmherzige liebe Vater, würdig macht, um
seines Namens willen zu leiden, so fürchte dich doch
nicht, denn ich hätte nie gemeint, daß einem, der sich
selbst verleugnet, und der ein herzliches Verlangen
nach Hause hat, die Bande und die Gefangenschaft so
wenig zu schaffen machen könnten; deshalb fürchte
sie ja nicht. Nun, mein herzlich geliebtes auserwähltes
Schaf und liebe Schwester in dem Herrn, meine Zeit
ist erfüllt, die Tage sind verflossen; die Jahre haben ein
Ende; ich habe einen guten Kampf gekämpft; ich habe
den Lauf vollendet; ich habe Glauben gehalten, so-
dass meine Feinde, die sich gegen mich gesetzt haben,
beschämt worden sind, denn durch meinen Gott habe
ich das Feld erhalten, welcher mich von der Löwen
Rachen und der Höllen Schlund erlöst hat und mich
von allem Argen erlösen, auch mich in seiner Zukunft
selig machen, und mir das Land der Verheißung, wel-
ches ich durch den Glauben gesehen, und von dessen
Früchten ich gegessen habe, zu Teil geben wird, wes-
halb ich auch darnach ein herzliches Verlangen trage.
Ach hilf mir dem barmherzigen lieben Vater danken
und ihn loben, daß ich durch die wilde Wüste dieser
argen und verkehrten Welt gekommen bin und jetzt
vor dem Jordan stehe, durch welchen ich noch gehen
muss; vor welchem, wiewohl er etwas fürchterlich
anzusehen ist, ich mich doch nicht fürchte, denn ich
bin gewiss, daß mir mein Gott beistehen und mich
zubereiten wird, daß ich ohne Schaden und glücklich
durchkommen werde, denn der, der es mir verheißen
hat, ist getreu; er wird mich weder verlassen noch
versäumen, sodass ich sagen kann: »Der Herr ist mit
mir, ich fürchte mich nicht, was sollte mir ein Mensch tun.«
Ich werde abgeholt.
Jan Gerritß wird in dem Haag um des Zeugnisses
Jesu Christi willen im Jahre 1564, den 15.
Dezember, verbrannt.
Ein Testament, gemacht von Jan Gerritß, als er in Gra-
fenhaag um des Zeugnisses Christi willen gefangen
lag, im Dezember 1564.
Gnade und Friede von Gott, dem himmlischen
Vater, und seinem Sohne Jesu Christo sei mit euch,
Amen.
Meine herzlich und sehr geliebten Brüder und
Schwestern in dem Herrn, ich lasse euch wissen, daß
ich euer Schreiben empfangen und mit großer Freude
durchgelesen habe, denn euer Schreiben dient erst-
lich zur Standhaftigkeit des Glaubens und zu einem
vollkommenen Ende, und das durch Jesum Christum,
weshalb ich auch von ganzem Herzen und Gemüt bei
dem himmlischen Vater anhalte, daß nicht allein ich,
sondern alle Gottesfürchtigen das rechte Ziel nach
dem Willen Gottes erlangen möchten, denn Schläge
und große Schmerzen habe ich erlitten, und das, nach
den Worten Johannes, um der Brüder willen; das be-
gehre nicht allein ich, sondern es ist auch Gottes Wille,
daß man um seines Namens, Wortes und seiner Wahr-
heit willen sterbe, es sei auch, welches Todes es wolle;
aber ich hätte nicht gedacht, daß es so lange währen
sollte; da mir aber ohne des Herrn Willen nicht ein
Haar gekrümmt werden kann, so will ich mit ihm,
wie einem Christen gebührt, das Ende in Geduld und
Ausdauer erwarten.
Darum, meine sehr geliebten Brüder und Schwes-
tern, ist meine herzliche Bitte an euch und alle Gottes-
fürchtigen, daß ihr doch den Herrn für mich, euren
schwachen Bruder, bitten wollt, daß ich das Ende mei-
nes Glaubens erreichen möge, denn das Gebet der
Gerechten vermag viel und ist kräftig; sie wenden
auch alle List an, um mich um den schönen Schatz zu
bringen, welchen ich von Gott empfangen habe, aber
ich habe das Vertrauen zu dem Herrn, er werde mich
wohl bewahren.
Zweitens, liebe Brüder, freue ich mich sehr im
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Herrn, weil ich höre, daß der Weinberg des Herrn
zunimmt und daß seine Reben sich zu rechtschaffe-
nen Früchten des höchsten Gottes ausbreiten, wonach
mich so lange verlangt hat; darum danke ich meinem
und eurem Gott, daß ich solches aus eurem Schreiben
vernommen und freue mich auch, daß das Licht in
allen Orten und Winkeln aufgeht, und über alle Berge
scheint, wie ich von vielen Freunden höre, die zu mir
kommen, um mich in meinen Banden zu trösten. Dar-
um, meine lieben Freunde, seid emsig, ein jeder nach
seiner Gabe, die er von Gott empfangen hat, und legt
doch fleißig auf Wucher, damit ihr viel gewinnen und
das Wort hören mögt, das der Herr sagt: »Du guter und
getreuer Knecht, über wenig bist du getreu gewesen, ich
will dich über viel setzen; gehe ein zu des Herrn Hochzeit.«
Darum baue ein jeder an dem Hause mit lebendi-
gen Steinen, damit es ein herrliches Priestertum wer-
de, wo man Gott geistige Opfer opfern möge, die Gott
angenehm sind durch Jesum Christum. Darum sollen
wir allezeit getrost sein im Herrn, denn seine Kraft
ist so groß bei denen, die den Herrn fürchten, daß
doch alles, Tod, Teufel, Hölle, Feuer und Schwert, vor
Ihm weichen muss; solches alles kann diejenigen nicht
hindern, die auf Christum gegründet sind, denn wir
vermögen alles durch den, der uns tüchtig macht, und
durch seine Liebe wird alles überwunden; dieselbe
treibt die Furcht aus, wie ich wohl sagen kann, denn,
als ich in des Königs Saal gebracht wurde und da-
selbst fast eine Stunde stand, ehe die Herren kamen,
und alle Dinge vorbereitet sah, um mich zu peinigen,
da dachte ich oft in meinem Gemüt: O Herr! Wenn du
mir nicht beistehst, so ist es um mich geschehen, bat
Ihn auch, er wolle mir den Mund öffnen, zu seinem
Lobe und Preise zu reden, und denselben in allem
zu schließen, was zur Lästerung seines heiligen Na-
mens und des Nächsten gereichen möchte. Als ich so
sprach, und sie im Begriffe waren, mich zu peinigen,
war weder Furcht noch Nachdenken in mir, aber sie
setzten mir scharf und grausam zu, sodass der Prä-
sident sprach: Warum willst du die Wahrheit nicht
sagen? Antwort: Weil Christus nichts anders redete,
als was die Ehre seines Vaters und seine Gottheit be-
traf; sonst aber hat er geschwiegen. Solches will ich
auch tun, denn was seine Ehre und die Lehre seiner
Gebote betrifft, so begehre ich nicht zu schweigen, we-
der vor Kaiser noch König, weder vor Herzog noch
Grafen. Da hieß es sofort: Greift ihn ohne Scheu an,
ein ertrunkenes Kalb ist gut zu wagen. Seht, meine lie-
ben Brüder und Schwestern, wie ungnädig sie mit mir
umgingen, dennoch war der Herr mit mir; er müsse
gesegnet sein. Ich war nicht meiner selbst, sondern
der Herr regierte meinen Mund, sodass sie nach ihrem
Willen nichts von mir erhalten konnten. Seht, meine
lieben Freunde, wie getreu der Herr ist; er lässt den
nicht zu Schanden werden, der auf Ihn hofft.
Darum schreibe ich noch einmal, damit ihr alle-
zeit in dem Herrn wohlgemut sein mögt und euch
untereinander stets ermahnt, denn Petrus hält es für
förderlich und nützlich, daß einer des andern Last tra-
gen helfe und das in der Liebe, denn, wenn ein Glied
leidet, so leiden sie alle, und wenn ein Glied herrlich
ist, so freuen sich alle anderen Glieder.
Drittens lasse ich euch wissen, daß mein Weib hier
bei mir gewesen ist und mir euren freundlichen Gruß
überbracht hat, was mir sehr lieb zu hören war, und
auch, daß sie dem Besten, nach ihrem schwachen Ver-
mögen, nachkommen wolle; sie bekennt, daß das Le-
ben, welches sie bisher geführt hat, böse sei, wie wir
denn wohl alle bekennen mögen, daß wir in den frühe-
ren Zeiten auch nichts taugten; darum gelangt meine
Bitte an euch, meine lieben Brüder, daß ihr doch eine
Aufsicht über sie führen wollt; ermahnt sie zu einem
besseren Leben, und das in der Liebe, und wenn ihr
einen Nutzen an ihr schaffen könntet, so wäre mir
das eine große Freude, wenn ihr mir solches schrei-
ben wolltet, und wenn ihr mir etwas schreibt, ehe
ich mein Opfer Gott darbringe, so schickt dasselbe
an meine alte Mutter, oder an N., dann werde ich es
wohl erlangen. Überdies habe ich derselben etwas
Gewürz gesandt, nämlich eine Muskatnuss und drei
oder vier Ingwerzehen und etwas Gewürznelken, daß
sie solches I. C. oder einem andern gebe, damit man
es in Stücke zerschneide und zu einem ewigen Gruße
ordentlich austeile, und das in dem Herrn, als hier
auf Erden zu einem ewigen Abschiede, Adieu und
Frieden in Christo, bis wir bei Christo Zusammen-
kommen und daselbst in seiner Herrlichkeit einander
sehen werden, Amen.
Meine sehr geliebten Brüder! Ich habe bei euch ge-
wohnt und freue mich auch, daß ihr so klug seid in
Auferbauung der Stadt und des Tempels zu Jerusa-
lem, welche so viele Jahre verdarben und verfallen
gewesen ist; darum Brüder, lasst den Mut nicht sinken,
werdet ihr auch verspottet und beschimpft, wie Israel;
denn merkt, als sie die Mauern wieder aufbauten,
nahm ihre Stärke und Kraft in der Arbeit zu, obwohl
die Feinde murrten, damit das Werk nicht vorschrei-
ten möchte; doch haben sie solches nicht unterlassen,
sondern haben desto fleißiger Wache gehalten; sie hiel-
ten in der einen Hand die Spieße oder das Schwert,
und in der andern die Maurerkelle, und waren wohl-
gemut, denn Gott war mit ihnen und stritt für sie. Seht,
meine lieben Freunde, lasst uns ein Exempel an die-
sen Helden nehmen, wie tapfer und unverzagt sie vor
ihren Feinden waren; lasst uns ein Gleiches tun, wie
sehr sie auch rufen oder schreien, ja, schmähen und
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sagen: Seht, dieses Volk kommt und will einen neuen
Grund an der Stadt legen, und sie können nicht ein A
von einem B unterscheiden; woher haben sie dieses?
Wo haben sie das gelernt? Wir sind auf hohen Schulen
gewesen und haben unser Geld darüber verzehrt, soll-
ten nun diese Esel kommen und uns lehren? Der eine
ist ein Schuhflicker, der andere ein Weber oder Kürsch-
ner, und diese wollen die Schrift auslegen! Lasst sie
bei ihrem Handwerke bleiben; solches kommt uns
zu; wir wollen es auch nicht zugeben, man muss sich
mit Feuer, Wasser und Schwert dagegen setzen. Wir
aber wollen uns weder fürchten, noch erschrecken,
wie sehr auch die Hunde bellen und die Löwen brül-
len; denn Gott, der mit uns ist, ist ein starker Gott; er
wird die Seinen wohl bewahren und das Feld erhalten
helfen. Sie können und dürfen nichts weiter tun, als
was ihnen der Herr zulässt. Meine lieben Brüder! Hal-
tet mir dieses einfältige Schreiben zugut, ich habe es
den folgenden Tag, nach dem Empfange eures Briefes,
größtenteils in Eile aufgesetzt. Hiermit will ich euch
nochmals dem Herrn und dem Worte seiner Gnade
anbefehlen. Entbietet den Freunden in Flieland, daß
ich sie mit dem Frieden des Herrn herzlich grüße, und
daß sie für das Gesetz des Herrn tapfer streiten wollen.
Bittet den Herrn für mich; ich begehre, daß ihr meiner
wieder eingedenk sein wollet; vergesst meiner nicht
in eurem Gebete; denkt, als ob ihr auch mit gefangen
wärt. Lebt wohl. Die Furcht des Herrn bewahre euch
alle, Amen.
Ich sende euch hierbei noch ein Schreiben in der
Voraussetzung, daß dasselbe euch etwa ein wenig
erquicken möchte in eurer Anfechtung von den Wi-
dersprechern der Taufe, welche ich von einem lutheri-
schen Prediger zu erdulden hatte. Das Nachfolgende
ist die Antwort auf sein Schreiben, welches er an mich
gesandt hat, nachdem wir oft miteinander geredet
hatten. Der Herr sei mit eurem Geiste, Amen.
Ein Brief von Jan Gerrits; an den lutherischen
Prediger.
Mein sehr geliebter guter Freund! Hiermit will ich Ab-
schied von dir nehmen, denn ich hoffe mich von jetzt
an nicht mehr mit dir oder einem andern Menschen
aufs Disputieren oder Schreiben einzulassen, indem
Paulus sagt: »Entschlage dich des Streites oder ungeis-
tigen Geschwätzes und unnützen Disputierern, denn sie
fördern sehr das ungöttliche Wesen, indem ihr Wort wie
der Krebs um sich frisst.« Darum begehre ich auch von
dir verschont zu bleiben und, meiner Seele nach, vor
Gott in Ruhe zu leben. Lebe allezeit wohl.
Siehe, mein guter Freund, hier hast du mein Ge-
wehr und die Waffen meines Glaubens; ich habe mich
zum Teile sehr kurz gefasst, aber mit diesen Waf-
fen, und mit nichts anderem, weder mit Eisen noch
Stahl, weder mit dem Spieße noch mit dem Schwerte,
will ich euch, als das Reich des Antichristen, bestür-
men; denn Geist muss mit geistlichen, und Fleisch mit
fleischlichen Waffen überwunden werden; darum sa-
ge ich mit dem Apostel: »Die Waffen unserer Ritterschaft
sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott, um alles
zu verstören, was sich wider die Wahrheit aufwirft, denn
wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern
mit den Fürsten und Gewaltigen, mit den Herren der Welt,
mit den Geistern der Bosheit unter dem Himmel.« Darum
müssen alle Christen den Harnisch Gottes anziehen,
damit sie wider den listigen Anlauf des Teufels ste-
hen, und in allen Dingen bereit sein mögen; denn es
sagt auch Petrus: »Seid nüchtern und wacht, denn euer
Widersacher, der Teufel, geht um euch her, wie ein brüllen-
der Löwe, und sucht, zueichen er verschlinge; demselben
widersteht mit festem Glauben.« Das sind unsere Waffen,
und wir sind mit ihnen zufrieden.
Erstens weiß ein Christ nichts vom Kriege; denn
alles, was ihm zustößt, muss er in Geduld und Beharr-
lichkeit um des Herrn willen ertragen, indem Christus
die Seinen nichts anderes gelehrt hat, als ihre Feinde
zu lieben; überdies verbot er es seinen Jüngern, als sie
Ihn fragten: »Herr, willst Du, daß wir Feuer vom Himmel
kommen lassen und dieses Volk verderben? Nein, sagte
er, wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Seid
barmherzig, zvie euer Vater im Himmel barmherzig ist.« Er
drohte nicht, als er litt. Diesem Exempel folgen wir
nach, mit allem Fleiße, nach unserem schwachen Ver-
mögen, und befehlen also Gott unsere Seelen in seine
Gnade, als dem treuen Schöpfer. Daraus kannst du
sehen oder verstehen, was wir für ein Volk sind, und
welchen Geist wir haben.
Siehe, mein guter Freund, mit diesen meinen Waf-
fen und meinem Gewehre will ich dir entgehen gehen,
als ein kleiner, nicht geachteter David dem großen Go-
liath und kühnen Helden, welcher das Lager Gottes
verspottete und beschimpfte, und sich auf seine Kraft
verließ, wie du dich auf deine Gelehrtheit verlassest,
und auf den Namen Rabbi trotzest; und weil dein
Verstand, deine Macht und Kraft hoch geachtet und
angesehen ist, so fängst du auch an, mit dem Goliath
zu sagen: »Bin ich ein Hund, daß du mit einem Stocke zu
mir kommst? Ich kann und zvill dein Fleisch den Vögeln
des Himmels zu essen geben.« Das sagte der Goliath,
und du nicht weniger; denn ohne Kraft, sagst du, bin
ich betrogen und tot. Ja, mein Freund, ich weiß wohl,
daß ich und meinesgleichen von dir allezeit als klein
und ungelehrt geachtet werden.
Siehe, dahin hast du es mit deiner Vermessenheit
gebracht, daß ich wohl mit Schleuder und Stein oh-
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ne Scheu auftreten, und zu dir, wie zu Goliath, dem
Heerführer und Beschützer der Philister, sagen darf:
Siehe, du bist zu mir herausgekommen, und verlässt
dich auf deinen Spieß und Schild; aber ich komme
zu dir im Vertrauen auf Gott, im Namen des Gottes
Israel, und will heute dein Fleisch den Vögeln des
Himmels zu essen geben, und dich mit deinem ei-
genen Schwerte töten, nämlich, mit deiner eigenen
Schrift oder Disputation, welche mir dienen soll, dich
zu überwinden, nicht durch den Geist der Univer-
sitäten, oder hohen Schulen, sondern durch Gottes
Wort und Kraft, und das in Deutsch, Holländisch und
meiner Muttersprache, Gott zur großen Ehre, euch
aber zur Schande. Auch wird das stumme tastbare
Tier deine Torheit offenbaren, du Bileam hast mich
armen Esel so lange geschlagen, bis ich durch Gottes
Kraft redete; so lange hast du Goliath mich und das
Lager Israels beschimpft und herausgefordert, daß ich
dich nun mit deinem eigenen Schwerte töte, was ich
nicht getan hätte, wenn du nicht mit solchen scharfen
Zähnen zugebissen und deine Feder so scharf gespitzt
hättest; wie hätte ich es aber nun unterlassen können?
Sollte ich damit einen Undank verdient haben, wie ich
wohl vermute, so kannst du dir die Schuld selbst bei-
messen, denn man kann nicht schweigen und Gottes
Wort reden.
O Mann, Mann! Man sollte dir wohl mit Gamaliel
raten, daß du Gottes Volk in Ruhe ließest, denn ist das
Werk von den Menschen, so wird es wohl vergehen,
ist es aber aus Gott, so kannst du es nicht vernichten.
Darum magst du wohl Zusehen, daß du dich nicht an
dem Schwerte des Herrn vergreifst, damit du nicht als
ein solcher erfunden werdest, der wider Gott streitet;
darum verfolge Jesum von Nazareth nicht länger, und
lasse Israel zufrieden.
Um nun auf den Inhalt deines Briefes überzugehen,
den du an mich gesandt hast, um alle Gründe und die
Beschaffenheit des Glaubens verstehen zu lernen, so
finde ich, daß du mich im Namen des Vaters, des Soh-
nes und des heiligen Geistes grüßest; hierauf antworte
ich dir: Weil du dich rühmest ein Christ zu sein, und
mich für einen verworfenen Menschen und Ungläu-
bigen hältst und mir beilegst, als wäre ich mit einer
falschen Meinung behaftet, so sage ich, daß du nicht
recht schreibst, denn Johannes sagt: »Wenn jemand zu
euch kommt, und bringt diese Lehre nicht mit, den nehmt
nicht zu Hause auf, grüßt ihn auch nicht; denn wer ihn
grüßt, der macht sich seiner bösen Werke teilhaftig!« Fer-
ner sagt Paulus: »Wenn sich jemand einen Bruder nennen
lässt, und ist ein Ehebrecher und dergleichen, und auch ein
Ungläubiger, der soll das Reich Gottes nicht besitzen!« Da
sie nun das Reich Gottes nicht besitzen werden, so
soll man auch mit ihnen kein Brot essen, zum Verder-
ben ihres Fleisches, damit sie bedenken, wovon sie
gefallen sind.
Zweitens: Du nennst mich deinen Bruder; warum
bin ich dein Bruder, während wir doch im Glauben
verschieden sind? Ist es darum, weil wir alle von Gott
dem Vater geschaffen sind? Ich sage nein dazu, denn
sollen wir nach dem Geiste und nach der Lehre Christi
und der Apostel Brüder sein, so müssten wir einerlei
Glauben und einerlei Ordnung haben, und von einem
Geiste getrieben werden, worin man aber jetzt eine
große Verschiedenheit findet, denn die Bruderschaft
müsste aus der himmlischen Wiedergeburt kommen,
durch das Gehör des Wortes Gottes, aus dem Irdi-
schen ins Himmlische; diese Bruderschaft wird den
Ungläubigen nicht beigelegt, hat auch nicht ihren Ur-
sprung von der fleischlichen Herkunft, wie Paulus
den Unterschied klar angibt, indem er sagt: »Zieht
nicht an einem fremden Joche mit den Ungläubigen, denn
was hat der Gerechte für Gemeinschaft mit dem Ungerech-
ten, das Licht mit der Finsternis, und Christus mit Belial;
der Gläubige mit dem Ungläubigen, oder der Tempel Gottes
mit dem Götzentempel? « Denn darin besteht die Bru-
derschaft: »Seid fleißig, die Einigkeit im Geiste zu halten,
in einerlei Hoffnung eures Berufs zu bleiben; ein Herr, ein
Glaube, eine Taufe.« Merke, ihr seid mit eurer Taufe
zufrieden, sie sei durch die Hebamme, Firmung oder
dergleichen geschehen, und denkt nicht daran, daß
Gott über alle und in uns allen durch sein Wort einen
Platz haben will.
Da du mir aber im Glauben, in der Lehre, im Leben
und Geiste entgegen bist, und ich auch dir, warum
nennst du mich denn einen Bruder, frage ich noch
einmal? Oder bin ich ein Ketzer und Verleumder der
Wahrheit, warum meidest du mich nicht, wenn ich ein-
oder zweimal ermahnt worden bin? Denn solches ist
ein Befehl der Schrift; aber leider, du bist der Schrift,
die von Gott eingegeben worden ist, nicht untertänig,
sondern erwählst sie zur Verdammnis.
Drittens finde ich in deinem betrüglichen Unter-
richtsbriefe, daß man mich allein wegen Irrtums und
Missdeutung in der Taufe, ohne einige andere Artikel
beschuldigt und verschreit; was soll ich hierzu sagen?
Sind denn alle eure Götter dir ein Gräuel? Ist es denn
um eure falsche Lehre und Kirchengebräuche gesche-
hen? Aber ich denke: Nein, der betrügliche Gewinn ist
dir allzu angenehm, aber ich verstehe deine Absicht
gar wohl, denn wenn du mir das eine geraubt hast, so
meinst du, das andere auch zu erlangen nach deinem
eigenen Worte (in Delft). Ach, was bist du mir für ein
Bruder, schön in der Verlockung. Aber mein Lehrer
und Meister Christus Jesus hat mich vor dir gewarnt,
daß ich klug sein soll, wie die Schlangen, aber einfältig
wie die Tauben. Ja, ein solcher Bruder bist du mir, wie
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der alte lügenhafte Prophet war, welcher den Mann
Gottes durch seine Lügen betrogen hat, denn Gott
hatte dem Manne Gottes geboten, wider den Altar
zu weissagen, und an dem Orte weder Brot zu essen,
noch Wasser zu trinken, bis daß du (sagt er) wieder in
dein Land kommst. Aber der Schlangensame, der alte
Prophet, sprach: Iss Brot mit mir und trinke Wasser.
Der Mann Gottes antwortete: Gott hat mir das verbo-
ten, aber der Betrüger sagte: Ich bin auch ein Prophet
des Herrn wie du, und der Herr hat mit mir geredet,
daß du hier mit mir Brot essen und Wasser trinken
sollst. Da ging der Mann Gottes mit ihm hinein, und
brach das Gebot des Herrn; darum ist er zur Strafe
seines Ungehorsams von dem Löwen auf dem Wege
getötet worden.
Vor diesem Exempel erschreckt meine Seele sehr,
denn wenn ich mit Betrug umgehe und meines Herrn
Wort übertrete, so sendet er die Löwen, Drachen und
Bären, daß sie die Herrschaft über meine Seele erlan-
gen und sie töten, denn wenn mein Glauben krank
wäre und wankte, so wäre ich ein überwundener und
gewiss ein toter Mann, aber der Anker meines Glau-
bens steht fest.
Viertens: Was deine unverständige und mutwillige
Grobheit betrifft, indem du deine Kindertaufe mit der
Beschneidung des Gesetzes, oder mit dem Bundeszei-
chen der Kinder Israel beweisen willst, so antworte
ich dir: Die Beschneidung, die du von der Taufe ver-
stehst (sagt Paulus), geschieht ohne Hände im Geiste
zur Ablegung des sündlichen Fleisches, dessen Lob
nicht aus den Menschen ist, wie mit der Hand an Is-
rael geschah, sondern aus Gott; geschieht denn nun
eure Kindertaufe im Geiste ohne Hände zur Ablegung
des sündlichen Fleisches und der Sünde, die sie doch
niemals begangen haben? Denn das Sündhafte abzu-
legen ist so viel als, wie Paulus sagt, tötet eure Glieder,
die auf Erden sind, als Hurerei, Ehebruch, Unreinig-
keit, Unkeuschheit, böse Lüste, merke, ob dieses von
euren Kindern verstanden werden möge.
Und durch diese eure Kindertaufe veranlasst ihr,
daß man uns Wiedertäufer nennt, wiewohl wir ein-
mal und nicht zweimal taufen und uns taufen lassen
nach der Wahrheit und dem Befehle, so wie nach dem
Gebrauche der Apostel, und damit sind wir wohl zu-
frieden.
Fünftens will ich dich unser Bekenntnis und Ord-
nung hören lassen, daß unsere Taufe nicht von einer
Meinung, sondern von dem Befehle des allerhöchs-
ten Gottes herrührt, dann aber hoffe ich weder mit
dir, noch mit sonst jemandem mich durch Schreiben
oder Disputieren einzulassen, wie ich dir bereits ge-
sagt habe, denn hochtrabende Klugheit habe ich doch
nicht, sondern ein standhaftes Gemüt und festen Glau-
ben meines Grundes. Höre kurzen Bescheid: Von der
Beschneidung bekenne ich, daß sie ein Zeichen des
Bundes Abrahams gewesen sei, ihm und allem seinem
Samen auch ein Eingang zur Gemeinde des Volkes
Gottes Israel. Die auswendige Beschneidung Israels ist
ein Bild auf die zukünftige inwendige Beschneidung
Christi gewesen, wie man klar aus dem Geiste des
neuen Testamentes entnehmen kann, wie auch Paulus
erzählt: Das ist keine Beschneidung, die auswendig
im Fleische geschieht, sondern die Beschneidung des
Herzens, das ist die Beschneidung, die im Geiste ge-
schieht, und nicht im Buchstaben oder Gesetze; deren
Lob nicht aus den Menschen, sondern aus Gott ist,
noch ihr, die ihr in Christo auch beschnitten seid mit
der Beschneidung Christi, die ohne Hände geschieht,
durch Ablegung des sündlichen Fleisches. Ferner, was
ist es doch für ein Volk, das mit ihm durch die Taufe
begraben ist? Hört doch, ihr seid auferstanden; wo-
durch? durch den Glauben; welchen Glauben? was für
Glauben haben doch die Gevatterleute, wodurch Gott
wirkt, nach eurem Verstände? Merke hier wohl, keine
Kinder, sondern Gläubige und Verständige, und die-
ses soll doch euer stärkster Beweis sein. Ach Freund,
locke nicht mutwillig wider den Stachel, oder es wird
dir hart fallen, mit Gott zu reden, und sein Wort und
Wahrheit so frech zu vertreiben, denn wenn ihr ja die
auswendige Beschneidung habt, und für ein Vorbild
auf die Taufe haltet, wohlan, wer macht denn euch
Kindertäufer so verwegen, daß ihr sie vor dem achten
Tage tauft? Und warum tauft ihr die Mägdlein? Denn
nach dem Gesetze wurden sie nicht beschnitten, und
hieraus müsste folgen, daß die Mägdlein ohne Tau-
fe bleiben müssten, denn das wahre Wesen muss ja
seinen Gang haben.
Nun bist du mit deinen Vorbildern der Taufe ans
Ende gekommen; wir aber haben einen bessern Unter-
richt von den Vorbildern der Taufe, und solche wird
uns Paulus und Petrus durch ihren Geist und durch
ihr Zeugnis wohl unterhalten helfen. Petrus sagt: Der
Eingang durchs Wasser in den Kasten Noahs bedeu-
tet die Taufe; wer mir das leugnen darf, der mag uns
auch wohl widersprechen, die wir zwar von ihnen ge-
ring und ungelehrt, bei Gott aber für gelehrt gehalten
werden.
Unser zweiter Zeuge der Vorbilder der Taufe ist der
hohe Apostel Paulus (welcher den Rat Gottes verkün-
digte), wenn derselbe von dem Ausgange der Kinder
Israel aus Ägypten durch das rote Meer redet und
daß sie durch Mose unter der Wolkensäule getauft
worden sind; solches war ein Vorbild, und uns zur
Lehre. Wir aber, die wir von diesem wahren Wesen
im Geiste und neuen Testamente sind, bekennen eine
klare Ordnung Gottes, Lehre und Gebot, dann die Re-
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gel, den Gebrauch und das klare Exempel der Apostel,
die Taufe betreffend, und das ist uns Unterweisung
genug.
Christi Gebot ist dieses: »Gehet hin in alle Welt, pre-
digt des Evangelium allen Kreaturen, lehrt sie alles halten,
was ich euch geboten habe, und tauft sie im Namen des
Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes; wer glaubt
und getauft ivird, soll selig werden ; wer nicht glaidit, soll
verdammt sein.« Die Taufe ist zunächst ein Grab der
Sünden, ein Eingang in die Gemeinde Gottes, ein An-
ziehen Christi und ein Entfliehen dem Zorne Gottes,
ein Bad der Wiedergeburt, und ein Siegel des guten
Gewissens, oder eine Versicherung mit Gott; wer die-
selbe verwirft, der verwirft den Rat Gottes. Der Apo-
stel Gebrauch war dieser: »Glaubst du von ganzem Her-
zen, so mag es wohl geschehen.«
In solcher Weise wurden sie zuerst gefragt; fragt
dieses die Kinder auch, und wenn sie ja sagen, so
ist es gut, denn auf den Glauben haben die Apostel
getauft, und auf keine andere Weise. Denn hätte der
Kämmerer gesagt: Ich kann nicht glauben, Philippus
hätte ihn nicht getauft; aber er sagte: Ich glaube, daß
Jesus Christus der Sohn des lebendigen Gottes ist;
dieses ist auch mein Glaube und anders nicht. Und
abermals, als die Menge zu Jerusalem die Ermahnung
Petri hörte, wurden sie ratlos und fragten: Was sollen
wir tun? Hört guten Rat: Tut Buße und lasse sich ein
jeder im Namen Jesu taufen, so werdet ihr die Gabe
des Heiligen Geistes empfangen, und die das Wort
gern annahmen, ließen sich taufen. Tun eure Kinder
ein Gleiches? Dann seid ihr das alte Fundament, denn
es mag kein anderes Fundament gelegt werden, als
das gelegt ist, welches Christus Jesus ist, sein Wort
und Vorbild. Der Stockmeister freute sich mit seinem
ganzen Hause, daß er gläubig geworden war; sind
eure Kinder auch gläubig, so ist es gut. Petrus verkün-
digte es im Hause Cornelius, des Hauptmanns der
italienischen Schaar, und der heilige Geist fiel sowohl
auf die Heiden, als die Juden. Waren auch Kinder da-
selbst, auf welche der heilige Geist fiel? Und dieses
ist das Wort, warum ich dich fragte, ehe wir vonein-
ander schieden, als der Knecht die Tafel deckte, und
du die Worte bezüglich auf die Kindertaufe redetest:
Was vom Fleische geboren wird, das ist Fleisch. Da
fragte ich, wo denn der Geist bliebe, aber du gabst mir
keine Antwort. Johannes sagt: »Der Wind bläst wohin
er will, und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht,
von wannen er kommt.« Haben denn die Kinder auch
ein Gefühl vom heiligen Geiste? Es war ja Nikodemus
ein fleischlicher Mensch, und schmeckte nicht, was
den Geist Gottes betraf; darum hat ihn Christus auf
ein Kind gewiesen, wie Mt 18 auch gemeldet wird.
Durch das Wasser wiedergeboren zu werden aus der
fleischlichen Art in den Geist, wie Christus selbst sag-
te (Joh 3): »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es sei denn,
daß jemand wiedergeboren werde aus Wasser und Geist,
kann er nicht in das Reich Gottes kommen.« Das jemand,
was ist das anderes, als wer fleischlich gesinnt ist? Wie
Nikodemus zuvor erzählte, denn fleischlich gesinnt
sein, ist der Tod; solches sind keine Kinder, denn sie
fühlen solches nicht; geistlich aber gesinnt sein, ist
Leben und Friede, wie Paulus wohl bezeugt. Auch
sagt er zu den Galatern: »Regiert euch aber der Geist,
so seid ihr nicht unter dem Gesetze, denn offenbar sind
die Werke des Fleisches, als da sind: Ehebruch, Hurerei,
Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft,
Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Hass, Mord,
Saufen, Fressen und dergleichen. Die Frucht des Geistes
aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gü-
tigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit; wider solche ist das
Gesetz nicht.« Petrus sagt gleichfalls: »So legt nun ab
alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid
und alles Afterreden, und seid begierig nach der unver-
fälschten, lauteren Milch, wie die neugeborenen Kindlein,
damit ihr durch dieselbe zunehmt.« Tue ein Gleiches, lege
deinen großen aufgeblasenen Sinn und die Vermes-
senheit deines Herzens bei Seite, und baue dich auf
zu einem lebendigen Steine an dem Hause Gottes,
und zu einem heiligen Priestertum, um geistige Opfer
zu verrichten, die Gott angenehm sind durch Jesum
Christum, welche Opfer sind die Werke der Gerech-
tigkeit, und nicht Menschengedichte, Vernunft, oder
Einsetzung der äußerlichen Opfer. Siehe, mit diesem
Gewissen wandern wir fort; diese Versicherung ist bei
uns so teuer und wert geachtet, daß wir auf dieselbe
hin, um Christi willen, Gut und Leben verlassen, wo-
von ihr weit entfernt seid. In Summa: Wir versiegeln
den Brief Christi nicht eher, als bis er geschrieben ist;
wir säen nicht eher, als bis der Acker wohl gepflügt
ist, mit Gottes Geist und Wort; wir fahren nicht eher
davon, als bis wir Wind und Wetter haben; ihr aber
wollt das Kind von der Mutter haben, ehe es Zeit ist;
wir können und mögen die Zeit wohl erwarten, bis es
Zeit ist, und das Kind in der Geburt von der Mutter
gegeben wird; wer kann zu demjenigen schweigen,
was jedermann sieht? Also bekennen wir die Taufe,
wie sie in der Schrift ein Gebot des Herrn und ein ge-
wisser klarer Gebrauch der Apostel ist; daneben sehen
wir auch scharf ein, was die Taufe für Ursachen habe,
warum sie geschehe, welchen Nutzen und Gewinn sie
habe, welchem Volke sie zugehöre, welche Zunamen
sie in der Schrift habe. Zuerst ein Grab der Sünden,
ein Eingang in die Kirche oder Gemeinde Gottes, eine
Anziehung Christi, ein Entfliehen dem Zorne Gottes,
ein Bad der Wiedergeburt (Tit 3), und ein Siegel des
guten Gewissens mit Gott. Wer mm dieselbe verwirft.
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der verlässt und verwirft Gottes Rat und Worte.
Sechstens: Daß ich dich grob und schmählich ange-
redet habe, darauf antworte ich dir:. Siehe (sage ich)
mein Herr und Meister hat mich sonst nichts gelehrt,
wenn er sagt: »Hütet euch vor den falschen Propheten,
die in Schafskleidern zu euch kommen, aber von innen rei-
ßende Wölfe sind.« Du kamst daher mit einem solchen
schönen Scheine, um meine Seele zu ersticken, wie
du dich dessen auch gerühmt hast; warum sollte ich
denn die Wahrheit nicht reden oder schreiben? Denn
du bist doch derjenige, der mich zu verschlingen oder
zu zerreißen sucht, ein armes Schaf von der Weide
Christi zu locken; nein, nein, davor behüte mich Gott,
der oberste Hirte; niemand wird sie aus seiner Hand
reißen; wer aber ihr entläuft, das ist eine andere Sa-
che; dennoch bist du fleißig gewesen, und hast meine
Seele mit einem scharfen Zahne verwundet, wobei
du mich noch einen Bruder nennst. Darum nenne ich
dich einen Wolf im Schafskleide, aber bekehre dich
jetzt noch und werde ein Lamm. Ach Freund! Warum
bist du gekommen?
Siebtens, streutest du vor meine Füße Rosen und
Federn, machtest die Bank glatt, daß ich glitschen soll-
te, und sagtest: Denke ja nicht darauf, was diejenigen
sagen werden, die dich ohne die Schrift betrogen ha-
ben; siehe doch, ist das ohne die Schrift? Eben, als ob
ich auf das Wohlreden der Menschen gebaut hätte.
Nein, nein; wäre es an dem Wohlreden gelegen, du
hättest mir Stricke genug gelegt; die Werke geben al-
lezeit Zeugnis. Siehe, mein guter Freund, es kommt
mir vor, du hättest hiermit genug, nämlich an meinem
eigenen Glauben und Bekenntnisse, und ich bitte dich,
du wollest die kleinen Kinder nicht so verdammen
und richten, und das um der Übertretung Adams wil-
len, damit du nicht verdammt und gerichtet werdest;
denn Christus hat uns davon durch seinen Tod er-
löst, worüber wir geredet haben, als ich bei dir war.
Darum sagt auch Paulus: »Wie durch eines Menschen
Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist,
so ist auch die Rechtfertigung des Lebens über alle Men-
schen gekommen.« Johannes sagt: »Siehe, das ist Gottes
Lamm, welches der Welt Sünde trägt;« und an die Gala-
ter: »Christus hat uns von dem Fluche des Gesetzes erlöst.«
Ferner an die Epheser, daß er die Feindschaft durch
sein Fleisch am Kreuze hinweggenommen habe; über-
dies hat er ihnen sein Reich verheißen, wenn er sagt:
»Lasst die Kindlein zu mir kommen, denn solcher ist das
Reich Gottes,« hat sie auch aufgenommen, gesegnet,
ihnen die Hände aufgelegt und gesagt: »Es sei denn,
daß ihr das Reich Gottes empfangt als ein Kind, so werdet
ihr nicht hineinkommen;« denn wenn er sagt solcher, so
ist da kein Unterschied, wie auch Paulus sagt, daß die
Juden und Griechen sämtlich unter der Sünde waren.
Du aber sonderst sie ab und sagst, es sei allein zu
der Juden Kinder geredet, als ob es der Juden Kinder
wären. Ich antwortete: Du solltest mir das mit dem
Evangelisten beweisen, aber du konntest es nicht, und
gabst mir keine Antwort; denn Christus hat seine gött-
lichen Wunderwerke eben sowohl an der Heiden und
Juden Kinder, als an dem heidnischen Weibe und des
Hauptmanns Knecht erwiesen, welchen er auch das
Zeugnis gibt, daß er solchen Glauben in Israel nicht
gefunden habe. Dergleichen Exempel sind mehr und
genug.
Zuletzt bitte ich dich, daß du mir mein einfältiges
Schreiben zu gut halten wollest, denn es ist Bauern-
arbeit; hätte ich es besser von Gott empfangen, ich
wollte es besser machen; nun aber danke ich Ihm für
dasjenige, was er gegeben hat. Gehabe dich wohl.
Unten stand: Ich, Jan Gerrits Ketelaer von Tessel,
bekenne nur einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe,
einen Geist und einen Vater unser aller, der über alles
und durch alles und in uns allen ist. »Ich komme bald;
halte, was du hast, daß dir niemand deine Krone nehme!«
(Offb 3) »Ja, komm Herr Jesu!« (Offb 22)
Noch ein Brief von Jan Gerrits; an seine Bekannten.
Nebst freundlichem Gruße, liebe Brüder und Schwes-
tern in dem Herrn; hier ist dasjenige, was ihr von mir
begehrt, nach eurem Verlangen und meinem schwa-
chen Vermögen, wofür ich Gott, dem Vater, und sei-
nem geliebten Sohne Jesu Christo sehr herzlich danke,
daß er die Seinen nicht verlässt, sondern ihnen allezeit
das Feld erhalten hilft; denn seine Augen der Gnade
sehen allezeit auf die Seinen, und seine Ohren mer-
ken allezeit auf ihr Gebet, indem es geschrieben steht:
»Wenn du durch's Feuer und Wasser gehst, so zvill ich bei
dir sein.« Darum gebe ich Ihm allein Preis und Ehre für
seinen großen Beistand, welchen er mir armen Sün-
der in Trübsal, Leiden und Pein erwiesen hat, so daß,
meine lieben Brüder, die Hunde, Löwen und Bären
mir nichts anhaben konnten, wie sehr sie auch bell-
ten, brüllten und brummten, denn der Herr errettete
mich; er wird mich auch, durch seine große Gnade, bis
ans Ende bewahren, wenn ich die Hoffnung meines
Glaubens auf Ihn setze; denn, ist Gott mit uns, wer
mag uns Schaden tun; und wenn der Herr das Haus
bewahrt (wie David sagt), wer mag es verletzen? Mei-
ne Freunde, ich wünschte, daß ich euch den Zustand
meines Herzens und Gemütes schildern könnte, als
ich um des Zeugnisses unsers Herrn Jesu Christi wil-
len aufgewunden war und schwere Schläge empfing,
denn sein Wort und bitteres Leiden, welches er für
uns arme Sünder ausgestanden hat, beschäftigte mich
so sehr, daß ich an nichts anderes dachte. Seht, mei-
359
ne Brüder und Schwestern, wie der Herr die Seinen,
die auf Ihn trauen, bewahren und beschützen kann.
Ferner wisst, meine lieben Brüder und Schwestern,
daß sie mir zuerst mit Fragen zusetzten, nämlich, wie
ich hieße, wo ich geboren wäre, wie alt ich wäre, und
wie lange ich in Tessel gewohnt hätte; dann fragten
sie mich, wann ich die Taufe empfangen hätte. Ant-
wort: Vor fünf Jahren. Frage: An welchem Orte ist es
geschehen? Antwort: Ich werde es euch nicht sagen.
Dann sagten sie abermals: Man wird es dich wohl
sagen machen. Sie wiesen dabei auf den Scharfrichter
und sagten weiter: Wenn man dich nach der Wahrheit
fragt, so solltest du die Wahrheit sagen. Antwort: Al-
les, was den Glauben betrifft, will ich euch gern sagen;
das andere aber hat mir Gott nicht befohlen. Frage:
Ob mein Weib auch unsern Glauben hätte. Antwort:
Nein, leider nicht. Frage: Wer mich getauft hatte. Ant-
wort: Das will ich euch nicht sagen. Frage: Ist es N.
gewesen? Antwort: Es ist mir von Gott nicht befohlen,
solches zu sagen, und wenn ich es euch auch sagte, so
wohnt er nicht in des Königs Lande. Frage: Christus,
als er vor die Obrigkeit gestellt wurde, hat, als man
Ihn fragte, Antwort gegeben, warum tust du nicht ein
Gleiches? Antwort: Als man Ihn um dasjenige fragte,
was die Ehre seines Vaters und seine Gottheit betraf,
so hat er geantwortet, sonst aber geschwiegen. Alles
nun, was ihr mich fragt, das sein Gesetz, Wort, Gebot
oder Verbot betrifft, das will ich vor Kaisern, Königen,
Herzogen, Grafen, Prinzen und anderen Herren be-
kennen, und es nicht verschweigen. Darauf sagte der
Richter mit kurzen Worten zum Scharfrichter: Greife
ihn an. Endlich, als man mich antastete, fiel ich nieder
und bat den Herrn um seinen Beistand; da sagte der
Richter sofort zu den Henkern: Hebt ihn auf. Darauf
haben sie mich angefallen und mit mir gehandelt, wie
man mit dem Herrn, unserm Meister, gehandelt hat,
als man Ihm seine Kleider auszog; denn sie banden
mir ohne Gnade meine Hände auf den Rücken, auch
verbanden sie meine Augen und zogen mich in die
Höhe; darauf schlugen sie mich, und klopften nicht
anders zu, als ob es auf einen Baum geschähe, sodass
die Ruten wie Hanfstoppeln zerbrachen, wobei sie
sagten: Rede, hast du einen stummen Teufel in dir,
so wird man ihn wohl austreiben; aber der Herr (ge-
segnet müsse er sein) schloss meinen Mund, sodass
ich nicht einmal »o wehe« sagte, noch sonst einen
Laut hören ließ; denn das Leiden unsers Herrn, wie
vorgemeldet ist, und sein Zeugnis war so in meinem
Herzen, daß es nicht auszusprechen ist. Endlich, als
sie sahen, daß mir alle Glieder matt wurden, sagten
sie: Lasst ihn nieder, ob der stumme Teufel alsdann
besser reden möge. Als sie mich nun niederließen, fiel
ich mit meinem Haupte gegen die Bretter; sie ergrif-
fen mich aber und setzten mich auf eine Bank, wo ich
abermals in Ohnmacht gesunken sein würde, wenn
sie mich nicht gehalten hätten. Sie standen wie Löwen
und Bären da, und sagten, ich sollte auf ihre Fragen
antworten; aber der Herr war mein Helfer und meine
Stärke; Ihm sei Preis und Lob für seine Gnade und
dafür, daß sie nichts von mir erfuhren. Da sagte der
Präsident: Hast du keine groben Ruten, um diesen
stummen Teufel auszutreiben?, worauf der Scharf-
richter antwortete: Nein, aber ich habe ein Seil; sie
hätten mir auch wieder die Augen verbunden; aber
jener sagte: Lasst es ihn sehen; und als er schlug, dach-
te ich: O Herr, du siehst es wohl; dann schlossen sich
meine Augen. Ja, meine Freunde, hätten sie so lange
geschlagen, als sie Atem schöpfen konnten, sie hät-
ten, nach meinem Erachten, von mir nichts erlangt,
solche Kraft des Allerhöchsten war mit mir, und als
sie sahen, daß es nichts helfen wollte, holten sie das
Zentnergewicht und hingen mir dasselbe an meine
Füße; da wandte sich mein Herz zu dem Herrn: Be-
wahre, bewahre meinen Schatz. Summa, wie sehr sie
auch darnach verlangten, so haben sie doch nichts er-
langt. Darauf fragten sie, ob ich wohl Latein verstände.
Ich antwortete: Ja, so viel als es ist. Frage: Verstehst
du Italienisch? Antwort: Nein. Frage: Wo bist du in
die Schule gegangen? Antwort: Zu Delft. Frage: Zu
welcher Zeit? Antwort: Als Delft brannte. Frage: Ob
ich Menno oder D. P. Bücher gelesen hätte. Ja, sagte
ich; Boschuysen hätte meine Lehrbücher genommen,
nämlich die neue Kreatur von Menno und die geist-
liche Wiederbr. von D. P. Sie fragten, wie ich daran
gekommen wäre. Der Mund war mir geschlossen. Da
hieß es: Holt Wasser und Kerzen, der stumme Teufel
muss heraus. Aber der Herr bewahrte mich, wofür
ich Ihm nicht genug danken kann. Zuletzt hieß es:
Bindet ihn los, er muss sich ein wenig erholen, man
wird ihm wohl besser zusetzen. Als sie nun von mir
schieden, sagte ich, sie sollten Zusehen, was sie täten;
der Tag des Herrn würde endlich über sie kommen,
und somit sind sie von mir geschieden. Meine lieben
Brüder und Schwestern, hiermit mache ich mit euch
meinen letzten Abschied in dem Frieden Christi; ich
hätte etwas mehr geschrieben, aber die Zeit wollte es
nicht leiden. Wenn es dem Herrn gefällt, so begehre
ich mit Ihm an einem Pfahle zu stehen. Der Herr sei
mit euch allen, Amen.
Adrian den Burry, 1565.
Nach mancherlei Verfolgung und grausamer Tyrannei
über die Christenschar ist noch im Jahre 1565 zu Ou-
denaarde in Flandern ein treuer Bruder, Namens Adri-
an den Burry, gefangen genommen worden, welcher.
360
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
nachdem er mancherlei Anfechtungen und schwere
Kämpfe wider den Teufel und seine Werkzeuge aus-
gestanden und erduldet hatte, an gemeldetem Orte
im Jahre 1565 verbrannt worden, und hat den lautern
wahrhaftigen Glauben der Wahrheit mit seinem Tode
und Blute befestigt und versiegelt, zur wahren Über-
zeugung aller blutdürstigen Tyrannen und Verfolger
und aller fleischlichen Menschen, die, nach ihres Flei-
sches Lüsten, den breiten Weg zur ewigen Verdamm-
nis zu wandeln suchen, und zum Tröste und zur Stär-
kung aller wahren Gläubigen, daß sie diesem Freun-
de Gottes in wahrem Gehorsam nachfolgen möchten,
gleichwie er Christo, darum ist sein Name in das Buch
des Lebens eingeschrieben, und ist auch würdig, zum
langen Andenken in dieses Buch aufgezeichnet zu
werden.
Wilhelm de Duyk, 1565.
Auch hat im Jahre 1565 zu Gent in Flandern der Bru-
der Wilhelm de Duyk nach vieler Versuchung und
standhafter Ausharrung (ohne daß er hätte abfallen
wollen) den Namen Christi mit seinem Blute bezeugt
und um deswillen des zeitlichen Todes sterben müs-
sen; darum wird er auch in der Auferstehung mit allen
Kindern Gottes die liebliche Stimme hören: »Kommt
her, ihr Gesegneten meines Vaters, und ererbt das Reich,
das euch von Anbeginn der Welt bereitet ist!« Dann wird
er als ein Gerechter in das ewige Leben eingehen.
Conrad Koch, 1565.
Als das Licht in der neuesten Zeit sowohl am Rhein-
strome als auch im Bergischen Lande wieder aufzu-
gehen und die Wahrheit des heiligen Evangeliums zu
scheinen anfing, ist auch dieser Conrad Koch durch
das Licht der Erkenntnis Gottes entzündet worden
und hat, durch die göttliche Hilfe, die Finsternis zu
verlassen gesucht, um in dem klarscheinenden Lichte
zu wandeln; darum hat er das Papsttum und das welt-
liche ungöttliche Wesen verlassen, sich zur Gemeinde
des Herrn gewendet, das Wort Gottes gehört und be-
herzigt, auch an das Evangelium geglaubt und sich
nachher auf den Glauben an Jesum Christum und das
Bekenntnis seiner Sünden nach dem Befehle Christi
taufen lassen; darauf hat er sich brüderlich und christ-
lich bei der Gemeinde aufgeführt und betragen, und
sich nach seiner Schwachheit gegen alle Menschen er-
baulich und ehrbar bewiesen; aber gleichwie derjeni-
ge, welcher in der Finsternis wandelt, das Licht weder
ertragen noch leiden kann und mit dem Neide des
Feindes dessen Nachfolger verfolgt, so ist auch dieser
Mann von den Papisten beneidet und bei dem Rent-
meister des Landes (welcher daselbst im Namen des
Fürsten von Jülich Richter war und herrschte) ange-
klagt worden. Derselbe sandte seine Diener (die man
Boten nennt) nach Houf, wo dieser Conrad wohnte;
diese nahmen ihn gefangen, wobei er sich auch bereit-
willig zeigte und mit ihnen wie ein Lamm gutwillig
nach Löwenburg gegangen ist. Löwenburg ist eines
von den sieben Schlössern, welche man, weil sie sehr
hoch liegen, von weitem sehen kann. Hier brachten sie
ihn (Conrad) in einen Turm und legten ihn in schwere
Gefangenschaft, worin er fast ein halbes Jahr sitzen
blieb, und reichen Trost von Gott empfing, wiewohl
er großen Hunger leiden musste.
Der Rentmeister setzte diesem Manne öfter mit har-
ten Bedrohungen zu, daß wenn er nicht von seinem
Glauben abfallen wollte, man ihm das Leben nehmen
würde; auch versuchten sie ihn sehr hart mit Bitten
und Flehen, und durch Entziehung der Kost, aber er
blieb unbeweglich; sein Herz war sehr getrost.
Als er nun seinen Glauben ohne Scheu bekannt hat-
te, und ihn keine Pein abschrecken konnte, auch die
Zeit herannahte, daß er um der Wahrheit willen ster-
ben und von dieser Welt scheiden sollte, so hat man
ihn losgeschlossen, und er ist frei und ungebunden
von dem Turme zu Löwenburg nach dem Dorfe Houf
gegangen, auf welchem Gange er Bamabam, der ein
Übeltäter war, zum Begleiter hatte. Diese Flucht gesch-
ah sehr heimlich, und so ist er zu Houf (welches ein
Stück Weges von Löwenburg entfernt ist) angekom-
men; gleichwie aber Christus gekreuzigt, Barnabas
aber frei wurde, so geschah es auch hier; denn Conrad
wurde auf das Bürgerhaus zu Houf gebracht; daselbst
legte man ihm vor, ob er von seinem Glauben abste-
hen wollte, in welchem Falle er sein junges Leben
erhalten könnte, indem man ihn der Haft entlassen
wolle.
Es wurde mancherlei List mit großer Falschheit bei
ihm angewandt; die Betrüger schmeichelten und droh-
ten, und sagten: Gehe doch des Jahres einmal in die
Kirche, und wenn sie die Wahrheit nicht rein und lau-
ter predigen, so bleibe nachher zu Hause. Einer von
diesen Heuchlern sagte zu ihm: Mein lieber Conrad,
wenn wir auch falsch, listig und böse sind, so kann
doch solches deiner Seele nicht schädlich sein; fürchte
du nur Gott und sei mit allen Menschen zufrieden,
was geht es dich an, daß der Glaube klein bei uns
ist. Conrad sagte zu der Obrigkeit: O ihr Diener Got-
tes, das solltet ihr wissen, daß Gott keine Heuchler
haben will; davon haben wir ein Exempel an dem
alten Eleazar, der sein Leben lieber dahingab, ehe er
geheuchelt hatte. Darum hoffe ich eher zu sterben, als
wieder in eure Versammlung zu gehen; ferner sagt
er: Christus ist das Haupt der Gemeinde, wer ihm
361
gefallen will, der muss sich als ein Glied seines Leibes
erweisen; man muss sich von Christo, dem Haupte,
nicht absondern; bei dem Haupte begehre ich zu blei-
ben, und sollte es mich auch Fleisch und Blut kosten.
Sie fragten Conrad, was er von der Kindertaufe hielte.
Er antwortete: Davon kann ich nichts anderes halten,
als daß es der höchste Gräuel des Papstes sei; könnt
ihr aber dieselbe mit dem Worte Gottes beweisen, so
will ich mich von des Herrn Gemeinde unterrichten
lassen. Ach Gott, setzte er hinzu, es müsse dir geklagt
sein; o Gott, welche Not ist das, daß sie diejenigen tö-
ten, welche die Wahrheit sagen; sie können mir nicht
beweisen, daß ich eine Missetat begangen habe, und
dennoch suchen sie mich aus Feindschaft umzubrin-
gen; o Herr vergib es ihnen! Nachdem ihm sodann des
Fürsten von Jülich Befehl vorgelesen war, fällten die
Ratsherren das Urteil, der Rentmeister aber brach dar-
über die Rute. Das Urteil lautete, daß Conrad, wenn er
nicht abstehen würde, vom Leben zum Tode gebracht
werden sollte. Als er nun auf solche Weise zweimal
verurteilt worden war, brachten sie ihn hinaus, wo er,
als er auf dem Richtplatze anlangte, zu singen anfing:
O Gott, wie sanft strafst du mich; reiche mir deine
milde Hand, daß mein Fleisch alle Sünde, Laster und
Schande meide, daß ich den alten Rock zerreißen und
mit dir ewige Freude haben möge. Christus ich sage
dir Lob, o du mein höchster Gott!, daß ich diesen Tag
und diese Stunde erlebt habe, daß ich mm deinen Na-
men mit meinem Blute bezeugen kann. Meine lieben
Brüder und Schwestern, ich befehle euch alle dem
Herrn, haltet fest in eurem Herzen das Evangelium
Christi, das hinterlasse ich euch zur Lehre; fürchtet
Gott und haltet euch fromm; seid meine Nachfolger,
gleichwie ich willig bin, dem Herrn Christo zu folgen
und mein Leben dahin zu geben. Also töteten sie die-
sen frommen Mann mit dem Schwerte in aller Stille,
sodass solches ein großer Teil des Volkes nicht gewahr
wurde. Man pflegt zwar Diebe und Mörder daselbst
mit Vörwissen des ganzen Landes zu verurteilen, die
Frommen aber ermordet man heimlich, welches für
die Richter eine Schande ist. Und also ist Conrad, als
ein treuer Zeuge des Leidens Christi zu Houf, im Ber-
gischen Lande, welches dem Herzog von Jülich und
Cleve gehört, im Jahre 1565 mit dem Schwerte (ste-
hend) enthauptet worden.
Unter demselben Rentmeister, welcher blutdürstig
war, waren zuvor auch noch sieben Personen, vier Brü-
der und drei Schwestern, gefangen genommen; diese
vier Brüder wurden auch verurteilt, daß sie sterben
sollten, wenn sie nicht von ihrem Glauben abstehen
würden; aber der Herr behütete sie und erlöste sie alle
(unbeschädigt an ihrem Glauben) aus dem Gefängnis-
se, denn dieser blutdürstige Rentmeister wurde von
Gott von einem schnellen Tode betroffen, sodass die
Gefangenen ihre Freiheit erhielten, und unbeschadet
ihres Glaubens bei der Wahrheit blieben.
Hier folgen zwei Briefe, welche Conrad Koch aus
dem Gefängnisse geschrieben hat.
Der erste Brief.
Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott dem
Vater und dem Herrn Jesu Christo, wünsche ich, Con-
rad Koch, ein Gefangener in dem Herrn auf Löwen-
burg, meinen lieben Brüder und Schwestern in dem
Herrn, Amen.
Ich will euch hiermit berichtet haben, daß der
Scharfrichter bei mir gewesen ist; sie haben mir mit
Worten scharf zugesetzt, doch mich nicht gepeinigt,
wiewohl mich der Herr bewahrte, daß ich ihnen nicht
zu Willen wurde. Sie sagten darauf, sie wollten zu-
vörderst essen und dann wiederkommen, um mich
zu peinigen, aber noch während des Essens kam der
Rentmeister abermals zu mir, sagte mir viel von des
Fürsten Prediger, und daß ich denselben noch ein-
mal zu mir kommen lassen sollte; derselbe verstände
den Irrtum, den wir hätten. Darauf antwortete ich: Ich
begehrte ihn nicht, das Wort des Herrn hat mich unter-
richtet; ich habe dir ja gesagt, daß ich keinen Pfaffen
begehre. Er sagte: Das ist wahr, dennoch aber begehre
ich, du wollest mir den Gefallen tun und sagen, es
sei dein Begehren, daß er zu dir komme, und wenn
ihr dann auch nicht einig werdet, so ist daran nichts
gelegen, wenn wir nur die Menschen los werden. Da
sagte ich: Ich begehre das Kreuz Christi nicht abzu-
legen, worauf er antwortete: Dann kann ich es nicht
ändern, und somit hat er mich verlassen.
Also hat mich der Herr vor ihnen bewahrt, meine
lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn. Bittet
doch den Herrn für mich treulich, daß er mich bei
seinem treuen Worte bis an das Ende meines Lebens
erhalten möge, denn ich stehe noch in guter Hoffnung,
und bin durch die Hilfe des Herrn willig, in aller Ge-
duld zu erwarten, was der Herr um seines Namens
willen über mich verhängen wird. Der Herr gebe, daß
mir nichts Schwereres auferlegt werde, als ich ertra-
gen kann, damit sein Name nicht durch mich gelästert
werde; darum helft mir den Herrn bitten. Ich hoffe
weder alle meine lieben Brüder und Schwestern, noch
alle diejenigen zu vergessen, die den Herrn fürchten.
Der Herr komme uns zu Hilfe, damit wir nach seinem
Willen bitten und mit allen Frommen erhört werden
mögen; dazu helfe uns der Herr durch seine Gnade,
Amen. Es ist mir auch zu wissen getan worden, daß
362
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
unsere Mitglieder zu Köln aus dem Gefängnisse be-
freit worden sind; dem Herrn sei für seine große Liebe,
die er an uns in diesen letzten Tagen beweist, gedankt,
und daß er uns so gut vor den falschen Schlangen
bewahrt, welche so listig mit schönen Worten zu uns
kommen und uns mit Heuchelei umgarnen, um uns
damit von dem Bunde des Herrn abzuziehen. Davor
wolle der Herr alle diejenigen bewahren, die seinen
Bund angenommen haben, Amen. Hiermit dem Herrn
befohlen.
Der zweite Brief an seinen Bruder A. von B. geschrieben.
Gnade, Friede und ein standhaftes Gemüt im Herrn
wünsche ich dir, mein lieber Bruder in dem Herrn,
A. von B. Ich danke dem Herrn für den Brief, wel-
chen du mir geschrieben hast, auch ist mein Begehren
an dich, mein lieber Bruder, daß du mir helfen wol-
lest, den Herrn bitten, daß ich doch dessen würdig
werden möchte, was du mir gewünscht und von mir
begehrt hast; aber ich stehe noch in guter Hoffnung,
dem Herrn sei dafür gedankt; ich bin auch noch willig,
um des Namens des Herrn willen zu leiden; der Herr
aber wolle mir Kraft dazu geben, Amen.
Auch begehre ich von dir, mein lieber Bruder, du
wollest von meiner Seite unserm Bruder H. K. viel
Gutes wünschen. Der Herr mache uns alles Guten
würdig; aber ich kann dir nicht so viel schreiben, als
ich dir wohl schreiben möchte. Der Herr gebe uns
nach seiner großen Barmherzigkeit, was uns zur Se-
ligkeit dienen mag, Amen. Ich begehre auch von dir,
du wollest allen meinen Brüdern und Schwestern (zu
welchen dich der Herr bringt) viel Gutes wünschen
und sie ermahnen, den Herrn treulich zu bitten, daß
er mich doch bei seinem treuen Worte bis in den Tod
erhalten wolle; ich hoffe eurer nicht zu vergessen, so
viel es mir möglich ist. Der Herr komme uns zu Hil-
fe, damit wir in aufrichtiger Liebe bitten und erhört
werden und endlich mit allen Frommen in sein Reich
eingehen; dazu helfe uns der Herr, Amen.
Ich lasse dich auch wissen, daß auf Allerheiligen
Abend zwei Pfaffen bei mir gewesen sind, die mich
gern in die Kirche geführt hätten, als ich aber nicht ein-
willigen wollte, haben sie mich dem Herrn befohlen;
dasselbe haben auch drei Ratsherren getan, welche
allen Fleiß angewandt haben; aber der Herr hat mich
bewahrt, ihm sei Lob und Dank dafür, er wolle auch
mich und dich bewahren, solange wir das Leben ha-
ben, Amen. O meine lieben Brüder und Schwestern,
bittet doch den Herrn ernstlich für mich, weil er mich
ungeschickten Knecht ins Gefängnis werfen lässt, daß
es doch zu seinem Preise und meiner Seligkeit gerei-
chen möge, das begehre ich von Herzen; der Herr
komme mir und euch zu Hilfe, Amen.
Hiermit dem Herrn befohlen und dem Worte seiner
Gnade, Amen.
Ich, Conrad Koch, habe diesen Brief auf Löwenburg
aus dem Gefängnisse im Jahre 1565 geschrieben.
Mattheiß Servaes von Kottenem, 1565.
Als dieser Mattheiß Servaes Ältester und Lehrer der
Gemeinde war, hat es sich im Jahre 1565 zugetragen,
daß er sich zu Köln an einem Abende mit einigen
Freunden an einem Platze zusammengefunden hat-
te, um ihnen mit dem Evangelium zu dienen. Es war
aber daselbst ein Judas, der solches wusste, dieser
ging hin und holte die Doppelwache; diese kam so-
fort mit Gewehr und Waffen, ging durch die Hintertür
in das Haus, wo die Versammlung war, und zerstreute
und fing die Herde mit Schlägen, Wut und Zorn; die
Versammelten aber sind ihnen wie Schafe nach dem
Beyenturme gefolgt; hier schrieb man ihre Namen auf
und brachte sie in verschiedene andere Plätze, und als
man scharf nachfragte, wer ihr Lehrer wäre, hat sich
Mattheiß Servaes selbst angegeben, daß er der Mann
wäre. Diesen suchten sie von Christo und seinem hei-
ligen Worte abzubringen, und setzten ihm mit Betrug
und List, mit Bitten und Drohen zu, weil er aber alle
diese Anschläge verwarf, so peinigten sie ihn hart; er
achtete jedoch weder Pein noch Schmerzen, sondern
behielt das, was ihm Gott offenbarte, fest in seinem
Herzen. Sodann führte man ihn des Morgens in die
Hacht, wo ihm auch mancher Strick gelegt wurde, um
seine Seele zu fangen. Von der Hacht brachte man ihn
gebunden nach einem Hochgerichte; hier wurde er,
nachdem ihm die kaiserlichen Befehle vorgelesen wa-
ren, dem Scharfrichter übergeben, damit er ihn nach
dem Inhalte des Befehls hinrichten sollte.
Mattheiß war fertig und ließ sich so bereitwillig
hinführen wie ein Lämmlein zur Schlachtbank; er hob
dann seine Augen gen Himmel, faltete seine Hände
und sagte: O mein Vater! Ich preise deinen Namen,
daß ich dessen gewürdigt bin.
Da sah man eine große Volksmenge herbeiströmen,
welche der Hinrichtung zusehen wollte; einige hatten
Mitleiden und sagten: Es ist doch Schade, daß dieser
gute Mann um solcher Tat willen sterben muss.
Auf dem Wege nach dem Richtplatze kam eine jun-
ge Frau an ihn heran, die ihn anreden wollte; diese
fingen sie auch und stießen sie von ihm. Auch wollte
ihn noch ein Knecht grüßen, diesen hielten sie fest;
aber der Graf rief, man sollte ihn gehen lassen. Ehe er
zum Gerichte kam, sah er um sich und sprach: Ich ha-
be eine große Volksmenge als Zuschauer, es wäre doch
ein Jammer, wenn diese alle verloren gehen müssten.
Als er nun sterben sollte, sagte er überlaut: O Gott!
363
Du weißt ja wohl, wonach ich getrachtet und was ich
in meinem Leben gesucht habe, von Anbeginn, bei
Tag und Nacht; auch sagte ich zu dem Grafen: Du
weißt wohl, Herr Graf, wie du mit mir umgegangen
bist, aber ich habe dir alles vergeben, es ist alles aus
meinem Herzen. Also ist dieser fromme Mann mit
dem Schwerte hingerichtet worden, was aber anfäng-
lich und nachher sein Bekenntnis gewesen, und was
ihm im Gefängnisse widerfahren sei, auch wie er sei-
ne Brüder ermahnt, getröstet und gestärkt hat, ist in
seinen nachfolgenden Briefen zu finden.
Der erste Brief, den Mattheiß Servaes aus dem
Gefängnis an H. K., seinen Bruder in dem Herrn,
und auch seine andern Mitglieder geschrieben hat.
Die heilsame Gnade Gottes und der Friede unsers
Herrn und Heilandes Jesu Christi vermehre sich viel-
fältig bei allen Gläubigen durch die Handreichung
und Salbung des heiligen Geistes, Amen.
Hiermit, meine sehr geliebten Brüder in dem Herrn,
lasse ich euch wissen, wie es noch gut um mich ste-
he, sowohl nach dem Fleische als nach dem Geiste,
nach Leib und Seele, ja, nach dem Aus- und Inwen-
digen; denn ich achte es alles sehr gut zu sein, es sei
Freude oder Traurigkeit, ja, es sei Leben oder Sterben,
denn ich lebe nicht mir selbst, sterbe auch nicht mir
selbst; lebe ich aber, so lebe ich dem Herrn, und sterbe
ich, so sterbe ich dem Herrn; denn ich bin in seiner
Hand. Niemand wird mich ihr entreißen, dessen bin
ich gewiss, ja, ich halte nun Sterben für mein Gewinn.
Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo, meinem
Herrn, zu sein, denn es gereicht mir alles zum Tröste,
was mir begegnet. Ich liege nun hier zur Förderung
des Evangeliums und meine Bande werden offenbar,
allein dem Herrn, wie ich hoffe, zum Preise und nicht
mir, und auch allen Frommen, die in gleicher Züchti-
gung stehen, zum Tröste und zur Stärkung in ihrem
Vorhaben. Darum erfreue ich mich in meinem Leiden,
daß ich dazu von dem Herrn würdig gemacht bin,
um seines Namens willen Schmach zu leiden (dessen
ich mich noch unwürdig erkenne), um die Trübsal
zu erfüllen, die an seinem Leibe noch übergeblieben
und auf seine Glieder fortgeerbt worden ist. Wenn
nun des Leidens Christi viel über uns kommt, so fin-
de ich noch mehr Trost durch Christum, der mich in
allem meinem Leiden reichlich tröstet; durch seine
Hilfe wird es mir und auch allen denen gelingen, die
Ihn für das höchste Gut erkennen und daraus Ursache
nehmen. Ihn über alles zu lieben, sodass sie um seinet-
willen alle Dinge gern hassen und verlassen, damit
sie allein von dem Geliebten geliebt werden. Solches
alles aus kindlicher Liebe zu vollbringen, wünsche
ich euch und mir und allen denen, die es von Herzen
begehren, durch Jesum Christum, unveränderlich bis
ans Ende, Amen.
Ferner, mein lieber Bruder H. und alle, die gesetzt
sind über die Seelen der Menschen zu wachen, nehmt
doch fleißig eures Amts wahr, damit ihr nicht faul,
schläfrig oder nachlässig darin erfunden werdet, son-
dern daß ihr treue Wächter sein mögt, welche die Her-
de Christi recht und aufrichtig ausführen und weiden,
und das mit aller Sanftmut und Demut; ja, wie ein Va-
ter über seine Kinder, der das Unrecht seiner Kinder
scharf straft; und obgleich er sie nicht dahin bringen
kann, wohin er sie gern hätte, so kann er doch ihrer
aus väterlicher Liebe nicht vergessen, daß er sie nicht
für seine Kinder halten sollte und obgleich er sich oft
in seinem Herzen um ihres Ungehorsams und ihrer
Torheit willen betrübt, so lässt er doch nicht nach, sie
zu züchtigen und zu unterweisen, in der Hoffnung,
daß sie sich endlich noch in Gehorsam fügen wer-
den; ja, obgleich es ihm viel Traurigkeit und Kummer
verursacht, so achtet er doch solches nicht, hört auch
nicht auf, sie zu ermahnen, zu züchtigen und zu stra-
fen. Ein Gleiches tut auch ihr, haltet an mit Lesen,
Ermahnen und Bestrafen, und das in aller Bescheiden-
heit in der Furcht Gottes; seid nicht zu scharf, damit
sie dadurch nicht erbittert werden, aber auch nicht
zu sanft, damit sie dadurch nicht faul und fahrlässig
werden. Darum braucht (wie der rechte Samariter bei
dem Verwundeten) Öl und Wein an ihnen; ihr ver-
steht (wie ich glaube) wohl, was ich meine; darum
seid weder faul noch unachtsam in der Gabe, die euch
gegeben ist; seid dem treu, der euch treu geachtet,
und euch zu seinen Dienern und Haushaltern über
sein Geheimnis angenommen hat; nun aber erwartet
man von den Haushaltern nicht mehr, als daß sie treu
seien. Darum seid auch fleißige Arbeiter des Herrn
in seinem Ackerwerke und treue Bauleute in seinem
Hause; seid doch fleißig, mit dem Pfunde zu wuchern,
das ihr von dem Herrn empfangen habt, und denkt
an die Strafe des faulen Knechtes, der seines Herrn
Geld nicht auf Wechsel gelegt, sondern dasselbe in
seinem Schweißtuche in die Erde vergraben hat.
Denkt daran (sage ich) meine lieben Brüder, und
lasst es euch zur Warnung sein, wie Salomo meldet,
daß ihm des Faulen Acker und des Narren Weinberg
zur Warnung gedient habe, wenn er Folgendes sagt:
»Ich ging vor dem Acker des Faulen und vor dem Wein-
berge des Narren vorüber, und sieh, es waren eitel Nesseln
darauf, und stand voll Disteln und die Mauer war ein-
gefallen. Als ich das sah, nahm ich es zu Herzen (sagte
er) und schaute, und lernte daran.« So auch ihr, meine
lieben Brüder, seid sorgfältig und durchgrabet flei-
ßig des Herrn Weinberg mit dem Pfluge, oder der
364
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Haue, die daß Wort Gottes ist und die harten Steine
zerschmettert, womit die Nesseln und Dornen den
guten Samen, der hinein geworfen ist, nicht unter-
drücken, verderben oder ersticken. Nehmt auch das
scharfe zweischneidige Schwert, und schneidet damit
in des Herrn Weingarten die unfruchtbaren, bösen
und verdorbenen Reben ab, damit die anderen demje-
nigen desto gesündere und kräftigere Früchte brin-
gen mögen, der den Weingarten gepflanzt hat. Beseht
euch die Mauern des Weinbergs wohl, unterbaut sie,
wo sie etwa anfangen zu weichen, und wenn einige
Lücken darin wären, so stellt euch davor und macht
sie zu; sind sie hier oder da niedergefallen, so baut
sie schnell wieder auf, damit die Füchse nicht in des
Herrn Weinberg laufen, ihn durchgraben und verder-
ben. Und, was soll ich mehr sagen? Weidet die Herde
Christi treulich, und wacht mit aller Sorgfalt über der
Menschen Seelen. Befleißigt euch auch zu bestrafen;
handelt und urteilt im Gerichte und Vergeben ohne
Ansehen der Person, und gedenkt, daß das Urteil des
Herrn und nicht euer sei. Darum erwägt die Sache
allezeit wohl auf der Waagschale des Wortrs Gottes,
damit alles, was ihr straft, urteilt und vergebt, auch
vor Gottes Gericht recht geurteilt, gestraft und ver-
geben sei, damit also euer Urteil mit Gottes Urteil,
eure Strafe mit Gottes Strafe und eure Vergebung mit
Gottes Vergebung übereinkomme. Hütet euch auch,
daß ihr es in der Meidung nicht übertreibt, damit sie
euch nicht zum Falle gereicht. Denn die Meidung ist
zwar gut, wenn man sie nicht missbraucht, sondern
sie allein braucht, daß Ärgernis verhütet werde (wo-
zu sie auch verordnet ist); darum muss man Zusehen,
daß man damit nicht ein kleines Ärgernis zu verhü-
ten suche und dadurch ein größeres anrichte. Lasst
euch das erste Gebot, das Verheißung hat, angelegen
sein, nämlich: »Ihr Kinder, seid euren Eltern gehorsam
wie dem Herrn.« Dieses ist ein ausdrückliches Wort;
darum seid sorgfältig hierin, zeigt aber allen Abgefal-
lenen ein freundliches Angesicht und ermahnt sie mit
aller Freundlichkeit wegen desjenigen, was sie über-
geben und verlassen haben, und wovon sie abgefallen
sind, ich meine diejenigen, bei welchen die Ermah-
nung angewandt ist; Lästerer aber und Spötter soll
man unberücksichtigt lassen. Dieses schreibe ich euch
nicht, liebe Brüder, als ob ich euch damit etwas Neues
mitteilen wollte, sondern damit ich euch das Alte zu
Gemüt führe, denn ich hätte gern, daß man sorgfältig
wäre, und die eine Schriftstelle nicht so streng und
scharf hielte, daß man die andere dadurch bräche; es
fallen bisweilen einige so plötzlich auf die Meidung
ohne alle Bescheidenheit und Mitleiden mit den Ge-
fallenen, daß ich dieserhalb besorgt bin, denn wären
wir gesinnt, wie unser Herr Jesus, so wären wir voll-
kommen, wie unser Vater im Himmel vollkommen
ist; darum lasst uns von Herzen an seine Langmut
denken und daran, was er mit uns erlitten habe, und
lasst uns auch so gegen unsere Mitknechte uns erwei-
sen, damit wir niemandem etwa Anstoß und Ärgernis
geben, weder der Welt, noch der Gemeinde Gottes.
Seid auch nicht nachlässig der Menschen Seelen zu
suchen, wo ihr einige Hoffnung habt, dahin begebt
euch, und sagt nicht: Es wird verlorene Arbeit sein;
legt zuvor eure Hand an den Pflug in der Furcht des
Herrn, bittet den Herrn, daß er den Segen gebe, ihr
aber pflanzt und begießt. Bittet den Herrn, daß er
das Gedeihen und das Wachstum gebe, will es aber
ja keinen Fortgang gewinnen, so seid ihr frei, denn
ich habe mich oft beschuldigt befunden, daß wir (zu
des Herrn Preis) die Seelen der Menschen nicht mehr
gesucht haben. O Brüder, hütet euch vor uneinigen
Zungen! Wohin ihr kommt, da macht Frieden, wenn
es mit Gottes Gnade geschehen mag. Ach, meine lie-
ben Brüder, wie geht mir der Handel vom Oberlande
so sehr zu Herzen, nicht daß ihr meinen sollt, als ob
ich zweifle, o nein, meine Brüder, denn ich habe noch
dieselbe Überzeugung, wie sie mein an sie geschrie-
bener Brief ausspricht, sondern ich bin allein wegen
der Zwietracht besorgt, wodurch viele verderbt wer-
den, die unschuldig sind, und es gern gut sehen; ich
weiß nicht, wie man es vor Gott verantworten wird.
Ach, möchten diejenigen, die hierin schuldig erfun-
den werden mit Weinen vor Gott niederfallen, und
ihre Sünden büßen! Desgleichen liegt mir auch das
Niederland am Herzen und ich hätte gern, daß ihnen
geholfen und sie in gute Ordnung gebracht würden,
denn es mangelt noch viel an ihnen; doch sind sie mir
von Herzen lieb, aber ich hätte gern, daß die Hoffart
bei ihnen noch mehr abgelegt würde, und daß sie be-
denken möchten, was sie für ein Volk sein sollten und
wozu sie berufen sind, daß sie sich darnach richten,
und daß die Ältesten, wenn man sich versammelt,
nicht zu Hause bleiben; ich sage nicht, daß ihm für
jetzt zu helfen sei, ihr nehmt es auch mit von Herzen
an. Ach, meine lieben Brüder, haltet euch doch klein
und niedrig in euren eigenen Augen, und habt keinen
Wohlgefallen an euch selbst, und denke keiner, ich ha-
be dieses getan und dergleichen; dem ist nicht so, der
Herr tut alles allein, und das durch die Menschen, dar-
um gebt ihm auch allein den Preis. Halte sich niemand
höher als andere, ja einer achte den andern höher als
sich selbst, und ein jeder beuge sich unter den andern;
durch Demut diene einer dem andern; ich fordere
von allen Brüdern und Schwestern, daß sie sich vor
allen denen hüten, welche die Gemeinde verlassen.
Sagt auch, wenn ihr könnt, dem L., daß er sich in der
Gnadenzeit wohl bedenke; wie wird er sich wohl am
365
Gerichtstage verantworten können? Denn sein eige-
nes Gewissen (wenn er es recht bedenkt) klagt ihn
an und beschuldigt ihn. O L., o L., kehre um, denn
du hast nicht das Beste erwählt! Ach, meine Brüder,
was habe ich wegen der Verschiedenheit der Leute
leiden müssen, darum hütet euch vor Spaltung. Su-
che den Frieden, so viel ihr könnt, und jagt ihm nach.
O meine lieben Brüder! Welche Lästermäuler habe
ich vor mir gehabt. Cassander, ein kleiner schwacher
Mann von Körper, welcher Joachim, den Zuckerbä-
cker, abgeführt hatte, ist bei mir gewesen, und hat mir
mit Hinterlist sehr nachgestellt, um meine Gemüt da-
mit zu fangen; er hat mir ein gedrucktes lateinisches
Buch vorgelesen, worin enthalten war, daß die Kinder-
taufe ein klarer Befehl sei, und durch die ganze Welt
ohne irgendeinen Widerspruch als ein einträchtiger
Gebrauch beobachtet werde; er bezeugte auch, jedoch
nicht mit der Kraft der göttlichen Schrift, daß sie sol-
ches von den Aposteln empfangen hätten. Als ich nun
seine Behauptung mit dem neuen Testamente vernich-
tete, sagte er: Wenn ich dieses verneinte und nicht
glaubte, wie ich dann glauben könnte, daß das neue
Testament recht wäre, denn, sagte er, wir hätten ja das-
selbe von denen empfangen, welche die Kindertaufe
für recht bekennten; es wären auch noch viele Schrif-
ten gewesen, die man Apostolische Schriften genannt,
sie wären aber von denselben nicht für gut erkannt,
sondern verworfen worden; sie aber geben Zeugnis,
daß alle Lehrer bekannten, daß dieses, nämlich das
neue Testament, die rechte Apostolische Lehre sei und
so auch ihre Taufe; er wollte sagen, wenn wir das Eine
verwerfen wollten, wie wir das Andere behaupten
wollten; denn, sagte er, du musst es von ihnen her
glauben, sonst kannst du es nicht wissen.
Ebenso verhält es sich auch mit der Taufe, fuhr er
fort, wenn wir Recht hätten, so müsste daraus folgen,
daß in 1500 Jahren keine Kirche gewesen wäre. Hier-
von haben fast alle gehandelt, die mit mir gesprochen
haben, denn es sind viele Menschen bei mir gewesen.
Es war damals, wie sie sagten, eben einer aus Ägyp-
ten gekommen, diesen brachten sie auch zu mir; der-
selbe gab vor, sie hätten die Kindertaufe in Ägypten
von dem Kämmerlinge empfangen, welcher von Phil-
ippus getauft worden ist, und daß er von keiner an-
dern Taufe wüsste; wenn aber ein alter Mensch, der
nicht getauft wäre, die Taufe begehrte, dem müsste
man zuerst den Glauben Vorhalten; solches, sagten
sie, wäre dort der einzige Gebrauch allezeit gewesen,
und wenn sich jemand dagegen gesetzt hätte, dem
sei geantwortet worden: Wir haben solchen Gebrauch
von den Aposteln; aber ich habe alles mit dem neu-
en Testamente vernichtet, und gesagt, ich wollte das
gerne annehmen, was damit übereinstimmt, auch das-
selbe durch die Hilfe Gottes glauben und sonst nichts.
Da musste ich abermals hören, daß das neue Testa-
ment von den Lehrern auf uns gebracht worden wäre,
denn wenn wir es von ihnen nicht hätten, so könn-
ten wir nicht sagen, ob es recht oder unrecht wäre.
Dieses wiederholten sie oft. Ich antwortete: Es half
dem assyrischen Könige nichts, daß ihn Gott zur Be-
kehrung seines Volkes gebrauchte, weil er sich selbst
nicht bekehrte; ebenso half es auch Pharao nichts, als
er böse war, daß die Kraft Gottes an ihm erkenntlich
und offenbar wurde; ebenso war auch die Weissagung
des Kaiphas über Christum (wiewohl sie wahr war)
ihm doch nicht nützlich oder förderlich, weil er selbst
der Lehre Christi nicht gehorsam war; hiermit gab
ich Gott allein die Ehre, daß wir sein Wort von ihm
hätten. Hierauf versuchten sie mich mit Bitten und
Flehen zu bewegen, als sie aber damit nichts ausrich-
teten, fingen sie an, mir scharf zu drohen, und als
sie merkten, daß solches alles nichts helfen wollte,
sondern verlorene Arbeit wäre, haben sie mich und
unsem Bruder Hermann am 17. Juli gepeinigt, aber
doch sei dem guten Gotte Dank gesagt (der die Seinen
nicht verlässt, sondern sie zur rechten Zeit in Leiden
und Trübsal tröstet), er hat unsern Mund bewahrt,
daß sie nicht ein Wort (nach ihrem Willen) von uns
erlangten, worum sie uns fragten; aber den Hermann
haben sie nicht stark gepeinigt. Der Hauptgrund zu
unserer Folter ist der gewesen, daß wir sagen soll-
ten, wie viel Lehrer wären, wie sie hießen und wo sie
wohnten, wo ich in der Stadt gelernt hatte, wie viel ich
getauft hätte, wo mir das Lehramt übertragen worden
wäre, welche Lehrer dabei gewesen wären, ich sollte
die Obrigkeit für Christen und die Kindertaufe für
recht erkennen. Da presste ich meine Lippen zusam-
men, übergab mich Gott, litt geduldig und dachte an
des Herrn Wort, wo er sagt: »Niemand hat größere Liebe
als die, daß er sein Leben flir seine Freunde lässt. Ihr seid
meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.« Auch
dachte ich daran, was Johannes sagt, daß man das
Leben für die Brüder lassen soll. Es scheint, als hätte
ich noch viel zu leiden, aber der Herr hat es allein in
seiner Hand, und ich kann sonst um nichts bitten, als
daß des Herrn Wille geschehe.
O meine Brüder! Wissen und Sprechen gilt hier
nicht, sondern ein lebendiger Glaube, welcher mit der
Kraft der Liebe, der Geduld, der Hoffnung und mit
dem Gehorsame geziert ist, und daß man dann aus
Kraft des Glaubens mit den drei Männern Sadrach,
Mesach und Abednego sagen möge: »O Nebukadnezar,
es ist nicht nötig, daß ivir dir darauf antworten! Sieh, un-
ser Gott, den wir ehren, kann uns wohl erretten aus dem
glühenden Ofen, und dazu auch uns, o König, von deiner
Hand erretten, und wenn er es nicht tun will, so sollst
366
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
du dennoch (o Antichrist) wissen, daß wir weder deine
Götter ehren, noch das Bild oder die zwei goldenen Kälber,
die du aufgerichtet hast, anbeten!« Und wenn sie dann
mit hohen Worten nach menschlicher Weisheit, ja, mit
sanften und flehenden Worten sich unterstehen wür-
den, jemanden zu unterweisen, daß man dann auch
aus des Glaubens Kraft sage: »Gehet von mir, ich will
von euch nicht unterrichtet sein!« und nachher still-
schwiege; lässt man sich aber mit ihnen ein (mehr als
die Not erfordert), so wird man nicht ohne Schaden
davon kommen. Darum wollte ich, daß hiervon alle
Gefangenen unterrichtet würden.
Es sind wenige Tage vorüber gegangen, ohne daß
wir nicht miteinander Unterredung gehalten haben;
gleichwohl habe ich mich in dem Bekenntnisse und
im Reden sehr kurz gefasst, obwohl oft drei oder vier
Stunden verbraucht worden sind. Ach, warnt doch
alle Gefangenen (wo ihr könnt), daß sie alle Versu-
chungen zurückweisen, und gedenkt unserer Tag und
Nacht mit Bitten zu Gott; ebenso steht auch unser
Gemüt gegen euch; ich begehre auch, daß ihr alle
Gläubigen mit dem Kusse der Liebe von uns grüßen
wollt.
O wie liegen mir alle Gläubigen in meinem Herzen,
sodass ich ihrer sehr selten vergesse; ja, ich gedenke
ihrer vor dem Herrn, so viel mir durch Gottes Gnade
möglich ist, mit ernstlichem Bitten und Begehren. Ich
kann euch nicht viel schreiben, denn die Zeit und
Gelegenheit sind teurer als Gold bei mir. Schreibt uns
nicht; über die Ursache warum, denkt selber nach. Der
Gott Israels wolle euch und uns bewahren, Amen.
Mattheiß Servaes, euer Bruder und Gefangener des
Herrn um der Wahrheit willen. Wegen den Kindern,
welche die Gemeinde aufzuziehen hat, bleibe ich bei
der Ansicht, die ihr von mir gehört habt. Die Gnade
unsers Herrn Jesu Christi sei mit uns allen, Amen.
Der zweite Brief, welchen Mattheiß Servaes von
Kottenem aus dem Gefängnisse an seinen Bruder
geschrieben hat.
Die heilsame Gnade Gottes sei mit uns allen, Amen.
Ich begehre, daß man meinem Weibe (welche damals
nicht gefangen war) sobald als tunlich ein holländi-
sches Testament bestelle, denn sie kann den hochdeut-
schen Druck nicht lesen.
Ferner, mein lieber Bruder, lasse ich dich wissen,
daß ich nun allein bin, aber der Herr ist bei mir. Es
kommt mir auch vor, als ob ich wenig zu unsern Mit-
gefangenen Brüdern kommen werde, auch könnte es
wohl geschehen, daß mein Lager fürs Erste nicht das
Beste sein werde.
Darum weiß ich Gott nicht genug zu danken, und
wiewohl ich gern bei meinen Brüdern sein möchte, so
ist mir doch dies viel lieber, denn weil es Gott so ge-
fällt, so halte ich es auch für das Beste und zu meiner
Seligkeit für das Nützlichste, und wiewohl es mich
nicht wenig schmerzt, so halte ich es doch für kei-
ne Pein, weil es der Herr mit mir so verordnet hat.
Als sie mich den folgenden Donnerstag des Morgens
früh von dem Frankenturme nach unser m Gefäng-
nisse brachten, sollten unsere Brüder an demselben
Morgen auch gefoltert werden, denn die Kerzen und
Lichter standen an der Folterbank, und es war alles
fertig; als sie mich aber dahin brachten, fingen sie an
mit mir zu reden und mich zu fragen; darüber aber,
bis sie mich ausgefragt hatten, und ich meinen Glau-
ben und alles auf mein Amt Bezügliche vor vielen
von ihnen bekannte (wobei ich auch viele Fragen an
sie richtete, wozu sich mir die Veranlassung darbot),
war fast der halbe Tag vergangen, und nach langem
und vielem Gespräche, als sie mir nicht weiter ant-
worten konnten (wovon ich Gott allein und nicht mir
die Ehre gab), sagte einer zu mir, welcher größtenteils
fragte und das Wort führte, die Taufe sei unter uns der
Hauptirrtum. Darauf antwortete ich: Wenn dieses der
Hauptirrtum unter uns ist, und ihr fangt und foltert
uns um deswillen, warum stellt ihr denn nicht zuvor
die grausamen Irrtümer und das gottlose Leben der
Pfaffen neben das unsrige, und beurteilt dasselbe ge-
gen einander ohne Ansehen der Personen, als vor den
Augen und dem Gerichte Gottes? Dann könntet ihr
gegen die Irrtümer, welche am wichtigsten erfunden
werden, die Strafe mit Ernst zur Hand nehmen, wenn
ihr anders einige dagegen habt; aber er achtete mich
nicht würdig, mir darauf zu antworten.
Als ich nun das merkte, sagte ich: Wir sind gleich-
wohl auch Menschen, und ihr seid nicht mehr; ich
kann euch auch nun um der Furcht Gottes willen
nicht höher achten als Menschen. Darum bedenkt
euch wohl in der Sache, und handelt mit uns nicht
so grausam und tyrannisch, denn der Herr wird alle
frevelhafte Gewalt heimsuchen und strafen, und er ist
der Richter über das alles; bedenkt auch, daß ihr uns
zu seiner Zeit werdet neben euch stehen lassen müs-
sen, wenn der Herr euch und uns alle richten wird;
denn wir müssen alle (wie die Schrift sagt) vor den
Richterstuhl Christi gestellt werden; dann wird ein
jeder an seinem Leibe empfangen, wonach er getan
hat, es sei gut oder böse, ja, dann muss auch euer
Urteil wieder zum Vorschein kommen und daselbst
vor dem Herrn gesäubert werden. Mein Verlangen ist
auch an dich, mein L. H., nimm dieses nicht als eine
trotzige Antwort oder Drohung auf, sondern nehmt
es zur Warnung an, denn zur Warnung sage ich es
euch, weil ich euch so wohl, als meiner eigenen Seele
367
die ewige Ruhe gönne. So nehmt es nun mit Ernst zu
Herzen, und seht wohl zu, wie und was ihr mit uns
handelt. Dabei blieb es, und so wurden damals unsere
Brüder vor dem Foltern bewahrt, ich aber wurde an
ihren Platz gestellt. Sie führten mich an die Folterbank
und wollten mich allein um deswillen peinigen, weil
ich ihnen nicht sagen wollte, wo ich das letzte Mal bei
dem Henrich gewesen wäre, wie viele Lehrer daselbst
wären, und wo sie wohnten.
Als sie mir diese Fragen wiederholt vorlegten, woll-
te ich von ihnen den Grund wissen, weshalb sie so
sehr darnach verlangten, solches zu wissen; da ant-
wortete mir der Graf: Wenn wir dir den Grund sagen
würden, so würdest du wohl antworten, du wollest
niemanden verraten. Darauf erwiderte ich: Du ant-
wortest dir selbst. Weil sie es aber wissen wollten, und
es bei ihnen nur auf eine Verräterei abgesehen war, so
wollte ich ihnen die Sache selbst in die Hand geben,
ehe ich weiter bekennen wollte; ich sagte deshalb zu
ihnen, sie sollten in ihr eigenes Herz greifen und die
Wahrheit vor Gott im Himmel bekennen und sagen,
ob sie mir dieses raten wollten oder dürften; ich wie-
derholte die Frage mehrere Male, aber man gab mir
keine Antwort, sondern sie wandten sich von mir und
sprachen untereinander: Die Sache wäre wohl genug,
wenn nur nicht zuletzt ein Aufruhr daraus entstünde.
- Seid alle Gott befohlen. Ich habe diesmal keine Zeit,
euch mehr zu schreiben; gedenkt unserer allezeit vor
dem Herrn, Amen. Mattheiß Servaes von Kottenem.
Der dritte Brief von Mattheiß Servaes, geschrieben
an J. R.
Friede und Freude des Herzens durch die Wirkung
des heiligen Geistes sei und vermehre sich bei euch
und allen Gläubigen, die in in Christo Jesu sind,
Amen; ja, auch bei allen denen, die eines guten Willens
sind, Gott für das höchste Gut zu erkennen, und die
allein aus Liebe begehren. Ihm, wie ein gehorsames
Kind seinem Vater, zu dienen und mit einem rechten
und festen Vertrauen zu folgen, standhaft und unbe-
weglich durch den Glauben an Jesum Christum bis
ans Ende, Amen.
Wir haben, liebe Brüder, euer Morgenessen empfan-
gen, wofür Gott gedankt sei; nun sende ich euch wie-
der ein wenig aus meiner Armut; nehmt es auch mit
Dank an, und teilt es unsern andern Mitgliedern mit,
da es zur Auferbauung und Besserung nützlich, und
da es überdies nötig sein wird, daß es erbaulich zu
hören sei, und wenn ihr etwas dichtet, schreibt oder re-
det, so tut solches alles zum Lobe des Herrn, und setzt
es auf, dem Gott des Himmels durch Christum damit
zu danken, daß er den Seinen einen solchen Glauben
gegeben hat, welcher nicht tot ist, sondern sich hierin
durch die Liebe tätig erweist, daß sie alles verlassen
und gehasst haben, und bei ihrem Gott aus Liebe (wie
ein Kind seinem Vater schuldig ist) bis in den Tod
treu geblieben sind. Übrigens lasst den Graf und alles
andere, so viel euch möglich ist, aus dem Spiele, denn
er sagt, man habe ihn in des Druckers Thomas Liede
geschmäht, was doch in solcher Absicht nicht gesche-
hen ist, wiewohl es so auf genommen wird; er sagt, er
hätte darum von vielen einen Verweis hören müssen,
wiewohl er es gut gemeint hätte. Darum, mein Bruder,
was du tust mit Worten und Werken, das tue alles zum
Preise des Herrn, und danke Gott dem Vater durch
Ihn.
Ferner, mein lieber Bruder, lasse ich dich wissen,
daß Henrich Altruysscher, welcher auf dem Egelstein
wohnt und daselbst roten Wein ausschenkt, bei mir
gewesen ist; derselbe ließ sich mit mir in ein Gespräch
ein und wollte wissen, wer mich in mein Amt oder
meinen Dienst eingesetzt hätte; aber ich erkannte ihn
und wollte von ihm wissen, wie er hieße; er sagte, daß
er solches nicht wüsste; ich fragte weiter: Nennen dich
die Leute nicht Henrich? Er entgegnete einige Mal, er
wüsste es nicht. Darauf sagte ich zu ihm, er sollte mich
verlassen und Buße tun, ich wollte nicht mit ihm re-
den. Da wurde der Graf ungehalten und über mich
entrüstet, und suchte mich zu überreden, daß ich mich
mit dem Altruysscher in ein Gespräch einlassen sollte;
aber ich sagte: Nein, solches tue ich nicht. Dieses habe
ich dir, mein lieber Bruder, auf das Kürzeste berichten
wollen, denn ich habe keine Zeit, viel zu schreiben,
auch werde ich genau bewacht. Ich begehre auch von
dir, du wollest standhaft in der Furcht Gottes mit aller
Demut und Sanftmut, mit aller Freundlichkeit und
Gütigkeit wandeln; habe auch keinen Gefallen an dir
selbst, sondern trage dich vielmehr so, daß du dei-
nem Nächsten gefällst im Guten zur Besserung und
Auferbauung; solches sage auch den andern. Hiermit
sei der Gnade Gottes befohlen, und gedenke unse-
rer in deinem Gebete vor dem Herrn, gleichwie auch
wir geneigt sind, durch Gottes Gnade dasselbe für
dich und alle Menschen (so viel als uns das Wort des
Herrn lehrt) zu tun. Der Gott aber des Friedens und
aller Gnade, der uns zu seiner ewigen Herrlichkeit in
Christo Jesu berufen hat, mache uns geschickt, in allen
guten Werken seinen ewigen, unveränderlichen Wil-
len zu erfüllen, und mache auch, daß unsere Werke
vor Ihm gefällig sein mögen durch Jesum Christum,
ja, derselbe wolle auch uns (die wir hier bereit sind,
wenn es sein soll, durch Ihn um seines Namens wil-
len Schmach zu leiden) stärken, gründen, kräftig und
fertig machen. Demselben sei auch Ehre und Macht
in alle Ewigkeit, Amen. Sonst geht es uns noch wohl
368
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
an Leid und Seele. Wir stehen in guter Hoffnung, daß
wir die Zahl derer, die unter dem Altäre liegen, helfen
erfüllen, und mit ihnen ruhen und auf die herrliche
Belohnung aller Frommen warten werden. Grüße mir
die Bruderschaft in Christo Jesu. Die Gnade Gottes sei
mit uns allen, Amen. Mattheiß Servaes von Kottenem.
Der vierte Brief, welchen Mattheiß Servaes aus
dem Gefängnisse an alle Brüder und Schwestern
im Allgemeinen geschrieben hat.
Die heilsame Gnade Gottes und der Friede Jesu Chris-
ti vermehre sich bei allen Gläubigen, die hier und da
zerstreut sind, nach der Vorsehung Gottes, des Vaters,
geheiligt und fromm gemacht durch den Glauben
an Jesum Christum, seinen lieben Sohn, gewaschen
durch sein eigenes Blut von allen unsern Sünden, da-
mit wir fernerhin heilig und unsträflich vor ihm wan-
deln in der Liebe, Ihm zum Preise und zur Ehre, von
nun an bis in Ewigkeit, Amen.
O meine im Herzen sehr geliebten Brüder und
Schwestern in dem Herrn, wir sollen billig ohne Auf-
hören Tag und Nacht Gott, dem Vater, danken durch
Jesum Christum, seinen Sohn, für unsere Seligkeit,
ja, für seine väterliche Gnade, die er uns erwiesen,
und daß er uns von Anfang, ehe der Welt Grund ge-
legt war, dazu ersehen und verordnet hat, daß wir
sollten heilig sein und unsträflich vor Ihm in der Lie-
be, welche er selbst an uns auch nicht vergessen hat,
wiewohl wir eine Zeitlang Ihn wenig geachtet haben;
denn weil er allein gut ist, so hat er auch unserer nach
seiner Gutheit nicht vergessen. Ja, er hat uns zum
Leben berufen, als wir im Tode waren durch Gebre-
chen und Sünden, und das nicht nach unsern Werken
(denn die waren böse), sondern er hat uns selig ge-
macht nach seiner großen Barmherzigkeit; auch hat er
uns, da wir noch Feinde waren, durch den Tod seines
Geliebten versöhnt, und obgleich wir solches alles in
den Wind geschlagen und nicht geachtet haben, so
hat er gleichwohl doch seine Langmut an uns an dem
Ende der Welt, ja, in diesen bösen Tagen und jämmer-
lichen Zeiten erwiesen, wo die Bosheit aufs Höchste
gestiegen ist, und hat weder unsern Tod noch den
irgendeines Sünders begehrt, sondern daß wir uns
bekehren und leben und Ihm unsere Seelen als dem
treuen Schöpfer und Hirten mit guten Werken anbe-
fehlen sollten. Darum, liebe Brüder und Schwestern,
will es uns geziemen, daß wir unseres Berufs, worin
wir berufen sind, mit aller Furcht Gottes wahrnehmen,
denn wir sind mit einem heiligen Rufe berufen; merkt,
wozu, nicht zur Unreinigkeit, nicht zur Unkeuschheit,
nicht zur Hurerei, nicht zum Fressen, nicht zum Sau-
fen, nicht zum Stolze und Hochmut, daß sich jemand
selbst gefallen, oder zum Scheine dem andern gefällig
darstellen sollte, um dadurch Ehre bei den Menschen
zu suchen, welches Lob nicht aus Gott, sondern ge-
gen Gott ist, denn alle diese vorgemeldeten Punkte,
wenn wir sie ausüben, sagen uns das Reich Gottes ab;
auch sind wir nicht zum Geize berufen (welcher ein
Götzendienst ist), daß wir uns hier Schätze sammeln
und reiche Tage suchen, oder ein irdisches Reich in
dieser Zeit aufrichten, oder auf die Ungewissen Reich-
tümer hoffen und uns so der Welt gleichstellen sollen
(merkt, der Welt, sagt er). Wem dient sie? Wer ist ihr
Herr? Wer ist ihr Fürst? Was sagt Christus hierüber?
Er nennt den Teufel einen Fürsten dieser Welt. Wem
ist sie gleich mit all ihrer Herrlichkeit, Augenlust und
ihrem Hochmute? Sie ist gleich dem Grase mit seinen
schönen Blumen, welches heute lustig grünt und herr-
lich anzusehen ist, aber des Morgens, ja, auch wohl
des Abends ist alle seine schöne Gestalt und Herrlich-
keit hinweg; ebenso ist es auch mit aller Menschen
Ansehen, aber wenige kennen sich selbst. Ich rede
nicht allein von denen, die draußen sind, sondern
auch von uns selbst, denn wer ist es, der nicht, wenn
ihm Reichtümer zufallen, sein Herz in etwas daran
hängen sollte? Oder, wer bittet von Herzen mit dem
Könige Salomo: »Armut und Reichtum gib mir nicht, laß
mich aber meinen bescheidenen Teil Speise dahin nehmen.«
Ach, bedenkt es doch wohl ihr alle, die ihr euch rühmt,
Christen zu sein; befleißigt euch, mit reinem Gewis-
sen in der Wahrheit vor Gott zu wandeln, damit ihr
im Schmelzofen (wenn ihr etwa hineinkommen soll-
tet) keine Anklage findet, welche euch zum Schaum
machen, oder zum Umsehen nötigen möchte; denn
meine lieben Brüder, hier in dieser Probe gilt kein to-
ter Glaube, wenn er auch herrlich vor den Menschen
scheint, oder mit vielen Schriftstellen bewiesen und
mit dem Munde bekannt wird, ja, vor dem strengen
Gott und seinem gerechten Urteile ist damit noch we-
niger ausgerichtet; denn was hier und dort bestehen
soll, muss imverfälscht sein, ja, es muss durch einen
lebendigen Glauben geschehen, der durch die Liebe
tätig ist; ein solcher Glaube ist aber nicht in demjeni-
gen, der Gott nicht so fest ergreift, nicht dafür hält und
bekennt, daß ihm Himmel und Erde, und alle Kreatu-
ren, das Meer und alles was darin ist, Preis und Lob,
Dank und Ehre schuldig sei (denn diesem allein, und
sonst niemand, sage ich, mag es werden), wie er denn
auch nicht in demjenigen ist, der solches nicht in sein
eigenes Herz und seine Gedanken einschreibt, und
sich selbst erkennen lernt, daß er besonders hoch und
herrlich erschaffen und gemacht sei, nämlich ein Bild
Gottes und nach dem Bilde Gottes, zum Besitzer und
Beherrscher der Dinge, die in dieser Welt um seinet-
willen erschaffen, ja, mit Verstand und Wissenschaft
369
geziert und begabt sind, das Gute vom Bösen zu un-
terscheiden, und den zu erkennen, der ein Schöpfer
aller Dinge ist, der uns auch unsern freien Willen ge-
geben hat, wodurch wir nicht aus Zwang, wie andere
Kreaturen, sondern aus eigenem Antriebe und aus
reiner kindlicher Liebe uns Ihm übergeben, dergestalt:
Herr, hier bin ich, was willst Du, daß ich tun soll?
Denn ich erkenne, daß ich schuldig bin Dir zu dienen,
und deinen Willen aus meinem ganzen Vermögen, ja,
aus aller meiner Kraft zu erfüllen, sodass ich auch
kein Ding auf dieser Erde, es sei auch, was es wolle, ja,
auch mein eigenes Leben nicht zurückhalten soll; oder
daß ich in meinen Gedanken zurückbehalten sollte,
daß ich Dir die freiwillige Schuld des Gehorsams, den
ich Dir schuldig bin und abstatten soll, nicht erweisen
sollte, nicht etwa deshalb, als ob ich von Dir einen
Lohn dafür erwartete, sondern allein, daß ich damit
erweise, daß ich Dich liebe, sodass wir alle Dinge, die
sichtbar sind, um des Liebhabers willen hassen lernen,
damit wir Ihn über alles allein lieben und auch von
Ihm geliebt werden mögen.
Dieses schreibe ich darum, meine Brüder und
Schwestern, damit wir Gott erkennen lernen, und
warum er den Menschen erschaffen habe, ja was er
von ihm begehre, daß er tun oder lassen soll, und
warum wir Ihm Liebe und Gehorsam erweisen sollen,
damit wir nicht durch unsere Werke oder durch unser
Tun oder Lassen gerecht und selig zu werden suchen,
denn durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch vor
dem Herrn gerecht, wie Paulus sagt. Auch können
wir das nicht auszahlen, was wir schuldig sind, son-
dern wir hoffen allein aus Gottes Gnade durch das
Verdienst unseres Herrn Jesu Christi gerecht und selig
zu werden. Darum sehe sich ein jeder wohl vor, daß
er Gott dergestalt liebe (wie oben gemeldet ist), daß
er aus solcher Liebe Ihm allein gehorsam sei, ohne
Hoffnung einer Belohnung, um irgendeines eigenen
Werkes oder Verdienstes willen, sondern übergebe
Ihm alles, sodass er uns gebe, was er will, und mit
uns tue, was Ihm wohlgefällig ist. Und wenn wir so in
allen Dingen frei und gelassen stehen, so wird es uns
nicht fehlen, und unsere Hoffnung wird nicht nichtig,
sondern fest sein; und wenn dieses nicht so (wie ge-
sagt ist) bei uns befunden wird, wenn wir dann auch
mit Menschen- und Engelzungen redeten, und einen
Glauben hätten, daß wir Berge versetzten, all' unser
Gut den Armen gäben und unsern Leib brennen lie-
ßen, was ist es, wenn es ein gezwungenes und kein
freiwilliges Werk der Liebe ist?
Darum wacht auf, ihr alle, die ihr euch zur Fröm-
migkeit treiben lasst wie Pferde, die man auf den
Acker mit Schlägen treiben muss; wenn man mit Schla-
gen und Treiben aufhört, so wird nicht mehr gear-
beitet. O untreue Christen und faule Knechte, die in
ihrem Glauben nicht mehr wirkende Kraft in sich ha-
ben, als daß sie ein wenig gehen, wenn man ihnen
sagt: Tue dies und lasse das, und treibt sie so fort. Ich
sage: Ach arme Christen, die sich nicht selbst treiben!
Darum sollen sich die auch wohl vorsehen, welche
Wohltat oder Handreichung beweisen, daß nicht ei-
ne pharisäische Trompete des Ruhmes vor ihnen her
geblasen und gehört werde, denn wenn jemand Barm-
herzigkeit ausübt, der tue es mit Lust und Freude;
gibt jemand, der gebe einfältig, ohne Ruhm zu su-
chen, denn es ist ein Werk der Schuldigkeit, welches
wir dem Nächsten aus Liebe zu erweisen verpflichtet
sind. Darum sollen wir alle unsere Werke in der Liebe
geschehen lassen, daß wir solchen Dienst nicht aus
Hoffnung der Belohnung, sondern aus herzlicher Lie-
be und Barmherzigkeit verrichten, denn es geschieht
nicht den Menschen, sondern dem Herrn. Deshalb
meine ich nun, wenn durch unsere Werke die Recht-
fertigung käme, so wäre Christus umsonst gestorben,
aber das sei fern. Also wache auch ein jeder auf, der
die Wohltat empfängt, weil Christus sagt: »Ihr habt
mich gespeist und getränkt, mir Kleider lind Herberge ge-
geben.« Wenn man nun Christum speist oder tränkt,
so müssen es eingepflanzte Glieder Christi sein, die
solche Wohltat empfangen. Wie kann der es nun ver-
antworten, der die Handreichung empfängt und doch
nicht von den Seinen ist, wenn er vor ihn gestellt wird.
Darum ihr, die ihr Almosen empfangt, wendet sie
an mit aller Furcht des Herrn, damit ihr vor Gott be-
stehen mögt, denn man muss von allem Rede und
Antwort geben. Tragt auch mit Fleiß für die armen
und verlassenen Witwen und Waisen Sorge und lasst
sie in eurem Herzen wie eure eigenen Kinder sein.
Und gedenkt an des Sirachs Reden, indem er sagt:
Halte dich gegen die Waisen barmherzig wie ein Va-
ter, und gegen ihre Mutter wie ein Hausherr, dann
wirst du wie ein Sohn des Allerhöchsten sein, und er
wird dich lieber haben, als dich deine Mutter hat. Hü-
tet euch auch mit allem Fleiße, daß kein Unterschied
unter euch in dem Mitteilen und den Liebesbezeugun-
gen gefunden werde; denn viele haben sich hieran
sehr vergriffen, sodass aus dem Dienste der Liebe
ein Dienst des Zwanges geworden ist, was Gott nicht
gefällt.
Auch begehre ich von den Witwen, daß sie stille sei-
en, das Ihre tun und sich nicht einbilden, daß sie mehr
als andere seien, nein, das ist nicht Paulus Sinn oder
Meinung, sondern es ist so zu verstehen, man soll für
sie sorgen, ihnen Rat und Unterricht geben, wenn sie
solchen bedürfen; auch müssen sie brüderlichem Rate
folgen und sich vor unnützem Geschwätze, Wohlle-
ben, Fleischeslust und vor Faulheit hüten, auch nicht
370
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
aus einem Hause ins andere laufen, denn solches ge-
ziemt sich vor allen Dingen nicht, sondern eine rechte
Witwe, die einsam ist, wird sich wohl davor hüten; sie
hat ihre Hoffnung allein auf Gott gesetzt und bleibt im
Gebet und Flehen zu Gott Tag und Nacht; diejenige
aber, die in Wollüsten lebt, ist lebendig tot.
Auch ist das mein herzliches Begehren an alle gläu-
bigen Brüder, die Weiber haben, über welche sie zum
Haupt gesetzt sind, wie Christus ein Haupt seiner
Gemeinde ist, daß ihr über ihnen wacht und eures
Dienstes mit Fleiß wahmehmt, daß ihr nach solcher
Weise euer Haus und eure Weiber regiert, wie auch
Christus seine Gemeinde regiert hat.
Ebenso auch ihr Weiber, nehmt euch mit aller Sorg-
falt in Acht, und nehmt auch eures Dienstes wahr,
worin ihr vom Herrn gesetzt seid, mit bescheidener
Vorsichtigkeit, daß ihr euren Männern gehorsam seid,
als dem Herrn, damit ihr vor dem gerechten Gott be-
stehen mögt, und zieht eure Kinder so auf, daß ihr es
vor Gott verantworten könnt; hütet euch auch, daß
ihr ihnen nicht zu gelinde seid, damit ihr mit dem Eli-
as nicht in gleiche Strafe vor dem Herrn fallen mögt,
welcher mit seinen Söhnen auch zu gelinde war.
Ebenso auch ihr Kinder, seid euren Eltern in der
Furcht Gottes gehorsam in aller Demut, widersetzt
euch ihnen nicht, damit ihr nicht auch mit den Söh-
nen Elias, mit Absalom, Esau und andern dergleichen
mehr, in Gottes Zorn und Ungnade fallt.
Auf gleiche Weise ist auch mein Begehren an euch
alle, ihr Knechte und Mägde, daß ihr euren leiblichen
Herren in allen Dingen gehorsam und nicht Augendie-
ner sein wollt, um den Menschen zu gefallen, sondern
daß ihr in Einfalt des Herzens, und der Furcht Gottes
lebt, und gedenkt, daß ihr dem Herrn und nicht den
Menschen dient, denn von dem Herrn werdet ihr die
rechte Belohnung empfangen.
Also auch ihr Herren, lasst ab von eurem Dräu-
en; was recht und billig ist, beweist euren Knechten,
und wisst, daß ihr auch einen Herrn habt im Himmel,
bei welchem kein Ansehen der Person gilt. Gedenkt,
wenn ihr Knechte wärt, wie ihr als dann wolltet, daß
sich eure Herren gegen euch betragen sollten, ebenso
tut nun auch ihnen. Aber zuletzt, liebe Brüder, richtet
euer Leben, und befleißigt euch, nur so zu wandeln,
daß es dem Evangelium unsers Herrn Jesu Christi
gleichförmig sei. Weil wir nun ein auserwähltes Ge-
schlecht und heiliges Volk sein sollten, dem Herrn
angenehm zum Eigentum, um als ein Licht vor Ihm
zu wandeln, und auch der Welt ein Licht zu sein, so
ist es uns nötig, Fleiß anzulegen, daß wir in allen
Stücken vor Ihm heilig und imsträflich erfunden wer-
den, damit wir die Stadt Gottes sehen mögen, erha-
ben über alle Berge der Ungerechtigkeit, die gesehen
werden in der Gerechtigkeit, welche keineswegs ver-
borgen sein kann. Darum lasst nun auch den heiligen
Schein der göttlichen Klarheit vor allen offenbar wer-
den, die noch in den Finsternissen wandeln. Stellt
euch allen Menschen zum Vörbilde der guten Werke
dar, und lasst die Gabe, die euch von Gott gegeben
ist, nicht Stillschweigen oder feiern, sondern legt sie
mit großem Fleiße auf Wucher. Denn der Herr (von
welchem ihr dieselbe empfangen habt) wird es mit
Gewinn und Wucher (wenn er kommen wird) wieder
von euch fordern. O meine Brüder und alle Mitglie-
der in Christo, seid sorgfältig und merkt fleißig auf,
wo doch etwas zu gewinnen sei, und lasst euch um
deswillen keine Mühe und Arbeit verdrießen, denn
ihr werdet auch des Gewinnes mit teilhaftig werden,
ja, ihr werdet, als treue Knechte, zur ewigen Freude
eingeladen werden. Gleichwohl aber muss ein Knecht
vorsichtig sein, daß er nicht seines Herrn Geld mit
Unbesonnenheit, sondern mit aller Vorsichtigkeit, ja,
mit Furcht und Zittern anwende; er soll allezeit, ehe
er es anwendet, überlegen und erwägen, ob es Ge-
winn oder Schaden einbringt, damit man nicht durch
Leichtsinn zuletzt des Herrn Geld verliere; und weil
nun der Herr das Seine mit Wucher wieder fordern
wird, wie könnte man es vor dem Herrn verantwor-
ten, wenn man die empfangene Summe nicht einmal
hätte und vor ihn legen könnte.
O meine lieben Brüder, lasst doch erkannt werden,
wer der sei, der in euch wohnt; lasst die Liebe und
euren Glauben vor allen Menschen erkannt werden,
und habt euch untereinander lieb aus reinem Herzen,
als Glieder eines Leibes, wovon Christus das Haupt
ist. Vergebe doch einer dem andern, wenn jemand
irgendeine Klage gegen den andern hat, und wie euch
Gott vergeben hat in Christo, so vergebt auch ihr. Ei-
ner trage des andern Last, dann werdet ihr das Gesetz
Christi erfüllen. Habt keinen Gefallen an euch selbst;
ein jeder halte den andern höher als sich selbst. Hü-
tet euch mit Bedacht vor Üppigkeit. Alle ihr jungen
Brüder und Schwestern, seid treulich gewarnt vor
leichtfertigem Schimpfen und Spotten, vor schandba-
ren Worten und Narrenteidungen, welche euch nicht
geziemen.
Ihr Alten aber, lasst euch gesagt sein, lasst weder in
Worten noch in euren Werken eine Verstellung erfun-
den werden, denn ich habe bei einigen große Fertig-
keit oder Klugheit in Worten verspürt, was ich nicht
loben kann und auch niemals gelobt habe; denn wenn
wir einfältig sein sollen, so müssen wir ja die Listigkeit
ablegen; darum merkt, was über ja und nein ist, das
ist vom Argen. Aber es ist nicht damit gemeint, daß
man nicht mehr als ja und nein sagen sollte, sondern,
daß man seine Reden ohne Neid und Verstellung mit
371
einem einfältigen Ja oder Nein schließen und befes-
tigen, Maß halten und das Überflüssige abschneiden
sollte, das ist, man muss sich der einfältigen Wahr-
heit bedienen, und damit umgehen. Wenn jemand
dieses oder jenes fragt, und man gibt keinen Bescheid
darauf, sondern auf etwas anderes, und will nachher
sagen, man habe nicht gefehlt, indem, was man zur
Antwort gegeben, sich in der Tat so verhalte, so ist
solches nicht fein, meine Brüder. Auch geschieht es zu
Zeiten, daß wenn man sich in irgendetwas vergangen
hat, und darauf angeredet wird, man wohl eine Ent-
schuldigung vorbringt, welche doch im Grunde die
Ursache nicht ist, damit man dadurch sein Unrecht
beschönige und dasselbe nicht an den Tag komme.
Dies ist die Natur und Art des alten Adams (welches
billig bei den Christen, die durch das Wort der Wahr-
heit wiedergeboren sind, nicht sein sollte), der seine
Blöße allezeit gern mit Feigenblättern bedecken woll-
te; denn, als dieser wegen seiner Übertretung von
dem Herrn angeredet wurde, so fand sich sofort eine
Entschuldigung, womit er sich zu bedecken meinte;
nämlich: »Das Weib, das Du mir gegeben hast, gab es
mir (sagte er), und ich aß.« Ebenso, als Eva angeredet
wurde, legte sie die Schuld auf die Schlange; wenn
sie aber die Hauptursache ihres Vergehens hätte gera-
de heraus sagen wollen, so hätte es so gelautet: Das
Vorwissen und der Hochmut hat uns dazu gebracht,
nämlich, wir hätten gern muntere Augen gehabt, wir
wären gern klug gewesen, wir hätten gerne Gutes und
Böses gewusst, wir wären gern Gott gleich gewesen.
Summa: Wir sahen, daß der Baum gut und lustig war,
davon zu essen, und lieblich anzusehen, weil es ein
lustiger Baum war, der klug machte, so haben wir
uns überreden lassen und davon gegessen. Hätten
sie dem Herrn so geantwortet, so wäre das eine auf-
richtige, gründliche Antwort gewesen. Ihre Antwort,
die sie dem Herrn gaben, war zwar auch wahr, aber
sie enthielt nicht den rechten Kern oder die Grund-
ursache ihres Falles und Vergehens; damit ihr aber,
den rechten Sinn und die Meinung dieses Schreibens
gründlich verstehen mögt, so wollen wir euch ein
einfältiges Gleichnis beispielsweise vortragen: Wenn
ein gläubiger Mann ein ungläubiges Weib hatte, wel-
che schwanger würde und eine lebendige Frucht zur
Welt brächte, der Mann aber wollte gern mit seinen
Nachbaren und der Welt Freundschaft halten, wollte
gern in seinem Hause und Hofe bleiben, wollte aber
gleichfalls mit Christo und seinem Volke Frieden hal-
ten (was, nach Aussage des Wortes Gottes, nicht sein
kann; denn, wie Christus sagt, kann niemand zwei
streitigen Herren zugleich dienen), und würde nun zu
seinem Weibe sagen, er gedächte nicht, seine Einwilli-
gung zu geben, daß der Gräuel des Antichristen (ihr
versteht es wohl, was ich meine) an dem Kinde vollzo-
gen werden sollte, und wiewohl er es anders wenden
und sein Weib überreden könnte, daß sie ihm folgte,
und würde es ohne Widerspruch durchschleichen las-
sen, bei sich denkend: Wenn sie es aber dennoch tut,
so bleibe in guter Ruhe bei meiner Habe, und werde
von der Welt nicht verfolgt; werde ich aber von den
Brüdern darüber angeredet, so kann ich sagen, es sei
solches ohne meine Zustimmung durch mein Weib
verrichtet worden, so würde dies, meine Brüder, keine
aufrichtige und einfältige Antwort sein, wie ihr selbst
wohl merken könnt. Dergleichen Exempel und Gleich-
nisse könnte man noch in Menge erzählen, aber der
Kürze wegen lasse ich es für jetzt dabei bewenden.
Ich begehre auch von euch, ihr wollt diesem tiefer
nachdenken, wie ich euch hiervon eine Anweisung
gegeben habe; darum seid hiermit gewarnt, und hü-
tet euch vor solcher Verstellung; denn wenn auch ein
Mensch sich vor dem andern (mit solchen Feigenblät-
tern, womit er sich eine Schürze macht) bedeckt, daß
man seine Blöße nicht sieht, so ist doch Gott ein Zeu-
ge seiner Nieren und kann das Herz durchforschen,
kennt auch aller Menschen Gedanken und Absichten,
und wird alle Werke und Ratschläge urteilen, ja, alle
Heimlichkeiten und verborgene Dinge, sie seien gut
oder böse. Darum befleißigt euch, daß ihr in allen eu-
ren Worten und Werken, in all' eurem Handel und
Wandel mit aufrichtiger Lauterkeit umgeht, wie es
den Kindern Gottes geziemt und unser Ruf es erfor-
dert; und wenn jemand unter euch von einem Falle
übereilt würde, der bekenne es geradezu, ohne Ver-
stellung, wie es sich verhält, schäme sich auch dessen
nicht, weil er sich zuvor auch der Tat nicht geschämt
hat, sonst möchte es ihm nicht zum Besten ausschla-
gen; denn, wer seine Missetaten leugnet, dem wird's
nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der
wird Barmherzigkeit erlangen. Ich habe es zuvor ge-
sagt und sage es noch einmal: Vor Menschen kann
man sich wohl bisweilen mit einer schön gesetzten
Rede verantworten, und mit einem Schurze von Fei-
genblättern bedecken; wenn es aber auf dem rechten
Prüfsteine gerieben wird, so kann ein jeder Zusehen,
ob es dann auch die Probe halten werde.
Hierin mögen sich diejenigen wohl bedenken, die
tägliches Gewerbe treiben, welchen ich wohl statt der
Kaufmannschaft eine ehrliche Arbeit an die Hand
wünschen wollte, und das nicht ohne Grund; denn
wie ein Nagel in der Mauer zwischen zwei Steinen
steckt, so steckt auch die Sünde zwischen Käufer und
Verkäufer, sagt Sirach. Werdet ihr nicht beständig in
der Furcht Gottes wandeln, so wird euer Haus bald
umgeworfen werden; und was immer ich auch selbst
in allen diesen Dingen gefehlt oder jemanden betrübt
372
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
haben möchte, so ist mir solches von Grund meines
Herzens leid; doch sei Gott im Himmel Dank gesagt,
daß er mir armen schwachen Knecht, der ich mich
doch dessen unwürdig erkenne, ein unverletztes oder
unverdammtes Gewissen gegeben hat, denn ich habe
niemals eine größere Freude auf Erden gehabt (so-
lange ich mich erinnere), als ich jetzt habe. Der Herr
bewahre mich, daß ich nichts aus Ruhm rede; ich bin
aber gewiss, daß der, dem ich unwürdig in meiner
Schwachheit gedient habe, mich nicht werde zu Schan-
den weiden lassen. Mich hat herzlich darnach ver-
langt und ich verlange noch herzlich darnach, daß ich
von Gott gewürdigt werden möchte, daß ich durch die
ganze Stadt Köln geführt, mit Ruten gestrichen, und
dann wieder ins Gefängnis geworfen würde; nicht
als ob ich damit einiges Verdienst suchte, ach nein,
sondern damit dasjenige, was der Herr in mich gelegt
hat, von jedermann (Ihm zum Preise, und nicht mir)
erkannt und offenbar werden möge; doch wolle der
Wille des Herrn geschehen; ich wünsche auch nichts
anderes, das weiß der Herr, es mag kosten, was es will.
Ich begehre auch von Grund meines Herzens, ja, ich
gebiete es im Namen unsers Herrn Jesu Christi, daß
ihr dasjenige bewahrt, was euch von Gott vertraut ist,
denn es ist die rechte Wahrheit; solches bezeuge ich
vor Gott und Menschen. Es laufe nun um euch, wer
da will, gebt ihm keine Ohren; lasst die Hutterischen
(oder Mährischen) lästern, wie und was sie wollen;
ich sage: Gott bewahre mich davor, nämlich vor dem
Treiben der Lehrer; ich bin in meinem Herzen frei in
allem, was ich mit ihnen gehandelt habe; und wenn
sie sagen wollten, ich dürfte um des Volkes willen
nicht abweichen (wie ich vernommen, daß sie von
unserm Bruder Thomas gesagt haben sollen), so sage
ich nein dazu, denn ich weiß auf dieser Erde keinen
Menschen, der mir so lieb wäre, daß ich ohne Glau-
ben mein Leben für ihn dahingeben sollte; aber dem
Herrn sei gedankt, das habe ich bei mir befunden, und
befinde es auch noch kräftig bei mir, daß ich viel lieber
mein Leben für meine Brüder lassen, als jemanden in
Ungelegenheit bringen oder bekannt machen will, um
dadurch mein Leben zu retten. Dieses sage ich (Gott
weiß es) aus Glauben, und nicht aus Ruhm. So viele
aber unter ihnen sind, die Gott gefallen, ich mag sie
gesehen haben oder nicht, diese (gleichwie auch sonst
andere) urteile ich nicht, denn sie stehen dem Herrn.
Desgleichen sage ich auch, daß ihr euch mit den
andern nichts zu schaffen macht, es sei denn, daß sie
von Herzen in dem Treiben wegen der Ehe und auch
in andern Artikeln zurückkehren, sich vor Gott demü-
tigen und sich auch im Leben mehr einschränken, als
sie bisher getan haben, denn Pracht und Hoffart stinkt
vor dem Herrn, darum ist es auch meinen Augen nicht
angenehm oder gefällig. Darum legt es ab, denn es
ist vor Gott ein Gräuel, und lasst weder Hoffart noch
Frechheit in euren Worten oder Handlungen einige
Herrschaft haben, denn in der Hoffart hat alles Ver-
derben seinen Anfang genommen, wie Tobias seinen
Sohn lehrt. So demütigt euch nun von Herzen unter
die starke Hand Gottes, denn den Demütigen gibt er
Gnade, den Hoffärtigen aber widersteht er. Was im
Übrigen meine Umstände betrifft, so lasse ich euch
wissen, daß ich mich dem Herrn ganz in seine Hände
übergeben habe, was er will, das will ich auch. Ich
weiß mir nichts zu erwählen, als daß ich Ihm ein ange-
nehmes Opfer werden und bei Tage draußen vor dem
Stadttore mein Opfer tun möchte. O wie sehr wollte
ich Ihm danken! O meine lieben Mitglieder, aus wel-
cher großen Traurigkeit hat mich der Herr erlöst, die
ich Tag und Nacht in meinem Herzen getragen habe
wegen der niederländischen Reise! Aber o welch ein
treuer Gott! Wiewohl weiß er zu rechter Zeit diejeni-
gen aus der Versuchung zu erretten, die Ihm solches
von Herzen Zutrauen können.
Es ist mir oft vorgekommen, ich würde nicht hin-
wegkommen, der Herr würde es anders fügen, wie
auch mein liebes Weib und Schwester in dem Herrn
wohl weiß, denn ich habe deswegen viele Reden mit
ihr gehabt, dem Herrn müsse ewig gedankt sein. Ich
habe von allen Gemeinden Abschied genommen und
von einem jeden unter ihnen von Herzen begehrt,
man sollte es mir vergeben, wenn ich jemanden be-
trübt hätte; ich habe mich auch hin und wieder so
gegen sie erklärt, und bin damit fortgezogen; aber es
stand mir eine viel bessere Reise vor, auf welcher ich
mich nun befinde, der Herr sei dafür gelobt, denn ich
lebe in guter Hoffnung, sie werde mir durch Gottes
Gnade zum großen Gewinn dienen. O meine Brüder,
mein Herz ist voll Freuden, ja, es fließt über von Freu-
den, es dünkt mich vor Freuden, daß ich den Himmel
offen sehe. O möchte ich doch durch Schreiben (weil
ich mit euch zu reden verhindert werde) mein Herz
gegen euch ausschütten und abkühlen; es fehlt mir
an Tinte; wie es mit mir steht, so steht es auch mit
Joosken und Hermann, meinen lieben Mitgefangenen
Brüdern; wir warten auf unsern Gott und grüßen euch
alle mit einem heiligen Kusse. Der Gruß mit meiner
Hand ist dieser: Die Gnade des Herrn Jesu Christi sei
mit allen Gläubigen in Christo bis ans Ende, Amen.
Lasst euch meine jungen Waisen und alle andern
anbefohlen sein, wie wenn ich es selbst wäre, zieht sie
auf mit Bestrafen und Züchtigung in der Frömmig-
keit, lehrt sie lesen und wenn es Zeit ist, so haltet sie
zur Arbeit an; wenn ihr könnt, so lasst Aelken hei-
len, ich verspreche ihm die drei Stücklein Geld, das
silberne und die beiden andern, auch einem jeden
373
derselben ein Testament, das soll ihr Erbgut sein von
ihrem Vater.
Desgleichen lasst euch auch mein Weib befohlen
sein, solange sie Gott fürchtet, wie ich hoffe, daß sie
tun wird bis an das Ende, wenn sie anders wieder
frei wird. Der Herr erkennt, was ich euch gesagt, und
was ich bei allen Gläubigen gesucht habe, nicht Reich-
tümer oder Schätze auf dieser Erde, sondern die Se-
ligkeit der Seelen der Menschen; auch begehre ich,
daß ihr euch fest zusammenhaltet mit Lehren, mit Er-
mahnen, mit Bestrafen. Folgt euren Vorgängern und
unterwerft euch ihnen, denn sie wachen über eure See-
len, und ihr Diener flieht allen Schein und seid von
Herzen allen Gläubigen ein Vorbild der guten Werke.
Lest, wie Paulus seinen Timotheus und Titus ermahnt
habe; lasst es euch auch zur Warnung dienen, der
Herr gebe euch Verstand, Amen. Liebe Brüder, von
unserem Verhöre und Examen habe ich früher, wie
ihr wisst, auf das Kürzeste geschrieben; aber sollte ich
euch alle Fragen, die sie an mich getan haben, und
meine Antworten darauf der Reihe nach aufschrei-
ben, so müsste ich dazu zuviel Tinte, Papier und Zeit
haben, insbesondere aber, wenn ich euch schreiben
wollte, was zwischen mir und dem Grafen den Tag
über teils in Freundlichkeit und auch wohl mit gesal-
zenen Reden verhandelt worden ist, denn es ist sehr
viel. Übrigens aber, wenn wir wären, wo uns der Graf
hinwünscht, so waren wir frei; sein Gewissen ist nicht
frei, es klagt ihn an, der Herr wolle ihm rechte Buße
in sein Herz geben, auch ihm die Augen seines Her-
zens öffnen, um den Willen Gottes zu erkennen und
das Licht von der Finsternis zu unterscheiden, damit
er die Finsternis hassen und ganz verlassen und das
rechte Licht lieben und demselben von ganzem Her-
zen anhangen möge, damit er auch an dem Tage mit
den wahren Kindern des Lichts seinen Teil von der
Hand des Herrn empfangen möge. Das wünsche ich
ihm und allen unsem Feinden und Widersprechern
von Gott (so viel es möglich ist) aus dem Grunde mei-
nes Herzens; sonst geht es uns noch wohl an Leib und
Seele. Wir hoffen, daß wir die Zahl der Frommen wer-
den erfüllen helfen und mit unsern Vätern ruhen und
auf die herrliche Belohnung aller Frommen warten
werden. Ich grüße alle Gläubigen mit einem heiligen
Kusse; grüßt euch untereinander mit dem Kusse der
Liebe, und vergesst weder unserer noch eines der Ge-
fangenen, sondern haltet an mit starkem Gebet für
uns zu Gott; denn es ist sehr nötig, indem (wie mich
dünkt) es gut war, zu unseres Bruders Thomas Zeit
gefangen zu sein, denn die Arglist der Menschen ver-
mehrt sich alle Tage; darum betet fleißig für uns, wir
hoffen eurer auch nicht zu vergessen; der Herr sei
mit uns allen, Amen. Von mir. Mattheiß Servaes, eu-
rem schwachen Bruder, einem unwürdigen Diener
und Gefangenen Jesu Christi, welchem ich diene am
Evangelium in meinen Banden, und hoffe, daß meine
Erlösung nahe sei.
Ich begehre auch von dir, J. N. B., daß du dieses
ordentlich abschreibst und dafür sorgst, daß meinem
Weibe, welche auch gefangen sitzt, eine Abschrift da-
von eingehändigt werde, und wenn es euch gefällt, so
kann es auch von den Brüdern gelesen werden; dünkt
es euch aber nicht dienlich oder zum Lobe Gottes för-
derlich zu sein, so könnt ihr es unterlassen, denn ich
suche darin nicht ein Haar breit mein Lob, sondern
das Lob des Herrn, und den Trost der Freuden der
Gläubigen. Meine Mutter grüße ich insbesondere und
will, daß sie ohne Betrug dem Herrn diene; solches
begehre ich auch von meinem Bruder Johann und mei-
nen Schwestern. Geschrieben und gelesen mit vielen
Tränen und das von Herzen. Ihr wisst, meine Brüder,
daß ich meinen Dienst nicht unbedachtsam aufgenom-
men habe, sondern mit vielen Tränen, ebenso über-
gebe ich ihn nun wieder; damals zwar habe ich vor
Traurigkeit geweint, jetzt aber weine ich aus herzli-
cher Freude; mit Tränen habe ich den Dienst von euch
(ich glaube auch von Gott) empfangen, aber mit Freu-
dentränen übergebe ich ihn dem Herrn, wenn es Ihm
gefällt, und euch wieder. Der Herr wolle meinen Platz
wieder vielfältig erfüllen mit treuen Knechten, Amen.
O, H., wie ist mein Herz in dem deinen! Beweist doch
gegen alle ein väterliches Herz mit aller Demut, es ge-
he euch wohl oder übel, so schreibt doch dem Herrn
den Preis zu, denn er macht es alles und tut es alles
und nicht wir. Verlasst das Volk im Niederlande nicht,
macht es so gut als ihr könnt, straft sie scharf wegen
der Hoffart, das begehre ich; bewahrt es wohl, was
euch vertraut ist, H. und F., und alle vergesst es nicht.
Grüßt mir T. W., meinen lieben Bruder, den ich in mei-
nem Herzen liebe. Lasst euch den Handel droben im
Lande nach göttlicher Art angelegen sein, verhütet die
Trennungen des Volkes, wo ihr könnt. Dieses sei allen
denen geschrieben, die gern ein Schreiben von mir
hätten, denn ich kann nicht einem jeden besonders
schreiben, ich suche keinen Ruhm hierin; die Gnade
Gottes sei mit uns allen, Amen. Gegeben den 9. Juli
1565.
Der fünfte Brief, welchen Mattheiß Servaes aus
dem Gefängnisse an seine Mutter und seinen
Bruder Johann, an seinen Schwager Leonhard und
seine zwei Schwestern geschrieben hat.
Gnade und Friede von Gott dem Vater und das Trei-
ben des heiligen Geistes in alle Gerechtigkeit wünsche
ich euch allen, meine Geliebten, durch Jesum Chris-
374
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
tum, Amen.
Hiermit lasse ich euch wissen, liebe Mutter und
Bruder Johann, und Fransken und Barber, meine lie-
be Schwestern, daß es mit mir, dem Fleische nach
(ausgenommen die Bande, die ich doch auch für gut
halte), sehr gut stehe; um die Seele aber steht es noch
viel besser. Dem ewigen Gott sei Lob und Dank da-
für gesagt; er hat es so wohl mit mir unwürdigen,
schwachen Knechte verordnet, denn es war schon
beschlossen (wie ihr zum Teil selbst wisst), daß ich
von euch fort ziehen sollte, aber von dieser Reise (auf
welcher ich nun bin) wussten wir alle nichts; dieses
war die rechte Reise, die ich tun sollte; ich bin nun
ein wenig darauf gewandelt (dem Herrn sei Dank da-
für), bin auch dessen noch unwürdig, wiewohl ich
bis hierher einen sehr mühsamen und schmerzhaften
Weg durchwandelt bin und manchen Schweißtropfen
habe fallen lassen. Ich weiß auch wohl, daß die zarten
Kinder des Herrn auf bösen Wegen gehen müssen;
und wiewohl ich von den Räubern, bösen Arbeitern,
falschen Brüdern und betrüglichen lügenhaften Apo-
steln viel erlitten habe, und noch täglich leide, so hoffe
ich doch, ich werde mich nicht umsehen, sondern mit
Freuden (durch Gottes Hilfe und Beistand) fortgehen,
bis ich zum seligen Ende gelange, und die schöne
Stadt einnehme. Derjenige aber, der mit dem Tobias
einen Geleitsmann sandte, und den Propheten Daniel
in der Löwengrube bewahrte, und dem Feuer seine
Kraft nahm, daß es die drei Männer im Ofen nicht
beschädigen könnte, der, und kein anderer, hat mich
auch bisher kräftig bewahrt, und ich habe eine gu-
te Zuversicht, daß er mich auch bis ans Ende wohl
bewahren werde, Amen.
Ebenso richte ich an euch, meine liebe Mutter und
Johann, meinen Bruder, und meine beiden Schwes-
tern meine vielfältige Bitte, wie auch väterliche und
brüderliche Ermahnung, daß ihr standhaft in der Gott-
seligkeit vor Gott wandelt, denn es wird nicht helfen,
daß man ruft Herr, Herr, wenn man sich nicht beflei-
ßigt zu tun, was er geboten hat; darum tut von euch
hinweg eigene Weisheit und Hoffart, und hütet euch
vor schnellem Zorn und Heftigkeit der Sinne, denn
es erweckt nichts Gutes, sondern verunreinigt das Ge-
müt, und befleckt das Gebet. Ein jeder hüte sich, daß
sein Gewissen nicht mit falschen, boshaften und ver-
kehrten Gedanken befleckt werde, denn sie scheiden
von Gott. Ich begehre auch von dir, meine liebe Mut-
ter, die du mir in meinem Herzen sehr lieb bist, daß
du mit geringem Essen und Trinken zufrieden sein
wollest, und daß keine bösen Gedanken in dein Herz
kommen mögen, sondern danke Gott für alles, und
denke, daß du dich oft in Kottenem nicht hast satt
essen können, und wenn du noch jetzt dort wärest.
und hättest das Gut noch in deinem Besitze, müsstest
auch Tag und Nacht mit Mühe und Arbeit kämpfen,
so hattest du kaum die Notdurft davon. Halte mir
doch dieses zu gute, meine liebe Mutter, denn es ge-
schieht alles um des Guten willen, damit dein Herz
rein und ohne böse Gedanken sei und du dadurch
Gott schauen und die Seligkeit erlangen mögest. Fer-
ner begehre ich auch von euch allen, was ihr tut, das
tut alles freiwillig ohne Murren und Zank, damit ihr
von niemandem angeklagt werdet. Ich hatte drei Kö-
nigstaler für dich, mein Bruder Johann, und meine
Mutter zum Abschiede bestimmt, habt ihr sie nun
nicht, so denke ich doch, ihr werdet sie empfangen;
haltet Barber zur Arbeit, und ermahnt sie, daß sie
Gott von Herzen fürchte, solches begehre ich auch
von euch allen, denn es ist niemand unter euch, von
welchem ich mehr Mühe und Kummer gehabt habe.
Desgleichen wünsche ich auch meinem Schwager das
höchste Gut von Gott. Schließlich begehre ich von dir,
meine liebe Mutter, du wollest wegen meiner Ban-
de und Gefangenschaft weder sehr bekümmert, noch
betrübt sein, sondern danke dem Herrn dafür, der
mich bewahrt hat, daß ich nicht um Übeltat, sondern
um seines Namens willen hierher in diese Bande und
Gefangenschaft gekommen bin; darum brauchen wir
beide uns auch nicht darüber zu schämen. Bitte auch
fleißig für mich, daß er mich ferner vor allem Bösen
bewahren, und mir ein standhaftes Gemüt und eine
rechtschaffene Geduld geben wolle, damit ich bei sei-
nem Worte in jeder Versuchung und Betrübnis bis ans
Ende standhaft verharren möge. Nimm dir auch, mei-
ne liebe Mutter, die Tapferkeit der Mutter der sieben
Söhne zum Vorbilde, wovon man im zweiten Buche
der Makkabäer im siebten Kapitel liest, denn diese
Mutter mit den sieben Söhnen hat ihr verständiges
Gemüt in vollkommener Weisheit mit männlichen Ge-
danken erweckt, und zu ihren Söhnen gesagt: Ich ha-
be euch weder Atem noch Seele gegeben, auch nicht
das Leben; ebenso habe ich auch eure Glieder nicht
zusammengesetzt, sondern der Schöpfer der ganzen
Welt, der alle Menschen erschaffen hat, wird euch
den Atem und das Leben wieder aus Gnaden geben,
gleichwie ihr das nun um seinetwillen dahin waget
und übergebt.
Sieh, meine Mutter, welch ein männliches Gemüt
war dieses; so sei nun auch männlich, und übergib
mich willig dem Herrn, der mich dir gegeben hat,
denn wir sind dessen auch gewiss, daß wir das Le-
ben (welches wir um des Namens Christi willen gern
verachten und verlassen), an jenem Tage wieder emp-
fangen und ewiglich besitzen werden. Dieses habe
ich dir, meine herzlich geliebte Mutter, in der Kürze
zu Gemüte führen wollen, damit du männlich und
375
getrost wegen meiner Banden sein und auch dein Le-
ben nicht lieben mögest, sondern es willig um des
Namens Christi willen (wenn es noch dazu kommen
sollte) dahin geben mögest; und weil dich der Herr
fast um die elfte Stunde berufen und in seinen Wein-
berg gesandt hat, so wende doch nun allen möglichen
Fleiß an, daß du diese Stunde des Herrn Werk treulich
treibst, und gedenke an des Propheten Wort, wo er
sagt: Verflucht sei der Knecht, der seines Herrn Werk
nachlässig treibt. Darum sei getreu, und erwarte den
Abend in Geduld, dann wirst du auch den Groschen,
ja, die schöne Krone und das herrliche Reich von der
Hand des Herrn mit allen Kindern Gottes empfan-
gen. Der Gott aber, der allein weise ist, mache uns
alle geschickt, in allen guten Werken seinen Willen zu
erfüllen, und mache auch, daß unsere Werke vor ihm
angenehm seien durch Jesum Christum, welchem sei
Ehre und Macht in alle Ewigkeit, Amen.
Seid Gott sämtlich befohlen; wir müssen hier von-
einander scheiden; bittet Gott für mich, wie ich auch
für euch bitte; ich grüße alle Gläubigen.
Der sechste Brief, welchen Mattheiß Servaes von
Kottenem, aus dem Gefängnisse (an sein liebes
Weib und Mitgefangene Schwester in dem Herrn)
geschrieben hat.
Gnade, Friede, Freude im Herzen, durch Jesum Chris-
tum, sei mit dir, mein herzlich geliebtes Weib, die ich
in meinem Herzen lieb habe, ja, so lieb, wie meine ei-
gene Seele, und allen Gefangenen, die in Jesu Christo
sind, Amen.
Hiermit, meine liebe Schwester in dem Herrn, ant-
worte ich dir auf deine erste Äußerung, wodurch du
deine Betrübnis darüber zu erkennen gabst, daß ich
allein sei; aber ich bin, liebes Kind, nicht allein, son-
dern habe den Trost aller Gläubigen bei mir; ich weiß
nicht, ob ich auch jemals mehr Freude auf Erden ge-
habt habe, denn ich bin gewiss und fest versichert,
daß mir der Herr nichts schwerer auflegen werde, als
ich ertragen kann, und ich begehre von dem Leiden
(wenn es anders des Herrn Wille ist), nicht befreit zu
werden, doch so, daß sein heiliger Wille geschehe. Dar-
um, mein liebes Kind, schlage solchen Kummer aus
dem Sinne, solches begehre ich. Was du auch ferner
darüber sagst, daß du mir nicht gehorsamer gewesen
bist, so beklage ich es auch von Herzen vor meinem
Gott, daß ich nicht mehr Fleiß angewandt habe, als
ich bisher getan habe; darum sollen wir uns nicht rüh-
men, sondern vielmehr es beklagen, denn ich sage
mit Salomo: »Wer kann sagen, mein Herz ist rein und
ich bin rein von meinen Sünden?« Hiermit stimmt auch
die Rede des Esra überein, wenn er sagt: »Der Sünder
soll nicht sagen, daß er nicht gesündigt habe, denn feu-
rige Kohlen werden auf dessen Haupte brennen, welcher
sagt: Ich habe nicht gesündigt vor Gott dem Herrn und
seiner Herrlichkeit!« Hierüber sagt auch der Apostel Jo-
hannes in seinem ersten Sendbriefe im ersten Kapitel:
Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so verfüh-
ren wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.
Darum, liebes Weib, mögen wir uns wohl beklagen.
Und mit David bitten: O Herr! Geh nicht ins Gericht
mit deinem Knechte, sondern sei uns gnädig nach dei-
ner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen
Barmherzigkeit; ja, wenn wir auch alles getan hätten,
was wir zu tun schuldig sind, so gebührt uns doch
noch zu sagen: »Wir sind unnütze Knechte, wir haben
nichts getan, als was wir zu tun schuldig waren.« Darum
dürfen wir uns nicht zu denen zählen, die durch ihre
Werke selig und gerecht sein wollen, sondern viel-
mehr zu denen, von welchen die Schrift sagt: »Selig
sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind,
und denen ihre Sünden bedeckt sind; selig ist der Mann,
welchem Gott keine Sünden zurechne.« Vielleicht ist auch
unser Maß und unsere Zeit auf Erden bald erfüllt,
daß uns der Herr noch vor unserm Ende läutern will,
oder vielleicht hätten wir unsere Übertretung (um der
Schwachheit willen) anders nicht recht erkennen kön-
nen, als auf solche Weise, damit wir recht für dieselbe
büßen möchten, ehe wir hinweg genommen werden,
denn man kann oder mag nicht besser Buße wirken
als in der Züchtigung der Banden. Davon haben wir
ein klares Exempel an Manasse, dem Könige von Ju-
da, welcher sich nicht daran kehrte, wie sehr ihn auch
der Herr durch den Propheten warnte, ja, es half alles
nichts, bis er von den Feinden ins Gefängnis zu Babel
geführt wurde; da bekannte er erst seine Sünden, und
tat Buße. Gewiss hat uns der Herr lieb, weil er uns
hierher berufen hat. Daran zweifle nicht, mein liebes
Weib, sondern laß uns unser ganzes Vertrauen auf den
Herrn setzen, und jeden Zweifel von uns werfen, da-
mit wir nicht in größere Sünde fallen. Haben wir aber
gesündigt, so müssen wir es nicht wieder tun, damit
uns nicht etwas Ärgeres widerfahre; und das ist auch
die beste Buße, nämlich, nicht wieder zu sündigen.
Ach, mein liebes Weib, sei guten Muts, und lege deine
Traurigkeit oder Sorge auf den Herrn, und verzage
nicht, denn er wird für uns sorgen. Gedenke an die
freundlichen Worte des Herrn, wenn er sagt: »Kommt
her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will
euch Ruhe geben!«, denn der Herr wird unserer geden-
ken, und uns nicht vergessen, ja, vielweniger will er
uns vergessen, als eine Mutter ihr Kind, welches sie
neun Monate getragen hat; und wenn auch eine Mut-
ter ihres Kindes vergäße, so will er unserer doch nicht
vergessen, und will uns bewahren, wie seinen Aug-
376
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
apfel. Daß uns aber der Herr ins Gefängnis hat kom-
men lassen, geschieht zu unserm Heile, damit wir, so
gezüchtigt, rechten Gehorsam lernen, denn dadurch
können wir gereinigt, und dazu recht geprüft werden,
ob wir auch etwas lieber haben, als unsern Herrn Je-
sum Christum. Es lässt sich zwar noch ertragen, daß
man Mann, Weib, Kinder, Vater, Mutter, Schwestern,
Brüder, Häuser oder Äcker um des Namens Christi
willen verlässt, wenn es aber dem Menschen an das
eigenen Leben geht, dann wird es erst recht geprüft
und geläutert, denn der Mensch gibt Haut um Haut,
und alles was er hat, lässt er für sein Leben, wie beim
Hiob steht. Aber Christus hat gesagt, daß man solches
alles hassen und verlassen müsse, selbst das eigene
Leben, und daß man das Kreuz aufnehmen und ihm
nachfolgen müsse.
Wer nun solches nicht tut, der kann auch (sagt er)
mein Jünger nicht sein; aber wir können nicht füg-
licher hassen oder absagen, als wenn wir uns dem
Herrn ganz übergeben, sodass wir mit der Wahrheit
sagen mögen: Herr, dein heiliger Wille geschehe!, das
ist: Herr, es geschehe, was du willst! Sieh, mein liebes
Weib, das heißt recht absagen. Lerner ist mein Begeh-
ren an dich und alle Gefangenen, daß ein jeder sich, so
viel er in seinem Gewissen Anklage findet, um desto
mehr vor seinem Gott demütige, denn die Zeit der
Gnade, und der Tag des Heils, ja, die angenehme Zeit
ist noch vorhanden. Lasst uns nicht aufhören anzu-
klopfen, bis er sich über uns erbarme, uns auftue, und
uns, um des imverschämten Rufens willen, gebe, so
viel wir bedürfen. Denn er ist doch ein gnädiger Gott;
er vergibt sehr gerne, und gereuet ihn bald des Bö-
sen, und welche sich von Herzen zu ihm wenden, zu
denen wendet er sich auch wieder; aber die von ihm
abweichen, derer Namen werden in die Erde geschrie-
ben. Darum sollte sich der Mensch wohl bedenken,
der ihn um Gnade bittet, daß er es auch von Herzen
meine, denn obschon der Mensch mit dem Munde
klagt, so kennt doch der Herr das Herz; darum lasse
es sich ein jeder Ernst sein, denn wenn das nicht ge-
schieht, so kann er es nicht ausführen. Lasst es nun
offenbar werden, ob ihr Gott recht liebt, ja, ob ihr ihn
über alles liebt.
O welch ein großes Wort ist es, das Petrus sagt:
»Auf daß unser Glaube viel köstlicher erfunden werde , als
das vergängliche Gold, das durch Feuer geläutert wird.«
Beweist nun die rechte Tugend des Glaubens, und
bezahlt dem Herrn das Gelübde, das ihr ihm zugesagt
habt, und lasst euch weder zur rechten noch linken
Hand abführen, sondern bleibt gerade mitten auf der
Straße, so werdet ihr hinein kommen; denn wer auf
des Herrn Wege ausharrt bis ans Ende, der und kein
anderer soll selig werden; hierzu helfe uns allen der
gnädige Gott durch Jesum Christum, Amen. Ich muss
mit großer Purcht schreiben. O mein liebes Weib, und
ihr alle! Ich befehle euch dem treuen Gotte; er wolle
euch und mich fest bewahren bis ans Ende, Amen. Die
Gnade unsers Herrn Jesu Christi sei mit euch, Amen.
Nehmt euch auf mit dem heiligen Kusse der Liebe,
und gedenkt meiner von Herzen, das hoffe ich auch
an euch zu tun. Und wenn wir uns auf dieser Erde
einander nicht Wiedersehen sollten, so gebe der Herr
Gnade und Kraft, daß wir hier so handeln mögen, daß
wir einander dermaleinst in der ewigen Preude bei al-
len Kindern Gottes von Angesicht zu Angesicht sehen
mögen, Amen. Ach, mein liebes Aeltgen, vergiss doch
meine Ermahnung nicht, die ich dir oft gegeben habe,
nämlich, daß du dir Gott stets vor Augen stellen und
aufrichtig vor ihm wandeln wollest; ich meine euch
alle zugleich mit diesem Schreiben. O Herr, erhalte
uns! Amen. Sei nur guten Mutes, mein liebes Weib
und Schwester in dem Herrn, und lege allen Kummer
von dir; denn wer ist der Mensch (wie oben gemeldet),
der sagen kann: Ich habe nicht gesündigt, mein Herz
ist rein, rein bin ich und von Sünden frei. Ich hätte dir
auch viel ernstlicher vorwandeln können, als ich wohl
getan habe, doch wolle Gott alles von uns nehmen,
was Ihm an uns missfällt, Amen. Hüte dich, meine
liebe Schwester in dem Herrn, denn der Teufel sucht
dem Menschen Bekümmernis zu machen.
Dieses habe ich auf Cunebertsturm geschrieben,
aber jetzt sind wir in des Grafen Hause, ich. Mattheiß
und Hermann, meinen jeden Tag, daß wir unsere Op-
fer tun werden, womit wir auch von Herzen zufrieden
sind, wenn uns Gott würdig achtet. Bewahret diesen
Brief wohl, daß er denen nicht unter die Augen kom-
me, die uns peinlich fragen, damit andere dadurch
nicht zu Schaden kommen. Der Friede Gottes sei mit
uns allen, Amen.
Der siebte Brief von Mattheiß Servaes, aus dem
Gefängnisse an I. N. und seine Brüder geschrieben.
Gnade und Friede sei mit dir und allen Gläubigen in
Christo Jesu, Amen.
Ferner sollt ihr wissen, liebe Brüder und Schwes-
tern, daß es mit uns noch sehr wohl stehe, nämlich
mit mir und Hermann, denn unsere Herzen sind vol-
ler Freuden, ja, sie fließen über von Freuden. Die Zeit
wird uns so kurz als wohl jemals. Des Nachts loben
wir unsern Gott in Einigkeit unseres Mundes; wir
sitzen jetzt allein. Des Bischofs Kaplan, Eberhard ge-
nannt, ist abermals bei mir gewesen, den Samstag
nach Jakobus, und hat von der Kindertaufe und von
der Auferstehung der Toten sehr freundlich mit mir
geredet. Der Graf sagte zu mir: Lieber Mattheiß, sage
377
uns doch deine gründliche Meinung über diese Arti-
kel; denn ich habe dir gesagt, daß euer Volk, das auf
dem andern Turme ist, selber bekannt hat, daß die
Toten nicht auferstehen werden; von dir aber habe ich
noch keinen klaren Bericht empfangen. Weil du sie
nun gelehrt hast, so müssen sie es (sagte er) von dir ha-
ben. Hierauf erwiderte ich: Es ist wahr, Herr Graf, du
hast neulich dergleichen Reden mit mir gehabt, und
ich habe dir damals meine Antwort gegeben, gleich-
wie auch jetzt, nämlich, daß ich alle Gefangenen zu
Zeugen nehme, wie ich keine andere Ansicht in mei-
ner Lehre (die doch nicht mein, sondern Christi ist)
vorgetragen habe, als daß die Zeit kommen werde,
daß die Toten aus den Gräbern auferstehen werden,
die Frommen zum Leben, die Bösen aber zum ewigen
Tode, und daß wir alle vor dem Richterstuhle Christi
offenbar werden müssen, damit ein jeder an seinem
Leibe empfange, je nachdem er getan hat, es sei gut
oder böse; aber daß dieses Fleisch und Blut, wie wir
nun gehen, das Reich Gottes ererben sollte, habe ich
nicht gelehrt, sondern das Gegenteil, nämlich, daß
Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben möge,
auch soll das Vergängliche nicht das Unvergängliche
ererben, IKor 15,50. Darauf sagte Eberhard, der Ka-
pellan, er glaube auch nicht, daß dieses Fleisch und
Blut das Reich Gottes ererben werde; auch sagte ich:
Wir werden verändert werden; wer aber nun wissen
will, wie das zugehen wird und wie die Toten auferste-
hen und mit welchen Leibern sie erscheinen werden,
solchen sagt Paulus: »Du Narr, was du säst, wird nicht le-
bendiggemacht, es sei denn, daß es sterbe; und was du säst,
ist nicht der Leib, der da zuerden soll, sondern ein bloßes
Korn, nämlich Weizen, oder sonst ein anderes; aber Gott
gibt ihm einen Leib, zvie er will.« Das ist, sagte ich, mein
Grund. Ach, möchte ich würdig werden, mit den Ge-
rechten aufzustehen, darum bin ich bekümmert; was
mir aber der Herr für einen Leib geben wird, das stelle
ich Ihm anheim; ich bin auch damit wohl zufrieden;
ich werde weder vor dir, noch vor sonst irgendeinem
Menschen, mehr bekennen. Darin, sagte er, sind wir
auch nicht sehr verschiedener Meinung.
Darauf sagte ich weiter: Man ruft nun über uns: Der
hat dies, und jener hat das, und ein anderer etwas an-
deres bekannt; lieber geht doch unter euer Volk und
fragt jeden Einzelnen um alle Artikel; meint ihr auch
wohl, daß sie euch etwas Gewisses antworten oder
bekennen werden? Gewiss gar nichts, oder doch sehr
wenig. Es ist wahr, sagte er. Wir redeten auch noch
manches wegen der alten Schreiber in Ansehung der
Kindertaufe; ich verwarf sie alle, und stellte sie Gott
anheim; aber er bat, ich sollte mich bedenken. Sol-
ches begehrte ich auch von ihm und sagte: Ich bin
in meinem Herzen versichert und versiegelt, daß es
die lautere Wahrheit sei; ich begehre dabei zu sterben
und das Leben zu lassen; auch sagte ich ihnen etwas
von ihrer unreinen und gebrechlichen Gemeinde, von
dem Hurenhause, Spielhause, der Fechtschule und
von ihrem täglichen Leben, das sie nach allen heid-
nischen Weisen führten, desgleichen auch von dem
Unrechte und der Gewalt, welche sie mit Peinigen an
uns ausgeübt hatten, nur weil wir keine Verräter sein
wollten; dies alles gab ich ihm zu bedenken, wenn er
ein Hirte der Schafe wäre. Darauf sagte er, es wäre
ihm von Herzen leid. Die Gesichtszüge des Grafen
(wie mir vorkam) veränderten sich. Sie standen auf;
darauf gab mir Eberhard die Hand, und befahl mich
dem Herrn sehr freundlich.
Also steht es noch sehr wohl mit uns, dem Herrn sei
Dank gesagt, Amen. Gedenkt unserer Tag und Nacht
im Gebete, was wir auch wieder für euch zu tun ge-
sinnt sind; ich wollte auch, daß alle Gefangenen ge-
warnt und ermahnt werden möchten, alle Gespräche
abzuschlagen, sie dürfen solche kecklich abschlagen.
O Brüder! Wie fein und klüglich stellen sie ihre Net-
ze vor meine Seele, um sie hineinzujagen; aber sie
werden sie nicht fangen; ich habe dazu eine gute Hoff-
nung, denn es ist vergeblich das Netz vor den Augen
der Vögel auszuwerfen.
Darum ist das mein Begehren an alle Gefangenen,
daß sie ihren Mund bewahren und ihre Zunge im Zau-
me halten wollen. Weil der Gottlose (wie David sagt)
vorhanden ist, so seid nicht schnell im reden; damit
ihr euer Herz nicht verführt, und wartet in Geduld,
bis Christus in euch redet, oder sein Geist durch euch
(nach seiner Verheißung). Schämt euch auch nicht,
wenn ihr auch nicht auf alle Fragen antwortet, denn
darum hat sich auch nicht geschämt, der die Weisheit
Gottes selbst war, nämlich Christus, wovon uns die
Schrift des alten und neuen Testamentes ein sattsames
Zeugnis gibt. Und wenn ihr auch wegen anderer ge-
fragt werdet, die noch draußen oder im Gefängnisse
sind, ob sie mit uns seien oder nicht, ob sie getauft
seien oder nicht, so könnt ihr antworten: Ich liege
hier nicht für einen andern, sondern für mich selbst;
darum kann ich für mich und nicht für einen andern
reden; wenn sie euch dann mit Peinigen oder langer
Gefangenschaft bedrohen, so lasst sie drohen, lasst
sie peinigen, werft euer Vertrauen fest auf den Herrn,
dann werden sie wohl nicht mehr tun können, als
Gott (der des Königs Herz in seiner Hand hat) zulässt.
Ist es dann des Herrn Wille, daß ihr leidet, so gedenkt,
daß ihr oft gesagt habt: Herr, dein Wille geschehe;
und in Wahrheit, wenn ihr dem Herrn fest vertraut,
so sind auch eure Haare auf eurem Haupt gezahlt,
deren keines ohne des Vaters Willen abfallen soll.
Darum fürchtet euch kein Haar breit vor ihrem Dro-
378
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
hen und erschreckt nicht, sondern haltet dem Herrn
still mit Langmut und Geduld in allem, was euch um
der Wahrheit willen begegnet. Vertraut Gott, er wird
euch nicht verlassen bis in den Tod, Amen.
Wenn ich aber, meine lieben Mitglieder, vermuten
könnte, daß es sowohl dem Preise Gottes als auch
eurer und ihrer Seligkeit förderlich wäre, wenn ihr
ihnen von allem, um was sie euch fragen, Rede und
Antwort geben würdet, so wollte ich euch nicht allein
ermahnen zu warten, bis ihr gefragt werdet, sondern
ich wollte euch auch noch dazu mit Bitten und Ermah-
nung bewegen, daß ihr es ihnen willig, ehe ihr von
ihnen gefragt würdet, vorstellen und bekennen solltet;
aber wie sie die Ehre Gottes, und eurer, ja, auch ihrer
eigenen Seelen Heil und Seligkeit hierin suchen, das
will ich einem jeden gottesfürchtigen Liebhaber der
Wahrheit, mit einem unparteiischen Urteile selbst zu
bedenken und zu erwägen geben.
Darum bewahrt euren Mund, meine Geliebten, wie
oben gemeldet worden ist. Ich habe ein Lied gemacht,
jedoch nicht aus Leichtsinn; deshalb wollte ich auch,
daß es gesungen würde, nicht mir, sondern Gott zum
Preise.
Liebe Brüder, lasst mich eurem Gebete treulich an-
befohlen sein! Ich grüße euch alle mit dem Frieden
unsers Herrn Jesu Christi; wer den nicht lieb hat, der
ist Anathema Maharam Motha. Die Gnade unseres
Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemein-
schaft des heiligen Geistes sei mit uns allen, Amen.
Der achte Brief von Mattheiß Servaes an Aeltgen,
sein Weib, aus dem Gefängnisse geschrieben.
Die Gnade Gottes sei und bleibe bei dir und allen
Glaubensgenossen in Christo, welche bei dir und an-
derswo sind, nebst einem rechten Frieden, freundli-
cher Liebe, standhafter Geduld und beständiger Aus-
harrung, alles dasjenige bis ans Ende zu ertragen, was
uns auferlegt wird von dem Leiden, das noch am Lei-
den Christi übergeblieben ist, Amen.
Ferner, mein liebes Weib, die ich von unserer ersten
Zusammenkunft an (dessen der Herr, wie ich hoffe,
mein Zeuge ist) mehr der Seligkeit als dem Fleische
nach geliebt habe, gleichwie ich auch für deine Seele
sowohl, als auch für die meine Sorge getragen, und
dich dazu ermahnt habe, wozu wir nun gekommen
sind, dem Herrn sei ewig Lob dafür gesagt.
Meine liebe Schwester in dem Herrn, du kennst den
Kummer wohl, welchen ich wegen des Wegziehens
gehabt habe, und wenn auch etwa jemand denken
möchte, ich hätte einen Gefallen daran gehabt, so ist
dem nicht so, denn ich habe von der Zeit an so oft
begehrt, wenn es mir zur Seligkeit dienen würde, daß
ich auf irgendeine Weise der Sache entübrigt werden
möchte, es sei durch Gefängnis oder durch den Tod.
Nachdem es aber dem Herrn gefallen hat, daß wir
noch zuvor durch Leiden hier auf Erden Zeugen sei-
nes Wortes und Namens sein sollen, wie du auch mehr
als einmal begehrt hast, daß ich dem Herrn durch Lei-
den heimgeführt werden möchte (nicht weniger hast
du auch verlangt, daß du mit mir gefangen werden
möchtest, wie es denn nun geschehen ist), so laß uns
nun auch geduldig sein, und dem Herrn danken, daß
er uns erhört und unser Gebet erfüllt hat; darum laß
uns auch nichts anderes bitten, als was wir bisher ge-
betet haben, nämlich: Herr, dein Wille geschehe. Ich
übergebe mich dem Herrn, dem ich gedient habe, wil-
lig in seine Hand; sei meinetwegen nicht beschwert.
Wolltest du aber etwa denken, es möchte uns noch viel
Leiden zustoßen (was doch in des Herrn Hand steht),
so denke auch: Wenn uns des Leidens viel bereitet
ist, so ist uns auch dagegen viel mehr Trost zuberei-
tet, denn gleichwie des Leidens Christi viel über uns
kommt, so werden wir auch reichlich getröstet durch
Christum. Ich habe keine Zeit mehr zu schreiben, aber
halte nur stark an, bis du Hinweggenommen wirst;
alsdann, und nicht eher, ist die Krone des Lebens be-
reitet. Dieses sei auch dir, meine liebe Schwester Anna,
und allen, die bei dir sind, geschrieben. Der Gruß mit
meiner Hand. Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi
sei mit euch allen, Amen.
Grüßt euch untereinander mit einem heiligen Kus-
se. Unsere Brüder grüßen euch alle. Gedenkt unserer,
und seid guten Mutes, denn dieses ist das erste Erbe,
das uns hier verheißen ist, welches wir auch besitzen
müssen, wenn wir das Ewige ererben wollen, wo alle
Tränen, die nun aus unsern Augen fließen, abgewischt
werden sollen, und alle Betrübnis in ewige Freude ver-
wandelt werden soll; denn unsere Trübsal, die zeitlich
und leicht gegen das Ewige ist, bringt eine ewige und
über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir
nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare
sehen. Darum wendet eure Augen ab von dem allen,
was sichtbar ist, und seid hiermit der Gnade Gottes
befohlen, Amen.
Der neunte Brief von Mattheiß Servaes an F. V. H.
aus dem Gefängnisse geschrieben.
Die heilsame Gnade Gottes vermehre sich bei dir und
allen Frommen durch Jesum Christum in Kraft des
heiligen Geistes, Amen.
O meine sehr geliebte Freundin in dem Herrn F.,
ich kann dir aus Liebe nicht verhehlen, daß ich dein
Begehren gern erfüllen wollte, aber es mangelt mir an
vielen Dingen, an Papier und Tinte, auch werde ich
379
so genau bewacht wie Gold, sodass ich weder Briefe
empfangen noch aussenden kann. Darum halte mir
dieses kleine Brieflein zu gut, denn ich habe es um
des Guten willen geschrieben; es ergeht nun an dich
mein herzliches Ermahnen und Begehren, du wollest
für dein Leben von Herzen Sorge tragen und es so
einrichten, daß es doch dem Worte Gottes und dem
Vorbilde Jesu Christi gleichförmig sei, und bedenke es
fleißig, wie du mit mir geredet hast. Liebe Gott über
alles, und verlasse die Versammlung nicht, wie bisher,
denn wenn du noch etwas lieber hast als ihn, so bist
du seiner nicht wert. Wache recht auf, meine Freundin
in dem Herrn, denn es gilt hier kein Mundglaube, wie
du selbst wohl weißt, sondern es muss ein lebendiger,
ja, durch die Liebe tätiger Glaube sein, soll man an-
ders hier und nachher vor Gott bestehen; aber solchen
Glauben wirke in dir und in allen, die es von Her-
zen begehren, der Gott Schaddai, Amen. Wie es sonst
mit mir steht, kann ich nicht genug beschreiben, denn
der Herr gibt große Freude in mein Herz, sodass ich
von Gott (wenn es anders sein Wille wäre) begehrte,
daß ich gebunden durch Köln geführt, und von der
einen Straße zur andern mit Ruten gepeitscht würde,
damit sein Name offenbart, mein Leib aber auf der
Folterbank geläutert werden möge, Gott allein, und
nicht mir, zum Preis, welches auch zum Teil gesche-
hen ist. Dem Herrn sei gedankt, Amen, der meinen
Mund verschlossen und mich mit Kraft ausgerüstet
hat, auch dieselbe noch täglich vermehrt, und mich
bis ans Ende erhalten wird, Amen.
Hiermit Gott befohlen; gedenkt unserer, gleichwie
ich auch eurer. Grüße mir auch diejenigen, die bei dir
sind, denen mein Gruß im Herrn angenehm ist.
Von mir. Mattheiß Servaes von Kottenem.
Der zehnte Brief von Mattheiß Servaes aus dem
Gefängnisse an Mar. West geschrieben.
Gnade und Friede vermehre sich bei dir und allen
Gläubigen von Gott, dem Vater, durch Jesum Chris-
tum mit der Kraft des heiligen Geistes, Amen. Ach,
meine sehr geliebte Schwester in dem Herrn M. W.,
ich kann dir nicht verhehlen (um der großen Liebe wil-
len, die wir untereinander haben durch die Erkennt-
nis Gottes, solange wir miteinander bekannt gewesen
sind), daß ich oft an dich wie auch an alle Frommen
denke, denn ich beschäftige mich damit in meinem
Herzen Tag und Nacht. Desgleichen habe ich auch ver-
nommen, daß du mit viel Betrübnis an mich denkst
und wünschest (wenn es hätte sein mögen), daß es
der Herr anders gefügt hätte, was ich aber nicht bitten
oder wünschen kann, denn ich weiß es nicht, wie er es
für mich hätte besser machen können, indem ich eine
große Traurigkeit auf mir hatte, wie du auch wohl
weißt; der gute Gott aber hat mich von dieser Last
erlöst und befreit, und das nicht allein, sondern ich
bin auch von allem Kummer frei, nicht als ob ich des
Arbeitens müde wäre, ach nein, denn wie gern hätte
ich dem Herrn dienen wollen, und wollte noch gern
dienen, wenn ich ihm nur nützlich sein könnte, aber
ich achte es so für besser, denn es muss doch einmal
geschieden sein. Ich hoffe, der Herr werde meinen
Platz wieder mit treuen Knechten ausfüllen, die mehr
Gaben von ihm empfangen haben als ich; denn es ist
dem Herrn bekannt, mit welcher Furcht, Angst und
Bangigkeit ich euch gedient, und dabei vor Gott und
euch mich so gering und unwürdig geachtet habe,
sodass ich auch meine Augen in der Versammlung
nicht wohl aufschlagen durfte; durch Gottes Gnade
aber war ich der, der ich war, und Gottes Gnade ist
auch an mir unter euch nicht ganz umsonst gewesen.
Ich habe auch meinen Dienst (wie du wohl weißt) mit
viel Tränen verwaltet; nun aber ist es (dem Herrn sei
gedankt) lauter Freude, welche Freude ich nicht wohl
erzählen kann. O meine liebe Schwester, wie ist das
Joch des Herrn so süß, wie ist seine Last so leicht auf
meinen Schultern! Ich will meinem Gott still halten,
durch seine Hilfe; es koste auch, was es will, aber
ich begehre, was du und alle Gläubigen, den Herrn
für uns bittest, solches hoffen wir auch für euch zu
tun; ich bitte nun von Herzen, daß sein Wille gesche-
hen möge. Ach, meine liebe Schwester, wandle doch
ernstlich und gottselig in der Stille, damit du bestehen
mögest! Gnade sei mit euch allen, die unsem Herrn
Jesum Christum unveränderlich lieben, Amen.
Von mir. Mattheiß Servaes, deinem B. I. H.
34 Männer und acht Weiber werden im Berner
Gebiete vor und um das Jahr 1566 getötet.
Als wir sehr begierig waren, den Zustand der gegen-
wärtigen Glaubensgenossen, die sich im Eisass aufhal-
ten, desgleichen auch, was sich zuvor unter ihnen in
Ansehung ihrer erlittenen Verfolgung zugetragen hat,
kennen zu lernen, ist uns eben (durch Vermittlung
eines unserer guten Freunde, H. Vlaming, der gegen-
wärtig in Amsterdam wohnt) ein Auszug aus einer
Schrift eingehändigt worden, welche die Ältesten und
Lehrer im Eisass hierüber aufgesetzt und hierher ge-
sandt haben, welcher (aus der hochdeutschen Sprache
übersetzt) lautet wie folgt:
Was nun diese Brüder betrifft, die im Berner Gebiete
um des Glaubens willen hingerichtet worden sind,
so sind von dem Jahre 1528 an bis ins Jahr 1566 42
Personen hingerichtet worden, unter welchen acht
Weibspersonen waren.
380
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Wir besitzen einen kurzen Auszug von ihren Na-
men und Geschlecht, desgleichen auch in welchem
Jahre und auf welchen Tag ein jeder derselben hinge-
richtet worden ist.
So weit geht der Auszug dieses Briefes, welcher von
allen Ältesten und Lehrern im Eisass mit dem Vorna-
men und Zunamen unterschrieben war, welche wir
auch hier beigefügt hätten, wenn wir nicht gefürchtet
hätten, es möchte ihnen solches gegenwärtig zu größe-
rer Verfolgung gereichen, wovon sie noch nicht ganz
befreit sind, wie (an seinem Orte) hiervon Anweisung
getan werden soll.
Hans Georgen, 1566.
In diesem Jahre 1566 ist auch der Bruder Hans Geor-
gen, ein Graf von Großenstein aus Welschland oder
Italien, als er sich in Deutschland bei der Gemeinde
(wohin er geflüchtet war) aufgehalten, und sich in sei-
nem Christentum leutselig und wohl aufgeführt hatte,
wieder einmal in Welschland gereist, wo er sein Weib
zurückgelassen hatte; er wurde aber dort angebracht
und verraten, sodass Leute von Venedig kamen, die
ihn in Verhaft nahmen; als sie aber mit ihm auf dem
Wasser waren, um nach Venedig zu reisen, haben sie
ihn ins Meer geworfen und ertränkt. Sie haben ihn
um deswillen in aller Stille über die Seite geschafft,
damit sie nicht so viel Mühe in Venedig mit ihm ha-
ben möchten, indem er von so hohem Stamme war.
Also hat er um des Glaubens willen sein zeitliches Le-
ben verlieren müssen. In Folge seines Glaubens hat er
allen Adel dieser Welt verlassen, und wollte lieber mit
dem Volke Gottes Schmach leiden, als unter den Sei-
nen zeitliche Ehre und Hochachtung genießen; darum
achtete er auch die Verachtung um des Namens Chris-
ti willen für einen großen Reichtum, weit über die
Schätze Ägyptens, oder den Adel dieser Welt; denn
er sah auf die zukünftige Zeit und ewige Belohnung,
die da groß sein wird im Himmel, und ihm, als einem
Zeugen, Nachfolger und frommen Ritter Christi, nicht
vorenthalten werden wird.
Hans Mang, 1567.
Zu Semhoffen im Schwabenlande ist im Jahre 1567
Hans Mang (seines Handwerks ein Hutmacher) um
des Glaubens und der Wahrheit Gottes willen gefan-
gen gesetzt worden, in welcher Gefangenschaft er
große und bittere Kälte ausgestanden hat, sodass er
des Nachts die Füße nicht erwärmen konnte; überdies
hat er auch noch vielen Anlockungen und Streitig-
keiten der Gottlosen widerstehen müssen. Endlich
aber ist er in dem Gefängnisse in dem Herrn entschla-
fen, hat daher Glauben gehalten, und ist bis ans Ende
darin in Geduld verharrt; darum wird er auch die
herrliche Krone des Lebens mit allen Auserwählten
Gottes erben.
Nicolaus Geyer, 1567.
In diesem Jahre 1567 ist auch der Bruder Nicolaus
Geyer, ein Müller, der ein Armendiener war, um des
Glaubens willen, zu Innsbruck in der Grafschaft Tyrol
gefangen worden. Hier haben die Jesuiten und andere
ihm auf viel- und mancherlei Weise zugesetzt, und
sind im Verhör, nach des Satans Art, grausam mit ihm
umgegangen; aber er hat sich vom Glauben nicht ab-
bringen lassen, sondern hat, als ein christlicher Held,
standhaft ausgehalten, und ist nach großer Standhaf-
tigkeit von den Kaiphas- und Pilatuskindern zum To-
de verurteilt worden. Die Pfaffen drangen auch, mit
Herodias Töchter lein sehr darauf, und wollten sein
Haupt haben, welches sie auch erlangt haben, denn er
ist mit dem Schwerte gerichtet und nachher verbrannt
worden, und hat also in dem edlen Glaubensstreite
das Feld in Christo Jesu ritterlich erhalten, als ein rech-
ter Liebhaber Gottes, dem weder Trübsal, Pein oder
Qual den Mut genommen haben; kein Wasser konn-
te seine Liebe auslöschen, kein Schwert dieselbe von
ihm absondern, noch ein Feuer sie verzehren, sondern
sie ist ihm Gottes Weg zum ewigen Leben gewesen,
denn durch die Liebe zu Gott kommen wir durch sei-
ne Gnade ins Paradies, wenn wir uns von der Liebe
nicht abführen lassen.
Karl Halling, 1567.
Karl Halling, geboren in Steinwerk, der von da, um
des Zeugnisses des Herrn willen, nach Armentiers
flüchtete, ist daselbst gefangen worden und als er bei
der Erkenntnis, der Wahrheit und seinem Glaubens-
bekenntnis standhaft bleiben wollte, wurde er von
den Herren zum Tode verurteilt, und ist also um des
Namens Gottes willen lebendig verbrannt worden.
Adrian du Rieu, 1567.
Adrian du Rieu, oder Adrian Olieur, geboren zu Ha-
lewyn, ein Diener des Wortes Gottes und seiner Ge-
meinde zu Armentiers, wurde daselbst um der Wahr-
heit willen gefangen; und als er seinen Glauben ohne
Furcht bekannte, und um keiner Pein willen davon
abwich, sondern darin stets standhaft blieb, ist er zum
Tode verurteilt und lebendig verbrannt worden.
381
Christian Langedul, Cornelius Claeß, Matthäus de
Vik und Hans Symonß, 1567.
Im Jahre 1567 den 10. August an einem Sonntag Mor-
gen ist Christian Langedul ausgegangen, um einen
Brief an seinen Bruder R. L. zu bestellen; von da hat
er sich nach einem Platze, das Schellchen genannt, be-
geben, wohin er mit einigen Brüdern beschieden war,
um einen Streit zwischen zwei Personen schlichten zu
helfen.
Als diese Versammlung auskundschaftet wurde, so
ist ein Hauptmann, Lamotte genannt, der zu der Zeit
in Antwerpen war, unter dem Vorwände dahin ge-
kommen, um einige von seinen Soldaten zu suchen.
Als er nun die Versammlung sah, hat er mit seinen
gewaffneten Soldaten (die darauf warteten) das Haus
besetzen lassen, und seinen Jungen sofort nach dem
Markgrafen gesandt. Unterdessen hat Christian mit
dem Hauptmanne französisch geredet und ihm die
Ursache ihres Zusammenkommens erzählt; während
der Zeit aber sind einige von der versammelten Ge-
sellschaft durch eine Hintertür entronnen.
Als nun der Markgraf zu Pferde ankam, und sich
mit seinem Volke ins Haus begab, hat er die Übri-
gen gefangen genommen und nach dem Steine ge-
führt; hier brachten sie ihre Zeit in ihrer Trübsal mit
Geduld bis den andern Tag zu, wo sie wegen ihres
Glaubens verhört worden sind, welchen sie zu Vie-
ren (nämlich der vorgemeldete Christian Langedul,
Cornelius Claeß, Matthäus de Vik und Hans Symonß)
ohne Furcht bekannt haben. Darauf hat man sie so
elendig gepeinigt, und ist so jämmerlich mit ihnen
umgegangen, daß sie auch den Tod nicht so sehr als
die Folter fürchteten, wie Christian in einem Briefe an
sein Weib meldet.
Als sie nun einen Monat lang in der Gefangenschaft
mit großen Verlangen zugebracht hatten, sind sie zu-
letzt zum Tode verurteilt worden, sind auch, als sie
die Nachricht empfangen hatten, daß sie sterben soll-
ten, ohne Furcht und guten Mutes gewesen; aber der
Christian hat sein Weib und seine Kinder sehr be-
klagt(wie auch fortwährend in seiner Gefangenschaft,
insbesondere aber in der letzten Nacht) und hat ihm
ihre Betrübnis großes Herzleid verursacht.
Den 13. September, auf einen Samstag, des Morgens
früh, hat man diese vier Freunde abgeholt, zwei und
zwei an einander gebunden, und sie auf den großen
Markt vor das Stadthaus gebracht, wo die Kriegsleu-
te einen Kreis geschlossen hatten; in der Mitte aber
stand ein Häuslein mit vier Pfählen, an welche sie
gebunden wurden. Hans Symonß und Matthäus gin-
gen voran, und darauf folgten Cornelius und Chris-
tian. Unterwegs sagte Christian zum Volke: Hätten
wir Lügen reden wollen, so wären wir diesem wohl
entgangen. Matthäus sagte: Ihr Bürger, daß wir hier
leiden, geschieht um der Wahrheit willen und weil
wir nach Gottes Wort leben. Hans Symonß ermahnte
seine Brüder, sie sollten diejenigen nicht fürchten, die
den Leib töten, sondern den, der die Macht hat, die
Seele zu verdammen. Unterdessen sind sie an den
Ort gekommen, wo sie ihr Opfer tun sollten. Da hat
des Scharfrichters Diener zuerst den Christian genom-
men und ihn ins Häuslein an einen Pfahl gestellt; hier
rief er seinen Brüder zu, die noch draußen standen,
und ermahnte sie, tapfer für die Wahrheit zu streiten,
worauf sie einander den letzten Kuss des Friedens ga-
ben. Nachher haben sie Cornelius auch an einen Pfahl
gestellt, sodann Matthäus und zuletzt Hans Symonß.
Die Trommeln wurden geschlagen, damit man sie
nicht reden hören möchte. Endlich hat sie der Scharf-
richter erwürgt, und Feuer in das Häuslein gesteckt.
Also haben diese vier Freunde ein seliges Ende ge-
nommen, nach des Herrn Wort: »Wer beharrt bis ans
Ende, soll selig zverden.«
Hier folgen einige Briefe, die Christian Langedul in
seiner Gefangenschaft geschrieben hat.
Christian Langeduls erster Brief an sein Weib.
Christian Langeduls erster Brief an sein Weib, ge-
schrieben den 11. August, worin er die Freude seines
Gemütes sowie seine Betrübnis um Weib und Kin-
der schildert und erzählt, wie die Gefangenen verhört
wurden:
Gnade und Friede wünsche ich euch allen euer
Leben lang von Gott, unserm himmlischen Vater,
durch Christum Jesum, in Kraft seines heiligen Geis-
tes, Amen.
Mein auserkorenes und sehr herzlich geliebtes Weib
und Schwester im Herrn, in Ansehung des Glaubens,
wie ich hoffe, durch des Herrn Gnade, und wirst es
auch bleiben bis in Ewigkeit.
Hätte ich dir eher schreiben können, ich hätte es
getan, nämlich von der großen Gnade, von der Freu-
de und dem Tröste, die ich in dieser kurzen Zeit im
Gefängnisse gehabt habe, weshalb ich den Herrn bitte,
daß er sie mir bis an mein Ende zu meiner Seligkeit
gönnen wolle. Aber große Betrübnis und Tränen habe
ich um dich, um die Kinder, um die Großmutter und
alle Freunde gehabt (das weiß der Herr) und werde
sie noch haben, ehe es zum Scheiden kommt.
Ich habe mich verwundert, und kann es noch nicht
begreifen, welch' einen Gott wir haben, denn es ist ein
Gott allen Trostes, der mich in all' meiner Anfechtung
tröstet, und ich hoffe, daß er dich auch allezeit trösten
werde, wenn dir Trost nötig sein wird.
382
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Meine sehr geliebte Frau! Sei doch getröstet in all'
deinem Leiden, welches du mit mir hast, denn die-
ser Zeit Leiden ist der Herrlichkeit nicht wert, die
an uns offenbart werden soll. Indem wir nun unsere
Wallfahrt angefangen und allezeit auf diese Unkos-
ten unsere Rechnung gemacht haben, so tröste dich
allezeit mit des Herrn Wort, wie ich auch hoffe, daß
du tun werdest; auch habe ich ein gutes Vertrauen zu
dir, daß du mich nicht mehr betrüben werdest, als ich
betrübt bin; ich weiß, daß du hierzu tapfer bist; darum
hoffe ich, der Herr werde uns bis ans Ende stärken.
Bitte den Herrn allezeit für uns, weil wir dessen benö-
tigt sind, denn das Gebet der Gerechten vermag viel,
wie ich dich denn in meinem Herzen auch für eine
Gerechte erkenne, und hoffe, dich nach diesem Leben
in dem ewigen zu sehen, wo wir nimmer voneinan-
der scheiden werden. Du wollest mir auch, falls ich
dich jemals betrübt habe, solches um des Herrn willen
vergeben, denn ich vergebe denen alles gern, die an
mir übel gehandelt haben, sodass ich auch hoffe, der
Herr werde mir alles vergeben, meine Sünden und
Schwachheit. Ich kann mich nicht genug verwundern,
noch dem Herrn für alles genug danken, was er mir
tut; er ist ein wunderbarer guter Gott, solches sehe ich
jetzt recht gut ein.
Ich berichte dir auch, daß wir heute alle vor dem
Markgrafen verhört worden sind; von uns sechs ha-
ben vier ihren Glauben freimütig bekannt; denn es
konnte nicht anders sein, Seele oder Leib muss daran;
den Herrn verleugnen oder bekennen, solches musste
geschehen.
Also haben Hans Symonß, Cornelius Schuhmacher
und Matthäus bekannt, gleichwie auch ich Unwür-
diger, und hoffe dabei, dem Herrn zum Preise, aus-
zuhalten, doch nicht durch meine eigene Kraft oder
mein Verdienst, sondern durch Gottes Kraft und Gna-
de, denn durch Schwachheit werden wir stark, das
muss ich bekennen. Darum sei guten Mutes in dem
Herrn, und wende allen Fleiß auf die Kinder, an wel-
che ich auch nicht denken darf, denn sie fallen mir
sehr schwer.
Als der Markgraf mich heute wegen meines Glau-
bens fragte und verhörte, richtete er nur eine einzige
Frage wegen der Taufe an mich; ich widersetzte mich
ihm so lange als ich konnte damit, daß ich sagte, daß
ich nur eine Taufe nach dem Evangelium und dem
Befehle und Gebote Christi erkennte; aber es hieß al-
lezeit: Sage mir nein oder ja, ob du mit deiner Kinder-
taufe zufrieden seiest, oder eine andere empfangen
habest?
Ich erwiderte, ich wüsste von der Kindertaufe
nichts zu sagen, aber damit war es nicht genug; ich
musste bekennen, daß ich eine andere empfangen hat-
te. Solches habe ich bekannt, dem Herrn sei Lob, es
hat mich auch noch nicht gereut, und ich hoffe es
wird mich nicht bis ans Ende gereuen, denn es ist die
lautere Wahrheit.
Ich muss schließen, weil ich nicht Papier genug ha-
be. Grüße mir bei Gelegenheit alle Freunde in dem
Herrn und alle anderen Freunde, dem Fleische nach,
sehr herzlich, insbesondere grüße das Großmütter-
chen und tröste sie so gut als du kannst, denn ich
habe um ihretwillen ebenso große Bangigkeit, wie um
dich und meine Kinder. Oft denke ich an meinen sü-
ßen P., aber ich bin froh, wenn er aus meinem Sinne
ist; tue in allem das Beste; ich grüße dich mit einem
heiligen Kusse des Friedens. Der Herr will, wie ich
hoffe, meine Tage verkürzen, weil er mich liebt. Ich
hoffe noch, der L. E. zu schreiben, wenn ich Zeit ha-
be; grüße sie herzlich von mir. Hiermit dem Herrn
befohlen. Geschrieben wie oben.
Von mir, deinem sehr schwachen Manne, Christian
Langedul, aus dem Gefängnisse, um des Zeugnisses
des Herrn willen.
Der zweite Brief von Christian Langedul.
Der zweite Brief von Christian Langedul, worin er
erzählt, wie grausam er gepeinigt worden und wie
sein Leib nach der Folter zugerichtet gewesen sei, und
eine Schilderung seiner festen Hoffnung und seines
Vertrauens auf den Herrn:
Mein liebes Weib, wisse, daß ich gestern um drei
Uhr dir einen Brief geschrieben habe, den ich dir
jetzt sende, weil ich ihn damals nicht bestellen konn-
te, denn kurz darauf kam der Markgraf hierher, um
uns zu peinigen; deshalb konnte ich den Brief nicht
senden, indem wir alle vier damals, einer nach dem
andern, sehr gefoltert worden sind, sodass wir gegen-
wärtig wenig Lust zu schreiben haben; doch können
wir es nicht lassen; wir müssen euch schreiben.
Cornelius Schuhmacher war der Erste, der gepei-
nigt wurde; ihm folgte Hans Symonß. Als der Haupt-
mann mit diesem in das Foltergewölbe ging, dachte
ich: Nun werden wir rechtschaffen daran müssen, um
seinen Willen zu tun; unterdessen kam die Reihe an
mich; du kannst denken, wie mir zu Mute war. Als
ich nun an die Folter zu den Herren kam, hieß es: Ent-
kleide dich, oder sage, wo du wohnst. Ich sah betrübt
aus, wie man wohl denken kann, und sagte: Wollt ihr
mich denn nachher nichts mehr fragen?, worauf sie
stille schwiegen.
Da dachte ich: Ich sehe wohl, was es sein soll, man
wird meiner nicht schonen; darauf entkleidete ich
mich und übergab mich dem Herrn zum Tode. Hier-
nächst haben sie mich jämmerlich ausgespannt und
383
gewunden; ich meine, es rissen zwei Stricke an mei-
nen Schenkeln und Schienbeinen; auch wurde ich aus-
gespannt, und es wurde mir viel Wasser in meinen
Leib, in die Nase und auch auf das Herz gegossen;
dann ließen sie mich los und fragten mich: Willst du
noch nichts sagen? Sie baten mich auch, und bald
redeten sie wieder hart mit mir; aber ich tat meinen
Mund nicht auf, so fest hatte ihn Gott geschlossen.
Darauf sagten sie: Greift ihn noch einmal rechtschaf-
fen an, was sie auch taten, und jene riefen: Fort, fort,
spannt ihn noch um einen Fuß aus. Ich dachte, ihr
könnt mich nur töten. Als sie nun mein Haupt, das
Kinn, die Schenkel und Schienbeine bedeutend aus-
gespannt hatten, ließen sie mich so liegen und sagten:
Sage, sage.
Da plauderten sie untereinander wegen meiner
Rechnung, die I. T. wegen der Leinwand geschrie-
ben hatte, die auf 655 Pfund gerechnet wurde. Darauf
sagte der Markgraf: Er versteht gut französisch, ich
aber lag in der Pein. Da hieß es abermals: Willst du
nichts sagen? Ich tat meinen Mund nicht auf. Sie sag-
ten: Sage uns wo du wohnst, dein Weib und Kinder
sind ja doch nicht mehr dort. Ich redete aber nicht ein
Wort. Sie sagten: Welch eine schreckliche Sache, so
sehr hat mir der Herr den Mund bewahrt, daß ich ihn
nicht auf getan habe; endlich, als sie es lange versucht
hatten, mich zum Reden zu zwingen, ließen sie mich
los.
Darauf trugen mich ihrer zwei, der Scharfrichter
und sein Knecht, von der Folterbank; gedenkt, wie
sie mit uns umgegangen seien, auch wie uns zu Mute
war und noch ist. Hiernächst haben sie mich aus dem
Foltergewölbe teils getragen, teils geschleppt, bis ich
hinauf in des Kerkermeisters Kammer kam; dort war
ein gutes Feuer von Eichenholz; auch gaben sie mir
ein- oder zweimal Rheinwein zu trinken, und ich kam
wieder einigermaßen zu mir selbst; als ich mich nun
etwas erwärmt hatte, schleiften sie mich hinauf über
des Pförtners Kammer; sie hatten großes Mitleiden
mit mir; sie schenkten mir abermals Wein ein, gaben
mir Kraut, und von allem, was du mir gesandt hat-
test, das mir sehr gute Dienste leistete; sie ließen Wein
holen, und halfen mir in mein Bett; aber die Leintü-
cher waren sehr grob und verursachten mir an den
Schenkeln und Schienbeinen sehr große Schmerzen;
doch kamen bald nachher die Leintücher und das
Kopfkissen an, welche du mir sandtest, und wobei
auch zwei oder drei Schnupftücher waren; dann deck-
ten sie mich mit den Tüchern zu, welche mir ebenso
nützlich waren, als das Kraut. Wären die Tücher nicht
gekommen, ich weiß nicht, wie ich es die Nacht ge-
macht hätte, so aber habe ich recht gut geschlafen;
doch kann ich noch nicht gut stehen, denn meine Fü-
ße sind von dem Ausspannen als ob sie tot wären;
doch hoffe ich durch des Herrn Gnade, daß es wohl
sein werde.
Wir haben einen solchen starken Gott, daß er mich
nicht über mein Vermögen hat versucht werden las-
sen; ich hoffe auch, er werde es fernerhin nicht tun,
solch ein festes Vertrauen habe ich zu ihm, denn ich
weiß gewiss, daß bis in Ewigkeit kein anderer Weg,
noch eine andere Wahrheit erfunden werden wird.
Darum halte an, es sei zur rechten Zeit oder zur Un-
zeit.
Deinen Brief habe ich empfangen, und danke dir
sehr, daß du meiner zum Besten gedenkst, wie du al-
lezeit getan hast. Ich habe dir in meinem ersten Briefe,
ehe ich den deinigen empfing, eine rechte Antwort
auf deinen Brief, den du mir gesandt hast, geschrie-
ben; ich hätte dir wohl noch viel zu schreiben, aber
für jetzt kann ich es nicht gut ausführen; es geht zu
schnell.
Matthäus ist nach mir gefoltert worden; er hat sein
Haus angegeben und auch die Straße, auf welcher wir
wohnen, und gesagt, in einer Winkelgasse, wiewohl
ich meine, daß keine Winkelgasse mehr in der Straße
sei; darum zieht von dort weg, wenn ihr noch nicht
ausgezogen seid, denn ich glaube, der Herr werde
dahin kommen. Lasst auch niemanden in das Haus
gehen, der in Gefahr steht, gefangen zu werden, auch
hat er R. T. Haus genannt, und auch die Straße, auf
welcher F. V. St. wohnt; eile hierin, das Beste zu tun;
aber er ist hierüber sehr betrübt.
Cornelius und Hans haben auch nichts gesagt; ich
hätte noch viel zu schreiben, aber die Zeit ist zu kurz;
ich hoffe heute noch zu schreiben, wenn es dem Herrn
gefällt. Ich hätte es gern, daß H. T. einmal heraus käme.
Ich grüße euch sämtlich sehr herzlich. Es war gut, daß
I. T. gestern fortging, denn der Markgraf kam bald
darauf; aber ich kann dir nicht viel sehr schreiben,
denn die Zeit ist zu kurz bis an den Tag.
Hiermit sei dem Herrn anbefohlen und dem Worte
seiner Gnade. Bitte doch den Herrn ernstlich für uns,
denn wer bittet, der empfängt. An die Kinder und an
dich darf ich nicht viel Denken; es fällt mir gar schwer,
davon zu scheiden. Stelle doch alle Freunde zufrieden,
so gut als du kannst, denn ich bin auch sehr zufrieden,
wiewohl ich um ihretwillen sehr betrübt bin, es ist
jedoch von dem Herrn so verordnet.
Von mir, deinem schwachen Manne, Christian Lan-
gedul, im Gefängnisse zu Antwerpen auf dem Steine,
den 12. August 1567. Ich bin nach dem Foltern noch
nicht völlig wieder hergestellt, wie man wohl denken
kann; aber ich hoffe, es wird wohl sein; betrübe dich
nicht zu sehr darüber. Es wäre mir lieb, wenn I. T.
mein Rechenbuch mitbringen könnte; ich wollte ihm
384
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
noch einmal alles zeigen oder aufschreiben; bringe
uns etwas, um Briefe damit zu verschließen.
Noch ein Brief von Christian Langedul.
Noch ein Brief von Christian Langedul, worin er den
Zustand seines Gemütes und die Nichtigkeit seiner
selbst beschreibt, auch seine Liebe zu seiner Sohnes-
Frauen zweiten Mann J. T., endlich die Furcht, die sie
hätten, noch einmal gepeinigt zu werden, und warum.
Gnade, Barmherzigkeit und Freude in dem heiligen
Geiste wünsche ich dir von Gott, unserm himmlischen
Vater durch Jesum Christum, mein auserwähltes und
sehr geliebtes Weib in dem Herrn, und allen denen,
die des Herrn Erscheinung lieb haben.
Herzlich geliebtes Weib in dem Herrn; ich hoffe,
es sei dir nun durch zwei Briefe, die ich dir gestern
geschrieben habe, und welche du, wie ich hoffe, emp-
fangen hast, zum Teil bekannt, wie es um mich stehe,
denn ich habe dir darin den Zustand meines Gemütes
einigermaßen beschrieben, welches noch unveränder-
lich ist; dem Herrn sei in Ewigkeit Lob gesagt für
seine Gnade, die er mir armen, unnützen und großen
Sünder gibt, indem ich mich selbst für unwürdig und
untüchtig zu dieser Herrlichkeit halte, wozu mich
jetzt der Herr beruft; durch mich selbst oder durch
meine eigene Kraft kann ich nicht dazu kommen, dar-
um hoffe ich, durch seine Gnade bis ans Ende bei
der rechten Wahrheit und dem Glauben zu bleiben,
welcher den Heiligen einmal übergeben worden ist,
denn ich bin gewiss in meinem Herzen, und bin des-
sen auch gewiss gewesen von der Zeit meiner Wall-
fahrt an, die nun ungefähr zwölf Jahre gedauert hat
(welches zwar eine kurze Zeit ist, die ich mit Unvoll-
kommenheit zugebracht habe), daß bis in Ewigkeit
keine andere ausgefunden werden wird. Darum hof-
fe ich allein durch des Herrn Kraft und Gnade und
nicht durch meine eigene Kraft dabei zu bleiben; ich
hoffe, durch Gottes Gnade alle diejenigen in meinem
Sterben zu erfreuen, die ich etwa jemals in meinem
Leben betrübt habe, hoffe auch, daß alle diejenigen,
die ich etwa jemals beleidigt habe, mir solches ver-
geben werden, denn ich bin doch auch allezeit bereit
gewesen allen, die mich jemals beleidigt haben es mil-
diglich zu vergeben; darum hoffe ich, daß auch alle
Menschen und der Herr dasselbe an mir tun werden.
Ich bin wegen I. T. sehr bekümmert, denn ich bin sei-
ner Gütigkeit kundig, doch will ich es dahingestellt
sein lassen, und wünsche ihm, wie ich oft getan ha-
be, den rechten Glauben; solchen muss ihm der Herr
geben, aber er muss auch darum bitten und solches
von Herzen begehren. Ach, möchte ich für ihn und
alle Freunde einen Tod mehr sterben, damit sie die
Seligkeit erlangen möchten, wie gern wollte ich es
tun. Ach I. T,! was hast du um meinetwillen getan?
Wie ich denn hoffe, daß du auch fernerhin an meiner
schwachen Frau (deiner Mutter) und meinen Kindern
tim wirst, an welche ich nicht gern denke; diese deine
Mutter ist eine Frau, die Gott von ganzem Herzen
fürchtet; gehe mit ihr um, sie wird nichts suchen, als
eurer beider Seligkeit. Bei diesem nun will ich's für
dieses Mal bewenden lassen, denn die Zeit würde
mir zu kurz fallen, diesen Brief zu bestellen. Gestern
hatte ich dir geschrieben, daß ich hoffte, dir heute
noch einmal zu schreiben, aber ich konnte es nicht
tun; Matthäus und ich lagen bis zwei Uhr im Bette, so
fürchteten wir uns, weil der Markgraf hierher kam,
um den Cornelius noch einmal zu foltern, denn wir
fürchteten auch noch einmal gepeinigt zu werden; wir
fürchten uns sehr davor, denn es ist eine große Pein;
den Tod aber fürchten wir nicht so sehr. Sie haben Cor-
nelius das zweite Mal so sehr gefoltert und gegeißelt,
daß ihn drei Männer hinauftragen mussten, welche
sagten, daß er außer der Zunge kaum ein Glied mehr
regen könne. Er hat uns sagen lassen, es käme ihm
vor, er müsste, wenn sie noch einmal kämen, darüber
zu Grunde gehen; gestern aber ist der Markgraf nicht
gekommen, wiewohl wir ihn heute wieder erwarten;
der Herr wolle uns helfen, denn es ist eine jämmerli-
che Pein. Ich habe gestern von I. C. ein Körblein mit
Essen und auch eine Schlafkappe empfangen, welche
ich dem Matthäus geliehen habe, ich hätte gern bei
Gelegenheit noch eine Schlafkappe, einen Kamm und
ein Testament, oder sonst etwas zu lesen, oder ein
Liederbuch, um uns mit dem Worte des Herrn ein we-
nig zu erquicken; einer, der das Gefängnis inwendig
verschließt, Namens Peter, wird es uns wohl besorgen.
Ich sende dir hiermit einen Denkzettel und eine Rech-
nung von W. D. B. Gestern Abends wurde uns gesagt,
daß I. T. und P. V. D. allen Fleiß angewandt hätten,
um zu mir zu kommen, aber weil der Markgraf ge-
sagt hatte, er wolle wiederkommen, so konnte es nicht
sein, wiewohl er nicht kam, sondern bei Mensfeld auf
einem großen Schmause war.
Eben, während ich hier sitze und dieses schreibe,
wird uns angesagt, daß heute der Markgraf ein pein-
liches Gericht halten werde; ich hoffe, es werde für
uns sein. Betet für uns, ich hoffe, unser Gott werde
uns durch seine Kraft, welche alles übertrifft. Stärke
verleihen. Ach, möchte es geschehen, daß wir schnell
erlöst würden, aber ich fürchte das Gegenteil.
Hiermit sei dem Herrn und dem Worte seiner Gna-
de anbefohlen, halte dich allezeit zu der Wahrheit,
wie ich auch zu dir ein solches Vertrauen habe; ich
lasse dich und alle Gottesfürchtigen mit dem Frieden
des Herrn herzlich grüßen. Matthäus tut ein Gleiches;
385
grüße mir alle Freunde bei Gelegenheit sehr herzlich,
insbesondere das Mütterchen, wenn es sich tun lassen
will. Matthäus lässt dir und allen Gottesfürchtigen
sagen, daß es ihm von Grund seines Herzens leid sei,
daß er euch dadurch betrübt hat, weil er seinen Mund
nicht besser bewahrt hat. Geschrieben in den Banden
zu Antwerpen den 18. August 1567, von mir, deinem
schwachen Manne, Christian Langedul. Tue das Beste,
sei wohlgemut und bitte für uns.
Weiterer Brief von Christian Langedul.
Noch ein Brief von Christian Langedul, in welchem
er seinen Bruder N. L. zum Aushalten in der ange-
fangenen Wallfahrt ermahnt und in seinem Gemüte
versichert, um das Gebet der Heiligen zum Aushar-
ren anhält, ihm sein Weib befiehlt und erzählt, daß ein
Pfaffe sich mit ihm ins Gespräch eingelassen habe.
Der ewige und allmächtige Gott und Vater der
Barmherzigkeit, durch seinen Sohn, unsern Herrn und
Seligmacher, derselbe allmächtige, ewige, ehrwürdige,
allein weise Gott und barmherzige Vater aller Gnade
wolle euch mit seinem heiligen Geiste stark und kräf-
tig machen, mein lieber Bruder und Schwester in dem
Herrn, auch nach dem Fleische, damit ihr die Krone
des Lebens, mit allen heiligen und auserwählten Kin-
dern Gottes, empfangen mögt; hiermit will ich von
euch in dieser Zeit einen ewigen Abschied nehmen;
ich grüße euch und alle Brüder und Schwestern in
dem Herrn, die bei euch wohnen, insbesondere aber
diejenigen, die meine Person kennen, Amen.
Mein herzlich geliebter Bruder und meine geliebte
Schwester, die ich aus Grund meines Herzens liebe,
ich bin veranlasst worden, an dem Scheidepunkte
meines Lebens euch ein wenig zum Andenken zu
schreiben; ich habe das Vertrauen, ihr werdet es mir
zu gut halten, damit es ein ewiger Denkzettel und
eine Warnung von diesem deinem zweiten Bruder
sein möge, der hier in dieser Stadt Antwerpen um des
Zeugnisses des Herrn willen in Banden gelegen hat;
ich hoffe auch, daß ich das Leben, durch des Herrn
Gnade, dafür lassen werde, und daß auch ihr, um die-
ser unserer Trübsal willen, nicht nachlassen werdet,
die wir nun um Christi Jesu willen in der Hoffnung
leiden, daß es zur Beförderung des Evangeliums und
zur Auferweckung vieler, die vielleicht schon lange
im Schlummer herumgegangen sind, geschieht (damit
sie wacker und nüchtern werden). Ich hoffe, durch
des Herrn Gnade, es werde euch solches nicht zum
Abweichen, sondern zur größeren Auferbauung gerei-
chen, hoffe auch, solches werde euch zu einer ewigen
Aufmerksamkeit in eurer Wallfahrt, die euch noch
bevorsteht, dienen, da ihr durch eine wilde Wüste
wandern müsst, in welcher euch noch vieles begeg-
nen möchte.
Darum wendet Fleiß an, und lasst euch das Böse
nicht gelüsten, folgt auch denen nicht nach, die da
murrten, sondern seht ernstlich zu, daß ihr allezeit
mit dem frommen Josua und Kaleb nach dem verhei-
ßenen Lande hinwandert und es mit Gewalt einnehmt;
seid mit des Herrn Wort zufrieden, und seht auf die
Verheißungen, denn er ist treu; ebenso wisst ihr auch,
daß die Israeliten allein um ihres Unglaubens wil-
len ausgeschlossen worden sind; darum, meine lie-
ben Freunde, glaubt Gottes Wort, bleibt dabei bis in
den Tod, dann wird Gott euch den Sieg geben, und
wiewohl sie wie Riesen erscheinen, so wollen wir sie
doch wie Brot verschlingen, und das durch unseren
Glauben, womit wir Teufel, Hölle, Tod und die Welt
überwinden. Ach geliebteste Freunde, ihr wisst bes-
ser, als ich es euch schreiben kann, wie alle Frommen
durch den Glauben überwunden haben; seht doch zu,
meine Geliebten, daß ihr nicht in der Wüste verfallt,
wie so mancher hier verfällt, sonst wäre es besser, daß
wir die Wahrheit niemals erkannt hätten, ja, daß wir
niemals geboren worden wären, denn wenn wir uns
unserer ersten Geburt verlustig machen, ach, womit
wollen wir den Segen wieder erlangen! Es steht ja ge-
schrieben, daß sie Esau mit Tränen gesucht, aber nicht
gefunden habe. Darum lasst nicht nach, sondern hal-
tet an mit Ernst, denn es ist die rechte Gnade Gottes,
worin ihr steht, was ihr, wie ich hoffe, selbst wisst;
ich zweifle auch nicht daran, es wird in Ewigkeit kein
anderer Weg gefunden werden.
Ach Bruder, wäre ein anderer, als dieser ängstliche,
enge und schmale Weg zu finden, wie gern wäre da-
mit das Fleisch zufrieden; aber es muss doch durch
die enge Pforte, und wie bange ist ihm, denn Fleisch
und Blut muss an den Pfosten hängen bleiben. Aber,
lieber und getreuer Bruder, welche große Seligkeit hat
der barmherzige Vater für mich verordnet, der ich
doch so ganz untüchtig bin; welchen großen Dank
soll ich ihm dafür sagen, daß er mich so begnadigt
und ein solche Seligkeit für mich verordnet hat; bleibt
doch dabei, meine lieben Brüder und Schwestern, und
bittet den Herrn für uns, daß er uns in unserer größ-
ten Not bewahren und uns trösten wolle, wenn wir
in unserer größten Trübsal sind und uns Hilfe und
Trost am nötigsten sein wird, wie ich denn hoffe, daß
er tun wird, denn treu ist, der es verheißen hat; er
wird es auch tun, und wird bis in den Tod bei uns
sein, auch uns nicht verlassen. Ist auch wohl jemals
jemand zu Schanden geworden, der sein Vertrauen
auf ihn gesetzt hat? Ich hoffe, er werde uns in keiner
Schmach verlassen, und durch seine grundlose Barm-
herzigkeit und Gnade das gute Werk ausführen, das er
386
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
in uns angefangen hat. Hierin helft uns doch streiten
mit euren Gebeten zu Gott für uns, das ist mein und
unserer aller Begehren; dadurch könnt ihr uns nun
am meisten helfen. Meine lieben Brüder, habt ihr um
meinetwillen einige Betrübnis, so tröstet euch darin,
denn es ist von dem Herrn ausdrücklich so verord-
net; er liebt uns, und will uns zur Ruhe bringen, solch
ein lebendiges Gefühl habe ich von dem Herrn; denn,
wenn ich eine Zeitlang von keiner Befreiung höre, so
erlange ich große Freude in meinem Herzen und Er-
quickung vom Herrn, und wenn dann wieder etwas
kommt, worauf das Fleisch genau merkt, so entweicht
die Freude bald, und wir haben viele Arbeit, ehe wir
sie wieder vom Herrn erlangen können. Darum hoffe
ich, ihr werdet euch hierin desto leichter zufrieden
geben, denn er (der Herr) will uns doch von diesem
Leibe des Todes erlösen und uns aus dieser Angst hel-
fen; der Herr müsse für seine Liebe, die er mir beweist,
und wodurch er hilft, ewig gelobt sein; ich hoffe, er
werde auch euch in seiner Wahrheit bewahren; darum
seid doch wohlgemut, und tröstet euch mit den schö-
nen Verheißungen des Herrn, mit welchen auch wir
uns kräftig trösten. Also, lieber Bruder, will ich hier
mit meinem Schreiben endigen, und bitte dich freund-
lich, daß du es aufs Beste aufnehmen wollest, es ist
aus herzlicher brüderlicher Liebe an dich und dein
liebes Weib zum ewigen Abschiede und Andenken
geschrieben; ich will auch hiermit dir für die schwe-
re Mühe und Arbeit, die du um meinetwillen gehabt
und auch für die großen Unkosten, die dir durch mich
erwachsen sind, meinen großen Dank sagen; ich kann
und mag es dir nimmermehr abverdienen oder ver-
gelten, hoffe aber, daß es der Herr hier und dort dir
und den Deinigen wieder vergelten werde, desglei-
chen auch die andere Sache, die dir wohl bewusst ist.
Ach Bruder, laß es dich nicht verdrießen, daß es mir
so ergangen ist! Gott, der alle Herzen kennt, weiß es,
daß ich es gern für dich und die Deinigen getan hätte.
Wenn es sich tun lassen will, so sei meinem Weibe
ein wenig behilflich, wenn sie deiner bedarf, solange
du hier bist, und tröste sie in ihrer außerordentlich
großen Betrübnis, worin sie gegenwärtig ist; darum
bitte ich dich freundlich.
Hiermit will ich dich dem Herrn und dem Wor-
te seiner Gnade anbefehlen; er wolle dich in seiner
Wahrheit bis uns Ende deines Lebens stark und kräf-
tig machen, zu seinem Preis, auch deiner und unserer
aller Seligkeit.
Den Nachmittag war ein kleines mageres Pfäfflein
bei uns, ich meine, er sei ein Jesuit, welcher bisweilen
in Koppekens Kirche predigt; es war ein sehr unbe-
deutender Mensch. Bei ihm war der Schultheiß, auch
verdammte er uns sehr, sonst richtete er nichts aus;
ich war etwa einige Stunden bei ihm; es wäre zu weit-
läufig, alles niederzuschreiben, er konnte nur wenig
Bescheid geben. Es kommt mir sonderbar vor, daß
sich die Herren nicht schämen, mit solchen Menschen
zu kommen, die sich doch keineswegs mit der Heili-
gen Schrift, sondern mit den Gelehrten von der römi-
schen Kirche, Ambrosius, Hieronymus und Augusti-
nus verteidigen wollen, denen wir glauben sollen; ich
bekannte, daß man es mit den apostolischen Schriften
nicht beweisen könne, daß die Apostel Kinder getauft
hätten; auch daß die Taufe den Gläubigen zukomme
und daß die Kinder keinen Glauben hätten; aber man
hörte sonst nichts, als: So haben es die alten Gelehr-
ten aufgezeichnet, auch hält es die römische Kirche
so, darum müssten wir es auch halten; wahrlich ein
kurzer Bescheid. Der andere hatte noch etwas, aber
mit diesem stand es jämmerlich, darum würde es zu
weitläufig sein, es niederzuschreiben.
Hiermit bleibe Gott befohlen. Geschrieben zu Ant-
werpen auf dem Steine, von mir, deinem schwachen
Bruder in dem Herrn und auch nach dem Fleische,
Christian Langedul, gefangen um des Zeugnisses des
Herrn und meines Gewissens willen, den 10. Septem-
ber 1567.
Der Urlaub und letzte Abschied Christian
Langeduls, geschrieben an Maeyken Raeds, sein
Weib, nachdem er zum Tode verurteilt war.
Gnade und Frieden von unserm himmlischen Vater
durch Jesum Christum wünsche ich dir, mein liebes
und auserwähltes Weib und Schwester in dem Herrn,
und der Tröster, der Heilige Geist, wolle dich in deiner
Trübsal trösten, was er auch nach seiner Verheißung
tun wird; ich hoffe auch, meine Frau, es werde den
Christen alles zur Seligkeit dienen, es sei Trübsal oder
Betrübnis, wie ich denn auch hoffe, daß es sowohl dir
als mir zur Seligkeit dienen werde, wiewohl jede Trüb-
sal, wenn sie vor Händen ist, nach des Apostels Wort,
uns nicht als Freude erscheint, nachher aber, meine
Geliebte, wird sie denen eine friedsame Frucht der Ge-
rechtigkeit wirken, die mit guten Werken das ewige
Leben suchen, wie auch wir, wie ich wohl behaupten
darf, nach unserer Schwachheit getan haben, deshalb
hoffe ich durch des Herrn Gnade die Seligkeit zu erer-
ben, und bin hierin guten Mutes, will auch dem Herrn
in Ewigkeit für seine Liebe danken. Ach Liebste, nun
muss die Presse getreten sein; ich bin auch dazu bereit,
dem Herrn sei Lob; er ist wohl recht ein Gott allen
Trostes, der uns in all' unserer Trübsal tröstet. Ach,
könnte ich dem Herrn zur Genüge danken für allen
Trost und alle Kraft, welche er mir Unmündigem gibt.
Darum, meine Geliebte, tröste dich doch in dem
387
Herrn und in seinem Worte, darin wirst du einen sol-
chen Trost und solche Erquickung finden; und der
Heilige Geist wohne in dir mit aller Weisheit, wie ich
denn nicht zweifle, daß der Geist Gottes in dir sei,
und dich in alle Wahrheit und Gerechtigkeit führen
werde.
Deinen Brief habe ich den Mittag empfangen, wofür
ich mich sehr bedanke; auch war I. bei mir, aber wir
konnten kaum miteinander reden; ich war nachher,
als ich von ihm schied, ein wenig betrübt, denn der
Kerkermeister trennte uns und sagte, daß der Herr
käme, es kam mir aber vor, als ob dem nicht so wä-
re, gleichwie es auch nicht geschah, denn der Herr
kam nicht; ich hätte wohl gewollt, wir wären nicht
so voneinander geschieden; doch der Herr muss es
geben. Sage I. T. und seinem Weibe, daß ich ihnen von
ganzem Herzen die Seligkeit gönne, und daß er und
sie, ja, alle Menschen die Wahrheit erkennen möchten.
Habe ich es ihm in Schwachheit verheißen, so hoffe
ich es morgen in der Kraft zu beweisen, durch des
Herrn Gnade. I. sagte mir, daß du noch einen Brief an
mich schreiben wolltest! Ach Liebste, ich fürchte, du
bemühst dich sehr; sei doch ruhig, denn ich werde es
nicht lange mehr tun können!
Hiermit sei dem Herrn und dem reichen Worte sei-
ner Gnade anbefohlen. Grüße mir alle Freunde sehr
herzlich mit dem Frieden des Herrn, R. Langedul,
auch deine Schwester, und wenn es sich tun lassen
will, grüße auch sehr herzlich alle Freunde, und sage
ihnen allen gute Nacht. Gute Nacht, mein liebes Schaf,
gute Nacht.
Geschrieben von mir, Christian Langedul, deinem
Manne und schwachen Bruder in dem Herrn, den 12.
September 1567 gefangen und zum Tode verurteilt,
um des Zeugnisses Christi und unseres Gewissens wil-
len. Wir vier lassen dich herzlich grüßen in dem Herrn,
sind auch getrost und wohlgemut in dem Herrn, wie
dich dessen Kalleken wohl versichern wird, welche
bei uns gewesen ist; danke meinetwegen dem R. sehr
herzlich für seinen Brief; er hat mein Herz erquickt,
der Herr sei gelobt, Amen.
Da uns von Hans Symonß, welcher im Jahre 1567
mit Christian Langedul und zwei andern unserer
Glaubensgenossen zu Antwerpen verbrannt worden
ist, ein Brief in die Hände gekommen ist, den er kurz
vor seinem Tode geschrieben hat, so halten wir es für
angemessen, denselben hier in Abschrift beizufügen.
Abschrift eines Briefes von Hans Symonß, den er
in seinen Banden zu Antwerpen auf dem Steine,
im September des Jahres 1567 an seine Ehefrau
geschrieben hat.
Gnade, Friede, Barmherzigkeit von Gott, dem himm-
lischen Vater, auch Standhaftigkeit im Glauben, und
Ausharrung bei Gott in allen Anfechtungen und Trüb-
salen, durch die Kraft und Wirkung des Heiligen Geis-
tes, welchem, als dem Gesegneten, Lob und Dank sei
in Ewigkeit.
Dieses wünsche ich dir, mein geliebtestes Weib und
Schwester in dem Herrn, die ich nach göttlicher Art
wie mein eigenes Fleisch liebe, ja, auch lieber gehabt
habe als mich selbst in Gunst und bei sonstigen Ereig-
nissen; dieses ist mein herzlicher Gruß an dich, und
daß es dir nach Seele und Leib wohl gehen möge,
Amen.
Ferner, mein liebes und sehr wertes Weib und
Schwester in dem Herrn, ich lasse dich wissen, daß ich
deinen Brief empfangen habe, welcher mir in meinen
Banden ein Tröster ist, weil ich höre, daß du meiner
und meiner Mitgefangenen in dem Herrn in deinen
Gebeten noch eingedenk bist, daß uns der Herr stär-
ken und trösten wolle, und daß er das gute Werk,
welches er in uns angefangen, durch seine Hilfe, zu
seinem Preis und unserer Seelen Seligkeit ausführen
möge.
Ach, liebes Lämmlein! Ich bitte Gott im hohen Him-
mel von Grund meines Herzens, daß er euch vor al-
lem Irrtume des Unglaubens bewahre, und daß er das
gute Werk, welches er in euch angefangen, auch zu
seinem Preis und Ehre, und zu eurer Seelen Seligkeit
ausführen helfen wolle.
Lasst uns sämtlich bitten, auch heilige Hände aufhe-
ben, mit zerbrochenem Herzen, demütigem Gemüte
und reinem Gewissen, ohne Streit und Zwietracht,
und Gott mit standhaftem Glauben anrufen, so wird
unser Gebet ein süßer Geruch und Gott ein angeneh-
mes Opfer sein, denn alle Gaben kommen von dem
Vater des Lichtes.
Ach mein liebes Weib! Nimm die Tugenden zu Her-
zen, die dir der Herr hat verkündigen lassen, wie der
Prophet sagt: »Mensch, es ist dir gesagt, was gut ist, und
was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort haben,
Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.«
Gedenke allezeit an deine Vorgänger, die in viel
Trübsal und Verfolgungen den Weg vorgewandelt
und allezeit standhaft im Glauben mit einem festen
Zutrauen geblieben sind. »Wer ist jemals zu Schanden
geworden, der sein Vertrauen auf den Herrn gesetzt hat?«,
sagt der Prophet; darum, liebes Weib, achte die große
Gnade, die dir der Herr offenbart hat, nicht gering;
388
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
halte allezeit stark an, und habe ein festes Zutrauen
zu dem Herrn, er wird dich weder verlassen, noch
ohne Trost lassen, denn in der Not steht er den Seinen
bei und sagt: »Kann auch eine Mutter ihr Kind vergessen,
so will ich dich doch nimmermehr vergessen.«
Ich bitte dich, sei getrost in deiner Prüfung, die dir
der Herr zusendet, und nimm ein Exempel an dem
Hiob, wie geduldig er gewesen, und wie ihn der Herr
gesegnet habe.
Ich hoffe, der Herr werde die Augen seiner Barm-
herzigkeit über dich und alle betrübte und beschwerte
Herzen auftun, um sie mit dem Geiste zu trösten, wo-
mit er in seinem Leiden getröstet worden ist.
Ich bin sehr beschwert und betrübt in meinem Ge-
müte, wenn ich an dich und meine vier armen Schäf-
lein denke, daß ich diese alle verlassen muss.
Ich bitte dich, Tanneken, sei ihrer, solange du lebst,
in deinem Herzen eingedenk.
Du wollest doch meine Bitte an dich nicht verges-
sen, das ist, daß du die Tage deines Lebens in dem
Gesetze des Herrn wandeln und meinen und deinen
Kindern, die uns der Herr in der Zeit unseres Ehe-
standes gegeben, ein Vorbild sein, in aller Demut und
Gehorsam, in Unterweisung der Gerechtigkeit, und
sei der Mutter der Makkabäer eingedenk, wie sie ihre
Kinder gestärkt hat, daß sie das Gesetz Gottes nicht
verlassen sollten.
Ich befehle sie dir, mein allerliebstes Weib, und dem
Herrn! Er wird dir auch helfen, seine Hand ist nicht zu
kurz, daß er uns nicht sollte helfen können, denn ein
Kind, das Gott fürchtet, ist besser als tausend gottlose
Kinder; ja, es wäre besser, ohne Kinder zu sterben, als
gottlose Kinder zu hinterlassen. Ich bitte dich, trage
gute Fürsorge für sie; ich bürde sie dir auf und dem
Herrn, denn ich bin dir und ihnen entnommen, was
mich, dem Fleische nach, sehr beschwert; aber ich
denke daran, was geschrieben steht: »Wer nicht alles
verlässt, Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Weib, Kind,
Gut, Land, Stand, ja, sein eigenes Leben, der ist meiner
nicht wert.« Summa: »Wer etzvas lieber hat, als mich, der
ist meiner nicht zvert.« Ich weiß nicht, was der Herr
an mir ersehen hat, wenn ich überlege, daß ich so
elendig und unwürdig bin, daß ich um seines Namens
willen leiden soll; dem Herrn müsse Lob und Dank
für die großen Wohltaten sein, die er mir in meinen
Banden erwiesen hat; nun finde ich es, daß der Herr
uns Unwürdigen (insbesondere mir) geholfen hat.
Dem Geiste nach ist das Herz fröhlich in der Hoff-
nung der zukünftigen Seligkeit; ich hoffe, daß ich den
sterblichen Rock bald ablegen und den unsterblichen
anziehen werde; der Herr wolle unsere Herzen da-
hin richten, denn Hilfe ist uns nötig vom Herrn der
Heerschaaren in unserer Trübsal. Siehe, meine liebe
und sehr werte Frau und Schwester in dem Herrn,
nimm mit deinen Kindlein dieses als ein Testament
und zum Andenken von demjenigen an, der mit dir
in dem Bunde des Ehestandes ungefähr eine Zeit von
fünf Jahren gelebt hat, und nun um des Bundes willen
scheiden muss, den wir mit Gott gemacht haben, näm-
lich in Ewigkeit nicht davon zu weichen. Darum muss
ich nun um des Bundes willen, den wir mit Gott ge-
macht haben, von dem ehelichen Bündnisse weichen,
und gehe nun (unwürdig) den Weg, den die Prophe-
ten und Christus und seine Apostel gewandelt sind,
durch viel Trübsal und viele Schmerzen, mit vielen
Tränen, und muss den Kelch der Bitterkeit trinken,
den sie alle getrunken haben, wiewohl der Herr selbst
sagte: »Heiliger Vater, ist es möglich, daß dieser Kelch
von mir gehe, so laß es geschehen, ist es aber nicht, Heili-
ger Vater, so geschehe dein Wille.« Also ist uns der Herr
zum Exempel gesetzt worden, daß wir seinen Fußstap-
fen in Gehorsam nachfolgen sollen, denn Christus ist
durch viel Leiden zu seiner Herrlichkeit eingegangen,
und hat uns damit ein Exempel hinterlassen, daß wir
seinen Fußstapfen nachfolgen sollen.
Darum, meine Geliebte in dem Herrn, tröste dich
mit dem Worte des Herrn, und denke einmal an das
Schreiben des Johannes, daß der Herr zu seinen Jün-
gern und zu seinen Freunden sagte: »In dieser Welt
zverdet ihr Trübsal haben, aber seid getrost, eure Trübsal
soll in Freude verzvandelt zverden.« Darum, liebe Tan-
neken, sei fröhlich in der Hoffnung der zukünftigen
Seligkeit, geduldig in Trübsal, anhaltend im Gebete,
daß dich der Herr trösten und nicht in Versuchung fal-
len lasse, sondern daneben einen Ausgang verleihen
wolle. Befiehl dem Herrn deine Sachen; ich hoffe und
habe das Vertrauen zu Gott, wenn du anders in seinen
Gesetzen bleibst und den Herrn allezeit vor Augen
hast, daß er jemanden erwecken werde, der dir helfen,
dich trösten und dir beistehen wird; sondere dich ja
nicht ab von den Gottesfürchtigen, denn wie lieblich
ist es unter des Herrn Volk zu sein, ich sage mit Mose,
daß ich lieber mit Gottes Volk Ungemach leiden, als
die zeitliche Ergötzlichkeit haben will.
Halte dich allezeit zu den Heiligen des Herrn, denn
bei den Heiligen wird man heilig, sagt der Apostel,
und denke an des Herrn Wort, wo geschrieben steht:
»Wer iiberzvindet, soll alles ererben, und soll mit zveißen
Kleidern angetan zverden, und Gott wird alle Tränen von
unsern Augen abwischen.«
Ach liebe Tanneken! Es scheint, es müssen Tränen
sein, denn wo keine Tränen sind, da kann man keine
abwischen. Der Herr gebe (gleichwie ich auch ihm
vertraue, daß er tun werde), daß wir nach dieser Trüb-
sal, die um seines Namens willen über uns genommen
ist (welche mir eine schwere Trübsal im Herzen ist).
389
uns dermaleinst in dem Reiche Christi und Gottes
miteinander erfreuen mögen.
Denn, mein liebes und sehr wertes Weib und
Schwester in dem Herrn, die ich aus meines Her-
zens Grunde samt meinen vier Kindlein liebe, es liegt
schwer auf mir, wenn ich an deine schwere Last und
an den Raub unserer Güter denke, und daß der Herr
dir deinen Versorger genommen hat; ich wollte wohl,
wenn es dem Herrn so gefallen hätte, daß er uns vor
solcher Trübsal noch bewahrt hätte; da es aber nicht
anders sein kann, so wollen wir unsere Trübsal dem
Herrn anbefehlen.
Wenn ich, Tanneken, unsere vergangene Zeit über-
lege, so denke ich, daß es eine väterliche Züchtigung
sei, denn er sagt: »Die ich lieb habe, die züchtige ich.«
Ich weiß wohl, daß wir es am Herrn wohl verdient
haben, und daß wir oft im Leiden, das uns der Herr
zugesandt hat, ungehorsam gewesen sind, als wir, wie
es denn auch wahr ist, in der Welt wenig gute Tage
hatten; wir klagten und murrten wider Gott, weil wir
keine genügende Nahrung hatten und viel Kinder be-
kamen, eben als ob die Hand Gottes verkürzt gewesen
wäre, so daß er uns nicht hätte unsere Speise geben
können; nun aber verschwindet unser zeitliches Gut
wie ein Raub, und wir müssen zufrieden sein; doch
geschieht solches um des Herrn willen, und um sei-
netwillen leide ich gern; der Herr hat es mir gegeben,
und um seinetwillen will ich es auch gern verlieren.
Darum, liebe Tanneken, habe ich dir solches früher
oft erzählt. Ich schreibe dieses nicht, um dich nieder-
zudrücken, sondern um dir zu berichten, daß uns
Gott züchtigt, wodurch er uns beweist, daß er uns
noch lieb hat; und obgleich uns der Herr züchtigt, so
laß uns doch diese Züchtigung nicht von uns werfen,
denn wer die Züchtigung und Unterweisung von sich
stößt, ist unselig.
Darum bitte ich den Herrn inbrünstig für dich, mei-
ne Geliebte, und für meine vier Kinder, die mir Gott
gegeben, die du getragen und mit Schmerzen geboren
hast, daß er dich nicht verlassen, sondern trösten, stär-
ken und dir Kraft geben, auch alle meine vier Waislein
und die Mutter, nach der Seele und dem Leibe spei-
sen wolle. Vertraue dem Herrn allezeit, ich hoffe, er
werde dich nicht verlassen; beratschlage dich mit dem
Herrn und mit denen, die den Herrn fürchten, und
nimm dich besser in Acht, daß du in dem Gehorsame
Christi wandelst; es ist mir von Grund meines Her-
zens leid, daß ich meine Zeit nicht besser angewendet
habe; auch bitte ich dich, daß du es mir zu gut halten
und vergeben wollest, worin ich dich betrübt habe,
denn es ist mir von Grund meines Herzens leid; und
worin du mich etwa betrübt hast, solches alles vergebe
ich dir von Grund meines Herzens; ich bitte auch den
Herrn, daß er es uns vergeben wolle, und hoffe und
vertraue zu ihm, daß er es getan hat; ebenso sage ich
dir für den guten Umgang, den wir während der Zeit
unseres Ehestandes miteinander hatten, herzlichen
Dank; auch danke ich allen Brüdern und Schwestern
in dem Herrn für den Umgang, den ich im Glauben
mit ihnen allen gehabt habe, denn ihre Angesichter
sind mir allezeit angenehm gewesen. Der Herr gebe
uns Gnade, daß wir dermaleinst alle bei Ihm ewig-
lich in Freuden leben und mit der Krone der Seligkeit
gekrönt werden mögen, womit alle heiligen Mitgenos-
sen Gottes werden geziert werden, und das nur aus
lauter Gnade, Amen.
Dieses ist mein Testament, meine liebe und sehr
werte Tanneken; zum Abschiede sollst du noch wis-
sen, daß das Gemüt noch unverändert in dem Herrn
steht, um (als ein Unwürdiger) mit meinem Blute
Zeugnis von Ihm zu geben, zum Zeichen, daß es die
rechte Wahrheit sei; ich weiß auch keinen andern Weg,
um selig zu werden, als aus Gnaden, der Welt zum
Zeugnis, zur Ehre Gottes und zum Heile unserer ar-
men Seelen, Amen.
Cornelius, Matthäus und Christian sind mit ihrem
Gemüte auch so bestellt. Bitte den Herrn für uns alle,
damit er das gute Werk, das er in uns angefangen hat,
uns auch zu seiner Ehre und zum Heile unserer Seelen
ausführen helfen wolle, Amen.
Bitte den Herrn für uns alle und gedenke der Ge-
fangenen, wie eine Mitgefangene. Wir alle vier lassen
dich herzlich grüßen mit des Herrn Friede, und auch
die Gesellschaft, wo du zu Hause bist.
Für jetzt nichts mehr; halte mir mein Schreiben zu
gut, denn die Sinne sind zum Schreiben etwas ver-
wirrt; sei hiermit Gott befohlen und dem reichen Wor-
te seiner Gnade, Amen.
Von mir, Hans Symonß, deinem Manne in dem
Herrn, zu Antwerpen auf dem Steine.
Ein Brief von Hans Symonß, den er zu Antwerpen
im Gefängnisse geschrieben hat, wo er den 13.
Sept. 1567 mit drei andern verbrannt worden ist.
Gnade und Friede sei mit dir von Gott unserm Vater
und unserm Herrn Jesu Christo; gesegnet sei Gott, der
Vater unsers Herrn Jesu Christi, der ein Vater aller
Barmherzigkeit und Gott allen Trostes ist, der uns in
aller Trübsal tröstet, damit wir auch diejenigen trösten
können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Tröste,
womit wir von Gott getröstet werden, denn gleich-
wie wir des Leidens Christi viel haben, so werden wir
auch durch Christum reichlich getröstet; haben wir
aber Trübsal oder Trost, so geschieht uns alles zum
Besten und zur Seligkeit. Dieses wünsche ich euch.
390
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn,
Vincent, Karl, Wilhelm und Hans Symonß, und Tan-
neken, Vincents Weib, zum herzlichen Gruße in dem
Herrn. Dieses schreibe ich, Brüder und Schwestern im
Allgemeinen, damit ihr meiner und der Trübsale und
der Angst eingedenk sein mögt, die ich in Antwerpen
um des Zeugnisses unsers Herrn Jesu Christi willen
erlitten habe, und nun, da es Zeit ist, daß ich von euch
allen abscheiden soll, Amen.
Ferner, meine lieben Brüder und Schwestern in dem
Herrn, wie auch Mithelfer und Nachfolger des Evan-
geliums, an welchen Gott in dieser Welt große Barm-
herzigkeit geübt, daß er aus Gnaden seinen Willen
offenbart hat; darum, liebe Brüder und Schwestern
in dem Herrn, ich bitte euch aus dem Grunde mei-
nes Herzens, daß ihr die Gnade Gottes nicht umsonst
empfangt, denn er sagt: »Ich habe dich zur angenehmen
Zeit erhört, und dir am Tage des Heils geholfen.« Dar-
um, liebe Brüder, lasst uns niemandem ein Ärgernis
geben, damit unser Dienst nicht gelästert werde, son-
dern lasst uns als Diener Gottes uns zeigen, mit großer
Geduld, in Not und Ängsten. Deshalb, liebe Brüder,
nehmt dieses als eine herzliche Bitte von mir auf, da-
mit ihr eures Rufes wahrnehmen mögt, wodurch ihr
zur Heiligkeit gerufen seid, denn er sagt: »Ihr sollt hei-
lig sein, denn ich bin heilig.« Desgleichen bitte ich euch
auch, erweist doch untereinander die Liebe, solange
ihr hier lebt, denn Christus sagt: »Daran erkennt man,
daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr euch untereinander
liebt.« Wenn der eine ein besseres Auskommen hat
als der andere, so steht einander bei, und entziehe
sich einer nicht dem andern, damit nicht der eine um
des andern willen betrübt werde, sondern ermahnt
euch untereinander, wenn ihr zusammen kommt, mit
dem Gesetze des Herrn, und erinnert euch allezeit
der Tage, wo ihr erleuchtet worden seid; wie eifrig
wir alle waren, als wir zusammenkamen, um von den
großen Wohltaten zu reden, die Gott an uns erwiesen
hat, indem er uns von der Macht der Finsternis zu
seinem wunderbaren Lichte berufen hat, welches in
unsern Herzen aufgegangen ist, wobei wir uns ganz
übergeben haben, alle Tage unsers Lebens dem Herrn
zu dienen, und uns selbst nicht mehr zu leben.
Ach, liebe Brüder und Schwestern, schreibt das Ge-
setz des Herrn allezeit in eure Herzen, und stellt euch
den Herrn allezeit vor Augen, dient Ihm treulich bis
an das Ende eures Lebens; denn wenn etwas Unrichti-
ges ist, wodurch das Gewissen beschwert ist, mag es
auch unbedeutend sein, der Satan sucht alles auf, was
er Vorbringen kann, damit er uns verführe oder unter-
drücke, wozu er oft Veranlassung hat, denn Jakobus
sagt: Wir fehlen alle mannigfaltig.
Darum, liebe Brüder und Schwestern, wacht auf.
und wandelt rechtschaffen auf euren Füßen, damit ihr
allezeit zu dem Evangelium des Friedens, welches uns
allein zum Frieden einladet, fertig seid, denn lieblich
sind die Füße derer, die den Herrn fürchten; scheidet
euch auch nimmermehr von der Gemeinde des Herrn,
denn sie ist der Leib Christi, und er ist seines Leibes
Heiland. Und obschon bisweilen einige darunter sind,
die dem Herrn nicht recht folgen, so denkt dann: Herr!
Um eines andern Sünde willen will ich nicht sündi-
gen, denn der Herr hat auch keinen Wohlgefallen an
der Menge der Sünden, sondern daß sich ein jeder
bekehre, alsdann soll er leben. Ich bitte euch, und alle
Brüder und Schwestern in dem Herrn, daß sie es nicht
gering achten, ihren Nächsten zu betrüben, es sei mit
Worten, Werken oder Klei der tracht; man tut es doch
bisweilen, aber man will es nicht tun, und beachtet
nicht die Unterdrückung seines Nächsten.
Ach liebe Brüder! Wie wird der Mensch im Gewis-
sen beschwert, wenn man in Haft oder Bande kommt,
oder der Herr uns von der Welt nimmt; die Zeit unsers
Hierseins ist ja sehr kurz, darum macht eure Lampen
fertig, daß, wenn der Bräutigam kommt, ihr nicht nö-
tig habt, Öl zu holen, denn die Türen werden alsdann
zugeschlossen. Was hilft es dem Menschen, wenn er
die ganze Welt gewinnt, und doch an seiner Seele
Schaden nimmt? Oder was kann der Mensch geben,
damit er seine Seele wieder löse. Darum lasst die Sün-
de in eurem sterblichen Leibe nicht herrschen, son-
dern heiligt Gott in euren Herzen, und sagt Dank dem
Vater, der euch würdig gemacht hat zum Erbe seiner
Heiligen im Lichte. Ach liebe Brüder! Wie gewiss und
wahrhaftig ist es, was wir täglich finden, daß es die
Wahrheit sei, um deretwillen wir leiden müssen, und
wiewohl ich einmal gezweifelt habe, daß es die Wahr-
heit sein sollte, so werde ich doch täglich mehr und
mehr versichert.
Ach, liebe Brüder und Schwestern, bleibt hierbei
bis ans Ende, dann wird es euch wohl gehen, und
lasst euch nicht durch die Philosophie oder durch lose
Verlockung durch eitlen Schein und subtilen Betrug
verführen, denn die Menschen sind bald von ihrer
Einfalt abgezogen, die sie in Christo haben, indem es
eine große Gnade ist, die wir von Gott empfangen
haben, daß uns die Wahrheit offenbart worden ist,
die vor so vielen Tausenden verborgen liegt. Darum,
meine liebe Brüder und Schwestern, denkt jetzt an
uns, wie viele Marter wir erlitten, wie oft wir geseufzt,
geweint und zu Gott geschrien haben, und wie viel
Tränen wir vergossen haben im Gebete zu Gott, daß
auch ihr denselben Glauben, worin ihr steht, bis ans
Ende behalten mögt.
Ach liebe Brüder, es wird uns so sauer, und der
Kelch ist so bitter, den wir trinken müssen. Ach, wie
391
ist mir so bange, bis das Kind geboren ist! Es sind
so bittere Wehen, liebe Brüder; ich sage die Wahrheit,
man kann es niemandem begreiflich machen, welche
Pein es sei, ein Kind zu gebären, als demjenigen, der
es erfahren hat; wenn es aber geboren ist, so denkt
man nicht mehr an die Pein. Ebenso ist es auch mit
mir und meinen Mitgefangenen; wir sind nun in Ge-
burtsnöten; viele Herzenswehen und Beängstigungen
des Herzens bemächtigen sich unserer, so daß wir zu
Gott um Hilfe rufen müssen, welcher uns auch tröstet,
denn er ist ein Gott des Trostes, der alle bedrückte
Herzen trösten kann, wie er auch tut; aber ich hoffe,
daß die Geburt bald vorüber sein werde, dann wer-
den wir nicht mehr an die Angst und Not denken,
auch werden dann alle Tränen, die uns jetzt oft über
die Wangen laufen, sodass wir auch bisweilen, wie
David, unser Lager mit Tränen netzen, abgewischt
werden; denn er ist treu, der es uns verheißen hat. Er
wird es auch halten; wir trösten einander kräftig mit
des Herrn Verheißungen.
Darum, liebe Brüder und Schwestern, ermahnt ein-
ander alle Tage, und seid einander Untertan in der
Liebe; ich bitte euch, liebe Brüder und Schwäger in
dem Herrn, ja, ich bitte euch, habt Acht auf meine
Schwestern, denn ihr seid über sie gesetzt, die Wacht
ist euch über sie anbefohlen; liebe Brüder, lebt bei
ihnen mit Verstand, wie ich auch das Vertrauen zu
euch habe, daß ihr tun werdet! Ich befehle sie euch
von Herzen an. Desgleichen ihr Schwestern in dem
Herrn und nach dem Fleische, ich bitte euch aus dem
Innersten meiner Seele in meinen Banden, die ich um
Christi willen erleide, daß ihr eure Männer, die euch
der Herr und seine Gemeinde gegeben, um mit ihnen
in aller Untertänigkeit und Gehorsam zu leben, in al-
ler Ehrbarkeit ertragen wollt; es geziemt den Weibern,
die Männer in Ehren zu halten, denn eine verständige
Frau ist ihres Mannes Krone, ebenso wird auch die
Frau durch den Mann geehrt und der Mann durch
die Frau. Darum bitte ich euch, liebe Schwestern, seid
euren Männern mit gutem Willen behilflich, damit
ihr eure Männer nicht kleinmütig macht. Ach, wüsste
es ein Weib, welche Mühe und Betrübnis sie einem
Manne in seiner Arbeit verursachen kann, sie wür-
de sich davor fürchten, wie vor dem Gifte, denn das
Weib kann einem Manne in seiner Arbeit Leib und
Seele aufzehren. Muntert einander auf in geistigen
und zeitlichen Dingen, und hütet euch allezeit vor
demjenigen, woraus Betrübnis entstehen kann, denn
der Satan ist listig und hat Mittel genug. Streit zu er-
regen; er umkreist die Menschen wie ein brüllender
Löwe, und sucht, welchen er verschlinge. Darum bitte
ich euch um des Herrn willen, lasst es euch zu Her-
zen gehen, was ich euch mit Seufzen schreibe; dieses
tue ich, weil ich euch und alle diejenigen von Her-
zen liebe, die den Herrn fürchten. Ich sage mit Mose,
daß ich lieber mit Gottes Kindern Ungemach leiden,
als die zeitliche Ergötzlichkeit der Sünden haben will.
Haltet euch allezeit zu denen, die Gott fürchten, und
bittet, damit euch der Satan nicht überfalle, denn der
Herr kommt, wenn man am wenigsten Achtung dar-
auf hat; solches kann ich mit meinen Mitgefangenen
wohl sagen. Ich hoffe, der Herr habe es mit uns so
verordnet, wir sind nun im Leiden; der allmächtige
Gott helfe uns durch, wie ich denn hoffe, daß er tun
werde; helft den Herrn für uns bitten, denn das Gebet
des Gerechten vermag viel, wenn es von Herzen geht.
Ich bitte euch, meine lieben Brüder und Schwestern,
habt Acht auf euch selbst; die Zeit ist kurz, und es ist
schrecklich in die Hände des Herrn zu fallen; denkt
an den Tag, wo ihr erleuchtet worden seid; wie eifrig
wir damals waren, in dem Gesetze Gottes zu wan-
deln; ich hoffe, ihr seid in allem besser unterrichtet,
als ich schreiben kann. Ich bitte euch vor allen Dingen,
habt den Herrn beständig vor Augen und liebt einan-
der von Herzen; daran wird man erkennen, daß ihr
Kinder des Allerhöchsten seid, denn die Liebe bleibt
in Ewigkeit, sie vergeht nimmermehr. Seid gastfrei,
gedenkt der Gefangenen, tröstet die Betrübten, seid
der Armen eingedenk. Ach, wie ruhig macht es das
Gewissen eines jeden, der nach seinen Verhältnissen
und Kräften gegeben hat; ich wollte wohl, daß ich
vielmehr getan hätte.
Hiermit will euch alle dem ewigen allmächtigen
Gott anbefehlen; er wolle euch alle, und auch uns ar-
me verlassene Schafe, die wir von allen Menschen
ausgesetzt sind, trösten, stärken und kräftig machen,
bis an das Ende unsers Lebens, denn es ist nicht am
Anfänge noch an der Mitte gelegen, sondern, wer bis
ans Ende ausharrt, der wird selig. Seht, liebe Brüder,
ich gehe voran, und hoffe euch unter dem Altäre zu
erwarten, wo sie rufen: »Herr, Herr, wie lange richtest
du, und rächst nicht unser Blut an denen, die auf Erden
wohnen?« Aber der Herr wird um seiner Auserwähl-
ten willen die Tage verkürzen; dann wird er sie mit
weißen Kleidern kleiden und alle Tränen von ihren
Augen abwischen; alsdann werden sie kein Leid mehr
sehen, denn es ist in keines Menschen Herz gekom-
men, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben. Hier-
mit nehme ich von euch allen einen ewigen Abschied
auf dieser Welt, und danke euch allen für den guten
Umgang, den ich in meinem Leben mit euch gehabt
habe; vergebt es mir auch, worin ich euch, oder sonst
jemanden, betrübt habe; es ist mir von Herzen leid;
ich habe die Hoffnung und das Vertrauen zu Gott, daß
er es mir vergeben habe, und wenn jemand wäre, der
auch mich beleidigt hätte, dem vergebe ich auch von
392
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Grund meines Herzens, er sei, wer er wolle. Wir vier,
die wir wegen des Zeugnisses Jesu in Banden sind,
Hans, Cornelius, Matthäus und Christian lassen euch
und alle diejenigen, die den Herrn fürchten, mit dem
Frieden des Herrn grüßen, Amen.
Der allmächtige Gott bewahre euch alle vor dem
Argen; grüßt meine Mutter, Karl und sein Weib, und
Maeyken, die mein Weib bewahrt hat. Nim gute Nacht
euch allen; dieses ist mein Testament für euch alle,
Vincent, Karl, Neelken, Wilhelm, Hans, und für eure
Weiber.
Von mir, Hans Symonß, deinem lieben Bruder, zu
Antwerpen auf dem Steine um des Zeugnisses Jesu
willen gefangen, Amen.
Dieses ist der Brief, den der Schuhmacher
Cornelius an sein Weib geschrieben hat, 1567.
Dieses ist der Brief, den der Schuhmacher Cornelius
an sein Weib geschrieben hat, als er in Banden lag, der-
selbe ist nachher mit drei andern verbrannt worden,
und hat dieses zu Antwerpen auf dem großen Markte
mit seinem Blute versiegelt, den 13. Sept. 1567:
Die Gnade und Barmherzigkeit Gottes des Vaters,
und die Liebe des Sohnes, sowie die Gemeinschaft
und der Friede des Heiligen Geistes, welcher uns vom
Vater durch den Namen unsers Herrn Jesu Christi,
zum Tröste und zur Freude aller wahren und getreu-
en Kinder Gottes gesandt worden ist, der uns auch
bewegt, lehrt und gesund macht, bewahre dein Herz,
deinen Verstand und deine Sinne in Christo Jesu, zum
Lobe und Preise seines himmlischen Vaters, und zum
Heile deiner betrübten Seele, wie auch zum Schutze
aller Brüder und Schwestern, die den Herrn fürchten
und lieben. Dieses wünsche ich dir, mein sehr herzlich
geliebtes Weib, zum herzlichen Gruße.
Ich wünsche dir, mein geliebtestes Weib, die ich mir
vor Gott und seiner Gemeinde vertraut und nach der
Ordnung des Herrn zu einem Weibe genommen ha-
be, Trost, Freude und guten Mut in all deiner großen
Betrübnis, in welche du durch meine Bande und Ge-
fangenschaft gekommen bist. Ach, mein liebes Weib,
ich bitte den Herrn ernstlich für dich, daß er dich
trösten wolle, denn ich weiß wohl, mein liebes Schaf,
daß du um meinetwillen sehr betrübt bist; aber ich
bitte dich, lege deine Betrübnis, wenn es möglich ist,
ein wenig bei Seite; tröste dich mit dem Herzoge des
Glaubens, und sieh auf den Vollender Jesum; wandle
fernerhin in aller Gerechtigkeit, nimm der Gnaden-
zeit wohl wahr, und gedenke allezeit daran, welche
große Gnade der Herr dir bewiesen hat; sei eingedenk,
welchem getreuen Gotte du dienst; er wird dich nicht
verlassen.
Ach, mein allerliebstes Schaf! Ich kann dem Herrn
wegen seiner großen Kraft und Stärke, die er mir in
all meiner Not verleiht, weder genug danken, noch
Ihn genug loben; solch ein treuer Gott ist er, der mir
solchen Mut gibt, sodass ich mit Paulus sagen kann:
»Wer wird uns von der Liebe Gottes scheiden, Angst, Not,
Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Gefahr, oder
Schwert? Wie geschrieben steht: Um deinetivillen werden
wir den ganze Tag getötet; wir werden wie Schlachtschafe
geachtet, die zum Tode geführt werden; aber in all diesem
überwinden wir weit um desjenigen willen, der uns geliebt
hat; denn ich bin gewiss, daß weder Tod noch Leben, weder
Engel noch Herrschaft, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges
noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch eine an-
dere Kreatur uns von der Liebe Gottes, die in Jesu Christo,
unserm Herrn, ist, zu scheiden vermag.«
Ach, mein liebes, Weib! Ich bitte und ermahne dich,
sei doch geduldig in deiner Trübsal und standhaft im
Gebete; denke allezeit an die schönen Verheißungen,
die uns in der Schrift so reichlich gegeben sind, wenn
wir bis ans Ende standhaft bleiben (Mt 10,22).
Ach, laß uns den Schatz, der uns gegeben ist, wohl
bewahren, damit kein Mensch uns denselben auf ir-
gendeine Weise nehme; darum sei standhaft und wer-
de nicht müde; denn wenn auch der auswendige
Mensch abnimmt, 2Kor 4,16, so wird doch der inwen-
dige von Tag zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal,
die zeitlich und leicht ist, bringt uns, die wir nicht auf
das, was sichtbar ist, sondern auf das, was imsichtbar
ist, sehen, eine über die Maßen große Freude, die ewig
ist.
Darum, mein liebes und sehr wertes Weib, lasse
doch nicht nach, dem Herrn, deinem Gotte von gan-
zem Herzen zu dienen und seinen Fußstapfen nach-
zufolgen; denn wir wissen, daß, wenn das irdische
Haus dieser Wohnung zerbrechen wird, wir einen Bau
haben, von Gott erbaut; ein Haus, das nicht mit Hän-
den gemacht ist, das ewig ist im Himmel, und daß
wir damit überkleidet werden sollen, doch so, daß
wir bekleidet und nicht bloß erfunden werden; denn
während wir in dieser Hütte sind, sehnen wir uns,
und sind beschwert, indem wir lieber nicht entklei-
det, sondern überkleidet werden wollten, damit das
Sterbliche von dem Leben verschlungen würde, der
uns aber dazu bereitet, das ist Gott, der uns das Pfand,
den Geist, gegeben hat.
Ach, mein liebes Weib! Weil wir denn eine solche
Wohnung ererben sollen, wenn wir das Fleisch able-
gen, so laß uns ohne Furcht in dem Glauben vor Gott
und seiner Gemeinde wandeln; laß dieses unsern Vor-
satz sein, daß wir von dem Herrn nicht abweichen,
noch von seiner Liebe, die er durch den Heiligen Geist
in unsere Herzen ausgegossen hat, und uns weder we-
393
gen Trübsal, nach wegen Verfolgung von Ihm schei-
den, dann wird er dir in deinem Verlangen (wenn du
aller Menschen Hilfe und Trost beraubt sein wirst) bei-
stehen und dich trösten, denn er kommt demjenigen
zu Hilfe, der aus Schwachheit sich gering achtet, und
dem Verzagten, denn er allein wohnt und will in dem
Herzen der Menschen wohnen, und will nicht, daß
wir jemanden außer Ihm dienen sollen.
Darum, mein liebes Schaf, sei fest in Ihm auferbaut
und gegründet, wie du auch unterrichtet bist, und
laß die Liebe wachsen und zunehmen in aller Ge-
rechtigkeit und Heiligkeit, die vor Gott gilt und Ihm
angenehm ist; befleißige dich allezeit in den Tugen-
den voran zu sein, und habe nicht Achtung auf den
trägen und unachtsamen Wandel, sondern sieh auf
diejenigen, die nach der Lehre Christi leben; habe mit
denselben allezeit deinen Umgang, damit du weder
links noch rechts, weder zu hoch noch zu tief dich ver-
läufst, denn viele verlaufen sich dadurch, daß einer
auf den andern sieht, wodurch sie bisweilen erkalten.
Darum, mein liebes und sehr wertes Weib, suche
allezeit das, was droben ist, und trachte allezeit mit
deinem Gemüte nach dem, was unsichtbar ist; ziehe
den alten Menschen aus, und ziehe den neuen an; ver-
leugne das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüs-
te; verändere dich durch die Erneuerung deiner Sinne,
dann wirst du der Auferstehung teilhaftig werden
(Lk 20,35). Darum wisse, daß du den alten Menschen
zuvor gekreuzigt haben musst, damit der Leib der
Sünden aufhöre; laß es dich nicht verdrießen, Gutes
zu tun; denn deine Arbeit in dem Herrn wird nicht
vergeblich sein (IKor 15,58); denn wir sind Christi teil-
haftig geworden, wenn wir den Anfang seines Wesens
bis ans Ende festhalten.
So lasse dich denn, mein liebes Weib, in deinem
Sinne oder Glauben nicht bewegen, denn es ist die
rechte Gnade Gottes, worin wir stehen, und wenn
auch ein Engel käme, sagt Paulus, der euch das Evan-
gelium anders predigen würde, als euch gepredigt ist,
so sei er verflucht; fürchte auch nicht die Menschen,
die dich von dieser Lehre abziehen wollen, denn sie
werden wie Heu vergehen (Jes 51,12); denn sie kön-
nen auch nichts tun ohne Gottes Zulassung. Darum
fürchte Gott, und demütige dich unter Ihn, denn er
wird von den Niedrigen geehrt; halte dich allezeit zu
den Kleinsten, dann wirst du in den Augen Gottes
groß sein; laß dich selbst nicht dünken, du seist et-
was, damit du dich nicht betrügst; gehe allezeit von
dir selbst aus, und achte nicht, was dir auch die Men-
schen zufügen, wenn man dir auch Unrecht tut, denn
es ist Gnade bei Gott, wenn man um des Gewissens
willen in Trübsal gerät und das Unrecht leidet. Darum
sei geduldig in allem dem, was um des Herrn wil-
len über dich kommt, damit du des Leidens Christi
teilhaftig werden und so seine Verheißungen ererben
mögest, denn die Zeit, während welcher man hier
Schmach leidet, ist kurz gegen die Freude, die an uns
zur letzten Zeit offenbar werden soll, denn wiewohl
wir hier ein elendiges Leben haben, so werden wir
doch dort viel Gutes haben; hier werden wir geachtet,
als stürben wir, aber wir gehen ein zur sichern Ruhe
und zum Frieden. Der Leib wird hier in Krankheit
gesät, aber in Kraft wird er auferstehen (IKor 15,43).
Es wird ein natürlicher Leib gesät, und ein geistiger
Leib wird auferstehen; nun muss unser Haus dieser
Wohnung zerbrochen werden, wenn wir anders das
Haus, das uns von Gott erbaut ist, erlangen sollen.
Darum fürchte nicht diejenigen, die den Leib töten,
denn sie können der Seele nicht schaden, und laß uns
um das Werk des Herrn nicht betrübt sein, sondern
(wie Christus sagt, Mt 5,12) uns darüber erfreuen und
fröhlich sein, denn wir werden im Himmel dafür be-
lohnt werden; und laß uns, wie Petrus sagt, den Herrn
in solchem Falle loben und preisen.
Ach, mein liebes Schaf! Das ist nicht gesagt, daß wir
uns betrüben sollen. Darum sei doch geduldig in dei-
ner Trübsal und leidsam in deinem Leiden, denn Pau-
lus sagt, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum
Besten dienen müssen, darum vertraue ich auch dem
Herrn, daß es dir zum Besten dienen werde. Nimm
das Leiden und die Widerwärtigkeit, die er dir zu-
schickt, geduldig an von seiner Hand, denn er wird
dich nicht über dein Vermögen versucht werden las-
sen. Sei nun geduldig im Leiden um Christi willen,
denn alle, die ohne Züchtigung sind, sind Bastarde
und keine Kinder. Jakobus sagt: »Selig ist der Mann,
der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist,
wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott denen
verheißen hat, die ihn lieb haben.«
So folge denn Christo nach, mein liebes Weib, nimm
dein Kreuz auf mit Geduld und Freude, und folge Ihm
nach die ganze Zeit deines Lebens; er hat so vieles um
unsertwillen leiden müssen, um uns selig zu machen;
darum laß uns auch um seinetwillen leiden, denn es
ist unsere Stunde. So laß uns nun um die Krone des
Lebens, die uns und denen bereitet ist, die den Herrn
fürchten und lieben, mit Freuden streiten. Darum laß
uns in Ihm zufrieden sein, unser Kreuz mit Freude
und Geduld auf uns nehmen, und mit einem festen
Vertrauen auf die Verheißungen warten, die er uns
gegeben hat, damit wir auf dem Berge Zion gekrönt
und mit Palmen geziert werden mögen und also dem
Lamme nachfolgen.
Deshalb stärke dich selbst und erwarte die Barm-
herzigkeit unsers Herrn Jesu Christi in dem ewigen
Leben. Dem aber, der dich ohne Anstoß erhalten und
394
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dich vor das Angesicht seiner Herrlichkeit mit Freu-
den stellen kann, Gott, der allein weise ist, unserm
Seligmacher, sei Ehre, Macht, das Reich und die Kraft,
nun und in Ewigkeit, Amen.
Sieh, mein liebes Weib und Schwester in dem Herrn,
weil ich dir mit meiner Gegenwart nicht länger die-
nen kann, so habe ich dir ein wenig geschrieben, um
dich zu trösten; du erhältst dieses als ein Andenken
und Testament, daß du meiner dabei eingedenk seiest,
wie ich dir vorgewandelt bin, denn ich hoffe, diesen
Brief mit meinem Blute zu versiegeln, daß es nämlich
die rechte Wahrheit sei; dafür begehre ich auch mein
Leben zu lassen, zum Preise des Herrn und zur Erbau-
ung aller derer, die den Herrn von Herzen fürchten.
Ich empfehle dich dem Herrn und dem Worte sei-
ner Gnade; er wolle dich in aller Gerechtigkeit und
Wahrheit bewahren, und obgleich wir voneinander
scheiden müssen, so weiß ich doch, und habe das fes-
te Vertrauen zu dem Herrn, daß wir in dem ewigen
Leben wieder beieinander sein werden; eine solche
Hoffnung habe ich zu dir, daß du deine ganze Le-
benszeit dich darnach richten und bequemen werdest,
damit du die Seligkeit erlangen mögest.
Hiermit sage ich dir gute Nacht, mein liebes Schaf;
gute Nacht bis in die Ewigkeit. Gute Nacht zum Ab-
schiede an alle, die den Herrn fürchten. Bittet den
Herrn für uns alle vier, daß wir dem Herrn ein gefäl-
liges Opfer tun mögen, damit unsere Seele ewiglich
erhalten werde, dazu wolle Gott, der Herr, seine Gna-
de geben, Amen.
Geschrieben von mir, dem Schuhmacher Cornelius,
gefangen um des Zeugnisses unsers Herrn Christi
willen.
Jaques Mesdag, Wilhelm Aertß, Jons Kasteei, Karl,
im Jahre 1567.
Dieser Jaques Mesdag ist den ersten März 1566 (wie er
selbst schreibt) mit noch dreien gefangen genommen
und nachher den achten November im Jahre 1567,
mit jenen zu Kortryck in Flandern um des Wortes
Gottes willen, auf dem Markte, vor dem Stadthause,
verbrannt worden, nachdem er über zwanzig Monat
mit eisernen Banden an den Füßen gesessen hatte.
Er war von Capelle te Poele, anderthalb Meilen von
Ypern; mit ihm starb auch ein Junggesell, genannt
Wilhelm Aertß, und zwei Männer, der eine genannt
Joos Kasteei, bei Kortryck, der andere hieß Karl; diese
vier waren sehr wohlgemut, haben auch die Wahrheit
tapfer bezeugt, und mit ihrem Tode befestigt.
Ein Brief von Jaques Mesdag.
Ich, Jaques Mesdag, gefangen zu Kortryck um des
Wortes Gottes und des Zeugnisses unsers Herrn Jesu
Christi willen, der ich im Jahre 1566 den ersten März
eingesetzt worden bin, wünsche dir, meiner herzlich
geliebten, sehr werten auserwählten Schwester aus
dem Grunde meines Herzens und dem Innersten mei-
ner Seele, daß es dir allezeit wohl ergehen möge und
daß du an Leib und Seele gesund seiest. Die Gnade,
Barmherzigkeit, der Friede, die Freude und Liebe mit
einer lebendigen geistigen Hoffnung und einem recht
evangelischen Sinne und Zutrauen, auch einem unge-
färbten Glauben, der durch die Liebe wirkt und die
Erleuchtung samt dem Tröste und der Gemeinschaft
des Heiligen Geistes sei dir zur Gnade von Gott, dem
himmlischen Vater, geschenkt, durch unsern Herrn
Jesum Christum, durch welchen uns die Gnade ge-
schehen ist, denn Paulus sagt, Tit 2: »Die Gnade Gottes
ist allen Menschen erschienen, lind lehrt uns, daß ivir das
ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste verleugnen
und mäßig, gerecht und gottselig in dieser Welt leben sol-
len, als solche, die die selige Hoffnung und Offenbarung
der Herrlichkeit des großen Gottes und unsers Seligma-
chers Jesu Christi erwarten, der sich für uns dahin gegeben
hat, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse, und
sich selbst ein Volk des Eigentums reinige, das zu guten
Werken fleißig wäre.« Denn er ist gekommen und hat
im Evangelium den Frieden verkündigt, uns, die fern
waren, und denen, die nahe waren; darum sind wir
nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger
mit den Heiligen und Hausgenossen Gottes, gebaut
auf den Grund der Apostel und Propheten, wovon
Jesus Christus der Eckstein ist, welchen die Bauleute
verworfen haben; derselbe hat selbst unsere Sünden
geopfert an seinem Leibe auf dem Holze, damit wir,
die wir der Sünde abgestorben sind, der Gerechtigkeit
leben möchten, durch dessen Wunden wir gesund ge-
worden sind, denn wir waren wie verirrte Schafe, aber
nun sind wir bekehrt zu dem Hirten und Bischöfe un-
serer Seelen, zu dem Könige der Könige und Herrn
der Herren, der uns geliebt hat, und uns von unsern
Sünden mit seinem Blute gewaschen, und uns zu Kö-
nigen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem
Vater, welchem sei Lob, Preis, das Reich und Dank,
von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Dieses wünsche ich dir, meine allerliebste auser-
wählte Schwester in Christo Jesu, unserm Seligma-
cher, den ich von Grund meines Herzens und aus
dem Innersten meiner Seele liebe, zum herzlichen
und freundlichen Gruße und zum ewigen Andenken.
Mein liebes Schaf, es kann sich wohl zutragen, daß
wir hier bald voneinander scheiden müssen, denn
395
es scheint, daß das grausame Tier unserm Blute sehr
nachstellt; aber ich hoffe, daß, obgleich wir hier um
des Herrn Namen willen voneinander scheiden müs-
sen, wir doch dort in dem ewigen Leben zusammen
kommen werden, wo nichts als Freude und Fröhlich-
keit sein wird, welche von Ewigkeit zu Ewigkeit wäh-
ren wird; dann werden uns die Tyrannen nicht schei-
den, noch uns irgendein Leid zufügen können, denn
nachdem sie den Leib getötet, haben sie keine Macht
mehr etwas zu tun, wie Christus selbst sagt.
Darum, meine herzlich geliebte und sehr werte
Schwester, fürchte du dich nicht vor ihren Drohun-
gen und erschrick nicht (IPt 3,14). Wie auch der Herr
durch den Propheten Jesaja in dem 51. Kapitel im 7.
Verse gesagt hat: »Hört mir zu, die ihr die Gerechtigkeit
kennt, du Volk, in deren Herzen mein Gesetz ist. Fürchtet
euch nicht, wenn euch die Leute schmähen, und entsetzet
euch nicht, wenn sie euch verzagt machen, denn die Motten
werden siefressen, wie ein Kleid, und Würmer werden sie
fressen, wie ein Wollentuch, aber meine Gerechtigkeit bleibt
ewiglich, und mein Heil für und für, denn ich bin euer
Tröster. Wer seid ihr denn, daß ihr euch vor den Menschen
fürchtet, die doch sterben müssen, und vor Menschenkin-
dern, die wie Heu vergehen.« »Denn sieh, es kommt der
Tag, der wie ein Ofen brennen soll, da werden alle Stol-
zen, die Gewalt und Unrecht tun, mit den Gottlosen wie
Stroh sein, spricht der Herr, und es wird von ihnen weder
Zweig noch Wurzel übrig bleiben; euch aber, die ihr meinen
Namen fürchtet, soll die Sonne der Gerechtigkeit aufge-
hen. «Mal 3,19-20 »Ewige Freude wird auf ihrem Haupte
sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauer
und Seufzen wird von ihnen fliehen. «Jes 51,11 »Ja, die
Gerechten werden leuchten wie die Sonne in ihres Vaters
Reiche.« Mt 13,43 »Sie wird nicht mehr hungern noch dürs-
ten; es wird auch nicht die Sonne, noch irgendeine Hitze
auf sie fallen, denn das Lamm mitten im Stidile wird sie
weiden, und wird sie zu dem lebendigen Wasserbrunnen lei-
ten, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen
und der Tod wird nicht mehr sein, auch wird weder Leid,
noch Geschrei, noch Schmerzen mehr sein. «Offb 7,16-17
»Denn wer überwindet, dem wird kein Leid mehr geschehen
von dem zweiten Tode, und er wird alles besitzen, und die
Krone des Lebens empfangen.«
Darum, o meine liebe auserwählte Schwester Su-
sanneken! Laß uns doch Christo, unserm Bräutigam,
allezeit treulich anhängen bis in den Tod, damit wir
doch dermaleinst alle die Krone des Lebens empfan-
gen und an dem großen Tage des Herrn die schöne
und liebliche Stimme hören mögen: »Kommt her, ihr
Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch von
Anbeginn der Welt bereitet ist! «Mt 25,34 Wogegen er
aber zu den andern sagen wird: »Geht von mir, ihr Ver-
fluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen
Engeln bereitet ist!« Mt 25,41
Ach, welch ein großer Unterschied wird alsdann
zwischen denen sein, die dem Herrn gehorsam gewe-
sen sind und ihn gefürchtet haben, und denen, die
ihm nicht gehorsam gewesen sind, und ihn nicht ge-
fürchtet haben! Das Los der einen wird der feurige
Pfuhl sein, der von Feuer und Schwefel brennen wird,
welches der zweite Tod ist (Offb 21,8); das Los der
andern aber wird das ewige Leben sein (Joh 3,16);
denn wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird
es zum ewigen Leben erhalten (Joh 12,25); auch hat
Christus ferner gesagt (Mt 16,25), wer sein Leben um
meinetwillen verliert, der wird es finden oder erhal-
ten. Darum, meine herzlich geliebte und sehr werte
Schwester, die ich ja von ganzem Herzen wert und
lieb habe, laß uns doch hierin guten Mutes und getrost
sein in dem Herrn, wenn uns auch die Tyrannen unser
zeitliches Leben nehmen um des Herrn Namens wil-
len (Mt 10,28), und uns voneinander scheiden, denn
wir wissen, sagt Paulus (2Kor 5,1 ), daß, wenn unser ir-
disches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, wir einen
Bau von Gott erbaut haben, ein Haus nicht mit Hän-
den gemacht, sondern das ewig ist im Himmel, dessen
Baumeister und Schöpfer Gott ist (Hebr 11,10).
Ach, meine liebe und sehr werte Schwester! Hät-
ten wir diesen Leib unseres irdischen Hauses hier
abgelegt in Jesu Christo, daß wir daheim bei ihm
wären, der unsern verworfenen Leib verklären wird,
daß er ihn dem Leibe seiner Klarheit gleich mache
(Phil 3,21 ); denn wir haben hier keine bleibende Stätte
(Hebr 13,14), sondern wir suchen die zukünftige, wie
der Apostel sagt.
Ach, daß wir daselbst wären in der schönen ange-
nehmen Stadt, die aller Güter voll ist, welche weder
der Sonne noch des Mondes, oder des Lichtes der Ker-
zen zu ihrer Leuchte bedarf, denn des Herrn Klarheit
erleuchtet sie, und das Lamm ist ihr Licht, und sie wer-
den von Ewigkeit zu Ewigkeit regieren (Ojfb 21). Aber
hier müssen wir zuvor auf dem schmalen Wege wan-
deln, gleichwie Christus selbst gesagt hat (Mt 7,14),
ehe man dahin gelangen oder kommen kann, denn
die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Ver-
dammnis führt, und viele sind, die darauf wandeln;
aber die Pforte ist eng und der Weg schmal, der zu
dem ewigen Leben führt, und wenige sind, die ihn
finden, und (leider) noch wenigere, die darauf zu wan-
deln begehren, weil es dem Fleische bisweilen etwas
schwer fällt; denn es ist denen hier in dieser bösen
Welt sonst nicht viel verheißen als Trübsal und Lei-
den, die den schmalen Weg in der Nachfolge Christi
zu gehen begehren und, nach ihrem schwachen Ver-
mögen, gottselig wandeln wollen (in dem Tränentale),
denn Paulus sagt ja, 2Tim 3,16: »Alle, die gottselig le-
396
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden.«
Denn die Wahrheit fällt auf der Gasse, und das Recht
kann nicht einhergehen, und die Wahrheit ist dahin,
und wer vom Bösen abweicht, muss jedermanns Raub
sein.
Ach, meine auserwählte und in Gott geliebte
Schwester! Es hat uns der Herr so viel Gnade gege-
ben, daß wir den Weg der Gnade gefunden haben, das
ist die rechte Gnade Gottes, worin ihr steht, sagt Pe-
trus. Ach, laß uns doch allezeit treulich darin wandeln
bis ans Ende, nach unserm kranken und schwachen
Vermögen, wenn wir auch hier eine kurze Zeit um
des Namens Christi willen Trübsal und Leiden haben,
denn durch viel Leiden müssen wir ja in das Reich
Gottes eingehen. So sagt auch Christus selbst: »In der
Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt
überwunden!« Ferner sagt er auch: »Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch, ihr werdet weinen und heulen, aber die Welt
wird sich freuen; doch wenn ihr auch betrübt seid, so soll
doch eure Traurigkeit in Freude verwandelt werden, denn
ein Weib, wenn sie gebärt, hat Traurigkeit, weil ihre Stunde
gekommen ist; wenn sie aber das Kind geboren hat, so denkt
sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, weil
ein Mensch zur Welt geboren ist. Also habt ihr nun auch
Traurigkeit, aber ich will euch wieder sehen, und euer Herz
soll sich freuen, und niemand soll eure Freude von euch
nehmen.« Ebenso sind wir nun auch schwanger und
in Kindesnöten, daß wir kaum Atem holen können,
wie auch bei dem Propheten Jesaja steht; aber, wenn
wir alle Angst und Trübsal ausgeboren und unsern
Leib in dem Herrn abgelegt haben werden, so werden
wir uns auch endlich mit unaussprechlichen Zungen
erfreuen, wenn wir auch hier in den Wehen sind, mei-
ne liebe und sehr werte Schwester, um des Namens
willen, nämlich eine kurze Zeit in Angst und Leiden,
und von allen Menschen gehasst sein müssen, denn
Christus sagt selbst, Mt 10,22: »Ihr werdet um meines
Namens willen von allen Menschen gehasst werden; wer
aber standhaft bleibt bis aus Ende soll selig werden.« So
sagt auch Paulus, Phil 1,29: »Denn euch ist gegeben, um
Christi willen zu tun, daß ihr nicht allein an ihn glaubt,
sondern auch um seinetwillen leidet.«
Aber meine sehr liebe und auserwählte Schwester
in dem Herrn, die ich mit rechter ungeheuchelter, gött-
licher und brüderlicher Liebe liebe, es wird uns der-
maleinst dort doch alles nichts schaden, was wir hier
um des Namens Christi willen erlitten haben, indem
er uns reichlich und mit Freuden belohnen wird; denn
gleichwie des Leidens Christi viel über uns kommt, so
werden wir auch durch Christum reichlich getröstet.
»Das ist ja genüsslich wahr, sagt Paulus ferner, sterben wir
mit Ihm, so werden wir auch mit Ihm herrschen, verleugnen
wir Ihn, so wird er, uns auch verleugnen.« 2Tim 2,11-12
Wenn wir aber Ihn vor den Menschen bekennen, so
wird er uns auch vor seinem Vater bekennen, der im
Himmel ist, wie Christus selbst sagt.
Darum, mein liebes Schaf, laß uns doch allezeit
ernstlich Zusehen und uns hüten, daß wir Christum,
unsern Bräutigam, hier keineswegs verleugnen, die
Menschen mögen uns auch Leiden zufügen so viel
sie wollen, denn die Zeit, die man hier ist, ist doch
kurz in Vergleichung mit der Ewigkeit, und wenn wir
auch lebenslänglich um des Herrn Namen willen in
einem dunklen Loche liegen müssten, so kann man es
doch nicht mit der Ewigkeit und Herrlichkeit, die an
uns offenbar werden soll, vergleichen, denn Paulus
sagt, Rom 8,18: »Ich halte, daß dieser Zeit Leiden mit der
Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll, nicht zu ver-
gleichen sei.« »Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht
ist, bringt eine ewige und über die Maßen gewichtige Herr-
lichkeit uns, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das
Unsichtbare sehen, denn zvas sichtbar ist, das ist zeitlich,
was aber unsichtbar ist, das ist ewig.« 2Kor 4,17-18
So laß uns denn, ach, meine liebste Schwester, nicht
auf das, was zeitlich und vergänglich ist, sehen, son-
dern laß uns doch allezeit uns selbst gänzlich verleug-
nen und täglich unser Kreuz auf uns nehmen, und
Christo treulich und willig in allem nachfolgen, was
uns Vorkommen mag, um seines heiligen und herrli-
chen Namens willen; laß uns auf die Belohnung und
die schönen Verheißungen sehen, die ewig währen sol-
len. Laß uns doch uns selbst allezeit mit den schönen
Verheißungen des Herrn trösten, die er den Seinen
gegeben hat, die Ihn fürchten und lieben, und Ihm in
allem gehorsam sind bis ans Ende.
Darum, meine liebe und sehr werte Schwester Su-
sanneken, laß uns doch allezeit in allen Dingen Ihm
gehorsam sein, um seinen göttlichen Willen nach un-
serm schwachen Vermögen bis ans Ende zu erfüllen,
und allezeit mit großer Geduld und Leidsamkeit sei-
ne schönen Verheißungen erwarten, gleichwie alle
frommen Männer getan haben, die im Glauben ge-
storben sind, und die Verheißungen nicht erlangt, son-
dern sie von weitem gesehen, sich ihrer getröstet und
denselben angehangen, auch bekannt haben, daß sie
Gäste und Fremdlinge auf Erden wären; diese haben
Spott und Geißel, Bande und Gefängnisse erduldet,
sind auch gesteinigt, zerhackt, durchstochen und mit
dem Schwerte getötet worden; sie sind in Pelzen und
Ziegenfellen umhergegangen und haben mit Mangel,
Druck und Ungemach, deren die Welt nicht wert war,
gekämpft; sie sind flüchtig geworden und haben in
Wüsten und Höhlen zugebracht, sind aber nichtsde-
stoweniger ihrem Gott gehorsam gewesen. Durch den
Glauben wurde Abraham gehorsam, als er gerufen
wurde um auszugehen in das Land, das er zum Erbe
397
empfangen sollte; er ging aus, und wusste nicht, wo er
hinkommen würde. Durch den Glauben ist er in dem
Lande der Verheißung ein Fremdling gewesen und
wohnte wie in einem fremden Lande, mit Isaak und
Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Hütten,
denn er erwartete eine Stadt, die einen Grund hatte,
deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Durch den
Glauben wollte auch Mose, als er groß ward, nicht
ein Sohn der Tochter Pharaos genannt werden, und
wählte lieber, mit dem Volke Gottes Ungemach zu
leiden, als die zeitliche Ergötzlichkeit der Sünden zu
haben, und achtete die Schmach Christi für größeren
Reichtum, als die Schätze Ägyptens, denn er sah auf
die Belohnung.
So laß uns denn, meine herzlich geliebte und sehr
werte Schwester, Gott, unserm himmlischen Vater, al-
lezeit gehorsam sein bis in den Tod, und auch, wie
Mose tat, lieber wählen, mit dem Volke Gottes hier
in diesem Tränentale eine geringe Zeit Ungemach zu
leiden, und auf die schöne Belohnung, die endlich
dort kommen soll, zu sehen, denn es hat kein Auge
gesehen und kein Ohr gehört, und ist auch in keines
Menschen Herz gekommen, was Gott denen bereitet
hat, die ihn lieben (IKor 2,9). Ach sieh, meine liebe
Schwester, wie reichlich werden diejenigen belohnt,
die Gott lieben und fürchten. Ach sollten wir denn den
Herrn nicht fürchten und von ganzem Herzen lieben,
der uns doch so reichlich lohnen wird; es wird nicht
ein einziges Wort von seinen Verheißungen fehlschla-
gen, denn er ist so treu, der sie uns gegeben hat, wenn
wir auch hier eine kurze Zeit um des Namens Christi,
unsers Herrn, willen Trübsal und Verfolgung leiden
müssen. Denn haben die heiligen Männer, Prophe-
ten und Apostel, ja, Christus selbst, der unser Haupt
und Meister ist, leiden müssen, um wie viel mehr ge-
bührt uns, die wir doch arme, sündhafte, gebrechliche
Menschen sind, zu leiden, wollen wir anders, als ein
kleines Glied an seinem Leibe erfunden werden; denn
es sind ja die Glieder nicht besser als das Haupt; eben-
so ist auch der Knecht nicht mehr als sein Herr, wie
Christus selbst sagt: »Haben sie mich verfolgt, so werden
sie euch auch verfolgen, haben sie mein Wort gehalten, so
werden sie das eure auch halten, und wenn euch die Welt
hasst, so wisst, daß sie mich vor euch gehasst hat. Wärt
ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb, weil ihr
aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch von der
Welt erwählt habe, so hasst euch die Welt.« Ferner sagt
Johannes in seinem Sendbriefe: » Verwundert euch nicht,
meine Brüder, daß euch die Welt hasst, wir wissen, daß wir
von dem Tode zum Leben übergegangen sind.«
Sieh, mein liebes Schaf, wie es uns vorausgesagt
worden ist, daß wir von der Welt gehasst und ge-
schmäht werden müssen, so verwundere dich denn
nicht, daß uns solches auch in dieser bösen, argen,
verkehrten und blinden Welt um des Namens Chris-
ti willen widerfährt, sondern laß uns darüber uns
freuen, daß wir des Leidens Christi teilhaftig gewor-
den sind, damit wir auch in der Zeit der Offenba-
rung seiner Herrlichkeit große Freude und Wonne
haben mögen, wie der Apostel Petrus sagt: »Selig seid
ihr, wenn ihr geschmäht werdet über den Namen Chris-
ti. «IPt 4,14 Auch sagt Christus: »Selig seid ihr, wenn
euch die Menschen schmähen und verfolgen, und um mei-
netwillen allerlei Übles nachreden, wenn sie daran lügen,
seid fröhlich und getrost, denn euer Lohn wird groß sein
im Himmel.« Ferner sagt er: »Selig sind, die hier wei-
nen, denn sie werden lachen. «Lk 6,21 Ach siehe, meine
herzliebe auserwählte Schwester, welche tröstlichen
Worte sind es abermals für diejenigen, die hier um des
Namens Christi willen verschmäht und verfolgt wer-
den, und Trübsal und Leiden haben. Ach wie sollten
wir uns über das betrüben, oder matt und schwach
werden können, was uns um des Namens Christi wil-
len widerfährt, weil nachher ein so großer Trost und
Lohn allen denen dafür verheißen ist, die Ihm treu
sind bis in den Tod, wie Ojfb 2,10 geschrieben steht:
»Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des
Lebens geben.« Ach, mein liebes Schaf, tröste und er-
freue dich doch über die trostreichen Schriften, die
uns zur Erquickung unseres Gemüts und Glaubens
hinterlassen sind, selbst wenn du von einer Stadt in
die andere verfolgt und verjagt wirst, und sie dir um
des Namens Christi willen Drangsal und Leiden an-
tun, wie solches leicht geschehen kann, wie ich denn
höre, daß das grimmige und grausame Tier wieder-
um anfängt, sich über das kleine Häuflein des Herrn
bedeutend zu erheben und empor zu schwingen, aber
sie haben doch nicht mehr Macht, als ihnen der Herr
zulässt, wenn sie sich auch noch so sehr erheben und
rasen, als ob sie das kleine Häuflein gänzlich vertilgen
wollten, wie solches aus ihrem Vorhaben zu ersehen
ist; aber der Herr hat alles in seiner Hand; derjenige,
der den Rat der Gottlosen vernichten kann, der wird
es, wie ich hoffe, nach seinem göttlichen Willen wohl
verordnen; laß uns nur allezeit ein festes Vertrauen zu
Ihm haben, auf Ihn hoffen und unsere Sorge ganz auf
Ihn werfen, denn er ist es, der für uns sorgt, sagt der
Apostel Petrus; denn welchen von denen hat der Herr
jemals verlassen, die Ihm fest vertraut haben? Wer
ist jemals zu Schanden geworden, der auf den Herrn
gehofft hat? Und wer ist jemals verlassen worden, der
in der Furcht Gottes geblieben ist? Oder wer ist jemals
von Ihm verschmäht worden, der Ihn angerufen hat?
Kann auch ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie
sich nicht über den Sohn ihres Leibes erbarme? Und
wenn sie desselben vergessen wird, so will ich doch
398
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
deiner nicht vergessen, spricht der Herr durch den
Propheten; so sagt auch Christus, Joh 14,18: »Ich will
euch nicht als Waisen lassen.«
So laß uns denn, meine Geliebteste, allezeit ver-
gnügt und mit demjenigen wohl zufrieden sein, was
vorhanden ist, denn er hat gesagt: »Ich will dich we-
der verlassen noch versäumen, darum dürfen wir sagen:
Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten; was
sollte mir ein Mensch tun, denn wer an Ihn glaubt, soll
nicht zu Schanden werden; und ist Gott für uns, wer mag
wider uns sein? Der seines eigenen Sohnes nicht verschont,
sondern Ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns
mit Ihm nicht alles schenken?«, sagt Paulus. »Wer will
die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der
gerecht macht, wer will verdammen? Christus ist hier, der
gestorben ist, ja, viel mehr, der auch auferweckt ist, und zur
rechten Hand Gottes sitzt und für uns bittet. Wer will uns
denn scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal, oder Angst,
oder Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Gefahr,
oder Schzvert? Wie denn geschrieben steht: Lim deinetwil-
len werden wir den ganzen Tag getötet; wir sind geachtet
wie Schlachtschafe, aber in all diesem überwinden wir weit
um seinetwillen, der uns geliebt hat, denn keine Kreatur
mag uns von der Liebe Gottes scheiden, die in Christo Jesu
ist, unserm Herrn.« Darum nun, ach meine herzlich
geliebte und werte Schwester, wenn du nach dem Gu-
ten trachtest, wer ist es, der dich daran verhindern
kann? Fürchte dich doch nicht vor ihrem Dräuen, und
erschrick nicht, wenn sie dich auch verfolgen und dir
Leiden und Trübsal zufügen; denn es ist besser, daß
du, wenn es Gottes Wille ist, um des Wohltuns willen
leidest, als um Übeltat willen; denn das ist Gnade,
wenn jemand um des Gewissens willen zu Gott das
Arge erträgt und das Unrecht leidet; denn was ist das
für ein Ruhm, sagt ferner Petrus, wenn ihr um Misse-
tat willen Streiche leidet; aber wenn ihr um Wohltat
willen leidet, das ist Gnade bei Gott. Dazu seid ihr
berufen, indem auch Christus einmal für uns gelitten
und uns ein Vorbild gelassen hat, daß ihr seinen Fuß-
stapfen nachfolgen sollt, welcher keine Sünde getan
hat; es ist auch kein Betrug in seinem Munde erfun-
den; er schalt nicht, als er gescholten ward, er dräute
nicht, als er litt. Er stellte es aber dem anheim, der
recht richtet. Darum, meine liebe Schwester, laß uns
doch immer Fleiß anwenden, daß wir allezeit Ach-
tung auf uns geben, und Christi Fußstapfen bis ans
Ende nach unserm geringen und schwachen Vermö-
gen nachfolgen, und wenn sie uns um der Wahrheit
willen verfolgen und Leiden antun, so laß uns auch
die Rache dem anheimstellen, der recht richten wird,
vor welchem alle Dinge entdeckt und offenbar find,
und laß uns für diejenigen bitten, wie uns Christus
selbst lehrt, die uns verfolgen und uns Leiden zufü-
gen, damit sie sich bessern und von aller ihrer Bosheit
zur rechten Wahrheit bekehren möchten, damit sie
auch alle selig werden und ruhig und still in aller
Gottseligkeit und Ehrbarkeit leben möchten, denn das
ist gut und auch angenehm bei Gott, unserm Seligma-
cher, der es will, daß alle Menschen selig werden und
zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, sagt Paulus
lTim 2,3-4; denn er ist langmütig, und will nicht, daß
jemand verloren werde, sondern daß sich jedermann
bekehre (2 Pt 3,9). Aber sie wollen sich nun nicht bes-
sern, noch von allem Bösen zu der Erkenntnis der
Wahrheit bekehren, denn sie haben noch Lust daran,
daß sie das Völklein des Herrn verfolgen, und haben
Lust, unschuldiges Blut zu vergießen, wie der Prophet
sagt Jes 59,7-8: »Ihre Füße laufen zum Bösen, und sind
schnell, unschuldiges Blut zu vergießen; ihre Gedanken
sind Mühe; ihr Weg ist eitel Verderben und Schaden; sie
kennen den Weg des Friedens nicht, und ist kein Recht
in ihren Gängen, sie sind verkehrt auf ihren Straßen; wer
darauf geht, hat nimmer Frieden.« So sagt auch Paulus
Röm 3,13-18: »Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren
Jungen handeln sie triiglich, Otterngift ist unter ihren Lip-
pen; ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße
sind schnell, Blut zu vergießen; in ihren Wegen ist eitel
Unfall und Herzleid, und den Weg des Friedens wissen sie
nicht; es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.« Sol-
ches kann man an allen Ecken und Enden sehen und
hören, daß es zu beklagen ist, daß so viele verführt
sind, und so jämmerlich auf dem breiten Wege laufen,
und haben sich von dem rechten Wege der Wahrheit,
der zu dem ewigen Leben führt, verloren, und was
noch mehr ist, sie wollten auch noch gern diejenigen
verhindern, wenn sie könnten, die sich zu dem Wege
der Wahrheit bekehren wollen, aber sie werden es der-
maleinst sehr beklagen, wenn sie sich nicht bekehren,
wiewohl es leider dann zu spät sein wird, wenn sie zu
den Bergen und Steinfelsen sagen werden: »Fallt auf
uns und bedeckt uns vor dem Angesichte dessen, der auf
dem Stuhle sitzt, und vor dem Zorne des Lammes, denn
es ist der große Tag seines Zorns gekommen, und wer mag
bestehen? «O ffb 6,16-17 Dann wird man (sagt Jes 2,19)
in der Felsen Höhlen gehen und in der Erde Klüfte,
vor der Furcht des Herrn und vor seiner herrlichen
Majestät, wenn er sich aufmachen wird, das Erdreich
zu schrecken; auch steht in der Offenbarung Johannes:
»In denselben Tagen werden die Menschen den Tod suchen
und nicht finden, und werden begehren zu sterben, und
der Tod wird von ihnen fliehen. «O ffb 9,6 »und werden
mit Feuer und Schwefel gequält werden, vor den heiligen
Engeln und dem Lamme, und der Rauch ihrer Qual wird
aufsteigen von Ewigkeit zu Ewigkeit; sie haben auch keine
Ruhe, weder Tag noch Nacht, die das Tier und sein Bild
angebetet haben, und wenn jemand das Malzeichen seines
399
Namens angenommen hat; und wer nicht in dem Buche des
Lebens aufgezeichnet steht, der wird in den feurigen Pfuhl
geworfen. «Offb 14,11 Dann werden sie dafür belohnt
werden, weil sie hier so sehr über das kleine Häuflein
geherrscht und nach ihres bösen Herzens Gedanken
gelebt, und das Volk gequält, verfolgt und getötet
haben, welches nach seinem geringen Vermögen ge-
sucht hat, nach des Herrn Wort und Lehre zu leben.
Denen aber, die um der Wahrheit und des Wortes Got-
tes willen gelitten haben, wird es alsdann besser und
glücklicher ergehen, als denen, die sie verfolgt und
ihnen Drangsal und Leiden zugefügt und in Bosheit
und Übeltat gelebt haben; denn der Herr wird zu ih-
nen sagen: »Ich weif nicht , von wannen ihr seid, geht von
mir, alle ihr Übeltäter, wo Heiden und Zähneklappern sein
wird!« »Denn nicht alle (sagt Christus ferner, Mt 7,21),
die zu mir sagen: Herr, Herr, werden ins Himmelreich kom-
men, sondern die den Willen meines Vaters tun, der im
Himmel ist.«
Ach, meine herzlich geliebte und sehr werte
Schwester, laß uns allezeit Sorge tragen, und unser
selbst wahrnehmen, daß wir des Vaters Willen bis ans
Ende nach unserem geringen Vermögen erfüllen, da-
mit wir nicht mit den andern hören mögen: »Gehet von
mir, all' ihr Übeltäter!«, und nicht ihres Lohns in dem
feurigen Pfuhle teilhaftig werden, der von Feuer und
Schwefel brennen wird, welches der andere Tod ist
(Offb 21,8), sondern daß wir mit allen auserwählten
Kindern Gottes in das Reich der Himmel kommen
mögen, welches von Ewigkeit zu Ewigkeit wahren
wird. Ach, alsdann wird es uns allen nichts schaden,
daß wir hier um des Herrn Namen willen Verfolgung,
Trübsal oder Leiden auf eine kleine Zeit erlitten haben.
Ach, meine Geliebteste, sei doch allezeit standhaft
und geduldig in allen Trübsalen und Leiden, die da
um des Namens Christi willen über dich kommen
möchten, und laß uns allezeit fleißig wachen und be-
ten, und uns auf die Zukunft Christi zubereiten; laß
uns stets ablegen, was uns beschwert, und die Sünde,
die uns immer anklebt und träge macht, und laß uns
mit Geduld in dem Kampfe laufen, der uns verord-
net ist, und auf Jesum, den Anfänger und Vollender
des Glaubens, sehen, welcher, obwohl er hätte Freude
haben können, das Kreuz erduldete und der Schande
nicht achtete und zur Rechten auf dem Stuhle Gottes
gesessen hat. Gedenke an den, der ein solches Wider-
sprechen von den Sündern wider sich erduldet hat,
daß du nicht in deinem Mute matt werdest (Hebr 12,1-
3), und von dem Wege der Wahrheit und von der
Liebe Christi ablassest, die Menschen mögen auch mit
dir umgehen, wie sie wollen, sondern gedenke alle-
zeit an die große Liebe Christi gegen uns, wie viel er
für uns arme sündhafte Menschen an dem Holze des
Kreuzes erlitten, und wie er sein Blut für uns vergos-
sen habe, um uns zu erlösen und selig zu machen, wie
uns die vier Evangelisten bezeugen; denn er trug un-
sere Krankheiten und lud auf sich unsere Schmerzen,
damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden
sind wir geheilt (Jes 53,5).
Ach, meine liebe und sehr werte Schwester! Hat
uns Christus so geliebt, daß er für uns im Fleische
gelitten hat, so laß uns auch mit demselben Sinne uns
wappnen, wie Petrus sagt; dasselbe sagt auch Pau-
lus, Phil 2,5-8: »Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus
gesinnt war, welcher, obzvohl er in göttlicher Gestalt war,
es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern er
hat sich erniedrigt und Knechtsgestalt angenommen, und
ist wie ein anderer Mensch geworden und an Gebärden
als ein Mensch erfunden; er hat sich selbst erniedrigt und
ward gehorsam bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze.«
Und obgleich er der Sohn des lebendigen Gottes war,
Mt 16,16 und Joh 6,69, so hat er doch in dem, das er litt,
Gehorsam erlernt, Hebr 5,8, denn er hat selbst gesagt,
Joh 6,38: »Ich bin vom Himmel gekommen, nicht, daß ich
meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich
gesandt hat.« Gleichwie auch Christus sagt, als er sei-
nen himmlischen Vater bat, daß er den bitten Kelch
von Ihm nehmen wolle: »Nicht mein, sondern dein Wille
geschehe!«
Ach sieh, mein liebes Schaf, wie Christus, unser
Haupt, sich gedemütigt und erniedrigt und wie er
sich selbst verlassen habe und seinem himmlischen
Vater gehorsam gewesen sei bis zum Kreuzestode, wie
er um unsertwillen arm geworden sei, damit er in al-
len Dingen uns ein Beispiel sein möchte, er (IPt 2,21),
der uns auch mit dem Leibe seines Fleisches durch
den Tod erlöst oder versöhnt hat (Kol 1,21-22), und
wir haben die Vergebung der Sünden durch sein Blut
nach dem Reichtum seiner Gnade. So laß uns denn,
meine liebe Schwester, Christum wieder lieben bis in
den Tod, und allezeit in der Liebe wandeln, gleichwie
uns auch Christus geliebt und sich selbst für uns zum
Opfer und zur Gabe, Gott zum süßen Gerüche, dahin-
gegeben hat (Eph 5,2). Darum lasst uns auch uns selbst
willig dahingeben für seinen heiligen Namen, und
uns selbst allezeit durchaus verleugnen, auch unserm
eigenen Willen und Sinne entsagen, und uns selbst
unter die starke Hand Gottes erniedrigen und demü-
tigen, sodass wir uns nicht mehr leben, sondern dem,
der für uns gestorben und auferstanden ist (2Kor 5,15).
Laß uns ihm allezeit gehorsam sein, ihn stets fürch-
ten und ihm dienen unsere ganze Lebenszeit in aller
Gerechtigkeit und Heiligkeit (Lk 1,69), als gehorsame
Kinder, und nicht zu den vorigen Wollüsten wieder
zurückkehren, worin wir waren, ehe wir Christum er-
kannten, wie Petrus sagt, »sondern nachdem der, welcher
400
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
euch berufen hat, heilig ist, so seid auch ihr heilig in all
eurem Wandel, denn es steht geschrieben: Ihr sollt heilig
sein, denn ich bin heilig!« »Denn fleischlich gesinnt sein
ist der Tod, und geistig gesinnt sein, ist das Leben und
Friede,« sagt Paulus. »Denn ivisst ihr nicht, welchem ihr
euch begebt zu Knechten in Gehorsam, dessen Knechte seid
ihr, dem ihr gehorsam seid; es sei der Sünde zum Tode, oder
dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? Darum, gleichwie ihr
eure Glieder begeben habt zum Dienste der Unreinigkeit
und von einer Ungerechtigkeit zur andern, so begebt nun
auch eure Glieder zum Dienste der Gerechtigkeit und Hei-
ligung; welche Frucht hattet ihr damals von den Dingen,
deren ihr euch jetzt schämt, denn das Ende aller solcher
Dinge ist der Tod, sagt Paulus, und der Sünden Sold ist
der Tod; denn, wenn ihr nach dem Fleische lebt, so werdet
ihr sterben, wenn ihr aber durch den Geist die Werke des
Fleisches tötet, so werdet ihr leben; denn alle, die von dem
Geiste Gottes getrieben weiden, sind Gottes Kinder, und ihr
seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott spricht: Ich
will in ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott
sein, und sie sollen mein Volk sein. Darum geht aus von
ihr, und sondert euch ab, und rührt nichts Unreines an,
so will ich euch aufnehmen und euer Vater sein, und ihr
sollt meine Söhne und Töchter sein, spricht der allmächtige
Herr.«
Darum, ach meine geliebteste Schwester in Christo
Jesu, laß uns doch stets von allen weltlichen Lüsten
und Begierden uns absondem und nichts Unreines
anrühren, sondern uns selbst allezeit von aller Befle-
ckung des Fleisches und des Geistes reinigen, und
mit der Heiligung in der Furcht Gottes fortfahren,
nach dem Geiste, damit wir allezeit dem Herrn die-
nen und ihn ehren alle Tage unseres Lebens, damit wir
von seinen Söhnen und Töchtern sein mögen; denn
wenn wir seine Söhne und Töchter sind, so werden
wir auch Miterben seines ewigen Reiches sein. So laß
uns denn allezeit Sorge tragen, daß wir Ihn allein stets
fürchten und Ihm dienen bis ans Ende nach unserm
schwachen Vermögen, denn wir können nicht zweien
Herren zugleich dienen, Gott und der Welt. Wisst ihr
nicht, sagt Jakobus, daß der Welt Freundschaft Got-
tes Feindschaft sei; darum, wer der Welt Freund sein
will, der wird Gottes Feind sein. Auch sagt Johannes:
»Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe
des Vaters, denn alles, was in der Welt ist, nämlich Flei-
scheslust, Augenlust und hoffärtiges Leben, ist nicht von
dem Vater, sondern von der Welt, und die Welt vergeht
mit ihren Lüsten; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt
in Einigkeit.« Auch lehrt uns Paulus: »Stellt euch nicht
dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Er-
neuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen mögt, was der
gute, wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes sei.«
Darum, meine herzlich geliebte Schwester, laß uns
doch diese Welt weder lieb haben noch achten, uns
auch der Welt nicht gleichstellen, noch auch nach die-
ser bösen Welt ein Gelüste haben, um mit ihr in das-
selbe unordentliche Leben zu laufen, damit wir mit
ihr nicht zu Grunde gehen mögen, sondern laß uns
stets fortwandeln den rechten Weg der Wahrheit, in
einem neuen Wesen des Lebens dem lebendigen Gott
unsere Lebenszeit zu dienen, ohne uns nach Sodoma
umzusehen. Laß uns doch stets Acht auf uns haben,
und tun, was die heilige Schrift lehrt und ermahnt,
damit wir uns ewiglich erfreuen mögen bei Gott, un-
serm himmlischen Vater, und mit dem Lamme auf
dem Berge Zion. Denn alle Schrift, von Gott eingege-
ben, ist nützlich zur Lehre, zur Besserung, zur Züch-
tigung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, daß
ein Mensch Gottes vollkommen sei, zu allen guten
Werken geschickt. So laß uns denn allezeit wohl auf
die Heilige Schrift sehen, und dieselbe zur Lehre, Stra-
fe und Besserung annehmen, daß wir uns dadurch
zu allen guten Werken zubereiten lassen, und einan-
der stets damit ermahnen, und Zusehen, wie uns der
Apostel lehrt, wenn er sagt: »Seht zu, liebe Brüder, daß
nicht jemand unter euch ein arges ungläubiges Herz ha-
be, das von dem lebendigen Gott abfalle, sondern ermahnt
euch selbst alle Tage, solange es heute heißt, daß nicht je-
mand unter euch durch Betrug der Sünde verstockt werde;
denn wir sind Christi teilhaftig geworden, wenn wir an-
ders das angefangene Wesen bis ans Ende fest behalten.«
Ach, meine geliebte Schwester, sei doch allezeit stand-
haft, unbeweglich und überfließend in dem Werke des
Herrn, und denke stets daran, daß deine Arbeit nicht
vergebens ist in dem Herrn, wie Paulus sagt. Auch
sagt Johannes: »Seht euch vor, daß ihr nicht verliert, was
ihr erarbeitet habt, sondern vollen Lohn empfangt, denn
wer Übertritt und nicht in der Lehre Christi bleibt, der hat
keinen Gott; wer aber in der Lehre Christi bleibt, der hat
beides, den Vater und den Sohn.« Ach halte doch, was du
hast, daß dir niemand deine Krone nehme! Und sei
doch allezeit Christo, deinem Bräutigam, bis in den
Tod getreu, darum bitte ich dich, mein liebes Schaf,
sei allezeit geduldig in all deiner Trübsal und Leiden,
und stärke dein Herz, denn des Herrn Zukunft ist
nahe; siehe, der Richter steht vor der Türe, und wir
preisen selig, die erduldet haben, sagt Jakobus. Darum
sei geduldig, und tröste dich mit den Worten Gottes,
denn es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf
die Hilfe des Herrn hoffen. Der Friede Gottes, welcher
uns geliebt und uns einen ewigen Trost gegeben hat
durch die Gnade, behalte die Oberhand in deinem
Herzen; diese Gnade tröste eure Herzen und stärke
euch in allerlei Wort und gutem Werke; sie mache
euch ganz heilig, damit eure Seele und euer Leib bis
auf die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi unsträflich
401
behalten werden möge; er ist getreu, der euch geru-
fen hat; er wolle es auch tun, und wolle euch Kraft
geben nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark
zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen
Menschen, und daß Christus durch den Glauben in
euren Herzen wohne, und daß ihr durch die Liebe ein-
gewurzelt und gegründet werden mögt (Eph 3,16). Ich
bitte den allmächtigen Gott aus dem Grund meines
Herzens, daß er dir das gebe und auch mir, und allen,
die Ihn fürchten und lieben.
Ach meine liebe auserwählte Schwester, die ich ja
von ganzem Herzen wert und lieb habe, ich glaube,
ich kann dir es nicht beschreiben, mit welcher unge-
heuchelten göttlichen und brüderlichen Liebe ich dich
liebe. Ach, halte doch allezeit Stand bei der rechten
lauteren Wahrheit und Lehre Christi, wie ich denn
durch des Herrn Gnade solche Hoffnung zu dir habe,
obgleich ich dir schreibe, daß du es tun sollst.
Ach meine allerliebste Schwester, ich hoffe ja auch,
durch die große Gnade und Barmherzigkeit des
Herrn, alles dasjenige nach meinem schwachen Ver-
mögen selbst zu tun, was ich dir geschrieben habe,
denn mein Gemüt und meine Grundsätze sind darin
noch unverändert, nämlich lieber mein Leben als die
Wahrheit zu lassen, und sollte es auch morgen sein,
denn mein Gemüt ist noch bereitwillig, mein Leben
für den zu lassen, der es mir gegeben hat, wenn es sich
auch ereignen mag, und wenn es auch sein göttlicher
Wille ist, daß ich noch lange in eisernen Banden sitzen
soll, so will ich es auch um seines heiligen Namens
willen gern leiden, denn er hat ja so viel für uns gelit-
ten, und ich kann dem Herrn nicht genug danken und
ihn nicht genug loben für seine große Gnade, Barm-
herzigkeit und Wohltat der Geduld, die er an mir im
Gefängnisse erwiesen hat, indem das Liegen in den
Banden mich so wenig gehindert hat; ich halte dafür,
du werdest es schwerlich glauben, wie wenig es mich
gehindert habe. Ich weiß nicht (wie mich dünkt), daß
ich Gefangener bin, oder daß es zu lange gewährt,
oder daß ich während der Gefangenschaft Leiden aus-
gestanden; dem Herrn müsse ewig Lob, Preis und
Dank sein für seine überfließende Gnade und Barm-
herzigkeit; aber ich habe wohl bisweilen gewünscht
(wenn es hätte sein mögen), bei euch zu sein, wenn
es meiner Seele heilsam gewesen wäre, und es der
Herr zugelassen hätte, und das größtenteils um der
Liebe willen, die ich zu dir habe, und du zu mir, mein
liebes Schaf (dem Herrn sei Lob); ich habe mich auch
niemals sehr darüber betrübt, weil es um des Herrn
Namens willen geschehen ist, und weil ich weiß, daß
wir doch einmal hier scheiden müssen, und wenn wir
auch hier noch hundert Jahre beisammen waren, so
muss doch endlich die Zeit des Abschiedes kommen.
und es ist auch besser, ehrlich sterben, als das Gesetz
Gottes übertreten und mit Schanden leben, wie in dem
zweiten Buche der Makkabäer geschrieben steht; so
hat auch Christus gesagt: »Wer sein Leben zu erhalten
sucht, der wird es verlieren, und wer sein Leben um meinet-
willen und um des Evangeliums willen verliert, der wird
es erhalten; wer aber Vater und Mutter, oder Bruder, oder
Schwester, oder Weib, oder Kind mehr liebt als mich, der
ist meiner nicht wert.«
Darum, meine Geliebteste, es muss alles verlassen
sein um seines heiligen Willens und Namens willen,
wenn es so weit kommt, daß wir gefangen werden
und in Bande geraten, wenn wir anders zu seiner Zahl
gehören wollen, denn wer nicht allem absagt, was er
hat, der kann sein Jünger nicht sein.
Wenn man nun diese Worte überlegt und sie wohl
betrachtet, meine herzlich geliebte und sehr werte
Schwester, warum sollten wir nicht gern alles verlas-
sen, was wir haben, um des Namens Christi willen?
Und warum sollten wir auch betrübt, belästigt oder
beschwert sein, wenn uns solches um des Namens
Christi, unsers Herrn, willen widerfährt, indem es
doch Christus selbst gesagt hat? Ich kann Ihm nicht
genugsam danken und Ihn loben für seine große un-
aussprechliche Gnade und Barmherzigkeit, die er mir
täglich erweist, daß mein Gemüt in seinen Vorsätzen
so freudig, so fröhlich und ruhig ist in dem Herrn;
es steht jetzt so gut mit mir nach dem Geiste, als es
jemals gestanden hat (wie mich dünkt); dem ewigen,
allmächtigen, barmherzigen Gott müsse ewiges Lob,
Preis, Ehre und Dank gesagt sein für seine große Gna-
de und Güte, daß er mich armen, einfältigen, schwa-
chen, gebrechlichen Knecht durch seinen Heiligen
Geist in meinem Gemüte und meinen Vorsätzen so
sehr stärkt und tröstet; ich bitte Gott, daß er mich stets
stark und kräftig machen und mich durch seinen Hei-
ligen Geist bis ans Ende trösten wolle, so wie auch
alle, die Ihn fürchten, und daß er dasjenige geben wol-
le, was uns allen zu unserer Seelen Heil am nötigsten
ist.
Hiermit will ich dich dem Herrn anbefehlen, und
für jetzt einen herzlichen Abschied von dir nehmen,
mit dem tröstlichen und lieblichen Worte seiner Gna-
de. Ach, meine geliebteste S. I. H., halte mir doch mein
einfaches Schreiben und meine geringe Gabe, die ich
von dem Herrn empfangen habe, zu gut; ich habe es
aus ungeheuchelter, göttlicher und brüderlicher Liebe
getan, die ich zu dir habe, meine liebe auserwählte
Schwester, dessen ist der Herr meine Zeuge, der al-
ler Herzen und Nieren kennt und durchforscht, vor
welchem alles bloß und entdeckt ist. Ebenso wünsche
ich auch alles, was ich hier an dich geschrieben habe,
mein liebes Schaf, meinem herzlich geliebten und sehr
402
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
werten Vater und Bruder aus Grund meines Herzens
zu einem herzlichen und freundlichen Gruße und ewi-
gen Andenken, indem ich beide auch herzlich liebe.
Bittet alle den Herrn für mich, daß ich es doch aus-
führen und vollenden möge, was ich zu meiner Seele
Heil und zu seinem Preise und Ehre, wie auch zur
Erbauung meines Nächsten begonnen habe; ich hoffe,
ich werde auch den Herrn (nach meinem schwachen
Vermögen) ernstlich für euch bitten; grüßt euch un-
tereinander mit einem Kusse der Liebe; der Friede sei
mit euch allen, die in Christo Jesu sind, Amen.
Dieses letzte ist geschrieben im Jahre 1567, den 9.
Sept., von mir, Jaques Mesdag, nachdem ich achtzehn
Monate um des Zeugnisses Jesu Christi, unsers Herrn,
und um des Wortes Gottes und der rechten Wahrheit
willen in eisernen Banden in Gefangenschaft gewesen
bin. Hiermit nehme ich herzlichen Abschied von euch.
Gute Nacht, liebe Freunde.
Adrian Willemß, 1568.
Im Jahre 1568 ist die Tyrannei und Verfolgung der
Christen sehr hart und schwer geworden, sodass in
diesem Jahre viele gefangen genommen und getötet
worden sind.
Den 4. April im oben gemeldeten Jahre, des Mor-
gens ungefähr zwischen ein und zwei Uhr, ist mein
Vater, Adrian Willemß, von Stephan de Wit, dem Amt-
mann zu Vianen, gefangen, und auf das Haus Vat-
testein gebracht worden, wo er fünfzig Wochen und
einen Tag verwahrt wurde.
Den 8. Mai 1568 ist der Amtmann mit einem Teile
der Gerichtspersonen von Vianen gekommen, um ihn
wegen seines Glaubens zu verhören, welchen er ihnen
auch freimütig bekannt hat. Als er aber nachher nach
seinen Glaubensgenossen gefragt wurde, hat er ihnen
solches nicht sagen wollen; da drohte ihm der Amt-
mann öfters mit der Folter, ließ auch am fünften Juni
den Scharfrichter kommen, welcher ihm die Hände
auf den Rücken band und ihn eine Leiter hinaufstei-
gen ließ, mit dem Bedrohen, er wollte entweder alle
seine Glieder auseinanderziehen, oder wissen, wer
seine Glaubens- oder Bundesgenossen wären; als er
aber sah, daß er ihm solches nicht abgewinnen konn-
te, ließ er ihn herunterkommen, ohne ihm irgendeine
Pein anzutun.
Auch hat jener Amtmann einen grauen Mönch kom-
men lassen, um ihn seines Glaubens zu berauben; es
ist aber der Mönch nach viel Reden und Wortstreit
wieder von ihm geschieden, ohne etwas auszurich-
ten. Nachher sind ihrer zu verschiedenen Zeiten noch
andere, als Pfaffen und Mönche, gekommen, um ihn
von seinem Glauben abzubringen; aber sie sind alle.
wie der zuerst Gedachte, von ihm geschieden.
Die Briefe von den Reden mit den Pfaffen und Mön-
chen, und von seinem Bekenntnisse, nebst andern
Briefen, die wir empfangen hatten und die aus dem
Gefängnisse geschrieben waren, lagen beieinander
hinter der Bettstelle unter dem Dache, wohin ich sie
aus großer Bangigkeit vor der Verfolgung und großen
Tyrannei, die damals herrschte, gesteckt hatte. Nach-
her aber hat es sich im Jahre unsers Herrn Jesu Christi
1571, im Februar, ereignet, daß das Wasser an dem
Diebsteiche so hoch und stark anwuchs, daß viele
Häuser weggetrieben wurden, an einigen aber wur-
den die Mauern weggespült; bei dieser Gelegenheit
sind jene Briefe auch ins Wasser geraten und verloren
gegangen, worüber ich mich sehr betrübt habe, weil
unsere Kinder daraus hätten wahrnehmen können,
wie tapfer und getrost ihr Großvater gewesen sei, das
Evangelium zu bekennen und dafür zu sterben, und
wie fröhlich er gewesen, als man ihn im Gefängnis
verhörte, denn ich bin mit großer Gefahr selbst gegen-
wärtig gewesen.
Den 29. Juni des Jahres 1568 hat der vorerwähnte
Amtmann bekannt gemacht, daß er den andern Tag,
als den dreißigsten desselben Monats einen Gerichts-
tag halten wollte; auf diesem Gerichtstage hat er, der
Amtmann, seine Klage vorgebracht, und begehrt, daß
er an einem Pfahle verbrannt und auf solche Weise
getötet werden sollte, und daß seine Güter, zum Nut-
zen des Königs, der Schatzkammer heimgeschlagen
werden möchten. Als aber nachher viele Gerichtstage
gehalten wurden und die Parteien von beiden Seiten
ihre Schriften einbrachten, hat der Amtmann nicht
nachgelassen, um das Urteil anzuhalten; darauf ha-
ben die Herren des Gerichtes 32 Gulden verlangt, um
das Urteil abzuholen. Als dieses geschehen, sind sie
aus dem Gerichte nach dem holländischen Hofe gezo-
gen, und haben bei ihrer Wiederkunft das Todesurteil
mitgebracht.
Sodann ist ihm den 21. März des Jahres 1569 das
Recht gesprochen worden, sodass er Tags darauf sein
Urteil empfangen sollte. Weil er aber wohl wusste,
daß ihm das Urteil nicht zum Leben, sondern zum
Tode gereichen würde (nach Ausweisung der Zeit),
so hat er den letzten Abschiedsbrief an sein Weib und
Kinder schreiben wollen; als er aber anfing zu schrei-
ben, ist ein Mönch zu ihm gekommen, um ihn zu
quälen und ihm in seinem Glauben hinderlich zu sein;
er hat demselben jedoch widerstanden, und hat den
Mönch darauf des Abends gehen heißen, weil er noch
ein wenig ruhen wollte. Den andern Tag, des Morgens
um vier Uhr, ist der Mönch abermals zu ihm gekom-
men, um ihn zu quälen, so viel er konnte. Darauf ist
er an demselben Tage, ungefähr um acht Uhr, von
403
der Kammer abgeholt worden, in welcher er während
der Zeit seiner Gefangenschaft mit schweren eisernen
Banden verwahrt wurde, die er Tag und Nacht zu
schleppen hatte, und die ihm nur des Abends und
Morgens, wenn er zu Bette ging und resp. auf stand,
abgenommen wurden, damit er im Stande war, seine
Hosen und Strümpfe aus- und anzuziehen; darauf
brachten sie ihn in eine Küche, wo eine mit Speisen
besetzte Tafel stand, wovon er ein wenig aß, und dar-
auf von Stephan de Wit einen Trunk empfing, den er
freundlich annahm, um ihm jeden Verdacht zu beneh-
men, als ob er ein arges Herz wider ihn hätte, wiewohl
er ihn dem Tode überantwortet hatte. Der Mönch hat
(wie oben gemeldet) sich immer bemüht, um ihn von
seinem Glauben abzubringen, hat aber seine Absicht
nicht erreichen können. Von dort haben sie ihn mit
gebunden Händen auf das Stadthaus gebracht, um
sein Urteil zu empfangen; zu beiden Seiten ging ein
Mönch und der Scharfrichter; hinter und vor ihm aber
zwei Stadtdiener, mit Gewehr wohl versehen, und so
haben sie ihn wie ein wehrloses Schäflein zur Schlacht-
bank geführt. Als sie mm in dem Stadthause ankamen,
ist sofort Gericht gehalten worden, wo der Amtmann
selbst das Urteil begehrt hat.
Darauf haben die Herren des Gerichts gefragt: Adri-
an Willemß, willst du noch etwas auf dieses sagen?
Er antwortete denselben: Ich weiß euch sonst nichts
zu sagen, als daß ihr bedenken sollt, daß ihr auch vor
dem Richterstuhle Christi erscheinen müsst, welcher
ein rechtes Urteil über Gute und Böse, über Tote und
Lebendige fällen wird. Hiernach sind sie auf gestan-
den. Als sie nun wieder aus der Ratskammer kamen,
haben sie das Urteil gefällt und zu Recht erkannt,
daß Adrian Willemß mit dem Schwerte gerichtet, der
Leichnam aber in eine Lade gelegt und unter dem
Galgen begraben werden solle. Hierauf sind sie wie-
der aufgestanden; sie sahen aber betrübt und blass
aus, wiewohl sie das Gericht nicht endigten, sondern
ihn in den Händen grausamer Menschen ließen; die-
se entblößten ihn und brachten ihn mit verbundenen
Augen von dem Stadthause; denn sie eilten, das Urteil
zu vollziehen, was sie auch ausgeführt haben. Also
hat vorgemeldeter Adrian Willemß sich selbst mit frei-
willigem Herzen dem Tode übergeben, und hat lieber
seinen Glauben behalten, als hier das Leben eine ge-
ringe Zeit mit Verfügung seines Glaubens erhalten
wollen, hat auch seine Seele Gott, dem treuen Schöp-
fer, anbefohlen, und ist aus diesem Leben geschieden,
als er mit seinem Blute dem Evangelium Zeugnis ge-
geben und seinen ungefärbten Glauben befestigt hatte,
Amen.
Lukas de Groot, 1568.
Im Jahre 1568 ist ein Bruder, Lukas de Groot genannt
und zu Ostende in Llandern geboren, daselbst, um
des Zeugnisses der Wahrheit willen, gefangen wor-
den. Als er nun seinen Glauben ohne Scheu bekannt
hatte, und ohne Abweichen dabei verharren wollte, ist
er gerichtlich verurteilt worden, daß er erwürgt und
verbrannt werden sollte; als aber nachher die Richter
ihren Sinn änderten, wurde er den Gläubigen zum
Spott an einen Galgen gehängt.
Jan Portier, 1568.
Auch ist in demselben Jahre ein Bruder, genannt Jan
Portier, geboren zu Komene in Llandern und seines
Handwerks ein Walker, welcher unter der Lrau von
Meessen Pförtner zu Meessen gewesen, gefangen ge-
nommen und, als er seinen Glauben bekannt hatte,
sehr gepeinigt worden; das erste Mal mit Schraub-
eisen, das zweite Mal aber zogen sie ihn an seinen
Daumen in die Höhe und hängten ihm schwere Eisen
an die Lüße, wobei sie ihn scharf geißelten; weil er
aber einen Bruch hatte, wurde er nicht auf die Bank ge-
bracht. Als er mm durch alle diese Pein und andere Be-
drohungen nicht dahin gebracht werden konnte, daß
er von der angenommenen bekannten Wahrheit abge-
wichen wäre, so wurde er zuletzt zum Teuer verurteilt,
und ist um des Zeugnisses unseres Herrn Jesu Christi
willen mit solch einem kleinen Teuer verbrannt wor-
den, daß ihn der Rauch erstickte, welches außerhalb
Meessen, bei dem Springgalgen, im November 1568
geschehen ist.
Jan von Paris, Peter von Cleev, Henrich
Maelschalck und Lorenz Pieters, 1568.
Jan von Paris, Peter von Cleev, Henrich Maelschalck
und Lorenz Pieters, welche noch nicht mit der Ge-
meinde vereinigt, sondern angehende Preunde waren,
die bereit waren, sich mit der Gemeinde zu vereini-
gen, sind zu Gent in Llandern, als sie ausgingen, um
die Predigt des Wortes Gottes zu hören, im Jahre 1568
gefangen genommen und auf den Grafenstein gesetzt
worden. Nachdem sie nun ihren Glauben ohne Scheu
bekannt haben und dabei standhaft geblieben sind,
sind sie in der Palmwoche verurteilt worden, erwürgt
und verbrannt zu werden; als sie aber mm auf die
Schaubühne gebracht wurden, und eben damals 19
Pähnlein Spanier in Gent lagen, so hat der spanische
Henker, als er sah, daß man sie erwürgen wollte, den
Scharfrichter gezwungen, andere Werkzeuge herbei-
zubringen; der Scharfrichter hat deshalb den Leid-
404
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
hauptmann angeredet, welcher ihm jedoch (gegen
das gerichtliche Urteil) befohlen hat, sie lebendig zu
verbrennen; auch hat der Henker unter der Zeit, als
der Scharfrichter einen Korb voll Ketten geholt, die
Brüder sehr gestoßen und geschlagen. Als nun die
Brüder hörten, daß sie lebendig verbrannt werden
sollten, erhoben sie sämtlich ihre Stimmen und san-
gen: »Dich ruf' ich, himmlischer Vater, an;« da haben
die Spanier so entsetzlich mit Stöcken zugeschlagen,
daß dem einen das Auge ausgeschlagen wurde; sie
wurden sodann lebendig verbrannt, wobei die Spa-
nier laut riefen und viele Stöcke ins Feuer warfen, als
ob sie auch an solcher Raserei hätten Teil haben wol-
len und gemeint hätten, Gott einen Dienst damit zu
tun.
Dieser Henrich Maelschalck hat einen Brief aus
dem Gefängnisse zu Gent geschrieben, den 26.
Januar 1568, welcher lautet, wie folgt:
Die überschwängliche Gnade, Freude, Friede, Barm-
herzigkeit und das ewige Heil, wünschen wir euch
von Gott, unserm himmlischen Vater, und unserm
Herrn Jesu Christo, der sich selbst für unsere Sünden
dahingegeben hat, damit er uns von dieser gegen-
wärtigen argen Welt erlöste, nach dem Willen Gottes,
unsers Vaters, welchem sei Lob, Preis und Ehre, Kraft
und Dank, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Nach Anwünschung aller Gnade und alles Heils
wollen wir euch berichten, nämlich Goelken, unserer
lieben Freundin in dem Herrn, und allen lieben Freun-
den, die den Herrn fürchten, daß wir vier Gefangene
zu Gent um des Zeugnisses unseres Herrn Jesu Chris-
ti willen, dem Fleische nach, noch wohlauf sind; dem
Geiste nach aber danken wir dem Herrn, und loben
ihn, daß er uns durch seine Gnade in solcher Weise
so stärkt, denn unser Gemüt und unser Vorsatz ist
noch dahin gerichtet, daß wir allezeit bei dem Herrn
bleiben und durch seine Gnade und Barmherzigkeit
nicht von ihm abweichen, weder um des Lebens noch
um des Todes willen. Lob und Dank sei dem Herrn
gesagt, der uns durch seine Gnade auf solche Weise
stärkt, wenn wir schwach und elendig sind. Aber bis
hierher haben wir das Vermögen gehabt, durch des
Herrn Hilfe, und hoffen noch durch seine Hilfe bis
ans Ende auszuhallen, denn worin er selbst versucht
worden ist, kann er auch helfen und diejenigen erlö-
sen, die versucht werden, indem er gesagt hat: Ich will
dich weder verlassen noch versäumen; darum dürfen
wir getrost sagen: Der Herr ist mein Helfer, wie der
Apostel sagt.
Nun, herzlich geliebten Brüder, ist Gott mit uns,
wer mag wider uns sein, denn alle Menschen sind
nur Werke seiner Hände; er hat alles geschaffen, und
hat auch Macht wieder zu vernichten, wenn es ihm
gefallen wird; warum sollten wir uns vor sterblichen
Menschen fürchten? Billig sollten wir diesen Gott viel-
mehr fürchten, denn er ist es allein, der selig machen
oder verdammen kann, und wenn wir auch der Men-
schen Hände entliefen, so können wir doch Ihm nicht
entlaufen. Darum wollen wir lieber mit Susanna sa-
gen: »Es ist besser in der Menschen Hände Zufällen, als
vor des Herrn Angesicht zu sündigen.«
Darum, meine lieben Freunde, hoffen wir, den
Herrn keineswegs zu verlassen, sondern allezeit nach
dem verheißenen Lande fort zu wandeln, welches al-
ler Güter voll ist, um es einzunehmen; dazu wolle der
Herr uns und alle, die Ihn fürchten und aufnehmen,
durch seine Gnade und Barmherzigkeit stark, kräftig
und tüchtig machen.
Ich, Henrich, habe euch allen, ihr lieben Freunde,
ein wenig von unserm Gemüte geschrieben. Ferner ist
es meine freundliche Bitte an euch, daß ihr doch alle-
zeit in der Furcht des Herrn standhaft sein wollt, denn,
die den Herrn fürchten, werden Gutes tun, und die
Ihn lieben, werden sich befleißigen. Ihm zu gefallen
und sich vor Ihm demütigen. Fürchtet ihr Gott, sagt
der Prophet, so weicht nicht von Ihm, sondern geht
zur ewigen Freude und Wonne ein. Die den Herrn
fürchten, werden in der äußersten Not wohl sein, und
auf den Tag ihres Sterbens gesegnet werden. Darum,
liebe Freunde, lasst uns den Herrn stets von ganzem
Herzen und Gemüte fürchten, lasst uns Ihm gehor-
sam sein und sein Wort halten, denn selig sind, die
Gottes Wort hören und dasselbe bewahren; das sind
auch diejenigen, die Ihn lieben und sein Wort halten,
und wer Ihn liebt, der ist von Ihm erkannt; wer aber
sagt: Ich kenne Ihn, und hält Gottes Gebote nicht, der
ist ein Lügner, und in ihm ist die Liebe Gottes nicht
vollkommen. Darum, meine lieben Freunde, lasst uns
Ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt, gleichwie
Paulus bezeugt, daß er arm geworden sei, während er
reich war, damit wir durch seine Armut reich würden;
ja, er hat den, welcher von keiner Sünde wusste, für
uns zur Sünde gemacht, daß wir in Ihm die Gerechtig-
keit würden, die vor Gott gilt. Da wir nun aber wissen,
daß uns der Herr so geliebt, daß er auch seine Gnade
so überschwänglich für uns ausgegossen hat, so lasst
uns alle wohl Zusehen, daß seine Gnade an uns nicht
vergebens sei, denn wir sind seiner teilhaftig gewor-
den, wenn wir anders den Anfang seines Wesens bis
ans Ende festhalten.
Darum, liebe Freunde, gleichwie ihr den Herrn Je-
sum Christum angenommen habt, so wandelt auch in
Ihm, und seid gewurzelt und erbaut in Ihm, und seid
fest im Glauben, wie euch gelehrt ist, sagt der Apostel,
405
die ihr wohl wisst, daß es die rechte Gnade Gottes
sei, worin ihr steht. Darum wendet allezeit Fleiß an,
euern Beruf und eure Erwählung zu befestigen, wenn
ihr das tut, werdet ihr nicht fallen, sagt Petrus, und
dadurch wird euch der Eingang in das Reich unseres
Herrn und Heilandes Jesu Christi reichlich zuberei-
tet werden. So lasst uns denn an dem Bekenntnis der
Hoffnung fest und unverändert halten, und lasst uns
allezeit ernstlich wachen, und auf den Herrn warten,
als ein guter und getreuer Knecht, damit er uns nicht
zur ungelegenen Zeit komme, sondern daß wir alle-
zeit, wie die fünf klugen Jungfrauen, die ihre Lampen
gerüstet hatten, und zur Hochzeit eingingen, bereit
sein mögen; aber die fünf törichten Jungfrauen muss-
ten draußen bleiben. Darum, liebe Freunde, lasst uns
nicht den Törichten gleich sein, sondern den Weisen.
Hiermit befehlen wir euch unserm lieben Herrn, und
dem tröstlichen Worte seiner Gnade; er wolle euch
und auch uns alle in aller Wahrheit und Gerechtigkeit
stark und kräftig machen, Amen.
Ferner, herzlich geliebte Freundin Goelken, und
alle ihr andern Freunde, die ihr dieses lest, nehmt
mir doch diese meine Schwachheit zum Besten auf,
denn ich fühle mich unwürdig, euch zu ermahnen,
indem ich wohl weiß, daß ihr von Gott zur Genüge
unterrichtet seid, aber ich habe dieses aus Liebe getan,
weil ich gehört hatte, daß ihr gerne etwas von uns
haben wolltet, deshalb nehmt denn dieses mit Dank
hin. Wenn ihr etwas von unserer Gefangenschaft zu
wissen verlangt, ob es nicht bald mit uns ein Ende
nehmen werde, so lassen wir euch wissen, daß wir ge-
genwärtig nicht viel davon hören. Wir meinten unser
Opfer noch vor Christmeß zu tun, denn solches hör-
ten wir plötzlich sagen; jetzt aber wissen oder hören
wir nichts davon, sondern sind dessen stets gewärtig,
durch des Herrn Gnade. Herzlich geliebte Freunde in
dem Herrn, bittet doch für uns, damit wir bis ans Ende
standhaft bleiben und dem Herrn ein tüchtiges Opfer
verrichten mögen; wir hoffen, nach unserer Schwach-
heit, auch ein Gleiches für euch zu tun. Ferner senden
wir euch auch drei neue Lieder zum herzlichen und
freundlichen Gruße, und wenn sie auch einfältig sind,
so nehmt sie doch mit Dank auf, denn es ist aus Liebe
geschehen. Gehabt euch wohl bis in Ewigkeit, Amen.
Grüße uns deinen Mann sehr herzlich, auch deine
Schwester Grietchen und Bet. und Cor. Versw. und
Anna von L., auch lässt Susanneken euch alle sehr
grüßen; wir grüßen euch alle, die den Herrn fürchten.
Geschrieben von mir, Henrich Maelschalck, gefan-
gen zu Gent um des Zeugnisses unseres Herrn Jesu
Christi willen, den 26. Januar, im Jahre 1568.
Herzlich geliebte und sehr werte Freunde; der Herr
hat recht gesagt, daß er wie ein Dieb in der Nacht
kommen werde, denn gestern hatte ich diesen Brief
geendigt und zugesiegelt, in der Absicht, ihn euch zu-
zusenden; es ist aber geschehen, daß wir alle vier Tags
darauf des Morgens verhört worden sind, wovon wir
wenig wussten, als wir unser vorgemeldetes Schrei-
ben endigten. Darum sage ich, daß der Herr mit Recht
gesagt habe, daß er wie ein Dieb in der Nacht kom-
men werde; wir sind alle vier, einer nach dem andern,
in Gegenwart zweier Verordneten verhört worden; sie
taten viele schlechte Fragen an uns, die ich der Kürze
wegen übergehen will; nach unserem Glauben aber
haben sie nicht weiter gefragt, als ob wir nicht getauft
oder wiedergetauft wären. Jan von Paris sagte, daß
er getauft wäre; Lorenz, daß er nicht nach der Schrift
getauft wäre; Pierken sagte, daß er nicht getauft wäre,
und ich sagte, daß wir keine Wiedertäufer wären, und
daß ich nicht getauft wäre; sie fragten Pierken, ob er
sich taufen lassen wollte, wenn er frei würde; er erwi-
derte: Ja, wenn ich dazu tüchtig wäre. Auch fragten
sie ihn, ob er von seiner Meinung ablassen wollte; er
antwortete: Ich halte es für keine Meinung, sondern
für den rechten Glauben. Darauf fragten sie mich, ob
ich von meinem Glauben oder meiner Meinung nicht
abstehen wollte; ich entgegnete: Ich wäre von den
Lügen abgestanden, und wäre der Wahrheit nachge-
folgt; sollte ich nun abstehen, so müsste ich von der
Wahrheit abweichen, wobei ich aber, durch des Herrn
Gnade zu bleiben hoffe. Dergleichen Fragen taten sie
mehr, doch will ich sie auf sich beruhen lassen. Zum
Jan von Paris sagten sie, daß wir bald abgefertigt wer-
den würden, wir sollten noch neun oder zehn Tage
Geduld haben; sie sagten auch, sie wollten uns Män-
ner zusenden, die uns unterrichten sollten; wollten
wir, sagten sie, dieselben anhören, so könnten wir es
tun; wir sind also nun der Pfaffen gewärtig, aber wir
hoffen uns vorzusehen, denn wir wissen wohl, was
sie suchen. Dem Herrn sei ewig Lob und Dank, wir
sind alle wohlgemut, liebe Freunde, und hoffen den
Glauben zu erhalten, es sei im Leben oder im Sterben,
durch die Gnade des Herrn. Wir hoffen auch, liebe
Freunde, nicht lange mehr zu sitzen, denn es scheint,
daß wir den Herrn des Rates schon übergeben sei-
en, und daß sie von dem Herzoge von Alba Befehl
haben, uns das Urteil zu fällen, und daß sowohl der
Amtmann, als die Herren des Gerichtes nichts mehr
mit uns zu tun haben; darum nehmen wir unsern Ab-
schied von euch allen, liebe Freunde und bitten euch,
allezeit Fleiß anzuwenden. Wir hoffen voranzugehen;
der Herr wolle uns darin stärken, und uns tüchtig ma-
chen, durch seine Gnade und Barmherzigkeit, Amen.
Geschrieben den 27. Januar 1568. Von mir, Henrich
Maelschalck.
Fürchtet nicht diejenigen, die den Leib töten, son-
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dern den, der Macht hat beides, Seele und Leib in die
ewige Finsternis zu werfen.
Karl de Raet und sein Weib Grietgen, Hansken in
dem Schaek, Wilhelm, ein Schneider, mit seinem
Weib Christintgen, 1568.
Auf den dritten Mai 1568 sind zu Tillegem bei Brügge
in Flandern einige Brüder versammelt gewesen, um
die Predigt des Wortes Gottes zu hören; dort sind sie
von einigen überfallen worden, die hinausgegangen
waren, um Maibäume zu holen; es wurden ihrer Fünf
gefangen genommen, nämlich: Karl de Raet, ein Schä-
fer, geboren zu Wingen, und Hansken in dem Schaek,
genannt Hansken Seiler aus dem Schaek zu Kortryck,
Wilhelm der Schneider, von Honschote und zwei an-
dere, welche, weil sie nicht tapfer für die Wahrheit
gestritten, nicht wert sind, daß ihre Namen hierher ge-
setzt werden; Karl de Raets, wie auch des Schneiders
Wilhelm Weib, sind nicht mit gefangen genommen
worden; auch war des Karls Weib noch nicht mit der
Gemeinde vereinigt, wiewohl sie dazu bereit war. Als
diese Männer gefangen genommen waren, hat es sich
zugetragen, daß Martin Lern, ein Bürgermeister von
Brügge, des Nachts, ungefähr um zwölf Uhr mit den
Nachtwächtern ausgegangen ist, und zuerst Christint-
gen, Wilhelm Schneiders Weib, gefangen genommen
hat. Als nun einer von den Nachtwächtern, Martin
Lern, mit den anderen nach dem Hause gehen woll-
ten, worin Grietgen, Karl de Raets Weib, zu finden
war, und sie hart an der Festung zwischen der Esels-
pforte und Jerusalem ihren Weg nahmen, ist Grietgen
mit zweien ihrer Kinder ihnen unvermutet begegnet,
weshalb Martin Lern sagte: Seht, Gott gibt uns diese
Hure hier in unsere Hände, und fragte sie: Wo gehst
du hin? Sie antwortete ganz erblasst: Nach der Kir-
che. Darauf sagte er: Es ist jetzt keine Zeit nach der
Kirche zu gehen, wo ist dein Mann? Sie antwortete:
Das weißt du wohl. Er fragte, ob die beiden Kinder
getauft wären. Sie antwortete: Nein. Haben sie denn
keinen Namen?, fragte er; sie antwortete: Ja. Ei, sagte
er, woher haben sie denn einen Namen, ehe sie ge-
tauft sind? Sie antwortete: Man gibt ja den Hunden
und andern Tieren einen Namen, um wie viel mehr
den Kindern, die nach dem Bilde Gottes erschaffen
sind; ich wusste nicht, daß meine Herren von Brügge
noch so blind sind. Redest du so, sagte Martin Lern,
so sollst du verbrannt werden. Das weiß ich, sagte
sie, aber dann wird mir die Krone des Lebens zube-
reitet. Hierauf wurden diese beiden Weiber mit nach
dem Gefängnisse geführt, hier wurde ihnen, wie auch
den drei vorgemeldeten Männern viel Qual, Mühe,
Pein und Leiden zugefügt, um sie vom Glauben abzu-
bringen, aber es war alles vergebens; deshalb wurden
zunächst die Männern verurteilt, auf dem Hillige bei
Brügge verbrannt zu werden, wo sie auch ihr Opfer
ohne Furcht getan haben. Einige Tage darauf wurden
auch die beiden Frauen, weil sie standhaft bei Gott
und seiner Wahrheit blieben, zum Tode verurteilt und
auf dem Bürgt in Brügge verbrannt, und erwarten
nun alle die Zukunft dessen, der da kommen wird,
um all ihr Leid zu rächen.
Jan, ein Schmied, Daniel de Paeu, Daniel von
Vooren und Paßchier Weyns, im Jahre 1568.
Auch wurden im Jahre 1568 zu Gent in Flandern vier
Brüder, genannt Jan, ein Schmied, Daniel de Paeu,
Daniel von Vooren und Paßchier Weyns, gefangen ge-
nommen, welche ihren Glauben und alle Artikel, wor-
über sie verhört wurden, freimütig bekannt, und sich
Gottes und seines Wortes nicht geschämt, sondern
tapfer und unverzagt für die angenommene, bekann-
te Wahrheit wider alle diejenigen gestritten haben, die
ihnen widerstanden, sodass sie auch bis in den Tod
nicht abgewichen sind, welchen sie als tapfere Rit-
ter erlitten haben; zuerst Jan, ein Schmied, und bald
darauf die drei anderen. Aber dadurch haben sie das
ewige Leben erlangt, wo man ihnen in ihres Vaters
Reiche den neuen Wein einschenken wird.
Jakob Dirkß und seine beiden Söhne, Andreas
Jakobß und Jan Jakobß, im Jahre 1568.
In dieser blutigen und gefährlichen Zeit der Verfol-
gung ist auch der fromme Jakob Dirkß und Andreas
Jakobß und Jan Jakobß, seine beiden Söhne, in der
Tyrannen Hände gefallen. Dieser Jakob Dirkß (sei-
nes Handwerks ein Schneider) wohnte mit seinem
Weib zu Utrecht; als er aber ausgekundschaftet wur-
de, daß er der Partei der Mennoniten zugetan wäre,
und die Herren ihn fangen wollten, so ist er aus Furcht
vor den Tyrannen nach Antwerpen geflüchtet. Sein
Weib, welche nicht seines Sinnes war, ist noch eine
Zeit lang dort geblieben, worauf die Büttel ihre Güter
angegriffen, und ihnen ungefähr die Hälfte derselben
genommen haben. Als nun Jakob Dirkß mit seinem
Hausgesinde zu Antwerpen wohnte, ist sein Weib da-
selbst gestorben, er aber, Jakob Dirkß, ist mit seinen
beiden Söhnen, obgleich sie zu Utrecht den Händen
der Tyrannen entronnen sind, doch nachher zu Ant-
werpen den Wölfen in die Klauen gefallen, wo die
Bewährung ihres Glaubens viel köstlicher erfunden
worden ist, als das vergängliche Gold, das durch das
Feuer geläutert wird. Deshalb sind sie alle, lediglich
um der göttlichen Wahrheit willen, weil sie dieselbe
407
belebten, und nicht wegen irgendeiner begangenen
Missetat dazu verurteilt worden, daß ein jeder dersel-
ben an einem Pfahle verbrannt werden sollte. Als sie
zum Tode hinausgeführt wurden, ist ihnen des Jakob
Dirkß jüngstes Söhnlein, genannt Pieter Jakobß, begeg-
net. Als dieser nun in größter Wehmut und tiefstem
Schmerze seinen Vater umarmte, wurde er sofort von
dem Büttel sehr grausam angepackt und dem nachei-
lenden Volke unter die Füße geworfen. Es ist leicht zu
denken, mit welchen betrübten Augen der Vater und
die Brüder dieses angesehen haben werden. Als nun
der Vater und seine beiden Söhne an den Pfahl gestellt
wurden, sagte er: Wie geht es, meine lieben Söhne? Sie
antworteten: Sehr wohl, mein lieber Vater. Andreas
Jakobß war damals Bräutigam, und seine Braut sowie
seine Schwester standen in einiger Entfernung und
sahen mit betrübtem Herzen und weinenden Augen
zu, wie ihr Bräutigam und Bruder die irdische Ver-
lobung und Freundschaft verlassen und den ewigen
Bräutigam Jesum Christum vor allen sichtbaren Din-
gen erwählt hatte. Also sind diese Frommen den 17.
März 1568 an Pfählen erwürgt und nachher verbrannt
worden, und haben so die Wahrheit mit ihrem Tode
und Blute versiegelt. Darum werden sie auch, für ihre
schwere Arbeit, die freundliche und liebliche Stimme
Christi hören: »Du guter und getreuer Knecht, über we-
nig bist du getreu gewesen, über viel will ich dich setzen,
gehe ein zu deines Herrn Freude.« Auch wird der König
sagen: »Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt
das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.«
Diese Geschichte ist aus glaubwürdiger Leute Mun-
de aufgezeichnet worden, welche diese Aufopferung
selbst angesehen haben.
Valerius, der Schulmeister, im Jahre 1568.
Im Jahre 1568 ist ein frommer gottesfürchtiger Bruder,
genannt Valerius, Schulmeister zu Brouwershaven in
Seeland, um des Zeugnisses Jesu willen gefangen wor-
den, welcher zu seiner Zeit das Schulmeisteramt zu
Hoorn in Holland und Middelburg in Seeland bedient
hat. Derselbe ist ein eifriger Nachfolger Christi gewe-
sen, und hat sein empfangenes Pfund nicht in die Erde
verbergen, sondern es mit großem Ernst auf Wucher
legen wollen, so daß er auf Wegen und Straßen (wo er
bequeme Gelegenheit fand) die Leute aus Gottes Wort
ermahnt und den Sündern mit schrecklicher Strafe
und Rache gedroht hat, welche in der schnellen Zu-
kunft Christi vom Himmel über alles gottlose Wesen
ergehen wird, wogegen er aber den Bußfertigen mit
den großen und herrlichen Verheißungen und Beloh-
nungen, welche Gott allen Gläubigen am Ende der
Welt austeilen wird, getröstet hat. Deshalb ist er bei
den verfinsterten Menschen (welche das Licht des
Evangeliums nicht leiden mögen) in Ungnade gefal-
len, sodass er zu Goes in Seeland einmal darüber in
Bande geraten, jedoch (unverletzt an seinem Glauben)
wieder befreit worden ist, bis er endlich zu Brouwers-
haven, im Lande Zierikzee, gefangen worden ist, wo
er viel Anfechtung und langwierige Gefangenschaft
erlitten hat. Aber durch des Herrn Gnade hat er alles
überwunden, und hat den Glauben der Wahrheit mit
seinem Tode und Blute bezeugt und versiegelt, sodass
er auch die Krone des ewigen Lebens aus Gnaden
erlangt hat.
Er ist auch in der Zeit seiner Gefangenschaft nicht
müßig gewesen, sondern hat zwei schöne Büchlein
geschrieben, die lesenswert sind, und welche er aus
seiner Gefangenschaft gesandt hat. Das erste handelt
von dem Abnehmen und dem Verfalle der apostoli-
schen Gemeine und dem Aufkommen des Antichris-
ten, und wie durch denselben das Licht des Evange-
liums verdunkelt worden sei. Dieses Buch ist in der
sechzigsten Woche seiner Gefangenschaft geschrie-
ben, und enthält außerdem eine herzliche Ermahnung
an die, welche von Gottes Wort abgefallen waren, da-
mit sie bei Zeiten die Gnade des Allmächtigen suchen
möchten, weil er noch zu finden ist.
Das andere Büchlein wird Die Probe des Glaubens ge-
nannt; in demselben lehrt er mit großem Fleiße, diese
Welt mit allen sichtbaren Dingen für nichts, für Scha-
den und Dreck zu achten, damit man nur Christum
gewinne; außerdem ermahnt er alle Gläubigen, um
Christi willen arm zu werden, und den Reichtum der-
maleinst in dem Himmel bei Gott zu erwarten. Darum
rühmt er auch sehr an Menno Simons S. G. die hinter-
lassene Armut und Gottesfurcht, und daß er in diesem
Punkte manche andere beschämt habe. Wir haben ihm
hier zum Andenken den ersten Teil (des gemeldeten
Büchleins) mit beigefügt, damit der Leser aus diesem
wenigen auf das andere schließen möge, was wir der
Kürze wegen nicht mitteilen können; er hat das Büch-
lein in der vierzehnten Woche seiner Gefangenschaft
geschrieben; lest es mit Aufmerksamkeit.
O du natürlicher, unparteiischer Leser oder Hörer,
der du einigen Verstand hast, du kannst wohl wissen
und denken, daß ein Mensch, der so böse und verdor-
ben ist (und so viel Böses getan hat, daß er sterben
müsste, wenn er gefangen wäre), sich billig fürchten
sollte, mehr Böses zu tun, damit er nicht zuletzt gefan-
gen oder getötet werden möchte. Lässt er aber nicht
ab von dem Bösen, so kann er endlich wohl um seiner
Missetat willen gefangen genommen werden; wenn
er dann gefangen ist, so wird er sich Tag und Nacht
damit beschäftigen, wie er frei werden möchte, es sei
mit List, Gewalt oder Ausbrechen; nur damit er sein
408
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
unsicheres Leben eine geringe Zeit verlängern möch-
te, welches er doch zuletzt (wenn er auch ausbräche)
verlassen muss. Wenn mm ein armer Gefangener sich
selbst nicht helfen kann, so soll er bedenken, ob ihm
von einem guten Freunde geholfen werden möchte,
und wenn es ihm bei seinem Freunde fehlschlüge,
so muss er bei sich bedenken, ob etwa die Richter
ihm nicht gnädig sein möchten, welchen er zu Füßen
fallen und sie sehr bitten muss, daß sie seiner aus Gna-
den schonen wollten; dabei muss er große Besserung
verheißen, daß er solche und dergleichen Missetaten
während seines Lebens nicht mehr tun wolle. Wenn
nun der Gefangene so viel, ja, alles, was er zu tun
weiß, getan hat, und doch weder seine Ratschläge
noch sonst etwas ihm helfen mag, so kann er wohl in
der Verzweiflung den Mut ganz sinken lassen. Und
wenn er den Mönch kommen sieht, so mag er sich
wohl fürchten und denken, daß sein Beichtvater (der
ihm mit Lügen und eitlem Tröste das ewige Leben Zu-
sagen und ihn davon bei seiner Seele versichern wird)
ein Vorbote seines Todes sei. Wenn mm der Verurteilte
seine Sentenz oder sein Todesurteil vor Gericht aus-
sprechen hört, so mag er sich noch mehr verändern
und erblassen; zuletzt aber, wenn er zum Tode geführt
wird, und die Werkzeuge seines Todes, Galgen, Rad,
Pfahl oder Wasser sieht, dann hat er erst die größte
Ursache zu erschrecken und sich zu fürchten, auch so
bange zu werden und zu erstarren, als ob er lebendig
tot wäre, es sei denn, daß er von den Pfaffen oder
andern Lügnern in seinen Sünden der Seligkeit versi-
chert würde, worauf er in seinem Tode sich verlassen
möchte, der eine auf diese, der andere auf eine an-
dere Weise. Und wenn es nun geschehe, daß jemand
diesem verurteilten Missetäter unter dem Schwerte
oder an dem Pfahle eine gute Nachricht brächte, und
ihn des Lebens versicherte, den Missetäter aufstehen
hieße, und selbst niederkniete, um statt des Missetä-
ters zu sterben, wie würde er so froh sein, und sein
vergängliches Leben mit Dank annehmen. Aber Chris-
tum, welcher durch seinen Tod die Erlösung und das
ewige Leben gibt, wollen nur wenige Menschen recht
zu ihrer Besserung mit Dank annehmen.
Gesetzt nun, daß der Missetäter eine stinkende, un-
reine und grindige Hure wäre, die aber um einer Miss-
etat oder um allerlei Bosheiten und Sünden willen,
deren sie so viele begangen hätte (wenn es möglich
wäre), als die ganze Welt jemals getan hat, um de-
retwillen sie zu dem allerschändlichsten Tode, der
erdacht werden kann, verurteilt wäre, der König aber
würde statt dieser Hure seinen einzigen lieben Sohn
aus seinem Königreiche in große Armut, zur Gefan-
genschaft, zum Leiden und zum unschuldigen Tode
senden, obgleich jene durch allerlei Schändlichkeiten
und Missetat den König erzürnt, und den Tod dar-
über tausendmal verdient hätte, gleichwohl aber aus
Gnade durch den Tod des Königssohnes (unter dem
Beding sich zu bessern) mit dem Könige versöhnt,
befreit, aus dem Gefängnisse oder vom Tode errettet
und am Leben erhalten, ja, noch überdies aller Güter
des Königs teilhaftig und ein Erbe derselben gewor-
den wäre, sollte sie dann diese große Liebe und Gnade
nicht annehmen, den König lieben, sich bessern und
sich sehr fürchten, um den König ihr Leben lang nicht
mehr zu erzürnen, der sie gereinigt, ihr alle Missetaten
vergeben, alle ihre Schulden bezahlt, sie als ein liebe
Königin geehelicht, sie in seine Herrlichkeit erhoben,
und sie wie sich selbst vor allen Feinden beschützt?
Wenn sie sich aber nicht bessern (nach ihrem Verspre-
chen), sondern den König wieder erzürnen würde,
und es ärger machen wollte als zuvor, wäre das nicht
eine große Undankbarkeit, wodurch sie ärgere Strafe
verdient hätte, als früher? Hierbei können wir uns
selbst prüfen, ob wir auch, durch Gottes Gnade erlöst,
im Glauben sind, und die Verheißung der Besserung
auch halten. Und gesetzt, daß dieses so zu geschehen
pflegte (welches man niemals so gehört und gesehen
hat), weil es nur zeitlich und kurz wäre, so kann man
es doch nicht vollkommen mit demjenigen verglei-
chen, das ewig und unvergänglich ist, nämlich mit
der Liebe Gottes, die uns durch Christum, seinen ge-
liebten Sohn, geworden ist.
Denn Gott hat die verdammte Welt, seinen Feind,
die in Sünden verdorben ist und in der Bosheit steckt,
so sehr geliebt, daß er seines einigen Sohnes nicht ver-
schont hat, sondern Ihn aus seiner Herrlichkeit vom
Himmel gesandt und dem schändlichen und verfluch-
ten Kreuzestod übergeben hat, damit alle, die glauben,
nicht verloren und verbannt bleiben, sondern durch
seine Liebe, Barmherzigkeit und Gnade, die durch
Christum geschehen ist, befreit, gesegnet, erlöst, von
ihren Sünden gereinigt, vor dem zukünftigen Zorne
beschützt, auch von Ihm gefreit, mit Ihm getrauet und
zu seiner auserwählten Braut, zu seinem gehorsamen
Weibe und herrlichen Königin, in sein ewiges unver-
gängliches Reich und Leben erhoben werden sollten,
mit unaussprechlicher Freude, als wir so unrein in
unsern Sünden und in unserm Blute ganz hässlich
und unbeschnitten waren, daß auch niemand Acht
auf uns hatte, Hes 16, und dabei vom Teufel gefangen
waren, zu seinem Willen, und von Gott, nach seiner
Gerechtigkeit, zum ewigen Tode und zur Verdammnis
verurteilt waren.
Nun lasst uns die Sache wohl überlegen, und uns
selbst bedenken, nach dem Gleichnisse der Missetäte-
rin, der gefangenen Hure, unter dem Schwerte oder
an dem Pfahle. Lasst uns selbst wohl prüfen, ob wir
409
von unsern Sünden abgelassen und ob wir uns gebes-
sert haben, und alle Tage uns noch mehr bessern, ob
wir dieselbe Liebe, Gnade und Erlösung Gottes, ge-
schehen durch Christum, durch den Glauben, welcher
durch die Liebe tätig ist, recht angenommen haben,
und ob wir auch hinwiederum Gott lieben, seine Ge-
bote halten, und uns fürchten. Ihn zu erzürnen.
Die Welt war von Natur durch die Sünde verdorben,
gerichtet oder zur Verdammnis verurteilt; deshalb ist
Christus nicht gekommen, um zu richten oder zu ver-
dammen, das gerichtet war, sondern alle diejenigen
von dem Gerichte und der Verdammnis zu erlösen,
die seine Gnade (Tit 2,11), durch den Glauben recht
annehmen; das sind diejenigen, die ihrem sündhaften
Leben absterben und es verlassen, Buße tun und sich
bekehren. Summa, es sind diejenigen, die widergebo-
ren sind und und nach dem Geiste leben (Joh 3; Rom 8),
wie die Schrift im Überflüsse an vielen Orten bezeugt.
Die anderen aber, die nicht recht nach des Herrn
Worte, die Liebe, Gnade und Erlösung, durch den
Glauben zur Besserung ihres ganzen Lebens anneh-
men, bleiben gleichwohl noch in ihren Sünden ge-
fangen in der Verdammnis und dem Zorne Gottes,
und werden weder das Reich Gottes sehen, noch das
ewige Leben um ihres Unglaubens, ihrer Unbußfer-
tigkeit und Ungerechtigkeit willen ererben, und weil
sie in Sünden noch fortfahren, so können sie die Er-
lösung und Vergebung der Sünden nicht annehmen.
Und wenn sie dieselbe auch einmal angenommen
hätten, so widerfährt ihnen doch, wenn ihre neuen
Sünden die alten übersteigen, etwas ärgeres als zu-
vor, weil sie so undankbar sind, und ihrer verspro-
chenen Besserung nicht nachkommen; denn Christus
hat unsere Sünden an seinem eigenen Leibe an das
Holz des Kreuzes getragen (mit dem Beding unserer
Besserung), damit wir, die wir glauben und der Sün-
de abgestorben sind, der Gerechtigkeit leben mögen,
durch dessen Wunden sind wir gesund geworden,
denn wir waren vor Zeiten verirrte Schafe, nun aber
sind wir bekehrt zu dem Bischöfe und Hirten unserer
Seelen (IPt 2). Hieraus kann man klar merken, daß
diejenigen, die ihren Sünden nicht absterben, noch
nach der Gerechtigkeit leben, durch die Wunden und
durch den Tod Christi noch nicht geheilt oder erlöst
sind, denn sie sind noch nicht durch den Glauben
zu Gott von ihren Sünden, worin sie noch leben, be-
kehrt; darum getrosten sie sich des ewigen Lebens
durch den Tod Christi und ihrer Erlösung umsonst,
weil sie noch an ihre Sünden gebunden sind, oder
sie müssten sich von ihren Sünden zu Gott bekehren,
und ihm ihre ganze Lebenszeit in Gehorsam dienen
in aller Heiligkeit und Gerechtigkeit des Glaubens,
die vor ihm gefällig ist, sonst bleiben sie noch gefan-
gen, ungläubig und verdammt, wie solches die Schrift
ausführlicher anzeigt, als ich es angeben kann, denn
ich habe noch niemals eine Bibel in dem Gefängnisse
gehabt. Ein jeder prüfe sich selbst.
Merkt einmal darauf, wie die armen Menschen die
Erlösung und Seligkeit annehmen nach ihrer Mei-
nung. Es ist ja zur Genüge offenbar, wie man hört und
sieht, daß fast alle Menschen in ganz Europa gläubige
Christen heißen, obgleich sie mit ihren bösen Werken
es kaum beweisen, daß sie natürliche Menschen sind,
weil sie der Natur mehr zuwider leben als die unver-
nünftigen Tiere. Dessen ungeachtet sind sie von ihren
Lehrern so unterrichtet, daß sie Kinder und Erben
Gottes heißen, und es auch sein wollen; sie sind auch
dazu angehalten worden und darin so fest gegründet,
daß man nur wenige von ihren bekehren, oder ihnen
raten und helfen, oder sie aus dem Gefängnisse, aus
dem Wasser und Feuer der Verdammnis ziehen kann,
denn sie selbst sind schon allzuweise; es ist ihnen
schon geholfen; sie sind schon von dem Tode erlöst,
wie sie meinen und sagen, wiewohl sie bei solchem
ihrem sündhaften Leben und gottlosen Wesen im Ver-
derben versunken sind, und sind mit einem schönen
Namen bekleidet, indem sie Christen und Gottes Kin-
der heißen, obgleich sie ärger leben wie Juden, Türken
oder Sarazenen, die sich nicht für Christen ausgeben,
gleichwie diese, die so öffentlich und unverschämt
Christum verleugnen durch die Abgötterei mit Holz
und Steinen, was sie auch einen schönen Gottesdienst
nennen, durch den Geiz, dem sie den Namen Emsig-
keit geben, durch Hoffart, die bei ihnen nur Säuber-
lichkeit heißt; durch Unkeuschheit und Ehebruch, den
sie nur Freundschaft nennen, durch Trunkenheit, wel-
che sie Freude, Ergötzung, Lustbarkeit, Gutherzigkeit
oder eine Erfreuung nennen, wie sie denn alle Bosheit
und Sünden zu beschönigen und ihnen gute Namen
zu geben wissen, als ob es nichts als Tugenden und
Gerechtigkeit wäre; dabei wollen sie noch imsträflich
sein, wie sich denn viele derselben wegen der Wollüs-
te ihres Fleisches, im Würfeln, Spielen, Singen, Sprin-
gen, Tanzen, Stolzieren, Prahlen nicht strafen lassen
wollen, um nirgends der Geringste, sondern überall
der Vornehmste zu sein, auch wenn es ihnen möglich
ist, in eitlen, falschen und berühmten Künsten der
irdischen, weltlichen und fleischlichen Weisheit, in
Rechten, Prozessen, Schwören, in listigem Erdichten,
bösen Erfindungen und Kaufmannschaften, in Lügen,
Betrügen, Zanken, Fluchen, Fechten und Töten; ge-
schieht es nicht mit der Tat, so geschieht es doch mit
dem Herzen, durch Hass und Neid, Verleumdung, Af-
terreden, Narrenspossen, Scherzen, Lügen, unnützen
und ungeziemenden Dingen, in allerlei Begierden und
Leichtfertigkeit. Dieses ist fast überall so allgemein
410
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
als das tägliche Brot. Hierin und hiermit vertreiben,
verschwenden, missbrauchen und verderben sie (zu
ihrer Seelen Verdammnis) die köstliche Gnadenzeit,
ihr Leben, und alle guten Gaben Gottes, welche gute
Gaben Gottes wir von seiner Gnade empfangen ha-
ben, um damit unserm Gott und Schöpfer, welcher in
Ewigkeit gesegnet sein müsse, in Gehorsam zu die-
nen, zu Gottes Ehre, zu unserer Seelen Seligkeit, wie
auch zur Erbauung und Liebe unseres Nächsten; denn
Gott will nicht, daß jemand verloren gehe, auch hat
er keine Lust an dem Tode der Sünder, sondern er ist
langmütig, und wartet auf eines jeden Besserung, will
auch, daß alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit
kommen und selig werden.
Was sollte unser Herr Gott den Menschen mehr tun,
als er getan hat? Kommt denn nicht die Verdammnis
der Menschen von ihrem eigenen Unglauben, Unge-
horsam, Versäumung, Missbrauch, Missetat, Sünden,
Verstockung und Undankbarkeit, weil sie diese Gnade
und unbegreifliche Liebe Gottes durch den Glauben
zur Besserung nicht annehmen wollen? Aber sie ver-
werfen diese Besserung und wollen diese Gnade und
Seligkeit noch in ihrem sündhaften Leben genießen,
von welchem sie sich nicht bekehren. Wenn nun die
Menschen auch Freiheit haben, sich selbst oder ihr
eigenes Leben zu missbrauchen (wie wohl es nicht
der Wille Gottes ist, sondern seine Zulassung), so le-
ben die Menschen nach ihrer ersten Geburt, gegen
Gottes Wort und Willen, unnatürlich, ungehorsam,
undankbar, unverständig, und achtsam, nach des Teu-
fels Willen, teuflisch und fleischlich gesinnt, nach Gut
und Ehre begierig und unmanierlich, grob, treulos,
meineidig, voll Hasses und Neides, unbarmherzig,
ohne Mitleiden, ungeduldig, grimmig, grausam, rach-
gierig. Summa, hätten die Menschen die Güter und
ihr Leben in der Hand, und wäre keine menschliche
Obrigkeit, die sie mehr fürchten und scheuen als Gott,
sie würden sich so unmenschlich zeigen, daß man
fast die Hölle auf Erden haben würde; denn wiewohl
man jetzt die Menschen mehr als Gott fürchtet, so ist
doch der Bosheit noch ein Ziel gesteckt. Viele arme
Menschen verlassen die Trunkenheit, weil sie weder
Geld noch Pfand haben, die Reichen aber meiden sie
vielleicht um ihrer Ehre und ihres Ansehens willen,
oder weil sie keine Gesellschaft nach ihrem Sinne ha-
ben, oder um ihrer Gesundheit und den Sinnen kei-
nen Schaden zu tun; um dergleichen Ursachen willen
lässt man auch die Hurerei; das Stehlen lässt man oft
um des Galgens, und das Morden um des Rades wil-
len. Summa, alle Sünden werden gewöhnlich mehr
aus Zwang, Scham und Furcht der Menschen vermie-
den, als aus freiwilliger Gutheit um des Herrn willen.
Und obgleich die Menschen so unverschämt und dem
Bösen so ganz ergeben sind, daß sie öffentliche Hu-
renhäuser halten und viel abscheulicher als die Tiere
leben, so lassen sie sich doch gleichwohl Christen
nennen, und wollen aus Gnaden Kinder und Erben
Gottes sein; um wie viel mehr nun diejenigen, die es
ein wenig säuberlicher und heimlicher treiben, wie sie
meinen, wiewohl sie es oft viel ärger machen (kann
man es auch wohl ärger machen?); sie leben unver-
schämt in Ehebruch und andern heimlichen Sünden,
wiewohl Gott der Herr alle Verborgenheiten der Her-
zen kennt. Ach, ständen der Menschen Sünden an
ihren Stirnen geschrieben, wie würden sie sich bestän-
dig zu Hause halten und sich in Winkel und Höhlen
verbergen, damit sie von den Menschen nicht gesehen
würden; aber vor Gott scheuen, schämen und fürchten
sie sich nicht, vor welchem sie sich doch nicht verber-
gen können, und der den Leib töten und Seele und
Leib in das höllische Feuer werfen kann. Prüft es, ihr
verständigen und unparteiischen Leser oder Zuhörer,
ob diese falschen Christen bei solchem ungebührli-
chen und unchristlichen Leben durch die Barmherzig-
keit Gottes und den Tod Christi selig werden können
oder nicht; man hört sie auch solche frevelhafte Re-
den führen: Das Himmelreich sei für sie und nicht für
die Tiere, wie sie sich denn überhaupt so betragen,
daß sich ein rechter Christi schämen und fürchten
sollte, ihre Unsinnigkeit und ungerechten Werke zu
sehen oder zu hören. O verdorbene und mutwillige
Menschen! Als die Juden Gottes Kinder sein woll-
ten, weil sie Abrahams Samen hießen und waren, so
lehrte sie Christus, daß ein Dieb, Lügner und Mörder
von Anfang, nämlich der Teufel, ihr Vater sei, weil
ihre Werke böse waren (Joh 8); solches mochte ihnen
fremd Vorkommen; wie es denn auch denen, die dem
Evangelium Christi ungehorsam sind, fremd Vorkom-
men mag, daß sie, nach dem Zeugnisse der Heiligen
Schrift, Knechte der Sünden genannt werden, ferner,
ein arges und verkehrtes Geschlecht der Schlangen
und Ottern, ein Samen des Teufels, Kinder und Erben
des Zornes, des Fluches und der ewigen Verdammnis,
Kains Same, Ismaeliten, stinkende Schweine, reißende
Hunde, und Wölfe in Schafskleidern, das ist, unter der
Decke der Heiligkeit, Unbeschnittene, Heiden, Gäste
und Fremdlinge in den Testamenten der Verheißung
des ewigen Lebens, die keinen Teil am Reiche Gottes
haben, wiewohl sie sich davon eine leere Hoffnung
machen, ohne Gott, ohne Christo, gottlos und abgöt-
tisch in der Welt. Diese bösen Werke sind die Netze,
Stricke, Fesseln, Blöcke, Ketten, Bande und Gefängnis-
se, womit der Oberste dieser Welt, der Teufel, der sein
Werk in den Kindern des Unglaubens hat, die Men-
schen gefangen und sie verblendet und gebunden hält
nach seinem Willen (2 Tim 2).
411
Solange nun die falschen Christen mit ihren Sün-
den gebunden und in ihrer Ungerechtigkeit verstrickt
gehen oder kriechen, so rühmen sie sich umsonst, und
lügen gröblich einer auf den andern, wenn sie sich
rühmen, daß sie durch Christum von ihren Sünden
erlöst und befreit seien, worin sie doch noch als gebun-
den leben, und, um ihres Unglaubens und Ungehor-
sams willen, zur ewigen Verdammnis verordnet sind,
es sei denn, daß sie sich von ihren Sünden zu Gott be-
kehren, und seine Gnade durch den Glauben recht an-
nehmen zu ihrer Besserung; alsdann bleiben sie nicht
verloren, sondern werden zum ewigen Leben verord-
net, und als Gefäße der Ehren zur Herrlichkeit zube-
reitet, nach meinem schlechten Begriffe (Rom 9,23).
Merkt einmal darauf, welche Christen sie seien, nur
weil sie sagen, daß Gott gnädig sei, welches der Teu-
fel auch glaubt und dennoch zittert; überdies sagen
sie, daß ihnen ihre Sünden leid seien, und gleichwohl
gehen sie darin fort, je länger je mehr, je älter desto
ärger, und treiben allerlei Sünden unter der Decke der
Gnade Gottes, der eine auf diese, der andere auf eine
andere Weise, sodass kein Böses ungetan bleibt. Ein
jeder durchsuche die Verborgenheit seines Herzens,
dann wird er am besten verstehen und finden, was
ich Gefangener hier schreibe. Ein Mensch allein kann
alle diese Sünden nicht vollbringen, denn sein Leben
ist zu kurz und unvermögend; man sieht gewöhnlich,
daß die Sünden die Menschen um Krankheit oder
Alters willen verlassen, was ihnen doch nicht zur Bu-
ße, Besserung oder Seligkeit gereicht, wiewohl viele
Menschen, die frisch und gesund sind, sich selbst ver-
wahrlosen und betrügen, und sagen: Ich will mich
bessern, wenn ich alt bin und krank auf meinem To-
tenbette liege, oder wenn mich nicht mehr gelüstet,
der Welt zu dienen; wenn man dann nur einmal über
seine Sünden seufzt und das Ende gut ist, so ist alles
gut. Ach, das ist ein nichtiger Trost, denn was wird
das für eine Besserung sein, wenn man die Sünde und
Bosheit nicht mehr ausüben kann? Das heißt nichts
anders als mit dem Herrn gespottet, mutwillig gesün-
digt, und seine Gnade verworfen. Ach, daß alle Men-
schen, die in Sünden gefangen sind, nach des Teufels
Willen (2 Tim 2,26), dieses allezeit überlegen, und um-
so mehr Fleiß anwenden möchten, damit, durch die
Gnade, ihre Seelen aus des Teufels Stricken oder Sün-
den frei werden möchten, gleichwie einer, der dem
Leibe nach gefangen ist, Fleiß anwendet, daß er befreit
werden möchte, um dem leiblichen Tode noch eine
kleine und ungewisse Zeit zu entgehen, dem er doch
zuletzt nicht entgehen kann. Glaubten die Menschen,
daß Gott gerecht wäre, und daß er an den imbuß-
fertigen Sündern kein Übel ungestraft lassen würde,
sie würden erschrecken und aus Furcht vor dem ge-
rechten Gerichte Gottes ihre Sünden lassen; aber mm
werden sie in ihrem Unglücke von ihren Predigern
mit schmeichelnden Worten und süßen Predigten, mit
Gnade, Frieden, Barmherzigkeit und Seligkeit getrös-
tet, während man ihnen doch wegen ihren Sünden,
mit Zorn, Grimm, Ungnade Gottes und ewiger Ver-
dammnis drohen sollte, damit sie sich doch bessern
möchten, weil die Gnadentür noch eine kurze Zeit
offen ist.
Ich weiß kein Ding, das die Menschen so sicher und
fest in dem Sündenschlafe erhält, bis der Herr wie ein
Dieb in der Nacht kommt, als wenn man das Gute
böse nennt, und das Evangelium eine Sekte, welcher
man alles Üble nachlügt und nachsagt, und so die
Wahrheit in Lügen verwandelt; die Christen nennt
man Ketzer und Verführer; allen guten Werken, Tu-
genden, Gerechtigkeiten wird ein böser Name gege-
ben; man kehrt sie um, malt sie abscheulich ab und
deutet sie zum Ärgsten, daß sich die Menschen davor
entsetzen, als ob sie von Gott und der Wahrheit abge-
zogen werden sollten. Kommt aber der Teufel, nicht
halb so hässlich, als man ihn abmalt und ich hier be-
schrieben habe, doch mit einem schönen Scheine der
Liebe überkleidet, verändert, und in einen Engel des
Lichtes verwandelt, als ob er von Gott gesandt und
Gott selbst wäre, so werden seine Lügen gewiss für
lauter Evangelium und Wahrheit ausgegeben; Babel
wird eine Gemeinde Gottes genannt; die Götzendiener
nennt man Herren; Lügen und Betrügen heißt Klug-
heit und Geschwindigkeit; Fechten heißt Tapferkeit,
Todschlag nur Unfall, und viele dergleichen schändli-
che Dinge, denen man Ehre beilegt, sodass man das
Böse gut nennt. Wehe aber solchen, wie Jesaja sagt,
und wenn so des Teufels Diener und Kinder alle ihre
bösen Werke, Untugenden, Sünden und allerlei Un-
gerechtigkeiten zu verändern, zu beschönigen, ihnen
gute Namen beizulegen, auch wohl zum besten zu
deuten, und für gute Werke auszugeben wissen, ins-
besondere für Tugenden und allerlei Gerechtigkeiten,
als Geiz für Emsigkeit, Hoffart für Reinigkeit; wer will
sie dann hierüber bestrafen? Auf solche Weise verblen-
det sie der Teufel sehr listig ihm zum Dienste, sodass
sie fromme Christen zu sein glauben, und nicht von
der Wahrheit um ihrer Sünden willen bestraft sein
wollen, sondern sie wollen unsträfliche Kinder Gottes
sein, deshalb sagen sie wie die Jünger Christi: »Unser
Vater « Aber ein jeder prüfe sich selbst, ob er aus Gott
geboren sei, indem er doch seine Sünden auf solche
Weise beschönigen kann, und ob er den Namen Got-
tes heilige und schmücke, und den Willen Gottes tue,
ob er auch vor Gott wandle wie ein gehorsames Kind
vor seinem Vater; sonst häuft er Lügen auf Lügen in
seinem Gebete, welches doch vor Gott ein Fluch oder
412
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Gräuel ist. Summa, wer Sünden tut, der ist vom Teufel
geboren, und kennt Gott nicht (Joh 8,44; ljoh 3). Denn,
die fleischlich gesinnt sind, mögen Gott nicht gefallen;
darum merke darauf, wen die unbußfertigen Sünder
zum Vater anrufen. Der mag wohl verblendet sein,
der dieses nicht einsehen kann, und recht verhärtet,
der sich nicht bessern will.
Ach, lieber Leser, oder Zuhörer! Wenn ich bitten
darf, so ist mein herzliches Begehren an dich, du wol-
lest allezeit überlegen, und dich darnach richten, daß
die Menschen von jedem unnützen Worte, das sie
geredet haben, Rechenschaft geben müssen, um wie
viel mehr von den Werken. Alsdann wird ein jeder
vor dem gerechten Gerichte Gottes an seinem eige-
nen Leibe empfangen, je nachdem er getan hat, es sei
gut oder böse; alsdann wird Zorn, Hass, Neid, nicht
Lieben in der Tat und Wahrheit, frech und spitzig re-
den; Raka, du Narr, zu seinem Bruder sagen, oder ihn
ärgern, für Todschlag, und als des Rates, Gerichtes
und höllischen Feuers schuldig gehalten und verur-
teilt werden (Mt 5,22; ljoh 3). Desgleichen wird auch
Ungehorsam für Zaubereisünde, ein Weib ansehen,
sie zu begehren für Ehebruch, oder sonstiges Böses,
das man von Herzen begehrt, oder worin man wil-
ligt (obgleich es um des Unvermögens willen nicht
bewerkstelligt wird) als ein vollkommen böses Werk
gerichtet und gestraft werden. Sein Wort nicht halten,
wird als Lüge und Meineid geachtet und ein so ge-
nannter guter Eid ebenso schwer gestraft werden als
Meineid, denn Christus hat jeden Eidschwur verbo-
ten (Mt 5); ebenso auch seine Feinde zu hassen, wird
dieselbe Strafe nach sich ziehen, als wie seine Freunde
nicht zu lieben, und was dergleichen mehr. Nun merkt
aber einmal, wie im Gesetze der Ehebruch von den
Richtern gestraft wird! Diejenigen die im Ehebruch
ergriffen waren, wurden zu Tode gesteinigt. Man sieht
auch täglich, wie Zauberei und Todschlag, oder Mord,
von den weltlichen Herren mit Feuer oder Schwert bis
zum Tode gestraft werden. Merkt, da es uns bekannt
ist, daß Adam um einer Sünde willen, desgleichen
Kain, nachher die ganze Welt mit der Sündflut, So-
dom und Gomorrha, mit den umliegenden Städten
mit Feuer und Schwefel, Ägypten, dann die Götzen-
diener in Israel, und die wider Mose murrten, nach
der Gerechtigkeit Gottes uns zum Vorbilde und Ex-
empel gestraft worden seien, so ist einleuchtend, um
wie viel mehr Strafe diejenigen verdient haben, die
wider Christum murren, seine Wahrheit in Lügen ver-
wandeln, die seine Gnade und Erlösung durch den
Glauben zur Besserung ihres Lebens nicht annehmen,
sondern verwerfen, und mutwillig in ihren Sünden
leben, Gott, welcher der Engel nicht geschont hat, die
gesündigt haben, wird auch der ungerechten Men-
schen und falschen Christen nicht schonen um ihres
Unglaubens willen, sondern sie mit einer ärgeren Stra-
fe heimsuchen, als Sodom und Gomorrha, welche in
Asche gelegt, zerstört und verdammt worden und
allen denen zum Beispiele gesetzt find, die ungött-
liche Dinge treiben (2 Pt 2), und sich nicht bekehren
(2 Pt 3). Sollen wir nun durch Gottes Barmherzigkeit
selig werden, so müssen wir uns bessern, aus Gott
wiedergeboren und gehorsame Kinder Gottes sein,
auch Christo in der Wiedergeburt und den Fußstap-
fen des Glaubens, auf der schmalen Bahn zum ewigen
Leben nachfolgen, selbst dann werden wir nicht se-
lig aus Verdienst der guten Werke, sondern durch
die Gnade, die durch Christum geschehen ist; denn
wenn wir auch heilig, unsträflich und vollkommen
lebten in aller Gerechtigkeit (wie die Schrift erfordert),
und um der Wahrheit willen einen bittereren Tod als
Christus litten, was doch uns Menschen unmöglich
ist, so könnten wir durch unsere eigenen guten Werke
doch nicht selig werden, sondern allein durch Got-
tes Barmherzigkeit und die Gnade unsers Herrn Jesu
Christi, wodurch unser Heil allein ausgewirkt wurden
ist. Und wenn wir unsere Seligkeit auf unsere guten
Werke oder Leiden zu gründen suchten, so würden
wir Abgötterei treiben, und wären ein Götze unserer
selbst, insofern wir auf uns selbst vertrauten.
Aber nun ist unsere Seligkeit allein auf Gottes Er-
barmen gegründet, und nicht auf unser Laufen und
Jagen, und wenn wir auch so ernstlich darnach jag-
ten und liefen (wozu wir doch verpflichtet sind), daß
wir die Vollkommenheit, wozu wir von Christo be-
stimmt sind, erreicht, und das bereits erlangt hätten,
was uns befohlen ist und wir schuldig sind zu tun,
so wären wir gleichwohl nur unnütze Knechte; um
wie viel unnützer sind wir denn nun bei so vielen
Gebrechen, wenn wir auch mit einem guten Willen
nach dem Guten streben, auch solches gern vollbrin-
gen wollten, und es uns leid tut, daß wir nicht voll-
kommen sind? Darum haben wir Ursache, und sind
schuldig, uns sehr tief unter die überschwängliche
Gnade Gottes zu demütigen; denn das ewige Leben
ist eine Gabe Gottes, und keine Schuld, kein Lohn,
noch fließt es aus unserer Arbeit, unserem Verdienste,
oder aus guten Werken; denn wir sind Gottes Werk,
geschaffen in Christo zu guten Werken, die Gott zu-
bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen, wie wir
auch schuldig sind, sowohl in dem Kleinsten als in
dem Größten zu tun. Aber der Sünden Lohn ist der
Tod; deshalb müssen wir denn die Sünde hassen und
uns fürchten, damit wir derselben weder folgen, noch
sie vollbringen, wenn wir anders durch die Gnade
und Gabe Gottes selig werden wollen. Also sind wir
durch Christum von des Teufels Banden oder Sünden
413
erlöst; darum soll niemand sagen, oder hoffen, daß
er durch seine guten Werke selig werde, welche doch
zu gering sind. Auch soll niemand sagen: Sollten wir
nicht sorgen, sollten wir uns nicht ernähren, woher
sollten wir denn unsere Nahrung nehmen? Außer zu
solchen, die da sagen, daß man sich nicht mit seiner
Hände Arbeit nähren, sondern müßig gehen soll; des-
gleichen soll auch niemand sagen: Es weiß niemand
die Stunde und den Tag des Herrn, außer zu denen,
welche Tag und Stunde bestimmt haben, wovor mich
der Herr bewahren wolle. Hütet euch doch vor leicht-
fertigen Schwätzern, denn es wird mit den Spöttern
bald aus sein. Wenn du deine Meinung aussprichst,
oder mit Sanftmut bestrafst, was dir nicht ansteht, es
widersteht dir aber jemand in dem Guten, so schwei-
ge sofort, damit du den Frieden und die Ruhe deines
Gewissens erhalten mögest; verdrießt es dich, so laß
dich deshalb in keinen Streit ein, damit du im Frie-
den erfunden werden mögest, wenn der Herr kommt;
denn wir müssen doch hier Gewalt und Unrecht lei-
den; aber es wird nicht lange währen; darum sollen
wir unsere Seelen in Geduld fassen.
In der vierzehnten Woche meiner Gefangenschaft,
den ersten Tag des sogenannten Januars, im Jahre 1568
geschrieben.
Ich habe das Vertrauen, es werde dieses gegenwär-
tige Jahr nicht wie die vergangenen vorübergehen.
Wacht und betet, weil ihr weder Stunde noch Tag
wisst, denn die Gottesfürchtigen mögen sich beden-
ken, ob dieses das Jahr sei, in welchem der Herr seine
Auserwählten und Gläubigen erlösen will; ein jeder
sei gewarnt.
Jan Thielemanß und Job Janß werden um des
Zeugnisses Jesu Christi willen in Grafenhaag in
Holland im Jahre 1568 verbrannt.
Auch legte man damals in Grafenhaag die Hände
an die lieben Freunde des Herrn, sodass man sich
nicht gescheut hat, dieselben durch Feuerflammen
des Febens zu berauben.
Dieses hat sich an zwei sehr frommen und gottes-
fürchtigen Männern erwiesen, von denen der eine Jan
Thielemanß, der andere aber Job Janß genannt wurde;
beiden wurde an dem genannten Orte ihr Todesurteil
(weil sie treulich bei dem Herrn, ihrem Gotte, blieben,
und durch keinerlei Marter von der Standhaftigkeit
ihres Glaubens abwendig gemacht werden konnten)
vor Gericht vorgelesen, nämlich, daß sie als Ketzer
(nach den Befehlen des Kaisers und des Königs in
Spanien, der sich einen Grafen von Holland nannte)
mit Feuer getötet werden sollten, welches Urteil den
18. Dezember im Jahre 1568 an ihnen beiden vollzo-
gen worden ist, nachdem sie ihre Seelen in die Hände
Gottes befohlen haben.
Nacherinnerung von den Todesurteilen
vorgemeldeter Märtyrer.
Wir haben in diesem Jahre 1650 durch einige unserer
Freunde in Grafenhaag bei Gelegenheit darum nach-
gesucht, uns aus dem Protokolle des Blutgerichtes
vom Jahre 1568 die Gerichtsverhandlungen und insbe-
sondere die Todesurteile der vorgenannten Märtyrer
(wie sie von den Papisten aufgezeichnet worden sind)
in einer gültigen Abschrift mitzuteilen, um sie durch
den Druck hier beizufügen (wovon, wie es scheint,
die eigenhändige Schrift noch vorhanden ist); da aber
im Jahre 1648 mit Spanien unter der Bedingung Frie-
de gemacht worden ist, einander alle vorhergegan-
genen Misshandlungen zu vergeben und dieselben
zu bemänteln, so fürchtete sich der Notar, diese Ak-
tenstücke und so auch die Verhandlungen anderer
unserer Glaubensgenossen, die gleichfalls während
der päpstlichen Regierung getötet worden sind, aus-
zuziehen, damit ihm solches nicht verwiesen werden
könnte, oder ein Hindernis in dem aufgerichteten Frie-
den abgeben möchte.
Diese Absicht des Notars ist zwar nicht zu tadeln,
weil es aus Sorgfalt wegen einer wichtigen Sache ge-
schehen ist, inzwischen müssen diese heiligen Märty-
rer hierunter leiden, deren Geschichte, die doch vor
jedermann, selbst aus dem Munde ihrer Widersacher,
offenbar werden sollten, dadurch verborgen bleiben.
Dieses dient zur Nachricht.
Der erste Brief von Jan Thielemanß, den er im
Gefängnisse geschrieben hat.
Gnade und Friede von Gott, dem himmlischen Vater,
durch Jesum Christum, seinen lieben Sohn, unsern
Herrn, wünsche ich euch, meine lieben Freunde, zum
freundlichen Gruße, Amen.
Nebst allen guten und gebührlichen Grüßen, die
da christlich sind, bin ich, nach meiner Unwürdig-
keit, in meinem Geiste sehr angetrieben worden, euch
noch etwas zu schreiben, weil ich nicht mündlich mit
euch allen reden kann, indem ich ja den ersten Grund
an einigen unter euch gelegt, und euch, nach meiner
geringen Gabe, nichts enthalten habe, und obgleich
ich euch entnommen bin, so habe ich doch, um der
großen Fiebe willen, die wir in großer Gemeinschaft
und Frieden miteinander gehabt haben, euch zum
letzten Abschiede noch einen kleinen Trunk aus mei-
nem kleinen Büchlein zugedacht, woraus ich euch
eingeschenkt habe; zwar nicht ich, sondern die Gnade
414
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Gottes durch mich, denn es steht IMo 17,1 geschrie-
ben, daß Gott mit unserm Vater Abraham geredet
habe, wenn er sagt: »Ich bin der allmächtige Gott, wandle
vor mir und sei fromm, so will ich meinen Bund mit dir
machen, und dich sehr vermehren und ausbreiten, sodass
Könige von dir kommen sollen, und deinem Samen will
ich das Land Kanaan zum Erbe geben, und dieses ist mein
Bund, den ich mit dir machen will; alles, was männlich
ist, sollst du beschneiden.« Also hat nun Abraham Gott
geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet
und er ist ein Freund Gottes genannt worden. So hat
nun also Gott Abraham einen Sohn gegeben, welcher
Isaak hieß, und Isaak hat Jakob gezeugt, Jakob aber
die zwölf Erzväter, und die Erzväter beneideten Jo-
seph, und verkauften ihn den Ismaeliten um zwanzig
Silberlinge; die Ismaeliten verkauften ihn in Ägypten,
und Gott war mit ihm, und er fand Gnade vor dem
Könige Pharao, und ward ein Fürst über das ganze
Ägyptenland. Es hat sich aber zugetragen, daß eine
teure Zeit in Ägypten entstanden ist, sodass Jakob und
seine Söhne keine Speise fanden, und daß sie sagen
hörten, daß man in Ägypten Getreide verkaufte; des-
halb hat Jakob seine Söhne ausgesandt, wodurch sie
mit Joseph bekannt geworden sind, ebenso ist auch Jo-
sephs Geschlecht vor Pharao bekannt geworden, und
Joseph hat seinem Vater Jakob Botschaft zugesandt;
Jakob aber ist mit 75 Seelen nach Ägypten gezogen
und hat dort gewohnt, ist auch daselbst, samt seinen
Söhnen, gestorben.
Als nun das Volk anfing, sich zu mehren, so ist ein
anderer König aufgestanden, der unterdrückte das
Geschlecht Israels, und gebot, daß man die jungen
Kinder töten sollte. Merkt wohl meine guten Freunde,
wie kamen die Kinder Israel in diese Not, in dieses
große Elend und in diese Schmerzen, worüber sie
klagten und zu Gott seufzten, wer hatte sie in diese
Not gebracht? Solches hatte ihr Vater Jakob getan; bei
Gott dem Allmächtigen aber stand die Verheißung
fest, die er unserm Vater Abraham gegeben hatte,
nämlich, daß sein Geschlecht das Land Kanaan er-
erben sollte, wiewohl sie damals in großem Elende
saßen. Alle diejenigen nun, die daselbst geboren wur-
den, was erbten sie? Das gute, fruchtbare Land der
Verheißung? Nein, sondern sie erbten den Dienst un-
ter dem grausamen Könige Pharao, und waren noch
in Ägypten, das ist ja die Wahrheit. Nun merkt auf
jene Zeit der Welt, und die nun heutigen Tages in
dieser Welt geboren werden, ob sie es wohl mit der
Schrift abmessen, wer sie in die Welt gebracht hat?
Ihr Vater Adam. So befinden sie sich denn nun doch
in diesem geistigen finstern Ägypten unter Pharao,
dem Teufel; merkt nun, meine guten Freunde, was sie
erben, und wie sie sich vergeblich rühmen; sie erben
zwar einen nackenden Leib, wenn sie geboren wer-
den, ohne Kleider und Speise, denn wenn sie Kleider
und Speise erben würden, so würden nicht so viele
Leute nackend gehen und Hunger leiden; nun aber
hat der Herr schöne Versprechungen gegeben, wofür
man danken soll. Wenn man nun diese schönen Hilfs-
mittel nicht nach der Regel oder der Wahrheit Christi
gebrauchen will, um zu diesem geistigen Lande der
Verheißung zu kommen, so muss man draußen blei-
ben, wie denn viele die Hilfsmittel nicht gebrauchen,
um Speise und Kleider zu erlangen; darum müssen sie
auch darben, und Kälte und Hunger leiden. So wird
es auch allen denen ergehen, meine guten Freunde,
welche sich vergeblich des Reiches Gottes rühmen.
Nun will ich wieder zu meiner vorigen Rede zu-
rückkehren. So merkt denn auf die Israeliten, die in
Ägypten saßen; sie fingen an, sich sehr zu vermehren
und groß zu werden, und waren 600 000 Mann stark.
Diese große Macht wurde noch von dem Könige Pha-
rao mit Zwang und Schlägen zur Arbeit genötigt; sie
seufzten und klagten, und obgleich sie so zahlreich
waren, so war es ihnen doch nicht möglich, aus dem
Lande zu ziehen und in dasjenige zu kommen, das sie
ererben sollten, wie Gott Abraham verheißen hatte.
Ebenso auch, meine Freunde, ist es dem Menschen
unmöglich, aus dem geistigen Ägypten zu kommen,
und von dem Könige Pharao, nämlich dem Teufel,
erlöst zu werden und wieder in das geistige Land,
nämlich das Reich Gottes, zu kommen; denn die Men-
schen ererben im Allgemeinen eine verdorbene Art,
welche sie belebt, sodass sie nach dem Fleische le-
ben, und daher sterben, ohne daß sie das Reich Gottes
erben. Nun, meine lieben Freunde, als sie, wie an-
gegeben, in Ägypten saßen, und darin an 430 Jahre
gewohnt, und dabei geklagt, geweint und geseufzt
hatten, kam solches vor den Herrn, und der Herr, der
allmächtige Gott, gedachte an seinen Bund, den er mit
unserm Vater Abraham befestigt hatte, und Gott hat
einen Mann erweckt und auserkoren, genannt Mose.
Seht, meine guten Freunde, durch diesen Mann woll-
te Gott alles Volk erlösen, und tat viele wunderbare
Zeichen und Kräfte vor dem Könige in Ägypten, wie
man lesen kann. Zuletzt hat dieser Mose sie durch
die kräftige Hand Gottes ausgeführt; aber ehe sie das
Land verließen, ging Mose oft zu Pharao und sprach:
So sagt der Herr, der Gott Israel, laß mein Volk ge-
hen, damit sie mir dienen; aber Pharao sagte: Wer ist
der Herr, daß ich das Volk ziehen lassen sollte? Ich
will das Volk nicht ziehen lassen. Wie nun aber das
Volk, welches dort in Ägypten wohnte, dem Herrn
nicht dienen konnte, ohne Ägypten zu verlassen und
nach dem Lande der Verheißung zu reisen, so kön-
nen diejenigen nun auch dem Herrn nicht dienen, die
415
noch in dem geistigen Ägypten wohnen, denn man
kann nicht zugleich zweien Herren dienen; man muss
Pharao und Ägypten verlassen, denn Pharao wohnte
in Ägypten; aber Gott der Herr wohnt in dem geis-
tigen verheißenen Lande. Nun können meine guten
Freunde wohl merken, daß es die Wahrheit sei, was
ich schreibe, daß man das geistige Ägypten verlassen
müsse, gleichwie Mose durch die kräftige Hand Got-
tes das Volk aus Ägypten erlöst hat, welches sie auf
einen und denselben Tag verlassen haben, und vor
das rote Meer gekommen sind, wohin ihnen Pharao
mit seinen Knechten in der Meinung nachgefolgt ist,
daß sie nicht aus dem Lande kommen könnten. Aber
sie wussten wenig davon, daß der Herr mit den Kin-
dern Israel war, denn Pharao gedachte sie zu schlagen;
aber der Herr teilte das Meer voneinander, daß es wie
eine Mauer stand; und auf solche Weise ist Mose mit
dem Volke Gottes hindurch gegangen, Pharao aber ist
mit all seinen Knechten im Meere geblieben, sodass
nicht einer entkam, der es den Ägypten hätte erzäh-
len können. Also auch, meine Geliebtesten, wenn die
Menschen begehren, Gott zu dienen, so verlassen sie
Ägypten und den Pharao; Pharao aber, wenn er das
sieht, macht sich mit seinen Knechten auf die Füße;
aber der geistige Mose ist den Seinen vorgegangen
und hilft ihnen durch das Meer, nämlich durch die
wilde wüste Welt, Pharao aber mit seinen Knechten
verfolgt sie beständig, bis sie ihr Ende erreichen, wel-
ches der Tod ist.
Ferner nun, meine Freunde, als es Mose so weit ge-
bracht hatte, daß sie durch das Meer waren, so sahen
sie ihre Verfolger vor ihren Augen ertrinken; darüber
haben sie sich sehr gefreut, und Gott, der ihnen sol-
chen kräftigen Beistand geleistet hatte, mit Gesängen
gedankt; nun aber waren sie noch nicht in dem Lande
der Verheißung, sondern auf dem Wege dahin; Mose
aber, ihr Führer, ist ihnen vorgegangen, und hat sie
an den Berg Sinai gebracht; da ist Mose, der treue
Knecht des Herrn, auf den Berg gegangen, und hat
daselbst das Gesetz des Herrn empfangen, welches
durch den Finger Gottes in zwei steinerne Tafeln ge-
schrieben war. Als nun Mose diese beiden steinernen
Tafeln von der Hand des Herrn empfangen hatte, um
sie dem Volke vorzulegen, daß sie darnach tun sollten
(denn nun sollte der Gottesdienst unter ihnen anfan-
gen, indem sie, außer der Beschneidung, noch keine
Ordnungen Gottes empfangen hatten; sollten sie aber
nun Gott dienen, so mussten sie auch die Gebote ha-
ben), so sagte der Herr zu Mose: »Steige herab vom
Berge, denn das Volk hat es übel verderbt.« Als nun Mo-
se vom Berge herabstieg, und das Volk um das Kalb
tanzen und sich über ihrer Hände Werk freuen sah,
nahm er die beiden steinernen Tafeln, warf sie unten
am Berge entzwei und redete Aaron mit betrübtem
Herzen in den folgenden Worten an: »Was hast du ge-
tan, daß du das Volk zu solcher großen Sünde gebracht
hast?« Aaron entschuldigte sich vor Mose und sagte:
»Mein Herr, du weißt, daß dies Volk ein hartnäckiges Volk
ist, denn sie haben mich überfallen, und ich habe von ihnen
ihre goldenen Ohrringe und anderes Gold gefordert, und
ich habe es von ihrer Hand empfangen und mit einem Grif-
fel entworfen, daraus ist dieses Kalb entstanden.« Mose
nahm das Kalb, zermalmte es zu Staub und warf es
ins Wasser, und gab es den Kindern Israel zu trinken.
Und er redete die Leviten an und sagte zu ihnen: »Ein
jeder gürte sein Schwert an seine Seite und gehe durch's
Lager hin und her, und erschlage seinen Bruder, Freund
und Nächsten; da sind 3000 Mann umgekommen.« Seht
nun, meine werten guten Freunde, diese 3000 hatten
Ägypten und den Pharao verlassen, und waren ausge-
zogen, um das gute Land einzunehmen; wenn sie sich
nun des guten Landes (das dem Abraham und seinem
Samen von Gott verheißen war) gerühmt hatten, wäre
das nicht ein eitler Ruhm gewesen? Sicherlich, ja; so
sind auch Korah, Dathan und Abiram, mit noch 250,
die das Rauchwerk vor dem Herrn opferten, unter
der Menge zu Grunde gegangen, nebst 14 700 Aufrüh-
rerischen, die wider Mose murrten und sagten: »Du
hast des Herrn Volk getötet.« Seht, meine guten Freunde,
sie mussten das Volk des Herrn heißen, wiewohl sie
es nicht waren; ebenso musste das auch Mose, der
treue Knecht des Herrn, tun, wiewohl es sich nicht so
verhielt, sondern ihre eigenen Sünden hatten es getan.
Und wenn man es nach der Wahrheit recht nennen
wollte, so hätte man es so nennen müssen, aber heuti-
gen Tages wird es auch oft verkehrt gesagt, und muss
auch wahr sein, wenn es auch nicht wahr ist. Wäre
das gleichfalls nicht auch eitler Ruhm gewesen, wenn
die 24 000 Hurer, nebst noch 3000 und viel mehr, die
alle in der Wüste um ihrer Sünde und Übertretung
willen umgekommen sind, sich alle trefflich des guten
Landes gerühmt hätten? Gewisslich ja. So ist es denn
also vergeblich, sich so zu rühmen, denn nach der
Wahrheit sich rühmen, solches ist recht, indem Mose
zu ihnen gesagt hat: »Höre Israel, du sollst den Herrn,
deinen Gott, von ganzem Heizen und aus allem Vermögen
lieben; diese Worte, die ich euch heute gebiete, sollt ihr zu
Herzen nehmen; schreibt sie an eure Türpfosten; redet da-
von, wenn ihr mit euren Kindern auf dem Wege wandelt;
lasst sie euch zur Warnung dienen.« So hat Mose das
Volk scharf ermahnt, und ihnen das Gesetz des Herrn
ernstlich vorgehalten, wozu das Volk zwar ja sagte,
aber solches gleichwohl nicht tat.
Darum, meine guten Freunde, seht doch zu, daß
niemand unter euch ein arges und ungläubiges Herz
habe, sondern ermahnt euch untereinander alle Tage,
416
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
solange es heute heißt, damit niemand durch Betrug
der Sünde ein verstocktes ungläubiges Herz empfan-
ge, denn ihr seid Christi teilhaftig geworden, wenn ihr
den Anfang seines Wesens bis ans Ende festhaltet; dar-
um heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt
eure Herzen nicht, gleichwie in der Erbitterung ge-
schah, als er wohl 40 Jahre über dieses Geschlecht
missvergnügt war, und in seinem Zorne schwur, es
sollte nicht zu seiner Ruhe kommen. Darum, meine
guten Freunde, lasst uns dasjenige, das uns gesagt
worden ist, desto ernstlicher wahrnehmen, damit wir
nicht zu irgendeiner Zeit es wieder verlieren, denn
wenn das Wort fest geworden ist, das durch die Engel
geredet worden ist, und eine jede Übertretung und
Ungehorsam ihren rechten Lohn empfangen hat, wie
wollen wir dann entfliehen, wenn wir solche Seligkeit
nicht achten? Darum lasst uns den Herrn fürchten,
damit wir zu seiner Ruhe kommen mögen, und nie-
mand unter uns draußen bleibe, denn es ist uns nun
auch verkündigt, gleichwie jenen. Aber das Wort der
Predigt half jenen nichts, weil sie denselben nicht ge-
glaubt haben. Also auch, meine guten Freunde, hilft
es nichts, ob man die Worte Gottes hört, wenn man
den Glauben nicht hinzugefügt, denn den Gläubigen,
wie die Schrift sagt, ist das Reich Gottes aus Jesu Mun-
de zugesagt; darum lasst uns die Gnade Gottes nicht
versäumen, die uns sagt: »Ich habe dich in der angeneh-
men Zeit erhört, und dir am Tage des Heils geholfen; seht,
jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils,«
welcher von vielen Menschen versäumt wird. Darum
lasst uns in allen Dingen als Diener Gottes uns erwei-
sen, ihm zu dienen unser Leben lang in Heiligkeit und
Gerechtigkeit, welches vor ihm gefällig ist. Darum sa-
ge ich mit Paulus: »Richtet wieder auf die lässigen Hände
und müden Knie, daß ihr nicht strauchelt, wie ein Lahmer,
sondern lauft rechtschaffen mit euren Füßen,« denn ich
befürchte, es möchten jetzt viele Lahme und lässige
Hände erfunden werden; darum jagt nach dem Frie-
den und der Heiligung, ohne welche niemand den
Herrn sehen wird.
Also ermahne ich euch, meine guten Freunde,
durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Lei-
ber zu einem lebendigen und heiligen Opfer begebt,
das Gott gefällig ist, welches euer vernünftiger Got-
tesdienst ist, und stellt euch nicht dieser Welt gleich,
sondern verändert euch durch die Erneuerung eures
Geistes, damit ihr prüfen mögt, welches der gute und
wohlgefällige Wille Gottes sei. Darum denkt doch an
die Worte, die vor Zeiten in dem Namen des Herrn zu
euch geredet worden sind, und bleibt bei dem, was
ihr von Anfang gehört habt; wenn ihr bei demjenigen
bleibt, was ihr von Anfang gehört habt, so werdet ihr
bei dem Vater und dem Sohne bleiben, und das sind
seine Verheißungen, das ewige Leben; denn wir ha-
ben ein festes prophetisches Wort, und ihr tut wohl
daran, daß ihr darauf achtet, wie auf ein Licht, das an
einem dunkeln Orte scheint, bis der Morgenstern in
euren Herzen aufgehe. Meine lieben Freunde, welch
ein dunkler Ort ist wohl ehemals in euch gewesen, als
euch das Licht verborgen war? Und welche dunkle Or-
ter sind noch jetzt? Aber euch ist Barmherzigkeit wi-
derfahren. Darum sagte auch Jesus Christus im Evan-
gelium: »Ich bin ein Licht, in diese Welt gekommen, damit
alle, die an mich glauben, nicht in der Finsternis bleiben;
aber, wer mein Wort hört und nicht glaubt, den werde ich
nicht richten, denn ich bin nicht gekommen, daß ich die
Welt richte, sondern daß ich sie selig mache. Wer nun mich
verachtet, und meine Worte nicht annimmt, der ist schon
gerichtet, denn das Wort, das ich geredet habe, wird ihn
richten am jüngsten Tage, denn ich habe solches nicht von
mir selbst geredet, sondern der Vater hat mir ein Gebot ge-
geben, was ich reden soll, und ich weiß, daß sein Gebot das
ewige Leben ist.« Darum ist es uns auch zu tun, daß wir
durch die herzliche Gnade unsers Herrn Jesu Chris-
ti solches von seiner Hand empfangen mögen, denn
auch dem Herrn ist es um ein Volk zu tun, das Ihn
fürchtet und liebt; und das ist die Liebe Gottes, daß
wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind denen
nicht schwer, die ihn lieben. Darum ist das Gesetz
der Gebote gut, welches in Ewigkeit bestehen wird;
wer sie annimmt, der wird das Leben erlangen, wer
sie aber nicht annimmt, der wird des Todes sterben.
So habt denn, meine Freunde, Gott allezeit vor Au-
gen, folgt nicht der Sünde nach und verlasst nicht die
Gebote des Herrn unseres Gottes, denn er hat dem
zukünftigen Volke geboten und verordnet, wenn sie
kämen, was sie tun sollten, daß sie leben möchten,
und was sie halten sollten, damit sie nicht gepeinigt
würden. Aber sie haben seine Gesetze verschmäht;
darum werden diejenigen auch in großes Elend gera-
ten, die seine Wege missbraucht haben; denn wiewohl
er ihnen Zeit und Stunde gegeben hat, so haben sie es
doch nicht verstanden, daß sie Reue erwiesen hätten,
diese müssen es nach dem Tode in der Pein bekennen;
darum ist auch den Toten das Evangelium verkündigt,
damit sie nach dem Menschen am Fleische gerichtet
werden, aber im Geiste Gott leben. Denn es ist die
Stunde gekommen, daß die Toten die Stimme des
Sohnes Gottes hören werden, und die sie hören, die
werden leben. Und es wird die Stunde kommen, daß
die Toten, die in den Gräbern sind, die Stimme des
Sohnes Gottes hören werden und die da Gutes getan
haben, werden zum ewigen Leben auferstehen, die
aber, welche Böses getan haben, werden auch aufer-
stehen, doch nicht zum ewigen Leben, sondern zur
Verdammnis. Darum, meine guten Freunde, seht doch
417
zu, daß ihr nicht verliert, was ihr erarbeitet habt, son-
dern daß ihr vollen Lohn empfangen mögt, denn wer
Übertritt, und bleibt nicht in der Lehre Christi, der hat
keinen Gott; wer aber in der Lehre Christi bleibt, der
hat beides, den Vater und den Sohn. Kindlein, ihr seid
von Gott, denn der in euch ist, ist größer, als der in
der Welt ist. Sie sind von der Welt, darum reden sie
auch von der Welt, und die Welt hört sie; wir sind von
Gott, und wer Gott bekennt, hört uns, und wer Gott
nicht bekennt, der hört uns nicht.
Also, meine lieben Freunde, habe ich euch ein we-
nig geschrieben, und will nun mein Schreiben abkür-
zen, denn wir haben wenig Zeit zum Schreiben, indem
der Überlauf zu groß ist; auch darf ich nicht öffentlich
schreiben, ja, ich kann oft kaum eine Zeile in meiner
Einsamkeit schreiben. Darum haltet mir es zu gut,
wenn hier und da in etwas gefehlt sein sollte; ich habe
euch, meine lieben Freunde, ein wenig geschrieben,
weil ich keine Ruhe hatte, sondern in meinem Gemüte
dazu angetrieben wurde.
Hiermit will ich euch dem Herrn und dem Worte
seiner Gnade anbefehlen, welcher mächtig ist, euch
aufzubauen, und euch das Erbe unter allen zu geben,
die geheiligt sind; seid auch meiner in eurem Gebe-
te eingedenk, als eures armen unwürdigen Bruders,
daß ich doch dieses dem Herrn zum Lobe und euch
zur Stärkung vollende, damit meine Seele bei dem
Herrn Ruhe finden möge, wie ich denn auch eurer
hier in meiner geringen Unwürdigkeit nicht vergesse,
indem ich gleichfalls zum Herrn für euch bitte. Fer-
ner lasse ich euch alle mit dem Gruße unseres lieben
Herrn Jesu Christi herzlich grüßen, welcher, als er sei-
nen Jüngern (durch die bösen Menschen) auf kurze
Zeit entzogen worden war und wieder zu ihnen kam
(als sie bei verschlossenen Türen saßen) sagte: »Friede
sei mit euch allen.« Ein Gleiches sage ich auch, habt
Frieden untereinander; dann ist der Herr mit euch.
Noch ein Brief, welchen Jan Thielemanß aus dem
Gefängnisse geschrieben hat.
Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi und die Gemein-
schaft des Heiligen Geistes wünsche ich meinen sehr
geliebten Brüdern und Schwestern in dem Herrn zu
einem freundlichen und würdigen Gruße, und allen
denen, welche meine Schriften sehen, lesen oder hö-
ren werden; nehmt es in Liebe an, Amen.
Nebst gutem und geziemendem Gruße habe ich un-
ternommen, ein wenig an euch zu schreiben, meine
werten und geliebten Freunde; ich bitte euch alle, um
der Barmherzigkeit unseres lieben Herrn Jesu Christi
willen, daß ihr eurer selbst in allerlei Liebe, Frieden
und Wahrheit, nach den Worten des Evangeliums flei-
ßig wahrnehmen wollt, indem ihr werten und lieben
Kinder noch Zeit habt vor dem Herrn, durch seine
große Liebe, die er an euch bewiesen hat, denn die
Zeit ist köstlich; wenn sie aber einmal vorbei ist, und
man hat nicht wohl zugesehen, so wird es mit Betrüb-
nis beklagt. Darum sagt Paulus: »Lasst uns unser selbst
wohl wahmehmen zur Aufmunterung in der Liebe in guten
Werken.« Darum lasst uns die Geringsten, Kleinsten
und Demütigsten sein, um alles zu ertragen, was mit
der Wahrheit und Liebe bestehen kann. Als Christus
Jesus, die ewige Wahrheit selbst, von den Jüngern ge-
fragt wurde, wer unter ihnen der Größte wäre, nahm
derselbe ein Kind, setzte es mitten unter sie und sagte:
»Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet , so werdet ihr nicht
in das Himmelreich kommen.« Aus diesen Worten Chris-
ti ist wohl zu merken, daß wir ein zubereitetes Volk
sein sollen und sein müssen, sonst sind wir solche
nicht, wofür wir uns halten oder wofür uns die Leute
ansehen.
Darum, meine sehr geliebten Freunde, sollen wir
uns in allen Dingen als Diener Gottes erweisen. Nun
aber wird ihnen nichts mehr abgefordert, als daß sie
treu erfunden werden, denn Gott ist nicht ungerecht,
daß er eurer Liebe, und eurer guten und holdseligen
Werke vergessen sollte. Darum seid standhaft und un-
beweglich in dem Werke des Herrn, und wisst allezeit,
daß eure Arbeit nicht vergeblich sei in dem Herrn, in-
dem ihr der Hoffnung lebt, daß es, durch die Gnade
unsers Herrn Jesu Christi, euch noch reichlich belohnt
werden wird, wenn er sagen wird: »Kommt her, ihr
Gesegneten, ererbt das Reich meines Vaters; dann werden
die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Rei-
che; dann wird man sehen, welch ein Unterschied zwischen
dem Gerechten und Ungerechten sein wird, und zwischen
denen, die Gott gedient haben und denen, die Ihm nicht
gedient haben.«
Darum, meine sehr Geliebten in dem Herrn, nehmet
doch eurer selbst ernstlich wahr, leidet lieber von ei-
nem andern, wäre es auch ein Freund, wenn es anders
mit der Wahrheit bestehen kann, ehe ein Freund von
euch leiden sollte. Darum steht geschrieben: »Willst
du ein Diener Gottes sein, so schicke deine Seele zu viel An-
fechtung,« denn es wird noch wohl zu nutz kommen,
daß man sich an den geringsten Ort gestellt hat.
Deshalb, geliebte Freunde in dem Herrn, bleibt bei
demjenigen, was ihr von Anfang gehört habt; werdet
ihr dabei bleiben, so werdet ihr auch bei dem Vater
und dem Sohne bleiben, und das sind seine Verhei-
ßungen: Das ewige Leben. Was fragen wir doch nach
der Welt, oder nach dem, was darin ist? Denn die
Welt mit ihren Lüsten wird vergehen; wer aber den
Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. Es ist uns ja
allen daran gelegen, daß wir selig werden, wie Petrus,
418
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Apg 15,11 sagt: »Wir glauben durch die Gnade unseres
Herrn Jesu Christi selig zu werden;« und wie er auch an
einem andern Orte sagt: »Ich habe euch durch unsern
Bruder Silvanus ein wenig geschrieben, dajj das die rechte
Gnade Gottes sei, worin ihr gegenwärtig stellt;« darum
haltet was ihr habt, damit niemand eure Kronen neh-
me, denn wenn ihr überwindet, so werdet ihr alles
ererben. »Darum beweist nun aus eurem Glauben Tugend,
in der Tugend Bescheidenheit, in der Bescheidenheit Mä-
ßigkeit, und in der Mäßigkeit Geduld, und in der Geduld
Gottseligkeit, und in der Gottseligkeit brüderliche Liebe,
und in der brüderlichen Liebe gemeine Liebe; denn wenn
solches reichlich bei euch ist, wird es euch in der Erkenntnis
unseres Herrn Jesu Christi weder faul, noch unfruchtbar
sein lassen; wer aber solches nicht hat, der ist blind, und
tappt mit der Hand, und vergisst der Reinigung seiner
vorigen Sünden.«
Darum, meine lieben Brüder, wendet desto mehr
Fleiß an, euren Beruf und eure Erwählung fest zu ma-
chen; wenn ihr das tut, so werdet ihr nicht fallen, und
dann wird euch der Eingang zu dem ewigen Reiche
unseres Flerrn und Heilandes Jesu Christi, vollständig
verwilligt werden. Weil wir denn nun solche große
und herrliche Verheißungen haben, meine Geliebtes-
ten, so wollen wir uns von aller Befleckung des Flei-
sches und des Geistes reinigen und in der Heiligung
fortfahren, wie auch Johannes bezeugt, wenn er sagt:
»Ein jeder reinige sich von der Sünde, gleichwie auch er
rein ist, denn wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die
Sünde ist das Unrecht; darum ist er in diese Welt gekom-
men, damit er die Sünde hinwegnehme, denn es ist keine
Sünde in Ihm; wer sündigt, der hat Ihn weder gesehen noch
erkannt.« Ferner sagt Johannes: »Kindlein, ihr seid von
Gott, denn der in euch ist, ist größer, als der in der Welt
ist. Sie sind von der Welt und reden von der Welt, und die
Welt hört sie. Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der
hört uns; wer aber Gott nicht erkennt, der hört uns auch
nicht; daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den
Geist des Irrtums;« damit stimmt auch Christus über-
ein, indem er sagt: »Die Welt kann euch nicht hassen,
mich aber hasst sie, denn ich zeuge, daß ihre Werke böse
sind.« Desgleichen sagt er auch an einem andern Orte:
»Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir gegeben
hast, sie waren dein und du hast sie mir gegeben; ich bitte
nicht, Vater, daß du sie von der Welt nehmest, sondern daß
du sie vor dem Argen bewahrst.« An einem andern Orte
sagt Christus: »Wer Arges tut, der hasst das Licht, und
kommt nicht ans Licht, damit seine Werke nicht gestraft
werden.«
Darum, meine sehr geliebten Freunde, weil wir
noch in dieser betrübten Welt sind, und uns von dem
Herrn Zeit vergönnt wird, so müssen wir ernstlich
auf das Wort des Herrn achten und unser Äußerstes
daran wenden, um demselben nachzukommen; sol-
ches lehrt uns Paulus, indem er sagt: »Die nach dieser
Regel einhergehen, über die sei Friede und Barmherzigkeit;«
auch steht an einem andern Orte geschrieben: »Dieses
Volk versteht es nicht, und sie nehmen es auch nicht zu
Herzen, daß Gottes Gnade und Barmherzigkeit über seine
Auserwählten und Heiligen kommt,« wie auch Mose sagt,
daß er an vielen Tausenden Barmherzigkeit tue, die
ihn lieb haben und seine Gebote halten. Es sind zwar
viele in der Welt, welche sagen, daß sie den Herrn
lieben, aber sie beweisen es nicht mit ihren Werken,
denn ihre Werke zeigen ja an, wen sie lieben. Christus
aber sagt: »Wer mich liebt, wird mein Wort halten, oder
meinen Geboten gehorsam sein.« Das sind diejenigen,
die vor Ihm bestehen werden, denn ebenso sagte auch
Christus: »Wer meine Gebote hat und hält sie; diese sind
es, die mich lieben.« Wer aber seine Gebote nicht hält,
der hat Ihn auch nicht lieb; ebenso bezeugt Johannes
in seinem Briefe: »Das ist die Liebe Gottes, daß wir seine
Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer, denn
wer aus Gott geboren ist, überwindet die Welt, und unser
Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat; wer ist
es aber, der die Welt überwindet, ohne der da glaubt, daß
Jesus Christus der Sohn Gottes ist.« »Darum habt die Welt
nicht lieb, noch was in der Welt ist, denn wenn jemand
diese Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters,
indem alles, was in der Welt ist, nämlich Augenlust und
Hoffart des Lebens, nicht vom Vater, sondern von der Welt
ist, und die Welt mit ihren Lüsten vergeht; wer aber den
Willen Gottes tut, zvird leben in Ezvigkeit.«
Darum, meine sehr geliebten Freunde, stellt euch
nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch
durch die Erneuerung eurer Sinne, damit ihr prüfen
mögt, welches der gute und wohlgefällige Wille Got-
tes sei, wie denn auch Paulus an einem andern Orte
sagt: »Gnade sei mit euch, und Friede von Gott dem Vater
und dem Herrn Jesu Christo, der sich selbst für unsere
Sünde dahingegeben hat, damit er uns von dieser gegen-
wärtigen argen Welt erlöse.« Da euch denn nun, meine
lieben Freunde, diese Gnade gegeben ist, nämlich daß
ihr geschmeckt habt, daß der Herr freundlich ist, zu
welchem ihr gekommen seid, als zu dem lebendigen
Steine, der von Menschen verworfen worden, aber
vor Gott herrlich und auch köstlich war, so baut euch
auch auf zu einem geistigen Hause und zum heili-
gen Priestertume, um geistige Opfer zu opfern, die
Gott angenehm sind durch unsern Herrn Jesum Chris-
tum, damit ihr heilige Hände zu dem Herrn aufheben
mögt, ohne Zorn und Zweifel, und Gebet, Fürbitte
und Danksagung abzustatten für alle Menschen; dann
wird der Herr des Friedens mit euch sein; wenn er
aber mit euch ist, wer wird wider euch sein, der sei-
nes eigenen Sohnes nicht verschont, sondern Ihn für
419
uns alle dahingegeben hat? Wer will die Auserwähl-
ten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht
macht; wer will sie verdammen? Christus ist hier, der
gestorben und auch auferstanden ist, welcher auch
zur rechten Hand Gottes sitzt und für uns bittet. Dar-
um sagt Paulus: »Was kann uns scheiden von der Liebe
Gottes, Druck oder Verfolgung, oder Tod?«
So will ich denn nun, meine sehr geliebten Brüder
und Schwestern in dem Herrn, mein einfaches Schrei-
ben abkürzen, welches ich in den Banden geschrieben
habe, in welchen wir alle Tage die Erlösung unseres
Leibes erwarten; darum nehmt doch dieses Schreiben
zum Besten auf, und seid dessen eingedenk, was wohl
ehemals aus meinem unwürdigen Munde gegangen
ist (nicht ich, sondern Gottes Gnade durch mich).
Hiermit nehme ich einen ewigen christlichen Ab-
schied, und erwarte euch alle in der zweiten Auferste-
hung, daß wir Ihm alsdann in der Luft entgegenkom-
men und allezeit bei dem Herrn sein mögen; tröstet
euch untereinander mit diesen Worten. Noch einmal
sage ich gute Nacht, meine lieben Freunde; hiermit
befehle ich euch dem Herrn und dem Worte seiner
Gnade, welcher stark genug ist, euch aufzubauen, und
euch das Erbe zu geben unter allen, die geheiligt sind,
Amen.
Geschrieben in den Banden von mir, Jan Thiele-
manß, eurem schwachen Bruder in Christo.
Henrich Arentß, 1568.
Unter vielen andern Rechtgläubigen und nach dem
Befehle Christi Getauften, die überall verfolgt, verjagt
und getötet worden sind, ist auch Henrich Arentß
von Briel um das Jahr 1568 diesen Verfolgern in die
Hände geraten. Die Veranlassung zu seiner Gefan-
gennehmung hat nachfolgender Umstand gegeben.
Es ist vor Briel ein Schiff ans Land gekommen, wel-
ches leck geworden war. Da nun gemeldeter Henrich
Arentß in Briel Schiffszimmermann gewesen, so ha-
ben die Schiffsleute ihn ersucht, das Schiff auszubes-
sem. Als er nun bei ihnen war, haben unterdessen
die Herren von Rotterdam vernommen, daß gemel-
detes Schiff ein Piratenschiff sei, und haben eine An-
zahl Kriegsknechte dahin gesandt; diese haben das
Schiff weggenommen und den gemeldeten Henrich
Arentß nebst den Seeräubern gefänglich nach Delft
gebracht. Als aber die von Delft sie nicht aufnehmen
wollten, sind sie sofort nach Rotterdam gebracht wor-
den. Daselbst sind sie bald um ihrer Missetat willen
zum Strange verurteilt worden. Als solches Henrich
Arentß hörte, hat er gefragt, ob er in eine Stadt des
Rechts oder der Gewalt gekommen wäre; warum sie
den Unschuldigen mit dem Schuldigen verdammen
wollten; daß er nicht wegen einer Sünde oder Misse-
tat gefangen genommen wäre, würden sie erfahren,
wenn sie wegen seiner Person und seines Glaubens
Nachfrage halten wollten. Als der Gouverneur dieses
hörte, fragte er: Was sagt er? Was ist dieses für ein
Ketzer? Ist er einer von den Wiedertäufern, dann soll
er nicht gehängt, sondern verbrannt werden. So ist er
demnach seines Glaubens wegen untersucht worden
und hat ohne Scheu bekannt, daß er nach dem Be-
fehle Christi auf seinen Glauben getauft sei; dagegen
hat er die Kindertaufe und alle päpstlichen Irrtümer
verworfen, aber die Ordnung Christi und seiner Apo-
stel, welche er und seine Mitgenossen beobachteten,
hat er bekannt; deshalb haben sie ihn verurteilt, und
nachdem er vierzehn Tage gefangen gesessen, ist er in
großer Standhaftigkeit an gemeldetem Orte verbrannt
worden, und hat den wahrhaften Glauben mit seinem
Tode und Blute befestigt.
Claudine le Vettre, und mit ihr ein Bruder, 1568.
Meenen ist ein schönes Städtchen in Flandern, wel-
ches drei Meilen von Ryssel auf dem Wege nach Brüg-
ge an der Leye liegt. In diesem Städtchen wohnte
ein gottesfürchtiger Mann, Piersom des Muliers, mit
seinem Weib, Claudine le Vettre, welcher durch Leon-
hard Bouwenß Predigt und durch das Lesen und den
Gebrauch des Wortes Gottes von der päpstlichen Ab-
götterei abgezogen worden ist. Als solches Tittelman-
nus, Diakon zu Ronse und Untersucher des Glaubens,
in Erfahrung brachte, so ist er mit den Häschern und
Bütteln dahin gekommen, in der Absicht, den vorge-
meldeten Piersom in seinem Wohnhause zu verhaf-
ten; aber ein frommer Mann aus dem Rate zu Meenen
hatte Piersom gewarnt, daß er dem Ketzermeister aus-
weichen möchte, weshalb er sich in einen nahen Wald
begab; aber sein Weib Claudine mit ihren vier Kin-
dern (wovon das eine noch am Leben ist) verspätete
sich in Folge häuslicher Geschäfte, und war eben, mit
einem ihrer Kinder auf dem Arme, aus dem Hause
gegangen, als die Häscher eintraten, und im Tumul-
te die Kinder und Nachbaren fragten, wo der Mann
wäre; als sie es aber nicht erfahren konnten, schick-
ten sie sich an, das Haus wieder zu verlassen. Als
dies einer der Nachbaren bemerkte, welcher durch
einen bösen und verkehrten Eifer erbittert war, sagte
er: Ihr Männer, dort geht die Frau mit einem Kindlein
auf dem Arme. Diese Mitteilung benutzend, holten
sie dieselbe auf frischer Tat ein, und überlieferten sie
den Händen des vorgemeldeten Ketzermeisters. Die-
ses ist im Jahre 1567, einige Monate vor der Ankunft
des Herzogs von Alba in den Niederlanden gesche-
hen. Von Meenen wurde sie nach Ypern geführt, wo
420
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
viele um des Glaubens willen gefangen lagen, weil
sie nicht verstehen konnten, daß ein anderer Mitt-
ler und Seligmacher wäre, als Jesus Christus, der für
unsere Sünden am Stamme des Kreuzes geopfert wor-
den ist, und weil sie nicht glauben konnten, daß Gott
einen Gefallen an Bildern, von Holz und Stein oder
Silber und Gold gemacht, hätte, sondern glaubten,
daß solcher Götzendienst in Gottes Worte verboten
wäre; weil sie ferner nicht glaubten, daß tote Men-
schen unsere Gebete erhören und uns helfen könnten,
sondern weil sie glaubten, daß wir Gott allein anrufen
müssen, welcher allein unsere Herzen und Gedanken
kennt, und weiß, was wir bitten sollen, ehe wir unser
Gebet vor Ihm ausgeschüttet haben, und welcher mit
lauter Stimme ausgerufen hat: »Kommt her zu mir alle,
die ihr beladen seid, ich will euch trösten ;« auf welchen
uns alle Propheten und Apostel weisen, nicht aber auf
einen verstorbenen Heiligen.
Alle nun, die solchen Glauben hatten, wurden von
Tittelmannus für Ketzer erklärt und der weltlichen
Obrigkeit überantwortet, um mit ihnen nach den Be-
fehlen zu Verfahren, nämlich die Männer lebendig zu
verbrennen, die Weiber aber lebendig in die Erde zu
vergraben; dieser schwere Tod hat einigen unter ih-
nen einen großen Schrecken eingejagt, sodass sie, um
ihr Leben zu retten, abgefallen sind; ebenso sind auch
viele aus dem Gefängnisse gebrochen und entlaufen,
weshalb Claudine auch wohl hätte entfliehen können,
wenn sie ihr Kind und einen frommen Bruder hätte
verlassen wollen, welcher bei ihr im Gefängnisse bis
ans Ende geblieben ist und sie nicht verlassen woll-
te; derselbe ist auch mit ihr an demselben Orte um
der Wahrheit willen gestorben. Claudine aber woll-
te, der vielen Anfechtungen ungeachtet, welche ein
Jahr anhielten, nicht abf allen, sondern ist im Glauben
standhaft geblieben, und hat alles dasjenige aus Got-
tes Wort widerlegt, was die Pfaffen und Mönche wi-
der sie vorzubringen wussten, wie aus verschiedenen
Briefen zu ersehen ist, welche sie aus dem Gefäng-
nisse an ihren Mann geschrieben hat. Zuletzt, als sie
ihr nichts abgewinnen konnten, hat man versucht, sie
durch die mütterliche Liebe zu ihrem Kinde zum Ab-
falle zu bringen; man entriss ihr nämlich ihren Säug-
ling, welchen sie im Gefängnisse gesäugt hatte, und
übergab ihn einer Amme; dies ist ihr größter Kummer
gewesen, den sie während der Zeit ihrer Gefangen-
schaft erlitten hat. Darüber hat sie auch manche Träne
vergossen, und Gott beständig um Kraft und Stärke
gegen solche Versuchung und Anfechtung des Flei-
sches angefleht, damit sie nicht abfallen möchte, wie
so viele ihrer Glaubensgenossen in ihrer Gegenwart
abgefallen sind; es hat auch der allmächtige Gott ihr
Gebet erhört, denn, als unterdessen der Herzog von
Alba ins Land kam, und alle Gefängnisse von Ketzern
zu reinigen gebot, so ist sie auch draußen vor Ypern,
im Jahre unsers Herrn 1568, mit der Krone der Gott-
seligen gekrönt worden, und mit ihr ein Bruder, der
auch um der Wahrheit willen dort verbrannt worden
ist.
Ihr Mann Piersom hat oft von seiner Frau gesagt,
daß sie eine bewundernswürdige Festigkeit in der
Schrift erlangt habe, denn wenn er eine Stelle in der
Heiligen Schrift nicht finden konnte, so fragte er sein
Weib Claudine, welche ihm sichern Bescheid darüber
erteilte, was er suchte.
So viel man weiß, ist das Kind, welches ihr im Ge-
fängnisse abgenommen worden ist, verschwunden,
sodass der Vater und die Freunde niemals erfahren
haben, wo es hingekommen ist.
Früher hatte Piersom mit seinem Weib Claudine
in Brügge gewohnt, wo er mit ihr durch die wohl-
meinende Warnung einer Ratsperson aus der Stadt
dem Ketzermeister entgangen ist; doch musste er al-
les, was er hatte, im Stiche lassen, wie auch zu Meenen
geschehen ist; aber dieser fromme Mann von Meenen,
der ihn gewarnt hatte, verbarg Piersoms Bücher und
einen Teil seines Hausgerätes; ließ sie aber zurück und
an den Ort bringen, wo die Bücher hingehörten. Der
böse Nachbar aber, der die Claudine verraten hatte,
ist in solchen Hass bei der Bürgerschaft gefallen, daß
er die Stadt räumen musste, weil ihm das gemeine
Volk seinen Laden erbrochen und zerstört hatte, ihm
auch nachrief: Judas, Judas, der Verräter!
Zu derselben Zeit war Meenen eine offene Stadt,
ohne Wälle und Tore; darum durfte Tittelmannus der-
selben seine Gefangenen nicht anvertrauen; es wäre
ihnen sonst ergangen, wie in einer andern kleinen
Stadt in Flandern, wo die Einwohner in großer An-
zahl auf einen verabredeten Tag kamen, das Gefäng-
nis erbrachen und ungefähr vierhundert Personen, die
um eben derselben Ursachen willen gefangen waren,
erlösten.
Die Freunde ließen Piersoms Kinder bei dem Pfar-
rer zu Meenen taufen, wie solches das älteste unter
den Kindern, Margaretha genannt, zu erzählen pfleg-
te, welche nachher, als sie 16 Jahre alt gewesen, in
Calais gestorben ist.
Die andern drei waren Söhne, Peter, Nicolaus und
Jan, welcher Letztere von der Mutter im Gefängnisse
gesäugt worden war, der Peter aber ist bei seiner Mut-
ter Lebzeiten, als sie im Gefängnisse saß, gestorben.
Piersom hat sich mit einer Frau verehelicht, genannt
Peronne Hennebo, welche im Jahre 1589 zu Leyden
starb, und zwei Töchter hinter lassen hat, Maria und
Martha, welche beide zu Hoorn geboren sind. Diese
Martha ist des Doktor Dirk Volkertß Velius Weib ge-
421
wesen, der die Jahrbücher von Hoorn geschrieben hat,
und die Mutter des Peter Velius zu Hoorn.
Des Piersoms drittes Weib ist Habeo de la Motte
gewesen die Mutter der Margaretha des Muliers, die
zu Gouda wohnte.
Piersom ist in Leyden im Jahre 1591 im Herrn ent-
schlafen, und hat einen Sohn von seiner ersten Frau
Claudine, zwei Töchter von der zweiten Frau Peron-
ne und eine Tochter von der letzten Frau, wie gesagt
worden ist, hinterlassen.
Claudine war schön von Person, und konnte herr-
lich singen, sodass sie die Umstehenden mit ihrem
Gesang sehr ergriff; insbesondere standen die Leute
den letzten Tag ihres Lebens vor dem Gefängnisse,
damit sie dieselbe aus fröhlichem Herzen singen hö-
ren möchten, nachdem ihr der Tod angekündigt war.
Derjenige, der mir dieses erzählt hat, hat sie mit lauter
und erhabener Stimme den 27. Psalm Davids singen
gehört: »Der Herr ist mein Licht, vor wem soll ich mich
fürchten?« Die Leute hielten für gewiss, sie wäre, wenn
man ihr den Mund nicht zugestopft hätte, als man sie
zum Gerichtsplatze brachte, singend und Gott prei-
send gestorben. Diese Geschichte haben wir von D. N.
M., des Piersom und der Claudine Sohn, durch Hilfe
des Schwagers der Claudine, D. D. V., empfangen.
Nachbericht von der vorgemeldeten Claudine le
Vettre.
Die Nachkömmlinge des Piersoms, der Claudine le
Vettre Mann, sagen, daß sie von ihren Voreltern ge-
hört hätten, daß dieser Piersom zur Zeit, als sein vor-
gemeldete Weib im Gefängnisse gelegen, sich bei ei-
nem Müller aufgehalten habe, welcher auf oder neben
seiner Mühle wohnte, die nahe bei Ypern stand, um
täglich Nachricht von seinem geliebten Weib zu erlan-
gen, welche Nachricht des Müllers Weib, so oft sie in
die Stadt kam, aus der Volksstimme aufgefangen und
ihm hinterbracht hat, wiewohl sie nicht wusste, daß
dieselbe sein Weib und er ein Taufgesinnter wäre; sie
hielt auch dafür, es müsste Claudine nicht recht bei
Sinnen sein, weil sie sich wiedertaufen lassen und um
deswillen sich so viel Leiden zugezogen hatte, weil sie
auch lieber sterben als das tun wollte, was die Pfaffen
sagten. Dergleichen Gespräche gingen dem Piersom
allemal wie ein Todesstich durch das Herz, und nötig-
ten ihn oft, auf die Seite zu gehen, um sein gerührtes
Gemüt zu erleichtern.
Als der Tag herankam, daß diese Claudine aufge-
opfert werden sollte, hatte des Müllers Weib Lust zu
sehen, wie sie umgebracht wurde, und fragte Piersom,
ob er nicht mitgehen wollte, um zuzuschauen, was er
aber mit dem Ersuchen abschlug, sie sollte auf alles
genau Achtung geben, und ihm davon Bericht abstat-
ten. Als sie nun wieder nach Hause kam, hat sie dem
Piersom erzählt, wie tapfer und getrost Claudine zum
Tode gegangen wäre, was sie gesagt und wie sie sich
betragen hätte; doch alles in dem Sinne, daß Claudine
nicht verständig gehandelt hätte. Hierüber ist Piersom
in Eifer geraten, und hat keinen Anstand genommen,
sich dem Müller und seinem Weibe zu offenbaren,
und hat gesagt, er wäre auch derselben Meinung zu-
getan; die Umgebrachte sei sein liebes Weib und sei
sehr verständig; hat ihnen auch auseinandergesetzt,
auf welchen Grund der Wahrheit sie ihre Lehre und
Leben gebaut hätten, was den Müller und sein Weib
so tief ergriff, daß sie auch den Entschluss fassten, ihr
Leben zu bessern; dieselben haben sich auch auf ihren
Glauben taufen lassen, so daß sie darauf beide die
Wahrheit mit ihrem Blute versiegelt haben.
Pieter Pieterß Bekjen wird um des Zeugnisses Jesu
Christi willen zu Amsterdam, den 26. Februar im
Jahre 1569, lebendig verbrannt.
Das schreckliche Morden, Brennen und Töten der un-
schuldigen und treuen Nachfolger Jesu Christi zu der
Zeit konnte auch einen frommen Bruder und treu-
en Zeugen des Herrn, genannt Pieter Pieterß Bekjen,
seiner Hantierung nach ein Schiffer auf der Amstel,
von dem wahren Bekenntnisse und der Belebung des
christlichen Glaubens, nicht abschrecken, welcher so
eifrig war, daß er zu verschiedenen Malen das kleine
Häuflein der unterdrückten Frommen, die um Ams-
terdam wohnten, in seinem Schiffe versammelte, um
sich miteinander aus dem Worte Gottes zu erbauen
und in dem angenommenen Glauben zu stärken.
Als ihm sein liebes Weib ein Kindlein geboren hatte,
nahm er dasselbe aus christlicher Sorgfalt mit an einen
Orte wo es vor dem Aberglauben der Papisten und
der Taufe gesichert war.
Um uns kurz zu fassen, er hat seinen Eifer trotz der
Grausamkeit, welche die Herren der Finsternis ausüb-
ten, in allen Stücken gezeigt, und das in einem guten
Sinne, bis er endlich darüber bei der Obrigkeit der
Stadt Amsterdam angeklagt, gefangen genommen,
grausam gepeinigt, und endlich, als er nicht abfallen
wollte, zum Tode verurteilt und lebendig mit Feuer
verbrannt worden ist, wie aus dem Todesurteilt zu
ersehen ist, welches uns zur Konstatierung der ge-
meldeten Sache durch die Hand des Stadtschreibers
daselbst getreulich zugesandt worden ist; worin man
auf der einen Seite aber ersehen kann, wie entsetzlich
die Herren der Finsternis diese Sache verdreht, und in
einem bösen, schändlichen und schrecklichen Sinne
ausgelegt haben.
422
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Todesurteil des Pieter Pieterß Bekjen.
Nachdem Pieter Pieterß, sonst Bekjen (genannt), ein
Schiffer, gefänglich eingezogen worden ist, weil er
seiner Seele und Seligkeit, um des Gehorsams, dem
er Gott dem Herrn und seiner kaiserlichen Majestät
schuldig war, nicht eingedenk gewesen ist, auch weil
er unsere Mutter, die heilige Kirche, verlassen hat,
und deshalb auch von der Zeit an, als er Verstand
erlangt hat, bis jetzt nicht hat zum heiligen würdi-
gen Sakramente gehen wollen, sondern dasselbe ver-
achtet, davon nichts gehalten und in 20 Jahren nur
einmal zur Beichte gegangen, welches den Satzun-
gen unserer Mutter, der heiligen Kirche, zuwider ist,
und überdies sich in der verdammten und verbote-
nen Versammlung oder heimlichen Zusammenkunft
der Mennoniten eingefunden hat , gleichwie er denn
auch selbst in seinem Schiffe zu zwei verschiedenen
Malen heimliche Zusammenkünfte der gemeldeten
Mennoniten gehalten hat, in welcher verdammten
und abscheulichen Sekte er so verhärtet ist, daß er
auch nicht lange vor seiner Verhaftung, als sein Weib
eines Kindes genesen ist, dieses Kind genommen und
fortgebracht, ohne daß er gelitten oder zugegeben
hätte, daß dieses Kind nach dem Gebrauche der al-
ten römisch-katholischen und apostolischen Kirche
getauft worden wäre, wobei er auch selbst in seiner
Gefangenschaft verharrt, ohne daß er zu unserer Mut-
ter, der heiligen Kirche zurückgekehrt wäre, wiewohl
er von verschiedenen geistlichen Personen, auch von
den Gerichtsherren dieser Stadt zu wiederholten Ma-
len ermahnt und ersucht worden ist, umzukehren und
diese vermaledeite Sekte zu verlassen, welches alles
Taten der beleidigten göttlichen und weltlichen Maje-
stät sind, wodurch die Ruhe und gemeine Wohlfahrt
gestört wird, und daher andern zum Beispiele nicht
ungestraft bleiben dürfen - so ist es geschehen, daß
die Herren des Gerichts, als sie die Anklage des Herrn
Schultheißen und dessen Nachweisungen, wie auch
das Bekenntnis des Gefangenen und die bescheidene
Verteidigung des gemeldeten Gefangenen vernom-
men, und alles in reife Erwägung gezogen, den vor-
gemeldeten Gefangenen dahin verurteilt haben, und
ihn kraft dieses verurteilen, daß er, laut ihrer Majestät
Befehlen, mit Feuer hingerichtet werden soll, erklären
auch alle seine Güter als verfallen, zum Nutzen ihrer
Majestät, jedoch den Freiheiten dieser Stadt und aller
anderer Sachen unbeschadet.
Gegeben vor Gericht den 26. Februar 1569, in Ge-
genwart aller Gerichtsherren und mit Rat aller Bür-
germeister.
Wie diese Person zur Folter verurteilt worden sei
und wann solches stattgefunden habe.
Dieser ist den 17. Januar 1569 zur Folter verurteilt und
auch denselben Tag daselbst auf der Folter verhört
und bedroht worden, wie solches aus dem Protokolle
des Bekenntnisses zu ersehen ist.
Abgeschrieben aus dem Buche der Blutgerichte,
welches in der Kanzlei der Stadt Amsterdam nieder-
gelegt ist. N. N.
Lorenz Berkamer, 1569.
Im Jahre 1569 ist zu Herzogenbusch in Brabant ein
frommer Nachfolger Christi, Lorenz Berkamer ge-
nannt, lediglich um deswillen gefangen worden, weil
er den römischen Pfaffen und Mönchen in ihrem
selbst erdichteten Götzendienste nicht nachfolgen
konnte, sondern sich davon trennte, und sich mit den
wahren Gliedern unseres Herrn Jesu vereinigte, und
seine heiligen Gebote in wahrem Gehorsam mit den-
selben zu beachten und zu beleben suchte. Deshalb
ist er auch von den Päpstlich- (und nicht Christlich-)
Gesinnten sehr feindselig verfolgt worden, aus wel-
chem Grunde er im Anfang des Januar, nebst vielen
andern, aus Antwerpen gezogen ist, in der Absicht,
sich zu Nimmägen niederzulassen. Die anderen zwar
sind nach Holland gezogen, er aber ist auf der Reise
nach Nimmägen von dem Schultheißen von Herzo-
genbusch gefangen genommen und den 5. Januar in
den Busch gefänglich eingeführt worden, hat auch
sehr schwere tyrannische Gefangenschaft erduldet,
sodass niemand von seinen guten Freunden hat zu
ihm kommen dürfen, wie er denn auch niemand sei-
ne Not und schwere Gefangenschaft durch Briefe zu
erkennen geben durfte, so ungnädig und feindselig
ist er verwahrt worden; denn, weil er ein Mann von
hoher Geburt und großem Vermögen war, und vie-
le Bücher über seine weltlichen Angelegenheiten bei
sich hatte, woraus diese Blutdürstigen aller seiner Um-
stände kundig werden konnten, so hat solches seine
Sache nur noch mehr verschlimmert. Aber seine feste
unerschütterliche Standhaftigkeit in dem wahrhaften
seligmachenden Glauben hat sich an ihm erwiesen,
denn er ist im Jahre 1569 Ungefähr im Ausgange des
Juni von den Feinden der Wahrheit in großer Stand-
haftigkeit verbrannt worden, und hat den Glauben
der ewigen Wahrheit mit seinem Tode und Blute ver-
siegelt, auch diesen sterblichen Rock des Fleisches in
wahrem Gehorsam abgelegt, wogegen er am jüngs-
ten Tage von dem wahren Bräutigam Christo Jesu
mit dem unsterblichen Rocke bekleidet und mit einer
Krone der ewigen Herrlichkeit belohnt werden wird.
423
Dirk Willemß, 1569.
Im Jahre 1569 ist zu Asperen in Holland ein frommer
getreuer Bruder und Nachfolger Jesu Christi, genannt
Dirk Willemß, gefangen genommen worden, und hat
von den römischen Päpstlich-Gesinnten schwere Ty-
rannei ertragen müssen. Weil er aber seinen Glauben
und sein Vertrauen nicht auf trügerischen Sand der
Menschengebote, sondern auf den festen Grundstein
Christum Jesum gegründet hatte, so ist er trotz aller
bösen Winde der Menschenlehre und der Platzregen
der tyrannischen und schweren Verfolgungen bis ans
Ende unbeweglich stehen geblieben. Darum wird er
auch, wenn der Erzhirte erscheinen wird, um in den
Wolken des Himmels seine Auserwählten von allen
Enden der Erde zu versammeln, aus Gnaden hören:
»Ei, du guter und getreuer Knecht, über wenig bist du treu
gewesen, über viel will ich dich setzen, gehe ein zu deines
Herrn Freude.«
Von seiner Gefangennehmung haben glaubwürdige
Leute folgenden Bericht abgestattet, daß er entflohen
und von einem Büttel eilig verfolgt worden sei; weil
es aber etwas gefroren hatte, so ist Dirk Willemß über
das Eis gelaufen, und nicht ohne Gefahr hinüberge-
kommen, der Büttel aber, welcher ihm folgte, ist, weil
das Eis unter seinen Füßen gebrochen, ins Wasser ge-
fallen. Als nun Dirk Willemß bemerkte, daß derselbe
in Lebensgefahr war, ist er schnell wieder umgekehrt,
hat diesem Büttel geholfen und sein Leben gerettet.
Der Büttel wollte ihn nicht verhaften, aber der Bürger-
meister hat ihm ernstlich zugerufen, daß er seinen Eid
bedenken sollte; er ist daher von dem Büttel wieder ge-
fangen genommen und an gemeldetem Orte nach ei-
ner schweren Gefangenschaft und großer Anfechtung
(der verführenden Papisten) von diesen blutdürstigen,
zerreißenden Wölfen in großer Standhaftigkeit durch
einen langwierigen Brand getötet worden, und hat
den lautem Glauben der Wahrheit mit seinem Tode
und Blute befestigt, allen frommen Christen dieser
Zeit zum lehrreichen Exempel und den tyrannischen
Papisten zur ewigen Schande.
Es wird auch dabei, aus glaubwürdigen Nachrich-
ten derer, die den Tod dieses frommen Zeugen Jesu
Christi angesehen haben, als Tatsache erzählt, daß der
Platz, wo diese Aufopferung geschehen ist, bei Aspe-
ren an der Seite gegen Leerdam zu gelegen sei, und
daß, weil an jenem Tage der Wind stark aus Osten
geweht, das angezündete Feuer von dem obern Teile
seines Leibes, als er an dem Pfahle stand, weggetrie-
ben worden sei, woher es gekommen, daß dieser gute
Mann einen langwierigen und schmerzhaften Tod ge-
habt hat, sodass man ihn in der Stadt Leerdam, nach
welcher Richtung der Wind wehte, über siebzig Mal
hat rufen hören: O mein Herr, mein Gott!, weshalb
auch der Richter oder Landvogt, welcher während
der Exekution zu Pferde saß und mit Jammer und
Reue über des Mannes Leiden erfüllt war, sein Pferd
umwandte und dem Richtplatze den Rücken kehr-
te, auch zu dem Scharfrichter sagte: Tue dem Manne
einen kurzen Tod an. Wie aber und auf welche Weise
derselbe damals mit diesem frommen Zeugen Christi
gehandelt habe, habe ich nicht vernehmen können
und nur das in Erfahrung gebracht, daß er sein Le-
ben, welches endlich durch den Brand überwunden
worden ist, geendigt, und daß er mit großer Standhaf-
tigkeit durchgekämpft habe, nachdem er seine Seele
in die Hände Gottes übergeben.
Nachdem uns das Urteil, welches die Herren der
Finsternis über diesen gemeldeten Freund Gottes aus-
gesprochen haben, zu Händen gekommen ist, so ha-
ben wir für gut befunden, den Lesern zum Dienste
dasselbe hier beizufügen, damit, wenn sie dieses lesen,
sie der Wahrheit dieser Sache kundig werden können.
Abschrift.
Nachdem Dirk Willemß, geboren zu Asperen, gegen-
wärtig gefangen, ohne Pein und eiserne Bande (oder
dergleichen) vor dem Schultheißen und uns Gerichts-
herren bekannt hat, daß er in Rotterdam ungefähr
im fünfzehnten, achtzehnten oder zwanzigsten Jahre
seines Alters, in eines Mannes Hause, genannt Pieter
Willemß, wiedergetauft worden sei, und überdies in
Asperen, in seinem Hause bisweilen heimliche Zusam-
menkünfte und verbotene Lehren unterhalten und zu-
gelassen habe, daß er auch Erlaubnis gegeben, daß ei-
nige Personen in seinem Hause wiedergetauft worden
seien, unserem heiligen christlichen Glauben und den
Befehlen der königlichen Majestät zuwider, was man
keineswegs dulden, sondern andern zum Exempel
scharf strafen soll, so ist es geschehen, daß wir, als die
vorgemeldeten Gerichtsherren mit reifer Überlegung
und Rat alles betrachtet und überlegt, was hierin zu
betrachten vorkommt als im Namen und von wegen
der königlichen Majestät, als Grafen von Holland, den
gemeldeten gefangenen Dirk Willemß, als er in seiner
Meinung hartnäckig geblieben, verurteilt haben und
ihn Kraft dieses hiermit verurteilen, daß er mit Feuer
hingerichtet und getötet werden soll, und daß dabei
alle seine Güter zum Nutzen der königlichen Majestät
verfallen sein sollen. So geschehen den 16. Mai vor
den Gerichtsherren Cornelius Govertß, Jan van Stege
Janß, Adrian Gerritß, Adrian Janß, Lukas Rutgerß, Jan
Janß, Jan Roeloffz, 1569.
Abgeschrieben aus dem Stadtbuche von Asperen,
und nach Vergleichung dieser Abschrift mit ihrem
424
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Originale, ist sie damit übereinstimmend befunden
worden, den 15. Oktober 1600; solches bekenne ich,
Stadtschreiber zu Asperen. Von Scheerenberg.
Styntgen Vercoilgen, 1569.
Gleichwie zu den Zeiten Ismaels und Isaaks der, wel-
cher nach dem Fleische geboren war, denjenigen ver-
folgte, der nach dem Geiste geboren war, so pflegt
es auch noch in den neuesten Zeiten zu geschehen,
denn die Diener des römischen Antichristen haben
zu Kortryck in Flandern ein gottesfürchtiges Schäf-
lein Christi, Styntgen Vercoilgen genannt, die Mut-
ter des Jan Vercoilgen, gefänglich eingezogen, welche
auch, nach vieler Anfechtung, an gemeldetem Orte in
großer Standhaftigkeit um des Zeugnisses Jesu Chris-
ti willen, im Jahre 1569, den 9. März getötet worden
ist. Also hat sie ihre weibliche Schwachheit ausgezo-
gen, und statt dessen (durch Gottes Gnade und durch
die Erleuchtung ihres Herzens durch den Heiligen
Geist) ein männliches Gemüt empfangen, und so den
Glauben der Wahrheit mit ihrem Tode und Blute be-
zeugt und versiegelt, allen Nachfolgern Christi zum
denkwürdigen Beispiele.
Lippyntgen Stayerts, 1569.
Zu Gent in Flandern, ist im Jahre 1569 eine Frauens-
person, um der rechten Wahrheit willen, welcher sie
nachfolgte, von den Vorstehern des römischen Anti-
christen ums Leben gebracht worden, deren Name
Lippyntgen Stayerts war, des Pieter Stayert Weib; sol-
ches ist um St. Pieter geschehen, und das zwar nicht
wegen irgendeiner Übeltat, sondern allein um der un-
beweglichen Wahrheit willen, nachdem sie der Welt
und allen ihren falschen erdichteten Lügen abgesagt
und sich unter den Fürsten der Wahrheit, Christum
Jesum gebeugt, auch die gesegnete Stimme der Wahr-
heit von ihm mit gehorsamen Ohren gehört und alle
fremden Stimmen, die dagegen streiten, gemieden hat-
te; deshalb wird sie auch mit allen gehorsamen Schäf-
lein, die diese Stimme gehört haben und ihr nach-
gefolgt sind, in der Offenbarung seiner Herrlichkeit,
hören: »Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt
das Reich, welches euch von Anbeginn bereitet ist.«
Martin Pieterß und Grietgen Jans, 1569.
Im Jahre 1569, den 25. Juni, sind in Briel auf holländi-
scher Seite an der Mase um des Zeugnisses der Wahr-
heit willen Martin Pieterß von Maesland, einem Dorfe
bei Delft in Holland gelegen, und mit ihm Grietchen
Jans, das Weib des Adrian Heynsen, eines Webers
von Swartewaal getötet worden; Martin Pieterß ist
mit dem Schwerte enthauptet, Grietgen Jans aber in
der Stadt an einem Pfahle verbrannt worden; nach-
her hat man ihre Leichname außerhalb der Stadt auf
den Richtlatz, der neue Nord genannt, gebracht; hier
ist Martin Pieterß auf ein Rad gelegt und sein Haupt
auf einen Pfahl gesteckt worden; Grietgen Jans aber
wurde abermals an einen Pfahl gebunden, und auf
solche Weise sind sie den Vögeln des Himmels zur
Speise gegeben worden. Dieses alles haben sie um
des Zeugnisses der Wahrheit willen erlitten, ohne daß
man sie einiger bösen Werke beschuldigen konnte,
sondern sie sind allein um deswillen angeklagt wor-
den, weil sie sich zu denen gehalten, die man Men-
noniten nennt, und sich (nach der Lehre Christi) auf
ihren Glauben hatten taufen lassen und dadurch ih-
rem Schöpfer, nach allem Vermögen, zu gefallen such-
ten; weshalb sie auch von Gott eine sichere und feste
Verheißung haben, daß alle diejenigen, die um des
Zeugnisses Jesu willen von Menschen zum Tode ge-
bracht worden sind, diese ihre Glieder, die hier in Un-
ehre gesät worden sind, mit großer Herrlichkeit in der
Auferstehung der Toten wieder empfangen werden,
wo sie dem herrlichen Leibe Christi gleich sein und
mit ihm in unaussprechlicher Freude von Ewigkeit zu
Ewigkeit leben werden.
Diese Geschichte von der Aufopferung dieser from-
men Zeugen Gottes ist aus dem Buche des Halsgerich-
tes der Stadt Briel genommen, welches auf St. Bavonis
Tag im Jahre 1564 seinen Anfang nimmt und von dem
Stadtschreiber dieser Stadt aus jenem Buche den 3.
Juni 1616 ausgezogen worden ist.
Henrich Alewynß, Hans Marynß von Oosten,
Gerhard Duynherder, 1569.
Im Jahre 1569 sind zu Middelburg in Seeland um
des Zeugnisses Jesu willen nachfolgende fromme
Schäflein und Nachfolger Christi verhaftet worden,
als: Henrich Alewynß, seines Handwerks eines Ta-
schenmacher, Hans Marynß von Oosten, und Ger-
hard Duynherder, welche von den Dienern des Anti-
christen mancherlei Anfechtungen und dem Fleische
schreckliche Bedrohungen und Peinigungen erlitten
haben, welchem allem sie geduldig und tapfer durch
den Glauben und die Kraft Gottes, die in ihnen war,
widerstanden haben. Als sie dieses alles, um Christi
willen, erlitten, sind sie den 9. Februar des Jahres 1569
an gemeldetem Orte lebendig verbrannt worden, und
haben den Glauben der ewigbleibenden Wahrheit mit
ihrem Tode und Blute befestigt; also sind sie nun al-
len wahren Gläubigen zu einem Zeichen gesetzt, um
ihrem unverfälschten Glauben nachzufolgen.
425
Dieser hier gemeldete Henrich Alewynß ist zu sei-
ner Zeit ein sehr eifriger Nachfolger Christi gewesen,
und von den Brüdern dazu bestimmt und erwählt
worden, die Gemeinde Gottes mit dem Worte des hei-
ligen Evangeliums zu bedienen, worin er auch sehr
fleißig gewesen ist, und obgleich er im Amte noch
jung war, so hat er doch in dem Werke Gottes außer-
ordentlich geblüht und zugenommen; und obgleich
er weder Gold noch Silber, oder zeitliche Mittel hatte,
so haben ihm doch seine Hände zu seiner und seines
Weibes und Kinder Notdurft gedient; er hat auch ge-
sucht, den Schafen Jesu Christi zu dienen, nicht um
der Milch und Wolle, sondern dieser Held ist dem
guten, aufrichtigen und getreuen Hirten Jesu nach-
gefolgt, und hat das Werk Gottes freiwillig und aus
einem zugeneigten Gemüte bedient. Darum wird er
auch in der Zukunft von dem obersten Hirten die
unvergängliche Krone der Ehren empfangen. Desglei-
chen hat er auch in der Zeit seiner Haft seiner sehr
geliebten Brüder und Schwestern nicht vergessen, son-
dern hat schöne, lesenswürdige Briefe, Tafeln und Lie-
der an sie, wie auch an seine drei Waisen, geschrieben,
von denen einige schon gedruckt sind; ich bitte den
Leser, daß er das hier Beigefügte mit Aufmerksam-
keit lesen wolle; der nachstehende Sendbrief ist an die
lieben Kinder Gottes in Seeland gesandt, und lautet:
Ein Sendbrief von Henrich Alewynß, 1569.
Ein Sendbrief von Henrich Alewynß, welchen er an
die lieben Kinder Gottes in Seeland gesandt und in
seiner Gefangenschaft zu Middelburg geschrieben,
wo er die Wahrheit Gottes mit seinem Tode standhaft
bezeugt hat, den 9. Februar im Jahre 1569:
Einen ganz christlichen Gruß und Andacht in dem
Herrn, Henrich Alewynß, unwürdig, ein schwacher
Bruder und einfältiger Mitgenosse des Glaubens an
Gott, und teilhaftig seines Leidens, gleichwie auch
der Geduld und der Hoffnung des ewigen Lebens,
mit allen Heiligen, und das alles aus der unverdien-
ten Gnade Gottes. Gnade, Frieden, Barmherzigkeit
Gottes, Seligkeit, Wohlfahrt und alles Gute von oben,
durch Christum Jesum, in beständiger Auferweckung
zu unterhalten, samt dem brünstigen Treiben des Hei-
ligen Geistes bis an ein seliges Ende wünsche ich euch
allen, meine lieben Freunde, Brüder, Schwestern und
Mitgenossen von Gott dem Vater, durch Jesum Chris-
tum, unsern lieben Herrn, Erlöser und Seligmacher,
Amen. Dieses sei zum Gruße gesandt, in guter Ab-
sicht, aus dem tiefsten Grunde meiner Liebe an euch,
als meine Freundschaft, die ich sonderlich kenne, zur
guten Andacht, worin ich euch in meiner Abwesen-
heit untereinander ermahne und aufmuntere, jedoch
in derselben Hoffnung auf das Reich und die Herr-
lichkeit Gottes, wiewohl ich von euch entfernt hier
sitze.
Meine sehr und großgünstigen, insonderheit fried-
samen und allezeit zugeneigten Freunde! Weil ich den
Ausgang meines Lebens vor mir sehe, und die Zeit
zu schreiben habe, so neige ich mich mit Freuden ein
wenig zu eurer Liebe, damit ich euch Nachricht und
freudige Zeitung geben möge, gleichwie ihr solches,
wie ich vermute, von mir verlangt und begehrt. Seht,
euch allen wird verkündigt, daß es mir, eurem Freun-
de, noch in dem Herrn beiderseits, das ist, an Leib und
Seele, wohl gehe, in einem unveränderten Sinne, um
mit einem guten Vorsatze zu trachten, Leib und Seele,
als an Gott übergeben, zu bewahren, welches euch
lieb ist zu hören, mir aber zu Seligkeit dienlich; dieses
muss ja Gott geben zu meinem seligen Glaubensende,
o lieber Herr! Amen.
Eine fernere Veranlassung meines Schreibens an
euch und eure Liebe ist die, daß ihr mir helft für mich
zu beten, damit ich in der Wahrheit Gottes standhaft
bleiben und in seiner Gnade und dem treuen Beistän-
de Gottes leben möge; auch lasse ich euch wissen, daß
ich hier in meinem Gefängnisse, trotz Druckes und
Unrechts, trotz Schmach und Leiden um der Gerech-
tigkeit willen wohlgemut bin, auch mit allen Heiligen
in meiner Trübsal die besten Aussichten habe und
die Hoffnung und den Trost des Geistes und die rei-
chen Verheißungen Gottes, daß er uns in dieser Zeit
beistehen und uns dermaleinst des ewigen Lebens
versichern werde, wovon in der Schrift so viel die
Rede ist.
Zunächst bekenne, bezeuge und glaube ich auch
fest mit vielen Heiligen, nach den vielen Zeugnissen
der Schrift, daß Gott getreu ist und seine Verheißun-
gen halten werde. Lest 5Mo 32,5; 4Mo 23,10; IKor 10,13;
ITh 5,24; 2Tim 2,13; der uns nicht über unser Vermö-
gen versucht werden lässt, sondern der Versuchung
alsbald ein Ende schafft. Er lässt die Seinen nicht als
Waisen; er wird uns mit seinem Geiste vor Königen
und Fürsten vertreten, so viel es nämlich in dieser Zeit
nötig sein wird; er wird und weiß die Gottseligen aus
der Versuchung zu erlösen; auch hat er gesagt: »Ich
will dich nicht verlassen, noch versäumen. Darum will ich
mich auf den Herrn verlassen, und will mich nicht fürch-
ten; was sollte mir ein Mensch tun ? Was kann doch das
Fleisch tun?« sagt Paulus.
Ferner: Ist Gott mit uns, wer mag wider uns sein; es
ist aber Gott mit uns, wenn wir mit Ihm sind, merket
es. Ferner: Wir haben zwar überall Trübsal, aber wir
ängstigen uns nicht; uns ist zwar bange, aber wir ver-
zagen nicht; wir leiden Verfolgung, aber wir werden
nicht verlassen; o ja, wir werden unterdrückt, aber wir
426
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
kommen nicht um.
Dann: Gott sei gedankt, der uns allezeit den Sieg
erhalten hilft in Christo Jesu. Ferner: Alles, was von
Gott geboren ist, überwindet die Welt. Darum, seht,
werden wir nicht müde (weil uns Gott tröstet), ob-
schon unser auswendiger Mensch vergeht, so wird
doch der inwendige von Tag zu Tag erneuert; ferner:
Ich vermag alles durch Christum, der mich mächtig
macht. O wie selig ist der Mann, der die Anfechtung
ertragen kann; denn nachdem er bewährt ist, wird er
die Krone des Lebens empfangen, welche Gott denen
verheißen hat, die Ihn lieben.
Und weil Gott in allen seinen Verheißungen so treu
ist, wie gemeldet worden, so gehen wir gerade durch
mit der Gerechtigkeit, als ob wir Gott allein sähen
und als ob wir keine Feinde sähen, als ob wir keinen
Befehl, kein Feuer, Wasser, noch Schwert sähen; denn
wer ist es, der uns schaden kann, wenn wir dem Gu-
ten nachkommen?, wie Petrus sagt. Desgleichen auch
Paulus: Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes?
Ferner: Wer will unserm Hirten seine Schafe aus seiner
Hand reißen? Niemand; aber es kann wohl jemand
sich selbst aus seiner Hand verirren. Ferner: Also ge-
schieht dem kein Leid, der Gott fürchtet, denn so steht
geschrieben: Und wenn er angefochten ist, so soll er
wieder erlöst werden. Merkt, Johannes sagt: Furcht
ist nicht in der Liebe (nämlich Furcht, die aus dem
Wege des Rechtes weicht). Ja, solche, die ohne Furcht
sind, laufen durch Geduld (merkt: durch) nicht aus,
sondern in dem Streite, der uns verordnet ist; darum
seht nicht auf die abscheuliche Tyrannei, sondern auf
den Herzog des Glaubens und auf unsern Anfänger
und Vollender Jesum.
Und diese tröstlichen Verheißungen Gottes, die hier
zum Teile erwähnt und berührt worden sind, seht, die
kommen doch nur meistens her von Gottes treuem
Beistände, Stärkung und Fürsorge für uns in dieser
Zeit des Leidens.
Aber, Freunde, muss nicht der Trost die Belohnung
und die Krone des ewigen Lebens noch größer und
würdiger sein? Wovon an andern Orten so vieles ge-
sagt wird, daß Gott das ewige Leben, das Reich und
die Herrlichkeit den Überwindern und Geduldigen
zugesagt habe, wie zum Teil nachher gezeigt werden
soll.
Zuförderst merkt in dem Buche der Weisheit von
dem Gerichtstage und der Herrlichkeit der Auser-
wählten Gottes, wo es heißt: Alsdann werden die Ge-
rechten mit großer Freudigkeit stehen wider die, wel-
che sie geängstigt und ihre Arbeit verworfen haben.
Ferner: Die Gerechten werden ewiglich leben, und der
Herr ist ihr Lohn, und der Höchste sorgt für sie. Dar-
um werden sie ein herrliches Reich und eine schöne
Krone von der Hand des Herrn empfangen. Merkt
wohl, einen ewigen Lohn. Ferner: Der Gerechten See-
len sind in der Hand Gottes, und keine Qual rührt sie
an. Von den Unverständigen werden sie angesehen,
als stürben sie, und ihr Abschied wird für eine Pein
gerechnet, und ihre Hinfahrt für ein Verderben; aber
sie sind im Frieden; und obgleich sie von den Men-
schen viel Leiden haben (er sagt: viel Leiden haben),
so sind sie doch gewisser Hoffnung, daß sie nimmer-
mehr sterben; sie werden ein wenig gestäupt, aber viel
Gutes wird ihnen widerfahren, denn Gott versucht
sie und findet, daß sie seiner wert sind. Ja, hier wer-
den sie Angst leiden, aber Überfluss hoffen; aber, die
gottlos gelebt und gleichwohl Angst erlitten haben,
die werden den Überfluss nicht sehen, o leider!
Ferner bei den Makkabäern steht: Meine Brüder,
die eine kleine Zeit sich haben martern lassen, die
warten jetzt des ewigen Lebens nach der Verheißung
Gottes (er sagt, des ewigen Lebens nach der Verhei-
ßung Gottes). Ferner auch die Verheißungen unsers
Herrn Jesu Christi selbst, daß alle diejenigen, die Ihm
in der Wiedergeburt nachgefolgt sind (Er sagt, in der
Wiedergeburt), und alles verlassen haben, was ihnen
lieb ist, Haus, Hof, Weib, Kind, und ihr eigenes Leben,
sollen es in dieser Zeit hundertfältig empfangen, und
nach dieser Zeit das ewige Leben, werden auch mit
Ihm auf Stühlen sitzen und die zwölf Geschlechter
Israels richten helfen. Ferner: Selig seid ihr, die ihr
hier weint, denn ihr werdet noch lachen; selig seid ihr,
wenn euch die Menschen hassen, und euch absondern,
und euch um meinetwillen schelten, und verwerfen
euren Namen als eines Boshaften, um des Menschen
Sohnes willen. Freut euch alsdann und hüpft; denn
siehe, euer Lohn ist groß im Himmel (Er sagt, im Him-
mel) merkt, Himmelstrost. Ferner in Paulus: Gelobt
sei Gott, und der Vater unsers Herrn Jesu Christi, der
Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der
uns in all unserer Trübsal tröstet, sodass wir auch trös-
ten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Tröste,
womit wir von Gott getröstet werden, denn gleich wie
des Leidens Christi viel über uns kommt, so werden
wir auch reichlich getröstet durch Christum.
Ferner: Wer auf den Geist sät, der wird von dem
Geiste das Leben ernten und den Frieden. O darum,
Freunde, lasst uns Gutes tun, und nicht müde wer-
den, denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten ohne
Aufhören (Er sagt, ohne Aufhören). Ach Freunde, be-
trachtet doch dieses mit Freude und Andacht, denn
alle Züchtigung, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht
Freude, sondern Traurigkeit zu sein, aber darnach (Er
sagt, darnach) wird sie denen eine friedsame Frucht
der Gerechtigkeit geben (Er sagt, denen), die dadurch
geübt sind. Ferner Paulus: Das ist gewisslich wahr
427
(Er sagt, gewisslich wahr), sind wir mit gestorben, so
werden wir auch mit leben, wenn wir mit Ihm leiden,
so werden wir auch mit Ihm herrschen, verleugnen
wir aber Ihn, so wird er uns auch verleugnen. Ferner
bei Petrus: Meine Liebsten, verwundert euch nicht,
wenn ihr durchs Feuer geläutert werdet, als wider-
führe euch etwas neues (er sagt, als widerführe euch
etwas neues), sondern werdet des Leidens Christi teil-
haftig, damit ihr auch in der Zeit seiner Offenbarung
große Freude und Wonne haben mögt.
Seht, solche und dergleichen schöne Verheißungen
und solcher Himmelstrost auf die zukünftige Zeit
macht ja die Trübsal stets süßer, lieblicher und leichter,
denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft
eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlich-
keit uns, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf
das Unsichtbare sehen, was ja auch wahr ist. Darum
ist es auch unmöglich, daß sie aus der Hand unsers
Hirten gerissen werden sollten. Ja, Gott ist getreu, und
nicht ungerecht, daß er eures Werkes und eurer Arbeit
der Liebe vergesse, da ihr den Heiligen dientet und
auch noch dient.
Nun merkt wohl auf diese schönen Verheißungen
Gottes, die hier angeführt sind, und andere mehr; sie
zielen und erstrecken sich doch weiter als auf die Hil-
fe Gottes in der Not dieser Zeit; die Verheißungen,
die sich auf diese Zeit beziehen, sind ganz anderer
Art, wie oben gemeldet worden ist. Aber dieses sind
doch volle Verheißungen und eine Belohnung auf die
zukünftige Zeit, ins Ewige und Unvergängliche, ja,
unaussprechliche Herrlichkeiten, wie auch Petrus von
dergleichen unaussprechlichen Herrlichkeiten spricht:
Gelobt sei Gott und der Vater unsers Herrn Jesu Chris-
ti, der uns durch seine große Barmherzigkeit zu einer
lebendigen Hoffnung wiedergeboren hat, durch die
Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem
unvergänglichen, unbefleckten und unverwelklichen
Erbe, das euch im Himmel behalten wird, die ihr aus
Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur
Seligkeit, welche bereitet ist, daß sie offenbar werde
zur letzten Zeit (merkt, zur letzten Zeit), in welcher ihr
euch mit unaussprechlicher (merkt, mit unaussprech-
licher) und herrlicher Freude freuen und das Ende
eures Glaubens davon bringen werdet, nämlich eu-
rer Seelen Seligkeit, (merkt) er sagt: Die ihr jetzt eine
kleine Zeit (wo es sein soll) traurig seid in mancherlei
Anfechtungen, damit euer Glaube rechtschaffen und
viel köstlicher erfunden werde, als das vergängliche
Gold, das durchs Feuer bewahrt wird zu Lob, Preis
und Ehre, wenn nun offenbart wird Jesus Christus,
welchen ihr nicht gesehen und doch lieb habt, und
nun an Ihn glaubt, wiewohl ihr Ihn nicht seht, und
um des Glaubens willen werdet ihr euch freuen, mit
unaussprechlicher Freude, wie oben angegeben ist. O
es sagt Esra mit Recht von dieser unbegreiflichen und
unaussprechlichen Belohnung Gottes: Ihr könnt mein
Urteil nicht erforschen, noch das Ende der Liebe, die
ich meinem Volke verheißen habe.
O wohl den Waghälsen, die da nun in alle Wege
mildreich im Geiste aussäen ohne Verdruss, denn sie
werden nicht zu kurz kommen, noch verderben, noch
faul, noch rostig und mottenfräßig werden.
Merkt und lest Mt 6,19; Lk 12,33; lTim 6,19. Denn,
o Brüder, unser getreuer Gott ist doch getreu; er be-
wahrt des Frommen Wohltat wie einen Siegelring,
und die guten Werke wie einen Augapfel; zuletzt wird
er sich aufmachen, und einem jeden auf sein Haupt
vergelten, wie er es verdient haben wird.
Darum mögen wir wohl mit Sirach sagen: Wir ha-
ben eine kleine Zeit Mühe gehabt, und haben großen
Trost gefunden.
Ach Freunde, lasst uns ausstreuen und Gutes tun
ohne Verdruss, denn unsere Belohnung, nach Gottes
Verheißung, ist doch groß in der zukünftigen Zeit, wie
ihr gehört habt, und ist unergründlich, unbegreiflich
und unaussprechlich, wiewohl es jetzt durch seinen
Geist seinen Heiligen offenbart worden ist, es ist eine
ewige und über die Maßen gewichtige Herrlichkeit.
Nun, jeder Andächtige, der dieses von ganzem Her-
zen und Seele gründlich und fest glaubt, bekennt und
hofft, versteht es denn auch, unter welcher Bedingung
und welchen dieses herrliche Reich verheißen und ge-
wiss sei, und welchen nicht.
Ein solcher Verständiger und umsichtiger Christ
hat aber so viel Vertrauen zu Gott, und ist so ankertest
in seiner Seele, daß er sich auch dem treuen Schöpfer
in Demut mit Leib und Seele ganz übergibt, jedoch in
guten Werken, ohne Ruhm.
Ja, wird bekennen und gestehen mit allen hoff-
nungsvollen Heiligen, daß diese Zeit kurz und das
Leiden dieser Zeit um die Gerechtigkeit gering und
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen sei, die an
uns offenbar werden soll.
Die Gläubigen achten gering dieser Zeit Leiden, um
der Hoffnung der Verheißung und des Lohnes willen.
Zunächst hat der jüngste Bruder von den sieben
im Buche der Makkabäer aus seiner freudenreichen
Hoffnung die Worte gesagt: Meine Brüder, die sich
hier eine geringe Zeit haben martern lassen, erwarten
nun das ewige Leben, nach den Verheißungen Gottes;
ferner bei dem Salomo: Sie werden ein wenig gestäupt
(merkt, ein wenig), aber viel Gutes wird ihnen wider-
fahren; ferner auch bei Petrus: Ihr, die ihr nun eine
kleine Zeit (er sagt, eine kleine Zeit), wo es sein soll,
traurig seid in mancherlei Anfechtung Ferner: Der
Gott aller Gnade, der uns zu seiner ewigen Herrlich-
428
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
keit berufen hat durch Jesum Christum, wird euch,
die ihr eine kleine Zeit (er sagt, kleine Zeit) leidet,
vollbereiten, stärken, kräftigen und gründen.
Um dieser und mehr dergleichen Gründe willen
achten wir dieser Zeit Leiden kurz, klein und leicht,
und die Schmach Christi für viel großem Reichtum,
als dieser Welt Schatz. So hat nun dieses ge ängstigte
und gebärende Weib, wovon Christus sagt, Pein in
der Geburtsstunde, aber nachher hat sie Freude und
vergisst der Pein. Und diese, die also stark in Gott
sind (wiewohl sie schwach und nicht durch sich selbst
sind), die also Glaubensgewissheit, Hoffnung und
Liebe Gottes haben, diese (sage ich) sagen auch mit
Paulus: Wer will uns von der Liebe Gottes scheiden?
Ja, er sagt: Ich bin gewiss, daß weder Tod noch Leben
uns von der Liebe Gottes scheiden kann, die in Christo
Jesu, unserm Herrn ist, denn ist Gott mit ihnen, wer
mag wider sie sein?
Es wäre aber schrecklich, so vermessen sich zu rüh-
men, zu sagen und zu denken, außer Gott und dem
guten Gewissen in ihm, als ob wir durch uns selbst
etwas vermöchten; solche Vermessenheit, Großspre-
cher und eigene Kraft (wie dort des unbedachtsamen
Petrus) ist nichtig, gleichwie die Weinrebe, wenn sie
sich absondert und nicht an ihrem Weinstocke bleibt,
nichts vermag; und gleichwie jene Unvermögenden
sich unterstanden, den Satan auszutreiben in dem
Namen Jesu, den Paulus predigte. Also mag sich nie-
mand rühmen, ohne Kraft und außer Gott; er muss
zuvor überschlagen, ob er wohl mit zehntausend ge-
gen zwanzigtausend ausziehen darf, nach Christi Rat
und Rede. Darum, wenn sich denn ja jemand rühmen
will, der soll sich billig im Herrn rühmen, so Gott will,
und wir leben. Ist nun derselbe mit ihnen, so kann
niemand wider sie sein; es ist aber Gott mit ihnen,
wenn sie mit Ihm sind; dann vermögen sie alles durch
Christum, der sie stark macht. Sie können mit ihrem
Gott über die Mauern springen, Kriegsvolk in Stücke
zerschlagen, die Welt überwinden; der Hölle Pforte
vermögen nichts wider sie, denn die Liebe mit ihrer
geduldigen Hoffnung und ihrem festen Glauben ver-
mag es alles durch die Gnade Gottes. Merkt wohl, die
sich so nahe, so fest und so freimütig an Gott halten,
die werden stärker im Streite, wie Sirach sagt. So hal-
tet euch denn fest an Gott, weicht und wankt nicht,
weder zur linken noch zur rechten Seite, damit ihr
immer stärker werdet.
Merkt, und Gott sprach zu Josua, den er an Mose
Dienst und Stelle setzte: Ich will dich nicht verlassen,
noch von dir weichen, sei getrost, sei unverzagt, habe
nur guten Mut; ferner: sei guten Muts und unverzagt,
fürchte dich nicht, und laß dir nicht grauen vor ih-
nen, denn der Herr selbst will mit dir wandeln, und
wird die Hand nicht abziehen noch dich verlassen.
Merkt auf den Nutzen in dem freimütigen Vertrauen
auf Gottes Verheißung. Darum sagt solches fromme
Volk in seinem Herzen: O Herr Gott Israels! Es ist
nicht deinesgleichen, weder droben im Himmel noch
hier unten auf Erden, der du hältst Bund und Barm-
herzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von
ganzem Herzen; merkt wohl, welche es sind, er sagt:
Von ganzem Herzen. Deren Fels und Burg der Herr
ist, deren Gott ein Erlöser, Trost und Schild ist; das
Horn ihres Heils, Schutz und Zuflucht; der Heiland,
welcher erlöst von allem Drang. Diese sind es auch,
die den Herrn allezeit vor Augen haben, darum ist
er ihnen zur Rechten, und sie werden wohl bleiben,
sagt David. Daraus merkt ihre Freimütigkeit und ihre
Kraft. Aber Menschen scheuen bringt zu Fall: (merkt)
Doch wer sich auf den Herrn verlässt, wird beschützt.
Merkt, wer mit Gott ist, und mit wem Gott ist, wie
David sagt: Der Herr hilft den Gerechten, der ist ihre
Stärke in der Not.
Aber, liebe Freunde, wer nun nicht fromm und rei-
nes Herzens und zur Anfechtung bereit ist, als ein
Diener Gottes, wenn ihn diese Anfechtung überfällt,
und erschreckt, oder er hat kein reines Gewissen, kei-
ne lautere Liebe zu Gott und dem Nächsten in einem
frommen Leben, festen Glauben, Nüchternheit und
Wachsamkeit, und ist nicht geharnischt wider allen
Anlauf, sondern ein ohnmächtiger Nachfolger, Geizi-
ger, Schläfer oder Heuchler; o Freunde! von dem wird
Gott weichen, denn David sagt: Wenn ich Unrecht
vorhätte in meinem Herzen, so würde der Herr nicht
hören; der Herr ist fern von den Gottlosen, aber der
Gerechten Gebet erhört er. Ja, solches ist gewiss, denn
Gott erhört die Sünder nicht, merkt, die in Sünden
bleiben; wer aber Gott fürchtet, und seinen Willen tut
(es heißt, tut) den erhört er.
Darum beschließe und rate ich mit dem weisen
Jesus Sirach also: Mein Kind, willst du Gottes Diener
sein, so schicke dich zur Anfechtung (er sagt, schicke
dich zur Anfechtung), desgleichen mit Christo: Ringt
darnach, daß ihr durch die enge Pforte eingeht, ja,
seht euch vor, daß eure Gottesfurcht nicht Heuchelei
sei, damit Gott euer Verborgenes nicht aufdecke, und
euch damit mitten in der Gemeinde darnieder stoße,
weil ihr unrichtig dem Herrn dientet, und euer Herz
voll Betrug und Falschheit war. Seht, solche mögen
nicht überwinden, sondern allein diejenigen, die mit
ihrem Gott wohl stehen, wie gemeldet ist, Judith 5.
Auch muss man ferner ihre Geduld betrachten, die
den Frommen in vielen Trübsalen nötig ist; und welch
ein großer Vorteil, Nutzen und Gewinn durch Trüb-
sal in Geduld erworben wird, und noch erworben
werden soll; diesem folgt nun zum Teil, und denkt
429
nach.
Auch die Reden Judiths, die zur Freimütigkeit auf-
muntern, wenn sie sagt: Abraham, Isaak, Jakob, Mose
und alle, die Gott lieb gewesen sind, sind standhaft
geblieben, und haben viel Trübsal (sie sagt, viel Trüb-
sal) überwinden müssen; aber die Übrigen, die die
Trübsal mit der Furcht Gottes nicht haben annehmen
wollen, sondern mit Ungeduld wider Gott gelästert
und gemurrt haben, sind durch den Verderber und
die Schlangen umgekommen. Darum lasst uns in die-
sem Leiden nicht ungeduldig sein, sondern erkennen,
daß es eine Strafe Gottes sei, welche viel geringer als
unsere Sünde ist, und lasst uns glauben, daß wir ge-
züchtigt werden, als seine Knechte, zur Besserung,
und nicht zum Verderben. O wie weislich redet davon
Salomo: Wer geduldig ist, der ist ein kluger Mensch,
und ist ihm ehrlich, daß er Untugend überhören kann,
und abermals: Wer geduldig ist, der ist weise; wer
aber ungeduldig ist, der offenbart seine Torheit. Fer-
ner: Ein Geduldiger ist besser als ein Starker, und wer
seines Mutes Herr ist, ist besser, als der Städte ge-
winnt. Merkt, wie lieblich, preiswürdig und nützlich
die gottselige Geduld sei, wie Jeremia bezeugt: Es ist
ein köstlich Ding geduldig sein, und auf die Hilfe des
Herrn warten; daß ein Verlassener geduldig sei, wenn
ihn etwas überfällt, und seinen Mund in den Staub
stecke und die Hoffnung erwarte, und lasse sich auf
die Backen schlagen, und ihm viel Schmach anlegen,
denn der Herr verstößt nicht ewiglich.
Sirach sagt: Ein demütiger Mensch erwartet die Zeit,
die ihn trösten wird, denn wiewohl seine Sache eine
Zeitlang unterdrückt wird, so werden doch die From-
men seine Weisheit preisen. Davon ist Hiob ein Ex-
empel, und das Ende des Herrn; auch Tobias, denn
Gott ließ Trübsal über ihn kommen, warum? Daß die
Nachkömmlinge an ihm ein Exempel der Geduld ha-
ben möchten, wie an dem heiligen Hiob, sagt er. Ein
Engel sagte zu diesem Tobias (als er klagte, daß er das
Licht des Himmels nicht sehen könnte), habe Geduld,
Gott wird dir bald helfen, wie auch geschehen ist. Es
sagt wohl Paulus mit Recht, daß alles, was zuvor ge-
schrieben ist, uns zur Lehre geschrieben sei, damit wir
durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung hätten.
Aber merkt wohl, Freunde, wo weder Verheißung,
noch gottselige Trübsal ist, da ist ja auch keine Ge-
duld nötig; wo aber das Angeführte sich findet, o, da
ist Geduld nötig, denn wir wissen (sagt Paulus), daß
Trübsal Geduld bringt, Geduld aber bringt Erfahrung,
Erfahrung aber bringt Hoffnung, Hoffnung aber lässt
nicht zu Schanden werden; ferner auch die Reden
Christi selbst von der Geduld: Ihr werdet von allen
Menschen um meines Namens willen gehasst wer-
den; es soll kein Haar von eurem Haupte umkommen.
fasst eure Seelen in Geduld; ferner, Paulus ermahnt
uns zu aller Geduld in all unserer Not, daß wir uns
darin als Diener Gottes erweisen, mit großer Geduld
in Trübsal, in Not, in Schlägen, in Gefängnissen (ja
wohl Gefängnissen), in Aufruhr, in Arbeit, in Wachen,
in Fasten, in Keuschheit, in Erkenntnis, in Langmut, in
Freundlichkeit, in dem Heiligen Geiste, in imgefärbter
Liebe, in dem Worte der Wahrheit, ja, in der Kraft Got-
tes, durch Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und
zur Linken, durch Ehre und Schande (merkt auf alles,
worin ein geduldiger Diener Gottes geprüft wird), ja,
durch böse Gerüchte und durch gute Gerüchte; als
die Verführer, und dennoch wahrhaftig, wie solches
zu finden ist 2Kor 6,4. Merkt: Ein Diener Gottes, und
womit man beweisen könne, daß er einer sei; ferner Ja-
kobus will, daß wir es für lauter Freude halten sollen,
wenn wir in mancherlei Anfechtung fallen, und wisst,
sagt er, daß euer Glaube, wenn er rechtschaffen ist,
Geduld wirkt, die Geduld aber, sagt er, soll standhaft
sein bis ans Ende.
Seht, so muss man durch die Geduld (durch Ge-
duld, sagt Paulus) in dem Streite laufen, der uns ver-
ordnet oder vorgestellt ist, und nur auf den Herzog
unseres Glaubens sehen, auf den Jüngling, der uns auf
dem Berge Zion die Krone der Belohnung aufsetzen
wird.
Seht, alles dieses erwirbt der Nutzen und Lohn der
Geduld mit Christo und allen heiligen Märtyrern, al-
les solches muss, im Glauben gesehen und in Geduld
erwartet werden, wie auch Jakobus ermahnt, wenn
er sagt: So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis auf
die Zukunft des Herrn, und lasst uns, gleichwie ein
Sämann, unsere Ernte und fröhliche Zeit des Mähens
erwarten. O dann werden die milden Säleute, die auf
den Geist gesät haben, wieder einernten ohne Aufhö-
ren.
Liebe Freunde, lasst uns nun auch zur rechten Zeit
mildreich auf den Geist in Hoffnung aussäen, und
das ohne Verdruss und mit Freuden, denn zu seiner
Zeit wird es wieder mit großen Garben unsere Scheu-
er füllen, wie Gal 6,8-9 steht; denn Gott wind nicht
vergessen unsers Werks und unserer Arbeit, wie oben
gemeldet.
Um solches aufs Kürzeste zusammenzufassen: Se-
lig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn
nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Le-
bens empfangen, welche Gott denen verheißen hat,
die ihn lieb haben. Zwar zu dieser Verheißung, zu
diesem Erbe, Lohne und zu dieser Krone hat ein jeder
Lust, aber die dabei angemerkten Bedingungen, wor-
auf und wodurch solches verheißen wird, seht, solche
stehen wenigen Menschen an, das ist, Unterwerfung
an das Wort Gottes, uns selbst gänzlich verleugnen.
430
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
und unser Kreuz freiwillig und getrost auf uns neh-
men, denn Paulus sagt: Uns ist es gegeben, daß wir
nicht allein an seinen Namen glauben, sondern auch
um seinetwillen leiden.
Merkt doch, Freunde, daß es gewiss sein Wohlgefal-
len sei, daß der Knecht seinem Herrn gleich sein soll;
darum hat Christus seinen Knechten und Jüngern so
viel Leid, Druck, Schmach, Leiden und den Tod um
seines Namens willen zu seiner Zeit zugesagt und
verheißen, und das mit gewisser Belohnung.
Er hat ihnen solches nicht als einen Wahn verhei-
ßen, nicht als einen Zufall und von ungefähr, sondern
als etwas Sicheres und Gewisses, daß solches euch
begegnen werde, wie nachher folgt, und auch zum
Teil angewiesen wird.
Zunächst die Rede Christi selbst: Seht, ich sende
euch als Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid
klug und vorsichtig wie die Schlangen, aber ohne
Falsch, wie die Tauben; hütet euch vor den Menschen,
denn sie werden euch (er sagt, sie werden euch) über-
antworten in ihre Rathäuser, und werden euch geißeln
in ihren Schulen, und man wird euch vor Fürsten und
Könige führen, zum Zeugnis über sie und über die
Heiden.
Ferner: Ein Bruder wird (er sagt, wird) den andern
dem Tode überantworten, der Vater den Sohn, die Kin-
der werden sich wider ihre Eltern erheben, und ihnen
zum Tode helfen, und ihr müsst (er sagt, müsst) von
allen Menschen um meines Namens willen gehasst
werden.
Ferner: Denkt an mein Wort, das ich euch gesagt
habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr, noch
der Jünger über seinen Meister; haben sie mich ver-
folgt, so werden sie (er sagt, sie werden) euch auch
verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden
sie das eure auch halten; aber solches alles werden sie
euch tun um meines Namens willen.
Und abermals: Solches habe ich zu euch geredet,
damit ihr euch nicht ärgert; sie werden (er sagt, sie
werden) euch in den Bann tun; ja, die Zeit kommt, daß,
wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst
daran; und das werden sie euch darum tun, weil sie
weder mich noch meinen Vater kennen; solches aber
habe ich zu euch gesagt, damit, wenn die Zeit kommt
(merkt wohl), daß ihr dann daran denkt, daß ich es
euch gesagt habe. Paulus sagt auch, daß wir durch viel
Trübsal müssen (er sagt, durch viel Trübsal müssen) in
das Reich Gottes eingehen, und daß alle (er sagt, alle)
die gottselig leben wollen, Verfolgung leiden müssen.
So merkt denn nun darauf, liebe Freunde, muss und
wird es denn so geschehen, wie zum Teil gemeldet
worden und auch gewiss ist, wohlan denn in Gottes
Namen, so soll es freiwillig geschehen. Darum lasst
uns nicht auf die fürchterliche Trübsal und Not, son-
dern durch dieselbe hindurchsehen, wie vorgemeldet
ist, und lasst uns alle des Trostes eingedenk sein, der
darauf folgt, auch dass diese zeitliche Trübsal nicht
mit der ewigen Herrlichkeit zu vergleichen sei. Lasst
uns auch bedenken, daß diese böse und ungerech-
te Welt des seligen Kranzes, für die Gerechtigkeit zu
leiden, untüchtig und unwürdig sei.
Aber diejenigen sind dazu tüchtig, die Christo in
der Wiedergeburt nachgefolgt sind, und alles, was
ihnen hier lieb war, verlassen haben. Gedenkt auch,
Brüder, dass diejenigen Bastarde seien und keine Kin-
der, welche ohne diese Züchtigung sind. Also ist uns
Gläubigen Trübsal als gewiss verheißen, wie wir ge-
hört haben.
So wäre denn dieses hierin mein Rat und Nachricht
mit Sirach und vielen andern: Wenn wir Gott dienen
wollen, so lasst es uns mit Emst tun, damit wir ihn
nicht versuchen, denn wer Gottes Diener sein will,
der muss sich zur Anfechtung schicken (merkt, schi-
cken) und allezeit in des Herrn Werk sich üben, damit,
wir seien daheim bei Ihm, oder wallen von Ihm, wir
allezeit Gott wohl gefallen, und muss sich ein jeder
dessen bestreben, dass er der Vornehmste sei (nicht
sich dünken lassen, oder rühmen, sondern sein) in gu-
ten Werken, wie auch Petrus sagt: Weil ihr auf seine
Zukunft warten sollt. Allerliebste, so tut Fleiß, daß ihr
vor Ihm unbefleckt und unsträflich im Frieden erfun-
den werdet. Ach, wie muss man dann zubereitet sein
mit einem heiligen Wandel und Gottseligen Wesen!
Wer nun diese Hoffnung in sich hat, der reinige sich
selbst, gleichwie der (den wir erwarten) auch rein ist:
Der Heilige muss noch heiliger und der Reine noch
reiner werden. Heilig und heiliger werden kommt
uns zu, weil wir so einen Heiligen zum Vater anrufen,
der ohne Ansehen der Person richtet, wie Petrus sagt,
und das nach eines jeden Werke: Darum führt euren
Wandel in der Zeit eurer Wallfahrt mit Furcht, so wer-
den wir dann bestehen, wie Petrus sagt: Die da leiden
nach dem Willen Gottes, die sollen Ihm ihre Seelen
befehlen, als dem treuen Schöpfer in guten Werken
(merkt, guten Werken). Niemand verstehe hier eine
Seligkeit durch gute Werke, sondern eine Seligkeit
mit guten Werken; gute Werke, ohne daß sie die Selig-
keit verdienen; (merket wohl) sondern die Seligkeit
ist aus Gnaden zur Dankbarkeit gegen unsern Herrn
Jesum Christum, Gal 2,16, noch klarer Eph 2,8-9. Die-
ses, sage ich, ist mein Rat, daß wir unsere Seelen auch
so zubereiten, und sie Ihm (als einem Getreuen) in
die Hände befehlen, und das mit guten Werken oh-
ne Ruhm (ohne Ruhm) als seine unnützen Knechte,
die doch so gern vollkommen wären. Darum, liebe
Freunde, suchen wir unser Leben nicht zu erhalten.
431
das wir doch verlieren; aber wir bitten unsem Gott
allezeit um Leidenskraft, um es tapfer und unverzagt
zu endigen. Amen, lieber Herr, Amen.
Nun wollen wir die frommen Leute in den vorigen
Zeiten zum Exempel anführen.
Merkt auf die verfolgten, sehr gehassten und getö-
teten frommen Leute, von wem und warum solches
allezeit geschehen sei, damit, wenn auch wir solcher
Leiden und eines solchen Todes teilhaftig werden, wir
uns darüber (als über etwas Neues) nicht verwun-
dern.
Zuerst ist der fromme, gute Abel von Kain um sei-
ner Frömmigkeit willen aus Hass getötet worden; Lot
wurde von den wollüstigen Sodomiten um seiner Tu-
gend und Gerechtigkeit willen sehr gequält; David
wurde von Saul, Simei und von Absalom, seinem Soh-
ne, um seiner Ehre und seines eigenen Reiches wil-
len verfolgt; der Mann Gottes aus Juda, um seiner
Weissagung willen wider die Götter und den Altar
Jerobeams, ward von ihm bedroht; der heilige groß-
mächtige Prophet Gottes Elia ward flüchtig und von
Isebel um seiner prophetischen Wunder willen, die er
durch Gott wirkte, verfolgt, wie auch viele andere, die
zu seiner Zeit getötet worden sind. Micha wurde von
dem Könige gefangen, der ihn mit Wasser und Brot
der Trübsal speiste, weil er mit Gottes Geist und hei-
ligem Worte vierhundert falschen Propheten der Ise-
bel widersprach. Uria, ein Prophet, wurde gleichfalls
flüchtig, aber wieder ergriffen, und von dem Könige
Jojakim mit dem Schwerte getötet, um seiner Botschaft
von Gott, nämlich der Weissagung willen wider Jeru-
salem und das Land Juda. Jeremia, den Propheten Got-
tes, haben die Fürsten in die Schlammgrube versenkt,
um ihn zu töten, weil er nicht aufhörte, im Namen des
Herrn zu predigen und zu weissagen. Zacharias, ei-
nes Priesters Sohn, ein Prophet des Herrn, wurde auf
Befehl und Gebot des Königs gesteinigt, denn er weis-
sagte ihnen alles Unglück, weil sie das Gute verlassen
und Gottes Wort übertreten hatten, merkt, um wel-
cher Ursache willen sie alle getötet worden sind. Die
drei Jünglinge, Sadrach, Mesach und Abednego wur-
den von dem Könige Nebukadnezar in einen Ofen
gesteckt, der siebenmal heißer gemacht war als zu-
vor, worin sie jedoch Gott um ihres Vertrauens willen
bewahrte, weil sie des Königs selbst gemachtes Bild,
seinen Abgott und sein Narrenspiel weder ehren noch
anbeten wollten. Daniel, ein hochgeachteter, heiliger
Prophet Gottes, wurde von denen, die den Drachen
anbeteten, wider des Königs Willen und Macht aus
Hass und Neid, in die Löwengrube geworfen, wur-
de aber doch von Gott bewahrt und noch erlöst; sol-
ches ist geschehen, weil er, ohne sich vor jemand zu
scheuen, selbst vor des Königs ausdrücklichem Befeh-
le nicht, allein seinen Gott öffentlich und frei geehrt,
angebetet und bei offenen Fenstern gegen Jerusalem
bekannt hat. Merkt: Hat es nicht fein die Frommen
gesucht? Ja, gesucht und gefunden. O Herr, alle Stand-
haften und Frommen in Israel wurden zerstreut, und
von Antiochus ermordet. Warum? Merkt, weil sie ihre
Kinder, nach Gottes Befehl, beschnitten, kein Schwei-
nefleisch essen wollten, welches nach dem Gesetze
verboten war, auch sich der heidnischen Weisen ent-
schlugen, weil sie unrein und wider das Gesetz waren;
desgleichen wurden noch einmal alle Juden überall
wie wilde Tiere gefangen, gebunden, gejagt, fortge-
schleppt, zu Schiffe hinweggeführt, um miteinander
getötet zu werden, und doch durch die Hand Got-
tes wunderbar erlöst. Diese wurden von dem Könige
Ptolmäus so geplagt, weil sie sich von dem Könige
nicht zwingen lassen wollten, von dem Gesetze Got-
tes abzufallen, den Götzen zu opfern, und heidnische
Weisen anzunehmen. Keine feine Ursache, Freunde,
doch so geht es noch jetzt; desgleichen ist auch im
zweiten Buche der Makkabäer, ein grausames Gebot
von demselben Könige Ptolämäus erlassen worden,
daß der auf der Stelle erstochen werden sollte, wer
solches nicht halten würde.
Einige wurden verbrannt; zwei Frauen wurden ih-
re Kinder an ihre Brüste gebunden, welche so zum
Spott in der Stadt herumgeführt und zuletzt über die
Mauern geworfen wurden; merkt: Warum? Weil sie
standhaft blieben bei dem Gesetze Gottes, und ihre
Kinder beschnitten hatten. Ebenso wurde auch der al-
te neunzigjährige Eleazar von Antiochus umgebracht.
Warum? Um seiner ungeheuchelten Standhaftigkeit
willen, weil er kein Schweinefleisch essen, oder nicht
das Ansehen haben wollte, als hätte er gegessen; auf
gleiche Weise wurde auch eine fromme Mutter mit sie-
ben standhaften Söhnen von dem Könige Antiochus
in glühenden Pfannen gebraten, ihnen außerdem auch
die Kopfhaut abgezogen, und die Zungen abgeschnit-
ten. Warum? Merkt, weil sie keineswegs wider das
Gesetz Schweinefleisch essen wollten. Dergleichen
findet man mehr im alten Testamente.
Ebenso findet man auch hiervon im Neuen Testa-
mente Beispiele.
Zunächst der heilige Vorläufer Christi, Johannes
der Täufer, wurde von Herodes enthauptet. Ei, der
gute Mann, warum hat er ihn getötet? Merkt, weil er
Herodes wegen eines ungeziemenden und schändli-
chen Hurenhandels bestrafte. Der gute Christus Jesus
wurde auch von der Welt gehasst, weil er wider ihre
bösen Werke zeugte; ja, der Richter Pontius Pilatus,
der durch der Juden Hass angetrieben wurde, hat ihn
ohne Schuld oder irgendeine Ursache, die den Tod
verdient, überantwortet und getötet. Auch wurden
432
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
die heiligen Apostel oft von dem Rate der Priester
gefangen, gegeißelt und ihnen das Predigen in Jesu
Namen verboten. Warum? Damit Jesu Name, Lehre
und Kirche sich weder ausbreiten, noch zunehmen
sollte.
Stephanus, ein Diener der Armen und ein frommer
Zeuge Jesu, wurde von den Halsstarrigen gesteinigt.
Warum? Weil sie seinem Geiste, seiner Weisheit und
Lehre nicht widerstehen konnten. Die Gemeinde der
ersten Zeit zu Jerusalem wurde von den Juden ver-
stört und durch das ganze jüdische Land zerstreut;
ebenso zog auch der Verfolger Saulus mit Briefen und
Vollmachten hin und her, um alle diejenigen zu fan-
gen und zu peinigen, die er dieses Weges und Sinnes
finden würde, um dadurch Christi Lehre, Glauben
und Weg zu verhindern. Summa: Es wurden noch ei-
nige von Herodes gepeinigt: Jakobus wurde mit dem
Schwerte getötet, und als Herodes sah, daß solches
dem Volke wohlgefiel, fing er auch Petrus und be-
wahrte ihn mit sechzehn Dienern, gebunden mit zwei
Ketten, bei verschlossenen Türen, und das darum,
weil die Juden ihn hassten; aber der Engel erlöste ihn.
So lasst uns denn darüber uns nicht verwundern, als
über etwas Neues.
Zum Beschlüsse empfangt meinen ewigen Ab-
schied und brüderlichen Gruß.
Seht, dieses habe ich meinen lieben Freunden, Brü-
dern und Schwestern in dem Herrn in meiner Demut
und guten Meinung, aus drei besonderen Gründen
liebreich zugeschrieben; die erste Ursache ist die, um
euch etwas bekannt zu machen, was angenehm zu hö-
ren, und auch eine Nachricht von meiner Wohlfahrt,
Gesundheit und meinem guten Mute, nach Seele und
Leib zu erteilen, damit ihr dadurch erweckt werdet,
mit mir Gott zu loben. Ihm zu danken und Ihn zu
bitten, wegen all seiner Gnade und Trost, den er an
mir Unwürdigen und so auch an uns allen erwiesen
hat. Von diesem Tröste, womit ich von Gott getröstet
werde, habe ich euch hiermit auch mitteilen wollen,
was nach eurem Verlangen und Begehren geschehen
ist, nämlich süßen Honigseim, Rosengeruch, Balsam,
Weihrauch und Myrrhen, als aus Edens Lustgarten
der himmlischen paradiesischen Früchte, euch zu ei-
ner Frucht, Probe, Geruch und Ergötzung, inwendig
mit gründlicher Andacht zu betrachten, ja, euch zu
einem besonderen Kennzeichen meiner Freude und
meines Friedens, welche ich fühle mit Gott zu haben,
in der Eintracht und in einem Geiste. O ich unwürdi-
ger und unnützer Knecht meines Herrn! Der ich Frie-
den mit meinem Christo und die Gemeinschaft seines
Geistes genieße, wie Rom 8,15 ; IKor 6,17 ; Gal 3,26 Ihm
zum Danke gesagt wird; es ist alles durch seine er-
barmende Treue und große unverdiente Gnade. Ich
rühme mich des Herrn und seiner Macht, wir haben
von Ihm solch einen köstlichen Schatz empfangen in
unsere schwachen irdenen Gefäße, wenn nun dersel-
be erhalten bleibt, so ist die Herrlichkeit der Kraft aus
Gott und nicht aus uns, o, nicht aus uns, sondern aus
Gnade sind wir, was wir sind.
Die zweite Ursache ist die, weil ihr einer Hoffnung,
eines Trostes und Lohnes mit mir teilhaftig geworden
seid, und damit ich durch die Anweisung unseres
Trostes, in Lehre und Exempeln der Schrift, wie zum
Teil hier gemeldet ist, eine Erquickung, Andacht und
inwendige Freude in euch erwecken, auch das Anden-
ken der Verheißungen erneuern möchte, wodurch ich
meine Gunst, Liebe und mein geneigtes Herz gegen
euch alle an den Tag lege, der ich eurer in dem Herrn
eingedenk bin.
Die dritte und letzte Ursache ist die, daß ich da-
durch viele von euch verpflichten möge, auch derglei-
chen zu tun, und uns wieder einen Brief zu senden
(zum Zeichen und Beweise eurer standhaften Tapfer-
keit in der Liebe), worüber wir uns trösten, freuen und
eure Aufrichtigkeit gegen uns erkennen mögen, ver-
möge der Lehre und Schuld, womit man den Gefange-
nen verpflichtet ist, als Mt 25,37; Apg 12,5; 2Tim 1,16;
Hehr 13,3, welches wir drei Gefangene hier von euch
sehr gut aufnehmen würden, ja so liebreich, als den
Geruch von jungen Rosen, Weihrauch und Myrrhen
aus dem Lusthause Zions, als unseres Gottes Wein-
und Lustgarten, was uns bisher noch wenig zu Teil
geworden ist, ja, so wenig, daß es scheint, als ob die
Liebe zu uns in euch fast erloschen wäre; doch, o daß
ich weder euch noch sonst jemanden in Worten der
Falschheit verletzte, denn solches verstehe ich nicht
von der Notdurft, o nein! Wir danken Gott und den
Sorgfältigen deshalb aufs Beste. Nehmt doch alles Gu-
te von mir in Gutem auf, und deutet mir alle Liebe
der Liebe nach; darum bitte ich sehr um des Herrn
willen. Niemand vergreife sich an meinem liebreichen
Tun, deute und denke mir nicht nach, als ob dies oder
dergleichen von mir aus Ehre und Ruhmsuche gesche-
hen sei, oder um dadurch jemanden zu Geschenken
zu bewegen, oder um fleischlicher und irdischer Ge-
meinschaft willen, denn hierzu hat mich diese Liebe
aus reiner Meinung bestimmt; o Herr, dir ist es alles
bekannt!
Ei, meine lieben Freunde, die reine Liebe denkt
nichts Arges, doch sie sieht, merkt und bestraft wohl
das Arge. Hiervon liefern Ananias, Simon der Zaube-
rer und der Hurer zu Korinth klare Beispiele.
So befehle ich euch nun, liebe Freunde, Brüder und
Schwestern, wie zuvor, Gott und dem Worte seiner
Gnade (als der Gruß Paulus), welcher mächtig ist euch
aufzubauen und euch das Erbe unter allen zu geben.
433
die geheiligt sind. Seid gegrüßt, gestärkt, getröstet
und sehr getrost in dem Herrn. Gehabt euch wohl.
Wacht und betet. Von mir, Henrich Alewynß
und meinen Mitgefangenen, sämtlich wohlgemut im
Herrn.
Gegeben im Jahre 1568 im November.
Ja, liebe Freunde, ehe dieser Brief aus meiner Hand
kam, sind wir beide vor Gericht gebracht worden,
nämlich der liebe Gerhard Janß Duynherder, unser
frommer Bruder, und ich. Seht, wir sind in Haft ge-
blieben und wirklich verurteilt, und erwarten nun
beide binnen Kurzem den Tod. O Herr, o Herr, in dei-
ne Hände, o treuer Schöpfer, befehlen wir unsere Seele
und unsern Geist! Amen.
O liebe Gemeinde Gottes, habe Acht auf meine ar-
men lieben drei Waisen, welche weder Eltern, noch
Gut, noch Erbe haben.
Gute Nacht, meine lieben Kinder; gute Nacht, alle
meine Freunde. Dieses dient euch allen zum Vorgang
und meinem Herrn Christo zur Nachfolge in seinen
Fußstapfen. Herr, stehe deinen Knechten bis ans Ende
bei, obgleich sie unwürdig und unnütz sind.
Das Nachfolgende enthält, was Henrich Alewynß
den Herren an der Folterbank übergeben hat.
Sehr werte Beamte, Rechtsverwalter und alle meine
Herren, die ihr, in des Königs Namen und Gewalt,
meine Richter, Gerichtsherren, Verhörer hier zuge-
gen seid, hört mich verurteilten Henrich Alewynß,
welcher hier gegenwärtig bereit ist, sich, nach eurem
Urteile, foltern zu lassen; seht, ich finde mich dazu
gedrungen, und werde dazu angetrieben, es nicht zu
versäumen, euch Nachricht und Botschaft von allem
zu geben, worin ihr euch an mir und meinesgleichen
vergriffen habt, die wir böser Taten unschuldig sind,
und keine Strafe verdient haben.
Zunächst sei euch klar, heilig und schriftmäßig be-
wiesen, angekündigt und erklärt, daß unsere oder
meine Sachen weder Missetat noch strafbare Dinge
sind, sondern ein Recht Gottes und Sachen des Glau-
bens und des Geistes; darum müssen sie auch allein
geistig und im Geiste verhört und beurteilt werden,
denn ein natürlicher Mensch kann es nicht begreifen,
es ist ihm eine Torheit. Diesem denkt frei und gründ-
lich nach.
Ferner lasse ich euch wissen, daß ein Christ mit den
Stücken des Glaubens und der Schrift ausgerüstet sein
muss; darum soll er weder wegen Aufruhrs, noch we-
gen fleischlicher Werke berüchtigt sein, wie ich denn
auch nicht bin; darum sei Gott gelobt, daß ich nicht
unter der Strafe der Gerechtigkeit, sondern unter ih-
rem Schuhe, Schirme und Preise stehe; auch sei euch
gesagt, daß der Mensch Gottes, der so einfältig nach
Gottes Reiche, Ehre und Lobe strebt, eurer Gerechtig-
keit nicht unterworfen ist in Sachen, welche die Lehre
und den Gottesdienst betreffen; hiervon habt ihr Un-
terricht und Beispiele genug, aber in guten Werken
muss die Obrigkeit bereit stehen. Den Richtern ist die
Macht von Gott gegeben, allein den Bösen zur Strafe,
zum Lobe den Guten, und zum Schutze denen, die
Gutes tun; den Unschuldigen und Frommen sollst du
nicht töten, spricht Gott.
Endlich sei euch kund und zu wissen getan, mit
dem Zeugnisse der heiligen Schrift, und das in Lie-
be und sanftmütigem Geiste, die große Missetat der
Tyrannen, die sich in diesem Stücke an den Unschuldi-
gen Gottes in seinem Volke vergreifen, in Gottes Aug-
apfel tasten, ja wider Gott streiten, und wider den Sta-
chel Gottes locken; desgleichen euer gewisses Wehe,
und welche Beschwernis euch in der zukünftigen Zeit
treffen wird, wenn unser Herr und gerechter Fürst zu
Gericht sitzen und alle eure Gewalt von euch nehmen
wird, wie Judith geschrieben steht: Wehe den Heiden,
die mein Volk verfolgen, denn der allmächtige Herr
rächt sie, und sucht sie heim zur Zeit der Rache. Er
wird ihren Leib plagen mit Feuer und Würmern, und
sie werden brennen und heulen in Ewigkeit; sie wer-
den nicht auferstehen zum ewigen Leben; Gott wird
ihrer nicht schonen. Sie werden seufzen, erschrecken
und sich verwundern über die Kinder Gottes, wenn
sie in ihrer Herrlichkeit erscheinen und sagen weiden:
Diese sind es, die wir geängstigt, unterdrückt, und
als rasende Irrgeister ihrer Ehre, Güter und Lebens
beraubt haben; und ferner: Der Gottlose drängt den
Gerechten; er zieht sein Schwert aus, er spannt seinen
Bogen; aber der Herr lacht sein, denn er sieht, daß
sein Tag kommt; er hilft dem Elenden und Armen. Er
schlägt den Frommen; aber sein Schwert wird in sein
Herz gehen und sein Bogen wird zerbrechen.
Christus selbst bedroht, straft und verdammt sol-
che, die sich am Blute verschuldet haben, und sagt:
Wie werdet ihr der höllischen Verdammnis entfliehen?
Desgleichen straft sie auch der heilige Jakobus und
wehklagt jämmerlich, daß sie den Gerechten verurteilt
und getötet haben, der ihnen doch nicht widerstand.
Es steht im Jesaja nicht umsonst geschrieben: Wehe
aber dir, du Zerstörer! Meinst du, du werdest nicht
verstört werden? Und du, Verächter! Meinst du, man
werde dich nicht verachten? Wenn du des Verstörens
und Verachtens ein Ende gemacht hast, dann wirst du
auch verstört und verachtet werden, spricht der Herr.
Darum, meine Herren, denkt der Sache gründlich im
Herzen nach (denn ich habe es nicht geschrieben).
Seid mit Gamaliel freundlich gewarnt, von mir schwa-
chem Menschen, wiewohl ich doch ein Zeuge bin von
434
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Gottes Wort und Wahrheit. Diese Rache Gottes hat
der grausame König und großmächtige Tyrann ver-
standen und gefühlt, daß es schwer sei, dem Volke
Gottes beizukommen, um der Hilfe ihres Gottes wil-
len, dessen Rache niemand entgehen kann oder mag,
der seinem Volke irgendein Unrecht antut. Diesen
Sinn ließ er eilend allen seinen Landvögten kundtun:
Lasst ab von diesem Volke. Diesen Unterricht und
diese Warnung des weisen Achior wollte Holofernes
weder verstehen, noch glauben.
Meine Herren haltet mir diese meine Zugeneigtheit
zu euch zu gut; ich habe euch dies nicht geschrieben,
um mich dadurch von dem gefällten Urteile zu be-
freien, was bei euch nicht gebräuchlich ist, auch nicht
in eurer Macht steht, solange ihr der Welt und des
Königs Freunde bleibt, die ihr doch bleiben wollt; ich
bitte demnach, gnädig mit mir zu Verfahren, doch so,
daß euer Urteil seinen vollen Lauf haben möge, und
ihr es bei Hofe verantworten könnt; es ist doch besser,
daß ich leide, als ihr; denn ich weiß, warum ich lei-
de, ich leide um des guten Gewissens willen zu Gott,
und bin gewiss, daß ich Gnade bei Gott finde, und
bin des Leidens Christi teilhaftig; man peinigt mich,
daß ich wider das hohe Gebot der Liebe reden soll;
aber die Liebe tut nichts Arges; die Liebe leidet alles,
sie erträgt alles, sie lässt sich nichts verdrießen. Ach,
meine Herren! Überlegt, ob dem nicht so sei. Der Böse
kann und mag euch wohl was weismachen mit Lügen
und nein sagen, wenn es ja ist, oder ja sagen, wenn
es nein ist; wir aber sagen im Leiden und mit wah-
ren Worten: Erbarmt euch über diese, wie ihr wollt,
daß auch euch geschehe, wenn mein Richter kommen
wird, da es euch dann bange werden und Hilfe nö-
tig sein wird. Gott vergebe euch alles Leid, das ihr
mir angetan habt, wie ich es euch vergebe, und wie
ich will, daß mir geschehe, um aller meiner Sünden
willen, Amen.
O du weiser Rat Gamaliels! Wo hört man dich jetzt?
Daran erkennt man, welches die Kinder Gottes und
welche des Teufels sind; wer nicht recht tut, ist nicht
von Gott. Die Pforte ist weit, und der Weg ist breit,
der zur Verdammnis führt, und viele sind, die darauf
wandeln.
Ein väterlicher Abschied, Testament und sehr
sorgfältiger schriftlicher Unterricht von Henrich
Alewynß an seine Kinder.
Der erste Grund der Tugenden, oder Anweisung von dem
Anfänge der Weisheit in den Kinderjahren.
Hört mich, euern Vater, o meine leibeigenen, zugeneig-
ten, lieben und sehr betrübt gemachten Waisen! Meine
drei mutterlosen und auch bald vaterlosen Kindlein
von zehn, acht und sechs Jahren alt, die ihr meiner
beraubt und dabei ohne Güter seid! Ach Gott! Noch
einmal sage ich euch: Ach meine lieben Kinder! Von
einer lieben Mutter habe ich euch alle erlangt und er-
halten; dieselbe hat auch euch mir treulich anbefohlen
in ihrer letzten Stunde, gleichwie mich auch die heili-
ge Schrift lehrt und mir befiehlt, wie ich euch in gött-
licher Unterweisung zu guten, geschickten Kindern
und Menschen Gottes väterlich auferziehen soll, was
ich mit guter Sorgfalt, wie mir gebührt, angefangen,
bisher mit Emst nachgestrebt und auch noch nicht
geendigt habe; seht aber, nun ist mir meine Arbeit
abgenommen, und ich kann unter diesen Umständen
euch fernerhin meine väterliche Liebe und schuldige
Zucht nicht länger erweisen; darum habe ich euch
nun für die Folge dem Gott des Himmels und meinen
Glaubensgenossen und Freunden treulich anbefoh-
len; ja, ich bin auch versichert, daß euch aus Liebe
um Gottes und meinetwillen sehr wohl getan werden
wird.
Unterwerft euch doch den Freunden in Gehorsam,
als liebe Kinder, dann werdet ihr unter allen Freunden
lieb und angenehm werden. Ich habe ihnen die Auf-
sicht über euch anbefohlen, als ob sie euer Vater und
Mutter wären; so seid denn recht gehorsam, fürchtet
euch vor Worten, so bedürft ihr keiner Schläge, sonst
aber müsstet ihr sehr geschlagen und gezüchtigt wer-
den, wie solches die heilige Schrift will und lehrt, wie
ich nachher für euch abschreiben und anführen will.
Meine lieben Kindlein, es ist wahr, sage ich, ihr seid
noch zu kindisch, das älteste sowohl, als das jüngste,
um die heilige Bibel und auch dasjenige zu verstehen,
was ich hier lehren werde, wiewohl ich hoffe, ihr wer-
det Lust haben oft hierin zu lesen und dem Verstände
gemäß zu leben wie ich denn auch hoffe, daß euer Ver-
stand von Tag zu Tag zunehmen wird, daß ihr selbst
Gutes und Böses verstehen, und klüglich unterschei-
den lernen werdet, welche die rechten Gläubigen, und
welche die Ungläubigen sind, welche Kinder Gottes
und welche Kinder des Teufels und der Welt sind, wer
den Namen Christi mit Recht, und wer ihn mit Un-
recht trägt. Darum schreibe ich in solcher Hoffnung,
damit ich durch solche Unterweisung meine väterli-
che Pflicht erfülle, welche euch noch mangelt, denn
ich werde euch zu früh entnommen, und kann eure Er-
ziehung nicht vollenden, und gleichwohl kann ich es
nicht versäumen, euch, meine lieben Kinder, aus Lie-
be dieses aus der Feme darzureichen und zu senden;
müsste ich etwa, mit David, in Kurzem den Weg der
ganzen sterblichen Welt gehen, so unterrichte, gebiete
und rate ich euch, nach meinem Abschiede, wie viele
Patriarchen und heilige Väter ihren Kindern geraten
435
haben, daß ihr wohlgemut und getrost sein wollt, in
Geduld, daß ihr den Weg des Herrn, seinen Geboten,
Rechten, Sitten und dem ganzen Willen Gottes nach-
folgt und alles haltet und tut, was recht und gut ist;
liebt Ehrbarkeit, Sittsamkeit, Bescheidenheit, Scham-
haftigkeit, Tugend und Lob; und alles, was christlich
ist und wohl lautet, das tut, und dem denkt nach;
dann werdet ihr heilig und christlich sein; dann wer-
det ihr das ewige Leben und den schönen Himmel
haben, und werdet bei Gott und seinen himmlischen
Scharen sein, mit allen Auserwählten Gottes in ewiger
Ruhe und Freude eurer Seelen; dann werdet ihr euch
auch nicht vor dem zweiten Tode, feurigen Pfuhle,
ewigen Feuer, Lohn der Sünden, vor der Enterbung
aus dem Reiche Christi oder Ausschließung Christi
zu fürchten haben.
Meine lieben Kinder, nehmt dieses zu Herzen; so-
bald als es euer geringer Verstand begreifen kann, seid
darauf bedacht, wie ihr aus dem alten widerspensti-
gen Menschen in den neuen wieder umkehren mögt,
damit ihr die himmlische Wiedergeburt aus Wasser
und Geist, die Gnade Gottes und rechte Wahrneh-
mung der Zeit, und den Frieden mit allen Menschen
erlangt, wenn ihr solches mit Recht vermögt, gleich-
wie auch die Heiligung, ohne welche niemand den
Herrn sehen, oder in das Reich Christi kommen wird.
Das ist mein sorgfältiger Rat und Befehl an euch,
nach meinem Leben, meine lieben Kinder.
Der zweite Punkt, die Kinderzucht.
Seht, meine lieben Kinder, weil ihr noch kindisch an
Verstand und jung an Jahren seid, und zur Erkennt-
nis Gottes noch wenig Fähigkeit habt, so gebe ich
euch vorläufig eine Anweisung, wie ihr zum Grunde
der Tugend und der Weisheit Anfang gelangen mögt,
das ist: Seid fein gehorsam, wenn ihr anders mit Ernst
nach der Weisheit ruft und darum bittet, und wenn ihr
allen guten Unterricht von denen mit Lust annehmt,
die euch das Beste raten; denn seht, Sirach lehrt: Hal-
te dich allein zu gottesfürchtigen Leuten, von denen
du weißt, daß sie Gottes Gebote halten, die gesinnt
sind wie du, die Mitleiden mit dir haben, wenn du
strauchelst; bleibe bei ihrem Rate (er sagt, bleibe bei
ihrem Rate), denn du wirst keinen treueren Rat fin-
den, und ein solcher kann oft etwas besser sehen, als
sieben Wächter, die oben auf der Warte stehen. Ferner:
Wer sich gern unterweisen lässt, bei dem ist gewiss
der Weisheit Anfang; ferner: Wer sich gern strafen
lässt, der wird verständig werden; wer aber ungestraft
sein will, der bleibt ein Narr; ferner: Das Ohr, das die
Bestrafung des Lebens hört, wird unter den Weisen
wohnen. Wer sich nicht züchtigen lässt, der macht
sich selbst zunichte; wer aber die Bestrafung hört, der
wird klug; und ferner: Zucht halten ist der Weg zum
Leben; wer aber die Strafe verlässt, der bleibt irrig;
ferner: Schelten schreckt mehr an dem Verständigen,
als hundert Schlage an dem Narren. Seht, meine lie-
ben Kinder, öffnet eure Ohren und nehmt Lehre an,
so werdet ihr weise und ehrbar werden, wenn nicht,
so werdet ihr unverständig, gottlos, weltlich und im
Irrtume bleiben, wie gleich folgt: Wer Zucht oder Leh-
re fahren lässt, der hat Armut und Schande; wer sich
aber gern unterweisen und bestrafen lässt, der wird
zu Ehren kommen.
Ferner: Wer sich nichts sagen lässt, der ist schon auf
der Bahn der Gottlosen; denn ein Gottloser lässt sich
nicht bestrafen, sondern weiß sich mit anderer Leute
Exempel zu behelfen in seinem Vornehmen.
Seht, meine lieben Kinder, welche schöne Lehren
sind dieses; hier hört ihr den guten Rat, wie ihr zu Tu-
genden gelangen mögt; solches könnt ihr wohl tun oh-
ne viele Rutenschläge, wenn ihr nur auf Worte achtet,
und euer Volk in allem fürchtet, was sie euch gebieten.
Seid denen sehr gehorsam, bei welchen ihr wohnt;
hütet euch vor eurer bösen angebornen und wilden
Art, vor eurer Torheit und Kinderei; unterlasst das,
worüber ihr gestraft werdet, sonst müsst ihr immer
hart geschlagen werden, denn das gebührt den törich-
ten, stolzen und ungehorsamen Kindern, wie gleich
folgt:
Torheit steckt den Knaben im Herzen, aber die Rute
der Zucht wird sie von ihm treiben. Ferner: Rute und
Strafe gibt Weisheit, aber ein Knabe, sich selbst über-
lassen, schändet seine Mutter; dann: Wie man einen
Knaben gewöhnt, so lasst er nicht davon, wenn er alt
wird. Ferner: Laß nicht ab, den Knaben zu züchtigen,
denn, wenn du ihn mit Ruten hauest, so darf man ihn
nicht töten; du haust ihn mit der Rute, aber du erret-
test seine Seele von der Hölle; ferner: Hast du Kinder,
so ziehe sie, und beuge ihren Hals von Jugend auf.
Hast du Töchter, so bewahre ihren Leib, und verwöh-
ne sie nicht. Ferner: Wer sein Kind lieb hat, der hält es
beständig unter der Rute, damit er nachher Freude an
ihm erlebe. Wer sein Kind in der Zucht hält, der wird
sich seiner freuen, und darf sich seiner nicht schämen
bei den Bekannten.
Seht, meine Kinder, solche Bewandnis hat es mit
ungehorsamen Kindern, auf solche Weise müssen sie
von gottesfürchtigen Eltern auferzogen und unterrich-
tet werden, die Guten mit Worten, die Bösen mit der
Rute; ebenso hat Tobias an seinem Sohne gehandelt;
auf gleiche Weise ist Susanna von Jugend auf in der
Furcht Gottes auferzogen worden; Abraham wurde
es als eine Frömmigkeit zugeschrieben, daß er seine
Kinder nach ihm zur Furcht Gottes ermahnen würde.
436
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Summa, dies ist der Schluss: Ihr Kinder, seid euren
Eltern in allen Dingen gehorsam, denn das ist dem
Herrn gefällig; auch, ihr Eltern, seid nicht bitter gegen
sie, damit sie nicht missmutig, scheu oder kleinmütig
werden.
Seht, meine lieben Kinder, lernt hieraus, was euch
geziemt; seht dabei, welche schwere Last und Schuld
der Unterweisung und Züchtigung christliche Eltern
wegen ihrer Kinder auf sich haben.
Diejenigen aber, die ihre Kinder in dieser Zucht ver-
säumen und zu gelinde sind, können sich des schreck-
lichen Exempels und des bösen Lohnes an dem Pries-
ter Eli erinnern, der um deswillen durch die Hand
Gottes von seinem Stuhle zurückfiel und den Hals
brach. Deshalb ist es eine schwere Sache, die Kinder,
die stolz von Natur sind, übelartig aufzuziehen, wo-
von auch Sirach sagt: Wer seinem Kinde zu weich
ist, der klagt seine Striemen, und erschreckt, so oft
es weint. Ein verwöhntes Kind wird mutwillig, wie
ein wildes Pferd; zärtle mit deinem Kinde, so musst
du dich nachher vor ihm fürchten; spiele mit ihm, so
wird es dich nachher betrüben; scherze nicht mit ihm,
damit du nachher nicht mit ihm trauern müssest, und
zuletzt deine Zähne kirren müssen. Laß ihm seinen
Willen nicht in der Jugend, und verschone oder ent-
schuldige seine Torheiten nicht. Beuge ihm den Hals,
weil es noch jung ist; bläue ihm den Rücken, weil es
noch klein ist (er sagt: Bläue ihm den Rücken), da-
mit es nicht halsstarrig und dir ungehorsam werde.
Ziehe dein Kind und laß es nicht müßig gehen, daß
du nicht durch dasselbe zu Schanden werdest. Seht,
welch einen wichtigen Befehl hat der Gläubige über
seine Kinder, und auch über die, die ihm wie seine
eigenen Kinder unbefohlen sind. Darum, liebe Schäf-
lein, erduldet die gute Züchtigung, und fürchtet euch
vor den Worten, so braucht ihr die harte Grausamkeit
nicht auszustehen, sonst müsst ihr sie aber ausstehen,
wie ihr gehört habt.
Seht hierin, meine Kinder, in dieser angeführten,
heiligen Zuchtlehre habe ich mich meiner Pflicht ge-
gen euch entledigt, ich ermahne euch überhaupt hier-
in, daß ihr nicht allein in eurer Jugend, sondern auch
fernerhin in euren verständigen Jahren dem Rate der
Weisen und Frommen gehorchen wollt, und allezeit
die Christen liebet, die lieben Kinder Gottes, die heili-
ge Gemeinde, die von allen Völkern für eine Sekte ge-
halten werden, weil sie so fest auf den lebendigen Gott
hoffen. Diesen lebendigen Gott der Gläubigen lernt
früh kennen in der Schrift, denn wer zu Gott kommen
will (sagt der Apostel Paulus), der muss glauben, daß
er sei, und daß er auch ein Vergelter derer sei, die ihn
durch die enge Pforte auf dem schmalen Trübsalswe-
ge so sauer suchen.
Kurze Anweisung von Gott, um Ihn an seinen
beschriebenen Namen, seiner Herrlichkeit, seiner Hände
Werk, seinen Wundertaten, seiner Stimme, Allmacht,
Allwissenheit kennen zu lernen, daß er ein schrecklicher
Feind seiner Feinde, aber auch eine treue Nothilfe der
Frommen ist, und dergleichen mehr.
Merkt doch, meine einfältigen Kinder, dieser ist eures
Vaters Gott, der Gott aller Gläubigen von Anfang der
Welt bis hierher gewesen, der Gott Abels, der Gott
Noahs, der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs, Israels, der
Gott Jesu Christi und aller Heiligen. Dieser ist der
Gott, der nicht von jemandem oder von irgendeines
Menschen Händen gemacht oder geehrt worden ist,
sondern der Gott, der von Ewigkeit und vor allen
Dingen war, und ewig sein wird, der Gott, von wel-
chem und durch welchen alle Dinge geschaffen und
gemacht sind; ja, Himmel, Erde, Meer, und alle Wer-
ke, welche darin sind, durch sein Wort, seinen Geist
und seine Allmacht. Dieser unser Gott ist gut den
Guten und sehr erschrecklich seinen Feinden. Der-
selbe ist gewaltig über alle Reiche und Königreiche,
und ist ein Herr aller Herren. Dem Herrn ist niemand
gleich. Du bist groß, und groß ist dein Name, und
du kannst es mit der Tat beweisen. Wer sollte dich
nicht fürchten, du König der Heiden? Man sollte dir
ja gehorsam sein. Sein Name ist Herrscher, Herr, Herr
Zebaoth, Abrahams, Isaaks, Jakobs, und der Väter
Gott, das ist sein Name. Sein Name ist: Wunderbar,
Rat, Kraft, Held, ewiger Vater und Friedensfürst; sei-
ne Herrschaft ist auf Ihm ewiglich. Sein Name heißt
Immanuel, das ist, Gott mit uns. Man kann seinen Na-
men unmöglich ganz aussprechen, und darum wird
er auch genannt: Jehova, Schaddai, Adonai, und auf
andere Weise, damit sein unmöglicher, ungenannter
und unaussprechlicher hoher Name desto vollkom-
mener sei; außerdem wird er noch genannt: Gerecht,
barmherzig guter Gott, Wahrheit, Licht, rechte Hand,
heiliges verzehrendes Feuer.
Seht, meine lieben Kinder, hier habt ihr von eures
Vaters Gott gehört, von seiner Ewigkeit, der ohne An-
fang und Ende ist, von seinen herrlichen hohen Na-
men in der heiligen Schrift; so wollen wir denn nun
ferner reden von seiner herrlichen, unbegreiflichen,
unermesslichen Größe, Herrlichkeit und Unsichtbar-
keit, von seiner göttlichen Gestalt, Form und seinem
Bilde, denn Gott ist ein Geist. Denkt, wie groß der
sein müsse, dessen Stuhl der Himmel, die Erde aber
sein Fußschemel ist. Er sieht, er hört, und ist über-
all, denn so spricht er durch Jeremia, bin ich nicht
ein Gott, der nahe ist, und auch fern? Meint ihr, daß
sich jemand so heimlich verbergen könne, daß ich ihn
nicht sehen sollte? Bin ich es nicht, der alles erfüllt.
437
den Himmel und die Erde, spricht der Herr. Und an
einem andern Orte bezeugt die Schrift: Er umfasst die
Himmel mit der Spanne. Als er wandelte, so regten
sich die Berge und die Grundfesten der Erde bebten.
Wenn er sich zeigt oder hören lässt, so erregt er Furcht
und Schrecken unter allen Menschen, wie man 2Mo 3
liest, daß der Dornbusch wie eine Feuerflamme zu
brennen schien, als er Mose zu sich rief, und ihn zum
Fürsten über Israel machte, um sie aus Ägypten zu
führen. Und abermals: Als Mose auf dem Berge Sinai
mit Gott redete, wo er das Gesetz empfing, so rauchte
der Berg, denn der Herr war hemiedergefahren auf
den Berg mit Feuer, und sein Rauch ging auf, wie der
Rauch von einem Ofen, daß der ganze Berg sehr beb-
te, und der Posaunenklang wurde immer stärker mit
Donner und Blitz, wovor das Volk erschrak. Selbst
Mose erschrak und bebte; niemand durfte den Berg
anrühren. Niemand konnte seine Stimme ertragen,
ausgenommen Mose, und das doch mit Schrecken. In
solcher Weise zeigt sich Gott (sagt Mose), damit ihr
seine Furcht vor Augen haben und nicht sündigen
mögt. So sagt denn Mose mit Recht: Der Herr euer
Gott ist ein Gott aller Götter, ein Herr über alle Herren,
ein großer Gott, mächtig und schrecklich, der keine
Person ansieht, noch Geschenke annimmt.
Seht, meine lieben Kinder, dieser große Gott ist wür-
dig, daß man ihn allein fürchte, der Feib und Seele
töten kann. Sirach sagt: Sieh, der ganze Himmel al-
lenthalben, das Meer und die Erde beben, Berg und
Tal zittern, wenn er sie heimsucht; sollte er denn in
dein Herz nicht sehen? Ferner: Gott ist ein Zeuge über
alle Gedanken, und erkennt alle Herzen gewiss, und
hört alle Worte, denn der Weltkreis ist voll von dem
Geiste des Herrn (er sagt, der Weltkreis ist voll von
dem Geiste des Herrn), und der die Rede kennt, ist al-
lenthalben; darum kann der nicht verborgen bleiben,
der Unrecht redet. Ja, meine lieben Kinder, er weiß,
wer Ihm zum Scheine und vor den Augen, oder mit
aufrichtigem Herzen dient, denn die Weisheit Gottes
ist groß, und er ist mächtig (sagt Sirach) und sieht alle
Dinge, und seine Augen sehen auf diejenigen, die Ihn
fürchten, und er weiß auch wohl, was Recht getan
oder Heuchelei sei; ich sage: Er ist würdig, daß man
Ihn fürchte, sein Gesetz wohl bewahre, seine Fiebe
ausübe, und vor Ihm sehr klein und demütig sei. Das
ist es auch, was er von seinem Volke fordert; lest Mi 6,
auch in Moses Gesetze und dem Evangelium Christi.
Denn er will Gehorsam und nicht Pracht und Augen-
betrug der Opfer, wie wir an Saul ein Exempel haben.
Wollt ihr mich denn nicht fürchten (sagt der Herr),
der ich dem Meere den Sand zum Ufer setze, davor
es bleiben muss?
Ach, ach, liebe Kinder! Wie gut ist diese Furcht des
Herrn, denn sie ist der Weisheit Anfang; sie ist die
Wurzel der Weisheit, und ihre Zweige grünen ewig-
lich.
Diese Furcht des Herrn treibt die Sünde aus, denn
wer ohne Furcht ist, der kann nicht gerechtfertigt wer-
den; denn durch die Furcht des Herrn meidet man
das Böse. Den Herrn fürchten ist eine Quelle des Fe-
bens, dadurch meidet man die Stricke des Todes, denn
die den Herrn fürchten, meine Kinder, gehen auf der
rechten Bahn; wer sich aber nicht fürchtet, oder Ihn
verachtet, der weicht von seinem Wege.
Hieran, und so auch an dem eitlen Ruhme und
Wahne der Furcht Gottes, könnt ihr die Furcht Gottes
erkennen und wahrnehmen, und welche gottesfürch-
tig seien oder nicht.
Fest, welche die wahren Gottesfürchtigen sind: Ps 1;
2; 119; 120; Sir 2,18; 15,1; 16,1; 32,24. Darum ist die
Furcht Gottes die Hauptsumme und der Inhalt aller
Bücher. Fest Fred 12,13. Gleichwie ihr nun etwas von
der hohen Herrlichkeit Gottes gehört habt, welche
wohl wert ist, daß man sich davor fürchtet, so will
ich nun auch darüber euch etwas mitteilen, daß er
auch ein unsichtbarer, schrecklicher und unerbittli-
cher strenger Rächer und Feind seiner Feinde, dage-
gen aber auch ein treuer Nothelfer seinen bedrängten
Freunden sei, wie geschrieben steht im 2Mo: Ich bin
der Herr dein Gott, ein eifriger Gott, der der Väter
Missetat an ihren Kindern heimsucht bis ins dritte
und vierte Glied derer, die mich hassen; und aber-
mals: Ich tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden,
die mich lieb haben und meine Gebote halten, sagt er.
Seht auch Gottes Wunderwerk in Ägypten an Pharao,
der den Kindern Israel Feid antat, wie ihnen Gott, um
deswillen auch wieder Feid zufügte, und ihr Fand
mit vielem Missgeschick plagte, wie Gott zuletzt sei-
nem Volke daraus geholfen, ihnen einen trockenen
Durchgang durchs rote Meer verschafft, und mit ei-
ner dunkeln Wolkensäule sie von Pharao unterschie-
den und beschützt habe, den Pharao aber mit seiner
Menge durch ein himmlisches Geräusch in der Fuft
erschreckt, und sie alle im roten Meere ertränkt habe,
als ein Gott von großer Macht.
Als nun Israel durch das rote Meer und in der Wüs-
te war, kam der König Amalek, ihnen Feid anzutun,
dem widerstand Gott selbst, doch durch Josua, so-
dass der Feind mit den Seinigen geschlagen und zu
Grunde gerichtet wurde. Desgleichen stritt Gott noch
einmal zu Josuas Zeiten mit Hagelsteinen; Israel aber
mit dem Schwerte, Sonne und Mond standen still zum
Dienste den ganzen Tag; der Streit währte lange; ja,
Gott hat auch vom Himmel wider Sifera gestritten,
und die Sterne stritten in ihrem Taufe. Auch zu ei-
ner andern Zeit, als Samaria von den Syrern belagert
438
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
wurde, stritt Gott für Samaria, und erschreckte die
Feinde durch ein Geräusch in der Luft während der
Nacht, wie von Degen, Reitern und Scharen, sodass
sie flohen und alles zurückließen.
Ebenso liest man auch von Serach, dem Mohren
und den tausend mal tausenden seines Volks, von
denen nicht einer davon gekommen ist; ebenso auch
die Kinder Ammon und Moab aus Syrien, die Israel
verfolgten; Gott stritt für Israel, Israel aber stand still,
und Gott bewirkte, daß sich die Feinde untereinander
zu Grunde richteten.
Ebenso liest man auch von Gideon, Gott bewirkte,
daß der Feinde, der Midianiten, Schwerter gegenein-
ander stritten, wodurch sie sich, durch Gottes Schi-
ckung, selbst zu Grunde richteten.
Seht, meine lieben Kinder, welch ein unsichtba-
rer schrecklicher Feind seiner Feinde, und ein treuer
siegreicher Verteidiger seiner Freunde er sei, denn,
wenn sein Volk in den Streit zog, mit Gottes Verwilli-
gung, selbst wenn sie weder Bogen, Pfeil, Schild noch
Schwert hatten, so stritt Gott für sie und erhielt das
Feld.
Niemand konnte diesem Volke Schaden tun, ausge-
nommen, wenn sie von den Geboten des Herrn, ihres
Gottes abwichen; alsdann übergab sie Gott den Hän-
den des Feindes. Wir haben einen Gott der hilft, und
einen Herrn Zebaoth, der von dem Tode erlöst; auf sol-
che Weise rühmen die Heiligen die Hilfe Gottes. Als
das Volk Gottes vormals von bösen Völkern und Kö-
nigen mit Krieg überzogen wurde, und mit Vertrauen
diesen ihren Gott um Beistand anrief, sieh, da sandte
ihnen Gott nur einen Engel zu Hilfe, derselbe konnte
alles bewirken, und wich nicht vor Tausenden. Lest
2Kön 19,35; Jes 37,36. Ferner lest 2Makk 11,10. Auch
liest man von den fünf Engeln Gottes, die mit golde-
nen Zäumen zu Pferde stritten, und welches große
Werk sie ausrichteten, lest 2 Makk 10,29. Nach Sodom
sandte Gott zwei Engel, die Bösen zu verderben und
die Guten zu bewahren. Hiervon lest 2Makk 12; Ri 7 ,22;
lSam 14,20; 17,52; 2Chr 20,23.
Seht, meine lieben Kinder, die Treue Gottes für sein
Volk und seine Rache an den Bösen, wie ihr gehört
habt, findet man in unzähligen Beispielen; auch findet
man eine Menge Beispiele in der heiligen Schrift, wel-
che uns zur Stärkung hinterlassen sind, damit wir auf
denselben Gott hoffen, um seinetwillen leiden und
ihm gehorsam sein möchten. Doch muss man solches
mit Berücksichtigung der Zeiten von den früheren
Kriegshändeln Israels verstehen, denn die Rache wi-
der die Feinde, das Kriegen und Töten zur Zeit des
Gesetzes, und auch früher, ist damals im alten Tes-
tamente mit Gottes Willen, Gebote, Erlaubnis und
auch mit seiner Hilfe geschehen; aber jetzt, unter dem
Evangelium im neuen Testamente, muss es nicht so
sein, und ist von Christo klar mit Worten und Exem-
peln verboten, welcher Gott und Gottes Sohn selbst
ist, dessen Wort man hören soll. Verboten ist es, sage
ich, klar und deutlich genug, und zwar ist es nicht
von Menschen verboten, sondern von Gott selbst; je-
de Rache ist den Seinen versagt und verboten; darum
müssen sie Gott alle Rache übergeben und anbefehlen,
und dem Bösen nicht widerstehen, sondern müssen
demjenigen, der ihnen den Mantel nimmt, auch den
Rock geben, und dem, der sie auf den einen Backen
schlägt, den andern auch darbieten, und dergleichen;
ja, die Feinde lieben, für ihre Verfolger bitten, vor ih-
nen weichen, aus der einen Stadt in die andere fliehen.
Solche nun, welche so bedrängt werden, sollen selig
sein und von Gott reichen Trost des ewigen Lebens
empfangen. Summa, gar nicht streiten, und doch noch
streiten, aber nicht mit Eisen, Stahl, Stein, Holz oder
mit irgend körperlichen Handgewehren oder Waffen,
sondern mit geistigen Waffen, die mächtig vor Gott
sind. Lest, meine Kinder, ausdrücklich und klar Eph 6,
welche Waffen und Krieg die Christen jetzt führen;
jetzt haben die Christen einen andern Krieg, denn,
merkt, die Weissagung, die von dieser Zeit redete, ist
nun erfüllt, daß nämlich solche Leute ihre Schwerter
zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln gemacht
haben, von ihren Werken ruhen, den geistigen Sabbat
recht feiern; darum sollen die Christen jetzt nicht krie-
gen; ich weise euch nur an die früheren Kriege und
die Nothilfe Gottes, euch damit die erschrecklichen
Taten Gottes vorzustellen und zu erkennen zu geben,
damit ihr Ihn erkennen, fürchten und Ihm gehorsam
zu sein lernt. Ihm, vor welchem die Erde bebt und
die Berge zittern, denn es werden diejenigen, welche
Worte, Willen und Gebote ungehorsam sind, vor sei-
nem Angesichte keinen Schlupfwinkel finden können,
wenn Er mit seinen Engeln und seiner Feuerflamme
erscheinen wird, um an allen Ungehorsamen Rache
auszuüben.
Darum, meine Kinder, lernt doch die Sünde erken-
nen und meiden, denn um der Sünde willen müssen
die Seelen in Ewigkeit verdammt werden.
Was die Sünde sei, lind wodurch die Sünde sündig
geworden sei, was der Sünden Lohn vor Gott sei und sein
werde, oder wie Gott die Sünder dermaleinst strafen werde.
Was die Sünde sei, solches weist die heilige Schrift klar
nach. Der Prophet Samuel sprach zu Saul, als er des
Herrn Gebot gebrochen hatte: Ungehorsam ist eine
Zaubereisünde (merkt, Sünde); Johannes sagt: Alle
Ungerechtigkeit ist Sünde; Jakobus sagt: Wer Gutes
zu tun weiß, und tut es nicht, dem ist es Sünde (merkt.
439
was Sünde sei); Paulus sagt: Was nicht aus Glauben
geschieht, ist Sünde.
Aus diesem und dergleichen, meine Kinder, lernt
die Sünde erkennen, wie Paulus sagt: Das Gesetz lehrt
Erkenntnis der Sünden; ohne das Gesetz erkannte ich
die Sünde nicht, das Gesetz macht, daß die Sünde
über die Maßen sündig sei, denn wenn es sagt, laß
dich nicht gelüsten, so nimmt daraus die Sünde ih-
re Entstehung, und erweckt in uns allerlei Begierde.
Daraus erkennt man denn, wodurch die Sünde sün-
dig geworden sei, nämlich durch Gottes Gebot und
Verbot.
Wer nun die Dinge Übertritt, die er geboten hat, der
tut Sünde; solches wird auch Sünde genannt und in
beiden Testamenten als Sünde genugsam gestraft. Der
Baum der Erkenntnis war Adam nicht unrein, ohne
durch das Gebot, die Übertretung ward ihm zur Sün-
de gerechnet. Von der Strafe der Sünden lest IMo 3,14.
Die heidnischen Jungfrauen und Weiber waren den
Juden nicht unrein, als durch Gottes Gebot, welches
das nicht haben wollte. Von der Strafe lest Ri 3; 4Mo 25.
Das Heiligtum oder die Arche Gottes, die doch rein
war; dazu war kein Geschlecht unrein, sie anzurühren
oder zu tragen, als durch das Gebot Gottes. Die Göt-
ter der Heiden waren Israel nicht unrein, als durch
das Verbot und das Verbannen Gottes und durch die
Strafe, wie auch durch das Gebot und die Strafe.
Seht, so könnt ihr wahrnehmen, wodurch die Sün-
de, zuerst zur Sünde geworden sei, nämlich durch
das Gebot und die Übertretung des Gebotes. Worüber
man kein Gebot hat, daran kann man nicht sündigen,
denn ohne das Gesetz war die Sünde tot. Die Sünde
oder das sündliche Treiben war wohl in der Welt, aber
wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht.
Nun, liebe Kinder, lerne die Sünde meiden wie das
Feuer, sobald ihr sie erkennt, denn wenn ihr zur Sün-
de geht, so wird sie euch aufnehmen; aber ihre Bisse
und Wunden sind böse und unheilbar.
So lernt denn ferner verstehen, was von der Sünde
kommt und was ihr Lohn sei, nämlich die Verdamm-
nis und der Tod. Sie ist eine Feindschaft wider Gott,
weil sie dem Gesetze Gottes nicht Untertan ist. Darum
hört ferner die schreckliche und ungnädige, grausa-
me Strafe Gottes über die Sünden und Sünder, welche
geschehen ist und noch geschehen wird. Habt Acht
darauf, meine lieben Kinder, habt doch Acht, rate ich
euch, so lieb euch eure Seelen sind, auf diese sonder-
bare, ewige Strafe der Sünde und Sünder. Also spricht
der Herr: Ich schweige wohl eine Zeitlang und bin
still, und enthalte mich, aber nun will ich wie eine
Gebärerin schreien; ich will sie verwüsten und alle
verschlingen. Wer ist unter euch, sagt er, der es zu
Ohren nehme, der aufmerke und höre, was nachher
kommt? Des Herrn Tag kommt grausam, zornig, grim-
mig, das Land zu zerstören und die Sünder daraus
zu vertilgen, denn es ist der Tag der Rache des Herrn,
und das Jahr der Vergeltung, um Zion zu rächen; da
werden ihre Bäche zu Pech werden und ihre Erde
zu Schwefel, ja, ihr Land wird zu brennendem Pech
werden, das weder Tag noch Nacht erlöschen wird.
Dieses zukünftige Unglück, Gottes Strafe und gerech-
tes Urteil ist auch vor sehr langer Zeit vorhergesagt
und verkündigt worden, denn Enoch, welcher der
Siebte von Adam auf Erden war, hat gesagt: Siehe der
Herr kommt mit vielen tausend Heiligen, um über
alle Gericht zu halten, und alle ihre Gottlosen zu stra-
fen, um alle Werke ihres gottlosen Wandels, wodurch
sie gottlos gewesen sind, und um alles das Harte, das
die gottlosen Sünder wider Ihn geredet haben.
Merkt, daß Gott droht, und zuvor genug warnt, wie
Assur geschehen: Wehe dir, Assur, der du die Unge-
rechten bei dir verbirgst; o arges Volk, sei eingedenk,
was ich Sodom und Gomorrha getan habe, deren Land
in Pech und Aschenhaufen liegt; ebenso will ich auch
die strafen, welche mir nicht gehorcht haben, spricht
der Herr, der allmächtig ist. Des Menschen Sohn wird
seine Engel senden, und sie werden sammeln aus sei-
nem Reiche alle Ärgernisse und die da Unrecht tun,
und werden sie in den Feuerofen werfen. Dann wird
der Herr zu denen zur Linken sagen: Geht von mir,
ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist
dem Teufel und seinen Engeln, denn ich bin hungrig
gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist; ich bin
durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt.
Seht, meine lieben Kinder, so wird es dort denen er-
gehen, die solches hier nicht zeitlich achten, weil sie
reich, satt und fröhlich sind, denn Christus sagt: Wehe
euch Reichen, denn ihr habt euren Trost dahin, wehe
euch, die ihr voll seid, denn euch wird hungern, wehe
euch, die ihr hier lacht, denn ihr werdet noch weinen
und heulen; wehe euch, wenn euch jedermann wohl
redet. Als sie lebten, sagt Esra, und Gottes Wohltaten
empfingen, erkannten sie dieselben nicht; sie verach-
teten seinen Rat, und nahmen der Buße nicht wahr, als
sie Zeit dazu hatten; darum müssen sie es nach dem
Tode in der Pein erkennen; und als wir lebten, bedach-
ten wir nicht, wenn wir Unrecht taten, daß wir nach
dem Tode dafür leiden müssten, denn der Tod ist der
Sünden Sold. Du aber, nach deinem verstockten und
unbußfertigen Herzen, häufst dir selbst den Zorn auf
den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerech-
ten Gerichts Gottes, welcher einem jeden nach seinen
Werken geben wird, nämlich Preis und Ehre und un-
vergängliches Wesen denen, die mit Geduld in guten
Werken nach dem ewigen Leben trachten; aber denen,
die zänkisch sind, und nicht der Wahrheit, sondern
440
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der Ungerechtigkeit gehorchen, Ungnade und Zorn,
Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die
Böses tun.
Merkt noch einmal darauf, meine lieben Kinder, in
welche Gefahr unser böses Fleisch uns hier stürzt und
die Seele tötet; von der Lust und den Fleischeswerken
kommt ewiges Trauern und Verlust des Himmels, wie
Paulus Gal 5,16 sagt: Wandelt in dem Geiste, so werdet
ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen, denn das
Fleisch gelüstet wider den Geist, und den Geist wider
das Fleisch, diese sind wider einander, damit ihr nicht
tut, was ihr wollt. Die Werke des Fleisches aber sind
diese: Ehebruch, Unkeuschheit, Unreinigkeit, Wollust,
böse Begierden; er führt deren noch mehrere an und
setzt hinzu, daß diejenigen, die solches tun, das Reich
Gottes nicht besitzen noch ererben werden. Alsdann
wird niemand frei ausgehen vor der Rache Gottes,
er erkenne Gott, oder kenne Gott nicht; ist er dem
Evangelium ungehorsam gewesen, so muss er Gottes
Strenge ertragen; denn Paulus sagt: Wenn der Herr
Jesus sich samt den Engeln seiner Kraft und mit Feu-
erflammen vom Himmel offenbaren wird, um Rache
an denen zu üben, die Gott nicht erkennen und dem
Evangelium unsers Herrn Jesu Christi nicht gehor-
sam sind, (merkt) welche Pein leiden werden und
das ewige Verderben, vor dem Angesichte des Herrn
und vor seiner herrlichen Macht, wenn er kommen
wird, daß er herrlich erscheine mit seinen Heiligen
und wunderbar mit allen Gläubigen.
Dem Evangelium ungehorsam zu sein, verdient kei-
ne geringe Strafe; denn wer das Gesetz Moses übertrat,
welches doch in seiner seligmachenden Wirkung ge-
ringer ist als das Evangelium, der musste ohne Barm-
herzigkeit durch zwei oder drei Zeugen sterben, wie
Paulus sagt; aber um wie viel ärgere Strafe wird wohl
der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt,
und das Blut des Testaments unrein achtet, durch
welches er geheiligt ist, und den Geist der Gnaden
schmäht; diese erwartet ein erschreckliches Gericht
und der Feuereifer, der die Widerwärtigen verzehren
wird. Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen
Gottes zu fallen, denn Gott ist ein verzehrendes Feuer.
Wir kennen den, der sagt: Die Rache ist mein, ich will
vergelten. Seht, weil nun das Evangelium so groß an
Würde und reich in seiner seligmachenden Kraft ist,
so verdient auch der eine größere Strafe wegen seiner
Missetat und Undankbarkeit, der sich dessen weigert,
es missbraucht und Übertritt, wie Paulus von Christo
sagt: Seht zu, daß ihr euch dessen nicht weigert, der
da redet; denn wenn jene nicht entflohen sind, die sich
weigerten, als er auf Erden redete, wie viel weniger
wir, wenn wir uns dessen weigern, der vom Himmel
redet, dessen Stimme zu der Zeit die Erde bewegte.
O meine Kinder, diese evangelische Zeit, worin wir
jetzt sind, ist eine sehr teure, werte und angenehme
Zeit, wie auch der Herr oft im Evangelium selbst be-
zeugt, als: Wären zu Tyrus und Sidon solche Taten
geschehen, warum urteilt ihr denn die angenehme
Zeit nicht über euch? Selig sind die Augen, die da se-
hen, was ihr seht. Jesus sagt: Jerusalem soll verwüstet
werden (um der Sünde willen), weil es die Zeit seiner
Heimsuchung nicht erkannt hat.
O meine guten Kinder! Lernt doch Gutes und Bö-
ses voneinander unterscheiden; lernt doch die böse
Welt kennen, die da meinen, daß sie heilige Menschen,
Christen und Gläubige Gottes seien, und doch des
Teufels Schule sind, davon gibt ihr ganzer Geist, Le-
ben und ihre Bosheit Zeugnis und Beweis, welche um
ihrer Bosheit willen den Glanz der Frommen nicht
ertragen, noch an ihnen leiden können; aber der Herr
weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen,
die Bösen aber und Ungerechten zu behalten, um sie
auf den Tag des Gerichtes zu peinigen, vorzüglich
aber die, welche nach dem Fleische in der unreinen
Lust wandeln. Was nun Gott mit solchen im Sinne ha-
be, hat er uns an den Sündern aus den früheren Zeiten
bewiesen, indem Gott die Engel, die gesündigt haben,
nicht verschont, sondern sie mit Ketten der Finster-
nis zur Hölle verstoßen und übergeben hat, damit sie
zum Gerichte behalten würden, und der Vorwelt nicht
verschont, sondern Noah, den Prediger der Gerech-
tigkeit mit sieben andern bewahrte, und die Sündflut
über die Welt der Ungerechten führte, indem er die
Stadt Sodom und Gomorrha zu Asche gemacht, um-
gekehrt und verdammt, und dadurch den Gottlosen,
die nachher kommen würden, ein Exempel gegeben
hat.
Hieraus könnt ihr wahrnehmen, daß Gott weder
der Engel noch der ganzen Welt schont, obschon ih-
rer so viele und sie hochgeachtet und erwählt waren;
so ist es oft dem großen Haufen ergangen, denn die
Gottlosen sind darum nicht besser, wenn ihrer auch
viele sind, wie auch Sirach sagt: Verlass dich nicht
darauf, daß der Haufe groß ist, mit denen du übel
tust, sondern denke, daß dir die Strafe nicht fern sei.
Darum demütige dich von Heizen, denn Feuer und
Würmer ist die Rache über die Gottlosen; denn gleich-
wie einer, der mit wilden Tieren umgeht, von ihnen
gerissen wird, so geht es auch dem, der den Gottlosen
anhängt, und sich in ihre Sünden mengt. Ein Kind,
das den Herrn fürchtet, gefällt ihm besser als tausend
Gottlose; darum verlasse sich niemand darauf, daß er
viele seinesgleichen hat im Bösen, rühme dich auch
nicht der Barmherzigkeit Gottes vor deiner Bekeh-
rung, denn wenn Gottes Feuer und Strafe anbrennt,
so verzehrt es alle Bösen, Groß und Klein. Seht, das
441
Feuer verbrannte den ganzen Haufen der Gottlosen,
und der Zorn ging an über die Ungläubigen. Er ver-
schonte der Riesen nicht, die mit ihrer Stärke zu Boden
fielen; er verschonte auch nicht derer, bei welchen Lot
ein Fremdling war, sondern verdammte sie um ihres
Hochmutes willen, und verderbte das ganze Land oh-
ne alle Barmherzigkeit, die es mit Sünden überzogen
hatten. Auf solche Weise hat er wohl 600 000 hinweg-
gerafft, weil sie ungehorsam waren; wie sollte also
ein einziger Ungehorsamer ungestraft bleiben? Denn
er ist wohl barmherzig, aber er ist auch zornig, und
lässt sich versöhnen, und straft auch gräulich. So groß
seine Barmherzigkeit ist, so groß ist auch seine Strafe,
und richtet einen jeden, wie er es verdient. Der Gott-
lose wird mit seinem Unrecht nicht entgehen, und
des Lrommen Hoffnung wird nicht ausbleiben. Seht,
vor Gott gilt ein großer Haufe wenig; wer sündigt,
muss sterben, denn ein stolzes Herze ist dem Herrn
ein Gräuel, und wird nicht ungestraft bleiben, wenn
sie sich auch alle aneinander hängen. Ferner: Die Rot-
te der Gottlosen ist wie ein Haufen Wergs, das durch
Feuer verzehrt wird. Die Gottlosen gehen zwar auf
einem feinen Pflaster, dessen Ende aber der Höllen
Abgrund ist. Deshalb hat die Hölle ihren Rachen weit
aufgesperrt, daß Groß und Klein, ihre Herrlichen und
ihr Pöbel hinunterfahre. Viele sind berufen, aber we-
nige auserwählt. Die Pforte ist weit und der Weg breit,
der zur Verdammnis führt, und viele sind ihrer, die
darauf wandeln. Dennoch sage ich: Der größte Haufe
wird verdammt und verloren sein, dies ist klar und
nicht zu leugnen.
Liebe Kinder, wer Gott weder fürchtet, noch an ihn
glaubt, der achtet auch solche gewisse Zusage und
grausame Bedrohung nicht; wie auch die Schrift sagt:
Solch Drohen ist von den Augen zu sehr entfernt, und
wenn ein ruchloser Mensch solches hört, so bleibt er
doch bei seiner Torheit und seinem Irrtume. Deshalb
sagt auch Salomo ganz richtig: Weil über die bösen
Werke nicht sofort ein Urteil gefällt wird, so wird das
Herz der Menschen voll Böses zu tun, und wenn ein
Mensch hundert Mal Böses tut, und doch lange lebt,
so weiß ich doch, daß es denen wohl gehen wird, die
Gott fürchten. Ich schweige wohl eine Zeitlang, sagt
der Herr, und bin still, und enthalte mich; nun aber
will ich wie eine Gebärerin schreien; ich will sie ver-
wüsten und alle verschlingen. Wenn das Kind zur
Geburt kommt, dann werden die Schmerzen keinen
Augenblick feiern; ebenso wird kein Unglück verzie-
hen, auf Erden zu kommen, und die Welt wird seuf-
zen, und Leid wird sie umfangen.
Ach, ach, wohl dem, der sich allezeit fürchtet; wer
aber eines harten Herzens ist, wird in Unglück fal-
len, wie zur Genüge gehört worden ist. Merkt hier
auf die Langmut Gottes gegen die Sünder, doch hat
er sie endlich noch gestraft. Paulus sagt ganz rich-
tig: Gott lässt nicht mit sich spotten. Meinst du, daß
ich allewege schweigen werde, spricht der Herr, daß
du mich so gar nicht fürchtest. Ich will aber deine
Gerechtigkeit anzeigen und deine Werke, daß sie dir
kein nütze sein sollen. Wenn du rufen wirst, so laß
dir deine Haufen helfen; aber der Wind wird sie hin-
wegführen, und Eitelkeit wird sie wegnehmen. Die
heilige Schrift sagt mit Recht, daß unser Gott ein ver-
zehrendes Feuer sei; was aber Feuer sei, davon lest
Jes 10,16, Joel 3,3; Nah 3,15; Sach 11,1. Manasse sagt
mit Recht: Gott, dein Zorn ist unerträglich, womit du
den Sündern drohst. Ebenso sagt auch Nahum von
dem erschrecklichen Zorne Gottes: Die Berge zittern
vor Ihm, und die Hügel zergehen; das Erdreich bebt
vor Ihm, dazu der Weltkreis und alle, die darin woh-
nen. Wer kann vor seinem Zorne bestehen (und wer
kann vor seinem Grimme bleiben), sein Zorn brennt
wie Feuer, und die Felsen zerspringen vor Ihm. Micha
sagt: Der Herr wird ausgehen aus seinem Orte, und
herabfahren, und auf die Höhen im Lande treten, daß
die Berge unter ihm schmelzen und die Täler zerrei-
ßen werden, gleichwie Wachs vor dem Feuer schmilzt,
wie die Wasser, die unterwärts fließen. Das alles um
der Übertretung willen Jakobs und um der Sünden
willen des Hauses Israel. O wer könnte genug von sol-
chen Schriftermahnungen schreiben. Wahrlich, meine
lieben Kinder, seht, wer die heilige Schrift, die Bibel,
für das gewisse Zeugnis, Wort und den Ausspruch
Gottes erkennt, und alles dasjenige glaubwürdig ach-
tet, was darin von Gott steht, und insbesondere von
seiner treuen Warnung vor allen Sünden, von dem ver-
heißenen Lohne der Übertretung, von den Exempeln
seiner Sündenstrafe, die viele betroffen hat, und von
allen strengen und feuern Eiden, worin er den Unbuß-
fertigen sein Reich abgesagt hat, wie zuvor zum Teile
gemeldet worden ist, und worüber im weiteren Ver-
laufe ein kurzer Bericht gegeben werden soll, der, sag
ich, mag sich wohl vor Gott entsetzen. Haut und Haar
seines Hauptes mag ihm wohl schaudern mit David;
sein Lachen mag und wird sich wohl in Weinen ver-
wandeln, bis daß er Frieden mit Gott erlangt, wenn
anders nur ein Tropfen von der Furcht Gottes und
dem Glauben an sein Wort in dem Innersten seines
Herzens ist. Zunächst werde ich von Gottes Warnung
vor den Sünden reden.
Doch ja, meine lieben Schäflein, die Zeit wird mir
nun benommen, um dieses ferner nach dem Vorsätze
und Entwürfe auszuführen, wiewohl es fast am En-
de ist; aber ich dachte, dieses zu verbessern und mit
trefflichen Buchstaben besser abzuschreiben; doch ist
es nun getan; ich muss und will mich nun von allem
442
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
scheiden, und zum sterben bereit machen, da mein
Tod (wie mich dünkt) nach vier Tagen erfolgen wird.
Seht, meine lieben Kinder, ich bin darüber fröhlich
und guten Muts in dem Herrn, und hoffe meines Lei-
bes um der Wahrheit willen nicht zu schonen, sondern
denselben zu einem Opfer zu geben, das lebendig, hei-
lig und Gott zum Gottesdienste wohlgefällig ist, auch
hoffe ich, durch Gottes Gnade, daß ich euch, meine lie-
ben Kinder, als ein Vater, sowohl in meinem Leben als
im Sterben, mit einem guten Beispiele vorangegangen
sei; wenn ihr zu Verstände kommt, so nehmt es wohl
zu Herzen, und folgt also Christo nach mit mir, wie er
uns in allem Leiden und aller Helligkeit vorgegangen
ist, dann werden wir wieder Zusammenkommen, und
das immer und ewiglich im Himmelreiche, in den
ewigen Freuden.
Meine lieben Kinder, wenn ihr auch nicht zusam-
men wohnt, so habt doch einander um desto lie-
ber und erweist eure Liebe untereinander, worin ihr
könnt; es sei durch Grüße oder lehrreiche Briefe;
schreibt auch dieses Büchlein dreimal ab; für jedes
von euch eins.
Zunächst sende ich es dir, mein lieber Sohn Alewyn
Henrich, weil du der Älteste bist. Überlege es, was
ich dir zur Lehre geschrieben habe; teile es auch dei-
nen Schwestern mit. Nun, gute Nacht, zum ewigen
Abschiede, meine drei Waislein.
Geschrieben von mir, Henrich Alewynß, eurem lie-
ben Vater.
Hier folgt ein Brief von Hans Marynß geschrieben,
den er aus seiner Gefangenschaft an seine lieben
Brüder und Schwestern gesandt hat.
Habt Gott vor Augen alle Zeit.
Gnade, Friede, Freuden von Gott, unserm himmli-
schen Vater, Weisheit, Gerechtigkeit und Wahrheit
durch Christum Jesum, seinen lieben Sohn, unsern
Herrn und Heiland, und den Trost und die Erleuch-
tung des Heiligen Geistes, wünsche ich euch (sehr
geliebten Brüder und Schwestern in dem Herrn) zum
freundlichen Gruße und ewigen Abschiede aus dieser
betrübten Welt, wo doch nichts zu finden ist, als Be-
trübnis des Herzens, und hoffe dermaleinst mit allen
auserwählten Heiligen Gottes unter dem Altäre zu
ruhen, wo ich euch zu erwarten hoffe; dazu wolle uns
der Herr seine Gnade gönnen, und mich elenden Sün-
der bis ans Ende bewahren, wie ich auch zu ihm die
Hoffnung und das Vertrauen habe, daß er tun werde,
Amen.
Wisset, sehr geliebte Brüder und Schwestern in dem
Herrn, daß wir alle noch wohlauf sind; der Herr sei
gelobt; wir sind auch alle gesonnen, unsre ganze Le-
benszeit bei des Herrn heiliger Wahrheit zu bleiben,
wofür wir dem Herrn nimmer genugsam danken kön-
nen oder mögen. Ach, liebe Brüder und Schwestern,
wie sollten wir Ihm zur Genüge danken können, daß
er mich Unwürdigen so liebt, daß ich um seines hei-
ligen Namens willen leiden soll, wie ich durch seine
Gnade hoffe; wie ich denn auch hoffe, mit allen lieben
Heiligen Gottes zu hören: Kommt her, ihr Gesegneten
meines Vaters, und ererbt das Reich, das euch von An-
beginn bereitet ist. Ach, liebe Brüder und Schwestern,
welche schöne Verheißungen sind den Überwindern
gegeben, daß sie, wie die Sonne, in ihres Vaters Reiche
leuchten sollen, als Hausgenossen Gottes, und von
dem verborgenen Himmelsbrote und von dem Hol-
ze des Lebens essen sollen, das mitten im Paradiese
Gottes steht! Ach, was sollte ich euch viel schreiben!
Ich habe die Hoffnung und das Vertrauen, daß ihr alle
von Gott selbst unterrichtet sein werdet; darum weiß
ich euch auch, liebe Brüder und Schwestern, nichts Be-
sonderes zu schreiben, als daß wir allezeit uns beflei-
ßigen, das zu bewahren, was uns anvertraut ist, damit
niemand unsere Krone nehme, denn Petrus sagt: Der
Teufel geht um uns her, wie ein brüllender Löwe, und
sucht, welchen er verschlinge; dem widersteht fest
im Glauben. Ach, es soll uns wohl gelohnt werden,
wenn wir den Anfang seines Wesens bis ans Ende fest
behalten. Hiermit gedenke ich euch alle dem Herrn
anzubefehlen und dem reichen Worte seiner Gnade,
welches mächtig genug ist, uns alle aufzubauen zu
seinem himmlischen Königreiche, Amen. Desgleichen
bitte ich euch freundlich, gebt doch Achtung auf mein
Kind, so viel in eurem Vermögen ist; auch habe ich
die Schwester zu Flissingen dieserhalb gebeten, und
so auch Christian; ihr könnt euch darüber beraten,
was das Beste sei, denn ich muss nun davon scheiden,
sodass ich es nicht versorgen kann, wiewohl ich von
Herzen damit zufrieden bin, und nicht nur bereit bin,
Weib und Kinder zu verlassen, sondern auch Leib und
Leben, wenn mich anders der Herr bewahrt, wie er
mich bewahrt hat und fernerhin tun wird. Ach liebe
Brüder und Schwestern, wir sind alle so wohlgemut;
und ich Henrich, wie auch Gerhard, lassen euch al-
le herzlich grüßen; grüßt mir Henrich und Maeyken,
wie auch Adrian und Gerhard, Coelemey und deinen
Mitgesellen Lieven, desgleichen Huybert, ferner Ade
mit ihrem Manne, auch Jakob Wit und die andern Brü-
der, wie es sich fügt, und sagt ihnen allen gute Nacht.
Geschrieben den 3. Februar im Jahre 1569, nachdem
ich zum Tode verurteilt war. Gute Nacht, alle zusam-
men; haltet euch stets tapfer. Ich hoffe, wir werden
einander Wiedersehen. Teilet der Geertchen bisweilen
von dem Gewinne etwas mit, wie es euch am bes-
443
ten dünkt, und begegnet ihr, wie es ihr am besten ist;
darum bitte ich euch sehr.
Von mir, Hans Marynß, eurem unwürdigen Bruder
in dem Herrn, was ich für dieses Mal zu eurem Besten
vermag.
Anpleunis von dem Berge, im Jahre 1566.
Dieser Anpleunis von dem Berge musste, weil mit
seiner Bewilligung im Jahre 1569 die rechte Predigt
des Wortes Gottes auf seinem Lande öffentlich ge-
halten wurde und er einige Brüder beherbergt hatte,
sein eigenes Haus und Gut verlassen, sich verbergen,
und bei andern guten Freunden sich aufhalten (so
scharf wurden damals die Christen verfolgt), bis er
endlich, als er einst unterwegs war, gefangen wurde,
weil nämlich jemand, der ihn gehen sah, sagte: Da
geht der Mann, der auf seinem Lande hat predigen
lassen, und wiewohl er dem Diener, der ihn fing, sei-
nen Beutel mit fünfzig Pfund Flämisch anbot, wenn er
ihn frei lassen wollte, so ist er doch nach Kortryck ins
Gefängnis gebracht worden, wo er, nach freimütigem
Bekenntnisse seines Glaubens, sowohl mit Geißeln
als auf andere Weise scharf gepeinigt worden ist. Als
er aber keineswegs von seinem Glauben abweichen,
oder jemanden von seinen Mitgliedern verraten woll-
te, so ist er endlich zum Tode verurteilt und im Jahre
1569 mit Feuer verbrannt worden, wodurch er ein
Haus und Erbe erlangt hat, das in Ewigkeit nicht von
ihm genommen werden soll.
Jasper, ein Taschringmacher, im Jahre 1569.
Auch ist um das Jahr 1569 zu Antwerpen ein Bru-
der, genannt Jasper, ein Taschringmacher, zur Haft
gebracht worden, welcher, als er wegen seines Glau-
bens untersucht wurde, denselben freimütig bekannt,
und um keines Flehens, Drohens oder Peinigens wil-
len davon hat abfallen wollen; darum ist er, um seiner
Standhaftigkeit willen, als ein Ketzer zum Tode ver-
urteilt worden, und hat durch das Feuer sein Opfer
vollbracht. Darum wird das ewige Feuer dasjenige
nicht verderben, was er auf den Grund Jesum Chris-
tum gebaut hat.
Dirck Anoot, und Wilhelm, ein Säger, im Jahre
1569.
Als der Herzog von Alba wider das Evangelium ge-
waltig wütete, gleichwie Antiochus wider das Ge-
setz, IMakk 7, so sind im Jahre 1569 Dirck Anoot, von
Westvleteren, und Wilhelm, ein Holzsäger, nach Ypern
in Flandern gebracht worden, welche, weil sie keines-
wegs durch Druck, Angst, oder irgendein angetanes
Leid von der Wahrheit abgebracht werden konnten,
zuletzt zum Feuer verurteilt worden sind; darauf hat
man einem jeden derselben einen Stock in den Mund
gebunden, damit sie nicht reden möchten, und sie auf
den Markt vor das Besant oder Stadthaus gebracht;
dort hat man sie an Pfähle gestellt und verbrannt. Al-
so haben sie, als solche, die ihr Leben nicht geliebt,
sondern es für das Evangelium hingegeben haben,
ihre Leiber Gott, ihrem Herrn, zum Brandopfer aufge-
opfert.
Tanneken von der Mühlen, Jaecxken von Hussele
und Jaecxken Teerlings, 1569.
Auch sind zu Gent in Flandern drei Schwestern um
des Glaubens willen gefangen worden; nämlich Tan-
neken von der Mühlen, Jaecxken von Hussele und
Jaecxken Teerlings, welche um des Herrn willen fünf
Kindlein hat verlassen müssen, die sie, weil sie mit
ihren beiden andern gefangenen Mitschwestern für
seinen Namen streiten helfen musste. Ihm, als einem
treuen Beschützer und Versorger, anbefohlen hat; in
diesem Streite haben sie alle drei solch ein männliches
Gemüt bis in den Tod bewiesen, daß auch selbst die
Tyrannen sich darüber verwundern mussten, welche
sich noch mehr verwundern werden, wenn sie der
Posaunen Schall hören, und sehen werden, daß diesel-
ben mit allen Kindern Gottes in die ewige Freude und
Wonne werden aufgenommen, sie aber, als zur Linken
stehende, in die ewige Qual verwiesen werden, wo
ihnen die Zeit der Buße benommen sein wird.
Joost Geothals, Roelandt und Pieter Stayert,
Janneken Roelands und Janneken de Jonkheere,
1569.
Im Jahre 1569 sind zu Gent in Flandern um des Glau-
bens willen drei Brüder und zwei Schwestern, mit
Namen Joost Goethals, Roeland und Pieter Stayert,
Janneken Roelands und Janneken de Jonkheere, ge-
fangen genommen worden. Diese haben vieler Un-
tersuchung, Prüfung und Anfechtung widerstehen
müssen, haben sich aber doch in diesem allem bis an
den Tod tapfer gehalten, sodass sie wie Gold im Feu-
er probiert worden sind, worin auch dasjenige, was
sie auf den Grundstein Christus gebaut hatten, nicht
vergangen ist; darum werden sie auch, weil sie hier
in wenigem getreu gewesen sind, mit dem guten und
treuen Knechte über viel gesetzt werden, und in den
Himmel zu ihres Herrn Freude eingehen.
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Christoffel Buyze, Lorentz von Rentergem, Joost
Meerßenier und Grietgen Baets.
Nicht lange darauf wurden ferner drei Brüder und
eine Schwester, mit Namen Christoffel Buyze, Lorentz
von Rentergem, Joost Meerßenier und Grietgen Baets
zu Gent gefangen genommen. Diese haben freiwillig
das Kreuz Christi aufgenommen, um Ihm nachzufol-
gen, und haben auf dem engen Pfade viel Anfechtung,
Schmach und Pein leiden müssen; aber in all diesem
haben sie sich tapfer gehalten, und konnten keines-
wegs zum Abfalle bewogen werden, sodass sie end-
lich um des Namens Christi willen ihr Leben haben
lassen und mit Ihm durch die enge Pforte eindringen
müssen, damit sie das Reich Gottes mit Gewalt ein-
nehmen möchten, wo sie Ihn im neuen Jerusalem zum
ewigen Lichte haben und mit allen denen, die tapfer
für die Wahrheit gestritten, in ewigwährender und
unvergänglicher Freude leben werden.
Brief von Nelleken Jaspers Tochter aus dem
Gefängnis zu Antwerpen geschrieben.
Abschrift eines Briefes, welchen eine Jungfrau, jung
von Jahren, genannt Nelleken Jaspers Tochter, von
Blyenberg, aus dem Gefängnisse zu Antwerpen ge-
schrieben, welche auch daselbst um des Zeugnisses
Jesu Christi und seines göttlichen Wortes willen ihr
Leben gelassen hat:
Gnade und Friede sei von Gott, dem ewigen all-
mächtigen Vater durch Jesum Christum, der sich
selbst für uns in die Hände der Feinde um unserer
Sünden willen dahingegeben, auch viel von den Sün-
dern erlitten hat, damit er uns von der argen verkehr-
ten Welt, nach dem Willen seines Vaters, erlösen möch-
te; demselben sei Preis und Ehre von Ewigkeit zu
Ewigkeit, Amen.
Diesen blutigen und gekreuzigten Jesum Christum
wünsche ich zum herzlichen Gruße und Geschenke
eures Gemüts allen heben Brüdern und Schwestern
in dem Herrn, und allen denen, die Gott von Herzen
fürchten. Ferner tue ich euch, meinen herzlich gelieb-
ten und werten Freunden und Auserwählten in dem
Herrn, kund, daß mein Gemüt noch unverändert sei,
und daß ich bei der ewigen Wahrheit mein ganzes Le-
ben hindurch und solange ein Atem in meinem Leibe
ist, zu stehen begehre; ich bin guten Muts, dem Herrn
sei ewiges Lob, Preis und Dank für seine große Gnade,
die er an mir erweist, denn ich bin von Anfang her
wohlgemut gewesen, ja, er gibt mir solche Freude in
mein Herz, daß ich es nicht aussprechen kann; eben-
so kann ich auch dem Herrn nicht genug für seine
großen Wohltaten danken, die er an mir erweist.
Desgleichen lasse ich euch auch wissen, meine he-
ben Brüder und Schwestern in dem Herrn, daß ich
vor den Herren gewesen bin; es waren aber ihrer vier,
der Markgraf, zwei Gerichtsherren und der Schreiber
des Blutgerichts. Als ich in die Kammer kam, grüßte
ich sie; da sagte der Markgraf: Wohlan, Tochter, wie
geht es dir? Ich antwortete: Sehr wohl, meine Her-
ren. Der Markgraf sagte: Ob ich mich im Gefängnisse
nicht müde gesessen hätte; ich erwiderte: Ja, meine
Herren, es wäre mir sehr heb, wenn es euch gefiele,
mich ans Ende zu bringen. Der Markgraf sagte: Wie,
o Tochter? Du musst nicht so reden, du musst deine
Meinung fahren lassen, dann wird dir der König Gna-
de erweisen; ich entgegnete: Ihr habt meinen Vater
und meine Mutter ans Ende gebracht, und so auch
die beiden andern Jünglinge; mich aber habt ihr sit-
zen lassen, was mich sehr betrübt hat. Der Markgraf
sagte: Wieso, Tochter? Sollte ich dir mit deinem Vater
und deiner Mutter zum Ende geholfen haben, so wäre
dies, meiner Meinung nach, nicht gut gewesen, bist
du doch noch nicht getauft; der König wird dir Gna-
de erzeigen. Die Gerichtsherren sagten: Ist sie noch
nicht getauft? Der Markgraf erwiderte: Nein; ich sag-
te: Nein, das ist wahr, ich bin noch nicht getauft; aber,
wenn ich des Abends frei würde, so wollte ich es des
Morgens, wenn es möglich wäre, geschehen lassen;
da seufzten sie über mich, und ich sagte: Die beiden
Jünglinge waren auch noch nicht getauft; hierauf er-
widerten sie: Das ist wahr, sie wollten nicht von ihrer
Meinung weichen; man hat Mühe genug angewandt;
ich sagte: Ich will auch nicht von meinem Glauben
weichen, worauf sie entgegneten: So wird es dir auch
nicht besser ergehen; ich sagte, ich wäre wohl damit
zufrieden, denn wenn sie mich auch auf einem Roste
braten oder in Öl sieden würden, so hoffte ich doch,
durch die Gnade des Herrn, von der Wahrheit nicht
abzufallen, solange als ein Atem in mir wäre; dazu
bin ich, sagte ich, wohlgemut, lieber heute als mor-
gen; ich habe die Hoffnung und das feste Zutrauen
zum Herrn, daß er mir helfen werde; ich habe mein
Vertrauen fest auf das Wort des Herrn gesetzt, wenn
er sagt: Verzagt nicht, ihr Auserwählten, ich will euch
im Feuer und Wasser bewahren, auch will ich euch
nicht über euer Vermögen versucht werden lassen. Da
sagten sie: Tochter, du bist verführt; dein Vater und
deine Mutter haben dich verführt; sie haben dich dazu
gezwungen; du warst unter ihrer Botmäßigkeit und
hast es wider deinen Willen getan; jetzt aber bist du
frei davon und hast deinen freien Willen; darum laß
es fahren; der König wird dir Gnade erzeigen; du bist
noch jung und dergleichen Worte mehr; ich erwider-
te, daß ich bei dem bleiben wollte, was ich hätte; sie
sagten, ich sollte mich bedenken; ich antwortete, ich
445
hätte mich schon bedacht und genug besonnen.
Sie sagten, ich sollte bedenken, daß sie auch eine
Seele hätten, und auch gern selig werden wollten; ich
erwiderte, daß viele Menschen wären, die sich gern
mit Christo freuen, wenige aber, die mit ihm leiden
wollten; sie sagten, es wäre mit dem Leiden nicht aus-
gemacht; ich entgegnete, Christus selbst hätte leiden
müssen, um wie viel mehr wir? Darauf erwiderten
sie nichts und sagten: Laß ab von deiner Meinung,
wir wollen dir Gelehrte bestellen, mit denen du allein
sein sollst, und wir überlassen dir die Wahl, welche
gelehrte und geistliche Männer du begehrst; darauf er-
widerte ich, daß ich keine verlange, sondern bei dem
bleiben wolle, was ich hätte. Sie sagten, wenn ich in
solchen Ansichten stürbe, so müsste ich in Ewigkeit
verdammt sein, und daß mein Vater, meine Mutter
und meine Brüder wollten, daß sie wieder hier wären
und sich bekehren könnten; ich erwiderte, ich wüsste
es besser. Wir redeten noch viel miteinander, was ich
der Kürze wegen nicht anführen will und wovon ich
auch einen Teil vergessen habe. So ist demnach, meine
herzlich geliebten Brüder und Schwestern, die ich aus
dem Innersten meines Herzens lieb und wert habe,
meine herzgründliche Bitte und Begehren an euch,
daß ihr den Herrn für mich bitten wollet, daß ich es
ausführen möge dem Herrn zum Preise und mir zur
ewigen Seligkeit, Amen.
Denn ich muss noch, liebe Freunde, eine große Wüs-
te durchwandern, indem es hier wüst und gefährlich
ist, ja, ich muss noch auf Disteln und Dornen treten,
bis mir die Krone des Lebens zubereitet ist. Dieses ist
die rechte Wahrheit; es wird in Ewigkeit keine andere
gefunden werden. Ach, meine lieben Schäflein, weicht
doch nicht von dem Herrn! Er wird nicht zugeben,
daß ihr über Vermögen versucht werdet, denn er ist
ein treuer Nothelfer, eine Stärke in der Schwachheit,
und denen ein Tröster in Betrübnis, die von Herzen
betrübt sind. Lasst uns mit Ernst uns Ihm in die Arme
geben und alle unsere Sorge auf Ihn werfen, denn er
sorgt für uns und will selbst unserer wohl wahrneh-
men, damit wir mit allen Heiligen das Abendmahl
im himmlischen Wesen halten mögen, wo Christus
sich selbst auf schürzen und an der Tafel dienen wird.
Hiermit gedenke ich euch dem Herrn und dem kräf-
tigen Worte seiner Gnade anzubefehlen; der Friede
Gottes erhalte in eurem Herzen die Oberhand; ich las-
se alle unsere lieben Brüder und Schwestern, und alle,
die Gott von Herzen fürchten, mit dem Friedens des
Herrn herzlich grüßen.
Von mir, Nelleken Jaspers Tochter von Blyenberg,
eurer unwürdigen Schwester in dem Herrn im Jah-
re 1569, den 12. Dezember; sendet mir bisweilen ein
Brieflein, denn es ist mir sehr angenehm.
Pieter der Alte, Jan Watier, Jan von Raes, Wouter
Denys, Francois, ein Zimmermann, und Kalleken,
des Anpleunis von dem Berge Witwe.
Auf dieselbe Weise wie die Juden mit dem Hirten um-
gegangen sind, so gehen ihre Nachfolger noch mit
seinen Schafen um. Ein solcher Fall hat sich auch im
Jahre 1569 zugetragen, wo nämlich die von Kortryck
nach Meenen gekommen sind, und dort einen Bruder,
Pieter der Alte genannt, gefangen genommen haben.
Als sie aber damit noch nicht zufrieden waren, sind
sie des Freitags Nachts vor Ostern wieder gekommen
und haben Jan Watier, Jan von Raes, Wouter Denys,
Francois, einen Zimmermann, und Kalleken, Witwe
des Anpleunis von dem Berge (welcher zuvor auch
aufgeopfert worden war) gefangen genommen. Die-
se wurden so fest gebunden, daß es einen jammerte
es anzusehen. Jan Watier sagte: Ist hier jemand von
Körnen, der grüße mir mein Weib, und sage ihr, daß
sie Gott fürchte. Darnach wurden sie nach Kortryck
geführt; dort lagen sie drei Wochen lang und wurden
so genau verwahrt, daß niemand zu ihnen kommen
konnte, welcher sie getröstet oder ihnen zugespro-
chen hätte; auch wurden sie scharf gepeinigt, daß sie
andere ihrer Glaubensgenossen angeben sollten, aber
Gott bewahrte ihren Mund, Der alte Mann, Jan von
Raes, musste zweimal auf die Folterbank; gleichwohl
hat er niemanden in Ungelegenheit gebracht. Als Jan
Watier wieder nach dem Gefängnisse geführt wurde,
war es jämmerlich anzusehen, wie er gemartert war;
alle seine Glieder schienen zerbrochen zu sein.
Als man sie vor Gericht führte, sagten sie: Nun ist
die Wahrheit auf der Gasse gefallen, denn, was lau-
ter und klar ist, mag nicht zum Vorschein gebracht
werden. Es haben sich auch die fünf Brüder und eine
Schwester einander mit dem Worte Gottes getröstet
und mutig gemacht. Sie wurden unschuldig zum Feu-
er verurteilt und dem Scharfrichter übergeben, traten
auch freudig vor, als solche, die sich nach ihrem Va-
terlande sehnten, um daselbst ewiglich im Frieden zu
sein. Zuerst hat Petrus seine Augen aufgeschlagen,
geseufzt und gesagt: O Herr! Steh' deinem Knechte
bei, und stärke ihn in seiner letzten Not, rechne ihnen
auch dieses nicht zur Missetat, sondern bekehre sie,
denn sie wissen nicht was sie tun. Jan Watier sprach
zu den Herren: Wenn wir euch etwa beleidigt haben,
so vergebt es uns; wir vergeben euch auch gern al-
les, was ihr an uns verschuldet habt; aber lasst euch
an diesem unschuldigen Blute genug sein, und ver-
gießt nicht mehr. Pieter sagte zum Volke: Wollt ihr
zum Leben eingehen, so sucht zuerst das Reich Gottes
und seine Gerechtigkeit, und alles, was euch ferner
nötig ist, soll euch zugeworfen werden. Ferner sagte
446
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
er: Dies ist die enge Pforte, wodurch wir eingehen;
hier gehen wir nach Hause, wo wir des Abends sein
werden. Wouter Denys sagte: O Herr! Strafe sie mit
dem Hammer deines göttlichen Wortes, damit sie er-
kennen lernen, in wen sie gestochen haben, und sich
bekehren. Pieter sagte abermals: Diese Glieder, die
mir Gott gegeben hat, will ich gern zu seiner Ehre
übergeben, denn er wird mir sie dermaleinst wenn
ich auferstehen werde, wiedergeben.
Nachdem sie nun alle ihr Gebet getan hatten und an
den Pfählen gebunden standen, riefen sie offenherzig:
O himmlischer Vater! In deine Hände befehle ich mei-
nen Geist. Also haben sich diese sechs Freunde, als
treue, wiedergeborne Kinder Gottes und auserwählte
Schafe Christi durchgekämpft, die bis ans Ende stand-
haft geblieben sind und mit ihrer Aufopferung hier
einen seligen Abschied genommen haben.
Wouter Denys hat auch einige Briefe aus dem Ge-
fängnisse geschrieben, von denen drei die hier folgen,
in unsere Hände gekommen sind.
Des Wouter Denys erster Brief an sein Weib.
Einen herzlichen Gruß an dich, mein geliebtes Weib
und Kinder, wie auch an den Vater, Bruder, Schwes-
tern und alle meine Freunde nach dem Fleische, auch
an alle, die mir bekannt sind, und die Gott von reinem
Herzen fürchten. Diese Furcht aus reinem Herzen ver-
leihe euch der allmächtige Gott durch seinen Sohn
Jesum Christum.
Mein geliebtes Weib und meine Kinder, die ich
nebst Gott liebe, nehmt doch dieses zu Herzen, denn
ich habe es mit großem Fleiße geschrieben. Seht, ich
denke (und weiß auch nicht anders), daß ihr nichts
weiter von mir empfangen werdet; darum lasst meine
Reden in euren Ohren bleiben, wollt ihr anders selig
werden. Vor allen Dingen bitte ich dich aus meines
Herzens Grunde durch Jesum Christum, du wollest
deine und meine Kinder allezeit mit großem Fleiße in
der Furcht Gottes unterrichten und ermahnen, solan-
ge euch der Herr beieinander lassen wird; auch bitte
ich dich, du wollest sie allezeit im Zaume halten, da-
mit sie nicht über dich herrschen; du hast ja an einigen
einen schönen Spiegel; aus Bescheidenheit aber will
ich darüber schweigen und es auf sich beruhen las-
sen, denn ein jeder muss für sich selbst Rechenschaft
geben. Darum, meine Liebe und Werte, bitte ich dich
um Christi willen, daß du in der Furcht des Herrn
wandeln wollest, und suche deine Seligkeit mit mehr
Fleiß, als du bisher getan hast; schäme dich auch nicht,
um das zu fragen, was die Seligkeit betrifft, sondern
laß uns beschämt sein vor dem Herrn um unseres
Elendes und unserer Blöße willen, denn wenn uns
der Herr besucht, so wird wohl ein jeder begehren,
herrlich, unbefleckt und unsträflich erfunden zu wer-
den in der Schwachheit, indem es sehr gut ist, wenn
man in Bande gerät, oder auf das Totenbette kommt,
daß man ein ruhiges Gewissen habe. Darum ermahnt
uns auch der Apostel Petrus, daß alle, die nach dem
Willen Gottes leiden, ihre Seelen dem treuen Schöpfer
mit guten Werken anbefehlen sollen. Ebenso ermahnt
uns auch der Apostel, daß ein jeder sich bemühen
sollte, der Vornehmste in guten Werken zu werden,
und Christus spricht in seinem Evangelium: Wer nicht
Acker, Haus, Vater, Mutter, Weib, Kinder, ja, sein eige-
nes Leben verlässt, der ist nicht tüchtig, mein Jünger
zu sein.
Darum muss ein jeder, der selig werden will, sei-
nem Heilande gehorsam sein, wie an allen Stellen
das Wort des Herrn bezeugt. Deshalb befleißige dich,
dem Worte des Herrn zu gehorchen und nachzufol-
gen, denn außer dem Worte Gottes ist keine Seligkeit
zu finden, obschon die falschen Propheten viel Rüh-
mens von sich machen, denn von Anfang der Welt her
hat der Gerechte von dem Ungerechten leiden und
verfolgt sein müssen. Der Herzog unserer Seligkeit
hat es ja selbst gelitten, und ist uns ein Exempel und
Vorbild gewesen, daß man ihm nachfolge, und sehen
möge, daß der Knecht nicht besser sei als der Herr.
Darum bitte jeder, der selig werden will, den Herrn
ohne Aufhören aus seines Herzens Grunde und mit
Tränen; ich bitte dich auch, mein liebes Weib, du wol-
lest unsere Kinder, wenn es dir möglich ist, lesen und
schreiben lehren, damit sie Verstand haben, etwas zu
untersuchen.
Darum, mein liebes und sehr wertes Weib, die ich
nächst in Gott mehr als alle Menschen liebe, nimm
dieses zu Herzen, und ein Gleiches mögen alle tun,
die solches sehen oder lesen hören werden. Auch bitte
ich euch, Brüder und Schwestern, und alle, die Chris-
tum recht erkennen und seine Zukunft lieben, daß ihr
nicht nur für die Meinigen, wenn sie zum Verstände
kommen, sondern für alle, die sich in gleicher Lage
befinden, gute Fürsorge tragen mögt; desgleichen be-
fehlt dem Hansken te Proenktens, daß er den Pieter
zu Zeiten ermahnen, und dabei untersuchen wolle,
wozu wir berufen sind, und um welches Zeugnisses
willen sein Vater zu Werwyk, in Flandern, verbrannt
worden sei.
Ich bitte auch jeden, der selig werden will, daß er
die Gnade Gottes nicht versäume. Seht, nun ist die
angenehme Zeit; seht, nun ist der Tag des Heils; ein
jeder mag sich vorsehen. Ich habe auch hier den zwan-
zigsten Tag im April, ungefähr um elf Uhr einen Brief
empfangen, der mir angenehm war; ich will es aber
dabei lassen und fortfahren; so wisst denn ferner, daß
447
wir noch immer tapfer sind; ich hätte wohl euch et-
was senden wollen, wenn ich gekonnt hätte; dieses
aber sende ich euch allen zum Gruße und meinen
Kindlein zum Andenken. Auch ist mein Begehren an
euch, die ihr dort bleibt, daß ihr dieses bewahrt, bis
sie zu Verstände kommen, wenn es euch anders mög-
lich ist, daß vielleicht der Herr Gnade und Erkenntnis
der Wahrheit gebe, wie ich auch hoffe, daß er tun
werde. Ich bitte einen jeden von euch aus meines Her-
zens Grunde und mit Tränen vor Gott, daß er meine
Schwachheit zum Besten in der Liebe aufnehmen wol-
le, und beklage es vor Gott und Menschen, daß ich
nicht mehr geleuchtet habe, und daß das Pfund, das
ich empfangen, nicht mehr Gewinn gebracht hat.
Darum mag ein jeder Wohl Zusehen und allezeit wa-
chen, denn ich bezeuge vor Gott und den Menschen,
daß ich nicht auf eine leichtfertige Weise hierher ge-
kommen bin.
Darum sehe ein jeder zu (dieses bitte ich euch), daß
ihr dieses nicht leichtfertig aufnehmt, denn wisst, daß
ich es auch nicht leichtfertig geschrieben habe; ich
sage mich mit dieser Warnung von jeder Verantwort-
lichkeit los. Ein jeder sehe zu.
Geschrieben nun mir, deinem Manne und lieben
Freunde, Wouter Denys.
Der zweite Brief von Wouter Denys und seinen
Mitgefangenen an seine Brüder und Schwestern in
dem Herrn.
Die unergründliche Gnade des Herrn Jesu Christi sei
mit allen lieben Brüdern und Schwestern und allen lie-
ben Freunden, die in der rechten angenehmen Furcht
des Herrn zu wandeln begehren; und den Vorstehern
der rechten Braut Christi wünschen wir Brüder und
Schwestern, die zu Kortryck um des Zeugnisses Jesu
Christi willen in Banden sind, dieselben zum herzli-
chen Gruße, nämlich wir: Jan von Raes, Francois, ein
Zimmermann, Jan Watier von Körnen, Peter, der Alte,
Wouter Denys und Kalleken von dem Berge.
Wir lassen euch demnach, liebe Freunde, in Bezie-
hung auf unsere erste Untersuchung wissen, daß man
uns nach unsern Brüdern, Verordneten und Lehrern
scharf und streng ausgefragt hat, wer sie seien, wo sie
wohnen und wie sie heißen.
Darum bitten wir, lieben Freunde, daß ihr unterein-
ander nicht leicht nach Namen noch Wohnung fragt,
denn wenn man in Bande kommt, muss man große
Angst deshalb leiden; doch sei dem Herrn ewiges Lob,
der unsern Mund bisher bewahrt hat, wiewohl man
gedroht hat, uns zu peinigen. Deswegen bitten wir
euch freundlich, daß ihr den Herrn ernstlich für uns
bitten wollt, auch für alle unsere Brüder, die zu Gent,
Antwerpen und an andern Orten gefangen liegen,
daß sie der Herr stärken wolle; desgleichen bitten wir
euch von Grund des Herzens, daß ihr euch unserer
Weiber und Kinder annehmen, und sie in der Furcht
des Herrn ermahnen wollt, gleichwie ihr auch wolltet,
daß man den eurigen täte; sorgt auch, daß ihr ihre Gü-
ter beschützt, so gut als ihr könnt, und wisst, daß wir
noch so gesinnt sind, um mit des Herrn Gnade durch-
zustreiten. Kalleken, Styntgen und Jaentgen, welche
beide Töchter beisammen liegen, lassen euch sehr grü-
ßen; ihr Gemüt ist noch ziemlich wohl bestellt. Auch
bitten wir euch, liebe Freunde in dem Herrn, daß ihr
das Wort des Herrn fleißig untersuchen, und euch
untereinander ermahnen wollet, weil ihr noch außer
den Banden seid. Mir kommt es so vor, als ob sie die
Gemeinde noch sehr zerstreuen werden, indem sie
noch sehr nach Blut dürsten, und noch begieriger als
der Richter sind, denn eben so wie Jannes und Jam-
bres Mose kräftig widerstanden, so widerstehen diese
auch mit Gewalt der Wahrheit; sie beabsichtigen, die
ganze Herde zu Meenen zu zerstreuen. Darum halte
sich ein jeder so stille, als er kann, und wenn ihr ir-
gendeine Warnung empfangt, es sei mündlich oder
auf andere Weise, so nehmt ihrer wahr, denn hätte
ich es beobachtet, ich, Wouter Denys, drei oder vier
Nächte, ich wäre vielleicht nicht gefangen, wiewohl
ich dem Herrn für seine Gnade danke; ich meinte, es
würde mich viel mehr betrüben; aber nun erfahre ich
wohl, daß der Herr in seinen Werken wunderbar und
kräftig ist, welcher die Seinen nicht als Waisen lässt,
wofür ich den Herrn nimmermehr genug loben, noch
ihm danken kann; auch bittet der Pieter die Gemeinde
herzlich, daß man ihm vergeben wolle; denn was er
gesagt hat, ist in großer Bestürzung geschehen, wor-
über auch der Mann außerordentlich betrübt ist und
viele Tränen darum geweint hat, daß es so gekommen
ist.
Wir bitten euch freundlich, daß ihr uns als Mitge-
fangene in euer Gebet einschließen wollt, denn das
Gebet der Heiligen ist uns jetzt sehr nötig. Nehmt
auch unser Schreiben nicht leichtfertig auf, denn wir
sind genötigt, dieses zu schreiben; wir sind auch jetzt
inbrünstiger, unserer Mitgefangenen zu gedenken, als
wir waren, ehe wir in Haft kamen. Wie es mit diesem
Schreiben zugegangen, davon berichte ich euch, daß
dasselbe mittelst eines Stückes von einem Rechnen-
pfennig und mit Tinte von Rötel gemacht zu Stande
gebracht ist. Ferner, liebe Freunde, bitte ich euch herz-
lich, daß ihr Ariaenken, mein Weib, ermahnen wollt,
denn obgleich es mit ihr so bestellt ist, so hoffe ich
doch in dem Herrn, daß sie auf euer Ansuchen mit ih-
ren fleischlichen Freunden nicht in der Dienstbarkeit
Ägyptens bleiben soll; ich hoffe das Beste.
448
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Mehr nicht; gehabt euch wohl und bleibt Gott be-
fohlen und dem Worte seiner Gnade.
Geschrieben von mir, Wouter Denys; angefangen
den 19. und geendigt den 20., durch des Herrn Gnade,
welchem sei Preis und Ehre in Ewigkeit, Amen.
Der dritte Brief von Wouter Denys und seinen
Mitgefangenen.
Ein jeder sehe zu; zwar werdet ihr in meinen Briefen
keine große Gelehrsamkeit finden, allein ich hoffe, daß
ihr mir solches zu gut halten werdet. Diesen Gruß und
diese Warnung sende ich euch, wie er aus der Feder
geflossen auch denen, mit welchen ich näher bekannt
bin, und allen, welche in der Furcht Gottes wandeln,
seine Zukunft lieben, und diesem nachzukommen be-
gehren, und ermahne jeden, daß er fleißig sei, das
Wort Gottes zu untersuchen. Ermahnt einander in der
Liebe, schreibt auch dieses für mein liebes Weib ab,
und bewahrt diese drei Stücke; darum bitte ich euch
von Herzen; tragt ferner für eure Seligkeit Sorge, und
lasst es euch bisweilen vorlesen; betrübt euch nicht
um meinetwillen, sondern betrübt euch vor Gott um
eurer Sünden willen. Denkt nicht bei euch selbst, daß
ihr ohne Sünde seid, sondern achtet euch stets gering
vor dem Herrn, denn Jakobus sagt: Wenn sich jemand
unter euch dünken lässt, er diene Gott, und hält seine
Zunge nicht im Zaume, dessen Gottesdienst ist eitel.
Darum, meine Geliebten, tröstet euch in dem Herrn,
und denkt, daß mich der Herr hierzu berufen habe;
ich hoffe auch, durch die Kraft und Hilfe des Herrn,
um keiner Pein willen davon zu weichen, der mich
hierzu tüchtig erachtet hat; ich habe auch das feste
Vertrauen zu dem Herrn, daß er mich hierzu tüchtig
hält und auch machen werde; und daß ich fest auf
Ihn bauen werde, in reinem Herzen, bis ans Ende,
denn ich kann noch immer sagen, daß der Herr so
überschwängliche Gnade (mir und nebst mir noch
fünf oder sechs andern) erweist, daß ich es mit der
Feder nicht wohl beschreiben kann, sodass wir auch
fast nichts von Banden wissen, denn wir sind brünstig
beieinander. So ermahne ich nun euch alle, daß ihr
fleißiger für die Gefangenen bittet, als ich bisweilen
getan habe; wie uns der Apostel ermahnt. Darum sei
ein jeder fleißig, in der Liebe zu bitten, denn die Ge-
fangenen bitten viel eifriger für diejenigen, die außer
Banden sind, wie wir solches finden.
So will ich nun mein Schreiben beendigen; ein jeder
sehe scharf darauf, wie die Lehre und das Leben der
Gelehrten und Weltweisen mit dem Leben des Herrn
Christi Jesu, unsers Heilandes, übereinstimme.
Hiermit befehle ich euch dem treuen Schöpfer und
dem Worte seiner Gnade.
Geschrieben von mir, Wouter Denys, und meinen
Mitgefangenen.
Bericht an den christlichen Leser von folgenden
Todesurteilen.
Es ist denen bekannt, welche die holländische Ge-
schichte von den Jahren 1533, 1534, 1535 und einiger
folgenden Jahre mit Aufmerksamkeit gelesen haben,
daß der äußere Zustand der sogenannten wehrlosen
Taufgesinnten sehr betrübt und durchaus verwirrt
gewesen sei, nicht allein um der schweren Verfolgun-
gen willen, die sie in alle Länder zerstreuten, sondern
auch insbesondere wegen der Empörung derjenigen,
welche, obgleich sie nicht wehrlos waren, dennoch die
Taufe der Bejahrten lehrten, und daher, als sie sich ab-
scheulich aufführten, auch Veranlassung gaben, daß
alle, die der Kindertaufe widersprachen, von den Ob-
rigkeiten dafür angesehen wurden, als ob sie an sol-
chem ungebührlichen und abscheulichen Aufruhr Teil
und Schuld hätten. Deshalb wurden alle diejenigen,
welche die Taufe der Bejahrten lehrten, sowohl die
einen als die anderen ohne Unterschied, Anabaptis-
ten und Widertäufer genannt, und wurden also zu-
gleich miteinander unter diesem Namen verfolgt. So
ist es auch bisweilen denen, welche ihr Leben durch
die Flucht noch retteten, fast nicht möglich gewesen,
wenn einige gefangen oder getötet wurden, zu wissen,
ob sie von ihren wehrlosen Brüdern und Schwestern
gewesen seien oder nicht, desgleichen, wie viel ihrer
an der Zahl und wie sie genannt worden seien.
Daher ist es sowohl in diesen Jahren (wie aus den
Geschichten ersehen werden kann), als auch noch in
den spätem Zeiten vorgekommen, daß an verschie-
denen Plätzen viele fromme Zeugen getötet worden
sind, von deren Zahl und Namen man nicht so viel
Nachricht hat erlangen können, daß man sie in die
Reihe ihrer Mitstreiter in dieses Buch hätte setzen kön-
nen, um als Vorbilder einer rühmlichen Treue in dem
Bekenntnisse der Wahrheit den Nachkömmlingen zu
dienen.
Hierzu haben auch noch verschiedene Manns- und
Weibspersonen gehört, die bisher zu Amsterdam getö-
tet worden sind, deren Todesurteil uns aus dem Buche
des Blutgerichts der Stadt Amsterdam, welches da-
selbst in der Kanzlei verwahrt wird, in der Zeit, als
dieser blutige Schauplatz eine neue Auflage erhielt,
zu Händen bekommen sind. Aus diesen Todesurteilen
erhellt, daß sie nicht um des Aufruhrs oder anderer
Missetaten willen getötet worden sind, sondern nur,
weil sie von den römischen Satzungen abgegangen
sind, der Kindertaufe widersprochen und die Taufe
angenommen haben, welche auf das Bekenntnis der
449
Sünden und den Glauben an unsern Herrn Christum
geschieht.
Deshalb haben wir uns für verpflichtet gehalten,
auch diese Personen hier anzuführen und denen zu-
zugesellen, mit welchen sie in ihrem Leben unter ei-
nem Paniere Christi Jesu, unsers Herrn, ritterlich bis
ans Ende gestritten haben, mit welchen sie auch von
ihrer Arbeit ruhen, bis sie alle in der Auferstehung
der unverwelklichen Krone der Herrlichkeit werden
teilhaftig werden.
Wir hätten von Herzen gewünscht, daß wir auch
einen Bericht von ihren frommen Taten, vollständi-
gen Reden, von ihrem Betragen, von ihrer Geduld
und Gelassenheit und von allem dem, was sich in ih-
rem Leiden und bei ihrem Sterben zugetragen, hätten
mitteilen können, doch haben wir von all diesem kei-
nen Bericht erlangt, weil solches durch das Unglück
der damaligen Zeit, wie es wahrscheinlich ist, denen
keineswegs bekannt geworden ist, die es den Nach-
kömmlingen oder denen, die der Sache unkundig ge-
wesen, hätten veröffentlichen oder bekannt machen
können und wollen, wie denn auch die betrübten Zei-
ten bei vielen Blutzeugen die Veranlassung gegeben
haben, daß man von einigen derselben kaum die An-
zahl und den Ort der Aufopferung hat erfahren und
aufschreiben können.
Auszug aus dem Buche des Blutgerichts der Stadt
Amsterdam, Blatt 48 vers., welches in der Kanzlei
daselbst niedergelegt ist.
Nachdem Grietgen Arents Limmens Tochter sich hat
wiedertaufen lassen, auch eine arge Lehre von den
Sakramenten der heiligen Kirche hegt, was doch so-
wohl dem Glauben und den Ordnungen dieser Kir-
che, als auch den geschriebenen Rechten und Befehlen
des Kaisers, unsers gnädigen Herrn, zuwider ist, und
überdies um gemeldeter Ursachen willen von dem
Hofgerichte in Holland aus den Landschaften Hol-
land, Seeland und Friesland bei Verlust ihres Lebens
verbannt worden ist, ohne daß sie bis jetzt hat Reue
zeigen wollen, sondern die Zeit der Gnade, welche die
kaiserliche Majestät gegeben hat, Vorbeigehen lassen;
so haben die Herren des Gerichts, nachdem sie die An-
klage gehört, welche der Schultheiß von wegen ihrer
kaiserlichen Majestät wider sie erhoben hat, wie auch
die Antwort und das Bekenntnis der vorgemeldeten
Grietgen, und dabei die Umstände dieser Sache in
genaue Erwägung gezogen, diese Grietgen dahin ver-
urteilt, daß sie ertränkt werden soll, wie solches auch
vom Scharfrichter geschehen ist. So geschehen den
letzten Tag im Dezember im Jahre 1534, in Gegenwart
des ganzen Rates.
Diese Grietgen Arents ist, laut des Urteils, zuvor
gefangen gewesen, aber, wie deutlich zu ersehen, um
keiner andern Ursache willen, als, weil sie nicht wie
die römische Kirche glaubte, weshalb sie auch, weil
sie darin verharrte, getötet worden ist. Warum sie
aber nach dem Orte zurückkehrte, aus welchem sie
verbannt worden war, ist unbekannt, doch ist vor-
auszusetzen, weil ihr in diesem Urteile keine andere
Beschuldigung aufgebürdet worden ist, daß sie hierzu
durch Glaubens- und Gewissenssachen bewogen sein
müsse.
Auszug wie oben, Blatt 49.
Nachdem Jan Pauw Blockmacher, Arent Janßen von
Gorckum, Krämer, Barent Cläßen von Swol, Walker,
Jan von Kink, Henrich Biesman von Mastricht, Corne-
lis Willemße von Harlem, Kistemnacher, Arent Jakob-
ßen, Kaiser von Monnickendam, und Willem Janßen
von Zutphen sich wiedertaufen lassen und der Wie-
dertäufer Bund angenommen, auch eine verkehrte
Lehre von den Sakramenten der heiligen Kirche, und
dem Glauben, wie auch den Satzungen dieser Kir-
che hegen, den geschriebenen Rechten und Befehlen
der kaiserlichen Majestät unsers gnädigen Herrn zu-
wider, so haben die Herren des Gerichts, nachdem
sie die Anklage, welche der Herr Aufseher wider sie
erhoben, gleichwie auch ihre Verteidigung und Be-
kenntnis gehört, und alle Umstände genau erwogen,
diese vorgemeldeten Personen dazu verurteilt, daß
sie auf einer auf dem Markte dieser Stadt aufgerichte-
ten Schaubühne vom Leben zum Tode gebracht und
mit dem Schwerte hingerichtet, ihre Häupter aber auf
Pfähle und ihre Leiber auf Räder gelegt werden sollen,
andern zum Exempel, wie auch nachher geschehen
ist. So geschehen, den sechsten Tag im März im Jahre
1535, in Gegenwart des ganzen Rates.
Uber Jan Pauw findet sich noch ein Urteil, daß er
den 29. Dezember 1534 (laut des Urteils der Gerichts-
herren) gefoltert worden ist, um von ihm zu verneh-
men, welche Personen in seinem Hause getauft hätten
und getauft worden wären; weil aber dieses Urteil
nichts weiter enthält, als den Ausspruch zu peinigen,
so haben wir es unnötig erachtet, dasselbe wörtlich
anzugeben.
Auszug wie oben, Blatt 31.
Nachdem Jan Jakobßen aus der Normandie, Einwoh-
ner dieser Stadt, Adrian Cornelißen von Sparrendam,
und Gerrit Claeßen von Oudenyerop sich mit den Wie-
dertäufern in ein Bündnis eingelassen und sich haben
wiedertaufen lassen, auch von den Sakramenten der
450
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
heiligen Kirche, dem heiligen christlichen Glauben
und den Satzungen dieser Kirche verkehrte Lehren
ausbreiten, den geschriebenen Rechten und Befehlen
der kaiserlichen Majestät unsers gnädigen Herrn zu-
wider, so haben die Herren des Gerichtes, nachdem
sie die Anklage, welche der Herr Schultheiß im Na-
men der kaiserlichen Majestät wider vorgemeldete
Personen hat eingebracht, gleichwie auch ihre Ver-
teidigung und Bekenntnis gehört, auch auf die Be-
schaffenheit ihrer Missetat genau Achtung gegeben,
vorgemeldete Personen dahin verurteilt, daß sie auf
einer vor dem Stadthause aufgerichteten Schaubühne
durch den Scharfrichter mit dem Schwerte vom Leben
zum Tode hingerichtet, ihre Häupter aber auf Pfähle
und ihre Leiber auf Räder, andern zum Beispiele ge-
setzt werden sollen, wie auch von dem Scharfrichter
geschehen ist.
Wobei sie ferner erklären, daß ihre Güter zum Nut-
zen der kaiserlichen Majestät, als Grafen von Holland,
verfallen sein sollen, insofern sie nicht Bürger dieser
Stadt sind, daß dagegen von den Bürgern die Summa
von hundert Pfund, nach den Freiheiten dieser Stadt,
einzuzahlen sind. Geschehen den fünfzehnten Mai,
im Jahre 1535, in Gegenwart des Schultheißen Ruysch
Janßen, und Gooßen Janßen Rekalf, Bürgermeister,
und aller Gerichtsherren.
In den öffentlichen Geschichten der damaligen Zeit
wird von drei Männern geredet, die auf jenen Tag
enthauptet worden sind, ohne daß etwas Böses zu
ihrer Beschuldigung gesagt wäre, als daß sie unter
die Wiedertäufer gezählt worden seien. Und weil die-
ses Urteil sie keiner Untugend, keines Aufruhrs oder
einer sonstigen Missetat beschuldigt, welches doch
in jener unruhigen Zeit, wo erst kurz zuvor der Auf-
lauf zu Amsterdam stattgefunden, sehr leicht hätte
geschehen können, so kann leicht daraus geschlossen
werden, daß diese Männer fromme Menschen gewe-
sen seien, die würdig sind, daß sie zu den andern
treuen Rittern unsers Herrn Christi gestellt werden.
Auszug wie oben, Blatt 51.
Nachdem Baef, Claes Tochter, Grietgen Maes, Ger-
rits Witwe, Barbara, Jakobs Tochter von Haferwoude,
Breght, Elberts Tochter, Adrianna, Ysbrants Tochter,
Tryn Jans von Munikendam, und Lisbeth, Jans Toch-
ter aus Benskope, sich haben wiedertaufen lassen und
eine verkehrte Lehre von den Sakramenten der hei-
ligen Kirche, dem heiligen christlichen Glauben und
den Ordnungen dieser Kirche führen, den geschriebe-
nen Rechten und Befehlen der kaiserlichen Majestät
unsers gnädigen Herrn zuwider, ohne daß sie bis-
her dieserhalb haben Reue erweisen wollen, so haben
die Herren des Gerichtes, nachdem sie die Anklage,
welche der Schultheiß im Namen der kaiserlichen Ma-
jestät wider sie hat eingebracht, sowie ihre Antwort
und Bekenntnis gehört, auch auf alle Umstände dieser
Sache genau hat Achtung gegeben, diese vorgemel-
deten Personen dahin verurteilt, daß sie durch den
Scharfrichter vom Leben zum Tode gebracht und im
Wasser ertränkt werden sollen, wie solches auch vom
Scharfrichter geschehen ist; wobei sie ferner erklären,
daß ihre Güter zum Nutzen der kaiserlichen Majestät,
als Grafen von Holland, verfallen sein sollen, wenn
sie dieser Stadt Bürger nicht sind, und in Folge der
Freiheiten dieser Stadt von den Bürgern die Summe
von hundert Pfund einzuzahlen ist.
Geschehen den 15. Mai im Jahre 1535, in Gegenwart
des Schultheißen Ruys Janß, und Gooßen Janß Rekalf,
Bürgermeister, und aller Gerichtsherren.
Diese sieben Weibspersonen sind, laut dieses Ur-
teils, mit den neun folgenden, auf einen und den-
selben Tag hingerichtet worden; gleichwohl melden
die öffentlichen Geschichten nichts von diesen sieben
Weibspersonen, worüber man sich um desto weni-
ger zu verwundern hat, weil diejenigen, die um des
Gottesdienstes willen verurteilt worden sind, bei der
Nacht auf die Weise ertränkt worden sind, daß man
ihnen Steine an den Hals gebunden, und sie von dem
Häringspackerturm (damals der heilige Kreuzesturm
genannt) ins Wasser geworfen hat, wie solches aus D.
Dappers Beschreibung von Amsterdam, Fol. 403, zu
ersehen ist.
Auszug wie oben, Blatt 52.
Nachdem Leentgen, Jan von Rheenens Weib, Adri-
anna, Jans Tochter von Benskop, Goechgen Jans von
Lubik bei Goude geboren, Leentgen, Hendrix Toch-
ter von Herzogenbusch, Griet, Peters Mollen Tochter,
Marritge, Nadminx Tochter von Alkmaar, Aeltje, Gil-
lis Tochter von Benskop, Jannetje, Jans Tochter von
Utrecht, Aeltje Wouters, zu Asperen geboren, sich ha-
ben wiedertaufen lassen und sich unter die Sekte und
Ketzerei der Wiedertäufer begeben, auch eine verkeh-
re Lehre von den Sakramenten der heiligen Kirche,
dem heiligen christlichen Glauben und den Satzun-
gen dieser Kirche haben, den geschriebenen Rechten
und Befehlen der kaiserlichen Majestät unsers gnä-
digen Herrn zuwider, ohne daß sie hierüber haben
Reue tragen wollen, so haben die Herren des Gerich-
tes, nachdem sie die Anklage des Schulzen von wegen
Ihrer kaiserlichen Majestät wider sie, gleich wie auch
ihre Antwort und Bekenntnis gehört, und dabei die
Umstände dieser Sache genau erwogen, vorgemeldete
Personen dahin verurteilt, daß sie durch den Scharf-
451
richter vom Leben zum Tode gebracht und im Wasser
ertränkt werden sollen, wie solches durch den Scharf-
richter vollzogen worden ist, wobei sie ferner erklären,
daß ihre Güter zum Nutzen des Kaisers, als Grafen
von Holland, verfallen sein sollen, nämlich derer, die
dieser Stadt Bürgerrecht nicht haben; von denen aber,
die Bürger sind, die Summa von hundert Pfund, laut
dieser Stadt Freiheiten.
So geschehen den 15. Mai im Jahre 1530, in Ge-
genwart des Schultheißen Gooßen Janßen Relais, der
Bürgermeister und aller Gerichtsverwandten.
Von diesen Frauen ist auch bei den öffentlichen
Schreibern der damaligen Zeit die Rede, jedoch ge-
ben sie nichts Näheres an, als ihre Zahl, und daß sie
ertränkt worden seien; es lässt sich übrigens aus die-
sen Todesurteilen nicht allein ihr Name, sondern auch
ihre Unschuld erkennen.
Auszug wie oben, Blatt 59.
Nachdem Pieter Pietersen, sonst Borrekiek, zu Leyden
geboren, sich mit den Wiedertäufern in ein Bündnis
eingelassen, auch sich hat wiedertaufen lassen, und
dabei eine verkehrte Lehre von den Sakramenten der
heiligen Kirche, dem heiligen christlichen Glauben
und den Satzungen dieser Kirche führt, den geschrie-
benen Rechten und Befehlen der kaiserlichen Majestät
unsers gnädigen Herrn zuwider, und überdies von
der Zusammenkunft, welche die Leute der vorgemel-
deten Sekte eine Zeit zuvor zu Leyden verabredet,
zuvor Kunde gehabt, ohne daß er davon der Obrig-
keit dieser Stadt Nachricht gegeben, so haben die Her-
ren des Gerichtes, nachdem sie die Klage des Herrn
Schultheißen gehört, auch die Umstände seiner Misse-
tat wohl erwogen, gemeldeten Missetäter dazu verur-
teilt, daß er durch den Scharfrichter auf der Schaubüh-
ne mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht,
dann sein Haupt auf einen Pfahl gesteckt, sein Leib
aber gevierteilt und andern zum Exempel auf ein Rad
geflochten werden soll, wie von dem Scharfrichter ge-
schehen ist; wobei sie ferner seine Güter zum Nutzen
des Kaisers, als Grafen von Holland, verfallen zu sein
erklären. So geschehen, in Gegenwart wie oben, oder
wie in dem vorhergehenden Urteile steht.
Auszug wie oben, Blatt 70.
Nachdem Henrich von Maastricht zur Zeit, als die
Schiffe mit den Leuten von der Wiedertäufersekte be-
laden, nach Seelmüyden fahren wollten, sich unter die
Sekte der Wiedertäufer begeben, und sich durch Claes
Enkhuyken die Hände hat auflegen lassen, auch sich
nachher zum Bunde und zur Brüderschaft dieser Leu-
te bekannt und gehalten, mit denselben an verschie-
denen Orten Umgang gehabt, auch einigen anderen
zur gemeldeten Sekte geraten und sie dazu bewogen
hat, welches den Befehlen, die von der kaiserlichen
Majestät unserm gnädigen Herrn wider die Leute von
der vorgemeldeten Sekte und ihre Anhänger aufge-
setzt und bekannt gemacht worden sind, zuwider ist,
ohne daß vorgemeldeter Henrich die Zeit der Gna-
de beobachtet und dieselbe wahrgenommen hat, so
haben die Herren des Gerichts, nachdem sie die An-
klage des Schultheißen im Namen ihrer kaiserlichen
Majestät wider vorgenannten Henrich, so wie seine
Antwort und Bekenntnis vernommen, auch dabei die
Umstände dieser Sache in genaue Erwägung gezogen,
den vorgenannten Henrich von Maastricht verurteilt,
daß er von dem Scharfrichter mit dem Schwerte vom
Leben zum Tode gebracht, sein Leib aber auf ein Rad
gelegt, und das Haupt auf einen Pfahl gesteckt wer-
den soll, es sei denn, daß die Herren ihn aus Gunst auf
dem Kirchhofe begraben lassen wollten; welches Ur-
teil nachher durch den Scharfrichter an ihm vollzogen
worden ist.
So geschehen, den 10. Juni 1536, in Gegenwart des
Schultheißen, aller Bürgermeister: Cornelis Buyk, Sy-
verts, Claes Gerritsse, Matthäus Claes Doeden, Jan
Kyser Janssen, Pieter Willemsse Kantert und Symon
Morttensse Direx, Gerichtsherren.
Auszug wie oben, Blatt 77.
Nachdem Albert Reyers, sonst Olde Knecht genannt,
geboren zu Bolswaert in Friesland, sich vor einigen
Jahren in Gesellschaft, Umgang und Handel mit sol-
chen Personen eingelassen, die mit Ketzerei und bö-
sen Lehren besudelt sind, auch ihren heimlichen Zu-
sammenkünften zu verschiedenen Malen beigewohnt,
und in seinem eigenen Hause dergleichen gehabt, wo
von der Schrift, Sakramenten, von der heiligen Kirche
und den Artikeln des heiligen christlichen Glaubens
ungebührlich disputiert, gelehrt und gehandelt wor-
den ist, sodass vorgemeldeter Albert, der dadurch
verunreinigt worden ist, von den heiligen Sakramen-
ten des Altars und andern Sakramenten, auch von den
Satzungen und Gebrauchen der heiligen Kirche sehr
nachteilig geredet und gelehrt hat, zum Anstoße ande-
rer guter Christenmenschen, was doch dem heiligen
christlichen Glauben, auch den Befehlen und Gebo-
ten der kaiserlichen Majestät unsers gnädigen Herrn
zuwider ist, so haben die Herren des Gerichts, nach-
dem sie die Anklage des Herrn Schultheißen wider
vorgemeldeten Albert Reyers, sowie seine Antwort
und Bekenntnis angehört, und auf die Umstände der
Sache genau Achtung gegeben, gedachten Albert, laut
452
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der vorgeschriebenen Befehle, dazu verurteilt, daß
er von dem Scharfrichter mit dem Schwerte vom Le-
ben zum Tode gebracht, daß nachher sein Leib auf
ein Rad gelegt, sein Haupt aber auf einen Pfahl ge-
steckt werden soll, wobei sie ferner erklären, daß laut
der Privilegien dieser Stadt, von seinen Gütern die
Summe von hundert Pfund verfallen sein soll.
So geschehen den 12. April 1537, in Gegenwart
des Schultheißen Claes Gerisse, Deymans und Gerrit
Meeuweß, Bürgermeister, und aller Herren des Ge-
richts.
Auszug wie oben, Blatt 77.
Nachdem Andries Harmans von Gelre sich unterstan-
den, zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen
Orten von der Schrift zu disputieren und heimliche
Zusammenkünfte zu halten, bei welcher Gelegenheit
von der Schrift, von den Sakramenten der heiligen
Kirche und den Satzungen derselben ungebührlich
gehandelt und gelehrt worden ist, wodurch vorge-
meldeter Andries nicht allein selbst in Irrtum und
Ketzereien geraten ist, sondern auch andere Men-
schen unterrichtet und damit besudelt hat, wie er
denn auch schon eine lange Zeit, sowohl von dem
heiligen Sakramente des Altars, als auch von andern
Sakramenten der heiligen Kirche auf anstößige Weise
und ketzerisch geredet und geglaubt hat, auch derglei-
chen noch glaubt, dem heiligen christlichen Glauben
und den Befehlen der kaiserlichen Majestät, unsers
gnädigen Herrn, zuwider, so haben die Herren des
Gerichts, nachdem sie die Anklage des Herrn Schult-
heißen wider den vorgemeldeten Andries Harmans,
sowie seine Antwort und Bekenntnis gehört, auch auf
die Umstände seiner Irrtümer genau Achtung gege-
ben, denselben Andries, laut der vorgeschriebenen
Befehle, dazu verurteilt, daß er von dem Scharfrich-
ter vom Leben zum Tode mit dem Schwerte gebracht,
sodann aber sein Leib auf ein Rad, sein Haupt aber
auf einen Pfahl, andern zum Exempel, gesetzt werden
soll, wobei sie ferner erklären, daß von seinen Gütern
hundert Pfund, nach den Freiheiten dieser Stadt, zum
Nutzen des Herrn, verfallen sein sollten.
So geschehen den 12. April 1537, in Gegenwart des
Schultheißen, Claes Gerrit Deymans und Gerrit An-
dries, Bürgermeister, und aller Herren des Gerichts.
Es ist auch derselbe sofort nach dem Urteile von
dem Scharfrichter hingerichtet worden.
Auszug wie oben, Blatt 78.
Nachdem Thymon Hendrix von Campen sich unge-
fähr vor drei Jahren hat wieder taufen lassen und sich
unter den Bund und die Ketzerei der Wiedertäufer
begeben, auch von dem heiligen christlichen Glauben,
den Sakramenten und Ordnungen der heiligen Kir-
che eine arge Lehre hegt, der Wahrheit des heiligen
Glaubens zuwider, wie auch dem, was die kaiserli-
che Majestät, unser gnädiger Herr, deshalb bekannt
gemacht hat, so ist es geschehen, daß die Ratsherren,
nachdem sie die Anklage, welche der Schultheiß die-
ser Stadt von wegen der kaiserlichen Majestät wider
den vorgemeldeten Thymon Hendrix, eingebracht hat,
so wie seine Antwort und Bekenntnis gehört, auch
die Umstände der gemeldeten Sache reiflich erwogen,
denselben Thymon, nach den vorgemeldeten Befeh-
len, dahin verurteilt, daß er von dem Scharfrichter mit
dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht, und
daß sodann sein Leib auf das Rad, das Haupt aber auf
einen Pfahl, andern zum Beispiele, gesetzt werden
soll; ferner erklären sie, daß seine Güter zum Nutzen
des Herrn verfallen sein sollen.
So geschehen den 12. April 1537, in Gegenwart des
Schultheißen, Claes Gerrit Deymans und Gerrit An-
dries, Bürgermeister, und aller Gerichtsherren.
Dieses Urteil ist sofort nach der Publikation durch
den Scharfrichter vollzogen worden.
Auszug wie oben, Blatt 93.
Nachdem Jan Janssen von dem Berge, aus dem cle-
vischen Lande, vor ungefähr einem Jahre sich in der
Stadt Delft von Claes mit der lahmen Hand hat wie-
dertaufen lassen, und sich unter den Bund und die
Ketzereien der Wiedertäufer begeben, welche von
dem heiligen christlichen Glauben, wie auch von den
Sakramenten und Satzungen der heiligen Kirche eine
ärgerliche Lehre führen, der Wahrheit des heiligen
Glaubens, und den Befehlen, welche die kaiserliche
Majestät, unser gnädiger Herr, verkündigt hat, zuwi-
der, so haben die Herren des Gerichts, nachdem sie
die Anklage, welche der Schultheiß dieser Stadt von
wegen kaiserlicher Majestät wider den vorgenannten
Janssen eingebracht, wie auch dessen Antwort und
Bekenntnis gehört und dabei auf die Umstände vor-
gemeldeter Sache genau Achtung gegeben, denselben
Janssen, laut vorgeschriebener Befehle, dazu verur-
teilt, daß er von dem Scharfrichter mit dem Schwerte
vom Leben zum Tode gebracht, dann aber sein Leib
aufs Rad gelegt und sein Haupt, andern zum Exempel,
auf einen Pfahl gesetzt werden soll, wobei sie ferner
erklären, daß seine Güter zum Nutzen des Herrn ver-
fallen sein sollen.
Geschehen den 7. Juli des Jahres 1539, in Gegenwart
aller Bürgermeister, Joost Buyk Sybrant, an Willems,
Albert Dirksen, Willem Stichel und Floris Floriß.
453
Elf Brüder und eine Schwester zu Antwerpen,
Hermann Zimmermann, Jan von Hasebroeck, Peter
Verlonge, Gerrit von Mandel, Jan von Mandel, Jan
Schäfer, Jan Wiljoot, Jan von Doornik, Willem von
Poperinge, Maeyken sein Weib, Jan Kaufmann
und Hans, sein Knecht, 1569.
Im Jahre 1569 sind zu Antwerpen zwölf fromme Chris-
ten, weil sie nach dem Worte Gottes und dem Zeugnis-
se der Wahrheit lebten, nämlich: Hermann Zimmer-
mann, Jan von Hasebroeck, Peter Verlange, Gerrit von
Mandel, Jan von Mandel, Jan Schäfer, Jan Wiljoot, Jan
von Doornik, Willem von Poperinge, Maeyken, sein
Weib, Jan Kaufmann und Hans, sein Knecht, gefangen
genommen, untersucht, gepeinigt und zuletzt zum To-
de verurteilt worden. Unter diesen ist eine Person im
Gefängnisse in Folge der Pein gestorben; sieben sind
vor Ostern lebendig verbrannt worden, deren Mund
man mit Schraubeisen zugeschraubt hat; auf eine glei-
che Weise sind auch die vier letzten den zwanzigsten
Mai des vorgemeldeten Jahres getötet worden.
Hier folgt ein kurzes, doch gründliches und christ-
liches Glaubensbekenntnis über den einwesigen Gott
Vater, Sohn und heiligen Geist, und von der ewigen
Gottheit Christi, des Sohnes Gottes, ebenso auch von
der Menschwerdung, sichtbaren Gestalt, vom Leiden
und Sterben des ewigen und eingebornen Sohnes des
lebendigen Gottes, unsers Herrn und Heilandes Je-
su Christi, welches von dem hiergemeldeten Helden
und Zeugen Jesu, Hermann Zimmermann, als eine
Antwort auf einen an ihn gesandten Brief geschrieben
und demselben entgegengestellt worden ist, welches
er mit seinem Blute und Tode trefflich bezeugt und
befestigt hat. Darum haben wir es auch für den Le-
ser hier beigefügt, und bitten denselben, daß er das-
selbe mit christlicher Andacht und Aufmerksamkeit
durchlese; wir hoffen, er soll daraus Unterricht und
Besserung empfangen; dasselbe lautet wie folgt:
Zunächst begehrst du, Freund, daß ich dir schreiben
soll, ob wir bekennen, daß der Vater und der Mensch
Jesus Christus mit dem heiligen Geiste eines Wesens
sei. Unsere Antwort ist, daß wir bekennen, daß ein
Vater sei, und ein Sohn, und ein heiliger Geist, und
daß mit den Worten: Vater, Sohn und Heiliger Geist,
der einige, allmächtige Gott von Christo selbst aus-
gedrückt worden ist, Mt 28. So ist denn das unser
Glaube, daß wir nämlich bekennen, daß, da der Vater
war, der Sohn auch gewesen sei, denn es ist niemals
ein Vater ohne Sohn gewesen. Wie nun die Schrift von
dem Vater bezeugt, daß er ewig, und alle Dinge durch
Ihn seien, so bezeugt sie auch von dem Sohne, daß
sein Ausgang von Anfang sei und von den Tagen der
Ewigkeit, und daß alle Dinge durch Ihn geschaffen
worden seien; desgleichen auch durch den Heiligen
Geist, denn durch Ihn sind alle Dinge gemacht wor-
den, der einen Willen und ein Werk mit dem Vater und
dem Sohne hat, wie man aus diesen Worten wohl ver-
stehen kann, wo die Schrift bezeugt, daß der Heilige
Geist gesagt habe: Sondert mir Barnabas und Saulus
ab zu dem Werke, wozu ich sie berufen habe. Siehe,
Freund, hier sagt der Heilige Geist, daß er sie zu sol-
chem Werke rufe; nun spricht Paulus, daß Jesus Chris-
tus Ihn gerufen und gesandt habe. An die Galater
aber steht, daß Gott Ihn gerufen und von seiner Mut-
ter Leib abgesondert habe, damit sein Sohn durch Ihn
bekannt gemacht würde, aus welchen Worten man
die Einigkeit wohl verstehen kann. Es sind noch mehr
andere Stellen, die vom Heiligen Geiste zeugen, daß
er die Diener oder Bischöfe in der Gemeinde Gottes
einsetzt, die er durch sein eigenes Blut erkauft hat,
und auch die Gaben austeilt. Aus diesen Worten kann
man wohl verstehen, daß der Heilige Geist mit dem
Vater und dem Sohne einig sei in der Wirkung, sodass
man weder Ihn noch den Sohn von dieser Einigkeit
ausschließen kann, denn er spricht: Ich und der Vater
sind eins, welche Einigkeit und Sohn Gottes er sowohl
nach der Person als nach dem Geiste ist, denn er wird
oft nach seiner Menschheit Gottes Sohn genannt, wie
man lesen kann, daß der Hauptmann sagte: Wahrlich,
dieser Mensch ist Gottes Sohn. Und Paulus sagt, daß
wir mit Gott durch den Tod seines Sohnes versöhnt
seien; ferner, daß Gott seines Sohnes nicht geschont
habe; und Johannes sagt: Daß das Blut Jesu Christi,
seines Sohnes, uns von allen Sünden reinigt ebenso
auch Lukas: Das aus dir geboren werden soll, wird
Gottes Sohn genannt werden; und an die Galater: Da
Gott seinen Sohn sandte, geboren von einem Weibe.
Nun ist er ja von Maria in einer menschlichen Person
geboren worden, welche Gottes Sohn ist, den er für
uns zur Versöhnung dahingegeben hat; und Jesaja:
Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
und heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Gott, ewiger Vater,
und gibt Ihm mehrere andere Namen, die Gott sich
selbst beilegt, welche aber Johannes der Täufer auf
Christum (ja er selbst auf sich) deutet. Lies im Jesa-
ja, da steht geschrieben: Seht, das ist euer Gott; denn
seht, der Herr Zebaoth kommt, er wird seine Her-
de weiden wie ein Hirt. Und beim Ezechiel spricht
Gott: Ich will mich meiner Herde selbst annehmen.
Nim sagt Christus, daß er der Hirt der Schafe sei, und
daß die Schafe sein eigen seien; und Sacharja: Schla-
ge den Hirten, auf daß die Schafe zerstreut werden;
und bei Johannes liest man, daß Christus der Bräuti-
gam sei, der die Braut hat; und an die Epheser, daß
er sich selbst für uns dahingegeben habe, daß er sich
selbst eine herrliche Gemeinde zubereite. So ist auch
454
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Christus das Lamm Gottes; nun aber liest man in der
Offenbarung, daß die Hochzeit des Lammes gekom-
men sei, und daß sich sein Weib bereitet habe. So kann
man nun klar aus diesen Worten verstehen, daß Jesus
Christus der Bräutigam und Mann seiner Gemeinde
sei, welcher Mann von dem Propheten Jesaja Gott ge-
nannt wird: Denn der dich gemacht hat, ist dein Mann
(sagt er), Herr Zebaoth ist sein Name, und dein Erlö-
ser, der Heilige in Israel, der aller Welt Gott genannt
wird. Siehe, Freund, aus allen diesen Worten ist klar
zu verstehen, daß man Christum von der Einigkeit
oder von Gott nicht ausschließen könne, denn Gott
wird oft in heiliger Schrift mit dem Wörtlein Chris-
tus ausgedrückt, wie man an Timotheus lesen kann,
wo Paulus Christum und auch Gott unsem Heiland
nennt, und an mehreren andern Stellen, wo Gott un-
ser Heiland genannt wird. Lies lTim 1. Auch sagt Gott
durch Jesaja: Ich bin der Herr, und außer mir ist kein
Heiland. Nun bezeugt die Schrift, daß des Menschen
Seligkeit in der Aufopferung des Leibes unsers lie-
ben Herrn Jesu Christi bestehe, wie wir oben einige
Sprüche angeführt haben; dahin gehören: Daß wir mit
Gott versöhnt seien, durch den Tod seines Sohnes: Der
Leib ist gestorben; und Petrus: Durch seine Wunden
sind wir heil geworden: Der Leib ist verwundet; und
Jesaja sagt auch: durch seine Wunden sind wir geheilt.
Siehe, Freund, so ist es klar aus diesen Worten, daß
man Christum, dem Leibe und Geiste nach, von Gott
nicht ausschließen könne, denn Gott schreibt sich das
zu, was Christus getan hat, wie wir oben von dem Hir-
ten der Schafe berichtet haben; und Christus schreibt
sich auch das zu, was Gott Tut, wie man oft aus der
Schrift verstehen kann; woraus man klar entnehmen
kann, daß sie einen Willen und ein Werk haben: Denn
was der Vater tut, das tut auch der Sohn; und gleich-
wie der Vater die Toten auferweckt und sie lebendig
macht, so macht der Sohn auch lebendig, wen er will.
So kann man also die Werke des Sohnes Gottes sonst
niemand zuschreiben als Gott, sodass man den Sohn
von Gott nicht ausschließen kann. Wenn man nun das
Wörtlein Gott nennt, so wird damit Vater, Sohn und
Heiliger Geist ausgesprochen. Also bekennen wir den
einigen Gott.
Ferner verlangst du Antwort auf die Sprüche, die
von dem einigen Gott zeugen, ob damit weiter jemand
verstanden werde, als der Vater; ich verstehe deine
Frage so, ob Christus, der gestorben ist, auch mit unter
dem Wörtlein Einiger Gott begriffen sei?
Antwort: Zunächst führst du den Spruch 5Mo 6 an,
wo Mose sagt: Höre, Israel, der Herr unser Gott ist ein
einiger Gott, und in demselben Kapitel fortfährt: Ihr
sollt den Herrn, euren Gott, nicht versuchen wie ihr
Ihn zu Massa versuchtet. Siehe Freund, diesen eini-
gen Gott haben sie versucht, welchen Paulus Christus
nennt, indem er sagt: Lasst uns auch Christum nicht
versuchen, wie Ihn einige versucht haben. Nun aber
verstehe ich aus deinem Briefe, und zwar aus dem
Spruche, den du anführst, daß du Christus von Gott
ausschließen willst, Joli 17, womit du beweisen willst,
daß Christus kein Gott wäre. Unsere Antwort rück-
sichtlich des Spruches ist: Die Jesum Christum in der
Wahrheit bekennen, die bekennen Ihn auch als Gott,
denn Gott wird mit dem Wörtlein Christus ausge-
drückt, wie wir oben aus Paulus Worten bewiesen
haben. Ferner führst du den Spruch Hiskia an, wenn
er sagt: Herr Gott Israel, du bist allein Gott, und hast
Himmel und Erde gemacht. Mit diesen Worten willst
du beweisen, daß Christus außer dem einigen Gott
sei. Du schreibst auch in deinem Briefe, daß der ei-
nige Gott, wovon Hiskia redete, Himmel und Erde
gemacht habe; nun aber schließest du Christum von
dem einigen Gotte aus, also musst du Ihn auch von
der Schöpfung des Himmels und der Erde ausschlie-
ßen, und zuvor alle diese Zeugen widerlegen, die von
Christo Jesu zeugen, daß alles, was gemacht worden
ist, durch Ihn gemacht worden sei; lies Joh 1, Kol 1,
Eph 3, Hebr 1, Ps 33. Wenn du nun alle diese Zeugen
vernichtet und Christum von allen Werken Gottes aus-
geschlossen haben wirst, dann will ich dir zugestehen,
daß Christus unter dem Wörtlein Einiger Gott nicht
begriffen sei.
Auch hast du eingewandt, daß Gott unsichtbar sei
und in Ewigkeit lebe, und daß man Christus gese-
hen habe, daß er gestorben sei und ein unwissendes
Kind gewesen, und daß er an Weisheit zugenommen
habe, davon sollst du im Nachfolgenden unsere Mei-
nung aus unserm Glaubensbekenntnisse vernehmen,
welches wir aus der Schrift beweisen, der wir doch
glauben müssen. Ferner wendest du ein, daß Gott die
Zeiten wisse, der Sohn aber nicht. Unsere Antwort ist,
daß Christus solches nach seiner Erniedrigung rede,
denn es gibt noch andere Sprüche, die von Ihm be-
zeugen, daß er alle Dinge wisse, wie denn Petrus sagt:
Herr, du weißt alle Dinge; und Christus hat nicht zu
ihm gesagt: Nein, Petrus, ich weiß den jüngsten Tag
nicht; er hat nicht darauf geantwortet. Ferner, als die
Jünger zu ihm sagten: Nun wissen wir, daß du alle
Dinge weißt; desgleichen bringst du bei, daß Gott al-
ler Menschenkinder Herzen kenne. Wir sagen, daß sie
Christus auch kennt, denn er wusste ja, was im Men-
schen war, und hatte nicht nötig, daß Ihm jemand ein
Zeugnis gab von irgendeinem Menschen; und Chris-
tus sprach: Ich kenne dich, daß du die Liebe Gottes
nicht in dir hast. So liest man auch Joh 6, daß Chris-
tus bei sich selbst wusste, daß seine Jünger darum
murrten. Daß du aber von der Offenbarung Johan-
455
nes schreibst, daß ihm Gott dieselbe gegeben habe,
damit wird nicht gesagt, daß er nichts wüsste. Auch
hast du gemeldet, daß Gott allmächtig sei, und alle
Dinge tue ohne jemandes Hilfe. Antwort: Wir haben
oben erwiesen, daß Christus Jesus und der Heilige
Geist unter dem Wörtlein Gott begriffen sei, oder du
müsstest beweisen, daß der Vater ohne den Sohn oder
den Heiligen Geist etwas tue, was den Worten Christi
widerspricht, wo er sagt: Alles, was der Vater tut, das
tut auch der Sohn. Mein Vater wirkt bisher, und ich
wirke auch. Und gleichwie der Vater die Toten auf-
erweckt und sie lebendig macht, so macht der Sohn
auch lebendig wen er will. Soll man auch den Sohn
ehren, wie den Vater, gleichwie der Vater begehrt, so
muss man ja bekennen, daß er Gott sei, denn man ehrt
den Vater als Gott. Wenn wir also den Sohn leugnen,
so haben wir weder den Vater noch den Sohn, und
sind auch der Geist des Antichristen. Und gleichwie
Gott die Zeichen durch Ihn getan hat, so hat er sie
hinwiederum durch den Vater getan, und hat zu zwei
blinden Männern gesagt: Glaubt ihr, daß ich euch sol-
ches tun kann; und als sie glaubten, ist ihnen geholfen
worden. Dieses erzähle ich darum, damit du erkennst,
daß er oft die Werke, die er tut. Ihm selbst zuschreibt,
und bisweilen seinem Vater, damit du auch erkennen
mögest, daß sie ein Gott seien, der alle Dinge wirkt.
Du berichtest, daß Gott den Heiligen Geist verheißen
habe, welches auch recht ist. Nun sollst du merken,
daß eine Sache bisweilen Gott dem Vater zugeschrie-
ben werde, bisweilen dem Sohne, denn man liest Joh 3,
daß Gott die Welt so geliebt habe, daß er seinen einge-
borenen Sohn gab. Und Joh 10 liest man, daß Christus
sagt, daß er sein Leben dahin gebe. Niemand neh-
me es von Ihm, sondern er lasse es von Ihm selbst;
ferner, daß er sein Fleisch dahin gebe für der Welt Le-
ben; daß er auch den Heiligen Geist gebe, und seinen
Jüngern gesandt habe. Auch führt du den Spruch an
IKor 15. Unsere Antwort ist, wie oben, nämlich: Daß
bisweilen ein Werk dem Vater zugeschrieben werde,
bisweilen aber dem Sohne, damit alle Menschen er-
kennen möchten, daß sie eins seien; denn man liest,
daß Gott der Vater Jesum Christum zu seiner Rechten
ins himmlische Wesen gesetzt habe. Ebenso liest man
auch, daß der Herr sich selbst zur rechten Hand der
Majestät in der Höhe gesetzt habe. Darum, Freund,
magst du wohl Zusehen, ehe du in einer so schweren
Sache fortfährst, daß du es zuvor nach dem Worte
Christi und seiner Apostel wohl prüfst, und nicht mit
einem Worte davon läufst, ehe du es wohl geprüft
hast ob es auch mit dem ganzen Worte Gottes wohl
übereinkomme. Lebe wohl, und lies es mit Verstand.
Unser Glaube und Grund von der Menschwerdung
Jesu Christi ist, daß wir bekennen und glauben, daß
der eingeborene Sohn Gottes (der bei dem Vater war,
ehe der Welt Grund gelegt war, Joh 17, und in gött-
licher Gestalt war Phil 2) vor Grundlegung der Welt
erwählt worden sei, IPt 1, dessen Ausgang ist von
Anfang, Mi 5, durch welchen die Welt gemacht ist,
Joh 1, Kol 1, Hehr 1, und daß er, der reich war, um
unsertwillen arm geworden sei, 2Kor 8, welcher vom
Vater ausgegangen, und in diese Welt gekommen ist,
Joh 16, vom Himmel herabgekommen, Joh 6, ist durch
die Kraft des Allerhöchsten in Maria empfangen und
Mensch geworden, denn das Wort ward Fleisch, so-
dass man es mit Augen gesehen und mit Händen
betastet hat vom Worte des Lebens, 1 Joh 1; aus Maria
geboren, Lk 2; Gal 4, uns zum Sohne gegeben, Jes 9,
und ist für uns gekreuzigt, gestorben und begraben
worden, Mt 27, auf erweckt vom Tode, denn Gott hat
sein Kind Jesum auferweckt, Apg 3; ITh 1, und er ist
aufgefahren, wo er zuvor war, Joh 6, denn der da her-
abgefahren ist, ist eben derselbe, der auch aufgefahren
ist, Eph 4. Auch glauben wir, daß der Sohn Gottes, als
die Zeit erfüllt war, Abrahams Sohn, Davids Sohn,
Abrahams Samen, des Menschen Sohn, Maria Sohn
und Frucht durch seine Menschwerdung geworden
sei, nicht als ob der Sohn Gottes seinen Ursprung oder
Anfang von Abraham, oder David, oder Maria gehabt
hätte, denn wir haben oben mit der Schrift erwiesen,
daß er bei dem Vater war, ehe der Welt Grund gelegt
war, und er war, ehe Abraham war. Darum glauben
wir, daß Jesus Christus ohne irgendeine Zertrennung
sichtbar und unsichtbar, sterblich und unsterblich,
ganz und gar der erstgeborene, selbständige, wahre
Sohn Gottes sei, gleichwie alle Gläubige ihn bekannt
haben, wie man solches in der heiligen Schrift lesen
kann, Petrus hat ihn für den lebendigen Sohn Gottes
bekannt; ebenso hat ihn Johannes der Täufer bekannt,
denn er sagt: Ich habe es gesehen und bezeugt, daß
dieser Gottes Sohn ist. Nathanael sprach: Rabbi, du
bist Gottes Sohn. Ebenso hat auch Martha bekannt,
daß er Christus, der Sohn des lebendigen Gottes sei,
der in die Welt gekommen ist. Dieses ist unser Be-
kenntnis von der Menschwerdung unsers Herrn Jesu
Christi. Wollte uns aber mm jemand fragen, ob wir
nicht glaubten, daß der Sohn Gottes Fleisch und Blut
angenommen habe, worin er gewohnt hat, und daß
der Sohn Gottes geblieben sei, wie er war, unsichtbar,
unsterblich, unveränderlich, wie der Vater, so ist die-
ses unsere Antwort: Wenn dem so ist, daß der Sohn
Gottes imsichtbar, unsterblich und unveränderlich ge-
blieben wäre, wie der Vater, und Fleisch und Blut von
Maria angenommen hätte, worin er gewohnt, so könn-
te man nicht mit Wahrheit sagen, daß der Sohn Gottes
ein Mensch geworden sei. Man könnte nur mit Wahr-
heit sagen, daß der Sohn Gottes einen Menschen an-
456
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
genommen hätte, worin er gewohnt; denn Annehmen
ist Annehmen, und Werden ist Werden, und Anneh-
men kann man kein Werden nennen. Ferner folgt auch
hieraus, wenn der Sohn Gottes unsichtbar geblieben
ist, wie der Vater, so hat man ihn nicht kreuzigen kön-
nen; folglich wäre auch derjenige nicht Gottes Sohn,
der am Kreuze gehangen hat, denn denselben hat man
gesehen; Gott aber hat nur einen Sohn. Ferner folgt
noch daraus, wenn der Sohn unsichtbar geblieben ist,
so hat Gott seines Sohnes verschont, wider Paulus
Reden; da er sagt, daß Gott seines Sohnes nicht ver-
schont habe, sondern ihn für uns alle dahin gegeben
hat. Ebenso hätte uns Gott alsdann seinen Sohn auch
nicht gegeben, wider Johannes Lehre, da er spricht:
Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebor-
nen Sohn gab. Ferner, wenn er unsterblich geblieben
ist, so kann man nicht sagen, daß wir mit Gott durch
den Tod seines Sohnes versöhnt seien; dies wäre Pau-
lus zuwider, welcher sagt, daß wir mit Gott durch
den Tod seines Sohnes versöhnt seien. Man kann auch
nicht sagen, daß das Blut Jesu Christi, seines Sohnes,
uns von allen Sünden reinigt, sondern man kann nur
sagen, daß das Fleisch und Blut von Maria uns von
allen Sünden reinigt, was Johannes Lehre zuwider ist,
da er die Worte spricht, daß das Blut Jesu Christi, sei-
nes Sohnes, uns von allen Sünden reinigt; auch kann
man nicht sagen, daß Gott sein Kind Jesum erweckt
habe, denn wenn er nicht gestorben ist, so hat er ihn
auch nicht auferweckt, was mit Paulus Lehre streitet,
lTh 1; Apg 3. Wenn uns nun jemand fragen wollte, ob
wir glaubten, daß der Sohn Gottes verändert wäre,
so ist dieses unsere Antwort: Daß wir glauben, daß
der Sohn Gottes um unsertwillen so viel verändert sei,
daß er das geworden ist, was er nicht war, nämlich
der, welcher zuvor reich war, ist um unsertwillen arm
geworden, denn das Wort ward Fleisch, sodass man
es mit den Augen gesehen und mit den Händen be-
tastet hat, und der zuvor unsichtbar war, ist sichtbar
geworden, ist vom Tode auferstanden und dahin auf-
gefahren, wo er zuvor war, denn der herabgefahren
ist, ist derselbe, der aufgefahren ist, und sitzt zur Rech-
ten der Majestät in der Höhe, ist unser Fürsprecher
und Mittler, und lebt allezeit, um uns zu versöhnen.
Sieh, Freund, dadurch erkennen wir die Liebe, die
Gott an uns erwiesen hat, daß Jesus Christus sich
selbst um unsertwillen erniedrigt hat, geringer gewor-
den ist, als die Engel, und an Gestalt wie ein anderer
Mensch erfunden worden ist. Sieh, Freund, das ist die
Antwort auf das Wort, daß das Kind an Weisheit zu-
genommen habe, denn, als er wie ein anderer Mensch
geworden ist, wie Paulus lehrt, so ist er in allen Din-
gen seinen Brüdern gleich geworden. Nun wächst ein
anderer Mensch in der Weisheit auf; so erniedrigte
sich auch der Sohn Gottes, ist an unserer Statt bei Gott
seinem Vater Bürge geworden, hat unsere Sünden auf
sich genommen, und statt unserer für dieselben be-
zahlt, sodass er statt unserer Gebet und Flehen mit
starkem Geschrei und Tränen hat zu Gott geopfert,
der ihn von den Toten erretten konnte, nicht etwa,
Freund, als hätte er das Seligmachen für seine Person
nötig gehabt. Wollte uns nun jemand fragen, ob er
durch solche Menschwerdung, wie du hier bekannt
hast, seine Sohnschaft und die Einigkeit mit Gott nicht
verloren habe, so ist dieses unsere Antwort: Wir ha-
ben oben mit der Schrift erwiesen, daß Jesus Christus
vor allen Kreaturen Gottes Sohn gewesen sei, und daß
er bei dem Vater gewesen, ehe der Welt Grund gelegt
war, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit
ist; folglich hat er durch seine Menschwerdung die
Sohnschaft nicht verloren, denn der Vater hat Ihn, als
er Mensch war, noch für seinen Sohn erkannt, auch
hat Christus selbst gesagt, daß er Gottes Sohn sei; des-
gleichen auch Petrus, Mt 16, Johannes der Täufer, Na-
thanael, Martha, Thomas, haben ihn für ihren Herrn
und Gott erkannt; auch sagte Christus: Ich und der
Vater sind eins. Aus diesen Worten kann man wohl
verstehen, daß er durch seine Menschwerdung seine
erste Eigenschaft und Einigkeit nicht verloren habe,
denn der Sohn Gottes hat wohl Mensch werden kön-
nen, sodass er gestorben ist und gleichwohl Gott und
Gottes Sohn bleiben konnte.
Man liest von dem ersten Menschen Adam, welcher
ein Vorbild auf Christum war, daß ihn Gott von der
Erde gemacht habe, und daß Adam eine lebendige
Seele, Fleisch und Blut geworden ist, daß er leiden
und sterben konnte, und dennoch ist er Erde geblie-
ben, denn Gott sprach: Erde bist du, und zu Erde
sollst du werden. Abraham hat auch bekannt, daß er
Erde sei. Wenn man nun das Wörtlein Erde nennt,
so begreift man darunter alles, was Erde ist, und sei-
nen Ursprung von der Erde hat. Nun sind Adam und
Abraham, die da Erde waren, gestorben, und alle Men-
schen, die von der Erde sind, können auch sterben;
die Erde aber, worauf man geht, kann nicht sterben.
Gleichwohl sind sie beide Erde, und werden auch alle
unter dem Wörtlein Erde begriffen. Wenn man nun
das Wörtlein Gott nennt, so begreift man damit alles,
was Gott ist und alles, was seinen Ursprung aus Gott
und mit Gott hat, nämlich, mit dem Wörtlein Gott
wird Vater, Sohn und Heiliger Geist ausgedrückt. Nun
bezeugt die Schrift (wie wir oben weitläufig auseinan-
dergesetzt haben), daß der Sohn Gottes ein Mensch
geworden sei, sodass man Ihn gesehen hat, und er
gestorben ist, aber der Vater und der Heilige Geist
sind nicht gestorben; gleichwohl hat Gott die Welt
versöhnt, und hat seine Gemeinde durch sein Blut
457
erkauft, denn Gott ist offenbar im Fleisch. Lies Baruch
3; denn Gott ist des Menschen Heiland, lies Jes 43;
lTim 1; Tit 1. Wenn nun der Leib Christi von der Erde
wäre, worin unsere Versöhnung liegt, wie Petrus lehrt,
daß wir durch seine Wunden heil geworden seien,
und Jesaja, daß wir durch seine Wunden geheilt seien,
und Paulus, daß wir durch seinen Tod versöhnt sei-
en, so müsste dann die Erde unser Seligmacher sein
und nicht Gott; dann müsste Johannes nicht recht ge-
sagt haben, wenn er spricht, daß das Wort (welches er
Gott nennt) Fleisch geworden sei. Ehe wir aber dieses
glauben wollen, daß der Leib Christi von Maria Blut
sei, so wollen wir erst diese Worte in der Schrift von
Wort zu Wort klar bewiesen haben; erst dann wollen
wir nicht widersprechen, denn, wie die Schrift sagt,
so müssen wir glauben. Wenn aber jemand begehrt,
unsern Glauben anzunehmen, so wollen wir ihm von
Wort zu Wort beweisen, wo das geschrieben steht, das
ist, daß das Wort Fleisch geworden sei. Lebe wohl.
Lies es mit Verstand. Hermann Zimmermann.
Von Jan von Hasebroeck sind uns drei Briefe zu
Händen gekommen, welche wir auch zum Dienste
und Nutzen des Lesers hier beigefügt haben.
Der erste Brief von Jan von Hasebroeck an sein
Weib.
Die überfließende Gnade, Friede und Barmherzigkeit
Gottes, des himmlischen Vaters, samt der Liebe un-
sere lieben Herrn Jesu Christi, die er an uns durch
die Ausgießung seines heiligen und feuern Blutes an
dem Kreuzesholze bewiesen hat, wolle dich stark und
kräftig machen an dem inwendigen Menschen mit
seinem Worte und der Kraft seines Heiligen Geistes;
derselbe wolle dir viel Weisheit und Verstand geben,
damit du bestehen mögest zum Preise des Herrn und
zu deiner Seele Heil; das wünsche ich dir, mein liebes
und sehr wertes Weib und Schwester in Christo Jesu,
zum herzlichen Gruße, wie auch allen, die den Herrn
von Herzen fürchten, Amen.
Nebst herzlichem Gruße lasse ich dich wissen, mein
liebes und sehr wertes Weib, daß ich inwendig und
auswendig noch wohlauf sei, dem Herrn sei ewiges
Lob für seine große Gnade und Barmherzigkeit, wie
ich denn auch, durch des Herrn Gnade, das Vertrauen
habe, daß es mit dir, dem Auswendigen und Inwen-
digen nach, so bestellt sei wie es dem Herrn gefällt;
denn, meine Geliebteste, hätte es dem Herrn anders
gefallen, er hätte es bald so verordnet; darum laß uns
mit demjenigen zufrieden sein, was der Herr über uns
beschlossen hat, indem er weiß, was dir zur Seligkeit
dient. Ach, meine allerliebste Liebe! Ich berichte dir,
daß du meinem Herzen eine Arznei gewesen bist, als
ich dich neulich an dem Gitter sah; denn, gleichwie
ein Durstiger nach frischem Wasser sich sehnt, so war
mein Herz begierig, einmal dein Angesicht zu sehen.
Ach, mein liebes Weib! Könnte ich dich noch einmal
sehen, mit dir reden und Abschied von dir nehmen!
Aber, meine Geliebteste, der Herr hat mir nicht be-
fohlen, Abschied von meinen Freunden zu nehmen,
sondern daß ich ihm in Gehorsam der Wahrheit nach-
folgen soll. Ach, meine geliebtes Weib, die ich vor
Christo und seiner Gemeinde zur Gehilfin auf mei-
ner Wallfahrt geehelicht habe, über welche der Herr
mich zum Haupte und Schutzherrn gesetzt hat, dich
zu verpflegen und zu ernähren, wie meinen eigenen
Leib. Nun, meine Geliebteste, wenn ich meines Be-
rufes während der Zeit, daß wir beieinander waren,
nun nicht gut wahrgenommen und dich vielleicht in
einer Sache betrübt habe, so bitte ich dich freundlich
aus meines Herzens Grunde, du wollest es mir ver-
geben; ich habe den Herrn mit Tränen gebeten, daß
er es mir vergeben wolle. Ach, mein liebes Weib, al-
les, was du mir etwa zuwider getan hast, vergebe ich
dir von Herzen. Ach, mein liebes Weib, du hast mich
nicht beleidigt; aber ich habe mich selbst betrübt; dar-
um habe ich auch den Herrn gebeten, daß er es mir
vergeben wolle, und auch du, mein liebes Weib, bitte
den Herrn für mich, daß ich ein angenehmes Opfer
des Herrn werden möge, denn durch des Herrn Gna-
de hoffe ich mit unsern Mitbrüdern dir vorzugehen,
und dich unter dem Altäre zu erwarten. Ach, meine
Geliebteste, meine Herzensbitte an dich ist, daß du
allezeit würdig vor Gott und seiner Gemeinde wan-
deln wollest, wie du auch bisher getan hast, damit wir
am jüngsten Tage stehen und seine Stimme hören mö-
gen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt
das Reich, das euch von Anbeginn der Welt bereitet
ist. Auch sagte Christus: Fürchte dich nicht, du kleine
Herde, denn es ist meines Vaters Wohlgefallen, dir
sein Reich zu geben; desgleichen sagt Christus: Fürch-
tet euch nicht, denn die Haare eures Hauptes sind alle
gezählt. Meine Geliebteste, tröste dich mit dem Worte
des Herrn und den schönen Verheißungen Gottes, da-
mit du auf dem Wege des Herrn nicht matt werdest,
um der großen Verfolgung und Pein willen, die man
seinem Volke um seines Namens willen antut, denn er
sagt selbst: Fürchtet euch nicht vor denen die den Leib
töten, und nachher nichts mehr tun können, sondern
fürchtet euch vielmehr vor dem, der, wenn er getötet
hat, Macht hat, die Seele in die Hölle zu werfen; wie
auch der Prophet Jesaja gesagt hat: Fürchtet euch nicht
vor den Menschen oder den Menschenkindern, die
wie Heu vergehen. Darum, meine Geliebteste, fürch-
te dich nicht vor dieser Pein, denn Paulus sagt, daß
dieser Zeit Leiden nicht mit der Herrlichkeit zu ver-
458
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
gleichen sei, die an uns offenbar werden soll; auch
sagt Paulus an einem andern Orte: Wenn auch unser
äußerlicher Mensch verwest, so wird doch der inner-
liche von Tag zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal,
die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über
alle Maßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht
auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen,
denn was sichtbar ist, das ist vergänglich, was aber
unsichtbar ist, das ist ewig.
Ach, mein geliebtes Weib, meines Herzens Bitte
und Begehren ist, daß du dich allezeit zu denen hal-
ten wollest, die den Herrn fürchten, was ich auch zu
tun hoffe, damit wir dermaleinst Zusammenkommen
mögen, wo uns die Menschen nicht mehr scheiden
werden, und wo wir uns ewiglich bei dem Vater und
seinem Sohne erfreuen werden; wenn wir nur stand-
haft bleiben, so werden wir die Seligkeit erlangen.
Ach, mein liebes Weib, der Prophet Maleachi sagt,
daß ein Tag kommen werde, der wie ein Ofen brennen
soll; dann werden alle gottlosen Verächter wie Stroh
sein, und der Tag wird sie anstecken, und ihnen weder
Wurzel noch Zweig übrig lassen; euch aber, die ihr
meinen Namen fürchtet (sagt er), soll die Sonne der
Gerechtigkeit aufgehen, und Heil unter ihren Flügeln;
ihr werdet aus- und eingehen und Weide finden.
Siehe doch, mein liebes Weib, welch ein Unter-
schied zwischen denen sei, die Gott fürchten, und
denen die Gott nicht fürchten, denn der Apostel Pau-
lus an die Thessalonicher, im ersten Kapitel des zwei-
ten Briefes, sagt: Wenn der Herr Jesus sich offenbaren
wird, samt den Engeln seiner Kraft, und mit Feuer-
flammen, um Rache an denen auszuüben, die Gott
nicht erkannt haben und dem Evangelium unsers
Herrn Jesu Christi nicht gehorsam gewesen sind, wel-
che Pein leiden werden und das ewige Verderben vor
dem Angesichte seiner Kraft, da ihr Feuer nicht ver-
löschen, noch ihr Wurm sterben wird; sondern ihr
Rauch wird aufgehen von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Siehe, das wird ihr Lohn sein. Aber die Gott fürch-
ten, ihn lieben und seine Gebote halten (nach ihrer
Schwachheit), deren Lohn wird Leben und Friede
sein, gleichwie die Schrift hiervon genugsam Nach-
richt gibt; so sagt auch Paulus, daß niemals ein Auge
gesehen, noch ein Ohr gehört habe, oder in eines Men-
schen Herz gekommen sei, was Gott denen bereitet
hat, die ihn lieben.
Hiermit will ich meine Rede abkürzen, und dich
dem allmächtigen Herrn, dem Gotte Abrahams, dem
Gotte Isaaks und dem Gotte Jakobs anbefehlen, wel-
cher mich dir gegeben hat und (wie zuvor gemeldet
worden ist) mich dir zum Haupte gesetzt hatte, um
dich zu ernähren und zu versorgen, wie mein eige-
nes Fleisch, was ich auch während der Zeit, daß ich
bei euch war, nach meinem geringen Vermögen getan
habe; da ich aber nun dir entnommen bin, so befehle
ich dich, mein geliebtes Weib und Schwester in dem
Herrn, dem Gotte des Friedens, der dich mir gegeben
hat, und bitte ihn demütig, durch Jesum Christum,
seinen lieben und werten Sohn, daß er dich allezeit
mit meinen zwei kleinen Schäflein bis ans Ende in sei-
ner Wahrheit bewahren wolle. Ebenso bitte ich auch
dich, mein liebes Weib, aus meines Herzens Grunde,
daß du an meinen beiden Kindern das Beste tun wol-
lest, wie ich hoffe, daß du tun werdest. Ach, wie gern
wollte ich noch mein Bestes daran wenden, wenn es
dem Herrn gefiele! Meine Geliebteste, ich habe ver-
nommen, daß du mir einen Brief gesandt hast, aber
ich habe ihn nicht empfangen; darum, wenn du mir
etwas entbieten willst, so rede mit N. und frage sie,
ob sie nicht jemand wüsste, der nach dem gemeinen
Stein gehen, und nach dem Schwager in der Walkers
Hause fragen wollte, denn wenn du ihm das mir Mit-
zuteilende vorsichtig in die Hände geben kannst, so
hoffen wir, solches wohl zu erlangen, darum gehe da-
mit vorsichtig zu Werke, und sende nichts, ohne mit
andern zu reden, damit es zu passender Zeit gesche-
hen möge und desto weniger Aufsehen mache, denn
wir haben um eines Briefes willen, der von Außen
kam, große Not ausgestanden, worin uns mitgeteilt
war, sie hätten zwei von unsern Briefen empfangen;
dieser Brief ist in des Kerkermeisters Hände geraten,
welcher ganz wütend über uns war, das wir geschrie-
ben hätten. Darum, meine liebste Liebe, wenn du mir
etwas schreiben willst, so melde nicht, daß du einen
Brief von mir empfangen habest, wenn du aber diesen
Brief von mir empfangen hast, und mir einen anderen
sendest, so setze das Zeichen unter deinen Brief, das
unter diesem steht; daran werde ich erkennen, daß
du meinen Brief empfangen hast, und wenn du mit
meinem Bruder redest, so grüße ihn sehr, und sage
ihm, daß er mit Noah in den Kasten gehe, damit ihn
die Sündflut, der Zorn Gottes, nicht überfalle, und
daß er mit Lot aus Sodom gehe, ohne zurückzuse-
hen, wie Lots Weib, welche denen, die in späteren
Zeiten ungöttlich wandeln würden, ein Beispiel gege-
ben worden ist; denn Christus sagt: Wer seine Hand
an den Pflug legt, und sieht zurück, der ist nicht tüch-
tig zum Reiche Gottes. Hiermit sollst du ihn auch von
mir sehr grüßen; ich grüße auch alle, die nach mir fra-
gen, insbesondere meinen gewesenen Meister, auch
meinen Landsmann und seine Frau, und die Frau,
welche den vorigen Tag bei uns war, und ferner auch
dich, meine Geliebteste, die ich auf Erden weiß, ja,
die ich wie mein eigenes Leben liebe, denn der Herr,
der reich ist von Barmherzigkeit, weiß es, daß mir das
irdische Leben nicht so am Herzen liegt.
459
Ach, meine Geliebteste, bleibe dem Herrn und dem
Worte seiner Gnade anbefohlen, samt allen, die Gott
fürchten, Amen.
Geschrieben von mir, Jan von Hasebroeck, deinem
Manne und schwachen Bruder in Christo.
Der zweite Brief von Jan Hasebroeck.
Die überfließende Gnade und Friede sei mit dir von
Gott dem himmlischen Vater, durch Jesum Christum,
seinen vielgeliebten und werten Sohn, unsern Herrn,
durch welchen wir unsere Seligkeit erwarten; er wol-
le dich durch seinen Geist kräftig und stark machen,
und dich in all deiner auswendigen und inwendi-
gen Trübsal und deinen Anfechtungen trösten, damit
du fest und unbeweglich in seiner Wahrheit stehen
bleiben mögest, zu seinem Preise und deiner Seelen
Seligkeit, bis an das Ende deines Lebens; solches wün-
sche ich dir, mein vielgeliebtes und wertes Weib und
Schwester in dem Herrn, zum freundlichen Gruße
und Abschiede in Christo Jesu, Amen.
Nebst herzlichem Gruße, mein vielgeliebtes und
wertes Weib, lasse ich dich wissen, daß ich, dem Flei-
sche nach, noch ziemlich wohlauf bin, dem Herrn sei
ewiges Lob gesagt für seine Gnade; auch ist das Ge-
müt noch immer bereit, bei demjenigen zu beharren,
was ich bezeugt und vor den Herren der Finsternis
dieser Welt bekannt habe, hoffe auch durch des Herrn
Gnade solches mit meinem Blute und Tode zu ver-
siegeln, damit ich Unwürdiger die Verheißung erlan-
gen möge, wenn er sagt: Wer sein Leben verliert um
meinet- und des Evangeliums willen, der wird es er-
halten, und wer mich vor den Menschen bekennt, den
will ich auch vor meinem himmlischen Vater beken-
nen.
Darum, meine allerliebste Liebe, sei wohlgemut,
tröste dich allezeit, und laß dich trösten mit des Herrn
Worten, und betrübe dich nicht so sehr über das, was
doch des Herrn Werk und Wille ist, denn er wirkt
alle Dinge nach dem Rate seines Willens, und nie-
mand ist jemals des Herrn Ratgeber gewesen. Mein
sehr geliebtes und wertes Weib und Schwester in dem
Herrn, wir, die wir in der ganzen Zeit, seit uns der
Herr zusammengefügt, eine geringe Freude mitein-
ander hatten, müssen nun mit Betrübnis voneinander
scheiden, aber wir wissen ja, daß uns der Herr hier
nichts anderes zugesagt hat, als Verfolgung und Trüb-
sal, wie auch Christus zu seinen Jüngern gesagt hat,
indem er spricht: Ihr werdet heulen und weinen, aber
die Welt wird sich freuen, ihr aber werdet traurig sein,
doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt wer-
den; auch sagt Christus: In der Welt habt ihr Angst,
aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden; des-
gleichen sagt er auch: Selig seid ihr, die ihr hier weint,
denn ihr werdet lachen, wehe aber denen, die jetzt
lachen, denn sie werden noch weinen; ferner sagt er
an einem andern Orte: Selig sind die Traurigen, denn
sie sollen getröstet werden.
So tröste dich denn nun, mein sehr geliebtes und
wertes Weib und Schwester in dem Herrn, mit diesen
schönen Worten und Verheißungen Christi, welche
zum Teile dir auch zukommen, denn daß du betrübt
worden bist, darum bist du göttlich betrübt worden;
auch sagt Paulus: Die göttliche Traurigkeit wirkt zur
Seligkeit eine Reue, die niemand gereut; aber die Trau-
rigkeit dieser Welt wirkt den Tod.
Ach, mein liebes Weib! Paulus sagt an einem andern
Orte, daß unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist,
uns eine ewige, über die Maßen wichtige Herrlichkeit
schafft, die wir nicht auf das, was sichtbar ist, sondern
auf das, was imsichtbar ist, unser Augenmerk richten;
denn was sichtbar ist, das ist vergänglich, was aber
unsichtbar ist, das ist ewig; dieser Zeit Leiden ist der
Herrlichkeit nicht wert, die an uns offenbart werden
soll, wie denn der Apostel sagt, daß kein Auge gese-
hen, kein Ohr gehört habe, noch in eines Menschen
Herz gekommen sei, was Gott denen bereitet hat, die
ihn lieben. Darum, mein sehr geliebtes und wertes
Weib und Schwester in dem Herrn, sei doch wohlge-
mut, weil wir für dieses geringe und zeitliche Leiden
solche schönen Verheißungen haben, erweise dich in
deiner Trübsal und zeitlichen Leiden geduldig, anhal-
tend im Gebete, leidsam in der Hoffnung und warte
mit Geduld auf die Zeit deiner Erlösung, wovon ich
dir durch des Herrn Gnade ein Beispiel und Vorbild
zu sein und mit meinem Gott über die Mauern zu
springen hoffe, gleichwie ich Christo, meinem Bräuti-
gam, entgegen gehen möge, gleichwie er mich dazu
eingeladen hat; ich will dich unter dem Altäre des
Herrn erwarten, wo alle Auserwählten Gottes ruhen
werden, bis die Zahl ihrer Mitbrüder erfüllt sein wird,
die noch um des Zeugnisses Jesu willen, gleichwie
wir, getötet werden sollen.
Darum, mein sehr geliebtes und wertes Weib und
Schwester in dem Herrn, erwarte doch allezeit den
Herrn, deinen Gott in Geduld, wie die klugen Jung-
frauen taten, welche Ol in ihren Gefäßen hatten und
bereit waren, mit ihrem Bräutigam einzugehen, wo-
zu wir alle, die wir an Christum glauben, berufen
sind, damit wir mit ihm das Abendmahl halten; denn
Christus sagt selbst, Mt 24,46: Selig sind die Knech-
te, welche ihr Herr, wenn er kommt, wachend findet;
wahrlich, ich sage euch, er wird sich aufschürzen, und
wird sie zu Tische setzen, und ihnen dienen.
Darum, mein liebes Weib und Schwester in dem
Herrn, sei doch allezeit wohlgemut, tröste dich mit
460
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
des Herrn Worten, sei leidsam und geduldig in dem,
das der Herr über dich beschlossen hat, obgleich er
dich jetzt mit Trübsal, Leiden oder Armut heimsucht:
bedenke, daß Christus (als er reich war) um unseret-
willen arm geworden sei, damit er uns, die wir arm
waren, durch seine Armut reich machte; auch sagt
Jakobus, daß Gott die Armen auf dieser Welt erwählt
habe, die am Glauben reich und Erben des Reiches
sind, welches er denen verheißen hat, die ihn lieb
haben.
Ach, mein liebes Weib, denke an den alten Tobi-
as; denn als er aller seiner Güter beraubt war, und
mit seinem Weibe und Sohne fliehen musste, sagte
er: Fürchte dich nur nicht, mein Sohn; wir sind zwar
arm, aber wir werden viele Güter haben, wenn wir
den Herrn fürchten, seine Gebote halten, die Sünde
meiden und Gutes tun.
Darum, mein sehr geliebtes und wertes Weib und
Schwester in dem Herrn, sagt auch Christus im Evan-
gelium: Fürchtet nicht, die den Leib töten, und nach-
her nichts mehr tun können; aber ich will euch zeigen,
wen ihr fürchten sollt; fürchtet den, der, nachdem er
getötet hat, auch Macht hat, Leib und Seele in die
Hölle zu werfen; und an einem andern Orte: Fürchte
dich nicht, du kleine Herde, denn es ist eures Vaters
Wohlgefallen, euch das Reich zu geben; so sagt auch
der Prophet Jesaja: Fürchtet euch nicht vor den Men-
schen oder Menschenkindern, die wie Heu vergehen
müssen, denn alles Fleisch ist wie Gras, und seine
Herrlichkeit wie eine Blume auf dem Felde; das Gras
ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen, aber das
Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit.
Ferner, mein sehr geliebtes und wertes Weib und
Schwester in dem Herrn, laß ich dich wissen, daß
es mir eine große Freude war, zu vernehmen, daß
du in deiner Trübsal so wohlgemut bist, und daß
du uns vier dem Herrn übergeben hast, worüber ich
mich freue und den Herrn von Herzen bitte, daß er
dich stark und kräftig machen und dir seinen göttli-
chen Geist zum Tröster und Geleitsmann geben wol-
le, denn es ist jetzt die Zeit, von der Christus gesagt
hat, Mt 24,24 , daß viele falsche Propheten und falsche
Christi aufstehen werden, daß, wenn es möglich wäre,
auch die Auserwählten verführt würden.
So sieh dich denn wohl vor, meine sehr geliebte und
werte Hausfrau, daß dich niemand durch die Philo-
sophie und lose Verführung nach der Menschenlehre,
und nach der Welt Satzungen beraube, damit du nicht
umsonst gearbeitet, sondern deinen Lohn empfangen
mögest, und dir niemand deine Krone nehme. So füh-
re denn allezeit deinen Wandel im Himmel, von wo
wir unsem Heiland, Christum Jesum, unsem Herrn
erwarten, welcher unsere nichtigen Leiber verklären
wird, damit er sie dem Leibe seiner Klarheit gleiche
mache. Hiermit will ich dich, meine sehr geliebte und
werte Frau, und meine beiden Kinder, dem Herrn an-
befehlen, und dir gute Nacht sagen, bis wir endlich
wieder Zusammenkommen, wo uns Menschen nicht
mehr scheiden werden.
Der Apostel sagt, daß der Herr selbst mit einem
Feldgeschrei und der Stimme des Erzengels vom Him-
mel kommen werde, und die Toten in Christo werden
zuerst auferstehen; darnach wir, die wir leben und
überbleiben, werden zuerst mit denselben hingerückt
werden, in den Wolken, dem Herrn entgegen, und
werden also bei dem Herrn sein allezeit; dann wer-
den uns die Menschen nicht mehr trennen. Ach, mein
geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, hiermit
sage ich gute Nacht und befehle dich dem Herrn und
dem Worte seiner Gnade; der Friede Gottes, welcher
höher ist als alle Vernunft, bewahre dein Herz. Gu-
te Nacht, mein liebes Weib, grüße mir sehr, die nach
mir fragen, insbesondere meinen Bruder, und sage
ihm gute Nacht, gute Nacht. Ach, gute Nacht, mein
liebes und sehr wertes Weib; Jan Kaufmann und Hans-
ken lassen dich herzlich grüßen, und sagen auch gute
Nacht, Amen.
Der dritte Brief von Jan Hasebroeck.
Die überfließende Gnade, Friede und Barmherzigkeit
Gottes, des himmlischen Vaters, durch Jesum Chris-
tum, seinen vielgeliebten und werten Sohn, unsem
Herrn, müsse sich bei dir vermehren, samt der Kraft
und Gemeinschaft des Heiligen Geistes; er wolle dich
stärken, trösten und kräftig machen an dem inwendi-
gen Menschen, damit du zu deinem Preise und deiner
Seelen Heil in seiner Wahrheit fest und unbeweglich
stehen bleiben mögest, bis an das Ende deines Lebens;
das wünsche ich dir, meine sehr geliebte und werte
Hausfrau und Schwester in dem Herrn, zum herzli-
chen und freundlichen Gruße, Amen.
Nebst einem herzlichen Gruße, meine vielgeliebte
und werte Hausfrau, lasse ich dich wissen, daß ich
dem Fleische nach noch wohl auf sei; der Herr müsse
für seine Gnade ewig gelobt sein, und daß mein Ge-
müt noch unverändert sei, in demjenigen zu beharren,
was ich (Unwürdiger) in seinem Namen bezeugt und
bekannt habe; ich hoffe solches mit meinem Blute zu
versiegeln, habe auch das Vertrauen zum Herrn, daß
er mir in meiner letzten Not helfen werde, denn Pau-
lus sagt, Hebr 2, worin er gelitten hat, kann er helfen
denen, die darin versucht werden. Ach, habe auch das
Vertrauen zum Herrn, daß er mir in meiner mein sehr
geliebtes und wertes Weib! Wisse, daß ich mich zum
Teil erfreut, zum Teil aber betrübt habe, als ich gehört.
461
wie es um dich steht, denn um deiner Krankheit wil-
len war ich betrübt, und als ich wieder vernahm, daß
du in deiner Trübsal und Leiden so wohlgemut wärest,
freute ich mich wieder sehr und dankte dem Herrn
für seine große Gnade und Barmherzigkeit, bitte ihn
auch aus meines Herzens Grunde demütig durch Je-
sum Christum, seinen lieben Sohn, daß er dich trösten,
stärken und kräftig machen und dich allezeit in seiner
Wahrheit bis an das Ende deines Lebens leiten wolle.
Ach, mein vielgeliebtes und wertes Weib! Sei allezeit
guten Muts und denke, daß wir durch viel Leiden und
Trübsal ins Reich Gottes eingehen müssen, wie alle
frommen, gottesfürchtigen Männer, die vor unsern
Zeiten gewesen sind, wie denn auch Paulus, Hehr 11,
erzählt, daß sie Verspottung, Geißel, Steinigung, ja,
Bande und Gefängnis erlitten haben, und durch das
Schwert getötet worden sind, daß sie Trübsal und Un-
gemach erlitten und in Pelzen und Ziegenfellen in der
Wüste umhergegangen sind, und daß sie sich in die
Höhlen der Erde haben verbergen müssen. Darum,
mein liebes Schaf, erfreue dich nun mit allen From-
men, von welchen Paulus sagt, daß sie den Raub ih-
rer Güter mit Freuden erduldet haben, und daß alle,
die gottselig leben wollen in Christo Jesu, Verfolgung
leiden müssen. Christus sagt selbst: Haben sie mich
verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen, haben sie
mein Wort gehalten, so werden sie das eure auch hal-
ten, ja, haben sie den Hausvater Beelzebub geheißen,
um wie viel mehr denn seine Hausgenossen.
Ach, mein geliebtes und wertes Weib in dem Herrn!
Es hat uns zwar der Herr mit Trübsal und Leiden
heimgesucht, dennoch ist es uns, wie Paulus sagt,
nicht allein gegeben an seinen Namen zu glauben, son-
dern auch um seines Namens willen zu leiden, und
gleichwie des Leidens Christi viel über uns kommt, so
werden wir auch reichlich getröstet durch Christum.
Ach, meine vielgeliebte und werte Hausfrau! Nimm
doch des Herrn Züchtigung gutwillig auf, denn er
züchtigt einen jeden, den er lieb hat und stäupt einen
jeden Sohn, den er aufnimmt; alle Züchtigung aber,
wenn sie da ist, dünkt uns nicht Freude, sondern Trau-
rigkeit zu sein; aber nachher wirkt sie denen eine fried-
same Frucht der Gerechtigkeit, die dadurch geübt
sind.
Ach, mein geliebtes und wertes Weib! Hiermit will
ich dich dem Herrn anbefehlen, bitte dich freundlich
aus meines Herzens Grunde, daß du an meinen zwei
Schäflein keinen Fleiß sparen wollest, denn ich habe
das Vertrauen zu dir, daß du tun werdest, wie du
mir versprochen hast; ich bitte dich auch freundlich,
wenn dir der Herr das Leben so lange fristet, bis sie zu
ihrem Verstände kommen, daß du sie im Gehorsam
der Wahrheit unterweisest, und daß ihr euch allezeit
zu denen halten wolltet, die Gott fürchten, damit wir
und sie alle am jüngsten Tage zur rechten Hand des
Herrn stehen und seine Stimme hören mögen: Kommt
her, ihr Gesegneten meines Vaters, und ererbt das
Reich, welches euch von Anfang der Welt bereitet ist.
Ach, mein vielgeliebtes und wertes Weib und
Schwester in dem Herrn! Hiermit befehle ich dich
dem allmächtigen Herrn und dem Worte seiner Gna-
de, und sage gute Nacht, mein liebes Weib! Gute
Nacht; der Friede des Herrn sei mit dir, und allen,
die den Herrn fürchten. Jan Kaufmann und Hansken
lassen dich sehr grüßen, auch lässt Jan Kaufmann
sein Weib sehr grüßen; er und der Hansken sind noch
wohlgemut, Amen.
Geschrieben von mir, Jan von Hasebroeck, deinem
Manne und schwachen Bruder in dem Herrn.
Dirk Andrieß, 1569.
Dirk Andrieß, ein frommer und gottesfürchtiger Bru-
der, wurde zu Zierikzee im Jahre unsers Herrn 1569
verhaftet. Alls er nun in allen Anfechtungen und Lei-
den standhaft bei der Liebe Christi blieb, ist er endlich
als ein Ketzer zum Tode verurteilt worden, und hat so
in der Nachfolge Christi, der für ihn des bittern Todes
gestorben war, auch um des Herrn willen gern sein
zeitliches Leben in den Tod übergeben, um mit Ihm
das ewige Leben zu erlangen.
Jakob de Roore, oder der Kerzengießer, und
Hermann von Blekwyk werden beide, um des
Zeugnisses Jesu Christi willen, zu Brügge in
Flandern an Pfählen lebendig verbrannt, den 10.
Juni des Jahres 1569.
Die liebliche und gesegnete Landschaft Flandern war
in und um das Jahr 1569 wie eine grausame Mord-
grube, worin man sich nicht scheute, die auserwähl-
ten Freunde und Nachfolger Jesu Christi vom Leben
zum Tode zu bringen, ja, auf die allergrausamste und
schrecklichste Weise, nämlich mit Feuer und Flam-
men, ihres Lebens zu berauben, und das zum Jammer
und Herzeleid vieler, die damals lebten und solches
mit weinenden Augen angesehen haben.
Dieses ist unter vielen andern an zwei tapferen Hel-
den und Kämpfern Jesu Christi zu ersehen, von denen
der eine Jakob de Roore, oder der Kerzenmacher ge-
nannt wurde; derselbe war Lehrer unter der Gemein-
de, ein sehr gottesfürchtiger, verständiger freundli-
cher und wohlberedter Mann, der sich nicht gefürch-
tet hat, die Herde Jesu mit Gefahr seines Lebens auf
die grüne Weide der wahren evangelischen Lehre,
wiewohl in Büschen und Wildnissen, zu leiten und
462
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
zu weiden; der andere wurde Hermann von Blekwyk
genannt, welcher zwar nur ein Mitglied, doch gleich-
wohl von keinen geringen oder schlechten Gaben ge-
wesen.
Diese wurden zu Brügge, welches eine von den
Städten in Flandern ist, gefänglich eingebracht, wo
sie viele harte und schwere Marter und Anfechtun-
gen von den Papisten ausgestanden haben, welche sie
vom Glauben abzubringen suchten.
Weil sie aber auf den unbeweglichen Eckstein Chris-
tum Jesum gegründet waren, so ist ihr Glaubensge-
bäude auch unerschütterlich geblieben, sodass sie kei-
neswegs bewegt oder davon abfällig gemacht werden
konnten.
Deshalb hat die Obrigkeit dieses Ortes, durch die
römischgenannten Geistlichen angetrieben, ihnen das
Urteil gefällt, und sie beide zum Tode verurteilt, daß
sie nämlich mit brennendem Feuer hingerichtet und
an Pfählen zu Asche verbrannt werden sollten, wel-
ches Urteil auch an ihnen den 10. Juni 1569 vollzogen
ist. Darüber ist dieser Vers gemacht:
Den 10. Juni 1569,
Hat beides, Jakob und Hermann, sein Leben einträchtig
Zu Brügge gegeben zum Opfer im Brand,
Da sie der Welt Gottes Wort freudig bekannt.
Von diesen beiden aufgeopferten Kindern Gottes
sind noch zwei Disputationen vorhanden, welche ein
Mönch, Bruder Cornelius genannt, an jenem Orte mit
ihnen gehalten hat, welche wegen der klugen, ver-
ständigen und vorsichtigen Antworten dieser zwei
Freunde wohl wert sind, hier beigefügt zu werden.
Disputation zwischen Jacob Kerzengießer und M.
Bruder Cornelius, Predigermönch von den grauen
Brüdern, in Gegenwart des M. Jan von Damme,
Notarius, und M. Michael Houwaart, Schreiber des
Blutgerichts, den 9. Mai 1569.
Bruder Cornelius: Wohlan, ich komme hierher, um zu
sehen, ob ich dich (ist nicht dein Name Jacob) von dei-
nem falschen, bösen Glauben belehren könne, worin
du verirrt bist, und ob ich dich zu dem katholischen
Glauben, unserer Mutter, der heiligen römischen Kir-
che, wovon du zu der verdammten Wiedertaufe ab-
gefallen bist, zurückführen könne; was sagst du denn
nun hierzu?
Jacob: Mit Erlaubnis; daß ich einen bösen, falschen
Glauben haben soll, dazu sage ich nein; daß ich aber
durch Gottes Gnade von eurer babylonischen Mutter,
der römischen Kirche, abgefallen und zu den Glie-
dern oder der wahren Gemeine Christi übergetreten
bin, das erkenne ich und danke Gott dafür, der ge-
sagt hat: Geht aus von ihr, mein Volk, damit ihr ihrer
Sünden nicht teilhaftig werdet, und ihre Plagen nicht
empfangt, Offb 18.
Bruder Cornelius: Ja, ist das wahr? Ei, ei, nennst
du denn unsere Mutter, die heilige römische Kirche,
die babylonische Hure? Ja, nennst du die höllische,
teuflische Sekte der Wiedertäufer die Glieder, oder die
wahre Gemeine Christi? Ei, hört doch einmal diesen
braven Gesellen. Ei, welcher Teufel hat dich dieses
gelehrt? Dein verdammter Menno Simon, denke ich;
ja, laufe und betrüge dich selbst. Ei, seht doch.
Jacob: Mit Erlaubnis, du redest sehr verkehrt; es war
ja dem Menno Simon nicht nötig, zu lehren, daß die
babylonische Hure deine Mutter, die römische Kirche,
bedeute, denn Johannes in seiner Apokalypsis oder
Offenbarung lehrt uns das zur Genüge im 14., 16., 17.
und 18. Kapitel.
Bruder Cornelius: Ei, welche Begriffe hast du denn
von St. Joh. Offenbarung, auf welcher hohen Schu-
le hast du denn wohl studiert? Auf dem Webstuhle,
denk ich wohl, denn wie ich höre, so bist du ja nur ein
armer Weber und Kerzengießer gewesen, ehe du so
umhergelaufen bist, draußen im Grützhausbusche zu
predigen und wiederzutaufen; ich aber bin so lange
zu Leuven in der Schule gewesen, und habe so lange
die Gottesgelehrtheit studiert, und gleichwohl verste-
he ich die Offenbarung Johannes ganz und gar nicht,
das ist wahr.
Jacob: Darum hat Christus seinem himmlischen Va-
ter gedankt, weil er es den Einfältigen offenbart und
zu erkennen gegeben, vor den Klugen dieser Welt es
aber verborgen gehalten hat, wie bei Mt 11 steht.
Bruder Cornelius: Ei, ja wohl, Gott hat solches den
Webern auf dem Webstuhle, den Schuhflickern auf
ihrem Schuhflickerstuhle, den Blasbalgflickern, den
Laternenflickem, Scherenschleifern, Besenmachern,
Strohdeckern und allerlei Lumpenpack und armen
lausigem Heckengesindel offenbart, aber uns geistli-
chen Klosterleuten, die von Jugend auf Tag und Nacht
studiert haben, hat er es verborgen; seht doch einmal,
wie man uns quält; ja, ihr Wiedertäufer seid gewiss
die rechten Gesellen, die Heilige Schrift zu verstehen,
denn ehe ihr euch wiedertaufen lasst, kennt ihr kein
A vor einem B, sobald ihr aber getauft seid, könnt ihr
lesen und schreiben; ei, hat nicht der Teufel und seine
Mutter sein Spiel mit euch, so verstehe ich solches
nicht.
Jacob: Ich höre wohl, daß du unsere Art und Weise
nicht verstehst, denn die Gnade, die Gott der Herr
unsern einfältigen Neugetauften verleiht, wenn wir
sie mit allem Fleiße lesen lehren, schreibst du dem
Teufel zu.
463
Bruder Cornelius: Ei, seht doch einmal, diese Ket-
zer sind so verwegen, daß sie sich die Gnade Gottes
zuschreiben; unsere Mutter aber, die heilige katholi-
sche römische Kirche, halten sie für die babylonische
Hure; ist das nicht eine seltsame Gnade Gottes? Ei ja,
ihr habt die Gnade von dem leibhaftigen höllischen
Teufel; aber was soll ich hiervon sagen? Hältst du un-
sere Mutter, die heilige katholische römische Kirche
für die babylonische Hure, so kann ich wohl denken,
was ihr von unserm heiligen Vater, dem Papste, als
Gottes Statthalter haltet; wohlan, laß es uns einmal
hören.
Jacob: Ich halte den Papst für Gottes Statthalter,
denn er hat Gottes Stätte inne, gleichwie Paulus von
ihm im zweiten Brief an die Thessalonicher, Kap 2,
schreibt: Lasst euch von niemand verführen in keiner-
lei Weise, denn er kommt nicht, es sei denn, daß zuvor
der Abfall komme, und offenbar werde der Mensch
der Sünde, und das Kind des Verderbens, der da ist
ein Widerwärtiger, und sich erhebt über alles, was
Gott oder Gottesdienst heißt, sodass er sich selbst in
den Tempel Gottes setzt als ein Gott, und vorgibt, er
sei Gott. Gedenkt ihr nicht daran, daß ich euch solches
sagte, als ich noch bei euch war?
Bruder Cornelius: Still, still, es ist genug gepredigt,
du bist hier nicht in dem Grützhausbusche, auch sitze
ich nicht hier, eine Predigt anzuhören; ei du verma-
ledeiter Wiedertäufer! Willst du so die Weissagung
St. Paulus auf unsern heiligen Vater, den Papst, bezie-
hen; ja, einen Dreck in dein Maul, ei, hört doch diesen
verfluchten Ketzer einmal, wie er St. Paulus versteht;
darunter versteht St. Paulus den Antichrist, das ist
wahr.
Jacob: Ich glaube es auch, daß Paulus den Antichrist
darunter versteht; aber tut nicht der Papst zu Rom in
der Tat die Werke des Antichristen? Gebeut er euch
nicht, daß ihr nicht heiraten sollt? Gebeut er nicht, die
Speise zu meiden, die Gott erschaffen hat, damit sie
die Gläubigen mit Danksagung nehmen, wie Paulus
1 Tim 4 schreibt?
Bruder Cornelius: Ei, der Teufel sitzt dir im Hal-
se, ja, der Teufel und seine Mutter spielt mit deinem
Maule, der du alle heilige Schriften so auf deinen ket-
zerischen Sinn zu beziehen und auf deinem Daumen
zu drehen weißt; aber warte nur eine Weile, ich will
dir wohl beweisen, daß unser heiliger Vater, der Papst,
Gottes Statthalter sei, denn sagt nicht Christus zu St.
Peter: Nähre, weide oder speise meine Schafe, und
daß er auf ihn seine Kirche bauen wolle? Gab er nicht
auch St. Peter den Schlüssel des Himmels, und alle
priesterliche Macht, die Sünden zu lösen, zu binden,
oder zu vergeben und zu behalten? Ei, sitzen nun
nicht auf dem selben Stuhle die heiligen Päpste, als St.
Peters Nachfolger oder Nachkömmlinge, und haben
auch den selben Befehl und die priesterliche Macht
der Schlüssel des Himmels, die Sünde durch die Erlas-
sung nach der Beichte zu vergeben oder zu behalten?
Laß hören.
Jacob: Christus sagt, daß er auf diesen Stein (das ist
gesagt, auf denselben Glauben, den Petrus bekannt
hat) jene Gemeinde bauen wolle; auch sagt er nichts
von einem Stuhle oder Statthalter, oder von Nach-
folgern oder Päpsten, oder von ihrer priesterlichen
Macht.
Bruder Cornelius: Sagt er denn nichts von den
Schlüsseln des Himmels und von dem Lösen und Bin-
den? Ei, wäre nun kein Papst, oder Hohepriester, oder
Unterpriester, wer sollte denn wohl die Vollmacht ha-
ben, Beichte zu hören, zu absolvieren oder die Sünde
zu vergeben? Ich gedenke Bierhändler, Straßenfeger
oder Dreckkarrner.
Jacob: Christus ist unser eigener, wahrer Hohepries-
ter, wie Paulus an die Hebräer im 2., 3., 5., 6., 7., 8.
Und 9. Kapitel schreibt.
Bruder Cornelius: Ei, ja, da kommst du mir eben
recht, denn wenn das St. Paulus Meinung gewesen
wäre, daß nach Christo kein anderer hoher noch ge-
meiner Priester sein sollte, ei, warum sagt er denn im
ersten Briefe an die Korinther, Kap. 4: Ich will, daß ein
jeder uns für Christi Priester über Gottes Sakramente
halte? Das ist, das Sakrament des Altars zu bedienen,
gleichwie auch das Sakrament der Taufe, das Sakra-
ment der Firmung, das Sakrament der Ölung, das Sa-
krament des Ehestandes, das Sakrament der Beichte,
Absolution und Buße, und das Sakrament der Pries-
terweihe, der Salbung und Heiligung. Wohlan, was
hältst du nun von dem Priesterorden oder von dem
Sakramente des Priesterstandes? Laß es uns hören.
Jacob: Nebst Christo sind wir Gläubige in Christo
sämtlich Priester, nach den Worten Petrus, ersten Brief,
Kap 2, wo er zu den Gläubigen in Christo sagt: Ihr
aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche
Priestertum, das heilige Volk. Ferner, Offb 1, Christus
der uns geliebt und uns von den Sünden mit seinem
Blute gewaschen hat, hat uns zu Königen und Pries-
tern gemacht, vor Gott, seinem Vater. Ferner, Offb 5,
denn du bist erwürgt, und hast uns Gott mit deinem
Blute erkauft aus allerlei Geschlechte und Zungen
und Volk und Heiden, und hast uns unserm Gott zu
Königen und Priestern gemacht.
Bruder Cornelius: Ei, halt, halt! Nun fängst du
wieder an zu predigen, tust du nicht? Ja, schweige,
oder antworte auf dasjenige, was St. Paulus, IKor 4,
schreibt: So will ich nun, daß jedermann uns für Pries-
ter Christi über Gottes Sakramente halte. Ei, ja, ant-
worte mir nun einmal darauf und betrüge dich selbst;
464
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ei, sehe doch.
Jacob: Mit Erlaubnis, Paulus schreibt solches nicht
so, wie du sagst, deshalb kann man auch nicht darauf
antworten.
Bruder Cornelius: O du verdammter und vermale-
deiter Wiedertäufer, der du bist, ich sollte ja wohl bei
den Heiligen schwören dürfen, daß St. Paulus solches
so schreibt, wie ich sage; ei, wohlan, was sagt ihr mir
nun von diesem verfluchten höllischen, teuflischen
Ketzer?
Jacob: Gott der Herr vergebe dir solch Richten und
Verfluchen, und rechne dir solches nicht zu zu deinem
eigenen Gerichte. Auch sagt Christus, Mt 5: Du sollst
durchaus nicht schwören, sondern deine Worte sollen
sein: Ja, ja, nein, nein.
Bruder Cornelius. Ei, das ist so zu verstehen, daß
man keinen falschen Eid schwören soll; dasjenige,
worüber ich schwören wollte, ist wahr; aber ihr Wie-
dertäufer habt auch solchen Wahn, wie ich höre, daß
ihr unter keinen Umständen einen Eid schwören wollt.
Ei, welch ein lausiger Wahn ist das? Ich wollte ja gern
hören, warum man keinen guten Eid sollte schwören
dürfen?
Jacob: Weil Christus, Mt 5, sagt: »Ihr habt gehört, daß
zu den Alten gesagt ist, du sollst keinen falschen Eid tun,
und sollst Gott deinen Eid halten ; ich aber sage euch, daß
ihr allerdings nicht schwören sollt; weder bei dem Himmel,
denn er ist Gottes Stuhl, noch bei der Erde, denn sie ist
seiner Füße Schemel; eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein,
was darüber ist, das ist vom Bösen;« desgleichen sagt
auch Jakobus, Kap 5: »Vor allen Dingen schwört nicht,
meine Brüder, weder bei dem Himmel, noch bei der Erde,
noch mit einem andern Eide; es sei aber euer Wort ja, das
ja ist, und nein, das nein ist, damit ihr nicht ins Gericht
fallt.«
Bruder Cornelius: Ist das wahr? So willst du denn
hierin St. Jakobus folgen? Aber was er in demselben
Kapitel von dem Sakrament der Ölung sagt, wenn er
spricht: Ist jemand krank, der rufe zu sich die Ältesten
der Gemeinde, und lasse sich salben; und ferner, was
er in demselben Kapitel von dem Sakramente der
Beichte sagt, darin wollt ihr Ketzer ihm nicht folgen.
Ich habe dich ja ein oder zweimal gefragt, was du von
der Beichte und von der Macht der Absolution oder
dem Vergeben und Behalten der Sünden hältst, aber
du antwortest mir nichts darauf.
Jacob: Du antwortest dir selbst, wenn du sagst: Wer
sollte denn die Macht haben, Beichte zu hören, zu
absolvieren und die Sünde zu vergeben? Ich denke die
Straßenfeger und Dreckkärrner, denn weil du solches
dachtest, ließ ich es dich beantworten.
Bruder Cornelius: Wohlan so antworte mir nun, was
du von dem Sakramente der Beichte und Sündenver-
gebung hältst?
Jacob: Meine Antwort ist, wenn du die Beichte (wie
sie gegenwärtig unter euch Papisten gebräuchlich ist)
aus dem fünften Kapitel Jakobus herleiten willst, da
musst du dann auch dem deine Sünden beichten, der
seine Sünden dir beichtet, denn Jakobus sagt: Bekenne
einer dem andern seine Sünden. Wenn ich denn nun
alle meine Sünden dir beichten würde, wolltest du mir
dann auch deine Sünden beichten? Mich dünkt, nein,
du würdest viel lieber leugnen und sagen: Jakobus
hätte dergleichen Beichte nicht gemeint, wie sie bei
euch Papisten nun im Gebrauche ist.
Bruder Cornelius: Papiste deinen Glauben und be-
trüge dich, du verfluchter Widertäufer, der du bist.
Du suchst ja nichts als Verwirrung in allem, das man
dir vorbringt; der Teufel spielt, ja, der Teufel spielt
mit deinem Maule, aber laß hören, was du darauf ant-
worten kannst, wenn Christus spricht: Gehe hin und
zeige dich den Priestern.
Jacob: Das hat Christus zu denen gesagt, welche
er gesund gemacht und von dem Aussatze gereinigt
hatte, daß sie ihre Leiber den Priestern zeigen und
sehen lassen sollten, daß sie nun wieder rein und sau-
ber wären, damit sie wieder unter das Volk gehen
dürften (von welchem sie um des Aussatzes willen
abgesondert waren).
Bruder Cornelius: Ja, einen Dreck in dein Maul, es
ist ja rund herausgesagt: Geht hin und beichtet dem
Priester, denn so versteht es unsere Mutter, die heilige
katholische römische Kirche. Darum hat ja Christus
seinem Statthalter St. Petrus die Schlüssel gegeben,
damit er auch die Macht haben möchte, die Sünden
zu binden und zu lösen, oder zu vergeben und zu
behalten, je nach der Beichte, wie ich gesagt habe;
darum antworte mir einmal darauf mit kurzen Worten
ohne eine lange Predigt, ei, seht doch.
Jacob: Aus dieser Macht der Schlüssel, die Christus
Petrus gegeben hatte, kann man nicht folgern, daß ihr
Priester in dem Papsttume Gewalt habt, die Sünden
zu vergeben, oder zu behalten.
Bruder Cornelius: Ei, ei, ist das wahr? So willst du
vermaledeiter Ketzer denn sagen, daß die Macht, die
Christus seinem Nachfolger, oder Statthalter St. Peter
gegeben, uns Priester nichts angehe; jawohl, haben
denn die Päpste als St. Peters Nachfolger, oder Nach-
kömmlinge, die auf seinem Stuhl sitzen, gleich wie
auch wir Priester jetzt noch, nicht eben so gut die
Macht, als dort die Pharisäer und Schriftgelehrten, als
Moses Nachfolger oder Nachkömmlinge, welche zu
Christi Zeit noch auf Moses Stuhl saßen, von welchen
Christus, Mt 23, sagt: Auf Moses Stuhle sitzen die
Schriftgelehrten und Pharisäer; was sie euch nun ge-
bieten, das ihr halten sollt, das haltet und tut es. Was
465
sagst du nun dazu? He, ei, laß hören!
Jacob: Mit Erlaubnis, blähe dich nur nicht auf; denn
ich fürchtete deine wüsten übelartigen Reden, wenn
ich euch mit den Schriftgelehrten und Pharisäern hät-
te vergleichen sollen, aber weil du es nun selbst tust,
so will ich dir darauf antworten; die Meinung Christi
ist die: Alles, was sie euch gebieten, nach dem Geset-
ze Moses zu tun, das tut; aber nachher, Mt 16, hat er
seinen Jüngern befohlen, daß sie sich vor dem Sau-
erteige der Pharisäer hüten sollten, und wenn nun
auch die Pharisäer und Schriftgelehrten sich hätten
rühmen wollen, die Gewalt zu haben, die Mose hatte
(gleichwie ihr Pfaffen euch rühmt, die Macht zu ha-
ben, die Petrus von Christo empfangen hatte, nämlich
die Sünde zu vergeben), wer hätte wohl denselben
geglaubt? Über welche doch Christus so oft das Wehe
ausruft, Mt 23: Wehe, euch Schriftgelehrten und Phari-
säern, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich vor den
Menschen zuschließt; ihr kommt nicht hinein, und die,
die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen. Wehe
euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler,
die ihr der Witwen Häuser fresst, und lange Gebete
vorwendet. Wehe euch, ihr. . .
Bruder Cornelius: Pfui, still, still, hört doch, was
hier zu predigen ist; ich weiß es ja schon selbst, daß
Christus wehe, wehe daselbst ruft; aber meinst du,
daß ich hierher gekommen sei, um eine Predigt zu
hören, ich kann ja selbst wohl predigen; ja, das kann
ich.
Jacob: Gleichwohl hast du begehrt, daß ich dir ein-
mal auf das Gleichnis zwischen euch Pharisäern und
eurer priesterlichen Macht antworten sollte.
Bruder Cornelius: Ei, meinst du mir denn mit sol-
cher kahlen Antwort etwas weiß zu machen? Gewiss
keineswegs. Wir Priester fragen nichts darnach, und
obschon an den Schriftgelehrten und Pharisäern we-
nig Gutes war, so war doch darum ihre Macht nicht
geringer, und ebenso verhält es sich auch mit unserer
priesterlichen Macht, nämlich, nach der Beichte, die
Sünden zu absolvieren und zu vergeben, oder sie zu
behalten.
Jacob: Welche Gewalt hat ein Mensch, einem andern
in den Himmel zu helfen, wovon er doch selbst aus-
geschlossen ist, denn Christus sagt, Mt 5: Es sei denn,
daß eure Gerechtigkeit besser sei, als der Schriftgelehr-
ten und Pharisäer, so könnt ihr nicht ins Himmelreich
kommen. Wie kann denn ein ungerechter Mensch ei-
nem andern, der doch mehr Gerechtigkeit hat, als er
selbst, die Sünde vergeben?
Bruder Cornelius: Ja, mein Herr, der Ketzermeister
wusste mir dieses wohl von Kortryck zu schreiben,
wo du geboren bist, daß du so ein gutes Mundstück
hättest, und daß es eine verlorene Arbeit sei, sich mit
dir in einen Wortstreit einzulassen. Aber wahrlich,
wenn du alle priesterliche Macht so hässlich herunter
machst, und sagst, daß alle Menschen, die glauben,
selbst Weiber und Kinder, Priester seien, warum hast
du denn mehr von bischöflicher Macht in Händen, als
die andern Wiedertäufer? Denn du bist ihr Bischof,
Lehrer und Prediger, ja, du taufst sie wieder, legst
ihnen die Hände aufs Haupt, und teilst ihnen zugleich
den Heiligen Geist mit, wie sie meinen.
So laß uns denn hören, was du selbst von deiner
bischöflichen Macht hältst, denn niemand darf das
Sakrament der Firmung bedienen, er sei denn ein
Bischof oder wenigstens ein Weihbischof. Darum laß
hören, wie es bei dem Sakramente der Firmung unter
euch zugeht und was du davon hältst.
Jacob: Ich weiß nichts, weder von einer bischöfli-
chen Macht, noch von einer Firmung zu reden, wie
sollte ich also damit umgehen, oder was sollte ich da-
von halten, denn die Firmung ist ein Gespenst, das
ich nicht kenne.
Bruder Cornelius: Ist das wahr, nennt ihr Wieder-
täufer also das Sakrament der Firmung einen Spuk?
Du verfluchter Ketzer, daß dich der Teufel ins hölli-
sche Feuer hole, um dich ewig zu brennen.
Jacob: Ergrimme und entrüste dich nicht so sehr; ich
nenne es ein fremdes Gespenst, weil es mir unbekannt
ist; aber sage mir, was es ist, und was du davon hältst,
so kann ich dir dann desto besser antworten, was ich
davon halte.
Bruder Cornelius: Ei, dieses ungeschliffene Maul
will ein Bischof der Wiedertäufer sein, und weiß noch
nicht einmal, was das Sakrament der Firmung sei. Bist
du ein Bischof, so kommt dir ja das Firmen zu. Aber
seht doch einmal, meine Herren, welch einen braven
Bischof die Wiedertäufer draußen in dem Grützhaus-
busche gehabt haben, der so viele Predigten gehalten
hat; ist er nicht ein braver Bischof, Lehrer und Pre-
diger? Seht doch einmal, womit wir so gequält und
geplagt worden sind, davon weiß der nichts.
Jacob: Ich bin kein Bischof, auch halte ich mich für
keinen Lehrer; aber ich habe den Brüdern und Schwes-
tern, wie auch den Ankömmlingen unserer Gemein-
de, bisweilen nach meinem geringen Vermögen mit
Ermahnen aus dem Worte Gottes und der Heiligen
Schrift gedient.
Bruder Cornelius: Du magst wohl ein rechter Leh-
rer sein, der du doch nicht einmal weißt, was das
Sakrament der Firmung ist; die Firmung ist nichts
anderes, als wenn der Bischof oder die Weihbischöfe
die erwachsenen Kinder, bisweilen auch wohl große
und alte Leute, die noch nie gefirmt waren, an ihren
Stirnen mit der heiligen Salbe bestreicht, und ihnen
dabei einen Backenstreich gibt, zum Zeichen, daß sie
466
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ihrer Firmung gedenken sollen, welche die Bestäti-
gung der Taufe bedeutet. Nun denke ich, du wirst es
wohl wissen und verstehen.
Jacob: Ebenso wenig wie zuvor, zumal ich auch
nicht einmal weiß, was die Salbung und Bestätigung
der Taufe sei.
Bruder Cornelius: Es scheint ja, daß du gar nichts
von dem weißt, was die christliche Religion betrifft;
also hat dich der Teufel bei der Gurgel; gleichwohl
bist du unter den Wiedertäufern ein Lehrer und Pre-
diger gewesen; ei sieh, ist das nicht Schande, daß man
dich noch selbst lehren muss, wie man die Kinder
firmt, und wie die Grisem eine vermengte Sache sei
von heiligen geweihten Dingen, die man dir nicht nen-
nen darf? Ei, pfui, ja, daß man dich auch noch lehren
muss, daß die Bestätigung die Auflegung der Hän-
de des Priesters bedeute, gleichwie die Apostel die
Hände auf diejenigen gelegt hatten, die getauft waren.
Verstehst du es denn noch nicht, du Lumpenflegel,
der du bist.
Jacob: Apg 19 steht, daß, als Paulus zu Ephesus
einige gläubige Christen getauft und nachher seine
Hände auf sie gelegt hatte, der Heilige Geist auf sie
gekommen sei, sodass sie mit Zungen redeten und
weissagten; aber ich glaube nicht, daß eure Firmung
oder Grisem eine Bestätigung sei, und daß euer Ba-
ckenstreich eine Ähnlichkeit mit der Weise habe, wie
die Apostel die Hände auflegten.
Bruder Cornelius: Ist das wahr, so platt heraus? Du
verdammter, vermaledeiter Wiedertäufer, denn ob-
gleich du es nicht glaubst, so ist doch das Sakrament
der Firmung um deswillen nicht ein Haar schlimmer,
denn wir Katholischen glauben es um desto mehr.
Was sagt ihr aber, meine Herren, von diesem verfluch-
ten Wiedertäufer, denn er glaubt ja gar nichts.
Der Notarius: Laß dich doch unterrichten, Jacob,
und glaube, wie einem Christenmenschen zu glauben
zukommt, und mache doch nicht so viel Einwürfe.
Jacob: Mit Erlaubnis, meine Herren, ich antworte
nur auf alle seine Fragen, und glaube dem allein, was
in der Heiligen Schrift steht.
Bruder Cornelius: Ei, tust du? Das mag deiner Mut-
ter Hemd (glauben), denn du tust doch nicht, was
St. Paulus in seinem ersten Briefe an die Korinther
im Anfang des 4. Kapitels schreibt: So will ich nun,
daß ein jeder uns dafür halte, daß wir Priester Christi
über Gottes Sakramente sind; und wie ich gesagt habe,
schreibt auch St. Jakob im 5. Kap.: Wenn jemand krank
ist, so hole man die Priester der Kirche, und lasse sie
über ihn beten und ihn mit Öl im Namen des Herrn
salben. Ei, sind wir Priester denn nicht Austeiler oder
Diener der Sakramente Gottes? Nun aber sagst du,
daß du allem dem glaubst, was in der Heiligen Schrift
geschrieben steht; deshalb muss man nun hören und
betrachten, was du von dem Sakramente der heiligen
Ölung glaubst, von welcher Jakobus schreibt, wie ich
dir sage; wohlan, laß hören.
Jacob: Ich glaube nicht, daß die Ölsalbung, von der
Jakobus schreibt, dem Öle ähnlich sei, womit ihr eure
Kranken salbt, denn das Öl, wovon Jakobus schreibt,
machte die Kranken gesund, wie auch solches das Öl
tat, wovon Markus Kap. 6 schreibt, daß die Apostel
viele Kranke gesalbt und gesund gemacht hätten; aber,
wiewohl ihr Paffen euer Öl beschwört und bezaubert,
so kann es doch die Kranken nicht gesund machen;
deshalb ist denn auch dasselbe ein anderes Öl gewe-
sen als das eurige, das ihr ein Sakrament nennt.
Bruder Cornelius: Ei, was tausend Teufel (Gott seg-
ne uns) macht nun dieser höllische Ketzer, daß er
aus unserer Beschwörung, Weihung, Segnung und
Heiligsprechung des Sakramentes des Öles Zauberei
macht. Ei du bezauberter, verteufelter und besessener
Wiedertäufer, hast mich einmal bestraft, weil ich dich
verflucht und gerichtet habe; aber ich sollte wohl noch
anders mit dir zu Werke gehen, um dich zu verflu-
chen, verdammen und zu vermaledeien; doch bist du
nicht so viel wert, daß mich über dich erzürne und
beunruhige. Darum sage ich dir ja, wir Katholischen
nennen die heilige Ölung ein Sakrament und halten
es für ein Sakrament, denn es ist auch ein Sakrament,
trotz deines Mauls, verstehst du das wohl, du bezau-
berter und vermaledeiter Wiedertäufer, der du bist?
Jacob: Wollt ihr denn alle Dinge nachmachen, wel-
che die Apostel getan haben, und sie alle für Sakra-
mente halten, warum haltet ihr eure Schweiß- oder
Schnupftücher nicht auch für ein Sakrament, und legt
sie auf die Kranken, wie Paulus tat? Denn worin war
das Öl heiliger, wovon Jakobus schreibt, als in Paulus
Schweißtüchem, womit er auch die Kranken gesund
machte, wie Apg 19 geschrieben steht?
Br. Cornelius: Ei, spielt der Teufel nicht mit deinem
Maule, so verstehe ich es nicht; ja, ihr vermaledei-
ten Wiedertäufer mögt wohl aus euren schmutzigen
Schnupf- oder Schweißtüchern ein Sakrament ma-
chen, denn ihr habt kein Sakrament; aber wir Katho-
lischen haben wohl sieben Sakramente, ist das nicht
genug?
Jacob: Ja, in der Tat, denn weil der Name Sakrament
in der heiligen Schrift nicht einmal genannt wird, so
sind euch auch sieben zu viel.
Bruder Cornelius: Ei, nennt St. Paulus den Ehestand
nicht ein Sakrament? Ja, damit tut er demselben kei-
neswegs zu viel Ehre an, weil er Eph 5 sagt: Das Sa-
krament ist groß. Willst du denn diese Ehre noch ver-
schmähen, dieselbe von dir treiben oder mit Füßen
von dir stoßen, frage ich?
467
Jacob: Paulus sagt: Zwei werden ein Fleisch sein;
dieses Geheimnis ist groß. Willst du nun aus allen
Geheimnissen Sakramente machen, so wundert es
mich sehr, daß ihr nur sieben Sakramente habt.
Bruder Cornelius: Ei, da kann man wohl hören,
daß ihr Wiedertäufer den Ehestand nicht hoch achtet,
denn wenn wir Priester sagen würden, das Priester-
amt sei mir ein Sakrament, der Ehestand aber nicht,
so würdest du wohl antworten, wie ich denke: Bewei-
se uns, wo das Priesteramt ein Sakrament genannt
wird, wie man vom Ehestand findet; aber wenn ich
der Sache genau nachdenke, so haltet ihr Wiedertäu-
fer nichts vom Ehestande, weil ihr die Weiber und
Jungfrauen gemein macht, und untereinander wie die
Hunde und Zaupen lauft; der Vater mit seiner Tochter,
die Mutter mit ihrem Sohne, der Bruder mit seiner
Schwester, wie das Vieh, ist das nicht hübsch?
Jacob: Mit Erlaubnis, erzürne dich nicht; hierin wird
fälschlich über uns gelogen.
Bruder Cornelius: Ei, willst du denn das leugnen;
wie darfst du das tun?
Jacob: Wenn es wahr wäre, ich wollte es nicht leug-
nen, aber man wird das nimmermehr mit Wahrheit
bei uns sagen können.
Bruder Cornelius: Jawohl, das ist ja das trotzigste
Gespenst von allem; ich dachte, du würdest mir nun
das alles mit der Heiligen Schrift bezeugen und dar-
tun, daß man die Weiber allgemein haben möge; ei,
willst du es nun leugnen?
Jacob: Ja, sollte ich das nicht leugnen, was doch
Lügen sind?
Br. Cornelius: Ja, dieser elende Wiedertäufer will
mich über die Nase hauen, denke ich; solltest du glau-
ben, mir eine Sache aus dem Kopfe zu reden, von
welcher ich doch so gewiss weiß, daß sie wahr ist? Ei,
was willst du noch leugnen, denn du hast ja bereits
die fünf Sakramente geradezu verleugnet, was hun-
derttausendmal ärger und verdammlicher ist, als alle
Weiber und Jungfrauen in der ganzen Welt allgemein
zu machen; das ist wahr.
Jacob: Du tust großes Unrecht, daß du uns dessen
beschuldigst; denn es ist eine Sache, woran wir un-
schuldig sind.
Bruder Cornelius: Ei, du treibst ja gar Narrenwerk
mit diesem Leugnen; ich sollte wohl vor Wut und
Zorn aus meiner Haut fahren, weil dieser verfluchte
Wiedertäufer nun hier eine bekannte Sache leugnen
will, welche doch aller Welt bekannt ist. Gewiss, ich
setze meinen Hals zum Pfände, daß ich selbst wohl
mehr als hundertmal gepredigt habe, daß ihr Wieder-
täufer die Weiber und Jungfrauen allgemein macht,
daß ihr auch das Ehelichen meidet, und daß ihr ei-
nem Manne, wenn er seines Weibes müde geworden
ist, eines andern Mannes Weib gebt, und ebenso auch
einem Weibe, wenn sie ihres Mannes müde ist, eines
andern Weibes Mann; sollte ich denn hiervon nicht
Bescheid wissen?
Jacob: Ich habe bisweilen sagen gehört, daß hier
Bruder Cornelius oft dergleichen Dinge von uns pre-
digt; mit Erlaubnis, bist du es?
Bruder Cornelius: Ja, ich bin Br. Cornelius, der sol-
che Dinge von euch predigt; besieh mich recht; ich
weiß es wohl, daß ich es bin; ich will es dir auch klar
beweisen, daß ich die Wahrheit predige; denn wa-
ren es keine Wiedertäufer, die zu Amsterdam und an
andern Orten in Holland mutternackend auf den Stra-
ßen umherliefen, Männer und Weiber, junge Mägd-
lein und junge Knaben, und zueinander sagten: Mein
Geist begehrt dein Fleisch, he?
Jacob: Diese waren nicht von unsem Brüdern; ich
weiß, daß es früher dergleichen schlechte Brüder ge-
geben; wie z. B. David Joris und Henrich Niclaus; die-
se lehrten solches heimlich und sagten, es gebühre
niemandem, etwas eigenes zu haben, darum sei es
auch niemanden erlaubt, für sich selbst ein Weib zu
ehelichen, sondern man müsse die Weiber gemein-
schaftlich halten. Andere wollten auch aus der Schrift
beweisen, daß man die Weiber, die imgeschickt und
unehrlich sind, wohl verlassen möchte.
Bruder Cornelius: Ist das möglich?! Wie willst du
doch das leugnen, daß ihr Wiedertäufer die Weiber
gemeinschaftlich habt? Waren es denn nicht Wieder-
täufer, die zu Amsterdam das Stadthaus mit Gewalt
einnahmen, auch die Stadt Münster überwältigten
und einnahmen, nachher aber belagert, beschossen,
bestürmt, überwunden, gefangen und getötet wurden,
und unter ihnen ihr König, Jan Beukelß, ein Schneider
von Leiden? Hatten denn diese nicht auch die Wei-
bergemeinschaft, ja, nicht allein die Weiber, sondern
auch die Güter? Haben sie nicht Kirchen und Klöster
in Holland, Friesland und Gelderland beraubt? Willst
du nun auch sagen, diese wären nicht von deinen Brü-
dern gewesen? Ich denke ja, du wirst nicht so töricht
sein.
Jacob: Diese alle waren von denselben (fremden)
falschen Brüdern, denn wie sie lehrten, daß man die
Weiber nicht ausschließlich haben sollte, so lehrten
sie auch, daß man die Güter nicht eigentlich besitzen
sollte, sondern eine Gemeinschaft derselben eintreten
lassen sollte, und daß der Papisten Güter den Christen
zugehören; daß sie dieselben wegnehmen möchten,
wo sie könnten, um sie zur Ausrottung der Gottlosen
mit dem auswendigen Schwerte, und um alle Obrig-
keit aus dem Wege zu räumen, anzuwenden, damit
auf solche Weise ein neues Reich Christi in dieser Welt
aufgerichtet werde. Durch solche sind wir mit Unrecht
468
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
in solch ein unchristliches Geschrei gekommen.
Bruder Cornelius: Ist das wahr? Das wäre allerdings
zu berücksichtigen, ob ihr mit Unrecht in ein solch
böses Geschrei gekommen wäret. Hättet ihr Wieder-
täufer auch ein Haupt, wie die Calvinischen, ich be-
schwöre dir, ihr würdet uns Katholische ebenso verfol-
gen, quälen, peinigen und martern, wie sie tun. Doch
genug hiervon; aber daß du leugnen willst, daß ihr
Wiedertäufer die Weiber nicht gemeinschaftlich habt,
kann ich weder verschlucken noch verdauen; aber du
magst Ausflucht suchen, wie du willst, du wirst mir
das nicht aus dem Kopfe schwatzen.
Jacob: Wir müssen nicht allein solches von dir lei-
den, denn wie ich höre, so predigst du auch oft, daß
die Calvinischen die Weiber gemeinschaftlich haben.
Bruder Cornelius: Das haben sie auch, denn darin,
daß sie die Weiber in Gemeinschaft haben, sind sie mit
den Wiedertäufern einig. Es ist mir wohl bewusst, was
die Calvinischen beiderlei Geschlechts treiben, wenn
sie die Kerzen ausblasen, nachdem sie ihr verfluchtes,
teuflisches Nachtmahl gehalten haben; ja, siehe doch
nun, solltest du mich wohl predigen lehren wollen!
Jacob: Wenn solches wahr wäre, so wäre es ja aller
Welt bekannt; denn die Calvinischen haben doch öf-
fentliche Kirche gehabt, darin sie gepredigt und das
Nachtmahl gehalten haben. Hätten sie nun derglei-
chen Dinge, wie die Gemeinschaft der Weiber, gehand-
habt, wie du sagst, was würde dieser fremde Handel
für ein Geschrei durch alle Länder gemacht haben!
Bruder Cornelius: Ei, du verdammter Wiedertäufer!
Willst du es mir nun beweisen, als ob ich über die
verfluchten Kälberschwänze (Calvinischen) gelogen
hätte? Sage ich nicht, daß sie solches miteinander trei-
ben, wenn sie ihr teuflisches Nachtmahl miteinander
gehalten haben und die Lichter ausgeblasen sind, wie
soll man denn von einer Sache etwas Seltsames sagen,
die niemand sehen kann? Aber, ihr Wiedertäufer, sagt
uns einmal etwas von eurem Nachtmahle; ich denke
ihr haltet keines, weil ihr von keinem Sakramente et-
was zu sagen wisst. Darum sage und lass uns hören,
was du von dem Sakramente des Altars hältst?
Jacob: Ich kann davon nichts sagen, denn ich habe
diesen Namen in der Heiligen Schrift weder gesehen
noch gelesen.
Bruder Cornelius: Da ist der Teufel und seine Mut-
ter schon wieder zu Kaufe! Wie willst du denn das
Nachtmahl genannt haben? Ich denke, wie die Refor-
mierten?
Jacob: Ich habe zwar in der Heiligen Schrift von
dem Brotbrechen und Gedächtnisse des gebrochenen
Leibes Christi viel gelesen, Mt 26, Mk 14, Lk 22, Apg 2,
IKor 11, aber von dem Sakramente des Altars habe ich
nichts gelesen.
Bruder Cornelius: Du hast ja die Schrift immer auf
dem Daumen; denn weil ihr Wiedertäufer nichts lesen
wollt, als nur die Heilige Schrift, so folgt daraus, daß
ihr nichts von einem Sakramente des Altars lest. Wie
ich von meinem Herrn, dem Oberaufseher der Augus-
tiner, höre, wollt ihr durchaus nichts zur Ermahnung
aufnehmen, was die Altväter, oder die Lehrer der hei-
ligen katholischen Kirche schreiben, wie St. Ambro-
sius, St. Hieronymus, St. Augustinus, St. Gregorius,
St. Chrysostomos, St. Bernhardus, St. Anshelmus, St.
Beda, die heiligen Lehrer, und sehr viele andere, ja,
die noch älter sind, wie Irenäus, Cyprianus, Basilius,
Cyrillus, Tertullianus. Wenn du diese lesen würdest,
so würdest du finden, daß das Sakrament des Altars
oft unter verschiedenen Namen, wie z. B. Eucharis-
tia, Holocaustum, Sacrificium, Oblatio usw. angeführt
wird; aber ihr Wiedertäufer wollt lieber zweifeln und
in den verfluchten und verdammten Büchern eures
Erzketzers Menno Simon grübeln. Darum wisst ihr
auch nichts von einem Sakramente des Altars; ist das
nicht was Schönes?
Jacob: Uns genügt einfältig an der heiligen Schrift,
denn wir finden alles darin, was uns zur Seligkeit zu
wissen nötig ist, und haben nicht nötig, der Menschen
Lehren zu durchforschen.
Bruder Cornelius: So, so! Aber sage mir und laß
hören, ob du auch glaubst, daß Christus mit seinem
natürlichen Fleische und Blute wahrhaftig in der ge-
weihten Hostie sei, wenn du doch alles besser ver-
stehst!
Jacob. Dies verstehe ich ebenso wenig, weil die Hei-
lige Schrift nichts von einer geweihten Hostie sagt;
deshalb bemühen wir uns auch nicht mit dergleichen
Dingen, sondern wir bedienen uns in unserer Gemein-
de der Gedenkzeichen von des Herrn Leibe, wie ich
gesagt habe.
Bruder Cornelius: Was sind denn diese Gedenk-
zeichen wohl für Gespenster? Das fängt ja an, recht
zwinglianisch und calvinisch zu lauten! Ich denke, ihr
Wiedertäufer werdet doch keine Sakramentierer sein?
Aber laß doch uns einmal hören, wie es mit diesen
Gedenkzeichen bestellt sei.
Jacob: Diese Gedenkzeichen sind Brot und Wein,
deren wir uns zum Andenken des Leibes und Blutes
Christi bedienen, weil uns Christus in seinem letzten
Abendmahle befohlen hat, daß wir zum Gedächtnisse
seines Leibes, der am Kreuze zerbrochen wurde, das
Brot brechen und essen, und daß wir den Kelch mit
Wein austeilen und alle daraus trinken sollen zum Ge-
dächtnisse seines Blutes, das für viele, zur Vergebung
der Sünden, vergossen wurde.
Bruder Cornelius: Ist das wahr? Ihr seid wohl brave
Gesellen mit euren Gedenkzeichen! Ja, meine Herren,
469
was haltet ihr von diesem verfluchten, höllischen Teu-
felspackvolke? Sie sind Wiedertäufer und Sakramen-
tierer. Ja, Jesus! Jesus! Werte Mutter Gottes, beschütze
uns! Das ist eine abscheuliche Sache. Ei, ei, ei! Ach,
ach, ach! Nun hört ihr ja, meine Herren, welch Teu-
felsgeschmeiß und höllische Brut ihr hier in Flandern
und in der Stadt Brügge habt, und dennoch habt ihr
bisweilen euer Gespötte mit meinen Predigten, wenn
ich wider diese verdammten Ketzer predige und sagt:
Das lausige Närrchen, der wahnsinnige Bruder Cor-
nelius hat immer auf der Kanzel mit den Ketzern zu
schaffen. Nun hört ihr ja selbst, ob ich hierzu billige
Veranlassung habe! Nun aber höre zu, du Sakramen-
tierer! Warum sagt denn Christus nicht: Nehmt und
esst, dies Brot ist ein Gedenkzeichen meines Leibes,
und dieser Wein ist ein Gedenkzeichen meines Blutes,
sondern er sagte rund heraus: Nehmt, esst, das ist
mein Leib; ferner: Trinkt alle aus diesem Kelche, dies
ist mein Blut? Nun antworte mir einmal darauf und
benarre dich selbst.
Jacob: Es ist mir von Herzen leid, daß du dich über
meine Antwort so sehr erzürnst und ereiferst, und
nicht bedenkst, was Paulus, Tit 1, sagt, daß ein Bischof
nicht zornig, beißig oder zänkisch sein soll.
Bruder Cornelius: Ei, ei, halte das Maul, und ant-
worte mir ohne viel Geschwätz und Geschnatter.
Jacob: Es ist nicht Christi Meinung gewesen, daß die
Apostel seinen Leib essen sollten, der den folgenden
Tag gekreuzigt wurde, oder daß sie sein Blut trinken
sollten, das den andern Tag vergossen wurde, sondern
seine Meinung war, daß sein Leib eine Seelenspeise
und sein Blut ein Seelentrank sei, gleichwie Brot und
Wein die Speise und der Trank des Leibes ist, darum
sagt er: Nehmt und esst, das ist mein Leib, oder mein
Leib ist das, was das Brot ist, nämlich Speise.
Bruder Cornelius: Ei, was eine tolle Raserei ist die-
ses; nun sollte ich wohl vor Zorn aus der Haut fahren,
ja, sollte ich nicht? Denn Christus sagte nicht: Mein
Leib ist das, oder mein Leib ist solches; wie verkehrt
und verdreht nicht ihr Ketzer die nackenden, platten
Worte (dies ist mein Leib)!
Jacob: Die Worte haben dieselbe Bedeutung: Das ist
mein Leib, oder mein Leib ist das, wenn man anders
auf den rechten Sinn Christi Achtung geben will, denn
weil sein Leib eine Speise war, darum nahm er Brot,
und sagte: Mein Leib ist dies, oder dies ist mein Leib,
nämlich eine Speise.
Bruder Cornelius: Ei, sollte einen dieses nicht un-
sinnig und rasend machen! Ja, Gott segne uns noch
einmal und die werte Mutter Gottes. Sagt denn Chris-
tus nicht: Nehmt und esst, dies ist mein Leib, der für
euch gegeben wird; war es nun derselbe Leib, der für
sie gegeben wurde, ei, so war es kein Brot, was er
seinen Aposteln zu essen gab. Nun, laß hören, was
willst du darauf antworten?
Jacob: Wie ich geantwortet habe, daß Christus sagt,
daß derselbe Leib, der für uns dahin gegeben wur-
de, eine Speise der Seele sei, gleichwie das Brot eine
Speise für den Leib des Menschen ist.
Bruder Cornelius: Ei, was ein Unglück ist das; soll-
te ich denn nichts Vorbringen können, um dir dein
verfluchtes Maul einmal zu stopfen? Ei, sagte nicht
St. Paulus im ersten Briefe an die Korinther, Kap 11:
Wer dies Brot isst, oder den Kelch des Herrn unwür-
dig trinkt, der ist an dem Leibe und Blute des Herrn
schuldig. Sollte denn das nur ein bisschen gemeines
schlechtes Brot und ein Schluck saurer Wein sein?
Warum macht denn Paulus eine so außerordentlich
große Sache daraus, und sagt: Der Mensch aber prüfe
sich selbst, und esse würdig von diesem Brote und
trinke würdig aus diesem Kelche, denn, wer unwür-
dig isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst das
Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterschei-
det; aber sollte das nun, du verdammter Sakramen-
tierer, nicht mehr sein, als ein bisschen gemeines Brot
oder ein Gedenkzeichen?
Jacob: Das imwürdige Essen des Brotes und das un-
würdige Trinken des Kelches, wovon Paulus schreibt,
findet sich in unserm Gewissen, denn wenn ich mich
in dem Leibe Christi vereinigen, und ein Brot mit
vielen Brüdern werden will, bin dabei aber uneins,
oder mit einigen Brüdern im Streite, so esse ich un-
würdig von diesem Brote, und trinke unwürdig aus
dem Kelche des Herrn, und dadurch werde ich an
dem Leibe und Blute des Herrn schuldig. Darum prü-
fe sich der Mensch selbst, wie er mit seinem Bruder
steht, denn wer in Heuchelei kommt, und hat in sei-
nem Gewissen Anklage oder Unruhe, isst und trinkt
aber gleichwohl unwürdig, der isst und trinkt sich
selbst das Gericht, weil er nicht unterscheidet, daß
der Leib des Herrn (in der Brechung des Brotes das
wir brechen) sich uns gemeinschaftlich mitteilt, und
der Kelch der Danksagung (welchen wir segnen) mit
uns eine Gemeinschaft oder Mitteilung in dem Blute
Christi wird, gleichwie Paulus im ersten Briefe an die
Korinther, Kap 10, schreibt.
Bruder Cornelius: Ei, nun bist du in der Schlinge,
denn wenn es eine Gemeinschaft oder Mitteilung des
Leibes und Blutes Christi ist, so ist es ja nicht mehr
Brot und Wein, wie ich dafür halte.
Jacob: Kannst du es nicht verstehen, daß wir durch
die Mitteilung des gebrochenen Brotes nur zu ver-
stehen geben und uns erinnern, daß wir durch das
Brechen des Leibes Christi an dem Kreuze und durch
die Mitteilung des Kelches seines Blutes teilhaftig ge-
worden sind, und dadurch mit seinem Leibe Gemein-
470
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Schaft erlangt haben? Gleichwie wir alle Gemeinschaft
an einem Brote empfangen, das wir brechen und es-
sen, und dessen teilhaftig werden, so sind wir auch
viele ein Leib mit dem Leibe Christi, weil wir alle mit
seinem Leibe Gemeinschaft erlangen, und dessen teil-
haftig geworden sind, was wir dadurch zu erkennen
geben, wenn wir uns mit einem Brote in Gemeinschaft
bringen und dessen teilhaftig werden. Dies ist die Mei-
nung Paulus im 1. Briefe an die Korinther, Kap 10.
Bruder Cornelius: Ei, so nun merke ich ja recht,
daß ihr Wiedertäufer kurzum eben so arge, falsche,
schnöde und durchtriebene Sakramentierer seid, als
wohl die besudelten und dreckigen Kälberschwänze
sein mögen, denn bei euch ist das Sakrament nichts
anderes, als nur eine Bedeutung, Vorstellung und Ge-
dächtnis des Leibes und Blutes Christi, und also nur
ein bisschen Brot und ein Kelch mit Wein; aber ich
lache über euer Bisschen Brot und euren Kelch, womit
ihr eine Bedeutung und Gedächtnis des Leibes Christi
vorstellen wollt.
Jacob: Mit Erlaubnis, das ist ja wunderlich von der
Einsetzung Christi geredet, denn er hat uns gleich-
wohl das Brechen des Brotes und das Trinken des
Kelches zu seinem Gedächtnis eingesetzt. Wenn aber
das Brot Christus selbst ist (wie du sagst), wie soll uns
denn dasselbe ein Gedächtnis Christi sein, der doch
selbst (wie du sagst) gegenwärtig ist? Und weil du
dich so sehr über mich erzürnst, der ich die Mittei-
lung nur Brot und den Kelch nenne, so solltest du dich
auch über Paulus erzürnen, weil er im ersten Briefe
an die Korinther schreibt, Kap 11,26: So oft ihr von
diesem Brote esst und von diesem Kelche trink. . .
Bruder Cornelius: Schweige, halt das Maul, und laß
das Gewäsch, denn obschon St. Paulus das Sakrament
des Altars so nennt, so war es doch Christus selbst,
wie er von seiner gesegneten Mutter geboren und am
Kreuze gestorben ist.
Jacob: Das ist eine irrige Ansicht von dir, denn wenn
es Christus selbst ist, wie er am Kreuze gestorben
ist, so muss es auch Christus selbst sein, wie er von
den Toten auferstanden und aufwärts gen Himmel
gefahren ist.
Bruder Cornelius: Ja, in Wahrheit, und auch so, wie
er zur Rechten seines Vaters sitzt.
Jacob: Warum sagt denn Paulus an die Korinther: So
oft ihr von diesem Brote esst und von diesem Kelche
trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis daß er
kommt. Wäre das Brot aber Christus selbst gewesen,
so hätten die Korinther damals wohl sagen können: Es
ist nicht mehr nötig, des Herrn Tod zu verkündigen,
denn er ist schon gekommen; er ist hier, das Brot, das
wir brechen und essen, ist Christus selbst.
Bruder Cornelius: Ja schwätze und plaudere, wie
du willst; ich sage rund heraus, daß die Korinther
Christum mit Haut und Haar gegessen haben, wie
wir Katholischen auch tun.
Jacob: Gleichwohl sagt Christus, Joh 16: Ich verlasse
die Welt und gehe zum Vater; ferner, in demselben
Kapitel: Nun aber gehe ich hin zu dem, der mich ge-
sandt hat; ferner, in demselben Kapitel sagt Christus
weiter: Aber ich sage die Wahrheit, es ist euch gut, daß
ich hingehe, denn wenn ich nicht hingehe, so kommt
der Tröster nicht zu euch; wenn ich aber hingehe, will
ich ihn zu euch senden. Ferner, in eben demselben
Kapitel: daß ich zum Vater gehe, und ihr mich fortan
nicht seht; endlich, Joh 12, sagt Christus: Mich werdet
ihr nicht allezeit haben.
Br. Cornelius: So fängst du wieder an zu predigen,
tust du nicht? Und meinst du mir alles zu verwirren,
zu verkehren und zu verdrehen; aber warte eine Weile,
ich will dir wohl anders begegnen; es ist nichts bei dir,
als Johannes hier, Johannes da; aber warum sagst du
nichts von dem, was Johannes Kapitel 6 schreibt, wo
Christus sagt: Das Brot, das ich geben will, ist mein
Fleisch.
Jacob: Christus sagt in demselben Kapitel, daß er
das Brot sei, das vom Himmel gekommen ist; damit
meint er kein Brot, das aus der Erde wächst.
Bruder Cornelius: Ist das nicht ein arger, schnöder,
durchtriebener und schalkhafter Ketzer? Hört doch
nur, wie der Teufel mit seinem verfluchten Maule
spielt; ei, ei, ei.
Jacob: Ich sage doch nichts anderes, als was Chris-
tus selbst sagt und meint, denn dies sind seine eigenen
Worte durch das ganze Kapitel: Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch: Mose hat euch kein Brot vom Himmel
gegeben; aber mein Vater gibt euch das rechte Brot
vom Himmel, denn das ist das Brot Gottes, das vom
Himmel kommt, und der Welt das Leben gibt; ferner:
Ich bin das Brot des Lebens; ferner: Eure Väter haben
in der Wüste Manna gegessen und sind gestorben;
dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, auf daß,
wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot,
das vom Himmel gekommen ist, wer von diesem Brot
essen wird, wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das
ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich für das
Leben der Welt dahingebe; ferner: Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch, wenn ihr das Fleisch des Menschen Soh-
nes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, so habt ihr
kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein
Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm; ferner, als
Jesus bei sich selbst merkte, daß seine Jünger hierüber
murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch das? Wie,
wenn ihr dann sehen werdet des Menschen Sohn auf-
fahren, wo er zuvor war? Der Geist ist's der lebendig
macht, das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich
471
rede, sind Geist und Leben.
Aus all diesen Worten Christi kann man verstehen,
daß er mit diesem seinem Fleischessen anders nichts
meinte, als sein Wort oder seine Lehre, wodurch wir
im zum Glauben kommen, ohne welchen Glauben
an ihn wir nicht selig werden und nicht ewig leben
können.
Bruder Cornelius: Hast du nun ausgepredigt? Kam
es dir nicht vor, als ob du in dem Grützhausbusche
ständest und predigst? Aber, du verwegener Ketzer,
beweise mir das umständlicher, daß Christus mit die-
sem Fleisch essen nichts anderes verstehe, als sein
Wort oder seine Lehre. Ei, wie ich denke, so willst du
dich wider das heilige Konsilium zu Trident aufwer-
fen, denn dort haben doch alle Kardinäle, Bischöfe
und Väter diese Worte Christi auf das würdige Sakra-
ment des Altars bezogen; darum laß dich nun hören,
wie du es anders beweisen willst, du verfluchter Wie-
dertäufer und Sakramentierer, der du bist.
Jacob: Du hast gehört, daß Christus in seiner Rede
an die Juden gesagt hat: Dies ist das Brot Gottes, das
vom Himmel kommt, und der Welt das Leben gibt.
Ich bin das Brot des Lebens, wer von diesem Brote
isst, wird leben in Ewigkeit; wer mein Fleisch isst und
mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich in ihm.
Nun magst du wissen, wenn Christus mit diesem Bro-
te oder mit diesem Fleische seinen natürlichen Leib
verstände, wie du sagst, so würden alle Menschen,
denen ihr das (nach deinen Worten) zu essen gebt,
ewiglich leben, und keiner verdammt werden; denn
wenn sie einmal gegessen hätten, so würden sie in
Christo bleiben, und Christus würde in ihnen bleiben.
Br. Cornelius: Ei, hört doch einmal, meine Herren,
soll man sich nicht wundern, wie dieser lumpige We-
ber, dieser Kerzengießer, zu solcher großen Weisheit
gekommen sei? Ja, dieser unreine und schmutzige
Bischof Jacob will weiser sein, als unsere heiligen Kar-
dinäle, Bischöfe und Gottesgelehrten oder Doktores
in der Gottesgelehrtheit, die in der heiligen Versamm-
lung zu Trident durch des Heiligen Geistes Eingeben
einstimmig beschlossen haben, daß alle Worte Christi
(St. Joh., Kap. 6), sich auf das heilige, würdige Sakra-
ment des Altars bezogen; jetzt aber will uns dieser
garstige Bischof, der Weber Jacob, gern weis machen,
daß Christus mit seinem Blute nichts anderes als sein
Wort und predigen verstanden habe, ist das nicht was
Eigenes?
Der Blutschreiber: Laß dich doch unterweisen, Ja-
cob, und disputiere nicht so viel.
Der Notarius: Das begehre ich auch von dir, Jacob,
und steife dich nicht so sehr auf deine eigene Weisheit.
Jacob: Mit Erlaubnis, meine Herren, ich steife mich
nicht auf meine eigene Weisheit, sondern auf die Wor-
te Christi.
Bruder Cornelius: Ei, tust du? Ich mag nicht sagen,
was du tust, du schalkhafter, loser, durchtriebener
Ketzer, du hast ja in der Erzählung der Worte Christi
so schalkhaft ausgelassen und verschwiegen, daß er
in demselben Kapitel sagt: Mein Fleisch ist die rechte
Speise, und mein Blut ist der rechte Trank; ja, meinst
du uns so mit Schalkheit zu betrügen?
Jacob: Die Worte Christi habe ich nicht loser und
schalkhafter Weise verschwiegen, sondern sie kamen
mir nicht in meinen Sinn; es ist auch nicht nötig solche
Worte zu verschweigen, denn sie dienen nur dazu, die
Antwort zu bestätigen, die ich dir gegeben habe, näm-
lich, wenn Christus mit dem Essen und Trinken sein
natürliches Fleisch und Blut versteht (wie du sagst),
so werden sie alle ewig leben und nicht sterben, oder
nicht verdammt sein, die in eurer Kirche einmal da-
von gegessen und getrunken haben, es mögen auch
Missetäter sein, wie sie wollen, denn ihr versagt nie-
mandem euer Sakrament des Altars; wer dazu kommt,
der genießt es mit; es kommen dazu auch Trunkenbol-
de, Prasser, Geizhälse, Tauscher, Flucher, Zänkische,
Neidische und ungerechte Menschen, Huren und Bu-
ben, Ehebrecher, Mörder und viele böse Menschen,
von welchen Paulus im ersten Brief an die Korinther,
Kap. 6, und im fünften Kapitel an die Galater sagt,
daß sie das Himmelreich nicht ererben werden.
Bruder Cornelius: Ja, diejenigen, die zuerst beichten
und von den Priestern freigesprochen werden, emp-
fangen dann darauf das heilige Sakrament würdig
und werden ewig leben.
Jacob: Christus sagt hier nicht von würdig oder
unwürdig Essen oder Trinken, sondern er sagt, sie
sollen alle leben, die von diesem Fleische essen, oder
von diesem Blute trinken.
Bruder Cornelius: Aber St. Paulus sagt, IKor 11, von
einem unwürdigen Essen und Trinken des Leibes und
Blutes Christi; sieh es doch einmal an.
Jacob: Darum ist das Brotbrechen, wovon Paulus
schreibt, auch eine andere Einsetzung als dieses.
Bruder Cornelius: Ei, du lumpiger Bischof! Christus
setzt ja hier mit diesen Worten, Joh 6, das Sakrament
des Altars noch nicht ein, sondern er verheißt es einzu-
setzen, indem er sagt: Das Brot, das ich geben werde
(das ist zu verstehen, das er geben würde, als er die
Messe in seinem letzten Abendmahle einsetzte), ist
mein Fleisch, und der Kelch mit dem Weine, den ich
geben werde, ist mein Blut, kein Wein, noch etwas,
das zum Weine gehört; also ist das Brot auch kein we-
sentliches Brot, sondern mein Fleisch, welche ich für
das Leben der Welt geben werde. Wo willst du nun
hiermit bleiben, was kannst du nun hierauf antwor-
ten?
472
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Jacob: Hierauf antworte ich noch einmal: Wenn
Christus solches Fleisch meint, wie ihr (nach deiner
Aussage) den Menschen zu essen gebt, so wird auch,
nach Anweisung der Worte Christi, niemand von de-
nen sterben noch verdammt werden, sondern sie wer-
den alle ewig leben.
Bruder Cornelius: Ja, darum frage ich auch noch ein-
mal, für wen denn die Beichte und die Lossprechung
eingesetzt sei, ich denke doch nicht für die Ferkel oder
Schweine?
Jacob: Das magst du freilich wohl denken; das
Blut Christi ist für die Menschen zur Vergebung der
Sünden ausgegossen, wie er auch in seinem letzten
Abendmahle sagt, welches ihr nun eine Einsetzung
der Messe nennt.
Bruder Cornelius: Ja, das Abendmahl war die Ein-
setzung der Messe, trotz deines Mauls; aber laß ein-
mal hören, was du von der Messe hältst.
Jacob: Ist eure Messe denn noch etwas anderes, als
euer Sakrament des Altars?
Bruder Cornelius: Ja, du bist ein Prädikant, ein Leh-
rer, ja, ein Bischof der Wiedertäufer, wiewohl du sol-
ches leugnest, und gleichwohl weißt du nicht, daß die
Messe etwas anderes sei, als das Sakrament des Al-
tars. Ei, pfui, schäme dich doch bis ins Innerste deiner
Seele.
Jacob: Ja, freilich, weil es lauter Sachen sind, die in
der Heiligen Schrift nicht bekannt sind oder genannt
werden, so verstehe ich mich auch nicht darauf.
Bruder Cornelius: Ja, einen Dreck in dein Maul.
Sind es auch Dinge, die in der Heiligen Schrift nicht
so genannt werden, so sind sie doch in der Heiligen
Schrift so bekannt, denn die Messe ist ein Sacrificium
oder ein Opfer, worin der Priester das wahre Fleisch
und Blut Christi für Lebendige und Tote, oder für die
Seelen aufopfert, die im Fegfeuer liegen, verstehst du
es nun, was die Messe sei?
Jacob: Ich glaube nicht, daß ihr Christum noch ein-
mal aufopfern könnt, sondern ich glaube, daß Chris-
tum selbst ein Opfer am Kreuze für die Lebendigen
und Toten gewesen sei, denn Paulus schreibt an die
Hebräer, Kap 9, daß Christus durch sein eigenes Blut
einmal in das Heilige eingegangen sei und eine ewige
Erlösung gefunden habe, denn, wenn der Ochsen und
Böcke Blut die Unreinigen zur Reinigung des Lebens
heilt, um wie viel mehr wird das Blut Christi, der
sich selbst unbefleckt durch den Heiligen Geist Gott
geopfert hat, unser Gewissen von den toten Werken
reinigen, dem lebendigen Gotte zu dienen.
Bruder Cornelius: Ei, nun ist es genug gepredigt,
denn der Kopf tut mir weh davon; darum laß uns
jetzt etwas von der Wiedertaufe und der Kindertaufe
disputieren und dann genug. Sag an und laß hören.
warum das Sakrament der Taufe den Kindern zur
Seligkeit nicht nötig sei, wie ihr Wiedertäufer predigt
und lehrt, und solltet ihr dadurch in Gefahr laufen.
Jacob: Christus sagt, Mk 16: Wer glaubt und getauft
wird, soll selig werden, wer aber nicht glaubt, soll
verdammt werden. Wenn nun eins von beiden den
Kindern zur Seligkeit nötig wäre, so ist ihnen der
Glaube nötiger als die Taufe.
Bruder Cornelius: Ist das wahr? Aber, ei, willst du
denn alle armen unschuldigen Kindlein, die in der
Erbsünde ohne Taufe sterben, dadurch vom Himmel
ausschließen, und eine Menge von vielen hundert-
tausend Millionen zur Hölle jagen, in die ewige Ver-
dammnis?
Jacob: Nein, das wollen wir nicht, denn unser Glau-
be ist, daß die Kindlein gleichwohl selig sind, wenn
sie auch ohne Taufe sterben, denn sie sind in dem
Blute Jesu Christi getauft und gereinigt, wie Johan-
nes in dem ersten Briefe, Kap 1, sagt: Das Blut Jesu
Christi, seines Sohnes, macht uns rein von allen Sün-
den; auch sagt Christus, Mt 19: Denn solcher ist das
Himmelreich.
Br. Cornelius: Ja, wenn sie erst durch die Taufe ge-
waschen und von der Erbsünde, die sie von Adam
geerbt haben, gereinigt sind, denn sonst fahren sie alle
zum Teufel in die Verdammnis.
Jacob: Paulus schreibt, IKor 15: Gleichwie sie alle
in Adam sterben, so werden sie in Christo lebendig
gemacht werden; ferner Rom 5: Gleichwie durch einen
Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist, und
der Tod durch die Sünde, so ist die Gnade vielen reich-
lich widerfahren durch Christum.
Bruder Cornelius: Still, still, still, viel Geschwätz
und wenig Antwort. Das sind lauter Dinge, die die
ungetauften und unbeschnittenen Kinder nichts an-
gehen; darum sage ich rund heraus, daß alle Kinder,
die im alten Testamente ohne Beschneidung und nun
im neuen Testament ohne Taufe gestorben sind und
noch sterben, verdammt sind, und wer eine ande-
re Behauptung aufstellt, der ist ein Ketzer. Aber ihr
Wiedertäufer achtet die Taufe so gering, daß ihr die
Kinder ohne Taufe sterben lasst, in der Meinung, daß
sie gleichwohl selig seien; warum lasst ihr euch denn,
die ihr schon einmal getauft seid, wiedertaufen und
lehrt andere Leute, daß sie sich auch wiedertaufen las-
sen müssen, wenn sie selig werden wollen? Ei, ei, seid
ihr denn nicht von einer höllischen und teuflischen
Raserei, Unsinnigkeit und Bezauberung besessen? Ei,
laufe und betrüge dich mit deiner Wiedertäuferei.
Jacob: Wir taufen die Gläubigen nach Christi Befehl
und ihr tauft die Ungläubigen wider seinen Befehl.
Bruder Cornelius: Ist das wahr, Wiedertäufer? Aber
obgleich die Kinder ungläubig sind, so müssen sie
473
dennoch getauft werden, wenn sie die Seligkeit erlan-
gen sollen, denn im Evangelium St. Johannes, Kap 3,
steht, daß Christus zu Nikodemus gesagt hat: Wahr-
lich, wahrlich, es sei denn, daß jemand wiedergeboren
werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das
Reich Gottes kommen. Ist nun das nicht geradezu ge-
sagt, daß man die Kinder taufen müsse, obgleich sie
noch ungläubig sind? Was wollt ihr Wiedertäufer es
uns Katholischen denn vorwerfen, daß wir die Un-
gläubigen taufen und daß ihr die Gläubigen tauft? Du
vermaledeiter Ketzer, der du bist. Wohlan, antworte
mir darauf, und betrüge dich selbst.
Jacob: Die Wassertaufe stellt das Bad der Wieder-
geburt vor, welche Christus in dem Geiste tauft, wie
Johannes der Täufer, Mk 1: Ich habe euch mit Wasser
getauft, der aber nach mir kommt, wird euch mit dem
Heiligen Geiste taufen. Mt 3 und Lk 3 steht: Der wird
euch mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer taufen;
ferner Joh 1: Aber der mich gesandt hat, in daß Wasser
zu taufen, der hat zu mir gesagt: Auf welchen du den
Geist herabfahren und auf ihm bleiben sehen wirst,
der ist es, der in dem Heiligen Geiste tauft, woraus
sich mit Sicherheit schliefen lässt, daß die Wassertau-
fe nichts dazu beiträgt, ins Reich Gottes zu kommen,
sondern allein die Taufe durch den Heiligen Geist,
womit Christus tauft.
Br. Cornelius: Daran lügst du, Wiedertäufer, mit
deinem vermaledeiten Maule, denn Christus sagte:
Aus Wasser und Geist; so schafft denn die Taufe des
heiligen Geistes nicht allein den Eingang ins Reich
Gottes, sondern das Wasser und der Geist.
Jacob: In dieser Beziehung muss ich dir die Frage
stellen, ob niemals einige von Gott und Christo in den
Heiligen Geist ohne Wasser getauft worden seien?
Br. Cornelius: Welche teuflische Frage ist doch das,
wer sollte dir auf solche verfluchte Frage antworten
können? Ja, seht doch nun einmal, womit uns dieser
elende Dreckbischof, Jacob der Weber, zu quälen und
zu plagen sucht. Antworte du dir selbst darauf.
Jacob: Wohlan denn, als Christus sah und hörte, daß
sich Nikodemus so sehr über die Worte verwunder-
te, die er zu ihm redete, und daß Nikodemus seine
Worte nicht verstehen konnte und fragte, wie solches
zugehen möchte, so hat ihm Christus geantwortet:
Bist du ein Meister in Israel, und weißt dieses nicht?
Aus diesen Worten Christi kann man verstehen, daß
Christus nicht von der Taufe redete, sondern er redete
mit ihm von Dingen, die in dem Gesetze der Israeli-
ten enthalten waren, nämlich von der Wiedergeburt
oder Wiederherstellung durch den Heiligen Geist, in
welchem alle heiligen Väter und alle Auserwählten
Gottes vor der Zukunft Christi wiedergeboren oder
getauft worden sind; denn hätte Christus von der
Wassertaufe geredet, wie ihr Papisten meint, so hätte
ja Nikodemus zu Christo sagen können: Ich habe in
allen Gesetzen niemals etwas von einer Wassertaufe
gelesen; aber nun hat Christus zu ihm von Dingen
geredet, die im Gesetze oder in der Heiligen Schrift
des alten Testaments geschrieben standen, obgleich
er sie anders nannte, nämlich eine Wiedergeburt aus
Wasser und Geist, wiewohl freilich darin der Heilige
Geist und das Wasser genannt wird; aber Christus
wollte Nikodemus damit prüfen, um ihn über eine
Sache in Verwunderung zu setzen, die er sehr wohl
wissen und verstehen musste, weil er ein Meister in
Israel war. Siehe, darum wird die Wiedergeburt, wo
Christus in den Heiligen Geist tauft, nur mit der aus-
wendigen Wassertaufe vorgestellt.
Bruder Cornelius: Ei, Jesus, Jesus, wie kannst du
plaudern, wie ist dir die Zunge gelöst; so wunderlich
habe ich niemals die Schrift auslegen gehört; ganz
wider den Sinn unserer Mutter, der heiligen katholi-
schen römischen Kirche, wie auch der alten Lehrer
und Väter; ich wundere mich nicht, daß dich die Wie-
dertäufer zu ihrem Lehrer, Prädikanten und Bischof
gemacht haben, denn um dergleichen Reden oder Pre-
digten zu hören, ist das Volk zu Brügge so abscheulich
nach dem Grützhausbusche gelaufen; aber ich muss
noch eine Frage an dich richten: Wenn ihr Wiedertäu-
fer Kinder habt, welche einfältig, simpel oder töricht
bleiben, und in solcher Weise zwanzig, dreißig, vier-
zig, ja, achtzig oder neunzig Jahre alt werden, lasst ihr
dann diese ohne Taufe sterben, weil sie euren Glau-
ben und eure Lehre nicht begreifen können? Denn
einen Einfältigen, der lebenslang einfältig oder töricht
bleibt, kann man ja nicht lehren. Ei, wie macht ihr es
doch mit ihnen; laß es mich doch mit kurzen Worten
hören, denn dein langes Geschwätz wird diesen gu-
ten Herren so unangenehm wie mir; überdies wird es
auch spät, und ich bin müde, das kann ich sagen.
Jacob: Solchen unschuldigen, einfältigen, kindi-
schen Menschen gehört das Himmelreich, wie Chris-
tus sagt, Mt 19.
Bruder Cornelius: Ei, sacht, sacht, eben recht, so
sage ich denn, daß es nicht nötig ist, daß man die
Menschen ihr Glaubensbekenntnis lehre, ehe man sie
tauft, wie ihr Wiedertäufer lehrt und tut, wenn ihr
tauft oder wiedertauft, denn obschon die Kinderlein
im christlichen Glauben nicht unterrichtet sind, so
taufen wir Katholischen sie doch auf den Glauben der
heiligen Kirche, und weil sie gläubige Eltern haben; ei,
darum ist es ja nicht nötig, daß man sie zuvor lehre.
Jacob: Gleichwohl sagt Christus, Mk 16: Geht hin in
alle Welt, und predigt das Evangelium allen Kreatu-
ren, wer glaubt und getauft wird, soll selig werden;
da steht ja, daß Lehre und Glaube der Taufe vorange-
474
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
hen sollen; ferner, Mt 28, sagt Christus: Gehet hin und
lehret alle Völker und taufet sie; hier wird das Lehren
vor das Taufen gesetzt.
Bruder Cornelius: Still, still, fängst du wieder an
zu predigen, tust du nicht? Darum noch eine Frage
und damit hallo. Wenn denn nun ein Ungetaufter un-
ter eurer Wiedertäufergemeinde in eurem teuflischen
Glauben genug unterrichtet wäre, um sich taufen las-
sen, und sich zur Taufe anmeldete, aber so schwach
und krank wäre, daß er von sich selbst nichts wüsste,
und deshalb seinen Glauben vor oder während der
Taufe nicht bekennen könnte, ei, solltet ihr ihn denn
auch ohne Taufe sterben lassen? Darum soll man ja
deine Märlein und Spötterei weder achten noch anse-
hen.
Jacob: Und wenn er auch in seiner Schwachheit
ohne Taufe stürbe, so würde er doch durch seinen
Glauben selig werden, denn Christus sagt, Mk 1 6: Wer
nicht glaubt, wird verdammt werden.
Bruder Cornelius: Nun wohl, es gelüstet mich nicht
länger mit dir zu disputieren, sondern ich will meines
Weges gehen, und den Schinder wider dich disputie-
ren lassen mit brennenden Reisern unter deine Blößen,
dann aber den leibhaftigen Teufel aus der Hölle mit
brennendem Pech, Schwefel und Teer, ei, seht doch.
Jacob: Mitnichten, denn Paulus schreibt, 2 Kor 5:
Wenn unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen
wird, so wissen wir, daß wir einen Bau haben, von
Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht,
sondern das ewig ist im Himmel.
Bruder Cornelius: Ei, fort in die Hölle, in die Hölle,
und erwarte nichts anderes, als durch dies zeitliche
Feuer ins ewige Feuer zu fahren; ja, die Hölle gafft
und schnappt nach deiner Seele, du vermaledeiter
und verdammter Widertäufer, der du bist.
Disputation zwischen Hermann Blekwyk,
gefangen von den Herren des Landes von der Brye
in Brügge, und dem Bruder Cornelius, in
Gegenwart Mr. Jan vDam, den 10. Mai 1569.
Bruder Cornelius: Ich sollte wohl sagen, guten Tag
Hermann; aber ich bin noch gestern über euren ver-
fluchten und vermaledeiten Heckenprediger oder
Lehrer erzürnt und entrüstet, der dich und die andern
Wiedertäufer draußen in dem schändlichen Grützh-
ausbusche durch seine verdammlichen, höllischen,
wiedertäuferischen Ketzereien so feindselig verführt,
betrogen, rasend und teuflisch gemacht und bezau-
bert hat.
Darum muss ich mm hierherkommen, zu versu-
chen, ob ich dich von deiner Wiedertäuferei wieder
abziehen und zu unserm katholischen christlichen
Glauben bekehren könne. Wohlan, hast du Lust dazu
oder nicht; so laß hören.
Hermann: Es kommt mir aus deinen Reden so vor,
als ob du zornig seiest, und wenn du mir es nicht
selbst gesagt hättest, so hätte ich gemeint, du hättest
mich erschrecken wollen; aber warum bist du doch
über den freundlichen und liebreichen Mann, von
welchem ich glaube, daß er dir kein böses Wort gesagt
hat, so entrüstet und ergrimmt?
Bruder Cornelius: Er papistete mich gleichwohl ein-
oder zweimal; zwar gebe ich darum nicht einen Deut,
aber ich bin sehr entrüstet, weil er sich von seiner
verdammten Wiedertäuferei und allen andern ver-
fluchten Ketzereien keineswegs hat bekehren lassen
wollen, während ich doch so viele vergebliche Mühe
angewandt habe; ja, das Verdrießlichste von allem ist,
daß ich ihm seinen bösen, argen, falschen und ket-
zerischen Glauben so klar erwiesen und ihn davon
überzeugt habe, wie die guten Herren gehört, und
dennoch hat alles nichts geholfen, wiewohl er sich ins
Unglück stürzt.
Hermann: Ich denke, daß er dir doch mit der Heili-
gen Schrift bewiesen hat, daß er an Jesum Christum,
den Sohn des lebendigen Gottes, glaube; womit hast
du es ihm dartun können, daß sein Glaube gottlos,
böse, falsch und ketzerisch sei, wie du sagst?
Bruder Cornelius: Pfui, ei leider! So höre ich denn
schon an deiner Antwort, daß ich mit deiner Bekeh-
rung auch keine Ehre erjagen werde. Aber dünkt es
dich denn genug zu sein, allein an Jesum Christum zu
glauben, denn alle Teufel aus der Hölle glauben auch
an Jesum Christum; ei, sieh doch einmal, womit man
uns quält. Du musst ja auch, bei Verlust deiner See-
le, an alle anderen Artikel des christlichen Glaubens
und die guten, heiligen Satzungen unserer Mutter,
der heiligen römischen Kirche, glauben, welche un-
sere heiligen Väter, die Päpste, in allen allgemeinen
heiligen Konsilien beschlossen und verordnet haben,
daß man daran glauben und sie beobachten soll; aber
ihr Wiedertäufer glaubt und haltet doch nichts, es sei
denn, daß es klar in der Heiligen Schrift steht, denn
wenn einige Dinge in Heiliger Schrift etwas dunkel
euch Vorkommen, so wollt ihr dieselben keineswegs
glauben, z. B. wenn in Heiliger Schrift von dem Ge-
bete zur Erquickung und Erlösung der Seelen, die im
Fegfeuer sind, die Rede ist, oder was von den sieben
Sakramenten, von der Priestermacht, von der Trans-
substantiation oder Veränderung des Brotes und Wei-
nes in das wahre Fleisch und Blut Jesu Christi in dem
Sakrament des Altars gesagt wird, oder was darin von
der ewigen jungfräulichen Reinigung Maria, der ge-
benedeiten Mutter Gottes verhandelt wird; nein, und
noch sehr viele andere heiligen Artikel willst du nicht
475
glauben; ja, was noch abscheulicher ist, die würdige
und gebenedeite Mutter Gottes, die du verpflichtet
und schuldig bist zu ehren, ihr zu dienen, sie anzu-
rufen und zu bitten, daß sie ihren lieben Sohn für
dich bitte, ja, die achtet ihr Wiedertäufer nicht besser
als eure unflätigen und besudelten sündhaften Wei-
ber. Auf solche Weise verachtet und verschmäht ihr
auch alle Heiligen beiderlei Geschlechtes, die ihr doch
ehren, ihnen fasten, sie feiern, sie anrufen und anbe-
ten solltet, daß sie das Advokaten- oder Mittleramt
zwischen euch und Gott vertreten und für euch bit-
tet wollen; ei, ist das nicht brav? Aber du schweigst;
antworte mir, warum ihr Sektierer wider die werte,
gebenedeite Mutter Gottes und die Heiligen Gottes
solche Feindschaft hegt; wohlan, laß hören!
Hermann: Daß wir Maria, der Mutter Jesu Christi,
und die Heiligen Gottes hassen sollten, das sei ferne
von uns; daß wir aber sie nicht anrufen und bitten,
daß sie zwischen Gott und uns das Mittler- oder Advo-
katenamt vertreten wolle, das geschieht darum, weil
Johannes in seinem zweiten Briefe, Kap 2 sagt: Und
wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürspre-
cher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist,
und derselbe ist die Versöhnung für unsere Sünden,
und nicht allein für unsere, sondern auch für der gan-
zen Welt Sünden. Dergleichen schreibt auch Paulus
an Timotheus, Brief 1, Kap 2: Es ist ein Gott und ein
Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich
der Mensch Jesus Christus, der sich selbst gegeben
hat für alle zur Erlösung; ebendasselbe führt er auch
an, Hebr 9. Aber wir hassen unsere Feinde nicht, wie
sollten wir denn die Heiligen Gottes hassen, die doch
unsere Mitbrüder und Schwestern in dem Herrn sind?
Bruder Cornelius: Ei, ist das wahr? Sind sie eure
Mitbrüder und Schwestern in dem Herrn! Warum seid
ihr ihnen denn so feind und aussätzig, daß ihr ihre Re-
liquien oder Gebeine habt verbrennen und vernichten
helfen, und ihre Bilder in Stücke zerschlagen habt, wo
ihr sie habt bekommen oder erwischen können; ist das
nicht eine schöne Bruderschaft und Schwesternschaft.
Ihr vermaledeiten Wiedertäufer, die ihr seid!
Hermann: Wir haben mit euren Sachen nichts zu
schaffen; würdet ihr uns in unserem Glauben und
Handel und Wandel in Ruhe lassen, wie wir euch in
eurer Religion, und wie wir auch eure Bilder, Reliqui-
en oder Totenbeine zufrieden lassen, ihr würdet euch
an unserem Blute nicht verunreinigen, noch euch des-
sen schuldig machen; aber ihr Kainsgeschlecht tötet
zuerst die Heiligen Gottes, dann erhebt und verehrt
ihr sie mit Fasten und Feiern, und richtet ihnen ab-
göttische Bilder auf, welche sie doch selbst verachtet,
verschmäht und verworfen haben; verehrt auch ihre
Gebeine, wie Christus sagt, Lk 11: Wehe euch, denn ihr
baut der Propheten Gräber; eure Väter aber haben sie
getötet; so bezeugt ihr zwar und bewilligt in eurer Vä-
ter Werk, denn sie töteten sie, so baut ihr ihre Gräber.
Darum spricht die Weisheit Gottes: Ich will Propheten
und Apostel zu ihnen senden, und sie werden einige
derselben töten und verfolgen, damit von diesem Ge-
schlechte aller Propheten Blut gefordert werde, das
vergossen ist, von Abels Blut an Mt 23.
Bruder Cornelius: Ei, ei! Ihr verdammten, vermale-
deiten Wiedertäufer! Wollt ihr euch mit den Prophe-
ten, Aposteln und Gottes heiligen Märtyrern, Päpsten
und Priestern vergleichen, deren Blut um des katholi-
schen christlichen Glaubens willen vergossen worden
ist, gegen welche ihr Wiedertäufer doch eine solche
Feindschaft tragt, daß ihr auch dadurch das Sakra-
ment des Priesteramts schändet, und nicht allein die
sechs übrigen Sakramente und alle unsere christli-
chen Zeremonien und Gottesdienste verwerft, son-
dern auch alle Artikel des christlichen katholischen
Glaubens, wie ich gesagt habe; und darum werdet ihr
getötet, versteht du das wohl, du grober, unverständi-
ger, plumper Wiedertäufer, der du bist?
Hermann: Wie grob, plump und unverständig ich
auch bin, so weiß ich doch wohl, daß ihr uns um des-
willen tötet, weil wir solche päpstlichen, römischen
Kirchenartikel, von denen du einen Teil genannt hast,
weder glauben, noch halten, ihr aber meint Gott da-
mit einen Dienst zu tun, daß ihr uns darum tötet, wie
Christus, Joh 16, sagt: Sie werden euch in den Bann
tun, aber die Zeit kommt, daß, wer euch tötet, meinen
wird, er tue Gott einen Dienst daran, und solches wer-
den sie euch darum tun, weil sie weder meinen Vater,
noch mich kennen.
Bruder Cornelius: Ei, du bezauberter und von dem
Teufel besessener Wiedertäufer! Willst du dieses auf
euch beziehen? Solltest du uns Priestern und den Ka-
tholischen solche Dinge vorwerfen und weisen? Viel-
leicht möchtest du auch sagen, daß wir Priester weder
Gott, noch seinen Sohn Jesum Christum kennen? Aber
ei, wer kennt doch Gott und Jesum Christum besser,
als wir katholischen Priester? Darum ist dieses von
den jüdischen Priestern, wie auch von den Wiedertäu-
fern, Calvinischen, Lutheranern und von allen andern
Ketzern geredet, die uns Priester in Frankreich, Spa-
nien, in diesen Landen und anderswo so tyrannisch
verfolgen, ängstigen und martern, weil wir die rechte
Erkenntnis Gottes und Christi haben.
Hermann: Es ist zu befürchten, daß euch Christus
nicht kennen wird, obgleich ihr meint, ihn sehr wohl
zu kennen, indem ihr ja so mancherlei verschiede-
ne Orden und Regeln unter euch habt. Du bist ein
Franziskaner, ein anderer ein Augustiner, dritter ein
Karmelit, ein vierter ein Benediktiner, Jakobiner oder
476
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Dominikaner, und so seid ihr in unzählbare Orden
und Sekten zerteilt, worunter eine jede ihre besonde-
ren Regeln und Zeremonien hat, wonach sie leben
muss, von welchem allem man nicht ein Wort in der
Lehre Christi findet; wie sollte er euch nun kennen?
Bruder Cornelius: Ei, ist das wahr, du höllischer
und teuflischer Wiedertäufer? Obgleich wir solch ver-
schiedene Orden, Regeln und Zeremonien unter uns
haben, so sind wir Ordensleute doch alle unter einem
Sakramente des Priesteramtes begriffen.
Hermann: Dein Sakrament und Priesteramt ist ein
bloßer Artikel, wie alle eure anderen Glaubensartikel,
von denen man in Heiliger Schrift nichts geschrieben
findet; darum habe ich weder Kenntnis davon, noch
Glauben daran.
Bruder Cornelius: Ei, du verfluchter Wiedertäufer!
So antworte mir denn, warum Gott der Vater uns, die
wir seine Priester sind, nicht sollte kennen wollen,
denn wir opfern ihm doch täglich in der Messe seinen
Sohn Jesum Christum in Fleisch und Blut auf. Wen
sollten sie beide doch besser kennen, als uns, ihre
Priester? Was willst du nun hierüber sagen?
Hermann: Wie soll ich dir das Geheimnis der Messe
offenbaren, da ich doch das Geheimnis der Messe
selbst nicht kenne; aber du kennst es sehr gut.
Bruder Cornelius: Ist es wahr, daß ihr das Geheim-
nis der Messe nicht versteht, woher kommt es denn,
daß ihr Ketzer euch unterwindet, ein solches vermale-
deites Buch über das Todbette der Messe zu schreiben,
worin steht, daß die Messe gleichsam an einem faulen,
eiternden Geschwüre krank darniederliege, das sie
an ihrem Kanon hat, woran sie sterben muss? Weißt
du, verfluchter Ketzer, noch nicht das Geheimnis der
Messe, wie du es nennst? Aber daß dich der Teufel
schände samt dem Todbette der Messe, du verdamm-
ter Wiedertäufer, der du bist.
Hermann: Wir haben das Büchlein von dem Todbet-
te der Messe nicht geschrieben, und warum nimmst
du es so übel auf, daß ich von dem Geheimnisse der
Messe rede; es ist doch auch unter den Papisten ein
allgemeiner Gebrauch, daß sie, wenn man nach etwas
fragt, das sie verschweigen wollen, darauf antworten:
Ich darf das Geheimnis der Messe nicht verraten.
Bruder Cornelius: Ei, der Teufel und seine Mutter
haben dies Sprichwort unter die Weltleute gebracht;
ei, ich wollte, daß alle, die so sprechen, durch die Erde
in den Abgrund der Hölle versinken müssten; ja, das
wollte ich.
Notarius: Ei, Pater Cornelius, das Volk meint nichts
Arges mit diesen Reden; ich habe es auch bisweilen
Priester sagen hören, und daß ich die Wahrheit sa-
ge, ich habe es oft selbst ohne Arg und Nachdenken
gesagt.
Bruder Cornelius: Nun, wohlan, hiervon ist genug;
aber, du Wiedertäufer, antworte mir, ob du glaubst,
daß das wahre Fleisch und Blut Christi Jesu in der
Messe von uns Priestern aufgeopfert werde; wohlan,
laß hören.
Hermann: Du solltest mich allerdings nach Sachen
fragen, die in der Heiligen Schrift stehen, denn ich
habe in eurem Glauben und eurer Religion nicht stu-
diert.
Bruder Cornelius: Ja, ist das wahr, du unsinniger
verteufelter Wiedertäufer? Willst du nur nach Sachen
gefragt sein, die klar in der Heiligen Schrift stehen?
Aber nun will ich dich auch rechtschaffen nach Sa-
chen fragen, die klar und ausdrücklich in der Heiligen
Schrift stehen. Ich habe ja gehört, daß ihr große Kin-
der im Hause herumlaufen habt, die noch ungetauft
sind, während doch Christus zu Nikodemus, Joli 3,
sagt: Wahrlich, wahrlich, es sei denn, daß jemand wie-
dergeboren werde, aus Wasser und Geist, so kann er
nicht in das Reich Gottes kommen; ist nun das nicht
eine Sache, die in der Heiligen Schrift vorkommt?
Hermann: Als die Apostel nach Christi Befehl,
Mt 28, hingingen und lehrten alle Völker an Jesum
Christum glauben, ehe sie dieselben tauften, liefen
denn damals, die im Glauben unterrichtet wurden,
nicht auch zu der Zeit, wo sie nicht gelehrt wurden,
im Hause ungetauft herum?
Bruder Cornelius: Wenn aber eure Kinder inzwi-
schen sterben sollten, ich denke, sollten sie nicht zum
Teufel in die Hölle fahren?
Hermann: Mitnichten. Ebenso wenig als die Kinder,
oder diejenigen, die zur Zeit der Apostel im Glauben
unterrichtet wurden.
Bruder Cornelius: Ei, das war ja eine andere Sache;
die Kinder waren beschnitten, und dadurch waren sie
selig, wenn sie auch ohne Taufe starben; jetzt bist du
in die Enge getrieben und wirst in Gefahr laufen; ja,
ja, ja.
Hermann: Die Kinder waren nicht alle beschnit-
ten, denn der Glaube an Jesum Christum wurde auch
unter den unbeschnittenen Heiden gelehrt und gepre-
digt; nun bin ich wieder entwischt.
Bruder Cornelius: Ei, ist das wahr? Aber ich will
dich doch wieder fangen, denn wie die Kinder der
unbeschnittenen Heiden, die ohne Taufe starben, zum
Teufel fuhren, so fahren eure Kinder, die ohne Taufe
sterben, auch in die ewige Verdammnis, verstehst du
das wohl?
Hermann: Unsere Kinder, die vor der Taufe sterben,
fahren ebenso wenig in die ewige Verdammnis als
die Kinder des alten Testamentes, die vor dem achten
Tage unbeschnitten starben.
477
Bruder Cornelius: Ei, meinst du denn, daß die Kin-
der des alten Testamentes, die vor dem achten Tage
unbeschnitten starben, selig seien? Ei, das wäre ja et-
was braves.
Hermann: Ja, so halten wir dafür, ohne daran zu
zweifeln, und ich wundere mich, daß ich dich daran
zweifeln höre.
Bruder Cornelius: Wo bleibt ihr denn mit der Erb-
sünde, welche die Kinder von Adam und Eva erer-
ben?
Hermann: Wo bleibt ihr denn mit dem Tode Christi?
Denn Johannes der Täufer sagte: Siehe, das ist Gottes
Lamm, welches der Welt Sünde trägt, Joh 1 .
Bruder Cornelius: Trägt Christus alle Sünden der
Welt hinweg, wie ihr Wiedertäufer versteht, meint
und glaubt, wer sollte dann wohl verdammt sein, nie-
mand, denke ich?
Hermann: Christus sagt, Mk 16: Wer nicht glaubt,
wird verdammt werden, aber er sagt an keiner Stel-
le: Wer nicht getauft ist, wird verdammt werden; ich
meine in der Kindheit.
Bruder Cornelius: Daran lügst du mit deinem
falschen, schändlichen und lügenhaften Maule; denn
habe ich dir nicht gesagt, daß Joh 3 steht, daß Christus
zu Nikodemus gesagt hat: Wahrlich, wahrlich, es sei
denn, daß jemand wiedergeboren werde aus Wasser
und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kom-
men. Nun da habe ich dich ja in die Enge getrieben,
ist dem nicht so?
Hermann: Mitnichten. Denn Christus redet dort
von keiner auswendigen Taufe, auch meint er die Tau-
fe nicht, sondern er redet von der Wiedergeburt, wel-
che durch den Geist Gottes geschieht, welcher auch
bisweilen in der Heiligen Schrift ein Wasser genannt
wird, denn so spricht der Herr durch den Propheten
Jes 44: Ich will Wasser auf die Durstigen gießen und
Ströme auf die Dürre; ich will meinen Geist auf deinen
Samen gießen; ferner, durch den Propheten Hesekiel,
Kap 36: Ich will reines Wasser über euch sprengen,
daß ihr von aller eurer Unreinigkeit rein werdet und
von allen euren Götzen will ich euch reinigen, und ich
will euch ein neues Herz und einen neuen Geist geben.
Ferner, Kap 39, spricht der Herr durch Hesekiel: Ich
habe meinen Geist über das Haus Israel ausgegossen;
ferner durch den Propheten Joel 3: Alsdann will ich
meinen Geist über alles Fleisch ausgießen.
Bruder Cornelius: Ja, das alles geschieht durch das
Sakrament der Taufe, wenn man die Kinder tauft,
denn da wird der Teufel durch des Priesters Beschwö-
rungen ausgetrieben, und sie werden von der Erbsün-
de gereinigt, die sie von Adam und Eva empfangen
haben, dann erlangen sie ein neues Herz und einen
neuen Geist. Also gießt Gott seinen Geist über alles
Fleisch aus; das wirst du mir nicht aus der Hand spie-
len, nun habe ich dich erwischt, du wirst auch wohl
in der Enge bleiben.
Hermann: Ich sage dir noch einmal, daß Christus
solche Wiedergeburt versteht, als er zu Nikodemus
redete, welche weder die auswendige Taufe, noch die
Kinder etwas angeht, sondern die Rechtgläubigen in
Christo, die nach dem Willen Gottes durch das Wort
der Wahrheit geboren sind, wie Jakobus, Kap 1, sagt;
ferner, Petrus, Brief 1, Kap 1: Habt euch unter einander
brünstig lieb aus reinem Herzen, als die da wieder-
geboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus
unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendi-
gen Worte Gottes. Dergleichen Schriftstellen finden
sich noch mehr, welche weder die unverständigen
Kinder, noch die auswendige Taufe betreffen.
Bruder Cornelius: Wenn denn nun die Wiederge-
burt aus dem Wasser und Geiste die Kinder nicht be-
trifft, so müssen sie ja geradeswegs zum Teufel fahren,
denn ihr bekennt ja selbst, daß wer nicht glaubt, soll
verdammt werden; nun aber glauben die Kinder ja
nicht, wie du auch sagst. Wenn sie nun noch überdies
ungetauft bleiben und in diesem Zustande sterben, so
müssen sie ja verdammt sein, denn wodurch sollten
sie denn anders zur Seligkeit gelangen?
Hermann: Durch den Tod Christi, wie ich dir gesagt
habe; überdies sagt auch Christus, Mt 5; 18 und 19,
daß solcher das Himmelreich sei.
Bruder Cornelius: Ja, das sind eben dieselben
Schlussreden, womit mir gestern euer Heckenpredi-
ger auch die Blase brach.
Was nützt doch alles Disputieren und Nachgrübeln?
Willst du dich bekehren lassen, so musst du dir sagen
und dich unterweisen lassen und zu dem katholischen
christlichen Glauben unserer Mutter, der heiligen rö-
mischen Kirche, und zu ihrer Taufe und Religion brin-
gen lassen. Was willst du dich nun so sehr auf die Ket-
zereien des verdammten Hauptketzers Menno Simon
verlassen und an diesem bezauberten Heckenpredi-
ger so fest halten? Ei, warum glaubst du mir nicht
ebenso gut, als diesem Menno Simon? Ich bin ebenso
gelehrt und habe ebenso viel gelesen, als er, und ge-
wiss viel mehr, als dieser lumpige Dreckbischof Jakob
der Weber, und als Dierik Philipps oder Ubo Frisius,
und was dergleichen Teufelsbrut mehr ist.
Hermann: Ich verlasse mich (oder baue) weder auf
Menno Simon, noch auf irgendeinen Menschen, denn
der Prophet Jeremia sagt: So spricht der Herr: Ver-
flucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt.
Bruder Cornelius: Das ist wahr, du hast sehr gut ge-
redet. Wenn du anfängst, so zu sprechen, so habe ich
gute Hoffnung, dich mit der Hilfe Gottes von dieser
schändlichen Wiedertäuferei zu bekehren. So will ich
478
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dich denn zunächst dazu bringen, daß du von dersel-
ben abfallest, und deine ungetauften Kinder in der
katholischen Kirche von einem Priester taufen lassest,
wie einem guten Christenmanne zukommt. Da hast
du es denn; ei, Hermann, was denkst du davon?
Hermann: Mich dünkt nicht, daß du der Mann sei-
est, der mich zu deiner Mutter, der römischen Kirche,
bekehren, oder dazu bringen wird, daß ich meine un-
getauften Kinder in der papistischen Kirche taufen
lasse.
Bruder Cornelius: Ei, ei, wie redest du nun wieder
so; was tausend Teufel (Gott segne uns) treibt dich da-
zu. Es scheint, daß er weder auf Menno Simon, noch
auf irgendeinen andern Menschen mehr vertrauen
will, denn wenn ich ihn mit Güte und Freundlichkeit
ermahne, von der Wiedertäuferei abzustehen, und
seine ungetauften Kinder in der katholischen Kirche
taufen zu lassen, so dreht er sogleich den Rücken um,
ist das nicht schön? Wirst du dich nicht bekehren, und
deine ungetauften Kinder nach katholischer Weise in
unserer Kirche taufen lassen, so kann man dich auch
wohl lebendig an einem Pfahle verbrennen; ja, sieh
doch.
Hermann: Das könntet ihr Papisten dennoch tun,
wenn ich auch von meinem Glauben abfiele und mei-
ne ungetauften Kinder in eurer Kirche taufen ließe.
Bruder Cornelius: Ja wohl, wir könnten, aber man
würde dir alsdann das Schwert geben; willst du dich
nun gutwillig bekehren lassen, so will ich dir des
Schwertes wegen Versicherung geben.
Hermann: Warum sollte man mir ein Schwert ge-
ben? Es wäre mir ja nichts nütze, denn wir brauchen
keine Schwerter.
Bruder Cornelius: Ei, ei, du verstehst mich wohl,
was ich damit meine; du sollst alsdann nur mit dem
Schwerte enthauptet werden.
Hermann: Wenn ich nun wahrhaftig und ohne Heu-
chelei bekannt, daß ich im Glauben geirrt hätte, und
meine ungetauften Kinder in eurer Kirche taufen lie-
ße, würde ich dann nicht, nach deiner Meinung, ein
guter, aufrichtiger Christenmensch sein?
Bruder Cornelius: Ach, Jesus! Ja Hermann, warum
nicht? Ja, gewiss, Hermann, solch ein guter Christ, als
jemand sein kann. Das höre ich gern.
Hermann: Solltet ihr Papisten aber euch keine Sün-
de daraus machen, eines solchen guten aufrichtigen
Christenmensch Blut zu vergießen?
Bruder Cornelius: Ei, ei, ist es nichts anderes als
dieses? Du müsstest ja doch sterben, weil du von dem
katholischen christlichen Glauben abgefallen bist und
dich hast wiedertaufen lassen; prüfe es einmal.
Hermann: Der Hirt von den hundert Schafen, wo-
von Christus, Lk 15, sagt, stach doch dem verlorenen
oder verirrten Schafe die Kehle nicht ab, als er es wie-
derfand, sondern er legte es auf seine Schultern und
trug es mit Freuden nachhause.
Bruder Cornelius: Was nützt doch alles dies Rasen
und Schwatzen, willst du dich bekehren, so bekehre
dich und komme. Ei, was soll ich hierzu sagen? Ich
sollte je eher den Teufel aus der Hölle und seine Mut-
ter bekehren, als einen von diesen verstockten und
verhärteten Wiedertäufern, das schwöre ich.
Hermann: Darum habe ich gesagt, daß du der Mann
nicht seiest, der mir aus der Heiligen Schrift beweisen
kann, daß mein Glaube und meine Taufe, die ich auf
mein Glaubensbekenntnis an Jesum Christum emp-
fangen habe, böse sei; wie sollte ich mich denn davon
bekehren können?
Bruder Cornelius: Ja, ist es wahr? Aber welcher Teu-
fel aus der Hölle macht dich so frech, daß du dich
wiedertaufen lässt, der du doch einmal getauft wor-
den bist; aber beweise mir einmal aus der Heiligen
Schrift, daß sich ein Christenmensch, der einmal ge-
tauft worden ist, wiedertaufen lassen soll; ich will
meinen Hals zum Pfände setzen, daß du mir solches
mit der Heiligen Schrift nicht beweisen kannst; ja sieh.
Hermann: Armer Bruder Cornelius, du hast bereits
deinen Hals verspielt, denn im 19. Kapitel der Apo-
stelgeschichte steht: Es geschah, als Apollo zu Korinth
war, daß Paulus die oberen Länder durchwanderte
und nach Ephesus kam, wo er einige Jünger fand, zu
denen er sprach: Habt ihr den Heiligen Geist empfan-
gen, als ihr gläubig geworden seid? Sie antworteten:
Wir haben noch nicht gehört, ob ein Heiliger Geist sei.
Paulus sprach zu ihnen: Worauf seid ihr denn getauft?
Sie antworteten: Auf Johannes Taufe. Paulus sprach:
Johannes hat mit der Taufe zur Buße getauft und sagte
zum Volke, daß sie an den glauben sollten, der nach
ihm kommen würde, das ist, an Jesum, daß er der
Christ sei. Da sie das hörten, ließen sie sich auf den
Namen des Herrn Jesu taufen; nun, wohlan, du armer
Bruder Cornelius, gib deinen Hals her.
Bruder Cornelius: Ja, holla, wären sie recht getauft
gewesen, Paulus hätte sie nicht wiedertaufen lassen.
Ich habe meinen Hals noch nicht verspielt.
Hermann: Wohlan denn, eben dasselbe antworte
ich auch; wäre ich recht getauft gewesen, ich hätte
mich nicht wieder taufen lassen; aber nun hörst du
es, daß du mich so oft mit Unrecht einen verfluchten
vermaledeiten Wiedertäufer gescholten hast.
Bruder Cornelius: Aber du warst ja sehr wohl ge-
tauft, denn der Priester hatte dich im Namen des Va-
ters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft. Dar-
auf hast du dich nachher innerhalb sechs oder sieben
Jahren noch einmal taufen lassen, bist du nicht ein
verfluchter, verdammter und vermaledeiter Wieder-
479
täufer?
Herman: Ich war nicht auf meinen Glauben an Je-
sum Christum, sondern in meinem Unglauben ge-
tauft; als ich das hörte und verstand, ließ ich mich auf
meinen Glauben taufen, wie Christus selbst, Mk 16,
gesagt hat: Wer glaubt und getauft wird, soll selig
werden; bin ich denn darum ein verdammter, verma-
ledeiter und verfluchter Wiedertäufer?
Bruder Cornelius: Ja, du bist und bleibst ein ver-
dammter, vermaledeiter Wiedertäufer, wenn du dich
nicht bekehrst, denn St. Paulus sagt ja, es sei nur ein
Gott, ein Glaube, eine Taufe; ist es nun keine Wieder-
täuferei, sich wiedertaufen zu lassen?
Hermann: Darum werdet ihr Papisten nach euren
eigenen Worten mit Recht von den Calvinischen be-
schuldigt, daß ihr Wiedertäufer seid, weil ihr die Kin-
der in euren Kirchen wiedergetauft habt, die draußen
in ihrer Predigt einmal getauft waren.
Bruder Cornelius: Ei, du plumper unverständiger
Wiedertäufer! Die Kinder waren ja nicht recht getauft;
so weißt du auch selbst aus den Geschichten der Apo-
stel, Kap 19, daß Paulus diejenigen hat wiedertaufen
lassen, die auf Johannes Taufe verkehrt getauft wa-
ren. Sollten wir Katholischen denn nun Wiedertäufer
sein? Einen Dreck in dein Maul. Aber was soll ich
sagen? Macht man jetzt nicht ein rechtes Narrenwerk
aus dem Sakramente der Taufe? Ei, seht doch, wo-
mit wir geplagt und gequält sein müssen! Willst du
verfluchter Wiedertäufer nun auch uns Katholische
Wiedertäufer schelten? Nun laufe in die Hölle.
Hermann: Ich mache dich nicht zum Wiedertäufer,
sondern ich sage nur, daß die Calvinischen euch Wie-
dertäufer schelten, weil ihr ihre Kinder wiedertauft,
die sie schon einmal haben taufen lassen.
Bruder Cornelius: Ei, ich frage ja den Teufel nach
der Calvinischen Taufe und nach eurer Wiedertäufe-
rei.
Hermann: Unsere Taufe geschieht gleichwohl nach
der Einsetzung Christi, denn in unserer Gemeinschaft
tauft man die Gläubigen, aber ihr tauft die Ungläubi-
gen.
Bruder Cornelius: Ja, die Paten und Dötchen glau-
ben statt der Kinder, bis sie groß genug sind, selbst zu
glauben; verstehst du das wohl?
Hermann: Nein, denn von diesen Paten und Döt-
chen finde ich in der Heiligen Schrift nichts, auch das
nicht, daß ein Mensch um eines andern willen glaubt.
Bruder Cornelius: Ei, jetzt habe ich dich recht in
die Enge getrieben, denn St. Lukas sagt ja, Kap 5, daß
Christus den Glauben der Träger angesehen, die den
gichtbrüchigen Menschen von oben durchs Dach mit
dem Bette hinabließen, und daß er ihn um deswillen
gesund gemacht und ihm seine Sünden vergeben ha-
be. Ei, da habe ich dich wieder erwischt; nun suche
abermals einen Ausweg; da hast du eine Brille auf die
Nase erhalten; hast du nicht.
Hermann: Mitnichten; denn daraus mag man nicht
schließen, daß der gichtbrüchige Mensch selbst nicht
geglaubt habe, oder ohne Glauben gewesen sei, wie
die Kinder sind, die ihr tauft.
Bruder Cornelius: Ja die Altväter oder Lehrer unse-
rer Mutter, der heiligen römisch-katholischen Kirche,
lehren gleichwohl, daß die Träger des gichtbrüchigen
Menschen die Paten und Dötchen bedeuten, welche
die Kinder über die Taufe heben, und statt der Kinder
glauben, bis sie ihrer vorgerückten Jahre wegen selbst
glauben können; denn darum ist auch das Sakrament
der Firmung eingeführt worden, um die Kinder, wenn
sie in Folge ihres Alters selbst glauben können, an ihre
Taufe zu erinnern. Ich könnte dir zwar solches aus den
Altvätern zur Genüge beweisen, aber ihr Wiedertäu-
fer wollt so fest allein auf der Heiligen Schrift stehen,
daß ihr von den Altvätem oder Lehrern der heiligen
Kirche nichts hören wollt, denn wie mir der Oberauf-
seher der Augustiner gesagt hat, so kommt es euch so
abscheulich und hässlich vor, wenn man euch etwas
von St. Hieronymus, St. Ambrosius, St. Augustinus,
St. Gregorius und einigen andern Altvätern sagt, als
ob man euch etwas von dem leibhaftigen Teufel sagte;
ei, das ist was Schönes.
Hermann: Weil wir nun Christen sein wollen, so
wollen wir nicht auf der Altväter Lehre achten, denn
ihre Beschreibung handelt nur von der Papisterei, als
von Paten, Dötchen, von dem Sakramente der Fir-
mung und dem ganzen Papistenkram, welchem ihr
folgt und unterhaltet.
Bruder Cornelius: Ei, du verdammter und verfluch-
ter Wiedertäufer! Nennst du das Sakrament der Fir-
mung Papisterei?
Hermann: Was ist es denn anderes? Denn ich habe
in heiliger Schrift niemals etwas von dem Sakramente
der Firmung gelesen.
Br. Cornelius: Solltest du denn so unverständig,
plump und grob sein, daß du es nicht verständest,
wenn du davon liest, denn firmen ist so viel als Hän-
de auflegen. Ei, sieh doch.
Herman: Ei, will es so viel sagen, so vergib mir,
daß ich um meines groben und dummen Verstandes
willen solches schöne und hohe Latein nicht verstehe.
Bruder Cornelius: Ei, hört doch nun! Sage ich denn,
daß es Latein sei?
Hermann: So wollte ich denn gerne wissen, aus
welcher Sprache es wäre.
Bruder Cornelius: Das weiß ich selbst nicht; aber
wir Katholischen verstehen unter dem Worte Firmung
das Sakrament der Bestätigung oder die Auflegung
480
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der Hände des Bischofs, wenn nämlich unsere Bischö-
fe, oder Weihbischöfe, Erwachsene oder Kinder fir-
men, wie auch die Apostel taten; aber das ist es, was
ich sage, daß ihr Sektierer von vielen heiligen sakra-
mentalischen Sachen in der Heiligen Schrift lest, die
ihr doch nicht versteht, und darum versteht ihr auch
unser Sakrament der Firmung nicht.
Hermann: Wenn eure Bischöfe oder Weihbischofe
mit solcher Firmung oder Auflegung der Hände den
Kindern oder Erwachsenen den Heiligen Geist und
die Gabe der Sprache und Weissagung geben könnten,
wie es die Apostel taten, so würde ich eure Firmung
sehr wohl verstehen und kennen.
Bruder Cornelius: Ei, diese Wunderwerke muss-
ten damals geschehen, damit die heute den Aposteln
glauben möchten, denn sie waren doch ungläubig;
verstehst du das nicht, du unverständiger Wiedertäu-
fer?
Hermann: Hätte euch Christus befohlen, solche Auf-
legung der Hände nachzumachen, so würde er auch
die Wunderwerke durch euch wirken. Wenn nun eure
Bischöfe solche Wunder mit ihrer Firmung und durch
Auflegung der Hände bewirken, so will ich euch auch
glauben.
Bruder Cornelius: Still, still, still! Das sind eben
dieselben Schlüsse und Zänkereien, die euer verma-
ledeiter Heckenprediger gestern auch wider das Sa-
krament der Firmung und das Sakrament der Ölung
vorgebracht hat, und obgleich Christus uns nicht be-
fohlen hat, es nachzumachen, so haben es doch die
Apostel uns befohlen; denn befiehlt nicht St. Jakob im
5. Kap., daß, wenn jemand schwach oder krank wäre,
man die Priester der Kirche holen lassen solle, damit
sie über ihn bitten und ihn mit Öl salben.
Hermann: Das Öl, wovon Jakobus schreibt, mag
wohl ein anderes Öl sein, als euer Öl ist, denn mit
jenem wurden die Kranken gesalbt, daß sie von ihrer
Krankheit genesen möchten, worauf sie auch gesund
wurden; aber ihr Papisten tut ja das Gegenteil, denn
wenn ihr zuvor wüsstet, daß die Kranken gesund wer-
den und nicht sterben würden, ihr würdet sie nicht
mit Öl salben; aber ihr salbt nur solche Kranke mit Öl,
von denen ihr meint, daß sie sterben werden.
Bruder Cornelius: Wusste ich es nicht, meine Her-
ren, daß er dergleichen auch Vorbringen würde, wie
gestern euer Heckenprediger; ich wollte mit euch wet-
ten, daß wenn ich ihm aus dem 5. Kap. St. Jakobus
das Sakrament der Beichte beweisen wollte, er sagen
würde, wie auch gestern sein Heckenprediger sagte,
ich sollte meine Sünden auch vor ihm beichten. Ei,
seht doch, womit wir gequält und geplagt sind!
Hermann: Schien dir denn dies eine unerwartete
Antwort von ihm zu sein? Gleichwohl steht geschrie-
ben: Bekenne einer dem andern seine Sünden; aber
wenn ihr Pfaffen alles von den Feuten wisst, was ihr
zu wissen verlangt, so lasst ihr sie gehen, und beichtet
denen nicht, die doch ihre Sünden euch bekannt, oder,
wie ihr es nennt, gebeichtet haben.
Bruder Cornelius: Ja, wir nennen es Beichte; es ist
auch eine Beichte und wird trotz deines Maules eine
Beichte bleiben. Wie fremd würde es aber aussehen,
wenn wir Priester auch niederknien und den Welt-
leuten beichten würden. Sollten sie auch wohl Macht
haben, uns von den Sünden freizusprechen? Ei, wel-
che fremde Freisprechung würde das sein; und wenn
ich dir hier beichten würde, solltest du dich auch wohl
der Macht anmaßen, mich von den Sünden zu entbin-
den oder mir sie zu vergeben?
Hermann: Eine solche Macht wie du hast, und al-
le Pfaffen, die Sünden zu vergeben, haben alle Men-
schen; denn Christus sagt, Mk 11: Vergebt, wenn ihr
etwas wider jemanden habt, damit euer Vater im Him-
mel euch eure Fehler vergebe; ferner Lk 6: Vergebt,
dann wird euch vergeben.
Bruder Cornelius: Ei, du verfluchter Widertäufer!
Habt denn ihr Weltleute priesterliche Macht, die Sün-
den in der Beichte zu vergeben? Diese Vergebung der
Sünden, wovon Christus Mk 1 1 und Lk 6 sagt, geht we-
der die Beichte noch den Ablass einen Dreck an; aber
wir Priester haben in dem Sakramente der Beichte und
des Ablasses noch eine besondere priesterliche Macht
die Sünden zu vergeben und sie büßen zu machen.
Hermann: Woher habt ihr Pfaffen mehr Macht, die
Sünden zu vergeben, als wir, die ihr Weltleute nennt?
Bruder Cornelius: Diese besondere Macht hat Chris-
tus seinem Statthalter St. Peter übergeben; St. Peter
aber hat sie seinen Statthaltern, den Päpsten, hinter-
lassen; so teilen denn nun die Papste uns Priestern
solche Macht mit, weil sie selbst nicht überall persön-
lich Beichte hören und Ablass geben können.
Hermann: Daß die Päpste, wie auch ihr Pfaffen,
eine besondere Macht haben sollten, die Sünden zu
vergeben und zu behalten, welche Christus Petrus
gegeben hat, könnt ihr mit der heiligen Schrift nicht
beweisen.
Bruder Cornelius: Ist es wahr, du verfluchter Wie-
dertäufer? Der Schinder wird es dir gut machen und
ein gutes Feuer unter deinen Feib anzünden; ebenso
werden es dir die leibhaftigen Teufel aus der Hölle
noch wohl mit brennendem Pech, Schwefel und Teer
im höllischen Feuer beweisen; das soll dir geschworen
sein.
Hermann: Ihr Papisten könnt euren Glauben, eure
Fehre und Religion mit nichts besser beweisen, als
mit dem Henker, Schwerte, Feuer, Stricke und Galgen,
denn das sind die besten Zeugnisse oder Beweisgrün-
481
de, die ihr habt, und auf gleiche Weise haben eure
Vorväter auch ihren Glauben und ihre Lehre an den
Propheten Gottes, an Christo, seinen Aposteln und
an den Heiligen Gottes von Abels Blut an bis hierher
bezeugt und bewiesen.
Bruder Cornelius: Ei, du höllischer, teuflischer, ver-
dummter und vermaledeiter Wiedertäufer! Für was
hältst du denn unsere heiligen Väter, die Päpste, und
unsere Priester? Daß dich der Donner und Blitz er-
schlage, verbrenne und zermalme! Ei, daß ich mich
um solches verfluchten Wiedertäufers willen so erzür-
ne, entrüste und beunruhige.
Der Blutschreiber: Sachte, sachte, Vater Cornelius
und Hermann; redet doch sanftmütiger miteinander.
Bruder Cornelius: Jawohl! Seid sanftmütig gegen
solche verteufelten und bezauberten Ketzer, die nichts
hochachten. Aber lauft ihr Wiedertäufer denn ohne
Beichte und Ablass zu eurem Nachtmahle? Ich denke
wohl; denn ihr haltet es doch nur für einen Bissen
schlechtes und gemeines Brot, und für ein Schlück-
lein gemeinen und sauren Wein; aber wenn die we-
sentliche Verwandlung in dem Sakramente des Altars
bei dir Papisterei und Zauberei ist, so werden wir
Priester alle von dir für Zauberer gehalten, weil wir
das wahre Fleisch und Blut Christi in der Hostie und
in dem Kelche beschwören und bezaubern, wie ihr
Sakramentierer sagt, obgleich ihr euch dadurch ins
Unglück stürzt.
Hermann: Dergleichen Beichte, Ablass und Sakra-
ment des Altares gebrauchen wir nicht in unserer Ge-
meinde, sondern wir halten es mit solcher Vergebung
der Sünden, die uns Christus befiehlt, Mk 11 und Lk 6,
und mit solcher Brechung des Brotes und Austeilung
des Kelches, wie er uns in seinem letzten Abendmahle
zu seinem Gedächtnis zu tun befohlen hat.
Bruder Cornelius: Ei, durch solche Vergebung der
Sünden versteht Christus nichts anderes, als wenn
dein Nächster an dir sich vergangen hat; aber ich frage
nach solchen Sünden, die ihr wider Gott begangen
habt, ob ihr mit diesen ohne Beichte und Ablass zu
eurem Teufelsnachtmahle lauft?
Hermann: Wir bitten, wie uns Christus, Mt 6, ge-
lehrt hat: Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben
unsern Schuldigem. So gebrauchen wir auch kein Teu-
felsnachtmahl.
Bruder Cornelius: Ei, euer Brotbrechen und eure
Austeilung des Kelches ist des Teufels Nachtmahl, wo-
von St. Paulus im 1. Briefe an die Korinther, Kap. 10,
schreibt: Ihr könnt nicht des Herrn Kelch trinken und
des Teufels Kelch; ihr könnt nicht teilhaftig werden
des Herrn Tisches und des Teufels Tisches; aber der
Kelch der Danksagung, womit wir danksagen (das
ist zu verstehen: wir Katholischen), ist der nicht ei-
ne Mitteilung des Blutes Christi? Das Brot, das wir
brechen, ist das nicht eine Mitteilung des Leibes des
Herrn? Aber ist euer Bissen Brot und euer Kelch mit
einem Schlücklein versauerten Weins nicht ein Teu-
felsnachtmahl? Denn ihr Sakramentierer segnet euren
Kelch nicht, auch weiht ihr euer bisschen Brot nicht,
sondern es ist Wein und Brot und bleibt Wein und
Brot. Laß nun hören, ob du darauf etwas antworten
kannst, was Gewicht hat.
Hermann: Hierauf muss ich dich fragen, ob ihr
selbst denn auch wohl glaubt, daß Christus in seinem
letzten Abendmahle keinen andern Leib oder kein
Fleisch und kein anderes Blut verstanden habe, als
dasjenige, das zur Vergebung der Sünden am Kreuze
zerbrochen und vergossen werden sollte.
Bruder Cornelius: Ei, warum sollte ich das nicht
glauben? Das ist ja ganz katholisch.
Hermann: Wohlan, ich denke, du wirst nun selbst
bekennen, daß das Brot, welches die Apostel in dem
Abendmahl aßen, nicht gekreuzigt worden sei.
Br. Cornelius: Ei, welche höllisch teuflische und
ketzerische Frage ist das! Solche tiefe Frage habe ich
niemals gehört; aber ich glaube und weiß wohl, daß
die Apostel den Leib oder das Fleisch Jesu gegessen
haben, welcher den folgenden Tag nach dem Abend-
mahle gekreuzigt werden sollte.
Hermann: Darum verstehst du armer Mensch nicht
den Sinn und die Meinung Christi, welchen Paulus
gleichwohl, IKor 10, sehr gut auslegt, indem er sagt:
Seht an den Israel nach dem Fleische, welche die Op-
fer essen, sind sie nicht in der Gemeinschaft des Al-
tars? Also wenn wir das Brot essen und den Wein trin-
ken, so werden wir des Leibes und des Blutes Christi
teilhaftig.
Br. Cornelius: Ei, du verfluchter Sakramentierer!
Willst du nun Gottes Fleisch mit dem unsaubern
Ochsen- oder schlechten Schaffleische und mit den
garstigen stinkenden Böcken, auch anderen Tieren
und Schindfleische vergleichen? Ja, einen Dreck in
dein Maul, ei, pfui! Welche abscheuliche und schreck-
liche Ketzerei ist dieses.
Hermann: Du verstehst weder Paulus noch mich,
denn meine Rede will so viel sagen, daß Paulus mit
diesem Gleichnisse von den Opfern des Altars (wel-
ches die Juden aßen und dabei der Vergebung der
Sünden teilhaftig wurden), die Gemeinschaft oder
Mitteilung des gebrochenen Brotes und des Kelches
des Weines (welches wir zum Gedächtnisse des Lei-
bes und Blutes Christi essen und trinken) vorstelle
und auslege, daß wir auch durch den Leib und das
Blut Christi, das er für der Welt Sünden aufgeopfert,
der Abwaschung von Sünden teilhaftig werden.
Bruder Cornelius: Ei, sieh doch, nun verstehe ich
482
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
deinen ketzerischen sakramentierischen Sinn klar ge-
nug, daß du daraus nicht mehr machst, als ein Gleich-
nis und Gedächtnis des Fleisches und Blutes Chris-
ti. O verfluchter und vermaledeiter Wiedertäufer! Ei,
warum sagt denn St. Paulus im 11. Kap. seines 1. Brie-
fes an die Korinther: Welcher unwürdig von diesem
Brote isst, oder von dem Kelche des Herrn trinkt, der
ist an dem Leibe und Blute des Herrn schuldig; der
Mensch prüfe sich aber selbst, und also esse er von
diesem Brote und trinke von diesem Kelche, denn
welcher unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt
sich selbst das Gericht, darum, daß er den Leib des
Herrn nicht unterscheidet. Antworte mir nun einmal
darauf, du verdammter Sakramentierer, der du bist.
Hermann: Im 10. Kapitel des 1. Briefes an die Ko-
rinther schreibt Paulus: So sind wir viele ein Brot und
ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind; fer-
ner im 12. Kap.: Wir sind alle Glieder eines Leibes.
Sind wir nun Glieder eines Leibes, welche Christus
durch seine Taufe und durch seinen Geist miteinan-
der vereinigt hat, so kann auch kein auswendiges
Zeichen passender sein, die Vereinigung in einen Leib
vorzustellen und zu bedeuten, als daß wir in dem
Brotbrechen alle eines Brotes teilhaftig werden, zum
Zeichen, daß wir viele ein Leib und ein Brot seien.
So verhält es sich auch mit dem Weine, denn gleich-
wie viel Körnlein zusammen gemahlen, und zu einem
Brote gemacht werden, so wird auch von viel Wein-
trauben ein Trank gemacht. Darum prüfe ein jeder
sich selbst, ob er auch der Gemeinschaft des Brotes
und des Kelches des Herrn würdig sei, ob er seine
Mitbrüder auch aus reinem Herzen liebe, denn wenn
er seinen Bruder hasst und nicht liebt, und will sich
gleichwohl des Brotes und des Kelches des Herrn teil-
haftig machen, als ob er ein Glied Christi wäre, so
wird er des Leibes und Blutes des Herrn schuldig
sein, und wird sich selbst das Gericht essen, weil er
nicht unterscheidet, daß der Leib des Herrn durch die
Gemeinschaft oder Mitteilung vorgestellt und ange-
wiesen wird, und daß wir Glieder eines Leibes sind,
worin uns Christus vereinigt hat.
Bruder Cornelius: Ja, still, still! Es scheint, als ob du
auch eine Predigt im Grützhausbusche halten könn-
test; ei, dies Volk weiß nichts anderes zu tun als zu pre-
digen; aber ei. Lieber! Du solltest mir lange predigen
müssen, ehe ich glauben würde, daß ein Mensch an
einem bisschen gemeinen Brotes und einem Schlück-
lein Wein, womit ihr Sakramentierer den Leib und das
Blut Christi nur vorstellen wollt, sich selbst das Ge-
richt essen und trinken sollte; eher wollte ich glauben,
daß Gott Henrich hieße.
Hermann: War denn auch wohl mehr an den Op-
fern der Juden von Schafen und Tauben gelegen, als
an Brot und Wein, welche Zeichen des wahren Opfers
sind, das Christus an seinem eigenen Fleische und
Blute am Kreuze getan hat? Wenn nun die Juden nach
Christi Befehl ihr Opfer vor dem Altäre niederlegen,
und sich, ehe sie opferten, mit ihrem Bruder versöh-
nen mussten, so sollte sich ein Christenmensch wohl
prüfen, ehe er sich des Brotes und des Kelches des
Herrn teilhaftig macht.
Bruder Cornelius: Ei, was tausend Teufel! Gott seg-
ne uns; sind denn Brot und Wein nur Zeichen des
wahren Opfers des Fleisches und Blutes Christi am
Kreuze? Warum sagt er denn Joli 6: Das Brot, das ich
geben werde, ist mein Fleisch; ferner: Mein Fleisch ist
die wahre Speise und mein Blut ist der wahre Trank;
wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der wird
in Ewigkeit leben?
Hermann: Dieser Beweisgrund ist wider dich selbst;
denn du willst sagen, daß das Brot und der Wein
um deswillen der Leib und das Blut Christi seien,
weil Paulus sagt, daß, wer unwürdig davon isst und
trinkt, sich selbst das Gericht esse und trinke. Hier
aber sagt Christus: Wer mein Fleisch isst und mein
Blut trinkt, der wird in Ewigkeit leben. Wäre nun
das Brot und der Wein (wovon Paulus schreibt) das
Fleisch und Blut Christi, so könnte sich niemand das
Gericht daran essen.
Bruder Cornelius: Ei, dieser verdammte Sakramen-
tierer wird uns jetzt plagen und über die Nase hauen,
denke ich, mit allen diesen abscheulichen Gottesläs-
terungen wider Gottes wahren Leib und Blut; aber
der leibhaftige Teufel aus der Hölle sitzt in seinem
verfluchten Maule.
Hermann: Ich habe nicht ein Wort von Gottes Leib
und Blut angeführt, wie sollte ich denn Gottesläste-
rung dagegen geredet haben?
Bruder Cornelius: Ei, du vermaledeiter Wiedertäu-
fer und Sakramentierer! Ist nicht Christi Leib und Blut
auch Gottes Leib und Blut; sind nicht Gott der Vater
und Gottes Sohn ein Gott? Oder willst du zwei Göt-
ter daraus machen? Bist du etwa auch ein Trinitarius,
denke ich?
Hermann: Gleichwohl hast du gesagt, als du von
der Messe disputieren wolltest, daß ihr Priester Gott
seinen Sohn Jesum Christum täglich in der Messe auf-
opfert, folglich machst du einen Unterschied zwischen
Gott und seines Sohnes Leib, welchen du nun Gottes
Fleisch und Leib nennen willst.
Bruder Cornelius: Ei, der Teufel und seine Mutter
spielen mit deinem Munde. Du solltest mir nun gern
in mein Netz beißen, solltest du nicht? Ei, du arger,
schändlicher, falscher durchtriebener Wiedertäufer
und Sakramentierer, ja, auch Trinitarius, weil du so
schändlich von der heiligen Dreieinigkeit redest; aber
483
glaubst du denn nicht, daß Christus die zweite Person
in der Gottheit und heiligen Dreifaltigkeit sei, wie-
wohl man aus deinen Reden das Gegenteil schließen
sollte.
Hermann: Wir wissen nur von Dingen zu reden, die
in der Heiligen Schrift genannt werden.
Bruder Cornelius: O du Trinitarius! Ei, steht nicht
in der Heiligen Schrift, von Gott dem Vater und von
Gott dem Sohne und von Gott dem Heiligen Geiste?
Hermann: Gleichwohl redet die Heilige Schrift nur
von einem Gott und von dem lebendigen Sohne Got-
tes, und von dem Heiligen Geiste.
Bruder Cornelius: Ja, ist das wahr, du verfluchter
Trinitarius? Aber, wenn du das Symbolum Athanasius
liest, so wirst du wohl von Gott dem Vater, und Gott
dem Sohne und von Gott dem Heiligen Geiste darin
finden, daß diese drei Personen ein wahrhaftiger Gott
genannt werden, unter welchen der Vater die erste
Person, der Sohn die zweite Person und der Heilige
Geist die dritte Person in der Gottheit ist, und diese
drei Personen machen die heilige Dreifaltigkeit aus;
verstehst du es nun, du Trinitarius?
Hermann: In dem Symbolum Athanasius habe ich
nicht studiert, denn mir genügt, daß ich an den le-
bendigen Gott glaube und daß Christus der Sohn des
lebendigen Gottes sei, wie Petrus, Mt 16, glaubt, und
an den Heiligen Geist, welchen der Vater durch Je-
sum Christum, unsern Heiland, im Überflüsse in uns
ausgießt, wie Paulus, Tit 3, schreibt.
Bruder Cornelius: Ist das wahr? Aber ihr seid in
Wahrheit schöne Gesellen, daß Gott seinen Heiligen
Geist in euch ausgießen sollte, die ihr doch nicht glau-
ben wollt, daß der Heilige Geist auch selbst Gott sei.
Diese Ketzerei erhebt ihr; auch studiert ihr in den
teuflischen Büchern des verdammten Erasmus Rotte-
rodami, der in seiner Vorrede über St. Hilarius Bücher
schreibt, daß St. Hilarius am Ende des 12. Buches
sagt, daß nirgends in der Heiligen Schrift der Heilige
Geist Gott genannt werde, daß wir aber so vermessen
geworden seien, daß wir den Heiligen Geist Gott nen-
nen dürfen, was die alten Kirchenlehrer nicht gedurft;
ebenso ist dieser böse Erasmus ein großer Feind der
Gottheit Christi gewesen. Ei, ei! Willst du denn nun
diesem verdammten Trinitarius folgen?
Hermann: Wir folgen weder Erasmus noch Hilarius,
sondern der Heiligen Schrift, wie auch Hilarius und
Erasmus tun.
Bruder Cornelius: Wenn nun auch die Schrift den
Heiligen Geist an keiner Stelle Gott nennt, was ist
daran gelegen? Denn der Heilige Geist hat es unse-
rer Mutter, der heiligen römisch-katholischen Kirche
selbst eingegeben, daß man ihn Gott nennen soll-
te, wie solches aus Athanasius Symbolum zu erse-
hen; wenn ihr nun aber an die Heilige Schrift glaubt,
warum wollt ihr denn nicht an die Gottheit Christi
glauben?
Hermann: Das sei ferne von uns, daß wir nicht an
die Gottheit Christi glauben sollten; wir glauben, daß
er göttlich und himmlisch, nicht aber irdisch sei, wie
ihr glaubt; denn darum werden wir von euch getötet.
Bruder Cornelius: Ei, einen Dreck in dein Maul; wir
töten euch, weil ihr nicht glauben wollt, daß Chris-
tus den Samen von Maria, seiner gesegneten Mutter,
angenommen habe; ei, seht doch nur.
Hermann: Wir glauben, daß das Wort Fleisch gewor-
den sei, wie Johannes in seinem Evangelium, Kap. 1,
schreibt.
Bruder Cornelius: Ei, nun habe ich dich recht ins
Netz getrieben, denn Gott war das Wort; ist mm Gott
Fleisch geworden, warum willst du denn in mein Netz
beißen, weil ich sage Gottes Fleisch, Gottes Leib und
Gottes Blut?
Hermann: Wir glauben auch, daß Gott das Wort sei;
wolltest du aber daraus schließen, daß der lebendige
Gott (dessen Sohn Christus ist), selbst Fleisch werde,
das widerspräche ja der ganzen Heiligen Schrift gar
sehr.
Bruder Cornelius: Gleichwohl sagt Christus, Joh 10:
Ich und der Vater sind eins; ferner Joh 14: Wer mich
sieht, der sieht den Vater. Wo bleibst du denn nun?
Hermann: Christus sagt auch, Joh 17: Auf daß sie
alle eins seien, gleichwie du Vater in mir, und ich
in dir; daß auch sie in uns seien, auf daß die Welt
glaube, du habest mich gesandt; und ich habe ihnen
die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast,
daß sie eins seien, gleichwie wir eins sind, ich in ihnen
und du in mir, auf daß sie vollkommen seien in eins;
ferner Apg 4: Die Menge der Gläubigen war ein Herz
und eine Seele, ferner Paulus, Gal 8: Denn ihr seid alle
zusammen einer in Christo Jesu; ferner an die Eph 5:
Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen
und seinem Weibe anhangen, und diese zwei werden
ein Fleisch sein.
Bruder Cornelius: Still, still, es ist genug gepredigt,
dieses alles hast du aus Erasmus giftigen Brüsten ge-
sogen; aber nun antworte mir darauf, warum denn
Christus sagt: Wer mich sieht, der sieht den Vater.
Hermann: Christus sagt auch, Joh 6: Nicht daß je-
mand den Vater gesehen hat, als der vom Vater ist, der
hat den Vater gesehen; ferner Joh 1: Niemand hat je
Gott gesehen; ferner Joh 14: Denn der Vater ist größer
als ich; ferner Mk 13: Von dem Tage aber und der Stun-
de weiß niemand, auch nicht die Engel im Himmel, ja,
der Sohn auch nicht, sondern allein der Vater, woraus
zur Genüge bewiesen wird, daß der Vater selbst nicht
Fleisch geworden sei.
484
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Bruder Cornelius: Ei, das darfst du mich nicht leh-
ren, denn ich sage selbst, daß Christus die zweite
Person der Gottheit oder der heiligen Dreieinigkeit,
Mensch geworden sei, welchen ihr nicht Gott nennen
wollt; verstehst du das wohl, verfluchter Trinitarius,
der du bist?
Hermann: Ich nenne ihn Sohn des lebendigen Got-
tes, wie ihn auch Petrus, Mt 16, nannte, und den
Herrn, wie ihn die Apostel nennen.
Bruder Cornelius: Ei, du vermaledeiter Trinitarius!
Ich sollte wohl vor Unwillen aus der Haut fahren; ja,
das sollte ich.
Hermann: So musst du denn gewiss aus der Haut
fahren, wenn du im 2. Kapitel der Apostelgeschichte
liest, daß Petrus ihn nur einen Mann Gottes nannte,
indem er sagt: Jesum von Nazareth, den Mann von
Gott unter euch mit Taten und Wunder und Zeichen
beweiset, welche Gott durch ihn tat; ferner in demsel-
ben Kapitel: Diesen Jesum hat Gott auferweckt; ferner
Kap. 3: Denselben hat Gott von den Toten auferweckt,
ferner Kap. 4: Jesus Christus von Nazareth, welchen
ihr gekreuzigt habt, und welchen Gott von den Toten
auf erweckt hat; ferner Paulus, Apg 17: Darum, daß er
einen Tag gesetzt hat, auf den er den Kreis des Erd-
bodens mit Gerechtigkeit richten wird, durch einen
Mann, in welchem er es beschlossen hat, und jeder-
mann den Glauben vorhält, nachdem er ihn von den
Toten auferweckt hat.
Br. Cornelius: Ja, ja, still, still, das sind eben die-
selben Gründe, die der verdammte Erasmus in dem
Büchlein von der Weise zu beten und in seiner Schutz-
schrift an den Bischof von Hispala, Alphonsus Mau-
ricus, anführt. Ei, du Trinitarius! Willst du Christum
nur einen Sohn Gottes nennen, so hältst du ihn nicht
höher als Adam, denn Lukas sagt in seinem 3. Kap.,
daß Adam auch ein Sohn Gottes war. Da sieh nun,
womit wir geplagt werden.
Hermann: Das sei ferne von uns; daß wir Chris-
tum nicht höher achten sollten, als Adam; denn wir
werden ja von euch um deswillen getötet, weil wir
glauben, daß Christi Leib nicht irdisch und von der Er-
de sei, wie Adam, der erste Mensch war, sondern daß
er ein himmlischer Mensch sei, wie Paulus, IKor 15,
schreibt, aber ihr selbst achtet ihn nicht höher als
Adam.
Bruder Cornelius: Ei, du verfluchter Trinitarius! Wie
spielt der Teufel mit deinem Maule; du willst nicht
glauben, daß Christus wahrer Mensch sei, und willst
auch nicht glauben, daß er wahrer Gott sei, was Teufel
ist er denn?
Hermann: Ei, rede doch nicht so imordentlich, denn
Christus ist kein Teufel, sondern der wahre Sohn Got-
tes, wie Johannes in seinem 1. Briefe, Kap. 5, schreibt;
ebenso ist er aber auch ein wahrer Mensch, wie Pau-
lus, Rom 5, sagt.
Bruder Cornelius: Aber sagt Johannes nicht in dem-
selben Kapitel von dem Sohne: Dieser ist der wahre
Gott?
Hermann: Nein, denn Johannes sagt: Wir wissen
aber, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns
einen Sinn gegeben hat, daß wir den Wahrhaftigen
erkennen und in dem Wahrhaftigen, in seinem Soh-
ne Jesu Christo, sind. Dieser ist der wahrhaftige Gott
und das ewige Leben. Hiermit versteht Johannes den
wahrhaftigen Gott, der uns den Sohn hat kennen ge-
lehrt.
Bruder Cornelius: Ei, du Trinitarius! Nun fällt mir
eben ein, was St. Johannes in demselben Kapitel sagt:
Drei sind, die im Himmel zeugen: Der Vater, das Wort
und Heilige Geist, und diese drei sind eins; hier bist
du ja rechtschaffen gefangen; ei, armer Trinitarius, der
du bist!
Hermann: Ich habe oft sagen gehört, daß Erasmus
es euch in seinen Anmerkungen verweist, daß ihr
Papisten diese Worte daran geflickt habt, und daß sie
in dem griechischen Texte nicht stehen, wie ihr denn
noch mehrere andere Dinge in der Heiligen Schrift
hinzugefügt und ausgelassen habt.
Bruder Cornelius: Ei, daß dich das höllische Feuer
mit deinem teuflischen, verdammten und vermale-
deiten Hauptketzer Erasmus ewiglich brennen und
tormentieren müsse! Ei, nun sollte ich meine Kappe
wohl vor Bosheit zerreißen; ja, das sollte ich!
Hermann: Warum zerreißt du denn deine Kappe
nicht, wenn du den griechischen Text selbst liest und
siehst, daß solches nicht darin steht?
Bruder Cornelius: Ja, meine Herren, was dünkt
euch hiervon; habe ich denn Unrecht, daß ich mit
diesem verdammten Ketzer, diesem bösen Trinitari-
us Erasmus, in meinen Predigten so abscheulich zu
Werke gehe? Es ist in der Tat wahr, solches schreibt er,
ja, was noch ärger ist, so hat er auch in seinen Anmer-
kungen über das vierte Kapitel St. Lukas geschrieben,
daß eine sehr große wunderliche Konfusion in der
Heiligen Schrift entstanden sei, sowohl in den griechi-
schen, als in den lateinischen Büchern, weil hin und
wieder etwas hinzugefügt und angeflickt, bisweilen
aber, um der Ketzer willen, etwas davon getan, ausge-
lassen und ausgekratzt worden sei, ja, daß dasjenige,
was hin und wieder von dem einen oder dem andern
an den Rand geschrieben worden, in den Text geflickt
worden sei. Ei, meine Herren, ist das nicht schön?
Notarius: Ei, Pater Cornelius, wir sind keine Gottes-
gelehrte, wir verstehen uns nicht auf solche Dinge.
Bruder Cornelius: Ist das wahr? Ich glaube es wohl,
aber der Trinitarius will sich ja sehr gut darauf ver-
485
stehen, wie ihr hört, daß er uns solches verweist. Ja,
er sollte uns Katholische wohl mit seinem Hauptket-
zer, dem bösen Erasmus, verweisen dürfen, daß wir
im 9. Kapitel an die Römer, wo Paulus sagt: Welcher
auch sind die Väter, aus welchen Christus her kommt
nach dem Fleische, die Worte daran geflickt hätten:
Der da ist Gott, über alles gelobt in Ewigkeit, Amen;
denn dieser verfluchte Erasmus schreibt, daß er an die-
sem Schlüsse sehr zweifle: Der da in Ewigkeit gelobt,
Amen, oder man müsste die Worte, als Gott dem Vater
zur Danksagung, so erklären und verstehen. Christus
, der über alles ist. Gott sei gelobt in Ewigkeit, Amen.
Demnach zweifle ich nicht, daß (schreibt er) dieser
Schluss angeflickt sei, wie ich auch in einigen andern
Texten finde, daß sie dergleichen Schlüsse zum Be-
schlüsse ihrer Reden angehängt haben, als: Du aber
Herr , Ehre sei dem Vater, und dem Sohne ; ebenso
sind ihre Reden und Gebete mit dergleichen Schlüssen
beschlossen worden, aber in Beziehung auf die Worte
St. Thomas im 20. Kapitel des Evangeliums Johannes
hast du keine Ausflucht, denn hier sagt St. Thomas
zu Christo: Mein Herr und mein Gott. Ei, darauf ist er
stumm, ja, damit ist er recht ins Netz getrieben: Dieses
ist das erste und letzte Mal in der Schrift, wo Christus
Gott genannt wird, aber, laß hören, du Trinitarius, was
du darauf zu sagen hast?
Hermann: Ich sage darauf, daß Thomas dort sehr
wohl geredet habe, denn David sagt Ps 82: Ich ha-
be gesagt, ihr seid Götter und allzumal Kinder des
Höchsten; auch führt Christus die Worte selbst an,
Joli 10: Als die Juden Steine aufhoben und ihn stei-
nigten, weil er gesagt hatte: Ich und der Vater sind
eins. Jesus antwortete ihnen: Viel gute Werke habe
ich euch von meinem Vater erzeigt; um welches Werk
unter denselben steinigt ihr mich? Die Juden antwor-
tete ihm: Um das gute Werk steinigen wir dich nicht,
sondern um der Gotteslästerung willen, daß du, der
du ein Mensch bist, dich selbst zu einem Gotte machst.
Jesus antwortete ihnen: Steht nicht in eurem Gesetze
geschrieben: Ich habe gesagt, ihr seid Götter? Da er
nun die Götter nennt, zu welchen das Wort Gottes
geschehen ist, und die Schrift kann doch nicht gebro-
chen werden, wie sagt ihr denn zu dem, den der Vater
geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott,
darum, weil ich sage: Ich bin Gottes Sohn? Ferner
2 Mo 22: Findet man aber den Dieb nicht, so soll man
den Hauswirt vor die Götter bringen , so soll beider
Sache vor die Götter kommen, welchen die Götter
verdammen, der soll es zweifältig seinem Nächsten
wiedergeben.
Bruder Cornelius: So antworte mir nun darauf, je-
doch ohne viele Worte, warum Christus zu St. Thomas
nicht gesagt: Ei, holla, ich bin nicht dein Gott; wohlan.
laß hören.
Hermann: Darauf dient meine vorhergehende Ant-
wort, Joh 10, David im 82. Ps.; aber antworte du mir,
warum Christus auf des Thomas Worte nicht gesagt
habe: Auf diesen Stein will ich meine Gemeinde bau-
en, wie er Mt 16 sagte, als ihm Petrus antwortete: Du
bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes; auch
sagte er nicht zu Thomas: Fleisch und Blut hat dir
dies nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
Warum sagt denn auch Christus, Joh 20, zu den Apo-
steln: Ich fahre auf zu meinem und eurem Vater, zu
meinem und zu eurem Gott; ferner, Mt 27: Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Bruder Cornelius: Still, still, du Trinitarius; hieraus
sollten wohl teuflische Beweisgründe folgen, welche
über allen menschlichen Verstand gehen. Ei, wäre
Christus nicht wahrer Gott, warum nennen wir denn
seine gebenedeite Mutter die Mutter Gottes?
Hermann: Weil ihr in keinem Dinge der Heiligen
Schrift folgen wollt, sondern allen Dingen fremde und
andere Namen gebt, denn die Heilige Schrift nennt sie
die Mutter Jesu, Apg 1; Joh 19, und an vielen andern
Stellen in Heiliger Schrift, wo sie nicht einmal die
Mutter Gottes genannt wird.
Bruder Cornelius: Ei, ist es wahr? Aber meinst du
denn, daß wir Katholischen so viel auf die nacken-
de, bloße und magere Schrift sehen und achten? O
nein, das würdige Konsilium von Nicäa hat ja verord-
net und beschlossen, daß man sie die Mutter Gottes
nennen sollte; ist dem nicht so?
Hermann: Glaubt ihr denn nicht, daß das letzte
Konsilium zu Trident von solcher Wahrheit, Würde
und Heiligkeit sei, als das Konsilium zu Nicäa?
Bruder Cornelius: Ja, in Wahrheit, warum sollten
wir nicht? Der Heilige Geist hat ja durch die Väter
in dem würdigen Konsilium zu Trident eben so gut
gelehrt und geredet, als durch die Väter in dem Kon-
silium zu Nicäa; aber warum fragst du danach, weißt
du sonst nichts zu fragen? Ich merke wohl, du willst
von der Sache abgehen und nicht von der Mutter Got-
tes reden.
Hermann: Solches musste ich fragen, damit ich dein
Bekenntnis vernehmen möchte, denn nun kenne ich
an dem Konsilium zu Trident alle andern Konsilien,
weil ich zu meiner Zeit gehört und gesehen habe, wie
man dabei zu Werke gegangen ist, welches alle vorher-
gehenden Konsilien zu Spott und Schanden macht.
Bruder Cornelius: O du höllischer teuflischer ver-
maledeiter Trinitarius, du lästerst den Heiligen Geist;
es ist ein Wunder, daß wir nicht miteinander durch
die Erde sinken; aber, meine Herren, ich fürchte mich
sehr, mit diesem beelzebübischen Wiedertäufer, Sa-
kramentierer und Feind der Mutter Gottes länger zu
486
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
reden.
Schreiber: Kannst du denn, Hermann, von derglei-
chen Dingen nicht schweigen, warum wir dich doch
gebeten haben?
Hermann: Ich lästere den Heiligen Geist nicht, bin
auch kein Feind der Mutter Christi.
Bruder Cornelius: Ei, du lästerst den Heiligen Geist
nicht, wenn du mit dem würdigen Konsilium zu Tri-
dent und mit allen vorhergehenden heiligen Konsilien
nur Narrheit, Schimpf und Spott treibst, und die wer-
te, heilige und gebenedeite Jungfrau Maria nicht die
Mutter Gottes nennen willst, wie uns das heilige Kon-
silium Nicenum lehrt und zu tun befiehlt? Bist du also
nicht ein Lästerer des Heiligen Geistes und Feind der
Mutter Gottes?
Hermann: So verwegen seid ihr Papisten in eurem
Konsilium zu Nicäa gewesen, daß ihr die Mutter Jesu
Christi die Mutter Gottes habt nennen dürfen, welche
weder die Apostel noch Evangelisten die Mutter des
Sohnes Gottes haben nennen dürfen.
Bruder Cornelius: Ei du verdammter teuflischer
Wiedertäufer, du höllischer Trinitarius, Sakramentie-
rer und geschworener Todfeind der gebenedeiten
Mutter Gottes, wir wollen sie doch, trotz deines Mau-
les, die Mutter Gottes nennen, und sie ist auch die
Mutter Gottes; ja, Gottes Mutter ist sie, das ist wahr.
Hermann: Du hast selbst gesagt, daß drei Personen
in der heiligen Dreifaltigkeit seien, der Vater, der Sohn
und der Heilige Geist, und daß diese drei Personen
nur ein wahrhaftiger Gott seien. Ist nun Maria die
Mutter dieses wahren Gottes, so ist sie sowohl des
Vaters und des Heiligen Geistes, als auch des Sohnes
Mutter.
Bruder Cornelius: O du teuflischer Ketzer! Ich habe
aus des Athanasius Glaubensbekenntnis bewiesen,
daß der Vater Gott sei, und daß der Sohn Gott sei, und
daß der Heilige Geist Gott sei, und daß dennoch keine
drei Götter seien, sondern daß diese drei ein wahrer
(ohn) unterschiedener Gott seien.
Hermann: Ist denn ein jeder unter ihnen ein be-
sonderer unterschiedener Gott, oder sind diese drei
ungeschieden ein wahrer Gott? Und wenn nun Maria
die Mutter Gottes ist, so muss sie entweder die Mutter
von allen dreien sein, oder es muss ein jeder unter
diesen dreien ein besonderer Gott sein. Wo bleibst du
nun mit deinem Konsilium zu Nicäa?
Bruder Cornelius: Ei, daß dich das höllische Feuer
verzehre, du arger, böser, loser, falscher, durchtriebe-
ner Trinitarius; der Teufel redet aus deinem vermale-
deiten Munde. Ei, du solltest wohl hunderttausend
Gottesgelehrte töricht, unsinnig und rasend machen.
Ach Jesu, Jesus, werte Mutter Gottes! Wie wirst du
gelästert, verschmäht und verachtet von dieser höl-
lischen Teufelsbrut! Aber, ei, wie willst du sie denn
genannt haben? Maria Zimmermännin, wie ihr sie in
euren höllischen teuflischen Predigten in dem Grütz-
hausbusche nennt?
Hermann: Wir nennen sie die Mutter Jesu, wie sie
auch in der Heiligen Schrift genannt wird. Wie kannst
du denn nun sagen, daß wir sie lästern, schmähen
und verachten?
Bruder Cornelius: Ei, du verfluchter Wiedertäufer!
Ich will jetzt nicht weiter davon reden, daß ihr sie
nicht die Mutter Gottes nennen wollt; aber lästert, ver-
achtet und schmäht euer Hauptketzer Menno Simon
nicht schändlich, wenn er schreibt, daß Christus den
sündlichen, irdischen Samen von Maria nicht ange-
nommen habe, sondern, daß er mit Fleisch und Blut,
mit Haut und Haar aus dem Himmel in Maria gekom-
men und so Mensch geworden, und daß er nur durch
ihren Leib gegangen sei, wie das Wasser durch ein
Sieb. Heißt denn das nicht Gott gelästert, verachtet
und geschmäht?
Hermann: Du verstehst Menno Simons Schriften
nicht; denn wie du es anführst, so wird man es in
seinen Schriften nicht finden, sondern er beweist mit
vielen Schriftstellen, daß das Wort und nicht der Sa-
me Marias Fleisch geworden sei, wie auch Johannes,
Kap. 1, schreibt.
Bruder Cornelius: Ei, ist denn Christus nicht von
dem Samen Davids, nach der Verheißung, geboren,
welchen Samen er in der gebenedeiten Jungfrau Ma-
ria von ihrem allerreinsten Blute angenommen, und
davon Fleisch und Mensch geworden ist?
Hermann: Daß Christus von dem Samen Davids
geboren worden sei, glauben wir wohl, in Ansehung
des Geschlechtes, wovon er geboren worden ist; aber
der Engel sagte zu Joseph: Das in ihr geboren ist, das
ist von dem Heiligen Geiste, Mt 1. Joh 16 sagt Christus
selbst: Ich bin ausgegangen vom Vater, und in die
Welt gekommen.
Bruder Cornelius: Ei, das redet Christus von seiner
Gottheit, daß dieselbe vom Vater ausgegangen und
in diese Welt gekommen sei, und nicht von seiner
Menschheit, du unverständiger Wiedertäufer.
Hermann: Warum sagt denn Christus, Joh 6: Wie,
wenn ihr denn sehen werdet des Menschen Sohn auf-
fahren, wo er zuvor war; ferner, Joh 8: Niemand fährt
gen Himmel, als der vom Himmel gekommen ist,
nämlich des Menschen Sohn; ferner Paulus, Eph 4:
Daß er aber aufgefahren ist, was ist es, als daß er zu-
vor hinunter gefahren ist in die untersten Örter der
Erde? Der hinuntergefahren ist, das ist derselbe, der
aufgefahren ist über alle Himmel.
Bruder Cornelius: Ei, du unverständiger Wiedertäu-
fer! Ist Christus denn mit Fleisch und Blut, mit Haut
487
und Haar, mit Eingeweiden aus dem Himmel in Ma-
ria gekommen, wie er gen Himmel aufwärts gefahren
ist?
Hermann: Das sage ich nicht, sondern ich sage,
daß das Wort vom Himmel gekommen und in Maria
Fleisch geworden sei, wie Johannes, Kap. 1, schreibt.
Bruder Cornelius: Wir Katholiken sagen, trotz dei-
nes schändlichen Maules, daß das allerreinste Blut der
Maria Fleisch geworden sei.
Hermann: Dieser Trotz meines Maules ist eine ge-
ringe Sache; aber dieser Trotz wider die Heilige Schrift
ist eine große Fästerung.
Br. Cornelius: Ei, du verdammter Wiedertäufer! Ich
lästere die Heilige Schrift nicht, sondern du lästerst
die heilige, gebenedeite, saubere, reine Jungfrau Ma-
ria. Ei, ich verwundere mich, daß du nicht sagst, sie
habe ihren Sohn Christum von ihrem Manne Joseph
empfangen, wie eure Heckenprediger in dem Grützh-
ausbusche predigen; ist das nicht schön?
Hermann: Du tust uns großes Unrecht, daß du sol-
ches von uns sagst, denn wir glauben, wie Matthäus
im ersten Kapitel schreibt: Und Joseph nahm sein Ge-
mahl zu sich, und erkannte sie nicht, bis sie ihren
ersten Sohn gebar.
Br. Cornelius: Ei, hat sie denn Joseph nachher er-
kannt?
Hermann: Daran ist mir nichts gelegen, ob er sie
nachher erkannt habe oder nicht.
Bruder Cornelius: Ist das wahr? Aber glaubst du
denn nicht an die ewige jungfräuliche Reinigkeit der
gebenedeiten Jungfrau Maria? Wohlan, sage!
Hermann: Wir finden in Heiliger Schrift nichts von
ihrer ewigen jungfräulichen Reinigkeit.
Bruder Cornelius: Ei, dieser verfluchte Wiedertäu-
fer wird mich wohl mit der Schrift über die Nase
hauen! Aber willst du durchaus nichts anderes glau-
ben, als was in Heiligen Schrift steht? Daher kommt
es auch, daß ihr die werte Mutter Gottes so verachtet,
schmäht und lästert, auch dafür haltet, ja, lehrt und
glaubt, daß sie die fleischlichen Werke des Ehestandes
mit ihrem Manne Joseph ebenso wohl getrieben habe,
als eure unflätigen, sündhaften Weiber mit euch tun,
auch daß sie von ihrem Manne Joseph viele Kinder
gehabt habe; ist das nicht etwas Schönes.
Hermann: Nun wenn sie sich ehelich zu ihrem Man-
ne Joseph gehalten, und mehrere Kinder geboren hätte
(was doch IMo 1 von Gott eingesetzt und ein Segen
ist), sollte sie wohl daran gesündigt haben?
Bruder Cornelius: Gott segnete Adam und Eva und
sagte: Seid fruchtbar und mehret euch, und erfüllt die
Erde - ehe sie das Gebot übertraten; aber sie blieben
nicht in dem Segen, sondern übertraten Gottes Ge-
bot; dadurch ist das eheliche Werk ihnen zur Sünde
geworden. Ei, nun habe ich dich gefangen!
Hermann: Du bist selbst gefangen, denn IMo 9
steht: Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach:
Seid fruchtbar und mehret euch, und erfüllt die Er-
de; ferner, der Prophet Jeremia, Kap. 29: So sagt der
Herr Zebaoth, der Gott Israels, nehmt Weiber und
zeugt Söhne und Töchter, nehmt euren Söhnen Wei-
bern und gebt euren Töchtern Männer, daß sie Söhne
und Töchter zeugen, mehret euch daselbst.
Bruder Cornelius: Ei, still, still, es ist genug ge-
schwatzt! Hört doch nur, was dieser verachtete Wie-
dertäufer für ein Geschwätz macht. Ei ja, nun glau-
be ich es wohl, nachdem ich es von dir gehört habe,
daß ihr Wiedertäufer draußen im Grützhausbusche
geradezu und verwegen predigt, daß Maria Zimmer-
männin, was das eheliche Werk betrifft, nicht ein Haar
besser gewesen sei, als eure unfläten, unkeuschen und
fleischlichen Weiber; ja, ihr dürft auch wohl predigen
und lehren, daß Maria von verschiedenen Männern
Kinder gehabt habe, ebenso wie eure Weiber, die ihr
gemeinschaftlich habt, womit ihr das eheliche Band
ganz auflöst und beweist, daß die Weiber wohl ver-
schiedene Männer haben mögen; ist das nicht was
Schönes?
Hermann: Von dergleichen Dingen, wovon du hier
redest, habe ich unsere Lehrer niemals lehren gehört,
als sie das Wort redeten; aber es mag wohl bisweilen
unter uns gefragt worden sein, ob die Brüder und
Schwestern Christi (wovon die Heilige Schrift, Mt 13;
Mk 6, redet) auch Josephs oder Marias natürliche Kin-
der gewesen seien.
Bruder Cornelius: O ihr verfluchten Wiedertäufer!
Die Heilige Schrift nennt einige Apostel, als St. Jakob,
St. Simon, St. Judas, des Herrn Brüder, die doch nur
seine Vettern waren; ei, du plumper Wiedertäufer, der
du bist!
Hermann: Gleichwohl steht Apg 1 (nachdem zuerst
die elf Apostel genannt waren): Alle diese waren stets
beieinander einmütig mit Beten und Flehen, samt den
Weibern und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brü-
dern. Gleichwohl will ich es nicht behaupten oder
festsetzen, daß Maria, die Mutter Jesu, noch mehrere
Kinder geboren habe.
Bruder Cornelius: Aber wenn ihr Wiedertäufer im
Grützhausbusche versammelt seid, da könnt ihr es
wohl beweisen und behaupten, und noch mehrere
andere Sachen, die noch viel ärgerlicher und abscheu-
licher sind, denn ich habe von all diesem gute Nach-
richt.
Hermann: Es wird sehr über uns gelogen, wie denn
auch du oft auf deiner Kanzel stehst und von uns alles
predigst, was dir gefällt.
Bruder Cornelius: Ei, ist das wahr? Kommen denn
488
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
bisweilen einige Wiedertäufer, um meine Predigt zu
hören?
Hermann: Obgleich wir deine Predigten selbst nicht
hören, so wird uns doch gesagt, daß du auf deiner
Kanzel predigst, daß die Calvinischen und Wieder-
täufer lehren und predigen, daß Maria, die Mutter
Christi, eine unflätige Hure gewesen sei, was dir ja
auch von gelehrten Männern in Briefen, die sie an
dich schreiben, verwiesen wird, indem du hierin über
uns lügst.
Bruder Cornelius: Ei, einen Dreck in dein Maul, du
schändlicher Wiedertäufer! Geh und versauere samt
den unflätigen, dreckigen, stinkenden Kälberschwän-
zen! Solche Dreckbriefe kümmern mich ganz und gar
nicht, verstehst du das? Aber weißt du sonst nichts
zu sagen? Ei, du antwortest mir ja nicht auf die Ge-
meinschaft der Weiber; ja, ihr Wiedertäufer habt das
trefflich getrieben, daß ihr die Weiber und Jungfrauen
allgemein gemacht habt, denn dadurch bekommt ihr
solchen Anhang von Wiedertäufern; aber beweise mir
einmal aus der Schrift, daß man die Weiber und Jung-
frauen allgemein machen müsse, wie ihr Wiedertäufer
in eurem Teufelsnachtmahle tut. Nun, laß hören, ob
du mir das beweisen kannst!
Hermann: Mitnichten; denn das könnte ich eben-
so wenig beweisen, als daß du mir aus der Heiligen
Schrift beweisen kannst, daß man die Weiber und
Jungfrauen geißeln müsse, gleichwie ihr in eurer pein-
lichen Bußzucht tut. Aber ihr habt ja diese heimliche
Bußzucht oder dieses Geißeln der Jungfrauen und
Weiber trefflich getrieben; dadurch erlangt ihr solchen
großen Anhang von Beichttöchtern.
Bruder Cornelius: Ich wollte lieber, du wärest schon
im Höllenpfuhle, als daß ich dir auf all dein Ge-
schwätz antworten sollte. Aber antworte mir auf mei-
ne Frage, und bringe dich selbst ins Pech.
Hermann: Ei, ich halte es nicht der Mühe wert, auf
alle solche offenbaren Lügen zu antworten, wohin
gehört, daß wir die Weiber und Jungfrauen gemein-
schaftlich hätten.
Bruder Cornelius: Ei, ist es eine offenbare Lüge, daß
ihr Wiedertäufer die Weiber allgemein macht; wie
weiß es denn die ganze Welt? Und warum druckt
man es denn in so viele Bücher, die von uns Katho-
lischen wider euch geschrieben werden, und welche
ich täglich lese? Ei, pfui, ihr Ehebrecher! Pfui, ihr Ehe-
schänder!
Hermann: Alle diejenigen, die von der Welt sind,
sind lügenhaft; darum darf man auch dir und deinen
Katholischen nicht glauben.
Bruder Cornelius: Ei, bin ich denn die Welt? Ja, ich
bin, einen Dreck in dein Maul, du verfluchter, bezau-
berter, vermaledeiter Wiedertäufer, der du bist! Ei du
unverständiges Tier! Siehst du nicht, daß ich geistlich
bin? Aber ihr gebt weltliche Werke an den Tag, wenn
ihr alle Weiber allgemein macht; ich aber habe Reinig-
keit angelobt, verstehst du das wohl, du Eheschänder,
der du bist?
Hermann: Wir schänden den Ehestand nicht; aber
du bist geistlich, und hast Reinigkeit angelobt, so
muss man sich billig verwundern, daß du an der
fleischlichen, unreinen und heimlichen Bußzucht oder
Geißelung der Frauenspersonen Wohlgefallen hast.
Bruder Cornelius: Ei du teuflischer Wiedertäufer
und Eheschänder! Ich sollte dir schier in die Augen
und das Maul fahren; welchen Begriff hast du wohl
von meiner heimlichen Bußzucht, die ich bei meinen
Beichttöchtern gebrauche? Aber ihr seid unflätige,
fleischliche, unkeusche, wollüstige Bösewichte, weil
ihr die Weiber gemeinschaftlich gebraucht, wie die
Hunde; ja, ihr verdammten Eheschänder seid nur ein
unflätiges, stinkendes Hundsaas, denn ihr geht damit
zu Werke, wie die Hunde und Zaupen, wiewohl du
es vor uns leugnen willst. Ei, pfui, pfui, schäme dich
doch, du schlechter und verstockter Mensch! Wenn
ich dir mit der Güte nichts abgewinnen kann, so muß
ich versuchen, ob ich dir durch Böses etwas abgewin-
nen kann.
Der Blutschreiber: Ei, Vater Cornelius, sei doch sitt-
sam und mäßig.
Der Notarius: Ja, redet doch miteinander mit guten,
sanftmütigen Worten; denn es scheint, als wolltet ihr
hier zanken und gleich den Huren nagen.
Bruder Cornelius: Ja, meine Herren, sollte ich denn
ihm das hier nicht verweisen, was doch wahr ist? Ihr
habt ja gestern beide wohl gehört, daß es jener unge-
waschene Dreckbischof der Wiedertäufer zuerst auch
hat leugnen wollen; aber als er merkte, daß ich da-
von so guten Bescheid wusste, bekannte er, daß einige
unter ihnen wären, die solches heimlich lehrten und
trieben, weshalb er es denn, nachdem ich ihn endlich
mit guten, nachdrücklichen Gründen rechtschaffen
überwiesen hatte, es nicht mehr leugnete. Ei, warum
sollte ich es nun auch diesem nicht verweisen und
ihn um deswillen strafen? Bin ich denn nicht hierher
gekommen, um ihn zu unterrichten und zu bekehren?
Seht doch, womit wir geplagt werden! Warum leug-
net er eine Sache, die wahr ist? Ja, den Teufel über ihn,
sollte man hier wohl sagen, denke ich.
Hermann: So mag ich mich denn auch wider dich
verantworten, daß solche Sache erlogen sei, weil es
Lügen sind, und ich denke, daß mein Mitbruder Jacob
sich dagegen auch wohl verantwortet haben wird.
Bruder Cornelius: Ja, bis ich ihm zu sagen wusste,
daß die Wiedertäufer zu Amsterdam und an anderen
Orten Hollands mutternackend über die Straße liefen.
489
Männer, Weiber, Knaben und Mägdlein, und sagten
zueinander: Mein Geist gelüstet nach deinem Fleische;
war denn das nicht eine hübsche Sache?
Hermann: Nein, das war nichts Hübsches; darum
haben wir solche auch niemals für unsere Brüder ge-
halten.
Bruder Cornelius: Warum willst du es aber so steif
und abscheulich leugnen; man weiß doch wohl, daß
ihr Wiedertäufer auf das Sakrament des Ehestandes
gar nichts haltet, weil ihr um eines geringen Märleins
willen das Band des Ehestandes auflöst und scheidet.
Hermann: Daß du uns so viele Lügen von unserm
Ehestande vorwirfst, so muss ich dich auch etwas
vom Ehestand fragen, das euch betrifft, und gewiss
keine Lügen sind, denn Paulus schreibt deutlich im 1 .
Briefe an den Timotheus, Kap. 4: Der Geist aber sagt
deutlich, daß in den letzten Zeiten einige vom Glau-
ben abtreten, und den verführerischen Geistern, und
Lehren der Teufel anhangen werden, durch die, wel-
che in Gleisnerei Lügenreimer sind, und Brandmahl
in ihrem Gewissen haben, und verbieten ehelich zu
werden, und die Speise zu meiden, die Gott geschaf-
fen hat, um sie mit Danksagung zu nehmen.
Br. Cornelius: Still, still, halt dein Maul, denn wir
verlangen hier keine Predigt mehr, sondern packe
dich deines Wegs.
Hermann: Könnte ich mich ohne weiteres packen,
ich wollte deine Gotteslästerung und Lügen nicht län-
ger anhören.
Br. Cornelius: Ei, du vermaledeiter, verstockter und
verhärteter Wiedertäufer, wie werden dir die leibhafti-
gen Teufel aus der Hölle (wohin du bald fahren wirst)
mit brennendem Pech, Schwefel, Teer und griechi-
schem Feuer in deinem verfluchten Maule sitzen; ja,
warte nur ein wenig.
Hermann: Mitnichten, sondern ich werde unter den
Altar fahren, den Johannes in seiner Offenbarung sah,
wie im 6. Kapitel steht, zu den Seelen, die erwürgt
waren, um des Wortes Gottes willen, und um des
Zeugnisses willen, das sie hatten und die mit großer
Stimme schrien: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger,
wie lange richtest du, und rächst nicht unser Blut an
denen, die auf Erden wohnen.
Bruder Cornelius: Ja, des Teufels Märtyrer sollst du
werden; in seine Hölle sollst du fahren; ei, ja, dieses
Predigen sollte wohl die ganze Nacht währen; aber
ich gehe nun nach meinem Kloster, und lasse dich
predigen, solange du willst, du verdammter, vermale-
deiter Wiedertäufer, Sakramentierer, Trinitarius und
Eheschänder, der du bist.
Unterdessen hat einer von den beiden vorgemel-
deten Märtyrern, nämlich Jacob de Roore, oder Ker-
zenmacher, in seiner Gefangenschaft einige Briefe ge-
schrieben, voll von heiligen und göttlichen Sachen,
welche wir dem Leser nun auch nachstehend mittei-
len wollen.
Der erste Brief des Jacob Kerzengießer,
geschrieben an sein Weib.
Die ewige unvergängliche Weisheit Gottes, unsers
himmlischen Vaters, die große Liebe seines Sohnes,
unsers Herrn Jesu Christi, und die Kraft seines Heili-
gen Geistes wünsche ich dir, mein liebes und wertes
Weib, zum Tröste deines Gemütes, als einen herzli-
chen Gruß von Gott, durch Christum, unsern Herrn
und Seligmacher, Amen.
Mein herzlich geliebtes und auserwähltes Weib, ich
lasse dich wissen, daß es mit meinem Gemüte sehr
wohl steht, dem Herrn sei ewiges Lob für seine Gnade,
nur daß ich um deinet und der Kinder willen sehr be-
trübt bin, denn ich liebe dich und sie von Herzen; ich
weiß auch nichts unter dem Himmel, was mich ver-
mögen konnte, dich zu verlassen; aber um des Herrn
und seiner unsichtbaren Güter willen müssen wir al-
les verlassen, durch die Liebe Gottes, die in unsere
Herzen durch den Heiligen Geist ausgegossen ist.
Darum sagt Christus: Wer Vater oder Mutter mehr
liebt als mich, der ist meiner nicht wert, und wer Sohn
oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht
wert, und wer sein Kreuz nicht aufnimmt, und folgt
mir nach, der ist meiner nicht wert; ferner sagt er: Wer
zu mir kommen will, und hasst nicht seinen Vater
und seine Mutter, der kann nicht mein Jünger sein;
ja, Brüder und Schwestern, Weib und Kinder, dazu
sein eigenes Leben, und alles, was wir besitzen, sollen
wir um seinetwillen verlassen, oder wir können nicht
Christi Jünger sein, denn obschon sich dieser Hass
nicht weiter erstreckt, als soweit uns diese Dinge an-
kleben, um uns von Christo abzuziehen, so müssen
wir doch dieselben durch die Liebe Gottes überwin-
den und verlassen, denn damit beweisen wir, daß wir
Gott über alles lieben, aus aller Kraft, und all unserm
Vermögen, welches das größte Gebot im Gesetze ist
und von Paulus so genannt wird: Die Hauptsumme
des Gebots ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewis-
sen und imgefärbtem Glauben. Durch diese Liebe und
durch diesen Glauben muss man Christum ungeheu-
chelt bekennen, und ihn auch um Vater oder Mutter,
um Weib oder Kinder, ja seines eigenen Lebens wil-
len nicht verlassen. Darum schreibt Salomo: Liebe ist
stark wie der Tod und Eifer ist fest wie die Hölle, ih-
re Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, daß
auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen, noch
die Ströme sie ersäufen mögen. Wenn einer alles Gut
in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so würde
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
es alles nichts gelten, denn man kann sie mit keinem
Gute kaufen, sondern sie wird denen von Gott durch
den Heiligen Geist umsonst gegeben, die ihn in der
Wahrheit suchen.
Darum bitte ich dich, mein liebes Weib, du wollest
deine Seele in Geduld fassen, und dich in dieser mei-
ner Versuchung, welche durch Gottes Zulassung mir
widerfährt, nicht gar zu sehr betrüben, denn ich mein-
te, ich wollte meinen Abschied machen, und dich mit
H. oder mit sonst jemandem fortschicken; der Herr
aber hat es mir nicht zugelassen. Er weiß es, warum
es geschieht; gleichwohl bin ich sehr betrübt um dei-
netwillen, denn ich lasse dich in großer Last zurück;
aber ich hoffe, daß der Herr, der mich dir entnommen
hat, dir helfen und dich versorgen werde, nach seiner
Verheißung, denn er speist ja die Raben und kleinen
Tierlein, weil sie seine Geschöpfe sind, um wie viel
mehr wird er für seine Auserwählten sorgen, die Tag
und Nacht zu ihm schreien.
Darum sagt Petrus: Alle eure Sorge werft auf den
Herrn, denn er sorgt für euch; wie auch David sagt:
Aller Augen warten auf dich, du gibst ihnen ihre Spei-
se zur rechten Zeit.
So vertraue denn dem Herrn, meine liebe Hausfrau,
solches bitte ich von dir, denn der dem Sämann Samen
gibt, der wird dir auch Brot zur Speise geben. Ziehe
nach dem Lande C., dort geht es sehr friedsam zu. Die
Brüder sagten, sie wollten uns behilflich sein, wo sie
könnten; ich hatte alles sehr gut angeordnet, sodass
ich hoffte, es würde dir sehr wohl gefallen, was ich
dich noch habe wissen lassen wollen.
Lerner bitte ich dich, mein liebes und sehr wertes
Weib, daß du an meinen Kindern allen Lleiß anwen-
dest, und sie in der Furcht Gottes mit guter Unterwei-
sung und Züchtigung auferziehst, weil sie noch jung
sind, denn durch die Rute beugt man ihren Rücken,
und bringt sie unter ihrer Eltern Gehorsam; darum
steht geschrieben: Wer sein Kind lieb hat, der gibt ihm
bisweilen die Rute, und wer seine Rute spart, der hasst
seinen Sohn; aber, wer ihn lieb hat, unterweist ihn,
denn die Unterweisung muss bei der Züchtigung sein,
indem die Züchtigung Gehorsam erfordert; soll aber
jemand gehorsam sein, muss er zuvor unterrichtet
worden sein; diese Unterweisung besteht aber nicht
in harten Worten, oder lautem Rufen, denn solches
lernen die Kindlein nachmachen; führt man sich aber
in ihrer Gegenwart ehrbar auf, so haben sie ein gutes
Beispiel, und lernen Ehrbarkeit, denn an den Kindern
erkennt man die Eltern. Auch müssen die Eltern ihre
Kinder nicht zum Zorne reizen, damit sie nicht klein-
mütig werden, sondern müssen sie mit Ermahnung
und gutem Unterrichte auferziehen.
So tue denn dein Bestes an ihnen, mein liebes und
wertes Weib, darum bitte ich dich, und nimm auch
deiner selbst wahr, damit du das Ende deines Glau-
bens, zu deiner Seele Seligkeit, davon tragen mögest.
Laß nicht nach, um der Trübsal willen, die wir lei-
den müssen, sondern bedenke, wie das unschuldige
Lamm Christus Jesus von Anfang der Welt her in den
Gläubigen habe leiden müssen; darum sagt der Herr:
Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an, zu
Paulus sagt er: Saul, Saul, was verfolgst du mich?
Aber Saul sagte: Herr, wer bist du? Er sagte: Ich bin
Jesus von Nazareth, den du verfolgst. Nicht als hätte
er Christum dem Fleisch nach verfolgt, denn dersel-
be war schon gestorben (ehe er verfolgte), sondern
er verfolgte die Christen, in welchen Christus dem
Geiste nach lebte; denn sie leben sich selbst nicht, son-
dern Christus lebt in ihnen; darum, wenn sie leiden,
so leiden sie nicht um ihretwillen, sondern um des
Namens Christi willen, denn wenn sie sich selbst lit-
ten, so hätten sie keine Not, indem die Welt sie lieben
würde, aber, weil sie nicht von der Welt sind, und weil
Christus sie von der Welt erwählt hat, darum hasst sie
die Welt. Darum sagt auch Petrus: Wenn ihr um des
Namens Christi willen leidet, so seid ihr selig, denn
der Geist Gottes, der ein Geist der Herrlichkeit ist,
ruht auf euch, bei ihnen wird er gelästert, aber bei
euch wird er gepriesen; denn durch denselben Geist
werden sie getröstet, sodass sie wissen, daß, gleich-
wie des Leidens Christi viel über sie kommt, werden
sie auch reichlich durch Christum getröstet, nämlich,
wenn sie mit ihm leiden, so sollen sie sich auch mit
ihm freuen, denn ihre Trübsal, die zeitlich und leicht
ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige
Herrlichkeit, weil sie nicht auf das sehen, was sicht-
bar, sondern auf das, was unsichtbar ist, denn was
sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist,
das ist ewig. Darum sagt Paulus: Ich halte dafür, daß
dieser Zeit Leiden nicht zu vergleichen sei mit der
Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll, denn
wir wissen, wenn das irdische Haus dieser Wohnung
zerbrechen wird, daß wir einen Bau haben von Gott
erbaut, ein Haus, das nicht mit Händen gemacht, das
ewig ist im Himmel; dann wird das Sterbliche von
dem Leben verschlungen werden, denn da wird kein
Tod mehr sein, noch Leid, noch einige Hitze, denn
Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.
Dann werden sie wie Mastkälber springen, dann
werden sie auf dem Berge Zion triumphieren, mit Pal-
menzweigen in ihren Händen, und werden die Kro-
nen der Ehren empfangen, welche Gott allen denen
zubereitet hat, die ihn und seine Zukunft lieb haben.
So tröste dich denn, mein liebes Weib, mit diesen
Worten, und sei in deiner Trübsal geduldig; solches
bitte ich von dir, denn bin ich dir schon entnommen.
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so denke, daß keines des andern versichert sein kann,
weil wir alle sterben müssen; auch hat uns der Herr
lange genug beisammen gelassen, in so mancher Ge-
fahr, worin wir gewandelt sind.
Es hat ja in unseren Zeiten so viele gegeben, die
einander verlassen mussten, einige durch Gefangen-
schaft, andere durch Krankheit, woran sie gestorben
sind. So kann man auch keines herrlicheren Todes
sterben, als um des Namens Christi willen, indem sie
von Gott nicht alle tüchtig gemacht werden, um sei-
nes Namens willen zu leiden, denn das ist Gnade bei
Gott, sagt Petrus.
Darum ging er und so auch Johannes fröhlich seines
Weges, weil sie würdig waren, um seines Namens
willen Schmach zu leiden.
Ach, mein liebes und wertes Weib! Es wäre mir
eine große Freude, wenn ich hören würde, daß du
wohlgemut wärest, denn so oft ich deinen oder der
Kinder Namen geschrieben habe, konnte ich mich
des Weinens nicht enthalten; dennoch bin ich, was
meine Person betrifft, wohlgemut, dem Herrn sei Lob
für seine Gnade, was ich nicht gedacht hätte, ehe ich
in Haft kam, so schwach befand ich mich damals.
Darum hat Christus mit Recht gesagt: Ich will euch
nicht als Waisen lassen, sondern zu euch kommen.
Hiermit will ich dich, mein liebes und wertes Weib,
dem Herrn anbefehlen, der mächtig ist, deinen Schatz
zu bewahren, und dir und allen denen das Erbe zu
geben, die durch den Glauben an Jesum Christum
geheiligt werden. Der allmächtige Herr wolle dich
stärken durch seine Geist, Amen.
Geschrieben den 24. April von mir, Jacob, deinem
Manne. Laß dieses abschreiben und bewahre es zum
Andenken an mich, denn ich weiß nicht, ob ich dir
noch mehr schreiben werde. Grüße mir sehr alle Brü-
der und Schwestern und alle, die Gott fürchten, meine
Kinder, B. und sein Weib, deinen Bruder T. und sein
Weib, I. und F. T. und F., seinen Bruder, I. de L. mit
seinem Weibe, sowie meine Freunde in Kortryck.
Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf
merken:
Siegeben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken.
Jacob Kerzengießers zweiter Brief an die
Gemeinde.
Herzlich geliebte Brüder! Es sei mit euch viel Gnade
und Barmherzigkeit von Gott unserm himmlischen
Vater, durch Christum Jesum, seinen eingeborenen
Sohn, unsern Herrn und Heiland, durch welchen uns
der Heilige Geist gegeben worden ist, damit wir durch
den getrieben und in alle Wahrheit geführt würden.
damit wir ein Licht in dieser Welt wären, und unsern
Vater, der im Himmel ist, mit gutem Gewissen loben
möchten; dazu gebe der Herr seine Gnade, daß es mit
mir, und allen meinen lieben Brüdern und Schwes-
tern lebenslang so bleiben möge; solches wünsche ich
ihnen zum freundlichen Gruße und herzlichen Ab-
schiede.
Ferner wisst, liebe Brüder, daß, als ich in dem Lande
C. war, ich ein großes Verlangen hatte, noch einmal bei
euch zu sein, damit wir uns noch einmal miteinander
erquicken möchten; aber der Herr hat es durch meine
Gefangenschaft verhindert, dennoch habe ich nicht
unterlassen können, euch sowohl zur Ermahnung als
auch zur Erquickung eurer Gemüter ein wenig zu
schreiben, damit, gleichwie ihr den Herrn Jesum an-
genommen habt, ihr auch in ihm wandeln mögt, und
gewurzelt und erbaut in ihm seid, und auch in demsel-
ben reichlich dankbar seid, denn, meine lieben Brüder
und Schwestern, wenn wir nicht in ihm bleiben, so ist
alle Arbeit verloren; dann können wir auch nicht sei-
ner überfließenden Reichtümer teilhaftig werden, die
er uns im himmlischen Wesen zubereitet hat; wir sind
aber Christi teilhaftig geworden, wenn wir anders
den Anfang seines Wesens bis ans Ende fest behalten
werden; wenn wir aber weichen, so hat seine Seele
kein Wohlgefallen an uns. Ja, liebe Freunde, wenn
wir nicht in ihm bleiben, so werden wir einer Wein-
rebe gleich, die nicht an dem Weinstocke bleibt und
sogleich verdorrt; darum wird sie vom Weinstocke
abgeschnitten und ins Feuer geworfen, denn sie ist
dem Menschen zu nichts anderem nütze, wie der Pro-
phet sagt: Man kann keinen Holznagel daraus machen.
Darum werden auch nach Christi Worten alle solche
Christen, die in Christo nicht bleiben, abgeschnitten
und ins höllische Feuer geworfen, denn sie sind Chri-
sto im himmlischen Wesen nichts nütze. Darum soll
nichts Gemeines oder Unreines hineinkommen, oder
das irgend Gräuel tut, sondern nur diejenigen, die in
das Buch des Lebens des Lammes geschrieben sind.
So ermahne ich nun euch, meine lieben Brüder, mit
dem Apostel Johannes: Bleibt in ihm, damit, wenn
er offenbar werden wird, wir Freudigkeit haben und
nicht zu Schanden werden vor ihm in seiner Zukunft,
damit wir nicht den törichten Jungfrauen gleich wer-
den, welche schamrot draußen bleiben mussten, weil
sie ihre Lampen ohne Öl mitgenommen hatten. Was
sollte es uns aber wohl nützen, wenn wir uns nur
hätten taufen lassen, und vom Papsttume ausgegan-
gen wären, als ob wir Jungfrauen sein wollten, die
nicht begehrten, in solcher geistlichen Hurerei zu sit-
zen, und hätten gleichwohl die Liebe Gottes nicht in
uns, wodurch wir unserm Bräutigam zu Ehren einen
reinen und keuschen Lebenswandel führen könnten.
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dann wären wir doch töricht, indem wir meinten, bei
solcher Weise Christo zu gefallen, denn David sagt:
Man führt des Königs Tochter in gestickten Kleidern
zum Könige. Darum ist die Liebe das Band der Voll-
kommenheit, denn wer in der Liebe bleibt, der bleibt
in Gott, indem Gott die Liebe ist, durch welche Liebe
wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht
schwer.
So lasst denn, meine lieben Brüder und Schwestern,
eure Lenden umgürtet sein, lasst euer Licht leuchten,
und seid den Menschen gleich, die auf ihren Herrn
warten, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm
sofort auftun mögen. Selig sind die Knechte, die der
Herr wachend findet, denn das sind die klugen Jung-
frauen, die den Bräutigam kennen gelernt haben, die
wissen, daß er ein Wohlgefallen an ihrer Schönheit hat,
welche Schönheit nicht im auswendigen Haarflechten,
noch im Kleiderschmucke besteht, sondern inwendig
in einem keuschen Wandel, in einem stillen Wesen,
das man vor allen Menschen sehen lässt. Diese Jung-
frauen sind nicht nur mit Wasser getauft, sondern
auch mit dem Heiligen Geiste und Feuer, denn sie
hüten sich nicht nur vor auswendiger Abgötterei, son-
dern wollen auch der Sünde keineswegs Raum geben;
auch lieben sie die Welt nicht, noch die Dinge, die dar-
in sind, denn darin besteht nicht die Liebe des Vaters,
indem, was in der Welt ist, als Augenlust, Hoffart des
Lebens, und die Lust des Fleisches, nicht vom Vater,
sondern von der Welt ist, wodurch so viele Christen
verführt werden, wie denn auch manche Jungfrau,
wenn sie anfängt hochmütig zu werden, sich ins Ver-
derben stürzt; dann wird sie nach schönen Kleidern
lüstern, bekommt Zuspruch von Junggesellen, welche
sie nicht sogleich um die Buhlerei anreden, denn das
wäre zu grob gegen eine ehrbare Jungfrau, sondern
sie suchen ihr Herz zur Liebe zu reizen, worauf sie
dann die Buhlerei leicht zugestehen wird.
In eben der Weise auch, meine lieben Brüder, geht
der Satan mit manchen Christen um; er versucht sie
zuerst nicht zur Abgötterei, denn sie ließen sich lieber
verbrennen, ehe sie sich zur Abgötterei bewegen lie-
ßen; weil sie rein im Gewissen sind, sondern er schießt
solche Pfeile auf sie, daß sie irdisch gesinnt werden
sollen, das Ihre mehr suchen, als das, was Christi und
ihres Nächsten ist, die Sinne tief in weltliche Geschäf-
te versenken und dadurch ergreift man die Liebe der
Welt und liebt das zeitliche Gut mehr als das ewige.
Überlegt es nun, meine Brüder und Schwestern, wenn
es der Satan dahin gebracht hat, wie leicht man nach-
her zustimmt, den Abgöttern zu dienen, sich mit der
Welt verehelicht, und so macht man dem Satan die Tü-
re weit auf, denn das Licht ist Finsternis und der Tag
Nacht geworden, weil man seine Schande oder Nackt-
heit nicht sieht, denn sie sind von dem Leben, das aus
Gott ist, durch die Blindheit des Herzens entfremdet.
Darum, liebe Brüder, seht zu, daß niemals einer un-
ter euch ein arges, ungläubiges Herz habe, sondern
ermahnt euch untereinander alle Tage, solange als es
heute heißt, damit niemand durch Betrug der Sün-
de verstockt werde. Seht zu, daß nicht jemand Got-
tes Gnade versäume, damit nicht eine bittere Wurzel
aufwachse, und viele dadurch verunreinigt werden.
Darum seid fleißig, die Einigkeit im Geiste durch das
Band des Friedens zu halten, daß ihr gleiche Liebe un-
tereinander habt, damit ihr einander keinen Anstoß
und kein Ärgernis gebt; seht ihr aber einen Bruder
oder eine Schwester von der Wahrheit abirren, so geht
ihnen nach, unterweist, ermahnt sie mit sanftmütigem
Geiste, solange bis sie Christen werden, und sich nicht
ganz in Werken des Fleisches verlaufen, damit ihr wie
Christus geartet und gesinnt seid, und seine Ordnung
nicht missbraucht, denn man kann im Bestrafen eben
sowohl zu hart als zu gelinde sein. Darum, meine lie-
ben Brüder, gebt fleißig Achtung auf einander, und
nehme jeder seiner selbst wahr, denn es ist eine ge-
fährliche Zeit, man sieht die Liebe in vielen erkalten.
Darum richtet die lässigen Hände und die müden
Knie wieder auf, und tut gewisse Tritte mit euren Fü-
ßen, damit niemand strauchle wie ein Lahmer, und
seid nicht träge in eurem Vornehmen, sondern seid
brünstig im Geiste und schickt euch in die Zeit, denn
vielleicht wird eure Zeit hier kurz sein, indem der
Teufel im Zorne ergrimmt ist; vielleicht weiß er, daß
er wenig Zeit mehr hat.
Darum, meine lieben Brüder, seid überall wacker,
und lasst nicht nach um der Trübsal willen, die man
nun vor Augen sieht, sondern vertraut allein auf den
Herrn, denn er hat gesagt: Ich will dich nicht verlassen
noch versäumen, darum dürfen wir sagen: Der Herr
ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten, was soll-
te mir ein Mensch tun, denn das Leiden, das uns die
Menschen antun, ist vergänglich; darum sagt Chris-
tus: Fürchtet nicht, die den Leib töten, und nachher
keine Macht mehr haben, sondern fürchtet den, der,
nachdem er getötet hat, auch Macht hat, Leib und
Seele in die Hölle zu werfen, denn wenn wir mit ihm
leiden, so werden wir uns auch mit ihm freuen.
Darum, meine lieben Brüder, seid getreu bis in den
Tod, dann sollt ihr die Krone des Lebens empfangen.
Bedenkt es, liebe Brüder, wenn den Kindern dieser
Welt verheißen wäre, die Krone von Spanien auf ir-
gendeine Weise zu erlangen, wie emsig würden sie
darum arbeiten, wie fröhlich würden sie laufen, um
dieselbe zu bekommen; um wie viel mehr aber sollten
wir fröhlich sein in unserer Trübsal, und mit Geduld
in dem Streite laufen, der uns verordnet worden, weil
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uns die Krone des Lebens zugesagt ist, mit welcher
die Krone Spaniens nicht zu vergleichen ist, denn das
ist eine vergängliche Krone, und ihre Herrlichkeit ist
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns
offenbar werden soll. Darum hat auch Mose viel lieber
erwählt, mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden,
als die zeitliche Ergötzung der Sünden zu haben, denn
er achtete die Schmach Christi für höheren Reichtum,
als die Schätze Ägyptens, weil er auf die Belohnung
sah. Meine lieben Brüdern und Schwestern, der Herr
gebe euch ein solches Herz und Gesicht durch den
Glauben, daß ihr mit Mose und allen Heiligen Gottes
erkennen mögt, was Gott für diejenigen bereitet hat,
die ihn lieb haben, denn die Gerechten sollen ewig
leben, und der Herr ist ihr Lohn; ja der Höchste sorgt
für sie, darum werden sie ein herrliches Reich und ei-
ne schöne Krone von der Hand des Herrn empfangen,
ja, sie werden wie die Sonne in des Himmels Throne
leuchten.
So schreibt auch der Apostel: Wenn das irdische
Haus dieser Wohnung zerbrochen wird, so haben wir
einen Bau von Gott erbaut, ein Haus, das nicht mit
Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Damit gibt
der Apostel zu erkennen, daß, obschon unser irdischer
Leib hier getötet wird, er dennoch wieder auferstehen
und mit der himmlischen Klarheit umleuchtet wer-
den wird. Darum schreibt Paulus: Unser Wandel ist
im Himmel, von dannen wir auch warten des Hei-
landes Jesus Christi, welcher unsern nichtigen Leib
verklären wird, daß er seinem verklärten Leibe ähn-
lich werde, womit er abermals zu erkennen gibt, wie
herrlich der Leib nach der Auferstehung verändert
werden soll; hier ist er krank, dort wird er stark wer-
den, hier natürlich, dort geistig, hier sterblich, dort
aber unsterblich werden; denn das Vergängliche muss
das Unvergängliche, und das Sterbliche die Unsterb-
lichkeit anziehen; dann wird der erschreckliche Tod
zum Sieg verschlungen; dann wird auch der letzte
Feind aufgehoben werden, welches ist der Tod; dann
wird weder Tod, noch Leid, oder einige Hitze sein;
dann werden die Tränen von ihren Augen abgewischt
werden; sie werden mit Christo alles ererben, weil
sie überwunden haben; dann wird er sie zum Brun-
nen des lebendigen Wassers führen und sie mit dem
verborgenen Himmelsbrote speisen, sodass sie nicht
mehr hungern oder dürsten wird; dann wird der geis-
tige Salomo mit dem geistigen Israel in gutem voll-
kommenen Frieden wohnen, denn alle seine Feinde
werden zum Schemel seiner Füße gelegt.
Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, seid
standhaft und unbeweglich, und allezeit überfließend
in den Werken des Herrn, da ihr wisst, daß eure Arbeit
nicht vergeblich ist in dem Herrn.
Hiermit befehle ich euch, meine lieben Brüdern und
Schwestern, dem Herrn, der mächtig ist, euren Schatz
zu bewahren, und euch das Erbe zu geben, unter de-
nen, die geheiligt sind. Bittet den Herrn für mich, daß
ich standhaft streiten und in derselben Hoffnung blei-
ben möge, worin ich (dem Herrn sei ewig Lob) noch
jetzt stehe; ich bitte euch, liebe Brüder, daß ihr an mei-
nem Weibe und meinen Kindern das beste tun wollt.
Geschrieben von mir, Jacob Kerzengießer, eurem
schwachen Bruder und Diener, den 18. April.
Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf
merken:
Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken.
Des Jacob Kerzengießers dritter Brief an seine
Kinder.
Derselbe Gott, der Abraham, Isaak und Jakob geseg-
net hat, der wolle auch euch, meine Kinder, mit allerlei
geistigem Segen im himmlischen Wesen segnen, da-
mit ihr von Jugend auf den Herrn erkennen und ihn
fürchten lernt, und ihm eure ganze Lebenszeit gehor-
sam seid; dieses ist es insbesondere, was ich von Gott
begehre, daß ihr ewig selig werden mögt und des
Herrn Name durch euch gepriesen werde, welchem
Namen sei Lob und Preis von nun an bis in Ewigkeit,
Amen.
Meine Kinder, hört die Unterweisung eures Vaters
und verlasst nicht das Gesetz eurer Mutter; seid al-
lezeit fertig, zu tun, was euch von Gott befohlen ist,
nämlich, daß ihr ihn von Jugend auf erkennen, fürch-
ten und ihm gehorchen lernt, denn der gehorsam
kommt von der Furcht Gottes, und die Furcht Got-
tes kommt von der Erkenntnis Gottes.
Darum schreibt Salomo: Die Furcht des Herrn ist
der Weisheit Anfang. Die Kinder, die ihren Vater ken-
nen, daß er so ehrlich und gerecht ist, daß er es nicht
zugibt, daß seine Kinder mit den Kindern auf den
Gassen laufen, sich raufen, zanken, übel reden, ge-
stohlenes Gut nach Hause bringen, die Kinder, sage
ich, die ihren Vater von dieser Seite kennen, fürchten
sich, solches zu tun, denn sie wissen, daß sie geschla-
gen werden, wenn sie solches tun. Ebenso auch, meine
lieben Kinder, ist der Herr ein gerechter Gott, der die
Sünden nicht dulden, sondern diejenigen strafen will,
die sie begehen. Darum muss man ihn fürchten, und
die Sünde nicht vollbringen, denn die Furcht Gottes
treibt die Sünde aus, und wer Gott fürchtet, wird Gu-
tes tun, gleichwie Salomo sagt: Die Furcht des Herrn
ist eine Quelle der Weisheit, daß man die Stricke des
Todes meide, denn, meine lieben Kinder, der Tod ist
der Sünden Sold. Deshalb weil die Furcht Gottes die
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Sünde austreibt, so meidet man auch durch die Furcht
Gottes die Ursache, die uns in den Tod stürzt, das ist
die Sünde. So lernt denn, meine lieben Kinder, von Ju-
gend auf in der Furcht des Flerrn wandeln, damit ihr
der Sünde zu keiner Zeit zugeneigt werdet, und die
Gebote des Herrn, eures Gottes, nicht vergesst, son-
dern den Herrn fürchtet, weil er zu fürchten ist, denn
die den Herrn fürchten, gehen auf der rechten Bahn,
indem die Furcht des Herrn der Weisheit Anfang, und
das Böse lassen, Verstand ist.
Darum, meine Kinder, fürchtet den Herrn, und lasst
ab vom Bösen, denn der Prophet Jeremia sagt: Es ist
ein köstliches Ding für einen Mann, daß er das Joch
in seiner Jugend trage, daß ein Verlassener geduldig
sei, wenn ihn etwas überfallt, auch sagt Sirach: Liebes
Kind, laß dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so
wird ein weiser Mann aus dir; so wirst du die Weisheit
finden, denn das lehrt die Weisheit Gottes, daß man
die Lehre Gottes aufnehmen und sich darin unterrich-
ten lassen soll, wie man das Böse verlassen müsse;
denn die Weisheit verkündigt draußen, und lässt sich
hören auf den Gassen, und sagt: Wie lange habt ihr
kleinen Kinder das Alberne so lieb, und wie lange
wollen die Toren Dinge begehren, die ihnen schädlich
sind, und die Unweisen die Erkenntnis hassen? Die
Kinder aber von solcher Art; sie laufen gern auf der
Gasse um zu spielen; dort lernen sie allerlei Böses,
haben es aber nicht gern, wenn man sie darum züch-
tigt und zu Hause hält; daran erkennt man, daß sie
Kinder sind, denn sie wissen es nicht, wie schädlich
es ihnen sei, indem sie dadurch sich der Erkenntnis
Gottes entfremden, und in der Bosheit so sehr auf-
wachsen, daß sie sich bisweilen schwerlich mehr zur
Wahrheit begeben können.
Darum nennt die Weisheit die Leute oder Volk Is-
rael kleine Kinder, weil sie bisweilen so böse sind,
daß sie sich selbst leben wollen und die Züchtigung
des Herrn hassen, welche gleichwohl aus Liebe zu ih-
nen geschieht, damit sie mit der Welt nicht verdammt
werden. Darum hütet euch, meine lieben Kinder, vor
jeder bösen Gesellschaft, die euch verführen und in
die Welt verflechten kann, denn die Welt ist voller
Bosheit und wird mit ihren Wollüsten vergehen. Dar-
um liebt die Welt nicht, meine Kinder, noch was darin
ist, denn alles, was in der Welt ist, nämlich Augen-
lust, Fleischeslust und hoffärtiges Leben kommt nicht
vom Vater, sondern von der Welt. Darum enthaltet
euch der fleischlichen Lüste, die wider die Seele strei-
ten. Auch sagt Paulus: Flieht die Lüste der Jugend,
denn die Lüste der Jugend haben viele ins Verderben
gestürzt, in Unkeuschheit, Hurerei und viele unge-
bührliche Dinge; darum meine Kinder, hütet euch vor
der Hurerei und vor allen unerbaulichen Umgängen,
woraus die Hurerei oft ihren Ursprung genommen
hat, dahin gehört: Tanzen, Springen, auch daß die
Jünglinge mit den Töchtern auf der Bierbank sitzen,
sich trunken trinken, ungebührliche Worte reden, und
was oft heimlich geschieht, ist schändlich zu sagen.
Ach, meine Kinder, hütet euch vor dergleichen, denn
der Apostel sagt: Alle, die solches tun, haben keinen
Teil im Reiche Gottes. Wenn ihr aber erwachsen seid,
und die Gabe der Enthaltung nicht habt, so greift zur
Ehe in der Furcht Gottes; bittet Gott, daß er euch ei-
ne treue Gehilfin geben wolle, damit ihr mit einem
zerbrochenen, erniedrigten und demütigen Herzen in
der Furcht Gottes wandelt.
Meine Kinder! Lasst Hoffart nicht über euch herr-
schen, weder in euren Worten, noch in Gedanken,
gleichwie Tobias seinen Sohn ermahnt: Denn der
Herr verstößt, welche hoffärtigen Herzens sind; aber
die Demütigen hat er erhoben. Darum sagt David:
Ich danke dir, Herr, daß du mich gedemütigt hast,
denn ehe ich gedemütigt war, irrte ich. Darum, meine
Kinder, erhebt euch niemals in eurem Herzen, son-
dern macht euch den Niedrigen gleich, denn ehe der
Mensch zu Grunde geht, wird er stolz und hoffärtig;
ein trotziges Gemüt kommt vor dem Falle; denn sie
werden so trotzig, daß sie des Herrn Wort verachten,
und ihres Herzens Begierden leben; darum wird sie
der Herr auch nicht achten.
Meine Kinder! Merkt auf eures Vaters Unterwei-
sung, und vergesst dieselbe nicht; bewahrt eure Zun-
ge vor Verleumdung und hütet euch vor Lügen; denn
der Mund, welcher lügt, tötet die Seele; ebenso haben
die Lügner auch keinen Teil im neuen Jerusalem, son-
dern ihr Teil ist im feurigen Pfuhle, der mit Feuer und
Schwefel brennen wird, welches der andere Tod ist.
Ein Verleumder aber richtet viel Streit und Uneinig-
keit an, und erweckt Zank und Neid, und scheidet
gute Freunde voneinander. Darum sagt Salomo: Wenn
kein Holz da ist, so verlöscht das Feuer, und wenn
der Verleumder weg ist, so hört der Hader auf; auch
schreibt er: Tue von dir den verkehrten Mund, und
laß verleumderische Lippen fern von dir sein; gleich-
wie auch Mose schreibt: Du sollst keinen Verleumder,
noch Ohrenschänder unter dir sein lassen. So hütet
euch denn, meine Kinder, vor Verleumdungen, und
wo ihr in einem Hause wohnt, da seid still und ver-
schwiegen, und schwatzt nichts außerhalb des Hau-
ses, das im Hause geschieht; was man verschweigen
soll, das verschweigt; dadurch werdet ihr euch beliebt
machen, und seid den Leuten allezeit getreu. Hütet
euch vor dem Stehlen, denn es ist große Sünde; die
Diebe haben keinen Teil am Reiche Gottes; ebenso ist
auch niemand, der einem Diebe günstig ist, oder ihm
traut, und beneidet einander nicht, denn aus Neid
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hat Kain seinen Bruder totgeschlagen; und die Patri-
archen ihren Bruder Joseph verkauft; der Neid bricht
alle Freundschaft und macht jede Wohltat vergessen,
und ist allein darauf bedacht, Schaden zu tun; ein Nei-
discher freut sich nicht, wenn er seinen Bruder oder
seine Schwester sieht, sondern er wendet das Haupt
anderswo hin; er betrübt sich auch nicht über seines
Bruders Unglück, sondern freut sich, wenn ihm etwas
Widriges begegnet. Darum sagt Jakobus mit Recht:
Habt ihr aber bittem Neid und Zank in eurem Her-
zen, so rühmt euch nicht und lügt nicht wider die
Wahrheit, denn wo Streit und Zank ist, da ist Unord-
nung und eitel böses Ding. Darum, meine lieben Kin-
der, beneidet einander nicht, auch sonst niemanden;
sondern habt einander lieb aus reinem Herzen, wie
Brüdern und Schwestern zukommt, nicht wie Kain,
der vom Argen war und seinen Bruder tötete, sondern
wie Christus uns ein Beispiel hinterlassen, der sein Le-
ben für uns dahingegeben hat; darum müsst ihr auch
einander lieben, nicht mit Worten oder mit der Zunge,
sondern mit der Tat und Wahrheit, damit ihr nicht nur
dem Fleische nach, sondern durch den Glauben an
den Sohn Gottes Brüder und Schwestern seid, denn er
sagt: Daran wird man erkennen, daß ihr meine Jünger
seid, wenn ihr Liebe untereinander habt; Johannes
sagt: Ihr Liebsten, lasst uns untereinander lieb haben,
denn die Liebe ist von Gott; wer nicht lieb hat, der
kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe. Darum will
er, daß sich die Kinder untereinander lieben sollen
mit rechter ungefärbter brüderlicher Liebe, aus rei-
nem Herzen, als die da wiederum geboren sind, nicht
aus dem natürlichen Samen, welcher vergänglich ist,
sondern aus dem unvergänglichen Samen geboren
sind, nämlich aus dem Worte Gottes, das ewig bleibt.
So bitte und ermahne ich euch nun, meine lieben
Kinder, habt einander lieb, und vertragt euch mit-
einander, und sei einer dem andern Untertan; das
Kleinste soll dem Ältesten untertänig sein, damit we-
der Streit noch Zwietracht unter euch sei; und ihr
Katelyntgen und Kopken, ihr seid die Ältesten, wenn
ihr erwachsen seid, so tragt für die andern Kindlein
Sorge, und helft ihnen mit eurer Hände Arbeit; seid
barmherzig gegen sie, damit ihr Kinder eures Vaters
seid, der im Himmel ist, denn ihr werdet vielleicht
eure Mutter nicht lange behalten; deshalb seid ihr
schuldig, das Beste aneinander zu tun.
Darum, meine Kinder, nehmt eures Vaters Ermah-
nung zu Herzen! Vergeßt sie nicht, und seid eurer
Mutter gehorsam, denn es steht den Kindern wohl
an, daß sie ihren Eltern Untertan sind, gleichwie im
Sirach steht: Der Herr will den Vater von den Kin-
dern geehrt haben, denn das ist das erste Gebot im
Gesetz, das Verheißung hat: Ehre Vater und Mutter,
damit du lange leben mögest auf Erden; das ist aber
die größte Ehre, welche die Kinder ihren Eltern er-
weisen, wenn sie ihnen in allem, was der Ehre Gottes
nicht zuwider ist, gehorsam sind; was aber die Ehre
Gottes betrifft, darin haben die Eltern keine Macht
über die Kinder zu herrschen, sondern sind verpflich-
tet, ihre Kinder selbst dazu zu ermahnen, dem Herrn
gehorsam zu sein, denn sie mussten ihren Kindern
das Gesetz lehren, wenn sie sich schlafen legten und
wieder aufstanden, in welchem Gesetze geschrieben
stand, daß man Gott über alles lieben müsse. Darum
sind die Kinder nicht schuldig, ihre Eltern mehr als
Gott zu lieben; es sollen auch fromme Eltern solches
nicht begehren, sondern ihre Kinder dazu ermahnen,
daß sie sich in der Liebe Gottes üben, nämlich: Sei-
ne Gebote zu halten, und demütig zu sein vor ihrem
Gott; wie ich denn auch hoffe, meine Kinder, daß eure
Mutter tun wird. Deshalb seid ihr untertänig in der
Liebe, und seid ihr nicht ungehorsam, denn im Ge-
setze stand geschrieben, daß, wer Vater oder Mutter
fluchte, schlug, oder ungehorsam war, des Todes ster-
ben musste; solch eine große Sünde ist es vor dem
Herrn.
Darum, meine lieben Kinder, obgleich ihr mich ver-
liert, seid doch darum nicht trotzig gegen eure Mutter,
sondern seid ihr um desto mehr gehorsam, denn ihr
ist nun die Sorge allein anbefohlen. Deshalb, meine
Kinder, betrübt sie nicht mit eurem Leben, denn im
Sirach steht: Wer seinen Vater verlässt, der wird ge-
schändet, und wer seine Mutter betrübt, der ist ver-
flucht vom Herrn. Darum habt sie lieb und denkt, wie
viel Schmerzen sie um euretwillen erlitten und euch
neun Monate unter ihrem Herzen getragen habe, auch
noch viel leiden muss, um euch das Brot zu verdie-
nen. Darum, liebe Kinder, wenn ihr groß werdet, so
arbeitet fleißig, damit ihr eurer Mutter das Brot zu
verdienen helfen mögt. Seid nicht der Faulheit erge-
ben, denn vom Müßiggang kommt viel Böses, und
Faulheit macht die Kinder diebisch, die Töchter aber
zu Huren, und sie nehmen zuletzt ein böses Ende.
Darum, meine lieben Kinder, lasst euch dessen nicht
gelüsten, sondern arbeitet und wirkt gern mit euren
Händen etwas Redliches, damit ihr dem Dürftigen
zu geben habt. Sollte auch eure Mutter einen andern
Mann nehmen, so seid ihm Untertan wie eurem eige-
nen Vater, und haltet ihn in Ehren, denn er wird für
euch Sorge tragen und euch unterweisen und lehren,
als ob ihr seine Kinder wärt. Darum müsst ihr, als ge-
horsame Kinder, seine Unterweisung annehmen und
nicht verachten.
Ach, meine lieben Kinder! Ich, Jakob, euer Vater, ha-
be euch dieses als ein Testament hinterlassen, damit
ihr desto mehr an mich denken mögt und wisst, was
496
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ich geglaubt habe und warum ich gestorben bin, des-
sen ihr euch nicht schämen sollt, denn es ist um des
Namens Christi willen geschehen, indem ich ja euch
um des Herrn willen verlasse. Ich habe unter dem
Himmel nichts so lieb wie euch, aber um des Herrn
willen muss man alles verlassen, Vater und Mutter,
Weib und Kinder, selbst sein eigenes Leben, sonst kön-
nen wir nicht seine Jünger sein. Wer aber um seinet-
willen dieses alles verlässt, der wird es hundertfältig
wieder empfangen, und nachher das ewige Leben.
Deshalb, meine lieben Kinder, verlasse ich euch mit
einem solchen Vertrauen; Der Herr gebe euch seine
Gnade, daß ich euch im ewigen Leben finden möge;
ich gehe nun voraus den Weg, den Christus Jesus uns
vorgewandelt ist samt allen Heiligen Gottes; ich weiß,
daß alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu,
Verfolgung leiden müssen; auch sagt Paulus: Euch ist
es gegeben zu tun, daß ihr nicht allein an Christum
glaubt, sondern auch um seinetwillen leidet, denn daß
wir leiden, solches leiden wir nicht um unseretwillen,
sondern um des Herrn willen, weil wir an ihn glau-
ben, und durch den Glauben ihm nachfolgen und ihm
gehorsam sind, was die Welt nicht ertragen kann; der
denn Prophet sagt: Die Wahrheit fällt auf die Gasse;
die Wahrheit liegt gefangen, und das Recht kann nicht
einhergehen; wer vom Bösen weicht und Gutes tut,
muss jedermanns Raub sein; gleichwie Christus sagt:
Wärt ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb;
dieweil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich
euch von der Welt erwählt habe, darum hasst euch
die Welt; deshalb sagt Jakobus, daß der Welt Freund-
schaft Gottes Feindschaft sei; wollt ihr also der Welt
Freunde sein, so werdet ihr Gottes Feinde sein; denn
wenn ihr, meine lieben Kinder, der Welt Freunde sein
wollt, so müsst ihr auch der Welt in ihrer ungebührli-
chen Weise und ihrem falschen Gottesdienste folgen;
darum schreibt Paulus: Wenn ich noch den Menschen
wohlgefällig wäre, dann wäre ich Christi Knecht nicht;
denn solche Liebe hat uns der Vater bewiesen, daß
wir seine Kinder heißen sollen; darum kennt uns die
Welt nicht, denn sie kennt auch ihn nicht. Haben sie
nun den Hausvater Beelzebub genannt, so ist es kein
Wunder, daß sie seine Hausgenossen auch so nennen,
denn der Knecht ist nicht besser, als sein Herr, noch
der Jünger über seinem Meister.
Hiermit will ich euch, meine lieben Kinder, und eu-
re Mutter dem Herrn anbefehlen, um dessentwillen
ich sie zu verlassen hoffe, der mächtig ist, euch zu ver-
sorgen und vor allem Argen zu bewahren. Der Herr
gebe euch seine Gnade, daß ihr in der Erkenntnis Got-
tes aufwachsen mögt durch den Heiligen Geist, damit
ihr, nach dem Ausspruche des gerechten Gerichtes
Gottes, gerecht erfunden werden mögt zu seinem Rei-
che, durch Jesum Christum, unsem Herrn und Hei-
land, welchem sei Lob und Preis, von Ewigkeit zu
Ewigkeit, Amen.
Geschrieben den 2. und 3. Mai 1569, im Gefängnisse
zu Brügge, wo ich um des Zeugnisses Jesu willen
unter dem Hause van de Brye gefangen lag. Von mir
Jacob Kerzengießer.
Dieses sende ich meinen lieben Kindern als ein kur-
zes Testament; ich hoffe ihnen auch meinen Glauben
aufzuschreiben, was hier wohl dienlich sein kann, da-
mit sie wissen, auf welchen Glauben ihr Vater gestor-
ben sei.
Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf
merken:
Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken.
Der vierte Brief von Jacob Kerzengießer,
geschrieben an seine Kinder, welcher eigentlich
ein Bekenntnis seines Glaubens enthält.
Meine auserwählten lieben Kinder! Ich hoffe, euch
meinen Glauben in der Kürze zu schreiben, damit
ihr wissen mögt, daß ich nicht als ein Verführer oder
Ketzer, sondern um des rechten Glaubens willen ge-
storben sei, der vor Gott gilt.
1 . Zunächst glaube und bekenne ich, daß ein wahrer
Gott sei, welcher Himmel und Erde, das Meer, und al-
les was darin ist, durch sein ewiges, allmächtiges und
unbegreifliches Wort erschaffen hat, das im Anfänge
bei Gott war, und auch Gott war, samt dem Vater.
2. Und Gott hat am sechsten Tage den Menschen
gemacht, nach seinem Bilde oder Gleichnis, nämlich,
nach seiner Art; der Mensch aber ist durch List der
Schlange in seiner Schöpfung nicht geblieben, in wel-
cher der Teufel gewirkt hat, sodass er Adam mit sei-
nem ganzen Samen in den Tod gestürzt hat, wie ge-
schrieben steht.
Gott schuf den Menschen unsterblich, und machte
ihn zum Bilde nach seiner Gleichheit; aber durch des
Teufels Neid ist der Tod in die Welt gekommen, und
alle, die seines Teils sind, folgen ihm nach, wie auch
Esra schreibt: Der erste Adam, weil er ein arges Herz
hatte, hat übertreten, und ist überwunden worden, so
wie auch alle, die von ihm geboren sind; ferner sagt er:
Ach, Adam! Was hast du getan? Denn weil du gesün-
digt hast, ist nicht dein Fall über dich allein geraten,
sondern auch über uns, die wir von dir hergekommen
sind.
3. Als nun der Mensch Adam, mit seinem ganzen
Geschlechte, in den Tod gefallen war, hat der barm-
herzige Vater aus Gnade seinen Sohn oft verheißen,
welcher als ein unbeflecktes Lamm, das vor Grund-
497
legung der Welt ersehen war, uns durch seinen Tod
und durch sein Blut vom Tode erlöst hat, welcher
auch in der Fülle der Zeit ein Mensch geworden ist,
geboren von der Jungfrau Maria, wie von ihm ge-
weissagt worden ist, wenn es heißt: Ein Kind ist uns
geboren, ein Sohn ist uns gegeben; und abermals: Ei-
ne Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn
gebären. Also ist er durch die Kraft des Höchsten
von dem Heiligen Geiste in Maria empfangen wor-
den, wie der Engel zu ihr sagte: Der Heilige Geist
wird über dich kommen, und die Kraft des Höchs-
ten wird dich überschatten. Zu Joseph sagte er, das
in ihr geboren ist, ist vom Heiligen Geiste, weshalb
das Heilige, das von ihr geboren wird, Gottes Sohn
genannt werden soll, denn das Wort, das im Anfänge
bei Gott war, ist Fleisch geworden, und hat unter den
Menschen gewohnt sichtbar und begreiflich, sodass
man auch seine Herrlichkeit gesehen hat, eine Herr-
lichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller
Gnade und Wahrheit. Dieser hat sich selbst erniedrigt,
und Knechtsgestalt angenommen, ist wie ein anderer
Mensch geworden und an Gestalt als ein Mensch er-
funden worden; alles nun, was er von seinem Vater
gehört hat und gesehen hat, das hat er uns gelehrt und
zu erkennen gegeben, und ist seinem Vater gehorsam
gewesen bis zum Tode. Er ist aber unschuldig von
Pilatus zum Tode verurteilt worden, und am dritten
Tage wieder auferstanden von den Toten, und nach
seiner Auferstehung hat er seinen Jüngern befohlen,
allen Kreaturen das Evangelium zu predigen und die
Gläubigen im Namen des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes zu taufen, auch ist er gen Himmel
aufgefahren, und sitzt zur rechten Hand des Vaters,
von dannen er wiederkommen wird vom Himmel
in der Herrlichkeit seines Vaters, und in den Wolken
des Himmels, um die Lebendigen und die Toten zu
richten.
4. Ferner glaube und bekenne ich, daß ein Heiliger
Geist sei, der vom Vater ausgeht, und durch Christum
Jesum auf die Gläubigen und wiedergeborenen Kin-
der ausgegossen wird, wie Tit 3 und Eph 1 geschrieben
steht, als ein Unterpfand des Geistes und zur Versi-
cherung des Gemütes, durch welchen Geist sie rufen:
Abba, lieber Vater! Durch denselben Geist werden sie
auch in alle Wahrheit geleitet, denn er ist ihr Lehr-
meister; durch denselben Geist haben die Propheten
geweissagt, denn Gott teilt ihn durch die geistigen
Gaben den Gläubigen mit zum allgemeinen Nutzen.
Darum schreibt der Apostel: Es sind mancherlei Ga-
ben, aber es ist ein Geist, und es sind mancherlei Äm-
ter, aber es ist ein Herr, und es sind mancherlei Kräfte,
aber es ist ein Gott, der alles in allem wirkt. Diese drei
Namen sind ein wahrer Gott; der Vater ist der Schöp-
fer, der alle Dinge durch den Sohn oder sein Wort,
und durch seinen Geist erschaffen hat; auch hat er
alle Dinge wieder erneuert, und die Gläubigen durch
den Sohn und durch den Heiligen Geist gereinigt, in
welchen drei Namen den Aposteln befohlen war, die
Gläubigen zu taufen; denn drei sind, die im Himmel
zeugen: der Vater, das Wort und der Heilige Geist,
und diese drei sind eins.
5. Auch glaube und bekenne ich, daß eine heilige
christliche Kirche sei, welche die Gemeinschaft der
Heiligen und die Versammlung der Gläubigen und
Gerechten ist; diese ist ein Tempel des lebendigen Got-
tes, eine Säule und ein fester Grund der Wahrheit und
eine Wohnung Gottes im Geiste. In diesem Tempel
ist der Heilige Geist Lehrmeister; die Apostel sind
Bauleute, die diesen Tempel zuerst auferbaut haben.
Ebenso wie Salomo seine Knechte auf einen Berg ge-
sandt hat, die Steine zu behauen, als er seinen Tempel
bauen wollte, und als nun Steine zubereitet waren
und zur Arbeit gebracht wurden, fügten sie dieselben
zusammen, sodass man im Bauen weder Hammer
noch Beil oder sonst ein eisernes Werkzeug hörte; so
hat auch Christus seine Apostel ausgesandt, um die
Menschen zu lehren, und in seinem Namen Buße zu
verkündigen, ehe sie sich taufen ließen; denn sollten
sie lebendige Steine an dem Tempel Gottes sein, so
mussten sie wiedergeboren sein mit dem Hammer
des Wortes Gottes, und durch den unvergänglichen
Samen Gottes des Vaters, der ein Berg und ein Fels
ist ewiglich. Also haben die Apostel anfänglich den
Tempel gebaut, und, als weise Bauleute, den Grund
gelegt.
Darum sägt Paulus, daß Gott in der Gemeinde zu-
nächst die Apostel, darauf die Propheten und endlich
die Lehrer verordnet habe; an einem andern Orte sagt
er: Er hat einige zu Aposteln, andere zu Propheten,
einige zu Evangelisten, andere zu Hirten und Lehrern
gesetzt, daß die Heiligen zum Werke des Amtes zuge-
richtet werden, wodurch der Leib Christi erbaut wird,
bis daß wir alle hinan kommen zu einerlei Glauben
und Erkenntnis des Sohnes Gottes und ein vollkom-
mener Mann werden, der da sei in dem Maße des voll-
kommenen Alters Christi, denn ebenso wie ein Leib
viele Glieder hat, und doch nur ein Leib ist, so sind
auch die Gläubigen, ihrer großen Anzahl ungeach-
tet, dennoch nur ein Leib, dessen Haupt Christus ist;
denn Paulus schreibt: Wir sind durch einen Geist alle
zu einem Leibe getauft, und sind alle zu einem Geiste
getränkt. Alle nun, die in diesem Tempel oder dieser
Stadt sind, haben Christum zu einem Herrn und Kö-
nig. Ihm müssen sie gehorsam sein; von ihm müssen
sie sich regieren und ihn mit seines Reiches Zepter,
nämlich mit seinem Geiste und Wort herrschen las-
498
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sen; denn Ihm ist alle Macht gegeben im Himmel und
auf Erden. Der Vater richtet niemanden, sondern hat
dem Sohne alles Gericht übergeben, damit sie alle den
Sohn ehren sollen, gleichwie sie den Vater ehren; wer
den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht,
der Ihn gesandt hat. Und wie der Vater das Leben
hat, in Ihm selbst, so hat er dem Sohne gegeben, das
Leben in ihm selbst zu haben. Wer den Sohn Gottes
hat, der hat das ewige Leben, wer den Sohn Gottes
nicht hat, der hat das Leben nicht. Durch ihn hat die
Kirche Vergebung der Sünden, denn sie glauben an
ihn und suchen allein ihre Seligkeit in ihm, denn es
ist ihnen kein anderer Name unter dem Himmel ge-
geben, wodurch sie selig werden sollen, als der Name
Christi, indem er ihnen von Gott zur Weisheit, zur
Gerechtigkeit, zur Heiligung und Erlösung gemacht
ist; auch hat er sich selbst für sie dahingegeben, damit
er sie von aller Ungerechtigkeit erlöse, und sich ein ei-
genes Volk reinigte, das zu allen guten Werken fleißig
wäre.
Diese haben einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe;
diese haben Gott zum Vater, einen Heiligen Geist, auf
welchen und durch welchen der Tempel erbaut und
gegründet ist.
6. Lerner glaube und bekenne ich eine christliche
Taufe, nach Inhalt des Wortes Gottes, wie Christus sei-
nen Aposteln befohlen hat, wenn er sagt: Geht hin und
lehrt alle Völler und tauft sie im Namen des Vaters,
des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie
halten alles, was ich euch befohlen habe; und Mk 16:
Geht hin und lehrt alle Welt und predigt das Evan-
gelium allen Kreaturen; wer da glaubt und getauft
wird, soll selig werden; wer aber nicht glaubt, wird
verdammt werden. Also haben die Apostel nach ihres
Herrn Befehl getan, denn Petrus hat auf dem Pfingst-
feste seinen Mund aufgetan, das Volk von Jerusalem
gelehrt und sie wegen ihrer Sünden bestraft, sodass
sie sagten: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir
tun? Petrus sagte: Tut Buße und lasse ein jeder sich
taufen, so werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes
empfangen, die euch und euren Kindern verheißen
ist, und allen, die fern sind, welche Gott, unser Herr,
herzurufen wird.
Hiermit beweist der Apostel, daß die Gaben des
Heiligen Geistes nicht allein an Juden und ihren Kin-
dern, sondern auch den Heiden gegeben werden soll-
ten, die von dem Reiche Gottes entfernt waren, wel-
che Gott auch herzurufen wird; gleichwie der Prophet
Joel zuvor gesagt hatte, daß Gott in den letzten Ta-
gen seinen Geist über alles Pleisch ausgießen würde.
Darum hat auch Gott den Heiligen Geist über den
heidnischen Cornelius und sein Hausgesinde ausge-
gossen, um Petrus und seinen Aposteln zu zeigen, daß
er allen Menschen Macht gegeben hatte, durch den
Glauben Gottes Kinder zu werden, und mit solchen
wollte er seinen Bund aufrichten; deshalb gedachte
Petrus, daß man sie im Namen des Herrn taufen sollte,
denn sie waren von Christo mit dem Heiligen Geiste
und Teuer getauft, durch welchen Geist er ihr Herz
von den toten Werken reinigte, um dem lebendigen
Gotte zu dienen. Darum sagte Petrus zu denen von Je-
rusalem: Tut Buße und lasse sich ein jeder im Namen
des Herrn zur Vergebung der Sünden taufen, nicht
als ob durch die Taufe die Sünde vergeben werden
könnte, wie man an Simon dem Zauberer sehen kann;
dieser war auch von Philippus getauft, aber Petrus
sagte, er sollte weder Teil noch Anfall an dem Wor-
te haben, sondern sie werden durch den Glauben an
Jesum von den Sünden gereinigt, in dessen Namen
sie die Taufe empfangen; darum ist die Taufe ein Zei-
chen, wodurch etwas Besseres vorgebildet wird, und
muss folglich auf oder durch den Glauben empfan-
gen werden, denn Petrus sagt: Welches uns nun auch
selig macht in der Taufe, die durch jenes bedeutet ist,
nicht das Abtun des Unflats am Pleische, sondern der
Bund eines guten Gewissens mit Gott, durch die Auf-
erstehung Jesu Christi, welcher zur Rechten Gottes
in den Himmel gefahren ist. Deshalb hat auch Philip-
pus, nach dem Befehle Christi, die Samariter gelehrt,
ehe sie die Taufe empfingen; auch viele Korinther, die
zuhörten, wurden gläubig und ließen sich taufen. So
muss denn die Taufe auf den Glauben empfangen
werden, zu einem Bunde des christlichen Lebens, zu
einem Anziehen des Leibes Christi, zu einer Einpfrop-
fung in den rechten Ölbaum und Weinstock Christum,
zu einem Eingänge in die geistliche Arche Noah, wo-
von Christus der rechte Hausvater ist, wie von ihm
geschrieben steht; Siehe, hier bin ich, und die Kin-
der, die mir Gott gegeben hat; und Jesaja nennt ihn
den starken Gott, den einigen Vater, den Friedensfürst.
Also werden sie von Christo getauft, inwendig mit
dem Heiligen Geiste und Teuer, auswendig aber mit
Wasser, wie der Kämmerer sagte: Hier ist Wasser, was
hindert es, daß ich mich nicht taufen lasse? Philip-
pus sagte: Glaubst du von ganzem Herzen, so mag
es wohl sein; er antwortete: Ich glaube, dass Jesus
Christus Gottes Sohn ist.
Darum muss man die rechte christliche Taufe nach
dem Befehle Christi und dem Gebrauche der Apostel
empfangen, im Namen des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes, damit die Sünden begraben werden
und wir mit Christo in einem neuen Leben wandeln,
auch der Sünde fernerhin nicht mehr dienen.
7. Lerner bekenne ich ein rechtes Nachtmahl oder
Brotbrechen, welches Christus selbst eingesetzt und
mit seinen Aposteln gebraucht hat, und das zwar mit
499
Brot und Wein; denn in der Nacht als er verraten ward,
nahm er das Brot, dankte, brach es und sprach: Nehmt
und esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen
wird; solches tut zu meinem Gedächtnisse; und nach
dem Abendmahle nahm er den Kelch und sprach: Die-
ser Kelch ist das neue Testament in meinem Blute, so
oft ihr davon trinkt, so tut es zu meinem Gedächt-
nisse. Daraus aber kann niemand schließen, daß das
Brot der Leib Christi selbst sei, weil er es seinen Leib
nannte; sonst müsste auch folgen, daß der Kelch sein
Testament sei, denn er hat den Kelch sein Testament
genannt; aber es sind Gedenkzeichen, wobei man sich
seines Todes und des Testamentes (das mit seinem
Blute besprengt ist) erinnern soll; denn wo ein Testa-
ment ist, da muss der Tod dessen, der das Testament
gemacht, erfolgt sein, denn solange derjenige lebt,
der das Testament gemacht hat, ist dasselbe ungültig.
Darum hat Christus sein Testament, das er mit dem
Hause Israel gemacht hat, mit seinem Tode befestigt,
und sein Blut zur Vergebung vieler Menschen Sün-
den vergießen lassen; also bricht man das Brot dessen
zum Andenken, und trinkt den Wein in der Gemeinde,
gleichwie Christus gesagt hat: Tut dieses zu meinem
Gedächtnisse, denn gleichwie das Brot in der Gemein-
de gebrochen wird, so wurde auch der Leib Christi
am Kreuzesholze zerbrochen, und gleichwie von die-
sem Brote niemand gespeist wird, als diejenigen, die
davon essen, so wird niemand von Christo, der das
Brot des Lebens ist, nach der Seele gespeist, der nicht
an ihn glaubt.
Darum konnte Judas Christum nicht empfangen,
obgleich er von dem Brote aß, denn es gehört nie-
mandem das Brotbrechen, als denen, die durch den
Glauben Christi teilhaftig sind, und mit Ihm ein Brot
geworden sind; auch gebührt es niemandem, aus dem
Kelche zu trinken, als demjenigen, der ein Kind des
Neuen Testamentes (welches mit dem Blute Christi
besprengt ist) geworden ist; derselbe muss das Gesetz
des Herrn in sein Herz geschrieben haben; der Herr
muss also sein Gott geworden sein, der seiner Sünden
nicht mehr gedenken will, denn soll man ein Gedenk-
zeichen gebrauchen, so muss man dasjenige haben,
dessen man sich dabei erinnern soll. Darum sagt der
Apostel: Ein jeder prüfe sich selbst, und so esse er
von diesem Brote und trinke von dem Kelche, denn
wer unwürdig isst oder trinkt, der isst und trinkt sich
selber das Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht
unterscheidet, indem man einen Unterschied darin
machen muss, für wen der Herr seinen Leib dahin-
gegeben hat. Darum müssen die Christen, oder die
sich so nennen lassen, sich selbst prüfen, ob ihnen
auch das Brot zukomme; solches stellt ihnen viel vor,
indem es ihnen gleichsam ein Spiegel ist, denn es ist
Brot, welches aus vielen Körnlein gebacken ist, wel-
che durch das Mahlen untereinander gemengt, mit
Wasser angemacht, durch das Feuer gebacken, und
auf solche Weise ein Brot werden, daß man nicht mehr
unterscheiden kann, welches das größte oder kleins-
te Körnlein gewesen; ebenso muss auch unser Herz
durch den Hammer des Wortes Gottes zerbrochen
werden, durch die Gemeinschaft des Heiligen Geis-
tes untereinander; wir müssen in feuriger Liebe einig
und zufrieden untereinander sein und nichts durch
Zank oder eitle Ehre tun, sondern der eine halte den
andern höher als sich selbst. Diejenigen, die in sol-
cher Weise mit Christo ein Brot geworden sind, denen
kommt das Brotbrechen zu; die sollen es zu seinem
Gedächtnisse empfangen, denn für ein solches Volk
hat er seinen Leib dahin gegeben; diese sollen aus
dem Kelche trinken, denn sie sind mit seinem Blu-
te gereinigt, und haben das, was der Wein bedeutet,
durch den Glauben erlangt.
Darum schreibt Paulus: Der Kelch der Danksagung,
womit wir danken, ist der nicht die Gemeinschaft des
Blutes Christi? Das Brot, welches wir brechen, ist das
nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? So sind
wir viele ein Brot und ein Leib, weil wir alle eines
Brotes teilhaftig sind. Seht an den Israel nach dem
Fleische, die das Opfer essen, sind sie nicht alle in
der Gemeinschaft des Altars? Denn gleichwie Aaron
und seine Kinder die Opfer aßen, und kein Fremdling
davon essen durfte, so kommt das Brechen des Brotes
und das Trinken des Kelches niemandem zu, als nur
den rechten, wiedergeborenen Kindern Gottes, die
von innen von Christo mit dem Heiligen Geiste und
Feuer getauft sind, von außen aber mit Wasser auf
ihren Glauben, und also mit Christo ein Brot und ein
Leib geworden sind. Und wie die Kinder Israel das
Osterlamm mit ungesäuertem Brote essen mussten,
so soll auch das Abendmahl des Herrn von einem un-
gesäuerten Volke gehalten werden, welches den alten
Sauerteig ausgefegt hat, und ein neuer Teig geworden
ist, oder sie halten solches zu ihrem Gerichte.
So ist denn das Brot nicht sein Leib, obgleich es
Christus so nennt, sondern es ist das Gedenkzeichen
seines Leibes, den er für uns dahingegeben hat, denn
Christus sagt zu seinen Jüngern: Wer euch aufnimmt,
der nimmt mich auf; ferner sagt er: Wer ein solches
Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich
auf. Diese Wort soll man nicht so verstehen, als ob sie
Christum leiblich empfingen, sondern diejenigen, die
solches Kind oder seine Jünger aufnehmen, die tun
in der Kraft eben soviel, als ob sie Christum aufge-
nommen hätten, denn sie waren seine Boten, welche
sie in seinem Namen aufnahmen; auch sagt Paulus,
daß die Kinder Israel von dem geistigen Felsen ge-
500
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
trunken haben, der ihnen nachfolgte, welcher Jesus
Christus war; gleichwohl hat Mose mit seinem Stabe
nicht Christum geschlagen, sondern den Felsen, wel-
cher Christum vorstellte, denn gleichwie Wasser aus
dem Felsen floss, als ihn Mose mit dem Stabe schlug,
welches die Kinder Israel tranken, so hat Gott der Va-
ter durch seine Kraft das Wasser des ewigen Lebens
fließen lassen, um die geistigen Israeliten zu tränken;
darum sagt er auch: Welcher Felsen Christus war. Sie
haben auch (sagt er) einerlei geistige Speise gegessen,
obgleich sie nur, gleichsam im Vorbilde, das Himmels-
brot in der Wüste aßen; aber Gott hat uns das wahre
Brot vom Himmel gegeben, welches Christus ist, wo-
von das Brot, welches die Israeliten aßen, ein Vorbild
war. Darum schreibt Paulus: Sie haben einerlei geisti-
ge Speise gegessen. Solcher Art und Weise zu reden,
hat sich nun Paulus und seine Apostel bedient, indem
sie die Zeichen und Vorbilder so nannten, als ob es das
Wesen selbst gewesen wäre, wie an den beiden Wei-
bern zu ersehen ist; die Worte bedeuten etwas, denn
es sind die beiden Testamente, wiewohl die Weiber
die Testamente nicht selbst waren, sondern sie stellen
die Testamente vor.
Ebenso muss man auch nicht meinen, daß das Brot
der Leib Christi wäre, sonst müsste auch der Kelch
das Testament und der Wein sein Blut sein; dem ist
aber nicht so, sondern es sind nur Gedenkzeichen, wo-
bei man sich seines Leibes und seines Blutes erinnern
soll, das am Stamme des Kreuzes vergossen worden
ist; darum sagt Christus: Solches tut zu meinem Ge-
dächtnisse.
8. Ferner bekenne ich einen christlichen Bann oder
eine Absonderung von der Gemeinschaft, welche
Christus und seine Apostel selbst verordnet und ein-
gesetzt haben, und das auf zweierlei Weise; erstlich
hat Christus zu Petrus und seinen andern Aposteln
gesprochen: Was ihr auf Erden binden werdet, das
soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf
Erden lösen werdet, das soll auch im Himmel gelöst
sein. Zuvor aber hat er gesagt: Ich will dir des Him-
melreichs Schlüssel geben; und ferner zu seinen Jün-
gern: Friede sei mit euch; gleichwie mich mein Vater
gesandt hat, so sende ich euch, und als er dies sagte,
blies er sie an mit den Worten: Nehmt hin den Heili-
gen Geist; welchen ihr die Sünde vergebt, denen sind
sie vergeben, welchen ihr sie aber behaltet, denen sind
sie behalten. Hieraus darf aber niemand schließen, als
ob Christus den Aposteln solche Macht gegeben habe,
daß sie das Reich nach ihrem Willen regieren durften;
das sei fern, sondern er hat ihnen das Reich beschie-
den, wie es ihm sein Vater beschieden hat, damit sie
es nach seinem Willen regieren sollten; ebenso hat er
sie auch zu Statthaltern verordnet, weil er nicht bei
ihnen bleiben konnte; ebenso, wie der König von Spa-
nien, als er aus dem Lande reisen wollte, Statthalter
statt seiner verordnete, welche die Leute nach seinem
Willen regieren sollten; aber er hat sie nicht zu Herren
darüber gesetzt, sondern übergab ihnen seine Rechte,
Gebote und Befehle; weshalb denn nun alles, was sie
hier in diesen Landen gebunden oder gelöst, nämlich,
was sie hier geurteilt und gerichtet haben, vor dem
Könige bestehen muss, wenn sie es anders nach sei-
nen Rechten und Gebräuchen gerichtet haben, oder
aber er müsste kein rechter König sein.
Ebenso hat Christus seinen Aposteln auch eine
Richtschnur gegeben, wonach sie sich richten sollten,
und hat ihnen überdies seinen Geist mitgeteilt, damit
sie solches der Gemeinde vollkommen erklären könn-
ten; auch hat Christus zu ihnen gesagt: Ärgert dich
deine Hand, so haue sie ab, und wirf sie von dir; es ist
dir besser, nur eine Hand zu haben, und in das ewige
Leben einzugehen, als zwei Hände zu haben, und in
das höllische Feuer geworfen zu werden; ein Gleiches
sagt er auch von den Füßen und Augen ,Mt 18. Weil
nun unter den Korinthern solch ein ärgerliches Glied
war, das nämlich seines Vaters Weib hatte, so hat Pau-
lus beschlossen, mit seinem Geiste und mit der Kraft
Christi in ihrer Versammlung es dem Satan zum Ver-
derben des Fleisches zu übergeben, damit der Geist
selig werden möchte. Was nun Paulus auf Erden band,
das war im Himmel gebunden, denn er tat es durch
die Kraft Christi, und darin bestand die Macht, die
sie empfangen hatten, daß sie alle ärgerlichen Glieder
absonderten, und diesen Sauerteig ausfegten, damit
sie ein neuer Teig sein möchten. Darum schrieb er den
Thessalonichern: Wir gebieten euch, liebe Brüder, im
Namen unsers Herrn Jesu Christi, daß ihr euch aller
Brüder entzieht, die unordentlich wandeln, und nicht
nach der Einsetzung, die ihr empfangen habt, denn
die Toten können nicht bei den Lebendigen bleiben,
damit dadurch nicht ein Gestank entstehe, und diesel-
ben ebenfalls unrein weiden; darum muss man sich
aller unreinen Brüder und Schwestern entziehen; auch
schreibt der Apostel: Einen ketzerischen Menschen,
wenn er ein- oder zweimal ermahnt worden ist, mei-
de, und wisse, daß ein solcher verkehrt ist, und als ein
solcher sündigt, der sich selbst verurteilt hat; man soll
sie meiden, denn sie richten Zank und Ärgernis an,
damit die Gemeine durch ihre falsche Lehre nicht ver-
dorben werde. Darum soll man auch nichts mit denen
zu tun haben, die aus der Gemeinde gebannt wor-
den sind, damit wir uns an ihnen nicht verunreinigen;
ferner, damit sie beschämt werden, und sich bessern,
denn es ist eine Strafe zur Besserung, und nicht zum
Verderben; nicht wie Israel zu bannen pflegte, was
gewöhnlich mit dem Tode geschah, sondern man soll
501
sich, ohne Ansehen der Personen, aller Brüder und
Schwestern entziehen, denn ebenso wenig wie Mo-
se in seinem strengen, tödlichen Banne einen Unter-
schied der Personen machte, so macht auch Christus
in seinem Banne, der zur Besserung dient, keinen Un-
terschied. Darum schreibt der Apostel: Ich habe euch
geschrieben, daß ihr mit diesen nichts zu schaffen ha-
ben sollt; wenn sich jemand einen Bruder nennen lässt
und ist ein Ehebrecher, oder ein Geiziger, oder Göt-
zendiener, oder ein Lästerer, oder ein Trunkenbold,
oder ein Räuber, mit solchem sollt ihr auch nicht essen.
Zweitens sagt Mt 18, wo ihnen Christus den Schlüssel
gibt: Wenn dein Bruder an dir sündigt; hier redet er
nicht von ärgerlichen Gliedern, welche er abgeschnit-
ten haben will, wie in demselben Kapitel geschrieben
steht, denn er sagt: Strafe ihn zwischen dir und ihm
allein; hört er dich, so hast du ihn gewonnen; das ist:
Bekennt er seine Schuld, so sollst du ihm vergeben,
denn es ist keine Todsache, weshalb ihn Gott verbannt
hat; darum sollst du es ihm vergeben, wie dir Gott täg-
lich vergibt durch Christum; hört er dich aber nicht,
so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit in zweier
oder dreier Zeugen Mund alles Ding bestehe; hört er
die nicht, so sage es der Gemeinde; hört er die Gemein-
de nicht, so halte ihn für einen Heiden und Zöllner;
welche Heiden und Zöllner außer Bunde des Herrn
standen. Hieran kann man wahmehmen, daß er von
Sünden rede, die zwischen Brüdern geschlichtet wer-
den können, in welcher Beziehung die Apostel den
Bindeschlüssel erst nach der dritten Ermahnung ge-
brauchen durften, und dann wird er nicht um seiner
Sünde (obschon die Sünde die Ursache war), sondern
um seines Ungehorsams willen gestraft. Da sagte Pe-
trus: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben,
wenn er an mir sündigt, ist siebenmal genug? Chris-
tus antwortete: Ich sage dir, nicht siebenmal, sondern
siebzigmal siebenmal, so oft als Brüder wider einan-
der sündigen, es sei in Worten oder Werken, sollen
sie einander vergeben, wenn die Schrift keinen Bann
darauf gelegt hat, denn dieselbe ist der Schlüssel, wo-
mit alles zugeschlossen und aufgelöst, gebunden und
entbunden werden muss, oder es wird im Himmel
nicht bestehen. Ach, meine lieben Brüder! Seht wohl
zu, daß sie allezeit recht gebraucht werde, dann wird
es euch zu großem Frieden dienen.
9. Endlich glaube und bekenne ich eine Auferste-
hung der Toten, sowohl der Gerechten als auch der
Ungerechten, denn gleichwie der Tod durch einen
Menschen über alle Menschen gekommen ist, so
kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung
von den Toten über alle Menschen; gleichwie, wir in
Adam alle sterben, so werden wir in Christo alle le-
bendig gemacht, ein jeder in seiner Ordnung, denn
viele, die unter der Erde liegen und schlafen, werden
erwachen, einige zum ewigen Leben, andere zur ewi-
gen Schmach und Schande. Und die Toten, die in den
Gräbern sind, werden die Stimme Christi hören, und
werden hervorgehen, diejenigen, welche Gutes getan
haben, zur Auferstehung des ewigen Lebens, diejeni-
gen aber, die Übles getan haben, zur Auferstehung des
Gerichtes; dann werden ihre Angesichter schwarzer
sein als die Finsternis, und sie werden sehr erschre-
cken, und vor Angst des Geistes seufzen, wenn sie vor
den Richterstuhl gestellt und nach ihren Werken be-
lohnt werden; dann werden sie zu den Bergen sagen:
Kommt und bedeckt uns, damit wir das Angesicht
dessen nicht sehen, der auf dem Stuhle sitzt; dann
werden sie in die Höhlen der Fledermäuse kriechen
und sich in den Steinklüften vor der schrecklichen
Majestät des Herrn verbergen; aber es wird nicht sein
können, denn er wird kommen in den Wolken, und
alle Augen werden ihn sehen, und werden alsdann er-
kennen, in wen sie gestochen haben, denn sie werden
die Gerechten in großer Freudigkeit stehen sehen, und
werden sagen: Diese sind es, die wir etwa zu einem
Spotte hatten; wir Narren hielten ihr Leben für unsin-
nig; wie sind sie nun unter die Kinder Gottes gezählt,
und ihr Erbe ist unter den Heiligen; dann werden sie
das schreckliche Urteil hören müssen, wenn Christus
sagen wird: Geht hin, ihr Verfluchten, in das ewige
Feuer, welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet
ist; die Gerechten aber werden mehr als die Sterne,
ja, wie die Sonne leuchten auf ihres Vaters Throne,
und werden mit weißen Kleidern angetan und mit
dem ewigen Himmelsbrote gespeist werden, und wer-
den von dem Baume essen, der mitten im Paradiese
Gottes steht; dann werden sie nicht mehr hungern
oder dürsten, denn das Lamm wird sie zur Quelle
des lebendigen Wassers leiten; dann werden sie alles
besitzen, denn sie haben überwunden.
Sieh, wie herrlich werden diejenigen sein, die zur
Auferstehung der Gerechten werden würdig erfun-
den werden, denn dies Sterbliche muss das Unsterb-
liche anziehen, und dies Verwesliche muss das Un-
verwesliche anziehen; nun wird es gesät verweslich
und es wird auferstehen unverweslich; es wird gesät
in Unehre und wird auferstehen in Herrlichkeit; er
wird gesät in Schwachheit, und wird auferstehen in
Kraft; es wird gesät ein natürlicher Leib, und wird auf-
erstehen ein geistiger Leib; und Jesaja sagt: Aber Herr,
deine Toten werden leben und mit dem Leibe aufer-
stehen; Hiob sagt: Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, der
wird mich nachher aus der Erde auferwecken, und
ich werde mit dieser meiner Haut umgeben werden,
und werde in meinem Fleische Gott sehen; meine Au-
gen werden ihn sehen und kein Fremder; dann wird
502
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der sterbliche Rock abgelegt sein, und ein unsterbli-
cher angezogen; dann werden sie Palmzweige in der
Hand haben, und eine Krone auf dem Haupte und
werden leben ewiglich; dann werden sie mit Christo
auf zwölf Stühlen sitzen, und die zwölf Geschlechter
Israels richten; dann werden sie in großer Freudigkeit
wider diejenigen stehen, die sie hier geängstigt haben;
dann wird die Braut ihren Bräutigam Jesum Christum
haben; dann wird sie seine angenehme Stimme hören:
Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das Reich eures Va-
ters, welches euch bereitet ist von Anbeginn der Wert.
Also bekenne ich eine Auferstehung des Fleisches,
ein gerechtes Gericht und ewiges Leben, Amen.
Seht, meine heben Kinder, hier habe ich euch in
der Kürze eine Erklärung meines Glaubens gegeben,
damit ihr wisst, in welchem Glauben euer Vater ge-
storben sei, und hoffe, es werde euch zum Unterrichte
dienen, und euch desto mehr anreizen, dem Gesalb-
ten nachzufolgen. Der Herr gebe euch seine Gnade,
daß es so geschehen möge.
Hiermit gedenke ich mein liebes Weib und meine
Kinder dem Herrn anzubefehlen; er wolle euch helfen
und euch segnen durch seinen Geist, daß ihr sämtlich
in Weisheit, Heiligkeit und Gerechtigkeit aufwachsen
möget; das wünsche ich euch von ganzem Herzen.
Wann wir werden sterben müssen, weiß ich nicht.
Geschrieben im Mai des Jahres 1569 im Gefängnisse
zu Brügge, von mir, Jacob de Roore, oder Kerzengie-
ßer.
Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf
merken:
Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken.
Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, im
Gefängnisse geschrieben und an Pouwel von
Meenen gesandt, welcher einer seiner Amtsbrüder
an dem Evangelium Christi war, als Antwort auf
einem Brief, den er von ihm empfangen hat.
Der ewige, unbegreifliche Gott, der allein weise ist,
gebe dir seine Gnade, Barmherzigkeit und seinen Frie-
den, durch unsern Herrn Jesum Christum, und erfülle
dich mit allerlei Weisheit, Erkenntnis und Verstand,
durch den Heiligen Geist, damit du vor Gott wür-
dig wandeln und seinen Willen vollbringen mögest,
zum Preise seines heiligen Namens, zur Auferbauung
seiner Gemeinde, und zum Heile deiner Seele; das
wünsche ich dir, mein werter und herzlich geliebter
Bruder Pouwel zum freundlichen Gruße und Abschie-
de.
Nebst gebührlichem Gruße, lasse ich dich, mein
lieber Bruder, wissen, daß ich aus deinem Briefe ver-
standen habe, daß du von mir begehrst, ich sollte
dir zum Andenken etwas über alle Glaubensartikel
schreiben, was ich um deinetwillen gerne tun wollte;
aber ich glaube, daß es mir an Zeit gebrechen wird;
ferner habe ich vernommen, daß du, nachdem der ers-
te Brief geschrieben war, die Glaubensartikel gesehen
hast, die ich vor Kurzem an meine Kinder geschrieben
habe; endlich vernehme ich aus dem kleinen Brieflein,
das du nachher geschrieben hast, daß du insbesondere
meine Meinung darüber zu wissen begehrst, was man
mit den Menschen tun soll, welche sich von denen
nicht scheiden, welche die Gemeinde, nach der Schrift,
in die Meidung getan hat, und sich doch nicht schul-
dig erkennen wollen. Hierüber verwundere ich mich
sehr, daß dieser Geist auch zum Vorschein kommt;
aber ich bin besorgt, daß dieser Geist im Grunde ein
anderer sei, als er sich von außen darstellt, denn die
Meidung steht dem Satan sehr im Wege, gleichwohl
hat der Apostel gelehrt, daß es ein gutes Mittel sei,
um den, der hinaus gebannt worden ist, schamrot zu
machen, das ist so viel gesagt, ihn zur Demut oder
Besserung zu bringen; nun aber höre ich nicht, daß
der Mangel dieser Meidung größtenteils in denen lie-
ge, die gemieden werden sollten, sondern in denen,
die meiden sollten, woraus zu ersehen ist, daß die
Ursache, warum sie sich von ihnen nicht absondem
wollen, in ihnen liegt, und nicht in denen, die in der
Meidung sind, was ich daher mutmaße, weil ich ge-
merkt und auch befürchtet habe, es möchte bei vielen
ein geiziger, eigennütziger Geist gewesen sein, so-
dass man seine Sinne mehr in zeitlicher Nahrung, in
Kaufmannschaft und dergleichen geübt hat, als in der
Gottseligkeit, oder mehr gesucht hat, den Schatz auf
Erden zu sammeln, als im Himmel. So steht nun diese
Meidung diesem Geiste öfters im Wege, denn es scha-
det ihm bisweilen in seinem Geschäfte; deshalb denkt
man der Sache nach, ob man dieselbe (Meidung) nicht
mit der Schrift aus dem Wege räumen könnte, denn
der Geist ist von solcher Art, daß er sich nicht gern
zu erkennen gibt, wer er ist, sondern er sucht sich
mit dem Mantel der Gerechtigkeit zuzudecken, wird
auch in der Gemeinde nicht viel gestraft, oder, wenn
man ihn strafen wollte, müsste man ihn mit einem
andern Namen nennen, denn bisweilen wird er als
Ketzer, bisweilen als Gaukler, bisweilen aber als Göt-
zendiener bestraft. Dies ist die Ursache, daß er sich
so heimlich zu verbergen weiß, und doch gleichwohl
seine Art auf solche Weise an den Tag gibt; denn wo
er hinkommt, da ist er nicht müßig. Darum schreibt
der Apostel, daß der Geiz eine Wurzel allen Übels sei;
ferner schreibt der Apostel: Wir gebieten euch aber,
liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesu Christi,
daß ihr euch aller Brüder entzieht, die unordentlich
503
wandeln, und nicht nach den Satzungen leben, die ihr
von uns empfangen habt; ferner schreibt er: Wenn je-
mand unsern Worten nicht gehorsam ist, den zeigt an
durch einen Brief, und habt mit ihm nichts zu schaf-
fen, damit er beschämt werde; gleichwohl haltet ihn
nicht wie einen Feind, sondern ermahnt ihn wie einen
Bruder.
Hiermit gibt der Apostel zu verstehen, daß die Ge-
meinde ebenso wohl verbunden sei, mit den Ungehor-
samen nichts zu schaffen zu haben, als sich solcher zu
entziehen, die unordentlich wandeln, und wollte man
auch das Wort entziehen allein von dem Banne ver-
stehen; denn gleichwie sich die Gemeinde entziehen
muss, damit sie durch solche Leute nicht versauert
oder veruneinigt werde, so darf sie auch nichts von
ihnen zu schaffen haben, damit sie beschämt werden,
auch verunreinigt sich die Gemeinde, wenn sie die
Meldung nicht beobachtet, denn solche hat der Apo-
stel befohlen und gelehrt, und der Grund, weshalb
solches der Apostel gelehrt, ist in seinem Briefe an die
Korinther enthalten, wo er schreibt: Ich habe euch ge-
schrieben, daß ihr nichts mit den Hurern zu schaffen
haben sollt. Hieraus geht hervor, daß er dergleichen
schon früher an sie geschrieben hatte, weil sie es aber
nicht beobachteten, so hat er es ihnen noch deutli-
cher erklärt, indem er sagt: Das meine ich gar nicht
von den Hurern dieser Welt, oder von den Geizigen,
oder von den Räubern, oder von den Abgöttischen,
sonst müsstet ihr die Welt räumen; mm aber habe ich
euch geschrieben, ihr sollt nichts mit ihnen zu schaf-
fen haben. Siehe, er sagt abermals: Ich habe euch ge-
schrieben. Daraus kann man ersehen, daß er es noch
einmal zu dem Ende anführt, damit sie es besser be-
obachten möchten, als sie zuvor getan hatten, denn
sie unterhielten auch den Bann nicht, weil sie die Mel-
dung nicht halten konnten, indem ohne Bann keine
Meidung sein kann, denn die Meidung kommt von
dem Banne. Darum hat er sie auch gestraft als Aufge-
blasene, die keine Reue hatten, weil solche schändli-
che Werke unter ihnen geschahen, und hat über den,
der solches Werk getan hatte, beschlossen, ihn im Na-
men des Herrn Jesu Christi in ihrer Versammlung, mit
seinem Geiste und mit der Kraft unseres Herrn Jesu
Christi, dem Satan zum Verderben des Fleisches zu
übergeben, damit der Geist am Tage unseres Herrn
Jesu Christi selig werde. So ist nun hieraus offenbar,
daß Bann und Meidung gleichen Nutzen haben; sie
dienen zu gleichem Zwecke, denn der Apostel sagt,
daß er ihn dem Satan zum Verderben des Fleisches
übergebe; das ist so viel gesagt: Zum Ersterben des
Fleisches; von der Meidung aber sagt er: Habt mit ihm
nichts zu schaffen, auf daß er schamrot werde. Merkt
doch, wozu die Beschämung dient; einer Frau dient
sie dazu, daß sie sich wäscht, wenn man ihr sagt, daß
sie besudelt und befleckt sei; auch wird ein nacken-
der Mensch nicht gern in seiner Nacktheit gesehen,
sondern er schämt sich, und wenn jemand kommt,
so zieht er seine Kleider an, damit er in seiner Nackt-
heit nicht gesehen werde. Adam, als er seine Nackt-
heit erkannte, suchte sich sofort zu bedecken, denn
er schämte sich und machte einen Schurz von Feigen-
blättern, seine Schande damit zu bedecken. Nun muss
man aber, nach des Apostel Worten, die Gebannten
meiden, damit sie beschämt werden, denn wenn man
sich ihnen entzieht und sie meidet, so haben sie Ursa-
che nachzudenken, warum solches geschieht; durch
dieses Nachdenken erkennen sie ihre Nacktheit und
schämen sich vor dem Herrn, ihrem Gott, an welchem
sie gesündigt haben, und werden dadurch in ihrem
Gewissen geschlagen, daß sie in solchem Zustande
vor dem Herrn nicht erscheinen dürfen; darum su-
chen sie ein Mittel, ihre Nacktheit zu bedecken, aber
nicht mit Feigenblättern, wie Adam tat, sondern mit
dem Lammsfell Christi Jesu, welchen man durch den
Glauben mit einem zerbrochenen und zerschlagenen
Herzen annehmen muss, wie denn auch Gott dem
Adam, als er sich demütigte, Kleider von Fellen an-
zog, um seine Blöße zu bedecken. So hat denn, liebe
Brüder, der Bann und die Meidung gleichen Zweck,
und streiten nicht wider einander; darum sagt auch
der Apostel: Haltet ihn nicht wie einen Feind, sondern
ermahnt ihn wie einen Bruder. Die Ermahnung ist
nicht wider die Meidung, denn die Ermahnung dient
zur Besserung, gleichwie der Bann und die Meidung
auch zur Besserung dienen. Darum wird es von den
Aposteln nicht verboten, sondern gelehrt, daß man sie
wie Brüder ermahnen soll; denn alles, was ihnen nicht
zuwider ist, nämlich dem Bann und der Meidung,
das verbieten sie nicht; aber wo der Bann ist, da muss
auch die Meidung sein, denn sie kommt von dem
Banne her. Darum, als er an die Korinther geschrieben
hatte, daß sie den Hurer dem Satan übergeben und
diesen Sauerteig ausfegen sollten, hat er ihnen auch
gemeldet: Aber ich habe euch geschrieben, daß ihr mit
solchen nichts zu schaffen haben sollt; nämlich, wenn
sich jemand einen Bruder heißen oder nennen lässt,
und ist ein Ehebrecher, oder ein Geiziger, oder ein Göt-
zendiener, oder ein Lästerer, oder ein Trunkenbold,
oder ein Räuber, mit solchem sollt ihr auch nicht essen.
Denn was gehen mich die an, die draußen sind, daß
ich sie richten sollte? Merkt, er sagt richten. Gleich-
wohl hat er kein Wort geschrieben, woraus sie hätten
schließen können, daß man die Welt in den Bann tun
sollte, sondern er hat geschrieben, daß sie mit den Hu-
rern nichts zu schaffen haben sollten. Damit sie es aber
nicht von den Hurern in der Welt verstehen möchten.
504
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
als ob man mit ihnen nichts zu schaffen haben sollte,
so sagt er: Solches verstehe ich nicht von den Hurern
dieser Welt, oder von den Geizigen, sonst müsstet ihr
die Welt räumen; denn was gehen mich die an, die
draußen sind, daß ich sie richten sollte? Siehe, unter
diesem Richten versteht er, daß man mit ihnen nichts
zu schaffen haben soll, obwohl die Meidung nicht der
Bann oder das Gericht selbst ist, sondern es befestigt
das Gericht; denn wenn ich sage, du sollst mit die-
sem Manne nichts zu schaffen haben, so bezeuge ich
damit, daß er im Banne sei, und alle, die ihn in der
Meidung halten, zeigen damit an, daß er gerichtet sei.
Darum sagt er: Richtet ihr nicht, die darin sind; die
draußen sind, wird Gott richten; tut von euch selbst
hinaus, der böse ist. Hieraus kann man wohl wahr-
nehmen, daß die Meidung in der Heiligen Schrift so
viel Grund habe, als der Bann. Diejenigen nun, die
die Meidung verwerfen, verwerfen auch die Schrift,
weil sie ihren Grund in der Schrift hat, und diejeni-
gen also, die die Meidung nicht beobachten wollen,
sündigen nicht wider die Menschen, sondern wider
den Herrn; darum soll die Gemeinde solches nicht
dulden, daß sie sich so an dem Herrn versündigen,
und nicht bekennen wollen, daß sie schuldig seien;
denn sie sind Knechte des Herrn, um allen Ungehor-
sam zu strafen. Nun merken wir zunächst aus Christi
Worten, daß, wenn jemand an seinem Nächsten durch
irgendein Vergehen sündigt, er sich mit seinem Nächs-
ten versöhnen müsse, oder er kann, nach gehöriger
Ermahnung, kein Bruder bleiben, sondern man muss
ihn für einen Heiden oder Zöllner halten, welche nicht
in dem Bunde des Herrn waren, mit welchen auch die
Juden keine Gemeinschaft haben wollten; und weil
man sie nun für Menschen halten muss, die außer
dem Bunde des Herrn stehen, weil sie sich nur aus
Schwachheit an ihrem Nächsten vergangen haben,
und sich nicht schuldig geben wollen, was soll man
dann aber von denen halten, die wider den Herrn
sündigen und seine Lehre übertreten, was oft aus Un-
achtsamkeit oder aus Eigennutz, oder um Freunde
und Verwandte willen geschieht, und sich doch mit
dem Herrn nicht versöhnen wollen? Sodann schreibt
Mose: Wenn jemand einen Toten anrührte, und wollte
sich am dritten oder siebten Tage nicht waschen, der
musste ausgerottet werden, und gleichwohl musste
man die Toten anrühren, denn man musste ihnen zum
Grabe helfen; aber wenn sie sich nicht waschen woll-
ten, mussten sie ausgerottet werden, ja der Priester
durfte sich nicht an allen Toten verunreinigen, durfte
auch nicht zu allen Toten gehen, denn er hatte das
Salböl auf seinem Haupte. Wenn nun unter dem Vol-
ke Israel diejenigen so gestraft werden mussten, die
sich nicht mit Wasser reinigen wollten, von einer Un-
reinigkeit, die auf Notwendigkeit beruhte, wie sollte
man nun diejenigen in der Gemeinde dulden, die oh-
ne Not, ja, oft um des Gewinnes oder um des Treibens
des Fleisches und Blutes willen an diesen Toten sich
verunreinigen, die aus der Gemeinde gestoßen wor-
den sind, und sich nicht waschen, das ist, ihre Schuld
tragen oder bekennen wollen? Man soll diese Leute
nicht tragen, wie ich solches aus der Heiligen Schrift
erkannt habe, und wenn man die Leute dulden will, so
lässt es sich nicht billigen, denn dann dürfte morgen
ein anderer aufstehen und den Bann ganz aufheben
wollen, und euch beweisen, daß ihr ebenso wohl ver-
bunden wärt, die Meidung zu halten, als auch den
Bann; dann aber würdet ihr mit eurem eigenen Stocke
geschlagen werden; dann würde auch der Zaun ganz
niedergerissen werden, und die Schweine würden in
des Herrn Weinberg laufen und ihn zerwühlen. Ach,
liebe Brüder; nehmt euch doch in Acht, blast mit der
Posaune auf dem Berge Zion, lasst Israel das Wort des
Herrn hören; straft, droht, ermahnt mit aller Langmut.
Mit den Einfältigen, die im Verstände verführt sind,
handelt väterlich und langmütig, ob sie Gott durch
seinen Geist noch erleuchten wolle. Die Verwundeten
bindet, die Verirrten sucht, das zerstoßene Rohr und
den glimmenden Docht löscht nicht aus; habt allezeit
gute Acht auf euch selbst und auf die Herde, in wel-
che der Heilige Geist gesetzt hat, die Gemeinde Gottes
zu weiden, die er mit seinem Blute erkauft hat; darum
weidet die Herde Christi nicht gezwungen, sondern
freiwillig, und gedenkt daran, was der Apostel gesagt:
Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige!
Tue ich es gern, so wird es mir belohnt; tue ich es aber
ungern, so ist mir das Amt doch befohlen. Darum sagt
er auch: Obgleich wir als Christi Apostel euch hätten
schwer sein mögen, so sind wir doch mütterlich ge-
wesen bei euch, gleichwie eine Amme ihrer Kinder
pflegt; ebenso hatten wir Herzenslust an euch, und
waren willig, euch nicht allein das Evangelium Got-
tes, sondern auch unser Leben mitzuteilen, weil wir
euch liebgewonnen hatten; auch sagte er, gleichwie
ein Vater seine Kinder ermahne, so habe er sie auch
ermahnt, getröstet, und bezeugt, daß sie vor Gott wür-
dig wandeln sollten.
So habe denn Acht, mein lieber Bruder, auf deine
Schafe, und nimm dich deiner Herde mit einem zu-
geneigten Gemüte an, dann wirst du (wenn sich der
Erzhirt offenbaren wird) die unvergängliche Krone
der Ehren empfangen. Darum, mein lieber Bruder, sei
munter, und verrichte das Werk eines rechtschaffenen
Predigers; führe deinen Dienst redlich aus und sage
mit dem Propheten: Um Zion willen will ich nicht
schweigen, noch um Jerusalem willen inne halten, bis
daß ihre Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz, und ihr
505
Heil entbrenne wie eine Fackel. Halte gute Wache und
wache über ihre Seelen, der du Rechenschaft davon
geben musst. Siehst du das Schwert kommen, so blase
das Horn, und warne das Volk im Namen des Herrn,
damit die Schläfrigen aufwachen, und die straucheln-
den Knie recht gehen, und die lässigen Hände wieder
aufgerichtet werden mögen, und du so an ihrem Blu-
te unschuldig sein mögest. Der Herr gebe dir dazu
Gnade; er wolle dich stärken durch seinen Geist, da-
mit du das Ende deines Glaubens erreichen mögest,
zum Heile deiner Seele, Amen. Ich bitte dich, lieber
Bruder, nimm meine kurze Ermahnung zum Besten
auf, denn sie ist aus Liebe geschehen; jetzt hast du
meine einfache Meinung von der Meidung, und in
der Kürze dasjenige, was man mit denen tun soll, die
nicht meiden und keine Schuld bekennen wollen. Ich
hätte wohl ausführlicher davon geschrieben, aber die
Umstände ließen es nicht zu. Hiermit will ich meinen
lieben und sehr werten Bruder, den ich von ganzem
Herzen liebe, und sein liebes Weib, dem Herrn anbe-
fehlen und dem Worte seiner Gnade. Bitte den Herrn
für uns; ich danke dir herzlich für dasjenige, was du
mir gesandt hast; ich bitte dich, danke auch dem Pie-
ter sehr herzlich für mich. Geschrieben den 17. und 18.
Mai von mir, Jacob de Roore; ich wünsche, daß du eine
Abschrift dieses Briefe an einen von den Dienern zu
Armentiers oder an mein Weib senden wollest. Lieber
Bruder Pouwel, wenn du noch etwas begehrst, und
ich Zeit habe, so bin ich zu deinen Diensten, obwohl
bei mir wenig zu erlangen ist. Grüße mir eure Diener
sehr herzlich, auch alle, die Gott fürchten und lieben,
wenn du Gelegenheit findest.
Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf
merken: Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter
Werken.
Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, im
Gefängnisse geschrieben.
Ich, Jacob, ein Gefangener um des Herrn willen, wün-
sche meinem lieben Bruder viel Gnade, Barmherzig-
keit und Frieden von Gott, unserm Vater, und dem
Herrn Jesu Christo, daß er dich durch seinen Geist
stärken und erleuchten wolle, nach seinem Wohlge-
fallen, zur Offenbarung seiner Erkenntnis, damit du
seinen Willen tun mögest, und nach dem Ausspruche
des rechten Gerichtes Gottes, zu seinem Reiche wür-
dig erfunden werdest, durch Jesum Christum, wel-
chem sei Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Herzlich geliebter und in Gott werter Bruder! Da
ich im Schreiben vieler Gottesfürchtigen eingedenk
gewesen bin, so kann ich zuletzt nicht unterlassen,
ein wenig an dich zu schreiben. Zum Beweise der gu-
ten Gemeinschaft, die wir in Christo Jesu durch den
Glauben einige Zeit hindurch miteinander gehabt ha-
ben, was nun um des Herrn willen zerbrochen und
geschieden werden muss, denn gleichwie ein Weib
alle gute Kundschaft und Gemeinschaft, die sie neben
ihrem Manne hat, um des Mannes willen verlassen
und mit ihm ziehen muss, wohin es ihm gefällt, so
müssen auch wir alle gute Bekanntschaft und Gemein-
schaft, die wir neben dem Herrn mit irgendeinem
Menschen haben, um seinetwillen verlassen, und das
durch den Glauben und die Liebe an Jesum Christum,
denn wir haben ihn mit leiblichen Augen nicht gese-
hen; deshalb ist es offenbar, daß es durch den Glauben
geschehen müsse, denn wenn man etwas liebt, weil
man es sieht, so geschieht solches nicht durch den
Glauben, indem die Liebe daher entsteht, weil man
es sieht; wenn man aber eine Sache liebt, weil man
von derselben hört, so kommt die Liebe daher, weil
man dasjenige glaubt, was man davon hört. Ebenso
hat auch Rebekka, wiewohl sie Isaak nicht gesehen,
ihn dennoch um der Reden des Knechtes Abrahams
willen so lieb gehabt, daß sie seinetwegen alles, was
sie in Syrien hatte, verließ, und ihm entgegen zog.
So müssen wir auch um des Herrn willen durch den
Glauben und nicht durch das Sehen alles verlassen,
was wir in dieser Welt haben, nicht allein im Geis-
te, wie solches eine Zeitlang von uns geschehen sein
mag, das ist das Geringste, sondern es muss auch
jetzt von mir Unwürdigem alles in der Kraft verlassen
sein in der Hoffnung, daß ich ihm in der Luft entge-
genkommen und allezeit bei dem Herrn sein werde.
Darum schreibt Petrus: Wenn nun Christus Jesus of-
fenbart wird, den ihr nicht gesehen und doch lieb
habt, und nun an ihn glaubt, wiewohl ihr ihn nicht
seht, so werdet ihr euch freuen mit unaussprechlicher
Freude, und das Ende eures Glaubens davontragen,
nämlich der Seelen Seligkeit. Seht, liebe Brüder, dann
werden wir nicht mehr im Glauben wandeln, als in
der Fremde vom Herrn, sondern im Schauen; dann
wird die Wallfahrt ein Ende haben; dann wird die
Hoffnung aufhören; dann werden wir empfangen,
was wir hier in der Hoffnung haben, nämlich wir wer-
den alles besitzen; dann wird die Hochzeit ein Ende
haben; denn der Bräutigam wird um seiner Braut wil-
len kommen, welche seine Gemeinde ist; dann wird
das Gesicht, wovon Johannes schreibt, in Erfüllung
gehen: Und ich sah einen neuen Himmel und eine
neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde
verging und das Meer war nicht mehr. Merkt, liebe
Brüder, er sagt: Das Meer ist nicht mehr; viele zwar
verstehen es von dieser Zeit; aber wir haben noch ein
Meer vor uns, es sei nachher natürlich oder geistig,
wie man es auch verstehen will, denn im 4. Kapi-
506
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
tel steht von einem gläsernen Meere; wie ich es aber
verstehe, so redet Johannes von einem natürlichen
Meere, von dem natürlichen Himmel und der Erde
und von dem jüngsten Tage, während nach Petrus
Worten Himmel und Erde vom Feuer vergehen und
erneuert werden sollen; hier finden wir nichts vom
natürlichen Meere, sondern es heißt: Wir warten aber
eines neuen Himmels und einer neuen Erde, nach
seiner Verheißung, in welcher Gerechtigkeit wohnt,
denn Gott hält seine Verheißungen treulich; alsdann
wird seine Gerechtigkeit offenbart. Gott wird einem
jeden an seinem Leibe vergelten, je nachdem er getan
hat; es sei gut oder böse: So wird Gottes Gerechtig-
keit offenbar werden, sowohl in der Gerechtigkeit als
Ungerechtigkeit, nachdem er einem jeden sein Ver-
sprechen getreulich halten wird. So schreibt auch Jo-
hannes: Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das
neue Jerusalem, vom Himmel herniederfahren, von
Gott zubereitet wie eine geschmückte Braut ihrem
Manne, und hörte eine große Stimme vom Himmel
sagen: Sieh da, eine Hütte Gottes unter den Menschen,
und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein
Volk sein, und er selbst Gott mit ihnen wird ihr Gott
sein und Gott wird alle Tränen von ihren Augen ab-
wischen, was, liebe Brüder, jetzt noch nicht geschehen
ist, denn hier laufen die Tränen noch aus den Augen
derer, die durch Christum erneuert sind: Wenn aber
die Gerechten in großer Standhaftigkeit wider dieje-
nigen stehen werden, die sie geängstigt haben, dann
werden die Tränen von den Augen gewischt werden,
denn der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch
Geschrei, noch Schmerzen werden mehr sein, denn
das Erste ist vergangen. Und der auf dem Throne saß,
sagte: Sieh, ich mache alles neu. Darum schreibt auch
Petrus: Wenn nun das alles zergehen soll, wie sollt ihr
denn geschickt sein mit heiligem Wandel und gottse-
ligem Wesen, daß ihr wartet und eilt zu der Zukunft
des Herrn. Wenn wir aber das Neue besitzen sollen, so
müssen wir hier im Geiste erneuert werden, sonst kön-
nen wir zu dem ewigen Leben nicht auferstehen, denn
diejenigen, die Böses getan haben, werden zur Auf-
erstehung der Verdammnis hervorkommen; deshalb
schreibt auch Petrus: Meine Liebsten, weil ihr darauf
warten sollt, daß ihr, nach Gottes Verheißungen, einen
neuen Himmel und eine neue Erde besitzen werdet,
so gebraucht Fleiß, daß ihr vor ihm unbefleckt und
imsträflich im Frieden erfunden werdet, und achtet
die Geduld unsers Herrn Jesus Christi für eure Se-
ligkeit, denn Gott ist langmütig, und will nicht, daß
jemand verloren werde, sondern daß sie sich zur Buße
und Besserung begeben. Wäre der Herr vor achtzehn
oder zwanzig Jahren gekommen, wir wären (wie zu
besorgen) noch unbereitet gewesen; darum wird sei-
ne Langmut gegen uns uns zur Seligkeit gereichen,
wenn wir anders unsträflich und unbefleckt in dem
Frieden Gottes erfunden werden. So nehmt denn, mei-
ne lieben Brüder, eurer selbst wahr und bereitet euch
dem Herrn, denn vielleicht steht unser lieber Herr
auch vor eurer Tür, und hat den Ring in der Hand,
um anzuklopfen.
Darum, liebe Brüder, bereitet dem Herrn eure Her-
zen, damit, wenn er kommt und anklopft, ihr bereitet
sein mögt, ihm aufzutun, denn er kommt, wenn wir
ihn am wenigsten erwarten. So seid denn nüchtern
und wacht, und umgürtet die Lenden eures Gemütes
und handelt allezeit männlich in der Wahrheit, als ein
tapferer Held, um unserm armen Häuflein vorzuste-
hen, und führt sie auf die rechte Weide des Wortes
Gottes, damit sie gespeist werden mögen, denn der
Mensch lebt nicht allein vom Brote, sondern von ei-
nem jeden Worte, das aus dem Munde Gottes kommt.
Darum sagt David: Der Herr ist mein Hirte; mir wird
nichts mangeln; er weidet mich auf grüner Aue, und
führt mich zum frischen Wasser. Obgleich nun Chris-
tus der rechte Hirt ist, so hat er doch in der Gemein-
de manche Dienste verordnet, um die Schafe zu re-
gieren und auf die Weide zu führen, denn wenn die
Kinder auch Brot haben, so muss es ihnen doch von
jemandem vorgeschnitten werden. Darum, liebe Brü-
der, tut doch euer Bestes, um der Not willen; bleibt
bei ihnen, dann werdet ihr (wenn der Erzhirte sich
offenbaren wird) die unvergängliche Krone der Ehren
empfangen; und gebt allezeit fleißig Achtung, daß die
Gemeinde nicht bloß sei, sondern mit voller Handfül-
lung bedient werde; lasst die übermäßigen Spitzfin-
digkeiten und menschliches Gutdünken fahren; und
legt es dem Volke vor, daß sie nach der Wahrheit Got-
tes handeln, in der Weise, wie ich unserer Gemeinde
ein wenig geschrieben habe, und noch mehr getan
hätte, wenn das Papier nicht zu klein gewesen wä-
re. Darum, mein lieber Bruder, handle stets weise,
und halte dich allezeit rein; hüte dich vor anderer
Leute Streit; prüfe die Sache wohl, ehe du dich hinein-
mischst, denn wer sich in anderer Leute Streit mengt,
der tut geradeso, als ob er einen Hund bei den Ohren
ergriffe; was du aber zum Frieden reden kannst, das
tue, nicht aber zur Trennung, denn es ist dann nicht
die rechte Zeit dazu; wenn aber ein falscher Grund ne-
ben den bewährten und reinen Artikeln der Wahrheit
sich erhebt, so handle als Mann, doch mit Freundlich-
keit und Langmut. Stehe der Wahrheit vor und treibe
die Füchse aus des Herrn Weinberge, damit die zar-
ten Ranken von dem Weinstocke Jesu Christo nicht
abgebissen oder abgerissen werden, sondern dersel-
be gesegnet und fruchtbar sein möge in dem Herrn.
Darum, lieber Bruder, übe dich selbst in der Schrift
507
und lasse etwas von deiner zeitlichen Nahrung fah-
ren, damit du durch Gewohnheit zum Unterscheiden
des Guten und des Bösen geübte Sinne habest, denn
die zeitliche Nahrung ist eine große Verhinderung in
den geistigen Gaben; denn dadurch werden die Sinne
mit Bekümmernis angefüllt und sehr zerstreut.
Darum, lieber Bruder, denke darum, was der Apo-
stel sagt, daß die leibliche Übung wenig nütze ist,
denn sie nützt dem Leibe, aber nicht dem Geiste; über-
dies hat dir auch der Herr dem Fleische nach viel
Segen gegeben, sodass dich die Not nicht treibt; aber
die Übung der Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütz-
lich, sie ist dem Geiste und dem Leibe nützlich, denn
sie sorgt für beide; sie bedenkt den inwendigen Men-
schen, und hilft ihm in allem, was ihm zur Seligkeit
dient; von solcher Art ist die Gottseligkeit; auch ver-
gisst sie des Leibes nicht, sondern weiß die leiblichen
Dinge mit Maß zu gebrauchen; sie wirft ihr Anliegen
auf den Herrn, und weiß, daß er für sie sorgt; darum
sagt der Apostel: Sie hat die Verheißung dieses und
des zukünftigen Lebens. Darum, lieber Bruder, bist
du mit Christo auferstanden, so suche, was droben ist,
wo Christus ist, zur rechten Hand Gottes sitzend; su-
che das, was himmlisch, und nicht, was irdisch ist; sei
nicht einem Maulwurfe gleich, der allezeit mit dem
Maule in der Erde liegt und wühlt und dabei so blind
ist, daß er nicht nach dem Himmel sieht; ich sage nicht,
lieber Bruder, daß du so wärest; das sei ferne, denn
ich habe ein besseres Vertrauen zu dir, aber wenn wir
uns selbst im Grunde untersuchen, so finden wir uns
von solcher Art, daß wir irdisch gesinnt und blind
in göttlichen Dingen sind, und wenn wir auch durch
Jesum Christum erleuchtet sind, sodass wir in gött-
lichen Sachen ein Gesicht erlangt haben, und durch
ihn erneuert worden sind, so folgen wir gleichwohl
bisweilen allzu sehr unserer angeborenen Art, welche
die Veranlassung ist, daß der Glaube bisweilen sich
beugen und den Rücken herhalten muss, denn er wird
durch die angeborene Art unterdrückt, welche durch
Unglauben und ein schlechtes Vertrauen zu Gott noch
ihre Früchte ausgebiert. Daher kommt es denn, daß
die Menschen Schiffbruch im Glauben leiden, denn
wenn auf dem Meere zwei feindliche Schiffe einander
begegnen, so sieht man, wie eins das andere überwin-
det; ebenso werden auch der Glaube und Unglaube
durch des Menschen Art Feinde gegeneinander, und
überwindet eins das andere.
Darum, wenn wir mit dem inwendigen Mensch
durch den Glauben nicht starken Widerstand leisten,
so werden wir mit der Zeit überwunden, denn der
Unglaube hat großen Beistand; zunächst von dem Sa-
tan, der sein Werk in den Kindern des Unglaubens hat,
und ferner von unserem eigenen Fleische, darum über-
lege es doch, lieber Bruder, wie starken Widerstand
es kostet, wenn eine belagerte Stadt Verräter in ihren
Mauern hat, daß man die Feinde unterdrücke und
die Stadt in Freiheit setze; ebenso müssen wir auch
großen Fleiß anwenden, bis wir alle diese Feinde über-
winden. Zu diesen gehört insbesondere unser eigenes
Fleisch, das zu allem Bösen geneigt ist, denn es gelüs-
tet wider den Geist. Darum muss man betrachten, wie
vorsichtig die Könige dieser Welt sind, wenn sie mer-
ken, daß sich ihre Feinde erheben! Dann sehen sie sich
vor, und sammeln alle ihre Kräfte, um den Feinden
zu widerstehen. Wir aber, die als Könige und Männer
in dem Guten vorsichtig sein sollten, und als Kinder
einfältig in dem Bösen, wenn wir bemerken, daß sich
unsere Feinde erheben, gehen ihnen zwar entgegen,
aber es geschieht nicht aus dem Glauben, sondern aus
Unglauben, wenn wir fühlen, daß unsere eigene Art,
die aufs Irdische erpicht ist, sich nicht damit vergnü-
gen lässt, daß wir guten Gewinn haben, sondern sie
hätte lieber noch mehr, denn sie liebt das Geld; dar-
um wird sie nicht bald Geldes satt; auf solche Weise
begegnen wir dann derselben, setzen noch zwei oder
drei Handwerker auf, und überlegen nicht recht, wie
schädlich es unserem Glauben sei, und wie sehr unse-
re Sinne dadurch zerstreut werden; auf solche Weise
sind wir mehr um das Zeitliche, als um das Geistige
bekümmert, und es verlieren sich dadurch die geisti-
gen Gaben, während sie doch zunehmen sollten; man
hat auch keine Lust, der Herde Christi die Hand zu
bieten und sie mit demjenigen zu weiden, was man
von dem Herrn empfangen hat. Wohl mit Recht sagt
der Apostel: Es ist ein großer Gewinn, gottselig zu
sein und sich vergnügen zu lassen, denn wir haben
nichts in diese Welt gebracht, und es ist offenbar, daß
wir nichts mitnehmen werden. Und nun, lieber Bru-
der, wenn wir auch denken, ich suche keinen Schatz
zu sammeln, ich begehre den Gewinn für mich allein
nicht zu behalten, so überlege doch daneben, daß wir
uns nicht selbst leben, sondern wir sind Knechte eines
großen Königs. Wenn du aber nun ein König wärest,
und hättest Knechte, unter welchen du den einen zu
deinem Kämmerer, den andern zu deiner Leibwacht
verordnen würdest, der erstere aber verließe seinen
Dienst, worin du von ihm hattest bedient werden sol-
len, und wollte den Dienst der Leibwacht annehmen,
so überlege es doch, ob du mit diesem Knechte wohl
zufrieden sein könntest. Ebenso auch, lieber Bruder,
hat dich der Herr zu seinem Knechte gesetzt, daß du
ihm mit der geistigen Gabe dienen solltest, die du von
ihm empfangen hast; wenn du nun diese verlassen,
und dich im Zeitlichen üben willst, um ihm darin
zu dienen, so überlege es, ob du damit dem Herrn
gefallen werdest, und wolltest du etwa als Ursache
508
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
vorwenden, das sei nicht dein Amt, so sollst du wis-
sen, daß es nicht alle Lehrer sein müssen, welche die
Gemeinde erbauen; das ist keine Vorschrift der Schrift.
Darum mein lieber und sehr werter Bruder, nimm dei-
ner selbst wahr, und übergib dich dem Herrn, bleibe
bei der Gemeinde; ich bitte dich darum von ganzem
Herzen, damit die Herde nicht zerstreut werden mö-
ge; ich hoffe, der Herr werde dir helfen und dich zur
gelegenen Zeit bewahren, wenn du von ganzem Her-
zen den Herrn suchst; ich bitte dich, nimm es doch
zu Herzen. Ich hätte dir wohl hiervon mehr schrei-
ben sollen, aber ich habe jetzt keine Gelegenheit dazu;
ich hoffe, noch einen Brief zu schreiben, wenn der
Herr Zeit gibt; denselben wollest du auch zu Herzen
nehmen. Hiermit befehle ich dich, mein lieber Bruder,
dem Herrn, und nehme von dir einen herzlichen Ab-
schied. Nimm mein Schreiben zum Besten auf, denn
es ist allein um deinetwillen geschehen; ich wünsch-
te, daß es von M. oder bei M. auch gelesen werden
möchte, wie auch von allen unsern Lehrern (Dienern).
Geschrieben in meinem Gefängnisse an den lieben
Bruder D. B., von mir, Jacob Kerzengießer, den 29. und
30. Mai im Jahre 1569.
Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf
merken:
Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken.
Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, worin er
seine Amtsbrüder ermahnt.
Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, geschrieben im Ge-
fängnisse, worin er seine Amtsbrüder ermahnt, daß sie
nicht als Mietlinge flüchten und die Schafe Christi, um des
Mangels der Lehre willen, im Irrtume lassen, sondern daß
sie ihr anbefohlenes Amt treulich ausführen sollten, und
weil er selbst in Friesland gewesen ist, und die entstandene
Schwierigkeit unter dem Volke Gottes aus der Widersacher
Munde gehört hat, und es ihm deutlich geworden, daß sie
sich Gott und ihrem Nächsten versündigt und schuldig ge-
macht hatten, so hat er von diesem Handel um deswillen in
diesem Briefe so viele Nachricht gegeben, als der günstige
Leser hier aufgezeichnet findet:
Ich, Jacob Kerzengießer, gefangen um des Herrn
willen, wünsche allen Ältesten und Dienern der Ge-
meinden in Flandern, welche der Herde Christi vor-
stehen, samt L. V. oder A. D. Weisheit, Erkenntnis
und eine rechte Liebe von Gott, dem himmlischen Va-
ter, Gnade, Barmherzigkeit und Frieden durch unsern
Herrn Jesum Christum, und einen rechten Trost, Stär-
ke und Kraft durch den Heiligen Geist, damit sie die
Gemeinde recht bedienen, ihr vorstehen, väterlich bei
ihr seien, und ihr in aller Not treulich beistehen zur
Auferbauung der Gemeinde, zum Preise des Herrn
und eurer Seelen Heil. Dieses wünsche ich euch meine
lieben und werten Brüder, zum freundlichen Gruße
und herzlichen Abschiede.
Nebst gebührlichem und christlichem Gruße bitte
ich alle meine lieben Brüder, daß sie mein Schreiben
in der Liebe aufnehmen wollen, wie ich denn vor dem
Herrn und allen Gottesfürchtigen bezeuge, daß es von
mir aus Liebe geschehen sei. Nachdem ich gehört ha-
be, daß viele, die der Gemeinde vorstehen und sie
bedienen, sich ihres Amtes zu entledigen suchen, um
aus dem Lande zu ziehen, so hat mich die Liebe zum
Volke bewogen, euch ein wenig zu schreiben und euch
zu ermahnen, daß ihr doch einmal die armen Kinder
recht bedenken wollt, die ihr in großem Elende zu-
rücklassen werdet, die ihr doch durch den unvergäng-
lichen Samen wiedergeboren und auf die rechte Bahn
gebracht habt, und welche Folgen es haben werde,
wenn ihr diejenigen, die noch in der Geburt stehen,
und keinen rechten Unterschied zwischen dem Guten
und Bösen zu machen wissen, verlassen werdet; denn,
wenn ihr jetzt davonzieht, und die armen Kinder ver-
lasst, so stehen sie in großer Gefahr zu Grunde zu ge-
hen, und sich wieder in der Welt zu verirren. Darum,
liebe Brüder, bedenkt doch, wie wenig Freude ihr dar-
an haben werdet, wenn ihr solches von ihnen hören
werdet, denn wir sollten nicht gerne unsere Kinder
in irgendeiner Not lassen, wenn wir ihnen mit gutem
Gewissen helfen können. Ihr könnt zwar wohl bei
euch selbst denken: Ich habe die Gemeinde eine lange
Zeit bedient, ein anderer mag sie nun auch bedienen;
darauf antwortete ich mit David: Seid nicht wie Rosse
und Maultiere, die keinen Verstand haben, welchen
man den Zaum und das Gebiss in den Mund legen
muss, wenn sie nicht zu dir wollen; wir müssen in
unserem Dienst nicht knechtisch sein, da oft Unwille
vorkommt, und nicht aufeinander sehen, denn solche
dienen um den Lohn, und sehen nicht auf des Hauses
Nutzen; sondern wir müssen einen kindlichen Dienst
erweisen, welcher aus der Liebe geschieht, denn sie
leben ihrem Vater, und nicht sich selbst, gleichwie
auch Christus sich nicht selbst, sondern demjenigen
gelebt hat, der ihn gesandt hat, daß er ein Diener des
Reiches sein sollte. Derselbe hat sich auch unter ihnen
wie ein Diener gezeigt, welcher Dienst aus Liebe ge-
schehen ist, nicht ein Jahr oder zwei Jahre, sondern
während seines ganzen Lebens; denn er ist gehorsam
gewesen bis zum Tode und hat seinen Aposteln das
Reich beschieden, wie es ihm von seinem Vater be-
schieden war, sodass diejenigen, die in diesem Reiche
die meisten Gaben hatten, ihre Diener und Knechte
sein mussten. So haben nun auch die Apostel der Hilfe
sich bedient, und in der Gemeinde Hirten, Lehrer, Die-
509
ner, Helfer, Regierer und dergleichen verordnet; den-
selben haben sie das Reich beschieden, wie es ihnen
von Christo beschieden war, nämlich, das Reich aus
Liebe zu bedienen, und darin dem Herrn und ihrem
Nächsten, nicht aber sich selbst zu leben. Darum klagt
der Apostel über einige und sagt: Sie suchen alle das
Ihre und nicht, was Jesu Christi ist. Also müssen alle,
die in diesem Reiche dienen, und nach der Vorschrift
und Ordnung der Schrift zum Dienste der Gemeinde
erwählt sind, sich aus Liebe der Gemeinde übergeben;
doch, meine lieben Brüder, unter der Bedingung, daß
die Gemeinde verbunden ist, euch Beistand zu leis-
ten, wenn ihr von derselben in zeitlichen Geschäften
erwählt werdet. Darum, meine lieben Brüder, nehme
ein jeder seiner wahr, denn wir glauben ja, daß die
Wahl der Gemeinde von Gott sei; also lasst uns dann
auch bedenken, hat uns der Herr dazu erwählt, daß
wir ihm auf solche Weise dienen sollen, so müssen
wir uns dann auch selbst zu jeder Zeit dem Herrn
übergeben, wozu wir auch wichtige Ursache haben,
weil wir dadurch der Gemeinde uns nützlich machen
können, wenn wir auch sagen möchten: Es sind an-
dere, denen es besser zukommt als mir, das ist kein
Grund, der vor dem Herrn gilt, und womit man sich
entschuldigen könne. Jona hätte auch wohl solche Ent-
schuldigung finden können; weil er sich weigerte, den
Niniviten des Herrn Willen zu verkündigen, so muss-
te er in den Bauch des Walfisches, wie ich Unwürdiger
zu meiner Zeit welche gesehen habe, die sich allzu
sehr weigerten, aber es ist ihnen nicht gut bekommen.
Desgleichen hat auch Mose, nebst vielen andern, Aus-
flüchte gesucht, aber es hat ihnen nichts geholfen; der
Herr sagte: Weiß ich nicht, welchen ich senden will?
Er bedarf keiner Ratsleute; er weiß wohl, wozu er sich
unserer bedienen will. Gleichwohl wird dem Exempel
Moses in den Gemeinden sehr nachgefolgt, und es
wird für eine ehrliche Sache gehalten, wenn sich ein
Mann weigert, wiewohl es dem Herrn nicht gefällt,
denn er ward zornig auf Mose. Der Prophet Jesaja
aber handelte nicht so, sondern er sagte: Sende mich,
Herr; solches hat auch dem Herrn nicht übel gefallen;
ebenso begehrte auch Elisa, daß Elias Geist zweifältig
bei ihm sein möchte, worauf Elias antwortete: Du hast
ein Hartes gebeten, aber es soll geschehen; in dieser
Beziehung sagt auch Paulus: Wer ein bischöfliches
Amt begehrt, der begehrt ein köstliches Werk. Seht,
liebe Brüder, so müssen wir dem folgen, was wohl
lautet und rühmlich ist vor dem Herrn, und geden-
ken, daß diejenigen, die wohl dienen, sich selbst eine
gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben
erwerben. Gleichwie die Kinder dieser Welt, wenn sie
bei einem Herrn Dienst erlangen können, sich beflei-
ßigen, treulich zu dienen, um dadurch ein wichtigeres
Amt zu erlangen, so müssen wir auch Fleiß anwen-
den, dem Herrn in demjenigen zu dienen, wozu wir
berufen sind, damit wir Macht erlangen, die Heiden
mit einer eisernen Rute zu regieren. Darum, meine
lieben Brüder, bleibt beieinander, solange als es euch
möglich ist; dann könnet ihr euch einander Mut ma-
chen; wenn ihr euch aber voneinander absondert, so
macht ihr einander schwach; darum steht einander
treulich bei, und wartet eures Amts. Ihr, die ihr die
Armen versorgt, seid hieran nicht nachlässig, sondern
besucht sie oft und seht, was sie machen; vermahnt
sie mit väterlichem Herzen zur Arbeit, und tröstet sie
in ihrer Trübsal; denn ein tröstliches Wort hilft dem
Elenden mehr als eine Gabe. Haltet euch fest mit dem
Herzen in der Liebe an eure Diener des Wortes; denn
ihr müsst mit ihnen ein Herz sein, weil ihr dann das
Volk desto besser im Frieden erhalten könnt; denn
wenn diejenigen, die das Land regieren, untereinan-
der nicht Frieden halten, so kann nicht wohl Frieden
im Lande sein; ebenso ist es auch in den Gemeinden;
wenn die Diener untereinander uneinig sind, so kann
unter den Brüdern nicht viel Friede sein. Darum, lie-
be Brüder, bleibt untereinander im Frieden, und ihr,
Diakone, dient den Dienern des Wortes zur Stütze,
nehmt euch derselben an, denn sie müssen das Horn
blasen, damit die Schläfrigen erwachen, wiewohl ei-
nige schläfrige Menschen von solcher Art sind, daß
sie sich nicht gern aufwecken lassen; ebenso haben es
auch einige, die in Sünden schläfrig geworden sind,
nicht gern, daß man sie aufwecke. So wird denn über
solche oft vieles geschwatzt und hinter dem Rücken
geklatscht; darum müsst ihr und alle frommen Brüder
den Dienern eifrig beistehen, die Verleumder anre-
den und ermahnen, dann werdet ihr denselben Mut
machen. Und ihr, liebe Brüder, die ihr der Gemeinde
mit dem Worte des Herrn vorsteht, bleibt bei der Ge-
meinde solange, als es euch möglich ist, denn wenn
ihr fortziehen wollt, so macht ihr die andern Dienern
kleinmütig, vermehrt ihre Arbeit und zerstreut die
Herde. Darum bitte ich euch, um des Volkes willen,
das ich aus reinem Herzen liebe, verlasst sie nicht, son-
dern bleibt bei ihnen, und seht auf diejenigen, denen
Christus das Reich beschieden hat, gleichwie wie es
Ihm von seinem Vater beschieden war, wie ernstlich
sie das Reich gebaut und die Herde geweidet haben;
denn sie hielten es für nützlich, sie zu ermahnen, zu
stärken, und ihren reinen Sinn zu erwecken, solange
als sie in diesem Leibe waren, damit sie, nach ihrem
Abschiede, dessen eingedenk sein möchten; denn der
Apostel hatte sie drei Jahre lang Tag und Nacht mit
Tränen ermahnt, auch hat er die Bischöfe zu Ephesus
unterrichtet, daß sie auf sich selbst und auf die Herde
Acht haben sollten. Nun könnt ihr leicht sagen: Wir
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sind keine Bischöfe; darauf antworte ich: Es brauchen
nicht alle Bischöfe zu sein, die die Gemeinde erbauen,
oder des Herrn Wort verkündigen, sondern ein jeder
muss in seinem Dienste treu sein, denn es gibt man-
cherlei Ämter; hat jemand ein Amt, so warte er seines
Amtes; lehrt jemand, so warte er der Lehre; ermahnt
jemand, so warte er des Ermahnens, und weidet daher
die Herde Christi nicht aus Zwang, sondern freiwillig;
denn der Herr will, daß man ihm aus Liebe diene,
gleichwie er aus Liebe gedient hat. Darum schreibt
der Apostel: Tue ich es gerne, so wird mir gelohnt,
tue ich es aber ungern, so ist mir das Amt doch befoh-
len. Darum, liebe Brüder, nehmt sie auf mit Lust, und
zieht sie auf mit verständiger, unverfälschter Milch,
wie eine gute Säugamme, welche ihr Kind, das sie
säugt, so lieb hat (wiewohl sie es nicht geboren hat),
daß sie es ohne Tränen nicht lassen kann, wenn es der
Vater wieder nach Hause holt, wiewohl es ihr dem
Fleische nach fremd ist; um wie viel mehr solltet ihr
eure Kinder lieben und sie nicht verlassen, solange
ihr bei ihnen bleiben könnt; denn ihr seid nicht allein
ihre Säugamme, sondern habt vielleicht einen guten
Teil von ihnen geboren; überdies sind sie eure Brüder
und Schwestern in dem Herrn, was euch umso mehr
verpflichtet, ihnen zu dienen und vorzustehen. Wie
eins Henne ihre Kücklein unter ihren Flügeln vor den
bösen Raubvögeln bewahrt, so bewahrt sie auch vor
den wilden Tieren, die Zwietracht und Ärgernis ne-
ben der Lehre Christi erwecken; denn ihr Wort frisst
um sich wie der Krebs, und richtet Verderben an wie
die Pest; darum steht ihnen hierin vor und scheidet
euch von allen solchen Leuten; erhaltet die Herde im
Frieden, so viel es euch möglich ist, und meidet alle
Zwietracht; mengt euch auch nicht darunter, insoweit
ihr euch davon geschieden halten könnt; denn wer
sich in fremden Hader mengt, der ist wie einer, der
den Hund bei den Ohren zwackt; es werden auch
durch Streit viele Herzen verunreinigt.
Redet allezeit zum Frieden, soviel ihr könnt, und
nicht zur Trennung, denn es ist hierzu nicht die gelege-
ne Zeit; es ist bald zertrennt, was nachher schwerlich
wieder geheilt werden kann; dadurch wird so manche
einfältige Seele zu Grunde gerichtet; es ist auch, nach
meiner Erkenntnis, in der Schrift nicht gebräuchlich,
daß man in misslichen Zeiten mit dem Banne schlich-
ten soll, und wenn es auch im Eifer geschieht, denn
Eifern im Ernst ist gut, wenn es um das Gute geschieht.
So haben wir auch zuvorderst im alten Testamente
Exempel, daß sie auch den Bann gehabt, um die Bösen
mit dem Tode zu strafen, denn wer das Gesetz Mo-
ses brach, musste ohne Barmherzigkeit sterben durch
zwei oder drei Zeugen; gleichwohl hat der Herr nicht
gewollt, daß dieser Bann ausgeführt würde, hat auch
den Propheten keinen Befehl gegeben, daß man sich
des Bannes bedienen sollte, sondern er hat ihnen zu-
gerufen, daß sie sich bessern und bekehren sollten,
dann wolle er ihnen gnädig sein, und ihren Schaum
auf das Reinste ausfegen; solches aber kann er tun,
liebe Brüder, ohne dem Golde oder Silber zu schaden.
Sodann haben wir auch das Exempel im neuen Tes-
tamente, und zwar zunächst an Johannes und den
Gemeinden in Asien, denn obgleich sie jämmerlich
verfallen waren, so hat sich Johannes doch keines Ban-
nes bei ihnen bedient; auch finden wir nicht, daß ihn
der Herr einmal darauf angeredet, warum er solches
nicht getan hätte, sondern er hat sie durch Johannes
zur Buße gerufen, wenn sie das nicht tun wollten, so
wollte er ihren Leuchter von seinem Orte stoßen. Daß
aber der Apostel an die Korinther im zweiten Briefe
gegen den Hurer den Bann ausgesprochen hat, dar-
über mag jeder nachdenken, denn die Apostel haben
allezeit eine göttliche Fürsorge für die Einfältigen ge-
habt, und haben jede Trennung zu verhindern gesucht,
so viel in ihrem Vermögen war; darum haben sie auch
alle Mittel hervorgesucht, den Hader niederzulegen,
wie man in der Apostelgeschichte wahrnehmen kann,
denn als die Brüder aus dem Judentum die Gläubi-
gen aus den Heiden beunruhigten und sagten: Wenn
ihr euch nicht nach dem Gesetze Moses beschneiden
lasst, so könnt ihr nicht selig werden, entstand dar-
über eine große Unruhe unter dem Volke; auch zu
Jerusalem standen einige aus der Pharisäer Sekte auf,
die gläubig geworden waren, und sagten: Man muss
sich beschneiden lassen und gebieten, das Gebot Mo-
ses zu halten - was doch ein großer Unverstand war;
und gleichwohl haben die Ältesten und Apostel ih-
nen ihren Unverstand nicht vorgehalten, aus Furcht,
es möchte eine Trennung entstehen, sondern sie sind
den Brüdern aus dem Judentume näher getreten, um
der Trennung vorzubeugen, und haben einige Artikel
aus dem Gesetze genommen, welche nicht wider die
evangelische Wahrheit waren, und haben beschlos-
sen, daß man diejenigen, die sich aus den Heiden
bekehrten, weder beunruhigen, noch ihnen irgendei-
ne Last aufbürden sollte, daß sie sich jedoch vor dem
Götzenopfer und der Hurerei, vor dem Essen erstick-
ten Viehes und vor dem Blute der Tiere hüten sollten.
Hierdurch wurden die Juden beruhigt, denn sie konn-
ten leicht denken, daß sie noch in etwas recht hätten,
weil man den Heiden noch einige Artikel aus dem
Gesetze auflegte; auf gleiche Weise haben sie auch
im 21. Kapitel gehandelt, als sie den Streit oder das
Ärgernis niederlegten, das zwischen den Juden und
Paulus herrschte; sie hatten gehört, daß Paulus lehr-
te, von Moses abzufallen; darum gaben die Ältesten
den Rat, daß Paulus vier Männer zu sich nehmen, mit
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denselben im Tempel sich reinigen, und das Haupt
sich scheren lassen sollte. Dem Gewissen nach wa-
ren sie nicht verbunden, solches zu tun, aber um der
Brüder aus dem Judentume willen haben sie es ge-
tan, denn sie sagten: Damit sie alle vernehmen, daß
es unwahr sei, was sie wider dich gehört haben. Da
ging er nun in den Tempel und ließ sich sehen, wie
er die Tage der Reinigung aushielte; denn als sie zum
Schweigen gebracht waren, konnte man es ihnen bes-
ser beibringen, daß das Gesetz in Christo sein Ende
erreicht habe; aber sie haben nicht beschlossen, daß
Paulus in seinem Amte aufhören möchte, bis er sie
beruhigt hätte; denn sonst hätte solches oft geschehen
müssen, weil man oft etwas über ihn zu sagen hatte,
wie man an den Korinthern wahrnehmen kann. Aber
das war ihm das Geringste, von ihnen oder von ei-
nem menschlichen Tage gerichtet zu werden, denn
ich richte mich selbst nicht, waren seine Worte; sol-
ches dient auch nicht zum Frieden, sondern erregt
nur mehr Streit; denn es ist einer Gemeinde nicht da-
mit gedient, daß sie ihren Mann verlieren muss, weil
Menschen sind, welche auf ihn etwas zu sagen haben,
und wissen doch nicht, was die Sache ist, oder ob man
mit Recht oder Unrecht ihn beschuldigt. Darum muss
der Ankläger vor seine Gemeinde kommen, und hier
seine Beschuldigungen wider ihn anbringen, wenn es
Sachen sind, die sie miteinander nicht ausmachen kön-
nen; dann kann die Gemeinde den Handel anhören,
und ihn, wenn er der schuldige Teil ist, strafen helfen;
auf solche Weise wird sie von ihm befreit, und er kann
sie nicht mehr beschweren; es muss aber zuerst die
Sache erwiesen sein, ehe gestraft und der Gemeinde
geholfen werden kann. Darum schreibt Paulus an Ti-
motheus: Nimm keine Klage wider einen Ältesten an,
wenn nicht zwei oder drei Zeugen da sind; denn er
wusste es wohl, daß oft vieles über sie gelästert wird.
Darum, liebe Brüder, haltet standhaft an; darum bitte
ich euch, um der Wahrheit Gottes willen, und verlasst
eure Männer nicht, ehe sie von dem Herrn verlassen
sind; sondern sucht euch allezeit zu erbauen, damit
die Gemeinde versorgt und die Herde geweidet wer-
de, und Wächter auf den Mauern Jerusalems seien, die
weder Tag noch Nacht schlafen oder schweigen, son-
dern des Herrn und ihrer Gemeinde eingedenk seien
und sagen: Um Zion willen will ich nicht schweigen,
und um Jerusalem willen will ich nicht innehalten,
bis daß ihre Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und
ihr Heil entbrenne wie eine Fackel. Darum, meine
lieben Brüder, wendet doch allen Fleiß an, bei den
armen Schaflein; steht ihnen treulich bei und verlasst
sie nicht in dieser großen Not, sondern ermahnt und
tröstet sie damit, daß unsere Väter auf mancherlei
Weise versucht und endlich Gottes Freunde gewor-
den seien, nachdem sie durch viel Trübsal haben den
Sieg erhalten müssen; ebenso sind auch Isaak, Jacob
und die Propheten, und alle, die Gott lieben, stand-
haft geblieben, gleichwie der Engel zu Tobias sagte:
Weil du Gott angenehm warst, so konnte es nicht sein,
daß du ohne Anfechtung bliebest. Solltet ihr auch um
ihretwillen leiden müssen, so denkt an dasjenige, was
der Apostel schreibt: Darum leide ich alles um der
Auserwählten willen, damit sie auch die Herrlichkeit
ererben möchten, gleichwie mir Unwürdigem auch
zuteil geworden ist; denn, wenn die Gemeinde Gottes
nicht gewesen wäre, ich glaube, daß ich im Clevischen
Lande geblieben wäre; aber ich kann mit David zum
Herrn sagen: Meine Zeit steht in deinen Händen. So
hat er denn meine Zeit ans Ende bringen wollen, wie
es der Erfolg bewiesen hat; aber der Apostel sagt: Nun
aber freue ich mich in meinem Leiden, welches ich
um euretwillen leide, und erstatte an meinem Fleische,
was noch mangelt an Trübsal in Christo, für seinen
Leib, welcher die Gemeinde ist, und wenn ihr um der
Gemeinde willen leidet, so habt ihr nach der Liebe
Christi gehandelt, und euer Leben für die Brüder und
Schafe gelassen. Darum, meine lieben Brüder, wacht,
seid standhaft im Glauben, und männlich, und lasst
alles in der Liebe geschehen. Endlich will ich mich
ein wenig zu meinen lieben Schwestern, nämlich zu
euren Weibern, wenden, um sie zu ermahnen und
zu bitten, daß sie mit ihren Männern verträglich sein
und sie nicht verlassen wollen, sie aus dem Lande zu
bringen, sondern erkennt, Schwestern, die große Not;
bejammert das Volk, und habt Mitleiden mit ihnen,
und denkt, daß wir das mittragen müssen, was der
Herr unsern Männern zur Probe auflegt, und daß wir
unsere Seelen durch den Glauben in Geduld fassen
müssen denn als Gott den Abraham versuchte, daß
er seinen Sohn opfern sollte, so musste es Sarah mit
ertragen, denn sie hätte ihren eigenen Sohn eingebüßt,
wenn der Herr an Abraham den Sohn nicht wieder-
gegeben hätte; und doch kann man nicht bemerken,
daß Sarah dem Abraham Widerstand geleistet habe;
sie ist Abraham, ihrem Herrn, untertänig gewesen,
und hat ihn in allem demjenigen seines Glaubens le-
ben lassen, worin ihn der Herr auf die Probe gesetzt
hat, und ihn ermahnt, daß er die Magd mit ihrem
Sohne hinausstoßen sollte. Ebenso auch ihr, meine lie-
ben Schwestern, seid euren Männern Untertan, und
lasst sie ihrem Glaubens leben in allem, worin es dem
Herrn gefällt, sie auf die Probe zu setzen; macht sie
nicht kleinmütig, sondern erquickt vielmehr ihr Ge-
müt, wenn ihr seht, daß sie durch die Mühe gedrückt
sind, die sie mit dem Volke haben, und denkt, daß ihr
Sarahs Töchter seid, wenn ihr Gutes tut, und euch die
Furcht nicht erschrecken lasst.
512
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Darum, liebe Schwestern, seid wohlgemut und ver-
traut eurem Gotte; er wird euch nicht über euer Ver-
mögen versucht werden lassen, sondern euch neben
der Versuchung einen Ausweg verschaffen, daß ihr
es ertragen könnt, denn Gott kennt unser Vermögen,
daß es nur schwach sei; darum sorgt er für uns, denn
er hat gesagt: Ich will dich nicht verlassen noch ver-
säumen, sodass wir sagen dürfen: Der Herr ist mein
Helfer, ich will mich nicht fürchten, was sollte mir ein
Mensch tun? sondern wir müssen sie im Namen des
Herrn schlagen und überwinden, denn sie sind nur
Staub und Asche, und werden wie Heu vergehen; ja,
Motten werden sie fressen wie ein Kleid, wie >Jesaja
sagt; ferner sagt er: Ich bin euer Tröster, wer bist du
denn, der du dich vor Menschen fürchtest, die doch
sterben, und vor Menschenkindern, die wie Heu ver-
zehrt werden? Bei ihnen ist nur ein fleischlicher Arm,
aber bei uns ist der Herr selbst; er wird uns helfen und
unsern Streit ausführen, und wenn sie auch jetzt sehr
toben und niemanden verschonen, sondern diejeni-
gen berauben und vernichten, die den Herrn fürchten,
sich auch so hoch setzen, daß fast jeder vor ihnen
zittert und bebt, so wird sie der Herr doch erniedri-
gen und zerstören, wenn sie ihre Zerstörung geendigt
haben werden. Aber nun, liebe Schwestern, müssen
wir geprüft werden wie Gold im Feuer, daß die Be-
währung des Glaubens Geduld wirke, die Geduld
aber fest bleibe, denn wenn wir in unserer Trübsal
geduldig sind, so überwinden wir und werden weder
müde noch matt, und obgleich unser auswendiger
Mensch vergeht, so wird doch der inwendige von Tag
zu Tag erneuert; wir wollen lieber mit dem Volke Got-
tes Ungemach leiden, als die zeitliche Ergötzlichkeit
der Sünden haben, und achten die Schmach Christi
für großem Reichtum, als die Schätze Ägyptens, denn
wir sehen auf die Belohnung. Seht, liebe Schwestern,
fasst Mut, und zieht mit der Witwe Judit wider den
hochmütigen Holofernes aus, der vom Könige Nebu-
kadnezar ausgesandt war, um alle Länder unter seine
Botmäßigkeit zu bringen, denn er gab vor, daß er Gott
sei, und dennoch ist sein Knecht Holofernes von Judit
überwunden worden; ebenso hat nun auch das Kind
des Verderbens, das sich Gott auf Erden nennen lässt,
einen hochmütigen Boten ausgesandt, und meint, da-
durch alles unter seine Gewalt zu bringen; aber wie
ich höre, so ist er zu Kortryck von einer armen einfa-
chen Witwe überwunden worden, gleichwie Christus
die Schriftgelehrten und Pilatus überwunden hat; ihr
müsst daher auch ausziehen, liebe Schwestern, um
ihn durch den Glauben zu überwinden. Nehmt auch
ein Beispiel an dem Weibe Jael, wie sie Sissera, den
Widersacher und Feind des Hauses Israel, überwun-
den hat; sie nahm einen Hammer und schlug ihm
einen Nagel durch das Haupt, sodass er des Todes
ward; ebenso müsst ihr auch, liebe Schwestern, wider
den Feind und Widersacher des Hauses Israel, näm-
lich den Teufel und Satan, im Glauben ausziehen, der
durch seine Kinder und Knechte so viel Rasen und
Tumult verursacht, und ihm mit dem Hammer des
Wortes Gottes den Nagel Christum Jesum durch das
Haupt schlagen und mit dem Apostel sagen: Gott sei
gedankt, der uns durch unsern Herrn Jesum Christum
den Sieg gegeben hat, und Gott sei gedankt, der uns
allezeit das Feld erhalten hilft durch Christo. Darum,
meine lieben Schwestern, seid allezeit tapfer, und er-
mahnt eure Männer, bei der Herde zu bleiben, und
wisst, was ein jeder Gutes tut, das wird er von dem
Herrn empfangen. So seid denn nun standhaft und un-
beweglich und unerschöpft in den Werken des Herrn,
und wisst allezeit, daß eure Arbeit nicht vergeblich
sei, in dem Herrn. Hiermit will ich euch, meine lieben
und sehr werten Brüder und Schwestern, dem großen
und allmächtigen Gotte anbefehlen, der allein weise
ist, und bitte, daß er euch ins Herz geben wolle, das-
jenige zu tun, was vor ihm gefällig ist. Ich bitte euch,
daß ihr mein Schreiben, welches aus Liebe geschehen
ist, mir zu gut halten wollet; ist etwa seine Ansicht
darin ausgesprochen, die der eurigen nicht gleich ist,
so lasst dieselbe aus Liebe in ihrem Werte, denn wir
stehen, wie ich hoffe, in einem Glauben; so viel ich
weiß, ist bei mir keine Veränderung vorgegangen; was
ich der Gemeinde unwürdig vorgetragen habe, darin
stehe ich noch unverändert; der Herr sei gelobt für
seine Gnade, daß er mich an achtzehn Jahre darin be-
wahrt hat. Grüßt mir sehr herzlich alle Brüder und
Schwestern, die bei euch wohnen. Hiermit will ich
nun meinen Abschied von euch nehmen; gute Nacht,
meine lieben Brüder mit euren Weibern, bis wir einan-
der in der ewigen Freude sehen; der Herr gebe euch
seine Gnade, daß wir einander daselbst antreffen mö-
gen. Haltet zu jeder Zeit fest am Glauben, und bleibt
bei der Wahrheit und helft euren Mitmenschen, wo
ihr nur immer könnt, dann wird die ewige Herrlich-
keit euch in ihren goldenen Schoß aufnehmen. Gute
Nacht! Gute Nacht!
Geschrieben den 13. Mai und den 1. Juni, von mir,
Jacob de Roore, in meiner Gefangenschaft.
Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf
merken: Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter
Werken.
Adrian Ol, 1569.
Um das Jahr 1569 ist zu Armentiers in Flandern ein
Bruder, namens Adrian Ol, um des Wortes Gottes
und des Zeugnisses Jesu willen gefangen genommen.
513
welchen die blutdürstigen Papisten zum Tode verur-
teilt haben, nachdem er durch keine Versuchung oder
Bedrohung von ihnen zum Abfall gebracht werden
konnte, sondern seinem Gotte getreu geblieben ist.
Deshalb ist er an jenem Orte um des Zeugnisses Jesu
willen getötet worden, hat seinen vergänglichen Leib
in großer Standhaftigkeit Gott zu einem angenehmen
Gerüche aufgeopfert.
An diesen Adrian Ol hat Jacob Kerzengießer seinen
neunzehnten Briefe zum Tröste in seiner Gefangen-
schaft geschrieben.
Abraham Picolet, Henrich von Etten und Maeyken
von der Goes, 1569.
Zu jener Zeit lebte zu Antwerpen Abraham Picolet,
der mit Henrich von Etten, geboren bei Breda, und
mit Herman N. vertrauten Umgang hatte. Als nun
der genannte Henrich im Begriffe stand, eine Reise in
seine Heimat zu unternehmen, so hat er seine Mitge-
sellen ersucht, daß sie sich vor seiner Abreise mit ihm
noch einmal (im Spazieren) mit Reden und Singen
von dem Worte des Herrn ergötzen und erlustigen
wollten, was zum guten Abschiede der guten Gemein-
schaft, die sie in dem Herrn miteinander gepflogen
hatten, geschehen sollte. Weil aber zu der Zeit unter
der Regierung des Herzogs von Alba die Verfolgung
sehr heftig war, so sind auch diese beiden Junggesel-
len, als sie im Walde bei Wilryk, nahe bei Antwerpen,
wandelten, von dem Landrichter zu Borgerhout ver-
haftet worden. Derselbe visitierte sie, und als er unter
andern Büchern auch ein neues Testament bei ihnen
fand, so hat er sie scharf untersucht und nachgefragt,
wo sie zuletzt zur Beichte und zum Sakramente ge-
gangen wären. Darauf antwortete Abraham, daß es
in Welschland geschehen sei. Er fragte weiter, wie lan-
ge es her sei, worauf er antwortete, vier Jahre. Als
er solche und mehrere andere Worte von ihnen ver-
nahm, hat er sie den zweiten Pfingsttag gefänglich
nach Antwerpen gebracht. Aber weil der vorgemel-
dete Hermann nicht fest auf den Eckstein Christum
gegründet war, so hat sein Gebäude nicht Stand gehal-
ten, denn sein sandiger Grund hat diese Stürme nicht
ertragen können. Als er verhört wurde, bekannte er,
vergangene Ostern sei er zur Beichte und zum Sakra-
mente gegangen, wiewohl es erlogen war, und um
dieses zu bekräftigen, hat der Pfarrer oder Pastor von
St. Joriskirche solches bezeugt; durch dieses Mittel ist
er aus dem Gefängnisse entlassen. Die beiden andern
aber, die bei ihrem Glauben treu blieben, haben in ih-
rer langen Gefangenschaft mit den blinden Betrügern
viel Streit und Disputieren gehabt, die auch viel Mü-
he und Arbeit anwandten, um sie von der Wahrheit
abzuziehen; weil sie aber ihre Zuflucht zu dem Herzo-
ge des Glaubens nahmen, so sind sie nicht verlassen,
sondern um desto mehr getröstet worden, sodass sie
sich stets nach dem Tage ihrer Erlösung sehnten; auch
haben sie viel Fleiß angewandt, den Nächsten allezeit
mit Schreiben und Ermahnen zu erbauen, sodass sie
durch ihre Schreiben und durch ihre Beständigkeit
im Glauben auch in Banden einige gewonnen haben.
Als sie nun eine Zeitlang gefangen lagen, sind die Ty-
rannen, weil sie keine Hoffnung hatten, sie von der
Wahrheit abzubringen, darüber aus gewesen, sie ihres
Lebens zu berauben; und als der Landrichter bei der
Kronenburgpforte sein Gericht hielt, hat er sie zwei-
mal dahin vor seine Gerichtsherren bringen lassen;
da er aber mit ihnen nichts ausrichtete, sind sie zum
dritten Male auf einen Wagen gesetzt und abermals
vor die blinden Richter gebracht worden; sie waren
aber wohlgemut und stark im Glauben; darum sagte
Abraham, als er nach dem Wagen ging: Niemand, sag-
te Petrus, unter euch leide als ein Mörder oder Dieb,
oder Übeltäter, oder als ein solcher, der in ein fremdes
Amt greift, leidet er aber als ein Christ, so schäme er
sich nicht; er ehre aber Gott in solchem Falle.
Henrich redete sehr wenig, aber man konnte nichts
als Freimütigkeit an ihm bemerken. Als sie vor den
Richtern standen, wurde ihnen das Urteil vorgelesen,
daß sie lebendig verbrannt werden sollten. Nach vor-
gelesenem Urteile sagte Abraham, daß er den Her-
ren danke, weil sie mit ihm so viel Mühe gehabt
hätten, und daß er Gott um ihre Erleuchtung bäte.
Darauf hat man sie abermals auf den Wagen gesetzt,
und sie nach dem Steine (dem Gefängnisse) gebracht,
wo noch mehr gottesfürchtige Gefangene saßen, von
welchen der Markgraf noch eine Frau zu gleichem
Tode hat verurteilen lassen, welche Maeyken von
der Goes genannt wurde, und ihrem Manne Jasper,
ein Taschringmacher, der zuvor aufgeopfert worden
war, ohne Furcht nachgefolgt ist. So haben die Tyran-
nen ihre Lust an diesen drei Schlachtschafen gebüßt,
und sie des andern Tages lebendig verbrennen las-
sen, nachdem sie ihnen die Zungen mit Schrauben
festgeschraubt hatten, um ihnen das Reden zu beneh-
men. Sie haben aber in allem diesem durch Christum,
der ihre Stärke war, tapfer überwunden, und sind mit
Josua und Kaleb beherzt auf getreten, das Land der
Verheißung einzunehmen, vielen Zeugen, die solches
ansahen, zum Tröste und zur Stärke. Als sie verbrannt
waren, wurden die Überbleibsel der Körper der bei-
den Männer auf dem Wege von Wilryk den Vögeln
zur Speise gegeben, weil sie unter dieser Herrschaft
gefangen worden sind.
Diese beiden frommen Helden und Kämpfer, wie-
wohl sie die Wassertaufe auf ihr Glaubensbekenntnis
514
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
noch nicht empfangen hatten, haben es gleichwohl
bezeugt, daß sie dennoch die Geistes- und Feuertaufe
von Christo empfangen hatten.
Sie haben viele Briefe, voller Trost und ernstlicher
Ermahnungen geschrieben; insbesondere hat Henrich,
welcher zuvor Soldat gewesen, die Brüder sehr er-
mahnt, in dem geistigen Kriege tapfer zu streiten, gu-
te Wacht zu halten, und bis ans Ende auszuhalten,
um von dem geistigen Hauptmanne Jesu Christo die
Krone des ewigen Lebens zum Solde und Lohne zu
empfangen; aber alle diese Briefe sind in Folge der
scharfen Verfolgung verloren gegangen; nur ist uns
einer von Abraham Picolet in die Hände gekommen,
den wir zum Vergnügen des Lesers hier beigefügt
haben.
Ein Brief von Abraham Picolet, geschrieben an
seine Schwestern.
Liebt Gott über alles, merkt doch auf des Herrn Wort,
und habt eure Lust daran.
Die überschwänglich große Gnade und der ewige
Friede von Gott, unserm himmlischen Vater, und dem
Herrn Jesu Christo, der Vater der Barmherzigkeit und
Gott allen Trostes ist, wolle euch christliche Weisheit,
einen standhaften Glauben, ein beständiges Gemüt
und den wahren Verstand des Wortes Gottes in der
Wahrheit verleihen; dieses wünsche ich euch, meinen
geliebten Schwestern, von ganzem Herzen, Amen.
Wisset, meine Schwestern, daß ich, Abraham, euer
Bruder, um des Wortes Gottes willen gefangen ge-
nommen, B. L. wissen lasse, daß ich solche Kraft und
solchen Mut von dem Herrn erlange, daß ich von Ihm
nicht zu weichen hoffe, und weil er mich nicht ver-
lässt, so hoffe ich, sein göttliches Wort vor den blinden
Menschen mit des Herrn Hilfe zu bekennen, solange
ein Atem in mir ist, denn er schenkt uns merklichen
Beistand, sodass ich es sehe und fühle; Ihm müsse für
die Gnade gedankt sein, die er an mir armem Sünder
erweist, wofür ich ihn nicht genug loben kann. Nebst
freundlichem und geziemendem Gruße wisset, meine
Schwestern, daß es mir oft eine Freude gewesen, von
euch zu hören, daß ihr auch dem Herrn nachzufol-
gen hofft, euer Leben lang bei der ewigen Wahrheit
zu bleiben, und Christo zu dienen und Ihn zu fürch-
ten, denn er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben;
wer ihm gehorsam ist, wird ewige Freude besitzen,
denn er sagt denen die ewige Freude zu, die ihn lie-
ben und seine Gebote halten; seine Gebote sind nicht
schwer, und seine Verheißungen wahrhaftig. Darum,
meine geliebten Schwestern, nachdem ihr seinen Wil-
len wisst, und die große Gnade, die er eurer Liebe
gegeben hat, so seht doch zu, daß ihr seine Gebote
nach eurem schwachen Vermögen haltet, denn wenn
ihr tut, was ihr könnt, so fordert er euch nicht mehr
ab. Ach, liebe Schafe! Glaubt doch dem Evangelium;
begebt euch auf den engen Weg, der nur einen Fuß
breit ist, und zum ewigen Leben führt, denn viele
werden darnach trachten, aber dazu nicht gelangen
können. Diejenigen, die da rufen: Herr, Herr! werden
nicht daselbst eingehen, sondern nur diejenigen, die
den Willen des Vaters erfüllen, der im Himmel ist.
Meine geliebten Schwestern, trachtet nach der Pforte,
die eng ist, nämlich nach dem ewigen Leben, und da
ihr des Herrn Stimme hört, so seht zu, daß ihr seinen
Worten gehorsam seid, und legt alles ab von dem vo-
rigen Wandel, nämlich den alten Menschen, denn das
sind die Werke des Fluches: Unreinigkeit, böse Begier-
den, Hoffart, stolze Aufgeblasenheit, Lügen, Betrug,
Pracht und Prahlen, Verleumdung, Schalkheit, Hass,
Neid und dergleichen mehr; denn liebe Schafe, das
ist Abgötterei, und über alle solche Menschen kommt
der Grimm und Zorn Gottes; sie werden nicht in das
Himmelreich eingehen, noch dasselbe besitzen son-
dern ewiges Verderben und ewige Verdammnis ist ihr
Teil (wenn sie sich nicht bekehren), in dem Pfuhle, der
mit Feuer und Schwefel brennt, welches der zweite
Tod ist; da wird Heulen und Zähneklappern sein und
ihr Wurm wird nicht sterben, sondern sie werden von
Ewigkeit zu Ewigkeit gepeinigt.
Ach, meine lieben Schafe und Schwestern! Lasst
darum von dem Bösen ab, denn Gott wird über alle
ungläubigen und ungehorsamen Menschen, die dem
Worte des Herrn nicht gehorsam gewesen sind, son-
dern dasselbe verschmäht und verachtet, ja, verfolgt
und getötet und die den Herrn nicht zu fürchten ge-
sucht haben, ein unbarmherziges Gericht ergehen las-
sen, denn, meine Geliebten, Gott hat der Engel nicht
geschont, die gesündigt hatten, sondern hat sie mit
Ketten der Finsternis zur Hölle verstoßen, und sie
übergeben, daß sie zum Gerichte behalten würden,
und hat der vorigen Welt nicht geschont, noch auch
Sodom und Gomorrha, sondern hat sie zu Asche ge-
macht, umgekehrt und verdammt und denen zum
Exempel gestellt, die Gottlosigkeit treiben.
Darum, meine lieben Schwestern, lasst uns Gutes
tun und nicht müde werden, wenn wir auch ein wenig
um des Namens des Herrn willen leiden müssen; selig
seid ihr, und freut euch (sagt Christus), wenn ihr um
der Gerechtigkeit willen leidet, denn euer Lohn ist
groß im Himmel.
In solcher Weise, meine lieben Schwestern, sind sie
mit den Propheten verfahren, die vor uns gewesen
sind. Leiden und Widerwärtigkeit im Fleische ist al-
len Gottesfürchtigen zugesagt, gleichwie der Apostel
Paulus sagt: Alle, die gottselig leben wollen in Christo
515
Jesu, müssen Verfolgung leiden. Nehmt wahr, mei-
ne Geliebten, wie es Christo ergangen ist, der keine
Sünde getan hat, und in dessen Munde kein Betrug
erfunden worden ist, wie er gelitten hat, und das al-
les um unseretwillen, während er doch ein Herr aller
Herren und ein König aller Könige war. Ach, liebe
Schwestern! Denkt an den, der ein solches Widerspre-
chen von den Sündern erduldet hat; er drohte nicht,
als er geschlagen war, sondern überließ Gott die Ra-
che, der da recht richtet. Der, welcher arm war, ist um
unseretwillen arm geworden, ja, er hat seine göttli-
che Wohnung verlassen und eine Knechtsgestalt ange-
nommen, und ist bis zum Tode gehorsam geworden,
ja, bis zum Tode am Kreuze, und war einem Wurme
ähnlicher, als einem Menschen. Darum hat ihm auch
Gott einen Namen gegeben, der über alle Namen ist,
damit im Namen Jesu sich aller derer Knie beugen
sollten, die im Himmel und auf Erden sind; auch sagt
der Apostel Petrus: Liebe Brüder, weil nun Christus
für uns gelitten hat, so waffnet euch mit demselben
Sinne, denn dazu sind wir berufen, daß wir seinen
Fußstapfen nachfolgen sollen, gleichwie auch Chris-
tus sagt: Haben sie den Hausvater Beelzebub genannt,
um wie viel mehr werden sie seine Hausgenossen so
nennen; haben sie mich verfolgt, so werden sie euch
auch verfolgen. Merkt doch, meine lieben Schwestern,
ob uns mehr widerfährt, als uns zugesagt ist; aber das
alles werden sie tun, sagt Christus, um meines Na-
mens willen; und ferner: Die Zeit wird kommen, daß
wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst
daran; aber das werden sie euch tun, weil sie weder
mich, noch meinen Vater kennen; auch sagte der Herr:
Ich habe es euch zuvor gesagt, damit wenn die Zeit
kommt, ihr daran denkt, daß ich es euch gesagt habe.
Seht, meine lieben Schwestern, es widerfährt uns
nichts, als was uns zuvor gesagt und Christo selbst
begegnet ist. Darum müssen wir alles ablegen, was
an unserer Seelen Seligkeit hinderlich ist, nämlich alle
Lüste des Fleisches, alle Werke der Finsternis, und
unserm Heiland, dem gekreuzigten Jesu Christo, in
Gehorsam nachfolgen; denn wer sagt, er kenne Gott,
hält aber seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und
die Wahrheit ist nicht in ihm; wer sagt, daß er in ihm
bleibe, der muss auch wandeln, gleichwie Christus
gewandelt ist. Merkt darauf, meine Schwestern, und
fürchtet den Herrn, fasst Mut in dem Worte des Herrn,
forschet fleißig in der Heiligen Schrift und bittet Gott,
den Herrn, ja, hängt euch an ihn Tag und Nacht mit
Bitten und Flehen, er wird euch wohl geben, um dasje-
nige zu verstehen und zu tun, was euch zur Seligkeit
nötig ist; Christus sagt, daß sein Geist uns lehren wer-
de, und daß wir vom Herrn gelehrt sein werden, denn
von uns selbst haben wir doch nichts als nur Schwach-
heit.
Darum, meine Schwestern, bittet doch den Herrn,
welcher sagt: Bittet, so werdet ihr nehmen; klopft an,
so wird euch aufgetan; suchet, so werdet ihr finden;
suchet das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so
wird euch alles, was ihr nötig habt, zugeworfen wer-
den; suchet den Herrn, weil er zu finden ist; ruft ihn
an, weil er so nahe ist; der Herr ist doch barmherzig
über alle, die ihn zu fürchten suchen. Meine Schwes-
tern, er sagt selbst: Kommt her zu mir alle, die ihr
mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken;
nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir, denn
ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, dann
werdet ihr Ruhe finden für eure Seele, denn mein Joch
ist sanft und meine Last ist leicht, und seine Gebote
sind nicht schwer.
Seht, meine Geliebten, wie uns der Herr zur Bes-
serung ruft; darum folgt ihm doch nach, denn wenn
man tut, was man kann, so ist der Herr zufrieden;
er kann diejenigen wohl bewahren, die auf ihn ver-
trauen; darum bereut eure Sünden, die ihr in eurer
Unwissenheit getan habt, ehe ihr den Herrn erkanntet;
schreit und weint zum Herrn, er wird sich eurer erbar-
men; denn es ist genug, daß ihr die vergangene Zeit
eures Lebens nach heidnischem Willen zugebracht
habt, als ihr Gott nicht erkanntet, und von ihm sehr
entfremdet wart, und in euren Wollüsten, in Unzucht,
Trunkenheit, Fresserei, in Pracht und Übermut wan-
deltet.
Deshalb, meine Schwestern, nachdem euch der
Herr seine Wahrheit offenbart hat, so seht zu, daß
ihr ihm treulich dient, und fürchtet nicht die Men-
schen, die den Leib töten, denn nachher haben sie
keine Macht mehr; überdies besteht auch alles Übel,
das sie uns antun können, darin, daß sie uns zur Ruhe
helfen, durch die große Gnade des Herrn; bekennt
Christum vor den Menschen, dann wird er euch auch
vor seinem himmlischen Vater bekennen und sagen:
Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das Reich, das euch
zubereitet ist, von Anfang der Welt. Darum erneuert
euch im Geiste eures Gemüts, und zieht den neuen
Menschen an, der nach Gott geschaffen ist. Legt die
Lügen ab, und redet die Wahrheit; seid Gottes Nach-
folger, als seine auserwählten Kinder, und wandelt
in der Liebe, in der Stille, in der Freundlichkeit, in
der Sanftmut; flieht die Lüste der Jugend, und jagt
nach der Gerechtigkeit, der Liebe, dem Frieden, mit
allen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen, denn
die Knechte des Herrn müssen keine Haderer, noch
Zänker sein, sondern freundlich gegen jedermann.
Schmückt euch, meine Schwestern, mit einem keu-
schen Wandel; seid freundlich gegen alle Menschen;
seid eurem Herrn untertänig, er wird euch herrlich
516
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dafür lohnen; erwählt lieber, mit Gottes Kindern ein
wenig Ungemach zu leiden, als ein wenig zeitliche
und vergängliche Ergötzlichkeit dieser Welt zu haben,
denn das Ende alles dessen ist die ewige Verdammnis.
So lasst uns denn dem Herrn seine Schmach tragen
helfen; es wird uns durch des Herrn große Gnade
trefflich gelohnt werden, wenn er sagen wird: Ei, du
guter und getreuer Knecht, über wenig bist du getreu
gewesen, über viel will ich dich setzen, gehe ein zu
deines Herrn Freude.
Merkt darauf, meine lieben Schwestern, wie treff-
lich wir alsdann belohnt werden sollen; darum eilt,
den Herrn zu fürchten, denn wir leben heute, und
wissen nicht, ob wir morgen leben werden; darum
seid munter in der Furcht des Herrn, fasset Mut; rich-
tet die müden Knie und lässigen Hände wieder auf;
wendet doch Fleiß an, denn wir wissen nicht, wann
der Herr kommt; der Tag des Herrn naht herbei; er
kommt wie ein Dieb in der Nacht, wenn man es nicht
meint. Seht auch nicht auf einen Menschen, denn we-
nige sind, die den Herrn fürchten; denkt, wie viel ihrer
gewesen sind, als die ganze Welt unterging; da waren
ihrer nur acht, die den Herrn fürchteten; auch wie viel
ihrer erhalten worden seien, als Sodom und Gomor-
rha unterging. Ach, denkt! Wie wenige ins Land der
Verheißung gekommen seien; niemand weiter als Jo-
sua und Kaleb, die andern sind alle um ihrer Bosheit
willen umgekommen (gleichwie es auch jetzt durch
Bosheit oft geschieht), und weil sie nicht dem Wor-
te Gottes glauben wollten, sondern sie widerstanden
den Gerechten, quälten und verfolgten sie; und wenn
sich diese nicht auch bekehrten, so werden sie eben-
falls alle umkommen, denn sie sind alle ein Beispiel
für uns.
Darum, meine lieben Schwestern, seht doch zu, daß
solches uns nicht auch widerfahre, denn um der Sün-
de willen wird man gestraft, wie der Prophet sagt:
Eure Sünde scheiden euch und euren Gott voneinan-
der. Seht, so wird man um seiner Bosheit und seines
Unglaubens willen verdammt.
Ach, meine lieben Schwestern, es ist zwar wahr, es
ist uns ein wenig Leiden zugestoßen, um des Herrn
Namens willen, aber, gleichwie des Leidens Christi
viel über uns kommt, so werden wir auch reichlich
getröstet durch Jesum Christum; das wenige Leiden
ist nicht zu vergleichen mit der Herrlichkeit, die an
uns offenbart werden soll. Ach, liebe Freunde, wie
angenehm wird es dann sein, wenn die Berge voll
süßen Weines triefen und voll Lilien und Rosen stehen
werden! Mit solcher Freude will der Herr seine Kinder
erfüllen. Darum lasst uns doch den Herrn fürchten
und lieben ohne Verdruss, denn wer Gott liebt, der
wird auch das Gute tun und das Böse hassen.
Ach, liebe Schafe, kein Auge hat gesehen und kein
Ohr gehört, auch kann es kein menschliches Herz be-
denken, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben
und seine Gebote halten. Ach, überlegt es einmal, wel-
che große Freude alsdann bei denen sein wird, die
Gott geliebt und in der Welt bekannt haben. Ach, wür-
de man die Freude bedenken, ich glaube, man würde
mehr Fleiß anwenden, den Herrn zu fürchten, und die
Menschen nicht zu scheuen, die den Leib töten. Ach,
wie viele würden sich derer finden, die den Fußstap-
fen unseres Herrn nachfolgen würden, denn der Herr
will nicht, daß jemand verloren gehe, sondern er will,
daß sie sich bekehren und er sie selig machen könne.
Aber, meine lieben Schwestern, es geht hier, wie der
Prophet sagt: Mit sehenden Augen sehen sie nicht,
mit hörenden Ohren hören sie nicht, und verstehen es
nicht; denn dieses Volkes Herz ist verstockt, und ihre
Ohren hören schlecht, und ihren Augen schlummern,
damit sie nicht dermaleinst mit den Augen sehen, und
mit den Ohren hören, und mit den Herzen verstehen.
Ach, merkt darauf, meine lieben Schafe, ob dem jetzt
nicht auch so sei; sie wollen lieber fechten, stolzieren,
prahlen, prassen, saufen und allerlei Gräuel tun, als
sich bekehren, daß sie der Herr selig machen könne.
Das sind verfluchte Leute, sagt der Apostel; sie verlas-
sen den rechten Weg, und, was sie natürlich erkennen,
darin verderben sie sich als unvernünftige Tiere; sie
verführen und werden verführt.
Ach, liebe Schafe, wendet euch doch von allen welt-
lichen Lüsten, denn ihre Verdammnis schläft nicht;
seid doch darauf bedacht, weil euch der Herr seine
Wahrheit zu erkennen gegeben hat, daß ihr ihm ge-
horsam seid, und wandelt, als gehorsame Kinder des
Lichts, in der Liebe und in Frieden; habt einander
lieb, und ermahnt einander allezeit mit dem Worte
des Herrn; was geht doch über die Liebe? Kann man
wohl eine größere Freude haben, als einander allezeit
lieben? Ertrage allezeit einer den andern; nehmt ein-
ander alle Dinge zum Besten auf, dann wird euch der
Herr auch lieben; seid freundlich untereinander und
ernstlich in der Furcht des Herrn und der Untersu-
chung seines göttlichen Wortes; hängt dem Herrn an
mit Flehen und Bitten, und fürchtet nicht die Men-
schen, die heute Herren sind, morgen aber von den
Würmern verzehrt werden. Der Herr wird euch nicht
verlassen, wie ihr an mir seht, und auch an allen
denen, die den Herrn von ganzem Herzen gefürch-
tet haben, der Herr bewahrt die Seinen, wie er sagt:
Kann auch eine Mutter ihres Kindleins vergessen?
Und wenn sie auch dessen vergäße, so will er doch
unserer nicht vergessen; ja, wer kann die aus seiner
Hand reißen, die ihm sein Vater gegeben hat?
Ach, liebe Schwestern, schmückt euch doch und
517
zieht die Waffen an; hängt das Schwert des Geistes
an eure Seite, welches das Wort Gottes ist, und seid
recht gestiefelt und gewaffnet mit den Waffen der Ge-
rechtigkeit; setzt den Helm des Heils auf euer Haupt,
damit ihr den listigen Anläufen des Teufels widerste-
hen mögt, denn er geht herum. Tag und Nacht, wie ein
brüllender Löwe, und sucht, welchen er verschlinge;
darum seid Gottes Nachfolgerinnen; der Herr wird
euch wohl bewahren.
Wisst, meine Schwestern, daß ich den sechsten Tag
dieses Monats nachmittags von N. N. abgeholt wor-
den bin (wie ich denn gehört habe, daß er im Namen
des Oberanwalts oder seiner Bedienten genannt wor-
den sei), und daß man mich vor den Kerkermeister
und einen andern Mann geführt hat, die am Tische sa-
ßen und Wein tranken. Als ich nun vorkam, sagte der
Kerkermeister zu mir in Gegenwart aller: Abraham,
den Dienstag musst du vor Gericht gehen; seine Frau
war auch unter denen, die an der Tafel aufwartete; sie
sagte: Sie haben drei Wochen Aufschub, worauf der
Kerkermeister entgegnete: Weil der Herzog von Alba
hierher kommt, so muss es doch geschehen; er führte
fast ausschließlich das Wort. Ich sagte, ich wäre wohl
zufrieden damit; er fragte, ob ich in der Tat damit zu-
frieden wäre; ich sagte: Ja, wenn es des Herrn Wille
ist, so bin ich damit sehr wohl zufrieden. Sie fragten,
ob ich das so gering achtete, wovor Christus so sehr
gezittert und gesagt: Ist es möglich, Vater, so nimm
diesen Kelch von mir. Ferner fragten sie mich, ob ich
nicht frei sein möchte, und wenn die Türen offen stän-
den, ob ich nicht hinausgehen werde; ich erwiderte:
Ja, wenn sie die Türen öffnen würden, so wollte ich
hinausgehen; weil dem aber nicht so wäre, so dankte
ich dem Herrn für alles, was er mir zusendete; auch
sagte ich, sie hätten die Macht nicht, mich ohne Er-
laubnis des Herzogs von Alba in Freiheit zu setzen.
Sie fragten, ob ich nicht die Absicht hätte auszubre-
chen; ich entgegnete, wenn ich wüsste, daß er dadurch
in Ungelegenheit kommen würde, so möchte ich nicht
draußen sein oder ausbrechen. Als er hierauf meinte,
solches würde ihn seinen Hals kosten, erwiderte ich,
daß mich dann nicht hinaus verlangte.
Wir kamen weiter ins Gespräch und sie fragten, ob
sie denn nicht selig werden könnten. Ich antwortete:
Der Apostel Johannes sagt: Wer da sagt, er kenne Gott,
und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner. Ich
konnte mich jedoch hierüber nicht weiter aussprechen,
denn sie fielen mir in die Rede; jedoch weiß ich selbst
nicht, was sie mir zur Antwort gaben; auch sagte ich,
daß der Apostel gesagt habe, weder die Hurer noch
die Trunkenbolde, noch die Mörder, noch die Lügner,
noch die Hoffärtigen, noch die Schlemmer, noch die
Prasser, noch dergleichen werden das Reich Gottes
ererben, und daß sie keinen Gott haben. Da fielen sie
mir abermals in die Rede, denn der Herr öffnete mir
den Mund zur Rede in dem Maße, daß sie es nicht
alles ertragen konnten. Sie sagten, meine Reden seien
zwar wohl wahr, wenn die Menschen in solchen Din-
gen umkamen, aber sie gedächten, sie könnten doch
noch selig werden, wenn sie nur noch Zeit hätten,
den Herrn um Vergebung anzurufen; ich antwortete,
es sei allzu gefährlich, sich auf solches Anrufen zu
verlassen, denn eben diejenigen, die um Vergebung
bitten, gingen oft, wenn sie wieder aufkommen, ihre
alten Wege, und ich dächte, sie möchten auch zu die-
sen gehören. Darauf fielen sie mir abermals in meine
Rede; ich ermahnte sie, daß sie Buße tun und sich von
ihren Sünden bekehren sollten, ehe sie die Todesstun-
de merkten. Sie fragten, ob wir alle selig werden; ich
sagte, daß der Herr denen die Seligkeit verheiße, die
seinen Willen tun, und ihn nicht verleugnen, wenn sie
auch hier um seines Namens willen leiden müssen;
von solchen sagt der Apostel: Aus Gnaden seid ihr
selig geworden, denn wenn wir auch alles tun, was
wir können, so sind wir doch unnütze Knechte, und
müssen auf Gottes Gnade vertrauen. Ich hätte hier
gern noch einige Sprüche anführen mögen, aber sie
fielen mir allzu sehr in die Rede; ich sagte ihnen, sie
hätten eine eitle Hoffnung oder dergleichen Worte,
und das um ihrer Sünden willen, gleichwie der Pro-
phet sagt: Eure Sünden scheiden euch und euren Gott
voneinander. Darüber entrüsteten sie sich; ich aber
dachte, sie hätten nicht nötig, zornig zu werden, ins-
besondere der Kerkermeister; ferner sagte ich, daß es
jetzt zu gehen pflege, wie der Prophet sagt: Wer vom
Bösen abweicht, muss jedermanns Raub sein, und wie
Christus sagt, daß uns jedermann hassen werde. Da
fielen sie alle mir wieder in die Rede, und sagten end-
lich, daß man mich fortbringen sollte. Es war aber ein
Mann unter ihnen, der zum Kerkermeister sagte, er
wollte mir zuvor zu trinken bringen; darüber gerieten
wir aufs Neue ins Gespräch; aber ich konnte mit mei-
nen Reden nicht recht ankommen, obgleich ich mich
gern um eines redlichen Mannes willen ausgespro-
chen hätte, der dabei war und den Stockmeister selbst
strafte, weil er so zornig war. Da brachte mir der Stock-
meister ein Glas Wein, wofür ich ihm mit den Worten
dankte: Wohl bekomme es dir! Er fragte, warum ich
nicht sagte: Gott segne dich! Ich erwiderte: Wir sol-
len den Namen des Herrn nicht missbrauchen wie
die Trunkenbolde und Hurer zu tun pflegen. Darüber
entrüsteten sie sich sehr, daß sie mich fortbrachten,
ohne mir einen Trunk zu geben. Gott sei gelobt und
gedankt für seine große Gnade, weil er den Seinen
alles gibt, was ihnen zur Seligkeit nötig ist. Es ist mir
gesagt worden, meine Schwestern, daß sie mir die-
518
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ses nur getan hätten, um zu sehen, ob ich nicht von
dem Herrn abweichen sollte; gleichwohl haben sie,
soviel ich weiß, mich nicht einmal ermahnt von mei-
nem Glauben abzufallen. Haltet mir mein einfaches
Schreiben zugut; mich verlangt sehr nach dem Tage
unserer Erlösung. In dieser Nacht war ich so freudig,
weil ich gehört hatte, daß unsere Erlösung so nahe
wäre, daß mir vor Freuden die Tränen aus den Augen
fielen. Dem Herrn sei für seine große Gnade gedankt;
wir hoffen, die Zeit in Geduld zu erwarten; vielleicht
dachten sie mich damit zu erschrecken, aber ich bin
darüber erfreut; Gott sei gelobt, der mir solche Kraft
gibt. Ach, meine Schwestern! Sollte man sich nicht
freuen, daß man so bald von jeder Widerwärtigkeit
durch des Herrn Gnade erlöst werden soll? Ach, wä-
ren wir hierzu tüchtig, welch eine große Freude wäre
das für mich! Doch hoffe ich darauf, durch die große
Gnade des Herrn, wiewohl ich dessen unwürdig bin,
ach, wäre es einmal soweit, daß mir der glühende
Ofen zubereitetet wäre! Ach, wäre es soweit, daß ich
in der engen Pforte stände, wo man Fleisch und Blut
zurücklassen muss; dann würde es bald geschehen
sein. Ach, meine lieben Schwestern! Ich bin so wohlge-
mut und erlange solche Kraft von dem Herrn, daß ich
es nicht aussprechen kann; er müsse ewiglich gelobt
sein für seine große Gnade, die er an mir erweist; ich
erfahre nun wohl, daß derjenige, der in seinen beiden
auf den Herrn allein vertraut, solche Herzensfreude
hat, die niemand wissen kann, als der sie empfindet.
Lebt wohl, und seid Gott in Gnaden befohlen; bittet
Gott den Herrn für mich; ich will ein Gleiches für euch
tun.
Geschrieben von mir, eurem schwachen Bruder,
Abraham Picolet.
Thys Jeuriaenß und Jan Claes, im Jahre 1569.
Unter dieser dunklen und blutigen Regierung des
Antichristen sind noch zwei fromme Brüder in der
Tyrannen Hände gefallen, von welchen der eine ein
Diener des Wortes war, Thys Jeuriaenß hieß, und in
Nordholland, zu Harop im Wasserlande, wohnhaft
war; der andere aber hieß Jan Claes, war bei Wesop
geboren und in dieser Stadt wohnhaft; derselbe war
noch ein junger Geselle und ungefähr 25 Jahre alt. Als
nun der gemeldete Thys Jeuriaenß nach Muyen bei
Amsterdam zog, um die Gemeinde Gottes mit dem
Worte zu bedienen, so ist gemeldeter Jan Claes nebst
einer Gesellschaft auch nach Muyen gezogen, um der
Ermahnung mit beizuwohnen. Man hat ihn aber dort
nebst Thys Jeuriaenß verhaftet und zu Muyen auf
das Schloss gebracht, wo sie ungefähr ein halbes Jahr
gefangen saßen. Von da sind sie nach Grafenhaag
geschickt worden, wo sie auch ungefähr ein halbes
Jahr in Haft waren, bis man sie endlich wieder nach
Muyen geschickt hat. An gemeldetem Orte sind sie
ungefähr nach drei Monaten verurteilt worden, daß
sie an Pfählen erwürgt und verbrannt werden soll-
ten. Solches ist auch geschehen, und nachdem man
sie erwürgt und ihnen das Gesicht schwarz gebrannt
hatte, hat man sie außerhalb des Dammes bei Muyen
den Vögeln preisgegeben. Weil nun diese frommen
Zeugen Gottes dieses aller erlitten haben (nicht um
irgendeiner begangenen Missetat, als worüber sich
die Strafe der weltlichen Macht allein erstreckt), son-
dern allein um der Wahrheit des Wortes Gottes und
des guten Gewissens willen, so stehen sie auch unter
der seligen Verheißung Gottes, der gesagt hat: Selig
sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden,
denn das Himmelreich ist ihr. Und gleichwie sie ihre
Leiber hier zur Befestigung der Wahrheit um Christi
willen übergeben haben bis in den Tod zu einem le-
bendigen, heiligen und Gott wohlgefälligen Opfer, so
werden sie auch diese ihre sterblichen und vergäng-
lichen Leiber in der Auferstehung der Gerechten in
einer ewigen herrlichen Unsterblichkeit wieder emp-
fangen und mit Christo, den sie hier bekannt haben,
in Ewigkeit leben.
Das obige Zeugnis von dieser Aufopferung haben
wir aus Symon Fytß Munde empfangen, der ein Leh-
rer der Gemeinde Gottes auf dem Texel war, und der,
als dieser Gemeldete verhaftet wurde, in einer Neben-
kammer sich befunden, auch im Gefängnisse besucht
und mit seinen Augen den standhaften Ausgang aus
dieser Welt angesehen hat.
Dieser Thys Jeuriaenß ist ein sehr eifriger Nachfol-
ger Christi gewesen, welcher auch aus dieser seiner
langwierigen Gefangenschaft viele schöne Briefe zum
Tröste der Gottesfürchtigen geschrieben hat, von de-
nen einige in einem besonderen Büchlein vorlängst
durch den Druck veröffentlich worden sind. Diesel-
ben handeln unter anderem von der Zukunft Jesu
Christi und seiner Menschwerdung und von seinem
Ausgange; desgleichen auch vom freien Willen des
Menschen. Von diesen Briefen wollen wir dem Leser
(um Weitläufigkeiten zu vermeiden) hier zwei mittei-
len; sie lauten wie folgt:
Die mannigfaltige Gnade unsers Gottes, und die
überfließende, tiefe Liebe seines Sohnes Jesu Christi,
samt der unergründlich reichen Barmherzigkeit un-
sers lieben Herrn Jesu Christi, der uns in das Reich
seiner Liebe versetzt und uns von dieser argen, bösen
Welt nach dem Willen Gottes, unseres himmlischen
Vaters, erlöst hat, die Gemeinschaft, Liebe, Freude,
den Trost, samt der starken Kraft seines Heiligen Geis-
tes, wünschen wir allen lieben Brüdern und Schwes-
519
tern, und allen unsern Glaubensgenossen, sowie viele
Weisheit, Geduld, einen tapferen Glauben, unbewegli-
che Hoffnung, wie auch den Panzer, Helm und Har-
nisch unseres Gottes, samt dem festen Siege und dem
triumphierenden, zweischneidigen Schwerte des Geis-
tes und der Kraft Gottes, durch das Blut des Lammes.
Diesem hohen Gott und Herrscher, und seinem gebe-
nedeiten Sohn sei Kraft, Stärke, Gewalt, Preis, Ehre
und Herrlichkeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Ich begehre aus reinem Herzen mit dem Propheten
Daniel, der in Babel gefangen war, aus reiner Liebe die
Fenster meines Herzens gegen Jerusalem, die ange-
nehme Stadt meines Gottes, zu öffnen, um sie einmal
liebreich anzuschauen mit fröhlichem Herzen, und ihr
ein fröhliches Angesicht aus reiner Liebe zu zeigen,
um ihr die Augen der angenehmen Begierden zuzu-
kehren, und ihr, aus reiner Liebe, einen liebreichen,
fröhlichen und freudigen Anblick, und einen erfreu-
lichen Schall zu geben; denn Jerusalem heißt so viel
als ein Gesicht des Friedens. Diese geschmückte und
angenehme Stadt Jerusalem hat der Engel Gottes dem
Apostel Johannes gewiesen und gezeigt; im Geiste hat
er sie in einem Gesichte gesehen, mit einem fröhlichen
Herzen und bekannt, daß Jerusalem ein Angesicht
des Friedens sei; darum kann man sie nur durch das
Gesicht des Friedens anschauen; Johannes hat sie im
Gesichte gesehen und mit dem Geiste der Wahrheit
erkannt; darum kann sie auch jetzt niemandem an-
ders als durch das Gesicht des Geistes und durch den
Geist der Wahrheit bekannt werden. Diese Stadt hat
die Herrlichkeit Gottes, ihre Straßen sind von laute-
rem Golde; hier ist der Strom des Lebens klar wie ein
Kristall. In Summa, hier ist der angenehme Baum, der
jeden Monat seine Früchte hervorbringt; seine Blätter
dienen zur Gesundheit, denn es sind Früchte des Le-
bens. Diese Stadt hat hohe Mauern, zwölf Gründe und
zwölf Tore, auch hat sie zwölf Wächter, die zwölf Po-
saunen oder Trompeten haben, deren liebliches Getön
und angenehmer Klang meine Seele erfreut; dieses
ist das fröhliche, liebliche und süße Getön, das Jo-
hannes erfreute, denn es war, als ob man auf Harfen
spielte. Der Klang und das Getön von mancherlei, mu-
sikalischen Spielen in Babel war eine Veranlassung,
daß die Babylonier niederfielen und das hohe Bild
anbeteten; aber dieses Getön erfreut meine Seele mit
der Freude des heiligen Geistes; diese Stadt ist viel
herrlicher als alle Städte; denn Gott ist ihr Schöpfer
und Baumeister; diese Stadt fährt vom Himmel herab,
zubereitet als eine geschmückte Braut ihrem Manne,
und ich hörte eine Stimme sagen: Sieh da, eine Hütte
Gottes; denn Gott selbst wird mit ihnen sein und al-
le Tränen von ihren Augen abwaschen; seht, hier ist
der geistige Salomo dieses geistigen Tabernakels oder
Tempels; hier ist das geistige Meer, das von zwölf Rin-
dern oder zwölf Ochsen getragen wird. In Summe:
Hier ist alles geistig, hier sind, nach Petri Begehren,
lauter lebendige Steine an diesem lebendigen oder
geistigen Tempel oder Hause. Hier bringt man die
goldenen Gefäße voll Rauchwerks zum Altäre des
Herrn; diese goldenen Rauchfässer voll Rauchwerks
schüttet man aus vor dem Herrn, denn es sind die Ge-
bete der Heiligen. Also werden alle Dinge im Geiste
und in der Wahrheit erneuert, denn hier ist das geisti-
ge Paradies, welches von Gott selbst gepflanzt oder
gegründet ist; hier isst man vom Baume des Lebens;
hier ist der geistige Adam, von welchem der wirkliche
ein Vorbild war, welchem Bilde alle Christen nachja-
gen, bis sie ihm in der Schwachheit gleich sind; denn
sie müssen dem Bilde seines Sohnes gleich weiden;
hier ist auch die geistige Eva und die Braut, die von
diesem geistigen Manne durch den geistigen Schlaf
hergekommen, und also Fleisch von seinem Fleische,
und Bein von seinem Beine ist; hier hat auch Johannes
die geistige Arche im Geiste und in der Wahrheit bese-
hen; hier geht man geistiger Weise in die Arche Gottes
durch die Taufe Jesu Christi ein, sodass man inwendig
durch Feuer und den Heiligen Geist dazu angetrieben
worden ist, und auswendig sind alle bösen fleischli-
chen Lüste mit demselben Wasser ertränkt und wir
in seinem Tode getauft; denn gleichwie in der Sünd-
flut alles Fleisch unterging, so muss nun auch durch
die Taufe alle Lust des Fleisches untergehen, und au-
ßer der Arche sterben, was durch das Vorhergehende
abgebildet worden ist. Da ist die geistige Taube, die
den geistigen Ölzweig in die Arche des Herrn brachte;
denn gleich wie die Taube in die Arche Noah einen
Ölzweig in ihrem Mund brachte, zum Beweise, daß
sich das Wasser der Sündflut verlief, so ist auch der
Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf Christum her-
abgefahren, zum Beweise, daß er Gottes Sohn sei, wie
zum Johannes dem Täufer gesagt worden ist: Auf wel-
chen du wirst sehen den Geist herabfahren, der ist
es, und seiner zum Beweise, daß die Sündflut oder
die Strafe gewichen, die Freude aber und fröhliche
Botschaft angekommen sei.
Seht, das ist die geistige Taube, wie Esra sagt: Aus
allen Vögeln hast du dir eine Taube erwählt; auch
sagt Christus zu den Jüngern: Seid unschuldig wie
die Tauben. Diese Tauben bringen denen den ange-
nehmen Ölzweig (welcher Christus ist) die ihn mit
Noah begehren und im Glauben aufnehmen. Mich
verlangt noch einmal mit den Augen der Liebe und
dem Angesichte des Friedens mein Herz und Gemüt
mit Johannes nach dem herrlichen Weibe zu wenden,
nach dem der Herr sie mir durch den Glauben und
das Gesicht seines Wortes bewiesen und gezeigt hat;
520
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
denn ihre Schönheit hat mich angezogen, und ihr Lieb-
reiz hat mich entflammt, ich bin ihr zugeneigt; sie hat
mit ihrem süßen Gesang mein Herz überwunden. Sie
hat mich mit ihren angenehmen Augen gefangen; sie
hat mich mit himmlischen Banden gebunden, denn
ihr Band ist der Gürtel der Wahrheit, das Band des
Friedens und der Liebe.
Durch sie habe ich meines Vaters Haus vergessen;
wie angenehm und lieblich ist dieses Weib, wie herr-
lich sind ihre Kleider! Dieses Weib hat eine Krone von
zwölf Sternen auf ihrem Haupte; sie ist auch mit der
Sonne bekleidet, und der Mond ist unter ihren Fü-
ßen; auch werden ihr zwei Flügel gegeben, um dem
Drachen zu entfliehen; dieses Weib ist geistig, darum
müssen wir es auch mit geistigen Augen anschauen;
alle Hoffärtigen und Ruhmredigen mögen ihre Schön-
heit nicht anschauen; sie ist mit der Sonne bekleidet,
mit der klaren Sonne des Verstandes und der Wahr-
heit, sagt die Schrift.
Ich freue mich mit Johannes, denn er sagt: Lasst uns
freuen und fröhlich sein, denn die Hochzeit des Lam-
mes ist gekommen und seine Braut hat sich bereitet.
Und es ward ihr gegeben, sich mit glänzender weißer
Seide zu kleiden; die Seide aber ist die Gerechtigkeit
der Heiligen.
Wer nun dieses Weib hört, der gewinnt sie lieb, und
wer seine Augen und sein Angesicht liebreich zu ihr
wendet, und ihre Schönheit ansieht, der wird von ih-
rer Schönheit gefangen, denn sie ist die Königin des
Sohnes des allerhöchsten Gottes. Dieses Weib schenkt
von dem unverfälschten süßen Weine ein, der aus
dem reinen Weinstocke kommt. Über dieses Weib,
oder diese Stadt Jerusalem, will ich mich mit David
erfreuen und sagen: Ich will lieber der Türe hüten in
dem Hause meines Gottes, als lange wohnen in der
Gottlosen Hütten. O Jerusalem! Du Stadt Gottes, herr-
liche Dinge werden in dir gepredigt, denn der Herr
liebt die Pforten Zions über alle Wohnungen Jakobs.
O Jerusalem! Du schönste, lieblichste und herrlichste
Stadt, über alle königlichen Städte! O Jerusalem! Du
liebliche Stadt, du Angesicht des Friedens, über dir ist
der König des Friedens, der starke Gott; Herr ist sein
Name; sieh, das ist das angenehme Gesicht meiner
Augen, das ich zu dir kehre; das sind die Fenster der
Freuden, daß ich dich anschaue. Noch einmal muss
ich durch die Fenster der göttlichen Wahrheit deine
Herrlichkeit anschauen; meine Augen und mein An-
gesicht sind so fest auf dich gerichtet, daß mir die Trä-
nen über die Wangen laufen; ich kann meine Augen
und mein Angesicht nicht von dir wenden; obschon
die Winde mir ins Gesicht wehen, und die Augen
voller Tränen fließen, so will ich gleichwohl mit dem
schönen, angenehmen, reinen und weißen Schnupftu-
che, das mir meine Allerliebste geschenkt hat, meine
Augen abtrocknen, damit ich sie mit desto mehr Klar-
heit anschauen möge. Sieh, so will ich denn nun mit
dem lieben Propheten David meine Herzenslust zu
dir wenden, und will dir meinen Herzenswunsch mit-
teilen und sagen: Jerusalem ist gebaut, daß es eine
Stadt sei, wo man Zusammenkommen soll, um dem
Volke Israel zu predigen und dem Namen des Herrn
zu danken, denn dort stehen die Stühle, die Gerichts-
stühle des Hauses Davids. Wünscht Jerusalem Glück,
es müsse denen wohlgehen, die dich lieben; es müsse
Friede sein inwendig in dir, in deinen Mauern, und
Glück in deinen Palästen. Um meiner Brüder und
Freunde willen will ich dir das Beste wünschen. Frie-
de sei mit euch allen. Bewahret euren Fuß, wenn ihr
zum Hause des Herrn geht. Von diesem Hause leset
Jes 2; Mi 4.
Wir arme Gefangene in dem Herrn und Gebun-
dene Jesu Christi um des Zeugnisses unseres Gottes
und der unwidersprechlichen Wahrheit unseres lieben
Herrn und Heilandes Jesu Christi willen, auch mit ab-
gesondert und ausgebannt um der Wahrheit und des
Zeugnisses willen, welches wir fest halten, wünschen
Heil, Freude, Wonne, Liebe, Trost und Kraft, samt der
Gemeinschaft, Wirkung und Kraft des Heiligen Geis-
tes allen unsern Brüdern und Schwestern, die um der
wahren Erkenntnis Jesu Christi und der Furcht Gottes
willen von den Stolzen verstoßen und unterdrückt
sind, zum Beweise sowohl ihrer tiefen Blindheit und
Vermessenheit, als auch eurer aller Geduld und reinen
Furcht Gottes. Summa, zum Beweise, daß ihr durch
Kraft unseres Gottes im Glauben bewahrt werdet, und
daß das Wort unseres Gottes fest sei, daß euch nämlich
die Pforten der höllischen Feinde nicht überwältigen
werden. Der starke Gott mit seiner mächtigen Stärke
und seinem Worte müsse fernerhin uns alle durch den
überschwänglichen Reichtum seiner Gnade bewah-
ren; ihm sei dafür Preis, Ehre, Glorie, Gewalt, Kraft
und Stärke in der Herrlichkeit von Ewigkeit, zu Ewig-
keit, Amen.
Aus reiner brüderlicher, unverfälschter Liebe und
aus dem Innersten unserer Seele und der Tiefe unseres
Herzens mit einem reinen Gewissen, an alle gebun-
denen, unterdrückten, beschwerten und geängstigten
Seelen; an euch ist dies mein einfaches und schlechtes
Schreiben aus reinem Herzen gerichtet, als ein Tröpf-
lein vom Morgentau, welches herabtrieft zur Labung,
Abkühlung, Trost und Erquickung eurer Herzen. Des-
halb bitte ich euch alle, aus meinem ganzen Vermögen,
ja, aus meinem innersten Herzensgründe, auch durch
das Kreuz und Leiden unseres Herrn Jesu Christi, und
durch seinen bittern Tod und sein teures Blut, das für
uns alle vergossen ist, erkennt doch und begreift mit
521
reinen, sauberen Augen, Ohren und Herzen. Ach, Brü-
der und Schwestern! Schaut doch fleißig an und seht
mit Ernst, wovon euch des Herrn starke Kraft, sein
Geist und Wort befreit und erlöst habe; des Herrn
Hand hat euch mit Macht freigemacht, damit ihr nicht
mit der schweren Finsternis und Blindheit gestraft
werdet, worin viele gefallen sind. Auch hat euch Gott
vor allen Plagen und Zauberkünsten in Ägypten wohl
bewahrt, worüber jetzt so viele ihre erste Geburt ver-
lieren.
Ach, Brüder und Schwestern! Seid darauf bedacht,
weil eure Hoffnung auf den lebendigen Gott fest und
gewiss ist; darum hat das verzehrende und verschlin-
gende Feuer (das alles verschlingt) euch weder ver-
schlingen, noch verzehren können, und obgleich man
in den heißen Ofen zu Babel allen Zorn, alle Klugheit
und Fist angewandt hat, ja, meine Freunde, obgleich
die Löwen in Babel mit ihren Zähnen knirschen, so
haben sie euch mit Daniel doch nicht verwundet, Gott
sei ewig dafür gelobt. Darum, meine geliebten Brüder
und Schwestern, die ich von ganzem Herzen liebe,
die Kraft des Herrn hat euch vor diesen und andern
Dingen bewahrt, denn durch seinen Sieg habt ihr das
Feld erhalten, und werdet es fernerhin behalten, so-
dass ihr das Ende eures Glaubens zu eurer Seligkeit
davonbringt, Amen.
Ich bitte euch alle mit ungefärbtem Glauben, tut
doch einmal eure Herzen auf; bedenkt und beherzigt
im Geiste und in der Wahrheit den Spruch des Pro-
pheten: Eure Brüder, die euch hassen und euch um
meines Namens willen absondern, sprechen: Lasst se-
hen, wie herrlich der Herr sei; lasst ihn erscheinen zu
eurer Freude; die sollen zu Schanden werden, spricht
der Herr.
Feiner, an einem andern Orte, sagt der Prophet: Wir
gesellen uns nicht zu den Spöttern, noch freuen wir
uns mit ihnen, sondern bleiben allein vor deiner Hand,
denn du zürnest sehr mit uns; auch seid mit aufmerk-
samem Herzen des Wortes des Propheten eingedenk:
Ich will in dir (sagt der Herr) ein armes, geringes Volk
erhalten, das auf des Herrn Namen trauen wird. Die
Übergebliebenen in Israel werden keine Bosheit tun,
noch Lügen reden; auch wird man in ihrem Munde
keine betrügliche Zunge finden, sondern sie werden
ohne alle Furcht weiden und ruhen.
Jauchze, du Tochter Zion, rufe, o Israel! Freue dich,
und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Je-
rusalem, denn der Herr hat deine Strafe hinwegge-
nommen und deine Feinde abgewandt; der Herr, der
König Israel, ist bei dir, sodass du dich vor keinem
Unglücke fürchten darfst. Alsdann wird man zu Je-
rusalem sagen: Fürchte dich nicht, und zu Zion: Laß
deine Hände nicht träge werden, denn der Herr, dein
Gott, ist bei dir, ein starker Helfer; er wird sich über
dich erfreuen und dir freundlich sein, und es dir ver-
geben, und wird über dir mit Schall fröhlich sein.
Diejenigen, die durch Aussätze geplagt waren, will
ich hinweg nehmen, daß sie von euch kommen, wel-
che Aussätze ihnen zur Last waren, darüber sie ver-
schmäht wurden: Seht, ich will mit all denselben ein
Ende machen zur selben Zeit, die euch plagen.
Auch sagt der Prophet Hesekiel: Darum, daß ihr
das Herz der Gerechten fälschlich betrübt, die ich
nicht betrübet habe, und die Hände der Gottlosen
gestärkt habt, daß sie sich von ihren bösen Wegen
nicht bekehren, damit sie lebendig bleiben möchten.
Seht, meine werten und auserwählten Brüder und
Schwestern, an solchen und dergleichen Sprüchen
habt ihr Trost und Freude, welche Freude und Wonne
ihr darin mit den Betrübten in Israel finden könnt; dar-
um kommen euch diese Sprüche zu; es ist in rechter
Gottesfurcht geschehen, denn mit einem geängstigten
Gewissen haben wir ihr (Gott sei gelobt) abgesagt,
nach dem Worte des Propheten und der Lehre des
Apostels. Ja, ich bezeuge vor dem Herrn, vor seinen
Engeln und Heerscharen, daß mich verlangt, durch
des Herrn Hilfe und Gnade, dies mit meinem Flei-
sche, Blute und Tode zu bezeugen, und daß ich von
ganzem Herzen dazu bereit stehe. Dieses ist der feste
Grund der Wahrheit, fest und unwidersprechlich; ich
zweifle nicht daran, daß sie Unrecht, wir aber durch
Gottes Gnade Recht haben. Darum warte ich darauf
mit Verlangen, ihr Unrecht mit fröhlichem Gemüte
bis in den Tod zu bezeugen, und meinen Glauben
nebst meiner geringen Gabe zu befestigen. Der Herr
wolle mich und meine Mitgefangenen stärken, aber
wir müssen zuvor den bittern Kelch mit Furcht und
Beten trinken. Möchten wir ihn nur schmecken, denn
ich habe mich dem hingegeben, der zuerst für mich
dahingegeben worden ist. Deshalb bitte ich noch um
die Gemeinschaft und Einigkeit des Geistes willen,
daß doch jeder die Bruderschaft liebe. Ach, Brüder
und Schwestern in einem reinen Heizen und treuer
Liebe, habt doch darauf Achtung, denn wir sind alle
mit einem Geiste getränkt und zu einem Leibe getauft;
darum befleißige sich jeder, einer dem andern in der
Liebe zu dienen; haltet euch fest an den Leib Christi,
bleibt bei euren Gliedern; trennt und sondert euch
nicht ab von ihnen. Ein jeder achte den andern höher
als sich selbst; dann könnt ihr getrost und im Frie-
den beieinander bleiben, das gebe euch und uns der
allmächtige Gott, Amen.
Drittens bitte ich durch die Kraft des Geistes und
durch den Überwinder Jesum Christum, ja, ich bit-
te euch durch die Liebe des Vaters zu uns, denn voll
Freude, Geist und Wonne ist das Wort; gleichwie mich
522
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
mein himmlischer Vater liebt, ebenso liebe ich euch;
bleibt in meiner Liebe. Ach, Brüder und Freunde, gebt
darauf Achtung, die Liebe soll, nach dem Vorbilde
Christi, fest und gewiss sein, denn darin hat sich die
Liebe an uns offenbart, bekannt gemacht und erwie-
sen, ja, darin steht die Liebe fest, welche sein Sohn
durch seinen Tod, durch sein Blut und Bekenntnis be-
zeugt hat. Ach, meine geliebtesten Freunde! Dieses ist,
wie Johannes schreibt, die rechte Messschnur. Denkt
demselben nach mit Aufmerksamkeit des Flerzens.
Viertens bitte ich ferner E. L„ überlegt es mit gründ-
lichem Herzen, prüft und durchforscht euch selbst,
auswendig und inwendig, nach dem Worte Gottes
mit lebendigen und nüchternen Sinnen, bestraft euch
selbst damit, folgt ihm nach, und haltet es fest. Ach,
haltet euch fest an das Wort Gottes, dann werdet ihr
nimmermehr betrogen!
Fünftens bitte ich meine Brüder und Schwestern,
der ich euch von ganzem Herzen liebe; wollt ihr eure
Seelen erhalten, so nehmt die Warnung des Heiligen
Geistes an, daß in den neuesten Zeiten viele vom Glau-
ben abfallen und den verführerischen Geistern anhän-
gen werden. Ach, Brüder und außerwählte Schwes-
tern! Überlegt es und lernt die Geister kennen, die, die
nur Lügenredner sind. Ach, prüft die Geister mit Fleiß
durch den Glauben und der Erkenntnis des Wortes
Gottes; macht einen Unterschied zwischen den guten
und bösen Gewissen der Menschen! Ach, erkennt mit
Fleiß, und lernt diejenigen kennen, welche zerrütte-
te Sinne und einen Schein eines gottseligen Lebens
haben, aber die Kraft des Geistes verleugnen. Diese
Punkte und mehrere andere haltet nicht verächtlich,
und lasst sie niemals aus eurem Herzen weichen, son-
dern haltet sie fest nach dem Worte Gottes; prüft alle
Geister und wägt sie darnach ab, dann werdet ihr er-
kennen, in welcher Form und Gestalt sie stehen. Ach,
Brüder! Hütet euch durch die reine Furcht Gottes, hü-
tet euch allenthalben, daß niemand seinen Verstand
oder sein Gewissen zu einem Haupte aufwerfe, und
wieder ins Wilde laufe, sondern lasst Herz und Gewis-
sen wachsen und zunehmen, nach dem Worte Gottes.
Lasst euren Verstand von der unverfälschten Milch
und vom Weine aus dem reinen Weinstocke Christo
sein; erquickt eure Herzen mit den quellenden Was-
sern. Haltet euch fest an die Quelle und den Stein bis
in den Tod.
Endlich bitte ich eure Liebe nochmals durch das
Schreien Jesu Christi und das Weinen des Apostels
Paulus, und die vielen Tränen des Propheten Jeremia,
ihr wollet doch mit Fleiß und Ernst darauf bedacht
sein, und mit einem lebendig wirkenden Glauben
nachdenken, daß ihr euch fest haltet an den festen
und unbeweglichen Grund in Zion, und davon nicht
abweicht. Meine Brüder, wir erwarten mit Sehnsucht
unsern Abschied von hier, darum helft uns für den
Glauben streiten und denselben bis in den Tod ver-
teidigen; wir hoffen durch seine Kraft, starke Gnade,
Hilfe und Trost euch voranzugehen, wenn es sein gött-
licher Wille ist. Unsere Leiber haben wir dem überge-
ben, der unsere Seelen mit seinem teuren Blute erkauft
hat.
So wollen wir denn, meine lieben Brüder und
Schwestern, euch hiermit gute Nacht sagen, und für
dieses Mal Abschied von euch nehmen; wenn es des
Herrn Wille wäre, so wollte ich wohl von Herzen, daß
es unser ewiger Abschied bis ins ewige Leben sein
möchte; es geschehe an uns sein göttlicher Wille.
Wir lassen alle Brüder und Schwestern, die uns im
Glauben lieb haben, insbesondere die Vertriebenen,
grüßen, aus reiner brüderlicher und unverfälschter,
heilsamer Liebe, durch die starke Kraft, durch das
Wort und den Frieden unseres lieben Herrn Jesu Chris-
ti bis in seine ewige Glorie und Herrlichkeit, Amen.
Ferner bitte ich, ihr wollet uns arme, elende und
schwache Glieder nicht vergessen; haltet unser Schrei-
ben zu gut; es ist aus Liebe geschehen; wir hätten
mehr geschrieben, aber es ist jetzt nicht mehr nötig;
auch kann es uns bald benommen werden, denn wir
sind mit einer Kette wie Pferde aneinander geschlos-
sen; wir erwarten Nachricht von dem Statthalter, wie
der Amtmann mit uns verfahren soll.
Der Geist des Friedens, Liebe, Freude, Friede, Trost
und Gnade sei über alle Gottesfürchtigen; insbeson-
dere wünschen wir den Vertriebenen viel Gutes, die,
um des Zeugnisses der Wahrheit willen, durch ihren
Glauben den Gottlosen überwunden haben und noch
überwinden in Christo. Der Geist des Friedens sei mit
eurem Geiste, Amen.
Geschrieben den 15. Tag unserer Gefangenschaft;
ich hoffe, daß wir, durch Gottes Gnade, mit einer star-
ken Kette der Liebe gebunden seien; die Liebe bleibe
fest bis in den Tod. Von mir, Thys Jeuriaenß.
Ich bitte euch alle, meine Brüder, Schwestern und
dich, als ein Gefangener in dem Herrn, durch die
Barmherzigkeit Gottes und die Zukunft unseres
Herrn Jesu Christi, und durch unsere Versammlung
zu ihm, daß ihr euch nicht erschrecken lasst, weder
durch Geist, noch durch Wort, noch durch Brief, als
von uns gesandt. Dieses ist des Paulus treue Warnung
an seine Freunde.
Noch ein Brief von Thys Jeuriaenß, im Gefängnis
an die Freunde in Edam geschrieben, im Jahre 1569.
Meine lieben Brüder und Schwestern, die ihr der Art
unseres allerheiligsten und christlichen Glaubens teil-
523
haftig seid, ich wünsche euch die Waffen des Lich-
tes, um wider die Werke der Finsternis zu streiten, ja,
aus meines Herzens Grunde und dem Innersten mei-
ner Seele, wünsche ich euch eine neue Zeitung, eine
fröhliche Botschaft, einen evangelischen Gruß, Gna-
de, Barmherzigkeit, Frieden, Langmut, Liebe, Trost,
Weisheit und Standhaftigkeit; ja, von Gott, unserm
himmlischen Vater, alle seine himmlischen Schätze
und Reichtümer, durch Jesum Christum, unsern Ge-
ber, der sie uns ausgeteilt, unsern Propheten, hohen
Apostel und obersten Priester, unsern Grund, unser
Fundament und unsern Eckstein in Zion, unsere Po-
saune und unser Horn des Heils in dem Hause Davids
und Lager Israels, unsern Weg, unsere Türe, unsere
Wahrheit und Leben, unsern Versöhner, Mittler und
unsere Fürsprache, unsern Frieden, unsere Genugtu-
ung und Gerechtigkeit, unsere Opfertaube und unser
Osterlamm, unsere Sonne, unser Licht und Morgens-
tern, unsern angenehmen Emanuel, unsern Frieden,
Trost und Herzog des Glaubens, unsern Hirten, Da-
vid und Salomo dem Geiste nach, unsern Tröster, der
uns fröhlich macht, unsere Freude, Wonne, Kraft und
Stärke, unsere Burg, unser Schloss, unsere Mauer und
Festung, unsern Helden, Streiter und Überwinder, der
das Gefängnis gefangen geführt, der dem Tode seine
Macht, Kraft und Stärke genommen hat, das ist, dem
der des Todes Gewalt hatte, und das Leben und unver-
gängliche Wesen ans Licht gebracht, die Fürstentümer
und Gewaltigen ausgezogen, und einen Triumph aus
ihnen gemacht durch sich selbst, den Zaun zerbro-
chen, die Handschrift zerrissen und ans Kreuz gehef-
tet, die Verheißungen erfüllt, dem Gesetze Genüge
getan, das Testament mit seinem Tode befestigt, mit
seinem Blute versiegelt, alle Dinge erneuert und unter
seine Füße gelegt hat, und ist zum Gnadenstuhle auf
die Arche Gottes über die Cherubim ins Allerheiligste
gesetzt, das ist, zu einem Haupte seiner Gemeinde, in
Ewigkeit, Amen.
Weil ihr oft in unserm Herzen seid, werte und in
Gott geliebte, geheiligte Brüder und Schwestern, so
können wir nicht unterlassen, eure Liebe mit unserm
unwürdigen Schreiben, und im Geiste durch die Liebe
zu besuchen, denn obgleich wir, dem Fleische nach,
nicht beisammen sind, so sind wir doch im Geiste
beieinander, sind fröhlich und erfreuen uns in unsern
Banden; im Fleische zwar sind wir betrübt, aber im
Geiste fröhlich und erfreut, wenn wir eure liebe Fröm-
migkeit, brüderliche Liebe, Gottseligkeit, eures Glau-
bens Festigkeit und die Gewissheit und Beständigkeit
des Gemütes, die Standhaftigkeit in dem Gehorsam
des Evangeliums, die Freimütigkeit Jesu Christi und
Stärkung unseres Gottes durch die Kraft seines Heili-
gen Geistes betrachten. Darum bleibt auch das Wort
Gottes bei euch, und ihr habt den bösen Feind über-
wunden; solches kann niemand tun, als wer in Gott,
durch Jesum Christum gegründet, eingewurzelt und
befestigt bleibt; ebenso muss auch Gott durch Chris-
tum in ihm wohnen, wandeln und ruhen, das ist, es
muß das Wort Gottes und die heilsame Erkenntnis,
eine unüberwindliche Liebe, Glaube und Hoffnung,
und das noch in des Geistes Kraft, eine Widerlegung,
und das unüberwindlich, in dem festen Grundsteine
in Zion, welcher den Ungläubigen ein harter Prüf-
stein des Anstoßes und der Ärgernis ist, vorhanden
sein. Darum, wer auf ihn fällt, der wird zerbrechen
und zerschellen; auf welchen er aber fällt, den wird er
zermalmen, das ist vernichten.
So ist demnach unser unwürdiges Schreiben nicht
insbesondere an eure Liebe gerichtet, auch nicht eure
Liebe zu lehren, oder zu vermahnen geschrieben, ach
nein! Ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist; dar-
um seid ihr alle in Gott gelehrt und erleuchtet durch
Jesum Christum und durch den Heiligen Geist. Dane-
ben habt und kennt ihr die Heilige Schrift, die euch
unterweisen und zur Seligkeit ermahnen kann, son-
dern wir Unwürdige bitten und wünschen Tag und
Nacht, von dem heiligen Gott, dem König der Ewig-
keiten, dem Vater der Lichter und der Barmherzigkeit,
daß er uns und euch in seine grundlose Gnade und
durch seinen Heiligen Geist stark und kräftig machen
wolle, in dem Geiste des Gemütes, nach dem inwen-
digen Wesen des Herzens, damit Christus Jesus durch
den Glauben nach dem inwendigen Menschen in uns
wohne, gegründet und gebaut, fest und unbeweglich
durch die Hoffnung des Evangeliums, damit wir mit
allen Heiligen Gottes und mit allen christgläubigen,
auserwählten Kindern Gottes erkennen und begrei-
fen mögen, was seine überschwängliche Kraft und
Stärke sei, der Reichtum seiner Herrlichkeit, und sei-
ne grundlose Gnade, ja, die Höhe, Tiefe, Breite und
Länge, und die Liebe Gottes und Christi zu erkennen,
die alle Erkenntnis, Weisheit und Verstand übertrifft,
daß er euch hierin und hiermit mit aller Gottesfülle
erfüllen wolle.
Seht, meine herzlich erwünschten, geheiligten Brü-
der und Schwestern, die ihr der Art, Natur und
des Wesens unseres allgemeinen, allerheiligsten und
christlichen Glaubens teilhaftig seid, ich rede von der
Art und Natur Gottes, durch die Wiedergeburt aus
Gott, dem himmlischen Vater und seinem unvergäng-
lichen Samen und Worte, durch die Auferstehung Jesu
Christi in dasselbe himmlische Wesen, in der Erleuch-
tung und Verklärung der himmlischen Klarheit, in
das neue Wesen des Geistes und den Sinn Jesu Christi,
durch die Besprengung des Blutes Jesu Christi, zum
Gehorsam in der Heiligung des Geistes. Darum sind
524
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
wir auch alle mit einem Geiste getränkt, und zu ei-
nem Leibe getauft, und durch einen Geist versiegelt
auf den Tag unserer Erlösung. Wo nun dieses sich
befindet, da ist in Wahrheit die Art des christlichen
Glaubens und die Natur Gottes, ohne welche weder
Glaube noch Wiedergeburt geschehen, heißen, noch
bestehen kann; wo es aber geschieht und sich so in
voller Kraft des Geistes findet, wie gemeldet worden
ist, da ist sicherlich der Segen Gottes, der Tau des
Heiligen Geistes, die himmlische Benedeiung, der Re-
gen der Gerechtigkeit in allerlei Fruchtbarkeit, und
das Wachsen und Zunehmen in der Erkenntnis Gottes
und der Lehre Jesu Christi. Ach, dort ist Abrahams
heiliger Same des Friedens; dort sind die Kinder der
Verheißung, nicht des Fleisches oder des Gesetzes,
sondern des Geistes, die in Isaak geheiligt, gerechtfer-
tigt und gesegnet sind, mit allerlei geistigem Segen in
dem himmlischen neuen Wesen Jesu Christi; darum
haben sie und gebührt ihnen auch die Kundschaft,
das Gesetz, die Herrlichkeit und der Bund und der
Gottesdienst, und die Verheißungen, die den Vätern
gemacht sind, welche Israel zukamen, ihrer ersten
Geburt, das ist dem Fleische nach, welche aber um
ihres Unglaubens willen ausgestoßen worden und zu
kurz gekommen sind; aber das geistige Israel Gottes,
nämlich der Same Abrahams, die Kinder der Verhei-
ßungen, haben es durch ihren Glauben erlangt, und
sind aus Gnaden dazu gekommen, als die dazu be-
rufen und erwählt waren; sie sind gegen die Natur
in den guten Ölbaum eingepfropft und der Wurzel
mit dem Safte aus Gnaden teilhaftig geworden, und
das ist nun das große Geheimnis Gottes und die un-
begreifliche Gnade Jesu Christi, das Geheimnis des
Heiligen Geistes, welches die Weisheit der Juden und
den Verstand der Griechen übertrifft, wie Paulus sol-
ches erzählt und vorstellt.
Ja, meine auserwählten Freunde und Geheiligten
Gottes, welch eine große Wohltat, Liebe und Barm-
herzigkeit Gottes, unsers Herrn, und Heilandes Jesu
Christi, ist dieses, daß wir, die wir zuvor kein Volk wa-
ren, nun Gottes Volk sind und wir in den Testamenten
der Verheißung keine Hoffnung hatten, nun aus Gna-
de durch den Glauben an Jesum Christum einverleibt,
teilhaftig und Miterben seiner Verheißung sind. Seht,
so handelt und wirkt der allein weise und ewige Gott,
der in seiner Weisheit, mit seiner Weisheit und durch
seine Weisheit alle Dinge gemessen, durchgründet,
und in einem Augenblicke von Ewigkeit zu Ewigkeit
übersehen und gewusst hat; ich sage, daß er durch
die Augen seiner Weisheit alle Dinge von Ewigkeit zu
Ewigkeit in einem Augenblicke durchschaut und in
Ewigkeit erkannt habe. Ach, wie unergründlich und
unerforschlich sind seine Wege, denn wer hat jemals
des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber
gewesen? Aus Ihm, durch Ihn und Ihm bestehen alle
Dinge; Ihm sei der Preis, in Ewigkeit, Amen.
Dieser heilige, unerforschliche, allein weise Gott hat
alle Dinge nach seiner Weisheit, nach seinem Vorsatze
und vorbedachten Rate zuerst in Bildern, Verheißun-
gen und Figuren vorgestellt und in Schatten gewirkt
als Hinleitung auf eine bessere Hoffnung, durch wel-
che wir uns Gott nahen, denn die Figuren, Schatten
und himmlischen Bilder weisen uns auf das wahre
Wesen und die vollkommene Wahrheit in Christo Jesu
selbst und zeugen von demselben, wie solches ins-
besondere der Brief an die Hebräer meldet, welcher
sowohl von dem Eingänge Christi, oder seiner Ein-
führung, als auch von seinem Ausgange und seiner
Vollendung eine vortreffliche Erzählung mitteilt, daß
man solches sehr gründlich in großer Kraft und Herr-
lichkeit sehen kann, was auch sehr angenehm und
liebreich zu lesen, reiflich zu überlegen und zu be-
herzigen ist. Wohl dem, der darin seine Freude, Lust
und Ergötzung hat, der es gründlich überlegt und von
Herzen bewahrt.
Weil nun Gott alle Dinge in seiner Weisheit und
Umsicht erschaffen und zum Nutzen und Heil des
Menschen verordnet hatte, und daß sie etwas ande-
res darstellen und beweisen möchten, merkt wohl, so
sind auch die Priester im Gesetze ohne Eid Priester ge-
worden, um der Schwachheit und Unvollkommenheit
willen, weil der Tod ihnen nicht zu bleiben gestattete,
das ist, das Gesetz hat nicht vollkommen gemacht, hat
uns auch mit allen seinen Gottesdiensten und Opfern
nicht einige Vollkommenheit, Seligkeit und Gerech-
tigkeit bringen oder geben mögen, denn sie konnten
nicht vollkommen machen, noch konnten diejenigen
nach dem Gewissen vollkommen werden, welche die
Gottesdienste verrichteten, denn wenn ein Gesetz ge-
geben worden wäre, das vollkommen machen könnte,
so käme die Gerechtigkeit vom Gesetze; dann hätte
auch kein Mittel für ein besseres Gesetz gesucht und
gebracht werden können; daher hat das Gesetz ein En-
de um der Unvollkommenheit willen, und hört auf in
Christo. Das Wort des Eides, das nach dem Gesetze ge-
sprochen und gegeben worden ist, setzt den Sohn zu
unserm Hohenpriester, der vollkommen ist in Ewig-
keit, welcher allezeit lebt und für unsere Sünde bittet;
denn er ist ohne Anfang der Tage und ohne Ende des
Lebens; er stirbt nicht mehr; der Tod wird fernerhin
nicht mehr über ihn herrschen, denn daß er gestorben
ist, das ist er der Sünde zu einem Male gestorben; das
ist: Er ist eine Versöhnung und ein Opfer für die Sün-
de geworden, das vollkommen, beständig und ewig
an Würde wäre. Da aber die Priester mit denen, die
sündigten und unwissend irrten, Mitleid haben muss-
525
ten, weil sie selbst mit Schwachheit umgeben waren,
so ist unser Hohepriester ein armer, leidender und
sterblicher Mensch geworden, damit er mit unsern
Sünden und unserer Schwachheit Mitleiden haben
mochte; er ist uns selbst in allen Dingen gleich, aus-
genommen die Sünde und ist auch versucht worden,
wie man überall im neuen Testamente sehen kann.
Weil aber Adam in seiner Natur unrein war und,
samt seinem Samen und Geschlechte, in der Sünde
stand und durch die Übertretung im Tode lag, das Ge-
setz Gottes aber ein reines, unbeflecktes, heiliges und
unsträfliches Opfer für die Sünde und Übertretung
erforderte, das ist, zur Bezahlung für die Übertretung
und Versöhnung für die Sünden, um den Menschen
wieder zu helfen und sie zu erretten, so musste das rei-
ne, unbefleckte, saubere Wort des himmlischen Vaters,
welches aus großer Liebe und Barmherzigkeit, nach
den Verheißungen der Propheten und dem Worte des
Engels, von dem hohen Himmel herunter in Maria
durch den Heiligen Geist empfangen und durch die
Kraft des Allerhöchsten aus der heiligen Jungfrau ge-
boren worden ist, heilig, unschuldig, unbefleckt und
von den Sünden abgesondert sein, sollte es anders
nach dem Gesetze ein reines, heiliges, unbeflecktes
und unsträfliches Opfer für die Sünde sein, dabei das
Gesetz erfüllt, die Sünden versöhnt, das Opfer getan,
und unser Hohepriester durch den Eid ewig und voll-
kommen gesetzt worden. Derselbe lebt nun allezeit
und bittet für unsere Sünde, denn uns gebührt einen
solchen Hohepriester zu haben.
Deshalb ist das die größte Freude auf Erden gewe-
sen, die man jemals gehört, gesehen und empfangen
hat, daß Gott ins Fleisch gekommen, gesehen und of-
fenbart worden ist. Das Lamm Gottes, welches der
Welt Sünde trägt und hinwegnimmt, ist in der Form
des Menschen und der Gestalt des sündlichen Flei-
sches auf Erden gekommen, hat das Reich Gottes ge-
lehrt, das Evangelium seines Friedens und das Wort
seiner Versöhnung gepredigt, gleichwie auch das Le-
ben, und seine Gnade, und bezeugt eine gute evan-
gelische Botschaft, hat sich mit dem Posaunenschalle
hören lassen, um Israel aus allen Landen zu versam-
meln hinauf nach Jerusalem, um das Oster-, Pfingst-
und Laubhüttenfest, und einen Neumond und Sab-
bat nach dem andern zu halten, wie der Prophet sagt:
So hört nun zu, ihr auserwählten Jungfrauen von Zi-
on, und ihr heiligen Bürger von Jerusalem, welch ein
fröhliches Getön und Geschrei hört man auf euren
Gassen! Ach, welch eine fröhliche und gute Botschaft
und frohe Zeitung ist in dem Lager Israel, daß man
das herrliche Manna sammeln soll, welches daselbst
liegt und süß und angenehm zu essen ist; aber es erfor-
dert ein goldenes Gefäß, worin das Heiligtum Gottes
bewahrt wird, desgleichen erfordert es eine reine Fla-
sche und Krüglein, worin man die geistlichen Wasser
des ewigen Lebens sammeln muss; wer nun von die-
sem Himmelsbrote isst und von diesem Wasser des
Lebens trinkt, der wird in Ewigkeit leben und nicht
mehr hungern noch dürsten, denn es wird in ihm zur
Quelle des lebendigen Wassers werden, welches in
das ewige Leben quillt.
Seht nun, meine lieben und in Gott erwünschten
und geheiligten Brüder und Schwestern, die ihr Mit-
genossen seiner Verheißungen, Bürger und Hausge-
nossen Gottes seid, erbaut auf den Grund der Pro-
pheten und Apostel, zur Wohnung Gottes im Geiste,
ja, zum geistigen Hause, zum heiligen Tempel und
zu lebendigen Steinen, als ein königliches Geschlecht
und heiliges Priestertum; ich sage, heilige Bürger von
Jerusalem, die ihr einen freien, offenen Born wider
die Sünde und Unreinigkeit habt, die alle ihre Hoff-
nung allein auf die Gnade Gottes setzen, die durch
das Evangelium euch angeboten worden ist, als vom
Himmel gesandt, welches die Engel Gottes gelüstet
anzuschauen, der über alle Throne und Himmel auf-
gefahren und über alle Macht, Gewalt und Herrschaft
in dieser und der zukünftigen Welt erhöht worden ist;
aber viele verstehen und achten dieses Leben nicht,
nehmen auch dieser großen Liebe und Gnade Gottes
nicht wahr; darum werden sie in ihrem Herzen durch
ihren Unglauben nur ärger, und durch den Betrug der
Sünden verhärtet, und es wächst so eine bittere Wur-
zel auf, wodurch viele verunreinigt werden, wie man
jetzt an so vielen Menschen gesehen hat, welche so
bitter und verunreinigt sind, daß alle Arznei, ja, das
fließende Wasser, das von dem Heiligtume Gottes her-
abfließt und alle Dinge versüßen und gesund machen
kann, gleichwohl diese Pfützen und Moräste weder
gesund noch süß machen kann; sondern sie bleiben
salzig, wie der Prophet sagt, als ein ungesundes und
unfruchtbares Wasser, das durch die Kraft des Salzes
aus der neuen Schale und durch die Kraft des Wortes
des heiligen Propheten nicht gesund noch fruchtbar
werden kann.
Ach, diese bittem Wasser mögen durch den ange-
nehmen Baum nicht süß gemacht werden; denn wer
davon trinkt, muss des Todes sterben, wie Johannes in
seiner Offenbarung sagt: Und es fiel ein großer, bren-
nender Stern vom Himmel, als eine Fackel, und fiel
auf den dritten Teil der Wasserströme und in die Was-
serbrunnen, und der Name des Sterns hieß Wermut,
und der dritte Teil ward Wermut und viele Menschen
starben von den Wassern, denn sie waren bitter ge-
worden; und der vierte Engel posaunte, und der dritte
Teil der Sonne wurde geschlagen, und der dritte Teil
des Mondes, und der dritte Teil der Sterne, sodass
526
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der dritte Teil von ihnen verfinstert wurde, und der
dritte Teil von ihnen so wenig bei Tage als des Nachts
schien; ferner sagt er: Und es ging auf ein Rauch aus
dem Brunnen, wie der Rauch eines großen Ofens, und
die Sonne und die Luft wurden von dem Rauche des
Brunnens verfinstert.
Darum, meine in Gott geliebtesten, werten, heiligen
Brüder und Schwestern, lasst uns mit den Waffen des
Lichtes uns waffnen, um wider die Werke der Fins-
ternis zu streiten, das ist, im Geiste wandeln, dann
werdet ihr die Werke des Fleisches nicht vollbringen.
In solchem Sinne sagt Petrus: Wir bitten euch, liebe
Brüder, als Fremdlinge und Pilger, daß ihr euch der
fleischlichen Lüste enthaltet, die wider die Seele strei-
ten. Darum müssen wir uns in der Schwachheit mit
dem Sinne Christi waffnen, mit dem Heiligen Geiste,
mit dem Worte der Wahrheit, durch die Waffen des
Lichtes und mit der Kraft Gottes zur Rechten und
Linken; das ist, wir müssen uns Gott übergeben und
in Gott leben, als solche, die von den Toten lebendig
geworden sind und unsere Glieder Gott zu Waffen
der Gerechtigkeit übergeben; dann werden die Bö-
sen keine Herrschaft über uns haben können, wie
Petrus lehrt. Wo nun dieses in der Kraft des Geistes
triumphiert, wirkt und die Oberhand hat, da findet
man nicht allein Streit, Absterbung der Sünden, des
Fleisches, des alten Adams samt seiner Lüste und Be-
gierden, sondern man findet auch hier die göttliche
Erkenntnis und den Sinn Jesu Christi, samt einem
unüberwindlich festen Glauben, ein standhaftes und
gesetztes Gemüt in des Herrn Wort und Wahrheit,
einen Streit wider die Herren, Fürsten und weltlichen
Regenten der Finsternis und Geister der Bosheit; dazu
nehmen wir auch allen Verstand, und alles, was erha-
ben ist, und sich über die Wahrheit erhebt, gefangen
unter den Gehorsam Christi und das, wie gesagt ist,
durch eine reine, heilsame, gewisse und feste Erkennt-
nis Gottes, und ein standhaftes und gewisses Gemüt,
mit einem unüberwindlichen Schilde des Glaubens,
womit alle feurigen Pfeile des Bösewichts ausgelöscht
werden; wo nun dieses so geschieht und besteht, wie
oben gemeldet, da sind die Waffen des Lichtes, aber
nicht die des Fleisches; da hat man die Kraft und den
Harnisch Gottes angezogen; da ist der Sinn Christi
und des Geistes, aber nicht des Fleisches; da strei-
tet man im Glauben, durch den Glauben, mit dem
Glauben, wodurch alles überwunden und niederge-
legt wird, durch eine gewaltige Kraft und Stärke des
Geistes, wie gesagt worden ist.
Ach, meine erwünschten Freunde, und wiederge-
borenen Kinder der Auferstehung und des Lebens,
des Lichtes und des Tages, Kinder Gottes, Brüder und
Schwestern Jesu Christi, seine Mitgesellen und Ge-
salbte, Glieder seines Leibes, lebendige Steine, Tempel
des Heiligen Geistes, Könige und Priester Gottes, ich
sage Bürger Jerusalems, und Mitgenossen seiner Ver-
heißungen, ja meine geheiligten Brüder und Schwes-
tern in der Natur unsers allgemeinen, allerheiligsten
und christlichen Glaubens, auch Gäste, Fremdlinge
und Pilger mit Abraham, Isaak und Jakob in dieser
Welt, ach welche Kraft, Wirkung, Eigenschaft und wel-
chen Beweis haben und sollten diese und dergleichen
Namen haben, ja, welchen Trost, welche Freude und
Wonne ist darin zu finden, gehört diesen Namen und
folgt daraus, das ist ein Beweis des Gehorsams, ja,
ein Beweis, daß man das zukünftige Land der Ver-
heißung sucht, an Gottes Verheißungen fest glaubt,
das Irdische verschmäht, das Himmlische liebt; ja,
diese Namen bezeugen und befestigen Gottes Verhei-
ßungen, das ist, daß niemand diese Namen besitzen,
haben, tragen, behalten, in Geisteskraft beleben und
denselben nachkommen kann, wenn er nicht in den
getreuen Erzvätern eine feste Gewissheit des Glau-
bens hat, und den getreu achtet, der es verheißen hat,
der auch mächtig ist, es zu halten. Darum haben sie
auch eine freiwillige Wallfahrt unternommen, und
durch diesen festen Glauben das Zukünftige gesehen
und sich daran gehalten, und haben also in der Kraft
und Tat ihre Namen bewiesen, uns zur Lehre, zum
Tröste, Beispiele und zur Nachfolge.
Darum erfreut euch hierin mit uns, o ihr heiligen
Brüder und Schwestern in dem Heiligen Geiste der
Wahrheit, in der unüberwindlichen Erkenntnis Gottes
und des Glaubens, welche zur Hoffnung des ewigen
Lebens führt, meine Geliebtesten in dem Sinne Jesu
Christi und der Eigenschaft Gottes, ja, meine unbe-
weglichen, heiligen Brüder und Schwestern, wie ich
hoffe, Brüder dem Geiste und nicht dem Fleische nach,
nach dem Evangelium und nicht nach dem Buchsta-
ben; ja, ich sage noch einmal, meine heiligen Brüder
und Schwestern, die von den Toten durch die Aufer-
stehung Jesu Christi in das himmlische Wesen wieder-
geboren sind, hier im Heiligen Geiste, dereinst aber
in der Vollkommenheit; dann werdet ihr euch freuen
mit unaussprechlicher Freude, daß ihr ewiglich leben
und ewiglich selig sein werdet; dann wird euch der
feurige Pfuhl und der zweite Tod nicht erschrecken,
dann wird euer Leib, eure Seele und euer Geist zusam-
men behalten werden und ewiglich selig sein, dann
werdet ihr mit dem Heiligen Geiste in Ewigkeit ge-
salbt und erfüllt werden, dann werdet ihr mit weißen
Kleidern angetan und mit der Krone des Lebens und
der ewigen Freude und Wonne und Ergötzlichkeit
gekrönt und belohnt werden, dann werdet ihr zur
ewigen Freude und Ruhe eingehen und werdet aufge-
nommen und hingerückt dem Herrn entgegen in der
527
Luft, und also ewiglich bei ihm sein; dann werdet ihr
in einem Augenblicke verändert und euer Leib und
Angesicht wird mit himmlischer Klarheit verklärt wer-
den; dann werdet ihr leuchten, wie die Sonne in eures
Vaters Reiche; dann werdet ihr lachen und fröhlich
sein; dann werdet ihr euch ewiglich in seinem Ange-
sichte, in seiner Klarheit und Herrlichkeit bespiegeln
und den anschauen, der euch so geliebt, daß er seinen
eingeborenen Sohn für euch dahingegeben, welcher
euch auch so geliebt, wie ihn sein lieber himmlischer
Vater von Ewigkeit her geliebt und ewiglich geseg-
net hat; ja, dann werdet ihr, in der Vollkommenheit
mit Seele, Leib und Geist, inwendig und auswendig
mit dem Feuer seiner Liebe brennen, ewig in seiner
fließenden Gnade entzündet werden, an seiner Tafel
sitzen, das Brot der Engel, des Lebens und der Selig-
keit essen und trunken werden von den Wassern der
Weisheit, des Lebens, der ewigen Seligkeit und ewigen
Freude; dann wird er in ihm selbst mit seinen Engeln
und heiligen Heerscharen sich erfreuen und mit dem
Schalle seiner Menge über euch fröhlich sein; dann
werdet ihr die unvergänglichen Güter empfangen,
erben und besitzen, die ewiglich sein werden; dann
werdet ihr reich sein an Leib, Seele und Geist; dann
werdet ihr singen springen und rufen: Heilig, heilig,
heilig ist Gott, der Herr, Halleluja; dann werden euch
tausend Jahre wie ein Tag sein; dann wird euch die
Ewigkeit wie ein Augenblick sein; dann werden eure
Jahre und Tage nicht veralten oder ihr Ende erreichen;
dann werdet ihr ohne Anfang der Tage und Ende des
Lebens sein; dann werdet ihr die Ewigkeit als einen
Augenblick zubringen; dann werdet ihr ewig ohne
Veränderung sein, welches jetzt kein Herz begreifen,
noch eine Zunge oder ein Mund aussprechen oder
ergründen kann. Seht, dieses soll man als einen klaren
Spiegel vor die Augen unserer Herzen hängen; es sind
Früchte des gelobten Landes, das süße Wort Gottes
und unsterbliche Früchte; die Kräfte der zukünftigen
Welt.
Seht hiermit, meine herzallerliebsten heiligen Brü-
der und Schwestern, in der Wiedergeburt und Aufer-
stehung Jesu Christi von dem Tode in das himmlische
Wesen, das ist, durch die Erneuerung in dem Geiste
des Gemütes, durch den Sinn Jesu Christi, die ihr eine
feste Mauer und Pfeiler in der Wahrheit Gottes seid.
Meine lieben Freunde, mein Augapfel, meine rechte
Hand und Fuß, haltet euch fest an dem unbewegli-
chen Grund der Wahrheit und seid dabei standhaft, in-
dem ihr darauf gebaut und gegründet seid, wozu wir
auch von Ewigkeit her ersehen, gerufen und von Gott
erschaffen sind, nämlich nach dem Bilde Gottes, und
zum ewigen Leben, durch Jesum Christum. Ich be-
fehle euch dem heiligen und unüberwindlichen Gott,
dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste, samt
seinem heiligen Worte und ewigen Frieden, in eurer
Versammlung, zum Lobe seines heiligen Namens und
unserer Seligkeit. Wir geben und befehlen euch und
uns alle noch einmal, zu einem ewigen Abschiede, in
die unüberwindlichen Arme seiner Kräfte, und in die
unüberwindlichen Hände seiner Stärke; des Himmels
Kräfte und der Treue Festigkeit sei unser Fundament
und Stärke, um durch den Tod zum Leben hinüber
zu gehen in die Ewigkeit. Wir Unwürdigen lassen
eure Liebe aus reiner unverfälschter herzgründender
brüderlicher Liebe grüßen, ja, wir grüßen alle unsere
Brüder und Schwestern, die da in der Auferstehung
Jesu Christi wiedergeboren sind, in das himmlische
Wesen, in der Gesinntheit Christi, des neuen Bildes,
und in dem Glanze seiner Herrlichkeit, in der unbe-
fleckten, reinen Erkenntnis Gottes, die zur Hoffnung
des ewigen Lebens führt, durch diesen festen Glauben
und durch die Kraft und Gemeinschaft des Heiligen
Geistes, in Ewigkeit, Amen.
Dieses haben wir Unwürdigen euch in Eile aus un-
sern Banden geschrieben, damit wir, nach dem Wohl-
gefallen Gottes, würdig sein möchten, daß ihr unserer
in euren heiligen Gebeten, eurem Harfengetöne und
Halleluja, gedenken wollt, damit wir also uns mit
euch und ihr euch mit uns in der Ewigkeit erfreuen
möchten. Darum grüßt uns nun alle Heiligen Gottes,
und euch untereinander in reinen Herzen, heiligen
Händen, gebeugten Knien, entblößtem Haupte, im
heiligen Namen unsers Gottes, mit einem angeneh-
men Kusse des Friedens; umarmt und segnet einander
herzgründlich in brünstiger Liebe. Noch einmal befeh-
le ich euch den Glauben der Auserwählten Gottes, die
Gesundheit Jesu Christi, die Erkenntnis Gottes, die
zur Gottseligkeit und zur Hoffnung des ewigen Le-
bens führt, und bleibt unüberwindlich bis in Ewigkeit.
Dem Herrn sei Preis in Ewigkeit, Amen.
Von mir, Thys Jeuriaenß, eurem schwachen, armen
und elenden Bruder, aus unsern Banden geschrieben,
im Jahre 1569, den 5. Februar, im Haag, um des Zeug-
nisses der Wahrheit willen gefangen genommen.
Jan Quirynß von Utrecht, ein Schiffer, wird zu
Amsterdam um des Zeugnisses Jesu Christi willen,
nachdem er zweimal gefoltert worden, am 12.
März 1569 mit Feuer hingerichtet, oder lebendig
verbrannt.
Auf eben denselben Tag, als der vorgenannte Freund
Gottes, Willem Janß, aus Wasserland, mit Feuer hinge-
richtet wurde, ist gleichfalls in der Stadt Amsterdam
von denselben Gerichtsherren und in demselben Ge-
richte, auch aus gleicher Ursache, ein frommer Bruder,
528
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
genannt Jan Quirynß, geboren in Utrecht, und seiner
Hantierung nach ein Schiffer, zum Feuertode verur-
teilt worden, welcher, obgleich er ein Bürger der Stadt
Amsterdam war, dennoch sein Bürgerrecht in der neu-
en und himmlischen Stadt Jerusalem hatte, welches
zu erlangen er durch die enge Pforte eingedrungen ist,
sodass sein Fleisch an den Pfosten hängen geblieben
ist; alles dieses erhellt aus nachfolgendem Todesurtei-
le, das eine Stunde vor seinem Tode bekannt gemacht
worden ist, welches, wiewohl von einer papistischen
Obrigkeit, die damals zu Amsterdam herrschte, sehr
schmählich aufgesetzt worden ist, dennoch (wenn
man es mit unparteiischen Augen ansieht) die Wahr-
heit dessen, wovon wir geredet haben, genügend zu
erkennen gibt.
Der Inhalt desselben (den Titel ausgenommen) lau-
tet von Wort zu Wort, wie folgt:
Todesurteil des Jan Quirynß, eines Schiffers von Utrecht.
Nachdem Jan Quirynß, ein Schiffer, geboren zu Ut-
recht, Bürger dieser Stadt, gegenwärtig gefangen, sei-
ner Seelen Seligkeit und des Gehorsams, den er unse-
rer Mutter, der heiligen Kirche, und seiner königlichen
Majestät, als seinem natürlichen Herrn und Prinzen
schuldig war, nicht eingedenk gewesen ist, sondern
sich unterstanden hat, wider die Verordnungen der
heiligen Kirche und zur großen Schmach der heiligen
Taufe, die er in seiner Kindheit empfangen, sich von
den Lehrern der verworfenen und verfluchten Sekte
der Mennoniten vor ungefähr sieben Jahren wieder-
taufen zu lassen, und nachher zweimal, nach der Wei-
se dieser Sekte, das Brotbrechen zu empfangen (auch)
oftmals in der Versammlung dieser Sekte sich finden
(lassen) und das noch in diesem Jahre, wobei er auch
überdies die Satzungen der heiligen Kirche allezeit
verachtet hat und dieselben noch verachtet, sodass er
weder zur Beichte, noch zum heiligen würdigen Sakra-
mente gegangen, als nur ein einziges Mal vor zwölf
Jahren, bei welcher verworfenen und verfluchten Sek-
te er, der Gefangene, noch jetzt beharrt, und nicht
willens ist, zu unserer Mutter, der heiligen Kirche,
zurückzukehren, wiewohl er einige Mal von verschie-
denen geistlichen Personen, wie auch von dem Rate
dieser Stadt, dazu aufgefordert worden und unterrich-
tet ist, sodass der Gefangene, wie gemeldet, das Ver-
brechen der beleidigten göttlichen und menschlichen
Majestät begangen, indem seine Sekte die allgemeine
Ruhe und die Wohlfahrt der Länder zerstört, so ist es
geschehen, daß die Herren des Gerichts, nachdem sie
die Anklage des Herrn Schultheißen angehört, und
dabei des Gefangenen Bekenntnis, auch seine, des
Gefangenen, große Hartnäckigkeit und Verstockung
berücksichtigt, denselben dahin verurteilt haben, und
ihn hiermit auch dahin verurteilen, daß er, nach ihrer
Majestät Befehlen, mit Feuer hingerichtet werden soll;
wobei auch alle seine Güter zu ihrer Majestät Nutzen
verfallen zu sein erklären, doch in allen andern Sa-
chen dieser Stadt Freiheiten ohne Nachteil. Gegeben
vor Gericht, in Gegenwart, wie oben.
Wie dieser Märtyrer nach dem Berichte des Schrei-
bers gemeldeten Ortes zweimal gefoltert worden sei:
Diese vorgemeldete Person ist zweimal gefoltert
worden, nämlich den 4. und 5. März im Jahre 1569,
und das nach der Gerichtsherren Urteile, wie solches
aus dem Protokolle des Bekenntnisses zu ersehen ist.
Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts der
Stadt Amsterdam, welches in der Kanzlei daselbst
niedergelegt ist. N. N.
Willem Janß aus Wasserland wird um des
Zeugnisses Jesu Christi willen den 12. März 1569
zu Amsterdam (nach schrecklicher Pein) lebendig
verbrannt.
Vierzehn Tage nach dem Tode des vorgenannten Hel-
den Gottes Pieter Pieterß Bekjen ist auch (allerdings
um seinetwillen) ein anderer tapferer Streiter und Rit-
ter Christi, der die Wahrheit lieber hatte als sein eige-
nes Leben, namens Willem Janß, geboren in Wasser-
land und wohnhaft zu Dornickendam in Amsterdam
vom Leben zum Tode gebracht worden; die Umstän-
de aber, die seinem Tode vorhergegangen sind, sind
nachfolgende gewesen:
Als dieser Willem Janß gehört hatte, daß sein lieber
Mitbruder Pieter Pieterß Bekjen sein Opfer tun und
seinen Leib um der Wahrheit willen zu Amsterdam
dem Feuer übergeben sollte, so hat er sehr geeilt, um
zu der Zeit zu Amsterdam auf dem Richtplatze zu er-
scheinen, daß er seines Bruders Ende ansehen möchte,
und wenn es möglich wäre, ihn in der letzten Not
noch im Glauben zu stärken.
Als er aber in die Stadt kam, war es schon zu spät,
denn der Schlagbaum war (um des Gerichtes willen)
schon geschlossen; sein Eifer aber war so groß, daß er
keine Ruhe hatte, bis er seinen geliebten Freund, es sei
lebendig oder tot, sehen würde; darum gab er Geld
und ließ den Schlagbaum aufschließen, und beeilte
sich, um bei vorgemeldetem Opfer zu sein.
Als man nun Pieter Pieterß Betjen vorführte, um ihn
hinzurichten, so hat dieser tapfere Held und Freund
Gottes sich auf dem Gerichtsplatz auf die Treppe von
der Waag gestellt und ihm mit lauter Stimme zugeru-
fen: Streite tapfer, lieber Bruder!
Darauf haben die Verfolger sofort Hand an ihn ge-
legt, ihn ins Gefängnis geworfen, ihn zweimal schwer
529
und abscheulich gepeinigt, und als er nicht abfallen
wollte, vierzehn Tage nach dem Tode seines lieben
Bruders zum Feuer verurteilt, welches Urteil auch
an ihm vollzogen ist, nachdem er seine Seele in die
Hände Gottes befohlen hat.
Dieses alles haben glaubwürdige Zeugen in frühe-
ren Zeiten aufgezeichnet, wiewohl die Zeit, wann es
geschehen ist, nicht recht angegeben ist, welchen Irr-
tum wir nach dem Inhalte des nachfolgenden Urteils,
das auf den Tag seines Todes vor Gericht zu Amster-
dam wider ihn gefällt worden ist, verbessert haben;
in diesem Urteile sind alle Umstände, worauf zu jener
Zeit die Herren der Finsternis seinen Tod gegründet
haben, angeführt; dasselbe lautet, wie unten folgt:
Nota - Die Alten haben die Zeit des Todes des Wil-
lem Janß, wie auch des Pieter Pieterß Betjen auf das
Jahr 1567 gesetzt, aber es war zwei Jahre zu früh, wie
solches aus dem nachfolgenden Urteile zu ersehen ist.
Des Willem Janß aus Wasserland Todesurteil.
Nachdem Willem Janß aus Wasserland, wohnhaft zu
Dornickendam, gegenwärtig hier gefangen, auf sei-
ner Seele Seligkeit und den Gehorsam, den er unserer
Mutter, der heiligen Kirche, und seiner königlichen
Majestät, als seinem natürlichen Herrn und Prinzen,
schuldig war, nicht bedacht gewesen ist, auch die hei-
ligen Kirchengebräuche verachtet, nicht zur Beichte
gegangen, und sein ganzes Leben hindurch nur ein-
mal das heilige hochwürdige Sakrament genossen,
welches vor ungefähr acht Jahren geschehen, ferner
sich auch unterstanden hat, verschiedene Male in die
Versammlung der verdammten und verfluchten Sekte
der Mennoniten oder Wiedertäufer zu gehen, desglei-
chen auch vor ungefähr 6 oder 7 Jahren die Taufe, die
er in den Tagen seiner Kindheit von der heiligen Kir-
che empfangen hat, verachtet, und sich wieder taufen
lassen, darauf auch das Brotbrechen nach der Weise
dieser Sekte drei- oder viermal empfangen, und als
ein Lehrer dieser Sekte ermahnt, nicht weniger als
den vergangenen 26. Februar ein Schiffer, namens Pie-
ter Pieterß Bekjen, der zu dieser Sekte gehörte, hier
hingerichtet werden sollte, der Gefangene sich auch
unterstanden, sich unter das Volk zu stellen, den vor-
genannten Pieter Pieterß in seiner Halsstarrigkeit zu
stärken, und diese oder dergleichen Worte mit lau-
ter Stimme auszurufen: Streite tapfer, lieber Bruder!
welcher Gefangene auch, obgleich sowohl die Rats-
herren, als verschiedene geistliche Personen ihm zu-
geredet und öfters vermahnt haben, die vorgemeldete
verdammte Sekte zu verlassen und sich wieder zu
unserer Mutter, der heiligen Kirche zu halten, sich
gleichwohl geweigert hat, solches zu tun, und in sei-
ner Hartnäckigkeit und Verstocktheit verharrt, sodass
er, der Gefangene, laut dessen, was oben gemeldet,
ein Verbrechen der beleidigten göttlichen und mensch-
lichen Majestät begangen, indem durch diese Sekte
die allgemeine Ruhe und Wohlfahrt der Länder ge-
stört wird, nach Inhalt der Befehle seiner Majestät,
die davon handeln. Weil nun solche Missetaten, an-
dern zum Beispiele, nicht ungestraft bleiben sollen,
so ist es geschehen, daß meine Herren des Gerichts,
nachdem sie die Anklage des Herrn Schultheißen ge-
hört, und dabei das Bekenntnis des Gefangenen ge-
sehen, auch seine Hartnäckigkeit und Halsstarrigkeit
in Erwägung genommen, den Gefangenen verurteilt
haben, und ihn hiermit verurteilen, daß er, nach den
Befehlen seiner Majestät, mit Feuer hingerichtet wer-
den soll, erklären auch alle seine Güter zum Nutzen
seiner Majestät verfallen zu sein. Geschehen vor Ge-
richt, den 12. März im Jahre 1569, in Gegenwart aller
Gerichtsherren, mit Zustimmung aller Bürgermeister.
Von der zweifachen Folter des vorgemeldeten Mär-
tyrers nach dem Berichte desselben Schreibers:
Dieser Missetäter ist, laut des Urteils der Gerichts-
herren, zweimal gefoltert worden, wie bei dem letzten
Februar und bei dem 26. dieses, im Jahre 1569, im Pro-
tokolle des Bekenntnisses zu finden ist.
Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichtes
der Stadt Amsterdam, welches in der Kanzlei dieser
Stadt niedergelegt ist. N. N.
Cornelius Janß von Harlem, ein Schiffsknecht,
wird um des Zeugnisses Jesu Christi willen den 12.
März 1569 zu Amsterdam verbrannt.
Zu derselben Zeit und in demselben Gerichte hat auch
Cornelius Janß, ein Schiffsknecht, aus Harlem gebür-
tig, dem Leibe nach, aber aus Gott und vom Himmel
wiedergeboren der Seele nach, sein Todesurteil emp-
fangen; er hatte aber die Taufe auf seinen rechtsinni-
gen Glauben noch nicht empfangen, worüber er sich
noch in seiner Todesstunde beklagt hat (wiewohl er
dazu nicht viel Gelegenheit hat finden können); denn
der Herr hat gesagt: Also gebührt uns, alle Gerechtig-
keit zu erfüllen, Mt 315 .
Um uns kurz zu fassen, sein Urteil wurde gefällt,
daß er auch, wie die beiden vorhergehenden Män-
ner, Willem Janß und Jan Quirynß, mit Feuer getötet
werden sollte. Wir haben eine treue Abschrift sowohl
seines Todesurteils, als auch darüber, daß er zweimal
auf der Folterbank verhört worden ist, desgleichen
wann dieses alles geschehen sei, aus dem Buche des
Blutgerichts der Stadt Amsterdam erlangt, welches
wir auch in aller Treue, zu mehrerer Versicherung die-
ser Sache, hier anhängen wollen; dasselbe lautet wie
530
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
folgt:
Des Cornelius Janß von Harlem, eines
Schiffsknechts, Todesurteil.
Nachdem Cornelius Janß, ein Schiffsknecht, geboren
zu Harlem, ein Bürger dieser Stadt, und gegenwär-
tig hier gefangen, weder seiner Seele Seligkeit, noch
den Gehorsam, den er unserer Mutter, der heiligen
Kirche, und der kaiserlichen Majestät, als seinem na-
türlichen Herrn und Prinzen schuldig war, bedacht
hat, sondern von der heiligen Kirche abgewichen ist,
sodass er die Gebräuche derselben verachtet hat, auch
sein Leben lang nicht zur Beichte oder zum heiligen
hochwürdigen Sakramente gegangen ist, sondern sich
verschiedene Male in der Versammlung der verdamm-
ten und verfluchten Sekte der Mennoniten eingefun-
den, sowohl in dieser Stadt, als auch unlängst in der
Stadt Middelburg in Seeland vor dem letzten Froste,
in welcher Sekte er so verhärtet ist, daß er auch, als er
gefangen war, erklärt hat, daß es ihm leid sei, daß er
nicht wiedergetauft worden sei, noch das Brotbrechen
empfangen habe, welcher Erklärung er noch hinzuge-
fügt, daß er solches getan haben würde, wenn er dazu
eine passende Zeit hätte finden können, bei welcher
verdammten und verfluchten Sekte er, der Gefangene,
noch verharrt, ohne zu unserer Mutter, der heiligen
Kirche, zurückzukehren, obgleich ihm von verschiede-
nen geistlichen Personen, und auch von dem Gerichte
dieser Stadt, einige Male zugeredet und er ermahnt
worden ist, sodass er, der Gefangene, laut dessen, wie
oben gemeldet, das Verbrechen der verletzten göttli-
chen und menschlichen Majestät begangen hat, indem
er die allgemeine Ruhe und Wohlfahrt gestört, so ist
es geschehen, daß meine Herren des Gerichtes, nach-
dem sie die Anklage meines Herrn, des Schultheißen,
gehört, gleichwie das Bekenntnis des Gefangenen ge-
sehen, und seine große Hartnäckigkeit und Halsstar-
rigkeit in Betracht genommen, den Gefangenen dahin
verurteilt haben, und ihn kraft dieses verurteilen, daß
er, nach ihrer Majestät Befehl, mit Feuer hingerichtet
werden soll, erklären auch, seine Güter verfallen zu
sein, doch ohne Nachteil der Freiheiten dieser Stadt,
in allen andern Sachen.
Geschehen vor Gericht, in Gegenwart, wie oben
gemeldet.
Von des vorgenannten Märtyrers Folter, welche
zweimal nach dem Berichte des Blutgerichtsbuches
der Stadt Amsterdam angewandt worden ist.
Diese vorgemeldete Person ist, nach dem Urteile
der Ratsherren, zweimal gefoltert worden, nämlich
den 4. und 6. März im Jahre 1569, was aus dem Proto-
kolle des Bekenntnisses zu ersehen ist.
Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts der
Stadt Amsterdam, welches daselbst in der Kanzlei
niedergelegt ist.
Clemens Hendrikß, ein Segelmacher, wird um des
Zeugnisses Jesu Christi willen den 12. März 1569
zu Amsterdam verbrannt.
Der grausame Zorn und Blutdurst der papistischen
Obrigkeit in der Stadt Amsterdam hört nicht auf, denn
diese hat an demselben Tage noch ein Todesurteil über
die vierte Person von der Religion der Taufgesinnten
gefällt; er hieß Clemens Hendrikß, und war seines
Handwerks ein Segelmacher.
Dieser, obgleich er einen lebendigen, kräftigen und
heiligen Glauben hatte, hat doch, weil keine Gelegen-
heit da war, oder um eines andern Zufalles willen,
die Taufe auf seinen Glauben, wie der vorhergehen-
de Märtyrer Cornelius Janß, noch nicht empfangen,
was ihn auch in seiner Gefangenschaft nicht wenig
betrübt hat; gleichwohl hat er seine Hoffnung auf Got-
tes Gnade nicht fahren lassen, weil solches nicht aus
Geringachtung dieser heiligen Ordnung Christi unter-
blieben ist, sondern weil um der schweren Verfolgung
willen die Gelegenheit ihm benommen wurde.
Solches hat die Obrigkeit der vorgemeldeten Stadt
auch so aufgenommen und hat ihn, als ob er bereits
die Taufe auf seinen Glauben empfangen hätte (weil
er bekannte, daß er dazu geneigt gewesen sei), nach
des Kaisers Befehle zum Feuer verurteilt, welche har-
te Todesstrafe er tapfer und standhaft ertragen hat,
und deshalb von den Frommen unter die Zahl der
treuen Blutzeugen Jesu Christi gerechnet worden ist,
wiewohl er, nach dem Urteile der Papisten, als ein
Ketzer gestorben ist, wie solches aus nachfolgendem
Urteile, welches ihm öffentlich vor Gericht von den
Herren der Finsternis kurz vor seinem Tode vorgele-
sen wurde, zu ersehen ist; dasselbe lautet wie folgt:
Des Clemens Hendriks, Segelmachers, Todesurteil.
Nachdem Clemens Hendrikß, Segelmacher und Bür-
ger dieser Stadt, gegenwärtig gefangen, auf seiner
Seele Heil und den Gehorsam, den er unserer Mut-
ter, der heiligen Kirche und der kaiserlichen Majestät,
als seinem natürlichen Herrn und Prinzen, schuldig
war, nicht bedacht gewesen, sondern von der heili-
gen Kirche abgewichen ist, sodass er ihre Ordnun-
gen verachtet hat, in Zeit von fünf Jahren und länger
weder zur Beichte noch zum heiligen Sakramente ge-
gangen, auch sich dreimal in der Versammlung der
verdammten und verfluchten Sekte der Mennoniten
eingefunden hat, was zuletzt vor einem Jahre gesche-
531
hen ist, und überdies in dieser Sekte so verhärtet ist,
daß er, als er gefangen war, erklärt hat, daß es ihm
leid sei, daß er weder die Wiedertaufe noch das Brot-
brechen empfangen habe, daß derselbe auch bei der
vorgemeldeten verdammten Sekte der Mennoniten
noch Stand hält, ohne daß er davon zu unserer Mut-
ter, der heiligen Kirche, abweichen will, wiewohl er
verschiedene Male, sowohl von verschiedenen geistli-
chen Personen, als auch von dem Rate dieser Stadt, da-
zu angemahnt und unterrichtet worden ist, sodass der
Gefangene, nach dem Vorbeschriebenen, sich des Ver-
brechens der verletzten göttlichen und menschlichen
Majestät schuldig gemacht hat, weil nämlich seine
Sekte die gemeine Ruhe und Wohlfahrt stört, so ist es
geschehen, daß die Herren des Gerichtes, nachdem sie
die Anklage meines Herrn, des Schultheißen, gehört,
und des Gefangenen Bekenntnis gesehen, auch seine
große Halsstarrigkeit und Hartnäckigkeit in Betracht
genommen, und alles genau erwogen, den Gefange-
nen verurteilt haben und ihn kraft dieses verurteilen,
daß er, nach den Befehlen seiner Majestät, mit Feuer
verbrannt werden soll, erklären auch alle seine Güter
zum Nutzen seiner Majestät verfallen zu sein, doch
ohne Nachteil dieser Stadt Freiheiten in allen andern
Sachen.
So geschehen vor Gericht, in Gegenwart, wie oben.
Von der Folter des vorgenannten Clemens Hendrikß, und
wann solches geschehen sei:
Diese vorgemeldete Person ist, laut des vorhergehen-
den Todesurteils der Gerichtsherren, den 4. März im
Jahre 1567 gefoltert worden, wie solches aus dem Pro-
tokolle des Bekenntnisses zu ersehen ist.
Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts der
Stadt Amsterdam, welches in der Kanzlei daselbst
niedergelegt ist. N. N.
Hier folgen einige Briefe der vorgemeldeten Mär-
tyrer; zuerst einige des Jan Quirynß und dann einige
des Clemens Hendrikß.
Ein Brief von Jan Quirynß, welcher nebst
Cornelius Janß und Clemens Hendrikß zu
Amsterdam in Gefangenschaft gewesen, wo sie
alle drei um des Zeugnisses Jesu Christi willen
verbrannt worden sind.
Der ewige, allmächtige und barmherzige Vater, der
seine Auserwählten mit starkem Arme aus dem
Diensthause Pharaos geführt hat, wolle dich, meine
geliebte Schwester in dem Herrn, bewahren, und mit
der Kraft seines Heiligen Geistes stärken, um auf sol-
che Weise seinen Willen zu tun, damit du unbefleckt
und unsträflich erfunden werden mögest in allem
Frieden, und in aller Gerechtigkeit, und in aller Wahr-
heit, Inbrunst und Liebe bis ans Ende; das gebe dir
der allmächtige und starke Herr, der allein weise und
gerecht ist; dem sei Preis, Ehre, Lob und Dank, von
nun an bis in Ewigkeit, Amen.
Herzlich geliebte und sehr werte Schwester in dem
Herrn, die ich dem Geiste nach sehr liebe, ich habe
mir vorgenommen, dir ein wenig zu schreiben, durch
die heilsame Gnade Gottes, wie du von mir armen
Knechte begehrt hast, denn ich halte mich selbst für
unwürdig, einem andern zu schreiben; es wäre wohl
nötiger, daß man mir schreibe, denn liebe Schwester,
ich finde nicht so viel in mir, daß ich auch fürchte,
wenn ich den Vater anrufe, daß ich nicht sein Kind
sei, denn ich erfülle seinen Willen nicht zur Hälfte;
aber, liebe Schwester, obgleich wir in dem schnöden
Fleische stecken, so wollen wir doch darum den Mut
nicht sinken lassen, sondern allezeit steif anhalten im
Gebete, ihm den Preis geben, und ihm allezeit für
seine unaussprechliche Güte danken, die er an uns
schlechten Kindern bewiesen hat. O welch eine Lie-
be ist uns zuteil geworden! O welch ein Licht ist uns
aufgegangen! O welch ein schöner, köstlicher, verbor-
gener Schatz ist in unsere irdischen Gefäße gegeben;
was den Weisen und Verständigen verborgen ist, das
hat er uns armen schlichten Kindern nun offenbart;
die helle und klare Wahrheit ist uns nun zu erkennen
gegeben worden; das schöne glänzende Licht hat in
einen dunklen Winkel geschienen, der klare Schein ist
in unsere Herzen gegeben worden, wodurch wir mit
dem bloßen und klaren Lichte durch Christum Jesum,
den gnädigen Herrn aller Herren, erleuchtet worden
sind; er hat die große Finsternis aus unsern dunklen
Herzen vertrieben, und sich selbst dazu übergeben,
der barmherzige Jesus Christus, um uns ein scheinend
Licht zu sein, wie Johannes sagt: Das ist die Verhei-
ßung, die wir von ihm gehört haben, und euch ver-
kündigen, daß Gott ein Licht ist, und in ihm ist keine
Finsternis. Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit
ihm haben, und wandeln in Finsternis, so lügen wir,
und tun nicht die Wahrheit. Darum, liebe Schwester,
gib doch Acht auf das Licht, und laß es deiner Füße
Leuchte sein, und ein Licht auf deinem Pfade, wie
David sagt; damit du dich des Tages nicht stößt, son-
dern allezeit vor dich sehen mögest, wo du wandelst,
denn das Dunkle ist vergangen; jetzt scheint das wah-
re Licht; er hat uns von der Gewalt der Finsternis zu
seinem wunderbaren Lichte erlöst, die wir zuvor kein
Volk waren, aber nun Gottes Volk sind, wie Petrus
sagt. Darum müssen wir uns wohl von Herzen freuen
und fröhlich sein, und mit David sagen: Der Strick ist
zerrissen und wir sind frei; wir sind aus des Löwen
532
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Rachen erlöst, wo wir gefangen lagen, das ist, in dieser
wüsten, garstigen, listigen und argen Welt, die mit der
Bosheit ganz überschwemmt ist. Der Gott dieser Welt,
der in den Kindern des Unglaubens herrscht, hat der
Ungläubigen Sinne so verblendet, und ihre Herzen
so verstockt, daß sie nicht ein Stäublein sehen kön-
nen noch merken, daß sie nicht schmecken können,
daß der Herr freundlich sei. Hier hatten wir mit den
Lüsten unseres Fleisches Gemeinschaft, unseren Um-
gang und Wandel gehabt, und taten den Willen des
Fleisches und der Vernunft, und waren von Natur Kin-
der des Zorns, gleichwie auch die anderen, aber der
reiche, barmherzige und gütige Gott hat mit seinen
freundlichen Augen auf uns arme Sünder gesehen,
und seine gesegnete Hand ausgestreckt, er hat sie uns
dargereicht, und hat uns aus des Todes Grube erlöst
und herausgezogen; unsere Wunden verbunden und
geheilt, unsere hungrigen und durstigen Seelen hat
er mit dem Blute des Lebens gesättigt, und mit dem
Wasser des Heiligen Geistes gelabt; er hat uns nicht in
unserem Blute liegen lassen; er wollte nicht vor uns
Vorbeigehen; er hat uns nicht vor Hunger verschmach-
ten lassen; als wir um Brot baten, hat er uns keinen
Stein gegeben; er hat uns auch keinen Durst leiden
lassen, sondern unsere ausgedörrten Seelen aus dem
klaren Brunnen des lebendigen Wassers erquickt. Ach,
hätten wir niemals Geld für Dinge ausgegeben, die
uns nicht sättigen, wir haben unser Geld verschwen-
det um bittere Galle und Essig, und um den falschen,
stinkenden Sauerteig. Ach, hätten wir doch an diesen
milden Wirt gedacht, der es allen umsonst gibt, die
es von ihm begehren; er wird sie nicht hinausstoßen,
die zu ihm kommen. Darum, meine liebe Schwester,
laß uns doch nach der lauteren, unverfälschten Milch
begierig sein, als neu geborene Kinder, die aufs Neue
von oben aus Gott geboren sind durch Jesum Chris-
tum; laß uns doch unserer neuen Geburt wohl wahr-
nehmen, darauf Achtung geben und dieselbe wohl
verwahren, denn Johannes sagt: Wer aus Gott geboren
ist, sündigt nicht, denn sein Samen bleibt in ihm, und
er kann nicht sündigen, denn er ist aus Gott geboren.
Ach, daß wir ein Exempel an Esau nähmen, der sei-
ne erste Geburt um eine Schüssel Mus verkauft hat;
ach, wie gering achtete er seine Seligkeit; aber er ist
nachher, als er sie mit Tränen suchte, verworfen wor-
den, denn er fand keinen Raum zur Buße. Aber, liebe
Schwester, laß uns doch Fleiß anwenden, dasjenige
zu behalten, was wir haben, und was uns von oben
herab von demjenigen gegeben ist, der alles Guten
Geber ist, denn er hört uns in allem, was wir von ihm
bitten, so wissen wir auch, daß wir die Bitte haben, die
wir von ihm gebeten haben. Ist das nicht ein milder
Herr? Ja, gewiss, er ist ein Herr, reich über alle, die ihn
anrufen; setze nur dein Vertrauen fest auf ihn allein,
übergib deinen Willen in Gottes Willen, dann wird es
dir wohlgehen.
Darum, meine liebe Schwester in dem Herrn, sei
fest und unbeweglich in dem Werke des Herrn, und
wisse allezeit, daß deine Arbeit nicht vergeblich sei,
in dem Herrn, denn du wirst dafür belohnt werden;
wenn du anders auf den Geist säst, so wirst du auch
von dem Geiste das ewige Leben ernten; wenn wir
mit Tränen säen, so sollen wir auch mit Freuden ern-
ten; wir werden für unsere Schmach Ehre erlangen;
statt der Schande sollen wir fröhlich sein, sagt der Pro-
phet; so laß uns denn zufrieden sein, denn solch ein
herrliches Volk werden wir sein; wir sollen in Geduld
darauf warten und an die herrlichen Verheißungen
denken; der sie uns gegeben hat, wird es auch tun;
er wird seine Verheißungen nicht zurückziehen; laß
uns nur tapfer anhalten, fröhlich sein in der Hoffnung,
geduldig in Trübsal, anhaltend im Gebete, nicht träge
in unserm Vornehmen, sondern brünstig im Geiste,
samt einer brennenden Liebe in unsem Herzen, daß
der Herr durch die Liebe in uns gegründet und ge-
wurzelt werde, dann wird uns nichts von der Liebe
Gottes scheiden, was uns auch um des Namens Jesu
Christi und seines Zeugnisses willen begegnet. Laß
uns niemanden das Ziel verrücken, sondern laß uns in
unserm Glauben Tugend beweisen, und unsere Sanft-
mut allen Menschen kund werden lassen; der Herr
ist nahe, sorge nicht, denn es ist bald getan. Liebe
Schwester, wir haben eine kurze Zeit, wenn wir es
überlegen; darum laß uns unsere kurze Zeit in der
Furcht Gottes zubringen, und sei nüchtern und wach-
sam, denn unser Widersacher, der Teufel, geht um uns
herum, wie ein grimmiger Löwe, und sucht, welchen
er verschlinge; dem widersteht fest im Glauben, wie
Jakobus sagt: Widersteht dem Teufel, so flieht er von
euch; ja, er geht sehr listig um uns her, liebe Schwes-
ter, bald mit diesem, bald mit jenem, es sei auswendig
oder inwendig mit unserm bösen Fleische, welches
unser größter Feind ist, womit wir am meisten zu tun
haben; der Geist wider das Fleisch, das Fleisch wider
den Geist, diese sind gegeneinander, daß wir nicht
tun, was wir wollen. Aber Paulus gibt uns einen Trost,
wenn er sagt: Wandelt im Geiste, so werdet ihr die
Lüste des Fleisches nicht vollbringen. Ach, daß wir
doch so brünstig im Geiste wären, so fleißig in guten
Werken, das ewige Leben zu suchen, statt der Schät-
ze und das Weltliche, welche dennoch vergehen und
hier bleiben müssen, und Gottes Gebote über Gold
und Edelsteine zu lieben, dann würden wir so selige
Kinder sein; wir würden des Streites immer weniger
haben; aber leider, es geht bisweilen so zu, daß mehr
Fleiß um dieses Vergängliche angewandt wird, als um
533
das ewig bleibende Gut, das im Himmel ist, und ewig
währen wird. Dieses schreibe ich nicht um deswillen,
weil es bei dir so zugeht, denn ich weiß von dir, daß
du den Herrn von ganzem Herzen suchst. Darum,
meine werte Schwester, laß uns die Worte des Apo-
stels zu Herzen nehmen, der uns vor dem Versucher
warnt, damit wir nicht auch vom Satan betrogen wer-
den, denn uns ist nicht unbekannt, was er im Sinne
hat, das ist, daß er darauf ausgeht, die Kinder Gottes
durch Lügen und Neid in sein Netz zu bringen, wie
er denn von Anfang her ein Vater der Lügen gewesen
ist, und solches an dem ersten Menschen bewiesen
hat, wie im Buche der Weisheit steht: Gott schuf den
Menschen zum ewigen Leben; aber durch des Teu-
fels Neid ist der Tod in die Welt gekommen, und die
seines Teils sind, helfen auch dazu.
Desgleichen setzt er uns auch mit Sendboten zu,
mit denen wir übel daran sind, und die von uns aus-
gegangen sind, hindern uns am meisten, sodass wir es
wohl finden, daß die Schrift erfüllt wird, nämlich, daß
es in den letzten Tagen so zugehen sollte, wie Johan-
nes sagt: Kindlein, es ist die letzte Stunde, gleichwie
ihr gehört habt, daß der Widerchrist kommt; und ge-
genwärtig sind viele Widerchristen geworden; daran
erkennen wir, daß es die letzte Stunde sei; sie sind
von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns,
denn wären sie von uns gewesen, sie wären bei uns
geblieben, aber, damit sie offenbar würden, daß sie
nicht alle von uns sind. Sieh, liebe Schwester, in sol-
cher Weise warnt uns der Apostel, denn es sind nicht
alle Abrahams Kinder, die Abrahams Samen sind.
Darum, liebe Schwester, sieh auf die Frommen und
nicht auf den Schwachen; sieh auf den Herzog des
Glaubens, und den Vollender Jesum Christum, und
laß dich nicht von einigen unnützen Schwätzern irre
machen, die es versuchen, dich abfällig zu machen,
wie Paulus sagt. Christus sagt, daß in den letzten Zei-
ten viele falsche Propheten unter seinem Namen auf-
stehen werden; ach, merke, unter seinem Namen, ja,
daß auch die Auserwählten, wenn es möglich wäre,
verführt würden; aber wer bis ans Ende beharrt, der
wird selig werden; die Auserwählten können nicht
verführt werden.
Sei doch tapfer in deinem Gemüte, und bete allezeit
ohne Unterlass mit Bitten und Flehen in dem Geiste;
wende deine Gedanken Tag und Nacht auf das Gesetz
des Herrn, damit du ein Baum sein mögest, der an
den Wasserbächen steht, der zu seiner Zeit seine rei-
che Frucht bringt, dessen Blätter nicht verwelken, und
eine fruchtbare Rebe an dem Weinstocke Christo Jesu
sein werden, denn David sagt: Die Gerechten wer-
den nimmermehr Umfallen, sondern ewiglich stehen
bleiben, wie der Berg Zion, ja, die Gerechten werden
nimmermehr bewegt werden, sagt Salomo. Darum
laß uns ja unsern Lauf mit Freuden vollenden, und
gesetzmäßig kämpfen, denn niemand wird gekrönt,
er kämpfe denn recht, wie die tapfem Voreltern ge-
tan haben, die ihre Hoffnung auf Gott gesetzt haben,
dem sie treulich dienten; diese hat er nicht verlassen,
und sie haben ihn auch nicht verlassen, sie haben ihre
Nacken unter dem Zepter Christi Jesu gebeugt, wie
sich die fromme Esther niederbeugte.
Ach, habt doch Acht darauf, denn obschon die Ge-
rechten hier viel leiden müssen und aller menschli-
chen Hilfe und Trostes beraubt sind, so laß uns doch
unsere Augen zu dem Nothelfer Christo Jesu aufschla-
gen, der uns nicht verlassen wird. Kann auch eine
Mutter ihr Kind verlassen? Und wenn sie es auch täte,
so will ich doch dich nicht verlassen, sagt er. Wer uns
antastet, der tastet seinen Augapfel an. Wer sollte nun
solch einen Gott nicht fürchten, der sein armes Volk al-
lezeit bewahrt und beschützt? Denn die Freude, die er
uns verheißen hat, versüßt alles. Wer überwindet, soll
alles ererben; sie werden mit Christo auf dem Throne
sitzen, gleichwie er mit seinem Vater auf dem Throne
gesessen hat, ja, er wird sich selbst aufschürzen, vor
uns hergehen und zur Tafel dienen. Wie werden dann
die Gerechten in seiner Vaters Reiche glänzen; wie
werden sie dann auf springen, wie gemästete Kälber!
Wie werden die Gerechten dann glänzen wie Flam-
men in den Stoppeln! Wie werden sie dann triumphie-
ren, die ihr Leben nicht geliebt haben bis in den Tod,
und den Gesang singen, und geziert mit Palmenzwei-
gen in ihren Händen und Kronen auf ihren Häuptern,
dem Namen des Herrn danken, ihn loben und groß
machen? Endlich werden sie Freuden genießen, die
kein Auge gehört hat, oder ein Herz begreifen kann,
was Gott allen denen bereitet hat, die ihn lieb haben.
Darum, ein jeder, der diese Hoffnung in sich hat,
reinige sich selbst, gleichwie er rein ist; der Gott aber
aller Gnade, der uns durch seine Herrlichkeit und
Kraft berufen hat, wolle dich, meine liebe und werte
Schwester in dem Herrn, stark und kräftig machen mit
der Kraft des Heiligen Geistes bis ans Ende, Amen.
Hiermit will ich dich, meine geliebte Schwester in
dem Herrn, dem Herrn, und dem Worte seiner großen
Gnade anbefehlen. Nimm dies, mein geringes und
schlechtes Schreiben zum Besten auf, denn ich habe es
aus rechter ungefärbter brüderlicher Liebe aufgesetzt,
das weiß der allmächtige Herr; darum bitte ich dich
nochmals, nimm mir dieses zum Besten auf, denn wer
Gott fürchtet, der nimmt alles zum Besten auf; halte
allezeit die erste Liebe bis ans Ende, und die brünstige
Liebe zu Gott und den Brüdern; das verleihe dir der
allmächtige, ewige und starke Gott, Amen.
Grüße mir alle meine Freunde, insbesondere M. S.
534
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Tochter, G. R. W. und ferner alle, die mich kennen.
Auch lassen dich einige grüßen, die bei mir waren,
als ich dies schrieb. Cornelius Janß lässt dich auch
grüßen, die Gnade des Herrn Jesu Christi sei mit dir,
Amen.
Fünf Briefe von Clemens Hendriks, aus dem Ge-
fängnisse in Amsterdam gesandt, wo er, wie oben ge-
meldet, um der Erkenntnis der Wahrheit willen, nebst
Jan Kryntz und Cornelius Janß, sein Leben gelassen
hat:
Der erste Brief an eine seiner Bekannten gesandt,
genannt Grietgen Dirks.
Wisse, liebe Grietgen Dirks, daß ich noch tapfer im
Fleische bin, daß das Gemüt noch auf die Furcht des
Herrn gerichtet und auch, dem Herrn sei gedankt,
noch unverändert ist, wofür ich ihm auch nicht genug
danken kann; ich betrübe mich bisweilen sehr dar-
über, daß ich Unwürdiger eure Liebe so sehr betrübt
habe; ich kann wohl denken, daß viele über mich be-
trübt sind, wie ich gehört habe, daß ich von meinem
Glauben abgefallen sein soll, woran jedoch nichts ist,
der Herr sei gelobt. Sie haben mich nur oberflächlich
gefragt; ich wollte nur, sie fragten mich nicht tiefer, als
sie bisher getan haben; aber ich fürchte, daß ich werde
bleiben müssen, wo ich bin; der Herr verleihe mir, was
mir heilsam ist; ich habe zu ihm das Vertrauen, daß
er mir wohl Stärke geben kann, zu seinem Preise und
meiner Seelen Seligkeit auszuhalten. Es haben sich
ja unsere drei andern Brüder durchgekämpft, darum
kann mich der Herr auch nach Hause holen, wenn es
sein geliebter Wille ist; ich wusste den Freitag nicht
anders, als daß ich mein Opfer tun würde; es war auch
mein Gemüt dazu bereit, dem Herrn sei gedankt, wie
ich ihm denn nicht genug danken kann, daß er mir so
treulich beisteht; ich traue in allem auf ihn, und, wer
auf ihn traut, soll nicht zu Schanden werden, denn
er verlässt die Seinen nicht, die auf ihn trauen. Tue
so viel, und grüße mir alle Brüder herzlich, sage ih-
nen auch, daß sie für mich bitten, daß mich der Herr
bis in die letzte Not stärken wolle, denn das Gebet
der Gläubigen und Gerechten vermag viel; solches ist
auch meine herzgründliche Bitte.
Hiermit will ich dich dem Herrn anbefehlen; wenn
wir einander mit fleischlichen Augen nicht mehr se-
hen sollten, so halte mir dieses zu gut, und sage mei-
ner Schwester, daß ich dir geschrieben habe, denn sie
weiß nicht anders, als daß ich von meinem Glauben
abgefallen sei; der Herr erkennt alle Herzen.
Von mir, Clemens Hendriks, unwürdig gefangen in
dem Herrn.
Der zweite Brief von Clemens Hendriks.
Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, unserm
himmlischen Vater, durch Jesum Christum, seinen ei-
nigen, geliebten Sohn, der sich selbst aus großer Liebe
dahingegeben hat, um uns von dem Bande des Todes
zu erlösen. Diese brünstige Liebe und die Kraft und
Stärke des Heiligen Geistes wünsche ich dir, meine
sehr liebe und werte N. zur Danksagung, zum Tröste
und zur Stärke, von nun an bis in Ewigkeit, Amen.
Ferner, meine sehr Liebe und Werte (von Gott, dem
himmlischen Vater, und von dem Herrn Jesu Christo
Geliebte), aus recht christbrüderlicher Liebe kann ich
nicht wohl unterlassen, an deine Liebe ein wenig zu
schreiben, wie es mir noch in meinen Banden ergeht;
ich kann dem Herrn nicht genug danken, und ihn
nicht genug loben, daß er mich in meiner Trübsal so
tröstet, und mein Gemüt noch dahin gerichtet ist, den
Herrn alle Tage meines Lebens, nach meinem schwa-
chen Vermögen, von ganzem Herzen zu fürchten. So
habe ich (Armer und Unwürdiger) mir vorgenommen,
an dich, meine sehr Liebe und Werte, ein wenig zu
schreiben, wiewohl ich zum Schreiben nicht gestimmt
bin; dennoch geschieht es aus einer recht christlichen
und brüderlichen Liebe; deshalb nimm es zum Besten
auf, und halte es mir zu gut.
Ach, meine sehr Geliebte und Werte, welch ein schö-
ner Trost ist es für uns, daß Christus spricht: Selig sind,
die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leiden,
denn das Himmelreich ist ihnen; auch sagt Christus:
Wer sein Kreuz nicht aufnimmt und mir nachfolgt,
der ist meiner nicht wert, und wer sein Leben um
meinetwillen verliert, der wird es finden; ferner sagt
Paulus: Alle, die gottselig leben wollen in Christo Je-
su, müssen Verfolgung leiden; die Gerechten müssen
viel leiden, der Herr hilft ihnen aus all ihrem Leiden.
Darum, meine sehr Liebe und Werte, haben die Pro-
pheten, ja, Christus selbst gelitten und so auch alle
frommen Zeugen Jesu Christi bis auf den heutigen
Tag. Darum laß deine Lenden umgürtet sein und dein
Licht leuchten, und sei den Menschen gleich, die auf
ihren Herrn warten, wenn er von der Hochzeit aufbre-
chen wird, damit, wenn er kommt und anklopft, sie
ihm sofort auftun mögen. Selig sind die Knechte, die
der Herr (wenn er anklopft) wachend findet: Wahr-
lich, ich sage euch, er wird sich aufschürzen, sie zu
Tische setzen und vor ihnen gehen und ihnen dienen.
Darum, meine Geliebte und sehr Werte, ist uns dieses
nicht ein schöner Trost? Denn es steht geschrieben,
daß kein Auge gesehen, noch ein Ohr gehört habe,
daß es auch in keines Menschen Herz gekommen sei,
was Gott denen bereitet hat die ihn lieben. Wer bis ans
Ende beharrt, soll selig werden. Auch sah Esra auf
535
dem Berge Zion eine große Schar, die niemand zählen
konnte, und alle lobten den Herrn mit Lobgesängen,
und mitten unter ihnen war ein Jüngling, der mit sei-
ner Länge alle überragte, und einem jeden eine Krone
aufs Haupte setzte und immer größer ward; ich aber
verwunderte mich sehr, fragte den Engel und sprach:
Lieber Herr, wer sind diese? Er antwortete: Diese sind
es, die das sterbliche Kleid abgelegt und das unsterb-
liche angetan, und den Namen ihres Gottes bekannt
haben; nun werden sie gekrönt und empfangen die
Belohnung. Weiter fragte ich den Engel: Wer ist aber
der Jüngling, der ihnen die Krone aufsetzt und ihnen
Palmzweige in die Hände gibt? Und er antwortete mir:
Er ist Gottes Sohn, welchen sie in der Welt bekannt
haben.
Siehe, meine Liebe und sehr Werte in dem Herrn,
was ist unser Leben? Es ist ein Dampf, oder ein Rauch,
der vom Winde dahin getrieben wird, und nicht weiß,
woher er kommt, welcher eine kurze Zeit währt, aber
nachher verschwindet; aber unser Sterben ist nichts
anderes, als ein Eingang in das ewige Leben, um mit
Gott und Christo zu herrschen. Christus sagt: Wer an
mich glaubt, ist durch den Tod zum Leben eingegan-
gen. Sterben wir durch ihn, so leben wir in ihm; denn
Gott ist kein Gott der Toten, sondern Abraham hat an
ihn geglaubt, und alle Gläubigen leben in Gott; ob-
gleich sie den Tod erlitten haben, so waren sie doch
Gottes Freunde, weshalb er sagte: Wer euch antastet,
der tastet meinen Augapfel an. Siehe, solche Liebe hat
uns Gott der Vater gegeben, daß wir Gottes Kinder hei-
ßen sollen; darum kennt euch die Welt nicht, denn sie
kennt ihn nicht. Darum, meine Liebe und sehr Werte,
sind wir nun Gottes Kinder; aber es ist noch nicht er-
schienen, was wir sein werden; doch wissen wir, daß,
wenn er sich offenbaren wird, wir ihm gleich sein wer-
den, denn wir werden ihn sehen, gleichwie er ist, und
ein jeder, der diese Hoffnung in sich hat, reinige sich
selbst, gleichwie er auch rein ist. Wir wissen, wenn
unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen wird,
wir einen Bau haben, von Gott erbaut, ein Haus, das
nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel,
daß wir damit überkleidet werden. Ja, sagt Paulus,
gleichwie des Leidens Christi viel über uns kommt, so
werden wir auch reichlich getröstet durch Christum;
ist es nun Trost oder Trübsal, so geschieht es alles zu
unserer Seligkeit, wenn wir sonst leiden, wie die Hei-
ligen gelitten haben, das ist, um des Zeugnisses des
Wortes Gottes willen; auch sagt Paulus: Wenn wir mit
ihm leiden, so werden wir auch mit ihm herrschen;
sterben wir in Christo, so werden wir auch mit ihm
leben; weiter sagt Paulus, Rom 8, daß wir um nichts
anderes besorgt seien, als um die Offenbarung der
Kinder Gottes, das ist: Wir sehnen uns und verlangen
nach der Offenbarung unsers Herrn in den Wolken,
damit wir, hingerückt in den Wolken zu ihm, ihm
gleich werden möchten. Während wir in dieser Hütte
sind, sind wir beschwert, denn wir wollten lieber mit
der unsterblichen und himmlischen Klarheit beklei-
det werden, womit uns Christus verklären wird; der
uns aber dazu bereitet, ist Gott, der uns das Pfand des
Glaubens gegeben hat, durch den Glauben und das
Vertrauen an seinen Sohn.
Darum, meine Geliebte und sehr Werte, steht auch
geschrieben: Wenngleich unser äußerlicher Mensch
verwest, so wird doch der innerliche von Tag zu Tag
erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht
ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichti-
ge Herrlichkeit uns, die wir nicht auf das Sichtbare,
sondern auf das Unsichtbare sehen. Hiermit sei dem
Herrn befohlen; er segne, benedeie und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und
uns allen und wolle uns gnädig sein. Grüße mir auch
die Brüder, wenn du Gelegenheit hast, sehr herzlich;
ich will auch euch alle dem Herrn anbefehlen bis zur
Wiederkunft des Herrn. Der Friede des Herrn sei mit
dir, von nun an bis in Ewigkeit, Amen. Geschrieben
in meinen Banden, auf Christmontag.
Von mir, Clemens Hendriks, unwürdig gefangen in
dem Herrn.
Der dritte Brief von Clemens Hendriks an seinen
Vater und seine Mutter.
Ich wünsche dir, mein geliebter und werter Vater, und
meiner geliebten und sehr werten Mutter, den Geist
der Wahrheit und Erkenntnis des Glaubens, nach der
Lehre Jesu Christi, und ein klares Gesicht und ein
offenes Herz in allen göttlichen Sachen und in Gottes
Wort, damit ihr einen rechten Unterschied machen
und abwägen mögt, was Licht oder Finsternis, was
Lüge oder Wahrheit, ja Fleisch oder Geist sei, damit
euch niemand betrüge, sondern ihr euch an Gottes
Wort fest halten, vollen Lohn empfangen, und nichts
von alledem verlieren mögt, was ihr bisher aus eurem
Glauben gewirkt habt.
Ferner, meine lieben und sehr werten Eltern, ich bin
eurer eingedenk und bitte auch jeden Morgen und
Abend für euch, daß der Herr euch in eurer Trübsal,
die ihr um mich armen, unwürdigen Menschen habt,
trösten wolle, der ich doch nicht wert bin, daß ihr
euch um mich betrübt. Ferner, meine lieben und sehr
werten Eltern, lasse ich eure Liebe wissen, daß ich mir
vorgenommen habe, eurer Liebe ein wenig zu schrei-
ben, wie es noch mit mir bestellt ist, und daß mein
Gemüt noch dahin gerichtet ist, den Herrn von gan-
zem Herzen, von ganzer Seele und aus allen Kräften
536
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
zu fürchten, solange ich noch im Fleische bin, wofür
ich dem allmächtigen, großen und allein weisen Gott
nimmermehr genug danken, noch ihn loben, oder zur
Genüge preisen kann. Daß er mir seine unaussprech-
liche, ja, unbegreifliche Gnade in Jesu Christo durch
die Handreichung seines Geistes bisher mitgeteilt hat
und noch täglich mitteilt, dafür danke ich dem all-
mächtigen Gott, und beuge die Knie meines Heizens
vor dem Vater, der reich an Gnade und ein wahrer, ge-
rechter und barmherziger Gott ist, der uns alle mit sei-
nem heiligen Worte tröstet. Darum, meine lieben und
sehr werten Eltern, bitte ich euch, daß ihr ja nicht um
mich armen, unwürdigen Menschen betrübt seid, son-
dern euch vielmehr darüber freuen, und den Herrn
dafür loben wollt, daß er euren Sohn dazu berufen
und tüchtig gemacht hat, um seines heiligen Wortes
und Evangeliums willen zu leiden; denn man findet
ja, daß die Apostel und Propheten, ja, auch Christus
selbst, von den bösen und verkehrten Menschen, dem
Fleische nach, haben leiden müssen. Darum, mein ge-
liebter Vater und meine sehr werte Mutter, seid doch
nicht betrübt und gebt euch hierüber zufrieden, so viel
es euch möglich ist; solches bitte ich sehr freundlich
um des Namens des Herrn willen; und tröstet euch
allezeit mit den Worten Christi, wenn er sagt: Wer
etwas lieber hat als mich, der ist meiner nicht wert,
und wer Haus, Hof, Land, Stand, Vater und Mutter
verlässt, der soll es hundertfältig wieder empfangen.
Aber, meine sehr lieben und sehr werten Eltern, was
erlebt man doch hier anders als große Armut? Und
was ist doch eines Menschen Leben? Nichts anderes
als eine Blume, die auf dem Felde steht; das Gras ist
verdorrt, und die Blume ist abgefallen, und wie ein
Dampf, der eine kurze Zeit währt, und in sich selbst
verschwindet. Ferner, mein lieber und sehr werter Va-
ter, ich bin sehr wohlgemut, mein Opfer zu tun, und
um des Namens des Herrn willen zu leiden; denn
Christus sagt: Wer mich vor den Menschen bekennt,
den will ich vor meinem himmlischen Vater wieder
bekennen; desgleichen sagt er auch: Lasst euer Licht
vor den Menschen leuchten. Ich möchte wohl wün-
schen, daß, wenn ich mein Opfer tun soll, sie mich auf
einen Wagen setzen, um die Stadt herum führen und
viermal geißeln möchten, damit ich mein Licht vor
diesem argen, blinden und verkehrten Geschlechte
leuchten lassen könnte; denn ich schäme mich nicht,
um des Evangeliums willen zu leiden, weil ich nicht
als Dieb, oder Schelm, oder Räuber, oder Übeltäter,
sondern als ein Christenmensch leiden werde; denn
wenn wir um Übeltat willen leiden, was nützt uns
das? Wenn wir aber um des Wohltuns willen leiden,
das ist Gnade bei dem himmlischen Vater. Ferner, mei-
ne lieben und sehr werten Eltern, laß ich eurer Liebe
wissen, daß sie mir angekündigt haben, ich sollte mich
den Händen der Geistlichen übergeben; sie gedach-
ten, ich würde hier wohl durchkommen. Hierauf ließ
ich sie abermals wissen, sie sollten sich deshalb nicht
bemühen, denn ich wäre nicht gesonnen, solches zu
tun.
Darum, meine lieben und sehr werten Eltern, er-
schreckt nicht hierüber, solches bitte ich demütig, um
des Namens des Herrn willen, denn über dergleichen
Dinge sollte sich ein Christ nicht schämen; ebenso
ist auch Joseph, als das ägyptische Weib ihn versuch-
te, ihn bei seinem Rocke oder Mantel ergriff und ihn
nicht gehen lassen, sondern Hurerei mit ihm treiben
wollte, ihr entronnen, und hat lieber ihr den Rock oder
Mantel gelassen, als Hurerei mit ihr treiben wollen.
Darum, meine lieben und sehr werten Eltern, wenn
wir von der babylonischen Hure bei unserem Rocke
oder Mantel ergriffen werden, um mit ihr Hurerei zu
treiben, so lasst lieber, durch des Herrn Gnade, euern
Rock oder Mantel fahren, als mit ihr Hurerei treiben,
nämlich, gebt lieber euer irdisches Leben auf.
Ferner, meine lieben und sehr werten Eltern, bitte
ich euch sehr demütig mit weinenden Augen hin-
sichtlich dessen um Vergebung, was ich an euch mit
Worten ober Werken, oder Gedanken verschuldet ha-
be; es scheint, daß die Stunde vor der Tür sei, wo ich
mein Opfer tun soll; darum, meine lieben und sehr
werten Eltern, will ich euch dem Herrn anbefehlen,
und euch beiden bis zur Wiederkunft unseres Herrn
Jesu Christi gute Nacht sagen. Der Friede des Herrn
sei mit euch, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Von mir, Clemens Hendriks, eurem geliebten Soh-
ne, unwürdig gefangen in dem Herrn; geschrieben in
Banden.
Der vierte Brief des Clemens Hendriks an seinen
Vater und seine Mutter.
Ein sehr freundlicher Gruß geschrieben an euch, mei-
ne geliebten Eltern; ich lasse euch wissen, daß ich
noch wohlgemut und gesund bin, und hoffe, daß die-
ses auch bei euch der Fall sein werde.
Ferner, meine lieben und sehr werten Eltern, lasse
ich eurer Liebe wissen, wie es in meinen Banden mit
meinem Leibe bestellt sei; ich kann den Herrn nicht
genug loben, und ihm nicht genug danken, daß er
mich in meiner Trübsal so tröstet und daß mein Ge-
müt noch dahin gerichtet ist, den Herrn zu fürchten,
solange ich hier bin, und sollte auch Fleisch und Blut
darum leiden.
Nicht weniger, meine lieben und werten Eltern, las-
se ich eure Liebe wissen, wie sie mit mir gehandelt
haben, als ich zuerst gefangen wurde; ich bin an ei-
537
nem Mittwoch Abend zu Gaste gewesen, und wir
befanden uns auf dem Heimwege; da begegnete uns
die Wacht, und weil wir kein Licht mit uns hatten,
wurden wir von der Wacht hinaufgebracht; dort saß
Floris der Bral, der uns fragte, wo wir herkämen, ob
wir nicht in einer Versammlung der neuen Religion ge-
wesen wären; wir antworteten: Nein; er fragte weiter,
ob wir das mit unserem Eide bezeugen könnten. Ich
erwiderte ihm: Willst du meinen Worten nicht glau-
ben? Ich will dir die Wahrheit sagen; er bestand aber
auf dem Eid, und wir wollten nicht schwören. Da sag-
te er: Bringe sie hinab. Hierauf wurden wir hinunter
ins Gefängnis gebracht, als ob wir Diebe oder Schelme
gewesen wären; am Morgen des andern Tages wur-
den wir hinaufgeholt; sie brachten mich zuerst vor die
Herren, und hatten mir die Hände auf den Rücken
gebunden, als ob ich ein Dieb gewesen wäre; da fragte
mich der Schultheiß: Clemens, wie oft bist du wohl
in der Versammlung der Mennoniten gewesen? Ich
schwieg darauf still und gab ihm keine Antwort; er
setzte mir aber hart zu, um es zu wissen; und als ich
nichts erwiderte, wurde ich in eine Kammer allein ein-
gesperrt. Sodann wurden die andern vor die Herren
gebracht, und wegen ihres Glaubens verhört, welchen
sie bekannten; darauf wurde ich abermals vor den
Herrn gebracht, welcher mich abermals fragte, wie oft
ich in der Versammlung gewesen, und ob ich wohl
zehnmal darin gewesen wäre; ich erwiderte: Nein.
Wohl acht Mal? Nein. Wohl sieben Mal? Nein. Wohl
sechs Mal? Nein. Wohl drei Mal? Ja. Hierauf fragte er
mich um des Predigers Namen; ich sagte: Ich bin nicht
Willens, solches zu nennen; er wollte auch haben, ich
sollte sagen, in welchem Hause ich gewesen und was
für Leute dort gewesen wären; ich sagte ihm, ich wäre
noch nicht willens, es zu sagen, worauf er erwiderte,
er wollte es mich wohl sagen machen; hiernach wurde
ich wieder ins Gefängnis gebracht, und den Tag dar-
auf wieder vor die Herren geführt; hier fragte mich
der Schultheiß, ob ich ihm noch nicht sagen wollte,
wer der Prediger gewesen, und wo er gewesen wä-
re, und was für Leute dort gewesen wären; ich sagte,
daß ich noch nicht gesonnen wäre, solches zu sagen,
und setzte hinzu: Ich bin im Leiden und begehre nie-
manden in Leid zu bringen; ihr habt mich hier, ihr
mögt mit mir umgehen, wie es euch gefällt. Da sagte
der Schultheiß zu den Gerichtsherren: Ich fordere ihn
zur Folter, um solches auf das Genaueste zu wissen,
und sich an die Knechte wendend, befahl er ihnen,
mich sofort zur Folterbank zu bringen, hier wurde ich
entkleidet und mit verbundenen Augen auf die Folter-
bank gesetzt, hiernächst fragte mich der Schultheiß,
ob ich es noch nicht sagen wollte; ich erwiderte, ich
wäre noch nicht willens es zu sagen. Sodann wurde
ich auf die Bank gelegt, und wohl mit sieben Stricken
darauf gebunden; an meinem Kopfe hatten sie zwei
Knöpfe angebracht, die mir auf der Stirn lagen, und
die sie mit einem Stricke mit meinen beiden großen
Zehen in Verbindung brachten, die andern wurden
um meinen Leib gebunden; sodann wurden die Stri-
cke vermittelst hölzerner Knebel zugedreht, sodass
ich nicht anders dachte, als daß sie die Rippen in mei-
nem Leibe in Stücke gedreht hätten, wobei sie mir
Urin in den Mund gossen. Als ich nun so in der Pein
lag, wurde ich noch auf meine Brust gegeißelt; der
Herr weiß es, wie sie mit mir umgegangen sind. Um
der Pein willen nannte ich vier Brüder, aber ich hoffte,
daß sie nicht mehr in der Stadt waren; solches währ-
te ungefähr eine halbe Stunde; ich sagte ihnen, sie
sollten mir auch einen Strick um die Kehle tun, und
mir auf einmal davon helfen. Als sie die Stricke los-
machten, konnte ich nicht auf meine Füße kommen;
die Diener mussten mir aufhelfen. Darauf wurde ich
wieder ins Gefängnis gebracht, Tags darauf aber wie-
der hinauf vor die Herren geholt; wiewohl ich kaum
gehen konnte, wäre ich nochmals gepeinigt worden,
wenn es Joost Buik nicht verhindert hatte. Der Schult-
heiß fragte mich, ob ich nicht einen Mönch zu sehen
wünsche; ich erwiderte, er könnte wohl wegbleiben;
er sagte darauf: Du musst ja einen Hund bellen hö-
ren, willst du denn nicht einen Mann reden hören?
Sodann wurde ich abermals ins Gefängnis gebracht,
und bald kam ein Priester in Begleitung eines Mön-
ches zu mir, um mit mir zu disputieren; sie fingen an,
bald von diesem, bald von jenem zu reden und brach-
ten viele Lügen vor, ich aber schwieg still, und ließ sie
genug reden; sie wurden böse darüber, daß ich ihnen
nicht mehr antwortete, und der eine sagte, daß ich
den Teufel hätte. Vier Tage darauf wurde ich wieder
hinaufgebracht und mir gesagt, ich sollte mich gegen
den Samstag fertig halten; ich erwiderte: Wenn es dem
Herrn gefällt, so bin ich fertig. Da wurde ich abermals
ins Gefängnis gebracht, und ich wusste nicht anders,
als daß ich mein Opfer tun müsste; statt dessen aber
kam ein Priester zu mir, der von mir verlangte, daß ich
ihm beichten sollte; ich sagte ihm, daß ich ihm nicht
beichten wollte, denn er könnte mir meine Sünden
nicht vergeben; meinem Herrn und Gott zu beichten,
ist die beste Beichte. Hiernächst kam der Schultheiß
mit zwei Gerichtsherren zu mir, welche sich dahin
aussprachen, sie wollten mit mir noch vierzehn Tage
warten; ich war aber so wohlgemut, mein Opfer zu
tim, als ob ich von keinem Sterben gewusst hätte; bin
auch noch jetzt so wohlgemut, als ob ich von keinem
Gefängnisse wüsste. Es verdross mich, daß es so lange
aufgeschoben wurde, denn mich verlangt, außer dem
Fleische zu sein, ich bin auch sehr wohlgemut mein
538
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Opfer zu tun; der Herr verlässt die Seinen nicht, die
ihm vertrauen. Ferner, mein lieber und sehr werter
Vater, berichte ich dir, daß ich deinen Brief empfangen
habe, worüber ich mich freute, weil ich vernahm, daß
du hierin so wohl zufrieden seiest.
So will ich denn, meine lieben Eltern, euch gute
Nacht sagen, wenn es dem Herrn gefällt, bis zur Wie-
derkunft unseres Herrn. Der Friede des Herrn sei mit
euch bis in Ewigkeit, Amen.
Von mir, Clemens Hendriks, unwürdig gefangen in
dem Herrn.
Der fünfte Brief von Clemens Hendriks.
Ich wünsche euch, meine Lieben und Werten in dem
Geiste und nach der Wahrheit (wie ich solches hoffe),
und in einer Erkenntnis des Glaubens, und in der Leh-
re Christi Jesu, ein klares Gesicht und offenes Herz in
allen göttlichen Sachen und in Gottes Wort, um darin
einen rechten Unterschied zu machen und abzumes-
sen, was Licht oder Finsternis, Lügen oder Wahrheit,
ja, Fleisch ober Geist sei, damit ihr nicht betrogen wer-
den mögt, sondern euch an das Wort Gottes festhalten,
damit ihr vollen Lohn empfangen mögt.
Ferner, meine Lieben und sehr Werten, ich kann
nicht wohl unterlassen, euch ein wenig zu schreiben,
wie es mit mir in meinen Banden jetzt steht, und wie
mein Gemüt fortwährend noch dahin gerichtet ist,
den Herrn von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit
allen Kräften zu fürchten, weshalb ich dem allmächti-
gen, großen und allweisen Gott niemals genug dan-
ken, noch ihn preisen kann; für seine unaussprechli-
che, ja, unergründliche Gnade, die er mir bisher durch
Jesum Christum mit Handreichung bewiesen hat und
noch täglich beweist; dafür danke ich dem allmäch-
tigen Gott, und beuge die Knie meines Herzens vor
dem Vater, der reich an Gnade und Wahrheit, und
der rechte Vater voller Gnade ist, und ein Gott allen
Trostes, der uns trösten kann, wenn wir in Angst und
Trübsal sind. Darum, meine Lieben und Getreuen, be-
wahrt diesen guten Schatz, der euch anvertraut und
von Gott aus Gnaden geschenkt worden ist, denn der
Glaube ist eine Gabe Gottes, wodurch die Alten ein
gutes Zeugnis und eine Versicherung in ihrem Herzen
erlangt haben, durch das alte Wort des Geistes Chris-
ti, die zuvor mit ihrem Geiste Zeugnis gegeben, daß
sie Gottes Kinder und auch Miterben aller herrlichen
Verheißungen seien; darum haben sie auch freiwillig
alles verleugnet, und haben es für viel großem Reich-
tum geachtet, mit den Kindern Gottes Ungemach zu
leiden, als die zeitliche Ergötzung dieser Welt zu ge-
nießen, denn sie sahen auf die Belohnung und auf
dasjenige, was ewig und nicht zeitlich ist, denn der
Glaube richtet sich nach dem, was hier nicht zum Vor-
schein kommt und mit fleischlichen Augen hier nicht
gesehen wird, was aber die Augen des Herzens sehen
und der verborgene inwendige Mensch, und es dar-
um so fest halten, als ob sie es vor dem Angesichte
sehen und mit der Hand greifen könnten, denn sie
achten und halten den für getreu, der es verheißen
hat, daß er es auch tun werde, denn er kann sich selbst
nicht verleugnen.
Darum, meine Lieben und Getreuen, seht doch
nicht auf das Sichtbare, denn was sichtbar ist, ist ver-
gänglich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig; auch
sagt Christus: Wer etwas lieber hat, als mich, der ist
meiner nicht wert; und an einem andern Orte sagt
er: Wer Haus, Hof, Land, Stand, Vater und Mutter,
ja, auch sein eigenes Leben verlässt, der wird es hun-
dertfältig wieder empfangen. Darum müssen wir hier
allem absagen, und nichts Lieberes haben als den le-
bendigen Gott, und es mit den Werken und in der Tat
beweisen, daß wir Kinder Gottes und keine Bastarde
sind. Die Gerechten müssen durch viele Leiden in das
Himmelreich eingehen, aber der Herr hilft ihnen in
allen ihren Leiden; er lässt die Seinen nicht über ihr
Vermögen versucht werden, sondern schafft neben
der Versuchung einen Ausgang; aber die Gottlosen
verspart er, um sie am Tage des Gerichts zu peinigen.
Darum, meine Lieben und sehr Werten, gedenkt
an Joseph, der von dem ägyptischen Weibe versucht
wurde, um mit ihr Hurerei zu treiben, welchen sie
auch bei seinem Rocke oder Mantel gefasst hatte, und
nicht gehen lassen wollte; derselbe ist ihr entronnen,
und hat ihr den Rock oder den Mantel lieber zurück-
gelassen, als mit ihr Hurerei getrieben.
So lasst uns denn, meine Lieben und sehr Werten,
wenn wir von der Hure zu Babel bei unserm Rocke
oder Mantel ergriffen werden, durch des Herrn Hilfe
lieber den irdischen Rock fahren lassen, als mit ihr
Hurerei treiben, nämlich das irdische Leben verlieren,
weil ihr wisst, daß unser sterblicher Rock ausgezogen
werden müsse, ehe man den unsterblichen Rock an-
ziehen kann. Und wenn unser irdisches Haus dieser
Wohnung zerbricht, so haben wir einen Bau im Him-
mel, ein Haus, das nicht mit Händen gemacht, das
ewig im Himmel ist.
Ferner, meine Lieben und sehr Werten, ich habe mir
vorgenommen, euch noch ein wenig von den Worten
Christi zu schreiben, wo er sagt: Liebt ihr mich, so
haltet meine Gebote, und ich will den Vater für euch
bitten, daß er euch einen andern Tröster gebe, den
Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen
kann. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die
Welt nicht mehr sehen; aber ihr werdet mich sehen,
denn ihr kennt mich, sagt der Herr. Auch warnt uns
539
Christus an einem andern Orte, wenn er sagt: Hütet
euch vor den falschen Propheten, die in Schafsklei-
dern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe
sind; an ihren Früchten soll ihr sie erkennen. Kann
man auch Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen
von den Disteln? Ein guter Baum bringt gute Früch-
te hervor, und ein böser Baum bringt böse Früchte
hervor; ein jeder Baum, der keine guten Früchte her-
vorbringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
Hiermit sage ich euch gute Nacht bis zur Wieder-
kunft mit dem untrüglichen Worte seiner Gnade. Des
Herrn Friede sei mit euch, von Ewigkeit zu Ewigkeit,
Amen.
Haltet mir dieses kurze Schreiben zu gut. Geschrie-
ben von mir, Clemens Hendriks, unwürdig gefangen
in dem Herrn, in meinen Banden geschrieben aus Lie-
be.
Veyt Greyenburger, 1570.
Zu Wald in Finschau ist im Jahre 1570 ein Bruder, Veyt
Greyenburger, auf seiner Durchreise gefangen wor-
den. Man hat ihn ausgekundschaftet und Geld auf
ihn gesetzt; als er nun in die Herberge kam, und das
Landvolk ihn gesehen, aber nicht recht gekannt hat,
so sind sie des Nachts ins Wirtshaus gekommen, und
als sie ihn vor dem Essen beten sahen, steckten sie die
Köpfe zusammen und sagten: Er ist der rechte Mann,
oder er ist ihm ähnlich, und äußerten sich dahin, daß
das Beten unrecht wäre; so grob ließ sich der Teufel an
ihnen merken. Auf solche Weise haben sie ihn in der
Herberge erkannt und dem Richter auf dem Schlosse
zu Niedersol Botschaft gesandt; derselbe ist mit vie-
len Leibknechten und Dienern gekommen, hat ihm
die Hände auf den Rücken gebunden, und ihn auf
das Schloss zu Niedersol ins Gefängnis geführt; bald
darauf wurde er verhört, und abermals ins Gefängnis
abgeführt. Fünf Wochen darauf ist der Landschreiber
von Salzburg gekommen, der ihn mit zwei Dienern
und zwei Leibknechten auf das Schloss zu Salzburg
geführt, und ins Gefängnis an eine Kette gelegt hat.
Nach Verlauf von drittehalb Jahren sind die Pfaffen,
der Domprediger zu Salzburg, wie auch der Pfaffen-
richter und mehrere andere Buben zu ihm gekommen,
welche Tinte und Papier bei sich führten; sie haben
dem Bruder Veyt zugesetzt und ihn zur Verantwor-
tung ermahnt. Der Bruder sprach: Was soll ich sagen?
Ihr seid Ankläger und Richter, und was ihr nicht aus-
führen könnt, das muss der Richter, die Diener und
der Scharfrichter statt eurer ausführen; ihr sagt es
dem Fürsten, der Fürst dem Richter, der Richter den
Dienern, und die Diener dem Scharfrichter, derselbe
muss es ans Ende bringen, das ist euer Hohepriester,
der hilft euch, das Feld erhalten. Unter anderem sagte
der Bruder auch zu ihnen: Der Geist sagt öffentlich,
wer ihr seid, denn Paulus schreibt: Daß in den letzten
Tagen einige vom Glauben abfallen und den verfüh-
rerischen Geistern und Lehren der Teufel anhangen
werden, die durch Heuchelei Lügenredner sind, und
ein Brandmal in ihrem Gewissen haben, verbieten ehe-
lich zu werden, und die Speise, die Gott geschaffen
hat, mit Danksagung zu genießen. Da sagte einer von
den Pfaffen zu ihm: Wir verbieten die Ehe nicht, auch
habe ich heute noch Fleisch gegessen; aber der Bruder
erwiderte: Ei, man weiß wohl, daß ihr die Ehe verbie-
tet und die Hurerei zulasst. Als mm der Pfaffe sich
recht bedacht hatte, sagte er: Weißt du, was Christus
sagt: Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten; alles
nun, was sie euch sagen, das tut.
Darauf hat der Bruder Veyt ihn gefragt: Meint ihr,
daß ihr diese seid? Sie erwiderten: Ja, wir sind diese,
wenn Gott will. Der Bruder sagte: Ihr seid solche, wie
ihr bekennt, aber Christus ruft manches Wehe über
sie aus, und nennt sie Schlangen und Ottergezüchte,
Törichte und blinde Leiter so seid ihr nun eben diesel-
ben, wie selbst euer eigener Mund bezeugt. Da wurde
er ein Wiedertäufer und dergleichen gescholten. Dar-
auf hat sie der Bruder Veyt gefragt, ob sie Paulus auch
für einen Wiedertäufer hielten, sie antworteten: Nein;
er fragte: Warum hat er denn diejenigen noch einmal
getauft, die schon zuvor mit der Taufe Johannes ge-
tauft waren, welche vom Himmel, und dennoch zur
Seligkeit nicht zulänglich war? Um wie viel weniger
kann aber nun die Kindertaufe zulänglich sein, wel-
che von Menschen erschaffen ist? Darauf schwiegen
sie. Der Bruder Veyt sagte: Ihr lasst den Hebammen
das Taufen zu, wo steht das geschrieben? Sie wussten
es aber nicht, und saßen da, so stumm wie ein Bild.
Danach haben sie ihn gefragt, ob er von der Huete-
rischen Gesellschaft wäre; er antwortete: Der Hueter
war ein Lehrer. Sie fragten, ist er denn euer Messi-
as? Er antwortete: Der Hueter ist ein frommer Mann
gewesen, der um seines Glaubens und der Wahrheit
Gottes willen zu Innsbruck verbrannt worden ist, aber
unser Messias ist Christus; aber was habt ihr für einen
Messias und Vater zu Rom und auch hier in der Stadt?
Da sagten sie: Der Papst ginge sie nichts an. Der Bru-
der sagte: So habt ihr einen Obersten hier in der Stadt.
Die Pfaffen sagten: Der wäre ihr Vater nicht. Der Bru-
der sagte: Du hast ja selbst zuvor bekannt, daß euch
euer Vater ausgesandt habe. Sie wussten nicht, was sie
hierauf sagten sollten. Auf solche Weise ist er einige
Mal verhört worden. Darum hat Christus zu seinen
Jüngern nicht umsonst gesagt: Wenn sie euch in ihre
Schulen, Rathäuser, und vor ihre Obrigkeit, Gewalti-
gen und Gelehrten bringen, so sorgt nicht, wie oder
540
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
was ihr reden sollt, denn ich will euch einen Mund
und Weisheit geben, welcher sie nicht werden wider-
sprechen noch widerstehen können.
Als nun der Bruder Veyt bis ins siebte Jahr in Salz-
burg in vielem Elend und Trübsal gefangen gelegen
hatte, ist er im Jahre 1570, mit Gottes Hilfe, durch ein
Fenster aus seiner Gefangenschaft entsprungen; das
Volk auf dem Schlosse sagte, es wäre übermenschli-
ches Vermögen da herauszukommen; aber bei Gott
sind alle Dinge möglich. Auf solche Weise ist er den
neunten Tag des Monats August des genannten Jah-
res wieder zu seinen Brüdern und zu der Gemeinde
gekommen.
Vier Freunde werden in Maastricht aufgeopfert,
Arent von Essen, Ursel, sein Weib, Neeltgen, eine
alte Frau, und Tryntgen, ihre Tochter, im Jahre 1570.
Als die Freiheit in Maastricht durchbrach, und die
Bilder bestürmt waren, ist die Gemeinde gewachsen,
hat gegrünt, und sich in der Zahl vermehrt; als aber
nachher der Herzog von Alba ins Fand kam, sind vie-
le der Brüder aus der Stadt geflüchtet, wenn immer
sie Gelegenheit finden konnten; einige derselben aber
blieben dort wohnhaft, unter welchen auch ein Bruder
war, ein Ältester und Schulmeister, namens Arent von
Essen, der ein Weib hatte, namens Ursel; bei ihnen
wohnten noch einige im Hause, nämlich eine Frau
Tryntgen und ihre Mutter, namens Neeltgen, eine al-
te Frau von ungefähr 75 Jahren. Als nun diese heute
verraten und bei der Obrigkeit angegeben waren, hat
es sich zugetragen, daß einer von den Bürgermeistern
der Stadt, welcher einen wütenden Sinn hatte, mit sei-
nen Dienern, die man Boten nannte, des Nachts um
12 Uhr in des Schulmeisters Haus eingedrungen ist,
und diesen Mann Arent mit vielem Tumulte gefangen
genommen hat; worauf man ihn in der Nacht auf das
Ratshaus führte, welches man die Fandskrone nannte,
ungefähr eine Stunde später ging der Bürgermeister
mit seinen Boten abermals nach des gemeldeten Schul-
meisters Hause, um noch zwei Frauenspersonen zu
fangen, welche er zuvor nicht beobachtet hatte. Als
er dahin kam, fand er dort auch Neeltgen, die alte
Frau, denn diese war gekommen, um zu sehen, wie
es ihrer Tochter Tryntgen und den andern ergangen
sei, indem sie gehört hatte, daß Arent gefangen und
abgeholt worden sei. Diese mm nahm er auch alle drei
gefangen und brachte sie ebenfalls auf die Fandskro-
ne zu dem Arent. Also waren sie bis morgens alle vier
beieinander, erfreuten sich zusammen in Gott und
trösteten einander.
Als sie nun vor die Herren gebracht wurden, so hat
ein jedes derselben seinen Glauben freimütig bekannt.
und daß sie auf ihrem Glauben die Taufe empfangen
hätten; und was sonst die gottselige Fehre betrifft, so
war darin die Ursel, wiewohl sie dem Fleische nach
schwach war, wie es scheint, nicht die Furchtsamste,
denn sie haben dieselbe von den andern abgesondert
und den Herren überliefert (das ist, dem Schulthei-
ßen und den Ratsherren), welche das Blutgericht hiel-
ten. Man brachte sie auf das sogenannte Dinghaus,
wo man sie mit vielen Bedrohungen sehr ängstigte,
was sie aber alles mit sanftem Gemüte ertragen und
erlitten hat. Ebenso ist es auch ihrem Manne Arent
ergangen. Diesen überantworteten sie auch den Her-
ren, und brachten ihn auf die Pforte der Gefangenen,
welches das höchste Gefängnis ist; daselbst hat man
auch versucht, ihn zum Abfalle zu bringen.
Als die alte Frau Neeltgen mit ihrer Tochter Trynt-
gen den Herren auch überantwortet und aufs Ding-
haus geführt wurden, sind sie auf der Straße fröhlich
und guten Mutes gewesen, sodass Tryntgen vor Freu-
de zu singen anfing, so sehr war sie in dem Herrn
entzündet.
Während sie nun auf dem Dinghause gefangen sa-
ßen, wurden sie auf mancherlei Weise von den Herren,
wie auch von den Mönchen und Pfaffen, angefochten,
um sie von ihrem Glauben abfällig zu machen; aber
Gott bewahrte seine Schafe vor dem gräulichen Wü-
ten der Wölfe. Danach setzten sie zuerst dem Arent
mit Peinigen und Foltern zu, ja man sagt, daß er sie-
benmal scharf gepeinigt worden sei, sodass er durch
alle solche Marter in eine Gemütsschwachheit verfiel;
aber der Herr reichte ihm die Hand, stärkte ihn, und
gab ihm wieder Mut, sodass er sich noch tapfer durch-
gestritten hat, wie man hören wird. Sein Weib Ursel
wurde auch aus dem Dinghause auf die Pforte der
Gefangenen gebracht, wo sie ihren Mann nicht we-
nig zur Stärkung seines Gemütes ermahnt hat; hier
ist auch Ursel zweimal auf der Folterbank gepeinigt
worden, hat aber gleichwohl bei der Wahrheit treulich
Stand gehalten; aber es ist mit ihr bei diesem Peinigen
nicht geblieben, denn der Scharfrichter band ihre Hän-
de zusammen, wand sie in die Höhe, und als sie da
hing, schnitt er ihr mit einem Messer das Hemd von-
einander, und entblößte ihren Rücken, den er scharf
mit Ruten geißelte; dieses ist an einem und demsel-
ben Tage zweimal geschehen. Man sagt, ein Jesuit
habe den Rat zu diesem Geißeln gegeben. Dieses alles
hat Ursel geduldig ertragen, obgleich sie, wie oben
gemeldet worden ist, von sehr zarter Körperbeschaf-
fenheit war, sodass, als sie noch ihre Freiheit hatte,
sie ihre Strümpfe umwenden und so anziehen und
tragen musste, weil sie die Naht derselben an ihren
Beinen nicht ertragen konnte; gleichwohl konnte die-
selbe nun mit Gottes Hilfe das Geißeln und Peinigen
541
ertragen. Die alte Frau Neeltgen wurde auch herbei-
gebracht, um gepeinigt zu werden, und als sie zur
Folterbank oder Leiter kam, hat sie sich aus freiem
Willen darauf gelegt; die Flerren aber, als sie ihr Alter
und ihre Schwachheit betrachteten, haben sie nicht
peinigen lassen; sie sagten zu ihr: Es ist nicht das erste
Mal, daß du auf der Folterbank liegst, denn sie wuss-
ten, daß sie in ihrer Jugend schon um der Wahrheit
willen gefangen und gepeinigt worden war, aus wel-
cher Gefangenschaft sie damals auf eine sonderbare
Weise erlöst worden ist; aber ihre Tochter Tryntgen
wurde viel härter traktiert, denn man peinigte sie sehr
scharf. Als sie fast ohnmächtig von der Folterbank ge-
nommen wurde, legte man sie in ein Bett; aber sobald
sie sich wieder erholt hatte, musste sie abermals auf
die Folterbank, und als sie scharf gepeinigt wurde,
rief sie laut: O Herr, steh mir bei und bewahre mei-
nen Mund; denn weil sie nach mehr Blut dürsteten,
peinigte man sie hart, damit sie andere nennen sollte;
Gott aber hat ihr Gebet erhört und ihren Mund be-
wahrt, sodass sie nichts zum Nachteile ihres Nächsten
aussagte. Als Tryntgen das letzte Mal gefoltert wur-
de, sagte sie: Ich danke dem Herrn und lobe ihn. Die
Mutter Neeltgen, welche in der Nähe stand, fragte,
als sie ihre Tochter reden hörte: Ist das mein Kind?
Als Tryntgen dieses hörte, antwortete sie: Ja, meine
Mutter, wobei sie ihr um den Hals fiel und sie küsste.
Den 9. Januar des Jahres 1570 empfing Arent und
Ursel, sein Weib, die Botschaft im Namen des Herrn,
daß sie an einen Pfahl gestellt und verbrannt werden
sollten, über welche Botschaft sie sich sehr freuten,
weil sie würdig geachtet waren, um des Namen Chris-
ti willen zu sterben; sie waren auch den Tag und die
Nacht voll Freuden, dankten und lobten Gott, und
erwarteten den Tag ihrer Erlösung.
Des Morgens ist ein Staatsbote zu der Ursel gekom-
men und hat ihr im Namen seiner Herren anbefohlen,
nicht zu reden, wenn sie über die Straße zum Tode gin-
ge; solches sagte der Bote in der Herren Gegenwart.
Ursel sagte zu den Herren: Sollte mir nicht erlaubt
sein, ein wenig zu singen und bisweilen etwas zu
reden? Aber solches wollte man ihr nicht erlauben,
sondern sie sagten untereinander: Nun hören wir es
ja, was sie im Sinne hat. Sie sagten ferner zum Scharf-
richter: Halte dich an deinen Befehl und verstopfe
ihr den Mund. Da nahm der Scharfrichter ein Holz,
steckte es ihr in den Mund und band denselben mit
einem Tuche zu; dann brachte man sie von der Ge-
fangenenpforte, wo sie gepeinigt wurden, wieder auf
das Dinghaus; von hier sollten sie nämlich zum To-
de geführt werden, wo auch Neeltgen und Tryntgen
gefangen saßen.
Als nun Ursel vom Dinghause geführt wurde, stell-
te sich Tryntgen oben in ein Fenster, und als sie Ur-
sel zum Tode hinausführen sah, rief sie laut unter
das Volk derselben zu: Liebe Schwester, streite tapfer,
denn die Krone des Lebens ist dir zubereitet. Also
ist Ursel mit verstopftem Munde nach dem Vrythofe,
dem Orte, wo sie ihr Opfer tun sollte, gegangen; das
gemeine Volk aber hat sehr darüber geklagt, daß man
ihr den Mund so verstopft hätten, sodass sie nicht ein
Wort reden könnte.
Als Ursel nun zu der aufgerichteten Schaubühne
kam, ist sie stillschweigend, wie ein Lamm, hinein-
gestiegen und in das Häuslein gegangen, worauf der
Scharfrichter dasselbe sofort angesteckt hat, sodass
sie zu Pulver verbrannt und ein Brandopfer des Herrn
geworden ist.
Bald darauf hat man auch dem Arent, der Ursel
Mann, angekündigt, sich zum Tode bereit zu machen,
was er auch gutwillig aufgenommen und sich dazu
fertig gemacht hat. Ehe man ihn zum Tode hinaus-
führte, haben sie ihm auch den Mund verstopft und
zugebunden, was jämmerlich aussah. Sie hatten an
einem andern Orte, als wo Ursel umgebracht wurde,
eine Schaubühne errichtet, nämlich an dem Freitag
auf dem Viehmarkt, bei dem Pfuhle. Was die Herren
darunter suchten, daß sie die Gefangenen an verschie-
denen Orten so umgebracht haben, konnte man nicht
eigentlich wissen, doch das allgemeine Gespräch ging
dahin, die Herren hatten es um deswillen getan, da-
mit Arent und Ursel keinen Trost aneinander haben
möchten. Als nun Arent mit verstopftem Munde nach
diesem Platze geführt wurde, bemerkte man an ihm
ein fröhliches und unerschrockenes Gemüt. Als er
auf die Schaubühne kam, fiel er auf seine Knie und
verrichtete inbrünstig sein Gebet.
Dann stand er auf und ging in das Häuslein, wo er
seine Kleider auszog; weil aber einige Zeit darüber
verlief, so rief der Schultheiß (der in der Nähe zu Pfer-
de hielt) dem Scharfrichter zu: Fahre fort mit deinem
Werke! was der Scharfrichter auch sofort tat, das Feuer
anzündete, und so diesen Märtyrer, als einen Zeugen
Jesu Christi, zu Pulver verbrannte.
Wir haben bereits gemeldet, daß die alte Frau Neelt-
gen und Tryntgen, ihre Tochter, noch auf dem Ding-
hause gefangen blieben; diesen beiden wurde auch
den 23. Dezember desselben Jahres von den Herren
die Botschaft gesandt, daß sie, gleich den andern, ster-
ben müssten, welche Botschaft sie so freudig empfin-
gen, daß ihnen die Zeit lang wurde, bis der Tag kam,
denn sie suchten die Ruhe oben im Himmel, bei ihrem
lieben, himmlischen Vater, der zwar die Seinen hier
versucht werden lässt, aber mit seiner Barmherzigkeit
nimmermehr von ihnen weicht, sondern ihnen aus
aller ihrer Not hilft; darum waren sie auch über die
542
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Maßen in dem Herrn erfreut, dankten dem Herrn und
lobten ihn die ganze Nacht, und warteten so mit Ver-
langen auf den Tag ihrer Erlösung. Des Morgens, als
man sie zum Tode führen wollte, hat der Scharfrichter
ihnen einen Knebel in den Mund getan, und ihnen
denselben mit einem Tuche zugebunden; dann gingen
sie, guten Mutes, nach dem Vrythofe. Unterwegs lüs-
tete Tryntgen das Tuch, womit ihr Mund zugebunden
war und rief, weshalb sie stürben. Dieses wollte man
ihr keineswegs zugestehen, darum lief der Scharfrich-
ter sofort auf sie zu, legte seine Hand auf ihren Mund,
und befahl ihr, ins Häuslein zu gehen; dieses alles
ist größtenteils auf der Schaubühne geschehen. Also
hat man denn Tryntgen und ihre liebe Mutter in das
Häuslein geführt, wo sie beide zu Pulver verbrannt
worden sind, nachdem sie ihre Seele in die Hände
Gottes befohlen haben, was im Jahre unsers Herrn
1569, den 24. Januar, geschehen ist.
Anneken Ogierß, Jan Ogierß Tochter und Adrian
Boogaarts Weib, wurde um des Zeugnisses Jesu
Christi willen im Jahre 1576 zu Harlem ertränkt.
Der Jammer und die Trübsal hielten an, sodass fast
nirgends Freiheit für eine rechtschaffene, christgläu-
bige Seele gefunden werden konnte. Daran hat sich
Harlem, in Holland, auch mitschuldig gemacht, was
sich im Jahre unsers Herrn 1570 erwiesen hat, denn
damals legten sie ihre Hände (die sie zuvor oft in der
Heiligen Blute gefärbt hatten) an eine gottesfürchti-
ge Frau, genannt Anneken, des Jan Ogierß Tochter
und eine Hausfrau des Adrian Boogaart, die sich vor
dreizehn Jahren von dem finsteren Papsttume zu dem
wahren Fichte des Evangeliums gewandt und sich auf
ihren Glauben hat taufen lassen, um den Beweis zu
geben, daß sie begehrte, eine Jüngerin Jesu zu sein;
sie hat auch dabei den Papst und die römische Kirche
verlassen und verleugnet, und dagegen Jesum Chris-
tum angenommen und für den Sohn Gottes bekannt,
seine Gemeinde aber (nämlich die Kreuzeskirche der
Taufgesinnten) für seine liebe Braut, Weib und sei-
nen eigenen Feib, woran sie damals ein Glied zu sein
erkannt wurde.
Weil sie nun in ihrer Gefangenschaft durch kein
Mittel von ihrem Glauben abwendig gemacht werden
konnte, so hat die Obrigkeit der Stadt Harlem ihr
den Prozess gemacht, und das Todesurteil öffentlich
vor Gericht, den 17. Juni des Jahres 1570, über sie
ausgesprochen, nämlich, daß sie ertränkt und unter
den Galgen begraben werden sollte, welches Urteil
von Wort zu Wort (den Titel ausgenommen) lautet
wie folgt:
Das Todesurteil der Anneken, Jan Ogierß Tochter.
Nachdem Anneken, Jan Ogierß Tochter, des Adrian
Boogaarts, Porzellanmacher, Weib, gefangen, außer
Folter und Eisenbanden bekannt und gestanden hat,
daß sie ungefähr vor dreizehn Jahren die christliche
Taufe, die sie in ihrer Kindheit empfangen hat, ver-
worfen, und sich zu Amsterdam habe wiedertaufen
lassen, was doch unserm katholischen Glauben und
der Eintracht der heiligen römischen Kirche zuwider
ist, überdies auch zur Verachtung der Befehle ihrer kö-
niglichen Majestät, unsers gnädigen Herrn, gereicht;
und was noch ärger ist, auf ihrem Irrtume und ihrer
Ketzerei halsstarrig besteht, wiewohl sie in dieser Be-
ziehung sorgfältig unterrichtet worden ist, so haben
die Herren des Gerichtes, nachdem sie die Anklage
gehört, welche Jacob Foppens, Schultheiß der Stadt
Harlem, im Namen seiner Majestät als Grafen von
Holland, wider vorgemeldete Gefangene eingebracht
und begehrt hat, daß dieselbe dahin verurteilt werden
sollte, hier auf die Schaubühne geführt und mit Feuer
hingerichtet zu werden, mit der Klausel, daß alle ih-
re Güter nach den königlichen Befehlen zum Nutzen
seiner königlichen Majestät verfallen sein sollten, so
haben (sage ich) Vorgemeldete die zuvor genannte
Anneken, des Jan Ogierß Tochter, die um vorgemelde-
ter Ursache willen gefangen ist, dahin verurteilt, und
verurteilen sie hiermit, daß sie hier auf dem Stadthau-
se im Wasser ertränkt werden soll, sodass der Tod
darauf erfolge; ihr Feib aber soll unter den Galgen be-
graben werden, erklären auch ferner, daß ihre Güter
zum Nutzen ihrer Majestät verfallen sein sollen.
Abgelesen unter Glockengeläute auf dem Stadthau-
se den 17. Juni im Jahre 1570, in Gegenwart Jacob
Foppe, Schultheiß, Mr. Gerrit von Ravensberg, Mr.
Lambrecht von Roosfeld, Mr. Huge Bol von Zanen,
Albrecht von Schagen, Mr. Gysbrecht von Nesse, Wu-
uter von Rolland und Franz Janß Teyng, Ratsherren.
Dieses vorstehende Urteil haben wir nach großer
Mühe von dem Schreiber der Bürgerlichen- und
Halsgericht-Sachen, oder von dem Blutschreiber der
Stadt Harlem, durch Vermittlung eines unserer gu-
ten Freunde H. V. empfangen, wie solches der vorge-
meldeten Frau in der Stunde ihres Todes vor Gericht
abgelesen worden und noch heutzutage in dem Stadt-
buche daselbst zu finden ist, aus welchen Umständen
wir die gemeldete Beschreibung, die dem Urteile her-
vorgeht, aufgezeichnet haben.
Barber Jans, 1570.
Zu Harlem, in Holland, ist im Jahre 1570 eine Frau, ge-
nannt Barber Jans, verhaftet worden, weil sie von der
543
römischen Kirche abgefallen war und sich befleißigte,
eine Nachfolgerin Christi zu sein, welche, nachdem
sie ihren Glauben freimütig bekannt hatte, und darin
standhaft blieb, den 13. Februar zum Tode verurteilt,
um des Evangeliums willen heimlich ertränkt und zu
Asche verbrannt worden ist.
Allert Janß, 1570.
In demselben Jahre 1570, den 13. April, ist auch zu
Harlem ein frommer Bruder, genannt Allert Janß, ver-
haftet worden, welcher, nachdem sie ihm mit vielen
Versuchen und Anfechtungen zugesetzt, den 6. Tag im
Mai, nach vorgelesenem Urteile, um seiner Standhaf-
tigkeit in der göttlichen Wahrheit willen, freimütig an
den Pfahl getreten und lebendig zu Asche verbrannt
worden. Also hat er ein Opfer getan, das Gott wohlge-
fällig ist, und steht nun allen Gottesfürchtigen als ein
Vorbild da.
Andraes N. mit seinem Vater und Bruder, 1570.
Auch ist in eben demselben Jahre ein Bruder, genannt
Andraes N. (weil er der Welt abgestorben war und
sich zum Dienste Christi begeben hatte), mit seinem
Vater und Bruder um eben diese Zeit zu Antwerpen
gefangen genommen, welche, als sie beisammen wa-
ren, sich in dem Herrn erfreut haben, daß sie gewür-
digt waren, um seines Namens willen zu leiden, was
sie auch freimütig vor den weltlichen Herren bekannt
und ein gutes Bekenntnis ihres Glaubens abgelegt,
wobei sie auch standhaft blieben, ungeachtet, welche
Leiden oder Qual (durch List, Verheißungen und Be-
drohungen) man ihnen um deswillen angetan hat,
sondern sie sind in der Wahrheit, im rechten Glauben
und in der Liebe zu Gott standhaft geblieben bis ans
Ende. Darauf wurden sie alle drei zum Tode verurteilt
und verbrannt, und haben also durch ihre Aufopfe-
rung (welche Gott ein angenehmes Rauchwerk war),
die Zahl ihrer Brüder, die vorangegangen waren, er-
füllen helfen.
Andreas N., 1570.
In eben demselben Jahre 1570 ist auch in Harlem um
seines Glaubens und der Wahrheit willen ein Bruder,
genannt Andreas N., gefangen genommen, welcher
drei Stunden lang grausam gepeinigt worden ist, und
gleichwohl hierin sowohl als in andern Prüfungen
und Leiden allezeit in seinem Glauben standhaft ge-
blieben ist. Zuletzt ist er zum Tode verurteilt und ver-
brannt worden, und hat also, als ein tapferer Kämpfer
des Herrn, einen guten Kampf gekämpft, wodurch er
nicht nur gewürdigt worden ist, daß seiner, als eines
Vorbildes, zum ewigen Andenken hier gedacht wird,
sondern auch das Reich seines himmlischen Vaters zu
ererben, das allen Frommen bereitet ist.
Joris von Meesch und Jacob Lowys, ungefähr 1570.
Christus sagte zu seinen Jüngern: Es wird ein Bruder
den andern dem Tode überantworten; der Vater den
Sohn, und die Kinder werden sich wider ihre Eltern
empören und ihnen zum Tode helfen, und ihr müsst
gehasst werden um meines Namens willen von je-
dermann; aber wer bis ans Ende beharrt, der wird
selig. Solches hat sich auch um das Jahr 1570 (denn
wir wissen die Zeit so genau nicht) zu Gent in Flan-
dern erwiesen, wo zwei tapfere Nachfolger Christi,
mit Namen Joris von Meesch und Jacob Lowys, ge-
fangen und nach vielen Anfechtungen und schweren
Bedrohungen der Papisten getötet worden sind und
den Glauben der ewigen Wahrheit mit ihrem Blute
bezeugt und befestigt haben. Darum werden sie auch
am jüngsten Tage bei Gott in Gnaden aufgenommen
werden, und die Krone der ewigen Herrlichkeit von
der Hand des Herrn empfangen.
Jan, der Bandweber, Joost, der Wagner, mit seinem
Weibe, Martin von Wyke mit seinem Weibe
Lysken, Jelis, der Maurer, 1570.
Im Jahre 1570 sind nachfolgende gottesfürchtige Per-
sonen zu Antwerpen gefangen genommen, und an
gemeldetem Orte um des Zeugnisses Jesu willen ge-
tötet worden: Jan, der Bandweber, Joost, der Wagner,
mit seinem Weibe, Martin von Wyke mit Lysken, sei-
nem Weibe, und Jelis, ein Maurer; aber Lysken, des
Martin von Wyke Ehegattin, hielten sie ein Jahr lang
gefangen, wonach sie den 2. Mai 1571 an gemeldetem
Orte lebendig verbrannt worden ist.
Also sind diese sechs frommen, gottseligen Perso-
nen nicht wegen irgendeiner Missetat, vielweniger
wegen irgendeiner Ketzerei, sondern allein, weil sie
dem rechtschaffenen Glauben der Wahrheit nachfolg-
ten, von den Tyrannen und Blutdürstigen gemartert
worden, die hierin den Fußstapfen ihrer Voreltern,
der falschen Propheten nachgefolgt sind, welche die
aufrichtigen Nachfolger der Wahrheit von Anfang
her verfolgt und getötet haben, weshalb zu fürchten
ist, daß sie auch deren Lohn (mit allzu später Reue)
einernten werden, indem sie deren Werken hier nach-
gefolgt sind; diejenigen aber, die dem wahren Pro-
pheten Christo Jesu in wahrem Gehorsam in dem
rechtschaffenen Glauben nachgefolgt sind, werden
auf dem Berge Zion von ihrem Bräutigam Christo Je-
544
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
su, um dessentwillen sie dieses erlitten haben, mit
weißen Kleidern angetan, und ihnen Palmen in die
Hände gegeben werden, sowie die Krone der ewigen
Herrlichkeit, welche ihnen von niemanden genom-
men werden kann.
Faes Dirkß und zwei andere, im Jahre 1570.
Im Jahre 1570, den 7. April, ist um des Wortes Gottes
und des Zeugnisses Jesu Christi genannt Faes Dirkß,
seines Handwerks ein Stuhldreher, gefangen genom-
men worden. Darauf ist er den 27. Mai von des blut-
dürstigen Antichristen Dienern sehr ungnädig und
tyrannisch gepeinigt und unter den blauen Himmel
gelegt, und nachher den 30. Mai desselben Jahres um
des wahrhaften Glaubens der Wahrheit willen getötet
und verbrannt worden, worin er den Fußstapfen sei-
nes Herrn und Meisters Jesu Christi nachgefolgt ist.
Auch sind zu Goude kurz zuvor zwei fromme Nach-
folger Christi um des Zeugnisses Jesu willen getötet
worden, von welchen der eine noch nicht (nach dem
Rate Gottes) auf seinen Glauben getauft war; aber der
Gott aller Gnade, der aller Menschen Herzen, Gesin-
nungen und Gedanken kennt, hat dessen Willen für
die Tat selbst angenommen. Also haben nun diese mit
Christo gelitten, und werden mit ihm in die ewige
Herrlichkeit aufgenommen werden, zur Zeit, wenn
jedes irdische und fleischliche Geschlecht der Men-
schen ewiglich über sich selbst weinen und heulen
müssen.
Später aber, als Goude von des Prinzen von Oranien
Volke eingenommen worden ist, haben sie einen Rat
gehalten, um den Priester wieder auszugraben, der zu
des gemeldeten Faes Dirkß Gefangenschaft und Tode,
wie auch zu der Landesverweisung und Verfolgung
so vieler Gottesfürchtigen, die Veranlassung gegeben
hat. Sie haben aber nachher ihren Entschluss hierin
geändert, und einen für ungefähr vier Gulden gedun-
gen, welcher des Faes Dirkß Gebeine von dem Ge-
richte herabgenommen, dann aber des verstorbenen
Pfaffen Grab, der bereits gestorben und in der Fran-
ziskanerkirche bei dem hohen Altäre begraben war,
wieder geöffnet hat; darauf haben sie des Faes Dirkß
Gebeine auf den Pfaffen gelegt, und haben auf solche
Weise diesen Verräter verspottet, weil er die Gottes-
fürchtigen für unwürdig gehalten, dieselben bei sich
in der Stadt wohnen zu lassen, und weil er nach ihrem
Tode ihren Leichnam das Begräbnis vorenthalten hat,
sodass sie den Vögeln des Himmels zur Speise dienen
mussten; dieser abgöttische Pfaffe wird aber in der
baldigen Wiederkunft Christi (mit allzu später Reue)
erfahren, wer von ihnen beiden bei dem Erzhirten für
ein angenehmes Schaf oder als ein verworfener Bock
erkannt und angenommen werden wird. In dieser Be-
ziehung auf den Märtyrer Faes Dirkß haben wir drei
Verhöre erlangt, nämlich zwei außer der Pein, und
eins an der Folterbank, wie solche der Stadtschreiber
aus dem Stadtbuche zu Goude ausgeschrieben hat,
welche wir auch unsem Glaubensgenossen zur grö-
ßeren Beglaubigung der vorgemeldeten Beschreibung
haben mitteilen wollen; sie lauten:
Copie des Bekenntnisses, getan von Faes Dirkß,
welcher hier auf Thiendewegspforte gefangen
liegt.
Erstes Verhör.
Den 11. Mai 1570 hat der Schultheiß von Goude nach-
folgende Personen zum Verhöre gebracht, in Gegen-
wart Gysbert Jan Maertenß und Gerrit Huygen, Bür-
germeister, Dirk Andrieß, Mr. Hendrik Jacobß und Mr.
Cornelius Hendrikß, Ratsherren.
Faes Dirkß, Stuhldreher, ungefähr 31 Jahre alt, sagt,
daß er von Goude gebürtig und dort Bürger sei, daß er
vergangenen Ostertag den Prediger der Stadt Goude
predigen gehört habe, daß diejenigen, die zur Tafel
des Herrn gehen, weder gebratenes, noch gesottenes
oder rohes Fleisch empfingen, sondern daß sie das
Fleisch unseres Herrn empfingen, welches auf den
Karfreitag am Kreuzesholze gebraten worden sei.
Als er solches gehört, hat er sich dabei nicht wohl
befunden, ist deshalb aus der Kirche gegangen und
hat sich nicht an der Tafel des Herrn eingefunden,
denn er hielt sich dessen unwürdig.
Sagt und bekennt, daß er das Sakrament des Altars
nicht für wahrhaftiges Fleisch und Blut halte, und das
darum, weil nur ein Gott ist.
Bekennt ferner, daß er ungefähr vor einem Jahre zu
Rotterdam getauft worden sei, daß er denjenigen nicht
kenne, der ihn getauft habe, und daß derselbe eine
Ermahnung gehalten und gesagt hat, daß der Herr
gesprochen habe, daß alle diejenigen selig werden
sollten, die glauben und getauft werden.
Ferner sagt er, daß derjenige, der ihn getauft habe,
solches im Namen des Herrn, des Vaters, des Sohnes
und des Heiligen Geistes getan habe, und daß ihm das
Wasser aus einer Schüssel über das Haupt gegossen
worden sei, daß solches in Gegenwart von zehn oder
zwölf Personen stattgefunden, unter welchen auch
Wiert Claes von Goude gewesen.
Auf die Frage, ob Euwout, der Barbier, und Dirks
Jacobs, der Schuhmacher, oder andere von Goude,
nicht mit in Rotterdam gewesen seien, antwortete er:
Nein, sondern Wiert Claes sei dabei gewesen, aber so
viel er wüsste, sei Wiert damals nicht getauft worden.
545
Hierauf folgen noch einige Fragen und Antworten,
von welchen in dem nachfolgenden Verhöre gehan-
delt worden ist, weshalb wir dieselben hier nicht be-
rührt haben. Darauf hat der Stadtschreiber endlich
niedergeschrieben: Geschehen am Tage und in Gegen-
wart, wie oben gemeldet, auf der Thiendewegspforte,
in Gegenwart meiner, als Stadtschreiber von Goude,
Joris Jacobß.
Zweites Verhör.
Den 19. Mai 1570 hat der Schultheiß zum zweiten Ma-
le Faes Dirkß zum Verhör gebracht in Gegenwart und
Beisein des Predigers von Goude, Mr. Joost Boor Goos,
Gysbert Jan Maertenß, an Gerritß, Dirk Andrieß, Mr.
Hendrik Jacobß, Floris Gysbertß und Mr. Cornelius
Heindrikß, Ratsherren.
Dieser vorgemeldete Faes Dirkß hat auf die Frage,
ob er noch bei demjenigen beharre, was er den elften
dieses gesagt und bekannt habe, geantwortet, daß er
noch dabei bliebe.
Sagt, daß er an den allmächtigen Gott und an Je-
sum Christum glaube, geboren von der Jungfrau Ma-
ria; sagt ferner, daß die Kinder nicht wiedergeboren
werden könnten, weil sie keinen Verstand hätten zu
glauben, und daß sie das Wasser nicht selig machen
könne.
Auf die Frage, ob er nicht glaube, daß Jesus Christus
in dem heiligen Sakramente sei, antwortete er, nein,
weil nicht mehr als ein Gott sei, und zwar im Himmel,
nicht aber im Sakramente.
Sagt, daß er sich selbst für ein Schäflein Christi halte
und Christum für seinen Hirten, und daß er sonst
keinen Hirten erkenne.
Auf die Frage, wer ihn getauft habe, antwortete er,
daß er solches nicht wüsste, und daß er den, der ihn
getauft habe, weder zuvor noch nachher gesehen; es
sei auch niemand weiter von Goude dabei gewesen,
als Wiert Claeß, der ihn dahin gebracht habe, und daß
er auf einen Abend dahingekommen und die ganze
Nacht und auch den folgenden Tag bis gegen Abend,
wo er getauft worden sei, dageblieben sei; solches
sei zu Rotterdam in einem Hause auf einem großen
Speicher geschehen.
Hier folgen abermals einige Fragen und Antwor-
ten, die im dritten und letzten Verhöre ausführlicher
erklärt worden sind, die wir gleichfalls nicht haben
hierher setzen wollen, um eine Sache nicht zweimal
oder öfters zu erzählen, worauf der Stadtschreiber
(nachdem er zuvor die Zeit, den Ort und die Perso-
nen, in deren Gegenwart es geschehen, angehört hat)
unter dem Namen Joris Jacobß, Stadtschreiber von
Goude, unterschrieben hat.
Drittes Verhör, geschehen auf der Folterbank.
Den 27. Mai 1570 hat Johann Pieterß, Schultheiß von
Goude, von wegen Junker Cornelius Milo, Schloss-
vogt und Amtmann von Goude, zur Folter gebracht
Faes Dirkß, in Gegenwart und Beisein des Gysbert Jan
Maertenß, Gerrit Hugge, Hopfenhändler, Bürgermeis-
ter, Gerret Gerrit Bouwenß, Dirk Andrieß, Dirk Janß
Lonk und Mr. Cornelius Heindrikß, Ratsherren.
Auf die Frage, ob er noch bei dem Bekenntnisse, das
er am 19. dieses Monats getan hätte, beharre, sagte
Faes Dirkß, daß er noch dabei bliebe.
Als er auf die Folter gebracht und gefragt wurde, in
welchem Hause er getauft worden sei, antwortete er,
daß er es nicht gewusst, aber nachher erfahren hätte,
daß es in dem Hause eines Schuhmachers, genannt
Michael, geschehen sei, welcher zu Rotterdam bei der
Ostpforte wohnte.
Sagt, es seien ungefähr acht oder neun Personen
mit ihm getauft worden, unter anderem sei auch Dirk
Jacobs, ein Schuhmacher, und ein Gerber, genannt
Jan Andriaenß, mitgetauft worden; es seien auch des
Schuhmacher Michaels Weib, und Wiert Claeß gegen-
wärtig gewesen, als die Taufe stattgehabt; Wiert aber
sei nicht getauft worden.
Auf die Frage, ob Euwout, der Feldscherer, Jan Aer-
tß, Weber, und Jan de Bagyn zugegen gewesen seien,
als er getauft worden sei, antwortete er: Nein. Sagt,
daß Dirk Jacobs mit dem Gerber des Morgens früh im
Dunkeln in das Haus gekommen sei, in welchem sie
getauft worden wären.
Sagt, daß derjenige, der ihn taufte, eine fremde Spra-
che und Hoch (deutsch) redete.
Sagt, daß eine Frau, genannt Maertjen Philips,
wohnhaft auf dem Zwingei, seines Glaubens sei, des-
gleichen auch Willem Janß, Messerschmied, Wiert
Claeß und Jan Aertß, ein Weber.
Auf die Frage, ob Euwout, der Feldscherer, mit ihm
gleichgesinnt und eines Glaubens sei, antwortete er,
daß er solches nicht wüsste, und daß er in Glaubens-
sachen mit ihm noch kein Gespräch gehabt habe, wie-
wohl er in seinem Hause gewesen sei. Sagt, daß er
es nicht wüsste, ob Jan de Bagyn des Glaubens sei.
Hiernach ist dem vorgemeldeten Faes Dirkß das oben
beschriebene Bekenntnis unter freiem Himmel, frei
von Folter und Fesseln vorgelesen und er gefragt, ob
er noch dabei beharre, worauf er zur Antwort gab,
daß er dabei bliebe, und daß er Gnade und kein Recht
begehre. Geschehen in Gegenwart des ganzen Rates.
Joris Jacobß.
Nachdem uns nicht allein die drei oben gemeldeten
Verhöre, sondern auch das Todesurteil des mehrge-
meldeten Freundes Gottes durch den gegenwärtigen
546
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Stadtschreiber der Stadt Goude zugesandt worden
ist, so wollen wir nun auch solches, wie es im Ori-
ginale lautet, hier beifügen, damit niemand an dem
Vorgemeldeten irgendeinen Zweifel habe.
Auszug aus dem Buche des Halsgerichtes der Stadt
Goude.
Faes DirkjJ mit Feuer hingerichtet.
Nachdem Faes Dirkß, gebürtig zu Goude, und ein
Bürger dieser Stadt, gegenwärtig gefangen, frei von
Folter und Fesseln, unter freiem Himmel vor meinen
Herren des Gerichts bekannt hat, daß er sich vor et-
was länger als einem Jahre zu Rotterdam von einer
Mannsperson, die er nicht kenne, habe wiedertaufen
lassen, daß er auch seit zwei Jahren her sich von un-
serer Mutter, der heiligen Kirche, abgesondert habe
und nicht an das heilige, ehrwürdige Sakrament des
Altars glaube, worin doch des Menschen Seligkeit
besteht, noch solches achte, wobei auch der vorge-
nannte Faes Dirkß nicht hat Buße tun oder bessern
Unterricht empfangen wollen, sondern demjenigen,
der ihn unterrichten wollte, um ihn von seinem Irr-
tume und von seiner Ketzerei abwendig zu machen,
kein Gehör hat geben wollen, was den geschriebenen
Rechten und Befehlen der königlichen Majestät zuwi-
der ist, welche mehrmals in diesen Ländern bekannt
gemacht worden sind, so ist es geschehen, daß die
Herren des Gerichts mit reifer Beratschlagung alles
betrachtet und erwogen haben, was zu diesen Um-
ständen gehört, von wegen und im Namen des Kö-
nigs von Spanien, als Grafen von Holland, Seeland
und Friesland, unser aller P. H. und den vorgenann-
ten Faes Dirkß, gegenwärtig gefangen, dazu verurteilt
haben, und ihn kraft dieses verurteilen, daß er auf den
Gerichtsplatz außerhalb der Stadt gebracht und dort
mit Feuer hingerichtet weiden soll, erklären auch, daß
alle seine Güter zum Nutzen der königlichen Majestät
verfallen sein sollen, es wäre denn, daß vorgemeldeter
Faes Dirkß öffentlich vor der Gemeinde von seiner
vorgemeldeten Ketzerei abließe und erklärte, daß er
verführt und betrogen worden sei; in solchem Falle
behalten sie sich vor, mit der Strafe der begangenen
Missetat zu verfahren, wie sie recht und billig zu sein
finden werden, nach den Befehlen der vorgemeldeten
Majestät.
Gegeben von Jan Claeß Diert und Simon Pieters, ge-
genwärtig Bürgermeister, bestätigt Gysbert Jan Maer-
tenß und G. Huygens, Bürgermeister, Dirk Ottes von
Schlingerland, Ratsherren, bestätigt Gerret Gerrit Bou-
wenß, Dirk Andrieß und Mr. Hendrik Jacobß, Dirk
Janß Lonk, Mr. Cornelius Heindrikß, Ratsherren, und
Dirk von Necq, Ratsherrn, bestätigt; bekannt gemacht
den letzten Mai im Jahre 1570.
Unterschrieben war: Joris Jacobß, Stadtschreiber zu
Goude im Jahre 1570.
Adrian Pieterß, Barber Joosten, im Jahre 1570.
Im Jahre 1570 ist zu Harlem, in Holland, ein Bruder,
namens Adrian Pieterß, mit seiner Schwester, Barber
Joosten, nicht um irgendeiner Missetat oder Ketzerei
willen, sondern allein, weil sie Christo in der Wieder-
geburt nachzufolgen suchten, gefänglich eingezogen
worden. Dieses haben die Diener des Antichristen an
ihnen beneidet; deshalb suchten sie dieselben durch
viel tyrannische Mittel von Christo abzuziehen, und
wieder zu ihrem selbstgeschaffenen (und wider Gott
streitenden) Götzendienste zu bringen. Aber diese, als
Glaubensriesen, haben den Stricken des Satans (durch
Gottes Gnade) tapfern Widerstand geleistet, weshalb
sie von den Herren der Finsternis verdammt und zum
Tode verurteilt worden sind; Adrian Pieterß wurde
verbrannt, Barber Joosten aber in großer Standhaftig-
keit ertränkt; beide sind dem Herrn, ihrem Gotte, treu
geblieben bis in den Tod, und haben auf solche Weise
die Krone des ewigen Lebens aus Gnaden erlangt.
Martin Karretier, 1570.
Martin Karretier von Busbeke, der auch lieber mit
Gottes Kindern Ungemach leiden, als die zeitliche
Ergötzlichkeit der Sünden haben und mit der Welt in
Freuden leben wollte, ist auch um seines Glaubens
willen zu Ryssel verhaftet worden, und hat davon ein
gutes Bekenntnis abgelegt, auch große Standhaftigkeit
bewiesen, weshalb er auch endlich als ein frommer
Zeuge Gottes den Tod hat schmecken müssen.
Lyntgen Kemels, 1570.
Desgleichen hat man auch zu Luyk eine Schwester,
genannt Lyntgen Kemels, verhaftet, welche, nachdem
sie ein gutes und standhaftes Bekenntnis ihres Glau-
bens abgelegt hat, dort verbrannt worden ist; sie ist
auf solche Weise mit ihrer brennenden Lampe ihrem
Bräutigam freimütig entgegengegangen, der sie auch
als eine kluge Jungfrau zu seinen Füßen freudig auf-
genommen hat.
547
Joost Verkindert und Lorenz Andreas werden
beide um des Zeugnisses Jesus Christi willen den
13. September im Jahre 1370 zu Antwerpen getötet.
Ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben den 7. Juni,
welches der neunte Tag seiner Gefangenschaft war, an
sein Weib, Mutter, an seinen Bruder und seine Schwes-
ter.
Gnade, Barmherzigkeit von Gott, dem himmlischen
Vater, das Verdienst unseres lieben Herrn Jesu Christi,
der uns am Stamme des Kreuzes durch sein teures
Blutvergießen erlöst hat, als wir noch seine Feinde
waren, und den Trost des Heiligen Geistes, der al-
le betrübten Herzen tröstet, wünsche ich euch allen
zum freundlichen und herzlichen Gruße; ich empfeh-
le mich euch und sage euch auch Dank für die Liebe,
die ihr an mir bewiesen habt, und für die Ermahnung
und den Trost in meiner gegenwärtigen großen Trüb-
sal, von welcher ich annehmen muss, daß es von dem
Herrn zugelassen und über mich verordnet sei, denn
Christus sagt: Die Haare eures Hauptes sind alle ge-
zählt. Gleichwohl fürchtete ich, als wir hinausgingen,
wir möchten dem Offiziere begegnen, wie es dann
auch geschehen ist, und der Plan, den wir damals
wegen unseren Zusammenkünften gemacht hatten,
gelang nicht aufs Beste; doch müssen alle Dinge eine
Ursache haben. Nun will ich euch auch etwas von un-
serer Gefangenschaft erzählen, wie der Schultheiß mit
einigen seiner Diener mir und Lorenz begegnet sind
und gefragt haben: Woher kommt ihr? Und wohin
geht ihr? Als wir solches hörten, erschraken wir bei-
de sehr, deshalb sie bald merkten, was wir für Leute
waren. Sie banden uns sofort und führten uns hinauf;
unterwegs fingen sie an zu fluchen und uns Schelme
zu nennen, und haben auch, als sie mit uns auf dem
Steine angekommen waren, den Bruder Lorenz sofort
allein verhört. Darauf wurde ich auch vor sie gestellt
und sie fragten mich, ob ich eine andere Taufe als die
in meiner Kindheit erhaltene empfangen hätte? Ich
fragte ihn, was er auf mich zu sagen hatte; er sagte: Du
bist wiedergetauft, dein Knecht hat es mir gesagt; ich
antwortete: Laß mich zufrieden; ich werde morgen
vor dem Markgrafen meinen Glauben wohl beken-
nen; aber er war damit nicht zufrieden, und hatte ei-
ne Schreibtafel, um meine Antworten aufzuzeichnen;
als er aber keinen andern Bescheid von mir erlangen
konnte, wurde er zornig und sagte: Ich will dich wohl
veranlassen, ja oder nein zu sagen; ich antwortete:
Mein Herr, sei doch für dieses Mal zufrieden. Als er
nun sah, daß er mich nicht weiter bringen konnte, so
setzte er mich in des Kaisers Stuhl; sie gingen auch
davon, und ich meinte, sie seien nach dem Scharf-
richter gegangen. Als ich nun allein lag, wurde ich
mit mancherlei Gedanken beschwert; überdies quäl-
te mich der Satan auch sehr mit Weib, Kindern und
Nahrung, und dergleichen Versuchungen mehr, wor-
über ich von Herzen weinte und Gott um Hilfe anrief;
ich beschäftigte mich auch damit, mein Leben und
meinen Wandel nach Gottes Wort von dem Anfänge
meines christlichen Lebens an bis auf diesen Tag zu
prüfen, und ich fand keine Sache gerecht genug, um
deretwillen alle die schwere Arbeit, die ich getan hat-
te, aufzugeben gewesen, denn obgleich ich oft Gottes
Gebote übertreten hatte, so ist es doch nicht mutwillig
geschehen; also fand ich Gnade bei Gott. Tags darauf
wurden wir beide auf den Turm geführt, wo Lorenz
gepeinigt wurde. Ferner haben sie mich nach meinem
Alter und Glauben gefragt, was ich ihnen freimütig
und ohne Scheu bekannt habe; sie fragten, ob ich kein
Weib hätte; als ich nun ja sagte, fragten sie, ob ich auch
Kinder hätte; ich antwortete: Zwei. Sie fragten mich,
wie sie hießen und ob sie auch getauft wären; ich ant-
wortete: Sie sind nicht getauft, denn ich erkenne keine
Kindertaufe an; es gibt uns die Schrift nur von einer
Taufe auf den Glauben Nachricht, welche uns Chris-
tus hinterlassen hat und die seine Apostel gebraucht
haben. Als ich nun der Kinder Namen nannte, lachten
sie, weil die Kinder Namen hatten, ohne daß sie zu
Christen gemacht waren. Was wir sonst noch mit ein-
ander redeten, will ich der Kürze wegen übergehen.
Ich schreibe euch dieses nur aufs Kürzeste, denn ich
werde so genau bewacht, daß niemand mit mir spre-
chen kann; auch habe ich mit Lorenz noch nicht allein
gesprochen. Darum haltet es geheim, denn ich fürchte
noch mehr gepeinigt zu werden, was mich, dem Flei-
sche nach, nicht wenig erschreckt hat, denn sie haben
hier aller Folterwerkzeuge, Ketten um aufzuhängen,
Zugrollen, Stricke und Folterbänke, auf welchen ich
gepeinigt worden bin, wie euch wohl bewusst ist.
Ach, Freunde, wollt doch den Herrn sämtlich für
mich herzlich bitten und bitten lassen. Ach, ich bitte
den Herrn mit Tränen, ja, ich netze mein Lager mit
Tränen vor dem Herrn, damit er mich Sünder durch
seine Gnade würdig machen wolle. Hiermit bleibt
dem Herrn befohlen; ich sage allen gute Nacht.
Geschrieben von mir, Joost Verkindert, unwürdig
gefangen in dem Herrn, in meinen Banden.
Noch ein erbaulicher Brief und eine Ermahnung
von Joost Verkindert, geschrieben aus dem
Gefängnisse, den 20. Juni an die G. G. zu A.
Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem himm-
lischen Vater und unserm Herrn Jesu Christo, der uns
geliebt und uns durch sein Blut von unsern Sünden
gewaschen hat, und den Trost des Heiligen Geistes,
548
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der vom Vater und Sohne ausgeht, um alle diejeni-
gen zu trösten, die um seines heiligen Namens willen
in mancherlei Drang und Trübsal sind, welchem sei
Preis, Ehre, Glorie, das Reich, Kraft und Majestät von
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Dieses wünschen wir
euch allen zu einem herzlichen Gruße, meine gelieb-
ten Brüder und Schwestern in dem Herrn. Wir Gefan-
genen um des Zeugnisses unsers lieben Herrn Jesu
Christi willen lassen euch wissen, daß wir dem Flei-
sche nach noch ziemlich wohl sind, und dem Geiste
nach wollten wir, daß es noch besser um uns stän-
de, denn wir sind noch mit dem unreinen und bösen
Fleische umgeben, welches allezeit wider den Willen
Gottes gelüstet und sich sehr vor dem Leiden fürch-
tet; und gleichwohl muss man leiden und streiten,
soll man überwinden. Denn meine lieben Brüder und
Schwestern, die Krone liegt nicht im Anfänge, oder in
der Mitte, sondern am Ende, dort kommt der höchste
Streit vor; alsdann wird das Gold durch das Feuer der
Trübsal geprüft, welches niemand besser weiß, als die,
welche darin versucht worden sind.
Hierher gehört, was der Apostel sagt: Alle Züchti-
gung aber, wenn sie da ist, dünkt uns nicht Freude,
sondern Traurigkeit zu sein; aber hernach wird sie
denen, die dadurch geübt sind, eine friedsame Furcht
der Gerechtigkeit geben.
Ferner, meine lieben Freunde, Brüder und Schwes-
tern, bitten wir euch um der großen Liebe unsers
Herrn Jesu Christi willen, daß ihr alle eins gesinnt sein
wollt, und weder Zwietracht noch Streit um irgendei-
nes Dinges willen unter euch herrschen lasst, sondern
ein jeder suche weise und vorsichtig im Guten und
einfältig im Bösen zu sein, und denke an die Worte
des Apostels, wenn er sagt: Ist nun bei euch Ermah-
nung in Christo, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft
des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,
so erfüllt meine Freude, daß ihr eines Sinnes seid, glei-
che Liebe habt, nichts tut durch Zank oder eitle Ehre,
sondern durch Demut; achtet euch untereinander ei-
ner den andern höher als sich selbst; und ein jeder
sehe nicht auf das Seine, sondern auf das, was des
andern ist; ja, ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus
auch war, denn als er reich war, ist er um unseretwil-
len arm geworden, damit er uns durch seine Armut
reich machte, und sich selbst eine heilige Gemeinde
reinigte, die keine Flecken oder Runzeln, oder etwas
dergleichen habe, welche er auch durch sein eigenes
Blut erkauft hat, damit sie heilig und unsträflich sein
und in der Liebe wandeln sollte; welche Gemeinde
nun eine Zeitlang viel Trübsal erlitten hat, das müsse
dem barmherzigen Vater im Himmel geklagt sein, we-
gen des Elends und der Traurigkeit über Zion; aber
der Gott aller Gnade müsse für seine große Barmher-
zigkeit gepriesen sein, welche er der Gemeinde in
Antwerpen erwiesen hat, daß sie noch in gutem Frie-
den und Einigkeit steht (wie ich denke), denn obgleich
sie dem Fleische nach sehr beängstigt ist, so ist doch
daselbst dem Geiste nach große Freude und Wonne,
denn der Herr versucht sein Volk mit Angst und Trüb-
sal, wie Christus sagt: Sie werden euch in den Bann
tun. Seht, die Zeit wird kommen, daß, wer euch tö-
tet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst daran, und
dies werden sie euch daran tun, weil sie weder mich,
noch meinen Vater gekannt haben, denn hätten sie
ihn gekannt, sie hätten den Herrn der Herrlichkeit
nicht gekreuzigt. Und obschon an einigen Orten die
Verfolgung nicht so heftig ist, so kann doch der Herr
die Menschen durch andere Mittel wohl versuchen,
als mit Streit, Uneinigkeit, Stolz, Pracht, Saufen, Pras-
sen, überhaupt mit Werken des Fleisches, was jedoch
nicht nach unserm Rufe geschieht. Nicht, liebe Freun-
de, als ob ich hierin jemanden beschuldigen wollte,
sondern wir ermahnen einen jeden aus brüderlicher
Liebe, denn vor Gott kann man sich nicht verbergen,
sondern er wird alles, was heimlich geschieht, ans
Licht bringen. Darum, meine lieben Freunde, lasst
uns den Herrn nicht betrügen, denn seine Augen sind
wie Feuerflammen; er ist ein gewaltiger, starker und
mächtiger Gott, und sieht aller Orten, was heimlich
und offenbar ist; darum soll man ihn fürchten, denn
er hat nicht umsonst ein Wort geredet, wie er durch
den Propheten sagt: Es soll das Wort, das aus meinem
Munde geht, nicht leer wieder zu mir kehren, sondern
tun, was mir gefällt.
Meine herzlich geliebten Brüder und Schwestern
in dem Herrn, nehmt doch eures armen, schwachen
Bruders Schreiben zum Besten auf, denn es ist auf Be-
gehren einiger Brüder aufgesetzt, damit ihr vielleicht
durch unser einfaches Schreiben ein wenig getröstet
und erquickt werden mögt, denn wir haben dieses
Wenige aus einer herzlichen Geneigtheit geschrieben,
weil wir ja einander ermahnen sollen, solange es heute
heißt, denn wir hoffen durch des Herrn Gnade, unser
Fleisch hier bald abzulegen.
Ach, Freunde! Der Weg ist so eng und schmal, der
zum Leben einführt; aber der Weg, der zur Hölle führt,
so breit und gemächlich für das Fleisch! Wohl recht
sagt der Prophet Jesaja, daß die Hölle ihren Rachen
weit aufgetan habe, und daß sowohl die Fürsten als
auch der Pöbel da hinein gehen; ja, sie gehen zur Höl-
le, wie Schafe zum Tode.
Darum, meine lieben Freunde, lasst uns Sorge tra-
gen, daß wir die Gnade Gottes nicht umsonst emp-
fangen haben möchten, sondern lasst uns allezeit der
Tage unserer Erleuchtung eingedenk sein, und wie
klein wir damals in unsern eigenen Augen gewesen
549
seien, als wir uns selbst unter die gewaltige Hand Got-
tes demütigten, und uns selbst gänzlich übergaben,
um dem Herrn in Heiligkeit und Gerechtigkeit zu
dienen, die vor ihm gefällig ist; denn damals waren
wir alle dem Saul gleich, welcher, als er zum König
gesalbt wurde, gering in seinen eigenen Augen war,
denn er war aus dem geringsten Stamme Israels; als
er aber stolz wurde, hat ihn der Herr verworfen. Der
Herr sprach zu Samuel: Gehe hin und sage Saul, daß
er mir den Amalek von der Erde ausrotte, Menschen
sowohl als Vieh; aber Saul hat aus Gutdünken den Kö-
nig, samt den besten Rindern und Schafen, am Leben
erhalten, um damit dem Herrn ein Opfer zu tun, wo-
durch er des Herrn Gebot übertreten hat und seiner
Stimme ungehorsam geworden ist, indem der Herr
Gehorsam und nicht Opfer fordert.
Seht, liebe Freunde, um welch einer geringen Ur-
sache willen Saul verworfen worden ist! Darum lasst
uns wohl Zusehen, denn er ist noch derselbe Gott.
Es geht vielen unter uns ebenso, daß wir uns allzu
große Freiheit in unserm Glauben nehmen, deshalb
wir auch verworfen werden, und selbst nicht wissen,
wo es fehlt oder mangelt; jetzt kommt uns ein streiti-
ger Geist an, wodurch Trennungen und Spaltungen in
der Gemeinde Gottes entstehen, worüber alle From-
men seufzen und trauern müssen; dieser Fall tritt be-
sonders ein, wo die Christen große Freiheit haben. Es
geht jetzt, wie zu den Zeiten der Kinder Israel, denn
als sie in Ruhe waren, haben sie Kriege wider ein-
ander geführt, wie denn viele Tausend fielen, als sie
wider den Stamm Benjamin stritten. Darum, meine lie-
ben Brüder und Schwestern, nehmt Christum Jesum
euch zum Exempel, der uns im Frieden berufen hat,
denn die Frucht des Geistes ist allerlei Gütigkeit, Ge-
rechtigkeit und Freude in dem Heiligen Geiste. Lasst
uns wohl Zusehen, daß wir nicht der Gemeinde zu
Laodicea gleich werden, die weder kalt noch warm
war, und sich einbildete, daß sie reich wäre, genug
hätte, und keines Dinges bedürfe; aber der Geist ant-
wortete ihr: Ich rate dir, daß du Gold von mir kaufest,
das mit Feuer durchläutert ist, daß du reich werdest,
und weiße Kleider, daß du dich antuest, damit die
Schande deiner Nacktheit nicht offenbar werde, und
deine Augen mit Augensalbe salben mögest, daß du
sehen mögest.
Darum ist es täglich nötig, einander mit dem Worte
des Herrn zu ermahnen, welches ein rechter Spiegel
und die wahre Richtschnur ist, um unser Leben und
unsern Wandel, nach unserm geringen Vermögen, da-
nach zu prüfen; ich sage: nach unserm geringen Ver-
mögen, denn wenn Gott nach dem Rechte mit uns
handeln würde, so könnte niemand vor ihm bestehen.
Darum kann sich vor Gott kein Mensch rechtfertigen.
sondern wir müssen allezeit Schuldner bleiben, und
bedenken, daß wir in vielem zu kurz kommen.
Darum lasst uns allezeit Sorge tragen, und unsere
Vorgänger immer vor Augen haben, nämlich Abra-
ham, Isaak, Jakob, Moses und alle Propheten, welche
Gäste und Fremdlinge auf Erden gewesen sind, und
ein Vaterland gesucht haben, eine Stadt, die einen
Grund hatte, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist,
und mit Trübsal und Ungemach, Schlägen und Ge-
fängnis gekämpft haben, deren die Welt nicht wert
war.
Ebenso hatte auch Christus Jesus selbst nicht so
viel in der Welt, worauf er sein gesegnetes Haupt zur
Ruhe gelegt hätte, wenn er sagt: Die Füchse haben
Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber des
Menschen Sohn hat nicht, wohin er sein Haupt lege,
sondern er musste aller Orten flüchtig sein, gleich-
wie noch heutzutage seine Glieder tun müssen, denn
wer Christum Jesum in der Kraft bekennt, der muss
jedermanns Raub sein, und als ein Aufrührer und
Ketzer verflucht und verbannt werden, ja, er muss
zum schwersten Tode, denn sie erdenken können, ver-
dammt werden. Gott im hohen Himmel müsse über
die große erbärmliche Blindheit geklagt sein, denn
sie rufen alle: Der Befehl muss beobachtet sein; und
denken nicht daran, ob er gerecht oder ungerecht sei,
wiewohl doch einige sagen, man müsse niemanden
um des Glaubens willen töten.
So müssen wir denn, meine lieben Brüder und
Schwestern, unsere Sache mit Jeremia dem Herrn be-
fehlen, und für die Blindheit unserer Feinde bitten,
daß sie der Herr doch erleuchten wolle, damit sie
sehen möchten, in welchen sie stechen, und daß sie
wider das Lamm streiten, welches sie dennoch über-
winden wird.
Ferner, liebe Brüder und Schwestern, bitten wir
euch alle, die ihr doch der Gefangenen, als Mitge-
fangene, und derjenigen, die in Ungemach sind, ein-
gedenk sein wollt, die ihr auch noch im Leibe seid;
desgleichen, dass wir unser Fleisch hier auf Erden mit
Freuden ablegen mögen, zum Preise des Höchsten
und zur Erbauung unsers Nächsten, damit der Name
des Herrn durch uns nicht gelästert werde; ich, Joost
Verkindert, Lorenz Andrieß und Nelleken Jaspers grü-
ßen euch (die mit uns in der Einigkeit des Glaubens
stehen) mit dem Frieden des Herrn, und befehlen
euch dem gekreuzigten Jesum Christum an, welcher
in eurem Herzen die Oberhand behalten müsse; ihm
sei Preis, Glorie, das Reich, die Kraft und Majestät,
von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Haltet uns unser einfaches Schreiben und unsere
Ermahnung zu gut, denn es ist aus rechter brüderli-
cher Liebe geschehen, obgleich ihr selbst zur Genüge
550
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
von Gott gelehrt seid, und es sich mehr geziemte, daß
wir von euch gelehrt und ermahnt würden, indem wir
finden, allzu viel Gebrechen und Unvollkommenhei-
ten an uns zu haben, als daß wir andere unterrichten
sollten; aber, liebe Freunde, wir ermahnen uns selbst
auch hiermit, und bitten den Herrn beständig, daß
wir würdig erfunden werden mögen, um ihm in der
Auferstehung der Toten entgegen zu kommen.
Ach Freunde! Wacht und betet, denn ihr wisst we-
der Stunde noch Zeit. Lebt wohl.
Geschrieben von mir, Joost Verkindert, unwürdig
gefangen in dem Herrn, in meinen Banden.
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben
den 26. Juni, aus dem Gefängnisse an seinen
vorgenannten Bruder W.
Gnade, Friede, Freude von Gott, dem himmlischen
Vater, und unserm lieben Herrn Jesu Christo, der uns
geliebt und uns in seinem Blute von unsern Sünden
gewaschen hat, und der Trost des Heiligen Geistes,
der ein Tröster aller derer ist, die in mancherlei Jam-
mer und Trübsal sind; demselben sei Preis, Ehre, Herr-
lichkeit, das Reich und die Kraft und die Majestät, von
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Dieses wünsche ich dir zum freundlichen und herz-
lichen Gruße, mein sehr lieber und werter Bruder W.
und deinem Weibe I.
Ferner lasse ich euch wissen, daß es mit mir, dem
Fleische nach, noch ziemlich wohl steht; ebenso hoffe
ich auch, dem Geiste nach, diesen großen und schwe-
ren Streit durch die große und unaussprechliche Gna-
de Gottes und die Hilfe des Höchsten auszuführen,
von welchem wir Hilfe und Trost erwarten müssen,
zum Preise seines heiligen Namens, unseres Nächsten
Erbauung und unserer Seelen Seligkeit, welche Selig-
keit man nicht mit Gold und Silber, oder mit etwas,
das in der Welt ist, kaufen und erlangen kann, sondern
nur durch den wirkenden und tätigen Glauben an Je-
sum Christum, Ich habe auch von euch einen Gruß
empfangen, sowie dasjenige, was an uns gesandt wor-
den ist; dies hat uns sehr aufgemuntert, und ist in
unserer Trübsal ein großer Trost gewesen, denn wir
freuten uns, lobten und dankten Gott, daß noch sol-
che gutherzige Brüder sind, die noch an uns arme,
schwache Gefangene denken.
Ach, liebe Brüder und Schwestern! Seid doch al-
lezeit unserer in eurem Gebete eingedenk, daß uns
der Herr stärken wolle, daß wir unser Fleisch hier auf
Erden mit Freuden ablegen mögen, denn bisweilen
fürchtet es sich sehr davor, daß ihm ein Gebiss in den
Mund gelegt und es lebendig verbrannt werden möch-
te, was gleichwohl bald geschehen ist; aber, wenn ich
an das Feuer denke, das ewiglich brennen und wäh-
ren wird, so danke ich dem Herrn, daß er mich würdig
gemacht hat, seinen heiligen Namen unter diesem ar-
gen und verkehrten Geschlechte zu bekennen, deren
Herzen der Gott dieser Welt die Augen verblendet
hat.
Ach, am jüngsten Tage werden sie es noch beklagen,
daß sie das unschuldige Blut vergossen haben, wel-
ches von Anbeginn bis hierher so ergangen ist, und
(wie ich denke) bis ans Ende währen wird, denn die
Heilige Schrift gibt vollständiges Zeugnis von dem
Leiden der Heiligen Väter, wie sie alle Gäste und
Fremdlinge hier auf Erden gewesen seien, und nach
vielen Leiden und Trübsal in dem Herrn entschlafen
sind, denn sie hatten ein festes Vertrauen, daß Gottes
Verheißungen ihnen nicht fehlen würden, gleichwie
auch Christus sagt: Himmel und Erde werden verge-
hen, aber meine Worte werden nicht vergehen.
Ach, lieber Bruder, den ich von Grund meines Her-
zens liebe, lasse doch nicht nach (um meiner Trübsal
willen, welche groß ist), dem Herrn zu dienen, denn
die Wahrheit ist auf unserer Seite, wovon der Heilige
Geist in meinem Gewissen Zeugnis gibt; aber man
muss sich wohl in Acht nehmen, denn der Satan sucht
alles hervor, was man denken kann, und macht es so
groß und schwer, daß ich oft den Herrn mit Tränen
bitte und anrufe, daß er mir helfen und mich erlö-
sen wolle. Und bin auch der Tage meiner Erlösung
eingedenk, wie klein ich damals in meinen eigenen
Augen gewesen sei, wie mir dann weder Fleisch noch
Blut, oder sonst jemand unter dem Himmel geraten
hat, solches zu tun; sondern die große Furcht und
der Schrecken des ewigen Todes und des höllischen
Feuers Pein, welche (wie ich las) über den ganzen Erd-
kreis kommen sollte, denn ich befand mich damals,
gleichwie andere in allerlei weltlichen Lüsten, ja ganz
irdisch und fleischlich gesinnt, über welche der Zorn
Gottes kommt, desgleichen, weil kein anderer Weg ist,
als dadurch zur Seligkeit zu gelangen, so hab ich mich
auch dem Herrn gänzlich übergeben, und bin mit viel
Seufzen und Trauern die Wüste dieser Welt durch-
wandert, mit einem bösen Fleische umgeben, welches
mir niemals etwas Gutes geraten hat; ja, wenn ich
des Herrn Wort nicht zu meiner Zuflucht genommen
hätte, ich wäre in dieser Welt Wüste überwunden wor-
den, denn Fleisch und Blut hatten große Geneigtheit,
sich mit der Welt zu vereinigen; es fürchtet sich al-
lezeit vor dem Leiden. Aber ich ging mit David in
Gottes Heiligtum, und sah daselbst der Welt Lohn,
wie bald sie ausgerottet werden, und wie sie Schand-
flecken und keine Kinder sind; ich dachte auch dabei,
daß geschrieben stände: Verflucht ist der Mensch, der
sich auf Menschen verlässt, und hält Fleisch für sei-
551
nen Arm, ja verflucht sei ihr Ausgang und Eingang;
denn wenn man sich auch einen schönen Hauptmann
erwählt, um der Welt wieder sich zuzuwenden, so
ist doch alles Fleisch und Blut, was endlich darin ge-
sucht wird; solches hat die Erfahrung mich gelehrt,
worüber ich mich auch nicht verwundere, denn die
Menschen sind jetzt von keiner andern Art, als früher
die Kinder Israels waren; wie oft hat der Herr über
sie geseufzt, und welche große Mühe hat er mit ihnen
gehabt! Darum mögen wir täglich wohl Zusehen, und
uns tapfer auf den Füßen halten, damit uns niemand
unsere Krone nehme.
Darum, meine lieben Brüder und Schwester, be-
kümmert euch nicht darum, daß Fra., Ha., Jo., Ta. nach
Ägypten zurückgekehrt sind; ich wundere mich nicht
darüber, sondern lasst euch dieses ein Beispiel sein,
daß sie in der Welt Wüste überwunden worden sind;
fasst bessern Mut (wie ich das Vertrauen habe) und
stellt euch allezeit die Frommen vor Augen, die vor
uns gewesen sind, denn wer aus dem Streite weicht,
der erlangt die Krone nicht; es wird ja in der Heiligen
Schrift nur von einem Siege Meldung getan, welcher
uns die Krone des Febens verschafft.
Ach, liebe Brüder und Schwestern! Wir haben jetzt
eine andere Einsicht davon, woran die Seligkeit hängt,
als da wir noch außer Banden waren, denn, als ich
noch frei war, habe ich niemals so nachdrücklich zu
Gott bitten können, als ich jetzt bisweilen tue.
Ferner, mein lieber Bruder, befehle ich dir mein
Weib, welche ich von Herzen liebe; es ist meine Bitte
und mein Begehren an dich, daß du eine christliche
Fürsorge für sie haben wollest, umso mehr, weil es ihr
Vorsatz ist, Witwe zu bleiben; denn die Heilige Schrift
gebietet uns, Witwen und Waisen in ihrer Trübsal zu
besuchen. Darum sei desto fleißiger ihr in allem zu
helfen, worin sie deines Rates bedarf, um die Kost für
ihre und meine Kinder zu verdienen, damit sie nicht
kleinmütig werde.
Ach, meine lieben Brüder, diese Ermahnung gebe
ich euch mit Tränen, denn, wenn mich der Herr nicht
von ihr genommen hätte, so hätte ich derselben nach
meinem geringen Vermögen vorgestanden; aber nun
hat es der Herr anders mit mir beschlossen; aber er
weiß am besten, was uns nötig ist und zum Vorteile
dient; darum will ich sie um des Herrn willen verlas-
sen. Lieber Bruder R., mein Weib ist bei mir gewesen;
wir haben zusammen die Abschiedsmahlzeit gehal-
ten, und dabei einen ewigen Abschied voneinander
genommen. Überlege bei dir selbst, welch ein bitteres
Scheiden es gewesen sei; denn ich weiß, daß sie mich
auch von Herzen liebt.
Deshalb wäre es nicht möglich, solches zu ertragen
und zu überwinden, wenn der allmächtige Herr nicht
Stärke und Kraft dazu verleihen würde, aber durch
ihn vermögen wir alles. Darum übergebe ich jetzt, wie
zuvor, dem Herrn meine Sache, und bezeuge, daß es
nicht wegen irgendeiner Missetat geschieht; Himmel
und Erde sind davon meine Zeugen; ebenso weiß
auch Gott, der Herzen und Nieren untersucht, am
besten, was ich hierin suche.
Ferner, lieber W., ich hätte von Herzen gern münd-
lich mit dir geredet, wenn es möglich gewesen wäre
und du in der Stadt wärest, was (wie mich dünkt) sehr
leicht durch ein Stück Geld hätte bewerkstelligt wer-
den können; weil du aber jetzt entfernt bist, so dünkt
mich, es könne nicht wohl geschehen, weil es dir nicht
gelegen ist; in diesem Falle hoffe ich geduldig zu sein,
denn wir wissen und hören noch von keinem Sterben;
auch haben uns hier noch keine Pfaffen bestürmt, nur
daß ein weltlicher Mann bei uns gewesen ist, welcher
uns angefochten hat. Auch hat die Obrigkeit, seitdem
wir das erste Mal gepeinigt worden sind, sich nicht
mehr in ein Gespräch mit uns eingelassen, denn wie
wir hören, hat der Markgraf einen Beinschaden ge-
habt. So wissen wir denn nicht, ob wir mehr werden
gepeinigt werden oder nicht. Sie wollten vieles von
uns wissen; aber ich hoffe, der Höchste werde unsern
Mund bewahren; denn wenn man ihnen auch etwas
sagt, so sind sie doch damit nicht zufrieden, sondern
wollen immer mehr wissen.
Darum bitten wir, liebe Brüder und Schwestern, in
dem Herrn, und alle diejenigen, die nach uns fragen,
daß ihr doch der Gefangenen, als Mitgefangene, ein-
gedenk sein wollt, sowie auch derer, die in Ungemach
sind, als die ihr auch noch im Leibe lebt, und bittet den
Herrn für uns von ganzem Herzen; wir wollen auch
für euch bitten; Lorenz, mein Mitgefangener, und ich
lassen euch und alle Bekannten in dem Herrn, die
von uns zu euch gezogen, herzlich grüßen mit dem
Frieden des Herrn. Seid alle eins gesinnt, dann wird
der Gott des Friedens mit euch sein, und lasst nicht
Streit unter euch sein. Seid meiner eingedenk, lieber
Bruder und liebe Schwester; ich hoffe euch unter dem
Altäre zu erwarten, wo alle Tränen von unsern Au-
gen werden abgewischt werden. Hiermit will ich euch
dem gekreuzigten Christo Jesu anbefehlen, der unse-
re Herzen und Sinne stärken und uns in allem leiten
wolle, was vor ihm gefällig ist. Hiermit sage ich euch
gute Nacht. Gute Nacht, geliebter Bruder und geliebte
Schwester.
Noch ein Brief von Joost Verkindert, den 2. Juli aus
dem Gefängnisse an sein Weib geschrieben.
Gnade, Freude, Friede, von Gott dem Vater und un-
serm Herrn Jesu Christo, samt dem Tröster, dem Hei-
552
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ligen Geiste, der von dem Vater und Sohne ausgeht,
um alle diejenigen zu trösten, die in mancherlei Druck
und Trübsal sind, wolle sich bei dir vermehren; wel-
chem sei Preis, Ehre, Herrlichkeit, das Reich, Kraft
und die Majestät, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Dieses wünsche ich zum herzlichen und freundli-
chen Gruße meinem lieben und werten Weibe und
Schwester in dem Herrn, welche ich nebst meinen
Kindern aus meines Herzens Grunde liebe und de-
ren Abwesenheit nur in meinen Banden eine so große
Trübsal ist, daß ich den Herrn oft mit weinenden Au-
gen bitte, er wolle mir das abnehmen, was nur zu
schwer ist. Aber ich gedenke der Worte des Apostels,
wo er sagt: Laß dir an meiner Gnade genügen, ich will
dich nicht verlassen noch über Vermögen versucht
werden lassen; denn ich weiß, daß der Mensch nicht
ohne Streit sein kann, solange er im Leben ist.
Ferner, meine Geliebte, habe ich gehört, daß wir un-
ser Opfer bald tun werden; aber wir wissen die Zeit
nicht; ich habe den Herrn oft mit Tränen gebeten, daß
er den Strick des Todes von mir nehmen wolle, da-
mit ich meine Seele mit Freuden ihm aufopfern möge;
ich hoffe, durch die große unaussprechliche Gnade
Gottes, daß meine Seele zu treuer Hand werde auf-
genommen werden, nicht durch mein Verdienst, son-
dern aus Gnaden, in der Hoffnung, weil Christus mit
seinem wahrhaften Munde spricht: Wer sein Leben
um meinet- oder um des Evangeliums willen verliert,
der wird es dereinst wieder finden, und wer mich vor
den Menschen bekennt, den will ich euch vor meinem
himmlischen Vater und vor seinen heiligen Engeln be-
kennen; wer mich aber vor den Menschen verleugnet,
den will ich auch in der Herrlichkeit meines himmli-
schen Vaters verleugnen. Darum, meine Geliebteste,
ist kein besserer Rat, als uns zur Wahrheit halten, da-
mit wir endlich die ewige Krone von der Hand des
Herrn erlangen mögen.
Ferner lasse ich dich wissen, daß ich mich sehr dar-
über verwundert habe, daß W. und B. keinen Brief
schreibt, denn wenn er, oder sonst jemand, etwas an
uns schreiben wollte, so könntet ihr es uns wohl zu-
senden, wie ihr auch tut, denn es geht ja heimlich zu.
Auch höre ich, daß die Mutter, mit welcher wir gern
noch einmal gesprochen hätten, in H. sei, denn man
kann ungehindert zu uns kommen, wenn man das
Geld nicht schonen will; denn wenn der Herr auf den
Stein kommt, so bekümmert er sich um weiter nichts,
als weshalb er gekommen ist. Ferner, meine Geliebte,
hat mir J. von B. gesagt, daß er bei dir gewesen sei,
und daß du über mich sehr geweint habest, was mir
auch, als ich es hörte, nicht wenig Betrübnis verur-
sachte; aber, meine Auserwählte, tröste dich in dem
Herrn, und laß uns ihm die Sache befehlen und für
diejenigen bitten, die uns dieses Leiden antun; denn
die Rache ist mein, spricht der Herr, ich will vergelten.
Ach, meine Geliebte, ich fühle wohl, daß ich dich, so-
lange ich lebe, in meinem Herzen tragen müsse, aber
gleichwohl ist Gott über alles, denn er ist ein eifri-
ger Gott, ihn Preise ich auch für seine Güte, die er an
mir armen und schwachen Knechte erwiesen hat, und
noch täglich erweist.
Hiermit will ich dich dem gekreuzigten Christo Je-
su und dem Worte seiner Gnade anbefehlen. Lorenz,
mein Mitgefangener, und ich lassen dich und alle un-
sere Bekannten in dem Herrn sehr herzlich grüßen
mit dem Frieden des Herrn. Schreibe bisweilen etwas
an mich, denn dein Schreiben ist mir angenehmer als
Gold und Silber. Sollte uns die Zeit überfallen, so sage
ich gute Nacht, gute Nacht, meine Geliebte, und sei
allezeit fest anhaltend.
Von mir, Joost Verkindert, deinem lieben Manne,
geschrieben in meinen Banden.
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben
an seine Mutter aus dem Gefängnisse, den 12. Juli.
Gnade, Freude, Friede von Gott, dem himmlischen
Vater und unserm Herrn Jesu Christo, der uns geliebt
und uns in seinem Blute von unsern Sünden gewa-
schen hat, samt dem Tröster, dem Heiligen Geiste, der
von dem Vater und Sohne ausgeht um alle diejenigen
zu trösten, welche um seines heiligen Namens willen
in Druck und Trübsal sind, wolle sich in dir vermeh-
ren, welchem (Gott) sei Preis, Ehre, das Reich, die
Kraft und Majestät, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Dieses, nebst allen Tugenden Gottes, wünsche ich
zum herzlichen und freundlichen Gruße meiner lie-
ben und werten Mutter und Schwester in dem Herrn,
wobei ich dir berichte, daß es mir gegenwärtig noch
ziemlich gut geht, wie ich dann auch hoffe, daß du
noch gesund seiest. Auch ist mein Gemüt noch des
Vorhabens, bei der ewigen Wahrheit zu bleiben und
dieselbe nicht zu verlassen; es sei um des Lebens oder
Sterbens willen, denn Petrus sagt, es sei den Men-
schen kein anderer Name gegeben unter dem Him-
mel, um selig zu werden, als allein in dem Namen Jesu
Christi. Darum, meine liebe Mutter, ist es nötig, daß
wir allezeit nach unserem geringen Vermögen den
Fußstapfen Jesu Christi nachzufolgen suchen, denn
Johannes sagt: Wer Übertritt und in der Lehre Christi
nicht bleibt, der hat keinen Gott; wer aber in der Lehre
Christi bleibt, der hat beides, den Vater und den Sohn.
Darum, meine Geliebte, laß uns wohl Zusehen, daß
wir allezeit unter dem kleinen Häuflein erfunden wer-
den mögen, damit unsere Garben mit allen auserwähl-
ten Heiligen Gottes in die Scheuer gesammelt werden
553
möchten, denn es ist ein großes Ungewitter vorhan-
den. Ach, wären wir alle würdig vor dem Herrn, dann
wären wir gewiss zur seligen Stunde geboren! Ach,
ich bitte den Herrn, herzlich für euch, daß er euch
in seiner heiligen Wahrheit bewahren wolle, damit
wir endlich mit Preis und Ehre gekrönt werden mö-
gen. Ach, meine Geliebte, das Gebären fällt mir so
schwer! Christus sagt mit Recht: In der Welt habt ihr
Angst, aber sei getrost, ich habe die Welt überwunden;
und ferner: Ihr werdet weinen und heulen, und die
Welt wird sich freuen, ihr aber werdet traurig und
betrübt sein, aber doch soll eure Traurigkeit in Freude
verwandelt werden, denn ein Weib, wenn sie gebiert,
hat Traurigkeit; wenn aber ihre Stunde vorüber ist,
so denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude
willen, weil ein Mensch zur Welt geboren ist. Wir sind
jetzt auch wohl recht betrübt; die Welt aber ist freu-
dig und fröhlich, und denkt nicht einmal daran, wie
jämmerlich sie im Zorne Gottes steht, solange sie sich
nicht bekehrt und rechtschaffene Buße vor dem Herrn
tut. Da trifft ein, was der Prophet Jesaja sagt: Die Hölle
hat ihren Rachen weit aufgetan, damit da hineinfahre
beides, ihre Fürsten und ihr Pöbel, ja, sie gehen zur
Hölle, wie Schafe zum Tode. Dem Herrn des Himmels
müsse es geklagt sein, daß die falschen Propheten das
arme, blinde Volk so jämmerlich verführen, ja, was
noch mehr ist, daß sie diejenigen, die ihr Leben zu bes-
sern suchen, so jämmerlich unterdrücken, verfolgen,
berauben und zu jedermanns Raub machen. Darum
sagt Jesaja wohl mit Recht: Heilige und fromme Leute
werden hingerafft; aber niemand nimmt es zu Herzen.
Darum, meine Geliebte, laß uns die Menschen nicht
fürchten, die doch wie Heu vergehen müssen, denn
Würmer werden sie verzehren wie ein Kleid, und die
Motten wie ein Wollentuch. Ach, liebe Mutter! Sie
verbieten, die Heilige Schrift zu lesen, während uns
doch Christus ermahnt: Forschet in der Schrift, denn
ihr meinet das Leben darin zu haben, und sie ist es,
die von mir zeugt; ebenso sagt auch Paulus: Alles,
was geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrie-
ben. Ach, wie hart wird es denen fallen, welche die
Schrift so gering achten; sie sind diejenigen, die Böses
gut und Gutes böse heißen. Ach, möchten sie einmal
nachdenken, wie hart sie im Zorne Gottes gefangen
liegen; ich bitte den Herrn von Herzen, daß er ihnen
die Augen des Verstandes öffnen wolle, damit sie se-
hen mögen, wider wen sie streiten, daß es wider Gott
und das Lamm sei; aber das Lamm wird sie überwin-
den. Jesaja sagt: Wenn auch eine Mutter ihr Kindlein
vergäße, und den Sohn ihres Leibes verließe, den sie
selbst geboren hat, so will ich dich doch nicht verlas-
sen; der Herr spricht auch durch Zacharias: Wer euch
antastet, der tastet meinen Augapfel an; und abermals
spricht Jesaja: Fürchte dich nicht, o Jakob, wenn du
ins Feuer gehst, will ich dich bewahren, und wenn
du im Wasser bist, daß es dir nicht schaden soll, denn
ich, der Herr, will dich bewahren. Meine Geliebte, sei-
ne Hand ist noch nicht zu kurz; er ist noch derselbe
Gott, der Israel aus Ägypten und der Hand Pharaos
erlöst hat, der das Rote Meer zur Bahn machte, so-
dass die Erlösten des Herrn dadurch gingen; er ist
auch noch derselbe Gott der ihnen vierzig Jahre lang
Brot vom Himmel zu essen gegeben hat, gleichwie ge-
schrieben steht: Himmelsbrot und Engelsspeise hat er
ihnen zu essen gegeben; er ist noch derselbe Gott, der
Sadrach, Mesach und Abednego in dem glühenden
Ofen bewahrt und Daniel aus der Löwengrube erlöst
hat, wie auch viele heilige Väter, von welchen man in
der Heiligen Schrift ausführliche Nachricht findet.
Darum, meine werte und herzlich geliebte Schwes-
ter in dem Herrn, mein Herz war geneigt, dich noch
einmal mit dem Worte des Herrn ein wenig zu ermah-
nen, wiewohl du von dem Herrn reichlich unterrichtet
bist, denn Paulus sagt: Ermahnt euch untereinander,
solange es heute heißt, denn der Herr kommt wie ein
Dieb in der Nacht, wie du an uns abnehmen kannst.
Ferner, liebe Mutter, danke ich dir für die gute
Gunst und Liebe, die du mir zu allen Zeiten erwiesen
hast; ja, du bist mir zu allen Zeiten günstig gewesen,
auch ehe ich deine liebe Tochter zum Weibe genom-
men habe; auch sage ich dir für den guten Umgang
Dank, den wir allezeit miteinander im Frieden (der
Herr sei dafür gelobt!) gehabt haben, denn meine See-
le hat sich oft mit dir erfreut. Und nun, meine Geliebte,
befehle ich dir mein liebes Weib und ihre beiden Wais-
lein, und begehre, daß du für sie christliche Fürsorge
tragen und an den Kindern die Rute nicht sparen wol-
lest; leiste R. auch Gesellschaft, so viel dir möglich ist,
damit sie nicht kleinmütig werde; denn ich weiß, daß
ich ihrem Herzen gleich bin, und daß sie darüber lan-
ge Leiden tragen wird. Darum ermahne ich sie, daß
sie in ihrer Trübsal geduldig sein wolle, denn ich hof-
fe, daß alles, was Gott an uns tut, zu unserer Seligkeit
gereichen werde, denn der Herr weiß, was uns nö-
tig ist. Meine Geliebte, nimm diese geringe Mahnung
zum Besten auf, betrachte es als ein Testament, denn
es ist mit einem zerschlagenen Herzen und Gemüte
geschrieben. Hiermit will ich dich dem gekreuzigten,
blutigen Christo Jesu und dem Worte seiner reichen
Gnade anbefohlen haben, Amen. Gute Nacht, mei-
ne liebe Mutter, bis auf eine andere Zeit, wenn wir
einander hier nicht mehr sehen sollten. Lorenz, mein
Mitgefangener, und ich lassen dich und unsere Be-
kannten in dem Herrn sehr herzlich grüßen mit dem
Frieden des Herrn.
554
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben
aus dem Gefängnisse an sein Weib, den 23. Juni.
Die Gnade, Freude, Friede von Gott, dem himmli-
schen Vater, und unserm lieben Herrn Jesu Christo,
der uns geliebt und uns in seinem Blute von unsern
Sünden gewaschen hat, samt dem Tröste und der Ge-
meinschaft des Heiligen Geistes, wolle sich, nach mei-
nem Wunsche, allezeit bei dir vermehren, zum freund-
lichen Gruße.
Meine geliebte H. und S. I. H. ich berichte euch, daß
es mit mir, dem Fleische nach, noch ziemlich wohl
stehe; dem Geiste nach aber ist mein Gemüt noch des
Vorhabens, mit Hilfe des Höchsten bei der ewigen
Wahrheit zu bleiben, von welcher wir Trost erwarten
müssen, denn von uns selbst haben wir nicht einen
guten Gedanken, sondern vielmehr eine Hinneigung
zum Bösen, indem das Fleisch das Leben liebt, weil
es von der Erde ist und nichts anderes sucht, als was
irdisch ist; doch habe ich das Vertrauen zu der Gü-
te und Langmut Gottes, daß er mich nicht verlassen,
sondern nach seiner Verheißung wie seinen Augapfel
bewahren werde. Meine Geliebte, wir sind nun recht
auf die Probe gesetzt, denn es ist für uns bisher noch
nie eine so große Hoffnung auf Befreiung gewesen,
als gerade jetzt. Es sind einige in Freiheit gesetzt, die
nach drei Wochen hätten sterben sollen, weil aber der
eine krank zu Bette lag, so wurde der Tag ihres Todes
aufgeschoben; unterdessen aber hat man ihnen das
Leben geschenkt und sie freigelassen. Dieselbe Gnade
ist uns auch so schön vorgestellt worden, als es nur
immer möglich war; ebenso hat man uns auch verhei-
ßen, uns die geraubten Güter zu ersetzen, und uns in
Freiheit zu setzen, wenn wir nur unsere zweite Taufe
widerrufen wollten, was wir ihnen aber abschlugen,
und lieber mit dem alten Eleazar ehrlich sterben, als
mit Schande leben wollten. Wir bitten den allmächti-
gen Vater durch Jesum Christum, daß er uns in diesem
Sinne erhalten und vor dem Bösen bewahren wolle;
auch kann ich dir das nicht verschweigen, was mir
begegnet ist. Verwichenen Freitagabend wurde ich
allein heruntergeholt, um mit einem von des Bischofs
Untergebenen zu reden; ich grüßte denselben und bot
ihm einen guten Abend; er tat ein Gleiches und sagte:
Guten Abend, Joost; ich blieb mit entblößtem Haupte
stehen, worauf er auch seine Kappe abnahm; dann
brachte er ein langes Geschwätz vor, und fing an, den
Namen Gottes sehr zu preisen, als denjenigen, der sei-
nen Heiligen hinterlassen hat, daß er bei seiner Kirche
bleiben wolle, bis ans Ende. Darauf fragte ich ihn, ob
die Apostel die Kirche in solche Gestalt und Ordnung
gebracht hätten, wie sie jetzt ist; er antwortete: Ja, was
den Glauben betrifft; was aber die Ordnungen betrifft.
so haben die Herren Doktoren durch Konsilien und
Ratsbeschlüsse solche eingesetzt, aus Gründen, die
solches nötig machten, gleichwie (sagte er) bei den
Aposteln auch geschehen ist, daß nämlich alle Ältes-
ten zusammen gekommen sind, wenn ein Streit in
der Gemeinde entstand. Darauf sagte ich ihm, daß
der Herr den Kindern Israel scharf verboten habe,
irgendetwas von dem Gesetze ab- oder demselben
irgendetwas hinzuzutun, und wie scharf Saul von
dem Herrn gestraft worden sei, weil er aus eigenem
Gutdünken, wider den Befehl Gottes, den König der
Amalekiter, samt den besten Rindern und Schafen
am Leben erhalten hatte. Darauf sagte er, der Herr
habe ihm befohlen, alles zu töten und nichts zu ver-
schonen, und darum sei er gestraft worden; wir aber
fügen nichts zu dem Glauben hinzu, noch nehmen
wir irgendetwas davon hinweg; ich sagte abermals, es
wären nichts als Menschenpflanzen, und daß Chris-
tus sagte: Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater
nicht gepflanzt hat, soll ausgerottet werden; lasst sie
fahren, sie sind blind und Blindenleiter, und wenn ein
Blinder den andern leitet, so fallen beide in die Grube.
Darauf wollte er behaupten, daß Pflanzen keine Leh-
ren wären, sondern Bäume seien, welche Menschen
genannt werden; ich antwortete abermals, das Chris-
tus, Mt 15, nicht von Bäumen rede; er sagte: Ja; ich
entgegnete Nein; zuletzt aber sagte er: Ich will dich
dabei lassen. Darauf fragte er mich, wo ich die Schrift
gelernt hätte, oder von wem ich unterrichtet worden
wäre; ich antwortete: Ich habe meinen Grund aus der
Schrift genommen, wie uns Christus lehrt, wenn er
sagt: Forscht in der Schrift, denn ihr meint das Le-
ben darin zu haben, und sie ist es, die von mir zeugt;
auf solche Weise habe ich nachgeforscht, und dabei
den Herrn um rechten Verstand und Weisheit gebeten.
Darauf sagte er: Man muss sich unterrichten lassen;
ich erwiderte, wir hätten auch Lehrer; er fragte, woher
unsere Lehrer den Verstand erlangt hätten; ich fragte
ihn abermals, woher die Propheten und Apostel den
Verstand erlangt hätten; er antwortete: Wir sind die
alte Kirche; von den Zeiten Christi an auf die Apostel,
welche die heilige Kirche zuerst gegründet und mit
vielen Zeichen und Wundern befestigt haben; von den
Aposteln aber auf Timotheus und Titus und auf alle
heiligen Lehrer, und von da auf alle heiligen Päpste
und Doktoren bis auf den heutigen Tag. Wir redeten
noch mancherlei von der Taufe, was ich der Kürze
wegen nicht berühren will, aber wir konnten nicht ei-
nig werden. Zuletzt bei dem Abschiede erwies er mir
große Freundlichkeit und sagte: Lieber Joost, du irrst,
und verstehst die Schrift nicht; ich erwiderte: Mein
Herr, wie dich dünkt, daß ich irre, so dünkt mich, daß
du irrst; er sagte: Bitte den Herrn um Verstand; ich
555
entgegnete, solches täte ich. Gilleame, der Büttel, war
auch zugegen; wie ich merken konnte, waren beide
sehr bewegt; er erzählte viel von der großen Gnade,
die von dem König Philipp und dem Papste gekom-
men wäre. Beim Abschiede fragte ich ihn, ob man
wohl jemanden um des Glaubens willen töten möge;
er antwortete: Wozu ist sonst die Obrigkeit? Ich sag-
te: Zum Schutze der Guten und zur Bestrafung der
Bösen; er sagte abermals: Petrus tötete Ananias und
Saphira. Unterdessen kam das Volk hinein, sodass
diese Worte unbeantwortet blieben. Hiermit sei dem
Herrn befohlen und dem Worte seiner Gnade; grüße
mir W. B. und alle Bekannte in dem Herrn, mit dem
Frieden des Herrn. Lorenz, mein Mitgefangener, lässt
dich auch grüßen mit dem Frieden des Herrn.
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben
aus dem Gefängnisse an seinen Bruder W. und I.,
sein Weib, den 10. August.
Gnade, Freude, Friede sei von Gott, dem himmlischen
Vater, und unserm lieben Herrn Jesu Christo, der uns
geliebt und dem Tröster, dem heiligen Geiste, der vom
Vater und dem Sohne ausgeht, um alle diejenigen
zu trösten, die um seines heiligen Namens willen in
Druck und Trübsal sind; welchem sei Preis, Ehre, Herr-
lichkeit, das Reich, Kraft und Majestät, von Ewigkeit
zu Ewigkeit, Amen.
Dieses nebst allen Tugenden Gottes, wünsche ich
dir zu einem freundlichen Gruße, mein sehr lieber
und werter Bruder W., sowie auch deinem lieben Wei-
be I. Ich lasse euch wissen, daß es mit mir gegenwärtig
noch ziemlich wohl steht, dafür lobe ich den Herrn,
und danke ihm für seine große Gnade, die er an mir
armem, schwachen und zarten Knechte beweist, wie
ich denn auch hoffe, daß ihr noch gesund seid. Fer-
ner lasse ich euch wissen, daß ich in meinen Banden
Nachricht empfangen habe, daß Fra. dem Jo. Ca. habe
sagen lassen, er solle auf seinen Nutzen bedacht sein;
sie wollten auch desgleichen sein. Als Jo. diese Nach-
richt empfangen, ist er sofort krank geworden, sodass
ihm die eine Seite gelähmt und er wahnsinnig gewor-
den ist; weshalb er denn den Abgott eingenommen
und empfangen hat; ebenso hat er auch als ein gutes
Kind der römischen Kirche die letzte Ölung erhalten,
worauf er den 9. August gestorben ist, uns und allen
Gottesfürchtigen zur ewigen Warnung. Ach, meine
Seele war sehr betrübt, als ich solches hörte; hier geht
es, wie Christus spricht: Wer sein Leben zu erhalten
sucht, der wird es verlieren. Darum, lieber Bruder
und liebe Schwester, laß uns Sorge tragen, daß wir
die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangen haben,
denn jetzt ist die angenehme Zeit; jetzt ist der Tag
des Heils; darum laß uns niemandem ein Ärgernis
geben, sondern in allen Dingen uns als Diener Got-
tes beweisen. Ein jeder suche den andern in guten
Dingen zu übertreffen, denn, was der Mensch Gu-
tes getan hat, das wird er zwiefältig von dem Herrn
wieder empfangen. Darum laß uns allezeit die Wor-
te Christi wahrnehmen und ihnen nachfolgen, wenn
er sagt: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib
töten, sondern fürchtet vielmehr den, welcher, nach-
dem er getötet hat, auch Macht hat, Leib und Seele
in die Hölle zu verdammen. Diesen lasst uns (sage
ich) scheuen und fürchten; denn vor ihm kann kein
gottloses Wesen bestehen, aber es sind ihrer wenige,
die es zu Herzen nehmen, gleichwie es von Anfang
her gewesen ist, nämlich in den Zeiten des Noah, in
welchen nur acht Gerechte waren; desgleichen zu den
Zeiten Sodoms, wo nur drei waren, die vor dem Herrn
bestehen konnten. So hat auch Gott der Kinder Israel,
die doch sein Eigentum waren, nicht geschont, son-
dern hat sie in der Wüste getötet, sodass von sechsmal
hunderttausend nur zwei in das gelobte Land einge-
gangen sind, nämlich: Josua und Kaleb. Ach, mein
lieber Bruder und meine liebe Schwester, wie viele
bleiben ihrer nun auch in dieser Weltwüste, wiewohl
sie alle durch das Rote Meer erlöst worden sind, näm-
lich durch das Blut Christi, und darüber müssen wir
uns nicht verwundern, denn die Schrift bezeugt, daß
diese gegenwärtige Welt um vieler Menschen willen
erschaffen worden sei, aber die zukünftige um weni-
ger willen; denn es ist hier eben, wie der Engel dem
Esra erzählt, nämlich: Es ist eine Stadt gebaut und
gesetzt auf einem ebenen Felde, voll aller Güter; ihr
Eingang aber ist enge und an einem jähen Orte, so-
dass zur rechten Hand ein Feuer ist, zur Linken aber
ein tiefes Wasser, es ist aber zwischen dem Feuer und
Wasser ein enger Fußsteig, so schmal, daß auf dem-
selben nichts als nur ein einziger Mensch gehen kann;
diese Stadt kann auch niemand einnehmen, oder er
muss zuvor diese Enge durchwandern.
Ach, mein Bruder, nun sind wir auf dem rechten We-
ge, der sehr eng ist, welches niemand besser weiß, als
derjenige, der darauf versucht worden ist, denn jetzt
stehen wir in der Probe; der allmächtige Gott gebe uns
seine Gnade, daß wir nicht als Heu, Stroh oder Stop-
peln, sondern als Gold, Silber und Edelsteine erfun-
den werden mögen. Ach, meine lieben Freunde, dem
Fleische wird zwar bange, wenn wir aber die schönen
Verheißungen, die den Überwindern und Standhaf-
ten gegeben sind, betrachten, so wird uns jede Pein
versüßt, denn jede Züchtigung, sagt Paulus, wenn sie
da ist, dünkt uns nicht Freude, sondern Traurigkeit
zu sein; nachher aber wird sie denen eine friedsame
Frucht der Gerechtigkeit geben, die dadurch geübt
556
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sind. So müssen wir denn nun unsere Trauertage zu
Ende bringen, denn wir sind bisweilen wie ein Weib
in den Geburtswehen; es kommt so manches harte
Wehe über uns, daß wir beinahe unterzugehen schei-
nen. Darum bittet den Herrn für uns arme schwache
Gefangene; wir tun solches auch für euch und alle,
die Gott fürchten. Hiermit will ich euch dem gekreu-
zigten Jesu Christo anbefohlen haben, und dem Worte
seiner Gnade, und sage hiermit gute Nacht, meine
lieben Brüdern und Schwestern. Grüßt mir alle meine
Bekannten mit dem Frieden des Herrn, und auch die
Unbekannten, dem Ansehen nach, die doch vor dem
Herrn bekannt sind, und seid allezeit der Gefangenen,
als Mitgefangene, eingedenk, und haltet allezeit ernst-
lich an, damit wir einander unter dem Altäre finden
mögen, Amen.
Noch ein Brief von Joost Verkindert, in welchem
einige Streitworte erzählt werden, die er mit des
Bischofs Bevollmächtigten über den Glauben
gehalten hat, geschrieben an seine liebe Hausfrau
und überhaupt an alle Brüder und Schwestern in
dem Herrn.
Gnade, Freude, Friede sei von Gott, dem himmlischen
Vater, und unserm Herrn Jesu Christo, der uns geliebt
und uns in seinem Blute von unsem Sünden gewa-
schen und uns einen hellen Strahl in unser Herz gege-
ben, und uns in das Reich seines geliebten Sohnes ver-
setzt hat, samt dem Tröster, dem Heiligen Geist, der
von dem Vater und dem Sohne ausgeht, um alle dieje-
nigen zu trösten, die in Druck und Trübsal sind, dem-
selben sei Preis, Ehre, Herrlichkeit, das Reich, Kraft,
Majestät, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Dieses alles wünsche ich euch zum freundlichen
Gruße, mein lieber und werter H. und S. in dem
Herrn, und allen Mitgenossen unsers allerheiligsten
Glaubens. Ich berichte euch, daß unser Gemüt noch
entschlossen sei, bei der ewigen Wahrheit zu bleiben
und bei dem Glauben, welcher den Heiligen einmal
übergeben worden ist; ich hoffe durch denselben das
ewige Leben zu erlangen, nicht aus unsem Verdiens-
ten, sondern aus reiner Gnade und um der Hoffnung
willen, weil Christus mit seinem wahrhaften Munde
spricht: Wer sein Leben um meinet- und des Evange-
liums willen verliert, der wird es endlich im ewigen
Leben wieder finden. Ach, meine lieben Brüder und
Schwestern, ein jeder folge dem Rate Christi, und un-
tersuche die Heilige Schrift, denn diese ist es, die von
ihm zeugt; auch sagt Paulus: Alles, was zuvor ge-
schrieben ist, das ist zur Lehre geschrieben. Lasst uns
doch nicht die Menschen fürchten, die wie Heu verge-
hen müssen, sondern lasst uns den fürchten, welcher.
nachdem er getötet hat, auch Macht hat, Leib und
Seele in die Hölle zu verdammen; denn Himmel und
Erde werden vergehen, aber sein Wort wird bleiben
in Ewigkeit. Ferner berichte ich euch, daß wir beide
den 17. August hinuntergerufen worden sind, um mit
des Bischofs Verordneten zu reden; als wir hinunter
kamen, haben wir ihn höflich gegrüßt und ihm einen
guten Abend geboten; ein Gleiches hat er auch ge-
tan und gefragt: Joost, wie hast du dich bedacht? Ich
antwortete: Ich bitte den Herrn Tag und Nacht, daß
er mir verleihen wolle, was mir am Seligsten ist; je
mehr ich mm bitte, desto gewisser werde ich, daß ich
die Wahrheit habe; er sagte, ich suchte wohl die Se-
ligkeit, aber mit Unverstand, gleichwie die Juden, die
durch das Gesetz gerecht werden wollten. Dabei hielt
er ein langes Geschwätz mit gefalteten Händen, dank-
te und pries den Namen Gottes und Christi Jesu aufs
Höchste, daß er alles so wohl gemacht, der heiligen
Kirche so viele gute Ordnungen mitgeteilt und ver-
heißen habe, bei derselben zu bleiben, bis an der Welt
Ende. Da fragte Lorenz, wo seine Kirche Verfolgung
litte; er antwortete: Das hat man wohl vor drei Jahren
gesehen, wo einige von den Unsrigen von den Geu-
sen getötet worden sind; ich sagte: Mein Herr, würde
nicht die Obrigkeit eure Kirche mit dem Schwerte be-
schützen, sie würde bald zu Grunde gehen, denn sie
hat keine Kraft; er erwiderte, daß sie von Gott wäre,
und von den Zeiten der Apostel an auf Timotheus
und Titus und ferner auf alle heiligen Lehrer bis auf
diesen Tag gewährt hätte; ich fragte, ob sie denn so
von den Aposteln eingesetzt und unterhalten worden
wäre, wie man sie jetzt bei ihnen gebrauche; er er-
widerte: Ja, was den Glauben betrifft; ich sagte, daß
sie weit von dem rechten Wege abgeirrt wären, denn
ich hätte ihm zuvor bewiesen, daß ihre Ordnungen
nur Menschengebote wären, Christus aber sage: Jede
Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt
hat, soll ausgerottet werden; denn sie sind blind und
Blindenleiter; wenn aber ein Blinder den andern leitet,
so fallen beide in die Grube; auch bewies ich ihm, daß
es den Kindern Israel verboten gewesen sei, ihrem
eigenen Gutdünken zu folgen, sondern sich allein an
dasjenige zu halten, was der Herr geboten hat, und
erzählte ihm dabei, wie hart Saul von dem Herrn ge-
straft worden sei, weil er nach eigenem Gutdünken
den König der Amalekiter und die besten Rinder und
Schafe am Leben erhalten habe; er antwortete, daß
Saul solches wider den Befehl des Herrn getan habe;
aber bei ihnen verhielte es sich anders, denn es sei,
sagte er, alles verordnet worden wegen einiger Miss-
bräuche, die in der Kirche aufkamen, wie es denn
auch zu dem Zeiten der Apostel geschah, daß eine
Zusammenkunft und ein Konsilium gehalten wurde.
557
als einige Streit erregten; desgleichen, daß Paulus Ti-
tus geboten hat, es vollends auszurichten, wie er es
gelassen hätte, und andere Reden mehr.
Darauf erzählte ich ihm von dem frommen Köni-
ge Josia, welcher nicht auf die langen Gewohnheiten
und Zeremonien seiner Voreltern sah, sondern alles
ausrottete, was wider das Gesetz eingeführt worden
war, und den Befehl gab, das Gesetz recht zu halten.
Darauf wusste er nicht viel zu antworten; ich sagte
ihm auch: Mein Herr, es verwundert mich sehr von
euch, daß ihr uns nicht ausbannet, gleichwie man in
Deutschland, an der Ostsee und in England tut; er
erwiderte: Wohin wollt ihr gehen? Denn wo ihr hin-
kommt, da verderbt und verführt ihr das Volk; ich
sagte ihm, daß der Glaube eine Gabe Gottes sei, und
daß derselbe nicht jedermanns Ding wäre; er antwor-
tete: Ihr habt den Glauben gehabt, nun aber habt ihr
einen andern angenommen, wobei er ein Gleichnis
anführte, nämlich, daß wir den Kriegsknechten gleich
seien, die ihren Herrn ohne Pass entlaufen wären,
und mm nirgends Freiheit hätten; ich fragte ihn, ob
die Kindertaufe eine Annehmung in seine Kirche sei?
Er antwortete: Ja; ich fragte abermals, warum sie nicht
auch in die Türkei gingen, um die Kinder anzuneh-
men; er antwortete: Nein, das kommt ihnen nicht zu,
denn sie sind ein verworfenes Volk. Ferner sagte ich,
mit welcher Schrift sie uns beweisen könnten, daß
man uns töten möge; solches wollte er mit dem Ge-
setze beweisen, aber ich sagte, daß wir unter dem
Gesetze der Gnade wären, nämlich unter dem Evan-
gelium, und daß auch Christus sagte, daß man das
Unkraut mit dem Weizen bis zur Ernte aufwachsen
lassen sollte; er sagte: Wir haben auch Schriftstellen,
daß die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst emp-
fangen habe; ich bewies es ihm, daß die Obrigkeit
das Schwert zur Strafe der Bösen und zum Schutze
der Guten gegeben, und daß ich auch der Obrigkeit
nicht ungehorsam, sondern ihr nach der Macht, die
sie von Gott empfangen hat, zu Willen gewesen sei.
Als er gefragt wurde, ob er keine andere Schriftstel-
le anzuführen hätte, sagte er: Petrus schlug Ananias
und Saphira tot; ich fragte: Womit und warum? Er ant-
wortete: Weil sie Lügen redeten. Das ist wahr, sagte
ich, denn sie logen dem Heiligen Geiste und hatten
von dem Gelde des gekauften Ackers etwas zurückbe-
halten und verschwiegen; er sagte: Gleichwohl hat er
sie mit dem Schwerte seines Mundes getötet. Was ich
ihm nun sagte, daß es um ihrer Übeltat willen ohne
Schwert geschehen sei, das half alles nichts; er wollte
seine Behauptung damit beweisen, daß man uns tö-
ten möge, wobei er noch hinzufügte, was Paulus sagt:
Wollte Gott, daß sie ausgerottet würden, die euch ver-
stören; ich sagte: Paulus hätte damit nicht ein solches
Ausrotten verstanden, wie sie es jetzt ausrichteten; er
antwortete: Paulus hatte damals noch keine Obrigkeit
zur Seite. Nachher haben wir auch von der Kinder-
taufe geredet, von welcher er beweisen wollte, daß es
ein Befehl Christi sei, indem er sagte: Es sei denn, daß
jemand geboren werde aus Wasser und Geist, kann er
nicht in das Reich Gottes kommen. In diesem Spruche
wollte er auch die Kinder mit einschließen, nämlich
in das Wörtlein jemand. Da las ich ihm das Kapitel
aus der Bibel vor, die ich dort fand, wo es heißt: Es
war aber ein Mensch unter den Pharisäern, namens
Nikodemus, ein Oberster unter den Juden, der kam
zu Jesu bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir
wissen, daß du ein Lehrer bist, von Gott gekommen,
denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es
sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete: Wahrlich,
wahrlich, ich sage dir, es sei denn, daß jemand von
neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht
sehen.
Da fragte ich ihn, ob er wohl wüsste und verstände,
was es sei, von neuem geboren werden, und sagte ihm,
daß ein Kind nicht von neuem geboren werden könne,
denn Christus verstünde darunter Menschen, die Ver-
stand hätten; ja, sagte er, und auch die Kinder; kam
also auf seine frühere Behauptung zurück und beharr-
te dabei, nämlich: Es sei denn, daß jemand aus Wasser
und Geist geboren werde. Er führte auch Paulus und
Titus an, daß Christus seine Gemeinde durch das Was-
serbad im Worte gereinigt habe; darauf antwortete ich,
daß Paulus damit keine Kinder gemeint hätte. Auch
wollte er mit dem Briefe Johannes beweisen, daß drei
seien, die da zeugen im Himmel: Der Vater, das Wort
und der Heilige Geist, und diese Drei sind eins; und
drei sind, die da zeugen auf Erden, der Geist, das Was-
ser und das Blut, und diese Drei sind eins, wobei er
sagte, daß die Kinder von der Erbsünde durch die Tau-
fe gereinigt werden müssten; ich erwiderte ihm, daß
die Kinder durch das Blut unseres Herrn Jesu Christi
von ihrer Erbsünde gereinigt würden, denn Paulus
sagt: Wie durch eines Menschen Ungerechtigkeit der
Tod in die Welt gekommen ist, so ist die Gnade noch
reichlicher durch Jesum Christum geworden, und wie
sie in Adam alle sterben, so werden sie auch durch
Christum wieder lebendig gemacht; desgleichen, daß
der Prophet sagt: Der Sohn soll die Missetat seines Va-
ters nicht tragen; er erwiderte: Es ist wahr, diese Gna-
de ist allen Menschen widerfahren; gleichwohl muss
man die Kinder taufen, wenn sie anders selig wer-
den sollen, wobei er vieles redete, was einen schönen
Anstrich hatte. Darauf fragte ich ihn, ob die Kinder
durch das Wasser selig würden; er antwortete: Wenn
man sie mit Wasser tauft, so empfangen sie den Hei-
ligen Geist, und werden dann durch das Blut Christi
558
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
erlöst; was er mit drei Zeugen auf Erden zu beweisen
suchte, nämlich: Geist, Wasser und Blut, und wobei er
fest stehen blieb; ich sagte ihm, daß er mit seiner Kin-
dertaufe das Blut Christi verwerfe und gering mache,
womit er nicht zufrieden war. Darauf fragte ich ihn,
ob die Taufe nicht eine Begrabung der Sünden sei; er
antwortet: Ja; ich sage weiter, daß die Kinder keine
Sünden begangen hätten, und daß sie einfältig und
unschuldig wären, aber es half alles nichts; er meinte,
die Kinder müssten getauft sein, es sei solches von
der Apostel Zeit her im Gebrauch gewesen; ich fragte
ihn abermals, ob die Apostel Kinder getauft hätten; er
antwortete, daß sie ganze Häuser getauft hätten, wor-
unter auch wohl Kinder gewesen sein möchten; ich
sagte, daß sich das Hausgesinde zum Dienste der Hei-
ligen begeben hatte, was die Kinder nicht tun könnten,
sondern bedürften, daß man ihnen diene; aber gleich-
wohl bestand er auf seiner Meinung; ich fragte ihn,
wenn ein Weib zwei Kinder hätte, von denen das ei-
ne getauft wäre, das andere aber ohne Taufe stürbe,
was er davon hielte; er antwortete, das getaufte wäre
selig, das ungetaufte aber nicht; ich entgegnete, das
Blut Christi wäre kräftiger als ihre Taufe, überdies
taufen sie auch diejenigen, denen es nicht zukäme,
denn Christus hat befohlen, die Gläubigen, nicht aber
die Kinder zu taufen, und hat auch den Getauften
befohlen, seine Gebote zu halten; desgleichen, daß sie
viel aus der Taufe machten, aber ohne Kraft. Darüber
machte er viele Worte, denn er wollte die Kindertaufe
mit der Beschneidung befestigen; aber ich bewies ihm,
daß das Vorbild sich hierauf nicht anwenden lasse,
auch daß allein die Knäblein und nicht die Mägdlein
beschnitten worden seien. Aber es half alles nichts,
es musste ein Vorbild der Taufe sein, und gleichwie
die Seele eines Unbeschnittenen aus dem Volke Israel
ausgerottet werden musste, so, sagte er, wären auch
die Ungetauften verdammt. Solches widerlegte ich
ihm mit verschiedenen Schriftstellen, er aber sagte:
Joost, mich dünkt, du verstehst es besser, als du es an
den Tag gibst, denn ich habe es ja klar genug bewie-
sen, daß man die Kinder taufen müsse; ich antwortete:
Mein Herr, glaube das nicht, daß ich wider besser Wis-
sen und Gewissen widersprechen sollte, da ich doch
hart gefangen liege; überdies wären wir ja auch ar-
me und elende Menschen; wir redeten über die Taufe
noch manches hin und her, konnten jedoch nicht einig
werden. Nach einem kurzen Stillschweigen sagte er:
Joost, du hast dich jämmerlich verführen lassen; ich
erwiderte ihm, ich hätte mich nicht verführen lassen,
sondern hätte die Wahrheit auf meiner Seite, fragte
ihn auch, ob das nicht seine Meinung wäre, daß wir
aus diesem Feuer in das ewige Feuer kommen wür-
den. Ach, sagte er, daran ist kein Zweifel; ich habe.
sagte ich, eine bessere Hoffnung, und wollte dir auch
wohl gönnen, daß du eine bessere Erkenntnis erlan-
gen mögest. Als er das hörte, war er eine Weile still,
als wäre er erschrocken und furchtsam gewesen; er
bejammerte uns auch sehr, so daß ich wohl merkte,
daß er es von Herzen meinte. Auch hatten wir ein
Gespräch von der Menschwerdung Christi, von der
er behauptete, daß er sie von Maria Fleisch und Blut
angenommen habe. Als ich ihn zum Beweise dieser
Behauptung aufforderte, führte er Rom 1 an, daß er
Davids Sohn nach dem Fleische sei; ich sagte, das
bekenne ich auch; er brachte bei, was Paulus an die
Hebräer sagte: Er nimmt nicht die Engel an, sondern
den Samen Abrahams nimmt er an; auch brachte er
Mt 1, von dem Geschlechtsregister bei. Darauf fragte
ich ihn, ob er nicht glaubte, daß das Wort Fleisch ge-
worden wäre; er antwortete, ja, denn Christus hätte
Fleisch und Blut von Maria angenommen; ich brachte
ihm Lk 1 bei, daß der Engel zu Maria gekommen sei,
sie gegrüßt und gesagt habe, daß sie schwanger wer-
den und einen Sohn gebären sollte, der Jesus und ein
Sohn der Allerhöchsten genannt werden sollte. Maria
sprach zu dem Engel: Wie soll das zugehen, indem ich
von keinem Manne weiß; der Engel antwortete: Der
Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft
des Allerhöchsten wird dich überschatten, weshalb
auch das Heilige, das geboren werden soll, Gottes
Sohn genannt werden wird; außerdem führte ich Mt 1
an, was der Engel Joseph im Traume offenbarte, wenn
er sagt: Joseph, Davids Sohn, fürchte dich nicht, Maria,
dein Weib, zu dir zu nehmen, denn was in ihr empfan-
gen ist, das ist vom Heiligen Geiste; ich führte auch
Paulus an, wo er sagt: Der erste Mensch ist von der
Erde und irdisch, der Zweite Mensch ist der Herr vom
Himmel; auch daß Fleisch und Blut das Reich Gottes
nicht ererben möge. Aber was ich ihm auch beibrachte,
er blieb dabei, daß Christus von der Natur Maria sei;
wir konnten deshalb nicht einig werden, wiewohl wir
noch viel über die Menschwerdung Christi miteinan-
der redeten. Darauf wandte er sich zum Nachtmahle
und sagte, daß es wahres Fleisch und Blut wäre, was
er damit beweisen wollte, weil Christus sagt: Wenn
ihr nicht esst das Fleisch des Menschen Sohnes, und
trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch; denn
wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das
ewige Leben; ich antwortete ihm, daß Christus die-
ses nicht auf das Nachtmahl bezogen habe. Er sagte
abermals, steht dort nicht: Nehmt, esst, das ist mein
Leib? Ich sagte, daß es seinen Leib bedeute, denn es
steht auch: Ich bin ein rechter Weinstock, wiewohl
er doch kein wirklicher Weinstock war; auch erzählt
und bezeugt es Paulus klar, wenn er sagt: Ich habe
es von dem Herrn empfangen, das ich euch gegeben
559
habe, denn der Herr Jesus Christus in der Nacht, in
welcher er verraten ward, nahm er das Brot, dankte,
brach es und sagte: Nehmt, esst, das ist mein Leib, der
für euch gegeben wird; solches tut, zu meinem Ge-
dächtnisse. So oft ihr von diesem Brote esst, und von
diesem Kelche trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkün-
digen, bis daß er kommt (merkt, bis daß er kommt).
So ist er denn, sagte ich, mein Herr, nicht leiblicher
Weise dort, wie du sagst. Ich führte ihm auch das Os-
terlamm an und bewies, daß es ein rechtes Vorbild
auf das Nachtmahl wäre; aber wir konnten in keinem
Punkte einig werden. Ferner wurde auch der Klöster
erwähnt, welche ich Sekten nannte, und ihn fragte,
ob Gottes Kinder alle geistlich sein müssten; er ant-
wortete: Ja; ich fragte ihn abermals, warum sie denn
nicht einstimmig wären, denn es gäbe ja viele Klöster,
die in Kappen und Zeremonien verschieden wären; er
antwortete, daß der Heilige Geist verschiedene Gaben
wirke, und damit wollte er die Klöster verteidigen;
auch fragte ich ihn, ob er nicht den Propheten Baruch
gelesen hätte; es kann wohl sein, sagte er. Da erzähl-
te ich ihm, daß der Prophet dort die Kinder Israel
warnt, als sie in Babel waren, daß sie in ihren Herzen
denken sollten, wenn sie die Götzen auf den Achseln
tragen sehen würden und viel Volk vor- und nachlau-
fen würde. Ach, Herr, dich allein soll man ehren. Ich
fragte ihn, ob man denn solches auf den Sonntag nicht
auch tun möchte; er antwortete, das wäre ja nur ein
Bild; ich sagte, daß diejenigen, welche Bilder machen,
verflucht seien; er erwiderte, es sind die Bücher der
Einfältigen, und er hielt dafür, daß sie, die Bilder, dem
Buchstaben gleich seien; wollte auch beweisen, daß
man wohl Bilder machen möchte, und das zwar mit
den Cherubim, die auf der Arche waren. Auch redeten
wir viel miteinander von der Anbetung der Heiligen,
aber wir konnten nicht eins werden; ich bin gewiss
drei Stunden vor ihm gewesen. Ach, liebe Brüder und
Schwestern, halte ein jeder stark an, und bittet den
Herrn für uns herzlich, daß wir wider alle Pforten der
Höllen bestehen mögen, denn unser Streit ist nicht
gering, wir sind mitten unter unsem Feinden. Lebt
sämtlich wohl zum Abschiede, bis auf eine bessere
Zeit.
Geschrieben von mir, Joost Verkindert, unwürdig
gefangen in dem Herrn, in meinen Banden.
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben
in den Banden an sein Weib, den 20. August.
Die unaussprechliche Gnade Gottes, des Vaters, die
Liebe seines geliebten Sohnes, unsers Herrn Jesu
Christi, samt dem Tröste, der Freude und Wonne des
Heiligen Geistes, wünsche ich dir zu einem herzlichen
und freundlichen Gruß, mein sehr liebes und wertes
Weib und Schwester in dem Herrn. Ich berichte dir,
daß es mit mir gegenwärtig noch ziemlich wohlbe-
stellt sei, wofür ich dem Herrn danke, und ihn für
seine große Gnade lobe, in der Hoffnung, daß ich sol-
ches auch von dir hören werde. Ferner berichte ich
dir, daß in den Briefen, in denen von dem Wortstreite
mit dem Pfaffen gehandelt wird, nicht alle Worte und
Reden angegeben sind, die wir miteinander hatten,
denn er führte auch an: Wer den Sünder von dem Irr-
tume seines Weges bekehrt, der hat einer Seele zum
Leben geholfen, wobei er uns auch anbot, wenn wir
uns bekehren wollten, so sollte man uns auf freien
Fuß stellen und uns gehen lassen, wohin es uns ge-
fiele; er redete mit einem heiligen Scheine, wobei er
oft die Hände ineinander schlug, und noch sagte, er
wollte uns bei seiner Seligkeit versichern, das wir die
Wahrheit nicht hätten. Daher dünkt mich, es müs-
se ein Mensch zugrunde gehen, wenn er nicht einen
festen Grund auf Jesum gelegt hat; aber dem allmäch-
tigen Gott sei Lob und Dank gesagt, daß alle seine
scharfen Pfeile, die er abschoss, mir nicht schädlich
gewesen sind, denn Gott war mit mir. Auch erzählte
er, daß Christo nicht viel Reiche nachgefolgt seien,
sondern arme und schlichte Leute, aber durch die
Apostel seien viel Zeichen und Wunder geschehen,
sagte er, wodurch die Reichen, auch Könige und Prin-
zen, zum Glauben gekommen seien; auch führte er
noch andere gebrochene Schriftstellen an, denn er ist
sehr reich an Worten und dabei schlecht von Ansehen;
überhaupt, er brachte wohl schöne Worte vor, aber
er verkaufte nichts, denn er stellte uns das zeitliche
Leben schön vor, wenn wir es gesucht hätten; dem
allmächtigen Gott aber sei Lob und Dank für seine
große Gnade gesagt, denn mein Gemüt ist noch heut-
zutage so gesinnt, daß es lieber ehrlich sterben, als
mit Schanden leben will. Es ist unter dem Himmel
den Menschen kein anderer Name gegeben, worin sie
selig werden können, als allein durch den Namen Jesu
Christi; denn er ist allein der Weg und der Eingang
zum ewigen Leben. Ach, meine Geliebte, dieser Weg
hat keine Seitenwege, sondern diejenigen, die davon
abweichen, fallen dem Tode anheim. Fleisch und Blut
wollten zwar gerne noch leben, aber der Geist wollte
lieber entbunden und bei Christo sein, denn solange
wir leben, sind wir in großer Gefahr; wir können in
kurzer Zeit wieder verlieren, woran wir eine lange
Zeit gearbeitet haben.
Darum mögen wir wohl immer zu Gott rufen, daß
er uns arme Pilger in dieser Welt Wüste bewahren wol-
le, wo die Schlangen Feuer spritzen, und die Wölfe bis
an den Abend nach unschuldigem Blute laufen; aber,
meine Geliebte, der, welcher mit uns ist, ist viel stär-
560
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ker, als derjenige, der mit der Welt ist; denn Gott ist
mit uns, mit der Welt aber ein fleischlicher Arm. Ach,
möchten wir unter denen erfunden werden, von wel-
chen Johannes schreibt: Diese sind es, die aus großen
Trübsalen kommen, und ihre Kleider gewaschen und
sie durch das Blut des Lammes weiß gemacht haben;
darum sind sie vor dem Throne Gottes und dienen
ihm Tag und Nacht in seinem Tempel, und der auf
dem Throne sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird
nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht
die Sonne oder irgendeine Hitze auf sie fallen, denn
das Lamm mitten im Stuhle wird sie weiden und sie
zu dem lebendigen Wasserbrunnen leiten, und Gott
wird alle Tränen von ihren Augen abwischen; und
ferner: Diese sind es, die mit Weibern nicht befleckt
sind, denn sie sind Jungfrauen und folgen dem Lam-
me nach, wo es hingeht; und abermals: Diese sind
aus den Menschen erkauft, zu Erstlingen, Gott und
dem Lamme; ferner: Weil du das Wort meiner Geduld
behalten hast, so will ich dich auch vor der Stunde der
Versuchung behalten, die über den ganzen Weltkreis
kommen wird, um alle diejenigen zu versuchen, die
auf Erden wohnen. Ach, meine Geliebte, das wäre
eine glückliche Reise, wenn wir dort wären; nichts de-
sto weniger habe ich eine lebendige Hoffnung, denn
Gott will unsern Tod nicht. Darum lasst uns allezeit
freimütig sein und uns mit den Worten Christi trösten,
wenn er sagt: Die Zeit wird kommen, daß sie euch
in den Bann tun werden, und wer euch tötet, wird
meinen, er tue Gott einen Dienst daran; und das wer-
den sie euch darum tun, weil sie weder mich noch
meinen Vater kennen, denn hätten sie ihn erkannt, sie
hätten den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
Lasst uns alle heiligen Väter zum Vorbilde nehmen,
welchen alles Kreuz und Leiden begegnet ist, und er-
wiesen haben, daß sie denen ein guter Geruch Christi
seien, die da selig werden, denen aber, die verloren
werden, ein Geruch zum Tode seien, denn der Herr
hat einen Tag gesetzt, an welchem er einen jeden nach
seinen Werken lohnen wird und wie mich dünkt, ist
der Tag des Herrn vor der Tür; darum laß uns unsere
Seelen in Geduld besitzen, damit wir an diesem Tage
vor ihm bestehen mögen.
Hiermit will ich dich (meine Geliebte) dem gekreu-
zigten blutigen Christo Jesu und dem reichen Worte
seiner Gnade anbefehlen. Lorenz, mein Mitgefange-
ner, sowie auch ich, lassen dich und alle unsere Be-
kannte sehr herzlich grüßen, mit dem Frieden des
Herrn. Tue doch das Beste an meinen Waisen.
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben
in den Banden an sein Weib, den 2. September.
Die Gnade und der Friede von Gott, dem himmlischen
Vater, die Liebe seines geliebten Sohnes, samt dem
Tröste, der Freude und Wonne des Heiligen Geistes
wünsche ich dir zum freundlichen Gruße, mein sehr
liebes und wertes Weib und Schwester in dem Herrn.
Ich lasse dich wissen, daß es mit mir gegenwärtig
noch ziemlich wohl steht; darum sage ich dem Herrn
für seine große Güte und Gnade Lob und Dank, und
hoffe, dasselbe auch von dir zu hören. Ferner berichte
ich dir, daß ich dein Brieflein empfangen habe, und sa-
ge dir für deine gute Ermahnung und christliche Sorge
für mich in diesen meinen Banden meinen Dank. Ach,
meine Geliebte, das mag wohl mit Recht der enge Weg
genannt werden; denn wir werden von allen Seiten
angefochten, nämlich, von Fleisch und Blut; auch ist
der Satan Tag und Nacht geschäftig, uns auf allerlei
Art und Weise in Irrtum oder Unglauben zu bringen,
denn die Feinde des Kreuzes Christi fallen uns sehr
listig an; bald haben sie Mitleiden mit uns und sagen:
Ich will an eurem Blute unschuldig sein; bald sagen
sie: Wenn ihr in eurem Glauben sterbt, so müsst ihr
aus diesem Feuer in das ewige Feuer gehen; ich ant-
wortete ihm hierauf, daß wir eine bessere Hoffnung
hätten, und denen nicht gleich wären, die Streiche in
die Luft tun; er sagte, daß wir den Teufel hätten, und
von ihm so fest gebunden und gehalten würden, daß
wir uns nicht bewegen ließen; wir erwiderten, daß die
Juden auch zu Christo gesagt hatten, daß er den Teufel
hätte. Es sollte mich Wunder nehmen, sagte er, ob es
nicht helfen würde, wenn man euch beschwören wür-
de, und was dergleichen lästerliche Worte mehr sind.
Wir sagten, er sollte die Seelen suchen, und Huren,
Buben und Trunkenbolde und das ungöttliche We-
sen unter dem Volke bestrafen, denn solchen sei das
Himmelreich abgesagt; er antwortete, daß er solche
zur Besserung ermahnte. Lorenz sagte ihm, daß alle
ihre Dinge und Zeremonien nichts als Heuchelei und
ein Gräuel wären, und daß sie dem Volke die Messen
bei Dutzenden verkauften; er antwortete dem Lorenz:
Wenn du ein weiser Mann wärest, so würde ich dir
solches übel aufnehmen; ich fragte ihn, wo man von
einer Messe geschrieben fände; er sagte, sie wäre ein
Opfer, und redete sehr viel von dieser Materie, sodass
man sich verwundern musste, wo er alles herzuholen
wusste; er brachte auch vieles unter einem glänzen-
den Scheine vor und sagte, unter anderem, er wollte
sein Blut für uns vergießen, wenn er unsere Seelen
gewinnen könnte; ich erwiderte, daß er gleichwohl
nicht würde für uns sterben, und uns frei ausgehen
lassen wollen; er sagte, es wäre schädlich, daß wir
561
lebten; ich entgegnete: Mein Herr, es wundert mich
sehr (weil du sagst, das wir verdammt seien, wenn
wir in diesem Glauben sterben), daß ihr uns nicht lie-
ber leben lasst, denn solange der Mensch lebt, hat er
Gelegenheit und Zeit zur Besserung und Bekehrung;
aber hierzu hatte er wenig Lust und sagte, wir hätten
die ärgste Lehre auf Erden; denn die Calvinisten und
Martinisten, sagte er, ließen sich besser bedeuten als
wir; wir konnten daher nicht einig werden; übrigens
sagte er, daß er täglich für uns betete, und noch heute
unserer in seiner Messe gedacht habe. Wir sagten, daß
wir den Herrn auch Tag und Nacht um dasjenige bä-
ten, was uns am seligsten wäre. Wir suchten, sagte er,
die Seligkeit wohl, aber mit Unverstand; auch woll-
te er in dem Brote oder Nachtmahle Christi Fleisch
und Blut wesentlich haben; hierüber sprachen wir nur
wenig; ich sagte ihm nur, gleichwie die Kinder Israel
ein goldenes Kalb machten, um demselben als einem
Abgotte zu dienen, und zu demselben sagten, daß es
ihre Götter wären, die sie aus Ägypten erlöst hätten,
so verhält es sich auch mit eurem Volke, denn sie sa-
gen: Dies ist unser Gott, der uns an dem Kreuzesholze
erlöst hat. Er sagte, es wäre Abgötterei, wenn er nicht
im Brote wäre; aber wenn der Priester die Worte dar-
über gesprochen hat, so kommt er sakramentalisch
hinein; darum ist es auch keine Abgötterei, sagte er.
Als er uns aber mit keinen Schriftstellen überzeugen
konnte, so hielt er uns die Befreiung und den Pardon
vor, um uns dadurch zu locken; dadurch wurde mir
der Streit um desto schwerer gemacht; doch hoffe ich,
der Herr werde uns das Feld erhalten helfen, denn es
wäre unmöglich, ohne Gottes Hilfe zu bestehen.
Darum, meine Geliebten, helft mir doch den Herrn
herzlich bitten, daß er mich durch seine große Güte
und Langmut wie seinen Augapfel bewahren wolle,
damit ich nicht durch Weltweisheit oder fleischlichen
Überfluss verführt werde, oder von meinem Gott ab-
weiche, wovor ich mich sehr entsetze, sondern daß er
mich in meinem guten Vorhaben trösten und stärken
wolle, zum Preise seines heiligen Namens und meiner
Seele Seligkeit.
Hiermit will ich dich dem gekreuzigten, blutigen
Christo Jesu anbefohlen haben, und dem reichen Wor-
te seiner Gnade, der in seinen Verheißungen treu ist.
Ich grüße dich, meine Geliebte, mit dem Kusse des
Friedens; ebenso grüßen auch Lorenz und ich alle
unsere Bekannten sehr herzlich mit dem Frieden des
Herrn, Amen.
Geschrieben von mir, Joost Verkindert, unwürdig
gefangen in dem Herrn, in meinen Banden.
Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben
an seine Brüder, Michael und Pleun, auf den
hundertsten Tag seiner Gefangenschaft, den 7.
September.
Gott der Vater und unser lieber Herr Jesus Christus
wolle euch ein Herz und Gemüt geben, damit ihr eu-
er Leben lang in seiner heiligen Wahrheit wandeln
mögt, zum Heile eurer armen nackenden Seelen, da-
mit sie erhalten werden mögen, wenn sie der Herr am
jüngsten Tage heimsuchen wird, wenn wir alle vor
den Richterstuhl Christi werden gestellt werden, wo
ein jeder nach seinen Werken belohnt werden wird,
sie seien gut oder böse. Gott, dem Vater, sei Preis und
Ehre durch Jesum Christum; er wolle uns seinen Hei-
ligen Geist zum Tröster in aller unserer Trübsal geben,
in welche wir nun um Christo und des Evangeliums
willen uns übergeben haben, dem Herrn sei Preis, Eh-
re und Dank, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Dieses wünsche ich euch, meine geliebten und wer-
ten Brüder, Michael und Pleun, zum herzlichen und
freundlichen Gruße aus dem Innersten meiner See-
le. Ich lasse euch wissen, daß ich dem Fleische nach
noch ziemlich wohl bin, dem Geiste nach aber ist mein
Gemüt noch fest gesonnen, mit der Hilfe des Aller-
höchsten, bei der einigen Wahrheit zu bleiben, von
welchem ich Trost und Hilfe erwarten muss, denn von
mir selbst habe ich nicht einen guten Gedanken, son-
dern nur Verlockung, denn das Fleisch fürchtet sich
allezeit vor dem Leiden, und dennoch, meine lieben
Brüder, muss es gelitten sein, hier oder dereinst, denn
Christus sagt, daß das Himmelreich Gewalt leide, und
die ihm Gewalt antun, reißen es zu sich. Ach, liebe
Brüder, ich bitte euch herzlich, daß ihr eurer selbst
wahmehmen und der Stimme des Herrn gehorsam
sein wollt, damit ihr nicht unter denen erfunden wer-
det, die ihr Pfund in die Erde vergraben hatten, und
einen neuen Lappen auf das alte Kleid setzen, oder
neuen Wein in die alten Schläuche sammeln wollten.
Ach, meine lieben Brüder; wenn ihr eurer selbst nicht
wahrnehmt, so müsst ihr Gott dafür schwere Rechen-
schaft geben, denn Christus sagt: Bringt alle her, die
nicht wollen, daß ich über sie herrsche; tötet sie vor
meinen Augen und werft sie in die äußerste Finster-
nis, wo Heulen und Zähneklappern sein wird; auch
sagt Christus, Lk 13: Der Knecht, der des Herrn Willen
weiß, und sich nicht bereitet, oder nach seinem Wil-
len getan hat, wird viele Streiche leiden müssen. Ach,
liebe Brüder! Haltet mir diese Warnung zugut, denn
sie ist aus aufrichtiger, brüderlicher Liebe geschehen,
und das darum, weil ich wohl weiß, daß außer Christo
und seinem Worte keine Seligkeit ist; ich habe auch
einige Jahre lang es besser verstanden, als ich gehan-
562
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
delt habe; der Herr wolle es mir vergeben, denn hätte
ich dem Herrn und der Welt zugleich dienen können,
ich wäre nicht in Banden. Ach, liebe Brüder, hierzu
hat mich Fleisch und Blut nicht gebracht, sondern
das Wort des Herrn, welches schärfer ist als ein zwei-
schneidiges Schwert. Niemand aber kann zugleich
zweien Herren dienen; er muss den einen verachten,
und dem anderen anhängen; ebenso könnt ihr auch
nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen. Ja,
so ruft auch Elias den Kindern Israel zu: Wie lange
wollt ihr auf beiden Seiten hinken? Ist der Herr Gott,
so folgt ihm nach; ist es aber Baal, so folgt ihm nach.
Ach, liebe Brüder, mit dergleichen Sprüchen, und mit
mehreren andern, musste ich meinen eigenen Willen
verleugnen lernen, damit ich der großen Sündflut und
großen Strafe entgehen möchte, welche über diejeni-
gen kommen wird, die dem Evangelium unsers lieben
Herrn Jesu Christi nicht gehorsam gewesen sind; die-
se werden Pein leiden und das ewige Verderben, vor
dem Angesichte des Herrn und vor der Herrlichkeit
seiner Macht. Ach, liebe Brüder, erschreckt doch vor
dem Tage, der wie ein Ofen brennen wird, wo alle
vermessenen Verächter und Gottlosen wie Stroh sein
werden; aber die ihres Gottes Gesetze bewahrt ha-
ben, werden alsdann wie die Mastkälber wachsen,
und sie werden aus- und eingehen und die Gottlo-
sen wie Asche unter ihren Füßen zertreten. Ach, liebe
Brüder, möchten wir alle würdig erfunden werden,
die angenehme Stimme Christi zu hören, welche sagt;
Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das Reich meines
Vaters, das euch bereitet ist von Anfang der Welt her;
ach, dann wären wir zu einer seligen Stunde geboren;
denn derer sind wenige, die von ganzem und aufrich-
tigem Herzen dem Herrn nachzufolgen suchen, denn
es will sich jeder entschuldigen; der eine sagt: Ich ha-
be fünf Joch Ochsen gekauft; der andere, ich habe
ein Weib genommen; der dritte, ich habe einen Acker
gekauft; ich bitte dich, entschuldige mich. Ach, liebe
Brüder, vor dem Herrn kann keine Entschuldigung
bestehen; darum lasst uns wohl Zusehen, wenn wir
seine Stimme gehört haben, daß unsere Herzen nicht
verhärtet noch verstockt werden, denn wir haben vie-
le Exempel in Heiligen Schrift, daß die Gottlosen vor
dem Herrn nicht bestehen mögen; ebenso lesen wir
auch, daß Gott die Welt um ihrer Sünde willen mit der
Sündflut gestraft habe, aber er bewahrte den Prediger
Noah nebst sieben anderen, und brachte die Sünd-
flut über die Welt der ungerechten Menschen, und
hat die Städte Sodom und Gomorrha umgekehrt und
verdammt um ihrer Sünde willen; aber den gerechten
Lot mit seinen beiden Töchtern, welcher von ihrem
ungebührlichen und unkeuschen Wandel überfallen
wurde, bewahrte er. Darum, liebe Brüder, wenn euch
auch der Herr nicht äußerlich tötet, wie er damals tat,
so wird er dennoch die Sünde nicht ungestraft lassen,
denn der Herr ist ein gerechter Richter, welcher Sin-
ne und Gedanken richten wird. Ach, ja, der Mensch
wird von jedem unnützen Worte, das er geredet hat,
Rechenschaft geben müssen! Ach, liebe und werten
Brüder! Geht doch aus von diesem geistigen Ägyp-
ten, von der Macht des höllischen Pharaos und aus
diesem geistigen Sodom, da sie unsern Herrn gekreu-
zigt haben, und aus diesem geistigen Babel, damit
ihr in Zion leben, und daselbst den schönen Gottes-
dienst anschauen mögt; ich warne euch im Namen des
Herrn und auf Veranlassung meines Gewissens, weil
ihr es am jüngsten Tage finden werdet, wie ich es euch
hier geschrieben habe. Ach, liebe Brüder, Michael und
Pleun, ich ermahne euch auch mit, denn wenn ich in
diesem Streite nicht Stand halte, so ist alles umsonst,
was ich erlitten habe, denn die Unseligen werden in
der Erde aufgeschrieben. Ach, ich empfinde so viel
Schrecken vor dem Abweichen, weil ich so gewiss
und versichert bin, daß ich auf dem rechten Wege bin.
Liebe Brüder! Ihr wisst wohl, daß niemand in diese
Welt kommen kann, er sei denn geboren; ebenso kann
auch niemand in die zukünftige Welt kommen, er sei
denn wiedergeboren, wie Petrus klar bezeugt; nicht
aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Sa-
men, nämlich, aus dem lebendigen Worte Gottes, das
ewig bleibt. Ach, Brüder, liebe Brüder! Wohl dem, der
hieraus geboren wird, denn diese Wiedergeborenen
halten die rechte Taufe und das rechte Abendmahl;
sie sondern sich ab von allen falschen Lehrern, führen
auch einen rechten Bann und eine rechte Meidung,
damit sie die Gemeinde rein erhalten; sonst würde
sie bald zum Babel werden. Liebe Brüder, ich bin vier
Mal vor einem Pfaffen gewesen, aber wir konnten in
keinem Punkte einig werden: O wie viel Fleiß wandte
er an, um uns zu seiner Kirche zu bringen, und da
wir seine Ware nicht kaufen wollten und dieselbe mit
gutem Gewissen nicht annehmen konnten, sagte er,
wir hätten den Teufel, und wären verdammt, wenn
wir so in unserm Glauben dahin stürben. Aber seine
Drohung hat mir keinen Schrecken eingejagt, sondern
ich bitte den Herrn, daß er ihnen die Augen des Ver-
standes öffnen wolle, damit sie sehen mögen, wider
wen sie streiten, nämlich, nicht wider Menschen, son-
dern wider Gott und das Lamm, denn Christus sagt:
Wärt ihr von der Welt, so hatte die Welt das Ihre lieb,
nun ihr aber nicht von der Welt seid, so hasst euch
die Welt; ferner sagt Christus; Haben sie den Haus-
vater Beelzebub genannt, um wie viel mehr werden
sie seine Hausgenossen so nennen. Ach, ja, es ist jetzt
auch die Zeit, wo unser Leben für unsinnig und un-
ser Ende für Schande gehalten wird. Ach, wie wird
563
Christi Wort erfüllt, wenn er sagt: Sie werden euch
in den Bann tun, und die Zeit wird kommen, daß,
wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst
daran; und das werden sie euch tun, weil sie weder
mich, nach meinen Vater kennen; ebenso sagt auch
Paulus: Hätten sie ihn erkannt, sie hätten den Herrn
der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
Ach, meine lieben Brüder, weicht mit eurem Fuße
von den Wegen der Gottlosen, denn sie gehen zur
Hölle wie Schafe zum Tode, und seht nicht auf den
großen Haufen; denn Esra schreibt: Gleichwie man
viel Erde findet, um irdene Gefäße, wenig aber, um
goldene zu machen, so sind auch die Gottlosen gegen
die Gerechten; ferner spricht er: Was nützt es dem
Menschen, daß eine Stadt voll alles Guten verheißen
ist, wenn wir Werke des Todes wirken? Darum kön-
nen wir wohl mit Esra sagen: Ach, Adam, Adam, was
hast du getan? Denn dadurch, daß du gesündigt hast,
ist nicht dein Fall über dich allein geraten, sondern
auch über uns, die wir von dir hergekommen sind.
Ach, meine lieben Brüder, schafft doch, daß ihr rechte
Schafe von der Herde Christi werdet, und rechte Re-
ben am Weinstocke Christi sein mögt; sucht das, was
droben ist, wo Christus ist, zur rechten Hand Gottes
sitzend; schmeckt das, was himmlisch ist, und nicht,
was irdisch ist, und tötet eure Glieder, die auf Erden
sind: Hurerei, Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse
Lust, und Geiz, welcher Abgötterei ist, um deretwil-
len der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens
kommt.
Darum, meine lieben Brüder, wenn euch nach der
Wahrheit verlangt, und ihr der zu künftigen Strafe ent-
fliehen wollt, so sucht euer Leben nach dem Evange-
lium einzurichten, und verleugnet euch selbst, denn
Christus sagt im Evangelium: Wer mir nachfolgen
will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz täg-
lich auf sich und folge mir nach; denn wer sein Le-
ben erhalten will, der wird es verlieren, und wer sein
Leben um meinet- und des Evangeliums willen ver-
liert, der wird es erhalten. Was hilft es dem Menschen,
wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch
Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch
geben, daß er seine Seele damit erlöse? Wer sich aber
meiner oder meiner Worte schämt unter diesem ehe-
brecherischen und sündhaften Geschlechte, dessen
wird sich des Menschen Sohn auch schämen, wenn er
kommen wird in seines Vaters Herrlichkeit samt den
heiligen Engeln. Ach, liebe Brüder! Denkt doch diesen
Schriftstellen recht nach und behaltet dieselben wohl,
denn Christus Jesus hat sie aus dem hohen Himmel
mit auf diese Erde gebracht, hat nach denselben ge-
lebt und gelehrt, und sie mit seinem Blute versiegelt,
und ist um unseretwillen arm geworden, damit er uns
durch seine Armut reich machte. Ach, denkt doch ein-
mal der Sache recht nach, wie verachtet Christus um
unseretwillen gewesen sei, sodass der Prophet Jesaja
klagte und sagte: Es war keine Gestalt an ihm, die uns
gefallen hätte; ja, er klagt, daß er ein Wurm wäre und
kein Mensch. Ach, liebe Brüder! Lasst uns an ihm ein
Beispiel nehmen, wie liebreich er uns vorangegangen
ist; denn wer Christum nicht annimmt, wird durch
ihn nicht erlöst; ebenso sagt auch Christus im Evange-
lium: Warum nennt ihr mich Herr! Herr! und tut doch
nicht, was ich euch sage? Denn wer von mir diese Wor-
te hört und tut, den will ich mit einem weisen Manne
vergleichen, der sein Haus auf einen Stein gebaut hat;
dann als die Winde wehten und die Wasserfluten ge-
gen das Haus angingen, so fiel es doch nicht, denn es
war auf den Eckstein gegründet; und wer diese Worte
von mir hört, und tut sie nicht, den will ich mit einem
törichten Manne vergleichen, der sein Haus auf den
Sand gebaut hat, und als die Winde wehten, und die
Fluten kamen und der Platzregen daran schlug, so fiel
es, und sein Fall war sehr groß; ferner sagt Christus
von dem Sämann, Mt 13, daß einiges auf den Weg
gefallen sei, einiges auf das Steinige, einiges unter
die Dornen und einiges in gute Erde, welches nach-
her Frucht gebracht habe. Ach, denkt diesem Spruche
wohl nach, wie der betrügliche Reichtum in so vielen
Menschen das Wort Gottes unterdrücke, daß es keine
Frucht hervorbringt! Darum, meine lieben und werten
Brüder, habe ich euch zu einer ewigen Warnung aus
meinen Banden geschrieben. Ach, daß Gott Gnade
gäbe, daß sein Wort in eurem Herzen wohnen möchte,
gleichwie ich es im Herzen trage; ihr würdet der Welt
bald gute Nacht gesagt haben; gleichwohl hat mein
Fleisch eine wunderbare Furcht vor dem Leiden, so-
dass es mir bisweilen so bange ist, wie einem Weibe in
Kindesnöten; gleichwohl hat sich Christus Jesus auch
vor dem Leiden gefürchtet, Lk 22.
Hiermit will ich euch dem gekreuzigten Christo
Jesu anbefehlen und dem reichen Worte seiner Gna-
de, zu einem ewigen Abschiede auf Erden, wenn wir
etwa einander hier nicht mehr sehen würden. Mein
Gemüt ist noch gegenwärtig so gesinnt, diesen Brief
mit meinem Blute zu versiegeln und mit dem alten
Eleazar lieber ehrlich zu sterben, als mit Schanden zu
leben; ich grüße auch Michael, deines Weibes Tanne-
ken Schwester sehr herzlich zum ewigen Abschiede.
Meine Brüder, tut allezeit Gutes, und sagt dem Herrn
Lob und Dank, daß ihr einen Bruder habt, der würdig
ist, um Christi und des Evangeliums willen sein Le-
ben zu lassen. Geschrieben an euch mit Tränen, um
der Freundschaft willen; seid Christian und den Kin-
dern behilflich, wenn euch möglich ist, und bewahrt
diesen Brief als ein Testament.
564
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Von mir, eurem lieben Bruder, Joost Verkindert.
Der letzte Brief von Joost Verkindert, geschrieben
an sein Weib, nachdem er sein Todesurteil
empfangen hatte, welches den 18. September
geschah, wo er auf den gemeinen Stein geführt
wurde.
Gott, der ein Gott allen Trostes ist der uns in all unse-
rer Trübsal tröstet, damit wir auch diejenigen trösten
mögen, die in mancherlei Trübsal sind, mit dem Trös-
te, womit wir von Gott getröstet werden durch Jesum
Christum; demselben sei Preis, Ehre, Glorie, das Reich,
Kraft und Majestät, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Dieses wünsche ich dir zum herzlichen und freund-
lichen Gruße, mein liebes und wertes Weib und
Schwester in dem Herrn, zum ewigen Abschiede auf
Erden. Ich berichte dir, daß es gegenwärtig mit mir
noch ziemlich wohl bestellt sei; darum gebe ich Gott,
dem allmächtigen Vater, meinem und deinem Gotte,
Lob und Dank, daß er mich dazu auserwählt hat.
Darum, meine Geliebteste, sei doch um meinetwil-
len nicht allzu sehr betrübt, sondern gebe dem Herrn
Lob und Dank, daß du einen Mann gehabt hast, der
würdig geachtet worden ist, sein Leben für die Wahr-
heit zu lassen.
Ach, meine Geliebte! Ich bitte und ermahne dich
noch einmal, halte dich still in der Furcht Gottes, da-
mit wir beide der schönen Verheißungen teilhaftig
werden mögen, wo weder Kälte noch Hitze, weder
Hunger noch Durst mehr sein wird, sondern solche
Freude, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und
in keines Menschen Herz gekommen ist, nämlich die
große Freude und Wonne, die Gott denen bereitet hat,
die ihn lieb haben.
Ach, meine Geliebte, das ist mir begegnet, als wir es
am wenigsten erwartet; aber dem allmächtigen Gott
müsse Lob und Dank gesagt sein durch Jesum Chris-
tum, daß er mir Unwürdigem in der Not noch so
beisteht und zur Hilfe kommt.
Hiermit sei Christo Jesu anbefohlen (denselben be-
fehle ich dir an zum Manne), samt meinen beiden
Kindern. Ach, meine Geliebte, verlasse doch niemals
diesen Mann und Bräutigam, denn er ist ein Vater der
Witwen und Waisen. Gute Nacht, meine Geliebteste,
für dich und die Mutter und alle unsere Freunde, die
ich auf Erden dem gekreuzigten Christo Jesu anbefeh-
le. Gute Nacht, gute Nacht euch allen.
Darunter steht geschrieben: Von mir, Joost Verkin-
dert, deinem lieben Manne, geschrieben in meinen
Banden.
Ein Brief von Lorenz Andrieß Joost, Verkinderts
Mitgefangenen, gesandt an R., des Joosts Weib,
den 9. September.
Die ewige, überschwängliche und reiche Gnade und
Barmherzigkeit von Gott, dem himmlischen Vater, die
reine Liebe, Freude und den Frieden des Sohnes, samt
dem Tröste des Heiligen Geistes, welcher vom Vater
und Sohne ausgeht, um diejenigen zu trösten, die in
mancherlei Trübsal sind, wünsche ich dir, meine wer-
te und von Gott geliebte Schwester in dem Herrn,
als einen freundlichen Gruß zur Stärkung in deiner
großen Trübsal, in welche du nun auch um des Herrn
heiligen Namens und des Evangeliums willen gera-
ten bist; dieses Evangelium hat er uns hinterlassen
und mit seinem kostbaren Blut versiegelt, damit er
dadurch uns von aller unserer Unreinigkeit reinige
und wasche, und uns vor ihm heilig und unsträflich,
ohne Flecken und Runzeln, darstelle, ja, damit er sich
dadurch ein heiliges Volk zubereiten möge, das flei-
ßig zu guten Werken wäre; demselben sei Lob, Dank,
Preis, Ehre, Kraft und Majestät, von Ewigkeit zu Ewig-
keit, Amen.
Nebst gebührlichem Gruße, meine liebe und wer-
te Schwester in dem Herrn, die ich in Folge unserer
Wiedergeburt aus meines Herzens Grunde liebe, lasse
ich dich wissen, daß es mir und deinem lieben Manne
dem Fleische nach sehr wohl gehe; dem Geiste nach
aber ist unser beider Gemüt, durch die große Hilfe
des Herrn, noch entschlossen, bei der ewigen Wahr-
heit zu bleiben, ohne welche wir nichts tun können,
von welchem wir auch allezeit Hilfe und Trost erwar-
ten müssen; er lässt uns nicht über unser Vermögen
versucht werden, wie er verheißen hat, sondern wird
neben der Versuchung einen Ausweg verschaffen; ja,
er ist ein treuer Nothelfer, der die Seinen nie verlas-
sen hat, die in seiner Furcht geblieben sind, und ein
festes Vertrauen zu seinem Worte haben, denn er teilt
mit einem jeden, der ihn anruft, und will nicht, daß
jemand verloren werde, sondern daß sich ein jeder be-
kehre, damit wir etwas sein mögen, zum Lobe seiner
Herrlichkeit. Seid ihr nun mit Christo auferstanden,
so sucht, was droben ist, wo Christus ist, zur Rech-
ten Gottes sitzend. Trachtet nach dem, das droben ist,
nicht nach dem, das auf Erden ist; denn euer Leben
ist verborgen mit Christo in Gott; wenn aber Chris-
tus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werden
wir auch mit ihm offenbar werden in der Herrlichkeit.
Darum tötet eure Glieder, die auf Erden sind, Hure-
rei, Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse Lust und
den Geiz (welcher Abgötterei ist), um deretwillen der
Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens kommt.
Darum sei jede Bitterkeit, Grimm, Zorn, Geschrei und
565
Lästerung fern von euch, sondern seid untereinander
freundlich, und vergebe einer dem andern, gleichwie
Gott euch vergeben hat, in Christo.
So seid nun Gottes Nachfolger, als die lieben Kinder,
und wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns ge-
liebt und sich selbst für uns hingegeben hat; auch sagt
Christus: Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr euch
untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit
ihr euch auch untereinander lieb habt; daran wird je-
dermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid. Ebenso
sagt Petrus: Habt untereinander eine brünstige Lie-
be, denn die Liebe bedeckt auch der Sünden Menge;
ebenso ist auch die Liebe des Gesetzes Erfüllung; aber
wir müssen Gott über alles lieben, wie geschrieben
steht: Wer zu mir kommt, und Vater, Mutter, Schwes-
ter, Bruder, Weib, Kind, ja, dazu sein eigenes Leben
nicht hasst, der kann nicht mein Jünger sein; und aber-
mals: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der
ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter
mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Des-
halb müssen wir ihn über alles lieben, und um seines
Namens willen alles verlassen, und uns selbst gänz-
lich verleugnen. Darum, meine liebe Schwester, sei
doch wohl zufrieden, und betrübe dich nicht hierüber
allzu sehr, denn es ist doch des Herrn Wille, welcher
allerdings geschehen muss; es muss hier doch geschie-
den sein. Darum eile, damit wir zusammen kommen
mögen, wo uns keine Menschen mehr werden schei-
den können. Hierzu möge dich und uns der gute und
allmächtige Herr voller Gnade und Wahrheit tüchtig
machen, Amen.
Gehabe dich wohl, halte mir dieses zu gut.
Hans vom Wege, Janneken von Hülle und
Janneken von Rentegem, im Jahre 1570.
Hans von dem Wege ist, als er früh morgens aufstand
und ungefähr um sieben Uhr mit seinem Vetter nach
dem Markte ging, zu Gent in Flandern, bei dem Fisch-
markte, von Meister Klaes (der mit dem Diakon von
Ronse auszureiten pflegte, um diejenigen, die man
Ketzer nannte, gefänglich einzuziehen) und zwei an-
dern Offizieren, verhaftet worden, und auf den Sau-
celet (welches das Stadtgefängnis ist) gebracht. Hier
angelangt, fragte ihn Meister Klaes nach seiner Woh-
nung, aber er wollte nichts sagen; darauf haben sie
ihn visitiert, bei ihm nichts gefunden, als ein Liedlein;
darum sind sie von ihm geschieden und haben ihn,
fest geschlossen, im Gefängnisse zurückgelassen. Als
er nun nach mancherlei Untersuchung und Drangsal
seinen Glauben gleichwohl freimütig bekannt hatte,
und davon nicht abweichen wollte, so ist er den 7.
November 1570 mit zwei Jungfrauen, genannt Janne-
ken von Hülle und Janneken von Rentegem, um des
lebendigen Wortes Gottes willen, zum Tode verurteilt
worden. Als sie nun, fast ganz entkleidet, vorgeführt
wurden, steckte der Scharfrichter ihnen Kugeln in
den Mund, damit sie nicht reden möchten. So sind sie
stillschweigend wie Schafe zur Schlachtbank hinge-
gangen, und haben die Brüder durch Neigung ihres
Hauptes gegrüßt. Da hörte man einen Bruder zu ihnen
sagen: Halte dich tapfer; auch sagte eine Schwester:
Streitet tapfer für die Wahrheit. In ihrem Todesurteile
hieß es, sie seien wider des Königs Befehle wiederge-
tauft worden, auch daß sie von dem rechten Glauben
abgeirrt seien, und mit den Ketzern sich vereinigt hät-
ten, und daß sie darauf zum Feuer verurteilt worden
seien. Hiernach hat der Scharfrichter sie an Pfähle ge-
stellt, hat sie erwürgt und sie so verbrannt. So haben
sie ihren Lauf vollendet und liegen nun unter dem
Altäre und erwarten in der Hoffnung die Vergeltung
für ihr Leiden.
Der erste Brief von Hansken von dem Wege.
Ich wünsche dir, meine herzlich geliebte und auser-
wählte Schwester, die ich aus dem innersten Grun-
de meines Herzens liebe, die unergründliche, über-
schwängliche und große Gnade und Barmherzigkeit
von dem ewigen und allmächtigen Gotte, dem himm-
lischen Vater, wie auch die große Sanftmut und Demut
und den großen Frieden unseres Herrn Jesu Christi,
des einigen, wahren und lebendigen Sohnes Gottes,
und endlich auch die große Kraft, den Trost und die
volle Freude des Heiligen Geistes. Dieses ist mein ewi-
ger und seliger Wunsch und heiliger Gruß zum ewi-
gen Andenken an dich, meine liebe und auserwählte
Schwester, und auch an alle Menschen, die den Herrn
fürchten, lieben und ihn aus reinem Herzen anrufen.
Dieses ist mein beständiger, seliger Wunsch und heili-
ger Gruß, zu eurer Seelen ewigen Seligkeit, und zum
Preise des ewigen, höchsten und allmächtigen Gottes
des Himmels und der Erden; seinem Namen sei ewig
Lob, Dank, Preis und Ehre, von nun an bis in Ewigkeit,
Amen.
Ach sieh, meine herzlich geliebte und sehr werte
und auserwählte Schwester, was soll ich dir mehr
wünschen? oder was soll ich dir mehr schreiben, als
was ich geschrieben habe? aber ich sage noch einmal
mit dem heiligen auserwählten Apostel Petrus, aus
großer, reiner, brünstiger Liebe zu Gott, wenn er an
dich und uns und alle Menschen die nachstehenden
Worte richtet: Macht eure Seelen keusch im Gehorsam
der Wahrheit durch den Geist zu ungefärbter Bruder-
liebe, und habt euch untereinander brünstig lieb aus
reinem Herzen, als die da wiedergeboren sind, nicht
566
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Sa-
men, nämlich aus dem lebendigen Worte Gottes, das
ewig bleibt, denn alles Fleisch ist wie Gras, und alle
Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume; die
Sonne ist aufgegangen und hat das Gras dürr gemacht,
und seine Schöne ist abgefallen, aber des Herrn Wort
bleibt in Ewigkeit. Ach, hebe Schwester; welch eine
gute Salbe und selige Lehre ist es, die uns Petrus hier
durch den Heiligen Geist gelehrt hat. Ach, ja, welch ei-
ne köstliche Arznei ist dieses, die uns der Herr durch
seinen Apostel hinterlassen hat, womit man die See-
len reinigen und gesund machen kann? Darum laß
uns unsere Ohren öffnen und unsere Herzen aufschlie-
ßen, damit wir es mit unsern Ohren hören und mit
unseren Herzen verstehen, was uns der Gehorsam der
Wahrheit lehrt; denn Christus Jesus ist die wahrhaf-
tige Wahrheit, auch die köstliche Arznei der Gnade
und Barmherzigkeit und ein wohlriechendes Ol der
Liebe, durch welchen wir, und durch keinen andern,
unsere Seelen reinigen.
Darum, ach, hebe Schwester, laß uns doch diese
Wahrheit hören, und ihr gehorsam sein, denn er ist
von dem Vater ausgegangen, ja, ausgegangen und
gesandt worden, als ein Lehrer von dem Himmel,
um uns den Weg der Wahrheit zu lehren, und das
Leben, welches er selbst war; derselbe hat auch alles,
was er von seinem Vater gehört und gesehen hat, uns
gelehrt, um unsere Seelen zu reinigen und ewig selig
zu machen, denn er lehrt uns: Wahrlich, wahrlich, ich
sage euch, es sei denn, daß jemand geboren werde aus
Wasser und Geist, kann er nicht in das Reich Gottes
kommen.
Ach, liebe Schwester, bitte doch den Herrn ernstlich
um den richtigen Begriff dieser Wiedergeburt, die von
oben aus Wasser und Geist geschehen muss, denn
sonst können wir nicht eingehen in das Himmelreich.
Darum lasst uns zu Gott, dem Allerhöchsten, mit fes-
ten Vertrauen und starkem Glauben, ja, mit standhaf-
tem Gemüte im Geiste und der Wahrheit bitten, dann
wird uns gegeben werden, wie er selbst sagt; denn
wer bittet, der empfängt, sagt der Herr Jesus Chris-
tus. Darum laß uns zu Ihm bitten, damit uns gegeben
werde, die Wiedergeburt zu verstehen und uns nach
ihr zu richten, und so bis ans Ende, ja, ewig in der
Wiedergeburt zu verharren.
Ach, ja! So von oben geboren, daß, wo zuvor nichts
war, nun etwas sei, und, wo man zuvor nichts als lü-
gen und betrügen konnte, und nur prachtliebenden
Hochmut, stolzes Fluchen, Schlagen, Schwören, Übel-
reden kannte, und dabei in großer Wollust des Flei-
sches lebte, wir nun die Wahrheit von Herzen reden,
in der Wahrheit wandeln, als Kinder, die aus Wahrheit
geboren sind, und dabei in der Furcht unseres Gottes
leben, in der Erniedrigung des Herzens, in der De-
mut, Freundlichkeit und großen Freude des Geistes,
auch nicht mehr nach den stummen Götzen gehen,
um sie anzubeten oder zu verehren, oder in ihre Baals-
winkel, wo man nichts anderes als Menschengebote
lehrt, welche Lehren der Menschen Seelen verderben,
womit auch der Teufel die ganze Welt verdorben hat,
denn sein Name ist Verderber. Ach, ja, liebe Schwester,
wenn wir dahin gingen, so sähen wir sie Messe und
gräuliche Abgötterei verrichten, was doch nur Erfin-
dungen und Menschengebote sind, welche durch den
Teufel eingeführt worden sind, und wenn sie nun ihre
große Abgötterei anfangen, so muss jedermann vor
ihm niederfallen, ihn anbeten und ihm Ehre erweisen.
O welche grausame Abgötterei und welch ein Got-
tesdienst ist das! Das Urteil ist vor langer Zeit über
sie gesprochen, denn Paulus sagt: Die Götzendiener
haben keinen Teil an dem Reiche Gottes, sondern ihr
Teil ist, sagt Johannes, in dem Pfuhl, der mit Schwefel
und Feuer brennt, welches der zweite Tod ist. Darum,
ach, liebe Schwester, hüte dich vor den Abgöttern und
rühre nichts Unreines an, und laß uns von den Abgöt-
tern zu dem Dienste des lebendigen Gottes bekehrt
werden, um ihm zu dienen, denn ihn allein soll man
hören, preisen, ehren, anbeten, ihm dienen, und ihn
lieb haben, ewiglich; ja, liebe Schwester, laß uns so
in der Erkenntnis Christi uns üben, daß wir uns von
der Macht dieser Welt abwenden, in welcher nichts
als Finsternis ist, nämlich von der Nacht der Sünden
zu dem Tage der Gnaden, wo die schöne Sonne der
Gerechtigkeit, Jesus Christus, mit allen seinen Verhei-
ßungen und seiner Gnade scheint, und von den Lügen
zur Wahrheit, von der Ungerechtigkeit und Bosheit
zur Gerechtigkeit und zu guten Werken, und laß uns
so in der Kraft beweisen, daß wir wiedergeboren sei-
en, und uns untereinander in der Demut des Herzens
und Geistes mit brüderlicher Liebe aus reinem Herzen
lieb haben, und mit allen Menschen Frieden haben,
wenn es möglich ist. Ja, was du willst, das dir die Men-
schen tun sollen, das tue du ihnen, denn das ist das
Gesetz und die Propheten, sagt Christus, welches die
untrügliche Wahrheit ist. Darum laß uns doch dieses
wohl bedenken, damit wir nicht einen Fehlschuss tim,
wir wollen ja, daß man uns viel Gnade und Barm-
herzigkeit erweise, viel Liebe bezeuge, und mit uns
allezeit in gutem Frieden lebe; so laß uns denn auch al-
lezeit allen Menschen viel Gnade und Barmherzigkeit
erweisen, viele Tugenden an ihnen ausüben, und auf
solche Weise ihnen viel Liebe bezeugen, und uns be-
mühen, untereinander und gegen alle Menschen fried-
sam und liebreich zu sein. Ja, liebe Schwester, laß uns
doch unsere Seelen reinigen, wie Petrus sagt: Macht
eure Seelen keusch durch den Gehorsam der Wahr-
567
heit im Geiste zur ungefärbten Bruderliebe, und habt
einander lieb aus reinem Herzen, als die da wiederge-
boren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus un-
vergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen
Worte Gottes, das ewig bleibt. Ach ja, liebe Schwes-
ter, laß uns Petrus Rate nachfolgen, und der Wahrheit
Christi gehorsam sein, und unsere Seele durch den
Gehorsam recht keusch machen, und von oben wie-
dergeboren werden aus Wasser und Geist, was doch
von oben herab vom Himmel geschehen muss, sodass
wir wiedergeboren werden müssen, nämlich aus dem
Wasser, wie Christus sagt: Wer an mich glaubt, aus
dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers
fließen; das sagt er von dem Geiste, welchen diejeni-
gen empfangen sollten, die an ihn glauben würden,
und dann durch die Worte der Wahrheit, gleichwie
Christus selbst sagt: Die Worte, die ich rede, sind Geist
und Leben. Ach ja, liebe Schwester, dieses ist das rech-
te Wasser und der wahrhafte Geist, wodurch wir von
oben herab wiedergeboren werden müssen, wenn wir
anders das Himmelreich sehen sollen, denn Christus
gibt und sendet den Heiligen Geist von oben herab
auf einen jeden, den er bereit findet; so hat er auch
sein Wort von oben mitgebracht; darum geschieht die
Wiedergeburt von oben her.
Deshalb, liebe Schwester, laß uns Sorge tragen, daß
wir diese Wiedergeburt wohl bewahren, und allezeit
vor den Augen des Herrn in Heiligkeit wandeln unser
Leben lang, als rechte wiedergeborene Kinder Gottes,
die nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergäng-
lichem Samen (nämlich aus dem lebendigem Worte
Gottes, das ewig bleibt) wiedergeboren sind. Darum,
meine liebe und sehr werte Schwester, wenn du recht
stehst in dieser Wiedergeburt, die auf solche Weise
von oben in dir geschehen ist, so zeige dann die Art
dessen, von welchem du geboren bist, sodass du all
deinen Wandel im Himmel habest, und nicht gesinnt
seiest nach Fleisch und Blut, noch auf etwas, das sicht-
bar ist, wie Paulus sagt; sondern nach demjenigen,
was unsichtbar ist, denn Paulus sagt: Unsere Trübsal,
die zeitlich und leicht ist, schafft für uns eine ewi-
ge und über die Maßen gewichtige Herrlichkeit uns,
die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Un-
sichtbare sehen, denn was sichtbar ist, das ist zeitlich,
was aber unsichtbar ist, das ist ewig. Darum lasst
uns doch Stand halten, und allein auf dasjenige sehen
und glauben, was imsichtbar ist, denn Petrus sagt:
Wenn nun Jesus Christus offenbar wird, welchen ihr
nicht gesehen und doch lieb habt, und nun an ihn
glaubt, wiewohl ihr ihn nicht seht, so werdet ihr euch
freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
und das Ende eures Glaubens davon bringen, nämlich
der Seelen Seligkeit. Ach ja, liebe Schwester, laß uns
doch so handeln nach der Lehre, die uns von oben
herab durch den Heiligen Geist gebracht worden ist,
daß wir unsere Seelen keusch machen und von oben
wiedergeboren werden aus Wasser und Geist, damit
wir das Himmelreich sehen und solches durch des
Herrn große Gnade ewig besitzen mögen. Laß uns
allezeit ein festes Vertrauen und einen festen Glauben
an den unsichtbaren Gott und den Herrn Jesum Chris-
tum, unsem Erlöser und der Welt Heiland, haben,
damit unsere Seelen ewig selig sein mögen; ach, ja,
daß wir mit allen auserwählten und wiedergeborenen
Kindern Gottes, und mit allen Heiligen des höchsten
Gottes des Himmels und der Erde, und der himmli-
schen, großen, schönen Schar der heiligen Engel Got-
tes in unaussprechlicher großer Glorie und Freude
und schöner unvergänglicher Klarheit sein mögen,
und mit dem Herrn aller Herren und mit dem Könige
aller Könige in großer schöner Herrlichkeit und in
über die Maßen großer Freude ewig herrschen, und
ferner mit allen großen, himmlischen, heiligen Scha-
ren des Herrn hohen Namen vor großer Freude des
Herzens loben, preisen, ehren und mit großer Ehre
ewig heiligen mögen; denn Ehre müsse Gott sein in
der Höhe, Friede auf Erden, und den Menschen ein
Wohlgefallen. Hiermit, meine liebe Schwester, bleibe
dem Herrn befohlen und dem Worte seiner ewigen
Gnade, Amen.
Geschrieben aus großer, brünstiger, brüderlicher
Liebe an dich, Cyntgen, meine liebe und sehr werte
auserwählte Schwester, zum ewigen und seligen An-
denken in dem Herrn, von Hansken, deinem elenden,
armen und schwachen Bruder, der zu Gent auf dem
Saucelet, um des rechten Wortes des Herrn willen,
gefangen liegt. Sei meiner in deinem Gebete zu Gott
eingedenk, damit durch mich armen, elenden Men-
schen, der ich doch schwach bin, des Herrn hoher und
heiliger Name ewig gelobt und geehrt werden möge,
denn unsern Gott loben ist ein köstliches Ding, Amen.
Der zweite Brief von Hansken von dem Wege.
Die ewige, überschwängliche, grundlose, große Gna-
de und Barmherzigkeit Gottes, des himmlischen Va-
ters, welche uns durch Jesum Christum, den einigen
und wahren Sohn Gottes, widerfahren ist, wie auch
die große Demut und Sanftmut, Heiligkeit und Frie-
den unseres Herrn Jesu Christi, des Heilandes der
Welt, samt der großen Kraft, dem Tröste, und vollen
Freude des Heiligen Geistes, wünsche ich euch aus
dem tiefen Grunde meines Herzens und aus dem In-
nersten meiner Seele, meinem lieben und sehr werten
Freunde Jacob Kesy und Martyntgen Moer; dieses ist
mein ewiger und seliger Wunsch und heiliger Gruß
568
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
an euch und alle Menschen, die den Herrn fürchten,
lieben und aus reinem Herzen anrufen, ja, der Herr
der ewigen Gnade wolle euch diesen meinen seligen
Wunsch und heiligen Gruß geben, und wolle euch
im Guten weise, im Bösen aber imschuldig machen,
damit ihr mit Hiob recht und schlecht, gottesfürch-
tig und das Böse meidend, erfunden werden mögt,
Amen.
Ferner, meine lieben und werten Freunde Jac. und
Mart., ich bitte euch aus meines Heizens Grunde, und
durch die große brünstige Liebe und Barmherzigkeit
Gottes, wie auch durch Jesum Christum, den Sohn
Gottes, und durch sein Verdienst, seinen bittern Tod,
seine blutigen Wunden und sein köstliches Blut, wel-
ches er um Kreuze hat vergießen lassen, um uns zu
erkaufen und von den Banden des Todes zur erlösen;
ja, ich bitte euch in der ausgesprochenen Weise, und
sage mit dem Apostel Paulus: Fliehe die Lüste der
Jugend, und jagt nach der Gerechtigkeit, dem Glau-
ben, der Liebe, dem Frieden, mit allen denen, die den
Herrn aus reinem Herzen anrufen. Ach, habt doch
wohl Achtung darauf, und strebt nach dem Glauben,
denn ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen,
und wer nicht glaubt, wird verdammt sein, sagt unser
Herr Jesus Christus. Darum, ach lieber Jac. und Mart.,
kehrt um, kehrt um, und strebt nach dem Glauben,
der wahrhaftig ist, der durch die Liebe, ja, durch die
brünstige Liebe Gottes tätig ist, ohne welche nimmer-
mehr jemand Gott gefallen kann, wie Paulus sagt. Dar-
um habt doch ja Achtung darauf, daß ihr den Glauben
mit der Liebe befestigt, und mit all eurer Herzenskraft
nach der Liebe strebt, welche Art der Liebe in der
Sanftmut und Freundlichkeit besteht. Ja, die Liebe ist
nicht neidisch; die Liebe ist nicht schalkhaft, sie bläst
sich nicht auf; sie ist nicht betrüglich, sie sucht nicht
das Ihre, sie lässt sich es nicht verdrießen; sie denkt
nichts Arges; sie freut sich nicht über die Ungerech-
tigkeit, sondern sie freut sich über die Wahrheit; sie
trägt alles, sie leidet alles, sie glaubt alles, sie hofft
alles, die Liebe vergeht nimmermehr. Darum sage ich
noch einmal, habt doch gute Achtung darauf, daß ihr
nach dieser schönen Frucht der Liebe strebt, und daß
sie bei euch bis in Ewigkeit gefunden werden möge,
damit ihr euren Glauben mit der rechten Liebe zieren,
Gott gefallen und selig werden mögt. Darum, ach mei-
ne lieben Freunde, jagt nach dem Glauben, der Liebe
und dem Frieden mit allen Menschen; denn das ist
Weisheit, die von oben ist, die zunächst keusch, dar-
nach friedsam, gelinde, voll Barmherzigkeit und guter
Früchte, unparteiisch und ohne Heuchelei ist, indem
die Frucht der Gerechtigkeit denen im Frieden gesät
wird, die den Frieden halten. Darum haltet den Frie-
den und bleibt dabei, damit auch der Friede des Herrn
in eurem Herzen die Oberhand haben und die Frucht
der Gerechtigkeit zum Preise des Herrn und eurer See-
len Seligkeit hervorbringen möge. Ach ja, lieber Jac.
und Mart., lebt doch so nach meiner Bitte und Paulus
Ermahnung, dann werdet ihr nicht betrogen werden;
jagt doch dieser Gerechtigkeit nach, die aus dem Glau-
ben kommt, von ganzem Herzen und aus eurer Kraft
und Vermögen; bittet, klagt, ruft und weint im Geiste
und in der Wahrheit, zu Gott, dem himmlischen Vater,
um Gnade und Barmherzigkeit; ja, setzt euer Vertrau-
en und eure Hoffnung auf Ihn von ganzem Herzen
und mit Standhaftigkeit, dann wird der Herr, der alles
Guten voll ist, euch gnädig sein, nach seiner großen
Güte und unergründlichen Barmherzigkeit; denn der
Herr ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer
Güte, und es reut ihn die Strafe bald, indem der Herr
nicht will, daß jemand verloren gehe, sondern daß
sich jeder bekehre. Ja, dieses ist sein Begehren, denn
Christus sagt: Tut Buße und glaubt dem Evangelium.
So nehmt denn diese gute Lehre an; bekehrt euch und
tut rechtschaffene Früchte der Buße; flieht die Lüste
der Jugend, und liebt nicht die Welt, welche doch in
Wollüsten lebt, wie Johannes sagt, noch was in der
Welt ist, denn wenn jemand die Welt liebt, in dem
ist nicht die Liebe des Vaters, weil alles, was in der
Welt ist, nämlich Fleischeslust, Augenlust und hoffär-
tiges Leben, nicht vom Vater, sondern von der Welt
ist, und die Welt mit ihrer Lust vergeht; wer aber den
Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. Darum sage
ich euch noch einmal: Flieht die Lüste des Fleisches
und der Jugend in dieser Welt, daß ihr mit der Welt
nicht verdammt werdet. Ach, ja, wendet euch von die-
sem bösen Geschlechte, das so in Wollüsten lebt, denn
sie sind lebendig tot, wie Paulus sagt. Darum, o Jac.
und Mart., lasst ab, lasst ab von dieser bösen Art der
Gottlosen, damit ihr mit ihnen von dem Herrn nicht
ohne Barmherzigkeit gestraft werdet; denn Gott wird
über die Gottlosen Blitz, Feuer und Schwefel regnen
lassen, und wird ihnen ein Ungewitter zum Lohne
geben, indem der Herr gerecht ist und die Gerechtig-
keit lieb hat, sodass er nach seiner Gerechtigkeit die
Sünder nicht ungestraft lassen kann. Darum flieht die
Lüste der Jugend; jagt nach der Gerechtigkeit, dem
Glauben, der Liebe und dem Frieden, mit allen denen,
die Gott aus reinem Herzen anrufen. Ja, mein lieber
J. und M., jagt nach diesen edlen Gaben des Herrn,
nämlich der Weisheit, die von oben kommt, ja, ich sa-
ge: Ringt darnach, und tut rechtschaffene Früchte der
Buße, dann werdet ihr wohl fahren; demütigt euch
allezeit unter die gewaltige Hand Gottes, und seid
nicht mehr stolz, sondern fürchtet euch mit großer
Herzens- und Geistesdemut vor Gott, dem himmli-
schen Vater, denn Gott widersteht den Hoffärtigen,
569
aber den Demütigen gibt er Gnade. Darum sage ich
noch einmal, demütigt euch unter die gewaltige Hand
Gottes, damit er euch zu seiner Zeit erhöhe, denn wer
sich erhöht, der soll erniedrigt werden; wer sich aber
erniedrigt, der soll erhöht werden, sagt Jesus Christus,
unser Herr. Darum, o lieber Jac. und Mart., jagt nach
der Gerechtigkeit, und strebt darnach mit allen euren
Kräften, und befleißigt euch von Herzen, und sündigt
nicht mehr, damit euch nicht etwas Ärgeres widerfah-
re, und lernt ihn aus allen euren Kräften lieben, damit
eure Namen in das Buch des Lebens aufgeschrieben
werden, und ihr durch Gottes große Gnade ewig selig
werden und mit allen heiligen Engeln in den großen
Himmel und der großen himmlischen Schar bei dem
Herrn aller Herren, in unaussprechlich großer Freude,
Herrlichkeit und Klarheit, herrlich im Himmel ewig
regieren mögt, wo man den großen, heiligen Namen
des Herrn ewig loben, preisen und ehren wird; denn
Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen.
Hiermit bleibt dem Herrn befohlen und dem Worte
seiner Gnade, Amen. Geschrieben von mir, Hansken
von dem Wege, gefangen um des Zeugnisses unsers
Herrn Jesu Christi willen.
Der dritte Brief des Hansken von dem Wege.
Dieses ist mein seliger Wunsch und heiliger Gruß, dir,
Claerken, meiner lieben Schwester, zum ewigen An-
denken, damit du heilig leben und selig sterben, und
mit einem heiligen Leibe auferstehen mögest, dem
Herrn bequem, und sowohl zu deiner Seelen Selig-
keit, als auch zum Preise und zur Ehre des ewigen
und allmächtigen Gottes des Himmels und der Erde,
dessen Namen sei ewiges Lob und Preis und Ehre,
von nun an bis in Ewigkeit, Amen.
Ach, liebe und sehr werte auserwählte Schwester,
ich wünsche dir aus dem tiefen Grunde meines Her-
zens und aus dem Innersten meiner Seele viel Gnade
und Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen
Vater, der wahrhaftig und allmächtig ist, von welchem
alle Dinge sind, und das durch Jesum Christum, un-
sem Herrn, den Sohn des wahren und lebendigen
Gottes, durch welchen alle Dinge sind, derselbe ist
der Welt Heiland, insbesondere der Gläubigen. Denn
er ist unser Hohepriester, Fürst, Versöhner und Selig-
macher durch seinen Tod und kostbares Blut, welches
er für uns einmal ausgegossen hat, und das mit großer
Sanftmut und Demut in Heiligkeit und gutem Frie-
den, auch mit großer Kraft, Trost und voller Freude
des Heiligen Geistes. Ach ja, der Heilige Geist, liebe
Schwester, welcher der höchste Trost unseres betrüb-
ten Gewissens ist, wolle dich in alle Wahrheit führen
und leiten. Ach, Claerken, liebe Schwester, strebe dar-
nach, und reinige dich dazu, damit du ein Glied an
des Herrn Leib und ein Stein an seinem Tempel sein
mögest und befleißige dich der Demut, sodass man an
dir sehen und wahmehmen könne, daß du dem Flei-
sche nach dich erniedrigt und dem Geiste nach dich
gedemütigt habest, daß der Heilige Geist in dir woh-
nen möge, und du die Art dessen erzeugen mögest,
der in dir wohnt, mit großer Freundlichkeit, Barm-
herzigkeit, Liebe und Frieden gegen jedermann, nicht
zänkisch, nicht schreiend, nicht fluchend, nicht auf-
geblasen noch hochmütig, nicht gesinnt die Götzen
zu ehren, noch den Menschengeboten zu gehorchen,
auch nicht begierig nach schändlichem Gewinne, wel-
chen man doch zurücklassen muss. O ja, liebe Schwes-
ter Claerken, fliehe doch alle diese Gräuel und bösen
Stücke, und außerdem, was diesen gleich ist. O ja,
meide sie, wie du die Schlangen meidest, denn wenn
du ihnen zu nahe kommst, so stechen sie dich, daß
es kein Mensch heilen kann. Darum, liebe Schwes-
ter, scheide dich von allen diesen Gräueln, und rühre
nichts Unreines an, sondern trachte darnach, daß du
andere in guten Werken übertreffen mögest, damit du
tüchtig erfunden werdest, eine Wohnung des Geistes
Gottes zu sein, und allezeit die Frucht des Geistes her-
vorbringen mögest. Denn die Frucht des Geistes ist
allerlei Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit; ja, strebe
nach dem Himmelreiche, welches lautere Gerechtig-
keit, Friede und Freude in dem Heiligen Geiste ist,
Amen.
Ich grüße meine liebe, sehr werte, auserwählte Mut-
ter sehr herzlich und freundlich, welche auch mei-
ne geliebteste Schwester ist, in dem Herrn, ja, aus
aller meiner Herzenskraft grüße ich dich, o liebe Mut-
ter, und wünsche dir allezeit bis in Ewigkeit Jesum
Christum, den Sohn des allerhöchsten Gottes, daß
er dich mit seiner großen Kraft, wodurch alle Dinge
erschaffen sind, auf dem rechten Wege, der zum ewi-
gen Leben, ja zum neuen Jerusalem führt, erhalten
wolle, deren Straßen von lauter Gold sind, damit du
daselbst durch seine große Gnade eingehen und ewig
selig und in ewiger, großer Freude und guter Ruhe
sein mögest, und mit dem Herrn aller Herren ewig-
lich triumphieren und herrschen, und seinen großen,
hohen, heiligen Namen ewig loben, preisen und eh-
ren mögest; denn Ehre sei Gott in der Höhe, Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Hier-
mit bleibe dem einigen, allmächtigen Herrn und den
ewigen Worten seiner Gnade ewig anbefohlen, Amen.
Gute Nacht, gute Nacht, liebe Mutter, lebe wohl,
lebe wohl, ach ja, selig, selig, Amen, Amen.
570
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Der vierte Brief von Hansken von dem Wege.
Die unergründliche und überschwängliche große
Gnade und Barmherzigkeit Gottes, unseres himmli-
schen Vaters, die durch Jesum Christum, den wahr-
haftigen und lebendigen Sohn Gottes, gegeben und
geschehen ist, auch Jesum Christum, mit aller seiner
Demut, Sanftmut und großen Heiligkeit, ja, die große
Kraft, den Trost und die volle Freude des Heiligen
Geistes wünschen wir dir aus dem innersten Grunde
unserer Seelen und aus aller Kraft unserer Herzen, als
unserer lieben und sehr werten auserwählten Schwes-
ter in dem Herrn, und allen, die den Herrn fürchten,
lieben und aus reinem Herzen anrufen. Dieses ist un-
ser ewiger und seliger Wunsch, ja, heiliger Gruß; der
Herr wolle dir diesen unsern seligen Wunsch und
heiligen Gruß geben, und wolle dich im Guten weise
und im Bösen unschuldig machen, damit du recht
und schlecht, gottesfürchtig und das Böse meidend
erfunden werden mögest, Amen.
Ferner, liebe, sehr werte, auserwählte Schwester
in dem Herrn, wir wünschen dir und uns und allen
Menschen den ewigen, großen und seligen Schatz,
mit welchem Christus das Himmelreich vergleicht,
den ein Mensch in einem Acker fand und ihn verbarg,
und vor Freude hinging und alles verkaufte. Ja, lie-
be Schwester in dem Herrn, laß uns auch so gesinnt
sein, wie jener war, der den Schatz gefunden hatte.
Weil uns nun der Schatz durch Jesum Christum, den
Sohn Gottes, bekannt gemacht worden ist, so sollen
wir ihn auch verbergen, und das mit großem Fleiße,
mit Bitten, mit Flehen und Fasten im Geiste, zu Gott,
denn einem Schatze stehen Diebe und Mörder nach,
um ihn wegzunehmen; darum laß uns wohl Zusehen,
das er uns nicht genommen werde; laß uns f ortgehen
in Gerechtigkeit und Frieden, und mit großer Freu-
de und Wonne im Heiligen Geiste, denn das Reich
Gottes ist Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem
Heiligen Geiste. Darum laß uns so fortgehen, weil uns
der Schatz, der in dem Acker vor so vielen Menschen
verborgen liegt, offenbart ist. So lasst uns denn Fleiß
anwenden; ja, liebe Schwester, laß uns so fortgehen,
und mit großer Standhaftigkeit in der Sanftmut und
untrüglichen Wahrheit Jesu Christo nachfolgen, denn
er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Darum
laß uns Ihm allezeit nachfolgen und fortgehen, bis wir
alles verlassen und verkauft haben, und laß uns dann
den Acker kaufen, in welchem der Schatz verborgen
liegt, denn Christus sagt: Wer nicht alles verlässt, der
ist meiner nicht wert.
Wenn dieser Schatz in einem großen, breiten Acker
verborgen läge, so würden sich zwar viele daran ma-
chen, ihn zu suchen, aber nur einer würde denselben
finden; ebenso liegt auch der gute, große und selige
Schatz Jesus Christus, der Sohn Gottes, in dem Acker
der Heiligen Schrift verborgen, welchem zwar wohl
viele nachsuchen können, aber nur einer findet ihn,
nämlich alle Glieder, die zu dem Leibe gehören, wo-
von Jesus Christus das Haupt ist; diese haben den
Schatz Jesum Christum, samt seiner Gnade und sei-
nen Verdiensten gefunden und auch das ewige Leben
selbst gefunden; sie mögen sich aufs Höchste in dem
heiligen Geiste erfreuen, daß sie den großen, schönen,
heiligen Schatz (Jesum Christum) gefunden haben,
und mögen wohl mit dem Propheten sagen: Das Los
ist mir gefallen aufs Lieblichste, der Herr ist mein Erb-
teil geworden; darum will ich mich nicht fürchten,
wenn mir auch Leib und Seele verschmachtete, so bist
du doch, o Herr, allezeit meines Herzens Trost und
mein Teil; ja, der Herr ist mein Teil, sagt meine Seele;
darum will ich auf ihn trauen.
So laß uns denn, meine liebe, sehr werte, auserwähl-
te Schwester in dem Herrn, so fortgehen mit tapfe-
rem festem und starkem Vertrauen, mit großer Demut
und Sanftmut des Herzens und mit einem großen
Verlangen nach unserm heiligen und seligen Schatze
(Jesu Christo), dann wird der Herr Lust an unserer
Schönheit haben. Und wenn der Herr mit großer Kraft
der Engel und mit Posaunen in den Wolken kommen
wird, um einen jeden nach seinen Werken zu lohnen,
dann wird man die Auserwählten von den vier Win-
den des Himmels versammeln und sie (als Schafe) zu
seiner Rechten stellen, die Gottlosen aber (als Böcke)
zu seiner Linken; dann werden wir das süße und se-
lige Wort hören: Kommt her, ihr Gesegneten, besitzt
das Reich meines Vaters, das euch von Anbeginn der
Welt her bereitet ist; dann werden wir zu der großen,
schönen und unvergänglichen Herrlichkeit des Herrn
eingehen; dann werden wir in großer Herrlichkeit
und unaussprechlicher, großer, ewiger Freude sein
und werden ewig bei dem Herrn aller Herren, dem
Könige aller Könige, dem Gott aller Götter und Va-
ter aller Väter sein. Ihm Lob und Dank sagen und
Ihn preisen, ehren und heiligen; denn heilig, heilig,
heilig ist Gott, der allmächtige Herr, der da war, und
ist, und kommen wird; aber denen zu seiner Linken
wird er sagen: Geht hin, ihr Verfluchten, in das ewi-
ge Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet
ist, wo Heulen und Zähneklappern sein wird. Darum,
ach Liebe und Werte in dem Herrn, laß uns wohl Zu-
sehen, daß wir nicht schlafen in den Sünden, damit
uns unser Schatz nicht genommen werde, denn wenn
die Leute schlafen, bestehlen sie die Diebe, sondern
laß uns wachen und beten, und uns schmücken, wie
die fünf klugen Jungfrauen, die Öl in ihren Lampen
hatten, damit wir, wenn der Bräutigam kommt, zu sei-
571
ner herrlichen, unvergänglichen Hochzeit eingehen
mögen, wo man den Herrn ewig loben wird, denn
unsern Gott loben ist ein köstliches Ding.
Hiermit bleibe dem Herrn und dem reichen Wor-
te seiner Gnade befohlen, Amen. Sei unserer allezeit
in deinem heiligen Gebete zu Gott eingedenk, wie
Paulus sagt; gedenke der Gefangenen als eine Mitge-
fangene, denn wir gedenken deiner auch zum Besten
in unserm Gebete nach unserem geringen Vermögen,
indem geschrieben steht: Wie ihr wollt, daß euch die
Menschen tun sollen, so tut auch ihnen; denn das ist
das Gesetz und die Propheten.
Geschrieben aus großer, brüderlicher Liebe, und
von uns drei Gefangenen, um des Wortes des Herrn
und seines heiligen Namens willen, an dich gesandt,
unsere liebe und sehr werte Schwester in dem Herrn,
Amen.
Barbelken Göthals und Saerken von Duerhofen,
1570.
Zu Gent in Flandern sind zwei fromme Schwestern,
namens Barbelken Göthals und Saerken von Duerho-
fen, um ihres Glaubens willen verhaftet worden. Als
sie nun im St. Peterskloster gefangen saßen, haben sie
viele Versuchungen, Leiden und Qualen ertragen müs-
sen, weil sie aber standhaft bei der göttlichen Wahr-
heit blieben, sind sie endlich als Ketzerinnen zum
Tode verurteilt und den 21. November 1570 bei Gent
verbrannt worden, wodurch sie denn von dem ewi-
gen unauslöschlichen Brande der Hölle befreit sind
und befreit bleiben werden.
Hier folgt ein Brief, welchen Barbelken Göthals im
Gefängnisse an Jasper N., einen ihrer
Glaubensgenossen, geschrieben und gesandt hat.
Die überschwängliche und unergründliche große Gna-
de, der Friede und die Barmherzigkeit Gottes, unsers
himmlischen Vaters, und Jesu Christi, seines einigen
und ewigen, lieben und werten Sohnes (durch wel-
chen wir erlöst und von den Ketten der Hölle und von
den Schatten des Todes entbunden und durch sein
teures Blut versöhnt sind), wünsche ich dir, meinem
geliebtesten Bruder in dem Herrn, zum Seelenbewah-
rer; derselbe wolle dich trösten mit dem großen Tröste,
der Freude und Wonne des Heiligen Geistes in allem
demjenigen, was dir noch um des wahren Zeugnisses
unsers lieben Herrn Jesu Christi willen begegnen wird.
Diesem Gott, der allein weise ist, sei Lob, Preis, Ehre,
Kraft, Stärke und Gewalt, von Ewigkeit zu Ewigkeit,
Amen.
Nebst allem gebührlichen, herzlichen und freundli-
chen Gruße an dich J., meinen liebsten Bruder in dem
Herrn, den ich wert und lieb habe mit göttlicher Liebe
in der Wahrheit, und um der Wahrheit willen, ach,
das weiß der Herr, der alle Herzen kennt. Ach, mein
lieber und sehr werter Bruder in dem Herrn, wisse,
daß mein Gemüt sich noch wohl befindet, um unsern
lieben Herrn aus meines ganzen Herzens Grunde zu
fürchten nach meiner Schwachheit mein Leben lang,
und daß ich, durch des Herrn Hilfe, hoffe, niemals
um irgendeines Dinges willen das in der Welt ist, von
der Wahrheit zu weichen, es seien Güter, Gold oder
Silber; ebenso hoffe ich, durch des Herrn Gnade, von
ihm nicht abzuweichen, worin der allmächtige Gott
mich stärken wolle, wie ich ihn darum bitte.
Ach, mein geliebter Bruder in dem Herrn! Ich will
lieber mit Susanna in der Menschen Hände fallen, als
vor dem Angesichte des Herrn sündigen, denn die
reine und unbefleckte Susanna sagte: Wenn ich sol-
ches tue, so bin ich des Todes; tue ich es aber nicht,
so komme ich nicht aus euren Händen; doch will ich
lieber unschuldig in der Menschen Hände kommen,
als wider den Herrn sündigen; ich weiß auch wohl,
daß, wenn ich die Wahrheit verlasse, mir dennoch
der Tod gewiss ist; aber, ach nein! das hoffe ich durch
des Herrn Gnade nimmermehr zu tun; es ist mir viel
besser, daß ich in der Menschen Hände falle, als daß
ich den Herrn, meinen Gott, verlassen sollte. Ach,
nein, allerliebster Bruder in dem Herrn, ach laß uns
nimmermehr von des Herrn Wahrheit weichen, denn
es sind uns so viele schöne Verheißungen gegeben;
wenn wir bis zum Tode standhaft bleiben, sollen wir
die Seligkeit erlangen. Ach, mein sehr werter und lie-
ber Bruder in dem Herrn! Ach, möchten wir nur selig
werden; das ist genug; ich hoffe durch seine große
Gnade, daß wir die Seligkeit ererben, wenn wir bei
seinem Worte bleiben; er ist getreu, der es uns ver-
heißen hat, und wird es auch halten; denn er spricht
durch seinen frommen Propheten Jesaja (als er die Sei-
nen tröstete): Wenn auch eine Mutter ihr eigenes Kind
vergäße, das sie selbst geboren hat, so will ich doch
deiner nicht vergessen. Mein herzlich geliebter Bruder
in dem Herrn, sieh doch an, wie treulich unser lieber
Herr uns tröstet; so laß uns denn, mein Lieber und
Werter, ach laß uns guten Mutes sein und willig ar-
beiten, denn sie (unsere Arbeit) wird nicht vergeblich
sein in dem Herrn; deshalb bin ich tapfer und wohl-
gemut, dem Herrn sei Lob und Preis von nun an bis
in Ewigkeit, der mir so treulich beisteht, nach seiner
Verheißung. Ach, wer sollte einen solchen Gott nicht
fürchten, der seine zarten Reben so bewahrt! Ich habe
auch das feste Vertrauen zu meinem Herrn und Gott,
daß er mich bewahren werde, wo ich bin, und mich,
wenn es sein Wille ist, aus dieser Mordgrube erlösen
572
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
werde. Darum, ach, mein geliebtester und sehr wer-
ter Bruder in Christo Jesu, laß uns guten Mutes sein,
wenn uns auch mehr Widerwärtigkeit als der Welt zu-
stößt, ach, laß uns auf den Herzog unseres Glaubens
und den Vollender Jesum Christum sehen, wie er uns
in vielem Leiden und großer Schmach vorgegangen
ist, gleichwie auch alle heiligen Propheten. Ach, laß
uns darauf sehen, wie sie uns in so viel Trübsal, Man-
gel und Ungemach vorgegangen sind, deren die Welt
nicht wert war, denn hätten sie daran gedacht, wovon
sie ausgegangen waren, sie hätten ja Zeit genug ge-
habt, wieder umzukehren; nun sie aber ein Besseres
begehren, nämlich das Himmlische, so schämt sich
auch Gott nicht, ihr Gott genannt zu werden.
Darum, ach J., mein herzlich geliebter und sehr wer-
ter Bruder in dem Herrn, wird sich Gott auch nicht
schämen, unser Gott genannt zu werden, wenn wir
anders treulich bei seiner Wahrheit bleiben, und nicht
abermals der Buße von toten Werken und des Glau-
bens an Gott Grund legen. Ach nein! Ach nein, aller-
liebster Bruder in dem Herrn, laß uns nicht abermals
der Buße von toten Weiten und des Glaubens an Gott
Grund legen, sondern laß uns den Glauben, den wir
an Christum, unsem lieben Herrn, haben, festhalten;
ach, ich hoffe mit Gottes Hilfe den Glauben, den ich
an Jesum Christum habe, festzuhalten; es soll mich
auch, mit des Herrn Hilfe, niemand von der Liebe
Gottes scheiden, wie auch Paulus sagt: Wer will uns
von der Liebe Gottes scheiden? Trübsal, oder Angst,
Verfolgung, Hunger, oder Blöße, oder Schwert? Wie
geschrieben steht: Um deinetwillen werden wir getö-
tet den ganzen Tag, wir sind geachtet wie Schlacht-
schafe; aber in allem diesem überwinden wir weit,
um deswillen, der uns geliebt hat, denn ich bin ge-
wiss, daß weder Tod noch Leben, weder Engel, noch
Geist, noch Pein, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges
noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch ei-
ne andere Kreatur, uns von der Liebe Gottes scheiden
mag, die in Christo Jesu, unserm Herrn, ist. Darum,
mein geliebtester und werter Bruder in dem Herrn,
laß uns ja wohlgemut sein in dem Herrn, denn sie
können kein Haar von unserem Haupte krümmen, es
sei denn der Wille des Vaters. Ach, J., mein lieber und
werter Bruder in dem Herrn! Ich bin noch so wohlge-
mut, der Herr sei dafür gelobt, sodass ich die Freude
nicht beschreiben kann, die ich in meinem Herzen ha-
be. Ach, welchen Mut habe ich wider die Fürsten und
Herren der Finsternis zu streiten! Es dünkt mich, daß
ich wohl mit David sagen könnte: Ich fürchte mich
nicht vor vielen Hunderttausenden, die sich wider
mich legen. Ach, welch eine Freude habe ich! Lob,
Preis und Ehre müsse Gott gegeben werden bis in
Ewigkeit für die große Freude, die er gibt. Ach, mein
allerliebster Bruder, freue dich doch mit mir, und laß
es dir zur Stärkung dienen, wie ich denn auch hof-
fe, daß es eine solche sein wird. So habe ich denn,
mein geliebtester Bruder in Christo Jesu, ein wenig ge-
schrieben nach der geringen Gabe, die ich durch des
Herrn Gnade empfangen habe. Hiermit will ich dich
unserm lieben Herrn und dem reichen Worte seiner
Gnade befehlen, ich nehme nun Abschied und sage:
Gute Nacht, gute Nacht, lebe wohl, lebe wohl, mein
allerliebster Bruder in dem Herrn, bis wir wieder Zu-
sammenkommen. Müssen wir auch hier voneinander
scheiden und von Menschen geschieden werden, so
hoffe ich doch, daß wir uns da versammeln werden,
wo uns niemand scheiden wird. O J., mein liebster
Bruder in dem Herrn, halte dich doch tapfer in dem
Worte Gottes bis ans Ende; ein Gleiches hoffe ich auch
zu tun. Ich sage noch einmal gute Nacht, gute Nacht,
lebe wohl, lebe wohl; nun muss es geschieden sein.
Ach, ich bitte dich freundlich, du wollest mir doch
mein einfaches Schreiben zu gut halten, wie ich auch
hoffe, daß du tun wirst, denn es ist aus reiner Liebe ge-
schehen. Geschrieben in Banden, von mir, Barbelken
Göthals, deiner schwachen Schwester in dem Herrn,
die in St. Peters um des wahren Zeugnisses Jesu wil-
len gefangen sitzt und in Ketten liegt. Behalte diesen
Brief zu meinem Andenken; ich hoffe ihn mit meinem
Blute zu versiegeln. Fürchte Gott allezeit, aber keinen
Menschen.
Zehn Personen, sowohl Männer als Weiber,
werden um des Zeugnisses Jesu Christi Willen zu
Dortrecht um das Jahr 1570 verbrannt.
Uns ist aus alten und glaubwürdigen Nachrichten
als Tatsache erzählt worden, daß um das Jahr unsers
Herrn 1570 der Schultheiß der Stadt Dortrecht zwei
sehr gottesfürchtigen Leuten, nämlich einem Manne
und einer Frau (deren Namen wir nicht haben verneh-
men können), nachgestellt habe, weil sie Wiedertäufer
genannt wurden; daß derselbe sie auch endlich in der
Marienbonstraße der genannten Stadt, in einem Hau-
se, wo ein Stiefel aushing, gefunden. Diese beiden
sind kurz darauf, weil sie bei ihrem Glauben stand-
haft blieben, auf dem Marktfelde vor der Waag, wo
damals der Richtplatz war, verbrannt worden.
Desgleichen, daß noch sieben von derselben Religi-
on, sowohl Männer als Weiber, die von Breda gekom-
men waren, gleiche Strafe erlitten haben, weil sie auf
keine Weise von ihrem Glauben abgebracht werden
konnten, und auf dem Plane, nicht weit von der Men-
nebrücke vor dem Pulverturme, welcher der zweite
Platz des Hochgerichtes ist, verbrannt worden sind.
Es wird ferner berichtet, daß um das Ende des Jah-
573
res, nämlich im Monate November, als die große und
erschreckliche Wasserflut, die auf Allerheiligentag ein-
brach und von der fast jedermann zu sagen weiß, ein
Ende genommen hatte, eine Witwe der Taufgesinn-
ten in Armetysstraße aus einem Kämmerlein neben
einer Treppe durch den Schultheißen und Statthalter
abgeholt worden sei, welche einige Zeit darauf, als
sie von ihrem Glauben nicht abweichen wollte, gleich-
falls durch Feuer ihr Leben hat endigen müssen. Aus
alten Nachrichten.
Wir haben nach den Verhören und den Todesur-
teilen der vorgemeldeten Personen in den ordent-
lichen Stadtbüchern des Blutgerichtes aus dieser
Zeit gesucht, aber nichts gefunden; desgleichen auch
nichts von I. W. von Kuyk und Adriaentgen Jans von
Molenaers-Graef, welche zwei Jahre nachher getötet
worden sind, da gleichwohl zu unsern Zeiten noch
verschiedene lebendige Zeugen gewesen sind, welche
den Tod dieser Leute mit allen Umständen angesehen
haben. Es erhellt aber aus den Umständen, daß sich
die Papisten geschämt haben, die Gerichtsverhandlun-
gen und Todesurteile dieser Leute in die Stadtbücher
einzutragen, weil es schien, daß sich das Land, und
auch zugleich diese Stadt, bald nachher in der Reli-
gion und Regierung verändern würde, was ungefähr
zwei Jahre darauf geschehen ist, als Wilhelm der Erste,
Prinz von Oranien, dahin kam. Mit seinem Erscheinen
hat auf einmal der Zwang über den Glauben und die
Gewissen dort ein Ende genommen.
Was die Personen betrifft, die damals (nämlich im
Jahre 1570) im Gerichte saßen und das Recht verwalte-
ten, so waren es (nach Angabe des Johann von Bever-
wyk in seinem Register der Obrigkeit von Dortrecht)
folgende:
Adrian von Bleyenburg Adriaenß, Schultheiß dieser
Stadt, welcher sein Amt schon im Jahre 1549 angefan-
gen hat, und dasselbe im folgenden Jahre, nämlich
1571, niedergelegt hat.
Arent von der Myle Herr Corneliß, war Bürger-
meister der Gemeinde, und Gysbrecht von Harlem
Janß, Cornelius von Diemen Jacobs, Huybrecht Jonge
Adriaenß, Jan von Slingelland Herr Ottenß, Woiuriß
von Drenkwaart Herr Willenß, Jan Janß Glandß, Bou-
dewyn Heermann Gysbrechtß, Dierik von Beverivyk
Herr Philippß, Corneliß von Mosyenbroek Herr Cor-
neliß waren die Ratsherren der Stadt.
Es ist uns aber unbekannt, ob sie alle oder nur einige
derselben in diese Todesurteile eingewilligt haben.
Jelis Claverß, Lysabet, Claes de Vries Weib,
Nelleken Jaspers, und außer ihnen 33 Personen,
1571.
Im Jahre 1571 sind zu Antwerpen in Brabant 36 Perso-
nen um der Wahrheit des heiligen Evangeliums Jesu
Christi willen, welcher sie nachfolgten, gefänglich ein-
gezogen worden. Unter denselben haben sich auch
Jelis Claverß und des Claes de Vries Weib, genannt
Lysabet, und Nelleken Jaspers befunden, von welchen
wir glauben, daß sie mit in der Zahl der sechs Manns-
personen und den dreißig Weibern begriffen gewesen,
von welchen einige verbrannt, andere aber in großer
Standhaftigkeit ertränkt worden sind; diese gemel-
dete Lysabet aber starb mit einem Schraubeisen im
Munde, welches ihr das Reden verwehrte, damit sie
die Unschuld ihres Todes dem umstehenden Volke
nicht verkündigen möchte, durch welche Tat die Mön-
che und Pfaffen das Maß ihrer Vorfahren, der blut-
dürstigen Pharisäer, bis an den Rand gefüllt haben,
denn jene haben nur ihre, eigenen Ohren verstopft,
damit ihnen der werte Mann Gottes Stephanus die
Wahrheit nicht sagen möchte, dagegen haben diese
neuen Pharisäer, die Mönche, diesem frommen und
treuen Zeugen Gottes die Zunge mit Schrauben fest-
geschraubt und die Oberfläche der Zunge mit einem
glühenden Eisen bestrichen, damit sie anschwellen
und dadurch eine Zeitlang zur Rede unfähig gemacht
würde. Also sind diese Frommen nicht wegen irgend-
einer Missetat, wegen eines Aufruhrs, Betrugs oder
Ketzerei willen getötet worden, sondern allein, weil
sie aus Babel ausgegangen waren und sich mit Chri-
sto vereinigt hatten, worin sie der Lehre des Heili-
gen Geistes nachfolgten. Darum haben sie für den
Glauben der Wahrheit tapfer gestritten, und werden
von dem Fürsten der Wahrheit die Krone der ewigen
Herrlichkeit (für diese kurze und kleine Arbeit) aus
Gnaden empfangen und ewig genießen.
Diese oben gemeldete Nelleken Jaspers ist ein
Mägdlein von siebzehn Jahren gewesen, zu deren An-
denken in diesen Landen viel auf der Gasse gesungen
worden ist. Sie hat ungefähr ein Jahr gefangen ge-
sessen, sodass sie ungefähr 18 Jahre alt war, als sie
starb. In der Zeit ihrer Gefangenschaft hat sie schwe-
re Anfechtungen erlitten, indem ihr bald mit Bedro-
hungen des schrecklichen Todes, bald mit schönen
Verheißungen einer vorteilhaften Heirat und derglei-
chen zugesetzt wurde; aber gleichwie Christus (ihr
Herzog) alle Versuchungen des Feindes abgeschla-
gen und überwunden hat, so ist auch diese junge
Heldin den Fußstapfen ihres Bräutigams Christi Jesu
getreulich nachgefolgt, ist bis an den Tod standhaft
geblieben, und hat, durch Gottes Gnade, das Ende
574
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
des Glaubens (welches der Seelen Seligkeit ist) davon
getragen. Obgleich einige die Nelleken Jaspers unter
die Geusen (reformierte Religion) zu ziehen suchen
(gleichwie sie auch von der Anneken von den Hove
mit Unrecht behaupten, welche bei Brüssel lebendig
vergraben worden ist), so verhält sich doch die Sache
anders, denn als man dieses aufgezeichnet hat, sind
noch glaubwürdige Menschen am Leben gewesen, die
es besser wussten; diese haben bezeugt, daß sie auf
eben denselben Glauben gestorben sei, den auch die-
se frommen Bekenner hatten (die man Mennoniten
nennt); solches ist auch aus Joost Verkinderts Briefe
vom 20. Juni zu ersehen, in welchem sie in Ansehung
des Glaubens zu Joost und Louwerenß Andrieß ge-
setzt wird, welche die Brüder mit des Herrn Frieden
grüßen ließen.
Dirk Mienweß, 1571.
Nach vielerlei Verfolgung, Morden und Verbrennen
der wahren Nachfolger Christi ist auch zu Vlissingen
in Seeland ein frommer Bruder, namens Dirk Mien-
weß, gefänglich eingezogen worden. Nachdem der-
selbe nun lange gefangen gesessen, hat er von dem
Amtmanne und Stockmeister Erlaubnis erlangt, ihnen
zum Nutzen ihrer Haushaltungen einige Dienste zu
erweisen, weshalb er (nebst einigen seiner Mitgefan-
genen) oft aus dem Gefängnisse gelassen worden ist.
Als aber bei einer günstigen Gelegenheit einige Gefan-
gene entliefen, und dem Dirk Mienweß anrieten mit
zu flüchten, so hat dieser Freund Christi sich dessen
geweigert, aus Furcht, es möchte der Stockmeister,
der ihm erlaubt hatte, das Gefängnis zu verlassen,
dadurch in Ungelegenheit kommen. Da er nun im
Gefängnisse zurückblieb, ist er den 6. März 1570 vor
Ostern zur Folter verurteilt; im folgenden Jahre aber,
1571, den 8. Mai, ist er an gemeldetem Orte in grober
Standhaftigkeit verbrannt worden, und hat dem Gott
des Himmels und der Erde seinen zeitlichen und nich-
tigen Leib als ein liebliches Rauchwerk aufgeopfert,
und hat also nicht als ein Dieb oder Mörder, oder als
einer, der nach anderer Leute Gut steht, gelitten, son-
dern allein um der Wahrheit Christi und des guten
Gewissens willen. Darum sind ihm die Verheißungen
Christi gewiss, welcher gesagt hat: Selig sind die um
der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das
Himmelreich ist ihnen.
Anneken Hendriks, 1571.
Im Jahre 1571 ist zu Amsterdam in Holland um des
Zeugnisses Jesu Christi willen eine Frau, genannt An-
neken Hendriks, 53 Jahre alt, lebendig verbrannt wor-
den. Als sie nämlich von Friesland nach Amsterdam
gekommen war, ist sie von ihrem Nachbar, dem Unter-
schultheißen, welcher nach ihrem Hause kam, um sie
in Verhaft zu nehmen, verraten worden, und hat mit
sanftmütigem Geiste ihn so angeredet: Nachbar Evert,
was ist dein Begehren? Wenn du mich suchst, kannst
du mich wohl finden; ich bin hier, zu deinem willen
bereit. Da hat dieser Verräter Judas gesagt: Gib dich
in des Königs Namen gefangen, und hat Anneken,
nachdem er sie gebunden, mitgenommen (gleichwie
Judas und die Schriftgelehrten unsern Vorgänger Je-
su). Als sie nun auf den Damm kamen, hat Anneken
freimütig gesagt, man sollte sie frei anschauen, sie hät-
te weder Hurerei noch Diebstahl begangen, sondern
wäre um des Namens Christi willen gefangen. Als sie
ins Gefängnis kam, hat sie ihrem Herrn und Schöp-
fer Lob und Dank gesagt, mit demütigem Herzen,
daß er sie würdig erkannt habe, um seines Namens
willen zu leiden. Darum hat sie auch ihren Glauben
vor dem Schultheißen Peter und den andern Herren
freimütig bekannt. Diese haben sie mit den Baalspfaf-
fen sehr gequält und sie abfällig zu machen gesucht;
aber, durch Gottes Gnade, hat sie denselben tapfem
Widerstand geleistet. Der Schultheiß hat sich sehr dar-
über gewundert, daß sie nicht mehr Hochachtung vor
seinen geistlichen Herren hätte und hat zu Anneken
gesagt: Unser Kaplan, Herr Aalbert, ist solch ein hei-
liger Mensch, man sollte ihn in Gold fassen; diesen
willst du nicht hören, sondern hast dein Gespött mit
ihm, darum musst du in deinen Sünden verderben;
so weit bist du von Gott abgeirrt. Also haben sie diese
gottesfürchtige alte Frau, die weder schreiben noch
lesen konnte, bei den Händen (nach dem Exempel
Jesu) aufgehängt, und durch große Pein von ihr zu
erfahren gesucht, wer ihre Glaubensgenossen waren,
denn sie dürsteten noch mehr nach unschuldigem
Blute, aber sie haben von Anneken nichts erfahren,
so treulich hat Gott ihren Mund bewahrt. Darum hat
der Schultheiß seine Klagen wider sie eingebracht,
daß sie in Ketzerei verfallen sei, und nun schon sechs
Jahre lang die Mutter, die heilige Kirche, verlassen,
auch die vermaledeite Lehre der Mennoniten wieder
angefangen habe, daß sie sich bei denselben auf ihren
Glauben hätte taufen lassen, und auch unter ihnen
einen Mann genommen hätte. Darauf ist sie dahin
verurteilt worden, daß sie lebendig verbrannt werden
sollte; sie hat aber den Herren gedankt und demütig
gesprochen, sie bäte, daß man es ihr vergeben wolle,
wenn sie jemanden beleidigt hätte; die Herren aber
standen auf, und antworteten ihr nicht; hiernächst
wurde sie auf eine Leiter gebunden; da sprach sie zu
Evert, dem Unterschultheißen, ihrem Nachbar: Du
Judas, ich habe es nicht verdient, daß man mich so
575
ermordet; auch begehrte sie von ihm, er sollte solches
nicht mehr tun, oder Gott würde es an ihm rächen.
Darüber hat sich Evert entrüstet und gesagt, er wollte
alle, die ihres Sinnes wären, in solche Verdrießlichkeit
bringen. Darauf ist der andere Schultheiß noch ein-
mal mit dem Pfaffen gekommen, und hat sie geplagt,
indem er ihr gesagt, sie würde aus diesem Feuer in
das ewige fahren, wenn sie nicht widerrufen würde.
Diesem ist Anneken standhaft begegnet: Bin ich von
euch verurteilt und verdammt, sagte sie, so rühren
doch eure Reden nicht von Gott her, denn ich habe
das feste Vertrauen zu Gott, er werde mir aus der
Not helfen und mich aus aller meiner Trübsal erlösen.
Sie ließen sie nicht mehr reden, sondern füllten ihren
Mund mit Schießpulver, und trugen sie so von dem
Stadthause zum Feuer, in welches sie dieselbe leben-
dig geworfen haben. Als dieses alles vollbracht war,
hat man den Verräter Evert, den Unterschultheißen,
lachen sehen, eben als ob er gemeint hätte, er hätte
Gott damit einen angenehmen Dienst getan; aber der
barmherzige Gott, der der Frommen Trost ist, wird
diesem frommen Zeugen für diese kurze und zeitliche
Trübsal eine ewigwährende Belohnung geben; dann
wird ihr zugestopfter Mund in voller Freude geöffnet
und diese betrübten Tränen (um der Wahrheit wil-
len) werden abgewischt, sie aber bei Gott im Himmel
mit ewiger Freude gekrönt werden. Hiervon sieh ein
Liedlein in einigen alten Liederbüchern.
Wir haben sowohl das Todesurteil dieser frommen
und tapferen Heldin Jesu Christi, wie es ihr vor Ge-
richt vorgelesen ward, als auch die Verhandlung ihrer
Folter, welche vierzehn Tage vor ihrem Tode gesche-
hen ist, erlangt, welches wir in der Ordnung, wie es
durch den Stadtschreiber aus dem Stadtbuche des
Blutgerichts abgeschrieben worden ist, beifügen wol-
len.
Der Anna Hendriks, mit dem Zunamen die Blaster,
Todesurteil.
Nachdem Anna, Heyndriks Tochter, sonst Anna die
Blaster genannt, vormals eine Bürgerin dieser Stadt,
gegenwärtig gefangen, auf ihrer Seelen Seligkeit oder
den Gehorsam, den sie ihrer Mutter, der heiligen Kir-
che, und ihrer königlichen Majestät, als ihrem natür-
lichen Herren und Prinzen, schuldig war, nicht be-
dacht gewesen ist, auch dabei die Ordnungen der
heiligen Kirche verachtet, sodass sie innerhalb sechs
oder sieben Jahren nicht zur Beichte, oder zu dem
heiligen würdigen Sakramente, sondern in der Ver-
sammlung der verdammten Sekte der Mennoniten
oder Wiedertäufer gegangen, ja, daß sie auch in ihrem
Hause heimliche Zusammenkünfte oder Versammlun-
gen gehalten, und überdies vor drei Jahren die Taufe,
die sie in ihrer Kindheit von der heiligen Kirche emp-
fangen, verleugnet hat und davon abgegangen ist,
und sich hat wiedertaufen lassen auch darauf Brotbre-
chen nach der Weise der Mennonitensekte empfangen,
und sich dabei mit ihrem gegenwärtigen Manne nach
der Mennoniten Weise nachts in einem Landhause hat
trauen lassen, und außerdem, als sie in ihrer Gefan-
genschaft sowohl von den Herren des Gerichts, als
auch von verschiedenen geistlichen Personen über-
redet und zu verschiedenen Malen ermahnt worden
ist, vorgemeldete verdammte Sekte zu verlassen, sich
dennoch geweigert hat, solches zu tun, und in ihrer
Hartnäckigkeit und Halsstarrigkeit verharrt, sodass
sie (die Gefangene) vermöge dessen, was zuvor ge-
meldet, das Verbrechen der verletzten göttlichen und
menschlichen Majestät begangen hat, indem durch
diese Sekte die allgemeine Ruhe und Wohlfahrt der
Länder gestört wird, wie solches die Befehle Ihrer
Majestät, die davon handeln, ausweisen, welche Miss-
etaten, andern zum Exempel nicht ungestraft bleiben
sollen - so ist es geschehen, daß die Herren des Ge-
richts, nachdem sie die Anklage meines Herrn, des
Schultheißen, gehört, auch dabei ihr (der Gefange-
nen) Bekenntnis gesehen und ihre Halsstarrigkeit und
Hartnäckigkeit in Betracht genommen haben, dieselbe
dahin verurteilt und sie kraft dieses dahin verurteilen,
daß sie, nach Ihrer Majestät Befehlen, mit Feuer hin-
gerichtet werden soll, wobei sie ferner alle ihre Güter
zum Nutzen der königlichen Majestät verfallen zu
sein erklären. Geschehen vor Gericht, den 10. Novem-
ber, im Jahre 1571, in Gegenwart der Ratsherren und
mit Rat aller Bürgermeister. Zur Urkunde dessen von
mir, Stadtschreiber, und war unterzeichnet W. Pieterß.
Von dieser vorgemeldeten Anna Heyndriks Folter,
und wann es geschehen sei.
Dieselbe ist den 17. Oktober im Jahre 1571, laut des
vorhergehenden Urteils der Ratsherren über sie, ge-
foltert worden, wie solches aus dem Protokolle ihres
Bekenntnisses erhellt.
Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts der
Stadt Amsterdam, welches in der Kanzlei daselbst
niedergelegt ist, N. N.
Wolfgang Pinder, 1571.
In diesem Jahre 1571 ist der Bruder Wolfgang Pinder
zu Scharding, in Bayern, durch Verräterei in Verhaft
genommen worden. Der Kanzler von Burkhausen,
welcher um diese Zeit zu Scharding war, kam selbst,
nahm ihn gefangen, band ihn, und führte ihn von da
nach Burkharden, wo er vielem Anlaufe und vielen
Versuchungen von dem Haufen der falschen Prophe-
576
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ten, als Pfaffen und andern hat widerstehen müssen,
denn dieselben setzten ihm heftig zu, daß er von sei-
nem Glauben abstehen und sich von ihnen unterrich-
ten lassen sollte; hierin wandten sie großen Fleiß an
und gebrauchten allerlei List, ob sie ihn mit schönen,
süßen Worten, mit falscher Lehre, oder Trotzen und
Bedrohungen zum Abfalle bringen konnten; aber er
ließ sich keineswegs von dem erkannten Wege der
Wahrheit abziehen, auf welchen ihm Gott geholfen
hatte. Als aber die Pfaffen nichts ausrichten konnten,
so war der Scharfrichter die nächste Nacht gegen-
wärtig; derselbe musste ihn angreifen; er wurde aber
so entsetzlich gepeinigt, gespannt und gezogen, daß
es zu bejammern war, und daß auch seine Hände
sehr aufgelaufen und geschwollen waren; auch war er
nicht im Stande, auf seinen Füßen zu stehen, so grau-
sam und unbarmherzig sind die Kinder des Satans mit
ihm verfahren, nach ihres Vaters Art, der gegen das
menschliche Geschlecht in Zorn entbrannt ist, und,
wo er nur kann, durch seine Kinder alle Werke der
Bosheit wirkt. Einmal kamen zwei Pfaffen zu dem
gemeldeten Bruder; der ein redete mit ihm und er-
mahnte ihn, daß er von seinem Irrtume ablassen und
sich bekehren sollte, aber der Bruder Wolfgang (wie-
wohl er damals von dem Peinigen und noch großen
Schmerz litt) hat mit männlichem Gemüte zu ihm ge-
sagt: O du Pfaff ! Tue du Buße und bekehre dich von
deinem sündhaften Leben und deiner falschen Leh-
re, denn du bist ein falscher Prophet und einer von
den Buben, die in Schafskleidern umhergehen, und
die Falschheit und Büberei mit den langen Röcken Zu-
decken; inwendig aber seid ihr reißende Wölfe, über
welche der Herr oft das Wehe ausgerufen hat. Darüber
wurde der Pfaffe sehr zornig und auch schamrot, wie
auch der andere, denn sie konnten, nach ihrem Wil-
len, mit ihm nichts ausrichten. Zuletzt haben sie ihn
abermals von Burkhausen nach Scharding gesandt,
wo er zuerst gefangen gesessen. Sie versuchten es an
beiden Orten mit ihm auf jede Weise, konnten aber zu
ihrem Zwecke nicht gelangen. Als er sich nun nicht
bewegen ließ, und ihrer falschen Lehre nicht folgen
wollte, musste er sein Leben lassen. Sie setzten unver-
mutet einen Tag an, auf welchen man ihn des Morgens
früh zum Gerichte hinausführte, ohne das Urteil über
ihn gefällt zu haben, welches der Bruder Wolfgang
forderte; aber man darf sich über eine solche Hand-
lungsweise nicht verwundern, denn sie konnten auf
den Frommen nichts bringen, und deshalb keine Ursa-
che zum Tode an ihm finden. Der Scharfrichter nahm
ihm den Halskragen ab und griff ihn an, wiewohl mit
Furcht und Zittern. Darauf ist der Bruder Wolfgang
niedergekniet, und hat seinen Geist in die Hände sei-
nes Herrn und Gottes befohlen. Der Scharfrichter ging
sehr übel mit ihm um; er konnte ihn nicht treffen, oder
nach der Vorschrift hinrichten; er musste ihm endlich,
als er auf der Erde lag, das Haupt abhauen und ab-
schneiden, so gut es gehen wollte; er geriet hierüber
in so große Angst und durch das umstehende Volk in
solche Lebensgefahr, daß er sich entschlossen hat, sei-
ne Leben lang keinen Bruder mehr zu richten. Es war
viel Volk gegenwärtig, welches zugesehen, wie tapfer
und ritterlich er sich gehalten hat. Dieses ist kurz nach
Lichtmess, im Jahre 1571, geschehen, nachdem er fast
ein halbes Jahr gefangen gelegen. Auf die angegebene
Weise musste er um des Glaubens an Jesum Christum
willen sein Blut vergießen, und ist so zu des Herrn
Haufen übergefahren, welche das Freudenreich im
Glauben durch geduldiges Leiden einnehmen müs-
sen. Dem Verräter, der ihn angegeben, ging es nachher
sehr übel, desgleichen auch dem Kanzler, der ihn ge-
fangen genommen hatte; ihre guten Tage haben bald
ein Ende genommen, gleichwie es mit solchen Judas-
gesellen gewöhnlich der Fall gewesen, die sich an den
frommen, unschuldigen Schafen des Herrn vergriffen,
und nach ihrem Blute dürsteten; das Unglück trifft sie
durch den Zorn Gottes, und lässt sie nicht lange in
Ruhe bleiben.
Joost von der Strafen, 1571.
Joost von der Strafen, seines Handwerks ein Stuhldre-
her, geboren zu Teems in dem Lande Wals, in Flan-
dern, wurde, als er ungefähr siebzig Jahre alt war, von
seiner Arbeit abgeholt, und mit allen seinen Haus-
genossen bei Antwerpen auf den Kiel (wo jetzt das
Schloss steht) gefangen gesetzt; darauf haben sie die
Spanier, die sie fingen, nach Antwerpen gebracht, wo
seine Hausfrau und Tochter, welche bei keiner Religi-
on standen, mit der Zeit ihre Freiheit erlangt; diesem
Joost aber wurde viel Pein angetan, um ihn zum Ab-
falle zu bringen, jedoch weil er standhaft bleib, ist
ihm, nachdem er drei Tage gefangen gesessen, am Ta-
ge des Fastenabends 1571 der Mund aufgeschraubt
und er vor dem Stadthause auf dem Markte leben-
dig verbrannt worden; darauf hat man ihn auf dem
Galgenfelde an einen Pfahl aufgehängt, als eben der
Herzog von Alba in Antwerpen war.
Hans von der Strafe, 1571.
Kurz nach Fastenabend im Jahre 1571 ist der Her-
zog von Alba von Antwerpen nach Brüssel gezogen,
und hat alle Gefangenen, sowohl in der reformierten
Religion, als auch die Taufgesinnten, mitgenommen,
unter welchen dieser Hans von der Strafe, des vor-
gemeldeten Joost von der Strafe Sohn, ungefähr 31
577
Jahre alt, geboren zu Kortryck, mit seinem Weibe Tan-
neken, ihres Alters 17 Jahre, geboren zu Mecheln, sich
auch befunden haben. Dieser Hans, als er standhaft
bei seinem Glauben und der göttlichen Wahrheit blieb,
ist zum Tode verurteilt, und, als man ihm den Mund
aufgeschraubt, vor Brüssel hinaus geführt und dort
lebendig zu Pulver verbrannt worden, was um Halb-
fasten im Jahre 1571 stattgefunden hat; sein Weib aber,
mit welcher er erst sechs Wochen in der Ehe gewesen,
und die noch sehr jung war, ist durch viel Qual und
Marter zuletzt dahin gebracht worden, daß sie von
ihrem Glauben abgefallen und Breda in ein Kloster
gesteckt worden ist, und wo sie zu gelegener Zeit ent-
flohen und nach Danswyk gezogen ist. Dort hat sie,
nachdem sie ihren Abfall herzlich bereut, sich wieder
zu der Gemeinde begeben, und hat nachher ein from-
mes Leben geführt, bis sie endlich gottselig gestorben
ist.
Gerrit Corneliß.
Im Jahre 1571 wurde zu Amsterdam in Holland um
der Wahrheit willen ein junger Bruder, namens Gerrit
Corneliß, als er in einem Flussschiffe mit der Arbeit
beschäftigt war, gefangen genommen. Der Schultheiß
band ihn, und brachte ihn auf das Stadthaus; dort
ward er des andern Tages verhört und wegen seines
Glaubens untersucht, welchen er freimütig bekannt
hat; als sie aber wollten, daß er einige von den Mit-
gliedern offenbaren sollte, hat er solches verweigert
und deshalb die Folter ausstehen müssen. Als er nun
einmal gepeinigt war, und sich wieder angekleidet
hatte, verbanden sie seine Augen mit einem Tuche,
und als sie seine Hände zusammengebunden hatten,
haben sie ihn daran in die Höhe gezogen und ihn so
hängen lassen; darnach zogen sie ihm seine Kleider
wieder aus und strichen ihn scharf mit Ruten; dessen
ungeachtet, wie sehr sie ihn auch peinigten, hat er
doch niemanden verraten; sodann legten sie ihn aber-
mals auf die Folterbank, und ließen ihn zum zweiten
Male mit Ruten geißeln, ihm Urin in den Mund gießen
und brennende Kerzen unter seine Arme halten; hier-
nächst wurde er abermals nackend ausgezogen und
ihm das Hemd vor die Scham gebunden, wonach er,
wie zuvor, mit einem Gewichte an den Füßen bei den
Händen aufgewunden worden ist; in diesem Zustan-
de ließen sie ihn hängen und sind hinausgegangen.
Als sie nun eine Zeitlang darauf wieder hineinkamen,
haben sie trotzig zu ihm gesagt, wenn er niemanden
verraten wollte, so wollten sie so den ganzen Tag mit
ihm umgehen; aber Gott, dem er dafür dankte, be-
wahrte seinen Mund dergestalt, daß durch seine Re-
den niemand zu Schaden kam. Summa, er wurde so
gepeinigt, daß er nicht gehen konnte, sondern getra-
gen werden musste.
Einige Tage darauf, als er vor Gericht gebracht wur-
de, haben sie ihn spöttisch mit einem Blumenkränze
gekrönt, und dahin verurteilt, daß er erwürgt und
verbrannt werden sollte. Als er das Urteil hörte, hat er
sich freudig und geduldig bezeugt, bis er zum Pfahle
kam, wo er sein Gebet in folgender Weise sehr brüns-
tig verrichtet bat: O Vater und Herr, sei mir gnädig,
laß mich eines deiner geringsten Schäflein oder das
geringste Glied an deinem Leibe sein. O Herr, der du
von oben herab siehst und die Herzen und alle Heim-
lichkeiten kennst, vor welchem alle Dinge als nichts
zu achten sind, du kennst meine aufrichtige Liebe zu
dir, nimm dich doch meiner an und vergib es ihnen,
die mir dieses Leid verursachen. Als er aufstand, rief
er zum Volke: O Menschen, wie lang ist ewig, wie
lang ist ewig, das Leiden aber hier ist bald geschehen;
doch ist der Streit hier so bitter und streng. Ach, wie
bange ist mir noch! O Fleisch, erdulde und widerstehe
noch ein wenig, denn dies ist der letzte Streit. Als nun
der Strick um seinen Hals gelegt war, rief er: O himm-
lischer Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.
Mit diesen Worten ist er gestorben und nachher ver-
brannt worden. Also hat er sein Opfer getan, und hat
tapfer für den Namen Christi gestanden, und weder
Pein, Leiden, Schande, noch die Herren dieser Welt
gescheut, sondern hat tapfer bis zum Tode gestritten;
darum wird auch am jüngsten Tage, wenn das getö-
tete Lamm das Buch öffnen wird, sein Name darin
gefunden werden; die Abgefallenen dagegen werden
in die Erde geschrieben werden, die Erde aber, mit
den Werken, die darin sind, wird verbrennen.
Da wir eine treue Abschrift aus dem Buche des
Blutgerichts der Stadt Amsterdam, sowohl des Todes-
urteils, als auch der zweimaligen Folter, welche dieser
Freund Gottes vor seinem Tode ausgestanden hat, und
auch eine zuverlässige Nachweisung, wann solches
alles geschehen sei, erhalten haben, so halten wir es
für angemessen, dieselbe beizufügen, damit niemand
an dem Vörgemeldeten Zweifel habe, sondern davon
sattsam versichert sein möge.
Todesurteil des Gerrit Corneliß, mit dem Zunamen
Boon.
Nachdem Gerrit Corneliß, sonst Gerrit Boon genannt,
Bootfahrer und Bürger dieser Stadt, gegenwärtig ge-
fangen, seiner Seelen Seligkeit, wie auch des Gehor-
sams, den er unserer Mutter, der heiligen Kirche, und
ihrer königlichen Majestät, als seinem natürlichen
Herrn und Fürsten, schuldig war, auch dabei die Ord-
nung der heiligen Kirche verschmäht, sodass er inner-
578
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
halb 10 Jahren weder zur Beichte noch zum heiligen
Sakramente gegangen, und ferner sich auch unterstan-
den hat, öfters in die Versammlung der verdammten
Mennoniten-Sekte oder Wiedertäufer zu gehen, wo-
bei er auch vor acht Jahren die Taufe, die er in seiner
Kindheit von der heiligen Kirche empfangen, verleug-
net hat und davon abgefallen ist, sodass er sich hat
wiedertaufen lassen und darauf das Brotbrechen nach
der Weise der vorgemeldeten Sekte öfters empfangen
hat, auch wenn er in die Versammlung der gemelde-
ten Sekte gegangen, niemanden von ihnen angeredet,
nicht weniger auch (obschon in seiner Gefangenschaft
sowohl die Herren des Gerichtes als auch verschiede-
ne geistliche Personen ihm zugeredet und ihn öfters
ermahnt haben, die vorgemeldete verdammte Sek-
te zu verlassen, und zu unserer Mutter, der heiligen
Kirche, zurückzukehren) solches zu tun sich gewei-
gert; und in seiner Hartnäckigkeit und Halsstarrigkeit
verharrt, sodass er, der Gefangene, vermöge dessen,
was zuvor gemeldet ist, das Verbrechen der verletzten
göttlichen und menschlichen Majestät begangen hat,
indem durch gemeldete Sekte die öffentliche Ruhe
und Wohlfahrt des Landes gestört wird, laut Ihrer Ma-
jestät Befehlen, die davon handeln, welche Missetaten
gleichwohl andern zum Exempel nicht ungestraft blei-
ben mögen - so haben die Herren des Gerichts, nach-
dem sie die Anklage des Herrn Schultheißen gehört
und des Gefangenen Bekenntnis gesehen, auch sei-
ne Verstocktheit und Hartnäckigkeit wahrgenommen,
den Gefangenen dahin verurteilt, und verurteilen ihn
kraft dieses, daß er, laut Ihrer königlichen Majestät Be-
fehlen, mit Feuer hingerichtet werden soll, wobei sie
ferner alle seine Güter zum Nutzen Ihrer königlichen
Majestät verfallen zu sein erklären.
Geschehen vor Gericht, den 26. Juni im Jahre 1571,
in Gegenwart aller Gerichtsherren, mit Zustimmung
Corneliß Jacobß, Brouwer und Hendrik Cornelis, Bür-
germeister, in Gegenwart meiner, als Gerichtsschrei-
ber. Unterschrieben war W. Pieterß.
Von der Zweimaligen Folter des Gerrit Corneliß,
nach Anweisung des Buches des Blutgerichts zu Ams-
terdam.
Derselbe ist zweimal gefoltert worden, nämlich den
27. April und den 3. Mai des Jahres 1571, laut des
Urteils der Gerichtsherren, wie solches aus dem Pro-
tokolle des Bekenntnisses zu ersehen ist.
Ausgezogen aus dem Buche des Blutgerichts der
Stadt Amsterdam, welches daselbst in der Kanzlei
deponiert ist, N. N.
Ein Brief von Hendrik Verstralen, geschrieben im
Gefängnisse zu Rypermonde an sein Weib im
Jahre 1571, wo er um des Namens des Herrn willen
sein Leben gelassen hat.
Die überschwänglich große Gnade Gottes, die wir
vom Vater durch Christum, seinen einigen Sohn, emp-
fangen haben, und der unermessliche Reichtum des
Heiligen Geistes, wodurch wir unter diesem argen
und verkehrten Geschlechte zum ewigen Leben be-
wahrt werden, ja, dieser einige und ewige Gott aller
Gnade wolle dich bewahren, mein geliebtes Weib und
Schwester in dem Herrn; mein Fleisch und mein Bein,
die liebste unter allen Kreaturen auf Erden, denn ich
habe mehr als einmal vor dem Herrn bekannt, daß
ich die ganze Welt, wenn sie mein wäre, darum geben
wollte, wenn ich mein Weib und meine Kinder mit
gutem Gewissen erhalten könnte; aber um des Herrn
willen muss ich alles verlassen, der Natur zwar zuwi-
der, aber der Geist muss das Fleisch überwinden. Ach,
meine Janneken, mein Schaf, wie schwer fällt es mir,
von dir und den Kindern zu scheiden! Ach, wie tief
liegt ihr in meinem Herzen begraben; dies verursacht
mir jetzt einen großen Streit; der Herr wolle mir zum
Siege helfen, damit mir die Krone des Lebens bereitet
werden möge, und auch allen auserwählten Heiligen
Gottes, welche um des Herrn willen alles verlassen
haben.
Ach, mein geliebtes Weib, mein Schaf, meine Liebe,
ich sage dir aus dem Innersten meiner Seele Dank
für deinen tröstlichen Brief, den du mir gesandt hast;
der Herr müsse allen denen sein ewiges Leben geben,
die mit Rat und Tat dabei geholfen haben. Der Brief
hat mir mehr Sorgen von meinem Herzen genommen,
als alle Güter wert sind, die auf dem Erdboden sind.
Ach, wie gut ist es, der Gefangenen eingedenk zu
sein! Wie sehr hat mir Habakuk genutzt, der mich
armen Gefangenen hier in der Löwengrube an meiner
Seele gespeist hat, denn etwas, das von außen kommt,
stärkt mich zehnmal mehr als das, was ich bei mir
habe.
Ach, mein liebes Weib und Schwester in dem Herrn,
ich bitte dich um des Hern willen, der ich um des
Herrn willen gebunden bin, halte dich doch zu der
Wahrheit, worin die Gemeinde zu Antwerpen und
Gent steht; halte dich zu den wahren Gottesfürchtigen,
dann wird der Gott alles Trostes mit dir sein, ja, Gott
und seine heilige Gemeinde werden dich und meine
jungen Schäflein wohl versorgen, daran zweifle ich
nicht; bleibe du in des Herrn Furcht, und wirf alle
deine Sorgen auf ihn; obgleich du jetzt arm bist, meine
Schwester und geliebtes Weib, so wirst du doch viel
Gutes haben, wenn du Gott fürchtest und die Sünde
579
meidest, wie ich das Vertrauen zu dir habe.
Ferner bitte ich dich, meine allerliebste Frau, tra-
ge doch Fürsorge, solange du lebst, für meine junge
Schäflein, mein Susanneken, meinen Abraham und
meinen Isaak, damit sie doch in der Furcht Gottes auf-
erzogen werden mögen. Ach, ich bitte meinen Gott
mit heißen Tränen, daß er sie in seiner Furcht auf-
wachsen lassen oder sie in ihrer Jugend zu sich holen
wolle!
Ach, meine Allerliebste auf Erden, Janneken Vers-
tralen, küsse bisweilen meine Kindlein einmal statt
meiner, und sage meiner Susanneken, es sei ihres Va-
ters Begehren, daß sie ihrer Mutter in der Gottesfurcht
gehorsam sein und fleißig lernen soll, damit sie ihrer
Mutter helfen möge, die Kost für die beiden Brüder-
lein zu verdienen. Und du, meine Janneken, mein
Liebe, gedenke doch meiner in deinem Gebete, dei-
nes gefangenen Mannes, der um der ewigen Wahrheit
und des Zeugnisses Jesu willen gebunden ist, darum
bitte ich dich und alle gottesfürchtigen Brüder und
Schwestern, nämlich, daß ihr uns helft zu Gott bitten,
daß wir den Sieg eines keuschen Kampfes erlangen,
und daß Gott meine Fland streiten, und meinen Arm
den ehernen Bogen spannen lehre, damit ich durch
den Glauben das Kriegsvolk zerhauen und also mit
meinem Gotte über die Mauer springen möge, da-
mit ich mit Paulus sagen könne: Der Kampf ist ge-
kämpft, der Lauf vollendet, die Krone des Lebens ist
mir beigelegt. Wir, nämlich Maeyken und ich, sind
noch wohlgemut, dem Reiche Gottes solche Gewalt
anzutun, daß auch Lleisch und Blut an den Pfosten
und Pfählen hängen bleiben soll. Sie erlauben uns
nicht, beisammen zu sitzen, doch sind wir dreimal
beieinander gewesen, wiewohl mit List; das erste Mal,
als der von Gent gekommen war, der zu disputieren
pflegte; er kam mit den sämtlichen Herren; ich stellte
ihnen vor, mit welchem Unglücke diejenigen gestraft
werden würden, die ihre Hände in das Blut der Un-
schuldigen legen würden. Darauf schlugen sie die
Augen nieder, aber ein Fuchsschwänzer sagte, ich hät-
te die Herren alle aufs Höchste beschuldigt. Summa,
ich fühlte, daß er derjenige war, der mit mir disputie-
ren sollte; darum habe ich mich zuletzt verstellt, als
könnte ich mich nicht mehr wehren; zu den Herren
aber redete ich freundlich und begehrte von ihnen,
sie sollte es Maeyken auch hören lassen; denn ich se-
he, sagte ich, daß ihr Fleiß anwendet, mir zu helfen;
wenn ihr dem einen helft, so helft ihnen beiden, es ist
mit gleicher Mühe getan. Sie gaben ihre Einwilligung
hierzu, und wir setzten nun den Schild gegen den
Speer, was bis in den Nachmittag währte. Nach dem
Essen kamen wir wieder zusammen; aber Maeyken
konnte nicht zu mir kommen; da entstand unter uns
ein scharfer Wortstreit; aber sie wandten das Blatt um,
fingen an, freundlich zu reden, und sagten, ob ich
denn nicht tun dürfte wie Paulus, und wider meine
Erkenntnis Timotheus beschneiden und mein Haupt
bescheren lassen; ja, heimlich sagte er, ob ich nicht
mit Judith Holofernes Haupt abschlagen dürfte, und
wenn es auch nicht die Wahrheit wäre, und daß ich
nicht alles tun würde, was ich versprechen würde, ob
es nicht doch eben derselbe Gott wäre; ob man nicht
noch ebenso wohl lügen dürfte, als damals, wenn die
Lüge etwas Gutes bezwecke; denn es heißt, sagte er:
Ist es möglich, o haltet Lrieden mit allen Menschen;
darüber begehrte ich, mich zu bedenken, wenn ich es
anders mit Wahrheit und gutem Gewissen tun könnte.
Darauf gingen wir voneinander, und sie sagten, daß
sie auch sonst nichts begehrten. Zu einer andern Zeit
kamen sie abermals zu mir und fragten, wie ich mich
bedacht hätte, und setzten hinzu, ich suche allezeit
bei Maeyken zu sein, was doch nicht sein könnte. Da
sagte ich: Lasst uns Zusammenkommen; ich hoffe al-
lezeit zu tun, was möglich ist. Darauf ist Maeyken zu
mir gekommen; ich stellte ihr alles vor, wie sie mir
getan hatten, als Maeyken sagte: Wie soll das zuge-
hen? Sollte der Hund wieder fressen, was er gespien
hat? Darauf sagte ich, sie sollten mich mit Maeyken al-
lein reden lassen, was sie auch Zugaben. Zu Maeyken
sagte ich: Es soll mich dessen kein Lebendiger überre-
den, daß der Pfaffen Dinge recht sind; sie wissen es
wohl, aber sie suchen uns los zu werden; wir wollen
miteinander leben und sterben.
Zu einer andern Zeit redeten sie mit Maeyken allein;
doch ließen sie mich auch kommen. Als ich bei ihnen
war, bemerkte ich, daß sie uns große Freundschaft be-
wiesen, und viel verhießen; sie sagten nämlich, daß sie
uns so frei auf die Straße liefern wollten, als wir jemals
gewesen, und daß sie ihre Seelen zum Pfände setzen
wollten. Darüber wurde ich zuletzt furchtsam und
dachte, ich würde durch süße Worte verführt werden;
auch hatten sie größeren Glauben, mich zu gewinnen,
als Maeyken; darauf fiel ich auf meine Knie und bat
sie, sie sollten unsertwegen keine Mühe anwenden,
denn ich hätte meinen Gott unter vielen Tränen Tag
und Nacht gebeten, daß er mich in seiner Wahrheit
bewahren wolle, darum wollte ich mit dem Herrn
leben oder sterben. Da sprang Maeyken auf vor Freu-
de, denn sie meinte, ich hätte es aufgegeben, weil ich
mit betrübtem Angesichte hineingekommen war, und
sprach: Nun bin ich froh, denn ich meinte, sagte sie,
ich müsste allein sterben. Als ich nun merkte, daß
Maeyken solche Gedanken über mich hatte, fiel ich
auf meine Knie und sagte: Das ist mir leid! Darauf ga-
ben wir einander die Hände, küssten uns und waren
sehr fröhlich miteinander, aber unsere Widersacher
580
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
wurden sehr betrübt. Ich hätte gern diesen Vorgang
sauber beschrieben, aber ich kann es mit den Gerät-
schaften nicht wohl ausführen.
Ferner, mein geliebtes Weib, mein Schaf, meine Lie-
be, berichte ich dir, daß ich in meinem Gewissen we-
nig Beschwerung habe; dem Herrn sei ewiges Lob
dafür; aber alle Traurigkeit, die ich habe, wird durch
den Gedanken der Trennung von dir herbeigeführt.
Doch, mein liebes Schaf, weil du so gut geartet bist,
daß du ohne Mann leben kannst, so bitte ich dich, daß
du fernerhin bei deinen Kindern allein bleibst, denn
es entsteht oft große Betrübnis durch das abermali-
ge Heiraten. Sollte ich dich etwa jemals durch meine
Schwachheit betrübt haben, so bitte ich dich um Ver-
gebung, um der tiefen Wunden und des unschuldigen
Todes des Herrn willen. Grüße mir insbesondere al-
le Gottesfürchtigen mit dem Frieden des Herrn, wie
auch die Säuglinge, die Zion an den Brüsten liegen.
Seeres, du zerbrochenes Beinhaupt, und I. von G.,
helft doch für meine arme Witwe und Waisen sorgen,
und wisst, daß ihr darin nicht den Menschen, son-
dern Gott dient. Ich lasse H. C. M. und A. und L. und
C. sehr grüßen. Ach, wie gern wollte ich ausführlich
schreiben, wenn ich mit gutem Schreibzeug versehen
wäre! Gute Nacht, mein Fleisch und Blut! Küsse mir
Susanneken. Ach, gute Nacht, gute Nacht, mein lie-
bes Weib! Bitte unsern Herrn für mich um ein seliges
Ende.
Noch ein Brief von Hendrik Verstralen an sein
Weib.
Ach, mein geliebtes Weib, mein Fleisch, mein Bein,
meine liebe Freundin, meine Liebe, mein Schaf, nicht
an meinem Herzen, sondern in meinem Herzen, und
nun meine arme Witwe, die ich nach Gottes Belieben,
Güte, Willen und Rat verlassen muss, dem es Wohl-
gefallen hat, daß ich hier um seiner ewigen Wahrheit
willen gebunden liegen soll, die ich, meine liebe Frau
und Schwester in dem Herrn, mit meinem Tode durch
Gottes Gnade zu bezeugen hoffe, damit wir Gott den
Gehorsam, den wir ihm schuldig sind, abstatten; das
ist die Absagung unserer selbst, und daß wir über
ihn nichts lieben mögen, weder Vater, noch Mutter,
Weib noch Kinder, noch unser eigenes Leben; denn
sonst droht uns Gott mit seinem ewigen Gerichte. Wer
etwas mehr liebt als mich, der kann nicht mein Jün-
ger sein, noch viel weniger ein Sohn; die nun keine
Söhne sind, solche sind Bastarde, die an Gott kein Teil
und Erbe haben werden. Und dieses ist die Ursache,
mein liebes Weib, daß, obgleich du mit meinen klei-
nen Kindern so tief im meinem Herzen liegst, du doch,
gegen meine Natur, da hinausgestoßen werden musst.
denn du kannst weder mir, noch dir ein Abgott sein,
so lieb als wir unsere teuer erkauften Seelen haben.
So lasse ich dich denn wissen, mein geliebtes Weib,
durch dieses mein Schreiben, daß ich dich und mei-
ne Kinder demselben großen, allmächtigen, ewigen
Gott anbefehlen will, der reich an Barmherzigkeit ist
(über alle, die ihn fürchten und lieben), daß er euch
durch seine Güte und große Macht zu einem ewigen,
herrlichen und unbefleckten Erbe bringen wolle, unter
allen, die geheiligt sind. Der Gott allen Trostes und der
Vater aller Gnade, welcher der rechte Vater genannt
wird, im Himmel oder auf Erden, gebe dir, mein liebes
Weib, Janneken Verstralen, daß du durch seine uner-
gründliche Barmherzigkeit und unermessliche Güte
und durch den Reichtum seiner Gnade, durch seinen
Heiligen Geist, an dem inwendigen Menschen stark
werden mögest, und daß Christus sein hochgelobter
Sohn, durch den Glauben in deinem Herzen wohnen
möge, damit du, meine Geliebte, mit dem Rocke der
Gerechtigkeit angekleidet werden und mit dem Gür-
tel der Wahrheit und dem Bande der Liebe um die
Lenden deines Gemütes umgürtet werden mögest, ja,
daß das Traubenkörblein und das Büschlein Myrrhen,
das ist Jesus Christus, an deinem Herzen zwischen
deinen Brüsten hangen möge, wodurch du vor der
Pestilenz, die im Finstern schleicht, bewahrt werden
und so mit einem ewigen Kranze prangen kannst, als
eine Tochter, die aus königlichem Samen des leben-
digen Wortes Gottes geboren ist, und den Sieg eines
keuschen Kampfes erlangt hat; das müsse geschehen
zum Lobe und Preise des großmächtigen Gottes und
zu deiner Seelen Seligkeit, Amen.
Dieses sendet dir Hendrik Verstralen, dein Mann,
gebunden in dem Herrn und der ewigen Wahrheit
und des Zeugnisses Christi willen, als meinem gelieb-
ten Weibe und Schwester in dem Herrn, zu einem
Gruße und guten Wunsche meines Herzens und zu
meinem letzten Abschiede. Gute Nacht, meine Liebste
auf Erden. Gute Nacht, Schwester im Herrn. O stark
ist die Wahrheit! Sie überwindet alle Dinge. O mei-
ne eigene Rippe! Du bist mitten aus meinem Leibe,
wie sollte ich dich nicht lieben, du, mein Weib, die
meine Seele mehr liebt als meinen Leib, wie ich aus
deinem Briefe ersehe, welcher mir eine große Freude
und ein ewiger Trost ist, und den ich auch unter vie-
len Tränen gelesen habe; ich danke dir, mein Schaf,
für deine ernstliche Fürsorge für mich. Ferner bitte
ich dich, mein liebes Weib, die ich mir in Ehren vor
Gott und seiner Gemeinde zur Gattin genommen ha-
be, du wollest doch, da unser Abschied jetzt vor der
Türe ist, mit allen Gottesfürchtigen, zu Gott noch eine
kurze Zeit bitten und flehen helfen, bis wir, Maeyken,
unsere liebe Schwester, und ich, dein Mann, die wir
581
nun noch in unserm heftigsten Streite unter der Blut-
fahne stehen, die Christus, der Herzog des Glaubens
und oberste Feldherr selbst getragen hat, mitten un-
ter seinen Heiligen, mit ihm durch unsern Tod unsere
Feinde überwinden, mit unserm Gott das Fähnlein auf
den Mastbaum stecken, und mit Frieden und Ruhe in
unsere Kammern kommen und die Zukunft unsers
Herrn erwarten mögen, der uns durch seine Gnade
aus der Erde zum ewigen Leben wieder auferwecken
wird. So sei nun, mein liebes Schaf, mein Fleisch, mein
Blut, in deiner Trübsal geduldig; bleibe mit Judith und
der Prophetin Anna anhaltend im Gebete, und diene
deinem Gott Tag und Nacht in dem Hause des Herrn,
welches seine Gemeinde ist. Sieh, mein liebes Weib,
ich hoffe, du werdest nach Paulus Rat handeln, und
weil du unverehelicht bist, dem Herrn ohne Hinder-
nis dienen, und suchen, dem Herrn zu gefallen und
heilig zu sein an Leib und Seele. Höre doch, mein
Weib, meine Liebste auf Erden, folge meinem Rate um
des Herrn willen; geh hin und verkaufe alles, was du
entbehren kannst, was freilich nicht viel ist, und richte
dich so sparsam ein als du kannst, denn eine Witwe
kann sich mit Wenigem behelfen, und suche dir eine
ehrliche, stille Jungfrau zur Gehilfin, die mit junger
Gesellschaft nicht in Verbindung steht; fliehe die Lüs-
te der Jugend, und tue an meinen kleinen Kindlein
das Beste; der Herr wird dich wohl versorgen.
Der welcher dem wilden Esel, der vor Durst in der
Wüste schreit, sein Futter gibt, und die jungen Ra-
ben speist, die zu Gott schreien, wie David sagt, wird
dich auch speisen, mein liebes Schaf, wenn du, meine
Witwe, mein auserwähltes Schaf, mit meinen jungen
Waisen zu Gott schreien wirst; und fallen auch deine
Tranen hier auf die Erde, so werden sie doch nicht
nachlassen, durch die Wolken zu dringen, und vor
Gott erscheinen; dann wird dir Trost widerfahren, wie
David sagt: Wenn die Elenden schreien (sagt er), so
hört der Herr, und er hilft ihnen aus allen ihren Nöten,
ja, der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn
von Herzen fürchten. O mein liebes Weib, denke an
Paulus Worte: Die Zeit ist kurz, ich verschonte eurer
gern (sagt er), die da Weiber haben, sollen sein, als hät-
ten sie keine. Darum, meine liebe Schwester in dem
Herrn, Janneken Verstralen, das Ende aller Dinge ist
nahe gekommen, sagt Petrus, wo die Himmel wie ein
eingewickeltes Buch entweichen, wie Rauch vergehen,
und die Elemente vor Hitze verschmelzen werden. O
wie musst du dann geschickt sein mit einem heili-
gen keuschen Wandel! O mein liebes Weib! Dieses
Wörtlein hat mich um meines argen, widerspenstigen
Fleisches willen, welches mich umgeben hat, biswei-
len erschreckt, aber ich tröste mich damit, daß mich
Gott durch seine Züchtigung im Feuer der Trübsal
läutern und mir gnädig sein wird, denn ich habe seine
Wahrheit geliebt, wiewohl mir die Schwachheit noch
angehangen hat; darum will ich mit dem Propheten
Micha sagen: Ich will gern des Herrn Zorn ertragen,
denn ich habe mich an dir versündigt, und mit Sirach:
Ich will lieber in des Herrn Hände fallen, als in der
Menschen Hände, denn seine Barmherzigkeit ist so
groß als er selbst ist, er vergibt die Sünden und hilft in
der Not. Darum, mein liebes Weib, sei doch geduldig
in unserer beiderseitigen Trübsal, und bekenne doch
mit Judith, daß unsere Strafe noch viel geringer sei,
als unsere Sünden; er hilft in der Not, denn wer sich
vor dem Herrn demütigt, seine Sünde bekennt und
sie meidet, der wird Barmherzigkeit erlangen; wer
sie aber verhehlt, dem wird es nicht gelingen. Wenn
wir aber dem Herrn unsere Sünden bekennen, so ver-
gibt uns Gott dieselben, indem wir, wie Zacharias
sagt, einen freien, offenen Brunnen wider die Sünde
und Unreinigkeit haben, welcher Jesus ist, der uns
mit seinem teuren Blute erkauft hat; denn das Blut
unsers lieben Herrn Jesu Christi macht uns von allen
Sünden rein. Sieh, mein geliebtes Weib, wenn schon
des Leidens Christi viel über uns kommt, so werden
wir doch nach reichlicher getröstet durch Christum,
sodass wir durch seinen unschuldigen Tod das ewi-
ge Leben erlangen werden, wenn wir in der Furcht
Gottes bis ans Ende standhaft bleiben, wie ich, durch
Gottes Gnade, auch zu tun hoffe; ebenso bitte ich dich,
J. V., mein Schaf, meine Liebe, du wollest auch das-
selbe tun; bleibe eine ehrbare Witwe im Gebete und
Flehen zu Gott und in der Heiligung, ohne welche nie-
mand den Herrn sehen wird, bis du von dem Herrn
auch hinweggenommen werden wirst.
Ach, meine Allerliebste auf Erden, mein väterliches
Herz; ich wünsche dir und meinen Kindlein viel Gutes
an der Seele; es sind drei von meinen Schäflein bei
dem Herrn, und ich hoffe durch Gottes Gnade bald
der Vierte zu sein. Ach, mein liebes Weib, möchte
ich für euch, die noch Zurückbleiben müssen, durch
Gottes Gnade und Kraft zweimal lebendig in einer
Pechtonne verbrannt werden, damit ihr mit mir bei
dem Herrn zur Ruhe eingehen könntet! Welch eine
Freude wäre dies für mein väterliches Herz, wenn
ich eurer aller Seligkeit gewiss wäre! Geschrieben mit
vielen heißen Tränen. Nimm es mir nicht übel auf,
mein geliebtes Weib, daß ich dich bitte, du wollest
eine ehrbare, stille Witwe bleiben; es ist zwar mein
Rat, aber um deswillen kein Gebot, denn ich begehre
es, weil es zur stärkeren Versicherung deiner Seligkeit
dient.
Ach, wie oft hat es sich zugetragen, dass Witwen,
deren Männer so tapfer vorangegangen waren, und
ihr Leben so tapfer für die Wahrheit gelassen hatten.
582
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
durch das abermalige Heiraten sich viel Schmerzen
aufgebürdet haben, und sind zum Teil ins Verderben
geraten, zum Teil mit großer Betrübnis dahin gegan-
gen und haben über diejenigen geseufzt, die sie jetzt
haben. Darum, mein liebes Schaf, sage ich noch ein-
mal, denk an das Wort des Apostels: Die Zeit ist kurz,
ich schonte eurer gern (sagt er); denn er hätte gern ge-
wollt, daß alle Menschen wie er gewesen wären, weil
er sah, daß durch das Heiraten über das Fleisch viel
Trübsal kommt; doch hat ein jeder seine besondere
Gabe, der eine auf diese, der andere auf jene Weise;
darum tue was du willst, doch daß es im Herrn gesch-
ehe; aber ich habe die Hoffnung und das Vertrauen
zu meinem Gotte, daß er dich und meine drei Schafe
festhalten und euch bewahren werde, damit ihr nicht
genommen werdet, und daß er dich, mein geliebtes
Weib, nicht über dein Vermögen werde versucht wer-
den lassen, denn Gott weiß die Gottseligen aus der
Versuchung zu erlösen, den Gottlosen aber und Bösen
auf den Tag des Urteils zur Peinigung aufzusparen.
Darum will ich dich, mein liebes Schaf, dem Herrn
anbefehlen, als unserm Gotte und Nothelfer, wie auch
seiner heiligen Gemeinde; sie sollen sämtlich ihr vä-
terliches Herz gegen euch aufschließen, meine arme
Witwe und jungen Waisen.
Ferner begehre ich, mein liebes Weib, du wollest
doch die gottesfürchtigen Brüder und Schwestern,
wenn es sich passen will, von meinetwegen mit dem
Frieden des Herrn herzlich grüßen und ihnen sagen,
mein ernstliches Begehren an sie alle sei, daß sie an
uns arme Gefangene, als ihre Mitbrüder, denken und
helfen wollen, zu Gott zu flehen, daß wir des Herrn
Krieg führen mögen und uns helfen wollen, das Feld
zu behalten, damit wir es zu seinem Preise und unse-
rer Seligkeit ausführen mögen; wünschen ihnen allen
von unserer Seite gute Nacht, wenn ich etwa nicht wie-
der schreiben kann. So will ich auch dir, mein liebes
Weib, mein Fleisch und Blut, gute Nacht sagen; gu-
te Nacht, meine beständige Nothelferin, gute Nacht,
getreue Freundin auf Erden; der Herr sei gelobt, der
dich mir gegeben hat, du mein Schaf, die mich allezeit
in meiner Trübsal getröstet hat. Gute Nacht, meine
Susanna, mein Abraham, mein Isaak; gute Nacht Jan-
neken, meine Allerliebste auf Erden, die mir sechs
Kinder geboren hat; ich hoffe bald bei dreien dersel-
ben in der Ruhe zu sein. Der allmächtige Gott, dem
kein Ding unmöglich ist, und der alles in seiner Hand
hat, wolle dich, mein auserwähltes Weib, mit den an-
dern drei unschuldigen Schäflein zu seinem ewigen
Leben bewahren. Ach, mein Schaf, meine J. V., das
wolle uns der allmächtige Gott gönnen, daß wir mit
unsem Kindlein zu dem Herrn kommen und mitein-
ander vor dem Throne des Lammes und der Majestät
unseres Gottes fröhlich sein mögen, Amen. Gott wolle
dich bewahren, mein liebes Weib, in der Tauben Ein-
falt, in der Kinder Unschuld und der Schlangen Klug-
heit, und wolle dich zu seinem ewigen Erbe bringen.
Sei dem Herrn und dem reichen Worte seiner Gnade
anbefohlen. Von mir, deinem Manne, H. V., gebunden
um der ewigen Wahrheit willen zu Rypermonde mit
Fesseln an meinen Beinen.
Maeyken lässt dich und alle Gottesfürchtigen mit
dem Frieden des Herrn herzlich grüßen; auch grü-
ße uns insbesondere die Haushaltung zu D. Mein
freundliches Begehren ist, du wollest die alte Mutter
mit ihren Töchtern bitten, daß sie sofort ihre Lenden
mit dem Gürtel der Wahrheit gürten und die Schuhe
des Evangeliums anziehen wollen, und daß sie sich
in das Heerlager Gottes zu der Gemeinde begeben
mögen, wo man des Herrn Krieg führt; kommt doch
geschwind, meine liebe alte Mutter mit deinen jungen
Töchtern, und trage die Rüstung des Herzogs unseres
Glaubens, nämlich das Päcklein der Liebe, in welchem
ein Helm des Heils liegt, samt einem schönen Feder-
busche, genannt der Glaube und das rechte Vertrauen;
hängt doch den Mantel der Gerechtigkeit darüber, da-
mit der schöne Helm des Heils nicht verroste und der
Federbusch nicht nass werde, das ist, daß euer Glau-
ben und Vertrauen zu Gott nicht aufhöre, und ihr mit
dem Verzagten und Furchtsamen nicht Zurückblei-
ben mögt, wenn ihr auch seht, daß auf die Gerechten
alle Ungewitter, Stürme und Platzregen fallen. Beden-
ke, mein liebes Schaf, daß alle Gottesfürchtigen hier
ihre Namen einschreiben lassen müssen und unter
der blutigen Fahne, die Christus Jesus, unser obers-
ter Feldherr, mitten unter seinen Heiligen getragen
hat, Soldaten werden müssen, unter dessen Panier ich
durch Gottes Gnade jetzt stehe, und hoffe, mit ihm
ritterlich zu streiten und gesetzmäßig zu kämpfen,
solange ich auf meinen Beinen stehen kann, und ein
Atemzug in mir ist.
Hiermit will ich euch, meine lieben Freunde D. und
P., so wie den Töchtern, gute Nacht sagen und Gott an-
befehlen, samt dem Worte seiner Gnade, in der Hoff-
nung, daß ihr nachfolgen werdet. Gute Nacht, meine
lieben Freunde, an deren Tafel ich das letzte Brot mit
Freuden gegessen und Gott zu Ehren ein Liedlein ge-
sungen habe. Gute Nacht, meine lieben Freunde, in
der Hoffnung, daß wir miteinander das Brot in dem
Reiche Gottes essen, und das Öl der Freuden samt
dem neuen Weine trinken werden.
Von mir, H. V., in Banden um des Zeugnisses der
Wahrheit willen auf Palmsonntag, im Jahre 1571.
583
Ein Brief von Hendrik Verstralen, geschrieben an
seine Brüder und Schwestern.
Unsern herzlich geliebten Brüdern und Schwestern,
die ihr in gleichem Glauben mit uns steht in dem
Herrn und aus Babel gegangen seid, damit ihr nicht
mehr anrührt, was unrein ist, oder mit den Ungläubi-
gen an einem Joche zieht, sondern nach Jerusalem zur
Gemeinde des lebendigen Gottes gekommen seid, da-
mit ihr daselbst dem Herrn, eurem Gott, dient, wozu
eurer noch einige gespart sind, wie der Prophet Jere-
mia sagt, damit sie getauft werden, wünschen wir Ge-
fangene und Gebundene in dem Herrn um der ewigen
Wahrheit willen, H. V. und N. D., euer schwächster B.
und S. in dem Herrn, viel Trost, Freude und Wonne
in eurer aller Herzen von Gott, unserm himmlischen
Vater, und das durch Jesum Christum, seinen ewigen
und eingeborenen Sohn voller Gnade und Wahrheit,
als durch unsern Hohepriester und Gnadenthron, der
sich selbst Gott, seinem Vater, für uns am Kreuze auf-
geopfert hat, damit er uns durch seinen Tod des Kreu-
zes zu dem ewigen Leben zubereiten möge. Durch
dieses unschuldige und unbefleckte Lämmlein, das
unsere Sünden hinweggenommen hat, beugen wir
Tag und Nacht die Knie unserer Herzen vor Gott un-
serem himmlischen Vater, daß er seinen Frieden bei
euch ausbreiten wolle, wie einen Wasserfluss, und
euch stärke, meine heben Brüder und Schwestern in
dem Herrn, mit seinem Heiligen Geiste, damit an dem
inwendigen Menschen ihr gestärkt werden, und die
Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens und
der Liebe erhalten mögt, damit wir, meine heben Brü-
der und Schwestern, die wir durch das edle und teure
Blut unseres Herrn Jesu Christi erkauft und erlöst
sind, sämtlich dem Herrn dienen mögen, in Heiligkeit
und Gerechtigkeit, die vor ihm gefällig ist, solange
wir in dieser Hütte sind, Amen.
O du Heerlager des Herrn! Du Stadt des lebendigen
Gottes! Der Herr wolle dir auf deine Mauern Wächter
stehen, die weder Tag noch Nacht schweigen; dei-
ne Lehrer müssen (wie David sagt) mit viel Segen
geschmückt werden, und einen Sieg nach dem an-
dern erhalten, damit des Herrn Weinberg gepflanzt
werden möge und du, Jerusalem, auf erbaut werden
mögest, du Tempel des Herrn, wiewohl in kümmerli-
cher Zeit. Ein jeder gürte sein Schwert an seine Seite,
mit der einen Hand zimmere er, und mit der andern
halte er den Spieß, damit die Feinde, die unsere Arbeit
verhindern wollen, zurückgetrieben werden mögen,
damit Zion allein zubereitet dargestellt werden mö-
ge. Ach, meine heben Brüder und Schwestern, dieses
wünschen wir euch von Gott, daß ihr in einander
aufgebaut werden mögt, zu einem geistigen Hause
und zur Wohnstätte Gottes, daß Gottes Gesetz in al-
ler Herz geschrieben und sein Gebot in eurem Sinne
sein möge, und er euch bewahre, die ihr Gottes Söh-
ne und Töchter bleibt, worunter Gott wohnen und
wandeln will, damit ihr nimmermehr anrührt, was
unrein ist, sondern euch in allen Dingen als Diener
Gottes beweist, damit der Name des Herrn gepriesen
werde, vom Aufgange der Sonne bis zum Niedergang.
Ach Brüder und Schwestern, daß doch euer Licht wie
ein Morgenstern aufgehen möchte, und ihr das kö-
nigliche Priestertum, das heilige Volk des Eigentums
bleiben mögt, damit ihr, hebe Brüder und Schwestern,
an allen Orten heilige Hände zu Gott aufheben und
ihm die Frucht der Lippen und geistige Opfer opfern
mögt, damit die Schale des Herrn voll Rauchwerk
werde, von den Gebeten der Heiligen. O du Braut
des Lammes, die du aus Liebe zu deinem Bräutigam
Christo bis zum Tode eifern, die Früchte der Gerech-
tigkeit mit vielen Schmerzen gebären und von seiner
Liebe krank hegen musst! Der Herr, unser Gott, le-
ge doch seine linke Hand unter dein Haupt, und mit
seiner rechten Hand müsse er dich herzen, du wie-
dergeborene Eva von Christo, deinem Manne, durch
den unvergänglichen Samen des lebendigen Wortes
Gottes, die aus dem väterlichen Herzen gezeugt ist.
O du schöne Tochter des allmächtigen Vaters, die sei-
nem Sohne Jesu, dem Herrn selbst vom Himmel, nun
vorgestellt ist, und durch den Glauben von ihm das
ewige Leben empfangen soll; der ewige allmächtige
Vater gieße seinen Segen durch die Kraft des Heiligen
Geistes reichlich in dich aus, und mache dich frucht-
bar zu allen guten Werken geschickt, damit du seinem
Sohne Jesu viele Söhne und Töchter erzeugen mögest,
und seine Weinkelter durch die Zahl seiner Heiligen
bald voll werden möge, und du also desto eher den
Untergang unserer unzähligen Feinde sehen mögest,
welche unsern Rücken gebeugt haben, und über uns
wie über eine Straße laufen und uns Böses für Gutes
einschenken, weil sie nicht mit uns bauen an dem geis-
tigen Hause des Herrn, denn sie sind unbeschnitten
am Herzen und fleischlich gesinnt. Wider diese unse-
re Feinde wolle uns und euch, meine heben Brüder
und Schwestern in dem Herrn, Gott die Waffen der
Gerechtigkeit anziehen, daß wir mit dem Evangelium
des Friedens gestiefelt, an unsern Lenden aber mit der
Wahrheit umgürtet sein mögen und allezeit das zwei-
schneidige Schwert des Geistes an der Seite haben,
und so unsern Helm der Seligkeit durch den Schild
des Glaubens, und das Päcklein der Liebe bewahren,
und also unserem Herzoge des Glaubens als christli-
che Ritter nachfolgen, die unverzagt des Herrn Krieg
führen, unter dem blutigen Fähnlein Christi, damit
wir und alle unsere heben Brüder und Schwestern
584
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
durch Gottes Gnade den Sieg des keuschen Kampfes
und des gottseligen Streites erhalten und so die Krone
des ewigen Lebens erlangen mögen, Amen.
Wir Gefangene in dem Herrn und Gebundenen um
der ewigen Wahrheit und des Zeugnisses Jesu willen,
Maeyken Deynoots und Hendrik Verstralen grüßen
hiermit alle unsere Brüder und Schwestern in dem
Herrn, und senden euch dieses wenige Schreiben aus
dem innersten Grunde unserer Herzen zu unserem
letzten Abschiede, und nehmen hiermit einen freund-
lichen Urlaub von allen lieben Brüdern und Schwes-
tern, insbesondere von euch, die ihr uns bekannt seid,
und uns in unserer Trübsal durch eure tröstliche Er-
mahnung viel Gutes bewiesen habt, während wir um
der ewigen Wahrheit willen gefangen liegen. Endlich
bitten wir noch einmal alle, die unsem Brief sehen
oder lesen hören werden, ehe wir aus dem Fleische
sind, daß ihr uns doch helfen wolltet, herzlich zum
Herrn bitten, daß wir bis in den Tod überwinden mö-
gen, zum Lobe und Preise des großmächtigen Got-
tes, zu unserm Heile und eurem Ruhme auf den Tag
Christi, Gute Nacht, alle meine lieben Brüder und
Schwester. Gute Nacht alle, die den Herrn und seine
Zukunft lieben. Gute Nacht H. P. H. von R. und D. P.
und Adam nebst seinem Weibe und B. P. und S. und
I. von H., unseren treuen Nothelfern. Gute Nacht R.
und L. B. und M. S. und G. nebst ihrer Schwester Jan-
neken. Liebe Freunde, lasst es euch zu Herzen gehen,
daß ihr für uns zu Gott bittet, denn wir bitten euch
darum mit Tränen. H. von R., ich bitte dich, grüße mir
doch sehr mit dem Frieden des Herrn L. von C, zum
Abschiede, wie auch eure Magd, euren Freund C. und
alle meine lieben Brüder. Ach, wollte Gott, daß die bei-
den Abrahams, ein jeder von seiner Rippe, eine Sarah
machen möchten, das wäre meines Herzens Wunsch;
sagt ihnen auch gute Nacht, Grietjen und Judith; gute
Nacht T. von S. und L., dein Weib, unsere L. S. G.,
euch darf ich ohne Scheu nennen, mein lieber Bruder;
gute Nacht, mein lieber Freund; ich hoffe noch, euch
zu bedenken, wenn es möglich ist. Haltet euch tapfer.
Geschrieben auf Georgentag 1571.
Ein Brief, welchen Maeyken Deynoots an ihre
Brüder und Schwestern geschrieben hat, als sie zu
Rypermonde im Jahre 1571 gefangen lag, wo sie
auch ihr Leben um der Wahrheit willen hat lassen
müssen.
Die überschwängliche Gnade und Barmherzigkeit
Gottes, unseres himmlischen Vaters durch seinen ewi-
gen und eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesum
Christum, der sich selbst Gott, seinem himmlischen
Vater für uns zur Versöhnung unserer Sünden aufge-
opfert hat, damit er uns von dem zukünftigen Zorne
erlöse, der über alle kommen soll, die dem Evange-
lium unseres Herrn Jesu Christo nicht gehorsam ge-
wesen sind, welche Pein und das ewige Verderben
leiden werden; aber Weisheit, Kraft und Trost des Hei-
ligen Geistes, der vom Vater und Sohn ausgeht, ja,
dieser einige, ewige, allmächtige Gott, von welchem
alle guten und vollkommenen Gaben kommen, müsse
allezeit bei uns und euch, meine lieben Brüder und
Schwestern, bleiben, damit er uns alle aus Gnaden
tüchtig mache durch sich selbst, damit wir an dem
Tage seiner Zukunft würdig erfunden werden mögen,
Amen.
Meine sehr geliebten Brüder und Schwestern in
dem Herrn, ich wünsche euch aus dem Grunde mei-
nes Herzens zum Abschiede, daß es euch an Seele
und Leib stets wohl gehen müsse; ich Maeyken, eure
schwache Schwester in dem Herrn danke euch aus
dem tiefsten Grunde meines Herzens, für die große
Liebe, die ihr uns erwiesen habt; ich wünsche vor Gott,
daß solche euch auch in der Not widerfahren müsse.
Meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn,
haltet es mir zu gut, daß ich nicht mehr mit meiner
Hand schreibe, denn ich bin darin sehr untüchtig, wie-
wohl ich es für unnötig halte, denn unser lieber Bruder
und Mitgefangener in dem Herrn, Hendrik, hat es für
uns beide wohl ausgerichtet; ich wünsche euch das-
selbe vor Gott, meine lieben Brüder und Schwestern
in dem Herrn. Nehmt es so an, als ob ich es geschrie-
ben hätte; meines Herzens Wunsch ist, solches mit
meinem Blute zu versiegeln zum Lobe und Preise des
heiligen Namens des Herrn und zu unserer Seelen
Heil, Amen. Mit meiner Hand sage ich gute Nacht
allen meinen lieben Brüdern und Schwestern in dem
Herrn. Gute Nacht, bleibt doch allezeit standhaft bei
der ewigen Wahrheit. Gute Nacht; bittet den Herrn
für uns; Gute Nacht G., C., N., T. nebst euren Weibern.
Gute Nacht B., L, B., P, meine lieben Schwestern; gute
Nacht Andries M., gute Nacht; haltet es mir gut.
Noch ein Brief von Maeyken Deynoots an ihren
Bruder und ihre Schwester.
Ich, gefangen in dem Herrn, grüße euch aus dem In-
nersten meines Herzens, mein herzlich geliebter und
sehr werter Bruder und Schwester J. und Andries, die
ihr nun wegen des betrübten Abschiedes in großem
Drangsale und großer Betrübnis seid. Ach, seid ge-
duldig in all eurer Trübsal, anhaltend im Gebete, und
fröhlich in der Hoffnung, die uns nicht wird zu Schan-
den werden lassen, mein lieber Bruder und Schwester
in dem Herrn. Ach, es ist ein köstliches Ding, gedul-
dig zu sein und auf des Herrn Hilfe zu warten, denn
585
wer Gott fürchtet, wird nach der Anfechtung getrös-
tet, und nach der Züchtigung findet er Gnade. Der
Herr verbirgt sein Angesicht wohl einen Augenblick,
aber mit ewiger Erbarmung wird er sich unserer erbar-
men. Darum, meine liebe Schwester Janneken, tröste
dich mit dem heiligen Worte des Herrn; du bist jetzt
gleich ein verlassenes und von Herzen betrübtes Weib,
so ist es doch nur um eine kleine Zeit zu tun, dann
wird deine Betrübnis in ewige Freude verwandelt wer-
den, denn, der dich gemacht hat, ist dein Mann, Herr
Zebaoth ist sein Name, der Heilige in Israel, der al-
ler Welt Gott genannt wird. O du Streiterin Gottes!
Streite tapfer wider dein Fleisch und Blut, und bleibe
standhaft bis an den Tod, dann wird dir die Krone
des ewigen Lebens gegeben werden, und eine voll-
kommene Freude, die niemand von dir nehmen wird,
Andries, mein lieber Bruder, daß du mit großer Be-
trübnis von uns geschieden bist und daß du dich nach
uns sehnst, solches musst du dem Herrn anbefehlen,
denn alle Dinge müssen doch ihre Zeit haben; es man-
gelt nicht an ihrer Macht, wie sie zu mir sagten: Weib,
du musst mit uns gehen; ich erwiderte: In des Herrn
Namen. Sie verlangten sehr nach dir; ich sagte: Ihr
werdet ihn wohl erwischen, wenn es des Herrn Wille
ist; ich ging abermals sehr gern; da grüßte ich unsere
lieben Brüder mit dem Kusse des Friedens, denn ich
war durch die Liebe dazu getrieben; ich denke, daß
mein Mitgefangener Bruder euch benachrichtigt hat,
wie es ferner ergangen ist; auch von unserer Verhand-
lung, so viel ihm davon erinnerlich ist, wird er euch
Nachricht gegeben haben; ich kann wegen Mangel
an Papier nichts davon schreiben. Mein lieber Bruder
und liebe Schwester, ich danke euch herzlich für eure
Ermahnung, treue Warnung und euren liebreichen
Trost, und wünsche vor Gott, daß euch von oben das-
selbe in eurer Not widerfahren möge; ich habe sie mit
viel Tränen gelesen, und daneben dem Herrn so oft
gedankt, der an seine armen, schwachen, gefangenen
und gebundenen Kinder denkt, und derselben nicht
vergisst durch seine große Gnade. Tröstet und ermah-
net euch untereinander mit denselben Worten, mein
lieber Bruder und Schwester in dem Herrn, und gebt
einander statt meiner einen Kuss; ich hoffe zu tun, wie
ihr gesagt habt. Hiermit will ich euch dem Herrn und
dem tröstlichen Worte seiner Gnade befehlen und sa-
ge gute Nacht allen lieben Brüdern und Schwestern in
dem Herrn; ich weiß nicht, daß mir jemand bekannt
ist, es sei in der Ferne oder Nahe, an den ich nicht
denken sollte. Gute Nacht, mit einem inwendigen hei-
ligen Kusse der Liebe und des Friedens. Gute Nacht,
bittet den Herrn für uns; ich tue ein Gleiches für euch
Tag und Nacht. Gute Nacht, meine lieben Brüder und
Schwestern; gute Nacht, gute Nacht mit Tränen; gute
Nacht, haltet ernstlich an, bis ihr hinweg genommen
werdet. Diesen Abschied schreibe ich an euch alle.
Haltet mir doch dieses schlechte und einfache Schrei-
ben zu gut.
Von mir, eurer schwachen Schwester in dem Herrn,
Maeyken Deynoots, geschrieben im Schlosse Ryper-
monde, wo ich gefangen und mit eisernen Ketten oder
Fesseln gebunden liege, um der ewigen Wahrheit wil-
len; mich verlangt nach dem Tage, wo ich mein Opfer
tun werde; ich hoffe ihn in Geduld zu erwarten. Im
Jahre 1571.
Adrian Janß, ein Hutmacher, und Jelis de Bäcker
werden um des Zeugnisses Jesu Christi willen
beide an einem Pfahle in Ryssel im Jahre 1571
lebendig verbrannt.
Hier folgen drei Briefe, von Adrian Janß, Hutmacher,
im Gefängnisse zu Ryssel geschrieben:
Der erste Brief von Adrian Janß, Hutmacher, an
sein Weib.
Die Liebe Gottes, des Vaters, die Gnade unsers Herrn
Jesu Christi, und die Gemeinschaft des Heiligen Geis-
tes sei mit dir, meinem lieben und werten Weibe und
Schwester in dem Herrn, nun und immer; das wün-
sche ich dir aus meines Herzens Grunde zum freund-
lichen Gruße, Amen. Nebst dem guten Wunsche mei-
nes Herzens und christlichem Gruße, berichte ich dir
(mein wertes und in Gott geliebtes Weib), wie es noch
um mich steht, und daß ich noch zufrieden und wohl-
gemut bin, der Herr sei für seine Gnade gelobt, die
er mir erweist; ich hoffe durch seine Gnade, daß er
mich bewahren und mir bis ans Ende helfen werde,
denn ich habe mit dem Propheten Jeremia ihm meine
Sache gegen meine Widersacher anbefohlen, welche
mir und dem Herrn widerstehen, denn ich bin um des
Namens des Herrn willen gefangen, weil ich mich mit
dem verlorenen Sohne aufgemacht habe, um meine
Schuld vor meinem Gotte zu bekennen, an welchem
ich gesündigt und mich vergangen habe, der mich
auch in Gnaden aufgenommen hat, als ich Ihn mit Trä-
nen ersuchte und darum bat. Darum nun verfolgen
sie uns und widersprechen uns, weil uns die Gnade
von Gott geschehen ist, wie der Herr gesprochen hat
und bezeugt, wenn er sagt: Wärt ihr von der Welt, so
hätte die Welt das Ihre lieb, weil ich euch aber von der
Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.
Merke, meine liebe Hausfrau, auf die Worte unsers
Herrn, was die Ursache sei, weshalb man uns hasst,
damit wir uns zur Zeit, wenn wir gehasst und verfolgt
werden, mit der Gnade des Herrn trösten mögen, wie
586
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
auch der Apostel Petrus bezeugt, wenn er sagt: Weil
wir nicht mehr mit ihnen laufen in dasselbe unor-
dentliche Wesen, wohin Unzucht, Lüste, Trunkenheit,
Fresserei, Sauferei und gräuliche Abgötterei gehört,
so lästert die Welt; darum sagen sie, wie in dem Buche
der Weisheit geschrieben steht: Laß uns auf den Ge-
rechten lauern, denn sein Leben reimt sich nicht mit
den andern; sein Wesen ist ganz ein anderes Wesen;
er ruft unser Wesen aus für Sünde, und meidet uns
als einen Unflat; darum können wir ihn nicht leiden,
wir wollen ihn mit Schmach quälen und verhören,
daß wir sehen, wie fromm er ist, und seine Geduld
prüfen; lasst uns ihn mit den allerschändlichsten Tode
verdammen. Dieses ist immer die Ursache gewesen,
daß man die Gerechten gelästert, beneidet, verfolgt,
sie ihrer Güter beraubt in Gefängnis und Bande ge-
schlossen, sie ertränkt, enthauptet und verbrannt hat,
wie man zunächst von Abel lesen kann, wie Johannes
mit den Worten bezeugt: Lasst uns einander lieben,
nicht wie Kain, der von dem Argen war und seinen
Bruder tötete; warum tötete er ihn? Weil seine Werke
böse waren, und seines Bruders Werke gerecht.
Darum sagt der Apostel: Meine Brüder, verwundert
euch nicht, daß euch die Welt hasst. Christus spricht
zu den Juden: Viele gute Werke habe ich euch erzeigt
von meinem Vater, um welches Werkes willen un-
ter denselben steinigt ihr mich? Darum, meine werte
und geliebte Hausfrau, es wird nicht fehlen, was der
Apostel bezeugt, daß alle, die gottselig leben wollen
in Christo Jesu, Verfolgung leiden müssen; mit den
argen und verführerischen Menschen aber wird es
immer ärger; sie verführen und werden verführt. Dar-
um müssen die Gerechten sich allezeit zum Leiden
und zur Trübsal wohl bereiten, denn sie werden wie
Schlachtschafe zum Tode geführt; wir, die wir leben,
werden allezeit um Jesu willen dem Tode übergeben
und stehen allezeit in Gefahr, bei unserm Ruhme, den
wir haben in Christo Jesu, unserm Herrn, täglich zu
sterben. Darum mögen wir uns zum Leiden wohl
zubereiten, gleichwie der Herr zu seinen Aposteln
sagte: In der Welt werdet ihr Angst haben; ja, die Welt
wird sich freuen, ihr aber werdet weinen und trau-
rig sein; denn ein Weib, wenn sie gebärt, hat Angst,
weil ihre Stunde gekommen ist; also müssen wir auch
Christum in dieser Welt mit Angst gebären. Darum ha-
ben die Apostel die Gemeinden gestärkt und erbaut,
daß sie mit Trübsal und Leiden in das Reich Gottes
eingehen müssten, gleichwie unser Haupt Christus
vorgegangen ist, wie von ihm in den Propheten ge-
schrieben steht; denn das Reich Gottes leidet Gewalt,
die ihm Gewalt antun, reißen es zu sich; wie ich das
nun auch gewahr werde. In früheren Zeiten haben
wir zwar auch viel menschliche Versuchungen gehabt.
aber jetzt muss man bis aufs Blut streiten; denn ich
kann nun wohl mit dem Apostel sagen, daß ich die
Malzeichen des Herrn an meinem Leibe trage; sie ha-
ben mich nämlich drei Mal gepeinigt, daß das Blut
geflossen ist, und das darum, daß ich meine Mitbrü-
der verraten sollte; aber der Herr hat meinen Mund
bewahrt, durch seine Gnade. Man hing mich an den
Händen auf, sodass ich die Erde nicht berührte; ja,
mein liebes und wertes Weib, mir ward bange, so-
dass ich es kaum ausstehen konnte, als sie mich zum
dritten Male geißelten; aber ich dachte an die Worte
des Apostels, wenn er spricht: Der Herr wird euch
nicht über euer Vermögen versucht werden lassen; da
hielten sie ein, wiewohl sie mir drohten, mich ferner
zu peinigen; sie sagten, sie wollten mir die Glieder
zerreißen, oder ich sollte ihnen sagen, wer mit mir
Umgang gehabt hätte, und welche meine Mitbrüder
wären; aber der Herr ließ es ihnen damals nicht zu.
Was sie ferner tun werden, das weiß der Herr, dem
alle Dinge bekannt sind.
Mein wertes und in Gott geliebtes Weib! Lass den
Mut nicht sinken um meiner Trübsal willen, welches
dir ein Trost sein sollte, weil mich der Herr dazu beru-
fen hat, daß er seinen Namen durch mich verherrliche,
und weil ich würdig bin, um seines Namens willen
Schmach zu leiden und seinem Worte mit meinem
Blute Zeugnis zu geben vor diesem argen und ehebre-
cherischen Geschlechte. Ich hoffe dir in der Wahrheit
vorzugehen, auch allen meinen lieben Brüdern und
Schwestern, die noch in gleicher Gefahr wandeln, da-
mit sie ein Beispiel an mir nehmen, und den Herrn
in der Trübsal ja nicht verlassen, sondern ihm fest an-
hangen, der die Seinen nicht verlässt, die in der Not
auf ihn trauen (wenn sie auch groß ist) und ihm in
der Wahrheit dienen, denn seine Augen sehen auf die
Gerechten, und seine Ohren lauschen auf ihr Gebet,
ja, der Herr ist der Gerechten Stärke in der Not.
Hiermit will ich mein wertes und in Gott gelieb-
tes Weib dem Herrn befehlen, der mächtig ist, deinen
Schatz zu bewahren und dir das Erbe zu geben unter
allen, die geheiligt werden. Gute Nacht, mein liebes
Weib, die ich bliebe in der Wahrheit, gute Nacht; denn
ich mutmaße, daß der Abschied nun nahe sei; ich er-
warte jetzt von Tage zu Tage meines Leibes Erlösung,
und daß ich zu meinen Mitbrüdern in die gottselige
Ruhe eingehen werde, welche auch um der Wahrheit
willen getötet worden sind.
Geschrieben von mir, Adrian Janß, unwürdig gefan-
gen in dem Herrn, in Banden.
587
Des Adrian Janß, Hutmacher, zweiter Brief,
geschrieben an sein Weib.
Ich, Adrian Janß, gefangen zu Ryssel, um des Namens
unsers Herrn und des Zeugnisses meines Gewissens
willen, wünsche meinem werten und in Gott gelieb-
ten Weibe viel Gnade, Barmherzigkeit und Frieden
von Gott, dem himmlischen Vater, welcher der rechte
Vater ist im Himmel und auf Erden, daß er dir geben
wolle, mit Kraft stark zu werden durch seinen Geist,
und Christum in deinem Herzen zu wohnen, damit
du durch die Liebe gewurzelt werdest. Dieses wün-
sche ich dir, samt dem Trost des Heiligen Geistes, zum
christlichen Gruße und freundlichen Abschiede.
Ferner, nebst gebührlichem und christlichem Gruße,
lasse ich dich, mein liebes Weib in dem Herrn, hier-
mit wissen, daß ich wohl zufrieden bin und ein gutes
Gewissen habe; der Herr sei ewig für seine Gnade
gelobt, der mich bis auf diese Stunde in seiner Gna-
de bewahrt hat, und ich hoffe auch, daß er mich bis
ans Ende durch seine Gnade bewahren werde nach
seiner Verheißung, denn er sagt: Wenn auch eine Mut-
ter ihr Kindlein verließe, so will ich dich doch nicht
verlassen; ja der Herr sagt: Ich will euch nicht als Wai-
sen lassen. Hiermit, mein liebes Weib, tröste ich mich,
wenn ich angefochten bin. Ferner kann ich dir, mein
liebes Weib, mit vielen Tränen nicht verbergen, die
ich vergieße, wenn ich deiner Traurigkeit eingedenk
bin, die du, wie ich denke, um meinetwillen hast, weil
wir nun von unserer christlichen Gemeinschaft, die
wir durch den Glauben miteinander gehabt haben,
scheiden müssen. Ja, mein wertes und liebes Weib in
dem Herrn, alle Dinge (sagt Salomo) haben ihre Zeit.
Darum, mein liebes Weib in dem Herrn, wie mag man
gottseliger voneinander scheiden, als um des Namens
des Herrn willen, und wiewohl wir voneinander schei-
den müssen, so hoffe ich doch dir voranzugehen, und
du wirst auch, wie ich hoffe, nachfolgen dahin, wo
wir uns nimmermehr voneinander scheiden werden,
denn da werden wir allezeit bei dem Herrn sein. Hier-
mit kannst du dich trösten, wie der Apostel Paulus
die Gemeinde zu Thessalonica getröstet hat. Ferner
bitte und ermahne ich dich durch die Barmherzigkeit
Gottes, daß du deines Berufes wahmehmen wollest,
wozu dich der Herr berufen hat, und daß du wan-
delst, wie du den Herrn angenommen hast, mit aller
Demut und Sanftmut, und wandle in der Liebe Got-
tes und deines Nächsten. Gedenke allezeit der armen
Heiligen, wo du wohnest; teile mit, je nachdem dir
der Herr gegeben hat, und bleibe im Gebete Tag und
Nacht; bleibe auch fest in der Lehre Christi, und was
du gehört und angenommen hast, das laß bei dir blei-
ben, dann wird der Gott der Liebe und des Friedens
mit dir sein; sei meiner eingedenk, solange ich hier
bin; ich hoffe, deiner auch nicht zu vergessen in mei-
nem Gebete zu Gott, solange ich in dieser Hütte bin,
denn obgleich ich dem Leibe nach von dir entfernt bin,
so bin ich doch mit dem Geiste bei dir und gedenke
deiner mit Tränen.
Hiermit gute Nacht, mein liebes Weib in dem Herrn,
gute Nacht, bis wir in das Reich Gottes zu unserm
himmlischen Vater kommen. Geschrieben mit Tränen
von mir, Adrian Janß. Grüße mir sehr die Freunde, ins-
besondere meinen S. I.; ich wollte wohl mehr schrei-
ben, aber es ist hier nicht wohl gelegene Zeit zum
Schreiben.
Geschrieben an mein liebes Weib.
Des Adrian Janß, Hutmacher dritter Brief,
geschrieben an die Brüder und Schwestern.
Ich, Adrian Janß, gefangen zu Ryssel, um des Namens
des Herrn und des Zeugnisses meines Gewissens wil-
len, wünsche meinen herzlich geliebten Brüdern und
Schwestern, meinen Glaubensgenossen in dem Rei-
che Gottes und der Geduld unseres Herrn Jesu Christi
viel Gnade, Barmherzigkeit und Frieden, wie auch ein
standhaftes Gemüt bis an das Ende eures Lebens von
Gott, dem himmlischen Vater, der ein rechter Vater
aller Barmherzigkeit, und ein Gott allen Trostes ist,
der uns in aller unserer Trübsal tröstet und von Jesu
Christo, unserm Herrn, Erlöser und Heiland, der uns
von dieser gegenwärtigen hoffärtigen Welt, nach dem
Willen Gottes, seines Vaters, erlöst hat, samt der Kraft
und dem Trost seines Heiligen Geistes. Dieses wün-
sche ich euch zum christlichen Gruße in dem Herrn
und zum freundlichen Abschiede.
Ferner, nebst einem gebührlichen und christlichen
Gruße, kann ich, meine werten und in Gott geliebten
Brüder und Schwestern in dem Herrn, nicht unterlas-
sen, um der Gemeinschaft willen, die wir miteinander
in dem Herrn durch das Evangelium gehabt haben,
euch zum Tröste und zur Freude eures Gemütes, ein
wenig von der Gnade zu schreiben, die mir von Gott
widerfahren ist, sodass ich wohlgemut und zufrieden
bin (der Herr sei für seine Gnade gelobt, die er an mir
beweist) wie ich denn durch seine Gnade hoffe, daß
er meine Sache zu seinem Preise ausführen werde,
warum ich ihn auch täglich bitte, denn ich begehre
nichts anderes, als daß sein Name durch meine schwa-
chen Glieder verherrlicht werden möge, und ich bitte
meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn,
daß sie auch mit mir Gott bitten, daß er mich stärken
wolle, damit ich das Feld erhalten möge in Christo
Jesu, unserm Herrn; ich hoffe, daß er euer und mein
Gebet erhören werde; denn der Prophet David sagt:
588
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Der Herr tut, was die Gottesfürchtigen begehren; er
erhört ihr Schreien und hilft ihnen. Weil ich nichts
begehre, als was zu seiner Verherrlichung gereicht, so
hoffe ich auch, daß er uns erhören werde. Ich hoffe,
eurer nicht zu vergessen in meinen Gebeten zu Gott,
sondern eurer eingedenk zu sein, wie es den Gliedern
des Leibes zukommt in Christo, und gleichwie ich
euch mit meiner geringen Gabe, die ich von Gott emp-
fangen, gedient habe, als ich noch bei euch war, so
muss ich euch nun auch noch in meinem Gefängnisse
ermahnen und mit dem Apostel sagen: Ich Gefange-
ner in dem Herrn ermahne euch, daß ihr wandelt, wie
es eurem Berufe zukommt, worin ihr berufen seid von
Gott mit aller Demut, Sanftmut, und Langmut, und
daß ihr einander in der Liebe ertragt, und fleißig seid,
die Einigkeit zu halten im Geiste durch das Band des
Friedens. Ja, wie ihr den Herrn Jesum Christum an-
genommen habt, so wandelt auch in ihm, und seid
gewurzelt und gegründet in ihm, und gedenkt allezeit
der vergangenen Tage, in welchen ihr erleuchtet wor-
den seid, und was ihr dem Herrn verheißen habt, als
ihr euch in seinen Bund begeben habt, ihm nämlich in
Heiligkeit und Gerechtigkeit euer lebelang zu dienen.
Darum, meine lieben Brüder und Schwestern in dem
Herrn, wandelt treulich vor eurem Gotte, der euch in
seine Gnade gerufen, von der Finsternis zu seinem
wunderbaren Lichte, und euch zu seinen Söhnen und
Töchtern angenommen, mit seinem Heiligen Geiste
erleuchtet und sein Reich verheißen hat.
Darum sage ich noch einmal: Wandelt, wie es sich
für euren Beruf gebührt, in der Liebe Gottes und eu-
res Nächsten; habt einander lieb, wie es Brüdern und
Schwestern zukommt, und lasst eure Herzen sich
nicht zu sehr bekümmern mit zeitlicher Nahrung, da-
mit eure Herzen sich nicht abkehren, denn durch viele
Sorgen werden die Herzen Gott entfremdet. Darum,
meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn,
sage ich mit Christo: Wacht und betet Tag und Nacht
zu Gott, und seid denjenigen Menschen gleich, die auf
ihren Herrn warten, damit, wenn er anklopft, sie ihm
sofort auftun mögen. O wie selig sind die Knechte,
die der Herr wachend findet; sie werden mit ihm in
das Reich Gottes eingehen und alles ererben!
Hiermit will ich meine lieben Brüder und Schwes-
tern dem Herrn anbefehlen, der mächtig ist euren
Schatz zu bewahren, und euch das Erbe zu geben
unter allen, die geheiligt werden. Gute Nacht, meine
lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn, gute
Nacht, bis wir in das Reich Gottes kommen! Es ist hier
zum Schreiben nicht gut eingerichtet.
Geschrieben von mir, Adrian Janß, Hutmacher, ge-
fangen um des wahren Zeugnisses unseres Herrn Jesu
Christi willen.
Zwölf Christen zu Deventer, Ydse Gaukes, Dirk
von Wesel, sowie Anneken und Janneken, ihren
Weibern, Härmen, der Färber, Bruyn, Anthonis, der
Weber, Claes Opreyder, Lysbeth und Catharina
Sommerhaus, Lyntjen Joris und Tryntgen ihre
Tochter, 1571.
Am 11. März des Jahres 1571, in der Nacht, sind die
Spanier zu Deventer (als sie des Tages ein Turnier-
spiel gehalten hatten) mit Schwertern, Hellebarden,
Büchsen und andern Waffen ausgegangen, um die
Schafe Christi zu fangen; sie durchliefen viele Häuser,
suchten in einigen Straßen Haus bei Haus, und fingen
alle, die sie finden konnten, welche sie in Ketten und
eiserne Fesseln schlossen und sagten: O ihr ketzeri-
schen Hunde! Ihr müsst des Todes sterben, weil ihr
den römisch-katholischen Glauben verleugnet habt.
Man hielt einige Tage die Tore verschlossen, und es
wurde unter dem Glockenschlage der Stadt abgelesen,
es sollte niemand irgendeinen von ihnen verbergen,
und wenn jemand irgendeinen wüsste, der verborgen
wäre, so sollte er denselben zur Anzeige bringen; die-
ses Gebot wurde aber nicht befolgt, denn viele wur-
den versteckt, die nachher heimlich entflohen und
ihr Gut zum Raube hinterließen. Es wurden aber ih-
rer in allem zwölf gefangen, nämlich Ydse Gaukes,
Dirk von Wesel, sowie Anneken und Janneken, ih-
ren Weibern; Härmen, der Färber, Bruyn, Anthonis,
der Weber, Claes Opreyder, Lysbeth, Katharina Som-
merhaus, Lyntgen Joris und Tryntgen, ihre Tochter.
Diese haben alle anfänglich, als sie gefangen wurden,
sich tapfer gehalten und sämtlich ihren Glauben be-
kannt; einige derselben aber sind, dem Fleische nach,
sehr furchtsam gewesen, und sind von ihrem Glauben
abgefallen, ehe sie gepeinigt wurden. Während des
Foltems wurden sie aufgewunden, ihnen die Hände
auf den Rücken gebunden, und an die Füße ein schwe-
res Gewicht von Eisen oder Geschütz gehängt. Einige
andere sind zwar auf der Folter standhaft geblieben,
sind aber nachher auch vom Glauben abgefallen, so-
dass ihrer nur vier bis ans Ende standhaft geblieben
sind.
Als man oft zu ihnen kam, hat es sich ereignet, daß
diejenigen (welche den Glauben mit dem Munde ver-
leugnet hatten) sehr betrübt waren und versprachen,
daß, wenn ihnen der Herr Gnade verleihen würde,
und sie wieder frei werden möchten, so wollten sie
sich wieder zur Wahrheit wenden. Als auf den 20.
Mai (als den fünften Tag vor ihrer Aufopferung) ein
Freund zu ihnen kam, fragten sie ihn sehr eindring-
lich, welche neue Zeitung er brächte; der Freund ant-
wortete, es sei böse Nachricht, und er sei besorgt, sie
müssten miteinander sterben. Summa, es ward vieles
589
dort geredet, und der Freund sagte: Ich habe euch alle
so lieb, daß ich wünschte, daß ihr alle frei wärt, und
ich an eurem Platze sitzen müsste; darüber wurden
die Gefangenen sehr betrübt, weinten bitterlich und
sagten zu dem Freunde: Es ist das Beste, daß du gehst,
um der Spanier willen.
Den 24. Mai des Abends ist es geschehen, daß die
Mönche dahinkamen, um sie zu ermahnen, sich zum
Tode zu bereiten, indem solcher des andern Tages er-
folgen sollte. Die Mönche sind des Nachts um zwölf
Uhr von ihnen gegangen, aber des Morgens um vier
Uhr wieder gekommen. Es waren zwei Mannsperso-
nen, Dirk von Wesel und Härmen, der Färber, und
vier Frauenspersonen, Dirk von Wesels Weib, Ydse
Gaukses Weib und Sommerhaus beide Töchter, Lys-
beth und Catharina, welche den Mönchen kein Gehör
gaben, sondern sich an die ewige Wahrheit hielten, so
viel man sehen und hören konnte.
Als sie aus dem Gefängnisse kamen, sagten sie mit
fröhlichem Angesichte, als ob sie lachten, zu einem
Freunde, den sie wohl kannten, und der bei ihnen
im Gefängnisse gewesen war, gute Nacht, und neig-
ten das Haupt, worauf derselbe sie wieder anlachte,
die beiden Brüder Bruyn und Anthonis, der Weber,
aber (die mit ihnen hinausgeführt wurden) waren
sehr betrübt und redeten nichts, wiewohl die Weiber
viel redeten, und die Mönche, die bei ihnen waren,
straften; ja, man hörte sie sagen, daß Christus, ihr
Bräutigam und Hirt, ihnen auf gleiche Weise vorge-
wandelt sei, sie wollten ihm, als seine eigenen Schafe,
ebenso nachfolgen, wobei sie einander sehr freundlich
küssten; auch nahmen sich die beiden Geschwister
einander bei der Hand und sangen: Mein Gott, wo
soll ich gehen hin. Darauf wurden sie getrennt, und
es wurden sechs Gefangene auf den Wagen gebracht;
als sie zur Schaubühne kamen, haben sie zuerst die
jüngste Schwester Katharina hinauf gebracht, welche
sehr freimütig im Reden war und sagte: Ihr Bürger, ihr
sollt wissen, daß es um keiner Übeltat, sondern um
der Wahrheit willen geschieht. Als sie die Schaubühne
betrat, hat man ihr das Todesurteil vorgelesen, wel-
ches so lautet: Wenn sie bei der katholischen Kirche
bleiben wollte, so sollte sie mit dem Schwerte hin-
gerichtet werden, wenn aber nicht, so sollte man sie
lebendig verbrennen. Darauf fragte man sie, ob sie
bei der katholischen Kirche bleiben wollte; sie antwor-
tete: Nein, ich will bei der Wahrheit bleiben; hierauf
sagten sie: So musst du denn lebendig verbrannt wer-
den. Darum gebe ich nichts, sagte sie, ihr geht mit
Lügen um, und redete überhaupt sehr freimütig. Dar-
auf wurde sie von der Schaubühne abgeführt und
auf den Wagen gebracht, auch wurde ihr der Mund
verwahrt, sodass sie nichts mehr reden konnte.
Hiernächst wurden beide Brüder (nämlich Bruyn
und Anthonis) einer nach dem andern auf die Schau-
bühne gebracht und beide wurden enthauptet; sie
redeten nichts, nur daß man den einen sagen hörte: O
Herr, sei mir gnädig. Darauf sind sie abermals nach
dem Turme gegangen, und haben Dirk und Härmen
abgeholt; diesen beiden hatte man den Mund zugek-
nebelt, damit sie nicht reden konnten; dessen unge-
achtet haben sie unterwegs viele Zeichen gemacht,
indem sie bald das Haupt neigten, bald lachten, und
so freudig waren, daß sich auch das Volk darüber
verwunderte. Sodann sind diese beiden auf die Schau-
bühne gebracht worden, und haben gegen diejenigen,
die sie kannten, und vor ihnen standen, öfters das
Haupt geneigt und sie angelacht. Darauf ist Härmen
auf seine Knie gefallen, und hat den Herrn angeru-
fen; als er es ihnen aber zu lange machte, riss ihn der
Scharfrichter in die Höhe, worauf er sich selbst unver-
zagt an den Pfahl gestellt hat. Indem nun der Scharf-
richter Härmen festband, kniete Dirk nieder, und rief
den Herrn mit dem Herzen an, denn sie durften nicht
reden; dann ist Dirk aufgestanden, hat Härmen der
am Pfahle stand, liebreich umarmt, ihn geküsst, und
mit der Hand aufwärts gen Himmel gewiesen. Hier-
nächst stellte sich Dirk fröhlichen Angesichts mit dem
Rücken gegen den Pfahl, und wandte seine Augen
gen Himmel, und als sie an den Pfählen befestigt wa-
ren, hat man auch die vier Frauen von dem Wagen auf
die Schaubühne gebracht, welche, als sie die beiden an
den Pfählen stehen sahen, sich sehr fröhlich bezeug-
ten, lachten, die Hände falteten und ihre Augen gen
Himmel wandten; darauf küssten sie einander, fielen
sämtlich auf ihre Knie, und stellten sich unverzagt mit
dem Rücken an den Pfahl. Unterdessen, als sie einan-
der küssten, erhob sich ein Getümmel, schier als ob
es ein Donner oder ein Wagen ohne Pferde gewesen
wäre; es ließ sich aber anhören, als ob es aus der Nähe
der Brinks käme, und rauschte so vor dem Wagen her,
daß auch die Menschen übereinander fielen, und daß
eine große Furcht entstand, denn man wusste nicht,
was es war. Die Spanier sagten, es wäre ein Donner.
Ehe die beiden enthauptet wurden, hielten die Mön-
che eine Rede, daß jeder seine Kinder vor solchem
Volk bewahren sollte, auch sollte sich niemand daran
stoßen, daß man sie nun verbrennen würde; denn so
gefiele es der königlichen Majestät, weshalb niemand
Tumult machen möchte; sie hatten aber diese Rede
kaum geendigt, so entstand ein solches Getümmel,
gleich als ob es aus der großen Querstraße gekommen
wäre; das Volk wusste nicht, wohin es sich aus Furcht
wenden sollte; auch die Spanier fingen an, Lärm zu
machen und schlugen Alam mit der Trommel; aber
es ging ohne Schaden vorüber, sodass keine bösen
590
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Folgen daraus entstanden. Einige sagten, daß sie über
der Schaubühne ein Licht gesehen hätten, gleich ei-
ner dunklen Sonne; das habe ich zwar nicht gesehen,
aber das Geräusch habe ich deutlich gehört. Ferner,
als sie an den Pfählen waren, hat man Stroh und Holz
so hoch um sie gelegt, daß nur die Häupter sichtbar
waren; sie aber haben, an den Pfählen stehend, oft
freundlich denjenigen gewinkt, die sie kannten, und
sie freundlich angelächelt, wobei sie ihre Augen gen
Himmel wandten, sodass auch die Spanier sagten:
Wem mögen sie wohl winken? Derjenige aber, dem
sie zuwinkten, stand bei den Spaniern vor der Schau-
bühne und hörte es die Spanier sagen. Dieser Bruder
lachte auch und winkte ihnen zu, wies auch mit seiner
Hand aufwärts, daß sie Gott zu Hilfe nehmen sollten.
Darauf wendeten sie ihre Augen gen Himmel, aus-
genommen Dirk von Wesel, der bereits seiner Sinne
nicht mehr mächtig war, als Holz und Stroh um ihn
gelegt wurde, denn die Kette, die er um den Hals hat-
te, erwürgte ihn; ebenso war er auch sehr gepeinigt,
sodass seine Arme übel zugerichtet waren; als ihm
nun der Scharfrichter die Arme hinten um den Pfahl
befestigte, ward er schwach und verlor die Besinnung,
sodass man kein Zeichen des Lebens mehr an ihm
wahrnehmen konnte. Sodann hat der Scharfrichter
das Feuer in das Stroh gestellt, und sind folglich alle
sechs lebendig verbrannt worden, einige derselben
fast zu Pulver (so wie zwei Körbe voll Bücher); und
die Gemeinde und Leiber wurden bei dem Galgen
begraben.
Dieses ist so geschehen und vollzogen worden zu
Deventer auf dem Brink, den 25. Mai, im Jahre unseres
Herrn 1571.
Hernach, den 16. Juli desselben Jahres, hat man
auch die andern tapfern Helden, nämlich Claes Oprey-
der, Ydse Gaukes, Lyn t gen Joris und ihre Tochter
Katharina von dem Turme gebracht und ihnen den
Mund verwahrt, damit sie nicht reden konnten; sie
sind aber sehr freimütig über die Straße gegangen,
und haben viele Menschen lächelnd zugewinkt. Claes
wurde zuerst auf die Schaubühne gebracht, welcher
auf seine Knie fiel, um sein Gebet zu verrichten, aber
der Scharfrichter hat ihn aufgehoben, denn die Spa-
nier wollten solches nicht zugeben, sondern riefen:
Schelme, Schelme!
Die vor ihm aufgeopferten sechs Gefangenen hatten
zwar ihr Gebet verrichtet, und solches wurde ihnen
nicht verwehrt, auch durften sie Zusammenkommen,
und einander küssen; weil aber das Volk viel davon
redete, daß sie so gebetet hätten, und einander so lieb-
reich geküsst, so hatten sie nun beschlossen, daß sie
sie nur einzeln auf die Schaubühne bringen wollten.
Als Claes am Pfahle stand, brachten sie Ydse auch
auf die Schaubühne, er aber näherte sich mit Gewalt
dem Claes, und küsste ihn, darüber ereiferten sich
die Spanier in lauten Ausrufungen und waren zornig.
Indem sie Ydse an den Pfahl banden, stand einer von
den vornehmsten Spaniern mit einem Mönche neben
der Katharina; ihre Mutter aber stand in einer kleinen
Entfernung, sodass sie nicht hören konnte, was sie mit
ihrer Tochter redeten.
Da sagte der Mönch: Deine Mutter ist abgefallen,
denn sie hat bekannt, daß sie verführt gewesen sei,
und wird darum mit dem Schwerte hingerichtet wer-
den; willst du nun auch abfallen, so sollst du nicht
sterben, weil du noch jung bist, sondern man wird dir
zur Heirat und zu großem Gut helfen, und dir über-
haupt förderlich sein; aber zu allem diesem schüttelte
sie den Kopf. Auch redeten die Spanier ihr zu, sie soll-
te abfallen, dann sollte sie das Leben behalten; aber die
andern sagten, sagt ihr dies nicht, sondern sagt, wenn
sie von ihrer Ketzerei abstehen will, so soll sie als eine
fromme Christin sterben und mit dem Schwerte hinge-
richtet werden, worauf die andern antworteten, man
muss ihr nur vorspiegeln, daß sie das Leben behal-
ten soll; aber sie schüttelte das Haupt hierzu, sodass
sie traurig wurden. Darauf sagte der Mönch: Liebe
Schwester, falle doch ab, sonst wirst du von diesem
Feuer in das ewige Feuer fahren; dafür will ich mei-
ne Seele zum Pfände setzen. Unterdessen wurde die
Mutter auch auf die Schaubühne gebracht, und an den
Pfahl gestellt; da sah man, daß Catharina sehr freudig
wurde, denn sie war gewiss, daß es Lügen waren, was
sie von ihrer Mutter gesagt hatten. Sodann ist Katha-
rina auch auf die Schaubühne gebracht worden; sie
lief die Treppe sehr schnell hinauf, denn sie hatte, wie
auch die andern, ein großes Verlangen nach der Stun-
de ihrer Erlösung. Hiernächst wurden sie alle vier an
Pfähle gestellt, Rücken gegen Rücken, sodass sie ein-
ander nicht sehen oder zuwinken konnten. Als sie an
den Pfählen standen, haben sie noch einige angelacht
und ihnen gewinkt; da sagten die Spanier: Die sind
auch noch von ihren Leuten; hätten wir sie nur auch
hier. Es sind auch der Profos und Quartiermeister mit
auf der Schaubühne gewesen, um dem Scharfrichter
zu helfen; der Profos wollte das Holz wohl drei oder
vier Fuß von ihnen legen, um sie langsam zu braten,
aber der Quartiermeister sagte, daß das Urteil gelau-
tet habe, man sollte sie verbrennen, wie die früheren,
worüber sie hart aneinander kamen. Die Spanier rie-
fen auch, daß man ihnen einen langsamen Tod an-
tun sollte; doch wurde das Holz um sie herumgelegt,
gleichwie auch um die früheren, aber nur wenig Stroh,
um das Holz anzustecken, damit sie einen langsamen
Tod haben möchten; aber es war doch schnell getan.
Also haben diese vier ihr Opfer getan und sind den
591
16. Juni im Jahre 1571 zu Pulver verbrannt worden,
was vielen zu einem leuchtenden Beispiele gedient
hat, indem sie dieselben für das rechte Volk gehalten
und getrachtet haben, denselben (durch die Gnade
Gottes) in einem rechtschaffenen und gottesfürchti-
gen Leben nachzufolgen, welches diese vier bis in den
Tod erwiesen und dasjenige befestigt haben, was sie
im Gefängnisse gesprochen und geschrieben haben.
Ein Brief von dem Schiffer Ydse Gaukes, den er im
Gefängnisse zu Deventer an seinen Bruder und an
seine Freunde, dem Geiste nach, geschrieben hat.
Gnade und Friede von Gott, unserem himmlischen
Vater, wünsche ich allen meinen lieben Brüdern und
Schwestern in dem Flerrn, insbesondere dir, meinem
Bruder nach dem Fleische, und deinem geliebten Wei-
be und meiner Schwester nach dem Geiste; ich wün-
sche euch den wahren bußfertigen Glauben, der durch
die Liebe tätig ist.
Ferner, liebe Freunde, es sind unserer zwölf Brüder
und Schwestern gefangen, es war auch ein Ankömm-
ling dabei; wir Männer saßen wohl acht Tage beiein-
ander; worauf die Weiber verhört wurden; diese ver-
leugneten den Glauben, insbesondere deine Mutter
und ihre Tochter. Hiernach wurde ich vor die Her-
ren gebracht. Sie fragten mich nach meinem Namen,
und wie lange ich schon getauft wäre. Ich erwiderte:
Ungefähr vier Jahre, und setzte hinzu, wie wisst ihr,
daß es geschehen sei? Darauf sagten sie: Wir können
nicht zufrieden sein, es sei denn, daß du einen Eid
tust. Nein, sagte ich, ich muss nicht schwören. Sie sag-
ten: Man darf doch? Ich antwortete: Man darf nicht.
Sie sagten: Wo steht es geschrieben? Ich entgegnete:
Mt 5. Sie sagten, ich hätte nicht recht gelesen. Dar-
auf sagte einer von ihnen zu mir: Welch ein Schäflein
bist du? Welch ein Teufel bist du? Sie fragten darauf,
wie viele Kinder meine Frau hätte. Ich antworte: Nur
ein einziges, von ungefähr neun Wochen. Da fragten
sie ferner: Wie viel habt ihr gehabt? Ich sagte: Sechs.
Und ist keins getauft worden?, fragten sie. Ich erwi-
derte: Das ist wahr, meine Herren. Darauf fragten sie
mich nach dem Manne, der mich getauft hatte. Ich
sagte, er sei gestorben. Sie fragten, wer mich denn so
verführt hätte. Ich sagte: Mein früheres Leben, und
weil mir Gott solches offenbart hat. Solches schrie-
ben sie nieder, und daß wir Gottes Geist verachtet
hätten. Wie es mir vorkam, hatten sie alle Fragen auf-
geschrieben; auch sagte ich ihnen, es dünkt mich, daß
ihr wohl wisst, warum ihr mich fragt. Wir wissen es
nicht, sagten sie. Da kam es mir vor, daß sie mehr
niedergeschrieben, als ich bekannt hatte; darum sagte
ich, daß sie nicht mehr schreiben sollten, als ich be-
kannt hätte. Wir tun es nicht, sagten sie, und lasen es
mir noch einmal vor, womit ich zufrieden war. Darauf
fragten sie mich nach meinem Vater, nach meiner Mut-
ter und Schwester, und wie viel Brüder ich hätte. Ich
antwortete: Zwei. Sie fragten auch nach ihren Namen.
Ich erwiderte: Pieter ist der Jüngste, und Simon. Wo
wohnt er?, fragten sie. Ich sagte ihnen: Das ist einer
von eurer Religion. Es ist nicht wahr, sagten sie. Ich
erwiderte: Es ist wahr; ich entschuldigte sie auch alle
und sagte, sie wären nicht so ungeschickt. Darauf bat
ich sie, daß sie keine Unschuldigen antasten wollten.
Sie sagten: So hat denn die Frau gelogen; wir müssen
sie heraufbringen lassen. Da sagte ich: Meine Herren,
ich habe nicht gesagt, daß ich nicht mehr Geschwis-
ter hätte. Sie fragten darauf: Hast du denn mehr? Ich
sagte: Einen Bruder. Da fragten sie mich scharf, ob ich
keinen mehr hätte. Ich antwortete: Nein. Darauf woll-
ten sie seinen Namen wissen; denselben nannte ich
ihnen. Sie fragten mich, ob er getauft wäre. Ich sagte,
sie sollten ihn selbst fragen. Da sagten sie: Du kannst
vor Gericht nicht reden, wie willst du denn vor Gott
reden? Wir wollen dich es wohl sagen machen. Ich
erwiderte: Der Leib ist übergeben. Da ließen sie mich
abtreten, und brachten die Männer herauf, einen nach
dem andern, welche den Glauben alle frei bekann-
ten. Hierauf wurden wir wieder zusammengesetzt,
und freuten uns sehr, daß wir wieder beieinander sein
konnten, was jedoch nur einige Tage dauerte. Darauf
wurde Anthonis gefoltert, und er hielt sich damals
tapfer; nachher brachten sie mich zum Verhöre, und
fragten, ob ich diejenigen nennen wollte, die ich ken-
ne. Ich sagte: Nein. Sie sagten: Wir wollen es dich
wohl sagen machen; wenn du aber Gnade begehrst,
so wollen wir sie dir geben, wie wir der Tochter in der
Norenburger Straße getan haben. Dieselbe hieß Mari-
ken Baekers, und sagte wie Petrus, daß sie den Mann
nicht kenne; solches wollte ich nicht tun. Es stand aber
Meister Pouwels dabei, und sie fragten mich: Kennst
du diesen Mann wohl? Ich habe ihn gestern gesehen,
sagte ich. Darauf sagte der Commissarius: Nimm ihn,
Meister Pouwels, worauf ich mich dem Stricke näher-
te. Der Scharfrichter bat mich sehr und sagte: Du bist
noch ein junger Mann. Hiernächst zog ich meine Über-
kleider aus, und mein Hemd wurde mir um den Leib
festgebunden; dann ließen sie mich nackend stehen,
bis der Capitain und der Musterherr kamen; meine
Hände waren mir auf den Rücken gebunden.
Hiernächst wandten sie mich auf, ungefähr einen
Fuß hoch über die Erde, und ließen mich so hängen;
(ich hatte aber große Pein) ich gedachte zwar mei-
nen Mund zu halten, aber ich schrie dreimal; dann
schwieg ich still. Sie sagten: Das ist nur Kinderspiel,
und als sie mich wieder herunterließen, setzten sie
592
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
mich in einen Stuhl; fragten mich aber nicht, und re-
deten auch nichts zu mir. Sodann legten sie mir eine
eiserne Stange mit zwei Fesseln an die Füße, an die
Stange aber banden sie drei Stück Geschütz. Als sie
mich wieder aufbanden, wollte ein Spanier mich mit
einer goldenen Kette ins Gesicht schlagen, aber er
konnte es nicht. Während ich mm so hing, arbeitete
ich sehr und zog den einen Fuß durch die Fessel; da
hing alles Gewicht an dem einen Beine. Sie hätten es
gern wieder gebunden; aber ich befreite den einen
Fuß mit Gewalt, worüber sie alle lachten; ich aber
hatte große Pein.
Hierauf setzten sie mich in einen Stuhl und ich
nannte einige Personen, von welchen ich glaubte, daß
sie ihnen schon bekannt wären, denn sie wussten mir
mehrere zu nennen. Von Claes Opreyder habe ich kei-
ne Gewissheit, der eine sagt dies, der andere das; ich
hoffe durch des Herrn Gnade meinen Leib hinzuge-
ben; durch des Herrn Gnade sage ich. Mein Gemüt ist
noch unverändert; ich bitte den Herrn Tag und Nacht,
daß er mir Stärke verleihen wollte; bittet den Herrn
auch herzlich für mich, denn das Gebet der Gerechten
vermag viel, wenn es ernstlich ist.
Nachher hat mir meine Frau durch die Mönche, die
sie oft zu mir sandte, großen Streit veranlasst; aber
Gott hat mir geholfen. Darauf wurde ich vor den Bi-
schof und Pastor geführt, welche viel mit mir rede-
ten, daß ich mehr glauben müsste, als im Evangelium
steht, denn (sagten sie) woher weißt du es, daß ich ein
Mensch bin? Ich erwiderte: Wie sollte ich das nicht
wissen? Sie sagten aber: Wo steht das geschrieben,
und in welchem Kapitel? Auch fragten sie, wie ich
wüsste, daß sie meine Frau wäre, und machten noch
mehr dergleichen Worte, aber sie fragten nur wenig
aus der Schrift.
Darauf ging ich wieder nach meinem Schlosse, wo
ich wieder eingesperrt wurde. Meine Mutter war auch
einmal bei mir; mich jammerte das Weib sehr. Ich sag-
te: Gott würde sie wohl trösten; darauf sagten sie, es
wäre der letzte Tag der Gnade. An eben demselben
Tage hielt der Bischof den Abgefallenen eine Ermah-
nung; da kam der Vorsteher der Franziskaner und
sagte: Ich komme um euretwegen herunter; es wäre
der letzte Tag der Gnade (aber Gottes Gnade steht
allezeit offen). Nachher, als die Ermahnung zu Ende
war, holten sie mich herauf; ich fand hier meine Frau;
sie weinte bitterlich; aber ich sagte: Man muss Gott
nicht verlassen. Du sollst Gott nicht verlassen, sagte
der Bischof, und sie weinte sehr. Als ich aber mein
Herz zu Gott wandte, dachte ich, es würde zu lange
währen, nach dieser Zeit zu leiden. Auch ist Katelynt-
gen sehr gepeinigt worden; man zog sie aus und hing
ihr zwei Eisen an die Beine. Darauf kam der Scharf-
richter und sagte: Die Frau würde nicht ein Wort ge-
redet haben, wenn man ihr auch ein Glied nach dem
andern gezogen hätte. Das war mir eine Freude zu
hören. Auch ist Tryntgen durch Trost, Verheißungen
und Bedrohungen sehr angefochten worden; sie ver-
glichen dieselbe mit einem Hunde; ein solcher wäre
besser als sie. Der Herr hat ihr geholfen; aber (zur
Warnung) sie war nicht vorsichtig genug im Reden,
denn als der Pastor von dem Alten Testamente redete,
wollte sie nichts davon hören; das war unverständig
geredet, aber bei dem Neuen Testamente wollte sie
bleiben. Das hat mir Gysbert gesagt; derselbe sagt
auch, daß er keine Schuld an uns hätte, denn man hat
ihm wohl hundert Namen unserer Mitgenossen aus
verschiedenen Ortschaften vorgelesen; von ihm habe
ich diese Gerätschaft zum Schreiben erlangt. Liebe
Brüder, habt doch Aufsicht auf meine armen Waisen.
Die Furcht des Herrn wünsche ich allen Gottesfürch-
tigen. Geschrieben mit großer Angst und Bangigkeit.
Seid dem Herrn befohlen und gebt gute Achtung auf
euch selbst.
Geschrieben von mir, Ydse Gaukes, eurem lieben
Bruder, aus dem Gefängnisse, den 20. Tag unserer
Gefangenschaft.
Des Ydse Gaukes zweiter Brief.
Wir Gefangene in dem Herrn um des Zeugnisses unse-
res lieben Herrn Jesu Christi willen, dessen wir nicht
würdig sind, uns zu rühmen, Gnade und Friede von
unserem lieben Herrn Jesu Christo sei mit unsem
sehr weiten, lieben und auserwählten Brüdern und
Schwestern durch den Gehorsam des Evangeliums.
Wir wünschen euch, unsern sehr Geliebten, den rech-
ten bußfertigen Glauben, der durch die Liebe tätig
ist. Hierin wolle euch die Kraft des Heiligen Geistes
stärken, Amen.
Nebst gebührlichem Gruße lassen wir euch, unsere
sehr Geliebten, wissen, daß wir noch bei guter Ge-
sundheit sind, sowohl dem Fleische, als auch dem
Geiste nach, daß wir auch noch im Gemüte und im
Glauben unverändert sind, und daß wir überdies ein
ruhiges Gewissen haben, und gewiss sind, daß es die
Wahrheit ist, und daß nimmermehr eine andere offen-
bar werden wird.
Obschon es viele spitzfindige Geister gibt, die einen
andern Weg suchen, als Christus sie gelehrt hat, und
ihnen vorgegangen ist, so freut euch doch mit uns,
sehr Geliebte, daß unser Vater uns geholfen hat, das
Feld zu erhalten; wohl mit Recht hat er gesagt, wenn
auch eine Mutter ihr Kindlein verließe, so wolle er
uns nicht verlassen, wie ihr denn auch mit uns beken-
nen müsst, daß er getan habe, wofür wir ihm nicht
593
genug danken können, weil wir wohl wissen, daß wir
von uns selbst nichts haben, als lauter Bosheit, wie
der Apostel sagt: Ich weiß, daß in meinem Fleische
nichts Gutes wohnt. Ferner meine sehr geliebten aus-
erwählten Brüder und Schwestern, wisst, daß es der
Herr noch wohl sagen kann, denn obgleich wir hier
in der Tyrannen Hände sind, so haben wir es doch
besser, als ihr meint, denn der Herr schickt uns noch
alle Tage einen Habakuk, welcher meine Schwester
ist; dieselbe kann noch jeden Tag zu uns kommen; sie
lässt es sich auch nicht verdrießen; überdies haben wir
jeden dritten Tag eine bescheidene Wacht, sodass viel
Volk mit uns reden kann. Wir liegen unten im Turme;
ein jeder von uns in einem kleinen viereckigen Loche,
ungefähr acht Fuß groß im Gevierte, von zwei dicken
Brettern gemacht; aber wir sehen einander, und reden
oft miteinander, was für uns eine große Freude ist;
weshalb auch derjenige, welcher mein bester Freund
auf Erden war, neidisch auf mich wurde und sagte,
wir lägen zu nahe beieinander, wir stärkten einander
noch mehr. Darum durfte der Herr wohl sagen: Wenn
ein unreiner Geist ausgetrieben ist, so kommt er wie-
der und besieht es; findet er uns nun ledig und mit
dem Besen gekehrt, so nimmt er noch sieben Geister
zu sich, die ärger sind, als er.
Ferner, meine lieben Freunde, seid nicht stolz, und
verlasst euch nicht auf euch selbst, sondern befehlt eu-
re Sachen dem Herrn. Derjenige, welcher der Stärkste
war und am wohlgemutesten, als wir gefangen wur-
den, an welchem wir auch eine Freude hatten, daß wir
bei ihm waren, liegt nun auch im Drecke, wiewohl
er sich in der Folter tapfer hielt. Darum verlasst euch
nicht auf euch selbst. Ferner, liebe Freunde, ließen
sie uns hier liegen, sodass in sechs Wochen niemand
nach uns gesehen hat, nur daß der Commissarius un-
sere Schwester Tryntgen herausbringen ließ, welche
er nach einem von Gent fragte, den sie nicht kannte,
und bei welcher Gelegenheit sie auch nach mehreren
Freunden von Gent fragten; aber sie erfuhren nichts.
Da erwarteten wir unser Urteil, denn wir dachten
nichts anderes, als daß wir unser Opfer tun würden.
Neulich waren zwei Franziskaner bei mir, wiewohl
sie nicht gesandt waren; sie schlossen die Türen auf
und fragten, wie es mir ginge; ich antwortete: Wie
Gott will. Ja, sagten sie, auch wie du willst.
Wir redeten von dem Evangelium, sie fragten mich:
Woher weißt du, daß es das Evangelium sei? Ich er-
widerte: Das weiß ich wohl, denn Christus hat es mit
seinem Blute versiegelt. Der eine wurde zornig; ich
sagte: Still, oder wartet noch ein wenig; ihr behandelt
uns, sagte ich, ärger als die Juden, denn die Juden ge-
ben Schutzgeld, uns aber bringt ihr um den Hals. Da
wurde er abermals zornig und sagte: Eure Schelmerei
bringt euch um den Hals. Wir haben, sagte ich, nichts
verschuldet; er wollte davonlaufen und schrie laut;
ich sagte: Sei gelinde. Ja, sagten sie, das ist euer Wort:
O Vater, vergib es ihnen, denn sie wissen nicht, was
sie tun; hierauf machten sie sich davon. Auch kamen
zwei Betschwestern, die wider meine Mitgefangenen
viel reden wollten; ich sagte: Soll man auch etwas
anders taufen als Menschen? Nein, sagten sie, keine
Tiere; ich sagte: Warum tauft ihr denn Glocken? Das
ist der Gebrauch, sagten sie; es ist eine alte Gewohn-
heit, wenn es böses Wetter ist, so lauten mir, dann
vergeht es; ich sagte: Ja, wenn es bald vorüber ist, so
fangt ihr an zu läuten, und meint dann, daß es helfe.
Da sagten sie: Es ist nicht gut, daß das Volk zu ihm
kommt.
Ich kann es euch auch nicht verschweigen, wie un-
barmherzig sie mit unserer Schwester umgegangen
sind; sie banden ihre Kleider über den Hüften fest,
den Oberkörper aber entblößten sie ganz und gar. Da
sagte unsere Schwester (welche noch eine junge Toch-
ter ist): Solche Schande ist mir noch niemals angetan
worden. Du tust sie dir selbst an, sagten sie.
Ferner, mein lieber Bruder und meine liebe Schwes-
ter, die ihr diese unsere kleine Schrift sehen oder lesen
hören werdet, machen wir euch allen durch unser klei-
nes Schreiben bekannt, daß unser Gemüt noch tapfer
und unverändert ist; und daß wir euch nicht mehr
ermahnen, kommt von unserem geringen Verstände
her; ich hoffe, ihr werdet uns solches zu gut halten.
Wisset, meine geliebten Freunde, daß wir uns auf das
Höchste erfreut haben, als wir Briefe und Schreiben
von euch empfangen haben, denn es erquickte unsern
inwendigen Menschen.
Nun, meine auserwählten sehr lieben Brüder und
Schwestern! Wir Gefangene lassen euch sehr ernst-
lich bitten, daß ihr auf euch selbst und euern Wandel
Acht haben wollt, denn, mein sehr geliebter Bruder
und Schwester, wenn man auf solche Weise gefan-
gen gesetzt wird, so findet man erst, daß der Weg
schmal und die Pforte eng sei, die zum Leben führt;
ja viele werden darnach trachten und nicht hinein-
kommen, weil sie nicht von der rechten Zahl sind.
Darum, meine werten und in Gott geliebten Brüder
und Schwestern, beschaut doch täglich das Inners-
te eurer Herzen, wenn euch täglich arge Gedanken
überfallen, und verbergt eure Sünde nicht, damit ihr
nicht darüber zu Grunde geht, denn ihr könnt sie
vor dem Herrn nicht verbergen; er hat Augen wie
Feuerflammen. Ach, meine Auserwählten, ihr könnt
niemanden betrügen, als euch selbst. Wir haben ein
Exempel an David, als er den Mann in den Streit sand-
te und schrieb, daß man ihn dahin stellen sollte, wo
der Streit am schärfsten wäre und wo streitbare Män-
594
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ner gegen Israel ständen, damit er sein Weib erlangen
möchte. Was sagte Nathan zum Könige? Es gab einen
Mann, der hatte viel Schafe, und es gab einen Mann,
der hatte ein einziges Schaf, und derjenige, der viele
Schafe hatte, nahm dem Manne das eine Schaf und
tötete es. Da hat David selbst ihn des Todes schuldig
erkannt; aber er ist hingegangen und hat sein Bett mit
seinen Tränen genetzt. Seht, meine lieben Brüder und
Schwestern, lasst uns allezeit wachen und vorsichtig
sein; wenn uns etwas Böses zustößt, so lasst uns nicht
zu gut sein, Buße zu tim, und mit David und Manasse
unsere Sünden bekennen, dann werden wir Gnade
vor Gott finden. Ach, meine lieben und auserwählten
Brüder und Schwestern, hätte man das in Friesland
getan, und ein jeder sein eigenes Herz angegriffen;
es wäre nimmermehr so übel gegangen; aber wenn
ein jeder vermessen ist und sagt: Beweist mir meine
Schuld, und denkt: Ich will nichts bekennen; was wür-
de das Volk sagen? Ja, ich würde meiner Ehre und
meines Dienstes verlustig sein! Ach, Freunde! Hätte
man zugesehen und ein jeder sein eigenes Herz unter-
sucht, und sich gutwillig zur Buße bequemt, es wäre
niemand in solche Ungelegenheit gekommen.
Darum, meine Geliebten, seid allezeit dem Evange-
lium gehorsam, und lasst euch nicht von allerlei Win-
den der Lehre bewegen, sondern bleibt bei dem, vor
welchem ihr eure Knie gebeugt habt; seid dessen ein-
gedenk, was Paulus sagt: Wenn auch ein Engel vom
Himmel käme und ein anderes Evangelium predigte,
der sei verflucht. Hütet euch vor dem schändlichen
Heiraten außer der Gemeinde (was einige unter euch
einführen wollen), und seht die Kinder Israel an, wie
sie die heidnischen Weiber verlassen mussten. Darum,
meine lieben Freunde, tragt doch fleißige Fürsorge,
solange es heute heißt, und lasst uns allezeit fleißig
am Tempel bauen, umgürtet mit dem Schwerte des
Geistes, damit wir den Feinden widerstehen mögen,
damit sie uns unsem Ruhm nicht nehmen; denn das
Pfund haben wir empfangen; der Herr wird es auch
wieder von uns fordern, und wenn er uns treu findet,
wird er uns über viel setzen. Darum, mein Auser-
wählter, laß uns allezeit fleißig Zusehen, daß wir die
köstliche Perle, die wir gefunden haben, auch sorg-
fältig bewahren, damit uns die Räuber dieselbe nicht
nehmen, denn wenn sie uns genommen wird, so sind
wir verdorben. So haltet denn gute Wache, liebe Brü-
der und Schwestern, und denkt, daß wenn euch ein
Stück Gold gegeben worden wäre, nicht größer als ein
Pfennig, und man hätte euch dabei gesagt: Bewahrt
das nur drei oder vier Jahre, dann wird eine teure
Zeit kommen, welche ein Jahr währen wird; bewahrt
nun das Stück so lange, dann werdet ihr dafür so viel
kaufen können, daß ihr keinen Mangel haben werdet;
verliert ihr es aber, so werdet ihr vor Hunger sterben -
wie genau würdet ihr das bewahren! Würdet ihr nicht
jeden Tag (wenn die Zeit kommt, wo ihr es haben
müsst) danach sehen, ob ihr es verloren habt? Ja, ich
glaube, jede Stunde. Seht, meine Auserwählten, die
ihr den Glauben empfangen habt, euch ist dieses Gold
gegeben, um es lebenslänglich zu bewahren; bewahrt
ihr es nun bis ans Ende, so werdet ihr das ewige Leben
dafür empfangen.
Darum, meine sehr Geliebten, da ihr wisst, daß der
Tag nahe ist, wo ihr es haben müsst, so tragt gute Sor-
ge, daß ihr es nicht verliert, denn wenn ihr es auch
den letzten Tag verliert, so mag es euch nichts helfen;
es würde niemandem etwas nützen, und wenn er es
hundert Jahre bewahrt hätte, wie der Prophet sagt:
Wenn jemand sein Leben lang Gutes getan hat, und
ist aufrichtig gewandelt, würde sich aber zur Unge-
rechtigkeit wenden, so mag ihm all sein Gutes, das
er zuvor getan hat, nicht helfen. Seht, wie der Herr
von uns den Gehorsam fordert, wie auch der Prophet
Samuel zu Saul sagte: Der Herr hat lieber Gehorsam
als Opfer. Seht auch auf den Mann Gottes, wie er von
dem Herrn gestraft worden ist, weil er den falschen
Propheten angehört und der Stimme des Herrn nicht
gehorcht hatte. Seht die Kinder Israel an, als sie gesün-
digt hatten, mussten sie ihren Feinden den Rücken
kehren; so sagt auch Christus selbst: Ihr seid meine
Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete, und wer
beharrt, bis ans Ende, soll selig weiden, denn es ist
weder am Anfänge, noch in der Mitte gelegen. Darum
seid sorgfältig, daß ihr nicht betrogen werdet, denn
Christus hat recht gesagt, daß viele falsche Propheten
aufstehen und rufen werden: Hier ist Christus, da ist
Christus. So hütet euch denn, meine Auserwählten,
damit ihr nicht verführt werdet; sie sind von uns aus-
gegangen (sagt der Apostel); wären sie aber von uns
gewesen, sie wären wohl bei uns geblieben.
Hiermit will ich euch dem Herrn und dem rech-
ten Worte seiner Gnade anbefehlen. Ich berichte euch
auch, daß unser Bruder Claes, in Folge seines Alters,
noch großen Schmerz in seinen Gliedern hat; auch hat
unsere Schwester Lyntgen in ihren Schultern großen
Schmerz; Tryntgen aber und ich sind wohl auf. Wir
Gefangene lassen euch herzlich grüßen, desgleichen
auch alle umliegenden Gemeinden und Liebhaber der
Wahrheit, namentlich P. J. und dein Weib. Ich danke
dir auch herzlich für dein Schreiben; grüßt mir W. und
sendet es L. J. in Friesland in Molqueeren; auch schickt
es Jan de P. und denen von Amsterdam; ich habe auch
etwas für ihn geschrieben, das nehmt mit dazu, und
sorgt, daß dies auch nach Emden an meinen werten
Bruder und sein Weib kommen möge. Mein lieber
Bruder und meine liebe Schwester, betrübt euch nicht
595
um uns, denn eure Mutter und Schwester sind wohl-
gemut; sagt auch Machteigen, daß sie sich vor dem
Härmen hüten müsse, denn er sucht sie ins Unglück
zu bringen; damit er nur herauskommen möge; ich
habe ihn sagen gehört, er wolle einen guten Christen
aus ihr machen. Wir grüßen auch unsere zerstreuten
Mitgenossen. Nun, meine herzlich geliebten Brüder
und Schwestern, gedenkt an uns Gefangene in eurem
Gebete und in eurer Versammlung, denn das Gebet
der Gläubigen vermag viel, wenn es mit Ernst ge-
schieht. Wir warten von Tag zu Tag darauf, daß wir
unser Opfer tun werden. Liebe Freunde, ihr wollt uns
doch auch etwas schreiben.
Geschrieben in großer Angst und Bangigkeit, im
Gefängnisse zu Deventer, nachdem wir neun Wochen
gefangen gesessen hatten.
Der dritte Brief, geschrieben in Deventer, im
Gefängnisse, durch Ydse Gaukes.
Die Gnade Gottes, unsers himmlischen Vater, der Him-
mel und Erde erschaffen und gemacht hat, und die
Liebe seines werten Sohnes unsers Herrn, Erlösers
und Seligmachers, welcher Jesus Christus ist, durch
welchen er uns von der ewigen Feindschaft und hölli-
schen Pein erlöst hat, wie auch die Kraft des Heiligen
Geistes, der in allen seinen Auserwählten wirkt, wün-
schen wir unsern bekannten wie auch unbekannten
Brüdern und Schwestern, und allen Liebhabern der
Wahrheit zu einem sehr herzlichen und freundlichen
Gruße, Amen.
Ferner, mein auserwählter Bruder und meine aus-
erwählte Schwester, als Mitgenossen unseres allerhei-
ligsten Glaubens, durch Gottes Gnade und Barmher-
zigkeit, und Reben an dem Weinstocke des Herrn,
gedenken wir Gefangene, die wir um des Zeugnisses
der Wahrheit willen gefangen liegen, noch ein wenig
an euch zu schreiben, damit ihr auch an uns denkt,
wenn es anders der Herr zulässt, daß ihr dieses Weni-
ge aus der Löwengrube in die Hände bekommt. Wir
denken und hoffen, daß uns unser Herr bald erlösen
werde, sodass wir keine Zeit mehr haben werden zu
schreiben; hätten wir meine Schwester nicht, so müss-
ten wir uns sehr genau behelfen, und müssten Hunger
leiden; jetzt aber haben wir genug; der Herr wolle es
denen belohnen und hundertfältig erstatten, die an
uns Barmherzigkeit erweisen.
Mein geliebter und sehr werter Bruder und meine
geliebte Schwester durch den Gehorsam des Evange-
liums, ihr sollt wissen, daß wir im Fleische noch ziem-
lich gesund und unverändert im Glauben sind, und
daß wir auch gewiss sind, daß es die rechte Wahrheit
ist, und keine andere gefunden werden wird, weder
in Zeit, noch in Ewigkeit, denn davon sind wir über-
zeugt, daß der Herr in allen seinen Verheißungen treu
ist, wie er denn auch sagt, daß er die Seinen nicht
verlassen, sondern sie wie seinen Augapfel bewahren,
auch sie nicht über Vermögen versucht werden las-
sen, sondern neben der Versuchung ein Auskommen
verschaffen will, worauf wir auch ein festes Vertrauen
haben. Darum, mein lieber und auserwählter Bruder
und meine geliebte Schwester, bittet doch den Herrn
herzlich für uns, daß er uns Kraft und Stärke geben
wolle, wenn die Stunde des Leidens vor der Türe ist,
denn unsere Verfolger drohen uns sehr, daß sie uns
auf allerlei Weise peinigen und lebendig langsam bra-
ten wollen.
Darum, meine lieben Brüder und Schwestern in
dem Herrn, helft doch den Herrn für uns bitten, denn
von uns selbst haben wir doch nichts als Schwachheit,
und sind mit einem zerbrechlichen Fleische umgeben;
wenn wir aber des Herrn Wort überlegen und die Ver-
heißungen, welche er denen gegeben, die bis ans Ende
tapfer streiten und dabei bleiben, so finden wir hin-
reichenden Trost, denn wer standhaft bleibt, wird die
Verheißungen empfangen, indem er niemals jeman-
den verlassen hat, der auf ihn sein Vertrauen gesetzt
hat, und die des Streites eingedenk sind, den unser
Hauptmann Jesus Christus für uns geführt hat, da-
mit sie ihm so gutwillig nachfolgen. Darum erwarten
wir unsere Erlösung mit Freuden, und wenn sie uns
auch sehr drohen, so können sie uns doch nicht mehr
tun, als ihnen der Herr zulässt, und was ihnen der
Herr zulässt, dem wollen wir uns übergeben, denn
unser Fleisch hat wohl tausendmal mehr verdient, als
womit wir den Herrn so oft erzürnt haben. Ferner,
meine lieben Brüder und Schwestern, sind wir von
Tag zu Tag gewärtig unser Opfer zu tun, wie wir denn
auch meinten, daß es geschehen würde, als unsere
Mitgefangenen ihr Opfer taten. Nun denn, meine sehr
geliebten Brüder und Schwestern, die ihr euch unter
den Gehorsam des Evangeliums begeben habt, und
mit Noah in die Arche getreten seid, und mit Lot aus
Sodom, und mit Mose aus Ägypten durch das Rote
Meer gegangen seid, und lieber mit den Kindern Got-
tes Ungemach leiden, als die zeitliche Ergötzlichkeit
der Sünden mit Pharao haben wolltet, nun denn (sa-
ge ich), meine lieben Freunde, seid fromm mit dem
gerechten Noah, der auf des Herrn Verheißungen ein
festes Vertrauen hatte, und den Tag mit Geduld erwar-
tete, der ihm von dem Herrn verheißen war, nämlich
120 Jahre. Seht, meine lieben Brüder und Schwestern,
die ihr nun noch in Hütten sitzt, und mit Noah die
Verheißung empfangen habt, daß ein Tag kommen
wird, der über alles Fleisch gehen wird; werdet ihr
aufrichtig vor dem Herrn erfunden, dann werdet ihr
596
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
mit Noah ewig erhalten werden. Seid dem Herrn ge-
horsam mit Lot, und habt einen festen Glauben an
das, was euch Gott gebeut, denn er will, daß man
seine Gebote halte, wie wir denn auch ein Exempel
an Lots Weibe haben, welche in eine Salzsäule ver-
wandelt worden ist, und ferner an den Kindern Israel,
welchen, als sie seine Gesetze und Gebote hielten, nie-
mand Schaden zufügen konnte. Hiervon haben wir
auch ein Exempel an den Kindern Israel, denselben
war das Land der Verheißung zugesagt; aber sie ha-
ben es nicht verlangt, weil sie nicht auf den Herrn
vertrauten, denn von sechsmal hunderttausend sind
nicht mehr als zwei in das Land der Verheißung ge-
kommen; aber ihre Nachkömmlinge hat Josua durch
den Jordan geführt, welchen der Herr auch mit Kraft
beigestanden, sodass sie, nach seinem Befehle, mit
der Bundeslade um Jericho gegangen sind, worauf
die Mauern einfielen.
Seht, meine lieben Brüder und Schwestern, wenn
wir auf des Herrn Vorschrift fortwandeln und den
Herrn Tag und Nacht anrufen, so wird er für uns strei-
ten, ja, unsere Feinde werden uns nicht verhindern
können, sondern müssen zu Schanden werden; aber
wenn auch die Gerechten den Herrn wieder verlassen,
so müssen sie ihren Feinden den Rücken kehren, wie
man im Josua von Achan, und auch von Saul, dem
ersten Könige in Israel, liest, welcher, als er von dem
Herrn den Befehl empfing, daß er wider die Amale-
kiter in den Streit ziehen und niemanden verschonen
sollte, hingezogen ist und den Befehl des Herrn nicht
gehalten hat; darum ist auch der Geist des Herrn von
ihm gewichen. Deshalb hat der Herr den David an
seine Stelle gesetzt, welchen Saul aus diesem Grunde
auch verfolgt hat, wie denn die Gerechten von den
Ungerechten allezeit leiden müssen, wie Jakob von
Esau, Abel von Kain, weil sein Opfer angenehm war
vor dem Herrn, das seines Bruders aber nicht; dar-
um wurde er vom Kain ermordet, welches Geschlecht
noch jetzt in dieser Welt ist.
Seht, meine sehr geliebten, auserwählten und wer-
ten Brüder und Schwestern, welchen die Wahrheit
offenbart ist, die doch so vielen Tausenden verbor-
gen ist, und die ihr Gnade von Gott empfangen habt;
lasst uns dem Herrn gehorsam sein, wie unser Va-
ter Abraham getan hat, der ein Vater aller Gläubigen
ist, und Jephta, der seine eigene Tochter nicht ver-
schont hat, sondern sie dem Herrn freiwillig aufgeop-
fert hat. Darum, meine lieben Brüder und Schwestern,
lasst uns der Furcht des Herrn uns befleißigen und
seine Gebote halten, dann wird er uns gnädig sein.
So seid denn nun, meine sehr geliebten Brüder und
Schwestern, getreu bis ans Ende, erschreckt und fürch-
tet euch nicht, denn, obgleich dieses Geschlecht jetzt
große Macht hat, das Volk Gottes umzubringen und
zu töten, so können sie doch nicht mehr tun, als ihnen
der Herr zulässt. Darum lasst uns gute Wache über
unsere Seele halten, und allezeit wachsam sein, den
der Herr selbst sagt: Wacht und betet, denn der Herr
wird kommen, wie ein Dieb in der Nacht. Ach, mei-
ne lieben Brüder und Schwestern; lasst uns alsdann
mit den fünf klugen Jungfrauen allezeit Öl in unsern
Lampen haben, und allezeit bereit stehen und auf die
Zukunft unsers Bräutigams warten, damit wir mit
Gideon tüchtig erfunden werden möchten; denn sie
waren nicht alle angenehm, sondern es sind ihrer nur
dreihundert tüchtig erfunden worden, gleichwie auch
Christus selbst sagt: Viele sind berufen, aber wenige
auserwählt.
Darum, meine lieben Brüder und Schwestern in
dem Herrn, lasst uns doch den Herrn ernstlich und
mit brünstigem Herzen bitten, daß wir zu dem klei-
nen Häuflein erkannt und gerechnet werden mögen,
und ein Stein an des Herrn Tempel und eine Rebe an
des Herrn Weinstocke sein mögen, damit wir unserm
Hirten und Bischöfe tapfer bis ans Ende nachfolgen,
dann wird es uns wohlgehen, und wir werden in aller
Gerechtigkeit und Heiligkeit wandeln, und allezeit an
den Tag des Herrn gedenken und von dem Wege des
Herrn nicht weichen; dann wird er sich unserer erbar-
men und uns gnädig sein; denn er wird die Schafe von
den Böcken scheiden, und wird zu denen zu seiner
Rechten sagen: Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das
Reich, das euch bereitet ist; und zu denen zu seiner lin-
ken Seite: Geht, ihr Verfluchten, von mir in das ewige
Feuer. Ach, wie jämmerlich wird es dann um diejeni-
gen stehen, welche hier die Menschen mehr gefürchtet
haben als den Herrn, ja die jetzt sagen: Der Herr ist
gnädig und barmherzig, was zwar die Wahrheit ist; er
ist aber auch gerecht, und will, daß man seine Gebote
halte. Darum, o liebe Menschen, denkt an den Tag,
von welchem Petrus sagt, daß ein Tag vor dem Herrn
wie tausend Jahre seien; welch eine jämmerliche Klage
wird man dann darüber machen? Seht, meine lieben
Brüder und Schwestern, mein Schreibzeug ist nicht
ausreichend; deshalb muss ich schließen; darum wol-
len wir Gefangene hiermit unsern Abschied von euch
nehmen, nämlich wir vier; unsere Namen sind euch
wohl bekannt; sendet dieses Schreiben auch unserer
Schwester Lyntgens Bruder Jan de P. Wir Gefangenen
lassen euch mit des Herrn Worte herzlich grüßen; wir
sind noch wohlgemut und hoffen auch, dem Herrn
ein freiwilliges Opfer zu tun; Gott der Herr wolle uns
mit seinem Geiste stärken. Und ihr, liebe Brüder, Bau-
ke, Simon und Pieter, die ihr meine Brüder nach dem
Fleische seid, tragt doch Sorge für eure Seelen; lasst es
nicht darauf ankommen, daß ihr noch jung seid, denn
597
ihr wisst weder Stunde noch Zeit; auch ist euch so
viel offenbart, daß ihr wohl wisst, was die Wahrheit
ist. Hiermit will ich euch meinen letzten Abschied
zusenden, ich denke nicht, daß ich euch mehr sehen
werde; trachtet aber darnach, daß wir einander mit
Freuden Wiedersehen mögen.
Nun, mein lieber Bruder Bauke, samt deinem Weibe;
deine Mutter, deine Schwester und ich, dein Bruder,
lassen dich herzlich grüßen, so wie alle Bekannten;
hier sende ich euch unsem letzten Gruß: Der Herr
wolle uns tüchtig machen, daß wir einander dermal-
einst mit Freuden Wiedersehen mögen. Claes lässt
euch herzlich grüßen; auch lassen wir alle diejenigen
grüßen, die unserer im Schreiben eingedenk gewesen
sind, wie wir uns denn sehr erfreuen, daß ihr noch
solche Lust zu der Wahrheit habt. Hiermit nehmen
wir von unsern lieben Brüdern und Glaubensgenos-
sen unsern letzten Abschied; der Herr wolle euch alle
bewahren, in Gerechtigkeit und Heiligkeit, Amen.
Geschrieben in unserm dunklen Gefängnisse, mit
schlechtem Schreibzeuge; darum nehmt es zum Bes-
ten auf. Gegeben den 95. Tag unserer Gefangenschaft
im Jahre 1571, den 14. Juni, in Deventer.
Douwe Geuwoutß, 1571.
Diejenigen, welche den Worten und Geboten Gottes
recht nachzufolgen sich bestrebten, müssen öfters von
den Weltgelehrten große Verachtung und Verfolgung
leiden, wie man zu Leeuwaarden in Friesland an dem
Bruder Douwe Geuwoutß gesehen hat, welcher den 3.
Januar 1571 um des Namens Christi willen, fünf Kind-
lein allein im Hause lassen und sich in ein dunkles
Loch hat gefangen legen lassen müssen, in welchem
er eine lange Zeit bei den Übeltätern liegen musste,
welches er (mit dem Verlangen nach seiner Aufopfe-
rung) geduldig erlitten hat. Darauf wurde er von dem
Bischöfe und mehreren andern verhört, die ihn sehr
quälten und zum Abfalle zu bringen suchten; aber
alle Mühe war umsonst. Sie fragten ihn nach seinem
Glauben; denselben bekannte er ihnen freimütig; auch
priesen sie ihm des Papstes Krämerei sehr an, aber er
sagte, er wolle sich an Gottes Gebote halten, und Men-
schengebote fahren lassen. Er bewies auch, daß ihre
Betzeiten, Messe, Firmen, Salben, Beschwören und an-
dere Dinge mit Gottes Wort nicht übereinkamen; nicht
weniger hat er sie auch gebeten, daß, weil ja er sei-
nen Glauben bekannt hätte, sie ihn ferner nicht mehr
quälen, sondern seine Leiden und Beschwerden ver-
kürzen wollten, denn er sei bereit, sein Leben für die
Wahrheit zu lassen, indem er wohl wüsste, daß er als-
dann die Krone des Lebens zu erwarten hätte. Endlich
hat ihn der Bischof als einen Ketzer verdammt und
den weltlichen Richtern übergeben, um mit ihm nach
des Königs Befehle zu Verfahren (denn diese genann-
ten Christen dürfen niemanden töten, wie denn auch
die Pharisäer niemanden töten durften). In Folge jenes
bischöflichen Ausspruchs wurde Douwe Geuwoutß
nach langer Gefangenschaft, den 12. Oktober im Jahre
1571 zum Tode verurteilt, daß er die nächstfolgende
Nacht ertränkt werden sollte. Als er dieses hörte, hat
er sich tapfer als ein Glaubensriese erwiesen, und hat
nicht mehr vor dem Tode gebebt, sondern hat sehr
nach dem neuen Jerusalem verlangt; unerschrocken
saß er in der Stube mit entblößtem Haupte, und hat
seinen himmlischen Vater mit Dank, Lob und Gebet
verehrt, bis seine Abschiedsstunde herankam. Als sie
ihn in einen Sack steckten, fing er an zu singen: Ich
armes Schäflein an der Heide. Viele, die gegenwärtig
waren, rühmten seine Hochherzigkeit, weil er so frei-
willig und mit solch einem fröhlichen Gemüte dem
Tode entgegenging.
Also ist er aus diesem zeitlichen Jammertale sehr
freudig geschieden und hat sein Leben im Wasser
geendigt; demnach ruht er jetzt unter dem Altäre,
und erwartet dort die ewige Freude, die allen lieben
Kindern Gottes verheißen ist.
Hans Misel, 1571.
Auch ist Hans Misel, ein Weber, und noch ein jun-
ger Mann, im Jahre 1571, als er zu Langensmer, im
Schwabenlande, von einigen Leuten gebeten worden
ist, über des Herrn Wort zu lesen und zu reden, und
er diesen Weg der Wahrheit auslegte, verraten und zu
Warthausen zur Anzeige gebracht worden. Die Frau,
welche damals dort wohnte, schickte ihren Schreiber
dahin; derselbe kam mit den Dienern, überfiel den
Bruder, zog sein Schwert aus der Scheide, und stieß
mit dessen Knopfe den Bruder einige Male auf das
Herz oder auf die Brust; schalt denselben auch ab-
scheulich und sagte, er hätte Macht dazu und noch
zu mehrerem; auch hat er ihn mit der Degenklinge
geschlagen und gesagt, er hätte Macht, ihn damit zu
durchstechen. Der Bruder ließ sich dadurch nicht in
Furcht jagen, sondern sagte zu dem Schreiber in einem
sanften Tone, er solle still sein und nicht so rasen. Der
Schreiber band ihn selbst, worauf sie mit ihm nach
Warthausen marschierten, und ihn die Nacht in einem
Hause bewahrten, wo sie miteinander prassten und
zechten, und dem Bruder die ganze Nacht hindurch
allerlei Spott und Schmach antaten.
Als es nun Tag wurde, führten sie ihn in das Schloss,
und legten ihn in einen Turm; hier kamen viele Pfaffen
zu ihm, die mit ihm viel zu schaffen und zu handeln
hatten, und ihn versuchten; aber es sind keine zu ihm
598
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
gekommen, die nicht mit Schanden von ihm haben
wieder abziehen müssen. Auch hat der Scharfrichter
das Seine tun müssen, um ihn auf die Probe zu stellen;
sie haben ihn sehr angespannt und gepeinigt, aber sie
konnten ihn nicht bewegen, von der Wahrheit abzu-
fallen, oder etwas zu tun, was dem Glauben zuwider
gewesen wäre. Als sie nun mit allen Versuchungen
am Ende waren, und er gleichwohl standhaft blieb,
und nicht einen Tritt von dem Wege des Glaubens
und der göttlichen Wahrheit abweichen wollte, hat
die Frau des Schlosses den Pfaffen kommen lassen,
und zu ihm gesagt, sie wäre ein Weib und hätte wenig
Einsicht, wie man mit ihm handeln müsste; sie soll-
ten ihr doch raten, was man ihm tun sollte. Da hatte
die Frau die rechten Ratgeber getroffen, eben als ob
man den Wolf fragen wollte, wie man mit den Schafen
handeln sollte; denn sie hielten ihr sofort des Kaisers
Rechte und Befehle vor, und haben ihm so, nach der
Weise ihrer Väter, den Tod zuerkannt, welche auch
über Christum den Rat gaben und riefen: Hinweg mit
ihm, er ist des Todes schuldig; wir haben ein Gesetz,
und nach demselben muss er sterben. Also ist es ge-
schehen, daß er zum Tode verurteilt worden ist; einige
im Rate wollten nicht mit einstimmen, aber das half
nichts; der Teufel (der in den Kindern des Unglaubens
wirkt) war Meister in diesem Spiele.
Als man ihn nun des Morgens richten wollte, ka-
men des Nachts seine Freunde, und wollten ihn aus
dem Turme befreien; sie gruben, bis sie ganz in seine
Nähe gelangten, sodass er sie hörte; da hat er sie ge-
warnt, sie sollten sich nicht unterstehen, das zu tun,
den er würde durch dieses Loch doch nicht zu ih-
nen herauskommen; deshalb haben sie es anstehen
lassen müssen. Als nun das Urteil bekannt gemacht
war, daß er hingerichtet werden sollte, so wollten sie
ihm zuvor noch gar zu essen geben; aber er wollte
nicht essen, sondern als er vernahm, daß seine letzte
Stunde nun nahe wäre, begehrte er, daß man ihm ver-
gönnen möchte, ein wenig allein zu sein, was sie ihm
gestatteten, ohne zu wissen, warum er es begehrte,
wiewohl sie sich erkundigten und ihm nachforschten,
was er tun würde und vorhätte. In seiner Einsamkeit
hat er seine Hände gen Himmel erhoben, auch Gott
gelobt, daß er ihn diese Stunde hat erleben lassen,
und ihn dazu tüchtig erkannt hätte, hat ihn auch gebe-
ten, daß er ihm Kraft und Mut geben wolle, den Tod
der aufrichtigen und öffentlichen Zeugen Gottes zu
sterben. Darauf hat er auch Gott für alle Wohltaten
treulich gedankt, die er ihm zu jeder Zeit erwiesen hat-
te, auch gebetet, daß ihm Gott in dieser letzten Stunde,
die vorhanden, beistehen wolle, und hat sich auf sol-
che Weise dem Herrn, seinem Gotte, anbefohlen. Der
Scharfrichter sagte: Dieser Mann ist freimütiger, als
wir alle.
Als er nun ausgebetet hatte, zeigte er sich dem Vol-
ke mit lachendem Munde, und war bereit zu sterben.
Der Beichtvater zu Warthausen begleitete ihn, als man
ihn hinausführte, und setzte ihm zu, daß er widerru-
fen und sich selbst gnädig sein sollte; aber er sagte,
sie sollten widerrufen und sich von ihrer Hurerei, Bü-
berei und ihrem abgöttischen, gottlosen Leben, worin
sie versunken wären, bekehren.
Als ihn der Scharfrichter auf den Platz brachte, wo
er gerichtet werden sollte, sagte er noch zu ihm, wenn
er widerrufen wollte, so hätte er noch Macht, ihn in
Freiheit zu setzen; aber er war hierzu nicht geneigt,
sondern wollte seinen Glauben mit dem Blute bezeu-
gen, und sagte, daß der Scharfrichter in seinem Amte
fortfahren möchte. Also ist er enthauptet und nachher
verbrannt worden; als sie ihn nicht gleich verbrennen
konnten, zerteilten sie ihn in Stücke, und verbrann-
ten nachher dieselben. Als ihm der Scharfrichter das
Haupt abgeschlagen hatte, und dasselbe auf der Erde
lag, blieb der Körper noch aufrecht stehen, mit auf-
gehobenen Händen, als ob er gebetet hätte, bis der
Scharfrichter ihn mit dem Fuße umstieß. Man sag-
te auch, sein Haupt und Haar hätte nicht verbrannt
werden können, sondern man habe es noch ganz un-
versehrt in der Asche gefunden und es so begraben.
Dieses ist den 13. Dezember des vorgemeldeten Jahres
1571 geschehen.
Als er hingerichtet werden sollte (merke), sagte er,
man würde sein Blut noch an der Sonne sehen, was
auch am dritten Tag darauf am Mittage geschehen ist,
denn dieselbe zeigte sich blutrot, und wo sie durch
die Fenster auf irgendwelche Gegenstände siel, waren
sie so rot, als ob dieselben im Feuer gestanden hätten,
weshalb die Leute vor Verwunderung auf den Straßen
zusammen kamen, wie es diejenigen bezeugten, die
es gesehen haben, und zur Zeit noch lebten.
Jan Blök von Rymwegen wird um des Glaubens
willen im Jahre 1572 verbrannt.
Um das Jahr 1572 ist zu Rymwegen ein junger Geselle,
namens Jan Blök, verbrannt worden; derselbe war ein
reicher, begüterter Mensch, der lediglich von seinem
Vermögen lebte, weil er kein Handwerk oder sonst ein
Geschäft gelernt hatte. Dieser hatte mit einem Bruder,
Symon von Maren, einem Pelzhandler zu Herzogen-
busch, Umgang, mit welchem er früher ins Wirtshaus
zu gehen pflegte, um dort zu zechen; nachdem aber
derselbe bekehrt war, ermahnte er ihn zum Lesen des
Neuen Testamentes, wozu er sich auch verstand, und
wobei ihm der gute Herr das Herz geöffnet, daß er
daraus verstehen konnte, was recht wäre, weshalb er
599
sich zu der Gemeinde Gottes verfügt hat. Als dieses
geschehen, konnte es nicht verborgen bleiben, weil er
ein tugendhafteres Leben führte, als zuvor; deshalb
sind alle seine Güter der Kammer heimgeschlagen
worden; auf seine Person aber sind 70 goldene Rea-
len gesetzt worden, welche der empfangen sollte, der
ihn verraten würde. Hierauf ist er aus der Stadt ge-
flüchtet, und hat auf einem Dorfe bei einem Maurer
sich angeboten, um durch Handlangen seine Kost zu
gewinnen, denn er wusste sonst nichts anzufangen.
Der Maurer aber weigerte sich dessen und sagte: Sie
werden hierher kommen, dich zu fangen, und solches
würde mich verdrießen. Einige Zeit darauf ist er in
die Stadt gekommen; hier hat ihn ein Verräter ausge-
kundschaftet und ihn bei dem Offiziere und seinen
Dienern zur Anzeige gebracht; diese kamen ihn zu
suchen; die Frau im Hause hatte aber mit Jan Blök
Mitleiden, darum verbarg er sich in einem Bette hin-
ter dem Vorhänge. Der Schultheiß, als er die Kammer
sah, und nicht genau suchte (weil er kein blutdürs-
tiger Mann war), ist wieder zurückgekehrt und hat
gesagt: Er ist nicht da. Der Verräter sagte: Er ist doch
da; ich habe ihn hinein gehen sehen; da ist einer von
Dienern wieder umgekehrt, hat den Vorhang aufge-
hoben, und als er ihn stehen sah, führten sie ihn wie
einen Übeltäter mit sich; er ist auch nachher, als er im
Gefängnisse saß, bisweilen von den Gottesfürchtigen
besucht und versorgt worden.
Zuletzt hat man sein Todesurteil gefällt und ihn
verurteilt, daß er als Ketzer an einem Pfahle verbrannt
werden sollte.
Als dieses sich zutrug, war einer von den Herren
im Gerichte, welcher, weil Jan Blök von vornehmer
Herkunft und weltlichem Reichtum war, früher mit
ihm vielen Umgang hatte, und der, wie er vorgab,
noch vor seinem Ende ihn zu dem römischen Glau-
ben zu bekehren suchte; zu diesem wandte sich der
fromme Zeuge Jesu Christi und antwortete ihm: Da-
mals hättest du mich bekehren sollen, als wir früher
beieinander auf solchem Platze waren (den er nannte),
und ein jeder eine Hure auf seinem Schoße hatte.
Als er auf die Schaubühne kam, wo er getötet wer-
den sollte, zeigte er solch ein fröhliches Gesicht, als
ob er zu einer Hochzeit oder zu einem Freudenfeste
gegangen wäre, denn er trat mit solcher Behändigkeit
zu dem Pfahle, wo er sein Opfer tun sollte, als ob er
einen Sprung getan hätte.
Als er zum Pfahle kam, zeigte er dem Scharfrichter
seine Unvorsichtigkeit, welche darin bestand, daß die
Löcher, vermittelst welcher man ihn befestigen sollte,
nicht dahin gebohrt waren, wohin sie gehörten.
Hierauf hat man in der Kürze seinem Leben ein
Ende gemacht, und er ist, nach vielen Tormenten, ver-
brannt worden, als er seine Seele in die Hände Gottes
befohlen hatte.
Dieses alles hat zu einer solchen Rührung Veranlas-
sung gegeben, daß verschiedenen von den Herren, die
über sein Todesurteil zu Gerichte gesessen hatten, die
Tränen aus den Augen liefen, aus Mitleiden über die-
sen unschuldigen, aber doch wohlgegründeten und
standhaften Menschen, was wir nötig erachtet haben
anzuführen, und das zwar aus dem Zeugnisse derer,
die, nach ihrem eigenen Berichte, dabei gewesen sind
und solches gesehen haben. Es ist ein köstliches Ding,
geduldig sein, und auf die Hilfe des Herrn hoffen,
Klgl3.
Ein Brief von Jan Blök.
Die Gnade und der Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesu Christo, Amen. Gesegnet sei
Gott, der himmlische Vater unsers Herrn Jesu Chris-
ti, der ein Vater der Barmherzigkeit und Gott allen
Trostes ist, der uns in all unserer Trübsal tröstet, da-
mit wir auch diejenigen trösten mögen, die in allerlei
Trübsal sind, mit dem Tröste, womit wir von Gott ge-
tröstet werden, und gleichwie des Leidens viel über
uns kommt, so werden wir auch reichlich getröstet
durch Christum; haben wir aber Trübsal oder Trost,
so geschieht es uns alles zum Besten und zur Selig-
keit; diese Seligkeit wünsche ich dir, ausgenommen
meine Bande, von Grund meines Herzens, zum Trös-
te und Heile in deiner größten Not, wenn du, lieber
Bruder im Herrn, Hilfe und Trost nötig haben wirst,
gleichwie auch du, lieber Bruder, der du durch die
Wirkung des Heiligen Geistes bewegt und getrieben
worden bist, nun zu rechter Zeit an mich Armen und
Gefangenen zu Nymwegen um des Wortes unsers
lieben Herrn willen, geschrieben hast, womit ihr mir
einen so großen und angenehmen Dienst erwiesen
habt, daß ich auch Gott, meinem himmlischen Vater,
mein Leben lang nicht genug dafür danken kann, der
euch als Habakuk sandte, Speise zu bringen, womit
der fromme Daniel auswendig, nach dem Fleische,
gespeist worden ist, durch das Vertrauen, das er zu
unserm Gott hatte. Ach, wie groß ist diese geistige
Speise, lieber Bruder, womit du meine arme hungrige
Seele gespeist und getröstet hast, gleichwie auch ihr,
nach Beschaffenheit der Umstände, mir reichlich mit
des Herrn heiligem Worte in eurem Briefe zu meinem
Trost, unverzagten Mut eingesprochen habt, wofür ich
euch und Gott nicht genug danken kann, solchen hof-
fe ich zu bewahren mit der Hilfe unseres lieben Herrn.
Den Willen habe ich durch den allmächtigen Herrn,
noch von Herzen wohl zu tun; ich habe die Hoffnung
und das Vertrauen zu Gott, unserm himmlischen Va-
600
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ter, daß er mich armen, unwürdigen Gefangenen um
seines heiligen Wortes willen werde kräftig machen,
solches zu seinem heiligen Preise auszuführen, wenn
ich mein Opfer tun werde, wie ihr mir von vielen Pro-
pheten und Aposteln, ja, von Christo selbst schreibt,
welcher aus Liebe zu uns um unserer aller Sünden
willen, wie ein stummes Lämmlein zur Schlachtbank
geführt worden ist; um wie viel mehr bin ich armer,
elender Sünder schuldig, mein Leben um seines hei-
ligen Namens willen zu übergeben, dessen ich mich
von Herzen unwürdig achte? Dennoch habe ich das
Vertrauen zu Gott, gleichwie ihr mir auch geschrieben
habt, daß der Prophet Hesekiel aus des Allerhöchsten
Munde spricht, daß er der Sünden nicht mehr geden-
ken wolle; wie wir denn (dem Herrn sei gedankt) auch
wissen, unter welcher Bedingung der Herr zu uns
geredet hat, daß Gott alle diejenigen erhören wolle,
die solches begehren und sich von Herzen bekehren,
und daß er uns erhören und uns gnädig sein wolle,
wenn wir Tag und Nacht über unsere große Übertre-
tung klagen und seufzen, dergleichen ich armer und
elender Sünder begangen habe, denn er ist geneigt
zu vergeben; weshalb ich mich, wie oben gesagt ist,
um des Namens meines Herrn willen gern übergebe,
und durch seine Gnade sehr geduldig um meine Sün-
den willen leide; ich übergebe auch meinen Leib, wie
die sieben Kinder bei den Makkabäern getan haben;
gleichwie denn auch Eleazar lieber ehrlich sterben, als
heucheln und den jungen Kindern ein böses Beispiel
geben wollte. Ebenso, lieber Bruder in dem Herrn,
ist mein Gemüt auch durch des Herrn Gnade bestellt;
denn sehr geliebter Bruder, ich habe sehr großen Streit
wegen meines früheren Lebens, weil ich mich nicht
wie die ehrlichen Männer ernährt habe; ausgenom-
men kurz vor meiner Gefangenschaft, dem Herrn sei
gedankt, hatte ich mir vorgenommen, in aller Niedrig-
keit und Heiligkeit durch des Herrn Gnade mit den
Werken meiner Hände mich zu ernähren, als ich kaum
noch Zeit hatte; darum hat mein Gemüt öfters mich
betrübt, und das durch den Spruch Paulus: Und wenn
ich einen Glauben hätte, daß ich Berge versetzen könn-
te und gäbe all mein Gut den Armen, ließe meinen
Leib brennen, hätte aber der Liebe nicht, so wäre es al-
les nichts. Mein Herz krümmt sich, und meine Augen
fließen täglich wie ein Bach, weil ich meine köstli-
che Zeit so sündhaft zugebracht habe, während wir
doch heilig und unsträflich leben müssen; das weiß
der Herr, um dessen Wortes und Zeugnisses willen
ich elender Sünder gefangen bin; gleichwohl wollte
ich meine Hoffnung und meinen Glauben nicht um
tausend Welten geben.
Ach, liebe Brüder, wie wenig habe ich die rechte
Wiedergeburt und neue Kreatur erkannt, vielweniger
gehabt, gleichwie ich sie jetzt durch Gottes Gnade füh-
le und gern erkennen wollte, wenn ich noch Zeit hätte.
Freunde, habt doch gegeneinander eine ernstliche Lie-
be, erbaut euch in aller Demut und mit allem Ernste
in der Übung untereinander zur täglichen Heiligkeit,
damit ein jeder in seinem eigenen Auge der Gerings-
te sei, damit ihr nicht so ausgespitzt und aufgeputzt
wandelt, daß auch die arme, blinde Welt uns in ihrem
Tun in vielen Dingen übertrifft. Dieses Gesicht habe
ich nun eine kleine Zeit her durch des Herrn Gnade
gehabt, und wenn ich es gleich anfänglich so in der
Kraft gefühlt und angenommen hätte, wie ich wohl
hätte tun sollen, und wie ich leider erst in meiner letz-
ten Zeit, durch des Herrn Hilfe mir vorgenommen
hatte, so wäre ich gewiss in solche große Betrübnis
nicht gekommen, was von heimlichem Hochmute und
gemächlichem Leben seinen Ursprung hatte. Darum,
lieber Bruder und Diener der Gemeinde Gottes, wo
ihr seid, tragt doch mit Fleiß Sorge, als treue Arbeiter
in dem Weinberge für die Ranken, die sehr leichtfertig
aufschießen und aufwachsen in der Völlheit und Eitel-
keit ihres Sinnes, welche auch dem Leben entfremdet
sind, das aus Gott ist. Das fange ich jetzt erst an, mit
Verstand zu fühlen, was eine neue Kreatur sei.
Ach, liebe Brüder und Wächter über das Haus des
Herrn, wollt doch die Person nicht ansehen, denn man
kann diejenigen, die noch jung sind, in dem Verständ-
nis des christlichen Lebens mit nichts mehr verderben,
als wenn man sie nicht fleißig mit dem Worte Gottes
ermahnt, eine neue Kreatur zu werden und ein de-
mütiges und gottseliges Leben zu führen. Ach, wie
bin ich dieses bei mir selbst gewahr geworden, daß
in dieser Zeit so wenige gefunden werden, die recht
umgekehrt und erneuert sind, und dem Leben, sowie
den Fußstapfen, worin uns Christus vorgewandelt ist,
recht nachwandeln! Ach, wenn sie es so fühlten, wie
ich es jetzt in meiner letzten Zeit fühle, sie würden
sich fürchten, von etwas anderem zu reden oder an
etwas anderes zu denken, als hauptsächlich an das Ge-
setz des Herrn. Ach, liebe Freunde, nun verstehe ich
es erst, und bin so oft einer von unsern drei Schwes-
tern eingedenk, die ihrem Sohne Tobias ein Testament
geschrieben hat, worin sie erzählt hat, wie wir unsere
Zeit wohl wahrnehmen sollen, und daß wir nichts
mehr beklagen sollen, als daß wir unsere Zeit so we-
nig wahrgenommen, sondern dieselbe mit Leichtfer-
tigkeit durchgebracht haben. Ach, liebe Freunde, ich
wollte von Herzen, daß diejenigen, die hierin schuldig
sind, oder träge erfunden werden, ein solches Gefühl
von ihrer gegenwärtigen Zeit haben könnten, als ich
in meinem Herzen von meiner vergangenen Zeit habe
und beschuldigt werde, ihr würdet euch in Wahrheit
in gottseligen Übungen finden lassen, damit ihr er-
601
neuert würdet in der Kraft des Geistes, und in ein
neues geistiges Leben, das dem Bilde dessen gleich
ist, der sein heiliges Blut für uns arme Sünder aus-
gegossen hat, dann würden wir die Art und Natur
Christi in Worten und Werken wohl an uns hervor-
leuchten lassen, und ein solches Salz der Erde sein,
daß wir auch mit Kraft vor diesem ehebrecherischen
Geschlechte desto mehr Lob davontragen würden,
ja, man würde alsdann mit einem klaren Scheine in
der Gemeinde Gottes gewahr werden, wie man den
Schein der Kerze durch die Lichtschere verbessert,
wenn wir anders in unserer kurzen Zeit unsern Leib
mit Worten und mit Werken von unserm fleischlichen
Leibe reinigen lassen, in Worten und Werken, ja, in
Kleidern und dem ungeistigen Wesen, dann würden
in Wahrheit unsere Lichter in einem klaren Scheine
erfunden werden. Hieraus sieht jeder, wie mancher
in der Finsternis, dem Evangelium zur Schande, er-
funden wird; hier steht man, daß sich so viele ohne
Kreuz in dieser letzten Zeit von Gott entfremden und
erkalten, daß auch der Herr fragt, wenn des Menschen
Sohn kommen wird, ob er auch Glauben finden werde
auf Erden. Ach, liebe Freunde, meint ihr denn, wenn
man sich hüten kann, daß man nicht mit dem Bann
gestraft wird, daß man auch eine neue Kreatur sei vor
Gott, recht nach seines Vaters Bilde, und recht allen
Sünden abgestorben? Ach nein! Ich finde solches an-
ders in meinem Gemüte, und das durch des Herrn
Gnade. Aber es ist jetzt das Letzte meiner Zeit, dem
Anscheine nach, und ich mache meine Rechnung auf
nichts anderes, als von Tag zu Tag meinen Leib zu
übergeben, und ein wenig um des Zeugnisses des
Wortes unseres lieben Heilandes willen durch seine
Gnade zu leiden, auch männlich zu streiten, bis in
den Tod, ja, bis in den Feuertod, nachdem es der Herr
meinen Feinden zulässt; es sei auch, wie sie wollen;
ich habe mich dem Herrn, meiner Stärke und meinem
Nothelfer, anbefohlen.
Ach, lieber Bruder und liebe Schwester in dem
Herrn, ich habe diesen Brief, meine kleine Gabe an
euch Allerliebsten, geschrieben, aus Liebe mit reichli-
chen Tränen. In der Kürze lasse ich euch hiermit aus
dem Grunde meiner Seele bitten, lieber Bruder, und
meine herzlich geliebte Schwester im Herrn, daß ihr
aller Orten zu Gott eure Knie in Eintracht beugen,
und zu dem Herrn heilige Hände aufheben, auch den
allmächtigen Herrn für mich armen und schwachen
Knecht bitten wollt, daß mir der Herr Stärke verlei-
hen wolle, damit ich es mit Herzenslust ausführen
möge. Ihm zum heiligen Preise und mir zur Seligkeit,
ohne zu verzagen bis in den Tod, wie ich hoffe, und
vertraue ohne mein Wissen, und ohne daß es nötig
wäre, euch zu schreiben; denn nach den heiligen alten
Gewohnheiten müssen die Starken für die Schwachen
bitten, besonders in Todesnöten; ich aber bitte den
allmächtigen Herrn nach meinem schwachen Vermö-
gen für euch Brüder und Schwestern im Herrn, daß
er euch, um die es noch wohl steht, bewahren wol-
le, und die sich etwa verirrt oder gesündigt haben,
daß sie ihre Sünden unter Tränen vor Gott recht be-
kennen und sich in Zeiten bekehren wollen. Meine
herzlich geliebten Bundesgenossen und lieben Brüder
und Schwestern im Herrn, ich, euer armer, unwür-
diger Bruder, der ich doch durch des Herrn Gnade
würdig zu sein hoffe, hätte euch etwas von demjeni-
gen melden sollen, was mit mir vor dem Herrn sich
zugetragen hat, wiewohl ich es hier nicht aufsetzen
kann und auch davon nicht viel zu schreiben habe;
also nur weniges davon. Als ich eine Woche gesessen
hatte, ließen sie mich herausbringen, wo ich meinen
Glauben bekannt habe; nachher hatte ich sehr großen
Streit, und werde ihn noch haben, solange ich in die-
ser Hütte bin; ich hoffe euch noch mehr zu schreiben.
Liebe Brüder, wenn ihr einige Worte finden solltet, in
denen ein Buchstabe oder gar zwei mangeln, oder wo
die Silben nicht recht eingeteilt oder geschrieben wä-
ren, so haltet es mir zu gut, denn mein Verstand und
Gedächtnis sind mir seid Kurzem sehr geschwächt,
und das durch große Betrübnis, deren Ursache unnö-
tig ist zu schreiben; aber mein Gemüt steht fest und ist
ruhig in dem Herrn und unverzagt, wie ein junger Lö-
we. Ich kann dem Herrn nicht genug für seine große
Güte danken, die er mir täglich zusendet, bisweilen
mit großer Betrübnis, bisweilen mit großer Freude,
wie mich denn hin und wieder dünkt, daß ich im
Himmel sei; aber die meiste Zeit leide ich Druck, dem
Herrn sei dafür gedankt. Liebe Brüder und Schwes-
tern im Herrn, bittet doch den Herrn herzlich für mich;
ich will auch ein Gleiches tun nach meinem geringen
Vermögen, durch des Herrn Gnade.
Geschrieben von mir, Jan Blök, zu Nymwegen im
Stocke, wo ich Unwürdiger gefangen saß, um des
Wortes unseres lieben Herrn willen, welches lauter
und rein ist. Der allmächtige Herr wolle mein Gemüt
kräftig und stark machen, durch seine Gnade, wenn
ich es mit meinem Tode werde bezahlen müssen, und
doch schwach bin zu meines Herrn Preise, solches
vor den bösen Menschen auszuführen. Gute Nacht,
meine lieben Brüder und Schwestern im Herrn; ich
sage euch allen. Allerliebste, gute Nacht, und erwarte
euch sämtlich dort in der ewigen Freude, wohin ich
durch des Herrn Gnade zu kommen hoffe.
602
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Ein junger Geselle von Nymwegen wird zu
Herzogenbusch im Jahre 1572 verbrannt.
Als der vorgemeldete Freund Gottes Jan Blak aufge-
opfert war, ist ein junger Gesell, der die Wahrheit der
getöteten Märtyrer behauptete und dasselbe Bekennt-
nis tat, von Nymwegen nach Herzogenbusch gereist,
ist aber auskundschaftet und von dem dasigen Schult-
heißen verhaftet und an dem Orte, wo man diejenigen
festzusetzen pflegte, die das Leben verschuldet hatten,
eingesperrt und verwahrt worden.
Nicht lange nachher kam der Münzmeister der
Stadt Nymwegen (der davon gehört hatte) nach Her-
zogenbusch, um (wenn es möglich wäre) ihn zu be-
freien, und vom Tode loszukaufen.
Zu diesem Ende zählte er dem Schultheißen da-
selbst tausend Gulden auf, in der Meinung, daß er
damit genug getan und sein Ziel erreicht hätte; aber
als der Schultheiß dieselben empfangen hatte, woll-
te er solches nicht gewähren, sondern erklärte, daß
der Gefangene gleichwohl nach des Kaisers Befehle
sterben müsste.
Darauf ist erfolgt, daß man (kurz darauf) sein Urteil
gefällt und ihm den Tod angekündigt hat, nämlich,
daß er auf dem Markte mit Feuer hingerichtet werden
sollte, was auch wirklich in jener Stadt (zur herzlichen
Betrübnis vieler Zuschauer) an ihm vollzogen worden
ist.
Henrich von Eckelo, 1572.
Ferner ist zu Gent in Flandern, um des Zeugnisses
Jesu willen ein junger Mann, namens Henrich der
Schuhmacher, gefangen genommen, weil er seine Oh-
ren zu der rufenden Stimme gewandt hatte, die in den
Worten erschallte: Mein Volk, geht aus von ihr, damit
ihr nicht ihrer Sünden teilhaftig werdet, und etwas
von ihrer Plage empfangt. Darum hat er sich von Ba-
bel abgeändert und sich mit Christo wieder vereinigt,
weshalb er von Babels oder des Antichristen Dienern
mit viel erbitterten und strengen Bedrohungen un-
tersucht worden ist; aber (nachdem er so geläutert
worden) ist die Prüfung seines Glaubens viel köstli-
cher erfunden worden, als das vergängliche Gold, das
durch Feuer geläutert wird, sodass er dieses alles um
des Namens Jesu willen geduldig ertragen hat. Da er
aber durch keine Tormente zum Abfalle gebracht wer-
den konnte (indem er auf den Stein gegründet war),
so ist er um deswillen an gemeldetem Orte auf dem
Freitagsmarkte mit dem Schwerte vom Leben zum
Tode gebracht worden, und ist standhaft gestorben;
darum hat er nun die Krone der ewigen Herrlichkeit
aus Gnaden erlangt, und ruht unter dem Altäre Chris-
ti Jesu.
Dieser Held und Streiter Jesu Christi hat das schö-
ne Lied in seinen Banden gemacht, welches in dem
Tafelliederbüchlein steht und anfängt: Weil die Natur
mich dieses lehren tut.
Jan Wouterß von Kuyk und Adrianken Fans von
Müllersgrab werden beide um des Zeugnisses Jesu
Christi willen zu Dortrecht verbrannt, 1572.
Als 1572. Jahr nach der Geburt unseres Herrn Jesu
Christi anfing, haben die Herren des Gerichtes zu
Dortrecht in Holland ihre Hände an zwei sehr sanft-
mütige und liebe Freunde Gottes gelegt, die ihrem
Heilande, dem getöteten Kreuzeslämmlein Jesu Chri-
sto nachfolgten, und nicht zu den unbedeutendsten
Mitgliedern der überall zerstreuten Gemeinde des
Herrn gehörten, die als Lichter in dieser Welt ihre vor-
trefflichen Tugenden unter diesem argen und verkehr-
ten Geschlechte scheinen und hervorleuchten ließen.
Diese beiden wurden wie Schlachtschafe aus dem Stal-
le geholt; der Hergang der Sache war folgender:
Zunächst und vor allem wurde in aller Eile Adri-
anken, Jans Tochter, gefangen genommen, dieselbe
wohnte zu Müllersgrab in der Pfaffendrächtischen
Waart; als sie aber in die Gerichtsgrenzen der Stadt
Dortrecht kam, ist sie (weil man sagte, daß sie eine
Ketzerin wäre) angegriffen und auf die Vuylpforte
gefangen gesetzt worden.
Dann wurde der Plan gemacht, den Jan Wouterß
von Kuyk in Verhaft zu nehmen, der wirklich in der
Stadt wohnte, aber seine Wohnung oft veränderte, um
nicht leicht bekannt zu werden; zu dem Ende ist der
Schultheiß, als er vernahm, wo er wohnte (nämlich
in der Straße nach dem Rietdamm bei dem Neupfört-
chen, auf einer Kammer, wohin man von der Straße ab
auf einer Treppe gelangte), mit seinen Dienern uner-
wartet gekommen, und ist, ohne etwas zu fragen, die
Treppe hinaufgegangen, wo ihm Jan Wouterß, als er
die Türe öffnete, begegnete. Da sagte der Schultheiß
zu ihm (der ihn nicht kannte): Wohnt Jan von Kuyk
hier? was dieser gute, aufrichtige und redliche Mann
(welcher der Wahrheit nicht widersprechen wollte)
bejahte und hinzufügte, daß er es selbst wäre.
Diese Worte redete er sehr laut, damit seine liebe
Frau, die hinten in der Kammer war, solches hören
und entfliehen mochte, was auch geschehen ist; sein
einziges Töchterlein aber, welches ein Kind von un-
gefähr sieben Jahren war, blieb in der Kammer und
sah ihren Vater gefangen nehmen; dasselbe blieb je-
doch von ihnen unbeachtet. Die Gerichtsdiener legten
sofort Hand an diesen Freund Gottes, und banden
ihn gewaltig, wozu er sagte: Ach, meine Herren, wie
603
bindet ihr mich, als ob ich ein böser Mensch wäre;
aber ihr bindet nicht mich, sondern euch selbst. Dar-
über seufzten die Gerichtsdiener sehr, doch gingen
sie mit ihm fort, und führten ihn (wie ein wehrloses
Schäflein, das von Wölfen überwunden worden ist)
von dem Rietdamme nach der Vuylpforte, was eine
halbe Stunde Weges durch die Stadt ist, wo sie ihn in
eine andere Höhle brachten, als worin Adrianken Jans
gefangen lag, obwohl es dasselbe Gefängnis war.
In dieser Zeit haben sie beide viel Anfechtung er-
leiden müssen, sowohl dem Leibe, als der Seele nach;
denn sie wurden einige Male scharf gefoltert, ausge-
spannt und gegeißelt, sodass fast die ganze Stadt von
ihrem Jammer, Elende und Leiden zu sagten wusste,
wie nachher Jan Wouterß in einem seiner Briefe zu
erkennen gegeben hat.
Die päpstliche Geistlichkeit verursachte ihnen, der
Seele nach, auch viel Streit, indem sie ihnen durch viel
List und Nachstellung den Schatz des wahren Glau-
bens zu rauben suchte, aber sie haben ihnen nichts
abgewinnen können; deshalb sind sie zuletzt vor öf-
fentlichem Gerichte zum Tode verurteilt worden, näm-
lich, daß sie an der Wasserseite der Stadt, bei einem
gewissen Kalkturme, wo jetzt das neue Werk ist, zwi-
schen der Mühle, die auf der Festung steht, und dem
Bollwerke mit Feuer hingerichtet werden sollten, je-
doch mit der Beschränkung, daß Adrianken Jans nicht
eigentlich durch Feuer sterben, sondern vor dem Bran-
de an einem Pfahle zunächst erwürgt werden sollte,
wiewohl wir nicht finden, daß solch geringere Todess-
trafe dem Jan Wouterß widerfahren sei.
Unterdessen haben sie sich beide mit großem Ver-
langen und innigster Freude zum Tode bereitet und
konnten Gott nicht genug loben, daß sie gewürdigt
worden waren, ihre Leiber um seines heiligen Namens
willen zu einem Opfer zu übergeben.
Als nun die Stunde ihres Abschieds herbeikam, hat
man sie beide aneinander gebunden; sie aber fielen
auf ihre Knie, und verrichteten, ehe man sie hinaus-
führte, in der Stille zu Gott dem Herrn, ein ernstliches
Gebet, damit er ihnen in ihrem bevorstehenden Lei-
den Stärke und Kraft verleihen wolle, um es bis ans
Ende auszuführen.
Hierauf hat man ihnen (aus Furcht, sie möchten
etwas zu dem Volke reden) einen Knebel in den Mund
gegeben, und sie so aus dem Gefängnisse geführt, was
einen jämmerlichen Anblick gewährt hat, wiewohl Jan
Wouterß mit der einen Hand (welche, wie es scheint,
nicht gebunden war) den Knebel aus dem Munde
nahm und mit lauter Stimme rief: O Herr! Stärke doch
deinen schwachen Knecht und deine arme Magd; um
deines Namens willen sind wir hierzu gekommen,
wozu wir uns auch willig bereitet haben.
Als er dieses gesagt hatte, näherte sich ihm einer
seiner Glaubensgenossen (dessen Herz hierdurch, wie
es scheint, mit Eifer entzündet worden ist), drängte
sich mit Macht vor das Volk, und sagte, als er vor ihn
kam: Streite tapfer, lieber Bruder, du wirst nachher
nicht mehr leiden.
Darauf zog Jan Wouterß sofort seinen Wamms aus,
zeigte ihm seine Brust, die durch das Geißeln im Ge-
fängnisse blutig war, und sagte: Ich trage bereits die
Malzeichen des Herrn Jesu an meinem Leibe, wandte
dabei seine Augen nach dem Himmel, und sah mit
Verlangen nach dem himmlischen Ruheplatze.
Unterdessen (ehe man solches wegen des Völksge-
dränges recht gewahr wurde) hat sich diese Person
unsichtbar gemacht, und sich unter das Volk gemischt,
worüber einige von den Gerichtsdienern murrten,
und mit strengen Worten fragten, wo die Person hinge-
kommen sei. Dieses hat sich bei dem Schweinsmarkte,
in der Nähe des Neuenhafen, zugetragen.
Als sie fortgingen, kamen sie bald an den Richtplatz,
wo zwei Brandpfähle aufgerichtet waren um welche
eine unzählige Völksmasse sich versammelt hatte.
Indem sie nun dort ankam, stiegen sie auf die er-
richtete Schaubühne, wo sie auf ihren Knien Gott aber-
mals in der Stille anriefen, wiewohl Jan Wouterß nur
allein reden konnte, weil der Adrianken Jans Mund
noch mit dem Knebel verschlossen war.
Als sie aufstanden, rüsteten sich die Henker, Adri-
anken Jans zuerst zu erwürgen, worauf diese sich zu
dem Pfahle verfügte.
Da sagte Jan Wouterß: Dies ist der Tag des Heils.
Der Unterschultheiß aber, als er dieses hörte, rief mit
Ungestüm: Schweig! aber Jan Wouterß sagte: Warum
sollte ich schweigen? Ich rede ja keine bösen Worte.
Inzwischen wurde Adrianken Jans erwürgt, welche
(nach dem Zeugnisse derer, die es gesehen haben) eine
zeitlang mit einem roten Unterrocke an dem Pfahl
stehen blieb, bis sie verbrannt wurde.
Sodann wandten sich die Gerichtsdiener zu Jan
Wouterß, welcher sich mit fröhlichem Mute, ja mit
lächelndem Angesichte, zu dem andern Pfahle ver-
fügte, der in der Nähe stand; als er nun daran befestigt
wurde, ward er gewahr, daß einige von seinen Glau-
bensgenossen unter dem Volke standen, um sein Ende
anzuschauen, welchen er (ohne jemanden zu nennen)
überlaut zurief:
Gute Nacht zum Abschiede, meine lieben Brüder
und Schwestern; ich will euch hiermit dem Herrn
befehlen, dem Herrn, der sein Blut für uns vergossen
hat.
Unterdessen eilte und bereitete er sich zum Tode,
und befahl Gott seine Seele, mit folgenden Worten: O
Gott, der du meine Stärke bist; meinen Geist befehle
604
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ich in deine Hände.
Darauf hat man den Holzhaufen angesteckt und
diesen Freund Gottes (wie es scheint lebendig), mit
seiner toten Schwester verbrannt, zu großer Betrüb-
nis vieler, die ihn umstanden, und mit Jammer über
diesen Anblick erfüllt waren.
Dies ist das Ende dieser beiden Lieblinge des Herrn
gewesen, welchen niemand Böses (in Ansehung ih-
res Lebens) nachsagte, sondern von jedermann, ihres
tugendhaften Wandels wegen, gelobt wurden.
Nacherinnerung, den Tod des Jan Wouterß von
Kuyk und der Adrianken Jans von Müllersgrab
betreffend.
Als diese beiden Personen zum Tode geführt wurden,
wurde (wie berichtet wird) die Saalglocke geläutet
(was gewöhnlich in Halsgerichten, die von Seiten der
Stadt gehalten werden, zu geschehen pflegt), wodurch
ein großer Zulauf des gemeinen Volkes nach dem
Gerichtsplatze herbeigeführt ist.
Die Stadtpforten wurden geschlossen, oder wenigs-
tens mit einer Wache besetzt, sodass niemand ohne
Bewilligung derer, welche die Wacht hielten, passie-
ren konnte, deren Namen dann zugleich aufgeschrie-
ben wurden, nachdem sie darüber Auskunft gegeben
hatten, woher sie gekommen seien, und wohin sie
wollten.
Als sie auf dem Richtplatze ankamen, welcher an
der Nordwestseite der Stadt in der Nähe des Wasser-
ecks war, und auf die Schaubühne gestiegen waren,
haben einige der Umstehenden, in guter Absicht, den
beiden frommen Leuten zugerufen und sie (um ihrer
Frömmigkeit willen) in ihrem nahe bevorstehenden
Tode getröstet; zu diesen hat sich Jan Wouterß ge-
wandt, hat sie ermahnt, ihr Leben zu bessern, und
den wahren Glauben anzunehmen, und ihnen erklärt,
wie getrost und herzlich sie beide nach diesem heili-
gen Opfer verlangten.
Darüber bestrafte ihn der Unterschultheiß in harten
Worten, was viele verdrossen hat, die gleichwohl nicht
zur wahren Erleuchtung gekommen waren.
Man zog ihnen beiden (nebst den Oberkleidern)
auch die Schuhe aus und warf sie unter das gemei-
ne Volk, welche von einem Bruder, Dirk Wouterß ge-
nannt, aufgerafft und fortgetragen wurden.
Dann stellte man Adrianken Jans zuerst an den
Pfahl, welche ohne allen Aufschub erwürgt wurde.
Eine Schwester der Gemeinde, deren Name bekannt
genug ist und welche mit dem Marktschiffe von Rot-
terdam kam, fiel in Ohnmacht, als sie dieselbe sah und
erkannte, und konnte deshalb den darauf folgenden
Tod des Jan Wouterß nicht ansehen.
Dabei ist es aber zugegangen, wie zuvor berichtet
worden ist; unterdessen läutete die Saalglocke noch
bis ungefähr zu dem Zeitpunkte, wo das (sogenannte)
Gericht zu Ende war.
Wir haben keine geringe Mühe angewandt, um hier
in der Kanzlei der Stadt Dortrecht das alte Protokoll
ihrer Verhöre und Todesurteile zu erlangen, haben es
aber nicht zu Händen bekommen können, denn es
ist nicht mehr vorhanden; auch (wie sich annehmen
lässt) ist es in das Buch des Blutgerichts, welches wir
zu dem Ende durchsucht haben, nicht ordentlich ein-
getragen. Wir vermuten, daß man diese Todesurteile
oberflächlich aufgeschrieben, und sie vor Gericht vor-
gelesen, sodann aber vernichtet habe, damit davon
keine Spur Zurückbleiben möchte, weil es den An-
schein hatte, daß sowohl die bürgerliche Regierung,
als auch die Religion der Stadt verändert werden wür-
de, wie solches denn auch drei Monate später (durch
die Einmischung Wilhelms des Ersten, Prinzen von
Oranien) stattgefunden hat.
Gleichwohl mangeln uns nicht andere gerichtliche
Zeugnisse in dieser Sache.
Johann Beverwyk, erster Doktor der Arznei und
Ratsherr der Stadt Dortrecht, schrieb davon (in den
beigefügten Geschichten über seine Beschreibung der
Stadt Dortrecht, in der Dörfischen Auflage, Pag. 348,
auf das Jahr 1572) folgendes:
In der Stadt selbst war ein Mann, namens Jan von
Kuyk Wouterß, ein Glasmaler, der Ketzerei beschul-
digt, gefangen genommen, welcher ein untadelhaftes
Leben und einen unsträflichen Wandel führte, wie ich
von denen vernommen habe, bei denen er gewohnt
hat.
Die Obrigkeit, welche wohl sah, wie es unter dem
Volk bestellt war, hat mit seinem Todesurteile nicht
sehr geeilt; ja, der Schultheiß Jan von Drenkwaart
Boudewynß, der noch jung und ohne Bart war, hat
sich von ihm in der Stellung Salomons, als er sein
erstes Urteil aussprach, malen lassen.
Aber die Mönche taten nichts anders, als wider die-
se Nachlässigkeit heftig zu predigen, ja sie ließen es
sich nicht zu viel sein, von der Kanzel zu rufen, daß
ihn der Schultheiß nur zu dem Ende gefangen hätte,
um sich von ihm malen zu lassen.
Deshalb ist dieser arme Mann, nachdem er scharf
gefoltert worden ist, um von ihm seinen Meister und
seine Mitgesellen zu erfahren, den 28. März des Jahres
1572 auf dem neuen Markte, nebst einer Frau von
Müllersgrab, Adrianken Jans, verbrannt worden. So
weit Johann von Beverwyk.
Also ist die Erzählung von dieser Leute Tod unbe-
zweifelt und ist auch von niemandem in dieser Stadt,
soviel wir wissen, in Zweifel gezogen worden; darum
605
wird der gutwillige Leser sich damit zufriedenstellen.
Von den Personen, die damals in der
Gerichtskammer waren (und dieses Urteil gefällt
hatten); diese waren nachfolgende:
Jan von Drenkwaart Boudewynß, zwischen 29 und 30
Jahre alt, war damals Schultheiß in Dortrecht.
Arent von der Myle Herr Corneliß, Bürgermeister
der Gemeinde, der um das Ende des Jahres 1570 ab-
ging, und nun den 6. März wieder erwählt worden
war.
Daneben (nach dem Rechte dieser Stadt) neun Rats-
herren:
1. Cornelius Herr Hendrikßz, 2. Adrian von Mo-
syenbroek Herr Govertß, 3. Adrian Konink Dirkß, 5.
Gysbrecht Janß, Schatzmeister, 6. Michael von Beve-
ren, Herr Pieterß, 7. Mr. Jan von Beveren, Herr Franß,
8. Pieter Kool Herr Huygenß, 9. Damas Herr Wouterß
statt Jan Adrianß.
Die Vorgenannten haben wir aus dem Protokolle
der Gerichtsherren der Stadt Dortrecht aufgezeichnet,
welche im Jahre 1572 regiert haben, nach dem Berich-
te des vorgemeldeten Johann von Beverwyk in dem
angezogenen Buche, wo er von dem Regimente der
Stadt handelt, auf das Jahr 1572.
Ob sie aber alle zugleich in das Urteil eingewilligt
haben, oder ob es durch die meisten Stimmen gesche-
hen, wird nicht gemeldet; es ist uns auch wenig daran
gelegen, solches zu wissen, weil es uns (zu unserer
Besserung und Erbauung) genug ist, daß wir wissen,
wie unerschütterlich im Glauben und standhaft im
Tode die vorgemeldeten Märtyrer gewesen seien, die
unter ihrer Regierung gelitten haben.
Uber den Tod dieser Freunde sind damals zwei
Lieder gemacht worden; in dem ersten wird unter
andern die Ursache und die Zeit ihrer Gefangenschaft
angegeben:
Nicht lang darauf sind Briefe kommen,
Zu Dortrecht an den neuen Schulz,
Der noch sehr jung an Jahren. . .
In dem andern wurde von ihrem Tode Nachricht ge-
geben:
Zuerst ivard Adrianken Janß zum Tod gebracht,
An die sich Drenckwaart Janß der Schultheiß hat
gemacht. . .
Und kurz darauf:
Jan Wouterß sagte mit Bescheid:
Dies ist der Tag der Seligkeit.
Schweig! sprach der Schulz.
Was soll ich (sagt er) stille sein,
Denn was ich rede, ist ja fein,
Nicht ungestüm noch stolz?
Adrianken hatte ihr Gesicht
Nach ihrem Bräutigam gericht';
Die ridit nun auch im Herrn,
Und ist durch seine Gütigkeit
Von aller Pein und Brand befreit.
Jan Wouterß hat auch gern
Sich zu dem Todespfahl bereit',
Der fromme Knecht lacht voller Freud',
Und hat ins Herren Hand
(Der Burg und Schloss und Zuflucht heißt)
Zuletzt befohlen seinen Geist,
Darauf hat er gewandt
Zu Brüdern und zu Schwestern sich,
Und hat gerufen öffentlich:
Lebt wohl, habt guten Mut,
Dem Herrn ich euch befehle an,
Der für uns hat genuggetan
Mit seinem teuren Blut.
Dies sind zwei Schäflein, die nun sein,
Erlöst von Ungemach und Pein.
Was ist denn nun ihr Lohn?
Für ihres Leidens Bitterkeit
Ist ihnen jetzt nun zubereit',
Die sei' ge Marterkron.
Ferner wurde auch in diesem Liede gesagt, wie ihnen
der Mund verstopft worden sei, wie sie Gott angebe-
tet, und sich auf dem Richtplatz zum Tode bereitet
haben; wir halten aber das von ihrer Aufopferung
Gesagte für hinlänglich.
Nachdem uns alle Briefe, Testamente und Bekennt-
nisse von Jan Wouterß von Kuyk, deren zwölf an der
Zahl sind, in die Hände gekommen sind, sowie auch
ein Brief von Adrianken Janß von Müllersgrab, und
ihres Mannes J. A. von Dord Antwort darauf, welche
wir durchgesehen und dabei gefunden haben, daß sie
viele heilsame und erbauliche Lehren in sich halten,
so haben wir es für zweckmäßig gehalten, dieselben
zur Erbauung und zum ewigen Andenken hierher
zu setzen, damit ein jeder den lebendigen und wirk-
samen Glauben erkennen möge, für welchen diese
vorgemeldete Freunde ihr Leben gelassen haben.
Des Jan Wouterß erster Brief an seinen Schwager
und seine Schwester, worin er berichtet, wie er
verhört und gepeinigt worden sei.
Die überschwängliche Gnade Gottes, die Liebe Christi
und die Mitwirkung des Heiligen Geistes vermehre
606
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sich allezeit bei eurer Liebe, mein geliebter Schwa-
ger und Bruder in dem Herrn und deinem sehr ge-
liebten Weibe, unserer lieben Schwester, samt allen
frommen Heiligen, die nach der Gerechtigkeit eifern,
damit durch solchen Eifer Gottes Name verherrlicht
werden möge. Diejenigen, die so eifern, sind ein Licht
in der Welt; sie sind ihrem Nächsten eine Freude und
ein Vorbild, denn sie suchen allezeit ihrem Nächsten
zu gefallen, in dem Guten zur Besserung, damit sie
unter allen Gottesfürchtigen und ernstlichen Nach-
folgern Christi erfunden werden mögen; ich hoffe zu
Gott, daß, wenn wir demgemäß handeln, wir alle da-
hin kommen werden, wo unser Herr Christus ist. Er
ist es, der uns stärkt und das Feld erhalten hilft, wie
man nachher lesen kann, Amen.
Nebst diesem herzlichen Gruße aus reinem Herzen,
kann ich Unwürdiger der ich das geringste Glied an
Christo bin, nicht unterlassen, ein wenig zu schreiben,
euch allen zum Andenken, zum Tröste und zur Stär-
kung, denn ich kann diese unaussprechliche Freude
des Heiligen Geistes nicht allein bei mir behalten, son-
dern muss eurer Liebe etwas mitteilen; aber wie kann
Freude ein besonderes Zeichen sein, wenn man die
Angst nicht geschmeckt hat, welche ich Unwürdiger
geschmeckt habe? Der Herr müsse dafür verherrlicht
werden, Amen.
Als ich um des Gehorsams Christi willen gefangen
war, wurde ich über meinen Glauben verhört, welchen
ich geradeheraus bekannte; sodann fragten sie mich
nach einigen Namen, nämlich nach meinem Weibe,
meiner Mutter und meinem Meister, desgleichen, wer
mich getauft und getrauet hätte, und nach mehreren
andern Dingen. Darauf antwortete ich, ich hätte in
meinem Herzen beschlossen, niemanden zu nennen,
denn ich wollte mich selbst verantworten und kein
Verräter sein. Der Schultheiß drohte mir, er wollte es
mich wohl sagen machen.
Als ich diese Zeit hindurch während des kalten
Wetters dort gelegen hatte, wurde ich den Samstag
nach Peterstag an den Ort, wo man folterte, gebracht;
hier standen die Gerätschaften bereit. Der Schultheiß
fragte mich zunächst nach meinem Meister, nachher
auch nach andern, und sagte, ich müsste dasjenige
noch sagen, was er mich fragen würde. Man bat mich,
man drohte mir und sagte: Wiewohl wir fast alles wis-
sen, und vielleicht dein Meister schon fort ist, so will
ich es doch aus deinem Munde hören; darum laß dir
nicht die Glieder brechen, sondern sage es gutwillig,
sonst wollen wir dich dem Scharfrichter überantwor-
ten; dann wirst du es wohl tun müssen. Als sie nun
von mir nichts erlangen konnten, wurde in der stren-
gen Kälte mein Oberleib entblößt, die Hände wurden
mir auf den Rücken gebunden; darauf wurde ich mit
verbundenen Augen an meinen Händen aufgewun-
den. Man warnte mich, ich sollte mein schönes Hand-
werk berücksichtigen, auch sagte er, ich sollte doch
mein Leben und meine Glieder schonen, die mir Gott
gegeben hätte, denn ich hätte keine Gewalt über mein
Haar auf meinem Haupte.
Als ich nun ganz still schwieg, geißelte man mich
mit Ruten und die Schläge kamen größtenteils auf
meinen Bauch; sie ließen mich nieder, als sie mich so
traktiert hatten, und fragten mich wieder, aber sie er-
langten nichts von mir (der Herr sei gelobt), obgleich
ich diesen bittern Trank geschmeckt hatte. Dann wur-
de ich abermals aufgewunden und gegeißelt, wie zu-
vor. O Fleisch, dachte ich, nun musst du leiden; als ich
nun so in dem Leiden hing, kam ein Hellebardierer
von dem Söller und sagte: Ich würde fast lieber ster-
ben, als der Mann; denn er stand in der Nähe und sah
der Sache zu.
Als ich mm auf keine Frage antwortete, sagte der
Scharfrichter: Wie, gibst du meinem Herrn keine Ant-
wort? Antworte meinem Herrn, oder hast du einen
stummen Teufel?
Man fragte mich, ob ich mich bedenken und ihnen
den Montag in allem die Wahrheit sagen wollte, wie
sie es nennen; ich schwieg still und dachte, was soll
ich mich bedenken, ich will es euch doch nicht sagen;
ich bat in einem stillen Gebete, daß mich doch der
Herr nicht über mein Vermögen versucht werden las-
sen wolle; auch rief ich den Herrn laut an und bat
ihn, daß er es ihnen vergeben wolle. Der Stockmeister
meinte einmal, ich sei ohne Besinnung; aber ich weiß
nichts davon. Der Scharfrichter meinte, er wolle es
mich wohl sagen machen, er hätte so viel von unsern
Leuten unter den Händen gehabt, die es zuletzt doch
alle hätten sagen müssen, aber der getreue Nothelfer
bewahrte meinen Mund. Darauf ließen sie mich los,
und gaben mir Zeit, daß ich mich bis Montag beden-
ken sollte; wollte ich es aber dann nicht tun, sagten sie,
so wolle man mit mir wunderlich umgehen; sie droh-
ten mir sehr, daß es jämmerlich anzuhören war; sie
sagten, das wäre noch das Geringste, was ich bis jetzt
erlitten hätte; es wäre nur ein Kinderspiel gegen die
zukünftigen Tormente gewesen. Als ich mich selbst
betrachtete, sah ich, daß mein Leib ganz blutig war
vom Geißeln, denn dies hatte mir unter allem die größ-
ten Schmerzen gemacht; ich dachte, ist dieses noch
Kinderspiel? Der Stockmeister ging hinab, und sagte
zu seinem Weibe: Sie peinigen den Mann noch zu To-
de. Summa, ich war so zugerichtet, daß man mich aus-
und anziehen musste. Das war für das arge Fleisch,
welches mich so oft betrübt hatte, und allezeit den
krummen Weg einschlagen wollte, um seine Lüste zu
büßen; es hätte wohl noch mehr verdient. Als mm
607
dieses des Nachmittags geschehen war, konnte ich
des Nachts nicht gut schlafen, sondern ich zählte die
ganze Nacht hindurch die Glockenschläge und seufz-
te jämmerlich, nachher aber wurde mir eine große,
friedsame Wonne und Freude des Heiligen Geistes
gegeben, so groß, daß ich es nicht wohl beschreiben
kann, weil der Herr meinen Mund so treulich bewahrt
hat, und mich in meinem Vertrauen, welches ich ar-
mer, geringer Knecht hatte, ehe ich in Banden kam,
nicht hat zu Schanden werden lassen; aber darin hat
der Herr mich Unwürdigen geprüft; er müsse gelobt
sein in Ewigkeit.
Als nun mein Leiden in der Stadt bekannt wurde,
fanden sich weltliche Leute, die sich freuten, daß ich
meinen Mund bewahrt hatte; wenn sich nun solche
Leute erfreuen können, um wie viel mehr sollen sich
die Gottesfürchtigen freuen und Gott loben?
Ferner, als der festgesetzte Tag herankam, mach-
te ich mich dazu fertig, und flehte zu meinem Gott,
daß er mich Unwürdigen wegen meiner Sünden doch
nicht nach seiner Gerechtigkeit, sondern nach seiner
väterlichen Barmherzigkeit züchtigen wolle, daß er
meinen Mund bewahren und die Pein erleichtern wol-
le, wie er es das erste Mal getan hatte.
Als nun die Stunde herannahte, war mein Fleisch
furchtsam und meine Seele voller Angst, denn es hat-
te diese Pein schon versucht, aber ich tröstete mich
selbst, so viel ich konnte, und dachte, du wirst auch
nachher das Leiden, das ewig währen wird, nicht er-
tragen können, und dieses währt ja nur kurze Zeit.
Als ich nun Dienstag in die Folterkammer kam (denn
es fehlte ein Tag), wurde ich gefragt, wie ich mich
bedacht hätte; ich erwiderte, mein Gewissen ließe es
nicht zu; ich könnte das nicht tun, was sie begehrten.
Sie sagten: Du kannst wohl, wir nehmen das auf
uns; ich antwortete: Ein jeder muss für sich selbst ste-
hen. Sie sagten: Wie kann dein Meister oder dein Weib
in Ungelegenheit kommen, denn sie sind ja schon fort?
Was kann es dem Platze schaden, wo du getauft bist?
Ich denke (sagte der Schultheiß), daß es in deines
Meisters Hause geschehen sei; doch weiß ich es nicht
gewiss (sagte er) und der dich getauft hat und getraut
hat, ist fort aus des Königs Lande, denn es ist schon
vor langer Zeit geschehen. Des Schreibers Knecht sag-
te auch zu mir: Was willst du es doch verhehlen, die
Pein fällt endlich zu schwer, und zuletzt musst du es
doch tun, wie die von Breda getan haben?
Sie beschlossen endlich, sie wollten mir einen Ge-
lehrten zusenden, der es mir mit der Schrift beweisen
oder mich unterrichten sollte, daß ich es, ohne eine
Sünde zu begehen, wohl tun könnte.
Als sie auf einem andern Platze versammelt waren,
fragte der Schultheiß, worin ich den beschwert wäre;
darauf sagte der Gardian: Du kannst es recht gut tun
und deinen Nächsten angeben, denn wenn ihr das
rechte Volk seid, so werden sie mit dir die Marterkro-
ne empfangen; wenn ihr es aber nicht seid, so hasst
den Bösen, wie ihn Gott auch hasst.
O ein abscheulicher Ausleger, dessen Auslegung
auf ein Zerstören hinausläuft. Ach, Herr Gott, du wol-
lest doch ihre Herzen bekehren, die so nach unschul-
digem Blute dürsten. Als wir nun nicht einstimmig
werden konnten, schieden wir voneinander.
Den folgenden Tag, das war der Mittwoch, wurde
ich abermals vorgeführt und abermals dieselbe Frage
an mich gerichtet; ich erwiderte, ich könnte es nicht
tun, mein Gewissen wäre hierin zu mächtig; ich glaub-
te, ich könnte nimmer ruhig im Herzen sein, wenn ich
das täte; darum wollte ich lieber mit ruhigem Herzen
leben. Die Schrift lehrt uns: Tut dem Menschen, wie
ihr wollt, daß euch geschehe; liebe dein Weib, liebe
deinen Nächsten, wie dich selbst.
Der Schultheiß sagte: Du hast deinen Nächsten lie-
ber als dich selbst; ich antwortete abermals, daß man
das Leben für seine Brüder lassen soll. Als sie nun mit
Worten, mit vielen Bitten und Bedrohungen nichts
von mir herausbringen konnten, hat mich der Scharf-
richter abermals angegriffen; darum fiel ich meinem
Gotte abermals zu Füßen, wie ich in dem ersten Streite
getan hatte.
Dann wurde ich entkleidet, und es wurden mir die
Hände auf den Rücken gebunden; man drang auch
mit Bitten in mich, daß ich es noch tun sollte, und
als ich mich verweigerte, wurde ich aufgewunden;
man hatte mich aber nicht befestigt, und ich dachte,
man würde mich auf die Folterbank legen. Als ich
nun aufgewunden war, und nicht nach ihrem Willen
antworten konnte (denn der Same Gottes blieb in mir),
geißelte er mich auf die zerschlagene Haut, was mich
sehr schmerzte, wobei er sagte: Ja, wie gefällt dir das?
So werde ich dir die alten Wunden wieder öffnen, und
brachte seltsame Drohungen vor. Darauf ließ er mich
wieder nieder, und stellte mich, mit verbundenen Au-
gen, den Herren als ein Ecce Homo vor; er fragte, ob
ich es meinen Herren noch nicht sagen wollte; als ich
ihm antwortete, daß ich es nicht tun könnte, wand
er mich wieder auf, wodurch ich große Schmerzen
hatte; aber es machte mir noch größere Schmerzen,
als er mich stieß und das Seil schüttelte. Als sie nun
nichts von mir erlangten, ließen sie mich nieder, und
gaben mir bis den andern Tag neue Frist. Während ich
da hing, sagte der Schultheiß: Dein Angesicht ist so
lieblich als das eines Engels, aber dein Herz ist härter,
als Pharaos Herz; ich erwiderte: Dem ist nicht so; der
Herr wird das noch wohl offenbar machen; ich habe
in meiner Einfalt meine Seligkeit gesucht.
608
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Als nun der Scharfrichter mich wieder ankleide-
te, sagte ich zu ihm: Ach, Freund! wie hast du mich
zugerichtet; du hast in langer Zeit keinen Schelm so
zugerichtet; da antwortete er: Sie bekennen, aber du
willst nicht bekennen; auch ist es kaltes Wetter und
kann so geschwind nicht geschehen.
Als dieses der Schultheiß hörte, sagte er zu mir:
Du bist ärger als ein Schelm, denn die Schelme ha-
ben gesündigt; aber du bist von Gott abgefallen, und
hast ihn verleugnet; darum verlässt er dich nun auch
in der Not; ich erwiderte: Ist dem so, dann bin ich
ein armer Mensch, aber ich habe eine andere Hoff-
nung. Ja (sagte er), du bist ein verirrtes Schaf; die
Wölfe haben dich geraubt und zerrissen. Er sagte mir
auch, daß wir nicht getauft würden, es sei denn, daß
wir zuvor zwischen zwei nackten Frauen versucht
wären; ich erwiderte, dergleichen wäre bei uns nicht
üblich. Man sagte mir auch von David Joris; aber den-
selben verleugnete ich mit allen seinen Anhängern.
Der Scharfrichter sagte, wir glaubten, daß die Kinder,
die in ihrer Mutter Leibe sterben, nicht selig werden
könnten; dies verneinte ich. Ein anderer sagte, wir
müssten zehn holländische Gulden geben, wenn man
uns taufe, wir hätten sie, oder hätten sie nicht; ich mei-
ne, dieses habe der Schultheiß gesagt, denn er sagte
noch mehr, unter anderem, daß man in der Kirche
ungefähr drei Stüber gäbe, wenn man ein Kind taufen
lässt; ich verneinte dies gleichfalls. Ach, ach, Ärgernis!
Was hast du angerichtet; dadurch sind die Unschuldi-
gen ins Leiden gekommen, denn die Bösen nehmen
daraus bald eine Veranlassung her, und sollten sie
auch falsche Zeugen hören, wie es auch bei unserm
Herrn selbst und Stephanus geschehen ist. Summa,
dergleichen schändliche Reden sind unzählige gefal-
len; ja, ich vermute, daß die schändlichen Reden und
ihre Bedrohungen einem fast so wehe tun, als die Pei-
nigung selbst; darum ist Geduld insbesondere nötig,
um in diesem Streite zu überwinden. Deshalb mag
Christus wohl sagen: Lernet von mir, denn ich bin
sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr
Ruhe finden für eure Seele. Jetzt finde ich in der Kraft,
die mir Gott verliehen, daß dies eine sichere Lehre sei.
Er, der Herr selbst, vom Himmel, der mächtiger ist,
als alle Menschen, hat Schande, Schmach und Verach-
tung erlitten, und so ein eigenes Reich eingenommen;
wie sollten wir es denn nicht ertragen, die wir doch
nur eine geringe Zeit von unsern Feinden unterdrückt
sind.
Darum bitte ich Unwürdiger alle Gottesfürchtigen,
daß ihr nicht vergesst, allezeit von Christo zu lernen,
daß er sanftmütig und von Herzen demütig sei, und
fasst eure Seelen allezeit in Geduld, dann werdet ihr
Ruhe finden; denn Geduld ist unsere Stärke; es ist
ein köstliches Ding, geduldig zu sein, und auf die
Hilfe des Herrn warten; denn in den Sprichwörtern
steht, daß ein Geduldiger besser oder mehr sei, als
ein Starker. Nehmt Abraham, Jakob, Mose, die drei
Jünglinge, Daniel, die sieben Brüder mit ihrer Mutter,
Hiob, die Propheten, und das Ende unseres Herrn in
Beispielen.
Darum, meine Geliebtesten, vertraut Gott und
glaubt an ihn; er wird euch wohl helfen, denn sol-
ches hat er verheißen; vertraut ihr ihm aber nicht, so
bedenkt, ob ihr auch glaubt, daß Gott allmächtig und
wahrhaftig sei, wie ihr glaubt, daß er durch sein Wort
Himmel und Erde, das Meer und was darin ist, ge-
schaffen hat? David bezeugt es, daß er ein Gott sei,
der gern hilft, worüber er sich freut; er sagt ferner,
daß er ein Schild allen denen sei, die auf ihn trauen,
ja seine Engel lagern sich um uns, zu unserm Schutze,
aber wie soll er uns dann helfen, wenn man es ihm
nicht zutraut?
Als ich nun abermals auf die Stunde meiner Prü-
fung wartete, bat ich (Unwürdiger) den Herrn, meine
Zuversicht, daß er mich doch zum dritten Male be-
wahren wolle, wie er, durch seine Gnade, zwei Mal ge-
tan hatte, damit ich nicht zu Schanden werden möchte,
und sie mir meinen Ruhm (das ist, den guten Vorsatz
meines Herzens im Anfänge) nicht nehmen möch-
ten, damit ich den Glauben in einem reinen Gewissen
bewahren möge; dadurch hoffe ich deinen heiligen
Namen zu loben, zu preisen zu verherrlichen, den
frommen Heiligen zur Freude, den Säuglingen aber
zum Tröste und süßen Gerüche des Lebens, damit sie,
wenn, sie es riechen, dadurch gelabt, erquickt und
gestärkt werden mögen, um desto freimütiger in der
Wahrheit zu werden, die doch das Allerstärkste ist,
und allezeit den Sieg behalten wird, und nicht achten
mögen, was uns auch Menschen tun, die wie Heu
vergehen müssen, weil man ja doch öffentlich sieht,
daß des Herrn Hände nicht verkürzt sind, sondern
den Frommen allezeit beistehen, wie David bezeugt.
Denn, lieber Herr, wenn ich mich nicht tapfer halten
würde, welche Betrübnis würde dieses unter den jun-
gen Säuglingen erwecken, und welch eine Lästerung
würde daraus entstehen? Ich bitte dich, o himmlischer
Vater, erbarme dich doch über mich armen sündhaf-
ten Menschen, und nimm das übrige des Kelches von
mir, wenn es möglich ist; ist es aber nicht möglich,
so geschehe allein dein Wille. Herr, hilf mir das Feld
erhalten, denn du weißt, wie der Menschen Schläge
schmecken; ich übergebe mich in deine Hände, und
obgleich sie mir erschrecklich drohen, so haben sie
doch keine Gewalt, ein Haar auf unserm Haupte zu
verletzen, oder du musst es ihnen zuerst zulassen; dar-
um geschehe dein heiliger Wille zu meiner Seligkeit.
609
O Herr, rechne ihnen diese Missetat nicht zu.
Als ich mich nun so bereit gemacht hatte, hörte ich,
daß sie unsere geliebte Schwester, die mit mir gefan-
gen saß, auch peinigten; es kam mir vor, als ob sie
auch aufgewunden und wieder niedergelassen wür-
de. Als sie nichts bekennen wollte, wurde sie abermals
aufgewunden, und unten an den Füßen befestigt; als
sie nun die Angst eine Zeitlang gelitten hatte, wur-
de sie wieder heruntergelassen und davongetragen.
Da dachte ich, nun ist die Reihe mir, nun werden sie
mich armes Schlachtschäflein aus dem Stalle holen.
Mit diesen Gedanken wartete ich, und tröstete mich
selbst, und dachte, wie bald ist ein Mensch zu Grunde
gerichtet, denn es kam mir vor, daß sie kaum eine
halbe Stunde lang die Pein erlitten hätte.
Indem ich nun so, mit Abraham, meinen einzigen
Sohn, das ist mein Fleisch, übergeben hatte, hat der
Herr schnelle Fürsorge gehabt, und meinen Druck in
große Freude verwandelt, einmal dadurch, daß der
Herr diesem schwachen Schäflein auch den Mund be-
wahrt hat, und ferner, weil es scheint, sie wären durch
mein Leiden, welches ich vor meiner Aufopferung
bereits erduldet habe, gesättigt worden.
Dieses habe ich euch geschrieben, nicht um euch
furchtsam zu machen, sondern daß ihr Heiligen Got-
tes euch mit mir in dem Heiligen Geiste erfreuen mögt,
und mir helft, dem Herrn danken, daß er mir so treu-
lich geholfen hat, und damit ihr die wunderbaren Wer-
ke Gottes in seinen Auserwählten erkennen mögt, wie
auch ein frommer Zeuge Christi, Karstiaan L„ in sei-
nem Briefe bezeugt hat; desgleichen Joris, der Färber,
welcher hier mit mir ein Zeuge der Wahrheit gewesen
ist, denn er sagte sich selbst: Kommt der Teufel auf ei-
ne Treppe, so steigt er höher. Ach, es dünkt mich, daß
man hierdurch seine Kraft verliert, denn ich dachte,
wenn sie auch meinen Meister nicht kennen, und ich
auch schon weiß, daß er fort ist, ebenso wie mein ge-
liebtes Weib und mehrere andere, so werden sie doch
nicht zufrieden sein; sie wollen doch an das Foltern,
darum will ich eins mit dem andern verschweigen,
man wird es nun sehen, wie der Herr denen hilft, die
auf ihn trauen. Ach, welch eine Freude ist der Sieg an
Christum, nun ist mein Glaube an Christum geprüft;
meine Gottesfurcht, mein Vertrauen, das ich hatte,
ehe ich in Bande kam, meine Liebe zu Gott und sei-
ner heiligen Gemeinde, gleichwie das Gold im Ofen
und auf dem Prüfsteine. Andere Prüfungen sind zwar
leicht zu ertragen, wenn man genug hat, und gehen
kann, wohin man will; wenn man aber mit Hiob an
der Haut angetastet und dieselbe zerfetzt wird, daß
das Blut herausläuft, nach vier Tagen aber eine solche
Pein erneuert wird, das trifft die Rippen. O du Toch-
ter Zions, du Braut des Lammes, fürchte dich nicht;
das Lamm wird wohl den Streit ausführen; habe doch
guten Mut in dem kurzen Streite, den du zu kämpfen
hast, denn den Überwindern ist alles verheißen; wer
getreu bleibt bis in den Tod, wird die Krone des Le-
bens empfangen, und wird den ewigen Tod und die
ewige Pein nicht schmecken. Ich weiß nicht, ob meine
Marter über zwei Stunden in allem gedauert hat; aber
das Drohen, Verachten und Quälen hat etwas länger
gedauert. Meine Geliebtesten, ist das nicht eine ge-
ringe Qual? Sollte man um deswillen die Wahrheit
verlassen? Sollte man darum den Herrn verleugnen
und durch Anzeigen sein Gewissen beschweren, da
man gleichwohl noch oft leiden muss? Ach, nein, der
Herr führt selbst den Streit für uns aus; ihm sei allein
der Preis in Ewigkeit, Amen.
Darum, ihr Geliebten und Heiligen Gottes, die ihr
durch Jesum Christum des himmlischen Rufes teilhaf-
tig geworden seid, seid doch nicht verzagt; fürchtet
euch auch nicht vor denen, die den Leib töten, denn
der Seele können sie nicht beikommen. Ich Unwürdi-
ger habe euch die Hilfe des Herrn auskundschaftet;
darum gebe ich ihm Zeugnis, daß er ein treuer Not-
helfer sei, wie von ihm geschrieben steht: Und sollte
auch (sagt er durch den Propheten) eine Mutter des
Sohnes ihres Leibes vergessen, den sie geboren hat, so
will ich doch dich nicht verlassen noch vergessen. So
haltet denn stark an alle, die ihr des Herrn Verheißun-
gen glaubt. Ach ziehe sich doch niemand zurück aus
Verzagtheit, nach seinem Berufe den Heiligen dienst-
willig zu sein nach seinem Vermögen, denn niemand
soll sich selbst leben, oder sich dessen weigern, damit
das Werk des Herrn allezeit mit Lust vor sich gehen
möge, und helft einander die Last tragen. Wenn es so
geht, dann ist es eine Freude; dann kann des Herrn
Werk ohne Seufzen vor sich gehen; darum wisst, was
ein jeder Gutes tut, das wird ihm nachfolgen.
Haltet es mir zu gut, daß ich im Allgemeinen schrei-
be; ich hoffe, daß hierdurch die Kleinherzigen aus
meinen Banden Mut und Vertrauen schöpfen werden,
ja, ich hoffe, die Unterdrückten sollen etwas fröhlicher
werden, weil man bei dem Herrn so große Hilfe findet,
die man gleichwohl nicht sieht. Ich bezeuge euch mit
dem Apostel: Obschon unser auswendiger Mensch
vergeht, so wird doch der inwendige Mensch von
Tag zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich
und leicht ist, bringt eine ewige und über die Ma-
ßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht auf das
Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen. Nun
weiß ich hiervon dasselbe auch zu schreiben und zu
zeugen, daß das Leiden leicht sei, weil es kurz ist;
denn ich weiß nicht, als alle meine Peinigung vorüber
war, ob ich nachher so viel Pein hatte, als ich wohl von
einem kleinen Geschwüre eine Zeitlang erlitten habe.
610
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dessen sich mein liebes Weib wohl erinnern wird, und
welches ich ertragen musste, wiewohl mir um des Er-
duldens willen keine Verheißung getan wurde; wenn
wir aber dieses Leiden um des Herrn willen erdul-
den, so kommen uns alle Hauptverheißungen zu, ja
es gibt keine herrlicheren und größeren Verheißungen
als diese, nämlich daß denen, die sich zum Leiden
Christi begeben, und durch Christum überwinden,
die Krone des Lebens verheißen sei; auch tragen wir
das Zeugnis in unserm Herzen, daß wir keine Bastar-
de sind; ja wir werden von Christo selbst geehrt und
gekrönt werden; ich selbst erkenne mich unwürdig,
zu diesem heiligen Stande; gleichwohl hält mich der
barmherzige, gute Gott dazu würdig, diese Schmach
um seines Namens willen zu tragen; er müsse gelobt
sein, in Ewigkeit, Amen.
Hiermit will ich dieses endigen, und bitte euch,
haltet mir mein einfaches Schreiben zu gut; ich will
euch sämtlich, insbesondere aber meinen allerliebs-
ten Schwager und meine allerliebste Schwester, dem
Herrn anbefehlen, der mächtig ist, in euch allen das
gute Werk zu vollbringen, das er in euch angefangen
hat, damit ihr bei Jesu Christo, unserm Herrn, vollen
Lohn empfangen mögt; ich will voran und euch dort
erwarten, damit wir beisammen in der ewigen Freude
leben mögen.
Hierzu wolle der gütige Gott seine Gnade geben,
damit niemand um dieser geringen Pein willen den
Weg des ewigen Lebens verlasse, und so den furchtsa-
men und verzagten Knechten gleich werde, die nicht
mit Gideon in den Streit ausziehen dürfen und nicht
an Gott glauben, noch es versiegeln können, daß Gott
treu, allmächtig und wahrhaftig ist. Was solchen in
der Schrift verheißen sei, ist leicht zu erkennen, näm-
lich die ewige Pein, wie den Zauberern und Götzen-
dienern. Was wird es dann nutzen, wenn man den
Namen eines Christen getragen hat? Wenn man nicht
standhaft bleibt, muss man mit Schanden vergehen,
wie die zehn ungläubigen Kundschafter. Was nützt es,
daß man aus Ägypten erlöst worden ist, wenn man
nicht glaubt, denn die Ungläubigen kommen alle um?
Was hat es auch Lots Weib genutzt, daß sie aus Sodom
ausgegangen war, denn sie sah wieder zurück? Dar-
um, ihr geliebten Heiligen Gottes insgesamt, streitet
tapfer für die Wahrheit bis zum Tode; habt doch alle-
zeit einen solchen Sinn in euch, dann wird der Herr
euren Streit ausführen, und ihr werdet euch am Ende
darüber erfreuen (wenn ihr in Geduld darauf wartet),
wie ich jetzt auch tue. Lest die Heilige Schrift zur Be-
stärkung der Wahrheit; da findet ihr, wie der Herr für
Israel, für Daniel, Gideon und Josaphat und für meh-
rere andere gestritten habe, welche doch wenig Volk
hatten; dessen ungeachtet wurde so viel Volk erschla-
gen, daß sie in drei Tagen den Raub nicht wegbringen
konnten.
Ferner ist es auch nötig und sehr nützlich, daß man
tröstliche Briefe schreibe, und sie an die elenden Ver-
lassenen schicke, denn dadurch werden sie sehr ge-
tröstet; ein jeder wende hierin allen Fleiß an, so viel
als möglich ist, und tut euer Bestes, und bittet den
Herrn um geeignete Mittel, ohne jemandes Schaden;
ferner besucht sie auch, bittet beständig für sie und
hebt mit Mose heilige Hände für sie auf, bis sie den
Streit ausgeführt und ihr Fleisch, den Stachel der Sün-
den, und die Herren der Finsternis dieser Welt, in
welchen der Satan sein Werk hat, überwunden haben.
Darum nehme ein jeder zu Herzen, was der Apostel
sagt: Gedenkt der Gefangenen, als die Mitgefangenen;
wenn ein Glied leidet, so leiden die andern Glieder
mit.
Hiermit gute Nacht, alle Gottesfürchtigen auf die-
ser Erde; habt doch guten Mut, denn Mut verloren,
das Feld verloren. Seid von mir alle in dem Herrn
herzlich gegrüßt, insbesondere aber mein geliebtes-
ter Schwager und seine geliebte Hausfrau; ich danke
euch herzlich für alle eure große Freundschaft.
Angefangen den letzten Donnerstag im Februar,
und geendigt den ersten März. Ich Unwürdiger trage
die Malzeichen des Herrn an meinen beiden Händen
und an meinem Leibe; gelobt müsse der Name des
Herrn sein in Ewigkeit.
Von Jan von Kuyk, welcher um des Gehorsams des
Evangeliums willen auf der Vuylpforte gefangen sitzt.
Ich habe zum Stockmeister gesagt: Wenn ich auch
mit meiner Faust das Gefängnis in Stücke zerschla-
gen könnte, so wollte ich es doch nicht tun, damit
er um meinetwillen nicht in Ungelegenheit kommen
möchte.
Der zweite Brief von Jan Wouterß, geschrieben an
seine Brüder und Schwestern.
Der ewige, barmherzige Gott wolle euch, mein ein-
ziger Bruder und meine geliebten Schwestern, seine
Gnade geben durch Jesum Christum, damit ihr sämt-
lich nach eurer Seligkeit möget Lust, Geschmack und
Verlangen tragen bis ans Ende eures Lebens. Ach, daß
doch dieses geschehen möchte, lieber Herr! Welche
Freude würde es dermaleinst sein; wie ich denn hoffe,
daß es geschehen werde, daß unser alter, ehrwürdiger,
geliebter Vater, und unsere ehrwürdige Mutter mit
ihren Kindern einander in dem ewigen Leben finden
werden, Amen.
Vor allen Dingen habe ich das Vertrauen zum Herrn,
daß ihr nebst mir Lust, Geschmack und Verlangen
zur Seligkeit empfangen habt. Darum ermahne ich
611
euch nun ein wenig, daß ihr darin zunehmt, nachdem
auch der Herr seine Gnade gegeben und euch die
Augen geöffnet hat, daß ihr das Gute von dem Bösen
unterscheiden könnt.
Darum, mein geliebtester und wertester Bruder,
weil euch nun diese Gnade widerfahren ist, daß ihr
wisst und glaubt (wie ich das Vertrauen habe), daß
Gott das Böse hasst und die Gerechtigkeit liebt, so
dankt denn dem guten, allmächtigen Gott dafür ins-
besondere, daß er uns aus des Satans Händen durch
Jesum Christum erlöst und uns, nach seiner Barmher-
zigkeit, durch das Wort des Lebens wiedergeboren,
uns auch in dieser angenehmen Zeit geholfen hat, in
welcher er seine seligmachende Gnade über alle Men-
schen hat scheinen lassen, und du, mein lieber Bruder,
hast auf diese seligmachende Gnade Acht gegeben;
das Licht (welches Jesus Christus ist) hast du empfan-
gen, wie ich das Vertrauen habe. Die Schrift bezeugt,
daß denen, die Christum empfangen haben (das ist,
die an ihn glauben), Macht gegeben werde, Gottes
Kinder zu werden. Darum lasse dich allezeit von ihm
regieren und durch seinen Geist steuern und leiten,
denn das sind die rechten Kinder Gottes, die von Got-
tes Geist getrieben werden; sie gehören Christo an.
Nun, mein geliebtester Bruder, trage doch dein Le-
ben lang Sorge, damit du diesen guten, köstlichen
Schatz wohl bewahren mögest, damit du davon leben
und demjenigen allezeit nachfolgen mögest, was die
seligmachende Gnade Gottes (nämlich Jesus Christus,
der unser Licht ist) lehrt.
Zunächst lehrt die seligmachende Gnade Gottes,
das ungöttliche Wesen dieser Welt mit ihren Lüsten
und Begierden zu verleugnen, wie Paulus sagt: Stellt
euch nicht dieser Welt gleich, sondern erneuert euch
durch die Erneuerung eurer Sinne, das ist, nach dem
Sinne Jesu Christi; wenn ihr dieses tut, so werdet ihr
im Lichte wandeln, und nicht in der Finsternis, worin
die Welt wandelt. Hüte dich, mein geliebter Bruder,
vor den Werken der Finsternis, und habe damit keine
Gemeinschaft, sondern scheide dich allezeit davon,
und rühre nichts Unreines an, nämlich kein Böses,
dann wirst du ein Kind Gottes sein und bleiben, wenn
du anders bis ans Ende bei Christo Jesu bleibst.
Ich Unwürdiger, der ich um seines Namens willen
gefangen bin, bitte dich liebreich, bleibe allezeit bei
dem Worte des Herrn, dann wirst du nicht fallen, und
der Vater wird dir alles geben, um das du ihn in sei-
nem Namen bittest, und wenn man auch dadurch
ins Leiden kommt, so können wir doch um deswillen
nicht ablassen, denn dadurch wird offenbar, daß der
Weg schmal und die Pforte enge sei, die zum ewigen
Leben führt; überdies ist dieses nur ein vergängliches
Leiden, und wenn wir mit Christo leiden, so werden
wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden, denn
dieses Leiden, das uns die Menschen antun können,
ist kurz und leicht, und bringt uns eine ewige und
über die Maßen gewichtige Herrlichkeit, die wir nicht
auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen;
denn obschon unser auswendiger Mensch vergeht,
welcher doch vergehen muss, so wird doch der in-
wendige Mensch von Tag zu Tag erneuert. Und wenn
wir Glauben gehalten und überwunden haben wer-
den, so wird alles durch den versüßt, der uns mächtig
macht, welcher Christus ist; er hilft uns das Feld er-
halten, das fühle ich nun am Besten, weil ich in der
Probe stehe; ihm sei Lob von Ewigkeit zu Ewigkeit,
Amen.
Aber, mein lieber Bruder, denke nicht, als ob an
mir etwas Neues geschehen, und es nicht immer so
gewesen wäre.
Lies von dem gerechten Abel, dann wirst du das
Wort Christi wohl verstehen, daß der Knecht nicht
besser sei, als sein Herr. Lieber Bruder, das Haupt
(welches Christus ist) hat selbst gelitten; die Glieder
müssen nachfolgen. Es ist auch ein besonderes Zei-
chen der Liebe, daß er mir diese Züchtigung zusendet,
um mich zu prüfen, ob ich ihn auch von Herzen fürch-
te, liebe und auf ihn vertraue. Summa, ich halte dafür,
daß es mir zur Seligkeit gereiche; sein heiliger Wille
müsse geschehen, zu meinem Heile, Amen.
So bezeuge ich dir nun, mein geliebtester Bruder,
daß dieses die einzige rechte Wahrheit sei und bleiben
wird, um die ich jetzt eine geringe Zeit leide. Darum,
mein geliebtester Bruder, lies des Herrn Wort mit An-
dacht und wiederhole solches oft, und bitte allezeit
den Herrn in jedem Anliegen und ohne Unterlass,
mit Gebet und Flehen im Geiste; denn wenn du nach
dem Worte des Herrn lebst, so wird es dir wohlgehen,
und du wirst nicht fallen, denn in des Herrn Wort ist
unser Licht, welches Christus Jesus ist; laß uns ihm
nachfolgen; dann werden wir zu ihm kommen, wo
er ist, zu unserm Hohepriester Christo Jesu; dort will
ich euch, mein liebes Weib, mein Töchter lein, unsem
Vater, unsere Mutter und Schwestern erwarten, wenn
ihr sämtlich in dem Herrn sterbt und bis ans Ende bei
der Wahrheit bleibt, und dem Herrn nachfolgt, wie
ich denn hoffe, daß ihr tun werdet, mit allen Heili-
gen Gottes. Ich will vorangehen, und schreibe euch
sämtlich hiermit in dieser kurzen Zeit gute Nacht; der
allmächtige Gott wolle allen seine Gnade geben, daß
ihr stets wohlgemut sein mögt, eure Seligkeit durch
Jesum Christum zu erlangen, seid auch ernstlich in
der Liebe, und seid einander ein Vorbild in allen guten
Werken, zum ewigen Leben.
Darum, mein einziger und lieber Bruder, habe ich
dir ein wenig geschrieben zum Andenken und zur
612
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Erweckung deines Gemütes, auch zum Tröste, damit
du ja nicht Menschen fürchten mögest, sondern allein
den allmächtigen Gott, welcher ewig ist; der Mensch
ist doch in seinem Leben wie Heu; er blüht wie eine
Blume des Feldes; wenn aber der Wind darüber weht,
so ist sie nicht mehr zu finden. Die Menschen sind
vergänglich; sie können uns nicht ein Haar krümmen,
wenn es ihnen der Herr nicht zulässt. Er wird ihnen
aber nicht mehr zulassen, als wir ertragen können
und dabei den Glauben behalten.
Ach, wie ruhig ist man, weil man durch des Herrn
Hilfe seinen Mund bewahrt hat. Lobt ihr, alle meine
Freunde, unsern starken, getreuen Gott, der meinen
Mund bewahrt hat, als ich zuerst gefoltert wurde; ich
habe die Hoffnung und das Vertrauen, daß derjenige,
welcher mir zuerst geholfen hat, mächtig sei, mir aber-
mals zu helfen, denn er hat uns Unwürdigen solches
verheißen; seine Worte sind ja in ihm, er ist ein treu-
er Nothelfer, wie David sagt: Bei dem Herrn findet
man Hilfe; er ist unser Schild, unsere Burg, und eine
Stärke der Armen; aber wir müssen es ihm auch Zu-
trauen; wer ist jemals zu Schanden geworden, der sich
auf den Herrn verlassen hat? Darum lasse doch nicht
nach, deine Seligkeit zu suchen, und sei nicht träge in
deinem Vornehmen, sondern brünstig im Geiste, ge-
duldig in Trübsal, anhaltend im Gebete; wenn du aber
in dir keine Inbrunst fühlst, so bitte darum den Herrn;
er wird sie dir wohl geben, wenn du nur von Her-
zen das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchst,
wie ich das Vertrauen zu dir habe. Aber hüte dich,
daß du nicht der Welt vertraust; besitze deine Seele
in Geduld; der Herr kann dir wohl zu seiner Zeit ei-
ne gottesfürchtige Person beigesellen; aber bitte den
Herrn ernstlich, daß er es doch fügen wolle, daß du
zuvor mit den Gottesfürchtigen eines Sinnes werdest.
Schreibe bisweilen meinem Schwager einen Brief, so
findet er Veranlassung, dir auch zu schreiben und zu
raten, worin du Rat nötig haben wirst. Ich danke dir
für die Freundschaft, die du mir erwiesen hast.
Geschrieben den zweiten Tag nach Matthäus in den
Festen, auf welchen Tag ich abermals zweimal auf-
gewunden und einmal gegeißelt wurde; aber, mein
einziger Bruder, der starke Gott hat abermals mei-
nen Mund bewahrt. Darum bitte ich dich, freue dich
mit mir und lobe den Herrn, denn ich habe mm große
Freude, und sei um deswillen in deinem Gemüte nicht
furchtsam, weil mein Fleisch eine kurze Zeit gelitten
hat, denn nun hat der gute himmlische Vater meinen
Glauben geprüft, wie das Gold im Feuer, ob ich auch
im schwersten Streite ihm vertrauen, ihn fürchten und
lieben würde; und nachdem er mich in einer Trübsal
nach der andern treu erfunden, so daß ich, durch Got-
tes Gnade, die Herren dieser Welt überwunden habe
(worüber ich mich von Herzen gefreut habe) und das
durch das Gebet der Gläubigen, und durch die Mit-
wirkung des Heiligen Geistes, so ist mir fernerhin die
Krone des ewigen Lebens zubereitet, welche ich von
Christo aus Gnaden empfangen werde. So will ich
denn nun voran, und will zuerst den sterblichen Rock
des Fleisches ablegen, mit der zubereiteten, brennen-
den Lampe, denn ich habe Glauben, Liebe und Chris-
tum behalten und nicht verleugnet; der Glaube ist das
Öl, der Docht ein reines Herz und Gewissen; das Licht
aber die feurige, brennende Liebe.
Damit schmücke du dich auch täglich, und gehe
Christo, unserm Bräutigam, entgegen; nimm ein das
Land der Verheißung, welches das ewige Reich Gottes
ist; aber werde unterwegs oder auf dem Wege nicht
furchtsam, weil in der Wüste (nämlich in der Welt)
viele Feinde, Räuber und Wölfe sind; werde deshalb
nicht verzagt, denn ich bin durch alles dieses, durch
des Herrn Hilfe gekommen und habe dir und vielen
Gottesfürchtigen das Land vorher ausgekundschaftet;
darum kann ich euch nun schreiben, um der Gefahr
willen dürft ihr nicht Zurückbleiben, denn der Herr
selbst führt unsern Streit aus; er streitet für uns ist ja
der Stärkste. Er sagte ja zu Abraham: Fürchte dich
nicht, denn ich bin dein Schild und sehr großer Lohn;
ist denn dieses allein für Abraham gesprochen? Pau-
lus sagt: Es ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir
durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben
möchten.
Betrachte die vorhergehenden Exempel, wie Gott
für Gideon, David, Josaphat und mehrere andere ge-
stritten habe; das Volk wurde geschlagen, ohne Zu-
tun ihrer Hände. Ach, mein einziger, lieber Bruder,
setze doch dein ganzes Vertrauen auf den Allmächti-
gen, denn bei ihm findet man Hilfe; er ist ein rechter
Nothelfer; er verlässt die Seinen nicht in allen ihren
Trübsalen; darum können wir mit dem Apostel wohl
sagen: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Der
seines einigen Sohnes nicht verschont hat, wie sollte
er uns mit ihm nicht alles schenken? Hat er an uns sol-
che große Liebe bewiesen, warum sollte er uns denn
nicht in jeder Not bewahren?
Glaube, daß der gute Gott unser Schuldner sei,
wenn wir anders auf seinen Wegen bleiben, standhaft
fortwandeln und uns an ihn halten; auch ihn nicht ver-
lassen, so wird er uns auch nicht verlassen; dies ist ja
eine feste Verheißung. Wenn wir aber ihn verleugnen,
so wird er uns auch verleugnen. Ach, wie unbedacht-
sam, unweise und ungnädig handeln diejenigen mit
ihrer armen Seele, die um dieses kleinen und kurzen
Leidens willen aus Furcht den Weg des Lebens ver-
lassen und einen andern Weg nach ihrem Gutdünken
erwählen, um dem Kreuze Christi zu entfliehen, sich
613
selbst mit einem eitlen Tröste trösten, auf dem Wege,
den sie nach ihrem Gutdünken gefunden haben; ihr
Ende reicht an das Verderben; mein einziger lieber
Bruder, folge solchen nicht nach, denn diese glauben
nicht, darum werden sie auch nicht beschirmt. Wehe
denen, die nicht standhaft bleiben; wie wird es ihnen
ergehen, wenn sie der Herr heimsuchen wird, ja, ihr
Teil wird sein, mit den Zauberern in dem Pfuhle der
ewig brennen wird. Darum fasse doch Mut mit Josua
und Kaleb; aber du musst einen festen Glauben ha-
ben an Gottes Verheißungen; ebenso wie du meinst,
daß Gott durch sein Wort Himmel und Erde erschaf-
fen habe, so wirst du deine Feinde verschlingen wie
Brot, und durch Geduld mit Gottes Hilfe deinen Streit
ausführen, und das Land der Verheißung mit Gewalt
einnehmen, denn, die ihm Gewalt antun, die reißen
es zu sich.
Aber, liebe Brüder, der Apostel bezeugt, und auch
ich Unwürdiger bezeuge, daß wir nicht allein wider
die Herren dieser Welt, sondern auch wider die Geis-
ter, die unter dem Himmel sind, streiten müssen; wie
denn Christus sagt, daß in den letzten Zeiten viele
falsche Christi aufstehen werden; ich habe dies auch
für euch ausgekundschaftet, denn in der Zeit mei-
nes Glaubens haben sich viele falsche Propheten oder
falsche Christi an mich gemacht; bald kamen sie mit
diesem schönen Scheine, bald mit einem andern schö-
nen Scheine; der Herr aber, welcher will, daß alle Men-
schen selig werden, hat mich hiervon erlöst; ich hielt
mich auch an das Wort Gottes, wie ich es im Anfänge
gehört und angenommen habe; mein Glaube wurde
auch nicht schwach, wiewohl auch diejenigen abfie-
len, welche die Frömmsten zu sein schienen. Sieh,
so wird unser Glaube auf mancherlei Weise geprüft,
und überdies durch den täglichen Streit, der niemals
aufhört, denn es ist ein beständiger Streit; der Geist
streitet wider das Fleisch und das Fleisch wider den
Geist. Das ist es, was mich am meisten betrübt, denn
mein eigenes sündhaftes Fleisch war mein stärkster
Feind, was mich viele bittere Tränen gekostet hat. Der
Satan sucht mich hierdurch, wie den Weizen, zu sich-
ten, aber mit Fallen und Straucheln bin ich durch Got-
tes Gnade so weit gekommen; denn ich raffte mich
durch die Gnade des Herrn bald wieder auf; aber was
war es? Ich wäre so gern vollkommen gewesen, und
doch war mir dieses elende Fleisch im Wege, welches
nun leiden muss, und das ich auch als ein Brandopfer
aufzuopfern hoffe, immer im Wege.
Darum, mein geliebtester Bruder, habe ich dir noch
einige Nachricht gegeben, mit welchem Streite ein
Christ angefochten wird, das ist, wider Fleisch und
Blut, wider die falschen Geister, die ihre listigen Pfeile
auf den Bogen gelegt haben, um den Frommen heim-
lich zu schießen. Darum zieh den Harnisch Gottes an,
damit du dem listigen Anlaufe des Teufels widerste-
hen mögest, und umgürte dich mit dem Gürtel der
Wahrheit; vor allen Dingen aber ergreife den Schild
des Glaubens, mit welchem du alle feurigen Pfeile
des Bösewichtes auslöschen kannst, und sei an deinen
Füßen gestiefelt, damit du allezeit zu dem Evange-
lium des Friedens, und dem Helme des Heils bereit
sein mögest; ergreife die lebendige Hoffnung und das
Schwert des Geistes, welches das Wort Gottes ist, und
bitte immer in jedem Anliegen mit Bitten und Fle-
hen. Sieh, mit diesen Waffen des Geistes können wir
überwinden, und es ist uns dann die Krone verheißen.
Vergiss auch nicht, was Jesus Sirach sagt: Mein Sohn,
hast du gesündigt, so sündige nicht mehr, sondern
bitte Gott, da er dir die vergangenen Sünden vergeben
wolle. Fliehe vor der Sünde wie vor einer Schlange,
denn wenn du zu ihr gehst, so wird sie dich beißen; ih-
re Zähne sind den Zähnen der Löwen gleich und töten
die Seelen der Menschen; jede Ungerechtigkeit ist wie
ein zweischneidiges Schwert, in dessen Wunden keine
Gesundheit ist; auch sagt Paulus: Tötet eure Glieder,
die auf Erden sind, Hurerei, Unreinigkeit, schändliche
Brunst, böse Lust, und den Geiz, welcher Abgötterei
ist. Summa, lebe nach dem Geiste, so wirst du die
Werke des Fleisches nicht vollbringen. Hierzu gebe
der gute Gott seine Gnade, daß du in dem Glauben,
in der Liebe, in der Erkenntnis unseres Herrn Jesu
Christi aufwachsen mögest, damit du ein vollkomme-
ner Mann, nach dem Maße des vollkommenen Alters
Christi werden und so auf die Zukunft Christi warten
mögest.
Ach, mein lieber Bruder, trage doch für deine Se-
ligkeit Sorge; hier haben wir nur eine kurze Zeit und
die ewige Zeit ist vor der Türe. O himmlischer Vater!
Ich bitte dich demütig, du wollest meinen einzigen
Bruder vor allem Argen bewahren und ihn in deinem
Namen heiligen, durch Christum Jesum, auch ihn al-
lezeit durch den heiligen Geist leiten, damit wir uns
dermaleinst miteinander erfreuen mögen, Amen.
Gute Nacht, mein einziger Bruder auf dieser Erde;
bei Christo will ich dich erwarten. Die erste Seite habe
ich geschrieben, als ich erst von der Folter kam, darum
ist es schlecht geschrieben; jetzt aber ist meine Hand
etwas besser, doch habe ich noch die Malzeichen des
Leidens Christi; sein Name müsse ewig gelobt sein.
Dieses habe ich dir in meinen Banden geschrieben,
den 2. März im Jahre 1572; von mir, deinem einzigen
Bruder, im Gemüte unverändert, um des Zeugnisses
Christi willen gefangen, darum sei wohlgemut, ich
habe Glauben gehalten und bis aufs Blut gestritten,
auf der Vuylpforte zu Dortrecht.
614
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Der dritte Brief von Jan Wouterß an die Gemeinde
Gottes in Dortrecht, die um des Zeugnisses Christi
willen nach allen Richtungen zerstreut waren.
An die zerstreuten Heiligen und die andern von Dort-
recht. Gnade und Friede von Gott, unserm himmli-
schen Vater, und von dem Herrn Jesu Christo, und
die Mitwirkung des heiligen Geistes vermehre sich
allezeit bei euch allen zum Tröste eurer Pilgerschaft,
damit ihr in eurer Trübsal geduldig sein mögt, und
die Geduld ein vollkommenes Werk in euch habe, da-
mit ihr in demjenigen weder müde, noch matt werdet,
was ihr zu eurer Seelen Seligkeit angenommen habt,
die uns durch Christum geschehen und widerfahren
ist; hierin haben wir uns zu erfreuen, sodass wir uns in
unserer zeitlichen Trübsal erfreuen können. Gedenkt
der Weissagung Christi, wenn er sagt: Ihr werdet heu-
len und weinen, und die Welt wird sich freuen; ihr
werdet traurig sein; aber eure Traurigkeit soll in Freu-
de verwandelt werden, welche niemand wird von
euch nehmen können. Ach, Geliebteste! Könnten wir
so gemächlich in das Reich Gottes eingehen, wie könn-
ten wir von dem schmalen Wege und der engen Pforte
reden? Aber um der Trübsal willen können wir sagen,
daß man den schmalen Weg wandeln und durch die
enge Pforte eindringen und das Reich mit Gewalt
durch viel Leiden und Widerwärtigkeit einnehmen
müsse; dadurch wird bestätigt, daß der Knecht nicht
besser sei, als sein Herr. Hat unser Haupt sein eigenes
Reich durch viel Leiden und Verachtung einnehmen
müssen, haben sie den Hausvater Beelzebub genannt,
sollten sie dann seine Hausgenossen nicht auch so
nennen?
Damit ihr aber dieses alles überwindet, und bis ans
Ende standhaft bleiben mögt, so vertraut Gott, und
glaubt an sein Wort, gleichwie ihr glaubt, daß er Him-
mel, Erde, das Meer und was darin ist, erschaffen hat;
dann wird er euch wohl helfen, und den Streit für
euch ausführen, daß ihr nicht zu Schanden werden
sollt, denn der Apostel sagt: Ist Gott mit uns, wer
mag wider uns sein? Er, der auch seinen einigen Sohn
nicht verschont hat, wie sollte er uns mit ihm nicht
alles schenken? Der allmächtige gute Gott gebe hier-
zu seine Gnade, daß ihr nicht wankt, oder an Gottes
Verheißungen zweifelt; dadurch werdet ihr von der
Furcht befreit werden, und werdet nichts darnach fra-
gen, was euch auch Menschen zufügen, und werdet
eure Seelen in Geduld fassen, bis auf den Tag, der
euch trösten wird, Amen.
Nebst diesem herzgründlichen Wunsche an euer
aller Liebe, habe ich Unwürdiger nicht unterlassen
können, obgleich ich nur wenige Gaben habe, eurer
Liebe ein wenig zu schreiben, dem Ältesten zur Stär-
kung und dem Jüngsten zur Freimütigkeit, damit ein
jeder in dem Streite, der uns vorgelegt ist, stark anhal-
te, und ihr allezeit durch die Früchte eures Glaubens
euren Beruf und eure Erwählung fest macht; dann
wird euch der Eingang zu dem ewigen Reiche unse-
res Herrn und Heilandes Jesu Christi reichlich dar-
gereicht werden. Was wollt ihr denn mehr haben?
Darum, du schöne Tochter Zions, fürchte dich nicht,
weil dir der Eingang so reichlich bereitet ist.
O du schönste unter den Weibern! Darum müs-
sen die hässlichen Runzeln, die dich verunstalten,
dir genommen werden. O du schöne Braut Christi!
Schmücke dich immer mehr mit dem hochzeitlichen
Kleide der Gerechtigkeit, und auch deine Lampe mit
dem herrlichen Glauben und der unvergänglichen
Liebe, damit dieselbe nicht bei euch fehlen möge, wie
sie den Törichten gemangelt hat, sondern stets über-
fließend sein möge, damit dadurch das Licht Christi
in euch scheine und durch euch offenbart werde, Gott
zum Preise, eurem Nächsten zur Erbauung, euren
Seelen aber zur Seligkeit, der Welt zum Lichte und
zum Zeugnisse über sie. Und wenn sie euch dann
hassen, weil der helle Morgenstern, Christus Jesus,
in euren Herzen aufgegangen ist, so ertragt das, und
wundert euch nicht darüber, denn auch die Finsternis
hat Christum, der selbst das Licht ist, für euch gehasst
und ausgestoßen.
Es ist ihnen eure Person nicht im Wege, sondern
weil die Wahrheit in euch ist, welche die Finsternis,
das ist die Welt, mit Füßen tritt, darum werdet ihr
jedermanns Raub; aber sei deshalb nicht erschrocken,
o du Kriegerin, sondern eile fort nach deinem verhei-
ßenen Solde! Die Wahrheit, die in dir ist, wird über-
winden, denn sie ist die allerstärkste. O du schöne
Königin, denke stets daran, wie hässlich und ungewa-
schen du in deinem Blute lagst, als ein Verworfenes,
und daß dich der mächtigste, reichste und ewige Kö-
nig, als die Schönste vor allen Menschen, auserwählt,
gewaschen, durch sein eigenes Blut erkauft und zu
seiner Königin angenommen hat. Und wie wir stets
unserer Erlösung eingedenk sind, so ist dies eine Er-
mahnung, oder sollte eine Ermahnung sein, daß man
allein bei dem königlichen Bräutigam bleibe und ihn
aus Üppigkeit oder Vermessenheit nicht verlasse und
andern nachlaufe, denn, wer ihn verlässt, den verlasst
er auch wieder; seine eifersüchtige Liebe kann es nicht
ertragen, noch leiden, daß man einen andern lieber
hat oder lieber gewinnt als ihn; ein solcher ist seiner
nicht wert. Ach, nicht so, um keines Dinges willen!
Obgleich du hier, wie eine Lilie, von Domen umge-
ben bist, und obschon der Dornenbaum oder Dornen-
busch die Regierung der Welt an sich gebracht hat, so
unterlasse deshalb nicht, deine Süßigkeit mitzuteilen.
615
du schöner Liliengeruch, deine schönen Trauben und
Fettigkeit zu geben, damit ein jeder in seinem Berufe
erfunden werde, als ein lieblicher Geruch Christi; den
Armen, daß sie fleißig seien in ihrer Arbeit, wenn sie
einen Stüber oder einen halben zu verdienen wissen,
damit sie vor dem Herrn ein unschuldiges Gewissen
haben mögen; ferner, daß diejenigen, welche im Über-
fluss haben, dasselbe mit getreuem Herzen mitteilen.
Wenn es so zugeht, so können die Diener mit fröhli-
chem Herzen dienen, wenn ein jeder seinen Dienst
anbietet, insbesondere wenn wenige Diener sind.
Hiemächst schreibe ich euch, ihr 60 Starken, habt
doch stets ein starkes Gemüt, und seid immer wohl
versehen mit dem Schwerte des Geistes an eurer Sei-
te, damit ihr die schöne Braut vor jedem Unfall oder
Nachtschrecken beschützt, und nehmt allen Verstand
gefangen, der sich wider den Gehorsam Christi er-
hebt.
Bewahrt doch wohl mit treuem Herzen diesen Lust-
garten des Herrn, damit die listigen Füchse, die hin-
einschlüpfen, nicht darin nisten, noch die wühlenden
Schweine ihn aufwühlen, wodurch oftmals die jungen
Schosse ihre Kraft verlieren und verwelken. Müsst ihr
auch schon bisweilen den falschen Brüdern unter die
Augen treten, weicht deswegen nicht zurück! Wer-
det auch nicht schwach, denn wenn ihr weicht, was
werden die anderen tun?
Darum seid stark im Gemüte in dem Herrn, weil
euch der Geist der Gemeinde zum Werke des Herrn
erwählt hat; streckt eure Hälse aus; tragt eure Seelen
in euren Händen, und zieht fort im Namen des Herrn.
Wenn man euch dann droht, so denkt, wir sind in der
Hand des Herrn; ihr seid Erde und Asche; der Herr
wird uns wohl bewahren. Denkt, wir sind nicht bes-
ser als unsere Brüder. Und wenn es dann geschieht,
daß einer seiner Zeit Ende erreicht hat, daß sein Lauf
vollendet ist und er als Gold vor Königen, Herren
und den Regenten der Finsternis dieser Welt geprüft
werden muss, um den Namen des Herrn zu preisen,
so setzt gleichwohl eure Reise fort, und stellt die tap-
feren Helden euch zum Exempel vor, wie Abraham,
Mose, Josua, Kaleb, Samson, Gideon, David, die Pro-
pheten und Apostel. Betrachtet die alten Zeiten, wie
kräftig der Herr den Feinden auf den Hals getreten
habe, wie Josua zu seinen Starken sagte, daß der Herr
auf gleiche Weise mit allen verfahren werde, die sich
wider sie setzen würden; darum sagte er: Fürchtet
euch nicht.
Geliebteste, haltet mir mein einfaches Schreiben
zu gut, denn ist es auch schlecht und mangelhaft,
so denkt dabei, ich habe dadurch ein wenig meine
Freimütigkeit und mein zugeneigtes Gemüt, welches
ich Unwürdiger gegen euch getragen habe, und noch
trage, zu erkennen gegeben; ja ich habe solches Ver-
trauen durch des Herrn Gnade, daß mich niemand
von der großen Liebe wird scheiden können, die ich
zu euch und dem Herrn habe.
Darum bin ich in allem getrost, was mir zustößt,
denn ich finde große Treue bei unserm Herrn, der
ein rechter Nothelfer ist, und der die Seinen nicht
verlässt, denn ich habe nun, durch des Herrn Hilfe,
bis aufs Blut gestritten; ich habe Glauben gehalten,
und großen Trost in mein Herz empfangen, sodass ich
mich in meinem Leiden erfreuen kann, und das durch
die Hilfe eures Gebetes und durch die Mitwirkung des
Heiligen Geistes, ja, ich kann euch die große Freude,
die ich jetzt habe, nicht genug beschreiben, weil der
Herr meinen Mund bewahrt hat.
Darum bitte ich euch sämtlich sehr liebreich, freut
euch, und lobt den Herrn mit mir, daß er seinem ar-
men Knechte so treulich geholfen und mir in meiner
Pein eine Erleichterung und ein Mittel gegeben hat,
daß ich es ertragen konnte.
Ach, Geliebteste, ist es nicht ein großer Trost, daß
der heilige, gute Gott sich uns zum Schuldner ge-
macht und uns Verheißungen gegeben hat (merkt,
Versprechen macht Schuld) wenn er sagt: Wenn auch
eine Mutter des Sohnes ihres Leibes vergäße, so will
ich doch dich nicht vergessen; wenn wir anders ihn
nicht verlassen, und unsere erste Geburt so leicht ver-
kaufen, wie Esau um sein bisschen Leben tat, wovon
doch Christus sagt: Wer sein Leben zu erhalten sucht,
der wird es verlieren. Ach, leider, der verliert es übel,
der es nicht wieder findet! Aber der verliert es wohl,
der wiederum ein unvergängliches findet.
Dies ist ja die Verheißung Christi, die er uns durch
seine Gerechtigkeit und Leiden erworben hat; aber
wir müssen auch bis zum Tode für die Wahrheit treu-
lich streiten und unsere Seele durch den Gehorsam
der Wahrheit reinigen, um in diesem kurzen Streite
zu beharren; darum zieht den Harnisch Gottes an, mit
welchem ihr alle feurigen und listigen Pfeile des Bö-
sewichts auslöschen könnt; gürtet eure Lenden mit
dem Gürtel der Wahrheit, zieht den Panzer oder die
Waffen der Gerechtigkeit an, und seid an euren Füßen
mit dem Evangelium des Friedens gestiefelt, damit ihr
in allen Dingen bereit stehen mögt; vor allen Dingen
aber ergreift den Schild des Glaubens, und fasst den
Helm des Heils, welcher die lebendige Hoffnung ist,
und fasst das Schwert des Geistes, welches das Wort
Gottes ist, und bittet allezeit in jedem Anliegen mit
Bitten und Flehen im Geiste; mit diesen Waffen könnt
ihr alle eure Feinde durch Geduld und Sanftmut über-
winden.
Überdies habt ihr viele Zeugnisse in der Schrift; wie
denn auch ich Unwürdiger, euer bekannter, schwa-
616
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
eher Bruder, Zeugnis gebe, daß dies die rechten Waf-
fen sind, denn ich kann nun hiervon schreiben, um
des Sieges willen, den ich durch Christum Jesum er-
halten habe, welcher mir allezeit das Feld erhalten
hilft; ihm allein sei Preis, Ehre, Macht von Ewigkeit
zu Ewigkeit, Amen.
Hiermit will ich euch, meine geliebtesten Mithel-
fer, Brüder und Schwestern, dem allmächtigen Gott
und dem reichen Worte seiner Gnade anbefehlen, der
mächtig ist, euch alle zu stärken und das Gute, das er
in euch angefangen hat, zu vollenden, und euch zu
seinem ewigen Reiche zu bringen, Amen.
Hiermit sage ich euch allen gute Nacht auf dieser
argen Welt, die voller Bosheit ist; bei Christo Jesu,
unserm Bräutigam, will ich euer warten, und sodann
euch wieder sehen, in vollkommener Freude; dazu
wolle der Herr seine Gnade geben, Amen.
Schließlich bitte ich demütig, ihr wollt es mir von
Herzen vergeben, wenn ich jemanden mit Worten,
Wesen oder Werken betrübt habe; ein Gleiches tue
ich auch von Herzen, aber ich wollte, daß es mit mir
besser gewesen wäre. Gehabt euch wohl und habt
guten Mut.
Geschrieben von mir, Jan Wouterß, eurem schwa-
chen Bruder und geringsten Mitgliede, der um des
Zeugnisses des Evangeliums Christi willen gefangen
liegt, zu Dortrecht den 3. März im Jahre 1572.
Ich wurde vergangenen Samstag vor acht Tagen ge-
foltert, und den Mittwoch darauf abermals. So trage
ich nun die Malzeichen des Leidens Christi an mei-
nem Leibe, welchem ich wohl hätte entgehen können,
wenn ich hätte sagen wollen, was man von mir be-
gehrte; aber ich hätte dann gegen die Schrift, gegen
die Liebe und gegen mein Gewissen gehandelt, und
wäre mit einem unruhigen Herzen gestorben; viele
Herzen hatten sich darüber betrübt, aber jetzt habe ich
das Vertrauen, daß viele sich mit mir freuen, fröhlich
und wohlgemut sein und Gott preisen werden.
Darum nehmt euch alle in euren Herzen fest vor,
dasjenige zu tun, was wohl lautet und ehrbar und
Gott gefällig ist; ruft den Herrn um Stärke an, und
glaubt gewiss in euren Herzen, daß er euer Gebet
erhöre; haltet ihm in eurem Gebete seine eigenen Ver-
heißungen vor, dann werdet ihr nicht zu Schanden
werden, denn David sagt: Er erhört das Gebet der
Elenden. Ferner freut euch, daß unsere Feinde von
unserer lieben Schwester, die mit mir gefangen ist,
durch die Folter nichts haben erfahren können. Dar-
um lobt den Herrn, ihr Heiligen. Seid alle von mir
Unwürdigem herzlich gegrüßt, im Namen des Herrn
mit der Liebe und dem Frieden Christi. Ich sage euch
allen für eure christliche Gemeinschaft meinen Dank.
Ach Geliebteste, lasst doch bei euch bleiben, was ihr
von Anfang gehört und angenommen habt, und hü-
tet euch vor denen, die euch dasselbe nehmen wollen,
denn ich Unwürdiger bezeuge es, daß ihr in der unver-
fälschten Wahrheit steht; erfüllt dieselbe in der Furcht
Gottes, dann werdet ihr Frieden haben. Von mir, Jan
Wouterß Kuyk, in Bunden geschrieben.
Des Jan Wouterß vierter Brief an sein Weib.
Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen
Vater, durch Jesum Christum, unsern Herrn und Hei-
land, nebst der Mitwirkung des Heiligen Geistes, ver-
mehre sich stets bei dir, mein geliebtes Weib, zum
Tröste auf deiner Wallfahrt, zur Stärkung deines Glau-
bens, zur Erquickung in deiner Drangsal, zum Preise
Gottes und zu deiner Seelen Seligkeit, Amen.
Nach diesem meinem herzlichen Gruße an dich,
meine auserwählte Schwester und geliebtestes Weib,
lasse ich dich wissen: Meine Liebe zu euch ist zwar
groß, aber die ewige Wahrheit ist mir noch lieber; die-
se hilft mir alle meine Feinde überwinden wegen die-
ses großen Sieges habe ich große Freude, denn ich bin
nun schon zwei Stunden im Kampfe begriffen gewe-
sen. Um dieses Sieges willen, daß Christus, der die
rechte Wahrheit ist, uns allein so ritterlich das Feld
erhalten hilft, wollest du nun dich herzlich mit mir
freuen, ihm danken und den Namen des Herrn ver-
herrlichen. Ich weiß es jetzt schon, wie der Kelch des
Leidens schmeckt, aber ich wusste nicht, daß der gute
Gott so wunderbar und kräftig in uns wirkt, denn ich
empfing eine solche friedsame Freude in mein Herz,
daß ich mich selbst verwunderte; dies ist bald nach
meiner Peinigung geschehen; gleichwohl drohten sie
mir sehr, daß ich den Montag, oder vielleicht später,
abermals gefoltert werden sollte. Ich dachte, der treue
Gott kann mir wohl zum zweiten Male meinen Mund
bewahren; ich bat und flehte auch sehr zu ihm, daß er
doch solches an mir erweisen wollte, denn das wäre
ihm ja eine geringe Sache, damit ich in meinem ersten
Ruhme und dem Vorsatz meines Herzens nicht zu
Schanden werden, mein Nächster aber nicht betrübt
werden möchte, und damit niemand um meinetwillen
den Lästermund auf tue.
Es hat auch der ewige, gute Gott meinen Mund
während der späteren Folter bewahrt; sie drohten mir
abermals, aber ich wurde in meinem Vorsatz nicht
geschwächt; solche Gnade gab mir der Herr, als ich
mein Herz fest dazu bereitete, und meinen einzigen
Sohn (das ist mein Fleisch) mit Abraham dem Herrn
aufopferte, damit sein heiliger Wille an mir zu meiner
Seligkeit geschehe.
Darauf hat der Herr meine Bangigkeit in Freude ver-
wandelt, sodass meine Augen vor Freude überliefen.
617
weil der Herr unserer Schwester, die mit mir gefan-
gen war, den Mund bewahrt hatte, und ferner, weil
sie sich an meinem Leiden gesättigt hatten; überdies
hatte ich auch wenige Tage vor meiner Peinigung eine
fröhliche Nachricht empfangen, nämlich, daß du hast
sagen dürfen, wenn du mich auch mit deinem Arme
herausziehen könntest, so wolltest du es doch nicht
tun, wenn ich anders fromm oder damit zufrieden wä-
re. Es freut mich in meinem Herzen, daß der gute Herr
dich durch seinen Heiligen Geist so stärkt und trös-
tet. Der ewige, gute Gott müsse ewig gelobt sein, daß
er an uns Unwürdigen so große Zeichen der Gnade
und Liebe beweist. Ach, mein allerliebstes Schäflein,
wie werden wir doch dem Herrn genug dafür danken
können! Ja, ich freue mich in meinem Herzen, daß der
Herr mich armen Menschen dessen würdig geachtet
hat, daß ich viel Schmach, Verachtung, Bedrohungen
und Schläge erlitten habe. Hiermit prüft mich der
Herr, wie er seine allerliebsten Auserwählten geprüft
hat, ob ich ihn auch fürchte, ihm von Herzen vertraue
in der größten Not, ob ich ihn auch von Herzen liebe;
mein Herz ist (wie mich dünkt) vor Freude gehüpft,
weil wir einen solchen guten und lieben Gott haben;
ich dachte, daß ich ihn liebte, aber nun prüft er mich
aufs beste, weil mir nach der Haut gegriffen wird.
Aber, meine Auserwählte, entsetze dich nicht hier-
über; das unreine Fleisch hat noch viel mehr verdient;
doch züchtigt uns der Herr nach seiner Barmherzig-
keit. So ist denn nun mein Glaube geprüft worden,
wie das Gold im Ofen; nun gehören mir alle diese herr-
lichen Verheißungen des Herrn; fernerhin ist mir die
Krone des ewigen Lebens zubereitet, ja, unser König
Christus Jesus wird mich selbst ehren.
Ach leider, ich erkenne mich selbst hierzu unwür-
dig, aber unser Herr hat es bei seinem himmlischen
Vater erworben, uns solches mitzuteilen, damit un-
sere Freude vollkommen sein möge, und wir uns in
unserer Trübsal mit seiner Verheißung trösten mögen.
Ach, wie unbedachtsam sind alle diejenigen, wel-
che die herrlichen Verheißungen gering achten, ja, um
eines kurzen Leidens willen verwerfen! Ja, was ist
doch das Leiden, wenn es vorüber ist; dann ist es doch
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns
offenbar werden soll! Gestern habe ich diesen Brief
geschrieben, und eben jetzt bin ich vor dem Schulthei-
ßen, zweien Ratsherren und dem Schreiber gewesen.
Der Schultheiß fragte mich, ob ich nicht die Wahrheit
sagen wollte; ich erwiderte, daß ich es getan hätte. Ja,
sagte er, soviel, als du gewollt hast. Da wurde mir
des Schultheißen Anklage vorgelesen, welche enthielt,
daß ich von dem christlich-katholischen Glauben oder
der römischen Kirche abgefallen wäre, daß ich mich
unter die Wiedertäufer hätte taufen lassen, und daß
ich unter ihnen mit meinem Weibe getraut worden wä-
re, daß ich in meinem Irrtume verharrte, obgleich ich
von verschiedenen Gelehrten deshalb ermahnt wor-
den wäre, wobei er noch sagte, daß ich, nach Inhalt
des königlichen Befehls, gestraft und an einem Pfah-
le lebendig verbrannt werden müsste; wenn ich aber
wieder abfiele, so möchte mir das Schwert, vielleicht
auch der Kirchhof, zuteilwerden.
Darauf antwortete ich, daß ich von dem christlichen
Glauben nicht (oder niemals) abgefallen sei, und daß
ich auch keine Wiedertäufer kenne; ich sei nur einmal
auf meinen Glauben getauft; die Kindertaufe hielt ich
nicht für eine Taufe; ebenso hätte ich auch, als ich ein
Kind gewesen, wie ein Kind gehandelt, so wie mich
meine Eltern geleitet.
Ferner begehrte ich Gnade von dem Allerhöchsten,
denn wenn ich von meinem Glauben abfiele, käme es
mir vor, als ob ich ewig verloren wäre; wenn ich aber
dabei bliebe, hoffte ich, durch des Herrn Gnade selig
zu sein.
Dieses alles wurde aufgeschrieben; ich sagte, sie
sollten es machen, wie sie es vor dem obersten Richter
zu verantworten gedächten; ich begehrte von ihnen,
sie sollten mir sagen, ob ich jemanden übervorteilt
hätte, damit ich mich verantworten könnte. Da brach-
ten sie vor, daß ich mein Weib und mein Kind verführt
hätte, und dabei behilflich gewesen, daß auch andere
verführt wären, und daß ich bei Nacht und zur Unzeit
wider des Königs Befehl in den Winkeln Versamm-
lung gehalten hätte; ich erwiderte: Wer ist dabei zu
kurz gekommen? Darauf wurde ich abermals abge-
führt, denn sie konnten meine Reden nicht ertragen.
Meine Mitgefangene wurde dann auch vorgeführt,
aber sie ist auch standhaft geblieben.
Nun hoffe ich, daß wir bald von aller unserer Arbeit
und Qual werden entbunden werden. Darum hoffe
ich, meine Allerliebste auf dieser Erde, daß ihr bald
noch mehr erfreut sein werdet, wenn ihr von meiner
Erlösung hören werdet. Was können sie denn noch
mehr tun? An der Seele haben sie nichts; was haben
sie denn mehr, als dasjenige, was doch Zurückblei-
ben muss? Es ist mir ja sehr ersprießlich, zu Hause
bei dem Herrn zu sein; denn wiewohl diese irdische
Behausung oder Wohnung vergeht, so erwarten wir
doch eine bessere im Himmel, die ewig ist, ja, die der
Klarheit Christi gleich ist. Welche große, ewige Freude
werden wir dann genießen, wenn wir wie die Funken
im Riete, ja wie die Sonne glänzen werden, dann wer-
den wir vor Freude springen wie die Mastkälber.
Darum tröste dich mit diesen und andern Verhei-
ßungen, und behalte dasjenige, was du von Anfang
gehört hast, wie ich dir denn solches, mein liebes
Schaf, von ganzem Herzen zutraue.
618
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Und wenn ich entschlafen bin, so bist du, mein ge-
liebtestes Weib und geliebteste Schwester, entbunden;
führe alsdann deinen Witwenstand zu des Herrn Prei-
se, deinem Nächsten aber zur Erbauung und unserem
lieben einzigen Töchterlein zum Vorbilde, der Welt
zum Lichte und zum Heile deiner Seele. Dulde und
halte in der unverfälschten Wahrheit aus, worin du
stehst, und wenn auch ein Streit nach dem andern
über dich kommt, zu deiner Prüfung, so bedenke, daß
solches alles für deine Seligkeit geschieht; bereite dein
Herz allezeit zur Geduld, dann wird noch wohl der
Tag kommen, der dich trösten wird.
Die Verheißungen stehen so: Hier Drangsal, dort
Freude; ferner bedenke, wie freudig du mich bei
der Hand genommen hättest, wenn meine Eltern die
Wahrheit geliebt hätten; nun aber haben wir, du und
ich, den Tag gesehen, daß sie die Wahrheit lieben, was
eine besondere Freude ist.
Darum bitte ich dich, erweise ihnen so viel Ehre und
Freundschaft, als du kannst, und das um meinet- und
unseres Töchterleins, wie auch um der Wahrheit wil-
len, wie ich denn auch dieserhalb das Vertrauen zu dir
habe, und wenn du irgendeinen Kaufhandel treibst,
so hüte dich, daß du unbefleckt von der Welt bleibst;
wenn sie dich dann mit Worten überfallen, sodass du
genötigt bist zu sagen, wie viel dich das Gut kostet,
so sage es dann einfach heraus, und setze nichts hin-
zu, weder ja noch nein, denn das geziemt uns nicht.
Findest du dich aber hierin nicht stark genug, so laß
den Handel fahren, denn du kannst dich wohl mit
wenigem behelfen; ist es nicht fett, so ist es mager; die
Gottseligen begnügen sich leicht; wenn du aber einen
Handel treibst, so hüte dich, daß er nicht zu groß wer-
de, damit dein Herz dadurch nicht beschwert werde,
und du dein Gebet nicht wohl verrichten kannst.
Darum bedenke, was dir die heilige Schrift als das
Beste rät, dann wird es dir der Seele nach wohlgehen,
wie ich zu dir das Vertrauen habe. Übe dich beständig
im Gebete, wie den heiligen Witwen zusteht, für treue
Arbeiter, für alle Heiligen, für die Gefangenen, für die
Abgefallenen, für die Regenten der Welt, hauptsäch-
lich, wenn du Sekten entstehen siehst, oder Uneinig-
keit unter der Gemeinde gewahr wirst, welcher Fall
eintreten muss, damit die Bewährten offenbar werden.
Und wenn auch die Ältesten den Mut sinken lassen
wollten (wovor sie der Herr behüten wolle), so übe du
dich ernstlich im Gebete zu Gott, wie du die heilige
Witwe Judith zum Vorbilde hast, und schmücke dich
allezeit mit einem stillen und sanftmütigen Geiste,
was dich mehr als alle Kleinodien zieren wird, wie
Petrus und die Schrift dich solches lehrt, und du auch
von Gott selbst gelehrt bist; fasse auch deine Seele in
Geduld, dann wirst du in dem Herrn und in deinem
Herzen Ruhe finden. Sei auch guten Muts; dein obers-
ter Hauptmann und allerbester Bräutigam lebt noch;
er wird dich wohl, mit unserem einzigen Töchterlein,
bewahren und ernähren; denn, wenn ich auch schon
mit dir noch eine Zeitlang herumwandeln müsste, so
muss es doch von ihm kommen. Meine Geliebteste,
ich habe in meinen Banden dir einige Treue bewie-
sen, indem ich meine Hände noch an das Werk gelegt
habe, damit du meinetwegen keine Unkosten hättest,
und noch daneben etwas haben möchtest, was dir in
deiner Arbeit von Nutzen wäre, was eine große Freu-
de ist; ich habe aber die Hoffnung und das Vertrauen
zu dir, meine werte, Auserwählte und geliebtestes
Weib, daß du dich nicht verändern werdest, denn der
gute Gott hat dir eine besondere Gabe gegeben; dafür
müsse er ewig gelobt sein.
Aber nicht, meine Geliebteste, als ob ich dir einen
Strick an den Hals werfen und die zweite Ehe ver-
bieten wollte; ach, nein! Der Apostel rät dir ja, was
das Beste sei; ich habe mich mit dir auf die Lebenszeit
verehelicht, und danke dir so liebreich, als ich immer
kann, für deine liebe, gute Gesellschaft, Treue und
Liebe, deren ich mich selbst größtenteils unwürdig
achte. Nim hat der allein gute, barmherzige Gott mich
Unwürdigen zu einem höheren Stande berufen; also
kannst du auch mich, deinen Allerliebsten auf Erden,
dem Herrn zu keinem höheren Stande aufopfern. Al-
so tröstet euch miteinander, denn eure Drangsal wird
nur eine kleine Zeit währen.
Darum will ich dir, meiner Geliebtesten, meinen
Abschied schreiben, in dieser argen Welt, und will
dich dem getreuen, allmächtigen Gotte anbefehlen,
denn er ist allein mächtig, dich vor dem Argen zu
bewahren, und zu seinem ewigen Reiche zu bringen,
Amen.
Ach, heiliger Vater, ich, dein schwacher Knecht, bit-
te demütig in meinen Banden, daß du mein gelieb-
testes Weib, mein einziges Töchterlein und alle Got-
tesfürchtigen vor dem Argen bewahren, und sie in
deinem Namen heiligen wollest. O himmlischer Va-
ter, erhöre mich Unwürdigen durch Jesum Christum,
damit wir miteinander zu deiner ewigen Freude kom-
men mögen, damit niemand draußen bleibe! Hierzu
gebe der gute Gott seine Gnade, Amen.
Gute Nacht, mein einziges Töchterlein; dein gelieb-
ter Vater wird von unserm lieben Herrn zum Könige
gekrönt werden. Darum gib dich zufrieden, und sei
ein gehorsames Töchterlein; befleißige dich, die heili-
ge Schrift zu lesen. Lebe darnach, dann werden wir
wieder zusammen kommen, und uns allezeit und oh-
ne Ende erfreuen, Amen.
Vollendet den vierten Tag im März, im Jahre 1572,
von mir, J. W. K., deinem lieben Manne, welcher zu
619
Gottes Ehre um des Zeugnisses des Evangeliums
Christi willen gefangen liegt, Amen.
Sei von mir in dem Herrn herzgründlich gegrüßt,
mit der Liebe und dem Frieden, welche ewig währen.
Des Jan Wouterß fünfter Brief an sein Weib und
sein Töchterlein.
Die unergründliche Gnade und Barmherzigkeit un-
seres himmlischen Vaters, und die überschwängliche
Liebe unsers Herren Jesu Christi, samt der Mitwir-
kung seines Heiligen Geistes, vermehre sich allezeit
bei deiner Liebe, meine Auserwählte auf Erden, zum
Tröste in deiner Wallfahrt, zur Standhaftigkeit und
Stärkung deines Glaubens, zu Gottes Preise und zum
Heile deiner Seele, damit du allezeit in dieser Welt ein
Licht sein mögest, deinem lieben, einzigen Töchter-
lein, wie auch deinem Nächsten im Guten zur Besse-
rung, damit du allezeit den fruchtbringenden Reben
gleich sein mögest, denn dazu sind alle Gläubigen ge-
setzt; wenn ein anderer abnimmt, müde oder unlustig
wird, so nimm du allezeit zu, und laß dein Zuneh-
men offenbar werden vor Gott und den Menschen,
indem du weißt, daß dir die guten Werke folgen wer-
den, und eine Zierde an deinem Hochzeitskleide sein
werden, wenn du vor dem obersten Bräutigam er-
scheinen wirst, wogegen die Trägen und Schläfer, die
zwar munter genug sind, das Vergängliche zu suchen,
nackend stehen werden; dann wirst du zierlich geklei-
det sein.
Darum, meine über alle Menschen geliebte Schwes-
ter, werde doch nicht müde, wenn du auch noch in
dieser Pilgrimschaft wallen musst; schmücke und fül-
le allezeit deine Lampe in der Einfalt mit Öl; halte sie
stets brennend, und erwarte in Geduld deinen Tröster
und Bräutigam, dann wird er dich um einer kurz-
währenden Traurigkeit willen herzlich und freudig
willkommen heißen; denn er hat die Bahn geöffnet für
dich und alle Gläubigen, die Fleiß anwenden und in
ihrem Glauben Tugend, in der Tugend Bescheidenheit,
in der Bescheidenheit Mäßigkeit, in der Mäßigkeit Ge-
duld, in der Geduld Gottseligkeit, in der Gottseligkeit
brüderliche Liebe und in der brüderlichen Liebe allge-
meine Liebe zeigen. Wo solches reichlich unter euch
ist, wird es euch nicht faul, noch unfruchtbar sein las-
sen in der Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes
Jesu Christi; wer aber dieses nicht hat, der ist blind
und tappt mit der Hand nach dem Wege und vergisst
die Reinigung seiner vorigen Sünden. Darum ermahnt
auch Petrus: Wendet desto mehr Fleiß an, euren Beruf
und eure Erwählung fest zu machen; wenn ihr das tut
(merke) so werdet ihr nicht straucheln (merke ferner)
und es wird euch reichlich dargereicht werden der
Eingang zu dem ewigen Reiche unseres Herrn und
Heilandes Jesu Christi.
Ach, es ist hieraus wohl zu sehen, wie man zu Falle
kommt, und wie man fortgeht auf dem Wege des
Lebens; darum ist es ein köstliches Ding fleißig zu
sein, denn David sagt: Herr, du hast befohlen, deine
Befehle fleißig zu halten; auch sagt Paulus: Seid nicht
träge, was ihr tun sollt; seid brünstig im Geiste; ferner
schreibt er: Dieses will ich, daß ihr tun sollt, damit
diejenigen, die in Gott gläubig geworden sind, fleißig
sein mögen, in guten Werken die Vornehmsten zu
sein.
Ach, wie wohl geht es, wenn man dieses wahr-
nimmt! Ferner sagt er auch: Ach, daß es Gottes Wille
wäre, daß diejenigen, die von mir unterrichtet wor-
den sind, zum Nutzen der evangelischen Wahrheit
dienen möchten, und fleißig würden in den Werken
des ewigen Lebens. Ach, diejenigen, die diese göttli-
chen Schriften der Ermahnung und Warnung zu Her-
zen nehmen, werden nicht bald müde werden; wenn
ein anderer stehen bleibt, werden diese fortgehen in
treuem Herzen, so lange, als sie Atem schöpfen kön-
nen, und werden allezeit dasjenige, was sie tun, für
nichts achten, durch die göttliche Art, die in ihnen
ist, welche Liebe kein Maß hat, nämlich, wenn man
in seinem Herzen überlegt, daß Christus durch seine
große Todespein uns tote Menschen lebendig gemacht
und von der Macht des Teufels erlöst hat, und uns in
das Reich Christi versetzt hat und daß er uns Arme,
Sündhafte von so viel tausend Menschen herausge-
nommen und erwählt und uns erleuchtet hat. Wenn
sie in das ewige Feuer gehen werden, so werden wir
zur ewigen Freude eingehen, und unser verachteter
Leib wird der Klarheit Christi gleich sein. Ach, wer
kann die große Freude beschreiben, die ewig wäh-
ren wird? Wer nur diese Liebe und Güte Gottes recht
schmeckt, der wird es sich nicht bald verdrießen las-
sen, Gutes zu tun, denn er wird auch, wie Paulus sagt,
ohne Aufhören ernten; und Christus sagt: Ein guter
Baum bringt gute Früchte; auch sagt er: Die Gutes
getan haben, werden auferstehen zum ewigen Leben.
Ach, mein sehr geliebtes und wertes Weib! Obgleich
ich dich jetzt verlassen muss, und dich nicht mehr
sehen werde, so hoffe ich dich doch in der Auferste-
hung (durch des Herrn Gnade) zu sehen, und das mit
einem herrlichen und unvergänglichen Leibe. Darum,
mein geliebtes Schäflein, nimm stets in den Tugen-
den zu, nach deinem Vermögen, wie ich auch, meine
Geliebteste, dir solches von ganzem Herzen zutraue.
Halte doch die Wahrheit fest, worin du, durch Gottes
Gnade, stehst, denn es ist die rechte Wahrheit; es wird
keine andere gefunden werden, dessen bin ich gewiss
in meinem Herzen. Darum sei fest darin gewurzelt.
620
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
damit du gegen alle Sturmwinde stehen mögest, und
nicht fallest durch Verfolgung, oder durch Beraubung
der Güter und deines Geliebten, noch durch falsche
Christen, deren (ach leider!) jetzt viele auf der Bahn
sind, die viele Herzen und Gemüter unter dem Schei-
ne der Wahrheit, welche von ihnen verfälscht wird,
verderben und verführen, sodass viel Bitterkeit und
Erkaltung der Liebe aufgewachsen ist.
Ja, ich fürchte, es möchte noch gehen, wie Christus
sagt: Wenn des Menschen Sohn kommen wird, wird
er auch Gläubige auf Erden finden? Ach, mein ge-
liebtestes Weib, ich kann jetzt, durch des Herrn Hilfe,
deiner nicht mehr wahrnehmen und für dich nicht
mehr streiten, streite nun selbst für dich mit brüns-
tigem Gebete zu Gott; er wird dich nicht verlassen,
wenn ich dich auch verlassen muss; solches traue ihm
fest zu, und halte dich allezeit unverändert an die
Lehre Christi. Was du gehört und angenommen hast,
das vollbringe in der Furcht Gottes, dann wirst du
das ewige Leben haben; denn Gott kann das Gute,
das er in dir angefangen hat, ohne Verzug wirken und
vollbringen.
Endlich sei stark in dem Herrn durch die Macht
seiner Stärke, und sei wider alle Widerwärtigkeit gut
gewaffnet, dann wirst du durch des Herrn Hilfe wohl
siegen; trachte nach dem, was göttlich ist, und über-
winde das, was menschlich ist. Auch bitte ich dich
freundlich nach all meinem Vermögen, gib dich doch
in dem Herrn zufrieden, und denke allezeit an deine
Erlösung und an den Schatz, der alle Schätze über-
trifft, daß dir derselbe aus Gnaden geschenkt sei; sei
auch immer der herrlichen Verheißungen eingedenk;
dann hoffe ich durch des Herrn Gnade, daß der bit-
tere Kelch, und das bittere Wasser Mara (das du nun
auch um des Evangeliums willen mittrinken musst)
in etwas werde versüßt werden, denn, meine Liebste,
du weißt ja wohl, daß dieses unsere Pflicht und unser
Gelübde sei, und daß wir von der Zeit an, wo wir
die Wahrheit aufgenommen, es gewagt haben, jeder-
manns Raub zu werden, denn der Knecht ist nicht
besser als sein Herr; wir müssen durch viel Trübsal
in das Reich Gottes eingehen. Überlege einmal, von
Abel an, bis auf diese Zeit, wie die Gerechten leiden
müssen; die Schrift muss ja erfüllt werden; wenn ich
nicht in Verhaft genommen worden wäre, und ande-
re auch nicht, wie sollte dann die Zahl der Märtyrer
unter dem Altäre erfüllt werden, denn sie warten dar-
auf, bis ihre Zahl erfüllt ist? Darum tröste dich doch,
meine Geliebteste, und tröstet auch einander, denn
ich denke, wenn das eine weint, so weint das andere
auch; deshalb will ich euch auch mit des Herrn heili-
gem Worte trösten; ich werde auch darin noch mehr
versichert, daß ich kein Bastard bin, weil es dem barm-
herzigen Vater gefallen hat, mich armen, sündhaften
Menschen zu züchtigen, und mich Unwürdigen als
seinen lieben Sohn aufzunehmen, sein Wille müsse
geschehen. Darum bitte und laß für mich bitten, da-
mit ich mit meinem Tode des Herrn Namen preisen
und es zur Erbauung, zur Freimütigkeit und Freude
meines Nächsten, zum Lichte der Welt und zur Erwe-
ckung derer gereichen möge, die noch im Schlafe der
Sünden sind, und so auch zu meiner Seelen Seligkeit,
Amen.
Auch lasse ich dich, meine Geliebteste auf Erden,
wissen, wie es mir in meinen Banden eine große Er-
leichterung ist, daß du nicht ebenfalls verhaftet wor-
den bist. Ach, ich kann auch meinem Gott nicht genug
danken wegen unseres armen Töchter leins, welches
seinen Vater so hat binden sehen, als ob er ein Mörder
gewesen wäre, wobei mir aber der starke und getreue
Gott solche Gnade gegeben hat, daß ich fast von kei-
nem Schrecken zu sagen weiß, nur daß ich sagte: Ach,
meine Herren, wie bindet ihr mich doch, als ob ich
ein böser Mensch wäre. Ach, sagten sie, du bist selbst
Schuld daran, wobei sie sehr untereinander seufzten.
Als sie mich nach dir fragten, redete ich sehr laut mit
dem Schultheißen, damit du aus dem Wege gehen
möchtest; so sehr war ich für dich besorgt. Der Herr
sei gelobt, daß er mich so gnädig züchtigt.
Ach, liebes Schaf, du bist ja sehr nahe gewesen, was
man daraus schließen kann, weil du die Haube liegen
gelassen hast und entflohen bist. Nun, Geliebteste, sei
getrost; du verlässt zwar noch mehr; verlässt du aber
viel, so wirst du auch viel empfangen, und schicke
dich immer und jede Stunde in Geduld, dann wirst
du, durch des Herrn Gnade, alles überwinden, was
dir zustößt, denn die Geduld ist eine besondere Gabe
Gottes; sie ist der Christen Stärke, das bin ich Unwür-
diger wohl gewahr geworden, und erfahre solches
auch am besten in meinen Banden, die ich um Christi
willen leide; ich kann seiner Gnade nicht genug dan-
ken für seinen Trost; ich erfahre es, wie einem Manne
zu Mute ist, der nicht um einer Übeltat willen gefan-
gen ist; ich befinde die Treue des Herrn, welche er
den Seinen verheißen hat; ich habe auch auf sein Wort
vertraut, ehe ich in diese Hände kam, denn der Herr
sagt: Wenn auch eine Mutter des Sohnes ihres Leibes
vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen; er
ist in Wahrheit eine Stärke der Armen und ein rechter
Nothelfer.
Ach, ich hatte gehofft, es allein mit meinem Blute
zu versiegeln; aber es ist noch ein schwaches Schäflein
den Wölfen in die Hände gefallen, und das sehr wun-
derlich; man hätte meinen sollen, daß sie nicht viel
Gefahr gehabt hätte; sie kam in meines Meisters Haus,
und wurde angehalten. Als meine Zeit erfüllt war.
621
kam ich auch in ihre Hände; ich glaube, der gute Gott
habe es so über mich Unwürdigen zu meiner Seligkeit
beschlossen, denn er weiß besser, was mir nötig ist,
als ich selbst; darum müsse sein Wille geschehen. Ach,
meine Liebste, sei doch hierin gelassen, und opfere
mich, deinen Liebsten, auf, in des Herrn Willen, wie
unser tägliches Gebet lautet, denn ich hatte zuvor oft
zu dem Herrn gebetet, daß er mir dasjenige geben
und uns widerfahren lassen wolle, was mir zur Selig-
keit dient. Ich sehe es so an, als ob mich der Herr vor
dem Unglücke bewahren und mich zur Ruhe bringen
wolle, denn wer den Herrn und die Gemeinde von
Herzen liebt, der ist selten ohne Herzensschmerzen,
und hat oft Geburtswehen; ja, es dünkt mich, daß ich
auch oft einem gebärenden Weibe gleich sei. Wenn
ich an deine und meines Töchterleins Betrübnis, und
an meines alten Vaters und an meiner alten Mutter
Herzeleid denke, so möchte ich wohl weinen, aber der
Herr gibt wieder Trost durch seinen Heiligen Geist; er
müsse gelobt sein, in Ewigkeit, Amen.
Auch kann ich nicht unterlassen, dir, meinem ge-
liebtesten und einzigen Weib, aufs höchste zu danken,
daß du mir mehr als neun Jahre ein so liebes und
treues Weib gewesen bist; die Zeit ist so schnell ver-
schwunden, daß ich mich wundere. Ich habe mich so
sehr in meinem Herzen über deine Liebe gefreut, daß
ich dem Herrn für seine Gnade nimmermehr genug
danken kann; ja, es dünkt mich, wenn auch alle Haare
meines Hauptes und alle Grashalme der Erde Zun-
gen wären, ich könnte doch seiner Güte nicht genug
danken, sondern bliebe ihm schuldig. Aber, wie lieb
ich dich auch hatte, so musste ich doch meine Liebe
mäßigen, damit, wenn es dazu käme, wozu es jetzt
gekommen ist, ich das Scheiden überwinden möge.
Auch hatte ich mein Töchterlein lieber, als ich an
den Tag legte, aber ich durfte mein Herz nicht zu
sehr an sie hängen, damit, wenn ich davon scheiden
müsste, wie es der Herr über mich Unwürdigen be-
schlossen hat, mich dann das bittere Scheiden nicht
überwiegen möchte; nun ich aber von dem Herrn zu
diesem Stande berufen bin, so will ich euch beide,
meine geliebtesten Schäflein, dem Herrn der Herren
übergeben, und um seine Gnade bitten, daß er euch
beide vor dem Argen bewahren und euch zu seinem
ewigen Reiche bringen wolle. Amen. Ich habe, ach
leider, oft Leid getragen, und es betrübt mich noch
jetzt, daß ich elender Mensch nicht heiliger und voll-
kommener bei euch gewandelt bin, denn wie ich es
auch machte, so kam ich allezeit viel zu kurz, weshalb
ich mich auch durch die Jahre meines Glaubens nicht
ohne Straucheln und Fallen hindurch gestritten habe;
aber der reiche Gott hat meinen guten Vorsatz angese-
hen, und mich nach seiner Barmherzigkeit wieder auf-
gerichtet, denn er ist geneigt, zu vergeben, und steht
fest bei seinen Verheißungen, so wie ich auch gern
vergebe, denn, wenn wir den Menschen ihre Misse-
taten vergeben, so wird er uns auch unsere Missetat
vergeben. Als ich nun meinen Mangel fühlte, ließ ich
mir solches eine Veranlassung sein, mich in der De-
mut zu halten und mich unter die starke Hand Gottes
zu beugen, und war mir solches eine Ermahnung, um
eifrig in meinem Berufe zu sein. Als ich in solchem
guten Vorsatze stand, ist der Herr der Herren gekom-
men, wofür er ewig gelobt sein müsse; darum bitte
ich auch ihn oft, daß er es dem vergeben wolle, der
mich genannt, überantwortet und angegriffen hat; ich
vergebe es ihnen allen. Ach, mein geliebtes Weib, ich
bitte dich doch nochmals herzlich, du wollest es de-
nen auch ebenfalls vergeben, die an mir schuldig sind,
und an deiner Trübsal, denn, wenn du es nicht verge-
ben würdest, so dünkt mich, du würdest dem Herrn,
deinem und meinem Gott, im Wege stehen, daß er dir
deine Schuld nicht vergeben würde. Darum bitte ich
dich, du wollest es von Herzen vergeben; bitte auch
für diejenigen, welche dir Leiden antun, dann wirst
du eine gute Schwester in Christo sein. Mache, daß
Gott dein Schuldner werde, dann wird er dir auch dei-
ne Schuld vergeben, denn wir bedürfen der täglichen
Vergebung, weil wir gebrechlich sind.
Aber darüber bin ich doch sehr betrübt, daß unsere
liebe Gemeinde und so viele arme Herzen so zerstreut
sind und in fremden Ländern herumwandern müssen,
von denen einige nichts zu leben haben, und gleich-
wohl wollen die armen Kindlein ernährt sein. Ach, es
mangelt an fröhlichen Gebern in dieser kümmerlichen
Zeit. Für dieses Mal nichts Besonderes mehr; sei und
bleibe stets dem Herrn und dem reichen Worte seiner
Gnade anbefohlen, der doch mächtig genug ist, dich
vor dem Argen zu bewahren, und dich in sein ewiges
Reich zu bringen, Amen. Sei insbesondere sehr herz-
lich in dem Herrn gegrüßt mit dem Kusse der Liebe
und des Friedens, und das im Herzen, mit dem Ge-
müte im Geiste, als gegenwärtig bei dir. Sage unserm
geliebten Töchterlein von mir gute Nacht, und melde
ihr, daß sie ihre Mutter trösten soll, dann werde ich sie
lieb haben, wenn sie anders eine gehorsame Tochter
ist, und daß sie fleißig lesen und schreiben lerne, und
dadurch ihrer lieben Mutter das Brot verdienen helfe.
Grüße mir doch alle Gottesfürchtigen herzlich in dem
Herrn, die dich nach mir fragen; sage ihnen, sie sollen
alle wohlgemut sein, auf den Herrn hoffen und trau-
en, denn seine Hand ist nicht zu kurz, solches fühle
ich wohl; darum fürchte niemand die sterblichen Men-
schen, sondern vielmehr den unsterblichen Gott; den
Glauben habe ich bekannt, mein Leben nicht gesucht,
von Christo frei und öffentlich vor diesem sündhaf-
622
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ten Volke gezeugt, und das zum Zeugnis über sie,
damit sie an dem Tage Christi keine Entschuldigung
möchten vorweisen können.
Der Schultheiß fragte mich, ob ich nicht von mei-
nem Glauben abfallen wollte, man würde mich dann
wieder auf freien Fuß stellen, dann könnte ich mein
Weib und meinem Kinde die Kost verdienen. Du bist,
sagte er, noch ein junger Mann, du kannst noch wohl
Kinder zeugen und die Welt vermehren; ich antwor-
tete, daß ich keineswegs davon abfallen wollte. Der
Schulz sagte: Willst du denn nicht leben? Ja, mein
Herr, antwortete ich, aber von meinem Glauben be-
gehre ich um keinen Preis in der Welt abzufallen. Als
wir gingen, sagte er, daß ich irrte, er wollte es mir mit
Chroniken beweisen, daß der Lehre, von der ich be-
haupte, daß man sie zu der Apostel Zeit die Sekte der
Nazarener genannt habe, öffentlich widersprochen
werde; du musst bedenken, daß unser Glaube vor so
vielen Jahrhunderten bestanden, und von Hand zu
Hand auf uns gebracht worden ist; ich sagte: Ich sehe
nicht auf die Jahre, sondern auf die Wahrheit, und so
schieden wir voneinander.
Ach, teile mein Schreiben nicht zu vielen mit, damit
ich meine Freiheit zum Schreiben nicht verliere; der
Herr sei dafür gelobt. Wenn jemanden die Liebe be-
wegt, ein wenig an mich zu schreiben, so schicke es
mir; tue etwas Farbe hinein, und beschmutze es ein
wenig, so wird man es desto weniger merken. Schrei-
be mir ein wenig, wie es dir mit meinem Töchterlein
geht; sende es mit Farbe, oder mit etwas Gewürz, und
sollte es auch Fenchelsamen oder ein Stücklein Ku-
chen sein; auch dieses wird mir sehr angenehm sein.
Grüße doch deinen Bruder und sein Weib herzlich.
Des Jan Wouterß sechster Brief an seine einzige
Tochter insbesondere.
Der ewige, allmächtige gute Gott, welcher durch sein
Wort Himmel, Erde, Meer, und was darin ist, erschaf-
fen hat, sei mit dir. Ich bin, weil ich ihn in meiner
Einfalt, um meiner Seele Heil willen, gesucht habe,
von seinen Feinden gefangen worden, was ich ihnen
vergeben will; aber obgleich ich darum gefangen wor-
den bin und auch darum gelitten habe, so hat es mich
doch niemals gereut, daß ich in meiner Einfalt mei-
ne Seligkeit gesucht habe, denn zur Seligkeit bin ich
erschaffen durch Christum Jesum zu guten Werken,
damit ich darin wandle, und dereinst zum ewigen
Leben auferstehe. Darum, mein einziges Töchterlein,
merke auf die Unterweisung deines geliebten Vaters,
denn was ich mit dir rede, geschieht nach der Schrift;
du wollest die Bosheit der Welt, die Gelehrten, die
Obrigkeit und ihre Anhänger ansehen, wie sie das
unschuldige Blut vergießen; dieselben haben den Na-
men, daß sie Geistliche und Christen seien; deshalb
bitte ich dich, mein geliebtes Töchterlein, folge ihnen
nicht, denn sie wandeln nicht auf dem rechten Wege,
davon gebe ich Zeugnis. Lies die heilige Schrift, und
wenn du dein Alter erreicht haben wirst, so betrach-
te und prüfe es wohl, und bitte den Herrn um Ver-
stand, dann wirst du das Böse von dem Guten wohl
unterscheiden können, die Lügen von der Wahrheit,
den Weg der Verdammnis von dem engen Wege, der
zum ewigen Leben führt. Und wenn du dann Pracht
und Stolzieren, Tanzen, Lügen, Betrügen, Fluchen,
Schwören, Zanken, Schlagen und mehrere andere bö-
se Stücke siehst, als trunken trinken, vor Holz, Stein,
Gold, Silber oder Brot knien, so denke alsdann, daß
dieses nicht der rechte Weg sei; das sind keines Chris-
ten Werke, wie die heilige Schrift lehrt. Solche Werke
kommen nicht von dem Geiste Gottes, sondern von
dem Geiste des Satans her. Die Schrift bezeugt, daß
diejenigen Christo angehören, die den Geist Christi
haben, oder davon getrieben werden. Darum folge
den Leuten nicht, damit du als ein rechter Christ er-
funden werden mögest; folge ihnen nicht, wenn sie
dich auch liebreich anlocken und dir schöne Dinge
verheißen; achte solches nicht; weiche von dem brei-
ten Wege, auf welchem sie sich befinden, damit du
nicht ihrer ewigen Plage teilhaftig werdest; betrach-
te hiervon das Exempel in der Schrift, wie es in der
ersten Welt zugegangen ist, denn alle, die von Gott
abwichen, der Predigt des Noah nicht glaubten und
seine Worte nicht achteten, sind ertrunken; ferner die
zu Sodom und Gomorrha, die den Gerechten täglich
quälten, und mit Lot nicht ausgehen wollten, sind
verbrannt worden; ebenso wird es auch allen denen
ergehen, die dem gerechten Noah (das ist Christo Jesu)
nicht glauben, denn er hat es in dieser Welt gepredigt,
wenn er zunächst sagt: Tut Buße; das Himmelreich ist
nahe herbeigekommen, wie denn auch Noah zuvor
gewarnt und gepredigt hatte, ehe das Wasser kam.
Ebenso hat auch Christus und seine Apostel Buße
und Besserung verkündigen lassen, wie auch noch
täglich durch mich Unwürdigen, deinen geliebten Va-
ter, und mehrere andere Knechte Christi. Aber was
nutzt es ihnen; es bessern sich nicht viele; sie halten
sich zu dem größten Haufen; uns aber achtet man
nicht viel, denn wir sind ein schlechtes, kleines und
ungelehrtes Völklein. Aber Christus hat des Volkes
Verstockung wohl voraussehen können; darum sagt er
im Evangelium: Wie es war in den Tagen oder Zeiten
des Noah, sie aßen, sie tranken, sie freiten und ließen
sich freien, bis daß Noah in die Arche ging; ebenso
wird es auch in der Zukunft des Menschen Sohnes
sein; das ist Jesu Christi; dann wird der Tag des Herrn
623
wie ein glühender Ofen sein; das Rufen und das Kla-
gen wird den bösen, ungläubigen Menschen alsdann
nichts helfen, denn es wird keine Zeit sein, Gnade zu
erlangen; aber jetzt ist es eine angenehme Zeit und
der Tag des Heils; jetzt ist die Gnadenzeit und das
Freijahr des Herrn, so lange bis der erschreckliche
Tag des Herrn kommt. Dann wird er zu denen, die
dem Evangelium nicht haben glauben wollen, son-
dern dem größten Haufen nachgefolgt sind, sagen:
Geht von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das
bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln; aber zu
denen, die ihm in diesem Leben bis ans Ende nachge-
folgt sind, wird er sagen: Kommt her, ihr Gesegneten,
und ererbt das Reich meines Vaters, das euch bereitet
ist von Anbeginn der Welt.
Darum, mein geliebtestes Töchter lein, nimm es zu
Herzen, achte es nicht gering, es ist dir viel daran
gelegen, durchforsche (wenn du Verstand von dem
Herrn empfangen haben wirst) die heilige Schrift mit
Fleiß, so wirst du wohl finden, daß man Christo Jesu
nachfolgen und lebenslang gehorsam sein müsse; du
wirst auch deutlich finden das kleine Häuflein, das
Christo nachfolgt. Es ist aber das ihr Kennzeichen: Sie
führen ein bußfertiges Leben; sie meiden das Arge
und haben ihre Lust daran, wenn sie Gutes tun; es
hungert und dürstet sie nach der Gerechtigkeit; sie
stellen sich nicht dieser Welt gleich; sie kreuzigen täg-
lich ihr sündhaftes Fleisch mehr und mehr, damit sie
der Sünde absterben, die in ihren Gliedern streitet;
sie suchen und jagen dem nach, was ehrbar ist und
wohl lautet; sie tun niemandem Unrecht, sie bitten für
ihre Feinde; sie widerstehen nicht ihren Feinden; ihre
Worte sind ja, was ja ist, und nein, was nein ist; ihre
Worte sind ihr Siegel; es ist ihnen leid, daß sie nicht
immer heiliger leben; darum seufzen und weinen sie
oft. Dieses aber sei dir nicht allein ein Zeichen, woran
du erkennen kannst, wer Christo nachfolgt, sondern
auch das ist ihr Zeichen, wenn sie das Kreuz Chris-
ti tragen, denn er sagt: Wer mir nachfolgen will, der
verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich täg-
lich, und folge also ihm mit dem Kreuze, denn er hat
gesagt: Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch
auch verfolgen. Aber nun möchte jemand sagen und
die Leute überreden, er habe solches zu seinen Apo-
steln gesagt; aber der Apostel Paulus bekennt ihnen
eben dasselbe, wenn er sagt, daß alle, die gottselig le-
ben wollen in Christo Jesu, Verfolgung leiden müssen.
Der Prophet sagt auch: Wer vom Bösen weicht, muss
jedermanns Raub sein, denn, was lauter und klar ist,
kann nicht zum Vorschein kommen. Hieraus kannst
du, meine liebe Tochter, erkennen, welche Christo fol-
gen, um durch ihn selig zu werden; hüte dich vor
den Sünden, daß du sie nicht vollbringst, und halte
dich zu diesen Kreuzesträgern, damit du zu Christo
kommen mögest, der für uns und um unsertwillen
das Kreuz getragen hat, denn wir müssen seinen Fuß-
stapfen nachfolgen und unserm Herrn gleich sein; der
Jünger muss wie sein Meister sein, und wie wir mit
ihm leiden, so werden wir uns auch ewig mit ihm
freuen. Aber, mein einziges Töchterlein, das ich von
Herzen liebe, ich bitte dich, sei nicht furchtsam vor
diesem gegenwärtigen Leiden, und lasse darum nicht
nach, deine Seligkeit zu suchen, das wäre allzu töricht
gehandelt; denn, nachdem ich dieses gelitten habe,
sage ich mit dem Apostel, daß das Leiden, um Jesu
Christi willen, leicht und zeitlich ist, und uns eine un-
ermessliche Herrlichkeit bringt; denn, gleichwie des
Leidens Christi viel über uns kommt, so werden wir
auch reichlich getröstet durch Christum, welcher uns
allezeit den Sieg erhalten hilft, daß wir den Glauben
bewahren, in einem reinen Gewissen, denn es ist se-
lig, sagt der Apostel, wenn man um des Wohltuns
willen Schläge leidet. Darum freue dich, weil dein lie-
ber Vater, um Wohltuns willen, Bedrohungen, Verach-
tung und Schläge erlitten und ertragen hat, ich sage,
um des Wohltuns willen, weil ich mit der Welt nicht
auf dem breiten Wege zur ewigen Pein laufen wollte,
welcher alle diejenigen werden teilhaftig werden, die
nicht umkehren und Christo auf dem schmalen Wege
nachfolgen. Das Wort Christi richtet allezeit, darum
verdenke mir es niemand.
Ferner habe ich auch gelitten, weil ich meinen
Nächsten lieb hatte, wie mich selbst, und ihn nicht
offenbaren wollte. Darum gib dich zufrieden und be-
denke allezeit, daß dein geliebter Vater nicht als ein
Dieb oder Mörder, sondern als ein Christ gelitten ha-
be, dessen ich mich nicht schämen darf; auch darfst
du dich dessen nicht schämen, sondern laß sich die-
jenigen schämen, die Böses tun; des Guten darf man
sich nicht schämen, wenn uns auch die Menschen
verachten, die doch wie Heu vergehen, und wie ein
Rauch verschwinden; was fragen wir nach sterblichen
Menschen, wenn wir nur dem unsterblichen Gott ge-
fallen? Dann ist es gut, denn er wird uns rühmen; der
Menschen Ruhm ist vergänglich. Darum achten wir
es nicht, und sehen nicht auf das, was sichtbar, son-
dern auf das, was unsichtbar ist; dem jagen wir nach,
darnach laufen wir, und erwählen lieber, wie Mose,
Ungemach zu leiden mit den Kindern Gottes, als in
weltlichen Lüsten zu leben, denn wir sehen auf die Be-
lohnung Christi. So will ich denn nun voran, und dich,
sowie deine liebe Mutter, in kurzer Zeit erwarten. Dar-
um bitte ich dich sehr freundlich, meine geliebteste
einzige Tochter, nimm meine Worte in diesem Briefe
zu Herzen, und suche deine Seligkeit von ganzem
Herzen in der Nachfolge Christi; er wird dir so gut
624
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
helfen, als er mir hilft und mehreren andern geholfen
hat, die zu meiner Zeit und auch vor mir gewesen
sind. Christus ist der Weg zum ewigen Leben; darum
halte seine Gebote, denn das ist das ewige Leben.
Ferner bitte ich dich, mein geliebtes Töchterlein,
daß du vor allen Dingen deine werte und liebe Mut-
ter lieben und ihr gehorsam sein wollest. Wenn deine
geliebte Mutter ein hohes Alter erreicht, so halte sie
stets in großen Ehren, und tue immer das Beste an
deiner Mutter; es ist ein Befehl des Herrn, welcher
Verheißung hat, denn, wenn du deine geliebteste Mut-
ter nicht liebst, wie wirst du dann unsern lieben Herrn
lieben können, den du nicht siehst? Aber, meine ein-
zige, liebe Tochter, ich habe die Hoffnung und das
Vertrauen zu dir, daß du das Beste tun werdest; es
ist mir auch sehr lieb gewesen, in meinen Banden
zu hören, daß du dich so gut in das Unvermeidliche
fügst und so wohl zufrieden bist. Danke dem Herrn,
daß er deine geliebte Mutter gespart hat, damit du
desto besser fortkommen möchtest. Aber gleichwie
der Heiligen, der Propheten, Christi, der Apostel, und
mehrerer anderer Heiligen Zeit erfüllt gewesen ist,
so ist meine Zeit nun auch erfüllt, nach der Vorse-
hung Gottes, damit ich künftig in Christo ruhen möge.
So gehe ich denn nun den Weg der Propheten und
Apostel, und glaube dem, was die heilige Schrift sagt,
daß Christus Jesus allein unser Heiland sei, und su-
che allein durch sein Blut, durch sein Verdienst und
durch sein Leiden selig zu werden. Man sagt von uns
viel böse Dinge, deren wir doch nicht schuldig sind;
aber wir müssen es alles um Christi willen leiden,
und sein Reich mit Gewalt einnehmen, denn, die ihm
Gewalt antun, reißen es an sich. Daß wir alles ertra-
gen, das ist unsere Kraft und unsere Gewalt, denn mit
des Herrn Hilfe können wir durch Geduld, Sanftmut
und Langmut alles überwinden. Derselbe wolle dir,
meine geliebte Tochter, und deiner geliebten Mutter,
denselben leidsamen, guten Geist gönnen, damit ihr
in allem Drangsale, das ihr zusammen habt, und um
des Namens des Herrn willen noch haben werdet,
überwinden mögt, zu seinem Preise und eurer Seelen
Seligkeit, Amen.
Hiermit gute Nacht auf dieser argen Welt; seid doch
alle wohlgemut. Geschrieben und vollendet den 4.
März im Jahre 1572, von mir, deinem geliebten Vater,
der um des Gehorsams Christi willen zu Dortrecht
gefangen ist, und das zum Preise Gottes, Amen.
O barmherziger, himmlischer Vater, der du mich
Unwürdigen insbesondere erwählt und geliebt hast,
der ich Erde und Asche bin; ich befehle dir mein ge-
liebtestes Weib, und mein geliebtestes einziges Töch-
terlein.
Von mir, Jan Wouterß Kuyk, geschrieben in Banden,
zu Dortrecht.
Des Jan Wouterß siebter Brief an seinen Vater und
seine Mutter.
Der ewige, barmherzige Gott, voll allen Trostes, gebe
dir, meinem geliebtesten und werten Vater, und mei-
ner geliebtesten, ehrwürdigen Mutter, seine Gnade
durch Christum, und befestige eure Liebe beiderseits
durch seinen Heiligen Geist, damit ihr beide diese kur-
ze Zeit zum Preise Gottes, der Welt zum Lichte, zum
Vorbilde eurer Kinder und zu eurer Seelen Seligkeit
zubringen mögt, Amen.
Nach diesem meinem herzlichen Wunsche bitte
und ermahne ich eure Liebe beiderseits, daß ihr ferner-
hin eure Glieder zu Waffen der Gerechtigkeit begeben
wollt, und nicht, wie vormals, in dem alten Menschen,
sondern tötet den alten Adam, das ist, zieht den al-
ten Menschen aus, nebst seinen bösen Werken, und
zieht den neuen an, in vollkommener Gerechtigkeit
und Heiligkeit, gleichwie die heilige Schrift lehrt, die
uns zum ewigen Leben dient; denn sein Gebot ist
das ewige Leben; bedenkt auch, wie ernstlich ihr in
den Geboten der Menschen gewandelt seid, wodurch
sie Gottes Gebot vernichtet haben, und Gott umsonst
dienen, weil sie Menschengebote lehren und halten,
die keine Verheißungen in der heiligen Schrift haben,
sondern sie sollen ausgerottet werden, weil sie unser
himmlischer Vater nicht gepflanzt hat; ja, solches wird
von Paulus verflucht. O daß ihr doch auch nun sehr
fleißig, ja, viel fleißiger in der unverfälschten Wahrheit
Gottes erfunden werden möchtet, welche euch beiden
durch Gottes Gnade in euren alten Tagen durch Chris-
tum offenbart worden ist.
Ach das ist mir eine große Freude, daß der Herr
euch beide noch so lange aufgespart hat, und daß ich
den Tag gesehen habe, wo meinem geliebten Vater
und meiner geliebten Mutter, meinem einigen Bruder
(von meinen lieben Schwestern hoffe ich das Beste)
die blinden Augen erleuchtet worden sind, daß sie
nun das Licht von der Finsternis, das ist das Böse von
dem Guten, unterscheiden können, und guten Mut
haben, das Böse zu lassen und das Gute zu tun.
Ich hoffe, wenn ihr miteinander hierin fortgeht und
bis ans Ende aushaltet, daß wir uns miteinander in
der Auferstehung des Lebens erfreuen werden.
Ach, überlegt es doch, welche große Freude und
Wonne wir genießen werden, wenn die Gerechten
werden auferweckt werden, und wenn der liebe Vater
und die Mutter samt ihren Kindern die Stimme un-
sers Bräutigams hören werden, wenn er sagt: Kommt
her, ihr Gesegneten, und ererbt das Reich meines Va-
ters; aber geliebtester Vater und Mutter, Bruder und
625
Schwestern, ihr müsst zuvor bedenken, was Christus
vorher gesagt hat, daß der Weg schmal und die Pforte
eng sei, die zum ewigen Leben führt; ferner bezeugt
auch der Prophet Esra, welcher von einer Stadt redet
voll alles Guten, zu welcher ein Weg führt, eines Men-
schen Fußstapfen breit; an der einen Seite ist Wasser,
an der andern Seite aber Feuer; wie wird man nun die-
se Stadt zum Erbe empfangen, wenn man nicht zuvor
diese Enge durchwandere? Darum hat Christus, der
oberste Prophet (welcher die Bosheit der Welt wohl
hat vorhersehen können) gesagt: Ihr müsst von allen
Menschen gehasst werden um meines Namens willen,
und das darum, weil sie weder mich noch meinen
Vater erkannt haben; ferner sagt er: Weil ich euch von
der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt,
denn sie hat das Ihre lieb; auch sagt er weiter: Haben
sie mein Wort gehalten, so werden sie das eure auch
halten; haben sie mich verfolgt, so werden sie euch
auch verfolgen; haben sie den Hausvater Beelzebub
genannt, wie viel mehr werden sie euch so nennen?
Denn der Knecht ist doch nicht besser, als sein Herr;
darum, wer Christo nachfolgen und dahin kommen
will, wo er ist, der muss sich selbst verleugnen, sein
Kreuz täglich auf sich nehmen und ihm im Unge-
mache nachfolgen; dann sagt er ferner: In der Welt
habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt
überwunden. Ihr werdet (sagt er ferner in demselben
Kapitel) heulen und weinen, aber die Welt wird sich
freuen; doch soll eure Traurigkeit in Freude verwan-
delt werden, welche Freude niemand wird von euch
hinwegnehmen können.
Hieraus ist sattsam zu entnehmen, daß der Pfad für
das Fleisch, welches hier bleiben muss, sehr enge sei;
dasselbe muss man daran wagen, oder man ist nicht
würdig, Christi Jünger zu sein.
Aber ich habe das Vertrauen, daß wir alle mit Jakob
die schöne Rahel (nämlich das Himmelreich) erlangen
werden; doch kann es so nicht zugehen; wir müssen
zuerst Lea mit ihren flehenden Augen zu unserer Prü-
fung haben; denn ist das Haupt geprüft worden, das
doch keine Sünde getan hatte, wie sollten die Glieder
nicht auch geprüft werden? Dann merkt er erst genau
auf, ob man ihn auch von Herzen fürchtet, liebt und
ihm vertraut, ob man sein Leben nicht lieber hat als
seine Seligkeit. Von dieser nötigen Prüfung, die an vie-
len Heiligen Gottes vorgenommen ist, hat man viele
Exempel in der Schrift, wie an Abel, Jakob, Mose, Da-
vid, Hiob, den drei Jünglingen in dem Ofen, Daniel,
Susanna, den sieben Brüdern und ihrer Mutter, vielen
Propheten, Aposteln und vielen Heiligen nach ihnen
und auch zu meiner Zeit.
Nun ist die Reihe an mir, der Herr müsse gelobt
sein, denn ich erkenne mich unwürdig, mich zu die-
ser Zahl zu setzen; aber der gute, barmherzige Gott
achtet mich dazu würdig, um die Zahl der Märtyrer
erfüllen zu helfen, die in Christo ruhen und darauf
warten, daß ihre Zahl durch solche erfüllt werde, die
auch, wie sie, um des Zeugnisses Christi willen getötet
werden sollten, das in ihnen war, und auch in mir ist
durch Christum; welchen Christum man allezeit, von
Anfang der Welt her, ausgebannt, verachtet und ihm
widersprochen hat. Darum leide ich auch eine kurze
Zeit, achte es aber nicht; sie wissen nichts Böses auf
mich zu sagen, der Herr sei gelobt. So leide ich denn,
mit Christo, als ein Christ um des Wohltuns willen,
damit mein Glaube viel köstlicher erfunden werde als
das vergängliche Gold. Darum prüft Gott seine Aus-
erwählten, aber zur Zeit der Not hilft er uns treulich;
solches bin ich in meiner Not gewahr geworden, wie
wunderbar Gott in seinen Auserwählten wirkt; ja, ich
bin sehr erfreut, daß er meinen Mund von Anfang an
bis ans Ende bewahrt hat; solches hat mein Leiden
erleichtert, als mein unreines Fleisch (welches einer
bösen Art ist) im Leiden war, und zwei Stunden lang
auf gehängt und gegeißelt wurde; nun es aber vorüber
ist, habe ich Freude in meinem Herzen. Das erste Mal
bin ich den letzten Samstag im Februar gefoltert wor-
den, das andere Mal geschah es den Mittwoch darauf;
aber, geliebteste Eltern, fürchtet euch nicht hierüber,
sondern freut euch mit mir, daß wir einen solchen
starken Gott haben, der uns so treulich hilft, denn er
führt unsem Streit; er wird uns nicht zu Schanden
werden lassen. Betrachtet nur die alten Zeiten, ob je-
mals jemand zu Schanden geworden sei, der sich auf
ihn verlassen hat, denn er erhört (sagt David) das Ru-
fen der Elenden, und ihr Herz ist gewiss, daß seine
Ohren auf ihr Gebet merken. Darum habt einen fes-
ten Glauben an das Wort Gottes und vertraut auf Ihn,
dann wird er seine Verheißungen wohl erfüllen, denn
das sollt ihr wissen, daß, obgleich der auswendige
Mensch vergeht, doch der inwendige Mensch von.
Tag zu Tag erneuert wird.
Überdies ist unsere zeitliche Trübsal kurz und leicht;
davon kann ich jetzt schreiben, und wirkt in uns eine
über die Maßen gewichtige Herrlichkeit, die wir nicht
sehen auf das, was sichtbar, sondern auf das, was
unsichtbar ist.
Das Sichtbare erdulden wir, und die unsichtbare,
ewige Freude erwarten wir mit Geduld, in einem fes-
ten Vertrauen und in einer lebendigen Hoffnung, wel-
che uns nicht zu Schanden werden lassen wird.
Dann werden sie gekrönt werden, die bis an den
Tod der Wahrheit getreu geblieben sind, die den Na-
men Christi vor der Welt bekannt und den sterblichen
Rock abgelegt haben; diese werden von dem Jüng-
linge Christo Jesu geehrt werden, wie Esra bezeugt.
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
So bin ich nun getrost in dem Herrn; seid auch ihr
guten Muts, denn als das Leiden vorüber war, war es
mir eben, als ob ich gefallen wäre, sodass ich sagen
kann: Was ist das Leiden, wenn es vorüber ist? Es ist
doch nicht mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar
werden soll, zu vergleichen. Ach, wie fröhlich werden
wir sein, wenn wir sehen werden, daß die Kinder Got-
tes solche herrlichen Könige sind, die wie die Sonne
glänzen. Dann werden die Regenten der Welt sehen,
in wen sie gestochen, wen sie verspottet, verachtet
und gepeinigt haben; dann werden sie es beklagen,
aber es wird zu spät sein. Darum bitte ich euch, seid
doch zufrieden und dankt dem Herrn, daß ihr einen
solchen Sohn auferzogen habt, der zu einem solchen
heiligen Stande berufen ist.
Es ist kein Wunder, daß solches an mir geschieht;
seht Johannes an, den an Heiligkeit kein von Wei-
bern Geborener übertroffen hat; derselbe führte ein
so strenges Leben, und doch wurde er gefangen und
getötet; ja, Christus selbst, Stephanus, Petrus, Jako-
bus taten so viele Wunderwerke und so viele guten
Werke, und dennoch wurden sie getötet. Darum sagt
Christus: Der Knecht ist nicht besser, als sein Herr. So
müssen wir denn streiten und das Reich Gottes mit
Gewalt einnehmen, denn die ihm Gewalt antun, rei-
ßen es an sich; überdies sind wir nicht allein berufen,
an Christum zu glauben, sondern auch mit ihm zu lei-
den; darum helfen wir Christo die Schmach und das
Leiden tragen, und obgleich unsere irdische Wohnung
vergeht, so erwarten wir doch ohne Zweifel eine bes-
sere im Himmel. Wir sind wie die Schlachtschafe, die
der Welt nicht wert sind; wir sind ihr Unflat, ihr Aus-
fegsel, ihre Narren um Christi willen; aber wir sind die
Auserwählten Gottes aus Gnaden durch das Blut Jesu
Christi, welches uns allein von allen unsern Sünden
reinigt, allein durch sein Leiden und Verdienst zu sei-
nem ewigen Reiche tüchtig macht; ihm sei Lob, Preis,
Ehre und Macht, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Von mir, eurem geliebten Sohne, als ich bis aufs Blut
wider meine Feinde gestritten hatte, den 1. März 1572.
Mein Leiden klingt schrecklich; aber es kam mir vor,
daß es in allem keine zwei Stunden gedauert habe; ich
weiß nicht, ob ich zwei Stunden in der Pein gewesen
sei; sollte man darum den Herrn verleugnen? Das sei
fern!
Endlich bitte ich eure Liebe, daß ihr über mich nicht
trauern, sondern euch von Herzen freuen und Gott
loben wollt, daß er euren erstgeborenen Sohn von sei-
ner Mutter Leibe abgesondert hat, um seinem großen,
herrlichen Namen vor die Regenten dieser Welt zu
tragen, und daß der treue Gott mir so treulich gehol-
fen hat, denn ich bin dreimal gegeißelt und viermal
aufgehängt worden; aber Christus hat noch viel mehr
gelitten. Nach dem Leiden habe ich große Freude des
Heiligen Geistes erlangt, sodass ich vor Freude wein-
te, weil er unsern Mut bewahrt und uns nicht über
unser Vermögen hat versucht werden lassen. Dieses
habe ich nötig erachtet von diesen Wundertaten Got-
tes zu schreiben und zu verbreiten, damit ihr auch in
der Wahrheit freimütig werden mögt, und hinterlasse
euch dieses als ein Testament zu meinem Andenken,
damit derselbe Geist Gottes, der mich stark und frei-
mütig macht, euch auch ebenso stark machen und
nach seinem Willen führen möge, der euch erschaf-
fen hat, damit ihr einander lieben mögt; denn wenn
ihr einander geliebt und friedsam miteinander ge-
lebt habt, als ihr in der Blindheit wart, um wie viel
mehr gebührt euch nun jetzt einander zu lieben und
friedsam zu leben, nachdem eure Augen durch Got-
tes Gnade erleuchtet sind? Bittet den Herrn allezeit,
daß er euch noch mehr Gnade verleihen wolle, was
er auch tun wird, wenn ihr anders in dem Wenigen,
das ihr bereits empfangen habt, treu erfunden werdet;
alsdann wird er euch noch mehr anvertrauen; ja, er
will allen denen den Heiligen Geist geben, die ihn
darum bitten; aber man muss zuvor von dem Argen
abweichen, sich selbst verleugnen und mit Paulus sa-
gen: Herr, was willst Du, daß ich tun soll? Wenn das
Herz so ganz übergeben wird, so wird der Herr ferner
wohl in euch wirken und vollbringen, weil ein guter
Wille bei euch ist. Darum beugt euch stets unter die
starke Hand Gottes, dann wird er euch auch zu sei-
ner Zeit erhöhen, wie er an vielen Orten verheißen
hat, damit wir alle von Christo, unserem ewigen Se-
ligmacher, erhoben werden mögen, wohin ich mm
vorausgehen will und lieber den sterblichen Mantel
des Fleisches drangeben, als der Hure zu Babel zufal-
len will; ich will lieber von Kain getötet sein, als daß
ich um seinetwillen das unterlassen wollte, was Gott
gefällt; ich will lieber mit Naboth gesteinigt werden,
als meines himmlischen Vaters Erbteil verkaufen, wie
Esau seine Erstgeburt verkaufte; lieber will ich mit
Susanna gesteinigt werden, als den falschen Regen-
ten ihren Willen erfüllen; lieber will ich mit Daniel
in der Löwengrube sein, als daß ich vor Holz, Stein,
Gold, Silber, Brot, Wein oder Öl niederknien sollte; lie-
ber will ich mit den Jünglingen in dem feurigen Ofen
sein, als das aufgerichtete Bild anbeten, denn es steht
geschrieben, daß man den Herrn unsern Gott, allein
anbeten soll. Er wolle euch, mein sehr geliebter Vater,
und meine sehr geliebte Mutter, reinigen und zu sei-
nem ewigen Reiche, durch Christum, seinen geliebten
Sohn, und durch die Mitwirkung des Heiligen Geistes
tüchtig machen, damit wir einander alle demnächst in
der zukünftigen Welt mit ewiger Freude sehen mögen.
O himmlischer Vater, ich, der ich Erde und Asche bin.
627
bitte dich hier in meinen Banden durch Jesum Chris-
tum, gib doch hierzu deine unergründliche Gnade,
Amen.
Gute Nacht auf dieser vergänglichen Welt. Ach,
wenn ihr wüsstet, welche Freude ich habe, ihr würdet,
wie ich hoffe, noch zufriedener sein. Geendigt, den
zweiten Tag im März; meine Hand ist wieder etwas
besser; ich trage die Malzeichen unseres Herrn an mei-
nem Leibe; ich habe Glauben gehalten; bis aufs Blut
habe ich gestritten; dafür müsse der heilige Name des
Herrn verherrlicht werden, in Ewigkeit, Amen.
Jan Wouterß von Kuyk, welcher auf der Vuylpforte
zu Dortrecht gefangen sitzt.
Des Jan Wouterß achter Brief an seine Schwägerin,
die noch unter den Papisten und bei dem
römischen Glauben war.
Ein freundliches Schreiben an dich, meine sehr ge-
liebte Schwester Neelken, Jakobs Tochter, Mutter im
Kloster, von mir Jan Wouterß von Kuyk, deinem ge-
liebten Schwager, der ich zu Dortrecht gefangen he-
ge, nicht um irgend einer Übeltat, sondern um des
Gehorsams des Evangeliums Christi willen, was vor
meinem obersten Herrn, der uns erschaffen hat, kei-
ne Schande, sondern Ihm eine große Ehre ist, daß
man um seines Namens, ja, um Wohltuns willen Ver-
achtung und blutige Schläge leidet; solche nennt die
heilige Schrift selig, welche Seligkeit Christus Jesus
durch sein großes Leiden verdient hat.
So bin ich auch in Leiden gekommen, als ich meine
Seligkeit in Christo gesucht habe; aber es reut mich
nicht, denn die Seligkeit ist mir lieber, als das vergäng-
liche Leben; ich will auch dafür mein Leben lassen,
weil ich weiß und glaube, daß ich ein ewiges, das bes-
ser ist, empfangen werde, nach Gottes Verheißungen,
welche mich nicht betrügen werden.
Darum bitte ich sehr liebreich, gräme dich nicht
um meinetwillen; ich sage dir freundlichen Dank für
alle große Freundschaft, die du an mir, wie auch an
meinem geliebtesten Weib und einzigem Töchterlein
bewiesen hast und noch damit fortgefahren bist, als
ich in Banden war.
Für die Folge weiß ich dir, meiner geliebten Schwes-
ter, keine größere Freundschaft zu erweisen, als daß
ich dich noch an meinem letzten Ende zur Hochzeit
des Lammes, das ist Christi, einladen will, ja, daß ich
dich herzlich bitte, daß du dich in dieser kurzen Zeit
dazu bereiten wollest. Darum ziehe den alten Men-
schen mit seinen bösen Werken aus und ziehe den
neuen an, der zur Erkenntnis Gottes erneuert wird,
als dessen, der ihn erschaffen hat. Ziehe den alten
Adam aus und ziehe den neuen an, und wandle darin.
dann wirst du dich fernerhin der Welt nicht gleich-
stellen, sondern durch die Erneuerung deines Sinnes
verwandelt werden.
Sieh, geliebte Schwester, ich bezeuge dir mit der hei-
ligen Schrift, daß du nicht zu dem Bräutigam Christa
kommen kannst, es sei denn, daß du ihm in seinen
Fußstapfen auf dem engen Wege, den er gewandelt
ist, von Herzen nachfolgst; ich bitte dich du wollest
es zu Herzen nehmen, denn es ist von der größten
Wichtigkeit für dich; ich sage und bezeuge dir das,
daß weder du, noch sonst jemand (ich meine nicht die
Kinder) Christo nachfolgen kann, es sei denn, daß du
dich zuvor selbst verleugnest und ihm deinen eige-
nen Verstand, deine Vernunft, dein Gutdünken und
dein eigenes Leben übergibst, gleich wie er sein Le-
ben um unsertwillen dahingegeben hat, damit alle,
die an ihn glauben und sich selbst nicht leben, nicht
verloren sein mögen, sondern durch ihn das ewige
Leben haben. Lasse es dir doch gesagt sein, und sei dir
selbst gnädig; verlasse dich ja nicht auf die Gelehrten,
oder darauf, daß du den Namen trägst, daß du ein
Christ seiest. Den Gelehrten ist Gottes Weisheit ver-
borgen; der Name macht keinen Christen; willst du
aber ja auf deine Gelehrten dich gründen, so sieh an
ihren Früchten, welche Bäume sie seien, denn Chris-
tus hat gelehrt, daß man einen jeden Baum an sei-
nen Früchten erkennen soll. Sieh, wie sie Christus im
Evangelium verdammt haben, und wie sie über Chris-
tum und seine Apostel erbittert gewesen seien, und
auch die Hände an sie gelegt haben; und wiewohl die
heidnischen Richter keine Todesursache fanden, so
mussten sie doch den Unschuldigen töten, wollten sie
anders der Schriftgelehrten und des Kaisers Freunde
bleiben; ebenso verhält es sich noch jetzt; denke nicht,
daß es jetzt besser sei; sie erfüllen ihres Vaters Maß,
damit das gerechte Blut bei ihnen gefunden werden
möge; ich habe für meine eigene Notdurft, wie auch
für meine Witwe und mein Waislein gearbeitet, sie
aber wollen selbst nicht arbeiten, und leben lieber von
anderer Leute Gut, können es auch nicht leiden, daß
ein anderer arbeitet, sodass der Schultheiß mir um
ihretwillen verbietet zu arbeiten. Als ich zum zweiten
Male gefoltert werden sollte, um meinen Nächsten zu
nennen, was ich um meines Gewissens willen doch
nicht tun konnte, brachten sie den Vorsteher des Klos-
ters zu mir, der mir mit der Schrift beweisen sollte,
daß ich es wohl tun könnte. Der Vorsteher sagte, ich
könnte solches wohl tun, denn, sagte er, wenn ihr das
rechte Volk seid, so werden deine Mitbrüder mit dir
die Marterkrone empfangen, wie kann man wohl ei-
ne größere Ehre erlangen? Darum darfst du sie wohl
nennen; seid ihr aber das rechte Volk nicht, so solltest
du sie nennen, denn Gott hasst den Bösen.
628
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Das sagte der Vorsteher zu mir. Ach, Geliebte! Über-
lege es in deinem Herzen, welcher Geist diese Gelehr-
ten treibt, wie sie es auszulegen wissen, aber es ist
aufs Morden abgesehen.
Ach, lieber Herr, vergib es ihnen; du gibst uns eine
bessere Lehre, nämlich, daß man seinen Nächsten wie
sich selbst lieben, ja das Leben für die Brüder lassen
soll. Darum trenne dich von ihnen; du bist lange mit
ihnen einig gewesen, damit du nicht ihrer Sünden
und grausamen Plagen teilhaftig werdest.
Es wird dir jetzt von deinem sehr bekannten Schwa-
ger aus großer Liebe vorher verkündigt, ehe dich der
Tag überfällt, wie ein Dieb in der Nacht; wie die War-
nung an die erste Welt geschehen ist, so geschieht sie
noch jetzt. Darum, wenn du mit Noah und seinen
Hausgenossen bewahrt und beschützt werden willst,
so begib dich unter den Schutz des rechten Noah, und
halte seine Gebote, wodurch du das ewige Leben er-
langst. Er ruft dir und allen Menschen: Er klopft an
und streckt seine Hand zu euch aus; entziehe ihm die-
selbe nicht länger, und verlasse dich nicht darauf, daß
du ein Christ genannt wirst und daß Gott barmherzig
ist. Bedenke dabei, daß weder der Name, noch das
Wasser, oder auch die Gevatterleute einen Christen
machen, sondern daß nur der, welcher Gerechtigkeit
wirkt, gerecht sei, und daß, wer von Christi Geist ge-
trieben wird, ihm angehöre; bedenke auch, daß Gott
gerecht ist, wie David bezeugt und sagt: Gott ist ein
gerechter Gott, oder ein gerechter Richter; ein Gott,
der täglich droht; will man sich nicht bekehren, so
hat er sein Schwert gewetzt und seinen Bogen ge-
spannt, und zielt, und hat tödliche Geschosse darauf
gelegt; seine Pfeile hat er zugerichtet zu verderben.
Merke wohl auf jedes dieser Worte, denn er ist ein
starker Schütze, wenn er losdrückt, so kann es nie-
mand abwenden. Darum betrachte seine Pfeile, die
er auf die erste Welt geschossen hat, auf Sodom und
Gomorrha, und mehrere andere. Diese Geschichte ist
uns schriftlich hinterlassen worden, damit wir das
Wort des Herrn mehr fürchten, als jene Gelehrten, und
wenn wir aus Liebe in der Furcht seine Gebote halten,
so kommt das Wort uns zu, daß Gott barmherzig ist,
denn das ist seine göttliche Art, daß sein Zorn und
seine Barmherzigkeit zugleich von ihm herkommen,
und das zwar auf solche Weise, daß, wenn der Gerech-
te den Weg des Herrn verlässt, seiner Gerechtigkeit
nicht gedacht werden soll, sondern er wird wegen
einer Gotteslästerung sterben müssen. Wenn sich aber
der Sünder von seinen bösen Wegen bekehrt, sodass
er Gutes tut und recht wandelt auf des Herrn Wege, so
soll seiner Sünden nicht mehr gedacht werden, denn
der Herr hat keinen Gefallen an dem Tode des Sün-
ders, sondern nur daran hat er Freude, daß er sich
bekehre und lebe. Deshalb bitte ich dich, daß du dich
von allem Wesen dieser Welt, von den Sorgen und den
alten Dingen trennen wollest, wovon dein Herz noch
voll sein mag, damit das Wort Gottes mit Sanftmut
in dich gepflanzt und du als eine gute Erde erfunden
werdest, die Früchte hervorbringt, welche im ewigen
Leben bleiben. Das Urteil Gottes wird nun bekannt ge-
macht, daß jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt,
abgehauen und ins Feuer geworfen werden soll. So
lasse denn den Hammer des Wortes Gottes dein Herz
in Stücke schlagen, und sei des Wortes eingedenk,
das der Prophet sagt: Zerreißt eure Herzen und nicht
eure Kleider, denn Gott ist langmütig, barmherzig
und von großer Güte, der die Sünde vergibt. Dar-
um, liebe Schwester, bedenke, daß dich die Langmut
und die tägliche Güte zur Seligkeit locke, und weige-
re dich dessen nicht länger, denn damit würdest du
dir selbst schaden. Darum bessere dein Leben und
deinen Wandel, und glaube an das Evangelium; sei
demselben gehorsam, dann wirst du durch Christum
die Seligkeit erlangen, denn die Verheißungen halten
das ewige Leben in sich; begehrst du aber bei den
Menschensatzungen zu bleiben, und lassest dich von
denselben leiten, wie der Ochs zum Beile, so wirst du
dich am Ende betrogen finden, denn du hältst um-
sonst die Gebote der Menschen, die von dem Herrn
keine Verheißung haben, was ich auch zu dem Vorste-
her sagte; er antwortete: Was Gott nicht verboten hat,
das lässt er zu. Ach, ist das nicht ein schwaches Rohr,
worauf man sich verlässt? Denn Christus lehrt anders
und sagt: Alles, was mein himmlischer Vater nicht
gepflanzt hat, soll ausgerottet werden; auch sagt der
Apostel, daß kein anderer Grund außer Christo ge-
legt werden möge; ferner hat der Apostel ben ganzen
Rat Gottes verkündigt, und uns nichts Vorbehalten;
auch sagt er: Wer ein anderes Evangelium predigt,
als ich gepredigt habe, der sei verflucht, und wenn
es auch ein Engel aus dem Himmel wäre (merke), so
soll man doch seine Lehre nicht annehmen, wenn sie
nämlich etwas anderes in sich hält; wie sollte man
nun das annehmen und Gott damit ehren wollen, was
doch von Menschen herkommt, die ja von der Wiege
an zur Bosheit geneigt sind, und die Bosheit in sich
trinken wie Wasser? Darum ist, was Menschen anrich-
ten, gleich der Spinnen Arbeit; es taugt nichts, weder
zur Decke noch zur Kleidung; aber alle, die um ihrer
Seligkeit willen das Wort Gottes hören und es bewah-
ren, dürfen nichts hinzufügen. Endlich verkündige
ich dir noch einmal im Namen meines Herrn: Bessere
dein Leben und Wesen, glaube an das Evangelium,
und fliehe den Götzendienst. Willst du aber ja den-
ken, daß du sie nicht anbetest, so ist es ja offenbar,
daß du ihnen dienest, vor ihnen kniest und sie ehrst.
629
was doch Gott verboten hat, und haben will, daß man
seine Rechte und Sitten unterhalten soll; er sagt auch
durch den Propheten Jeremia: Wenn ihr meiner Stim-
me gehorcht, so sollt ihr mein Volk sein, und ich will
euer Gott sein; ein anderer Prophet sagt: Ein Sohn soll
seinen Vater ehren, und ein Knecht seinen Herrn; bin
ich nun Vater, wo ist meine Ehre, die man mir antut?
Bin ich Herr, wo fürchtet man mich? Ist nun Gott un-
ser Vater, so müssen wir ihm mehr gehorchen als den
Menschen; ist er unser Herr, so müssen wir ihn da-
durch ehren, daß wir tun, was er uns gebietet. Werden
wir dann geschmäht, so denken wir: Der Knecht ist
nicht besser als sein Herr; haben sie den Hausvater
Beelzebub genannt, wie sollten sie nicht die Hausge-
nossen so nennen? In Summa, wer Christo zu seiner
Hochzeit folgen will, der muss sich selbst verleugnen,
das Kreuz auf sich nehmen, sein Herz zubereiten, um
mit Christo zu leiden, damit er sich nachher mit ihm
freuen möge, denn dieses Leiden ist kurz; darum ist
es leicht; darum bleibe ja nicht zurück. Der Herr wird
wohl mir und allen Gottesfürchtigen durchhelfen, und
wird auch dich nicht über Vermögen versucht werden
lassen, sondern dir den Sieg erhalten helfen, sollten
auch deiner Feinde noch so viele sein; Gott ist unser
Schild, wer kann ihn überwinden? Liebe und werte
Schwester, es ist kein Wunder, daß ich leide; es ist ein
Zeichen, daß mich der Herr liebt; es wird mir die Se-
ligkeit gewinnen helfen. Er prüft mich, wie das Gold
im Feuer geprüft wird; ebenso hat er vor meiner Zeit
viele auserwählte Heiligen Gottes geprüft, wie Abra-
ham, Jakob, Mose, Kaleb, Josua, Daniel, Johannes den
Täufer, welcher der Heiligste von allen war, die jemals
von Weibern geboren; ja, Christus selbst, seine Apo-
stel, und mehrere andere sind geprüft worden, wie
Hiob; wenn man aber in der Anfechtung sich an den
Herrn hält, so ist uns die Krone des ewigen Lebens
bereitet.
Hiermit will ich dieses Schreiben endigen und dich
freundlich bitten, du wollest meine geringe Arbeit
nicht verwerfen, welche ich aus großer Freundschaft
zu dir gemacht habe. Forsche in der Schrift darüber
nach, ob dem nicht so sei. Kannst du es aber nicht alles
verstehen oder begreifen, so bitte ich dich freundlich,
du wollest doch deine geliebte Schwester lieben, denn
sie ist mir ein sehr liebreiches, getreues Weib gewesen,
sodass ich ihr für ihre Freundschaft und gute Gesell-
schaft nicht genug danken kann. Liebe auch unser
einziges Töchterlein, denn es dünkt mich, sie habe
das Leben ihrer geliebten Mutter verlängert; der Herr
sei gelobt. Aber du wollest doch unser Kind nicht zu
den stummen Götzen führen, dadurch würdest du
dich an Gott noch mehr versündigen. Halte mir mein
Schreiben zu gut, denn es ist aus getreuem Herzen
geschrieben. Ach, Herr gib unserer geliebten Schwes-
ter deine heilige Erkenntnis, wie du sie dem Saulus
gegeben hast, der auch mit Unverstand eiferte.
Hiermit sage ich dir, meine geliebte Schwester, gute
Nacht, gehabe dich wohl!
Geschrieben in meinen Bünden, den 5. März im Jah-
re 1572, von mir, Jan Wouterß Kuyk, deinem geliebten
Schwager (auf der Vuylpforte zu Dortrecht).
Des Jan Wouterß neunter Brief, an seine drei
jüngsten Schwestern.
Ein freundliches Schreiben an euch, meine drei gelieb-
ten Schwestern, von mir, eurem geliebten, gefangenen
Bruder, der um des Wohltuns und des Gehorsams des
Evangeliums willen gefangen ist, was mir vor dem
Allmächtigen, der uns erschaffen hat, keine Schan-
de, sondern ihm eine große Ehre ist, denn seine Kraft
wird durch uns schwache Menschen offenbart, die
wir um seines Namens willen leiden, und Schläge
und Verachtung ertragen, und uns dennoch an die
Wahrheit halten. Darum achten wir diese bösen Men-
schen nicht, die doch Erde und Asche sind und wie
Rauch verschwinden werden, diejenigen aber, die den
Willen Gottes tun, werden in Ewigkeit bleiben, und
obgleich unsere irdische Wohnung vergeht, die doch
einmal vergehen muss, so erwarten wir doch in Ge-
duld eine bessere im Himmel, die unvergänglich ist;
und weil diese Versicherung in unserm Herzen liegt,
so lassen wir auch nicht nach, und wollten gern dieses
unreinen Fleisches, das von der Kindheit an zu den
Sünden geneigt ist, entübrigt, und zu Hause sein, in
der Ruhe bei Christo, unserm Herrn; wir müssen aber,
ehe wir zu dieser Ruhe kommen, arbeiten und wi-
der unsere Feinde kämpfen, deren sehr viele gewesen
sind und noch sind. Verstehe dieses recht; hier kom-
men wir durch, und das durch den, der uns mächtig
macht, das ist, durch Christum, unsern Herrn, der für
uns streitet, sodass wir Glauben halten, und unsere
Lust an unsern Feinden sehen, uns auch in unserm
Leiden um des Sieges willen, den wir durch Christum
erlangen, erfreuen können. Also kommen wir durch
Streiten zur Ruhe. Ja, unser lieber Herr hat mich so
gestärkt, daß ich durch alles Foltern nicht beunruhigt
wurden bin. Es kam mir vor, als hätte ich den Schult-
heißen in meine Arme nehmen können, so freundlich
war mein Herz gegen ihn gesinnt, als ich nach der Pei-
nigung noch nicht angekleidet war. Seht, meine lieben
und werten Schwestern, das habe ich euch zuvor er-
mittelt, daß der Herr ein treuer Nothelfer sei. Darum
bitte ich euch alle, fürchtet die Menschen nicht, son-
dern diesen allmächtigen Herrn, denn sie mögen und
können dem Volke Gottes nicht ein Haar krümmen.
630
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
es sei denn, daß sie zuvor die Macht von oben von
unserm Herrn erlangen, welcher ihnen nicht mehr zu-
lassen wird, als wir ertragen können, und stets neben
der Versuchung ein Auskommen geben wird, daß es
zu ertragen ist. Der Gerechten Seelen sind allezeit in
Gottes Händen, und keine Todespein wird sie anrüh-
ren.
In der Pein kann er Erleichterung geben, wie an mir
geschehen ist; er müsse für seine große Treue ewig
gelobt sein, Amen.
Merkt dabei auf die Wunderwerke Gottes, daß er
denen so treulich hilft, die an ihn glauben, und ein
festes Vertrauen zu ihm haben, obgleich sie denselben
nicht sehen.
Darum weiß ich euch allen für diesmal keine grö-
ßere Freundschaft zu erweisen, als euch sämtlich die
Wunderwerke Gottes zu offenbaren, damit ihr euch
mit mir darüber erfreuen mögt, und damit ihr auch zu
eurer Seligkeit erweckt werden mögt, um dieselbe al-
lein in Christo Jesu durch sein heiliges Wort zu suchen,
welches uns zunächst die Buße und den Glauben an
das Evangelium lehrt, in welchem Christus gesagt
hat: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke
umsonst, und wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt,
von dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Was-
sers fließen. Dieses sagte er von dem Heiligen Geiste,
den diejenigen empfangen sollten, die an Christum
glaubten. Darum bitte ich euch sehr freundlich, daß
ihr euch zu dem klaren Weine Christo Jesu wendet,
welchen ihr umsonst empfangen werdet. Darum be-
fleißigt euch allezeit eines bußfertigen Lebens, und
bittet mit brünstigem Herzen um den seligmachen-
den Glauben; hungert und verlangt darnach, um ihn
von Christo zu empfangen, wie ihr nach Brot verlan-
gen würdet, wenn ihr hungrig wärt; dadurch wer-
det ihr denselben empfangen, und die Früchte des
Heiligen Geistes hervorbringen, nämlich: Liebe, Frie-
den, Freundlichkeit, Geduld, Langmut, Güte, Glau-
ben, Sanftmut, Mäßigkeit, und so werdet ihr euch fer-
ner in allen Tugenden erweisen, in Gehorsam und in
einem sanften und stillen Geiste, als liebe Kinder Got-
tes, und euch allezeit dazu bereiten und schmücken,
wiewohl nicht mit Gold, Silber oder köstlichen Klei-
dern; denn damit stellt man sich dieser Welt gleich,
um ihr zu gefallen. Aber ich rate euch als das Beste,
daß ihr solches nicht tut, damit ihr nicht mit der Welt
von dem zukünftigen Richter Jesu Christo gestraft
werdet, den sie verachtet und ausgestoßen hat, samt
den Propheten, Aposteln und vielen Heiligen, ja, so
wie auch euren Bruder. So suchet denn der bösen Welt
nicht zu gefallen, sondern dem, der euch erschaffen
hat, damit ihr durch Christum Jesum selig werden
mögt.
Darum übt euch selbst, und lest das Wort des Herrn;
das wird euch in allen Dingen nützlich sein, damit ihr
vorsichtig wandeln, dem lebendigen Gotte gefallen
und selig werden mögt. So wird euch der Geist Chris-
ti in alle Wahrheit leiten, und ihr werdet von Gott
selbst gelehrt werden; derselbe wird mit dem Finger
seines Heiligen Geistes inwendig auf die Tafeln eures
Herzens schreiben.
Darum gebet ihm allezeit Gehör, dann werdet ihr
seine Freunde, er aber wird euer Bruder sein, und
wenn ihr ihm bis ans Ende nachfolgt, so werdet ihr
ererben, was Christus besitzt; dahin will ich voraus,
und euch alle in kurzem erwarten, in der Hoffnung,
daß ihr mir um eures Heils willen nachfolgen werdet.
Wie würde man denn eine größere Freude haben kön-
nen, als wenn wir alle (wie ich hoffe), unser geliebter
Vater und unsere geliebte Mutter, meine liebstes und
wertes Weib, und mein liebes einziges Kind, mein ein-
ziger Bruder, meine liebwerten Schwestern und mehr
bekannte Freunde, in dem Reiche Gottes zusammen
kommen werden? Darum seht zu, daß ihr nicht zu
kurz kommt, und daß nicht jemand von uns erfun-
den werde, der draußen bleibt. Habt einander lieb;
gebt einander ein gutes Exempel; ein jeder trachte in
guten Werken und Glaubensfrüchten der Vornehms-
te zu sein. Lest fleißig, und warnt einander vor der
Sünde, denn die alte, krumme Schlange ist sehr listig
um abzuziehen, und stellt die weltlichen Lüste vor
Augen, um euch damit zu locken und von Gott ab-
zuhalten; sie weiß auf mancherlei Weise ihre listigen
Netze und Fallstricke zu stellen, aber haltet immer
fest an in der Gottesfurcht; gebt ihr kein Gehör, dann
wird sie von euch fliehen, und bedenkt, wie sie Eva
und Adam und die erste Welt, bis auf acht Menschen,
betrogen habe. Derselbe Geist ist noch jetzt; darum
hallet fleißig Wache, betet und fastet oft, und lebt alle-
zeit in der Mäßigkeit, damit euch euer Fleisch nicht
überwinde, denn das ist ja der ärgste Feind, welchen
wir immer, wo wir sind, bei uns haben; er rät uns stets
zum Bösen und streitet immer wider den Geiste, denn
das ist dem Fleische eine große Pein, daß es von dem
Geiste unterdrückt wird, und seine Lust nicht büßen
kann. Aber, geliebteste Schwestern, wenn es auch ge-
schähe, daß euch der Satan zu Boden ziehen würde
(weil er nimmer ruht, sondern allezeit sucht, wen er
verschlingen möge), so steht allezeit wieder auf, und
übergebt euch nicht zu Knechten oder Dienstmägden
der Sünden, sondern nehmt euch besser in Acht; es
dient euch zur Warnung. Darum demütigt euch un-
ter die gewaltige Hand Gottes, und sucht fernerhin
eure Seelen zu reinigen, im Gehorsam der Wahrheit
durch den Geist, und eilt fort in dem Streite, der euch
und allen Gottesfürchtigen vorgelegt ist, damit ihr
631
nicht als solche erfunden werdet, die auf dem Wege
des Herrn müde und unlustig geworden sind, wie
ich denn deren viele gekannt habe. Es werden ja alle
Gottesfürchtigen durch den Streit geprüft, denn wie
sollten sie überwinden, wenn kein Streit wäre, indem
den Überwindern das Reich und die ewige Krone zum
Solde verheißen ist? So lehrt euch auch die Heilige
Schrift, daß ihr Vater und Mutter ehren sollt; darum
vergesst das nicht; helft ihnen in allem, worin sie eurer
bedürfen; bietet ihnen stets euren geneigten Dienst
an, denn das wird dem Herrn gefällig sein, und unser
lieber, werter und ehrwürdiger Vater, wie auch unsere
liebe, ehrwürdige Mutter, können sich erfreuen, weil
ihre Kinder Lust bekommen haben, die Gebote Gottes
zu halten, wodurch man dem zukünftigen Zorne Got-
tes entfliehen kann. Und wenn dann ihre Tage erfüllt
sind, so können sie im Frieden und guter Ruhe dahin
fahren, und ihre Seelen dem treuen Schöpfer mit gu-
ten Werken befehlen, und das darum, weil der gute
Herr ihre geliebten Kinder auch zum Glauben berufen
hat, und weil sie es erlebt haben, daß sie (die Kinder)
Lust bekommen haben, die Wahrheit aufzunehmen,
die man lange Zeit mit Füßen getreten hat, wie denn
auch jetzt die ganze Welt in der Unwissenheit noch
tut, und weil sie ferner gläubige Kinder hinterlassen;
denn ein Kind, das Gott fürchtet, ist besser als tau-
send gottlose Kinder; die Kinder aber, die Gott nicht
fürchten, sind den gläubigen Eltern zum Verdruss vor
dem Herrn, welcher nicht zu heilen ist.
Darum, meine geliebtesten drei Schwestern, will
ich euch und meinem einzigen Bruder das befehlen
und Zutrauen, daß ihr Gott euer Leben lang fürchten
und lieben sollt, was, in Vergleichung zu den Tagen
der Ewigkeit, nur eine kurze Zeit währen wird. Gott
fürchten lehrt, sich vor dem Bösen hüten, und Gott
lieben heißt, seine Gebote halten, wie Christus sagt:
Wenn ihr mich liebt, so haltet meine Gebote; auch sagt
die Schrift: Die Furcht des Herrn treibt die Sünden
aus; sie ist auch der Weisheit Anfang. Darum bitte
ich euch alle, liebt die Weisheit Gottes mehr als Gold,
dann wird sie euch entgegengehen; und wenn ihr
viel Verstand und Weisheit empfangen habt, so erhebt
euch nicht, eben, als ob ihr etwas wärt, sondern dankt
dem Herrn dafür, daß er euch solches anvertraut, und
wuchert allezeit damit, indem er es auch zu diesem
Zwecke gegeben hat, denn er hat euch nur zu Schaff-
nern darüber gesetzt. Und wenn dann der Herr sieht,
daß ihr treu seid über sein Gut, und es nicht müßig
liegen lasst, oder verschwendet, sondern daß ihr ein
Licht in der Welt seid, wie liebliche Ölzweige Christi,
angenehme Reben, zierliche Steine an dem Tempel
des Herrn, so wird er euch noch viel mehr anvertrau-
en, damit ihr reichliche Früchte hervorbringen, und
zu Christo, unserm Bräutigam, als eine geschmückte
Braut Christi, als ein Volk Gottes, als Mitglieder, als
Schwestern und Brüder Christi, ja, als ein königliches
Priestertum kommen mögt. Wenn aber jene krumme
Schlange es sieht, so wird sie euch über die Maßen
beneiden, und ihr Werk durch die Kinder des Unglau-
bens gegen euch wirken, in welchen sie gegenwärtig
ihr Werk hat, auch allezeit gehabt hat.
Aber meine lieben Schwestern, habt allezeit guten
Mut, ergreift den Schild des Glaubens und beschirmt
euch damit, dann werdet ihr derselben widerstehen
und ihre feurigen Pfeile auslöschen; waffnet euch
auch mit den andern geistigen Waffen Gottes, wie
der Apostel, Eph 6, lehrt, so werdet ihr wohl standhaft
bleiben und selig werden. Der gute, ewige, allmäch-
tige Gott, der ewig lebt und sich mit seinen heiligen
Engeln über einen Sünder freut, der sich von ganzem
Herzen bessert, wolle euch, meine geliebten Schwes-
tern und Brüder, durch Jesum Christum, seinen eini-
gen Sohn, und durch die Mitwirkung seines Heiligen
Geistes zu seinem himmlischen Reiche tüchtig und
vollkommen machen, daß ihr allezeit an dem rechten
Wege des Herrn Freude haben mögt, wie David sagt,
denn derselbe ist wahrhaftig, gerecht und köstlicher,
als feines Gold, und süßer als Honigseim; wendet
allen Fleiß an, um solches zu eurer Seelen Heil zu
vollbringen, Amen.
Hiermit will ich euch, meinen drei sehr geliebten
Schwestern, auf dieser elenden, vergänglichen Welt
gute Nacht sagen; ich danke auch eurer Liebe für alle
eure Freundschaft.
Geschrieben in meinen Banden, und vollendet den
6. März, von eurem geliebten Bruder, Jan Wouterß
Kuyk, euch allen zum Andenken, im Jahre 1572.
Des Jan Wouterß zehnter Brief, an seinen ältesten
Schwager und an seine Schwester.
Die Gnade und der Friede Gottes, des himmlischen
Vaters, durch Jesum Christum, seinen eingebornen
Sohn, unsern Herrn und Heiland, samt der Mitwir-
kung seines Heiligen Geistes, vermehre sich allezeit
bei euch beiden, eurem Glauben zur Stärkung, und
euch zum Tröste auf eurer Wallfahrt, damit ihr auf
dem engen Lebenswege nicht müde werdet, sondern
beständig zu eurer Ruhe fortgehen mögt, damit ihr
sämtlich das Ende eures gewissen Glaubens davon-
tragt, nämlich eurer Seelen Seligkeit, Amen.
Nach diesem meinem herzgründlichen, brüderli-
chen Gruße und guten Wunsche lasse ich euch, mein
sehr herzlich geliebter ältester Schwager und meine
sehr herzlich geliebte Schwester, wissen, daß ich in
diesem Streite in dem wahren Glauben, welcher den
632
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Heiligen einmal gegeben worden ist, stets unverän-
derlich geblieben bin, um dessentwillen ich nun von
dem sterblichen Menschen in Geduld des Herzens
Pein leide und ertrage.
Ich kann dem Herrn für diese große Gnade nicht ge-
nug danken, daß er uns wie seinen Augapfel bewahrt
hat. Darum bitte ich euch alle, fürchtet euch nicht um
meiner vergänglichen Trübsal willen, sondern seid de-
sto freimütiger in dem lebendigen Glauben, der durch
die Liebe tätig ist, und wisst, daß eure Arbeit nicht
vergeblich sein wird, sondern daß sie euch nachfol-
gen, euch kleiden, und an dem Tage Christi zieren
wird. Darauf seht allezeit, und folgt allezeit seinen
Fußstapfen nach, in Demut und Sanftmut des Her-
zens; seid immer mehr und mehr willig, heiliger zu
leben, und bedenkt, daß es uns noch in vielem fehlt,
was ich auch an mir finde; aber meine Hoffnung und
Zuflucht ist Christus Jesus, der unsere Seligkeit, Ge-
rechtigkeit, Vollkommenheit, unser ewiger Priester
und Versöhnungsopfer ist und für uns bittet. Ferner
lasse ich meinen besonders lieben Bruder und mei-
ne sehr geliebte Schwester in dem Herrn wissen, daß
ich, euer geliebter Schwager und schwacher, unwür-
diger Bruder, nicht wohl habe unterlassen können,
eurer Liebe ein wenig zu schreiben, wiewohl ich an
Gaben mich schlecht und gering weiß, wie ihr denn
auch viel Schrift habt, und auch die Salbung, die euch
allezeit lehrt, wie es recht ist, sodass ich es unnötig
achte, euch viel zu schreiben; dessen ungeachtet aber
bin ich dazu gedrungen, damit ich euch meine un-
vergängliche Liebe noch in etwas zeigen möchte, ehe
ich die Hütte ablege; es dient euch zum Tröste und
zur Stärkung eures Glaubens; ich bin auch in meinem
Herzen versichert, daß es noch angenehm sein werde,
wiewohl es nur wenig ist. Darum, meine Geliebtesten,
lege ich euch nichts Neues vor, sondern bitte und er-
mahne euch alle, daß ihr doch ernstlich Sorge tragen
wollt, damit ihr die köstliche Perle behaltet, und den
köstlichen Schatz in euren irdischen Gefäßen bewahrt.
Denn ihr wisst, wie viel es euch gekostet hat, ehe ihr
ihn gefunden und erlangt habt, und lasst, zur Befesti-
gung, daß er noch in euch ist und bleibt, euer Licht vor
euren Feinden leuchten, welche dadurch erschreckt
und von dem Herrn ohne euer Zutun vor euren Au-
gen überwunden werden, wie wir ein Exempel an
Gideon und mehreren andern haben, wodurch voll-
kommen festgestellt wird, daß der Herr seines Volkes
Streit führt. Weil es nun aber ganz gewiss ist, daß der
allmächtige Herr mit uns ist, wer kann dann wider
uns sein? Der seinen eigenen Sohn nicht verschont hat,
wie sollte er uns mit ihm nicht alle Dinge schenken?
Darum ist er denen ein Schild, die ihn von ganzem
Herzen suchen und ihm vertrauen, und seinem Worte
mit Bestimmtheit glauben, daß er uns nicht verlassen
werde, sondern daß der allmächtige Herr bis an der
Welt Ende bei uns sein werde.
Aber wenn wir ihm nichts Zutrauen und ihn ver-
lassen und uns vor den vielen Feinden der Wahrheit
fürchten, und wie die zehn Kundschafter weichen, so
wird er uns auch verlassen. Wenn wir aber ein männ-
liches Gemüt haben mit Josua, Kaleb und David, und
im Herzen denken, daß Gott wahrhaftig sei, daß seine
Hand nicht verkürzt sei, daß er ein treuer Nothelfer
der Elenden sei, der uns von der Hand Pharao, von
dem scheinbaren, betrüglichen, einschleichenden Auf-
ruhre Korah, Nathan und Abiram, von dem fremden
Feuer und mehreren andern Feinden und Gefahren
erlöst hat, so wird er uns, nach seiner Verheißung,
um seines Namens und unseres Heils willen auch
forthelfen, nicht allein im Anfänge oder in der Mitte,
sondern bis ans Ende wird er unsern Feinden den
Kopf zertreten, sodass wir, durch des Herrn Hilfe, un-
sere Feinde wohl überwinden werden. Darum habt
guten Mut und seid getrost. Derjenige, der in euch
durch seine große Gnade ein gutes Werk angefangen
hat, ist auch mächtig (das ist gewiss), dasselbe in euch
und in allen zu vollenden, die an ihn glauben und
eines guten Willens sind. Bedenkt es doch, haben wir
denn nicht unsere Lust an unsern Feinden, wie sie
wühlen, arbeiten, streiten, verachten, schlagen, dro-
hen und belügen, und gleichwohl bleiben wir durch
des Herrn Gnade unverändert und ruhig. Ich halte
dafür, daß die Standhaftigkeit der Christen Lust sei,
denn derselben ist die Seligkeit zugesagt. So diene ich
Unwürdiger euch nun hiermit ein wenig, damit ich
Unwürdiger den Namen des Herrn und seine treue
tägliche Hilfe und Kraft ausbreite und groß mache.
Ich rate auch allen Christen, wenn sie in ihrem Lust-
garten spazieren, nämlich in der heiligen Schrift, daß
sie ja nicht die Psalmen Davids vergessen, die uns
durch den Geist Gottes hinter lassen sind; dieselben
dienen uns insbesondere zur Gerechtigkeit, zur Frei-
mütigkeit, zu einem festen Vertrauen, zur lebendigen
Hoffnung und zum Tröste auf unserer Wallfahrt. Sum-
ma, alle Schrift, von Gott eingegeben, ist zur Lehre,
zur Züchtigung, zur Unterweisung in der Gerechtig-
keit nützlich, damit ein Mensch Gottes vollkommen
geschickt und zu allen guten Werken bereit sei; und
ferner, was früher geschrieben ist, das ist zu unserer
Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und Trost
der Schrift Hoffnung haben möchten. Darum bleibt
dabei; in ihr werdet ihr von allem finden, was euch
zur Seligkeit nötig sein wird, wie ich denn das Ver-
trauen von Herzen zu euch habe, daß dasjenige bei
euch bleiben werde, was ihr von Anfang gehört und
angenommen habt, nichts Fremdes, sondern wie die
633
heilige Schrift bezeugt; denn ihr wisst, was es in euch
gewirkt hat; wie ihr durch diese eure himmlische Er-
wählung von eurem eitlen Wandel, worin noch die
ganze Welt ist, erlöst worden seid, und von den stum-
men Götzen zu dem lebendigen Gott, ja, von dem
Tode zum Leben übergegangen seid, sodass ihr er-
leuchtet seid, und eure Hoffnung lebendig gemacht
ist, und dieses alles durch Jesum Christum. Und weil
wir seine Zukunft lieb haben, so erwarten wir ihn
mit Geduld in guten Werken, welche in uns leben,
daß wir unsern Nächsten wie uns selbst lieben, sei-
nen Nutzen mehr suchen als den unsrigen, ja, in der
Not das Leben für die Brüder lassen. Dies ist uns ein
Siegel und Zeichen, daß wir ihn lieben, den wir nicht
sehen, und dennoch an ihn glauben, als ob wir ihn
sehen. Wenn wir aber die Brüder nicht lieben, die wir
sehen, wie sollten wir dann in der Kraft Gott lieben
können, den wir nicht sehen? Aber daran erkennt
man, daß man ein Jünger Christi sei, weil wir von
Herzen, ohne Lurcht, die Brüder und Schwestern lieb
haben; wer aber Christi Jünger ist, der wird bisweilen
geprüft, gleichwie das Gold im Leuer, wiewohl nicht
zum Verderben, sondern zur Reinigung und größeren
Vollkommenheit, denn er züchtigt einen jeden Sohn,
den er aufnimmt und liebt. Es befremdet uns auch
nicht, daß es in der neuesten Zeit an uns Unwürdigen
geschieht, sondern es ist von Abels Zeit an so gewesen;
die Linsternis hat das Licht allezeit gehasst, denn sie
wollen in ihrer Linsternis nicht gestraft sein, sondern
werfen sich dagegen auf, um sich zu beschützen, und
in ihrem Wege zu bleiben, und sagen: Richtet nicht, so
werdet ihr auch nicht gerichtet; aber was der Apostel
sagt: Und habe keine Gemeinschaft mit den Werken
der Linsternis, sondern straft sie vielmehr, das lässt
man unberücksichtigt.
In solcher Weise wissen die Trunkenbolde, Götzen-
diener und dergleichen sich mit der Schrift zu behel-
fen; aber, ach leider, sie tun sich selbst mit solchen
Leigenblättem den größten Schaden, und lassen sich
von den Gelehrten leiten wie der Ochse zum Beile.
Ach, lieber Herr, ich bitte dich herzlich, du wollest
doch unsern Leinden die Augen erleuchten, wie du
Paulus erleuchtet hast, der auch die Gemeinde Gottes
verfolgte. Haltet mir dieses wenige Schreiben zu gut,
denn ich habe das Vertrauen, daß ihr selbst wohl ge-
lehrt und gestärkt seid; seid männlich darin; wacht,
steht in dem Glauben; seid stark in dem Glauben, und
lasst alle eure Dinge in der Liebe geschehen, wie ich
euch beiden solches von Herzen zutraue. Hiermit will
ich dich, mein sehr geliebter Schwager und Bruder in
dem Herrn, und meine sehr geliebte Schwester in dem
Herrn (und um des Ehestandes willen) dem Herrn der
Herren und dem reichen Worte seiner Gnade anbe-
fehlen, welches mächtig ist, euch vor allem Argen zu
bewahren und euch lustig, eifrig im Guten und zu
seinem ewigen Reiche tüchtig machen kann, um euch
das unverderbliche Erbe zu geben, unter denen, die
geheiligt sind; ebenso danke ich auch euch beiden,
so viel ich euch danken kann, für eure große Preund-
schaft und für euer zugeneigtes Gemüt gegen mich
Unwürdigen.
Hiermit sage ich euch allen gute Nacht; zu Hause
bei Christo Jesu will ich eurer warten, sowie auch
meines sehr lieben Weibes und aller hinterlassenen
Gottesfürchtigen, Amen.
Geschrieben kurz vor Ostern, wo ich jede Stunde ge-
wärtig war, daß mir Botschaft gesandt werden sollte,
meine Opfer zu tun, zu Gottes Preise und zu meiner
Seligkeit, Amen.
Hiermit sage ich meinen Vettern und Basen gute
Nacht auf dieser Erde. Ach, daß sie auch Christo Jesu
nachfolgten, wenn sie zu ihrem Verstände gekommen
sind, dann würden sie auch dahin kommen, wo er,
nämlich Christus, ist; denn die sich bekehren und
seine Gebote halten, sind seine Lreunde und Jünger,
die ihm folgen.
Darum bitte ich dich, meine liebwerte Base, du wol-
lest doch das Böse scheuen, das Reich Gottes und
seine Gerechtigkeit ernstlich suchen und arbeiten, um
ihren Hunger mit Brot zu stillen und den Durst mit
dem Tranke zu löschen; wenn du das tust, meine liebe
Base, wirst du eine sein, die mit Maria den besten Teil
erwählt hat. Und so will ich dich denn bei Christo Jesu
erwarten; dahin will ich eine kurze Zeit voran, und
alle, welche die Wahrheit lieben, folgen nach. Hierzu
gebe der gute Herr seine Gnade, daß dieses nach mei-
nem herzlichen Wunsche geschehen möge, zu meiner
Basen und Vettern Seligkeit, Amen.
Geschrieben in meinen Banden, von mir, Jan Wou-
terß von Kuyk.
Des Jan Wouterß elfter Brief an seinen jüngsten
Schwager P. J.
Gnade und Priede von Gott, dem Vater, durch Jesum
Christum, und die Mitwirkung des Heiligen Geistes
vermehre sich bei dir, mein sehr geliebter Bruder und
bei allen, die ihre Seligkeit von ganzem Herzen su-
chen, in dem Namen Jesu Christi, damit man doch
in diesem letzten Streite, der uns vorgelegt ist, mit
des Herrn Hilfe bestehen und denselben in Geduld
vollenden möge, unserm Nächsten zum Vorbilde, der
Welt zum Lichte, zur Seligkeit der Seelen und Gott
zum Preise, Amen.
Nach diesem herzgründlichen Wunsche kann ich
nicht unterlassen, dir ein wenig zu schreiben, damit
634
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
wir beide dadurch ein wenig erquickt werden möch-
ten. Zunächst sollst du wissen, daß ich unserm Gott
für seine Gnade nicht genug danken kann, daß er
mich unwürdigen, armen und verächtlichen Men-
schen zu diesem Stande berufen hat, wodurch ich
die große Liebe fühle, die er zu mir Unwürdigen hat;
nach seiner Barmherzigkeit züchtigt er mich, womit
er beweiset, daß ich kein Bastard bin. Ach, welch eine
große Gnade ist das, daß der gute Gott meine Selig-
keit sucht, welche Seligkeit ich auch gänzlich gesucht
und darum gebeten habe, wie ich auch noch jetzt tue,
und wie ich dir denn auch, ehe ich in Banden war,
geschrieben habe, du wollest mir beten helfen, daß
mir der Herr dasjenige geben und über mich kommen
lassen wolle, was mir selig ist; ich vertraue auch zu
seiner Gnade, daß er es aus großer Barmherzigkeit
vollbringen werde, nach seiner Verheißung und guten
Art, nicht aber nach meiner Gerechtigkeit, denn seine
Gnade weiß es besser, was mir nötig ist, als ich; dar-
um müsse sein Wille geschehen, zu meiner Seligkeit,
um mich vor dem Unglücke zu bewahren, welches
öfters durch des Satans Werk entsteht, welches er in
den Kindern des Unglaubens hat; denn ich habe von
meiner Jugend an gefunden, daß eine Mühe und eine
Schwierigkeit auf die andere folgt; und wer die Selig-
keit und der Gemeinde Wohlfahrt von Herzen sucht,
der hat viele Geburtsschmerzen. Überdies hat man an
sich selbst viel zu töten und absterben zu lassen und
immer zu streiten, sodass man selten ohne Streit ist,
wie viele fromme Zeugen Gottes, unter denen auch
Paulus; aber alle, die nicht müde werden und über-
winden, werden alles besitzen; den Überwindern ist
die Krone verheißen. Darum werde doch niemand
matt oder müde, indem wir wissen und glauben, daß
wir einen solchen starken Helden haben, welchen man
nicht überwinden kann, aber die Bösen müssen ihm
weichen. Paulus sagt: Ist Gott mit uns, wer mag wider
uns sein? Der Herr sagte zu Abraham: Fürchte dich
nicht, ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.
Der Herr sprach, ja, gebot ihm, daß er guten Mutes
sein, sich nicht fürchten und nicht verzagt sein sollte;
er verhieß ihm, daß er allezeit mit ihm sein wolle, wo
er hinginge (ebenso ist er auch mit Mose, seinem treu-
en Knechte gewesen) und daß er Tag und Nacht an
das Gesetz Gottes denken (ach, hierin komme ich viel
zu kurz, was mir von Herzen leid ist) und daß er da-
von nicht abweichen sollte, weder zur rechten, noch
zur linken Hand, dann würde sein Weg glückselig
und voller Segen sein, und er würde die Feinde mit
Füßen zertreten und wie Brot verschlingen; ja, Gott
sandte seinen Engel, wie er verheißen hatte, als einen
Vorfechter, sodaß der Herr selbst den Streit führte.
Ach, ist das nicht ein getreuer Gott, wer sollte nicht
auf sein kräftiges Wort vertrauen? Und sieht man ihn
auch nicht mit leiblichen Augen, so sieht man doch
täglich sein Geschöpf vor Augen, das durch die Kraft
seines Wortes noch in seiner Kraft steht, und wäre es
auch nur ein Blümlein aus der Erde.
Darum laß uns fest stehen auf des Herrn Wort und
Verheißung, wenn uns auch bisweilen ein Sturm über-
fällt, damit wir mit Petrus nicht versinken, sondern
über dieses wilde Meer zum Herrn gehen; laß uns im
festen Vertrauen auf sein Wort im Glauben allezeit
den Herrn um Stärke bitten, wie einer der niemals ge-
sättigt wird. Ich Unwürdiger werde seiner Treue jetzt
in meiner Lage wohl gewahr; ewig müsse er gelobt
sein; er hat uns verheißen, uns beizustehen, und uns
nicht zu verlassen, wie er durch den Propheten sagt:
Kann auch eine Mutter des Sohnes ihres Leibes ver-
gessen, daß sie sich seiner nicht erbarmen sollte? Und
wenn sie das auch täte, so will ich dich doch nicht
verlassen; auch ist er der Armen Stärke, eine feste Zu-
flucht und ein rechter Nothelfer, ja, er bewahrt die
Seinen im Wasser, Banden und im Feuer, wie seinen
Augapfel; wer nun seine Auserwählten beleidigt, der
beleidigt ihn, wie denn der Herr zu Saul sagte: Was
verfolgt du mich? Und wer seinen Auserwählten in
seinem Namen Gutes tut, der tut ihm Gutes. Darum
wolle ein jeder fleißig daran sein, und Gutes tun mit
Lust, ohne Verdruss, denn zu seiner Zeit werden wir
auch ohne Aufhören ernten, ebenso werden auch die
Guten zum ewigen Leben auferstehen; zum Guten
sind wir erschaffen durch Christum. So bringe denn
ein jeder gute Früchte hervor, indem er dazu gesetzt
ist; dann wird Gott, unser himmlischer Vater, geehrt
werden; er wird uns noch mehr reinigen, damit wir
noch reichere Früchte hervorbringen und aufwach-
sen, in dem vollkommenen Alter Christi. Wenn wir
so handeln werden, so sollen wir die Zukunft un-
seres Herrn und Bräutigams erwarten, und das mit
Geduld, denn Geduld ist der Gottesfürchtigen Stärke.
Für dies Mal nichts Besonderes mehr und nur noch
das, daß du haltest, was du hast; sei getreu bis zum
Tode, denn dein und mein Glaube ist die unverfälsch-
te Wahrheit; vollbringe dieselbe in der Gottesfurcht,
durch des Herrn Hilfe, dann wirst du Frieden mit
dem Herrn haben, nach seiner Verheißung. Sei wohl
getröstet in dieser kurzen Zeit deiner Wallfahrt, traure
nicht um mich, obgleich ich jetzt mit der Taufe des Lei-
dens getauft werde, und den Kelch des Leidens trinke;
das gereicht zu meiner Seligkeit; später erwarte ich,
durch des Herrn Gnade, die Krone des Lebens. Was
hat es zu bedeuten, es muss einmal geschieden sein;
wenn ich an der Pest oder an einer andern Krankheit
gestorben wäre, so müssten ja mich alle entbehren, die
meine Person lieb haben; überdies ist es auch offenbar.
635
daß ich nicht als ein Übeltäter leide, sondern weil ich
Christum Jesum angenommen habe, was mich auch
keineswegs reut. Sei herzlich in dem Herrn gegrüßt,
mein liebes Weib, wie auch die Deinigen und alle Got-
tesfürchtigen; bitte für mich und laß für mich bitten,
Amen.
Ein Glaubensbekenntnis an den Schultheißen und
den Rat, der damals in Dortrecht regierte, nebst
einer kurzen Erklärung, in welcher er sie zur Buße
ermahnt.
An meinen ehrwürdigen Herrn, den Schultheißen und
meine ehrwürdigen Herren Bürgermeister, Gerichts-
herren und den Rat der Stadt Dortrecht. Ich, Jan Wou-
terß, euer Gefangener, nicht um irgendeiner Übeltat,
sondern um meines Glaubens willen, welcher gleich-
wohl recht ist, wünsche euch, ihr Diener Gottes, daß er
euch allen ein glückliches, friedsames, gesundes und
langes Leben und Verstand geben wolle, euer Amt
recht zu gebrauchen, die Bösen (nämlich die Übeltä-
ter) zu strafen und die Guten zu beschützen.
Ferner ist das die Veranlassung meines Schreibens,
weil ich meinen Glauben nur in aller Kürze bekannt
und die Gründe, die dafür sprechen, nicht näher er-
läutert habe. Darum habe ich das Nachstehende auf-
geschrieben, damit ich meine ehrwürdigen Herren
nicht abermals fragen und ihnen Mühe machen möch-
te. Ich bekenne, daß ich in meiner Jugend ein eifriger
Papist gewesen sei, was mir von Herzen leid tut, denn
damals kamen keine guten Früchte von mir. Nachher
hat mir Gott meine blinden Augen geöffnet, damit
ich nicht mehr den stummen Götzen, sondern allein
nur dem lebendigen Gott dienen möchte, der mich
erschaffen hat. Er hat mir armem sündhaften Men-
schen den wahren Glauben, wodurch man selig wird,
geoffenbart und geschenkt. Dieser Glauben und die
inwendige Taufe hat mich zum Gehorsam seines Wor-
tes getrieben, damit ich seine Gerechtigkeit erfüllen
möchte. Darum bekenne ich, daß ich mich auf meinen
Glauben habe taufen lassen, und das mit Verlangen
nach dem Befehle Christi; ich habe dem Teufel, der
Welt, dem Papste und seinem Anhänge abgesagt, und
bekenne, daß Christus Jesus allein der Weg, die Wahr-
heit und das Leben sei, denn es ist den Menschen kein
anderer Name gegeben, wodurch man selig werden
möge, als allein durch Christum. Ferner bekenne ich,
daß es gewiss ist, daß der Pfaffen und aller Geschwo-
renen Gebrauch der breite Weg zur Verdammnis sei.
Es sind Menschensatzungen, Gott ein Gräuel, und
Pflanzen, die unser himmlischer Vater nicht gepflanzt
hat; darum sind sie auch verflucht, denn es kann kein
anderer Grund gelegt werden, als derjenige, der ge-
legt ist, welcher Christus allein ist; diejenigen aber, die
sich von des Papstes Anhängen unterfangen, Führer
zu sein, sind blinde Führer; wenn nun ein Blinder den
andern führt (sagt Christus), so fallen sie beide in die
Grube. Wer es nun nicht glauben will oder um seiner
eigenen Sünden willen nicht glauben kann, der wird
es gleichwohl nach dem Tode in der Pein bekennen
müssen; darum tut gegenwärtig rechtschaffene Bu-
ße. Ferner meint mein ehrwürdiger Herr Schultheiß,
daß ich irre, oder daß mein Glaube nichts tauge. Dar-
auf antwortete ich: Wäre dem so, so würden meine
Früchte böse sein, welches allezeit über das Bekennt-
nis geht; nun aber bin ich so viele Jahre von meiner
Jugend an bis hierher mit Gottes Hilfe darin gewan-
delt, nach meiner Schwachheit, und habe mich vor
jeder bösen Gesellschaft gehütet, habe fleißig in der
Stille mein Brot verdient, und mein eigenes Brot ge-
gessen, das mir jetzt entrissen worden ist, als ob ich
ein Mörder wäre. Ach, Herr, vergib es ihnen, denn sie
wissen nicht, was sie tun; ich vergebe es ihnen. Ach,
meine lieben Herren, tut Buße, denn wer uns antastet,
der tastet den Augapfel meines Gottes an.
Weiter bekenne ich, daß ich in der Versammlung
der Gläubigen so oft gewesen sei, daß ich es nicht
zählen kann, denn der oberste König hat uns hierin
eine Verheißung gegeben und gesagt: Wo zwei oder
drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich
mitten unter ihnen. Der Apostel befiehlt in seinem
Namen, daß wir unsere Versammlung nicht verlassen,
sondern einander zur Erweckung der Liebe und der
guten Werke ermahnen sollen. Ich bekenne, daß ich
in keiner Versammlung gewesen sei, um jemanden
zu kränken (denkt diesem nach); ich bekenne, daß
ich in vielen Jahren nicht zu der Pfaffenbeichte und
zu ihrem Sakramente gegangen bin, weil ich nichts
davon halte; dabei bekenne ich, daß ich ein sündhaf-
ter Mensch bin, und daß ich nötig habe, jeden Tag
meine Sünden vor meinem Gott zu bekennen, und
täglich den Sünden abzusterben, täglich mehr und
mehr; das halte ich für die beste Beichte; aber das Sa-
krament bekenne ich für ein gebackenes Küchlein und
Wein, bis es von den Pfaffen, oder von dem Menschen,
verzehrt ist, und also keineswegs für Christi Fleisch
und Blut; er kommt nicht mehr in der Sünder Hän-
de; er wohnt nicht in Tempeln mit Händen gemacht,
sondern im Himmel, von da wird er kommen, um
die Lebendigen und die Toten zu richten, das heißt
die Gläubigen und die Ungläubigen. Ich bekenne aber,
daß ich mit dem Brotbrechen Christi und dem Gebrau-
che der Apostel unter den Gläubigen wohl zufrieden
bin, und das zum Gedächtnisse des Leibes und Blutes
Christi, aber nicht mit Trunkenbolden, Hoffärtigen,
Schlägern, Ehebrechern, Totschlägern, Götzendienern,
636
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Huren, Buben.
Ferner bekenne ich, daß ich mein Weib geehelicht
habe, jedoch nicht heimlich, daß es niemand sehen
sollte, sondern vor Gottes Gemeinde, denn die Ehe
ist ehrlich, die Hurer aber und Ehebrecher wird Gott
richten. Ach, mein Gott, rechne dem keine Sünde zu,
der mich davongenommen hat, denn der Kelch fällt
mir bitter, von Weib und Kind zu scheiden, weil wir
einander so lieb haben. Auch bekenne ich, daß mein
Kind weder von einem Pfaffen, noch von sonst jeman-
dem getauft ist; denn damit würde ich das heilige Blut
Christi verachten; es ist aber mein gewisser Glaube,
daß Christus für die Kinder genug getan habe, und
daß Christi Taufe niemandem zukommt, es sei denn,
daß er von ganzem Herzen glaube, wie Cornelius,
samt seinem Hause, Paulus und mehrere andere. Die-
ses Glaubens bin ich durch die Gnade Gottes gewiss
und bin versichert, daß kein anderer sei, noch kom-
men werde; ich habe mich nicht auf den Wind gebaut,
sondern allein auf den Grund der Apostel und Prophe-
ten, wovon Christus der Eckstein ist, den Bösen zum
Ärgernis, den Guten aber zum Schutze und zur Selig-
keit. Muss ich nun um dieses unverfälschten Glaubens
willen unschuldig leiden, so mag ich denken, es ist
meinem Herrn Jesu Christo (dessen Knecht ich armer
sündhafter Mensch bin) von der Obrigkeit, welche
damals war, nicht besser ergangen, und zwar auf Ver-
anlassung der Gelehrten. Ach, meine ehrwürdigen
Herren, tut doch Buße, bessert euer Leben und Wesen.
Ich verkündige auch Buße allen meinen Herren, die
noch am Leben sind, und an dem unschuldigen Blute
des Joris de W. Schuld haben, der bald als in Gottes
Herrlichkeit glänzend, mit großer Freude erscheinen
wird, denn der Tag des obersten Richters ist vor der
Türe; solches erhellt aus der Pestilenz, aus der teuren
Zeit, aus den Kriegsgefahren und noch vielen andern
Zeichen. Ach, meine ehrwürdigen Herren, seid herz-
lich gewarnt, vor eurem zukünftigen Unglücke, denn
es ist aus Liebe und Freundschaft und nicht aus Bitter-
keit geschehen, denn es ist doch außer allem Zweifel,
wir müssen alle vor dem obersten Richter erscheinen;
alsdann wird ein jeder für sich selbst Rechenschaft
ablegen und dasjenige empfangen, je nach dem er
getan hat; dann wird weder Entschuldigung, noch
Leidenschaft helfen. Ach, denkt nach! Bald wird es
geschehen; niemand kann dem entgehen.
Ferner habe ich meinem ehrwürdigen Herrn, dem
Schultheißen, nicht auf alle seine Fragen geantwortet,
indem er von mir begehrt hat, daß ich die Wahrheit
sagen sollte, wie ich denn das in meinem Glaubens-
bekenntnis auch getan habe, dessen bin ich gewiss;
die anderen Fragen aber durfte ich nicht beantworten,
denn Christus hat mich gelehrt: Tue den Menschen
wie du willst, daß dir geschehe; liebe deinen Nächsten
wie dich selbst, liebt eure Weiber, ehrt eure Eltern. Aus
diesem Grunde habe ich es unterlassen, jede Frage
zu beantworten; darin wird mir mein oberster Rich-
ter recht geben, dessen bin ich gewiss, <uwenn wir
sämtlich vor seinem Richterstuhle erscheinen werden,
denn ich habe es nicht aus Geringachtung meines ehr-
würdigen Herrn Schulzen getan. Auch habe ich dem
Anerbieten der Gelehrten abgesagt, denn ich bin mei-
nes Glaubens so gewiss, daß ich überzeugt bin, daß
alle, die meinem Glauben widersprechen, irren. Dar-
um nehmt es nicht auf, als ob es von meiner eigenen
Hartnäckigkeit, sondern von meiner Glaubensgewiss-
heit herrühre.
Endlich handelt barmherzig mit mir Unschuldigen,
und bedenkt, daß ich auch ein Mensch bin, denn nach
dieser Zeit wird über denjenigen ein unbarmherziges
Urteil gefällt werden, der nicht Barmherzigkeit geübt
hat; ich bekenne einen Herrn, einen Glauben, einen
Gott, einen Vater aller, der über allen und in allen
Gläubigen ist; ich glaube nur dem, was die heilige
Schrift sagt, und nicht dem, was Menschen sagen.
Gehabt euch wohl.
Geschrieben in meinen Banden.
Ein Brief von Adriaanken, Jans Tochter von
Müllersgrab, geschrieben an ihren Mann, als sie
auf der Vuylpforte zu Dortrecht im Gefängnisse
lag, wo sie den 28. März mit Jan Wouterß von
Kuyk verbrannt worden ist, wie wir zuvor
angeführt haben.
Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen
Vater, durch Jesum Christum, seinen einigen Sohn,
unsern Herrn und Heiland, samt der Mitwirkung des
Heiligen Geistes, vermehre sich bei deiner Liebe und
bei allen Gottesfürchtigen, zum Tröste auf eurer Wall-
fahrt, dem Herrn zum Preise und zu eurer aller Seelen
Seligkeit, Amen.
Nach diesem meinem herzgründlichen Gruße und
guten Wunsche lasse ich dich, meinen geliebtesten
und sehr wertgeschätzten Mann und Bruder in dem
Herrn, wissen, daß ich, dein herzlich geliebtes und
sehr wertes Weib und Schwester in dem Herrn, ge-
nannt Adriaanken, Jans Tochter, noch wohlgemut sei
in dem Herrn; kann auch dem Herrn der Herren für
seine tägliche große Güte, die seine Gnade an mir Un-
würdiger beweist, niemals genug danken; ihm sei ewi-
ger Preis und Lob, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Weiter lasse ich dich, J. A., meinen herzgründlich
geliebten Mann, wissen, daß ich, dein geliebtestes
wertes Weib und Schwester in dem Herrn, nicht wohl
habe unterlassen können, deiner Liebe zu meinem An-
637
denken ein Schreiben zu hinterlassen, um der großen
Liebe willen, die wir zueinander gehabt haben, wel-
che, wie ich hoffe, ewig bleiben, und von der uns auch
niemand scheiden wird; und obgleich wir, dem Leibe
nach, voneinander geschieden sind, so bleibt dennoch
die Liebe; ferner beabsichtige ich, dich durch mein
Schreiben in etwas zu trösten, daß du deine Betrübnis
mäßigen wollest, indem du wohl weißt, daß dieses die
Kosten sind, die wir auf unser Haus verwenden müs-
sen, welches wir auf den Felsen Christum gegründet
haben, und welches ja nun durch die Gnade und Kraft
des Herrn stehen bleibt, obschon viele Stürme darauf
fallen, worüber wir uns freuen, daß wir einen solchen
treuen Nothelfer haben. Aber es nützt nicht, daß wir
unsere Freude allein bei uns behalten, sondern es ist
gut, daß wir dieselbe ausbreiten, damit du, mein Ge-
liebtester, dich auch mit auf dieser Erde freuen mögest,
und auch alle, die Gott fürchten, wenn es möglich wä-
re. Darum wollt ihr, mein geliebter Mann, und auch
alle Gottesfürchtigen, fest anhalten und nicht erschre-
cken, wenn gleich unserer Feinde so viele sind; wir
sagen mit dem Propheten Eliseus: Es sind derer mehr,
die mit uns, als die wider uns sind; gleichwie auch
Paulus sagt: Ist Gott mit uns, wer mag wider uns sein?
Der seinen einigen Sohn nicht verschont, sondern ihn
um unsertwillen dahingegeben hat, wie sollte er uns
mit ihm nicht alles schenken? Auch sagt der Prophet
David: Der Herr ist allen denen ein unüberwindlicher
Schild, die auf ihn trauen, und ein treuer Nothelfer,
denn er erhört das Schreien der Elenden. Darum, mein
Geliebtester, schreite fort in dem Vertrauen auf des
Herrn Verheißungen, denn er ist ein getreuer, wahr-
haftiger Gott; ihm ist niemand gleich; alle seine Ver-
heißungen sind Ja in ihm, und nicht Nein, sowohl in
dieser Zeit uns in der Not zu helfen, als auch nach
dieser Zeit, um denen das ewige Leben zu geben, die
an Christum glauben. Wir beiden unwürdigen Schäf-
lein Jesu Christi gehen nun gerade der Stadt zu, die
voll aller Güter und unser Erbteil durch das Verdienst
Christi geworden ist, ja, wir gehen aus dem Drucke,
aus aller Drangsal und jeder Gefahr, und lassen dich
und alle andere lieben Brüder, Schwestern und Freun-
de in dieser elenden Wüste, ja, in dieser bösen Welt,
voll aller Ungerechtigkeit, wo es überall voll böser Ex-
empel ist, zu unserer Seelen Schaden und Betrübnis,
denn man kann kaum mit Pech umgehen, ohne besu-
delt zu sein und zu bleiben. Darum sehen wir es auch
so an, daß es dem Herrn gefällt, uns zwei schwache
Schäflein schnell hinweg zu rücken, damit wir nicht
wie Eva betrogen, sondern erhalten werden in und
durch den Glauben an Jesum Christum. Und daß der
alleinweise, gute und barmherzige Gott uns zuerst in
etwas prüft in dieser unserer Züchtigung, das ist ein
Zeichen seiner Gnade und besonderen Liebe, denn
er gebietet, oder hält sich gegen uns Unwürdige, wie
sich ein lieber Vater gegen seine Kinder hält, wenn er
ihnen zugetan ist, womit er nach seiner großen Barm-
herzigkeit versiegelt, daß er uns nicht für Bastarde,
sondern für rechte Erbgenossen erkennt.
Darum sind wir in allem getrost, was der Herr über
uns kommen lässt; es dient uns alles zum Besten, denn
in Trübsal vergibt er die Sünden; darum müsse sein
heiliger Wille geschehen, zu unserm Nutzen, das ist
zu unserer Seligkeit, was unsere größte Begierde ist;
darum ertragen wir alles, und sind geduldig nach
dem Exempel Hiobs, der Propheten, der Apostel, und
unsers Herrn Ende, wie auch anderer Märtyrer nach
ihnen. Nun gehen wir schnell fort, um unsern Streit,
durch des Herrn Hilfe, zu vollenden, mit getreuem
Herzen bis zum Tode, denn wir wissen und glauben,
daß uns die Krone des ewigen Lebens bereitet ist,
Amen.
Darum, mein herzgründlich geliebter Mann und
werter Bruder in dem Herrn, ich, dein herzgründ-
lich geliebtes Weib Adriaanken Jans, deine allerliebste
Schwester in dem Herrn, die wir einander vor dem
Herrn und seiner Gemeinde geehelicht haben, will
deiner Liebe hiermit gute Nacht sagen, und dich bei
deinem und unserm allerliebsten Bräutigam Christo
Jesu erwarten; darum halte doch das, was du hast,
denn es ist die einzige und unverfälschte Wahrheit;
damit dir niemand deine Krone nehme, denn der Sa-
tan wirkt wunderlich in den Seinen. Der Vorsteher
des Klosters der grauen Mönche sagte mir: Ich lobe
doch noch Jan Wouterß, denn er sagte, daß es ihm leid
wäre. O Schalk! dachte ich, ich kenne deine Schalkheit
wohl. Also hat mich der Herr bewahrt, damit wir al-
lezeit das Feld erhalten in Christo; derselbe wird uns
noch wohl forthelfen in das Land unserer verheißenen
Ruhe, nach seiner Verheißung.
Hiermit will ich dich, meinen geliebtesten Mann
und werten Bruder in dem Herrn, dem allmächtigen
Gott und dem reichen Worte seiner Gnade anbefehlen,
welches mächtig ist, euch aufzubauen, vor dem Argen
zu bewahren und zu dem ewigen Erbe zu bringen;
dort hoffe ich dich mit ewiger Freude zu sehen, wozu
der gute Gott seine Gnade geben wolle, Amen. Halte
mir doch dieses wenige Schreiben zu gut; ein langes
Schreiben halte ich für unnötig, denn die Gottesfürch-
tigen haben durch Eingeben des Heiligen Geistes vie-
le, herrliche Schriften hinterlassen, zur Besserung, zur
Lehre, zum Tröste und zur Stärkung.
Ich, Adriaanken, Jans Tochter, dein herzlich gelieb-
tes und wertestes Weib und Schwester in dem Herrn,
grüße dich, meinen geliebtesten Mann und wertes-
ten Bruder in dem Herrn, liebreich mit dem Kusse
638
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der ewigen Liebe und des Friedens Christi, mit dem
Munde meines Herzens, im Geiste gegenwärtig bei
dir.
Schließlich sage ich dir, noch einmal hiermit gute
Nacht, und danke euch allen, so viel ich danken kann,
für eure gute Gesellschaft und Treue.
Geschrieben von mir, dein geliebtes Weib, Adriaan-
ken Jans, gefangen um des Zeugnisses des Evangeli-
ums Christi willen, zu des Herrn Preise, zum Tröste
und zur Freude unsers Nächsten, zum Lichte denen,
die noch in der Finsternis sind, zur Beschämung de-
rer, die uns als Abgefallene verurteilt haben, und zu
unserer Seelen Seligkeit, Amen. Ich und meine Mit-
gefangenen grüßen euch und alle Gottesfürchtigen
sehr.
Wir hatten gehofft, daß wir den Montag vor Ma-
ria unser Opfer tun und dadurch zur Ruhe gelangen
sollten, aber so viel Glück hatten wir nicht; ich hoffe
jedoch, daß es bald geschehen werde, wenn es anders
der Herr beschlossen hat; sollte aber unsere Trübsal
noch etwas länger währen, so müsse des Herrn Wille
geschehen, zu unserer Seligkeit, Amen.
Geschrieben in meinen Banden, den andern Tag
nach Maria in den Fasten, im Jahre 1572, von mir,
Adriaanken Jans.
Ein Brief, an diese Adriaanken Jans in ihren
Banden von ihrem Manne gesandt.
An mein herzlich geliebtes Weib Adriaanken, Jans
Tochter, aus Liebe, um dein Gemüt zu stärken, Amen.
Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Gnade und Friede, Weisheit und Trost sei mit dir,
mein sehr geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn,
von Gott, unserm himmlischen Vater, durch die große
Liebe seines Sohnes Jesu Christi, unsers Herrn und
Seligmachers, und durch die Kraft des Heiligen Geis-
tes; auch wünsche ich dir Geduld in deinen Banden,
mein geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, als
einen freundlichen Gruß, zum Preise des Herrn und
deiner Seele Heil, Amen. Fasse deine Seele in Geduld.
Nach allem herzgründlichen Gruße, mein sehr ge-
liebtes Weib und Schwester in dem Herrn, bitte ich
dich freundlich, daß du dich in deiner Trübsal und
deiner Not tapfer halten und allezeit auf den Herzog
des Glaubens und auf den Vollender Jesum Christum
sehen wollest, welcher, da er wohl hätte Freude haben
mögen, das Kreuz erduldete und die Schande nicht
achtete; merke, er sagt: und die Schande nicht achtete.
So tritt denn vor das Lager hinaus, und hilf ihm seine
Schmach tragen, denn da Christus litt, musste er au-
ßer Jerusalem leiden; er hat dort unsere Sünden auf
sich genommen, und ist wie ein Wurm voller Schmach
geworden, sagt der Prophet Jesaja; und Paulus sagt:
Obgleich er in göttlicher Gestalt war, so achtete er es
doch für keinen Raub, Gott gleich zu sein, sondern er
hat sich selbst zum Tode übergeben, ja, zum Tode am
Kreuze; und Petrus sagt: Weil nun Christus für uns im
Fleische gelitten hat, so wappnet euch mit demselben
Sinne, denn wer am Fleische leidet, der hört auf von
Sünden, daß er hinfort, was noch hinterstelliger Zeit
im Fleische ist, nicht der Menschen Lüste, sondern
dem Willen Gottes lebe; auch sagt Paulus: Alle, die
in Christo Jesu gottselig leben wollen, müssen Verfol-
gung leiden, wie er auch an die Hebräer, Kap 11, von
so vielen frommen Zeugen erzählt, die durch ihren
Glauben so viel erlitten haben, und auf die Belohnung
sahen, auch gesteinigt, zerhackt und zerstochen, un-
tersucht und durch das Schwert getötet worden sind;
sie sind in Pelzen und Ziegenfellen, in Mangel und
Trübsal, in Ungemach, deren die Welt nicht wert war,
umhergegangen, und haben dadurch das Reich der
Himmel mit Gewalt eingenommen; sie haben nur von
fern auf die Verheißung gehofft, und dieselbe noch
nicht gehabt, wie Christus sagt: Selig sind die Augen,
die sehen, was ihr seht, und die Ohren, die hören,
was ihr hört; denn viele Propheten und Gerechte woll-
ten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen;
ebenso sagt auch Paulus: Nachdem Gott in früheren
Zeiten manchmal und auf mancherlei Weise zu den
Vätern durch die Propheten geredet hat, hat er zu-
letzt in diesen Tagen durch den Sohn zu uns geredet,
welchen er zum Erben über alles gesetzt und durch
welchen er auch die Welt gemacht hat, welcher, indem
er der Glanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild sei-
nes Wesens ist, alle Dinge mit seinem kräftigen Worte
trägt. Siehe nun, mein liebes Schaf, wie viele fromme
Zeugen wir jetzt haben; darum laß uns nicht müde
werden, sondern Zusehen, daß wir mit Josua und Ka-
leb in das Land der Verheißung ziehen mögen; denn
du bist schon durch die Wüste gewandert, und stehst
nun vor dem Jordan, und obgleich er fürchterlich an-
zusehen ist, so wirst du doch durchkommen; sei nur
standhaft; es mangelt dir weiter nichts, als das Durch-
ziehen. Sei männlich, mein Schaf, der Herr wird dir
wohl helfen; setze dein Vertrauen auf ihn, denn er ist
unser Hauptmann, unsere feste, starke Burg und un-
ser Schloss. Sei doch, mein liebes Schaf, wohlgemut in
dem Herrn; du hast eine herrliche Krone zu erwarten,
denn der Herr sagt: Selig sind, die um der Wahrheit
willen Verfolgung leiden, denn solchen gehört das
Reich der Himmel.
Sieh, meine Schöne, du wirst eine von der Zahl de-
rer sein, welche Johannes unter dem Altar sah, die mit
weißen Kleidern angetan waren; deren Zahl wirst du
erfüllen helfen, und die Schar, von welcher der Engel
639
zu Esra sagte, denn, wenn die Zahl oder die Schar der
Gerechten erfüllt ist, so wird die Belohnung bald ge-
schehen; dann werden alle deine Tränen abgewischt
werden; der Sonnenbrand wird dich nicht mehr ver-
hindern, denn du wirst mit allen auserwählten Kin-
dern Gottes unter seinem Schatten ruhen. Mein liebes
Schaf, wenn du nur männlich für die Wahrheit strei-
test, man leidet nur in diesem Leben; nach dieser Zeit
aber wird keine Zeit mehr sein; niemand wird gekrönt,
es sei denn, daß er gesetzmäßig streite. Jakobus sagt:
Liebe Brüder, wir preisen selig, die erduldet haben;
und Salomo sagt, daß sein Volk geprüft werde, wie
das Gold im Ofen, und wenn er sie angenehm findet,
nimmt er sie an, wie ein völliges Opfer. Bekenne doch
nun des Herrn Wort vor diesem argen Geschlechte,
denn, wenn wir ihn bekennen, so wird er uns auch
vor seinem himmlischen Vater und vor seinen Engeln
bekennen; verleugnen wir ihn aber, so wird er uns
auch verleugnen. Wenn wir nicht glauben, so bleibt er
doch getreu; er kann sich selbst nicht verleugnen; aber
der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel:
Der Herr kennt die Seinen, und es trete ab von der
Ungerechtigkeit, wer den Namen Christi nennt. Sieh,
mein liebes Schaf, das Urteil ist hier schon gespro-
chen, sieh nur zu, daß du standhaft bleibst in deinen
Banden für des Herrn Wort, wie du angefangen hast,
damit du doch vollen Lohn empfangen und dasjenige
nicht verlieren mögest, wofür du so lange durch den
Glauben gearbeitet hast, denn wer Übertritt und nicht
in der Lehre Christi bleibt, der hat keinen Gott, wer
aber in der Liebe Christi bleibt, der hat beides, den
Vater und den Sohn. Liebe Jans Tochter, wir sind einer
herrlichen Krone gewärtig, wenn wir bei der Wahr-
heit bleiben; wie werden wir uns erfreuen, wenn wir
in das neue, himmlische Jerusalem kommen werden,
wo die Straßen von reinem Golde sind, und ihre Tore
werden vor den Bußfertigen nicht zugeschlossen, den
Gottlosen aber stehen sie nicht offen, denn draußen
sind die Hunde und die Zauberer. Sieh, mein aller-
liebstes Schaf, seine Gnade steht sonst niemandem,
als den Gottesfürchtigen zu allen Zeiten offen, ja, er
wird sie aus dem schönen Strome tränken, der durch
die schone Stadt hinfließt; das sind die lebendigen
Wasser, von denen der Herr zum samaritischen Weib-
lein sagte, daß, wenn sie davon trinken würde, sie in
Ewigkeit nicht dürsten sollte. Sieh, meine liebe Rippe,
von diesem Wasser haben alle Gerechte getrunken;
sie tranken alle von dem Felsen, der ihnen nachfolg-
te; dieser Fels war Christus; aber an vielen derselben
hatte Gott keinen Wohlgefallen, denn sie sind in der
Wüste niedergeschlagen.
Sieh, liebe Adriaanken Jans, welche Tugenden hat
uns der Herr bewiesen, und wie reichlich hat er seine
Kinder beschenkt, und wie wird er sie beschenken,
wenn er kommen wird, um alle Geschlechter der Er-
de zu richten? Dann werden wir alle unsere Feinde
zertreten, und werden mit allen Auserwählten Gottes
auf zwölf Stühlen sitzen und die zwölf Geschlech-
ter Israels richten, und werden in großer Standhaf-
tigkeit gegen diejenigen stehen, die uns geängstigt
haben, und werden wie Funken im Rohre leuchten,
und werden an dem Tage, den der Herr ersehen hat,
wie Mastkälber aufhüpfen. Wir lesen auch, daß Esra
auf dem Berge Zion im Geiste gesehen habe, daß der
Herr denen Palmzweige in die Hände gegeben und
Kronen auf ihr Haupt gesetzt habe, die ihn in dieser
Welt bekannt hatten; auch sagt Petrus, daß wir zu Kö-
nigen und Priestern gemacht werden sollen, damit
wir die Tugenden dessen verkündigen, der uns von
der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte berufen
hat.
Ach, Jans Tochter, mein liebes Weib und Schwester
in dem Herrn; sollten wir alle herrlichen Verheißun-
gen erzählen, die der Herr denen gegeben, die in ihrer
Anfechtung getreu bleiben, so würde es uns an Zeit
fehlen, solches zu schreiben.
Hiermit will ich dich, mein liebes Weib und Schwes-
ter in dem Herrn, dem Herrn und dem reichen Worte
seiner Gnade anbefehlen, welches mächtig ist, uns vor
allen listigen Nachstellung zu bewahren, mit welchen
unser Widersacher, der Teufel, uns wie ein brüllen-
der Löwe umringt, wie Petrus sagt; er konnte ja dem
Herrn beikommen, sollte er denn sein Volk nicht be-
stürmen? Denn es ist uns nicht unbekannt, was er im
Sinne hat, indem er auch durch seine Boten wirkt, wel-
ches die Kinder des Unglaubens sind, die vielleicht
noch kommen werden, um dich zu bekämpfen; aber
wir können sie wohl überwinden; durch des Herrn
Gnade vermögen wir alles, welche Gnade uns Gott
geben wolle, dir und mir und uns allen, Amen.
Gehabe dich wohl, und bitte den Herrn für mich,
damit mich der Herr in dieser argen Zeit bewahre,
daß ich allezeit auf des Herrn Bahn wandeln möge;
auch bitte ich für dich, daß dir der Herr Stärke ge-
ben wolle, damit du ihm ein bequemes Opfer sein
mögest, und damit durch deine Bande und das frei-
willige Übergeben deines Leibes in der Tyrannen Hän-
de viele zu der Wahrheit kommen möchten. Fällt es
dem Fleische auch etwas schwer; der Herr kann de-
nen wohl Stärke verleihen, die auf ihn trauen. Ja, liebe
Jans Tochter, meine allerliebste und werte Schwester
in dem Herrn, laß uns doch Zusehen und den Herrn
bitten, daß wir uns selbst wohl bewahren, damit wir
den Tempel Gottes nicht schänden, denn Paulus sagt:
(Merke wohl) Wisst ihr nicht, daß ihr ein Tempel Got-
tes seid, und daß Gottes Geist in euch wohnt; wenn
640
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott
verderben, denn der Tempel Gottes ist heilig, dieser
Tempel aber seid ihr. Wenn wir unserer selbst wohl
wahrnehmen, so wird es uns wohlgehen, denn wir
haben einen köstlichen Schatz in irdenen Gefäßen,
den Geist des Herrn, den Tröster, der von uns nicht
weggenommen werden wird, wenn wir anders Gott
fürchten, von allen Sünden ablassen und Gutes tun.
Ach, meine Liebste, schlage doch das aus deinem
Sinne, daß du dahin gehen wollest, das Bett zu ho-
len, denn der Herr will dich vielleicht nur so prüfen,
und laß uns den Herrn nicht versuchen: Er tut es alles
zu unserm Besten. Der Herr weiß es, der alle Herzen
kennt, daß ich dich nicht um aller Welt Schatz hinge-
ben wollte; mm es aber so ist, muss es in des Herrn
Namen sein; du kannst wohl denken, daß Abraham
auch betrübt war, weil er seinen lieben Sohn aufop-
fern musste, denn er war ihm ein lieber Sohn, und
der Herr hatte ihm gesagt, daß sich sein Same meh-
ren sollte, wie der Staub auf Erden und die Sterne
des Himmels; aber, mein liebes Schaf, er fürchtete
den Herrn, und durfte des Herrn Befehle nicht un-
gehorsam sein; ebenso auch wir; darum fasse doch
Mut, mein liebes Weib; bedenke, es ist um eine böse
Stunde zu tun, oder um eine halbe Stunde; man kann
viel in einer halben Stunde tun. Sieh, meine Geliebte,
wer überwindet, soll alles besitzen; wer überwindet,
dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten To-
de. Deshalb sollen alle, die nach Gottes Willen leiden,
ihre Seelen dem treuen Schöpfer mit guten Werken
anbefehlen; laß uns für diejenigen bitten, die es uns
antun (das ist der Papst mit seinem Anhänge), damit
sie doch sehen mögen, wie blind sie sind, und auch
für die Obrigkeit laß uns bitten, damit sie doch dem
unschuldigen Blute nicht mehr nachstellen, sondern
zufrieden sein und sehen mögen, worin sie vor Gott
sündigen.
Gute Nacht, sei wohl zufrieden in dem Herrn, mein
liebes Weib und Schwester in dem Herrn; halte mir
mein schlechtes Schreiben zu gut, denn es ist ja in
guter Absicht geschrieben.
Geschrieben mit viel Betrübnis und großer Mühe.
Für dieses Mal nicht mehr; der Herr wolle dich in
einem gottseligen Leben erhalten, und wolle dich vor
dem zweiten Tode bewahren, Amen.
Von mir, J. von Dort., deinem lieben Manne und
schwachen Bruder in dem Herrn, der ich des Namens
unwürdig bin; aber durch des Herrn Gnade vermögen
wir alles.
Geschrieben den 18. und 19. Januar im Jahre 1572.
Was ich tun kann, ist zu deinem Besten; schone mei-
ner nicht. Gute Nacht, gehabe dich wohl; setze dein
Vertrauen allein auf den Herrn, dann wirst du Ruhe
finden für deine Seele, Amen.
Sieben Brüder zu Breda. Jan Pieterß, Geleyn
Corneliß, Pieter de Guliker mit seinem Knechte,
Arent Block, Cornelius Gyselaar und einer,
genannt Michael, im Jahre 1572.
Im Jahre 1572, als auf dem Neufahrt bei Breda viele
Landesverwiesene wohnten, und dort mehr Freiheit
genossen, als andern Orten, unter welchen auch ei-
nige waren, die um des Zeugnisses und der Nach-
folge Jesu Christi willen von andern Plätzen dahin
geflüchtet sind, hat es sich zugetragen, daß im Anfän-
ge des Monats August desselben Jahres viele Brüder
und Schwestern dort von auswärts, aus Brabant, von
Breda, Siebenbergen und einigen umliegenden Dör-
fern, auch aus Holland, von Leyden, Harlem und aus
mehreren andern Ortschaften zusammen kamen. Als
solches ausgekundschaftet und bei dem Schultheißen
angebracht wurde, welcher bei Gerrit Vorster saß und
mit dem Rentmeister trank, ist er, sobald er solches ge-
hört, im Zorne entbrannt, und hat gesagt: Wir wollen
dieses Nest ausnehmen und den Haufen auf einmal
ausrotten. Darauf haben sie sich den 5. August unge-
fähr um neun oder zehn Uhr Abends mit Volk und
Waffen gerüstet, als jene sich versammelten, um eine
Predigt zu halten und ein Paar zu trauen, in einem
Hause, welches an der Vorstraße stand, in welchem
Pieter de Guliker, ein Schneider, straßenwärts, Jan Pie-
terß aber, ein Weber, im hinteren Teile wohnte, wo
wohl ungefähr hundert Manns- und Weibspersonen
beieinander versammelt waren. Der Rentmeister und
der Schultheiß mit ihrem Volke sind zweimal gekom-
men und haben an dem Hause gehorcht, ohne daß
sie etwas Besonderes ermitteln konnten, aber zum
dritten Male sandte der Rentmeister einen Knecht,
der fand sie, bei vielen Lichtern ihre Ermahnung hal-
tend. Darauf sind der Rentmeister, der Statthalter und
Schultheiß mit allen ihren Knechten und dem Volke,
welche mit Pistolen, Hellebarden, Schwertern und
dergleichen ausgerüstet waren, gekommen. Als sie
die Haustüre aufgestoßen hatten, griffen sie zu, und
einige, die sie erwischen konnten, wurden gefangen
genommen; die meisten aber sind durch die Wände
und das Dach des Hauses gebrochen und entronnen;
die Gefangenen waren Jan Pieterß von Blaerdingen,
der hinten im Hause wohnte und der Versammlung
mit dem Worte der Wahrheit diente, Pieter de Guliker,
ein Schneider, der vorn im Hause wohnte, mit einem
seiner Knechte, der nur 16 oder 17 Jahre alt war, Ge-
ley Corneliß, ein Schuhmacher von Mittelharnisse bei
Sommerdyk, Arent Block von Siebenbergen und Cor-
nelius, des Koppen de Gyselaar von Dortrecht Sohn,
641
und noch zwei oder drei Frauenspersonen. Nach ihrer
Gefangennahme brachte man sie nach des Gerrit Vors-
ters Hause, und legte die Mannspersonen in Bande,
die Weiber aber setzte man ungefesselt in ein Käm-
merlein allein, aus welchem sie entflohen sind. Am
andern Tage Morgens ist zu diesen sechs Gefange-
nen Michael, der Vetter des Cornelius de Gyselaar,
gekommen, welcher mit der Witwe des Schulmeisters
Valerius getraut war, der im Jahre 1568, ungefähr drei
Jahre früher, zu Brouwershaven aufgeopfert wurde.
Als dieser kam, seine Freunde zu besuchen, um sie
in ihrer Trübsal aus dem Worte Gottes zu trösten, hat
der Schultheiß, welcher darauf zukam, ihn ebenfalls
in Haft genommen und gesagt: Du gehörst auch zu
diesem Volke, du musst auch mit hierbleiben.
Dieser Gefangenen Gut wurde sofort aufgeschrie-
ben und sie dessen verlustig erklärt, sodass Weiber
und Kinder ganz beraubt und entblößt haben entflie-
hen müssen, was viele Menschen bejammert haben.
Durch diese Dinge ist das Volk auf dem Neufahrt in
solchen Schrecken geraten, daß sich viele nicht länger
dort aufhalten durften, insbesondere, als der Rent-
meister an den Herzog von Alba geschrieben hatte,
und, auf empfangene Antwort, persönlich dahin ge-
zogen ist. Es sind überhaupt wohl dreißig Personen,
sowohl Brüder als Schwestern, von denen, die auf
dem Neufahrt wohnten, geflüchtet, ohne diejenigen,
welche von andern Orten dazu gekommen sind.
Der Schulmeister von Neufahrt, genannt Meister
Pieter Claeß van der Linden, der wohl fünf Stunden
lang mit Jan Pieterß disputiert hatte (wie denn auch
der Pastor zwei oder drei Mal mit ihm disputiert hatte)
und über dieses Volk sehr erbittert war, gibt gleich-
wohl das Zeugnis von ihnen, daß ihr hauptsächlichs-
ter und wichtigster Irrtum darin bestanden, daß sie
die jungen Kindlein nicht taufen, daß sie nicht glau-
ben können, daß Christus sein Fleisch und Blut von
Maria angenommen habe, und daß sie sich für das
kleine Häuflein und Gottes Auserwählte ausgeben,
aber daß (dieses ausgenommen) ihr Leben und Wan-
del besser sei, als vieler anderer Menschen, und daß
sie auch ihre Kinder in besserer Zucht und Gottes-
furcht aufzuziehen suchten, als viele andere Leute; er
hätte auch von ihren Kindern in seiner Schule gehabt,
welche geschickter gewesen wären und mehr gelernt
hätten, als die übrigen Kinder, daß er und viele ande-
re auch die große Verfolgung und den Verdruss, den
man diesen Leuten antäte, sehr bejammerte, insbe-
sondere, daß man um der Männer willen den armen
Weibern und Kindern ihr Gut raubte, und sie so jäm-
merlich ins Elend verjagte.
Diese Gefangenen haben in des vorgemeldeten Ger-
rit Vörsters Hause, von dem 5. August an, wo sie des
Nachts gefangen worden sind, bis auf den siebten Tag
des Mittags, wo man sie sämtlich nach Breda geführt
hat, in Banden gelegen; dort hat man ihnen so hart mit
Verhören, Verheißungen, Bedrohungen und Foltern
zugesetzt, um sie von ihrem Glauben abzubringen,
daß auch Pieter de Guliker nicht widerstehen konnte,
sondern den Glauben und seinen Gott verlassen hat,
wodurch er gleichwohl die Befreiung nicht erwarb,
sondern mit dem Schwerte hingerichtet worden ist;
aber von den andern und ihren Mitgenossen wird
gemeldet, daß sie alle bis ans Ende standhaft geblie-
ben seien, wie unbarmherzig man auch mit ihnen in
der Folter umging, denn der eine wurde auf der Fol-
terbank sehr grausam ausgespannt und gewunden,
und es wurde ihm, als er ausgestreckt lag, Urin in
den Mund gegossen und ihm auf den Leib gesprun-
gen; einem andern wurden die Füße befestigt, ihm
die Hände auf den Rücken gebunden, dann rücklings
aufgewunden und gegeißelt. Aber am unbarmherzigs-
ten ist Geleyn, der Schuhmacher, gepeinigt worden,
denn sie zogen denselben nackend aus, hingen ihn
an seinem rechten Daumen auf und befestigen ihm
außerdem ein Gewicht an seinen linken Fuß; und als
er so hing, wurde er mit Kerzen und Feuer unter die
Arme gebrannt und so lange gegeißelt, bis die beiden
Bevollmächtigten des Herzogs von Alba, die zugegen
waren, selbst müde wurden und sich bei Seite setzten,
um Karten spielen, denen der Scharfrichter wohl eine
oder anderthalb Stunden zusah. Unterdessen ließ man
Geleyn so hängen, welcher während der Zeit, daß sie
spielten, keine Pein fühlte, sondern sich in einem Zu-
stande befand, als ob er in einem süßen Schlafe oder in
einer Ohnmacht gewesen wäre; ja, er bezeugte selbst
nachher, daß er sein Leben lang niemals weniger Pein
gehabt hätte.
Als sie nun ihr Kartenspiel beendigt hatten, sag-
ten sie abermals zu dem Scharfrichter: Taste ihn noch
einmal an, er muss uns etwas sagen, ein ertrunkenes
Kalb ist gut zu wagen. Als der Scharfrichter zu ihm
kam, rief er: Der Mann ist tot (in einen solchen tiefen
Schlaf oder eine solche Ohnmacht war er gefallen).
Da sprang einer von den Bevollmächtigten auf und
schüttelte ihn so hart bei dem einen Arme, daß er
ihn verrenkte; der Arm war auch noch nicht wieder
eingerichtet, als er verbrannt wurde. Als er nun wie-
der zu sich selbst kam, wurde er heruntergelassen,
wiewohl er niemanden verraten noch seinen Glauben
verleugnet hat; deshalb ist er endlich mit Jan Pieterß
und dem jungen Knechte verurteilt worden, lebendig
verbrannt zu werden. Als sie mm an den Pfählen stan-
den und fast verbrannt waren, hat sich das Feuer so
sehr von dem Geleyn abgewandt, daß der Scharfrich-
ter mit einer Gabel ihn an die andere Seite des Pfahls
642
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ins Feuer hat halten müssen. Also sind sie tapfer bei
der Wahrheit geblieben, und haben ihr Leben dafür
gelassen.
Bald darauf, als Cornelius de Gyselaar und Arent
Block auch zum Tode geführt wurden, um verbrannt
zu werden, hat Arent ein Brieflein (welches er ge-
schrieben hatte) fallen lassen, in der Meinung, daß
jemand von den Freunden dasselbe aufraffen und zu
sich nehmen würde, aber durch Unglück ist es in der
Tyrannen Flände gekommen, welche diese beiden so-
fort wieder nach dem Gefängnisse führen ließen, wo
sie deshalb noch erbärmlich gepeinigt wurden; weil
sie sich aber allezeit tapfer hielten, niemanden anga-
ben und in keiner Pein von ihrem Gotte abwichen, so
sind sie endlich, wie auch die drei Vorhergehenden
verurteilt und verbrannt worden. Nicht lange darauf
ist auch Michael, des Cornelius de Gyselaars Vetter,
in gleicher Aufopferung den andern nachgefolgt.
Also liegen nun diese sämtlich unter dem Altar und
warten, bis die Zahl ihrer Brüder erfüllt sein wird,
damit sie mit ihnen in der immerwährenden Freude
bei dem getöteten Lamme und allen Freunden Gottes
ewig sich erfreuen und das neue Lied singen mögen.
Von den Gerichtsverhandlungen und
Todesurteilen vorgemeldeter Märtyrer.
Es hat uns die Mühe nicht verdrossen, mit Hilfe eini-
ger unserer guten Freunde zu Breda, in der gegenwär-
tigen Schreiberei oder Kanzlei auf das Jahr 1659 durch
einen Schreiber des Gerichtsnotars allem demjenigen
nachsuchen zu lassen, was von der Gefangenschaft,
dem Leiden und Tode der vorgemeldeten, frommen
Zeugen Jesu Christi, etwa aufgeschrieben und nach
dem Berichte der päpstlichen Regenten über das Jahr
1572 aufzufinden sein möchte.
Wir hatten aber nicht lange nach diesen Verhand-
lungen gesucht, so erhielten wir die Nachricht, daß
die Kanzlei oder Schreiberei, wo diese Schriften und
mehre andere verwahrt wurden, vor einigen Jahren
durch einen schrecklichen Brand vernichtet worden
und zu Grunde gegangen sei; deshalb konnten wir
nichts Näheres ermitteln, als die oben angegebenen
Umstände. Dieses dient zur Nachricht.
Martin Janß Kornträger und Jan Hendrikß von
Schwartewael, ein Steuermann, wurden beide zu
Delft in Holland an einem Pfahle, im Jahre 1572,
durch Feuer und Flamme getötet.
Zu dieser Zeit war die Stadt Delft in Holland nichts
anderes, als ein Begräbnisplatz, ja, als eine grausame
Mordgrube zur Vernichtung der Heiligen Gottes.
Dieses ist an zwei sehr frommen, gottesfürchtigen
und sehr tugendsamen Schäflein Christi zu ersehen,
die sich unter die Herde des großen Hirtens der Schafe
Jesu Christi begeben hatten, um von ihm auf die grü-
nen Wiesen der wahren evangelischen Lehre geführt
und geweidet zu werden; der eine wurde Martin Janß
genannt, seiner Hantierung nach ein Komträger, der
andere aber Jan Hendrikß, geboren zu Schwartewael,
ein Steuermann, der sich zu Wasser und auf der See
sein Brot verdiente.
Diese beiden wurden nach Delft gefänglich einge-
bracht, wo sie, sowohl von Weltlichen, als Geistlichen
fast zwei Jahre lang viel Angst und Not erlitten, um
sie zum Abfalle von ihrem Glauben zu bringen; weil
sie aber auf den unbeweglichen Eckstein Christum Je-
sum gegründet waren, hat man sie in ihrem Glauben
keineswegs schwach, vielweniger ganz davon abfällig
machen können.
Deshalb haben die Beherrscher dieses Ortes, welche
mit einem bittern Hasse (auf Antrieb der päpstlichen
Geistlichen) gegen sie entzündet waren, ein sehr grau-
sames Urteil wider sie im Gerichte ausgesprochen,
nämlich, daß man sie auf dem Marktfelde auf einer
errichteten Schaubühne an einen Pfahl binden und
mit Feuer so lange brennen sollte, bis der Tod darauf
erfolgen würde.
Darauf sind sie den 5. Februar im Jahre 1572 an dem
gemeldeten Orte auf die Schaubühne gebracht wor-
den, um getötet zu werden, wobei der Stadtschreiber
abermals vor allem Volke vorlas, daß, bei Verlust des
Leibes und der Güter, ihnen niemand Zureden sollte.
Nachher wurde dem Martin Janß die Zunge ge-
brannt, dessen ungeachtet aber redete er noch tapfer.
Also muss ich nun (sagte er) die Wahrheit bezeu-
gen, denn wäre es mir nicht um meine Seligkeit zu tun
gewesen, ich hätte wohl vielem schweren Streite ent-
gehen und Pardon erlangen können; aber nun habe
ich einen guten Streit gestritten, den Lauf vollendet,
Glauben gehalten; für die Folgen ist mir die Krone der
Gerechtigkeit beigelegt.
Dann rief er: O Herr, sei mir armem Sünder gnädig,
der ich nicht würdig bin, um deines Namens willen
zu leiden! Aber du hast mich dazu würdig gemacht;
endlich rief er: O Herr, nimm meinen Geist in deine
Hände auf! Mit diesen Worten endigte er sein Leben,
und ist also durch Feuer aus dieser Welt geschieden.
Dem Jan Hendrikß wurde der Mund verstopft, um
ihm das Reden zu verwehren; als er aber dessen un-
geachtet noch die Worte sprach: Nun gilt es erst recht;
nun muß die Wahrheit vollkommen versiegelt sein,
ist ein großes Geschrei, Alarm und Auflauf unter
dem Volke entstanden, sodass die Herren (welche
sich fürchteten), Jan Hendrikß dem Blicke des Volkes
643
entzogen, bis der Aufruhr und die Unruhe unter dem
Volke sich gelegt hatte.
Darauf, als man ihm den Mund wohl verbunden
hatte, wurde er wieder vorgeführt und in Eile an ei-
nem Pfahle befestigt, wie sein getöteter Mitbruder,
worauf er durch die Feuerflamme seines zeitlichen
Lebens beraubt worden ist.
Ihre halbverbrannten Leichname brachte man vor
die Stadt, auf den gewöhnlichen Richtplatz, genannt
der Galgenplatz, wo beide an Pfähle geheftet und den
Vögeln zur Speise preisgegeben wurden.
Dies ist das Ende dieser beiden Schäflein Jesu ge-
wesen, welche, obgleich vor der Welt ein Schauspiel,
dennoch vor Gott ein heiliges und angenehmes Opfer
geworden sind.
Nachdem uns eine eigenhändige Abschrift von dem
Todesurteile der mehrgemeldeten Freunde, aus dem
Buche des Blutgerichts der Stadt Delft durch den dor-
tigen Schreiber eingehändigt worden ist, wie solches
öffentlich vor Gericht an dem Tage ihres Todes vorge-
lesen worden ist, so finden wir es angemessen, dassel-
be hier beizufügen, damit der Leser von der Wahrheit
der oben gemeldeten Beschreibung völlige Versiche-
rung haben möge.
Der Inhalt desselben lautet, von Wort zu Wort, wie
folgt:
Auszug des Todesurteils über Martin Janß,
Kornträger und Bürger dieser Stadt, und Jan
Hendrikß von Schwartewael, Steuermann, welche
mit Feuer getötet worden sind.
Nachdem die Gefangenen Martin Janß, Kornträger
und Bürger dieser Stadt Delft, und Jan Hendrikß von
Schwartewael, Steuermann, ohne Folter und eiserne
Bande bekannt haben, daß sie von der bösen und ver-
dammten Sekte der Wiedertäufer seien, auch daß sie
in verschiedenen verbotenen und unerlaubten Ver-
sammlungen gewesen, nicht weniger, daß sie wieder
getauft worden seien und einigen von ihren Kindern
das heilige Sakrament der Taufe hinterhalten, und daß
sie auch von der Messe eine sehr böse Lehre hätten,
daß sie auch das Sakrament des Altars, wie auch alle
übrigen Sakramente, Gottesdienste und Zeremonien
der heiligen römisch-katholischen Kirche verachten
und gar verwerfen, ja, was noch ärger ist, da dieselben
bei ihrer vorgemeldeten verdammten und verworfe-
nen Ketzerei verharren, ohne daß sie irgend Buße
hätten tun, oder davon abweichen wollen, aller gu-
ten Ermahnungen ungeachtet, welche verschiedene
gute, geistliche katholische Personen ihnen oft gege-
ben haben, was außerordentliche, böse und ärgerliche
Sachen sind, welche, andern zum Beispiele, nicht un-
gestraft bleiben dürfen, so ist es geschehen, daß die
Gerichtsherren der Stadt Delft den vorgemeldeten Ge-
fangenen Martin Janß und Jan Hendrikß nach Anwei-
sung und Vollmacht der Befehle, die von der königli-
chen Majestät herausgegeben worden sind, verurteilt
haben und hiermit verurteilen, daß sie auf die Schau-
bühne geführt werden sollen, die auf dem Marktfelde
dieser Stadt errichtet werden soll, und dort an einen
Pfahl gebunden und mit Feuer verbrannt werden sol-
len, bis der Tod darauf erfolgt; sodann aber sollen ihre
Leichname von da nach dem Galgenplatze geführt,
und dort an Pfähle gestellt werden; ferner erklären sie,
daß sie aller ihrer Güter verlustig seien, und daß die-
selben zum Nutzen der königlichen Majestät verfallen
sein sollen; auch verurteilen sie ferner die Gefangenen
zu den Unkosten ihrer Gefangenschaft und zu den
Kosten des Gerichts.
Geschehen den 8. Februar im Jahre 1572 nach der
Zeitrechnung in Delft.
Nota - Die Zeit in dem Originale scheint das Jahr
1570 zu sein, welches zwei Jahre früher ist; aber es
ist ein Irrtum, welches aus verschiedenen Umstän-
den zu ersehen, die darauf folgen, wie auch aus der
Zeit, da Jan Hendrikß seine Briefe in dem Gefängnisse
geschrieben hat. Dieses dient zur Nachricht.
Ausgezogen aus dem ersten Buche des Blutgerichts,
Blatt 195, welches in der Kanzlei der Stadt Delft nie-
dergelegt ist, den 23. August im Jahre 1659. Der Schrei-
ber in Delft.
Ein Brief von Jan Hendrikß, im Gefängnisse zu
Delft an sein Weib geschrieben.
Der Gott aller Gnade, der uns von der Macht der Fins-
ternis zu seinem ewigen Reiche durch Jesum Chris-
tum berufen und uns, wie der Prophet sagt, mit einer
ewigen Liebe zusammen verbunden hat, der wolle
dir, mein liebes Weib, nach dem Reichtum seiner Gna-
de und Herrlichkeit verleihen, stark zu werden mit
Kraft, durch seinen Heiligen Geist an dem inwendi-
gen Menschen, damit du standhaft und unbeweglich
stehen bleiben mögest, in dem Glauben und der Lie-
be, sowie den Frieden Gottes, zu deiner Seele Heil
und zum Preise Gottes, damit du das unbefleckte,
unverderbliche und unvergängliche Erbe, sowie die
Krone des ewigen Lebens empfangen mögest, welche
Gott allen denen verheißen hat, die ihm von ganzem
Herzen dienen und ihn lieben. Dieses wünsche ich,
Jan Hendrikß, Lysbeth Jans, meinem lieben Weib, aus
meinen Banden und in meiner letzten Zeit zu einem
herzgründlichen Gruße in dem Herrn, Amen.
Ferner, nebst allem gebührlichen Gruße an dich,
mein geliebtes Weib Lysbeth Jans, lasse ich dich wis-
644
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sen, daß ich noch tapfer und wohlgemut bin in dem
Herrn, und hoffe durch seine Hilfe bei seinem Worte
und der Wahrheit zu bleiben, ohne dessen Beistand
es nicht möglich ist, solches zu tun; ich hoffe auch,
daß er meinen Schatz bis an das Ende bewahren und
mich aus der Löwen Rachen erlösen werde, damit sie
mich nicht mit ihren Zähnen zerreißen, wie ich denn
hoffe, daß es mit dir auch so sein werde, und wie ich
dir denn auch von Herzen zutraue, daß du mit mir
noch eines solchen Willens und Sinnes bist, um ihm
alle Tage deines Lebens in Gerechtigkeit und Heilig-
keit zu dienen; auch hoffe ich, daß dich Gott hierin
stärken und bewahren werde, wie er bisher noch ge-
tan hat; wofür er gelobt sein müsse. Sodann, mein
liebes Weib, weil die Zeit meines Abschiedes, nach
menschlicher Einsicht, sehr nahe ist, so kann ich dei-
ner nicht vergessen, sondern muss dir aus Liebe noch
ein wenig schreiben, um der großen Liebe willen, die
ich zu dir habe, und weil du mir in meinen Banden,
mit Bitten und Schreiben auf mancherlei Weise so viel
Liebe bewiesen hast, wofür ich dir danke; in dem ho-
hen Himmel müsse es dir von Gott belohnt werden;
ich danke dir auch herzlich für deinen letzten Brief,
welcher sehr köstlich war, denn als wir ihn durchla-
sen, erfreuten wir uns so sehr über den großen Trost,
daß wir beide weinten, weil du mich so lieb hast, und
ich dich ebenfalls; darum muss ich noch ein wenig
Sorge für dich tragen, und dich ermahnen als meine
Geliebteste; nicht, meine liebe Jans Tochter, als ob ich
ein Misstrauen zu dir hätte, daß du nicht in der Furcht
Gottes wandeln würdest. Ach, nein! ich traue dir nur
alles Gute zu, aber daß ich so für dich Sorge trage,
das geschieht aus lauterer, klarer Liebe, weil ich deine
Seele sehr liebe; darum wünsche ich oft, daß der Herr
dich vor mir hinnehmen wolle, denn ich sehe wohl,
wie gefährlich es ist, in den Himmel zu kommen, und
wie bald der Mensch verdorben ist, wie Paulus uns
warnt: Wer meint, daß er stehe, der sehe zu, sagt er,
daß er nicht falle.
Darum, liebe Jans Tochter, halte mir dieses zu gut,
darum bitte ich dich, wie ich denn auch hoffe, daß
du solches tun werdest. Überdies bitte und ermahne
ich dich, daß du allezeit in rechter, ungeheuchelter
Furcht Gottes wandeln wollest, denn die Gottesfurcht
ist doch der rechte Grund, dem Herrn zu gefallen, und
ohne Gottesfurcht ist es unmöglich, Gott zu gefallen;
denn durch die Gottesfurcht hütet man sich vor dem
Bösen, und meidet das Unrecht, indem, wenn man be-
denkt, daß Gott die Sünder so grausam strafen wird,
so fürchtet man ihn aus diesem Grunde; wäre das
nicht, so hätte man nicht nötig, ihn zu fürchten; aber
wenn man daran denkt, so scheut und meidet man
das Unrecht, und die ihn nicht fürchten und scheuen.
treiben viel ungöttliches Wesen; ferner, meine liebe
Jans Tochter, bitte ich dich, du wollest dich an den
Weinstock Christum festhalten; bleibe in Christo, und
Christus in dir, dann wirst du wie eine fruchtbare
Weinrebe sein, voll guter, schöner Früchte; dann wird
dich der Vater reinigen, damit du reichliche Früch-
te hervorbringst, denn wer nicht in ihm bleibt, und
von ihm abweicht, der wird von ihm abgeschnitten
wie eine verdorrte Weinrebe; eure Sünden scheiden
euch und euren Gott voneinander (sagt der Prophet).
Sieh, liebe Jans Tochter, hier haben wir eine klare, aus-
drückliche Schriftstelle, welche uns lehrt, wodurch
ein Mensch von Christo, dem Weinstocke, geschnit-
ten wird, und was das Abscheiden sei, wodurch man
von Gott geschieden wird, nämlich die Sünde, denn,
wenn man die Sünde tut, so wird man mit der Sünde
von Gott geschieden. Darum, mein liebes Weib, bitte
ich dich noch einmal, du wollest dich doch fest an
den Herrn halten, und die Sünde wie eine Schlange
meiden, damit du ihr nicht zu nahe kommst, und von
ihr verschlungen werdest, denn ihre Zähne sind wie
Löwenzähne, und töten der Menschen Seelen. Dar-
um sollen wir uns ja vor der Sünde hüten, denn Gott
warnt den Menschen wohl vor der Sünde; aber er
wehrt sie dem Menschen nicht, wenn er sie selbst
tun will, wie wir viele Exempel in der Schrift haben,
z. B. an Adam und mehreren andern; auch bitte ich
dich, du wollest in dem Leiden, das um Christi willen
über dich kommt, geduldig sein und leidsam, denn
die Leidsamkeit ist sehr gut für die Christen, indem
Christus sagt: Fasst eure Seelen in Geduld; ferner sagt
auch Paulus: Geduld ist euch nötig, damit ihr den Wil-
len Gottes tut, und die Verheißung empfangt. Paulus
durfte wohl mit Recht sagen, daß uns Geduld nötig
sei, was ich in meinen Banden auch wohl erfahren
habe; ferner sagt Paulus: Lasst uns durch Geduld lau-
fen in dem Streite, der uns vorgelegt ist, und auf den
Herzog des Glaubens und Vollender Jesum Christum
sehen, welcher statt der ihm vorgelegten Freude Ver-
achtung und Schande erduldete; gedenkt dessen, der
ein solches Widersprechen von den Sündern wider
sich gelitten hat, damit ihr nicht ablasst, oder in eurem
Mute müde werdet.
Sieh, liebe Jans Tochter, auf solche Weise werden
wir zur Geduld ermahnt, denn durch Leidsamkeit
und Geduld kann man viel Druck und Leid über-
winden; wer aber unleidsam und ungeduldig ist, der
kann in dem Leiden Christi nicht stehen bleiben. Dar-
um darf Sirach wohl mit Recht sagen: Wehe denen,
welche die Geduld verloren haben und zur Seite ab-
gewichen sind, auf verkehrte Wege, wie will es ihnen
ergehen, wenn sie der Herr heimsuchen wird? Liebe
Jans Tochter, habe Acht auf die heilige Schrift, und
645
beweise dich doch in allen Dingen als eine Dienerin
Gottes, in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in
Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr,
in Arbeit, in Wachen, in Fasten, in der Keuschheit, in
der Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in dem
Heiligen Geiste, in ungefärbter Liebe, in dem Worte
der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der
Gerechtigkeit, zur Rechten und Linken, durch Ehre
und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüch-
te; als die Verführer, und dennoch wahrhaftig, als die
Unbekannten, und dennoch bekannt, als die Sterben-
den, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und
doch nicht getötet, als die Traurigen, aber allezeit fröh-
lich; als die Armen, aber die doch viele reich machen;
als die ja nichts innehaben, und doch alles haben. Sieh,
meine Geliebteste, merke auf diese Worte, und war-
te auf die Zukunft des Herrn, wenn er wie ein Dieb
in der Nacht kommen wird, und habe allezeit Öl in
deiner Lampe, und lasse sie nicht erlöschen, sondern
stehe allezeit bereit, den Herrn, deinen Bräutigam,
einzulassen, samt den weisen und klugen Jungfrauen;
habe allezeit das brennende Licht in deiner Hand, und
stehe umgürtet an deinen Lenden, als eine, die auf ihn
wartet, damit du nicht überfallen werdest. Wandle
allezeit, zu allen Stunden, wie du hoffst, vor ihm zu
erscheinen, und lege dich nicht schlafen mit einem un-
ruhigen und anklagenden Gewissen, sondern reinige
dein Herz vor Gott und deinem Nächsten; handle und
wandle allezeit nach der rechten Vorschrift der Schrift,
denn die Schrift zeigt immer auf Christum hin; dann
wirst du nicht zu Schanden, noch betrogen werden,
oder fehlen. Wenn du solches tust, so wird der Gott
des Friedens mit dir sein, und dir den Eingang zum
ewigen Leben reichlich zubereiten.
Darum, mein liebes Jans Kind, sei doch geduldig
in allerlei Druck und Angst, und nimm dir das Lei-
den und die Langmut Christi, und die Propheten, die
zu euch im Namen des Herrn geredet haben, zum
Beispiele. Siehe, sagt Jakobus, wir preisen selig, die
gelitten haben, die Geduld Hiobs habt ihr gehört, und
das Ende des Herrn habt ihr gesehen; selig ist der
Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem
er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfan-
gen, welche der Herr denen verheißen hat, die ihn
lieb haben.
Siehe, liebes Jans Kind, wer überwindet, soll alles
besitzen, und ihm soll kein Leid widerfahren von dem
zweiten Tode; wer überwindet, und meine Werke bis
ans Ende hält, dem will ich Macht geben über die
Heiden, und er wird sie mit einer eisernen Rute regie-
ren, und er wird sie wie ein Häfnersgefäß zerbrechen,
wie Christus von seinem Vater bezeugt hat; und wer
überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem
Throne zu sitzen, gleichwie ich überwunden und mit
meinem Vater auf seinem Throne gesessen habe; wer
überwindet, dem will ich von dem verborgenen Him-
melsbrote zu essen geben, und ich will ihm einen
Stein geben und auf denselben einen neuen Namen
schreiben, welchen niemand kennt, als der, der ihn
empfängt; wer überwindet, soll alles besitzen. Summa,
liebes Jans Kind, die Schrift ist voll von den großen
Belohnungen der Frommen, darum suche das was
himmlisch, und nicht was irdisch ist; denn die irdisch
gesinnt sind, deren Ende ist die Verdammnis. Darum
sehne dich nach den unvergänglichen Schätzen, die
von keinen Dieben gestohlen werden können, näm-
lich nach den himmlischen Gütern, die nicht vergehen,
sondern ewig währen bei dem Vater.
Laß dein Nachsinnen in dem Worte des Herrn sein,
bekümmere dich Tag und Nacht um seine Gebote
und Rechte, warte auf seine Zukunft und verlange
darnach, meide jeden bösen Schein, und stelle dich
nicht an, als ob du noch viele Jahre leben würdest, son-
dern wandle so vor dem Herrn, als ob du zur Stunde
sterben solltest. Lasse das Getön und den Klang der
Trompeten der Engel allezeit in deinen Ohren sein,
wenn die Toten werden auferstehen und vor Christi
Richterstuhl erscheinen müssen, damit ein jeder emp-
fange, nach dem er getan hat, es sei gut oder böse;
denn der Herr, sagt Paulus, wird selbst mit einem
Feldgeschrei und der Stimme des Erzengels und mit
der Posaune Gottes vom Himmel herniederkommen,
und die Toten in Christo werden zuerst auferstehen;
sodann aber werden wir, die wir leben und überblei-
ben, zugleich mit denselben hingerückt werden in den
Wolken, dem Herrn entgegen in der Luft, und werden
also bei dem Herrn sein allezeit.
So tröstet euch nun sämtlich mit diesen Worten,
meine Geliebtesten, denn der Tag des Herrn wird
kommen, wie ein Dieb in der Nacht, in welchem die
Himmel mit großem Krachen vergehen und die Ele-
mente vor Hitze zerschmelzen, und die Erde, und
die Werke, welche darinnen sind, mit Feuer verge-
hen werden. Wenn nun das alles vergehen soll, wie
müssen wir dann geschickt sein, mit einem heiligen
Wandel und gottseligen Leben? Merke wohl, mein
liebes Jans Kind, wie müssen wir dann geschickt sein
(sagt Petrus); deshalb sollen wir es uns denn nicht
verdrießen lassen, wenn wir hier auch viele Trübsale
um des Namens Christi willen leiden müssen. Wenn
jemand als ein Christ leidet (sagt Petrus), der schäme
sich nicht, sondern befehle Gott seine Sache, denn es
ist Zeit, daß das Gericht an dem Hause Gottes anfan-
ge, da aber zuerst an uns, was wird es dann für ein
Ende werden mit denen, die dem Evangelium Gottes
nicht glauben? Und da der Gerechte kaum erhalten
646
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
wird, wie wird der Gottlose und Sünder erscheinen?
Auch steht in den Sprüchen: Da es dem Gerechten
hier vergolten wird, wie will es denn dem Sünder
gehen? Und tut man dieses am grünen Holze (sagt
Christus), was wird dann am dürren geschehen? Sieh,
meine Geliebteste, hat Christus, die ewige Wahrheit,
leiden müssen, ehe er in seines Vaters Reich ging, um
wie viel mehr seine Glieder? Denn er sagt selbst, daß
der Knecht nicht besser sei, als sein Herr; haben sie
mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; ha-
ben sie mein Wort gehalten, so werden sie das eure
auch halten; aber dieses alles werden sie euch tun um
meines Namens willen, denn sie kennen den nicht,
der mich gesandt hat, und da der Gerechte hier lei-
den muss, wo soll denn der Sünder erscheinen? Dar-
um alle, die nach dem Willen Gottes leiden, befehlen
ihre Seelen dem treuen Schöpfer mit guten Werken
(sagt Petrus). So gib dich denn, mein liebes Jans Kind,
so gut zufrieden, als du kannst, wenn uns auch die
Menschen hier scheiden, so werden sie doch nach-
her keine Gewalt mehr an uns haben; dann werden
wir in großer Standhaftigkeit wider diejenigen stehen,
die uns geängstigt haben, und sie werden sagen: Das
sind die, welche wir verspottet und verhöhnt haben;
wir unsinnige Menschen haben den rechten Weg ver-
fehlt, und das Licht der Gerechtigkeit hat uns nicht
geschienen; dann wird Carolus, mit seinen blutigen
Befehlen, keine Gewalt mehr haben, so wenig als dieje-
nigen, welche sie ausführen; die blutdürstigen Pfaffen
werden alsdann Gottes Volk nicht mehr hassen, son-
dern wir werden mit dem Herrn leben, von Ewigkeit
zu Ewigkeit, und werden aus- und eingehen wie die
Mastkälber; dann wird diese große Trübsal vergessen
sein, und wird in große Freude verwandelt werden,
welche kein Ende nehmen wird, denn tausend Jah-
re werden alsdann nur ein Tag zu sein scheinen, vor
großer Freude (2Pt 3,8).
Darum, meine Geliebteste, tröste dich nun mit die-
sen Verheißungen, denn der ist getreu, der es verhei-
ßen hat, und wartet ihrer mit Geduld und Langmut;
ich hoffe auch dich unter dem Altäre zu erwarten.
Hiermit will ich dich Gott befehlen, der Israel durch
das rote Meer und durch die Wüste gebracht hat, bis
sie im Lande der Verheißung waren; derselbe müsse
dich auch in sein ewiges Reich bringen; ich wollte
wohl von Herzen, daß ich dich mitnehmen könnte,
aber du musst die Zeit mit Geduld erwarten.
Hiermit schreibe ich dir für eine kurze Zeit gute
Nacht, denn künftighin denke ich nicht mehr dir zu
schreiben, aber ich hoffe mit dir noch mündlich zu
sprechen in des Himmels Throne.
Gute Nacht, liebes Weib, tausendmal gute Nacht,
halte dich tapfer in der Wahrheit, und wandle recht
auf dem engen Wege, bis der Herr kommt; ich danke
dir auch sehr herzlich für die große, übermäßige Liebe,
die du an mir erwiesen hast; in der Not spürt man die
beste Liebe.
Auch sage ich allen Freunden gute Nacht; sie na-
mentlich anzuführen ist zu viel; sage auch meinem
Sohne Hendrik Janß gute Nacht, und melde ihm, daß
er ein gutes Kind werden und unsern lieben Herrn
fürchten lernen soll, denn alle frechen, gottlosen Kin-
der werden nicht in den Himmel kommen, sondern in
die Hölle fahren; auch soll er fleißig lernen und in die
Schule gehen, und nicht mit frechen Kindern spielen
und laufen, sondern seiner Mutter, seinem Großvater
und seiner Großmutter gehorsam sein; auch soll er
sich nicht angewöhnen, übel zu reden, oder zu lügen,
denn der Mund, welcher lügt, tötet die Seele. Ferner,
Lysbeth Jans, die Briefe nach Delft magst du sie behal-
ten lassen, dann hast du keine Mühe damit, weil sie
die Briefe zuvor lesen lassen will, wie sie mir schreibt;
ich sende dir mit diesem Briefe drei Geldstücke, von
denen jeder von euch eins als einen Gedenkpfennig
haben soll; du eins, mein Sohn eins und meine Tochter
eins; aber meiner Tochter kannst du das Geringste ge-
ben, wenn es dir beliebt. Das Bett kannst du die Frau
nachzahlen lassen wie auch den Mantel, und daß ich
ihm sehr danke. Nun, mein liebes Jans Kind, halte
dich tapfer; ich schreibe dir hiermit gute Nacht, gute
Nacht, liebes Jans Kind; gib dich doch so viel zufrie-
den, als du kannst; du hättest dich ja zufrieden geben
müssen, wenn ich auf der See geblieben wäre; es muss
einmal geschieden sein. Du kannst nun wieder nach
Hause fahren, bitte doch den Herrn für mich; ich hoffe
deiner nicht zu vergessen. Grüße die Freunde, wenn
es sich fügen will. Gute Nacht, mein liebes Jans Kind;
du weißt wohl, warum ich leide.
Geschrieben den 4. Februar im Jahre 1571, von mir,
Jan Hendrikß.
Einige Verhörpunkte des Jan Hendrikß.
Nachdem einige Brüder von mir begehrt haben, ich
sollte ihnen darüber ein wenig schreiben, worüber
mich die Herren, als ich vor ihnen war, meines Glau-
bens wegen gefragt haben, so kann ich nicht anders,
sondern muss ihnen ein wenig von den Antworten
schreiben, die ich ihnen nach meinem geringen Fi-
scherstande, den mir der Herr gegeben hat, erteilt
habe; auch hat mich der Schultheiß weder viel, noch
gründlich gefragt, wie ihr noch wohl hören werdet.
Nachdem ich vierzig Wochen gefangen gesessen hat-
te, bin ich, den fünften Juni, als man siebzig schrieb,
wenn ich es recht behalten habe, das erste Mal gefor-
dert worden, um vor die Herren zu kommen. Als ich
647
nun in das Zimmer der Gerichtsherren kam, waren
dort die Gerichtsherren mit dem Schulzen und den
Bürgermeistern versammelt; da entblößte ich mein
Haupt, und bot ihnen einen guten Tag, was sie auch
erwiderten; dann sagte der Schultheiß, ich sollte mich
auf eine Bank sehen, was ich auch tat; darauf fragte
mich der Schultheiß, wie alt ich wäre; ich erwider-
te, daß ich solches nicht wüsste; aber, sagte ich, du
kannst 28 Jahre schreiben; solches wurde niederge-
schrieben. Wo bist du geboren? Im Schwärtewael. Wie
lange hast du auf dem Hafen gewohnt? Fünf Jahre,
mit Einschluss der Zeit, die ich hier gefangen gelegen
habe, sagte ich. Ja, sagte der Schultheiß, das ist eben
eins. Da fragte mich der Schultheiß, warum ich nicht
meine Kinder hätte taufen lassen. Weil ich es niemals
gelesen habe, daß die Kinder von den Aposteln ge-
tauft worden sind; auch findet man, sagte ich, das
nicht in der Schrift; hierauf wurde niedergeschrieben:
Jan Hendrikß hat uns bekannt, daß er seine Kinder
nicht habe taufen lassen, weil er niemals in der Schrift
gelesen hat, daß Kinder getauft worden seien. Darauf
fragte mich der Schultheiß, wie viel Kinder ich hätte,
ob ich nicht mehr hätte als die beiden, die er hatte
taufen lassen; ich erwiderte: Nein. Wie alt sind die
Kinder? Antwort: Das älteste ist drei Jahre, das ande-
re aber ungefähr ein Jahr alt. Darnach fragte mich der
Schultheiß, ob ich es wohl gewusst hätte, daß man die
Kinder taufte; ich antwortete: Ja, ich habe das selbst
gesehen. Frage: Warum hast du denn deine Kinder
nicht taufen lassen? oder bist du vielleicht besser und
weiser als deine Voreltern waren? Antwort: Daß ich
meine Kinder nicht habe taufen lassen, kommt daher,
weil ich es niemals gelesen habe, daß Kinder getauft
worden seien. Darauf sagten sie, es seien ja ganze
Haushaltungen getauft worden. Antwort: Es steht
von ganzen Haushaltungen; aber es steht auch dabei,
daß sie sich alle erfreuten, weil sie in dem Herrn gläu-
big geworden waren; das können aber keine Kinder
tun; solches gestanden mir auch einige Herren zu. Da
fragte mich der Schreiber, wo es verboten wäre, die
Kinder zu taufen. Ich fragte ihn, wo es verboten wäre,
zu Würfeln; darauf sagte er, daß es genug verboten
wäre; aber er konnte mir das nicht beweisen. Da sagte
ich: Es ist nirgends verboten; gleichwohl weiß ein je-
der, daß es nichts nutzt, wie sie selbst auch bekannten,
daß es nicht gut wäre, denn, sagte ich, es ist nicht alles
in heiliger Schrift verboten, was böse ist, und setzte
hinzu, daß es niemandem erlaubt sei, einen Gebrauch
einzuführen, die Kinder zu taufen, oder man müsste
solches aus der Schrift beweisen.
Darauf fragte mich der Schultheiß, ob ich mich hätte
taufen lassen. Antwort: Ich habe mich einmal taufen
lassen, und ich weiß nur von einer Taufe. Darauf frag-
te mich der Schultheiß, ob ich mehr getauft wäre, als
in meiner Kindheit. Antwort: Ich habe mich einmal
taufen lassen, nach der Schrift, als man 63, den letzten
Tag März schrieb. Darauf sagte der Schultheiß: Es ge-
schah, als man 64 schrieb; du hast mir solches selbst
bekannt, als ich dich gefangen nahm. Es war, sagte
ich, als man 63 schrieb; ich will das nicht leugnen,
wenn es auch ein Jahr mehr oder weniger ist. Hierauf
sagte der Schultheiß: Vielleicht haben wir einander
nicht recht verstanden. Solches ließ er auch so nie-
derschreiben: Jan Hendrikß hat sich taufen lassen, als
man 63 schrieb, den letzten März, und das nach Inhalt
der Schrift. Damals warst du noch nicht alt, sagte der
Schultheiß. Das ist wahr, erwiderte ich. Darauf fragte
er, ob ich nicht wüsste, daß ich in meiner Kindheit
getauft worden wäre. Ich habe es wohl sagen gehört,
sagte ich, aber ich erinnere mich dessen nicht. Das
glaube ich wohl, sagte der Schultheiß; was war das
für ein Mann, der dich taufte, wo war er her, und
was war sein Name? Antwort: Ich fragte ihn nicht um
seinen Namen; ich habe ihn mein Leben lang nicht
gesehen, und habe ihn auch seit der Zeit nicht wieder
gesehen, so viel ich weiß. Dies wurde wieder so voll-
ständig niedergeschrieben, als ich es ihnen bekannte.
Frage: Wo wohnt er? Antwort: Ich weiß es nicht. Fra-
ge: Weißt du nicht, wo er her war? Antwort: Ich werde
euch das nicht sagen; ich will niemanden nennen. Fra-
ge: Warum? Antwort: Weil ich niemanden beschweren
will; es sind ihrer schon genug in dem Drangsale; auch
habt ihr Mühe genug mit uns. Frage: War niemand
dabei, als du getauft wurdest? Antwort: Ja. Frage: Wel-
che waren es, und wie heißen sie? Antwort: Solches
will ich nicht sagen. Frage: Wo geschah es, und an
welchem Orte? Antwort: In Holland. Darauf sagte der
Schultheiß: Holland ist groß, an welchem Orte? Ich
erwiderte: Was wollt ihr mich viel nach dem Platze
fragen; wenn ich euch denselben nennte, so würdet
ihr noch mehr wissen wollen; ich aber begehre nie-
manden zu beschweren; endlich nannte ich ihnen den
Ort und sagte, daß es zu Delftshaven geschehen sei.
Frage: In welchem Hause? Antwort: Ich werde das
nicht sagen. Frage: Wie hießen die Leute, die dort im
Hause waren? Antwort: Ich will niemanden nennen.
Frage: Warum? Sind die Leute und das Haus so heilig,
daß man sie nicht nennen darf? Antwort: Wenn ihr
sie wüsstet, so würdet ihr sie nicht zufrieden lassen;
auch will ich niemanden beschweren; ihr habt mit
uns Mühe genug. Da fragte der Schultheiß, wie lange
ich mein Weib gehabt hätte, und wo ich sie geheiratet
hätte. Antwort: Ungefähr fünf Jahre, wobei ich ihnen
sagte, daß ich sie vor der Christen Kirche geheiratet
hätte. Frage: Vor welcher Kirche? Du hast sie ja nicht
vor der Kirche, die auf Delftshaven steht, geheiratet.
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Antwort: Nein. Das wurde auch niedergeschrieben,
daß ich sie vor der Christen Kirche geheiratet hätte.
Frage: Wer war dabei? Antwort: Solches will ich euch
nicht sagen. Darauf sagte der Schultheiß, ich sollte die
Leute nennen, oder er wollte mich peinigen. Antwort:
Herr Schultheiß, wer hat dich das gelehrt? Da sagte
der Schultheiß, er hätte die Macht, um mir solches an-
zutun; auch drohte er mir sehr, und als er hörte, daß
ich niemanden nennen wollte, sagte er zu dem Schrei-
ber, daß er schreiben sollte, Jan Hendrikß hat uns alle
dergleichen Dinge bekannt, wie ich ihnen gesagt hat-
te, aber er hat niemanden genannt, weil er niemanden
beschweren will. Als mich der Schultheiß so gefragt
hatte, wünschte er mich viele Meilen weit weg; ich
sagte zu ihnen, ich wollte wohl, daß ich auf Hitland
wäre. Darauf sagte der Schultheiß: Wo ist das? Wo
die Heringsschiffer den Hering fangen? Ja, ich wollte
wohl, daß du dort ständest, sagte der Schultheiß, mit
allen denen, die von eurer Religion sind. Einer von
den Herren, von welchem man mir sagte, daß ein Bür-
germeister wäre, wollte mit mir von der Taufe reden,
und fragte mich, ob ein Mensch, der ein christliches
Leben führte, der sich aber nicht taufen ließe, selig
werden könnte, oder ob das ihm an seiner Seligkeit
hinderlich wäre; darauf sagte ich: Nein, denn sonst
müsste die Seligkeit durch das Wasser kommen; aber
die Taufe ist ein Befehl Christi, darum muss man sie
gebrauchen. Hierauf erzählte er, daß wir dafür hielten,
daß man keine Kinder taufen sollte, und fragte mich,
zu welcher Zeit man sie denn taufen sollte, und wie
alt sie sein müssten. Darauf antwortete ich ihm, daß
die Schrift kein bestimmtes Jahr vorschreibe, ob sie
zwanzig, dreißig, fünfzig oder hundert Jahre alt sein
müssten; wenn sie Buße täten, und solches begehr-
ten, so möchte es geschehen; und in solcher Weise
gebrauchten wir die Taufe, aber nicht eher, sagte ich,
und so hat es Christus gelehrt, und die Apostel haben
es so beobachtet. Darauf sagten sie, das hätte damals
so sein müssen, daß man damals die alten Menschen
taufte; jetzt aber muss man die Kinder taufen, denn es
war damals der Anfang, oder im Entstehen; dies war
ihr Einwand. Darauf fragte ich den Bürgermeister, ob
Christus nicht, Mt 23 und Mk 16, befohlen hätte: Geht
hin und lehrt alle Völker, und tauft sie im Namen des
Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; ob die
Apostel solches nicht unterhalten, und das Volk zu-
erst gelehrt, nachher aber getauft hätten? Darauf sagte
er: Ja, denn man findet ja, sagte er, daß ihrer an 5000
auf einmal oder zu gleicher Zeit getauft worden sind.
Darauf fragte ich ihn abermals, ob er denn bekenne,
daß man damals alte Leute getauft habe? Ja, sagte
er. Nun wohlan, sagte ich, man findet ja klar genug,
daß die Apostel mehr als zehn oder zwanzig Jahre
in der Welt zugebracht und zuerst alte Leute getauft
haben, wie ihr selbst bekennt, und solches musste
damals so geschehen, weil es der Anfang war; und
weil man denn findet, daß sie eine so lange Zeit in der
Welt zugebracht haben, so sind ja, in solcher langen
Reihe von Jahren, Kinder genug zur Welt gekommen,
was er auch bekannte; ferner sagte ich: Beweise mir
einmal, wo die Apostel in solcher langen Zeit Kinder
getauft und die Taufe auf die Kinder verändert haben,
denn ihr sagt, daß man damals die alten Leute hätte
taufen müssen, daß man jetzt aber die Kinder taufen
müsse; hätten die Apostel die Taufe verändern wollen,
oder gewollt, daß man sie verändern sollte, sie hätten
selbst Zeit genug gehabt, denn sie waren lange genug
in der Welt, indem Paulus sagt: Ich habe euch nichts
verhalten, daß ich nicht jeden Rat Gottes verkündigt
hätte; aber sie konnten mir das nicht widerlegen. Dar-
auf sagte der älteste Gerichtsherr, man würde mir das
wohl beweisen; aber es ward nichts daraus. Eben der-
selbe Gerichtsherr meinte, daß Gott den Menschen
einmal erschaffen, und nicht mehr, und daß er die
Beschneidung dem Abraham einmal befohlen habe,
und nicht mehr; ebenso habe er auch die Taufe einmal
befohlen, und nicht mehr. Antwort: Das ist wahr; da
aber Gott den Menschen Adam einmal erschaffen hat,
und nicht mehr, und da er ihnen die Beschneidung
einmal befohlen hat, und nicht mehr, und ihnen die
Taufe einmal befohlen hat, und nicht mehr, und sie
solche unverändert behalten haben, warum haben sie
denn die Taufe von den alten Leuten auf die Kinder
übertragen? Sie sagten: Wer hat sie verändert? Ant-
wort: Die Kindertäufer. Da baten sie mich, daß ich
die Sache wohl überlegen sollte, daß ihnen nichts am
Verbrennen gelegen wäre. Ich antwortete ihnen: Das
weiß ich wohl; ich habe keinen Sinn zum Verbrennen,
es ist nichts am Verbrennen gelegen; wenn ich nicht
wüsste, daß ich Recht hätte, so wollte ich lieber mit
Schanden nachgeben, als mit Ehre den Leib lassen;
denn es ist keine geringe Sache, sich an einem Pfahle
verbrennen zu lassen; ich habe so große Lust nicht
zum Sterben; ich wollte mein Leben lieber behalten,
wenn es Gottes Wille wäre. Ja, sagten sie, du magst
es wohl überlegen. Darauf sagte der Schultheiß: Jan
Hendrikß, du hast uns das bekannt (und er ließ mein
Bekenntnis und alles, was ich bekannt hatte, in meiner
Gegenwart vorlesen), willst du nun etwas nachgeben,
so werden meine Herren ihr Bestes tun, um dich zu
befreien. Antwort: Meine Herren, ich stelle mich ganz
zu eurer Verfügung; wenn man mir beweisen kann,
daß ich Unrecht habe, und wenn ich das fühlen kann,
will ich von dem Bösen abstehen. Das ist gut, sagten
sie, und setzten hinzu, ich sollte den Herrn um Gna-
de bitten, daß er mir einen guten Verstand verleihen
649
möge. Das will ich gern tun, sagte ich; solches währte
ungefähr anderthalb Stunden; darauf ließen sie mich
wieder hinaufführen. Was ich erzählt, enthält die meis-
ten Fragen, die sie mir vorgelegt haben, so wie ich sie
behalten habe, und meine schlichte Fischersantwort,
die ich ihnen gab, nach meinem Gedächtnisse; denn
es ist wohl sechs Wochen nach dem Verhöre aufge-
schrieben worden, weil ein Mann bei uns lag, dem
wir nicht trauen konnten; aber den ganzen Hergang
der Sache zu schreiben war mir unmöglich, denn mein
Gedächtnis ist schwach.
Einige Tage später bin ich abermals vor meinen Her-
ren, den Schultheißen und einen jungen Pfaffen, den
Kaplan von der Alten Kirche, gebracht worden, wo
wir zu dreien in der Gerichtskammer waren. Da fing
der Pfaffe an zu erzählen, wie er mit einem Manne
ins Gespräch gekommen sei, und wie sie viele Worte
miteinander über die heilige Schrift, wie auch über
das Brennen und Töten gewechselt hätten, denn es
wären unlängst vier Pfaffen im Haag getötet worden;
auch hatten die Pfaffen einander erzählt, daß viele
und voneinander abweichende Auslegungen in der
Welt von der heiligen Schrift vorhanden wären und
daß ein jeder für seinen Glauben den Tod litte, und
dennoch nur einer recht wäre. Dies sagte mir der Pfaf-
fe und setzte hinzu, sie hätten viele Worte gehabt, und
dieser Mann hätte von ihm begehrt, daß er einmal mit
mir reden sollte. Da fragte ich: Was war es für ein
Mann? Er war von eurer Religion, sagte er, und ein
Seemann, ein Mann wie du bist. Da fiel mir gleich ein,
wer es gewesen wäre, aber er ist nicht von unserer
Religion, denn ich hatte schon zuvor von ihm gehört;
hierüber gerieten wir scharf aneinander. Der Pfaffe
fragte mich, es wären ja so viele Religionen, welche
ich denn für die wahre hielte? Ich fragte: Was habe
ich mit einem andern zu tun, ich weiß allein von mir.
Er fragte, ob denn mehr als ein rechter Glaube wäre.
Nein, sagte ich. Darüber fielen sehr viele Worte; der
Schultheiß aber hörte zu und bestärkte den Pfaffen
sehr in seinen Reden, und wenn ich die Schrift wider
sie beibrachte, so war der Pfaffe darüber aus, mei-
ne Reden zu verdunkeln, sodass ich dieselben nicht
erklären konnte; er sagte auch oft zu mir: Du trittst
immer mit der heiligen Schrift hervor. Ja, sagte ich,
womit sollte ich hervorkommen, ich habe sonst nichts.
Ja, sagte er, das weiß ich wohl, daß ihr immer mit
der Schrift hervorkommt und den Spruch 2Th 2,15
oft anführt, wo Paulus sagt: So steht nun, liebe Brü-
der, und haltet an den Satzungen, die ihr gelehrt seid,
es sei durch unser Wort oder Epistel. Merket wohl
auf das Wörtlein Wort, damit wollte er beweisen, daß
außerdem noch mehr Schrift vorhanden wäre, als ge-
schrieben war, wonach wir auch handeln müssten
(wie ich seine Reden nicht anders begreifen konnte,
denn er erzählte sie oft, ehe ich sie ein wenig verste-
hen konnte), was ja nur ein Ärgernis ist, denn wie
kann man mehr halten als geschrieben ist? Sie sind
auf nichts aus, als nur den Sinn der Schrift zu verdun-
keln, denn sie finden es wohl, daß sie mit der Schrift
zu kurz kommen; auch können sie es nicht gut leiden,
daß wir die Schrift des Neuen Testamentes anführen,
denn wenn wir das tun, so fragen sie zunächst, warum
mir mehr aus dem Testamente reden, als aus andern
Schreibern, und woher wir wüssten, daß das Testa-
ment wahr sei; sie tun auch viele Fragen, die nicht
erbaulich sind, und springen von dem Ochsen auf
den Esel; aber wenn sie einige Sprüche in dem Testa-
mente finden, die ihnen das Wort reden, die müssen
dann bestehen, dann muss Gottes Wort in Ewigkeit
bestehen. Als wir auf das Brotbrechen zu sprechen
kamen, wo Paulus sagt: Nehmt und esst, das ist mein
Leib, so müssten diese Sprüche festgestellt werden.
Ich fragte ihn mehr als einmal, ob das Brot, das sie
den Menschen geben, der Leib Christi sei. Er sagte: Ja,
wenn wir die Worte darüber gesprochen haben, so ist
es sein Fleisch und Blut, ja, Seele und Leib; es ist die
Wahrheit, was ich schreibe. Darauf sagte ich: Ich habe
zwar wohl mit euch das Brot gegessen, aber ich konn-
te es in meinem Munde nicht fühlen, daß es Fleisch
würde, sondern es blieb Brot, wie es war; darüber
hatten wir viele Worte. Ich sagte, daß Christus selbst
gesagt habe: Fleisch und Blut sind nichts nütze, aber
die Worte, die ich rede, sind Geist und Leben. Da kam
er mit der Frage, ob denn das Fleisch Christi nichts
nütze? Dergleichen Reden hatten wir viele. Ich sagte,
daß geschrieben stände, daß der Allerhöchste nicht
in Tempeln wohne, die mit Händen gemacht sind,
auch wird er von keines Menschen Händen geehrt.
Ja, sagte der Pfaffe, eben als ob er jemandes bedürfe,
denn er bedarf unserer nicht, sondern wir bedürfen
seiner. Darauf fragte er mich, was ich davon hielte,
oder dergleichen. Ich antwortete, daß Paulus, IKor 10,
sagt: Als mit den Weisen rede ich, urteilt ihr selbst,
was ich sage; der gesegnete Kelch, welchen wir seg-
nen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi?
Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemein-
schaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist es, so sind
wir viele ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig
sind. Seht an den Israel nach dem Fleische, welche die
Opfer essen, sind die nicht in der Gemeinschaft des
Altars? So ist denn das mein Bekenntnis, daß es nur
eine Gemeinschaft mit Christi sei, denn Paulus legt
es dort mit einem Gleichnisse aus, und sagt: Seht an
den Israel nach dem Fleische; welche die Opfer essen,
sind die nicht in der Gemeinschaft des Altars? Nun
frage ich, sagte ich zu ihnen, was war es, das Israel aß.
650
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der Altar oder die Opfer? Sie sagten, die Opfer, aber
sie wollten es nicht verstehen. Das ist recht, sagte ich;
gleichwohl waren sie in der Gemeinschaft des Altars;
ebenso ist es auch mit dem, der das Brot brechen oder
genießen hilft; sie essen nur Brot und sind gleichwohl
in der Gemeinschaft des Leibes Christi. Ich fragte, wo-
mit er seine Messe beweisen wollte? Da kam er mit
dem Spruche IKor 11: Tut das zu meinem Gedächt-
nisse; damit bewies er seine Messe. Wohlan, sagte ich,
da steht nichts von einer Messe. Ich fragte ihn weiter,
ob man wohl jemanden um seines Glaubens willen
gefangen nehmen dürfte. Er sagte: Ja. Ich entgegnete:
Paulus sagt aber: Einen ketzerischen Menschen, wenn
du ihn ein- oder zweimal ermahnt hast, meide; er sagt
aber nichts vom Gefangennehmen. Es steht geschrie-
ben, sagte der Pfaffe, daß die Obrigkeit das Schwert
nicht umsonst trägt. Ja, zur Strafe der Bösen und zum
Schutze der Frommen, erwiderte ich; aber habe ich
Böses getan? Sie sagten: Du hast einer falschen Lehre
angehangen, und bist in Versammlungen gewesen,
welche wider die römische Kirche sind, was der Kö-
nig nicht leidet, indem er sein Land beschützen will;
denn man hat wohl gesehen, was die von Münster ge-
tan haben, die darauf aus waren, Städte einzunehmen
und dem Könige das Land abzujagen. Ich antwortete:
Die von Münster haben nicht wohl getan; hast du aber
von mir dergleichen gehört? Ich habe die von Münster
mein Leben lang nicht gekannt, nein, sondern diesel-
ben sind aus euch entstanden. Wohlan denn, wenn ihr
von mir dergleichen gehört hättet, so wärt ihr früh ge-
nug gekommen, um mich zu fangen, denn man kann
niemanden mit Recht verbrennen, oder er muss erst
selbst Böses getan haben, nicht aber um eines andern
willen; aber der Pfaffe verteidigte die Obrigkeit hierin
sehr, daß man wohl jemanden wegen seines Glaubens
gefangen nehmen möchte. Ich sagte: Christus sagte
ja zu seinen Knechten, als sie das Unkraut ausrotten
wollten, daß sie solches nicht tun, sondern daß sie
beides bis auf den Tag der Ernte aufwachsen lassen
sollten. Der Pfaffe sagte: Man kann wohl an den En-
den herumgehen, das Unkraut auszurupfen und doch
das Gute nicht beschädigen. Ich antwortete: Christus
verbietet solches zu tun, und sagt, daß man beides
bis auf den Tag der Ernte aufwachsen lassen soll; aber
der Pfaffe behauptete immer von der Obrigkeit, daß
es ihr Werk wäre, gefangen zu nehmen, eben als ob
die Diener der römischen Kirche hierin keine Schuld
gehabt hätten. Da fragte ich ihn, ob mein Herr, der
Schultheiß von Delft, der bei uns war, ein Bruder und
ein Diener ihrer Gemeinde wäre? Dieses fragte ich ihn
oft, aber er wollte mir darauf keine bestimmte Ant-
wort geben und wich mir immer aus; indessen ließ
ich nicht nach, bis er ja oder nein sagen sollte, wozu er
sich aber ungern verstehen wollte. Der Schultheiß, als
er sah, daß wir so scharf aneinander kamen, stand vor
uns und hörte sehr genau zu; darum setzte ich ihm
um desto mehr zu. Zuletzt sagte er: Ja. So erkennst
du ihn denn, sagte ich, für einen Bruder und Diener
eurer Gemeinde? Ja, sagte der Pfaffe. Wohlan, nun
begehre ich von dir, daß du mir es beweisest, wo die
Apostel Obrigkeiten in ihrer Gemeinde gehabt hat-
ten, die den Glauben mit Feuer, Wasser und Schwert
verteidigt haben, wie ihr tut. Das konnte er mir nicht
beweisen, sondern kam mit der Rede, Apg 23, wo Pau-
lus gefangen war, und mehr als vierzig Männer ein
Gelübde getan hatten, weder zu essen noch zu trin-
ken, bis sie Paulus getötet hätten; dieses hörte Paulus
Schwesterkind und hinterbrachte es Paulus, dieser
aber sandte ihn zum Oberhauptmanne, welchem er
es sagen sollte; als nun derselbe dieses hörte, sagte
er zu zwei andern Hauptleuten, daß sie die Tiere fer-
tig machen und Paulus darauf setzen und bewahren,
und ihn zum Landpfleger Felix bringen sollten mit
einer Bedeckung von 200 Kriegsknechten, 70 Reitern
und 200 Schützen. Darauf antwortete ich: Paulus war
damals gefangen, auch war es eine ungläubige Ob-
rigkeit; aber beweise mir einmal, wo sie Obrigkeiten
in ihrer Gemeinde gehabt haben. Ja, sagte der Pfaffe,
haben die Ungläubigen das getan, um wie viel mehr
die Gläubigen? Ich fragte, wo die Apostel Glocken ge-
tauft hätten. Er antwortete: Wir taufen keine Glocken.
Was lehrt ihr sie denn, sagte ich. Er erwiderte, daß
sie dieselben zu segnen und darüber zu lesen pfleg-
ten, wenn ich anders seine Reden recht behalten habe,
denn, sagte er, der Satan pflegte oft bei dergleichen
Dingen zu sein; und nun erzählte er, wie er in der
neuen Kirche regiert hätte, und darum würde solches
getan, wie er sagte, wobei sehr vieles geredet wurde.
Ich sagte zu ihm, daß ich niemals gelesen hatte, daß
die Apostel Obrigkeiten in ihrer Gemeinde gehabt
haben, die ihren Glauben mit dem Schwerte vertei-
digt hätten, aber ich hätte wohl gelesen, daß Paulus
gesagt habe: Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu
kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, mit
den Herren der Welt und den Regenten der Finsternis
dieser Welt.
Der Pfaffe ergriff dies mit Eifer, und fragte, wo sol-
ches geschrieben stände? An die Eph 6, sagte ich. Da
ergriff er sein Testament und suchte es, und als er
es gelesen hatte, sagte er: Das sagt Paulus von dem
Teufel, der ist ein Fürst der Welt. Ich sagte: Es ist die
Obrigkeit der Welt, welche dieselbe regiert, denn es
ist von den Fürsten und Herren der Welt die Rede.
Darüber wurden viele Worte gewechselt, welchem
der Schultheiß fleißig zuhörte. Der Pfaffe sagte, unser
Glaube habe noch nicht lange bestanden, ihr Glau-
651
be aber hätte schon fünfzehnhundert Jahre gedauert,
und wenn auch ganze Landschaften abfielen, so bau-
ten sich wieder andere Länder auf in Indien; dort
geschähen viele große Zeichen und Wunder, wie es
zu Christi Zeiten geschehen, sodass die Christen, sagt
er, im Gange bleiben. Da sagte ich: Geschieht das dort
und nicht hier? Die Gemeine ist ja hier im Lande auch;
es sind in Delft eben so gut Prediger als dort und
in mehreren andern Städten dieser Gegend. Er sag-
te, daß dieses gewiss und die Wahrheit sei. Ja, sagte
ich, die Zauberer Pharaos zauberten Mose auch nach
in dem, was er tat. Ja, sagte der Pfaffe, dem wäre
so, aber sie täten doch dergleichen Dinge nicht, wie
dort geschehen. Da sagte ich: Wohlan, ich will euch
noch mehr Reden beibringen; wir lesen ja, daß eine
Zauberin den Samuel aus dem Grabe hervorgebracht
habe, und Samuel redete mit ihr oder mit Saul. Das
ist wahr, sagte der Schultheiß, das habe ich auch ge-
lesen. Auch sagte ich, sagt Christus selbst, daß sie
sagen werden: Herr, haben wir nicht durch deinen
Namen die Teufel ausgetrieben? Aber er wird ihnen
antworten: Geht von mir, ich kenne euch nicht. Darauf
sagte der Schultheiß: Jan Hendrikß glaubt es nicht, ist
dem so, Jan Hendrikß? Nein, Herr Schultheiß, sagte
ich, es geschieht viel Schalkheit. Ja, sagte der Pfaffe,
es ist freilich viel geschehen, das nicht gut war; da-
bei erzählte er, daß wohl Päpste gewesen seien, die
nichts Gutes getan oder nicht recht getan hätten. Dies
bekannte der Pfaffe selbst; aber es wäre gegenwärtig
ein alter, geschickter Mann Papst, von welchem viel
Gutes gesagt werde, sagte er, und bekannte dabei, daß
freilich unter ihnen böse Missbräuche wären. Ich sag-
te: Paulus sagt, daß man den alten Sauerteig ausfegen
sollte, und wenn jemand wäre, der sich einen Bruder
nennen ließe, und ein Trunkenbold, oder ein Lästerer,
oder Hurer wäre, so sollte man mit einem solchen
nichts zu schaffen haben; aber davon hatte er nicht
viel Einsicht, wie es schien. Jawohl, sagte der Schulz,
wenn jemand wäre, der mit eines andern Mannes Wei-
be zu tun hätte, mit dem wollte ich nichts zu schaffen
haben. Der Pfaffe fragte, warum ich von ihnen ausge-
gangen wäre. Ich erwiderte, daß ich gehört hätte, wie
die Pfaffen über die Papisterei öfters gepredigt und
dieselbe sehr geschmäht hätten; sie täten aber selbst
nicht darnach, sondern pflegten sich so trunken zu
trinken, daß sie sich rauften, schlügen und rasten, als
ob sie närrisch wären; darum sei ich von ihnen ausge-
gangen. Dieses bekannte ich ihm, weil der Schultheiß
zugegen war; ich wollte nicht gern ihnen ihre Dinge
vorwerfen, wenn keine Herren dabei waren. Ich sagte:
Man will uns im Gefängnisse unterrichten; stattdes-
sen sollte man uns auf freien Fuß stellen, und uns
dann unterweisen; aber davon sagt man uns nichts.
Nachdem wir nun dergleichen Worte viel miteinan-
der gewechselt hatten, sagte ich zu dem Schultheißen:
Herr Schultheiß, ich muss dich etwas fragen: Wenn
ich von meinem Glauben abfiele, aber ich sage nicht,
daß ich es tun will. Wohl, sagte der Schultheiß, ich
sage das auch nicht, daß du es tust. Aber wenn ich
es täte, fuhr ich fort, wolltet ihr mich wohl des Le-
bens versichern, und mir die Freiheit geben? Das sage
ich nicht, antwortete der Schultheiß, sondern ich sa-
ge, wie unsere Herren gesagt haben, daß wir unser
Bestes tun wollen. Ja, Herr Schultheiß, sagte ich, was
sollte denn der Widerruf zu bedeuten haben? Es hat
sich ja zugetragen, daß sie von ihrem Glauben abge-
fallen und gleichwohl getötet worden sind, wie man
in Delft gesehen hat. Ja, sagte der Schultheiß, sie sind
auch wohl in Freiheit gesetzt worden. Dieses musste
ich einmal fragen, um zu hören, was er sagen würde,
denn wir hatten miteinander viel davon geredet, nicht
als ob wir von unserem Glauben abfallen wollten, son-
dern, um zu hören, was sie sagen würden, denn es ist
meine Absicht niemals gewesen und ich habe auch
jetzt keinen Willen dazu, aber wir hatten damals gute
Ursache dazu, ihnen eine solche Antwort zu geben.
Was sollten wir von unserm Glauben abfallen; man
will uns ja keine Versicherung des Lebens geben, weil
sie uns mit dem Abfalle plagen.
Wir hatten sehr viele Reden miteinander, und was
ich erzählt, enthält den größten Teil desjenigen, was
ich behalten habe, denn mein Gedächtnis ist nicht
stark. Sollte ich alles nie der schreiben, so müsste ich
viel Papier haben, denn unsere Unterredung währ-
te wohl vier Stunden, sodass meine Mitbrüder we-
gen meines langen Ausbleibens sehr betrübt waren,
denn sie dachten, daß ich in ein anderes Gefängnis
gebracht worden wäre. Hiernächst zog der Schultheiß
die Schelle, worauf die Diener kamen; ich aber sagte
zu dem Pfaffen: Wäre mein Herr nicht dabei gewe-
sen, ich hätte so viele Worte mit euch nicht gehabt.
Ich will das wohl glauben, sagte der Pfaffe. Darauf
nahm ich meine Kappe ab, und sagte ihnen guten
Abend, was sie erwiderten. Bevor wir uns trennten,
sagte ich zu dem Pfarrer, wenn ich mich im Reden
übereilt hätte, so sollte er es mir zugute halten. Ja, sag-
te der Schultheiß, ebenso vergibst du auch ihm, tust
du nicht? Ja, sagte ich, und so schieden wir voneinan-
der. Ferner hat es sich zugetragen, daß sie uns alle drei
voneinander abgesondert haben, auch haben sie uns
unsere Bibel weggenommen, welche doch von ihnen
für gut erkannt worden war; überdies hatte uns auch
der Schultheiß zuvor dieselbe zu haben erlaubt; aber
wir blieben sehr wohlgemut, der Herr sei gelobt. Es
ist aber auf den Sonntag, als man siebzig schrieb, den
16. Juli geschehen, daß ich abermals abgeholt wurde;
652
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sie banden mir die Arme, was sie zuvor niemals getan
hatten, wobei ich bemerke, daß ich, mit einem andern
zusammengebunden, mit dem Stockmeister hinabge-
gangen bin. Dies kam mir sehr fremd vor, und auf
meine Frage sagten mir die Diener, die Pfaffen hätten
solches von dem Schultheißen begehrt. Dann brachten
sie zwei Pfaffen zu mir, nämlich Meister Martin und
den Pfarrer von der neuen Kirche, welcher einmal bei
mir gewesen war. Als ich mich ihnen näherte, bot ich
ihnen guten Tag, worauf sie solches erwiderten und
zu mir sagten: Wir sind einmal bei dir gewesen, und
nun kommen wir abermals, um zu sehen, ob du nicht
besser antworten willst, als du das vorige Mal ge-
tan hast. Ich erwiderte: Ich sage, wie ich gesagt habe;
wenn man mir es beweisen kann, daß Kinder getauft
worden seien, und das klar und ausdrücklich, so will
ich mich unterrichten lassen, welche Antwort ihnen
nicht gefiel, denn sie hatten keine Schrift dafür.
Ihr ganzes Bestreben ging dahin, ich sollte mich
unterweisen lassen, wobei sie anführten, man hatte
die Kinder vor langen Zeiten schon in der christlichen
Kirche getauft, was allezeit vorgeschrieben gewesen
sei; aber ich hielt mich immer an den Beweis von dem
Gebrauche der Apostel. Sie sagten, daß man die al-
ten Wege gehen müsste. Ja, die rechten, sagte ich, wie
geschrieben steht. Sie meinten, sie wären gekommen,
mich zu unterrichten. Ja, sagte ich, ich kann es nicht
so verstehen; das wollten sie aber nicht hören, daß ich
es nicht sollte verstehen können; deshalb sagten sie:
Ihr wollt es verstehen, ehe ihr es annehmt; es steht
aber in dem Propheten Jesaja geschrieben, daß man
es annehmen müsste, ehe man daran glaubt. Wo steht
das geschrieben? sagte ich. Ich weiß es nicht, sagte
der Pfaffe. Römer 10, sagte ich, steht: Wenn man von
Herzen glaubt, so wird man selig, und wenn man mit
dem Munde bekennt, wird man gerecht. Ich muss es
ja von Herzen glauben, wenn ich eure Sachen anneh-
men soll; nun aber kann ich es nicht so verstehen, wie
ihr. Solches wollten sie nicht hören; aber wenn ich
ihnen mit dem Munde nur beigestimmt hätte, es hätte
meine Meinung sein mögen oder nicht, es wäre alles
ganz gut gewesen. Sie baten mich sehr, daß ich mich
unterweisen lassen sollte, und meinten, es wäre nicht
ein Tag, wo sie nicht für uns bäten; sie sagten auch
oft, ich hätte fremde Ansichten und wäre verdammt;
wenn ich nicht verdammt wäre, so wäre Gott nicht
Gott, und dann wäre die Schrift nicht wahr. Solche
Reden führte er oft. Ich sagte, verdammt zu sein und
gefangen zu liegen wäre nicht gut; denn ich redete zu
ihnen so wenig, als ich konnte; aber ihr Verdammen
machte mir keine Pein, ich ließ es sie sagen. Ich blieb
dabei: Könnt ihr mir beweisen, daß Kinder getauft
worden seien? Ich will es gern anhören. Sie sagten, es
wären ganze Häuser getauft worden, und es sei an-
zunehmen, es seien Kinder dabei gewesen. Antwort:
Das wisst ihr nicht, denn es gibt ja Haushaltungen, wo
keine Kinder sind; auch suche ich die Seligkeit nicht
im Wasser. Als sie das hörten, verwunderten sie sich
sehr. Ja, sagte ich, ihr sagt, die Kinder, welche nicht
getauft werden, seien verdammt. Der Pfaffe sagte: Ja,
sie sind verdammt. So sind aber, sagte ich, die Weiber
übel daran, die solche Kinder gebären. Ja, sie sind, sag-
te der Pfaffe. Wohlan, sagte ich, so muss das Wasser
die Sünden abwaschen? Ja, sagten sie. Antwort: Ich
will es beweisen, daß es das nicht tut; darauf erzählte
ich, daß IPt 3 stände: Was nun auch uns selig macht
in der Taufe, nicht das Abtun des Unflats am Fleische,
sondern der Bund eines guten Gewissens; so hat auch
der Apostel Simon den Zauberer getauft; aber das
Wasser hat ihm die Sünde nicht hinweggenommen,
denn es steht, daß er voll bitterer Galle gewesen sei
und verknüpft mit Ungerechtigkeit, obgleich er von
den Aposteln getauft war. Du sagst von Petrus, sagte
der Pfaffe, daß er solches schreibt; was weißt du, ob
es wahr sei, hat dir Petrus es selbst gesagt? Simon der
Zauberer taugte nichts; denn hätten es die Apostel
gewusst, daß er so in seinem Herzen bestellt gewesen
wäre, sie hätten sich lieber in die Finger gebissen, als
daß sie den Namen Gottes über ihn gebraucht hätten.
Antwort: Das gestehe ich zu, aber gleichwohl hat ihm
das Wasser die Sünde nicht abgewaschen.
Ihre Rede ging dahin, daß ich mich unterrichten las-
sen sollte, wobei sie sagten, daß ich wider die Schrift
handelte, denn Mt 18 stände: Sündigt dein Bruder
an dir, so strafe ihn, hört er dich nicht, so sage es
der Gemeinde. Sieh, sagten sie, du willst uns nicht
hören, da wir dich strafen; hiermit handelst du ja ge-
gen die Schrift! Antwort: Was wollt ihr mich denn
lehren? Wollt ihr mich denn laufen lassen und mei-
den, wie einen Heiden und Zöllner? Nein, nein, sagte
der Pfaffe, du hast immer etwas, das zu deinem Vor-
teil spricht damit kommst du immer angezogen, aber
laufen lassen, sagte er, stände nicht in ihrer Macht.
Antwort: Christus sagte ja, wenn man sie straft und
sie nicht hören wollen, so soll man sie meiden und
nicht fangen; ebenso sagt auch Paulus: Einen ketzeri-
schen Menschen meidet, wenn ihr ihn ein oder zwei
Mal ermahnt habt; da ich euch aber nun nicht höre,
so solltet ihr mich laufen lassen; aber sie hörten das
nicht an, sondern sagten, das sei der Obrigkeit Werk.
Antwort: Ihr habt ja einen Glauben, beweist mir ein-
mal, wo die Apostel Obrigkeiten in ihrer Gemeinde
gehabt haben. Da sagte der Pfaffe, daß Petrus zwei
Todschläge begangen habe. Antwort: Ihr könnt das
nicht beweisen, weder mit Worten noch mit Werken.
Da las er aus einem deutschen Testamente vor, daß
653
Ananias mit seinem Weibe ihre Güter verkauft und
nicht alles zu der Apostel Füße gelegt, sondern einen
Teil zurückbehalten hätten; darauf sagte Petrus: Ana-
nias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, daß du
dem Heiligen Geiste lögest? Du hast nicht Menschen,
sondern Gott gelogen. Als Ananias diese Worte hörte,
fiel er nieder und gab den Geist auf; nach drei Stunden
ist sein Weib gekommen, welche Petrus auch fragte,
ob sie den Acker so teuer verkauft hätten; sie sagte,
ja, Petrus sagte zu ihr: Warum seid ihr eins geworden,
den Geist des Herrn zu versuchen; die Füße derer, die
deinen Mann begraben haben, sind vor der Tür und
werden dich hinaus tragen, und sogleich fiel sie zu
seinen Füßen nieder und gab den Geist auf. Als er
gelesen hatte, sagte ich: Wer wollte wohl sagen, daß
es Petrus getan habe? Denn es heißt ja dort: Als sie die-
se Worte hörten, gaben sie den Geist auf. Wir hatten
viele Worte, die ich zum Teil vergessen habe. Sie ba-
ten mich, ich sollte mich unterrichten lassen. Wohlan,
sagte ich, ich kann es nicht so verstehen; das wollten
sie nicht hören, daß ich es zuvor verstehen wollte, ehe
ich es annähme; sie erzählten auch, daß ihr Glaube
seit 1500 Jahren geherrscht habe; sie wollten mir es
von Jahr zu Jahr beweisen, wie ihre Kirche aufgebaut
worden sei; sie nannten mir auch viele von ihren Leh-
rern oder Bischöfen, Augustinus und mehrere andere,
und wie er zuerst aus Spanien nach Frankreich ge-
kommen sei; von da habe ihn St. Willeboort in diese
Länder gebracht, und viele dergleichen Dinge; und ob-
schon ganze Länder von ihnen abfielen, meinten sie,
so fielen dagegen auch große Länder ihrem Glauben
wieder zu, wie in Indien, und dort täte der Herr große
Zeichen, sodass Leute gewesen wären, die in einem
Monate eine fremde Sprache gelernt, den Glauben
angenommen und denselben auch gepredigt hätten,
und viele andere Dinge mehr. Ich fragte, ob das Land
groß wäre. Sie antworteten: Wie Spanien, Frankreich,
Hochdeutschland und dieses Land; auch meinten sie,
ihr Glaube wäre allezeit gewesen, und könne nicht
vergehen, denn Christus sage: Ich werde bei euch sein
bis an der Welt Ende; aber unser Glaube hätte nicht
so lange gewährt, denn ihr könnt, sagte er, uns nicht
beweisen, daß eure Gemeinde allezeit gewesen sei.
Ich weiß wohl, sagte der Pfaffe, daß du mir fünf oder
sechs Menschen nennen wirst.
Darauf sagte ich, es wäre viel besser gewesen, er
hätte einen Micha gehört, als die vierhundert falschen
Propheten. Sie hörten mir bis ans Ende zu, um zu
wissen, ob ich getauft wäre; aber der Herr bewahrte
meinen Mund, denn ich sagte es den Pfaffen nicht. Sie
sagten, sie hätten es sagen gehört. Ich fragte sie, ob
sie es mich sagen gehört hätten. Nein, sagten sie. Ich
begehre euch das auch nicht zu sagen. Wir begehren
das nicht zu wissen, sagten sie. Als sie nun bemerkten,
daß ich ihnen kein Gehör geben wollte, sagten sie oft,
daß ich verdammt wäre, daß ich ein Seelenmörder
wäre und viele Seelen ermordet hätte, denn sie hatten
sagen gehört, daß ich viele von der römischen Kirche
abfällig gemacht hätte. Ich erwiderte, daß ich nieman-
des Seele ermordet hätte. Du sagst, sagte er, daß wir
selbst Mörder seien. Ihr habt es mich, sagte ich, nicht
sagen gehört. Sie sagten auch, daß ich mich bedenken
sollte; und begehrte ich es von ihnen, sie möchten
wiederkommen. Hiermit sind wir freundlich vonein-
ander geschieden. Was ich euch geschrieben, enthält
den größten Teil unseres Gesprächs, welches ungefähr
zwei Stunden währte; aber alles niederzuschrieben,
wäre mir unmöglich; denn ich kann es nicht behalten,
wie es vorgefallen ist, ohne etwas auszulassen oder
hinzuzusetzen. Geschrieben von mir, Jan Hendrikß.
Noch ein Brief von Jan Hendrikß an Martin Janß,
seinen Mitgefangenen.
Der ewige Gott aller Gnaden, der uns mit einem heili-
gen Rufe von der Macht des Satans zu seinem ewigen,
wunderbaren Reiche berufen hat, wolle dich, mein
Bruder Martin Janß, mit seinem heiligen Worte be-
festigen und stärken, und dich stark machen in dem
Geiste, damit du allen bösen Anschlägen des bösen
Feindes widerstehen mögest, es sei durch ihn selbst
oder durch seine Boten, damit du in der Gnade be-
stehen mögest. Er gebe dir und mir einen tapferen
Glauben, der im Grunde fest gewurzelt sei, damit du
von dem Großen Sturmwinde der falschen Lehre we-
der erschüttert noch niedergeschlagen werdest. Dieses
wünsche ich, Jan Hendrikß, dein schwacher Mitbru-
der in Gefangenschaft, Verfolgung und Trübsal, dir,
Martin Janß, meinem lieben Bruder, in deinen Banden
und deiner Gefangenschaft zum freundlichen Gruße
in dem Herrn und zur Erquickung deines Gemütes,
Amen.
Ferner, mein lieber Bruder, lasse ich dich wissen,
daß ich noch guten Mutes bin in dem Herrn; mein
Herz und Sinn ist noch unverändert, um ihn zu fürch-
ten und bei seinem heiligen Worte zu bleiben, nach
meiner großen Schwachheit, mit Gottes Hilfe, ohne
dessen Beistand ich ganz kraftlos bin, solches zu voll-
bringen, wie ich denn hoffe und dir von Herzen zu-
traue, daß es mit dir auch so bestellt sei; auch danke
ich dir sehr für deine tröstlichen Briefe, die du mir
gesandt hast zum Tröste und zur Erquickung in mei-
ner Trübsal, und daß du meiner noch eingedenk bist
in deinem Gebete, was ich auch für dich tue, damit
wir einander in diesem großen Streite Beistand leisten
mögen, welchen wir nun gegen den großen, roten Dra-
654
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
chen zu kämpfen haben, welcher mit seinem Schweife
den dritten Teil der Sterne vom Himmel zieht. Als
ich deinen Brief las, war es mir keine Betrübnis zu
hören, daß du so wohlgemut und getrost wärest in
dem Herrn, sondern eine Freude und ein Ergötzen
des Geistes. Darum, mein lieber Bruder, laß uns der
Lehre und Ermahnung Pauli wohl wahrnehmen, und
wohl darauf merken, wenn er sagt: Gleichwie ihr den
Herrn Jesum Christum angenommen habt, so wan-
delt in ihm, und seid gewurzelt und erbaut in ihm.
Merke, lieber Bruder, es ist sehr nötig, auf diese Worte
und Ermahnung Pauli Acht zu geben, denn da wir
Christum durch die Taufe angezogen haben, und Glie-
der seines Leibes geworden sind, so laß uns auch in
ihm wandeln, und gewurzelt und erbaut sein, und
standhaft in ihm bleiben; denn er sagt: Bleibt in mir,
und ich in euch; wie die Rebe durch sich selbst keine
Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstocke,
ebenso auch ihr nicht; ihr bleibt denn an mir. Ich bin
der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibt,
und ich in ihm, der bringt viel Früchte, denn ohne
mich könnt ihr nichts tun; wer aber nicht in mir bleibt,
der wird weggeworfen wie eine Rebe, die verdorrt,
und muss verbrennen. Merke, lieber Bruder, wie wohl
ist der daran, der in Christo ist, und Christus in ihm;
aber wer kein Gefühl für Christum hat, der ist einer
abgeschnittenen, verdorrten Rebe gleich, welche vom
Stamme des Weinstockes die Kraft, den Saft und die
Natur nicht mehr annimmt.
Lieber Bruder, laß uns einmal der Sache recht nach-
denken, ob es nicht ebenso mit dem Menschen zu-
geht; darum laß uns in demselben mit Danksagung
überfließend sein und durch Ihn Gott allezeit Lobop-
fer bringen, das ist die Frucht der Lippen, damit wir
nicht beraubt werden durch die Philosophie und lose
Verführung nach der Menschen losen Lehre und nach
der Welt Satzungen, und nicht nach Christo, denn es
ist jetzt eine arge Zeit, eine Zeit, wo die Christen recht
untersucht und geprüft werden, ob sie auch im Glau-
ben festgewurzelt und erbaut sind. Wenn eine Frau
schwanger ist, und die Zeit des Gebärens naht heran,
so überfallen sie, ehe sie gebiert, viele Wehen, welche
ein Vorbote und Zeichen des Gebärens sind; wenn sie
aber nun geboren hat, so hat sie den großen Schmerz
bald vergessen, weil sie ein Kind geboren hat.
Sieh, mein lieber Bruder, so geht es jetzt mit uns
auch; die große Versuchung und Qual, von außen der
Streit und von innen die Furcht, die nun täglich über
uns kommen, sind unsere Wehen, welche vor dem
Gebären kommen; daraus können wir wohl merken,
daß die Zeit des Gebärens herannaht, und wenn wir
werden geboren haben, so wirst du es vergessen ha-
ben, nämlich, wenn wir diese Hütte, den sterblichen
Rock, abgelegt haben werden; solches wird dann un-
sere letzte Zeit des Schmerzes sein, dann mögen wir
sagen: Tod, wo ist dein Stachel! Hölle, wo ist dein Sieg!
Der Stachel des Todes ist die Sünde; die Kraft der Sün-
de aber ist das Gesetz; Gott aber sei gedankt, der uns
den Sieg durch Jesum Christum gegeben hat; dann
wird der Tod als letzter Feind überwunden sein; dann
wird man nicht mehr weinen, klagen oder wimmern;
jede Qual, jeder Schmerz und jede Drangsal wird als-
dann vorüber sein, wie ein Dampf, der eine kurze
Zeit währt; dann wird man uns nicht mehr quälen,
versuchen, gefangen nehmen, noch jagen, sondern
wir werden von unserer schweren Arbeit ruhen und
werden unter dem Altäre mit vielen tausend Heiligen
den ewigen Feiertag und Ruhetag halten, welche aus
allen Geschlechtern und Völkern erwählt sind, welche
das Wort Gottes mit ihrem Blute versiegelt haben, in
vielen großen Trübsalen durch die Welt gekommen
sind, und ihr Leben bis in den Tod nicht über ihren
Schöpfer geliebt haben.
Sieh, mein lieber Bruder Martin Janß, was wäre es
nun, wenn wir in großer Üppigkeit und in Wollüsten
gelebt hätten? Denn, wenn wir verfolgt, gefangen, ge-
quält, gepeinigt, verbrannt oder enthauptet worden
wären, was wird es eben sein, wenn es vorbei ist? So
aber werden wir dem Lamme, das von Anfang der
Welt getötet worden ist, mit einer großen Menge der
Heiligen nachfolgen, angetan mit weißen Kleidern
von reiner Seide, mit Palmzweigen in den Händen
und Kronen auf dem Haupte. O welch ein treffliches
Werk wird es sein, wenn man hier aushält bis ans
Ende! Darum, mein lieber Bruder, sage ich mit Trä-
nen, laß uns guten Mut haben, denn in der Welt (sagt
Christus) habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe
die Welt überwunden. So laß uns denn dasselbe tun,
und fest und unverändert die Verheißungen halten,
denn er ist getreu, der sie uns gegeben hat; mögen sie
auch sagen, daß wir in uns einen hoffärtigen Teufel
haben, und daß er zu fest in uns sitze; es wird noch
wohl anders befunden werden, wenn da kommt, was
kommen soll; daran ist kein Zweifel; und obgleich wir
hier das Recht verspielen, so werden wir doch, wenn
der Richter aller Richter richten wird, es wohl wieder
gewinnen; daran zweifle ich keineswegs. Hiermit will
ich dich dem Herrn und dem reichen Worte seiner
Gnade befehlen, der mächtig genug ist, dich bis ans
Ende zu bewahren, Amen.
Wisse, Martin Janß, daß die Quälgeister die ganze
Woche bei mir gewesen seien und daß ich nur einen
Tag frei gewesen bin; ich erwarte sie jeden Tag wieder;
Adrian Cornelius ist diese Woche mit dem Kaplan
auch bei mir gewesen; den Samstag war der Kaplan
mit einem Steuermanne von Egmont, Namens Jakob
655
Müller, bei mir; derselbe wollte mir beweisen, daß ein
Mensch, wie ungeschickt er auch wäre, dennoch das
Wort Gottes recht lehren könne, und die Menschen
wohl selig machen möge; ja, wenn es auch der Teufel
wäre, so könne er doch die Menschen das Wort Gottes
recht lehren; er zog seine Kappe ab und saß da, als
hätte er eine Ermahnung tun wollen, und machte ein
langes Geschwätz, fast eine Viertelstunde lang, und
holte alles von Anfang her; ich konnte mich des La-
chens nicht enthalten, wenn ich ihn ansah, und dachte,
daß er im Hirne verrückt wäre, und als er zu Ende
war, gerieten wir zu dreien in einen Wortstreit, wie-
wohl ich nicht viele Worte machen wollte, aber es fällt
dem Menschen bisweilen schwer, zu schweigen. Als
sie hörten, daß ich ihnen kein Gehör gab, fielen sie
mich sehr hart an; der Steuermann sagte: Wäre ich
Offizier gewesen, du solltest mir hier nicht so lange
gelegen haben; er wollte mit mir bald fertig gewor-
den sein. Zu dem Pfaffen sagte er: Die Herren müssen
diesen Mann heimlich töten; der Teufel säße so fest in
mir, sagte er, daß er nicht hinaus wollte, und derglei-
chen schändliche Worte redete er mehr; ich erwiderte:
Je plumper du es machst, desto besser ich es merke.
Der Kaplan und ich hatten viele harte Reden mitein-
ander; er war auch sehr entrüstet; ich sagte, daß ich
seiner nicht mehr bedürfte; er äußerte, er verwundere
sich mit Paulus, daß ich mich so bald auf ein anderes
Evangelium hatte führen lassen, da doch kein anderes
existiere; ich sagte: Welch ein fremdes Evangelium
habe ich angenommen? Er entgegnete, daß ich meine
Kinder nicht hätte taufen lassen wollen. Jawohl, sagte
ich, ihr habt nicht einen Buchstaben Schrift darüber,
daß sie getauft sein müssen! Merke, lieber Bruder, auf
seinen Verstand; er meinte, hätte Paulus nun es als
einen Befehl und Gebrauch eingeführt, Kinder zu tau-
fen, so hätten wir, wenn wir solches verwerfen wür-
den, ein anderes Evangelium angenommen; solche
Reden fielen vor; des Steuermannes und meine Reden
passten aufeinander, wie ein Haspel auf einen Topf; er
redete auch schimpflich zu mir; ich sagte, schimpflich
Reden ist nicht Radebrechen, man kann es ja sitzend
tim, und gab ihm einen Stuhl; er meinte, er hätte mehr
Verstand in seinem einen Finger, als ich in meinem
ganzen Kopfe, und viel dergleichen Dinge. Gehabe
dich wohl, und halte dich tapfer; ich hoffe ein Glei-
ches zu tun; laß uns aneinander denken im Gebete,
und halte mir dieses kleine einfache Schreiben zu gut,
denn es ist aus Liebe abgefasst; nimm es mir auch
nicht übel, daß ich mit diesem Schreiben so lange ge-
wartet habe; ich habe aber viel Besuch, jedoch nicht
von Freunden, denn es darf niemand zu mir kommen,
als mein Vater. Schreibe mir wieder, wie es mit dir
steht, wiewohl ich nichts als Gutes von dir höre; Gott
sei gelobt. Geschrieben in meinen Banden, von mir,
Jan Hendrikß, im Jahre 1572.
Noch ein Brief von Jan Hendrikß an Pouwels und
Aechtgen, seinen Bruder und seine Schwester,
ihnen zur Ermahnung und zum Abschiede.
Der Gott aller Gnade, der uns von der Macht der Fins-
ternis zu seinem ewigen Reiche durch Jesum Chris-
tum, unsern Herrn, berufen hat, wolle euch, nach dem
Reichtum seiner Herrlichkeit, geben stark zu werden
mit Kraft durch seinen Geist an dem inwendigen Men-
schen und Christum, durch den Glauben in euren
Herzen zu wohnen, und durch die Liebe eingewur-
zelt zu werden, damit ihr mit allen Heiligen begreifen
mögt, was die Breite und die Länge und die Tiefe und
die Höhe sei, auch erkennen mögt, daß Christum lieb
haben viel besser ist, als alles Wissen, damit ihr mit
allerlei Gottesfülle erfüllt werdet. Dieses wünsche ich,
Jan Hendrikß, ein armer Gefangener um des Wortes
des Herrn willen, zu Delft Pouwels H. und Aechtgen
H. zu einem freundlichen Gruße in dem Herrn, Amen.
Ferner, nebst allem gebührlichen Gruße an euch,
mein geliebter Bruder Pouwels Hendrikß und Aecht-
gen Hendrikß Tochter, welche ich, sowohl nach dem
Fleische, als auch nach dem Geiste, sehr lieb habe, las-
se ich euch nun wissen, daß ich noch frisch und wohl-
gemut bin in dem Herrn, wie ich denn auch hoffe, daß
es mit euch ebenso bestellt sei, und da mein Abschied,
oder die Zeit, wo ich meine Hütte ablegen soll, nach
menschlichem Wissen nahe ist, so kann ich es nicht
unterlassen, sondern muss euch, aus reiner, treuer,
brüderlicher Liebe ein wenig ermahnen, daß ihr doch
in dem Glauben, der den Heiligen einmal gegeben
ist, fest beständig und standhaft streiten wollt, damit
ihr durch diesen Glauben die Verheißungen Gottes
erlangen mögt, damit wir uns miteinander unter dem
Altäre zu der großen Zahl versammeln mögen, wel-
che mit weißen Kleidern gekleidet sind, welche auch
auserwählt und durch das Blut des Lammes aus al-
len Geschlechtern und Völkern, die unter dem Him-
mel sind, erkauft und durch die Welt gekommen sind
durch große Verfolgungen, mit Brennen, Jagen, Ent-
haupten und dergleichen mehr; darum stehen sie vor
dem Throne Gottes, und dienen Ihm Tag und Nacht
in seiner Gegenwart.
Sieh, lieber Bruder, diese haben alle aus diesem
bittern Kelche trinken müssen, ehe sie dazu gekom-
men sind; sie haben auch alle diesen engen, schma-
len, glatten und gefährlichen Weg wandeln müssen,
und haben ihr Leben nicht geliebt bis in den Tod, wie
sie denn auch alles, um des Namens des Herrn wil-
len, haben zurücklassen müssen; es sei Land, Stand,
656
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Haus, Hof, Weib und Kind, ehe sie zu solchem herr-
lichen, unermesslichen Stande gekommen sind; ja,
der Sohn Gottes selbst ist durch großes Ungemach,
durch Gefangenschaft, Verspotten, Geißeln, Kreuzi-
gen und durch den Tod in seines Vaters Reich ein-
gegangen, wie er selbst sagt: Ich aber bin ein Wurm
und kein Mensch. Darum laß uns diese zum Exem-
pel und Vorbilde nehmen, damit wir auf dem Wege
nicht faul, schläfrig und matt werden, und auf sol-
che Weise durch des Satans List und Stricke gefangen
werden, denn ein schlafender Mensch ist leicht zu
fangen, sondern seid brünstig im Geiste, damit ihr in
allen guten Werken die Vornehmsten und nicht die
Geringsten sein mögt, und hütet euch vor den Pfeilen
des Teufels, die er im Finstern schießt; lasst auch euer
Gebet Tag und Nacht zu Gott ergehen, denn es ist
nötig, allezeit zu bitten, daß wir nicht in Versuchung
fallen, weil der weder schläft noch schlummert, der
unsere Seelen zu ermorden sucht, und auch immer
wie ein brüllender Löwe um uns herumgeht. Hütet
euch doch vor Hoffart, sowohl vor geistiger Hoffart,
als vor anderer, denn die Art des Menschen schwebt
gern etwas zu hoch. Aller Neid, Hass, Schelten und
Lästern, sowie Schalkheit und jede Bosheit, sei fern
von euch; Murren des Herzens, Begehren, Geldgeiz,
Ehrgeiz und Eigennutz lasst bei euch nicht gefunden
werden, sondern zieht den Herrn Jesum Christum an,
und folgt seinem Vorbilde in allem nach, so viel ihr
könnt. Seid umgeben mit brüderlicher Liebe, und seid
fleißig, die Einigkeit des Geistes durch das Band des
Friedens zu halten; seid geduldig in allerlei Drang
und Trübsal, das über euch kommt, dann wird der
Gott des Friedens mit euch sein, denn Geduld ist uns
sehr nötig, wie ich wohl erfahren habe. Sirach sagt:
Wehe denen, welche die Geduld verloren haben, und
er sagt es mit vollem Rechte.
Führt euch nach eurer Schwachheit so auf, daß mit
Recht niemand viel über euch klagen kann, und dient
dem Herrn von ganzem Herzen und Sinne. Neigt
doch eure Sinne zu Gott, und lasst eure Augen alle-
zeit auf Ihn gerichtet sein, wie das Auge des Knechtes
auf seinen Herrn, und das Auge der Magd auf ih-
re Frau sieht, und schafft, daß ihr selig werdet, mit
Furcht und Zittern. Überdies fürchtet nicht, daß ihr
zu kurz kommt, und zu wenig tut, und wandelt nicht
leichtfertig in des Herrn Wegen, sondern führt euren
Wandel in dieser Zeit mit Furcht, denn der Unacht-
same und Leichtfertige hat bald sein Gut verprasst.
Tragt doch große Sorge für die arme Seele, die mit
einem köstlichen Pfände erkauft ist und ewig leben
muss, es sei im Himmel oder in der Hölle. Streitet
ritterlich wider den Satan, und seine mancherlei Lüs-
te und Begierden, und falsche Einflüsterungen, und
zertretet sein Haupt in Stücke unter eure Füße, mit
vielem Flehen und Bitten zu Gott, mit Heiß und Ernst,
denn der Satan kommt herab mit großem Zorne, weil
er weiß, daß seine Zeit kurz ist; denkt auch allezeit
an Gottes strenges Urteil und den großen Tag, wel-
cher über alle Gottlosen kommen wird, denn wenn
man wohl darauf bedacht ist, so kann man sich selbst
besser davor hüten, weil er so entsetzlich sein wird,
gleichwie auch Sirach sagt: Mein Sohn, gedenke an
dein Ende, so wirst du nimmer sündigen. Gewiss, es
wird wunderlich zugehen, wenn der große Tag des
Herrn kommen wird, nach dem Zeugnisse der Schrift;
denn der Herr selbst wird mit einem Feldgeschrei
vom Himmel herniederkommen, und mit der Stimme
des Erzengels und der Posaune Gottes, und die Toten
in Christo werden zuerst auferstehen, darnach wir,
die wir leben und überbleiben, werden zugleich mit
denselben hingerückt werden in den Wolken, dem
Herrn entgegen in der Luft, und werden also bei dem
Herrn sein allezeit. Das Meer wird seine Toten her-
ausgeben; da wird niemand verborgen bleiben, der
nicht wieder auferstehen wird, sondern ein jeder wird
empfangen an seinem Leibe, nachdem er getan hat, es
sei gut oder böse; wenn nun auch unser Leib an einen
Pfahl gestellt wird, den Vögeln und Tieren zur Speise,
er wird darum nicht verloren bleiben, sondern der
Herr wird ihn zu seiner Zeit wohl wieder erwecken
und dem Bilde seines Sohnes gleich machen, und als-
dann werden wir leuchten, durch seine Gnade, wie
die Sonne in ihres Vaters Thron; wo hingegen aller
Gottlosen Los und Teil in dem Pfuhle sein wird, der
mit Feuer und Schwefel brennt.
Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, lasst
doch nicht nach um der Verfolgung willen, die ich
nun leide; sondern lasst sie euch zum Ruhme sein.
Denn wer bist du, sagt der Herr durch den Propheten,
daß du dich vor Menschen fürchtest und vor Men-
schenkindern, die doch wie Heu verzehrt werden?
Auch sagt Christus: Ich sage euch aber, meine Freun-
de, fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib tö-
ten, und nachher nichts mehr tun können; ich will
euch aber zeigen, vor wem ihr euch fürchten sollt:
Fürchtet euch vor dem, der, nachdem er getötet hat,
auch Macht hat, in die Hölle zu werfen! Ja, ich sage
euch, vor dem fürchtet euch. Meine lieben Brüder und
Schwestern, man muss sich verwundern, wie der Herr
mit den Seinen zu Werke gehen kann, was ich wohl
erfahren habe, als ich gepeinigt wurde, wobei sie mich
zuerst an der Folterbank aufwanden und nachher, als
ich hing, mich geißelten; als ich aber niemanden verra-
ten wollte, hingen sie mir noch ein Gewicht an meine
Füße. Als ich in mein Gefängnis zurückkam, hatte
ich nur wenig Schmerzen; ja, am andern Tage waren
657
meine Glieder nicht mehr verrenkt, als wenn ich sechs
oder sieben Last Heringe hätte fangen helfen. Darum
habt guten Mut und folgt mir nach; ich hoffe mm euch
vorzugehen, und euch unter dem Altäre des Herrn zu
erwarten, bei den gezeichneten Toten des Herrn, die
alle, um des Namens ihres Gottes willen, getötet wor-
den sind, nun liegen und ihre Mitbrüder erwarten, die
noch um des Zeugnisses des Herrn willen getötet wer-
den sollen, bis zur Zeit, daß die Zahl erfüllt sein wird.
O welche große Freude wird das für mich sein, wenn
wir einander dort antreffen werden, wie ich denn sol-
ches hoffe, und es euch zutraue, daß wir noch wie
die Mastkälber aus- und eingehen, und den ewigen
Sabbat halten helfen werden; dann werden wir von
aller unserer großen Verfolgung, von unserem Elende
und unserer Qual, die uns widerfahren ist, und von
der schweren Arbeit, die wir getan haben, ausruhen.
Hierzu wolle euch der große Hirte der Schafe tüchtig
machen, der uns von den Toten gebracht hat, durch
das Blut des ewigen Testamentes, Amen. Ich habe ja
doch eure Seele von ganzem Herzen lieb und wert,
und wollte, daß ich mit euch allen reden könnte. Hier-
mit will ich euch Gott und dem reichen Worte seiner
Gnade anbefehlen. Er wolle euch bewahren bis ans
Ende, Amen.
Lieber Bruder und liebe Schwester, mein Herz ver-
langt sehr von euch, daß ihr ein Auge auf unsere
Brüder und Schwestern Cornelius H., Jakob H. und
Leentgen O. haben wollt, und daß ihr sie zur Gottes-
furcht anweist, so gut ihr könnt; aber vor allen Dingen
führt über meine Kinder die Aufsicht und erweist ih-
nen und meinem Weibe so viel Liebe, als ihr könnt,
denn mein Glas läuft nun zu Ende; meine Wache ist
fast getan, der Tag ist nicht fern, denn ich habe den
Morgenstern schon in dem Wetter gesehen. Hiermit
gehabt euch wohl; ich lasse Adrian H. und sein Weib
sehr grüßen, wie auch alle lieben Freunde; sagt mei-
nen Freunden gute Nacht. Lieber Bruder und liebe
Schwester, haltet mir mein Schreiben zu gut; denn
obgleich ich in demselben etwas scharf geschrieben
habe, so habe ich doch solches euren Seelen zu Liebe
getan. Geschrieben den 23. Januar 1572. Gute Nacht
auf kurze Zeit, meine lieben Brüder und Schwestern,
bis wir Zusammenkommen; ich bitte euch, haltet euch
doch tapfer.
Von mir, Jan Hendrikß.
Sander Wouterß von Bommel und Evert Hendrikß
von Warendorff werden beide um des Zeugnisses
Jesu Christi willen zu Amsterdam, den 3.
September im Jahre 1572, lebendig verbrannt.
Der Jammer der geliebten Kinder Gottes hörte zu die-
ser Zeit noch nicht auf, denn das Wort, das der Herr
geredet hatte: »Sie werden euch in den Bann tun , und die
Zeit wird kommen, daß, wer euch tötet, meinen wird, er
tue Gott einen Dienst daran,« wurde noch immer erfüllt,
was (unter vielen andern) sich im Jahre 1572, den drit-
ten September, zu Amsterdam an zwei tapfern und
frommen Streitern Jesu Christi, genannt Sander Wou-
terß von Bommel und Evert Hendrikß von Warendorff
ausgewiesen hat, welche damals ihr Leben freiwillig
mit dem Tode vertauscht und dem Herrn zum Bran-
dopfer übergeben haben, was mit brennenden Feuer-
flammen auf dem Richtplatze vor dem Stadthause zu
Amsterdam geschehen ist, wie solches die blutdürs-
tigen römischgesinnten Regenten durch ihre Bosheit
bewirkt haben.
Aber es wird zwischen denen, die dieses getan, und
denen, die es erlitten haben, dermaleinst ein großer
Unterschied sein, denn es wird zu denen, die dieses
erlitten haben, gesagt werden: Kommt her, ihr Geseg-
neten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch berei-
tet ist von Anbeginn der Welt; aber zu denen, welche
dieses getan haben (wenn sie sich nicht gründlich und
von Herzen von dieser Bosheit bekehrt haben): Geht
hin, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teu-
fel und seinen Engeln bereitet ist, Mt 25. O ein sehr
großer Unterschied! Hier muss unser Verstand in sei-
ner Beschränktheit stille stehen; unsere sterbliche und
gebrechliche Zunge kann dieses nicht aussprechen.
Das Todesurteil dieser beiden Personen ist uns,
durch Vermittlung des Gerichtsschreibers, aus dem
Buche der Blutgerichte dieser Stadt zugeschickt wor-
den; deshalb wollen wir dasselbe, wie es lautet, hier
beifügen, aus welchem man sehen kann, wie treulos
die päpstliche Obrigkeit in der Zeit das gute Bekennt-
nis der frommen Zeugen Jesu Christi verfälscht hat,
und wie grausam und erschrecklich sie mit denselben
Verfahren und umgegangen seien.
Todesurteil des Sander Wouterß von Bommel und
Evert Hendrikß von Warendorff.
Nachdem meine Herren des Gerichts in Erfahrung ge-
bracht, daß Sander Wouterß von Bommel und Evert
Hendrikß von Warendorff, beide Schneider und Ein-
wohner dieser Stadt, gegenwärtig in Verhaft, des Ge-
horsams, den sie unserer Mutter, der heiligen Kirche,
und der königlichen Majestät, als ihrem natürlichen
658
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Herrn und Prinzen, schuldig waren, nicht eingedenk
gewesen sind, auch daß sie die Ordnungen der hei-
ligen Kirche verachtet haben, und seit vielen Jahren
weder zur Beichte, noch zu dem heiligen würdigen
Sakramente gegangen sind, desgleichen, daß sie sich
unterstanden haben, zu verschiedenen Malen in die
Versammlung der verdammten Sekte der Mennoniten
oder Wiedertäufer zu gehen, und zugelassen haben,
daß man in ihren Häusern Ermahnungen gehalten
hat, nach Art der vorgemeldeten Sekte, nicht weniger,
daß der vorgemeldete Sander Wouterß vor zwölf, der
gedachte Evert Hendrikß aber vor sieben Jahren die
Taufe versagt und verlassen, die sie in ihrer Kindheit
von der heiligen Kirche empfangen hatten und sich
haben wiedertaufen lassen, darauf das Brotbrechen,
nach der Weise dieser Sekte, öfters empfangen, und
überdies, obschon verschiedene geistliche Personen
ihnen zugeredet und sie mehrmals ermahnt haben,
ihre gedachte Sekte zu verlassen und wieder zu un-
serer Mutter, der heiligen Kirche, zurückzukehren,
dennoch solches zu tun sich geweigert, und in ihrer
Halsstarrigkeit und Hartnäckigkeit verharren, wobei
sie durch diese Sekte die öffentliche Ruhe und Wohl-
fahrt der Länder stören, nach Inhalt seiner Majestät
Befehlen aber, die davon handeln, solche Taten, an-
dern zum Beispiele, nicht ungestraft bleiben sollen,
so ist es geschehen, daß meine Herren des Gerichtes,
nachdem sie die Anklage meines Herrn, des Schult-
heißen, gehört, (wie auch) das freiwillige Bekenntnis
der Gefangenen gesehen und ihre Halsstarrigkeit und
Hartnäckigkeit in Erwägung genommen, diese Ge-
fangenen, und zwar einen jeden von ihnen, verurteilt
haben und hiermit verurteilen, daß sie nach Ihro Ma-
jestät Befehlen mit Feuer hingerichtet werden sollen,
wobei sie alle ihre Güter zu ihrer Majestät Nutzen
verfallen zu sein erklären. So geschehen vor Gericht,
den dritten September 1572, von allen Gerichtsherren
mit Rat aller Bürgermeister, in Gegenwart meiner, als
Stadtschreibers; und war unterschrieben W. Pieterß.
Ausgezogen aus dem Buche des Blutgerichtes der
Stadt Amsterdam, welches daselbst in der Kanzlei
niedergelegt ist. N. N.
Hans Knevel, 1572.
Es ist vielen Menschen bekannt, daß durch die falsche
Lehre des Antichristen die Welt so verdorben und die
Ungerechtigkeit (nach der Weissagung Christi) so sehr
die Oberhand genommen hat, daß die Prinzen und
Könige der Erde, durch dessen verführenden Wein
der Unkeuschheit, ihre angeborene redliche Natur ver-
lassen haben, obgleich sie im Allgemeinen gegen ihre
eigenen Freunde und Blutsverwandten, sowie auch
gegen diejenigen, die sie lieben, und die ihnen wohl
tun, Liebe und Barmherzigkeit zeigen. Solche Red-
lichkeit scheint in vielen Prinzen und Regenten dieser
Welt aufgehört zu haben, sodass sie nun, statt ihrer
angeborenen Redlichkeit, den unvernünftigen Tieren
gleich sind, die von Natur zum Fangen und Würgen
geboren sind. Solches hat sich auch um das Jahr 1572
in der Stadt Antwerpen gezeigt, wo sie einen from-
men Nachfolger Christi, Namens Hans Knevel, in ihre
Gewalt bekommen haben. Dieser war jung von Jah-
ren, und noch ein lediger Gesell, seines Handwerks
ein Tuchscherer. Die Veranlassung zu seiner Gefan-
gennahme ist folgende: Einer seiner besten Freunde
ist von dem Markgrafen und einem seiner Diener er-
kannt worden, weshalb dieselben es darauf anlegten,
ihn zu fangen. Als dieser Anschlag dem Hans Knevel
(in seiner Werkstätte, wo er arbeitete) bekannt wur-
de, hat er seinen Freund mit großem Ernste davor
gewarnt und ihm geraten, fortzuziehen; er selbst war
Willens, ihn zu begleiten; sie haben sich sodann mit-
einander nach Hamburg begeben, und als sie dort
eine Zeitlang gewohnt haben, ist Hans Knevel wieder
nach Antwerpen gezogen, und hat sich mit dem Woll-
verkauf zu ernähren gesucht. Darauf ist der Markgraf
mit seinen Dienern ungefähr um zehn Uhr in seine
Wohnung gekommen und hat ihn gefragt: Ist dein Na-
me nicht Hans Knevel? Er antwortete: Ja, worauf der
Markgraf sagte: Du bist ein Wiedertäufer; du musst
mit mir gehen; er musste ihm auch sagen, wie er mit
seinem guten Freunde, Steven Jans Dilburg, von da
nach Hamburg gezogen sei; er wurde in ein finste-
res Loch gelegt, und darauf auf einen Montag vor
die Herren gestellt, nämlich vor den Markgrafen, den
Schultheißen, zwei Gerichtsherren und den Schreiber
des Blutgerichtes. Als nun dieser Freund Gottes, Hans
Knevel, aus Bescheidenheit sich zuerst weigerte, sich
sofort niederzusetzen, sprach der Schultheiß: Setze
dich nieder und tue, was man dir heißt; du bist ja dei-
nem Volke untertänig, du musst uns auch untertänig
sein. Als sie ihn fragten, was er von ihrer Kindertaufe
hielte, antwortete Hans, daß er in dem Neuen Tes-
tamente nichts von einer Kindertaufe gelesen hätte,
darum könnte er auch nichts davon halten. Frage: Ob
er auch auf seinen Glauben getauft wäre. Antwort:
Ja. Frage: Vor wie langer Zeit ist es geschehen? Hans
hat solches gesagt, und daß es zwischen Kronenburg
und dem Dever geschehen sei; dies haben sie so nie-
dergeschrieben. Frage: Wo er die Ermahnung gehört
und wen er dort gesehen hätte. Er nannte ihnen eini-
ge Personen und einige, die schon aufgeopfert waren.
Darauf sagten sie: Du nennst uns Leute, die entweder
das Land verlassen haben oder verbrannt sind; wir
wollen solche wissen, die hier wohnen, und die eure
659
Lehrer und Diener des Wortes sind; auch sagten sie,
daß dergleichen Leute, wie er, der Gefangene, einer
wäre, nirgends Freiheit hätten, und überall herum-
laufen müssten. Hans antwortete, daß auch Christus
selbst nirgends Freiheit gehabt hätte. Solches nahmen
sie übel auf, daß der Gefangene sich neben Chris-
tus zu setzen suchte. Der Markgraf sagte: Ihr habt
zu Hamburg auch keine Freiheit. Hans antwortete:
Man bringt wenigstens dort niemanden um Gut, Leib
und Leben, wie man hier tut. Markgraf: Was tut man
denn dort? Hans: Man schickt sie zur Stadt hinaus.
Markgraf: So müssen sie denn wieder in eine andere
gehen? Hans: Ja, aber ehe sie die Städte Israels alle
durchwandelt sind, wird ihre Erlösung vor der Tü-
re sein. Darüber lachten sie. Markgraf: Man wird dir
Gelehrte verordnen, und wenn du dich unterrichten
lassen willst, wird man dir Gnade erzeigen. Hans: Ja,
ihr würdet mir solche Gnade erzeigen, daß ich einen
Schnitt in meinen Hals bekommen würde. Markgraf:
Nein, sondern man wird dich in Freiheit setzen. Hans:
Wenn dem so wäre, wie du sagst, so würdest du mein
Fleisch lieben, aber meine Seele beneiden. Markgraf:
Nein, sondern ich liebe dein Fleisch und deine Seele
noch bei weitem mehr, weil du noch jung und un-
schuldig dazu gekommen bist; willst du aber nicht
gehorchen, so soll es dir gehen, wie den andern.
Hans sagte, er sei damit wohl zufrieden, und so
sind sie voneinander geschieden. Nachher wurde die-
ser Gefangene des Herrn drei Tage nacheinander vor
einen Pfaffen gebracht, der aus allen Kräften dahin
gearbeitet, um diesen Gefangenen von seiner falschen
Lehre zu überzeugen, und nach ihrer alten Gewohn-
heit viele Dinge erzählt hat, welche dieser Freund Got-
tes nicht wert achtete, sie an seine Freunde zu schrei-
ben; insbesondere redete der Pfaffe vieles über Rom 13;
damit wollte er das Morden und Erwürgen von Seiten
der römischen Kirche beweisen, daß die Obrigkeit das
Schwert nicht umsonst trüge, und daß man darum
gehorsam sein müsste. Hans antwortete, daß er der
Obrigkeit in Zoll, Schätzung und dergleichen Dingen
wohl gehorsam sein wollte, aber der Pfaffe sollte sich
billig schämen, daß er ihr böses und abscheuliches
Morden und Brennen noch mit der Schrift zu bewei-
sen suchte; auch fragte er ihn, wo Christus und seine
Apostel solches jemals getan hätten. Und als er den
Pfaffen ferner fragte, warum er zu ihm gekommen
wäre, antwortete der Pfaffe: Um deine Seele zu ge-
winnen. Hans Knevel sagte ihm, wenn er Seelen zu
gewinnen suchte, sollte er in der Stadt herumgehen,
in die unehrlichen Häuser, in die Sauf- und Ballhäuser,
und zu denen, die so viel unschuldiges Blut vergie-
ßen; deren Seelen sollte er zu gewinnen suchen; die
seine hätte Christus gewonnen. Also ist dieser Ge-
fangene fünfmal mit dem Pfaffen im Streite gewesen;
darauf ist er auch einige Mal auf die Folterbank gelegt
worden; aber der Herr, sein Gott, auf dessen Gnade
er vertraute, hat ihm nach seiner Verheißung auch
treuen Beistand geleistet. Als er aber wieder vor die
Herren kam, wurde er sehr getadelt, warum er die
von ihnen gesandten Gelehrten nicht hätte hören wol-
len. Hans antwortete: Eure Gelehrten wollten mir eine
Kindertaufe weißmachen, von der doch die Schrift
nirgends redet, wobei er den Herren die Schriftstel-
len von der rechten christlichen Taufe nachzuweisen
sich erbot, aber die Herren wollten ihn nicht hören,
sondern ließen sich dahin aus, daß sie keine Einsicht
davon hätten. Hans sagte, wie sie denn über eine sol-
che schwere Sache urteilen dürften, woran doch Leib
und Seele hänge, von welcher sie aber doch, nach
ihrer eigenen Angabe, keine Einsicht hätten.
Nachdem er nun ungefähr neun Tage in des Kaisers
Stuhl in schwerer Gefangenschaft gelegen hatte, ist er
abermals vor den Markgrafen und den Schreiber des
Blutgerichts gefordert worden. Der Markgraf sagte
ihm, daß er einen Brief von dem Herzoge empfangen
hätte, des Inhalts, daß der Gefangene noch mehr und
schärfer untersucht werden müsste. Hans antwortete,
daß er ihnen keinen näheren Bescheid sagen könnte;
darum musste er abermals auf die Folterbank. Als
sie nun weiter nichts aus ihm herausbringen konnten,
ließen sie ihn herunter. Hans sagte: Wie mögt ihr uns
so quälen, da doch niemand über uns klagt, daß wir
jemandem ein Leid zugefügt haben? Der Markgraf
sagte: Ihr wollt der Obrigkeit nicht gehorchen. Hans
antwortete: Wir wollen der Obrigkeit gern gehorsam
sein in allen Schätzungen, in Zoll und Accise, ja, es
wäre uns leid, wenn wir derselben einen Stüber von
dem, was ihr gebührt, vorenthalten sollten. Da ver-
glichen sie ihn mit den Münsterschen. Hans sagte,
daß sein Glaube so weit von der Münsterschen Sekte
unterschieden wäre, als der Himmel von der Erde.
Nachdem sie nun jede Qual, Versuchung und ihren
Mutwillen an ihm erschöpft hatten, und er, der Ge-
fangene, keineswegs zu bewegen war, denn er stand
fest gebaut auf den Eckstein Jesum Christum, so hat
man ihn zu Antwerpen auf dem Markte um das Jahr
1572 an einem Pfahle verbrannt, und so hat er den
Glauben der Wahrheit mit seinem Tode und Blute be-
festigt, allen wahren Christen zum lehrreichen und
beständigen Exempel, denn er hat nun den Kampf
gekämpft, den Lauf vollendet, die Krone der ewigen
Herrlichkeit von Gott aus Gnaden erlangt, und ruht
nun mit allen seinen Mitstreitern und gesetzmäßigen
Kämpfern unter dem Altäre Christi Jesu.
Diese Geschichte haben wir hauptsächlich aus Hans
Knevels eigenem Briefe genommen, den er aus dem
660
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Gefängnisse zu Antwerpen an seinen lieben Bruder
Steven Janß Dilburg und sein Weib Leentgen in Ham-
burg geschrieben hat, worin er den festen Grund sei-
nes Glaubens und die lebendige Hoffnung auf Gottes
Gnade und zugesagte selige Verheißungen weitläufig
zu erkennen gibt, aber um die Ausdehnung zu ver-
meiden, haben wir diesen Brief ausgelassen, wie wir
auch mit vielen andern dergleichen Schriften getan
haben.
Matthäus Bernaerts, sonst genannt Matthäus von
Linken, Adrian Rogiers, Martin von der Straasen
und Dingentgen von Honschoten, im Jahre 1572.
Im Jahre 1572 den 4. Dezember ist zu Gent, in Flan-
dern, auf dem Freitagsmarkte um des Zeugnisses Je-
su Christi willen der gottesfürchtige fromme Bruder
Matthäus Bernaerts, sonst Matthäus von Linken ge-
nannt, zu Meenen in Flandern geboren, 40 Jahre alt,
der zu seiner Zeit ein Diener der Gemeinde Gottes in
dem Worte des heiligen Evangeliums, wie auch in der
Armenpflege war, um die armen dürftigen Glieder
Christi mit leiblicher Notdurft zu besorgen, mit Ku-
geln im Munde verbrannt worden, und mit ihm eine
junge Tochter, genannt Dingentgen von Honschoten.
Diese sind mit Martin von der Straasen, geboren zu
Kortryck in Flandern, und Adrian Rogiers, geboren zu
Bommel in Gelderland (welche besonders in diesem
Buche gemeldet sind) in eben demselben Feuer, mit
Kugeln im Munde, um der rechten unbezweifelten
Wahrheit willen verbrannt worden, und haben den
lautem Glauben in großer Standhaftigkeit mit ihrem
Tode und Blute bezeugt und befestigt. Also haben sie
wider die Fürsten und Regenten der Finsternis, den
Teufel und seine Anhänger, einen guten Streit gestrit-
ten, den Lauf vollendet, den Glauben gehalten, und
warten mm, bis sie die Krone der ewigen Herrlichkeit
von der Hand des Herrn aus Gnaden empfangen.
Ein Testament.
Geschrieben von Matthäus Bernaerts, sonst genannt
von Linchen, als er zu Gent gefangen lag, an seine
Kinder Janneken, Joosten und Myntken.
Gott, der himmlische Vater, Schöpfer des Himmels,
der Erde und der Wasser, und alles dessen, was dar-
innen ist, der in einem Lichte wohnt, wohin niemand
kommen kann, welches auch kein Mensch gesehen
hat, noch sehen kann, gebe durch Jesum Christum,
seinen einigen Sohn, mit Kraft des Heiligen Geistes
euch, meinen lieben Kindern, bis in euer volles Alter
Gnade und Barmherzigkeit, Weisheit und Verstand,
damit ihr geübte Sinne zur Unterscheidung des Guten
und Bösen erlangen und von Jugend auf lernen mögt,
durch die Furcht Gottes die Sünde meiden, und alles
Arge, sowie alle Bosheit, scheuen, und so in der Er-
kenntnis Gottes aufwachst, damit ihr die Seligkeit und
die ewige Herrlichkeit ererben mögt, und ich euch in
dem ewigen Leben wiederfinden möge. Dieses wün-
sche ich, Matthäus Bernaerts, euer Vater, euch, meinen
lieben Kindern, Janneken, Joosten und Myntken, aus
meines Herzens Grunde, daß es so geschehen möge,
Amen.
Das Testament: Ich, Matthäus Bernaerts, oder Mat-
thäus von Linken, euer Vater, sitze nun um des Wor-
tes Gottes willen im Gefängnisse zu Gent geschlos-
sen. Deshalb ist das, meine lieben Kinder, zunächst
mein Begehren, daß, wenn ihr zu eurem Verstände
gekommen seid, ihr fleißig danach fragt, warum es
geschehen sei, daß euer Vater hat leiden müssen, auch
daß ihr eifrig in der heiligen biblischen Schrift un-
tersuchen wollt, dann werdet ihr leicht durch Gottes
Gnade merken, daß es nicht wegen irgendeiner Miss-
etat oder Ketzerei geschehen sei, daß ich leiden muss,
wie ich mit meinen Mitbrüdern, die gleichen Glauben
mit mir empfangen haben, von den falschen Prophe-
ten beschuldigt wurde, sondern daß wir geschmäht
werden, weil wir eine feste Hoffnung haben auf den
lebendigen Gott, der der Heiland aller Menschen ist,
insbesondere aber der Gläubigen; auf den lebendigen
Gott, sage ich, der die Welt so liebte, daß er seinen
eingebornen Sohn dahingegeben hat, damit alle, die
an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das
ewige Leben haben. Von diesem einigen Sohne des
Vaters bekennen wir, daß Er von Ewigkeit zu Ewigkeit
gewesen sei, denn Er ist das A und das O, der Anfang
und das Ende, der Erste und der Letzte, durch wel-
chen alle Dinge erschaffen worden sind, durch den
wir auch die Versöhnung, nämlich die Vergebung der
Sünden, haben. Denn Christus ist für uns gestorben,
als wir noch gottlos waren, deshalb sind wir auch
versöhnt durch den Tod des Sohnes Gottes, als wir
noch Feinde waren, durch die Vernunft in bösen Wer-
ken; ebenso sind wir nun mit dem Leibe seines Flei-
sches durch den Tod versöhnt, denn das Blut Jesu
Christi, seines Sohnes, macht uns von allen unsem
Sünden rein. Er ist auch das unschuldige, unbefleck-
te Lamm, das die Sünde Adams auf sich genommen
hat, welches keine Sünden getan hat, und in dessen
Mund kein Betrug erfunden worden ist; dasselbe ist
uns von Gott gemacht zur Weisheit und Gerechtig-
keit, zur Heiligung und zur Erlösung. Summa, ich
glaube und bekenne mit vielen Heiligen Gottes, daß
Christus der Sohn des lebendigen Gottes sei, wie von
Ihm Petrus bekannt hat mit vielen Aposteln, Natha-
nael, Martha, dem Mörder, dem Engel Gabriel, dem
661
Vater aus dem hohen Himmel und vielen Zeugen der
Christen. Dieser eingeborne Sohn Gottes hat uns des
Vaters Willen offenbart und zu erkennen gegeben, als
Er von den Toten auferstanden ist. Er hat seinen Apo-
steln einen Befehl gegeben und gesagt: Mir ist alle
Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben, darum
geht hin und lehrt alle Völker, und tauft sie im Namen
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, und
lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Mar-
kus beschreibt es: Geht hin in alle Welt, und predigt
das Evangelium allen Kreaturen; wer glaubt und ge-
tauft wird, wird selig werden, wer aber nicht glaubt,
wird verdammt werden. Aber der Mensch muss zu-
vor sich bekehren und Buße tun, denn Christus hat
in seinem Namen Buße predigen lassen zur Verge-
bung der Sünden. So zeugen auch von Christo alle
Propheten, daß alle, die an Ihn glauben, durch seinen
Namen Vergebung der Sünden empfangen. Diesem
Befehle Christi sind die Apostel als treue Diener nach-
gefolgt, wie man in den Geschichten der Apostel liest,
wo Petrus das Volk zu Jerusalem lehrte und sagte: Tut
Buße, und lasse sich ein jeder im Namen des Herrn
Jesu Christi zur Vergebung der Sünden taufen, dann
werdet ihr die Gaben des Heiligen Geistes empfan-
gen; diejenigen nun, die sein Wort gern aufnahmen,
ließen sich taufen. Desgleichen finden wir auch von
dem Kämmerer aus dem Mohrenlande, wie er sich auf
sein Glaubensbekenntnis von Philippus habe taufen
lassen; auch wurden von Philippus sowohl Männer
als auch Weiber getauft, als er ihnen von dem Reiche
Gottes gepredigt hatte; ebenso hat Petrus befohlen,
Cornelius mit seinem Hausgesinde zu taufen, als er
und alle seine Hausgenossen durch den Glauben den
Heiligen Geist empfangen hatten; ebenso ist auch des
Stockmeisters Hausgesinde getauft worden, als es an
den Herrn Jesum gläubig geworden ist. Also haben
die Apostel nur die Gläubigen getauft, nachdem sie
dieselben zuvor gelehrt, Buße zu tim, den Sünden ab-
zusterben und durch die Taufe begraben zu werden,
um wieder in einem neuen Leben aufzustehen. So ist
denn die Taufe eine Begrabung der Sünden, ein Bad
der Wiedergeburt, welches uns, wie Petrus sagt, selig
macht, nämlich was dadurch bedeutet wird, nicht das
Abtun des Unflates am Fleische, sondern der Bund
eines guten Gewissens mit Gott, denn durch die Taufe
wird von den Gläubigen zu erkennen gegeben, daß sie
inwendig mit dem Heiligen Geiste und Feuer durch
Christum getauft seien, wovon wir viele Zeugnisse in
der heiligen Schrift haben; auf solche Weise treten sie
in den Bund des Allerhöchsten, und sind versichert
durch seinen Heiligen Geist von der Gnade und dem
Verdienste unsers Herrn Jesu Christi, daß er ihr Gott
sei und daß sie seine Kinder seien.
Dieses ist in der Kürze unser Glaube von der Taufe,
wobei wir allem absagen, was von Menschen dagegen
eingesetzt ist.
Ferner haben wir aus Gottes Wort ein Abendmahl
oder Brotbrechen, welches der Herr selbst eingesetzt
und seinen Aposteln befohlen hat, zum Gedächtnisse
seines Leidens und Todes, wie Paulus berichtet: Der
Herr Jesus Christus, in der Nacht, wo er verraten war,
nahm das Brot, dankte, brach es und sagte: Nehmt,
esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird;
solches tut zu meinem Gedächtnis; desgleichen nach
dem Abendmahl nahm Er auch den Kelch, und sag-
te: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem
Blute; so oft ihr solches trinkt, tut es zu meinem Ge-
dächtnis, denn so oft ihr von diesem Brot esst und
von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des Herrn Tod ver-
kündigen, bis daß Er kommt. Wer aber unwürdig von
diesem Brot isst, oder von dem Kelch des Herrn trinkt,
der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der
Mensch aber prüfe sich selbst, und also esse er von
diesem Brot und trinke von diesem Kelch, denn, wer
unwürdig isst, der isst und trinkt sich selbst das Ge-
richt, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet.
Also hat Christus Jesus das Abendmahl eingesetzt
mit Brot und Wein, damit es in einer christlichen Ver-
sammlung gebraucht werde, im Namen des Herrn,
zum Zeichen der brüderlichen Liebe und Einigkeit,
und zum Zeichen, daß wir Christi, des wahrhaftigen
Brotes vom Himmel, durch sein Verdienst in dem
Glauben an seinen heiligen Namen teilhaftig gewor-
den sind, wie Paulus erklärt: Der gesegnete Kelch,
welchen wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft
des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das
nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein
Brot ist es, so sind wir viele ein Leib, weil wir alle
eines Brotes teilhaftig sind; diejenigen aber, die zu
diesem Brote tüchtig sind, müssen den Sünden abge-
storben, durch die Taufe begraben und mit Christo
wieder auferstanden sein, in einem gottseligen und
christlichen Leben, und müssen in Christo eine neue
Kreatur geworden und in seinem Blute gereinigt sein.
Solche müssen durch das Wasserbad im Worte die Se-
ligkeit erlangen, indem sie Fleisch von Christi Fleisch
und Bein von seinen Beinen sind; auch müssen sie der
göttlichen Natur teilhaftig sein, und fortan alle ver-
gänglichen Wollüste dieser Welt fliehen; sie müssen
auch in einem Geiste zu einem Leibe getauft, und mit
einem Geiste getränkt werden. Dieses Abendmahl ist
bei der Welt ganz verkehrt, denn sie halten ihr Abend-
mahl mit Huren und Buben, mit Trunkenbolden und
Ehebrechen, mit Götzendienern, mit Lügnern, Die-
ben, Mördern, Lästerern und Zauberern, von welchen
geschrieben steht, daß solche das Reich Gottes nicht
662
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ererben werden, sondern ihr Teil wird sein in dem
feurigen Pfuhle, der mit Schwefel und Feuer brennen
wird, welches der zweite Tod ist. Auch meinen sie,
wenn sie das Brot essen und den Kelch trinken, sie
Christi Leib wesentlich essen, und sein Blut wesent-
lich trinken, in welcher Beziehung Christus zu den
Juden sagt, die es auch fleischlich verstanden, wie es
diese noch so verstehen, der Geist sei es, der leben-
dig macht, das Fleisch und Blut sei nichts nütze; die
Worte, die ich rede, sind Geist und Leben. Auch fin-
den wir an vielen Plätzen, daß Christus zur Rechten
seines Vaters im Himmel sitzt, und den Himmel ein-
nehmen muss bis zur Zeit, daß wiedergebracht werde
alles, was Gott geredet hat durch den Mund seiner
Propheten. Und weil ich, meine lieben Kinder, diese
drei Artikel gleichsam aus des Herrn Munde durch
den Heiligen Geist aus Gottes Wort von Herzen ange-
nommen und geglaubt, das Böse gemieden und ver-
abscheut habe, nach meinem schwachen Vermögen,
sowie alles, was denselben zuwider ist, namentlich
viele Gräuel, Abgötterei, die Kindertaufe, das abgöt-
tische, verkehrte Abendmahl, die Ohrenbeichte, und
verschiedene andere Schändlichkeiten, so muss ich
leiden und des Todes sterben. Aber von Anfang der
Welt ist es so gewesen, dass die Gerechten viel haben
leiden müssen, wie Christus sagt: Sie werden euch
in den Bann tun, und die Zeit wird kommen, daß
wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst
damit; und dieses alles werden sie euch darum tun,
weil sie weder mich, noch meinen Vater erkannt ha-
ben; denn hätten sie Ihn erkannt, sie hätten den Herrn
der Herrlichkeit nicht gekreuzigt; auch sagt Christus:
Wärt ihr von der Welt, so hätte die Welt das ihre lieb;
nun ihr aber nicht von der Welt seid, und weil ich
euch von der Welt erwählt habe, so hasst euch die
Welt. Also sind die Kinder Gottes aus dieser düstern,
bösen Welt zum Lichte Jesu Christi berufen und er-
wählt, weil ihre Werke, die in Gott getan sind, die Welt
strafen und ihre Bosheit zum Vorschein bringen; dar-
um sind sie auch über dieselben zornig, nach der Art
Kains, welcher, weil Abels Opfer vor dem Herrn an-
genehm war, denselben totgeschlagen hat, denn was
lauter und klar ist, mag nicht zum Vorschein kommen.
Der sich vom Bösen abwendet und Gutes tut, muss
jedermanns Raub sein, und alle, die gottselig leben
wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden. Der
Engel sagte zu Tobias: Weil du Gott angenehm warst,
so musste es so sein, ohne Anfechtung musstest du
nicht bleiben, damit du bewährt würdest. Der Jünger
ist nicht über seinem Meister, noch der Knecht über
seinem Herrn, sondern es ist dem Jünger genug, daß
er wie sein Meister sei, und dem Knechte, daß er wie
sein Herr sei. Haben sie den Hausvater Beelzebub
genannt, um wie viel mehr werden sie seine Hausge-
nossen so nennen; haben sie mich verfolgt, so werden
sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehal-
ten, so werden sie das eure auch halten. Meine lieben
Kindlein, es wird euch nicht zur Schande gereichen,
daß ich, euer Vater, leiden muss, denn es ist um des
Namens des Herrn Jesu Christi willen. Darum schämt
euch dessen nicht, denn man mag nicht herrlicher für
den Herrn sterben, als um des Wortes Gottes willen.
Petrus und Johannes gingen fröhlich von dem Rate,
als sie gegeißelt waren, weil sie würdig waren, um
des Namens Jesu willen Schmach zu leiden. Derselbe
Apostel sagt auch: Selig seid ihr, wenn ihr um des
Namens Christi willen geschmäht werdet, denn der
Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist,
ruht auf euch; bei ihnen ist er verlästert, aber bei euch
ist er gepriesen.
Ferner ist es mein Begehren, meine lieben Kinder,
daß ihr euch der bösen Werke dieser Welt enthaltet,
deren es sehr viele gibt, damit ihr nicht mit ihr ver-
dammt werdet, denn die Welt mit allen ihren Lüsten
wird vergehen; wer aber den Willen Gottes tut, der
bleibt in Ewigkeit, ja, solche wird der Herr wie seinen
Augapfel, und ihre guten Werke wie einen Siegelring
bewahren.
Darum trachtet von Jugend auf nach dem Besten;
beugt eure Schultern unter die Wahrheit, und meidet
alle Lüste der Jugend; trachtet darnach, daß ihr des
Herrn Joch auf euch nehmt, das ist, daß ihr die Lehre
Christi aufnehmt jetzt in euren jungen Tagen bis in eu-
er Alter, ja, bis ans Ende eures Lebens, dann wird man
einen weisen, vollkommenen Mann an euch sehen;
untersucht fleißig die heilige Schrift, damit ihr da-
durch in dem göttlichen Leben vollkommen fortgeht,
von welchem die Welt entfremdet ist, und lasst das
Wort Christi in euch gepflanzt werden, damit es reich-
lich in euch wohnen möge in aller Weisheit. Denkt
allezeit an Gottes Gebot, und ohne Unterlass an sein
Wort, das wird euer Herz vollkommen machen, und
euch Weisheit geben, wie ihr begehrt; denn das Wort
des Höchsten ist ein Brunnen der Weisheit, und ihr
Eingang sind die ewigen Gebote. Durch Gottes Wort
erlangt ihr gottselige und geübte Sinne zur Unter-
scheidung des Guten und des Bösen, denn die heilige
Schrift gibt Zeugnis von Gottes Güte und macht einen
Unverständigen, der es begehrt, weise, um Gott zu
fürchten, alle Bosheit zu meiden und Gutes zu tun,
denn wer Gott fürchtet, wird Gutes tun. Die Furcht
Gottes ist der Weisheit Anfang, und Böses meiden ist
Verstand. Die Furcht des Herrn ist der Brunnen der
Weisheit, wodurch man die Stricke des ewigen Todes
meidet, und der Sünden Sold ist der Tod.
Darum, meine lieben Kinder, meidet die Ursache,
663
wodurch man in den Tod kommt, das ist die Sünde,
welche bei den Fleischlichen sehr häufig gesehen wird;
denn die Welt liegt im Argen; die Sünden werden bei
ihr sehr gering geachtet, und gleichwohl hat sie Zähne
wie Löwenzähne, welche der Menschen Seelen töten,
indem die Sünde und Ungerechtigkeit einem schar-
fen Schwerte gleicht und verwundet, daß es niemand
heilen kann. Ach, meine lieben Kinder, bewahrt eure
Seelen sehr fleißig, damit ihr auch mit eurem Munde
keine Ungerechtigkeit redet, und hütet euch vor Lü-
gen, denn der Mensch, sagt Christus, wird von allen
unnützen Worten, die er geredet hat, Rechenschaft
geben müssen. Darum sagt Paulus: Legt die Lügen
ab und redet die Wahrheit untereinander, denn eitle
Reden gehen nicht frei aus, und der Mund, der lügt,
tötet die Seele; ebenso haben auch die Lügner keinen
Teil an dem Reiche Gottes, sondern ihr Teil wird in
dem Pfuhle sein, der mit Schwefel und Feuer brennt.
Liebe Kinder, befleißigt euch der Treue, wo ihr
wohnt oder wo ihr seid; seid gegen alle Menschen gut
und getreu, und hütet euch vor dem Stehlen, denn die
Diebe haben keinen Platz in dem Reiche Gottes, weil
es eine abscheuliche große Sünde ist. Darum lasst we-
der eure Augen noch eure Herzen darnach gelüsten,
etwas zu begehren, was nicht euer ist, denn ein Dieb
wird nirgends geachtet; wo er hinkommt, sieht man
nach ihm und seinen Händen.
Deshalb, meine lieben Kinder, haltet euch ehrbar
bei einem jeden, und wenn ihr etwas im Hause hört,
das man verschweigen soll, so plaudert es nicht auf
der Straße aus, oder tragt es nicht hin und her in den
Häusern, sondern seid darauf bedacht, euer Tun wahr-
zunehmen, und versäumt nichts durch Müßiggang,
denn Müßiggang macht die Knaben zu Dieben, die
Töchter aber zu Huren; wie man denn oft sieht, daß
es geschieht, daß die Töchter in das Hurenhaus, die
Söhne aber an den Galgen kommen; das kommt ge-
wöhnlich daher, weil sie leckerhaft sind und nicht
arbeiten wollen. Darum haltet euch täglich zu denen,
wo ihr seid, und seid ihnen gehorsam, wie es euch
gebührt, eurem Vater gehorsam zu sein, weder hart-
näckig, noch widerspenstig, sondern seid ihnen ge-
horsam von Herzen mit Gutwilligkeit, und geht mit
ihnen und allen Menschen manierlich und freundlich
um; hütet euch vor Afterreden, denn das ist auch ei-
ne große Sünde, indem ein Dieb zwar schändlich ist,
aber ein Verleumder ist noch schändlicher, weil ein
Verleumder auch das erzählt, was er heimlich weiß.
Darum bewahrt eure Zunge vor dem Argen, und eure
Lippen, daß sie keinen Betrug reden. Lasst von dem
Bösen ab, und tut Gutes; sucht Frieden und jagt ihm
nach, denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerech-
ten und seine Ohren auf ihr Gebet, aber das Angesicht
des Herrn sieht auf diejenigen, welche Böses tun. So
legt nun allen Neid und das Afterreden von euch ab,
und beneidet einander nicht, noch sonst jemanden,
denn der Neid macht alle gute Freundschaft verges-
sen, und scheidet alle guten Freunde voneinander;
so hat auch Kain seinen Bruder Abel aus Neid totge-
schlagen; aus Neid haben Jakobs Söhne ihren Bruder
Joseph in die Grube geworfen und auch verkauft. Ach,
meine lieben Kinder, haltet euch stets zu Hause, und
kommt nicht viel auf die Straßen, wenn ihr nichts
darauf zu tun habt, denn dort lernt man nichts ande-
res als Büberei, Schlagen, Spielen, Tauschen, Fluchen,
Schwören und viele unnütze Worte reden. Ach, Kin-
der, es ist euch so schädlich an Seele und Leib, auf
die Straße zu laufen; wenn ihr aber nicht arbeiten
müsst, so nehmt ein Testament zur Hand und lest dar-
in, das wird euch sehr dienlich sein. Und ihr, Janneken
und Joosken, seid älter als Myntgen, eure Schwester;
erweist ihr, nach all eurem Vermögen, eure Barmher-
zigkeit, und helft ihr die Kost verdienen, und arbeitet
fleißig mit euren Händen, damit ihr dem Dürftigen
zu geben habt; denn nach meinem Tode seid ihr große
Schuldner untereinander, das Beste zu tun, damit ihr
einander nach eurem Vermögen forthelft. Das Jüngste
sei dem Ältesten gehorsam, damit kein Streit entstehe.
Beweist hierin und in allen Dingen eure Demut, denn
Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen
gibt er Gnade. Er hat die Gewaltigen vom Stuhle ge-
stoßen und erhebt die Elenden. Darum, meine lieben
Kinder, lasst die Hoffart bei euch nicht die Herrschaft
haben, weder in Worten noch in Werken, denn David
sagt: Ein verkehrtes Herz muss von mir weichen; den
Bösen leide ich nicht, der seinen Nächsten heimlich
verleumdet, den vertilge ich; ich mag den nicht, der
stolze Gebärden und hohen Mut hat! Meine Augen
sehen nach den Treuen im Lande, daß sie bei mir woh-
nen, und ich habe gern fromme Diener. Ach, meine
lieben Kinder, seid gegeneinander gut und freundlich,
und lasst von euch keine spitzigen Worte weder ge-
geneinander, noch über andere gehört werden. Seid
auch meinem Weib, eurer Mutter, gehorsam um des
Herrn willen und um meinetwillen, denn sie war mir
sehr lieb und wert; aber nun muss ich sie und euch
verlassen um des Namens des Herrn willen, nach
dem Befehle Christi, was ich um die ganze Welt nicht
tun wollte, aber um des Herrn und des Evangeliums
willen muss man alles verlassen, Vater, Mutter, Weib,
Kind, Brüder, Schwestern, Land, Haus, Hof, ja, da-
zu sein eigenes Leben, sonst ist man nicht wert, sein
Jünger zu sein.
Hiermit will ich euch, meine lieben Kinder, gute
Nacht sagen und meinen Abschied von euch nehmen.
Der Herr gebe euch seinen überfließenden, reichen
664
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Segen, damit ihr in einem ehrbaren, gottseligen Leben
aufwachsen und in der Erkenntnis Christi zunehmen
mögt.
Ach, meine lieben Kinder, lasst nicht nach, eurem
Herrn, eurem Gotte, vor dem Essen und Trinken,
wenn ihr schlafen geht und aufsteht, auf euren Knien
mit gefabenen Händen zu danken, und ruft Ihn um
seine Gnade an.
So empfehle ich euch und eure Mutter, mein wertes
und in Gott geliebtes Weib, dem Herrn, der mächtig
ist, für euch an Leib und Seele über unser Gebet zu
sorgen. Auch ist es mein Begehren, daß man dieses
Testament für euch abschreibe, und daß man es dem
Henrich und den Kindern wohl bewahre, zu meinem
Andenken, und wenn die Kopie abgenutzt ist, so lasst
es wieder abschreiben, damit es nicht vergehe. Gute
Nacht Henrich, Urlaub und gute Nacht zum Abschie-
de, Janneken, meine älteste Tochter; Urlaub und gute
Nacht Joosken; Urlaub und gute Nacht Myntken, und
gute Nacht mein wertes und in Gott geliebtes Weib
und Schwester in dem Herrn. Gute Nacht, nun müs-
sen wir scheiden. Der allmächtige Gott, der Abraham,
Isaak und Jakob gesegnet hat, wolle euch auch segnen
ins himmlische Wesen durch Jesum Christum, Amen.
Der gesegnete, gekreuzigte Christus sei euer Trost
und überfließend reicher Schatz der Gnade. Der Frie-
de Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch. Dieses sei noch einmal zum Abschiede.
Urlaub und gute Nacht, liebe Neelken. Ich danke
dem Herrn und dir für deine freundliche Gemein-
schaft und Liebe gegen mich, die du mir erwiesen
hast. Ich gehe voran, der Herr wolle eure Herzen rich-
ten, zur Liebe Gottes und zur Geduld Christi, damit
ich euch bei dem Herrn finden möge.
Von mir, Matthäus Bernaerts, in meinem Gefängnis-
se zu Gent geschrieben, den 2. Dezember 1572.
Eine Danksagung, vor und nach dem Essen,
welche Matthäus Bernaerts, genannt von Linken,
in seiner Gefangenschaft gemacht und an seine
Kinder gesandt hat.
Vor dem Essen. Schmeckt und seht, wie freundlich der
Herr sei, der diese Kreaturen erschaffen und sie den
Gläubigen gegeben hat, mit Danksagung zu genießen,
zum Lobe und Preise seines heiligen Namens. O al-
lerliebster, gütigster, barmherziger, ewiger Vater! Du
wollest doch deine armen, elenden Kinder, die um
deines heiligen Namens willen in Verfolgung sind,
nicht vergessen.
Danksagung nach dem Essen. Lasst uns nun den
Herrn loben und Ihm danken, der uns so mildreich
gespeist hat an unserm Leibe. Lasst uns den Vater bit-
ten, daß Er uns nun auch mit dem Brot des ewigen
Lebens speisen wolle, damit wir, wenn unser Geist,
unsere Seele und unser Leib gespeist sind, seinem
heiligen Willen nachkommen mögen. Ach allerliebs-
ter, gütigster, barmherziger, ewiger Vater! Du wollest
doch deine armen, elenden Kinder, die um deines
heiligen Namens willen in Verfolgung sind, nicht ver-
gessen, Amen.
Von mir, Matthäus Bernaerts, genannt von Linken,
geschrieben in meiner Gefangenschaft.
Adrian Rogiers wird um des Zeugnisses Jesu
Christi willen zu Gent in Flandern im Jahre 1572
verbrannt.
Hier folgen drei Briefe von Adrian Rogiers, geschrie-
ben aus seiner Gefangenschaft.
Der erste Brief, den Adrian Rogiers an sein Weib
geschrieben hat.
Aus günstiger Liebe zum freundlichen Gruße ge-
schrieben an dich, mein herzgründlich geliebtes und
sehr wertes Weib, welche ich lieb und sehr wert ha-
be von Herzen, das weiß der Herr, der alle Dinge
weiß und (wie Jeremia sagt) Herzen und Nieren der
Menschen prüft. Sodann, meine Liebe, nach diesem
meinem geziemenden und christlichen Gruße lasse
ich deine Liebe wissen, daß ich (dem Herrn sei ewiges
Lob!) noch ziemlich wohlauf bin, sowohl nach dem
Fleische als auch nach dem Geiste, Gott sei gepriesen!
Mein Gemüt ist so bestellt, um mit meinem Gott über
die Mauer zu springen. Ebenso hoffe ich, meine Ge-
liebteste, durch Gottes Güte, daß du auch an Leib und
Seele gesund und bereit sein werdest, durch Gottes
Hilfe lieber mit Eleazar ehrlich zu sterben, als schänd-
lich zu leben. Der allmächtige Herr, der Brot gibt in
der Not und, nach des Propheten Wort, Wein und
Milch umsonst gibt, wolle dich und uns alle so stär-
ken und kräftig machen durch seinen Heiligen Geist,
damit wir in unserer gegenwärtigen Drangsal alles
ertragen mögen, was um des Herrn willen über uns
kommt, und damit wir seinen Namen fürchten, denn
dazu hat uns Gott von dem erlöst, der uns zu mächtig
war, damit wir Ihm in rechtschaffener Gerechtigkeit
unser Leben lang dienen und Ihn fürchten möchten;
denn Sirach sagt: Es ist kein köstlicheres Ding, als den
Herrn fürchten. Darum, ach mein liebes Weib, laß uns
doch den Herrn von ganzem Herzen fürchten und in
aller Not laß uns zu dem Herrn fliehen, dann wird
Er uns helfen; denn David sagt: Der Herr legt uns ein
Last auf, aber Er hilft sie uns auch tragen, denn wir ha-
ben, sagt er, einen Gott, der da hilft, und einen Herrn
665
der Herren, der vom Tode erlöst; denn Er ist, sagt der
Prophet, der Kleinen Kraft, der Armen Stärke in der
Not, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten
vor der Hitze, denn Er steht dem Armen zur rechten
Hand, damit Er ihm von denen helfe, die sein Leben
verurteilen; aber Gott wird den Kopf seiner Feinde,
die in ihren Sünden fortfahren, in Stücke zerschmei-
ßen; so sagt auch Judith: Wehe den beiden, die mein
Volk verfolgen, denn der allmächtige Herr richtet sie,
und sucht sie heim zur Zeit der Rache! Er wird ihren
Leib plagen mit Feuer und Würmern, und sie werden
brennen und heulen in Ewigkeit. Aber das, womit uns
der Herr straft, ach, meine Auserwählten, währt nur
einen Augenblick, denn David sagt: Den Abendlang
währt das Weinen, aber des Morgens die Freude; denn
Gott (sagt Judith) straft uns, seine Knechte, zur Besse-
rung, aber die Gottlosen straft Er zu ihrem Verderben.
Darum, mein liebes Weib, laß uns doch ein wenig
in Geduld unser Kreuz tragen, und laß uns bedenken,
wie viel unser lieber Herr für uns gelitten hat, wie der
Prophet sagt: Er war der Allerverachtetste und Un-
werteste, voller Schmerzen und Krankheiten; Er war
so verachtet, daß man auch das Angesicht vor Ihm
verbarg. Darum haben wir Ihn auch nicht geachtet;
fürwahr Er trug unsere Krankheiten, und lud auf sich
unsere Schmerzen; wir hielten Ihn aber für den, der
von Gott geschlagen und gemartert wäre; aber Er ist
um unserer Missetat willen geschlagen, und um unse-
rer Sünden willen verwundet; die Strafe liegt auf Ihm,
damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden
sind wir geheilt. Wir gingen alle in der Irre, wie die
Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg; aber der Herr
warf unser aller Sünden auf sich; als Er geschlagen
und gemartert wurde, tat Er seinen Mund nicht auf,
wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird,
und wie ein Schaf, das vor seinem Scherer verstummt.
Darum, ach mein sehr geliebtes Weib, weil wir nun
wissen, wie Petrus lehrt, daß Christus im Fleische
gelitten hat, so laß uns auch mit demselben Sinne ge-
wappnet sein, denn wer am Fleische leidet, der hört
auf von Sünden, daß er hinfort, was noch hinterstel-
liger Zeit im Fleische ist, nicht der Menschen Lüste,
sondern dem Willen Gottes lebe.
So sei denn, meine Geliebteste, wohlgemut wenn
dich der Herr prüft, denn es steht geschrieben: Die
gerechten Seelen werden ein wenig gestäupt, aber viel
Gutes wird ihnen widerfahren, denn Gott versucht
sie, und findet sie, daß sie seiner wert sind. Er prüft
sie wie das Gold im Ofen, und nimmt sie an wie ein
völliges Opfer; und zur Zeit, wenn der Herr drein
sehen wird, werden sie hell scheinen und daherfah-
ren wie Flammen über die Stoppeln. Sie werden die
Heiden richten, und über alle Völker herrschen, und
der Herr wird ewig über sie herrschen, denn die Ihm
vertrauen, die erfahren, daß Er seine Verheißung treu-
lich hält, und die in der Liebe treu sind, lässt Er sich
nicht nehmen, denn seine Heiligen sind in Gnaden
und Barmherzigkeit, und Er hält Wache über seine
Auserwählten.
Darum, ach meine Geliebte, laß uns unsere Sache
dem Herrn befehlen, und die uns überfallene Not und
Sorge auf Ihn werfen, denn Er (sagt Petrus) sorgt für
uns; und ist Gott mit uns (sagt Paulus), wer mag wider
uns sein?
So laß uns denn, meine Geliebteste, guten Mutes
sein, und ernstlich wachen, damit wir, wenn unser
Bräutigam kommt, mit Ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit
triumphieren mögen, Amen.
Ferner, mein sehr geliebtes Weib, befehle ich dich
unserem lieben Herrn; der müsse dein Geleitsmann
allezeit sein, denn ich nehme nun Urlaub, und sage
gute Nacht. Tue doch an den Kindern das Beste, wie
ich denn auch in dieser Beziehung das Vertrauen zu
dir habe.
Endlich wisse, meine Geliebte, daß ich deinen Brief
empfangen habe, wofür ich dir sehr danke; grüße mir
denjenigen sehr, der ihn geschrieben hat. Doch sollst
du auch wissen, daß ich sehr betrübt bin, weil ich
schon so lange keine Nachricht von dir erhalten habe;
ich bitte dich, du wollest mich doch wissen lassen,
wie es dir und den Kindern geht. So sage ich denn
nochmals gute Nacht; bitte den Herrn für mich, wie
ich auch für dich tue, und grüße die Bekannten; wir
Gefangenen grüßen dich alle; bitte doch den Herrn
für uns.
Geschrieben in meinen Banden von mir, deinem
lieben Manne, Adrian Rogiers, zu deinem Besten.
Noch ein Brief von demselben Adrian Rogiers,
geschrieben im Gefängnisse an sein Weib.
Einen zugeneigten liebreichen Gruß, geschrieben an
dich, mein sehr liebes und wertes Weib, welche ich
vor Gott und seiner herrlichen Gemeinde geehelicht
habe.
Ferner, nebst allem geziemenden und christlichen
Gruße, lasse ich deine Liebe wissen, daß ich (dem
Herrn sei ewiges Lob) dem Fleische nach noch bei
ziemlicher Gesundheit bin; auch dem Geiste nach
(wofür Gott gepriesen sei) steht mein Gemüt so, daß
ich mit meinem Gott über die Mauern zu springen
gedenke; doch hoffe ich auch daneben, und habe
das Vertrauen, daß du auch an Seele und Leib (Gott
sei gedankt) gesund und im Glauben unbeschädigt
sein werdest. Der allmächtige Herr, der, wie David
schreibt, allein Wunder tut, müsse dich und uns alle
666
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
bewahren und mit seinem Heiligen Geiste stärken,
damit wir zu seinem Preise leben und sterben und in
dieser gegenwärtigen Drangsal geduldig sein mögen;
und wenn wir geprüft werden, so laß uns daran den-
ken, daß wir es nicht allein sind, sondern daß Gott,
wie Paulus schreibt, einen jeden Sohn stäupt, den Er
lieb hat; denn es ist bekannt, daß Gott in früheren
Zeiten unsere Väter auch geprüft habe, wie Judith
erzählt, als die Stadt Bethulia belagert war, und sie
um des Wassermangels willen nach fünf Tagen die
Stadt übergeben wollten; als sie Judith zur Geduld
ermahnte und sagte: Wer seid ihr, daß ihr dem Herrn
Zeit und Tage bestimmt, wann Er helfen soll? Das
dient nicht Gnade zu erwerben, sondern vielmehr
Zorn und Ungnade. Darum lasst uns darüber Leid tra-
gen und Gnade suchen mit Tränen; und ihr Männer,
liebe Brüder, die ihr die ältesten des Volkes seid, geht
doch hin zu dem Volke und ermahnt es, wie Gott in
den früheren Zeiten unsere Väter geprüft hat, ob sie
Ihm von Herzen dienten oder nicht; erinnert sie, wie
unser Vater Abraham in mancherlei Versuchungen
bewährt worden ist, wodurch er Gottes Freund geblie-
ben ist. Also haben auch Isaak, Jakob, Mose und alle,
die Gott lieb gewesen sind, durch viel Trübsal über-
winden müssen, wie uns Sirach lehrt, wenn er sagt:
Mein Kind, willst du Gottes Diener sein, so schicke
dich zur Anfechtung; halte fest und leite dich, und
wanke nicht, wenn dich die Gottlosen davon locken,
denn, gleichwie das Gold durchs Feuer, so wird die
Gerechtigkeit durch das Feuer der Trübsal geprüft.
Aber ihr, die ihr den Herrn fürchtet, hofft das Beste
von Ihm, dann wird euch allezeit Trost widerfahren.
Siehe an die Exempel der Alten und nimm sie zu
Herzen, denn es ist niemals jemand zu Schanden ge-
worden, der auf den Herrn gehofft hat, oder wer ist
doch jemals verlassen worden, der in der Furcht Got-
tes geblieben ist?
So verzage denn nicht, mein sehr geliebtes Weib,
wenn du von dem Herrn geprüft wirst, denn wenn Er
geschlagen hat (sagt Hiob), so kann Er auch wieder
heilen; denn Er tötet und macht wieder lebendig; Er
führt in die Hölle und auch wieder heraus.
Darum, mein sehr geliebtes Weib, halte dich doch
fest an den Herrn, und befleißige dich der Gottse-
ligkeit, dann wirst du erfahren, daß die Gottseligkeit
mächtiger sei, als alle Dinge; denn die Weisheit verließ
den verkauften Gerechten nicht, sondern bewahrte
ihn vor den Sünden; sie fuhr mit ihm hinab in den
Kerker, und in den Banden verließ sie ihn auch nicht,
bis daß sie ihm das Zepter des Königreiches zubrach-
te, und die Herrschaft über die, die ihm Gewalt getan
hatten.
Sind wir denn nun auch, mein liebes Weib, ein kur-
ze Zeit in Drangsal, so laß uns unser Seelen in Geduld
fassen, denn Gott wird uns über alle erhöhen, die uns
Gewalt tun und uns unterdrücken; es sagt ja Christus
im Evangelium: Wehe euch, die ihr hier lacht, denn
ihr werdet weinen und heulen; aber die ihr jetzt weint,
freut euch, denn ihr werdet noch lachen.
Darum, ach, mein sehr geliebtes Weib, laß uns der
Sonnen Hitze noch ein wenig ertragen, und unsem
Rücken dem Schläger darbieten, denn in kurzer Zeit
wird kommen, der da kommen soll. Darum, ach, mei-
ne Geliebte, laß uns freiwillig außer dem Lager Ihm
helfen, seine Schmach tragen, und daran denken, daß
der Knecht nicht besser ist als sein Herr; denn haben
sie den Hausvater Beelzebub genannt, um wie viel
mehr seine Hausgenossen? Ach, haben sie Böses an
einem grünen Holze getan, was werden sie an uns
dürrem Holze tun? Darum laß uns wieder aufheben
die trägen, lässigen Hände, und, wie Jesaja schreibt,
die strauchelnden Knie stark machen, um mit unsern
Füßen einen gewissen Gang zu tun, und zu laufen,
nach der Lehre Pauli, durch Geduld, in dem Streite,
der uns vorgelegt ist, und laß uns mit Mose auf die Be-
lohnung sehen, denn das ist gewiss wahr, wie Paulus
schreibt: Wenn wir mit Christo leiden, so werden wir
auch bei Ihm sein und mit Ihm herrschen. So laß uns
denn nun Gutes tun und nicht müde werden; wir wer-
den den edlen Samen, den wir nun mit Tränen säen,
zu seiner Zeit reichlich und im Überfluss mit Freuden
einernten, denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht
ist, schafft eine ewige und über die Maßen gewichti-
ge Herrlichkeit uns, die wir nicht auf das Sichtbare,
sondern auf das Unsichtbare sehen, denn alles, was
sichtbar ist, das ist vergänglich, was aber imsichtbar
ist, das ist ewig. Darum bitte ich dich, mein sehr ge-
liebtes Weib, habe doch den Herrn allezeit vor Au-
gen, damit du dermaleinst mit dem Herrn herrschen
und triumphieren mögest, von Ewigkeit zu Ewigkeit,
Amen.
Ferner, mein sehr geliebtes Weib, befehle ich dich
dem Herrn und seinem trostreichen Worte, und bitte
dich, du wollest mir mein Schreiben zu gut halten; ich
begehre auch freundlich von dir, du wollest meiner
durch Schreiben auch gedenken, denn mich verlangt
oft sehr herzlich, von dir eine Nachricht zu hören.
Ich habe gehört, daß du Mühe angewandt hast, zu
mir zu kommen, und daß es dir misslungen sei; doch
sei getrost, ich hoffe, wenn wir auch hier nicht Zusam-
menkommen können, daß wir uns dermaleinst bei
dem Herrn versammeln werden, wo kein Scheiden
mehr sein wird.
So sage ich denn gute Nacht; tue das Beste an den
Kindern und bitte den Herrn für mich, ich will auch
dasselbe nach meinem Vermögen für dich tun.
667
Nichts weiter, als grüße mir die Bekannten sehr
herzlich; Martin von der Straasen und Beliken von
der Straasen, sein sehr geliebtes Weib, und Hansken,
Margriete und Dingentgen lassen dich, so wie alle
Bekannten, sehr grüßen; bitte den Herrn doch fleißig
für uns.
Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem
lieben Manne und Bruder in dem Herrn, Adrian Ro-
giers.
Noch ein Brief von Adrian Rogiers an sein Weib,
geschrieben im Gefängnisse zu Gent.
Aus einem zugeneigten Herzen zum freundlichen
Gruße geschrieben an dich, mein liebes und sehr wer-
tes Weib, welche ich vor Gott und seiner herrlichen
Gemeinde geheiratet habe, die ich auch von Herzen
liebe, das weiß der Herr, der mit feuerflammenden
Augen alle Dinge durchsieht. Ferner nach allem gezie-
menden und christlichen Gruße lasse ich deine Liebe
wissen, daß ich dem Fleische nach ziemlich wohlauf
bin; ebenso ist auch mein Gemüt noch so bestellt, mit
des Herrn Hilfe den Glauben bis ans Ende festzu-
halten. Sodann, mein liebes Weib, hoffe ich, daß du
auch an Seele und Leib, Gott sei gepriesen, gesund
und bereit seiest, die Zeit deiner Wallfahrt zum Preise
des Herrn und deiner Seele Seligkeit mit Freuden zu
vollenden. Der gute, ewige und allmächtige Gott, der
durch seine milde Güte Wein und Milch umsonst gibt,
wolle dich und uns alle durch seinen Heiligen Geist
stark und kräftig machen, damit wir dem Herrn die-
nen mögen in seiner Furcht, denn es ist doch kein köst-
licheres Ding, als den Herrn fürchten, indem Sirach
sagt: Geld und Gut macht Mut, aber noch vielmehr
die Furcht des Herrn; denn wer den Herrn fürchtet,
dem wird es in der äußersten Not wohl ergehen. Dar-
um, ach mein liebes Schaf, halte dich doch fest an den
Herrn, und wappne dich; ziehe den Harnisch Gottes
an, damit du jedem listigen Anlaufe des Teufels wider-
stehen mögest, denn der Teufel, unser Widersacher,
ruht nicht, sagt Petrus, sondern geht um uns her wie
ein brüllender Löwe, und sucht, welchen er verschlin-
ge. So stehe denn, ach, meine liebe Schwester, in dem
Glauben, bete und halte gute Wache, ziehe das Band
der Liebe an, und hüte dich vor den falschen Prophe-
ten, denn in den letzten Zeiten (wie Christus sagt)
werden viele falsche Propheten auferstehen und sa-
gen: Hier ist Christus, da ist Er; aber geht nicht hinaus,
und wenn sie sagen werden: Er ist in der Wüste; Er ist
in der Kammer, so glaubt ihnen nicht, denn gleichwie
der Blitz ausgeht, vom Aufgange und scheint bis zum
Niedergange, so wird die Zukunft des Menschen Soh-
nes sein. Darum, o meine Geliebte, halte doch tapfer
an, bis du hinweggenommen wirst, denn in kurzer
Zeit wird kommen, der da kommen soll. So fasse denn
deine Seele in Geduld, und leide der Sonnen Brand
eine kurze Zeit, denn Christus hat uns zugesagt, daß
wir in der Welt Verfolgung haben werden; ebenso
spricht auch Gott, durch den Propheten, wenn Er sagt:
Schreie, o Tochter Zion, wie eine in Kindesnöten, denn
du musst zur Stadt hinaus und auf dem Felde wohnen.
Summa, das Himmelreich leidet Gewalt, und die ihm
Gewalt antun, reißen es an sich; auch sagt Paulus, daß
wir durch viel Druck und Trübsal in das Reich Gottes
eingehen müssen, denn Christus, der unser Haupt
ist, ist uns vorgegangen, und hat um unseretwillen
viel Schmach leiden müssen, wie der Prophet sagt:
Er hat unser aller Sünden auf sich genommen, und
unsere Schmach getragen; Er ist wie ein Lamm vor
seinem Scherer verstummt, und schalt nicht wieder
als Er gescholten ward; als man Ihm drohte, drohte Er
nicht wieder, sondern übergab die Rache dem, der da
recht richtet. Also müssen wir auch, mein liebes Weib,
wie Petrus sagt, des Herrn Fußstapfen nachfolgen,
denn man redet übel von uns, sagt Paulus, wir aber
reden wohl; ebenso hat uns auch Christus gelehrt, für
diejenigen zu bitten, die uns Leid antun.
Darum, ach mein liebes Schaf, laß uns in allen Din-
gen uns als rechte Glieder Christi beweisen, und dar-
an denken, was Paulus sagt: Wenn wir mit Christo
leiden, so werden wir mich mit Ihm herrschen. Dar-
um laß uns alle Bosheit ablegen und die Sünde, die
uns anklebt, meiden, und der Heiligung nachjagen,
ohne welche niemand den Herrn sehen wird. Ach,
laß uns doch uns selbst mit einem heiligen Wandel
schmücken, und uns nicht der Welt gleichstellen, denn
sie vergeht mit ihren Lüsten.
Deshalb, ach mein liebes Schaf, laß uns noch flei-
ßig Wache halten, wie Knechte, die allezeit auf ihren
Herrn warten, damit wir durch Gottes Gnade mit
allen auserwählten Kindern Gottes der herrlichen Be-
lohnung teilhaftig werden mögen, von Ewigkeit zu
Ewigkeit, Amen.
Jetzt, mein liebes Weib, weiß ich dir nun nicht viel
mehr zu schreiben, als daß ich dich noch bitte, daß du
meine geringe Gabe zum Besten aufnehmen wollest,
denn hätte es Habakuk besser gebraucht, du hättest
es besser empfangen.
Sodann wisse, mein liebes Weib, daß ich das emp-
fangen habe, was du mir gesandt hast, wofür ich dir
von Herzen danke, denn es ist mir ein großer Trost
gewesen. Auch lassen dich, mein liebes Weib, Martin
von der Straasen und sein liebes Weib, Beliken von der
Straase, herzlich grüßen; ebenso lassen dich Margriet
von der Schluys und Dingentgen von Honschote und
der ehrbare Jüngling Hansken von Oudenaarde herz-
668
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
lieh grüßen. Zuletzt bitten wir alle zusammen, daß
ihr alle den Herrn ernstlich für uns bitten wollt, daß
Er uns tüchtig machen wolle, mit Eleazar lieber ehr-
lich zu sterben, als schändlich zu leben. Weiter nichts,
als bleibe dem Herrn befohlen und dem trostreichen
Worte seiner Gnade, und tue allezeit das Beste an den
Kindern; lehre sie den Herrn fürchten, und wiewohl
ich dir solches zutraue, so kann ich doch nicht unter-
lassen, es dir zu schreiben; doch geschieht alles, was
ich tue, aus reiner Liebe und gutem Herzen. Gehabe
dich wohl, tue das Beste im Anfänge und Ende.
Geschrieben von mir, deinem lieben Manne und
Bruder in dem Herrn, zu deinem Dienste, Adrian Ro-
giers.
Martin von der Straasen und sein Weib Beliken,
im Jahre 1572.
Zu dieser Zeit ist noch ein frommer Bruder, genannt
Martin von der Straasen, der zu Kortryck in Flandern
geboren war, und sein Weib, Beliken von der Straa-
sen, den Feinden der Wahrheit in die Hände geraten.
Es ist aber nach mancherlei Anfechtung ihr Glaube
viel köstlicher erfunden worden, als das vergängliche
Gold, welches durch Feuer geläutert wird; deshalb
haben Martin von der Straasen und noch zwei Brüder,
sowie eine Schwester (die in diesem Buche an ihrem
Orte gemeldet sind), den 4. Dezember im Jahre 1572
in der Stadt Gent ihre Leiber zu einem gottgefälligen
Opfer standhaft übergeben, und sind auf dem Frei-
tagsmarkte, mit Kugeln im Munde, verbrannt worden;
Beliken von der Straasen aber ist darauf, 1573 in den
Fasten, um der Wahrheit willen an gemeldetem Or-
te aufgeopfert worden. Also haben sie einen guten
Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, Glauben gehal-
ten, und das Reich Gottes (auch wider der Tyrannen
Dank) mit Gewalt eingenommen.
Von diesen beiden frommen Zeugen ist früher ein
eigenes Büchlein durch den Druck herausgekommen,
welches viele schöne Briefe, wie auch einige Lieder
enthält, die diese Personen aneinander und an andere
Personen im Gefängnisse gerichtet haben, von wel-
chen Briefen wir euch hier einige mitteilen wollen.
Der erste Brief von Martin von der Straasen an
sein Weib.
Ich, Martin von der Straasen, dein lieber Mann und
Bruder in dem Herrn (doch beides unwürdig), wün-
sche dir, meinem herzgründlich geliebten Weib Be-
liken von der Straasen, die du mit mir (wie Paulus
schreibt) in der Löwengrube liegst und von den Wäch-
tern Babels verwundet bist, viel Gnade und Barmher-
zigkeit von Gott, unserm himmlischen Vater. Die Lie-
be seines Sohnes müsse sich bei dir vermehren; ebenso
müsse auch die Kraft des Heiligen Geistes reichlich
in dir wohnen, damit du, zu des Herrn Preise, gute
und bequeme Früchte hervorbringen und dein Licht
vor den Menschen leuchten lassen mögest, wie eine
Stadt, die auf einem hohen Berge liegt, damit du unter
den Heiden einen guten Namen und ein gutes Anden-
ken in Israel hinterlassen mögest. Der Gott unserer
Väter gebe dir Gnade, und lasse dein Vornehmen von
Statten gehen, damit sich Israel über dich freue und
dein Name unter alle Heiligen gezählt werde, und
damit du dermaleinst das neue Lied vor dem Stuhle
des Herrn spielen mögest, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Dieses wünsche ich dir, meine auserwählte Gelieb-
te, aus Kraft meiner Seele, und auch aus Liebe mit
vollem Herzen. Aus einem zugeneigten Herzen, mit
Liebe durchdrungen, schreibe ich einen liebreichen
Gruß an dich, ach, meine Allerliebste, welche ich von
ganzem Herzen lieb und wert habe, nach dem Worte
Gottes, denn ein Mann wird Vater und Mutter verlas-
sen und seinem Weibe anhangen. Du bist ja, o mein
liebes Schaf, Fleisch von meinem Fleische und Bein
von meinem Beine; es hat auch niemals jemand (wie
Paulus sagt) sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er
ernährt es und pflegt es. Der allmächtige Herr, der
(wie Jeremia sagt) der Menschen Herzen und Nieren
prüft, weiß es, daß ich Ursache genug habe, dich zu
lieben, wie ich auch tue.
Weiter, nach diesem meinem geziemenden und
christlichen Gruße wisse, mein herzlich geliebtes
Weib, daß ich, wie Sirach sagt, einen Tag nach dem
andern in viel Trübsal zubringe, wie einer, der auf
dem Felde wohnt, und manchen Sturm, Hagel und
Regen zu bestehen hat; Gott aber, der tötet und leben-
dig macht, wird mich (hoffe ich) bewahren, daß ich
mit Eleazar das ehrliche Sterben dem schändlichen
Leben vorziehen werde.
Ferner, meine herzgründlich Geliebte, die ich mit
Freudentränen bei der Hand genommen habe, ich
hoffe und vertraue, daß du auch an Seele und Leib
gesund und bereit seiest, mit Susanna lieber in der
Menschen Hände zu fallen, als vor dem Angesich-
te des lebendigen Gottes zu sündigen, der doch al-
le Dinge mit f euer flammenden Augen durchschaut.
Der allmächtige Herr aller Herren, welcher, wie Pau-
lus schreibt, reich an Güte ist, und von Gnade und
Barmherzigkeit überfließt, wolle dich und uns alle,
mit den Augen seiner Gnade ansehen und von die-
sem Elende erlösen; denn ich bin in dieser Zeit, wie
du, sehr geängstigt und belagert, gleichwie die zu
Bethulia; so haben auch meine Feinde mir das Wasser
verwehrt, womit ich früher mein Herz gelabt habe.
669
und haben rund herum die Brunnen belagert, woraus
ich meinen Durst zu stillen pflegte. Aber der allmäch-
tige König ist die rechte Quelle, der (wie Jesaja sagt)
durch seine wohlberedete Zunge die müden Seelen
tröstet, und nach des Propheten Wort in der Not Brot
gibt, und Wasser im Durste; diese werden sie, wie ich
hoffe, nicht abgraben noch verlegen; denn Er scheut
weder eiserne Fenster noch Riegel, Schloss oder Tü-
ren; Er wird uns auch, wie ich hoffe, bald besuchen,
weil Er erkennt und weiß, daß wir von den Wäch-
tern Babels so sehr geschlagen und verwundet sind,
in einem dürren dunkeln Lande, so weit und so tief
in Babylonien, wo man weder sein Wort, noch schö-
nen Lobgesang hört. Darum hoffe ich, daß Er mehr
seine Barmherzigkeit, als seine Gerechtigkeit an uns
gebrauchen werde, weil Er unsre Drangsal sieht und
weiß, daß ich es nicht zu ertragen vermag, weil meine
Schwachheit so groß ist, denn unter allen, die Gott
fürchten, ist niemand so unvollkommen wie ich bin,
indem meine elende Schwachheit so durchgängig ist,
daß ich sie oft mit Tränen beweine, und so kleinmütig
bin, daß es mich dünkt, mein Herz sei zugeschlossen,
weil der Herr meine Schmach nicht von mir nimmt.
Darum kann ich wohl mit David sagen: O Herr Gott,
mein Heiland! Ich schreie Tag und Nacht vor Dir, laß
mein Gebet vor Dich kommen; neige deine Ohren
zu meinem Geschrei, denn meine Seele ist voll Jam-
mer und mein Leben ist nahe bei der Hölle; ich bin
denen gleich geachtet, die zur Hölle fahren; ich bin
wie ein Mann der keine Hilfe hat; ich liege unter den
Toten verlassen, wie die Erschlagenen, die im Gra-
be liegen, denen Du, Herr, nicht mehr gedenkst, da
sie von deiner Hand abgesondert sind. Du hast mich
in die Grube hinuntergelegt, in die Finsternis und in
die Tiefe. Dein Grimm, Herr, drückt mich, und du
drängst mich mit allen deinen Fluten, Sela. Alle mei-
ne Verfolger halten über mich, meine hungrige Seele
ganz auszuhungern, und meiner durstigen Seele das
Trinken zu verwehren. Darum mag ich mit dem Pro-
pheten wohl sagen: Meine Feinde lauem auf meine
Seele, sie tun mir Böses statt Gutes, um meine Seele
in Herzeleid zu bringen. Darum, ach, meine Gelieb-
te, meine Allerliebste, ich kann nicht unterlassen, vor
dir mich zu beklagen, damit ich mein betrübtes Herz
erleichtere, das oft so trostlos, ja, so trostlos ist, daß
ich mit David in meinem großen Jagen wohl sagen
dürfte: O Herr! Ich bin von deinen Augen verstoßen;
dennoch hoffe ich, daß Er bald meine flehende Stim-
me erhören werde. Deshalb bitte ich dich, mein liebes
Schaf, laß deine Ohren nicht müde werden, meine be-
trübte Klage zu hören, und sei nicht verdrossen, mit
deinen Augen mein bedrängtes Angesicht zu sehen;
ich hoffe, der Herr werde Sorge tragen, daß es nicht
lange mehr währen wird. Darum sei noch eine kurze
Zeit geduldig mit mir, wie du denn allezeit geduldig
bei mir gewesen bist; denn damals, als es uns dem
Fleische nach nicht sehr wohl ging, hast du stets mehr
Geduld bewiesen als ich, wofür ich dir herzlich danke,
indem deine Hand fleißiger gewesen ist, dem Hause
vorzustehen, als die meinige; ebenso bist du auch aus
deinem Glauben frommer vor Gott gewandelt als ich,
und deine Geduld ist bis auf diesen gegenwärtigen
Tag größer als die meinige. Darum habe ich Ursa-
che, dich mehr zu lieben, als Paulus die Gemeinde
zu Ephesus, welche er doch drei Jahre lang mit Be-
kümmernis, mit Wachen und Tränen Nacht und Tag
ermahnt hat. Ach, mein Schäflein, meine Liebe, meine
Allerliebste, ich habe dich (Gott sei gepriesen) nun
auch ungefähr drei Jahre gehabt, und habe in diesen
unsern Banden der Verfolgung große Bekümmernis
Tag und Nacht um dich gehabt, habe auch um dich
so manchen Seufzer ausgestoßen und so manche Trä-
ne vergossen, welche ich nicht vergossen hätte, wenn
ich mit dir hätte reden können. Nun aber, mein herz-
gründlich geliebtes Weib, weil es Gott so verordnet
hat, daß ich dich lassen und, wie es scheint, vorange-
hen muss, so sage ich dir, obgleich ich nicht würdig
bin, dich zu ermahnen, so ermahne ich dich dennoch
in diesem Brieflein mit Tränen, und bitte dich, daß du
allezeit den Herrn vor Augen haben, und Ihm mit Ge-
bet und Fasten anhangen wollest, denn ich weiß, daß
du, wenn mich Gott vor dir aus dem Fleische abholt,
nach meinem Tode hart angefochten werden wirst,
und darum bitte ich dich, o mein einziges Schäflein,
um des Herrn willen, daß du doch scharfe Wache hal-
ten wollest, wie die schönen, klugen Jungfrauen taten,
die alle Stunde ihren Bräutigam erwarteten. Auch bit-
te ich dich, ach, meine Liebe, meine Allerliebste, habe
ich Gnade vor deinen Augen gefunden, sei meiner ein-
gedenk, wie die fromme, gottesfürchtige Judith ihres
Mannes eingedenk gewesen ist. Ach, Beliken, Beliken,
meine herzgründliche Liebe, die drei Jahre, die wir
beisammen waren, dünken mich keine drei Tage zu
sein; darum ist mein Herz geängstigt, wenn ich an
den Abschied denke; dennoch wollte ich (wenn es ja
sein muss), daß der Herr doch bald kommen möchte,
denn ich habe (das weiß Gott) so manche schwere
Drangsal, daß ich wohl mit David klagen und sagen
mag: O Herr! Meine Strafe ist alle Morgen da, denn
der meiner Seele nachjagt, wie einem Vogel ohne Ur-
sache, schläft und ruht nicht, weder Tag noch Nacht,
weder Abends noch Morgens; aber ich erwarte mit
Paulus, daß Gott bald mich und uns alle aus der Lö-
wengrube ziehen werde. Ferner, mein herzgründlich
geliebtes Weib Beliken von der Straasen, welche ich
von Herzen lieb und wert habe, ich lasse deine Liebe
670
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
wissen, daß ich gegenwärtig nicht viel mehr zu schrei-
ben weiß, nur daß ich dich dem allmächtigen Gott
und seinem tröstlichen Worte anbefehle. Dabei nehme
ich Abschied von dir, gleichwie dort die gebundenen
Israeliten, welche ihren Kindern die letzte Milch ga-
ben; doch ist Gott, der das himmlische Heer gemacht
hat, mächtig genug, die Elephanten wieder zurück-
zukehren; sein Wille müsse geschehen und nicht der
unsere. Mehr nicht; der Herr sei mit dir, grüße mir,
die bei dir sind; Adrian lässt dich auch sehr grüßen.
Geschrieben von mir, deinem lieben Manne und
Bruder in dem Herrn, Martin von der Straasen.
Der zweite Brief von Martin von der Straasen an
sein Weib.
Ich, Martin von der Straasen, dein herzgründlich ge-
liebter Mann und Bruder in dem Herrn, wünsche dir,
mein herzgründlich geliebtes Weib und Schwester in
dem Herrn, Beliken von der Straasen, viel Gnade und
Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen Va-
ter; die Liebe seines Sohnes müsse sich allezeit bei dir
vermehren, und die Kraft des Heiligen Geistes müsse
reichlich in dir wohnen, damit du dadurch unter den
Heiden einen keuschen Wandel führen und denen ein
Licht sein mögest, die in der Finsternis sitzen, und
(wie Jesaja schreibt) den König in seiner Schönheit se-
hen und unter die königliche Schaar gezählt werden,
die ihre Kleider in dem Blute des Lammes, unseres
Herrn Jesu Christi, gewaschen haben, welcher unsere
Schmach getragen, unsere Wunden geheilt und für
uns bezahlt hat, was Er nicht geraubt hat, damit er
uns von dieser gegenwärtigen argen Welt nach dem
Willen Gottes, seines Vaters, erlöse, welchem sei Ehre,
Kraft, Herrlichkeit und Preis von Ewigkeit zu Ewig-
keit, Amen.
Herzlich geschrieben an dich, meine auserwählte,
allerliebste Beliken von der Straasen, welche ich von
Herzen lieb und wert habe, ja, lieber als mein eige-
nes Leben, denn du bist Fleisch von meinem Fleische.
Summa, du bist mein, und ich bin dein. Darum danke
ich Gott ohne Aufhören, daß Er dich mir gegeben hat,
denn ich hätte nicht gemeint, daß mir Gott solch eine
getreue Gehilfin geben würde, bei welcher ich so viel
Liebe und Geduld gefunden habe; aber Gott hat mir
allezeit mehr Barmherzigkeit erwiesen, als ich wert
bin, und Er wird es, wie ich hoffe, fernerhin tun, wenn
ich ihrer am meisten benötigt sein werde, denn Er ist
ein gütiger Gott, der (wie Paulus schreibt) reich an
Güte ist und von Barmherzigkeit überfließt.
Weiter, meine herzgründlich Geliebte, nach diesem
meinem brüderlichen Gruße, lasse ich deine Liebe
wissen, wie mein Gemüt noch des Vorsatzes ist (Gott
sei gepriesen), mit seiner Hilfe bei der Wahrheit zu
leben und zu sterben. Doch, meine Geliebte, ich habe
das Vertrauen, daß du auch durch des Herrn Gnade so
gesinnt sein werdest, mit seiner Hilfe seinen Namen
zu fürchten dein Leben lang; der Herr aller Herren
und Gott aller Götter müsse dir und uns allen hierzu
seine Gnade geben.
Ferner, meine liebe Beliken, vernehme ich, daß du
begehrst, daß ich dir noch einmal schreiben sollte, was
ich dir unmöglich abschlagen kann; gleichwohl bin
ich unwürdig an dich zu schreiben, um des Stachels
willen, den ich in meinem Fleische habe, denn meine
Schwachheit ist so groß, daß ich wohl sagen möchte:
Ach, daß ich Wasser genug in meinem Haupte hatte,
um Tag und Nacht mein Elend und meine Schwach-
heit zu beweinen; denn meine Schwachheit ist über
die Maßen groß, und meine Betrübnis ist daneben
nicht gering. Wenn ich bedenke (ach Beliken, mein
einziges Schäflein), daß ich von dir scheiden und dich
unter diesem ehebrecherischen Geschlechte verlas-
sen muss, ach, so wird mein Herz bis zum Tode be-
schwert! Und wenn ich dann bedenke, daß dich Gott
vor mir aus dem Fleische nehmen möchte, ach, dann
wird mein Herz noch mehr geängstigt, denn ich fühle,
daß ich nach deinem Abschiede nicht einen fröhli-
chen Tag sehen werde; so ängstigen mich denn die
Gedanken von allen Seiten, weshalb ich mit Susanna
wohl sagen mag: Ach, in welcher großen Angst bin
ich nun! Ja, der elende Stand hat mich so ergriffen,
daß ich wohl mit Hiskia zu Gott rufen und sagen mag:
O Herr! Ich leide Not, lindere sie mir, ja, solche Not
wie die Hindinnen, die sich krümmen, wenn sie ihre
Jungen auslassen sollen. Überdies bin ich oft trostloser
als Jona, der von der Sonne gestochen wurde; darum
mag ich auch wohl sagen: O Druck und Drangsal! Wie
lange lebst du in mir? Ja, überdies mag ich wohl mit
David sagen: Meine Feinde haben auf meinem Rücken
gepflügt, und ihre Furchen lang gezogen; aber, ach,
meine Geliebte, wenn ich daran denke, daß Gott den,
welchen Er lieb hat, (wie Paulus sagt) züchtigt, und
einen jeden Sohn, den Er annimmt, stäupt, auch neben
der Versuchung ein Auskommen verschafft, sodass
man es ertragen kann, was ich oft erfahren habe, so
werde ich wieder getröstet. Darum danke ich auch
dem Herrn, der überall meinen Fuß aus dem Stricke
des Jägers gezogen hat; darum will ich auch mit Da-
vid den Herrn loben, und Ihn unter vielen rühmen,
denn Er streckt seine Arme zur rechten Hand, damit
Er ihm von denen helfe, die sein Leben verurteilen.
Darum, ach, meine Auserwählte und Allerliebste, laß
uns doch fest an dem Herrn hängen, und laß uns
nicht straucheln, wiewohl der Gottlose den verfolgt,
der frömmer ist als er, denn Hiob sagt: Die Gottlosen
671
ziehen das Kind von den Brüsten und machen es zur
Waise in der Stadt; sie machen die Leute seufzen und
der Getöteten Seelen rufen, und Gott stört sie nicht;
aber doch ist es gewiss, daß Gott nicht allezeit zu ih-
rer Sache Amen sagen wird, denn Er sagt durch den
Propheten: Ich schweige wohl eine Zeitlang und bin
stille, aber zuletzt werde ich mich an meinen Feinden
rächen, denn ich hebe, sagt Er, meine Hand auf in dem
Himmel, und lebe ewig. Wenn ich das Blinkende mei-
nes Schwertes wetzen werde, und meine Hand zur
Strafe greifen wird, so will ich mich wieder rächen an
meinen Feinden, und diejenigen, die mich hassen, be-
zahlen. Ich will meine Pfeile mit Blut trunken machen,
und mein Schwert soll Fleisch essen über dem Blute
der Erschlagenen, über dem Gefängnisse und dem
entblößten Haupte des Feindes. Darum sagt Mose:
Seid fröhlich alle, die ihr sein Volk seid, denn Er wird
das Blut seiner Knechte an seinen Feinden rächen;
aber er wird gnädig sein, dem Lande seines Volkes.
So laß uns denn, ach, meine Liebste, mein einziges
Schäflein, doch guten Mutes sein, denn, obgleich wir
jetzt mit Tränen säen müssen, so hoffe ich doch, daß
wir zu seiner Zeit reichlich und im Überfluss ernten
werden, denn Gott sagt durch den Propheten: Freut
euch mit Jerusalem, und seid fröhlich über sie alle, die
ihr sie lieb habt; freut euch mit, ihr alle, die ihr über
sie traurig gewesen seid, denn dafür sollt ihr saugen
und satt werden von den Brüsten ihres Trostes; ihr
sollt dafür saugen und euch ergötzen von der Fülle
ihrer Herrlichkeit.
Darum, ach, meine Auserwählte und Geliebteste,
laß uns doch dem Herrn ein wenig seine Schmach
tragen helfen; denn es ist gewiss wahr, sagt Paulus,
wenn wir mit Christo leiden, so werden wir auch mit
Ihm herrschen, und wenn wir mit Ihm sterben, so wer-
den wir auch mit Ihm leben, und dann wird man alle
Tranen von unsern Augen abwischen, und alle unse-
re Trübsal wird in ewige Freude verwandelt werden.
Darum, ach, meine Geliebte, laß uns doch den Herrn
ernstlich bitten, daß diese Verheißung an uns erfüllt
werden möge, und daß wir in der schönen Stadt als
Bürger erfunden weiden mögen, wo die Mauern von
Saphir und die Straßen von lauterem Golde sind.
Ferner, meine Geliebte, will ich dich unserm lieben
Herrn anbefehlen; der müsse dich bewahren und als
seine Tochter regieren, denn ich nehme jetzt meinen
Abschied und sage gute Nacht.
Ach, gute Nacht, meine herzgründlich Geliebte,
denn es muss doch mit Tränen geschieden sein. Ach,
gute Nacht, Beliken von der Straasen, mein sehr ge-
liebtes Weib, die ich mit Freudentränen bei der Hand
genommen habe. Ach, bitteres Scheiden, wie fällst du
mir so schwer! Noch einmal sage ich, gute Nacht. Ach,
Beliken, meine Auserwählte und Geliebteste, ich sage
dir für alle deine reine Liebe aufs Freundlichste Dank.
Der Herr müsse dir bezahlen. Grüße mir, die bei dir
sind; Adrian lässt dich auch sehr grüßen; der Herr sei
mit dir.
Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem
schwachen Bruder und Diener, wie ich es vermag,
Martin von der Straasen.
Des Martin von der Straasen dritter Brief an sein
Weib.
Ich, Martin von der Straasen, dein herzgründlich ge-
liebter Mann und Bruder in dem Herrn, wiewohl zu
beidem unwürdig, wünsche dir, mein sehr geliebtes
und wertes Weib und Schwester in dem Herrn, Beli-
ken von der Straasen, viel Gnade und Barmherzigkeit
von Gott, unserm himmlischen Vater. Die Liebe seines
Sohnes müsse sich bei dir vermehren, und Gott müsse
dich überdies, wie den Jeremia, mit seinem Heiligen
Geiste erfüllen, damit du dadurch jedem listigen An-
laufe des Teufels widerstehen und nach dem Siege mit
allen Kindern Gottes die Krone der Herrlichkeit auf
dem lustigen Berge empfangen mögest, wo (wie Esra
schreibt) Lilien und Rosen blühen. Meine herzgründ-
lich Geliebte, ich bitte den Herrn, daß Er dich tüchtig
und würdig machen wolle, das neue Lied vor dem
Throne seiner Herrlichkeit zu spielen, von Ewigkeit
zu Ewigkeit, Amen.
In herzlicher und zugeneigter Liebe geschrieben an
dich, Beliken von der Straasen. Ach, meine Gelieb-
te, meine Auserwählte und Allerliebste, welche mir
durch Gottes Vorsehung vor seiner Gemeinde von
meinem Vater gegeben worden ist, welche ich auch
mit Freudentränen bei der Hand genommen habe,
wie ich denn auch dem Herrn danke, daß Er dich mir
gegeben hat, denn ich hätte nicht gemeint, daß ich
deiner würdig gewesen wäre. Darum habe ich auch
Ursache, dich um desto mehr zu lieben; doch Gott sei
mein Zeuge, daß ich dich liebe, wie meine Seele, ja,
mehr als das Herz in meinem Leibe, wozu ich auch
nach der Schrift verbunden bin, denn wenn ich, wie
Johannes schreibt, schuldig bin, meinen Bruder zu lie-
ben, um wie viel mehr muss ich dann dich lieben, weil
du, nach dem Worte Gottes und Paulus Bekenntnis,
Fleisch von meinem Fleische und Bein von meinem
Beine bist; auch sagt der Apostel: Niemand hat jemals
sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er ernährt es
und pflegt es. Summa, wer sein Weib lieb hat, der hat
sich selbst auch lieb.
Ferner Beliken, meine Werte, nach diesem meinem
geziemenden und christlichen Gruße, lasse ich dei-
ne Liebe wissen, daß ich (dem Herrn sei Lob) mich
672
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
noch ziemlich wohl befinde; beides, dem Fleische und
dem Geiste nach (Gott sei gepriesen); mein Gemüt
hat noch den Vorsatz, den Herrn nach meinem schwa-
chen Vermögen zu fürchten mein Leben lang. Ferner,
meine Geliebteste, habe ich das Vertrauen zu dir, daß
du ebenfalls an Seele und Leib gesund und bereit bist,
zu des Herrn Preise zu leben und zu sterben. Dieser
hochwürdige, gute Gott, der den Bogen der Starken
zerbrochen hat und, nach des Propheten Worte, durch
seine milde Güte Wein und Milch umsonst gibt, müsse
dich und uns alle stärken und in dieser Löwengru-
be kräftig machen, wo wir von allen Seiten so scharf
angefochten und geängstigt werden, wie Israel, wel-
ches von Holofernes belagert wurde, ja, die falschen
Ältesten machen uns so bange, daß wir mit Susan-
na nirgends eine Ausflucht finden, sondern überall
den Tod vor Augen sehen, denn unsere Verfolger sind
Wölfe am Abend, die bis an den Morgen nichts über-
bleiben lassen. Darum mögen wir wohl mit David
sagen: Herr, sie zerschlagen dein Volk und Plagen
dein Erbe; Witwen und Fremdlinge erwürgen sie, und
töten die Waisen, denn sie rüsten sich wider die Seelen
der Gerechten und verdammen unschuldiges Blut.
Aber darum, ach, meine herzgründlich Geliebte,
laß uns nicht verzagen, obgleich wir jetzt in dem Ofen
des Elendes geprüft werden, denn der Prophet sagt:
Wohl dem, den Du, Herr, züchtigst und durch dein
Gesetz lehrst, daß er Geduld habe, wenn es übel her-
geht, bis dem Gottlosen die Grube bereitet wird; denn
der Herr wird sein Volk nicht verstoßen, noch sein
Erbteil verlassen; der Herr kehrt sich zu dem Rufen
der Verlassenen und verschmäht auch ihr Gebet nicht;
er schaut von seiner heiligen Höhe, und der Herr sieht
vom Himmel auf die Erde, damit Er das Seufzen der
Gefangenen erhöre, denn Sarah sagt: Das weiß ich;
aber fürwahr, wer Gott dient, der wird nach der An-
fechtung getröstet, und aus der Trübsal erlöst, und
nach der Züchtigung findet er Gnade, denn Du, o
Herr, hast nicht Lust an unserm Verderben; nach dem
Ungewitter lässt Du die Sonne wieder scheinen, und
nach dem Heulen und Weinen überschüttest Du uns
reichlich mit Freuden. Deinem Namen sei ewig Lob,
o Gott Israel, denn bei Dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
So laß uns denn, meine Liebe, ach, meine Gelieb-
teste, den Kelch des Herrn in Geduld trinken, denn
wir wissen doch (nach dem Zeugnisse Jesajas), daß
die Wahrheit auf der Straße gefallen ist, und daß, wer
von seinen bösen Wegen abweicht, jedermanns Raub
sein müsse; denn Esra sagt: Es wird den Plätzen ein
Platz sein, und in den umliegenden Städten eine große
Empörung unter denen, die Gott fürchten, denn die
Gottlosen werden wie Unsinnige sein, und werden
niemanden verschonen; berauben und zerstreuen wer-
den sie alle, die Gott fürchten; ihre Güter werden sie
ihnen nehmen und sie aus ihren Häusern stoßen; dann
wird die Bewährung der Auserwählten offenbar wer-
den, sagt der Herr, gleichwie das Gold, welches durch
das Feuer bewährt wird.
Darum, ach, meine auserwählte Liebe, mein Schäf-
lein, laß uns doch den Rücken den Schlägern ein we-
nig darbieten, und auf den Herzog unseres Glaubens,
den König aller Könige und Herrn aller Herren sehen,
welcher um unsertwillen so misshandelt und übel
zugerichtet worden ist, daß Er auch selbst sagte: Ha-
ben sie dieses am grünen Holze getan, was wird am
dürren werden? Darum, ach, meine Geliebte, meine
Allerliebste, laß uns mit Paulus bedenken, daß unsere
Trübsal, die zeitlich und leicht ist, dereinst eine über
die Maßen gewichtige Herrlichkeit schafft. Salomo
sagt: Die Gerechten werden ewig leben; der Herr ist
ihr Lohn, und der Allerhöchste sorgt für sie; darum
werden sie ein herrliches Reich und eine schöne Kro-
ne von der Hand des Herrn empfangen, denn Er wird
sie mit seiner Hand beschirmen und mit seiner Rech-
ten schützen. Darum, ach, mein liebes Schäflein, laß
uns doch den Herrn fleißig bitten, damit wir würdig
sein mögen, in seiner Zukunft mit Ihm zu leben, von
Ewigkeit zu Ewigkeit.
Ferner, meine herzgründlich Auserwählte und Ge-
liebte, wisse, daß ich dir nicht mehr viel zu schrei-
ben weiß, sondern ich empfehle dich in die Hand des
Herrn und sage gute Nacht, wenn ich etwa nicht mehr
an dich schreiben möchte, denn unsere Feinde sind
jetzt über uns so sehr erzürnt, daß sie mit Zähnen
über uns knirschen, wie sie es mit Stephanus in dem
Richthause machten. Darum gebe ich dir nun noch
diesen Brief, gleichwie die Israeliten, die gebunden
lagen, ihren Kindern die letzte Milch gaben. Ferner
danke ich dir, ach, meine Liebe, für alle deine reine
Liebe und herzliche Freundschaft; auch danke ich dir
sehr für die Oberärmel, die du mir gemacht hast; sie
sind mir nützlicher, als der Rock, den du mir gesandt
hast. Sirach hat wohl mit Recht gesagt, daß ein Freund
dem andern in der Not helfe, aber noch bei weitem
mehr helfen sich Mann und Weib.
Schließlich nehme ich noch einmal Abschied und
sage gute Nacht. Ach, gute Nacht, Beliken, meine Ge-
liebteste. Grüße mir, die bei dir sind; Adrian lässt euch
auch sehr grüßen.
Geschrieben von mir, deinem lieben Manne und
Bruder in dem Herrn, Martin von der Straasen; bitte
für mich.
673
Der vierte Brief von Martin von der Straasen, an
Anna Servaes.
Ich, Martin von der Straasen, dein unwürdiger Freund
und Bruder, wünsche dir, meiner lieben und werten
Schwester in dem Herrn, Anna Servaes, viel Gnade
und Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen
Vater, und die Liebe seines Sohnes; sie müsse in dir
sein, wie ein brennendes Feuer, damit du zu dem
rechten Altar Christi vollkommen werden und einen
guten Wandel unter den Heiden führen und bequeme
Früchte tragen mögest, wie ein Baum an den Was-
serbächen gepflanzt, damit du unter die königlichen
Priester, unter das Volk des Eigentums gezählt wer-
den mögest, was Gott (wie Mose sagt) auf Adlersflü-
geln getragen hat, damit du, wenn man Israel das
Land zum zweiten Male austeilen wird, ein Erbe vol-
ler Freude empfangen mögest, von Ewigkeit zu Ewig-
keit, Amen.
Einen herzgründlichen, zugeneigten, freundlichen
Gruß, geschrieben an dich, meine liebe und sehr wer-
te Schwester in dem Herrn, Anna Servaes, welche ich
mit einer reinen Liebe aus einem säubern Herzen lie-
be; hierüber sei Gott mein Richter, der Herr, der, wie
Jeremia sagt, der Menschen Herzen und Nieren prüft.
Ferner, nach geziemendem und christlichem Gruße,
lasse ich deine Liebe wissen, daß wir beide, ich und
mein liebes Weib, dem Fleische nach noch ziemlich
gesund sind; dem Geiste nach aber hoffen wir durch
Gottes Beistand den Bund zu halten, den wir mit dem
Herrn, unserm Gotte, gemacht haben, als wir unsere
Knie vor Ihm und seiner herrlichen Majestät gebeugt
haben; doch hoffen wir daneben, daß du auch an See-
le und Leib gesund und bereit sein werdest, deine
Reise nach Bethel zu verrichten, und wider Jerobeam
und seinen Altar zu weissagen. Hierzu müsse dich
und uns alle der einige, ewige und allmächtige Gott
stärken, dessen Hütte in der Höhe ist, und der über
allen Himmeln wohnt, in einem Lichte, wozu (wie
Paulus sagt) niemand kommen kann, damit wir Ihn
fürchten und über alles lieb und wert halten mögen,
denn Er ist ein eifriger und eifersüchtiger Gott, der
allein in des Menschen Herz wohnen will. Wir sind
ja zu dem Ende von der Hand unserer Feinde und
von denen, die uns hassen, erlöst, damit wir Ihn fürch-
ten und Ihm ohne Furcht in wahrhafter Gerechtigkeit
und Heiligkeit unser Leben lang dienen als gute und
getreue Knechte, die Gottes Ehre suchen, und mit Pau-
lus unsern Gewinn, um Christi willen, für Schaden
achten, auch ein keusches ehrbares Leben führen, und
ein Panier aufwerfen unter den Heiden, damit wir
den Blinden auf dem Wege nicht irre machen, son-
dern (nach Petrus Wort) durch einen sittsamen und
guten Wandel die Ungläubigen ohne Wort gewinnen
mögen. Dasselbe lehrt uns auch Christus im Evangeli-
um, wenn Er sagt: Lasst euer Licht leuchten vor den
Menschen, damit sie euren guten Wandel sehen, und
an dem Tage der Heimsuchung Gottes unsern Vater
preisen mögen. Darum, ach meine liebe und sehr wer-
te Schwester in dem Herrn, laß uns mit aller Demut
des Herrn Fußstapfen nachfolgen, damit wir allezeit
die Lehre des Evangeliums schmücken mögen wie ein
klarer Morgenstern, der unter diesem argen und ver-
kehrten Geschlechte leuchtet; dann wird, wie David
schreibt, der König Lust an unserer Schöne haben.
Darum, ach Geliebte, laß uns suchen, der Vornehms-
te in der Tugend zu sein, und den Herrn, unsern Trost,
mit Geduld erwarten, der uns allein helfen kann, wie
David sagt: Ich harre des Herrn und Er neigte sich zu
mir und hörte mein Schreien, und zog mich aus der
grausamen Grube und aus dem Schlamme, und stellte
meine Füße auf einen Fels, daß ich sicher treten kann;
und Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gege-
ben, unsern Gott zu loben. Darum, ach, liebes Schaf,
laß uns doch dem Herrn danken, und Ihn bitten, daß
wir durch unsere Zunge nicht gefangen werden, und
mit Jesus Sirach sagen: O Herr Gott, Vater und Herr
meines Lebens, laß mich nicht unter die Lästerer gera-
ten, und laß mich nicht unter ihnen verderben. O daß
ich meine Gedanken im Zaume halten und mein Herz
mit Gottes Wort züchtigen könnte, und ich meiner
nicht schonte, wo ich fehlte, damit ich nicht Sünde
anrichtete, und großen Irrtum stiftete, und viel Üb-
les beginge, damit ich nicht vor meinen Feinden zum
Spotte würde. Darum, ach liebe Schwester, laß uns
Gottes Angesicht Tag und Nacht mit Tränen suchen,
damit wir mit den Bösen nicht in Gottes Zorn verge-
hen, sondern mit Christo gehorsam bleiben mögen bis
ans Ende unseres Lebens, und erhalten werden am Ta-
ge des Herrn, der da kommen wird wie ein Dieb in der
Nacht, an welchem die Himmel durch Feuer vergehen
und die Elemente zerschmelzen werden; wenn nun
dieses alles geschehen soll, ach, wie müssen mir ge-
schickt und mit einem guten, keuschen und heiligen
Wandel geschmückt sein; denn es ist Zeit, daß das Ge-
richt am Hause Gottes anfange; wenn aber zuerst an
uns, was will es für ein Ende werden mit den Gottlo-
sen? Und wenn der Gerechte kaum erhalten wird, daß
er in das Buch des Lebens geschrieben werde, o wie
mag ich dann seufzen und mit Salomo sagen: O Herr,
Du wollest mir doch mit der Menge meiner Sünden
durch die Finger sehen. Darum mögen wir auch mit
David sagen: O Herr! Gehe nicht mit uns ins Gericht,
sonst wirst Du, o Herr, das Recht behalten; bezahle
uns nicht nach unserm Tun, und lohne uns nicht nach
unsern Werken; auch züchtige uns nicht, Herr, in dei-
674
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
nem Zorne, sondern sei uns, Herr, barmherzig nach
deiner Güte, die da groß ist. Darum, ach liebes Schaf,
laß uns dem Herrn anhangen mit Bitten und Flehen,
mit zerbrochenem Herzen und zerschlagenem Gemü-
te, damit wir nicht durch Verdienst, sondern durch
Gottes Gnade selig werden, und also mit dem Herrn
in seinem ewigen Reiche leben mögen.
Weiter, liebe Schwester, habe ich nichts mehr zu
schreiben, als dich dem Herrn und dem Worte seiner
Gnade anzubefehlen.
Daneben bitte ich dich, daß du mir doch mein
schlichtes, einfaches Schreiben zu Gute halten wollest,
als von mir unwürdigem Knechte, dem Schwächsten
in Israel, ja, der nicht wert ist, dir oder deinesgleichen
die Schuhriemen aufzulösen; dennoch aber hoffe ich
auf die Gnade Gottes.
Endlich, meine liebe Schwester, grüße mir deinen
lieben Mann und auch die Bekannten. Mein liebes
Weib lässt euch beide und auch die Bekannten sehr
grüßen; desgleichen lassen euch Adrian, Grietgen,
Hansken und Dingentgen herzlich grüßen, und wir
Gefangene alle zusammen begehren, daß ihr alle den
Herrn ernstlich für uns bitten wollt. Nichts mehr.
Gehabt euch wohl, und fleißig seid zu tun das Beste
allezeit.
Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem
schwachen Bruder und Diener, was ich vermag, Mar-
tin von der Straasen.
Der fünfte Brief von Martin von der Straasen, an
Servaes Janß.
Ich, Martin von der Straasen, gefangen um des Wortes
des Herrn willen, wünsche dir, meinem lieben und
sehr werten Bruder in dem Herrn, Servaes Janß, viel
Gnade und Barmherzigkeit von Gott, unserm himm-
lischen Vater, sowie allen, die von der Erde erkauft
und durch das Blut des Lammes, unsers Herrn Je-
su Christi, gereinigt sind, welcher (wie der Prophet
sagt) unsere Schmach getragen, unsere Sünden auf
sich genommen und für uns bezahlt hat, was Er nicht
geraubt hatte, damit Er uns von dieser gegenwärtigen
argen Welt, nach dem Willen Gottes, seines Vaters,
erlösen möchte, welchem sei Glorie, Preis, Kraft und
Ehre, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Einen liebreichen Gruß, aus einem zugeneigten Her-
zen geschrieben, an dich, meinen lieben und werten
Freund und Bruder in dem Herrn, den ich liebe, wie
es das Recht unter Israel erfordert, das weiß der Herr,
der (wie Jeremia sagt) der Menschen Herzen und Nie-
ren prüft, und der (wie David sagt) der Menschen
Gedanken weiß, wenn sie noch fern sind.
Ferner, nach allem gebührlichen und christlichen
Gruße, lasse ich deine Liebe wissen, daß ich (dem
Herrn sei ewiges Lob!) dem Fleische nach noch ziem-
lich gesund bin; ebenso ist auch dem Geiste nach mein
Gemüt des Vorsatzes, mein Leben lang Gott zu die-
nen; auch habe ich ein gutes und festes Vertrauen zu
dir, daß du an Seele und Leib gesund und dabei be-
reit bist, den Bund zu halten, den du einmal mit dem
Herrn, unserm Gott, gemacht hast, als du deine Knie
vor Gott und seiner herrlichen Majestät gebeugt hast.
Dieser einige, ewige und allein weise Gott müsse dich,
nach des Propheten Wort, mit seinem Heiligen Geiste
begaben, damit du, durch denselben getrieben, einen
guten und keuschen Wandel unter den Heiden führen
mögest, wie uns Christus im Evangelium lehrt, wenn
Er sagt: Lasst euer Licht vor den Menschen leuchten,
damit sie euren guten Wandel sehen, und Gott, euren
Vater, preisen mögen.
Darum, ach mein lieber Bruder, laß uns doch (wie
der Apostel schreibt) uns selbst üben, in der Tugend
die Vornehmsten zu sein, wie auch Paulus sagt, daß
wir uns als Diener Gottes erweisen sollten, in großer
Geduld, in Trübsalen, in Noten, in Ängsten, in Schlä-
gen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wa-
chen, in Fasten, in Erkenntnis, in Langmut, in Freund-
lichkeit, in dem Heiligen Geiste, in ungefärbter Lie-
be, in dem Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes,
durch Waffen der Gerechtigkeit, zur rechten und lin-
ken Hand, durch Ehre und Schande, durch böse Ge-
rüchte und gute Gerüchte, als die Verführer, und den-
noch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch be-
kannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als
die Gezüchtigten, und doch nicht ertötet; denn Gott
kann wohl schlagen und auch wieder heilen, wie in
dem Buche Samuels geschrieben steht: Der Herr tötet
und macht auch wieder lebendig; Er führt in die Hölle
und wieder heraus.
Darum, ach mein lieber Bruder, wirst du zu irgend-
einer Zeit heimgesucht, es sei außer den Banden oder
in denselben, so laß dich solches nicht verdrießen;
werde auch nicht müde auf dem Wege des Herrn, ob-
gleich er eng und schmal ist. Es ist doch besser, eine
kurze Zeit mit den Kindern Gottes Ungemach zu lei-
den, als alle Schätze Ägyptens besitzen; denn wenn
der Mensch auch (wie Christus sagt) die ganze Welt
gewönne, und nähme Schaden an seiner Seele, ach,
was hätte er dann, womit er sie lösen könnte?
Darum, ach mein lieber Bruder, laß uns das Reich
Gottes vor allen Dingen suchen, und laß uns nicht
dem Irdischen nachjagen, wie der heilige Apostel Pau-
lus in dem Briefe an die Kolosser geschrieben hat,
wenn er sagt: Seid ihr mit Christo auferstanden, so
sucht das, was droben ist, wo Christus ist, zur rech-
ten Hand Gottes sitzend. Trachtet nach dem, was
675
himmlisch und nicht was irdisch ist, denn ihr seid
gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo
in Gott; wenn aber Christus, euer Leben, offenbar wer-
den wird, so werdet ihr auch offenbar werden mit Ihm
in der Herrlichkeit; denn das ist gewiss wahr, leiden
wir mit Christo, so werden wir mit Ihm herrschen;
darum laß uns gerne Gutes tun, wir werden (wie Pau-
lus schreibt) zu seiner Zeit reichlich und im Überfluss
ernten, indem unsere Trübsal, die zeitlich und leicht
ist, uns eine über die Maßen gewichtige Herrlichkeit
schafft, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf
das Unsichtbare sehen, denn alles, was sichtbar ist,
das ist vergänglich; was aber unsichtbar ist, das währt
ewig.
Deshalb, ach mein lieber Bruder, laß uns nun dem
Herzoge unsers Glaubens, dem Herrn Jesu Christo,
alle seine Schmach tragen helfen, und laß uns (wie
Paulus sagt) der Heiligung nachjagen, ohne welche
niemand den Herrn sehen wird. Laß uns den Herrn
mit Tränen suchen, weil Er zu finden ist, und laß uns
wahre Früchte der Buße tun, damit der Turm von
Siloah nicht auf uns falle, denn wir haben es lange
genug übel vor dem Herrn gemacht. Darum, gleich-
wie wir (wie Paulus sagt) unsere Glieder von einer
Ungerechtigkeit zu der andern gebraucht haben, so
laß uns nun dieselben von einer Gerechtigkeit zu der
andern gebrauchen; daneben laß uns den Herrn loben,
weil Er uns die köstliche Perle offenbart hat, die im
Acker liegt, und dennoch so vielen Menschen verbor-
gen ist. Darum, ach mein lieber Bruder, laß uns nun,
als gute, getreue Knechte, unser Pfund auf Wucher le-
gen, damit, wenn unser lieber Herr kommt, wir etwas
gewonnen haben und alsdann hören mögen: Ei du
guter und getreuer Knecht, über wenig bist du getreu
gewesen; aber über viel sollst du herrschen; gehe ein
zu deines Herrn Freude. Darum, mein Lieber, laß uns
doch ernstlich uns vorsehen und scharfe Wache hal-
ten, damit mir unser Hochzeitskleid nicht besudeln,
sondern daß wir vielmehr mit den fünf klugen Jung-
frauen geschmückt sein möchten mit Öl der Liebe in
unsem Lampen, damit wir, wenn unser Bräutigam
kommt, mit Ihm in sein ewiges Reich eingehen mö-
gen, wo (wie Jesaja sagt und auch die Apostel) die
unbegreifliche Freude und Wonne währen wird von
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Weiter, mein lieber Bruder, weiß ich dir (wegen mei-
ner geringen Gabe) nicht mehr viel zu schreiben, nur
daß ich dich dem einigen, ewigen, allmächtigen Gotte
anbefehle, der (wie Jesaja sagt) die Wasser mit der
Faust misst, und den Himmel mit der Spanne um-
fasst, und die Erde mit einem Dreilinge begreift, der
die Berge mit einem Gewichte wägt und die Hügel
mit der Waage, daß Er dich bewahren wolle, damit
du die Krone der Ehren empfangen mögest.
Ferner, mein lieber Bruder, bitte ich dich, du wollest
mir, als einem Unwürdigen, mein einfaches Schrei-
ben zu gut halten, denn es wäre besser, du schriebest
mir, aber ich habe es nicht unterlassen können, dein
Verlangen zu erfüllen.
Grüße mir dein liebes Weib und auch die Bekann-
ten; mein liebes Weib Beliken von der Straasen lässt
dich und Tanneken, wie auch die Bekannten, sehr
grüßen.
Schließlich grüßen wir Gefangenen euch alle von
Herzen. Bittet doch den Herrn fleißig für uns. Nichts
mehr. Gehabe doch wohl und tue das Beste.
Von mir, deinem schwachen Bruder und Diener,
Martin von der Straasen, zu deinem Dienste, was ich
vermag.
Der sechste Brief von Martin von der Straasen und
sein Weib Beliken, an Adam V. L. und sein Weib.
Ich, Martin von der Straasen, und Beliken von der
Straasen, mein herzgründlich geliebtes und wertes
Weib, die wir beide um des Wortes des Herrn wil-
len gefangen sind, wünschen unserm geliebten Bru-
der und unserer geliebten Schwester viel Gnade und
Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen Va-
ter, der droben in der Höhe wohnt, in einem Lichte,
wo, wie Paulus schreibt, niemand hingelangen kann.
Überdies wünschen wir euch, daß ihr die Liebe seines
Sohnes haben möget, damit ihr denen ein Licht seit,
die in Finsternis sitzen, und daß ihr wie ein heller
Morgen unter den Blinden, die auf dem Wege irren,
leuchten möget, und so dereinst, wie Jesaja schreibt,
den König in seiner Schöne sehen, und nach dieser
Zeit die vollkommene und unaussprechliche Freude
und Wonne erlangen mögt, die von Ewigkeit zu Ewig-
keit währen wird.
Dieses wünschen wir unsern lieben Freunden in
dem Herrn aus Kraft unserer Seele durch ein zuge-
neigtes Herz.
Einen herzgründlichen und liebreichen Gruß schrei-
be ich an euch, unsern sehr geliebten Bruder Adam V.
L. und Maryken, dein sehr geliebtes Weib; wir beiden
Gefangenen lieben euch, wie oben gesagt ist (nach
Paulus Reden) mit göttlicher Liebe und aus reinem
Herzen, wie Petrus schreibt, das weiß der allmächti-
ge Herr, der alle Dinge mit feuerflammenden Augen
durchsieht.
Ferner, nach allem gebührlichen und christlichen
Gruße, lasse ich eure Liebe wissen, daß ich und mein
herzgründlich geliebtes Schaf, welches ich mit Freu-
dentränen bei der Hand genommen, dem Herrn sei
ewiges Lob, noch ziemlich gesund sind, sowohl dem
676
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Fleische als dem Geiste nach, Gott sei gepriesen; auch
ist unser Gemüt noch so bestellt, daß wir durch des
Herrn Hilfe mit Eleazar erwählen, lieber ehrlich zu
sterben, als schändlich zu leben. Doch, lieber Bruder
und liebe Schwester in dem Herrn, haben wir daneben
ein gutes und festes Vertrauen auch zu euch, daß ihr,
beide an Seele und Leib gesund und bereit seid, den
Bund zu halten, den ihr mit dem allmächtigen Gotte
gemacht habt; weshalb uns auch Mose ermahnt, daß
wir allezeit des Bundes eingedenk sein sollen, den wir
einmal mit dem Herrn aller Herren gemacht haben.
So lehrt uns auch Paulus noch ausführlicher, daß wir
an den Tag denken sollen, an welchem wir erleuchtet
worden sind. Der barmherzige König und Gott aller
Götter, der, wie der Prophet spricht, in der Not Brot
und in dem Durste Wasser gibt, und der an dem Tage
der Trübsal die Sünde vergibt, müsse euch und uns
alle stärken und durch seinen Heiligen Geist kräftig
machen, damit wir, wie Lukas schreibt. Ihm in recht-
schaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit unser Leben
lang dienen mögen. Lasst uns, ach liebe Freunde, den
Herrn allezeit vor Augen haben, wie David sagt: Ich
habe den Herrn allezeit vor Augen; und abermals sagt
er: Ein Ding bitte ich vom Herrn, das hätte ich auch
gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möchte
mein Leben lang, und den schönen Gottesdienst des
Herrn schauen und seinen Tempel besuchen möch-
te, denn er bedeckt mich in seiner Hütte zur bösen
Zeit, und verbirgt mich heimlich in seinem Zelt, und
erhöht mich auf einen Felsen. Darum, ach Geliebte
und Werte, lasst uns doch allezeit das Angesicht des
Herrn mit aller Demut suchen, und unsers Berufes
wohl wahrnehmen, und auf die Zeit merken, denn
Paulus sagt: Es ist eine böse Zeit, denn die Zungen
der Bauleute des Babylonischen Turmes sind uneins
geworden; ebenso sagt auch David: Frevel und Hader
ist in der Stadt; solches geht Tag und Nacht um und
um in ihren Mauern; es ist Mühe und Arbeit darin;
Schaden tun regiert darin; Lügen und Trügen lässt
nicht von ihren Gassen. Desgleichen sagt auch der
Prophet: Sie fürchten Gott nicht, denn sie legen ihre
Hände an seine Priedsamen und entheiligen seinen
Bund. Ihr Mund ist, wie David sagt, glatter als Butter
und haben doch Krieg im Sinne; ihre Worte sind ge-
linder als Öl, und sind doch bloße Schwerter. Darum,
ach liebe und werte Freunde, lasst uns doch allezeit
im Geiste scharfe Wache halten und unsern Gott von
Herzen fürchten und Ihm mit Bitten und Flehen an-
hangen, wie der königliche Prophet David sagt: Ich
will, sagt er, zu Gott rufen, und der Herr wird mir hel-
fen; des Abends, Morgens und Mittags will ich klagen
und heulen, dann wird Er meine Stimme erhören.
So ruft denn, liebe Freunde, wenn ihr in Not seid, zu
dem Herrn, und lasst euch das Marawasser nicht zu
bitter werden, sondern denkt daran, daß wir, wie Pau-
lus sagt, durch viel Druck und Trübsal in das Reich
Gottes eingehen müssen; denn dasselbe lehrt uns auch
Christus im Evangelium, wenn Er sagt: Das Himmel-
reich leidet Gewalt, und die ihm Gewalt antun, reißen
es zu sich. Darum, lieber Bruder und liebe Schwester,
lasst uns doch unser Kreuz freiwillig tragen, und un-
sern Rücken den Schlägern darbieten, und es nicht
achten, wie sehr die Sonne brennt, denn der Knecht
ist doch nicht über seinem Meister oder Herrn; haben
sie den Hausvater Beelzebub genannt, um wie viel
mehr dann seine Hausgenossen? Auch lehrt uns Pe-
trus: Weil denn Christus im Pleische gelitten hat, so
wappnet euch auch mit demselben Sinne, denn wer
am Fleische leidet, der hört auf von Sünden, damit er
(was noch rückstelliger Zeit im Fleische ist) nicht nach
der Fleischeslust, sondern nach dem Willen Gottes
lebe, denn es ist genug, daß wir die vergangene Zeit
nach heidnischem Willen zugebracht haben, wo wir
in Unzucht, Lüsten, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei
und gräulichen Abgöttereien wandelten.
Darum, ach liebe Freunde, lasst uns nun auch nicht
mehr nach dem Willen des Fleisches leben, um seine
Lust zu erfüllen, sondern lasst uns allein wandeln,
wie Paulus schreibt, würdig nach dem Evangelium,
und lasst uns nicht mit den Ungläubigen am fremden
Joche ziehen, denn was hat die Gerechtigkeit mit der
Ungerechtigkeit zu tim? Was hat das Licht für Gemein-
schaft mit der Finsternis, oder wie stimmt Christus
mit Belial überein? Was hat der Gläubige mit dem
Ungläubigen zu schaffen, oder was hat der Tempel
Gottes für Ähnlichkeit mit den Götzen? Denn ihr seid,
sagt Paulus, der Tempel des lebendigen Gottes; wie
denn Gott spricht: Ich will in ihnen wohnen und in
ihnen wandeln, und ich will ihr Gott sein, und sie sol-
len mein Volk sein. Darum geht aus von ihnen, und
sondert euch ab, und rührt nichts Unreines an, dann
will ich euch annehmen und euer Vater sein, und ihr
sollt meine Söhne und Töchter sein.
Darum, ach mein lieber Bruder und meine liebe
Schwester, lasst uns doch dem Herrn mit treuem Her-
zen dienen, und unsern Fuß von jedem bösen Wege
abhalten; lasst uns unter den Heiden einen keuschen
und reinen Wandel führen, damit wir, wie Paulus
schreibt, dem Lästerer nicht Raum geben zu lästern,
sondern lasst uns in allen Dingen mit einfältigem Her-
zen des Herrn Ehre suchen, damit wir, wie Paulus
sagt, das Evangelium mit guten Werken schmücken
mögen. Darum, ach liebe Freunde, lasst es euch nicht
verdrießen, Gutes zu tun, denn was ihr jetzt mit Trä-
nen sät, das werdet ihr zu seiner Zeit, wie Paulus
schreibt, reichlich und im Überfluss mit Freuden ei-
677
nernten. So lasst uns denn mit Fasten und Weinen den
Herrn bitten, daß wir an dem bösen Tage bestehen
und mit Ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit leben mögen,
Amen.
Weiter, meine geliebten Freunde, wissen wir für
jetzt euch nicht viel mehr zu schreiben, um unseres
geringen und einfachen Verstandes willen, nur daß
wir euch dem Herrn und seinem trostreichen Worte
empfehlen, und euch gute Nacht sagen.
Ich, Martin und Beliken von der Straasen, meine
Liebste, haben dieses wenige aus Gunst und nach
eurem Begehren an euch geschrieben, und bitten euch,
daß ihr es mit Dank aufnehmen wollt; wir begehren
auch euer Gebet zu unserer Hilfe.
Zum Abschied grüßt uns die Bekannten; auch dan-
ken wir euch für alle Wohltaten, die ihr uns erwiesen
habt.
Endlich lässt euch Adrian sehr grüßen; auch lassen
euch Hansken, Margriet und Lou herzlich grüßen;
Dingentgen und wir alle zusammen begehren, daß
ihr für uns beten wollt; jetzt nichts mehr.
Als tut das Beste, bis ihr seid Am End' und Ausgang
eurer Zeit. Wir, eure lieben Freunde, Martin von der
Straasen und Beliken von der Straasen.
Willem de Ryker und Christoffel Fierens, 1572.
Zu Meenen, in Flandern, sind den 5. Dezember im
Jahre 1572 zwei fromme Zeugen Gottes, Willem die
Ryker und Christoffel Fierens, als Ketzer zum Tode
verurteilt worden, welche, als sie hinausgeführt wur-
den, ohne Furcht wie zwei Schlachtschafe vortraten.
Da sagte ein Bruder zu Willem: Lieber Bruder, streite
tapfer für die Wahrheit; auch hat eine Schwester geru-
fen: O ja, liebe Brüder, streitet doch tapfer. Christoffel
sagte: O ihr Menschen, bedenkt doch eure Seligkeit,
denn dieses ist der Weg der Wahrheit zum Leben. Man
führte sie schnell zu dem Häuslein, sodass sie nicht
weiter reden konnten, als daß sie zu Gott um Hilfe
und Beistand riefen und sagten: Daß wir leiden, ge-
schieht um der rechten Wahrheit willen. Auch sagte
Christoffel: Verkauft eure Kleider und kauft Testamen-
te, und merkt darin auf die Worte Gottes, denn darin
werdet ihr das Leben finden; und fürchtet sie nicht,
die den Leib töten, sondern fürchtet den, der Macht
hat, Seele und Leib in die Hölle zu werfen; auch hat
er Gott gedankt, daß Er ihn diesen Tag hätte erleben
lassen, wonach ihn sehr verlangt hätte; dann hat er
noch die Worte gesprochen: Diese Glieder, die Du mir,
o Herr, gegeben hast, will ich um deiner Lehre wil-
len gern wieder dahin geben. Willem sagte: Ich bin
in großer Gefahr zu Wasser und zu Lande gewesen,
und Gott hat mir allezeit geholfen; darum hoffe ich.
daß Er mich auch jetzt in dieser Not nicht verlassen,
sondern mir bis zum Tode beistehen werde. Darauf
haben sie ihr Gebet zu Gott getan und mit Stepha-
nus darin gesagt: O Herr, vergib ihnen, was sie uns
antun, und rechne ihnen diese Missetat nicht zu. Da-
nach sprach Willem: Nun habe ich mit Paulus einen
guten Kampf gekämpft, den Glauben gehalten, den
Lauf vollendet. Endlich riefen sie: O himmlischer Va-
ter, in deine Hände befehlen wir unseren Geist. Es
fielen noch viel mehr Worte, die nicht alle behalten
worden sind, und überdies würde es auch zu weit-
läufig sein, sie alle niederzuschreiben. Darauf fragte
der Scharfrichter, ob sie bereit wären. Da antwortete
Christoffel: Ja, lieber Freund. Als sie nun den Chri-
stoffel erwürgt hatten, rief Willem: O liebe Freunde,
meinem Bruder ist das Reden verboten; darauf rief
er noch einmal den Herrn an, und ererbte so die Kro-
ne des Lebens. Also sind diese beiden um des Herrn
Namen willen gestorben; sie sind aber zuvor erwürgt
und dann erst verbrannt worden, nachdem Willem
mehr als 22 Monate gefangen gelegen hatte. Also ha-
ben sie das verheißene Land ererbt, in welchem alle
diejenigen, die um des Wortes Gottes willen ihr Leben
gelassen haben, dasselbe wieder finden werden.
In derselben Zeit, als Willem gefangen war, ist ein
Bürgermeister zu Meenen gewesen, Namens Cornelis
von Eckhoute, welcher es sehr gern gesehen haben
würde, daß man dem Gefangenen die Freiheit gege-
ben hätte; deshalb suchte er den Pfaffen und andere
zu überreden, daß Willem seinen Verstand verloren
habe. Nun geschah es einmal, daß, als dieser verhört
wurde, sie ihm das Fegefeuer vorhielten, worauf der-
selbe antwortete, daß er in früheren Zeiten in einem
Kloster gewohnt habe oder gewesen sei, wo man des
Samstags immer das Fleisch und andere Dinge für den
Sonntag gekocht habe; die Mönche aber hätten das
Feuer, womit sie gekocht hatten, wenn sie es zufegten,
Fegefeuer genannt. Da sagte der Bürgermeister: Seht
ihr wohl, meine Herren, daran könnt ihr ja merken,
daß der Mann seinen Verstand verloren hat, denn das
sind keine Reden eines verständigen Mannes. Aber
Willem sagte, er wollte nicht als einer des Verstandes
Beraubter aus dem Gefängnisse gelassen werden, son-
dern man sollte ihn nach seinem Glauben fragen, er
wollte denselben verständig genug bekennen. Da hat
er im Gefängnisse bleiben müssen, und ist zuletzt (wie
oben gemeldet) zum Tode verurteilt worden, wobei
dieser Bürgermeister aber das Todesurteil gefällt hat.
Derselbe ist einige Zeit darauf durch den Krieg Ver-
trieben worden, und ist nach Brügge geflüchtet, wo er
sich, wie reich er auch war, sehr genau hat behelfen
und größtenteils das Geld zur Haushaltung borgen
müssen; hierüber ist er sehr verdrießlich geworden.
678
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
und hat sich vorgenommen, wieder nach Meenen zu
ziehen, wo er zu Hause war; er ist aber unterwegs
plötzlich gestorben.
Jan Smit, 1572.
Um das Jahr 1572 ist noch ein frommer und gottes-
fürchtiger Bruder, Namens Jan Smit, welcher in der
Grafschaft Mark geboren, aber zu jener Zeit in Nord-
holland, bei Munnekendam, wohnhaft war, um des
Zeugnisses Jesu willen nach Munnekendam gefäng-
lich gebracht worden. Als aber Munnekendam von
den Reformierten eingenommen wurde, hat ihn ein
reformierter Capitain wieder in Freiheit gesetzt. Nach-
her (als er mit einem Schifflein auf dem Züdersee
beschäftigt war) ist er abermals von einem spanischen
Capitain gefangen und nach Amsterdam gebracht
worden; dort hat er gesessen, bis daß man beschlos-
sen, die Gefangenen auf dem Harlemer Meere als
Ruderknechte wider die von Harlem zu gebrauchen.
Als aber dieser fromme Jan Smit dahin kam, um zu
rudern, hat er erklärt, daß es sein Gewissen verletze,
gegen die von Harlem zu rudern, weil er keine Feinde
hätte; sie möchten nach ihrem Belieben mit ihm han-
deln. Darauf wurde er ins Lager vor Harlem gebracht,
woselbst man ihn scharf im Glauben untersucht und
befunden hat, daß er der Religion der Mennoniten
angehöre. Er konnte aber weder durch Verhöre, noch
durch schwere Bedrohungen zum Abfalle bewogen
werden, sondern weil er auf den unbeweglichen Stein
gegründet war, so hat er solches alles durch den Glau-
ben überwunden. Deshalb ist er von Don Friedrich,
des Herzogs von Alba Sohn, verurteilt wurden, daß
er dort bei einem Beine an den Galgen aufgehängt
werden sollte, was auch geschehen und worauf der
Tod erfolgt ist. Also hat dieser Held und Streiter Jesu
Christi durch den seligmachenden Glauben die Welt,
Sünde, Fleisch und Blut, und alle Tyrannen überwun-
den, und die Krone der ewigen Herrlichkeit durch
Gottes Gnade erlangt.
Diese Geschichte haben wir von dem alten Simon
Fytsoon, Lehrer und Ältesten der Gemeinde Gottes
auf Tessel, empfangen, welcher bezeugt, daß dieser
Jan Smit sein genauer Freund gewesen.
Pieryntgen Loos-Feld oder Neckers, 1572.
Zu Ende des Jahres 1572 wurde zu Meenen in Flan-
dern eine Jungfrau von ungefähr 43 Jahren, Namens
Pieryntgen Loos-Feld oder Neckers, um der Wahrheit
und des Wortes Gottes willen, gefangen genommen,
welche, als sie aus Liebe einem Kranken aufwartete,
und einmal ausgegangen war, dem Oberamtmanne
Junker Jan de Carmago begegnete, welcher sie gefan-
gen nahm und nach ihrer Wohnung fragte. Sie sagte
freundlich, daß sie nicht weit von da wohnte, und gab
ihm die besten Worte, um sich von ihm loszumachen,
aber es half alles nichts; sie musste nach dem Gefäng-
nisse gehen, wurde auch den zweiten Tag, als sie sich
noch nicht lange beratschlagt hatte, vor die Herren
gebracht, und wegen ihres Glaubens untersucht, wel-
chen sie freimütig bekannte.
Zunächst wurde sie beschuldigt, daß sie gegen des
Kaisers Befehl sich in ungebührliche Versammlungen
begeben habe, aber Pieryntgen hielt dafür, sie hätte
darin ihren Fleiß in der Nachfolge Christi bewiesen,
indem sie von den Bösen geflohen und von denselben
ausgegangen wäre, und sich dagegen zu den Guten
gehalten hätte, indem sie wüsste, was Christus sagt:
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt
sind, da bin ich mitten unter ihnen. Solche Versamm-
lung könnte sie nicht verlassen und sollte sie es auch
das Leben kosten.
Sodann wurde sie gefragt, ob sie sich nicht hätte
wiedertaufen lassen; sie bekannte darauf, daß sie sich
nach Christi Befehl habe taufen lassen, was sie für Wie-
dertäufer hielten, und nicht auf die Jünger merkten,
welche, obgleich sie die Taufe Johannes empfangen
hatten, dessen ungeachtet, als sie die Predigt Pauli
gehört hatten, sich im Namen Jesu auch taufen ließen,
und daß man zuerst den Glauben an Jesum Christum
annehmen und sich auf solchen Glauben taufen las-
sen müsse, nach der Lehre der Schrift, welche auch
sagt, daß die Taufe ein Begraben der Sünden und eine
Versicherung eines guten Gewissens sei.
Als sie dieselbe fragten, wer dabei gewesen wäre,
als sie getauft worden sei, hat sie solches nicht be-
kannt, wie hart sie auch bedroht wurde.
Drittens fragte man sie, ob sie denn die Priester
nicht für Christi Statthalter hielte, welche die Macht
hätten, die Sünden zu vergeben, und daß, was sie bin-
den und lösen, gebunden und gelöst bleiben müsse;
sie aber konnte nicht bekennen, daß diejenigen Statt-
halter Christi sein sollten, welche doch nicht wie Er ge-
sinnt wären, denn Er ist der rechte Hirte, der für seine
Schafe das Leben gelassen hat, worin doch die Pries-
ter ganz das Gegenteil tun; Er ist der rechte Mittler
zwischen Gott und den Menschen, und der Statthalter
seines Vaters; Er ist die offene, klare Quelle, der alle
zu sich ruft, die mit Sünden beschwert und beladen
sind; Er ist der rechte Teich mit fünf Hallen, wovon
Johannes sagt: Und alle, die rechtschaffene Buße tun,
sollen Vergebung ihrer Sünden erlangen. Niemand
wird würdig erfunden das Buch mit seinen sieben
Siegeln aufzutun, als das Lämmlein Jesus Christus;
Er ist die rechte Türe; es hilft nichts, es mag jemand
679
auftun oder zuschließen, die Gottlosen müssen doch
draußen bleiben.
Viertens fragten sie, ob sie nicht bekenne, daß der
Leib Christi im Sakrament oder in der Oblate wäre,
wenn der Priester die Worte darüber gesprochen hat
nach der Einweihung in der Messe, aber sie konn-
te die Messe und alles, was damit zusammenhängt
für nichts anderes, als für eine Menschensatzung hal-
ten, die von Gott aus gerottet werden würde; das aber
bekannte sie, daß uns Christus das Abendmahl hinter-
lassen habe, um solches zu seinem Gedächtnisse zu
halten, nach der Lehre Paulus, wobei man des Herrn
Tod verkündigen sollte.
Fünftens hielt man ihr auch vor, ob sie nicht beken-
ne, daß die Kindertaufe zur Seligkeit nötig sei, um
die Erbsünde abzuwaschen, die uns von Adam her
anklebt, aber ihr Bekenntnis war, daß man nur eine
Taufe empfangen sollte, und daß diejenigen derselben
allein würdig seien, die von Sünden abständen, Buße
täten, und an den Namen Jesu Christi glaubten, daß
dieselbe auch keine Abwaschung von Sünden, son-
dern eine Versicherung des Gewissens sei, und daß
das Blut Christi uns von allen Sünden reinige.
Sechstens wurde sie gefragt, ob sie nicht glaubte,
daß Christus sein Fleisch von Maria angenommen
hätte; aber sie bekannte, daß Er von oben, von dem
Vater, herabgekommen wäre und daß das Wort Fleisch
geworden wäre, wie Johannes sagt: Das von Anfang
war, das wir gehört, gesehen, beschaut und mit unsern
Händen betastet haben, vom Worte des Lebens; wie
Er denn auch selbst sagt, daß Er das Brot sei, das
vom Himmel herabgekommen ist, daß Er auch der
einige Versöhner, Erlöser und die einige Fürsprache
sei. Ein näheres Untersuchen wäre ihr zur Seligkeit
nicht notwendig.
Siebtens hielt man ihr auch vor, ob sie nicht beken-
ne, daß drei Personen ein wahrhaftiger Gott seien.
Darauf bekannte sie zwar wohl drei Namen in einem
göttlichen Wesen, nämlich: Vater, Sohn und Heiliger
Geist; aber den Vater, der den Sohn gesandt hat, könne
sie nicht für eine Person halten, denn der Himmel sei
sein Thron und die Erde sein Fußschemel; auch wur-
de Er von Christo ein Geist genannt; ein Geist aber,
sagt Er, hat nicht Fleisch und Bein. Von dem Heiligen
Geiste, der sich auf Christo in der Gestalt einer Taube,
auf den Apostel aber in Gestalt der feurigen Zungen
offenbart und auf einem jeden derselben geruht hätte,
könnte sie auch nicht verstehen, daß Er eine Person
sei; aber den Sohn, der für uns Mensch geworden
ist, und sichtbar, begreiflich und leidend war, der un-
ter den Juden gewandelt ist, viele Zeichen getan hat,
hungrig und durstig gewesen ist, und geweint hat,
dürfte sie wohl für eine Person bekennen.
Achtens fragten sie dieselbe, ob man denn vor der
Obrigkeit nicht schwören oder einen Eid tun möge,
um die Gerechtigkeit zu verteidigen und die Wahrheit
zu befestigen; aber sie achtete Christi Gebot höher als
der Menschen Gebote, denn Er lehrt: Ich sage euch,
daß ihr allerdings nicht schwören sollt, weder bei dem
Himmel, denn er ist Gottes Stuhl, noch bei der Erde,
denn sie ist seiner Füße Schemel, noch bei Jerusalem,
denn sie ist eines großen Königs Stadt; auch sollst du
nicht bei deinem Haupte schwören, denn du vermagst
nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen;
eure Rede aber sei ja, ja, nein, nein; was darüber ist,
das ist vom Übel.
Neuntens wurde ihr vorgehalten, daß die guten
Werke auch denen, die verstorben seien, helfen; aber
sie sagte, daß Seelenmessen, Prozessionen, Wallfahr-
ten, Kerzenaufstellen oder sonst etwas dergleichen
den Toten nichts helfen oder ihnen nützlich sein kön-
ne, denn die Schrift sagt: Wie der Baum fällt, gegen
Süden oder Norden, so muss er auch liegen bleiben;
auch redet Christus von zehn Jungfrauen, von de-
nen fünf, die weislich ihre Lampen angebrannt und
ihre Gefäße mit Öl versehen hatten, eingingen, die
anderen aber, die ihre Zeit versäumt hatten, mussten
draußen bleiben; wie der Engel sagte, daß nach dieser
Zeit keine Zeit mehr sein werde.
Zehntens wurde sie gefragt, ob nicht die Heiligen
in den Himmel aufgefahren wären; aber sie bekannte,
daß niemand gen Himmel gefahren wäre als Chris-
tus, unser Beschützer und Heiland; auch selbst nicht
Maria, seine Mutter, sondern daß sie alle in der Hand
Gottes ruhen und auf das Gericht warten am jüngs-
ten Tage, denn ebenso sagt auch die Schrift, daß die
Stunde kommen werde, daß alle, die in den Gräbern
liegen, die Stimme Gottes hören werden, und die Gu-
tes getan haben, zum ewigen Leben, die Gottlosen
aber in die ewige Verdammnis eingehen werden. Die
Auferstehung ist auch für Gerechte und Ungerechte,
wie Paulus sagt: Wir müssen alle vor dem Richterstuh-
le des Herrn offenbar werden, damit jeder empfange,
je nachdem er gehandelt hat. Wir lesen auch von den
Seelen der Gerechten die unter dem Altäre liegen und
warten, bis die Zahl ihrer Brüder erfüllt sein wird. Als
sie dieselbe nun scharf verhörten und durch die Ge-
lehrten dieser Welt zu unterrichten und zum Abfalle
zu bewegen suchten, von deren Bitten, Flehen oder
Bedrohungen sie sich gleichwohl nicht bewegen las-
sen wollte, sondern sagte, daß sie lieber sterben als
abweichen wollte, so musste sie nackend auf die Fol-
terbank, sodass sie nicht einmal das Hemd, sondern
nur ein Schürztuch an sich haben durfte. Da wurde
sie ausgespannt; sie taten ihr auch einen Stock in den
Mund, sodass ihr die Zähne in Stücke brachen; aber
680
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sie wollte weder abfallen, noch jemanden von den
Mitgliedern verraten. Als sie nun begehrte, daß man
die Pein einstellen sollte, sagte der Bürgermeister, sie
sollte dann abfallen und bekennen; aber Gott bewahr-
te ihren Mund, und half ihr, bis sie wieder los kam,
denn sie wollte mit dem alten Eleazar lieber des zeit-
lichen Todes sterben, als Christum verleugnen, und
seines ewigen Reiches sich verlustig machen. Sie droh-
ten ihr einige Male mit dem Tode, aber das konnte
sie nicht schrecken; bisweilen war sie besorgt, weil
sie so wehmütig war, daß (wenn sie zum Tode gehen
würde) sie sich des Weinens nicht würde enthalten
können; darum wandte sie sich mit ihrem Gebete zu
Gott, der sie auch nicht unerhört ließ, denn als sie
die Nachricht empfing, daß sie sterben müsste, ist sie
sehr wohlgemut und erfreut gewesen. An dem Mor-
gen, als sie sterben sollte, fragte sie der Amtmann,
ob sie sich noch nicht bedacht hätte, aber sie sagte,
wer den vorgesteckten, köstlichen Preis erlangen will,
muss ohne Aufhören laufen. Darauf brachte man sie
vor Gericht und verurteilte sie zum Tode; es wurden
auch in ihrem Todesurteile zu ihrer Beschuldigung
die vorstehenden zehn Artikel vorgelesen, und daß
sie darum, wie auch wegen ihrer Halsstarrigkeit, als
eine Ketzerin verbrannt werden sollte; sie ist aber hier-
durch nicht kleinmütig geworden, sondern hat den
Herren gedankt, und ihnen von Gott Gnade ange-
wünscht, um sich von den Abgöttern zu dem rechten
Gottesdienste zu bekehren.
Als sie nun hinaus kam und zum Tode ging, sagte
sie zum Volk: Geht hin, kauft Testamente, und lest dar-
in, damit ihr es ausfinden mögt, warum ich zum Tode
verurteilt bin und sterben muss. Der Scharfrichter
ward hierüber sehr entrüstet (drohte ihr mit Schlagen)
und befahl ihr, zu schweigen; darauf ist sie, nachdem
sie noch einige Worte geredet hatte, in das Häuslein
gegangen, wo der Scharfrichter sein Werk schnell ver-
richtet hat. Sie ist verbrannt worden, nachdem sie
ihren Geist in die Hände Gottes befohlen hatte (am
Abende der heiligen drei Könige 1573), und hat sich
so zubereitet, um mit den klugen Jungfrauen dem
Bräutigam entgegen zu gehen.
Der Bürgermeister oder Präsident zu Meenen, ge-
nannt Jan de Dryver, der das Urteil über Pieryntgen
ausgesprochen hatte, ist später von Gott hart gestraft
worden, indem sich eine Fäule des Körpers bei ihm
eingestellt, sodass ihm dadurch das eine Ohr von sei-
nem Haupte abgefallen und er sehr elendig gestorben
ist.
Michael von Brüssel und Barberken, sein Weib, im
Jahre 1573.
Um das Jahr 1573 sind zu Gent in Flandern Michael
von Brüssel und Barberken, sein Weib, um des Zeug-
nisses Jesu Christi willen, verhaftet worden. Diese,
weil sie nicht von der Welt, sondern von Gott aus der
Welt erwählt waren, sind darum von der Welt (die al-
lein das Ihre liebt), gehasst, verfolgt und zertreten wor-
den; sie haben sich aber, als kluge Bauleute auf den
Eckstein Christum Jesum gegründet, welcher mächtig
genug gewesen ist, ihren Schatz bis auf den Tag ihrer
Erlösung zu bewahren. Deshalb sind sie (nach man-
cherlei Versuchung und Prüfung ihres Glaubens) von
den verblendeten und wider Gott streitenden Papis-
ten nicht wegen irgendeiner Missetat, sondern allein,
weil sie der Wahrheit Jesu Christi gehorsam waren,
vom Leben zum Tode verurteilt worden. Michael von
Brüssel ist auf dem Freitagsmarkte verbrannt, Baber-
ken aber, sein Weib, in des Grafen Schloss mit dem
Schwerte enthauptet worden. Also sind sie ihrem Er-
löser und Seligmacher bis in den Tod getreu geblie-
ben; darum werden sie auch ein ewiges und herrliches
Reich und eine schöne Krone von der Hand des Herrn
empfangen, die ihnen von niemandem geraubt oder
genommen werden kann.
Jan von Ackeren, im Jahre 1573.
Nach mancherlei Verfolgung, Morden und Brennen
unter der Christen Schaar, ist auch ein tapferer Held
und Streiter Jesu Christi in der Stadt Antwerpen den
Tyrannen in die Hände gefallen, Namens Jan von
Ackeren, geboren bei Ypern, allein um der Ursache
willen, weil er sich (nach dem Rate Gottes) von der
bösen Welt und allen ihren falschen und wider Got-
tes Wort streitenden Gottesdiensten abgesondert, und
sich mit Leib und Geist wieder unter das Panier und
den Gehorsam Christi begeben hatte. Weil aber das
Licht mit der Finsternis sich nicht vermischt, son-
dern von derselben gehasst wird und Verfolgung lei-
den muss, so haben die Herren der Finsternis dieses
Schäflein Christi mit schwerer Gefangenschaft und
viel strenger Pein versucht und geprüft, und weil er
auf keine Weise zum Abfall gebracht werden konnte
(denn er war auf den Felsen gegründet), so hat er am
gemeldeten Orte in großer Standhaftigkeit den Tod in
den Flammen erlitten, und hat den wahren Glauben
mit seinem Blute und Tode bezeugt und befestigt, und
die Kelter des Leidens mit Christo getreten. Darum
ist er auch nicht als ein Bastard verworfen worden,
sondern vielmehr von Christo (als ein angenehmer
Sohn) erkannt und in sein ewiges Erbe aufgenommen
681
worden, wo er mit allen Auserwählten Gottes leben
und regieren wird, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Dieser Freund Christi hat mehrere Briefe aus seiner
Gefangenschaft gesandt, aber sie sind uns nicht in die
Hände gekommen.
G. Schneider, Syntgen von Rousselare und
Maeyken Gosens werden zu Antwerpen um der
Wahrheit willen im Jahre 1573 getötet.
Hier folgt ein Brief von G. Schneider, gefangen zu
Antwerpen mit Syntgen von Rousselare des Hierony-
mus Weib, wo sie ihr Leben für die Wahrheit gelassen
haben.
Die überschwängliche Gnade Gottes, die große Lie-
be und Barmherzigkeit seines Sohnes, so wie die Kraft,
Wirkung und Erleuchtung des Heiligen Geistes, wün-
sche ich dir, meine sehr liebe und werte Schwester in
dem Herrn, zum freundlichen Gruße, wodurch wir
Unwürdige aus Gott neu geboren werden, um dem
Herrn in Gerechtigkeit und Heiligkeit zu dienen, zu
des Herrn Preise und unserer Seelen Seligkeit; dazu
wolle uns der Herr, der Vater aller Barmherzigkeit,
tüchtig, stark und kräftig machen, welchem allein
sei Lob, Preis und Ehre, von nun an bis in Ewigkeit,
Amen.
Nach diesem Gruße, meine sehr liebe und werte
Schwester in dem Herrn, lasse ich euch wissen, daß es
mit mir (der Herr sei ewig gelobt) noch ziemlich wohl
stehe, sowohl dem Fleische, als auch dem Gemüte
nach; ich hoffe durch Gottes Gnade mit unserm wah-
ren Hauptmanne Josua nach dem verheißenen Lande
zu ziehen (welches uns Unwürdigen aus Gnade ver-
heißen und durch den Glauben gezeigt worden ist),
wobei ich das Vertrauen habe, daß ich durch Gottes
Gnade unbeschädigt über den Jordan kommen werde,
wiewohl ich von Grund meines Herzens wollte, daß
das Gemüt hierzu noch viel tapferer wäre.
Ferner, meine sehr geliebte und werte Schwester,
lasse ich dich wissen, daß ich bei dem Besuche mich
ergötzt und mich über euch in meinem Gemüte sehr
erfreut habe, weil ich eure große Freude und euer Ver-
gnügen in dem Herrn, deine Selbstverleugnung und
dein an den Herrn übergebenes Herz und Gemüt ge-
sehen habe, wofür wir dem Herrn nicht genug Lob
und Dank abstatten können, der dir solchen Schatz in
irdene Gefäße gegeben hat, daß du auch weder um
des Lebens oder Sterbens, noch um irgendeiner Pein
willen, die dir (meine sehr liebe und werte Schwes-
ter in dem Herrn) die Tyrannen antun möchten, den
Herrn zu verlassen begehrst. Der Herr, der Gott aller
Gnaden, wolle dich zu dem Ende stark und kräftig
machen und allen Wohlgefallen seiner Güte an dir
und dem Werke des Glaubens in der Kraft erfüllen,
damit durch sie der Name unseres geliebten Herrn Je-
su Christi gepriesen weiden möge, und du den guten
Glaubenskampf streiten und das ewige Leben ergrei-
fen mögest, wozu wir berufen sind, wenn wir anders
den Anfang des christlichen Lebens bis ans Ende fest-
halten. Denn, liebe Schwester in dem Herrn, wenn
wir den Anfang des Lebens Christi recht betrachten,
so finden wir nichts anders als Druck, Leiden und
Angst, denn der, der ein Herr ist über alles, hat um
unsertwillen seines Vaters Reich verlassen, ist in die
Welt gekommen, hat alle unsere Schuld auf sich ge-
nommen und mit seinem bittern Leiden und Tode an
dem Kreuzesholze dafür bezahlt, mit allem diesem
hat Er uns ein Beispiel hinterlassen, wie der Apostel
sagt, daß wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollten,
der keine Sünde getan hatte, und in dessen Munde
auch kein Betrug gefunden worden ist, welcher, als
Er gescholten ward, nicht wieder schalt, nicht drohte,
als Er litt; Er stellte es aber dem anheim, der recht
richtet, welcher unsere Sünden selbst geopfert hat auf
dem Holze, damit wir der Sünde abgestorben sind,
und der Gerechtigkeit leben; durch dessen Wunden
ihr heil geworden seid, sagt der Apostel, denn ihr
wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun be-
kehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen; auch
sagt der Apostel an einem andern Ort: Denkt an den,
der ein solches Widersprechen von den Sündern wi-
der sich erduldet hat, daß ihr nicht in eurem Mute
matt werdet und ablasst. Desgleichen klagt auch der
Prophet in seiner Person von ihm und sagt: Ich bin
ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und
eine Verachtung des Volks; alle, die mich sehen, spot-
ten meiner, sperren den Mund auf und schütteln den
Kopf, und an einem andern Orte sagt Jesaja: Er hatte
keine Gestalt, noch Schöne; wir sahen Ihn, aber da
war keine Gestalt, die uns gefallen hätte; Er war der
Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen
und Krankheit; Er war so verachtet, daß man auch
das Angesicht vor ihm verbarg. Da Er gestraft und
gemartert ward, tat Er seinen Mund nicht auf wie ein
Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und wie
ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und sei-
nen Mund nicht auftut. Daneben, meine sehr werte
Schwester in dem Herrn, betrachte das ganze Leben
Christi in seinem Anfang, Fortgang und Ende, du
wirst nichts anderes finden, als Leiden, Demut, Elend
und Verachtung, welche Er um unsertwillen in der Er-
niedrigung erlitten hat, sodass auch der Apostel von
dem Herrn sagt, daß Er in den Tagen seines Fleisches
Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen
zu dem geopfert habe, der ihm vom Tode aushelfen
konnte, und Er ist auch erhört, weil Er Gott in Ehren
682
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
hatte. Darum, meine liebe Schwester in dem Herrn,
dieser Anfang des christlichen Lebens muss bis ans
Ende bei uns bleiben, wie gesagt worden ist, dann
werden wir seiner auch teilhaftig werden, und sein
Reich aus Gnaden mit allen Kindern Gottes ererben,
um deswillen Er auch hingegangen ist, um uns die
Stätte zu bereiten, wie er Johannes 14 sagt: Ich gehe zu
eurem und meinem Vater, euch die Statte zu bereiten,
und obgleich ich hingehe, so will ich doch wieder-
kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid,
wo ich bin. Darum, meine liebe Schwester im Herrn,
obgleich unser Gott sein Angesicht eine kurze Zeit vor
uns verbirgt, so wird Er uns doch mit ewiger Gnade
wieder versammeln, wie der Prophet sagt: Ich will
dich in mein Haus leiten und in meinen Mauern dir
einen Platz geben, und einen bessern Namen, als den
Söhnen und Töchtern; ja, einen ewigen Namen, der
nicht vergeht, will ich dir geben. Ja, Er will unsere Stei-
ne zu Zierrat legen, und unser Fundament mit Saphir
bauen und unsere Fenster von Kristall, und unsere
Pforten von Rubin machen. Johannes sagt auch, daß
uns eine Stadt erbaut sei von lauterem Golde; dort
wirst du auch (meine sehr geliebte Schwester in dem
Herrn) den König in seiner Schönheit anschauen, des-
sen Haupt ist wie das feinste Gold, seine Locken sind
kraus, schwarz wie die Raben; seine Augen sind wie
Taubenaugen; seine Backen sind wie die wachsenden
Würzgärtlein der Apotheker; seine Hände sind wie
goldene Ringe voll Türkisen; sein Leib ist wie reines
Elfenbein; seine Beine sind wie Marmorsäulen, ge-
gründet auf goldenen Füßen; seine Kehle ist süß und
seine Worte sind lieblich. Summa, wir werden dort
viel mehr finden, als man uns sagen oder schreiben
kann.
Sieh, meine liebe Schwester in dem Herrn, ein sol-
cher ist unser Freund und Bräutigam; darum freue
dich, du Verlobte des Herrn, denn er ist schöner als
alle Menschenkinder, der sich mit dir verlobt und dich
unter vielen Tausenden auserkoren hat.
Deshalb, meine liebe Schwester in dem Herrn,
schmücke dich mit der Seide der Gerechtigkeit, dei-
nem Bräutigam zu Ehren, bis die Tage der Verfolgung
ein Ende haben, und der Herr das Gefängnis Zions
wenden und alle Tränen von unsern Augen abwischen
und unsere Freude vollkommen machen wird, daß
wir statt unseres Klagens und Seufzens wie Nachts
auf einem herrlichen Feste singen und mit den 144000
Jungfrauen, die von der Erde erkauft sind, vor dem
Throne Gottes stehen und den Namen Gottes an un-
sern Stirnen tragen werden und Harfen in unsern
Händen haben und ein neues Lied singen.
Sieh, liebe Schwester, dieses werden unsere Feinde
sehen müssen, und zu Schanden werden, die jetzt zu
uns sagen: Wo ist euer Gott? Unsere Augen werden es
sehen, daß sie dann wie Dreck auf der Straße zertre-
ten liegen und Asche unter den Füßen der Gerechten
sein werden. Darum, liebe Schwester in dem Herrn,
laß uns rechtschaffen sein in der Liebe, und den Sieg
des christlichen Kampfes erhalten, denn den Über-
windern wird Er zu essen geben von dem Holze des
Lebens, das mitten im Paradiese Gottes ist. Das wolle
uns gönnen der alleinweise Gott, der Vater der Gnade
und Barmherzigkeit, der allein Gewalt hat im Himmel
und auf Erden, damit wir durch seine Gnade gerecht-
fertigt und Erben des ewigen Lebens werden mögen.
Ihm aber, der überschwänglich tun kann über alles,
was wir bitten oder verstehen können, sei allein Lob,
Preis und Ehre, von nun an bis in Ewigkeit, Amen.
Er ist getreu, der es auch tun wird nach seiner Ver-
heißung, denn ich bin Gott, sagt Er durch den Prophe-
ten Maleachi, und werde nicht verändert, nämlich in
seinen Verheißungen.
Hiermit, meine sehr liebe und werte Schwester in
dem Herrn, will ich dich dem Herrn und dem reichen
Worte seiner Gnade befehlen; gute Nacht, gute Nacht.
Wenn wir einander nicht mehr von Angesicht dieser
Welt sehen, so hoffe ich doch, daß wir einander in
der Ewigkeit sehen werden bei unserm Gott, wo kein
Scheiden mehr sein wird. Noch einmal gute Nacht;
halte mir mein einfaches Schreiben zu gut, ich bitte
dich demütig darum, und wenn ich einiges habe zu
kurz oder zu weitläufig geschrieben, so bitte ich, mir
solches zu gut zu halten, und sei hiermit von mir
herzlich gegrüßt; mein Weib lässt euch auch herzlich
grüßen mit dem Frieden des Herrn; nicht weniger
lassen euch Sanderyntgen und auch eine Jungfrau
aus Seeland, genannt Magdaleentjen, sehr herzlich
grüßen; ich bitte dich sehr freundlich, meine liebe
Schwester, lasst mich doch einen Brief von euch haben;
solches wäre mir sehr willkommen und angenehmer,
als ich euch schreiben kann. Gehabe dich wohl.
Von mir, G. Schneider, V. S. B. und Diener, was ich
vermag.
Ein Brief von Syntgen von Rousselare.
Gnade und Friede. Geschrieben zu Antwerpen auf
dem Steine. Ich unwürdige Syntgen bin um des Zeug-
nisses des Herrn willen gefangen und erwarte jeden
Tag mein Urteil; der Herr wolle uns geben, daß wir
unser Opfer tun mögen zu seinem Lobe und Preise
und zu unserer Seelen Seligkeit, Amen.
Die große Gnade und Barmherzigkeit Gottes des
Vaters, und die große Liebe des Sohnes, wie auch die
Kraft des Heiligen Geistes, wolle dich, meine sehr ge-
liebte Schwester in dem Herrn, und uns bis ans Ende
683
stärken, damit wir würdig erfunden werden mögen,
am Tage des Herrn die schönen Verheißungen aus
Gnaden zu empfangen, wenn der Herr sagen wird:
Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das
Reich, das euch von Anbeginn der Welt zubereitet
ist. Ach, welche große Freude wird uns dann zube-
reitet, wenn wir den Anfang des christlichen Wesens
bis ans Ende festhalten! Hierzu wolle uns der Gott
Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs stär-
ken, dessen Gewalt groß ist, wie der Prophet bezeugt,
daß Er mit einem Dreilinge die ganze Erde umspan-
ne, und daß sich in seinem Namen alle Knie beugen
müssen, die im Himmel und auf Erden sind, und daß
Ihn alle Zungen loben müssen; sein Name ist Herr
der Heerschaaren, Herr Zebaoth, der Mächtige in Is-
rael, um dessen Namen willen wir hier gefangen lie-
gen; Ihm sei allein Lob und Preis, von Ewigkeit zu
Ewigkeit, Amen. Denn Er hat Himmel und Erde aus
nichts erschaffen und gemacht; denselben blutigen,
nackenden, gekreuzigten Christum wünsche ich dir,
meine sehr geliebte Schwester in dem Herrn, zum
freundlichen und christlichen Gruße; derselbe wolle
euch bewahren und in jeder Drangsal, die euch und
uns um seines Namens willen zustoßen mag, trösten.
Nach diesem lieben und christlichen Gruße lasse ich
dich wissen, mein liebes Schaf und Schwester in dem
Herrn, daß mein Gemüt noch bestellt ist (dem Herrn
sei Lob und Preis für seine Gnade!) wie es bestellt
war, als ich meine Knie unwürdig vor dem Herrn ge-
beugt hatte, womit ich bewies, daß ich begehrte. Ihm
in allem gehorsam zu sein, sowohl im Leiden als in
Freude, wie uns denn der Apostel auch ermahnt, daß
es uns nicht allein gegeben sei, an Christum zu glau-
ben, sondern auch um seinetwillen zu leiden. Ach,
meine liebe Schwester in dem Herrn, der Knecht ist
nicht über seinem Herrn, noch der Jünger über sei-
nem Meister; auch hat uns Christus gesagt: Die Welt
wird sich freuen, und ihr werdet traurig und betrübt
sein, aber eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt
werden; und abermals: Ihr werdet heulen und weinen,
und die Welt wird sich freuen; aber seid getrost, ich
habe die Welt überwunden, und unser Glauben ist der
Sieg über die Welt, womit wir, durch des Herrn Gnade,
Fürsten und Obrigkeiten überwinden müssen. Ach,
meine liebe Schwester in dem Herrn, es ist wohl wahr,
wir sind wie die Schlachtschafe geachtet, die zum To-
de bereitet sind; aber in allem diesen überwinden wir
weit um desjenigen willen, der uns lieb gehabt, wie
der Apostel sagt: Wer mag uns scheiden von der Liebe
Gottes? Trübsal, oder Angst, oder Verfolgung, oder
Gefahr, oder Schwert?
Ach, mein liebes Schäflein! Der König ist so getreu,
dem wir dienen; Er wird uns nicht verlassen, sondern
uns beistehen in allen Gefahren, sie betreffen Wasser,
Schwert oder Feuer; denn Er spricht durch den Pro-
pheten Jesaja: Wenn auch eine Mutter ihr eigenes Kind
verließe, so will ich dich doch nicht verlassen, sondern
will dich wie meinen Augapfel bewahren. Ach, meine
liebe Schwester, das ist ein schöner Trost in unserer ge-
genwärtigen Trübsal und unserer Not, welche zeitlich
und leicht ist, wie der Apostel sagt, und uns eine über
die Maßen große Herrlichkeit bringt, die wir nicht auf
das Zeitliche, sondern auf das Ewige sehen, denn es
hat kein Auge gesehen, noch ein Ohr gehört, ist auch
in keines Menschen Herz gekommen, was Gott denen
bereitet hat, die Ihn lieben. Ach, meine liebe Schwes-
ter in dem Herrn, laß uns viel lieber erwählen, mit
den Kindern Gottes Ungemach zu leiden, als die zeit-
liche Ergötzlichkeit der Sünden zu haben. Laß uns die
Schmach Christi für größeren Reichtum achten, und
mit dem Propheten David lieber in das Allerheiligste
des Herrn gehen, als den Pfad der Gottlosen betreten;
denn obgleich er hier schön anzuschauen ist, so muss
er doch vergehen, indem der weise Mann sagt, daß
der Gottlosen Hoffnung wie eine verdorrte Distelblu-
me sei; wir aber, liebe Schwester in dem Herrn, haben
eine gewisse Hoffnung, und wiewohl wir hier in den
Augen der Unweisen zu sterben scheinen, so wissen
wir doch, daß wir ewig leben werden; denn es steht
geschrieben: Die hier mit Tränen säen, werden mit
ewiger Freude und Wonne ernten, und ihre Garben in
die Scheuern Gottes bringen.
Ach, meine liebe Schwester in dem Herrn, wenn
das Sterbliche das Unsterbliche anziehen wird, wie
herrlich werden wir alsdann mit himmlischer Freude
gekrönt werden! Es wird dann unsere Freude nicht
von uns genommen werden. Ach, mein liebes Schaf
und Schwester in dem Herrn, laß uns auf unsern Kö-
nig trauen, denn seine Verheißungen werden nicht
fehlen; Er wird uns nicht verweisen, wie diese flei-
schen Herren tun, was doch alles vergeht, sondern Er
wird uns aus Gnaden das ewige Leben geben. Ach,
meine liebe Schwester in dem Herrn, mein Verlangen
geht dahin, daß ich bei allen meinen lieben Brüdern
und Schwestern, die ihr Leben freimütig zum Tode
übergeben haben, unter dem Altar ruhen möge; ich
hoffe, daß wir bald dahin kommen werden. Wir sind
wohlgemut, durch des Herrn Gnade, mit Josua und
Kaleb das Land der Verheißungen einzunehmen, und
sind auch unserer Feinde viel, so hoffen wir doch, sie
wie Brot zu verschlingen; wir haben bereits fast al-
le unsere Feinde überwunden, aber den wichtigsten
und letzten Feind sehen wir noch vor Augen, welches
oder Tod ist; doch haben wir einen starken Trost, wel-
cher der Gott Jakobs ist, der uns in der größten Not
stärkt; und obgleich die Wellen gewaltig ankommen.
684
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
so hoffen wir doch mit unserm Gott (wie David sagt)
über die Mauer zu springen und mit Paulus zu sagen:
Ich vermag alles durch Christum, der mich mächtig
macht; wir hoffen also durchzudringen, wie Christus
sagt: Ringt danach, daß ihr durch die enge Pforte ein-
geht, denn der Weg ist schmal der zum ewigen Leben
führt; ferner sagt Christus: Das Himmelreich leidet
Gewalt, und die ihm Gewalt antun, reißen es zu sich.
Ach, meine liebe Schwester in dem Herrn, wenn
Fleisch und Blut an den Pfählen und Pfosten hängen
bleibt, dann erst ist der Streit am wichtigsten, denn
der Satan wusste seine Worte gut zu setzen, als er den
gottesfürchtigen Hiob versuchte. Wenn es an Fleisch
und Blut geht, dann wird der rechte Glaube geprüft
wie Gold im Ofen, dann müssen wir gesetzmäßig
kämpfen, damit wir die Krone des ewigen Lebens
aus Gnaden empfangen, denn es steht geschrieben:
Weil du das Wort meiner Geduld behalten hast, so
will ich dich auch vor der Stunde der Versuchung
behalten, und ich will seinen Namen aus dem Buche
des Lebens nicht austilgen. Wer überwindet, soll mit
weißen Kleidern angetan werden, und ich will ihn
zum Pfeiler machen in dem Tempel meines Gottes,
und ich will sie zur Quelle des lebendigen Wassers
leiten.
Ach, meine liebe Schwester in dem Herrn, welche
herrlichen Verheißungen sind uns gegeben, wenn wir
nur standhaft bleiben bis ans Ende! Hierzu wolle uns
und dir der Herr seine Gnade geben, damit wir das
neue Lied in Zion mit den 144000 singen helfen mö-
gen, welche mit Weibern sich nicht befleckt haben,
sondern Jungfrauen sind, denn sie haben mit den
Töchtern Babels nicht Hurerei getrieben.
Hiermit will ich dich, meine liebe Schwester in dem
Herrn, dem Herrn und dem Worte seiner Gnade an-
befehlen, welches dich und uns zum ewigen Leben
bewahren kann. Also nehme ich denn von dir mei-
nen Urlaub und Abschied auf dieser Erde, bis wir
wieder Zusammenkommen, wo kein Scheiden mehr
sein wird, wo die Straßen von lauterem Golde, die
Pforten aber von Perlen und köstlichen Steinen sind.
Gute Nacht, gute Nacht, meine liebe Schwester in dem
Herrn!
Geschrieben von mir, Syntgen von Rousselare, des
Hieronymus Weib, deiner schwachen Schwester in
dem Herrn. Halte mir mein einfaches Schreiben zu
gut, denn es geschieht aus rechter Liebe; ich habe die
Gabe nicht.
Grüße mir dein Volk, wo du wohnst, und alle lieben
Freunde, bekannte und unbekannte, mit dem Frieden
des Herrn, insbesondere deinen Bruder und deine
Schwester, und Passchier, meinen guten Bekannten.
Es lassen auch meine Mitgefangenen deine Liebe herz-
lich grüßen mit dem Frieden des Herrn; bitte doch den
Herrn herzlich für uns, wir wollen es auch herzlich
gern für dich, nach unserm schwachen Vermögen, tim,
und laß uns allezeit ernstlich anhalten, damit uns nie-
mand unsere Krone nehme, und wir mit den klugen
Jungfrauen zur Freudenruhe eingehen mögen, Amen.
Francois von Leuven, Hansken von Oudenaerden
und Grietgen von Sluys, im Jahre 1573.
Im Jahre 1573 sind zu Gent in Flandern um des rech-
ten Glaubens der Wahrheit und der Nachfolge Chris-
ti willen Francois von Leuven, des Willem von Leu-
ven Sohn, dessen in diesem Buche an seinem Orte
gedacht worden ist, des Jan Doom Vetter, und mit
ihm Hansken von Oudenaerden, geboren zu Geerts-
berge, wie auch Grietgen von Sluys, geboren zu Tielt
im Gelderlande, getötet worden. Diese sind an gemel-
detem Platze von dem neidischen und blutdürstigen
Geschlechte Kains und nicht Juda sehr schmählich,
als ob sie nicht wert wären, auf Erden geduldet zu
werden, getötet worden; nicht um irgendeiner Miss-
etat willen, sondern allein, weil sie sich von dieser
verdorbenen Welt, welche in unmenschlicher Bosheit
ganz versunken ist, nach dem Befehle des ewigen Got-
tes abgesondert hatten, und Christo in der Wiederge-
burt nach ihrem schwachen Vermögen nachzufolgen
suchten. Weil aber das Licht mit der Finsternis keine
Gemeinschaft haben kann, so ist ihnen um des rech-
ten Glaubens der Wahrheit willen von den Herren
der Finsternis diese Tyrannei angetan, und sie sind
also des Leidens Christi teilhaftig geworden; deshalb
werden sie auch mit Christo in der Offenbarung sei-
ner Herrlichkeit große Freude und Wonne empfangen
und ewig genießen.
Lippyntgen Stayerts, Syntgen Barninge oder das
Krüppel-Syntgen, im Jahre 1573.
In demselben Jahre sind zu Gent in Flandern um der
Wahrheit des heiligen Evangeliums willen Lippynt-
gen Stayerts, geboren zu Gent, und mit ihr Syntgen
Barnigne, genannt Krüppel-Syntgen, geboren zu Kor-
tryck in Flandern, gefangen gewesen; denn als diese
sich auf die Bahn der Gerechtigkeit unter das Panier
ihres einigen und ewigen Hirten Christi Jesu bege-
ben hatten, so ist ihnen von des Antichristen Dienern
auch eben das widerfahren, was ihrem Hauptmanne
selbst begegnet ist und was Er den Seinen vorherge-
sagt und verheißen hat, nämlich, daß sie nicht von
der Welt geliebt und hochgeachtet, sondern vielmehr
gehasst werden und Trübsal, Kreuz, Verfolgung, und
den Tod erleiden sollten. So ist es denn geschehen.
685
nach mancherlei Prüfung und Versuchung, die sie um
Christi willen erlitten haben, daß sie von den Herren
der Finsternis vom Leben zum Tode verurteilt und
in des Grafen Schloss mit dem Schwerte enthauptet
worden sind. Weil aber Syntgen ein Krüppel war, so
ist sie in einem Stuhle auf die Schaubühne getragen
worden, und als sie ihre Hände etwas zu hoch aufhob,
hat ein Bruder, Namens Nathanael Zöllner, des Jost
Zöllners Bruder, gerufen: Schaf, nimm deiner Hände
wahr; aber es wurden ihr beide Daumen zugleich mit
abgehauen. Also haben sie ihr Leben bis in den Tod
nicht geliebt, sondern ihr irdisches Haus gutwillig um
das himmlische hingegeben; darum ist ihnen auch ein
Bau von Gott bereitet, ein Haus, das in unaussprechli-
cher Herrlichkeit ewig währen wird im Himmel.
Jakob von dem Wege, 1573.
Als dieser Jakob von dem Wege, geboren zu Ronse
in Flandern, ein Vetter des Mr. Claes, der zu seiner
Zeit des Diakon von Ronse, des bedeutendsten Ket-
zermeisters und Verfolgers der Christen in diesen Län-
dern, Mitgesell gewesen, zur Erkenntnis der Wahrheit
gekommen und derselben mit brünstiger Liebe nach-
gefolgt ist, wurde er um deswillen aus allen Ländern
des Königs von Spanien verbannt, und hat länger als
sieben Jahre als ein Flüchtling sehr kümmerlich seinen
Aufenthalt suchen müssen, und sich mit Kistenma-
chen ernährt, womit er mit Weib und Kind die Kost
verdient hat, wie er sich denn auch lange Zeit heim-
lich bei guten Freunden in Flandern, namentlich in
Meenen, Halewyn und Bervyk aufhielt. Von da ist er
wegen der schweren Verfolgung unter dem Herzog
von Alba, und weil er auch des Landes verwiesen war,
nach Ryssel, welches drei Meilen davon gelegen, in ei-
ne Werkstätte gegangen, um in derselben zu arbeiten.
Als er nun darauf, wiewohl heimlich, mit Weib und
Kindern nach Gent gezogen ist, hat es sich einmal
zugetragen, daß er zu Christoffel von Leuven, wel-
cher ein Diener des Wortes Gottes war, ins Haus ge-
gangen ist, eben zu der Zeit, als die Obrigkeit von
Gent einige ausgesandt hatte, um diesen Christoffel
zu fangen, und als sie denselben nicht fanden, wur-
de Jakob ergriffen und in schwere Gefangenschaft in
einen Turm gebracht, der mit sieben Türen verwahrt
und verschlossen war. Dort lag er in großer Angst und
Not, und hat ernstlich im Geiste und in der Wahrheit
zu dem Herrn, seinem Gott, gebeten und gerufen, daß
Er ihn darin stärken und gnädige Hilfe verleihen wol-
le, die ihm damals sehr nötig war, indem viel starke
Feinde ihn bestritten und angefochten hatten, denn
der Satan, der Beneider alles Guten, brauchte große
Gewalt an ihm, um ihn zum Abfalle von dem Herrn,
seinem Gott, zu bringen; er ruhte weder Tag noch
Nacht, und ging mit List um ihn herum, um seine
Seele zu verführen; auch setzten ihm des Satans Boten
mit schönklingenden Reden listig zu, als ob sie bei
ihm eine tröstliche Erleuchtung gesucht hätten, aber
wenn er ihnen Gehör gegeben hätte, sie wären gewiss
Mörder seiner Seele gewesen, wovor ihn doch Gott
bewahrte; er litt auch große Anfechtung um sein Weib
und seine Kinder, denn es fiel ihm sehr schwer, sie zu
verlassen; aber um des Herrn willen musste es alles
geschehen.
Als er nun eine Zeitlang gefangen gelegen und der
Anfechtung und Qual tapfern Widerstand geleistet
hatte, ist er zuletzt, weil er nach der rechten Wahrheit
wandelte, öffentlich zu Gent verbrannt worden, unge-
fähr drei Jahre später, als auch sein Bruder Hans, wie
wir oben bemerkt haben, um der Nachfolge Christi
willen daselbst verbrannt worden ist.
Die Briefe, die uns von diesem Jakob von dem Wege
zu Händen gekommen sind, haben wir hier beigefügt,
damit der Leser daraus sehen möge, in welchem Glau-
ben er gestanden habe und gestorben sei.
Ein Brief von Jakob von dem Wege, geschrieben an
sein Weib, als er zuerst zu Gent in dem Hause zur
Luft, am Ende der Müllerstraße, gefangen lag.
Ach meine Geliebteste unter der Sonne, mit meinen
drei Kindern, welche mir das Herz so abmatten, daß
ich kaum weiß, was ich an mir selbst habe, denn wenn
ich euch beherzige, liege ich sehr beängstigt in der
Trübsalskelter, sodass mir die Tränen aus den Augen
fließen und ich meinen großen Kummer kaum stillen
kann.
Ach, mein Weib mit meinen drei Schafen, die ich
lieb habe, wie stark ist die Liebe, wie werde ich euch
einen Scheidebrief schreiben können, denn die Wasser
der Trübsal erfüllen mir meine Augen, und das wegen
meiner Krankheit, meines Elendes und meiner großen
Schwachheit. Ach mein liebes Weib, ich bekenne hier
vor dir und vor allen, die dieses lesen, daß ich hier gar
zu schwach und elend geschrieben habe; gleichwohl
hat mich die große und tiefe ängstliche Trübsal, die
aus der starken Liebe zu euch Vieren entsteht, dazu
gezwungen, aber ich hoffe, du werdest es mir, der
Wahrheit zum Besten, abnehmen. So höre denn, mein
liebes Weib, die Antwort auf dasjenige, um was du
mich hast fragen lassen, nämlich welchen Rat ich dir
wegen der Reise gäbe. Hierauf erwidere ich, daß ich
dir gar keinen Rat dazu gebe, denn ich weiß nicht, auf
welche Art und Weise es sich bewerkstelligen lasse,
aber ich wollte dich aufs Höchste gebeten haben, du
wollest, wenn es dir möglich wäre, deine Kost hier zu
686
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
finden, so lange hier bleiben, bis es mit mir auf die
eine oder die andere Weise sich entscheidet, und das
aus keiner andern Ursache, als daß ich von dir biswei-
len noch etwas hören und Grüße von dir vernehmen
möchte, was mir lieber ist, als viel Silber und Gold;
ich lasse dich auch wissen, mein Weib, daß Kalleken
Meere, die mit mir gefangen ist, dir im Testamente
ein Hemd, einen Halskragen, ein Nachttuch und ein
Haarschnur vermacht hat; desgleichen gibt dir Meyt-
gen auch ein Nachttuch, ein Kleid und auch ihre beste
Schürze. Dieses geben sie dir zu ihrem Andenken und
Testamente; nach ihrem Tode gehört es dir; sie lassen
dich auch sehr herzlich grüßen mit dem Frieden des
Herrn, Amen.
Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem
lieben Manne und Bruder in dem Herrn. Jakob von
dem Wege.
Noch ein Brief von Jakob von dem Wege an sein
Weib und seine Brüder und Schwestern.
Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden, und den
Menschen ein Wohlgefallen.
Ich, Jakob von dem Wege, der ich um der un-
überwindlichen Wahrheit willen gefangen liege, wün-
sche meinem werten und in Gott geliebten Weib und
Schwester im Herrn und meinen drei kleinen unschul-
digen Kindern, und ferner allen Brüdern und Schwes-
tern, ja, allen meinen lieben Freunden in dem Herrn
Gnade, Frieden, Barmherzigkeit, viel recht christliche
Weisheit und Klugheit, ein verständiges Herz und ein
standhaftes Gemüt in der Wahrheit, wie auch einen
starken Glauben, lebendige Hoffnung und ein gutes
ruhiges Gewissen gegen Gott und Menschen, so wie
einen unsträflichen heiligen Wandel in aller Demut,
Sanftmut, Freundlichkeit und Eintracht, und das al-
les in der rechten Furcht Gottes, verknüpft durch das
Band der Liebe. Dieses wünsche ich euch allen von
Gott, dem himmlischen Vater, durch Jesum Christum,
seinen ewigen, einigen, wahrhaftigen Sohn, unsern
Herrn, samt der Stärke und Kraft des Heiligen Geistes,
zum herzlichen und freundlichen Gruße, Amen.
Nach meinem einfachen, herzgründlichen Gruße,
lasse ich mein geliebtes Weib, und alle Brüder und
Schwestern, und ferner alle meine Freunde in dem
Herrn, wissen, daß es um mich noch wohl stehe, und
daß ich im Glauben und der Erkenntnis Gottes, noch
ebenso bin, wie ich war, als ich meine Knie vor dem
Allerhöchsten gebeugt hatte; ebenso stehe ich noch
und bin noch ebenso gesinnt, durch die Gnade Gottes
und die Kraft Christi, der mich stärkt, damit ich in
diesem Glauben und dieser Wahrheit mit Christo lebe,
oder sterbe. Dem allmächtigen Herrn, der den Elen-
den, Schwachen und Kraftlose hier in diesem Streite
so stark und kräftig machen kann, sei Lob, Dank, Preis
und Ehre in Ewigkeit, und das für alle seine großen
Wohltaten, die Er an mir so reichlich erwiesen hat;
ebenso hoffe ich, daß es mit euch auch sehr wohl
steht, worüber ich mich gefreut habe, und ich danke
Gott, dem Allmächtigen, für alle seine große Güte, die
Er an euch bewiesen hat, und das alles durch seine
große Barmherzigkeit und Liebe, und bitte densel-
ben allmächtigen Herrn und Gott der Gnade, daß Er
euch alle segnen und mit allerlei Erkenntnis und geis-
tiger Weisheit und Verstand erfüllen wolle, damit euer
Wandel würdig und fruchtbar sein möge, alle die Ta-
ge eures Lebens, in Heiligkeit und Gerechtigkeit, und
ihr das Ende eures Glaubens, nämlich eurer Seelen
Seligkeit, davonbringen möget.
Ferner lasse ich meine lieben Freunde wissen,
warum ich im Schreiben so träge gewesen bin, da
ihr doch so oft von mir verlangt habt, daß ich euch
etwas schreiben sollte; in dieser Beziehung sage ich
euch denn, daß es mich viel Überwindung kostet, zu
schreiben, weil es eine gefährliche Zeit ist, wo die Men-
schen oft das Schreiben verstehen und nehmen, wie
sie wollen, und nicht wie es der Schreiber gemeint hat.
Solches habe ich mehr als zu viel erfahren, und ist mir
selbst in meinem einfachen Schreiben begegnet, nicht
als ob ich glaubte, daß ich untadelhaft wäre, das sei
fern, sondern ich sage, daß einige Menschen nicht al-
lein mit dem Schreiben der unschuldigen Gefangenen,
sondern auch selbst mit der Heiligen Schrift nicht alle-
zeit wohl zufrieden sind; ebenso halte ich mich selbst
auch für viel zu schlecht und unverständig, etwas Er-
bauliches euch zur Ermahnung zu schreiben; darum
habe ich es denen, die es von mir begehrt haben, al-
lezeit abgeschlagen, und habe auch so lange damit
gezögert, und wäre es nicht wegen meiner unschuldi-
gen, jungen Kinder geschehen, welche gegenwärtig
weder Gutes, noch Böses verstehen, ich hätte noch we-
niger geschrieben; aber sie zwingen mich solches zu
schreiben, damit, wenn sie durch Gottes Gnade zum
Verstand kommen, und ich ihnen entnommen sein
werde, sie dasselbe von meinem Glauben unterrich-
ten und sie die Gerechtigkeit und Erkenntnis Gottes
in der Furcht des Herrn, samt allem Gehorsam lehren
möge. Da ich aber nun den Weg wandeln und dem Ru-
fe gehorsam sein muss, wodurch ich gerufen bin und
ich sie daher mit meinen Lippen nicht mehr ermahnen
kann, so schreibe und hinterlasse ich ihnen dieses als
Schatz und Testament, denn Gold und Silber kann ich
ihnen nicht geben, sondern das, was mir Gott gegeben
hat, was zwar wenig ist, doch aber mehr, als ich wür-
dig bin; solches lasse ich ihnen zur Ermahnung, damit
sie durch mein eigenes Schreiben versichert und ge-
687
wiss sein mögen, in welcher Lehre und in welchem
Glauben ich gestorben sei, und daß ich nicht wegen
irgend einer Missetat, oder Bosheit oder Ketzerei ge-
litten habe, oder als ein solcher, der seinem eigenen
Sinne und Kopfe folgt, gleichwie ich von der bösen
Art beschuldigt bin, die sich selbst das Ansehen gibt,
daß sie rein sei und gleichwohl von ihrem Drecke
nicht gewaschen ist; aber ihre Scheltworte sind kein
Beweis, und ihre Lästerung ist nicht wahrhaftig; denn
ich weiß wohl und bin gewiss, daß alle, die ihrem
eigenen Sinne und Kopfe folgen, Gottes Gebote nicht
halten, indem uns die Schrift lehrt, daß wir, wie Jesus
Christus, geistig gesinnt sein müssen, auch gehorsam
und uns selbst verleugnen, ja, unserem Willen ganz
und gar absagen, und uns unter sein Wort und die
starke Hand Gottes beugen müssen, dessen Wort wie
ein Feuer und Hammer ist, der die Felsen in Stücke
schlägt, ja, welches ein zweischneidiges Schwert ist,
welches die Menschen richten wird am Ende der Tage.
Darum sage ich, daß ich mich demselben unterwor-
fen habe, um Ihm gehorsam zu sein aus allen meinen
Kräften, und daß ich mich von demselben im Glau-
ben unterrichten lassen will, wie die Schrift sagt, denn
ich glaube allem, was im Gesetze und den Propheten
geschrieben steht, sowohl im Alten als Neuen Tes-
tamente, und ich habe auch Hoffnung zu Gott, auf
welchen die Propheten selbst warten, nämlich, daß
die Auferstehung der Toten zukünftig sei, beides der
Gerechten und Ungerechten; in demselben aber übe
ich mich ein unverletztes Gewissen allenthalben zu
haben, beides gegen Gott und den Menschen. Also
kommt mein Glaube, den mir Gott gegeben hat, mit
Gottes Wort und der Schrift überein, wie hier in der
Kürze folgt.
Erstlich glaube und bekenne ich einen einigen, ewi-
gen, allmächtigen Gott, den Vater, von welchem alle
Dinge sind; ich bekenne, daß dieser ein lebendiger
Gott sei, der den Himmel, die Erde, das Meer und
alles, was darin ist, erschaffen und gemacht hat, wie
ihn denn auch, sowohl das Alte, als auch das Neue
Testament in seiner Würde aufs Höchste lobt und ver-
ehrt, als einen unsichtbaren und unsterblichen Gott,
einen Gott aller Götter und Herrn über alle Herren,
einen großen Gott, mächtig und sehr schrecklich, der
auf seinem Throne sitzt, einen Herrn, dem niemand
gleich ist, denn Er ist höher als der Himmel, tiefer
als die Hölle, länger als die Erde und breiter als das
Meer, wie Er selbst durch den Propheten sagt: Der
Himmel ist mein Stuhl und die Erde der Schemel mei-
ner Füße. Jeremia hat mit Recht gesagt: Du großer und
starker Gott, Herr Zebaoth ist Dein Name, groß von
Rat und mächtig von Taten, denn sieh, der Himmel
und aller Himmel Himmel mögen ihn nicht begreifen.
Darum sage ich auch, daß das Geschöpf den Schöpfer
nicht begreifen möge; aber ich bekenne, daß Er ein
heiliger, wahrhaftiger, gnädiger, barmherziger, und
auch ein strenger, gerechter und billiger Gott sei. Vor
demselben soll man allein erschrecken und sich fürch-
ten, niederfallen und Ihn anbeten. Ihn lieben und Ihm
gehorsam sein, der einen jeden nach seinen Werken
lohnen wird, es sei gut oder böse, Seligkeit oder Ver-
dammnis.
Zweitens bekenne und glaube ich an Jesum Chris-
tum, den einigen, eigenen und wahren Sohn Gottes,
unsern Herrn, der von Anfang und von Ewigkeit her
bei dem Vater gewesen ist, in welchen der Vater sein
Wesen wesentlich eingegossen und ausdrücklich ab-
gebildet hat, wie auch überall gründlich in der Schrift
enthalten ist und bezeugt wird. Also ist Er ein Bild
des unsichtbaren Gottes, ein Glanz des ewigen Lich-
tes, ein unbefleckter Spiegel der göttlichen Klarheit
und ein Ausdruck oder Ebenbild seines Wesens. Also
war Er in göttlicher Gestalt, herrlich, verklärt wie Gott,
ja, selbst Gottes Weisheit und Wort, in welchem allein
das Leben war, der Erstgeborne vor allen Kreaturen,
unsichtbar, ohne Leiden und unsterblich, durch wel-
chem alle Dinge erschaffen und gemacht sind. Er ist
vor allen; in Ihm besteht alles, sodass Er das A und
das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der
Letzte ist, der ist, war und kommen wird. So bekenne
ich denn also, daß der Sohn Gottes in seinem gött-
lichen Wesen der ewige, wahrhafte Sohn Gottes sei,
wahrer Gott mit dem Vater, in gleicher Herrlichkeit,
Klarheit, Kraft, Willen und Vorsehung (mit Ihm).
Aber als der erste Mensch Adam durch die Übertre-
tung des Bundes gesündigt hatte, und um der Sünden
willen mit allen seinen Nachkömmlingen (durch die
strenge Gerechtigkeit Gottes) in dem ewigen Tode
als Verurteilter lag, so hat Gott, von Barmherzigkeit
und brünstiger Liebe entzündet, den elenden und be-
trübten Adam getröstet, und den Menschen seinen
einigen Sohn oder sein ewiges Wort verheißen, wo-
durch alles gemacht worden ist; ja. Er hat Adam selbst,
den Er zuerst nach seinem eigenen Bilde erschaffen
hatte, verheißen und zugesagt, daß er durch dasselbe
Wort wieder erlöst und selig werden sollte. Denselben
Verheißenen hat Gott zum Trost vielen Altvätern, als
Patriarchen, Propheten und Knechten Gottes, unter
schönen Vorbildern und Schatten zum Erlöser und Se-
ligmacher der Welt, insbesondere aber den Gläubigen,
verheißen; und als nun die Zeit, samt allen Verheißun-
gen, erfüllt war, so hat Gott seinen Sohn gesandt, ge-
boren von einem Weibe, genannt Maria, welche einem
Manne verlobt war, genannt Joseph, von dem Hause
Davids. Diese Jungfrau hat von dem Heiligen Geiste
empfangen, wie Gott zuvor verordnet und durch Jesa-
688
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ja gesprochen hatte, wenn er sagt: Siehe, eine Jungfrau
ist schwanger und wird einen Sohn gebären; ja, sie hat
von dem Heiligen Geiste empfangen und durch die
Kraft des Allerhöchsten ist Er in ihr Fleisch geworden,
das ist Mensch, uns in allem gleich, ausgenommen die
Sünder nämlich der, welcher zuvor unsichtbar war,
ist sichtbar geworden, und der, welcher zuvor uns-
terblich war, ist sterblich geworden, und der, welcher
in großem Reichtum und Herrlichkeit war, verklärt
als Gott, ja, selbst der wahre Gott, derselbe hat seinen
Reichtum, seine Herrlichkeit und Klarheit eine kurze
Zeit verlassen, und ist wie ein anderer Mensch und an
Gebärden als ein Mensch erfunden worden. Also ist
Er beides, wahrer Gott und Mensch, gewesen und ist
unter das Gesetz getan worden, damit Er die, welche
unter dem Gesetze waren, erlöste.
So bekenne ich denn mit dem Apostel, daß das ewi-
ge Wort des Vaters (in welchem allein das Licht und
das Leben der Menschen war) Fleisch geworden sei
und auf Erden gewohnt habe, und daß sie seine Herr-
lichkeit gesehen haben, eine Herrlichkeit des einge-
bornen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit.
Dasselbe bezeugt auch Johannes und sagt: Das da von
Anfang war, das wir gehört, das wir gesehen haben
mit unsern Augen, das wir beschaut und unsere Hän-
de betastet haben, vom Worte des Lebens; und das
Leben ist erschienen, und wir haben es gesehen und
zeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig
ist, welches bei dem Vater war und uns erschienen
ist; was wir gehört und gesehen haben, das verkün-
digen wir euch; und ihr Zeugnis ist wahrhaftig. So
bekenne ich nun, nach diesen Worten und mehren
andern Sprüchen, daß Jesus Christus in das Fleisch
gekommen ist, der da ist Gott, über alles hochgelobt,
in Ewigkeit. Ja, Gott ist offenbart im Fleische, gerecht-
fertigt im Geiste, erschienen den Engeln, gepredigt
den Heiden, geglaubt von der Welt, aufgenommen in
die Herrlichkeit.
So glaube ich demnach, daß der wahre Messias
gekommen sei, welchen Gott den gläubigen Vätern
verheißen hatte, denn Abraham hat den rechten ver-
heißenen Samen Christi empfangen, in welchem er
und alle Völker auf Erden gesegnet worden sind, und
in Jakob ist der schöne Morgenstern aufgegangen,
und hat in unser Herz einen klaren Schein gegeben
zu einer Erleuchtung der Klarheit Gottes in dem An-
gesichte Jesu Christi. Juda hat seinen Helden oder
Erlöser erlangt, und Mose seinen Propheten; in Da-
vids Stadt und Geschlecht ist Er geboren, und ist der
Sohn des Allerhöchsten genannt, ja, Israel und Juda
hat selbst seinen Herrn, König, Seligmacher und Gott
gesehen; der Arm des Herrn hat selbst geherrscht
und regiert, und hat die Menschen nicht allein als
ein rechter Bote, sondern als ein Liebhaber des Le-
bens und treuer Haushalter das Wort seines Vaters
gelehrt, welches Er selbst von seinem Vater zuvor
gehört und gesehen hatte, welches Er auch mit sehr
viel kräftigen Zeichen bewiesen, befestigt und zuletzt
mit seinem teuren Blute versiegelt hat, als Er unsere
Sünde und Übertretung auf sich nahm, und bezah-
len musste, was Er nicht geraubt hatte, welcher keine
Sünde getan hat und in dessen Munde auch kein Be-
trug erfunden worden ist. Jesaja sagt von demselben:
Er trug unsere Krankheiten, und lud auf sich unsere
Schmerzen: Er ist um unserer Missetat willen verwun-
det, und um unserer Sünde willen geschlagen; die
Strafe liegt auf Ihm, damit wir Frieden hätten, und
durch seine Wunden sind wir geheilt. Er ist für uns
eines schändlichen Todes am Stamme des Kreuzes
gestorben, als wir noch Feinde waren; Er ist begra-
ben und am dritten Tage wieder auferweckt worden,
nach der Schrift, um unserer Rechtfertigung willen,
und hat nach seiner Auferstehung, als ein allmäch-
tiger, siegender Fürst und Gewalthaber im Himmel
und auf Erden, seine Apostel wiederum gelehrt, alles
dasjenige zu halten, was Er ihnen befohlen hatte. Da-
nach ist Er aufgefahren in die Höhe und hat sich zur
rechten Hand seines Vaters im Himmel gesetzt, über
alle Fürstentümer, Gewalt, Macht, Herrschaft und al-
les, was nicht allein in dieser, sondern auch in der
zukünftigen Welt genannt werden mag. Er ist unser
Mittler, unsere Fürsprache, unser Advokat, Fürbitter,
Gnadenstuhl, Versöhner und Hohepriester geworden,
um die Sünde des Volkes zu versöhnen, denn worin
Er gelitten hat und versucht worden ist, kann Er auch
denen helfen, die versucht werden, und kann mit un-
serer Schwachheit Mitleiden haben; darum kann Er
auch diejenigen auf ewig selig machen, die durch Ihn
zu Gott kommen.
In der Kürze: Ich glaube und bekenne, daß Jesus
Christus von Gott gesandt worden sei, und daß Gott
Zeugnis von Ihm gegeben habe, daß Er sein Sohn
sei. Wer nun an den Sohn Gottes glaubt, der hat sol-
ches Zeugnis bei Ihm selbst; wer Gott nicht glaubt,
der macht Ihn zum Lügner, denn er glaubt nicht dem
Zeugnisse, das Gott von seinem Sohne zeugt, und das
ist das Zeugnis, daß uns Gott das ewige Leben gege-
ben hat, und solches Leben ist in seinem Sohne. Wer
den Sohn Gottes hat, der hat das ewige Leben; wer
den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht,
sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm; ich bekenne
aber mit Johannes, daß der Sohn Gottes gekommen ist
und uns einen Sinn gegeben hat, daß wir den Wahrhaf-
tigen erkennen, und in dem Wahrhaftigen, in seinem
Sohne, Jesu Christo. Dieser ist der wahrhaftige Gott
und das ewige Leben; dieser ist der Erste und Letz-
689
te, der tot war und lebendig geworden ist, und von
Ewigkeit zu Ewigkeit lebt. Kindlein, hütet euch vor
den Abgöttern, nämlich vor Adamitischen Kreaturen,
die von der Welt hochgeehrt werden, Amen.
Drittens glaube ich an den Heiligen Geist, der ein
ewiger Heiliger Geist ist, ein Geist der Wahrheit, der
des Vaters und des Sohnes Geist ist, der von dem Va-
ter durch den Sohn ausgeht. Diesen Geist hat Gott
durch die Propheten verheißen, über alles Heisch aus-
zugießen, welche Verheißungen Er in den Aposteln
zu ihren Zeiten kräftig erfüllt hat, wie denn derselbe
noch ausgegossen wird und ausgegossen werden soll
auf alle gläubigen, wiedergeborenen Kinder Gottes
zum Trost ihrer göttlich betrübten Gewissen und zur
Versiegelung auf den Tag der Erlösung, um einem
jeden die geistigen Gaben nach seinem Wohlgefallen
mitzuteilen. Durch denselben rufen wir Abba, lieber
Vater, denn derselbe Geist gibt unserem Geist Zeugnis,
daß wir Gottes Kinder sind, wie Paulus sagt. Dieser ist
das Pfand unseres Erbes zu unserer Erlösung, damit
wir sein Eigentum würden, zum Lobe seiner Herr-
lichkeit, durch welchen Geist auch die Propheten von
Anbeginn der Welt her im Vorgefühle von den Schät-
zen der Weisheit und Erkenntnis Gottes geredet und
geweissagt haben, welche aber nun durch die Erschei-
nung unseres Heilandes Jesu Christi offenbart sind,
der dem Tod seine Macht genommen und das Leben
und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat
durch das Evangelium, worüber Paulus als Prediger,
Apostel und Lehrer der Heiden gesetzt war, und das
zwar nach dem Befehle des ewigen Gottes, um den
Gehorsam des Glaubens unter allen Heiden aufzu-
richten. Dieses alles haben Paulus und alle heiligen
Männer, von dem Heiligen Geiste getrieben, geredet
und getan. So glaube ich nun und bekenne, daß der
Vater alle Dinge durch seinen Sohn oder durch sein
Wort geschaffen habe, und daß Jesus Christus der
Sohn Gottes sei, der uns erlöst und mit seinem teu-
ren Blute erkauft hat, und daß der Heilige Geist die
starke Wirkung des Allerhöchsten in allen recht wie-
dergebornen gläubigen Kindern Gottes sei. Diese drei
bekenne ich für einen einigen, ewigen, allmächtigen,
lebendigen Gott; diese haben einen Vorsatz, einen Rat,
einen Willen und ein Werk miteinander in alle Ewig-
keit. In solcher Weise schreibt auch Johannes: Drei
sind, die im Himmel zeugen, der Vater, das Wort und
der Heilige Geist, und diese drei sind Eins. Diesem
einigen, ewigen, allmächtigen, lebendigen Gott, der
unbegreiflich, unergründlich und unbeschreiblich ist,
sei allein Lob, Ehre, Weisheit, Dank, Preis, Kraft und
Stärke, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Viertens: Auch glaube ich alles, was dieser einige
Gott durch seine heiligen Propheten und Apostel ge-
redet, und Er selbst mit seinem Munde erklärt und
gelehrt hat, und bekenne nach dieser Lehre des Evan-
geliums eine heilige Christenkirche, welche die Ge-
meinschaft der Heiligen ist, eine Versammlung der
Gläubigen, neue Kreaturen und Kinder Gottes, wel-
che Kinder in Einigkeit und Frieden mit dem Bande
der Liebe zusammen verbunden und in einem Geiste
und Leibe getauft sind, wie Paulus sagt: Denn sie be-
kennen einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe, einen
Gott und einen Vater unser aller und durch alle, der
über allen und in allen ist. Sie sind gesinnt wie Jesus
Christus, und sehen nicht auf das Sichtbare, sondern
auf das Unsichtbare, denn ihr Wandel ist im Him-
mel. Darum sind sie auch der Tempel des lebendigen
Gottes, in welchem Gott wohnt samt seinem Heiligen
Geiste; dieser Geist gibt ihnen Zeugnis, daß sie Kinder
Gottes sind, durch den Glauben gerechtfertigt, und
alle Verheißungen Gottes erwarten. Diese haben die
Vergebung der Sünden und die Erlösung durch Jesum
Christum, unsern Herrn, Amen.
Fünftens, bekenne ich aus der heiligen Schrift oder
dem Worte Gottes eine Taufe, beides inwendig und
auswendig; inwendig, wie Christus sagt, mit dem Hei-
ligen Geiste und Feuer, auswendig aber mit Wasser im
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geis-
tes, zum Beweis alles dessen, was inwendig gesche-
hen ist, wie Paulus sagt, daß sie eine Begrabung der
Sünden, und auch ein Bad der Wiedergeburt sei. Ist sie
nun eine Begrabung der Sünden und ein Bad der Wie-
dergeburt, wie sie denn auch ist, so ist die Taufe ohne
Wirkung, die man an den jungen kleinen Kindern ge-
braucht; denn obgleich die Kinder aus sündlichem
Samen geboren sind, so haben sie doch niemals in
Sünden gelebt und kennen die Sünde nicht, denn sie
verstehen weder Gutes noch Böses. Wenn sie nun die
Sünde niemals getan, noch erkannt haben, so kann
auch die Taufe, die eine Begrabung der Sünden ist, an
ihnen nicht recht gebraucht werden; deshalb können
sie denn auch nicht wiedergeboren werden, weil sie
rein sind durch Christum und noch in ihrer ersten
Geburt stehen; darum kommt ihnen auch die Taufe
nicht zu, weil sie ein Bad der Wiedergeburt ist. Aber
ich sage, daß sie durch Christum gereinigt und erlöst
seien, wie Christus selbst sagt: Lasst die Kindlein zu
mir kommen, denn solcher ist das Himmelreich.
Aber wenn die Menschen aufwachsen und zu ih-
ren Jahren kommen, so ist das Herz ein trotziges und
verzagtes Ding, wie Jeremia sagt; dann wohnt in dem
Fleische nichts Gutes, sondern es läuft allezeit von
dem Herrn, denn das Fleisch wird durch die bösen
Lüste und Begierden zu aller Bosheit und Sünde ge-
trieben, wodurch sich die Menschen oft verlaufen und
versündigen, weil sie wenig oder keine rechte Unter-
690
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Weisung haben; darum verlieren sie Christi Tod und
sein Verdienst, unter dessen Gnade sie standen, als sie
geboren wurden. Darum muss man die Menschen aus
Kraft des göttlichen Wortes, wie die Schrift nachweist,
die Sünde erkennen lehren, daß Sünde und alle Unge-
rechtigkeit Sünde sei, und sie zur Buße und Besserung
ermahnen, und daß sie das ungöttliche Wesen und
die weltlichen Lüste verlassen, und mäßig, züchtig,
gerecht und gottselig leben in dieser Welt, als neue
Kreaturen und wiedergeborene Kinder Gottes durch
den Glauben, denn anders kann man das Reich Got-
tes nicht sehen, noch hineinkommen, es sei denn, daß
man erneuert und aus Wasser und Geist wiedergebo-
ren werde. Dieser Geist wird in der Heiligen Schrift
sowohl Wasser als Geist genannt, wie Gott durch den
Propheten Joel gesprochen hat, wenn Er sagt: Ich will
von meinem Geiste auf alles Fleisch ausgießen, das ist,
auf alle Geschlechter oder Völker, nämlich die eines
gedemütigten Gemüts, zerbrochenen Herzens und
in Gott gläubig geworden sind, welcher Glaube (wie
Paulus sagt) aus dem Gehör des Wortes Gottes her-
kommt. So bekenne ich denn, daß man die Menschen
zuerst lehren müsse, rechtschaffene Früchte der Buße
tun und an Christum glauben, und sie alsdann auf
ihren Glauben taufen müsse, wie solches Christus ein-
gesetzt und seinen Aposteln befohlen hat, wenn Er
sagt: Geht hin und lehret alle Völker, tauft sie im Na-
men des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes
und lehret sie alles zu halten, was ich euch befoh-
len habe; und Markus 16: Geht hin und predigt das
Evangelium allen Kreaturen; wer glaubt und getauft
wird, wird selig werden; wer aber nicht glaubt, wird
verdammt werden. Es haben aber die Apostel getan,
wie ihnen befohlen worden ist, wie man in den Ge-
schichten der Apostel und in ihren Briefen lesen kann;
nämlich, zuerst haben sie gelehrt und nachher alle
Gottesfürchtigen, welche ihren Worten zuhörten und
an den Namen des Sohnes Gottes glaubten, im Na-
men des Herrn mit Wasser getauft; diese empfingen
die Taufe zur Begrabung der Sünden als ein Bad der
Wiedergeburt, als eine Erfüllung aller Gerechtigkeit,
als eine Versicherung eines guten Gewissens mit Gott,
als ein Verbündnis zu einem heiligen und gerechten
Leben, als einen Eintritt zur Vereinigung mit dem Lei-
be Christi, welcher die Gemeinde Gottes ist, denn wir
sind in einem Geiste alle zu einem Leibe getauft, wie
Paulus sagt: Ihr seid alle Gottes Kinder durch den
Glauben an Christum Jesum; denn wie viele eurer
getauft sind, die haben Christum angezogen; hier ist
kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch
Freier; hier ist kein Mann noch Weib, denn ihr seid
allzumal einer in Christo Jesu.
Sechstens bekenne ich aus dem Worte Gottes ein
rechtes Abendmahl mit Brot und Wein, wobei man
das Leiden Christi und seinen Tod verkündigen und
auch des neuen Bundes oder Testamentes eingedenk
sein soll, welches Er mit seinem Volke gemacht und
mit seinem Blute versiegelt und befestigt hat; denn
in solcher Weise hat es Christus selbst eingesetzt und
mit seinen Aposteln gebraucht, wie geschrieben steht,
daß Christus in der Nacht, als Er verraten ward, das
Brot nahm, dankte, dasselbe brach und sagte: Nehmt,
esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird;
solches tut zu meinem Gedächtnis. Nach dem Abend-
mahle nahm Er den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist
das Neue Testament in meinem Blute, das für viele
vergossen worden ist; solches tut zu meinem Gedächt-
nis. Aber alle, die dieses auswendige Brot recht essen
und den Wein zu seinem Gedächtnisse trinken wol-
len, müssen zuvor durch das Wort Gottes erneuert
und verändert sein; sie müssen eines gedemütigten
Geistes und zerbrochenen Herzens sein, und Chris-
tum Jesum durch den Glauben recht bekennen, daß Er
allein ihr Erlöser und Seligmacher sei; auch müssen
sie untereinander Liebe, Einigkeit und Frieden haben
und durch den Heiligen Geist geheiligt und durch
den Glauben in dem Gewissen versichert sein, daß
sie Gottes Kinder und Erbgenossen seien, die Christi
großer Wohltaten, seines Verdienstes, Todes und Blu-
tes aus Gnaden teilhaftig werden sollen, denn sein
Leiden ist unsere Freude und sein Sterben ist unser
Leben; wie Paulus sagt, daß Er uns mit dem Leibe sei-
nes Fleisches versöhnt habe durch den Tod, damit Er
uns heilig und unsträflich darstellte und ohne Tadel
vor Ihm selbst, und daß Er durch das Blut an seinem
Kreuze Frieden gemacht habe durch sich selbst. Und
darum sollen sie sich selbst prüfen, wie Paulus sagt,
und also von dem Brote essen und von dem Kelche
trinken; denn wer unwürdig isst oder trinkt, der isst
und trinkt sich selbst das Gericht, weil er den Leib des
Herrn nicht unterscheidet. Darum sagt Paulus: Der
gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht
die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das
wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes
Christi? Denn ein Brot ist es, so sind wir viele ein Leib,
weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind. Seht an das
Israel nach dem Fleische; welche die Opfer essen, sind
die nicht in der Gemeinschaft des Altars? Also muss
die Gemeinschaft des Leibes und des Blutes Christi
in uns sein. Und wer sich selbst nun so prüft, und
in seinem Gewissen durch den Heiligen Geist findet,
daß er ein Erbgenosse der großen Wohltaten Christi
und ein Glied seines Leibes sei, der kann auch die
Gedenkzeichen, als Brot und Wein, wohl gebrauchen,
wie Christus sagt: Tut dieses zu meinem Gedächtnis;
und Paulus sagt: So oft ihr von diesem Brot esst und
691
von diesem Kelche trinkt, sollt ihr des Herrn Tod ver-
kündigen, bis daß Er kommt.
Siebtens bekenne ich einen rechten christlichen
Bann, welcher eine Ausschließung oder Bindung des
ungehorsamen Sünders und eine Entbindung und
Lösung des gehorsamen Bußfertigen ist, wie Chris-
tus solches weislich eingesetzt und kräftig gelehrt hat;
auch haben seine Apostel denselben gründlich erklärt,
gebraucht und auch gelehrt, wie Christus selbst zu
dem Apostel gesprochen hat, wenn Er sagt: Ich will
dir des Himmelreichs Schlüssel geben; alles, was du
auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebun-
den sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll
auch im Himmel gelöst sein; ferner sagt Er: Ärgert
dich deine Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir,
es ist dir besser, daß du nur eine Hand hast und in das
ewige Leben eingehst, als daß du mit zwei Händen in
das ewige Feuer geworfen werdest und dasselbe sagt
Er auch von Fuß und Auge.
Wiewohl nun Christus seine Apostel dieses alles
gelehrt hat, so steht doch nicht geschrieben, daß die-
se Satzung zu Christi Zeiten von irgendeinem seiner
Jünger an denen, welche (durch die Übertretung und
Abweichung) Ärgernis angerichtet haben, beobachtet
worden sei, und das um des Gesetzes willen, welches
in dem Tode Christi sein Ende erreicht hat, auch weil
der Leib noch nicht vollkommen und der Tempel des
Herrn noch nicht vollendet war, denn sie waren noch
sehr unverständig und auch in vielen Dingen nicht
genug unterrichtet, wie Christus zu ihnen sagte: Ich
habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt
nicht alles ertragen; wenn aber der Geist der Wahr-
heit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit
leiten. Diesen Geist mussten sie ja empfangen, ehe sie
mit dem Schlüssel (welcher Gottes Wort und Geist
ist) jemanden binden oder lösen konnten, wie ihnen
denn auch Christus solches zu erkennen gibt, als Er
sie anblies und sagte: Nehmt hin den Heiligen Geist;
welchem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie ver-
geben, und welchem ihr sie behaltet, dem sind sie
behalten; dies ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob
Christus den Aposteln solche Macht gegeben hätte,
jemanden gegen sein Wort die Sünden zu vergeben
oder zu behalten, und so die Gemeinde nach ihrem
Willen zu regieren, nein, das sei ferne; sie mussten oh-
ne Ansehen, der Personen handeln, und wenn es auch
ihre rechte Hand betroffen hätte, und mussten denen
die Sünde behalten, die nach Gottes Wort unter den
Zorn Gottes gefallen waren; den Bußfertigen aber, die,
nach Inhalt desselben Wortes, unter der Gnade Gottes
standen, Gnade und Frieden verkündigen, und in sol-
cher Weise hat ihnen Christus das Reich beschieden,
wie es Ihm auch von seinem Vater beschieden worden
ist.
Aber, ich sage noch einmal, obgleich ihnen Chris-
tus davon solchen Bescheid und Unterricht gegeben
hat, so haben sie gleichwohl damals, wie mich dünkt,
noch keinen Befehl und keine Kraft gehabt, solchen
zu gebrauchen, wie gesagt worden ist, ehe Christus
bei seiner Himmelfahrt sie in die ganze Welt aussand-
te um allen Kreaturen das Evangelium zu predigen
und sie zu lehren, alles dasjenige zu halten, was Er
ihnen befohlen hatte; auch mussten sie zu Jerusalem
bleiben, bis sie angetan waren mit Kraft aus der Hö-
he und die Verheißungen des Vaters empfangen hat-
ten, welches der Heilige Geist war; derselbe ist ihr
Lehrmeister und ihre Kraft gewesen, durch welchen
sie in dem Gebrauch fortgefahren sind, und als der
Leib also vollkommen und der Tempel des lebendigen
Gottes vollendet war, worin Gott mit seinem Geiste
wohnte, so hat der Apostel Christi Einsetzung und
Bannordnung kräftig gelehrt und auch gebraucht, wie
man lesen kann, daß der Apostel den Hymenäus und
Alexander dem Satan übergeben habe, damit sie ler-
nen möchten, nicht mehr zu lästern; und ebenso hat
er auch den Hurer zu Korinth gestraft, welchen er
mit seinem Geiste und mit der Kraft Christi in ihrer
Versammlung gebunden und ihn dem Satan zum Ver-
derben des Fleisches übergeben hatte, damit der Geist
selig werde; denn die Gemeinde zu Korinth war sehr
träge im Gebrauch des Bannes an demjenigen, wel-
cher das Werk getan hatte; darum hat er sie auch mit
scharfen Worten bestraft, wie man im zweiten Brief an
die Korinther, Kap 12 und 13 lesen kann; auch schrieb
er ihnen, daß ein wenig Sauerteig den ganzen Teig
versäuere; darum sagt er: Fegt den alten Sauerteig
aus, damit ihr ein neuer Teig werdet; ebenso hat auch
Paulus den Bann gebraucht und zu gebrauchen be-
fohlen, wie er an die Thessalonicher schreibt, wenn
er sagt: Wir gebieten euch, liebe Brüder, im Namen
unsers Herrn Jesu Christi, daß ihr euch aller Brüder
entzieht, die unordentlich wandeln, und nicht nach
der Einsetzung leben, die ihr von uns empfangen habt;
denn er hatte in dem Briefe an die Korinther geschrie-
ben, daß sie nichts mit den Hurern zu schaffen haben
sollten; weil sie aber dasselbe nicht recht hielten oder
auch nicht recht verstanden, so hat er es ihnen noch
deutlicher erklärt und gesagt: Ich meine das nicht
von den Hurern dieser Welt, oder von den Geizigen,
oder von den Räubern, oder von den Götzendienern,
sonst müsstet ihr die Welt räumen, sondern ich ha-
be euch geschrieben, daß ihr mit denselben nichts zu
schaffen haben sollt, nämlich, wenn sich jemand einen
Bruder nennen lässt und ist doch ein Hurer, oder Gei-
ziger, oder ein Götzendiener, oder ein Lästerer, oder
ein Trunkenbold, oder ein Räuber, mit solchem sollt
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ihr auch nicht essen. Und also bekenne ich, daß man
solche fleischliche Menschen, die so wider Gott sündi-
gen, nach der Ordnung Christi mit dem Worte Gottes,
wie es Paulus erklärt hat, in den Bann und aus der Ge-
meinde tun und alsdann mit ihnen nichts zu schaffen
haben soll, wie der Apostel sagt: Wenn jemand un-
sern Worten nicht gehorsam ist, den zeigt durch einen
Brief an und habt nichts mit ihm zu schaffen, damit
er beschämt werde oder bei sich selbst denke, daß er
um seiner Freiheit und Übertretung willen dem Satan
übergeben worden sei, welchem er in Gehorsam nach
seinem Willen diente und auch um der Sünde willen
ihm zugehörte, zum Verderben des Fleisches, welches
vor seinem Falle stand und begierig war, in den Sün-
den zu leben, damit er schamrot werden, sich selbst
erniedrigen, sich demütigen, rechtschaffene Buße tim
und dadurch den Sünden absterben möchte, und der
Geist an dem Tage unsers Herrn selig werde. Denn
wie das Wort Gottes kräftig ist, den frechen Übertreter
in den Bann zu tun, so ist es auch kräftig, zu lehren,
daß man die Gebannten meiden soll, denn ohne die
Meidung ist der Bann kraftlos; und weil das Bannen
und Meiden in der heiligen Schrift gründlich gelehrt
wird, so bekenne ich es auch beides, wie denn auch
Paulus in den Bann getan und gelehrt hat, denjeni-
gen hinauszutun, der Böses tut, wenn er sagt: Habt
nichts zu schaffen; und mit allen denen, die er da-
selbst nennt, sollt ihr auch nicht essen. Ferner sagt er
auch von einem ketzerischen Menschen: Wenn du ihn
ein- oder zweimal ermahnt hast, so meide ihn und
wisse, daß ein solcher verkehrt ist und sündigt, indem
er sich selbst verurteilt hat; denn solche richten Streit
und Ärgernis an, und ihre Worte fressen um sich, wie
der Krebs; darum soll sie die Gemeinde meiden, da-
mit sie nicht von ihnen durchsäuert und verdorben
werde.
Dem Leser wird berichtet, daß Jakob von dem Wege,
der Schreiber des vorstehenden Briefes, die Glaubens-
artikel, weil er keine günstige Gelegenheit hatte, nicht
weiter ausgeführt oder beschrieben hat, obgleich er
in allem hinlänglich unterrichtet gewesen und auch
darin bis an seinen Tod standhaft geblieben ist.
Noch ein Brief von Jakob von dem Wege,
geschrieben in seinen Banden, an andere
Gefangene.
Die unergründliche, überfließende Gnade und Barm-
herzigkeit Gottes, des himmlischen Vaters, der Friede,
die Heiligkeit und das Verdienst unseres Herrn Je-
su Christi, des Sohnes Gottes, die Freude, der Trost
und die Kraft des Heiligen Geistes. Dieser ewige und
allmächtige Gott, der allein heilig und gut ist, wol-
le an euch, ihr meine lieben und sehr werten herz-
gründlichen Schwestern in dem Herrn, die nun um
des Zeugnisses unsers Herrn Jesu Christi willen gefan-
gen liegen, diesen meinen Gruß erfüllen und geben; ja,
der Herr wolle es euch geben, durch seine große Güte
und durch seinen guten Willen; dieses wünsche ich,
euch aus meines Herzens Grunde zum freundlichen
und herzgründlichen Gruße, Amen.
Weiter, nach allem christlichen, einfachen Gruße,
lasse ich meine lieben Schwestern in dem Herrn wis-
sen, daß wir drei Gefangene, die nun auch um des
Zeugnisses und der Lehre unsers Heilandes Jesu
Christi willen in Gent auf des Grafen Schlosse in Ban-
den liegen, noch wohlgemut seien, des festen Vor-
satzes, mit Christo zu leiden und für die Wahrheit
zu streiten; auch sind wir bereit, nicht nur Armut,
Schmach, Gefängnis und Bande zu leiden, sondern
auch für des Herrn Namen zu sterben, wenn es Ihm
gefallen wird, und das alles durch seine große starke
Kraft, damit Er uns durch seine große Gnade stärkt;
Ihm sei Lob, Dank und Preis bis in Ewigkeit.
Auch habe ich aus eurem Briefe vernommen, daß
es um euch vier auch noch wohl steht, was mich und
meine Mitgefangenen sehr erfreut hat; ich bitte auch
Gott, den Vater unsers Herrn Jesu Christi, der uns von
Mutterleibe dazu erwählt und uns aus seiner großen
Barmherzigkeit und Liebe seine überfließende Gna-
de geschenkt hat, daß Er uns bewahren und uns bis
ans Ende mit seinem Heiligen Geiste stärken wol-
le, damit sein Name durch uns alle ewig gepriesen
und geehrt werden möge, zu unseres Nächsten Er-
bauung und zum Heile unserer Seelen. Ach, meine
lieben und herzgründlichen Schwestern in dem Herrn,
lasst uns fest anhalten und wohl Zusehen, daß wir die
Gnade Gottes, die Er an uns erwiesen hat, nicht ver-
säumen, sondern derselben wohl wahrnehmen, denn
man kann wohl durch Versäumung das bald wieder
verlieren, woran man so lange gearbeitet hat, und
kann es nachher bisweilen so schwer wieder finden.
Darum sage ich, lasst uns gute Sorge tragen und fest
halten, was wir haben, damit niemand unsere Krone
nehme; denn wenn wir in demjenigen, was wir haben,
standhaft bleiben, so werden wir ohne allen Zweifel
durch die Gnade unseres Herrn Jesu Christi selig sein;
denn um deswillen (nämlich um der Seligkeit willen)
haben wir den Anfang gemacht; Gott gebe uns auch
Kraft, daß wir es zu seinem Preise und unserer See-
len Seligkeit ausführen können. Gott weiß es, daß wir
auf Erden sonst keine Reichtümer noch Ehre suchen,
als allein seines Namens Ehre und unserer Seelen Se-
ligkeit, um welcher Seligkeit willen wir hier so viel
Trübsal unter Trauern und Seufzen (welches alles von
der Schmach und dem Gefängnisse herkommt) und
693
mancherlei Streit und Anfechtung mit großer Geduld
leiden.
Aber, meine Geliebtesten, lasst uns nicht kleinmü-
tig werden in dem Druck und Leiden, noch uns ver-
wundern, als ob uns etwas Neues geschähe, denn die
Gerechten haben von Anfang der Welt her leiden müs-
sen, sondern lasst uns darüber uns freuen, daß wir
des Leidens Christi teilhaftig sind, indem wir wohl
wissen, daß, wenn wir mit leiden, wir auch mit herr-
schen sollen, denn Paulus sagt, daß uns gegeben ist,
zu tun, daß wir nicht allein an Christum glauben, son-
dern auch um seinetwillen leiden, denn durch viel
Trübsal und Leiden müssen wir zum Himmelreich
eingehen. Aber das Leiden dieser Welt ist nicht mit
der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns offenbar
werden soll, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern
auf das Unsichtbare sehen, denn es hat niemals ein
Ohr gehört, noch ein Auge gesehen, und ist auch nie-
mals in eines Menschen Herz gekommen, was Gott
denen bereitet hat, die Ihn lieben und seine Gebote
halten; uns aber hat Er es durch seinen Geist offenbart.
Darum gebührt uns ja, meine lieben Schwestern, um
dieser Verheißungen willen getrost zu sein, und in des
Herrn Weingarten mit fröhlichem Gemüte zu arbei-
ten, den Sonnenbrand geduldig zu leiden, und uns
nicht zu fürchten, was uns auch ein Mensch tun möge,
denn wir wissen und sind durch unsern Glauben da-
von versichert, daß wenn sie unsern Leib töten, unser
Erlöser lebe, und daß Er uns nachher aus der Erde
auferwecken werde, und alsdann werden wir in un-
serm Fleische Gott sehen; unsere Augen werden Ihn
sehen und kein Fremder; und Paulus sagt, daß wir
den Heiland Jesum Christum erwarten, der unsere
verworfenen Leiber verklären wird, sodass Er sie dem
Leibe seiner Klarheit gleichmachen wird; dann wer-
den wir Ihm in der Luft entgegengerückt werden, um
das ewige Leben zu ererben; dann wird Er unser Herz
voll Freude machen, und wird uns trösten und erfreu-
en nach unserm Jammer, unsere Tränen wird Er von
unsern Augen abwischen, und unsere Arbeit wohl
vergelten, denn Trauern und Seufzen wird von uns
fliehen, und ewige Freude wird über unserm Haupte
sein. Ja, dieses alles wird uns durch seine große Gnade
widerfahren, wenn wir fest anhalten, sorgfältig sind
und in dem, was wir haben, standhaft bleiben bis ans
Ende; alsdann werden wir selig sein. Hiermit will ich
euch dem Herrn anbefehlen, daß Er euch, meine lie-
ben Schwestern in dem Herrn, durch die starke Kraft
seines Heiligen Geistes bewahren wolle, und nehmt
mein einfaches, geringes Schreiben zum Besten auf,
denn um meiner Unwissenheit und Unbedeutendheit
willen hätte ich fast nicht geschrieben, aber weil ihr
solches begehrt, habe ich es nicht unterlassen dürfen.
Geschrieben mit meiner eigenen Hand von mir, Ja-
kob von dem Wege, den letzten Tag im April. Gehabt
euch wohl, Amen. Meine Mitgefangenen lassen euch
auch sehr herzlich grüßen mit dem Frieden des Herrn.
Noch ein Brief von Jakob von dem Wege.
Ich, Jakob, ein Gefangener um des Namens des Herrn
unseres Gottes willen; Gnade, Frieden, Barmherzig-
keit und Liebe von Gott, unserm himmlischen Vater,
durch Jesum Christum, seinen eingebornen Sohn, un-
sern Herrn, der sich selbst für unsere Sünden dahin-
gegeben hat, als wir noch Feinde waren, damit Er
uns von dieser gegenwärtigen, argen Welt erlöse und
sich selbst ein Volk reinige, das zu allen guten Wer-
ken fleißig wäre; dieses wünsche ich dir, meine liebe
Schwester in dem Herrn, zum freundlichen Gruße,
Amen.
Nebst dem Gruße, meine herzgründlich geliebte
Schwester in dem Herrn; gleichwie wir beide, dem
Fleische nach, von einer Mutter geboren sind, so hoffe
ich, daß wir, dem Geiste nach, auch aus einem Gott
geboren seien, denn wir bekennen und glauben einen
einigen Gott, Schöpfer aller Dinge, welcher uns durch
den Glauben wiedergeboren hat, als durch das Wort
der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Kreaturen
würden, wie der Apostel sagt: Wer glaubt, daß Jesus
der Christ ist, der ist von Gott geboren, und wer den
lieb hat, der Ihn geboren hat, der liebt auch den, der
von Ihm geboren ist. Darum, wer Gott liebt und aus
Ihm geboren ist, der muss auch die Brüder lieben, und
wer den Bruder nicht lieb hat, der bleibt im Tode, und
wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger; nun
aber wisst ihr, daß ein Totschläger das ewige Leben
nicht hat, sondern im Tode bleibt. Darum sagt Petrus:
Macht keusch eure Seelen im Gehorsam der Wahrheit
durch den Geist, zu ungefärbter Bruderliebe, als die
wiedergeboren sind, nicht aus vergänglichem, son-
dern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem
lebendigen Worte Gottes, das ewig bleibt; ferner sagt
auch Paulus: So seid nun Gottes Nachfolger, als die
lieben Kinder, und wandelt in der Liebe, gleichwie
uns Christus geliebt und sich selbst für uns dahinge-
geben hat, zur Gabe und Opfer, Gott zu einem süßen
Geruch. So ziehe nun an, meine liebe Schwester, als
eine Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte, herz-
liches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut,
Geduld, und vertragt einer den andern in der Liebe
und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage
hat wider den andern, gleichwie Christus uns verge-
ben hat, ebenso auch wir; aber über alles zieht die
Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist, und
der Friede Gottes regiere in euren Herzen, zu wel-
694
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
chem ihr auch berufen seid in einem Leibe, und seid
dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch
wohnen in aller Weisheit; lehrt und vermahnt euch
selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen
Liedern, und singt dem Herrn in eurem Herzen, und
alles, was ihr tut, mit Worten oder mit Werken, das tut
alles im Namen des Herrn Jesu, und dankt Gott, dem
Vater, durch Ihn. So wandle denn allezeit, meine liebe
Schwester, tapfer in allen Dingen, und sei dem getreu,
der dich von der Finsternis zu seinem Lichte, von den
Lügen zur Wahrheit, von dem Hass zur Liebe berufen
hat; denn dazu bist du berufen, damit du im Lichte, in
der Wahrheit und in der Liebe wandeln mögest, und
dabei, sagt Christus, wird man erkennen, daß ihr mei-
ne Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Ja,
meine liebe Schwester, die Hauptsumme des Gebotes
ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und
ungefärbtem Glauben.
Hiermit sei dem Herrn und dem tröstlichen Worte
seiner Gnade befohlen. Der Gott des Friedens, der den
großen Hirten der Schafe durch das Blut des ewigen
Testaments, unseres Herrn Jesu Christi, von den Toten
auferweckt hat, mache euch in allen guten Werken
geschickt, seinen Willen zu tun, und schaffe in euch,
was vor Ihm wohlgefällig ist, durch Jesum Christum,
welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Geschrieben den 4. Juli 1573. Halte dieses im Ge-
dächtnis von mir, deinem schwachen Bruder in dem
Herrn, und vergiss nicht meiner und meiner Mitge-
fangenen in deinem Gebete; wir wollen solches auch
tun nach unserm geringen Vermögen.
Die letzten Worte, die Jakob von dem Wege
geschrieben hat, nachdem er die Botschaft
empfangen hatte, daß er sterben sollte.
Viel geistliche Weisheit und Trost durch den Heili-
gen Geist wünsche ich Gefangener um des Namens
des Herrn willen allen meinen lieben Brüdern und
Schwestern, insbesondere aber meinem lieben Weib
und meinen lieben Kindern, die ich wert und lieb ha-
be; doch soll der allmächtige Herr der Nächste sein,
wie du selbst aus Gottes Wort unterrichtet bist. So
schreibe ich nun dieses Wenige an dich, mein liebes
Weib, die ich lieb habe, als einen Abschiedsbrief in die-
ser Welt. Gute Nacht, meine Geliebte; der Herr wolle
deine Trübsal erleichtern und das meiner geliebtesten
Schwester in dem Herrn, nämlich meiner Mutter. Ach,
Mutter, sei getrost in dem Herrn; der Gott allen Trostes
befreie dich von deiner Trübsal. Ferner Syntgen, Griet-
gen und Clarken, meine lieben Schwestern in dem
Herrn, seid doch allezeit untereinander friedsam, und
tröstet euch untereinander in der Liebe. Gute Nacht
insgesamt; mm übergebe ich mein Leben um des Na-
mens des Herrn willen. Geschrieben an dem Tage, als
ich die Botschaft empfangen hatte, daß ich sterben
sollte. Gute Nacht, meine älteste Tochter Tanneken
und Grietgen (ach, möchte dich der Herr abholen)
und Betgen, meine jüngste Tochter, gute Nacht.
Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem
lieben Mann und Bruder in dem Herrn, Jakob von
dem Wege.
Maeyken von Deventer wird zu Rotterdam, in
Holland, um des Zeugnisses Jesu Christi willen im
Jahre 1573 getötet.
Man hat sich nicht allein in der Stadt Gent in Flandern
(wovon kurz zuvor gemeldet worden ist), sondern
auch nun wieder aufs neue zu Rotterdam m Holland
an dem Blute der Heiligen vergriffen.
Dieses ist geschehen an einer sehr frommen und
gottesfürchtigen Heldin Jesu Christi, welche dem Flei-
sche nach von Deventer herstammte, gleichwohl aber
aus dem himmlischen Jerusalem von Gott wiederge-
boren war, deren Name hier auf Erden Maeyken von
Deventer war, wiewohl ihr inwendiger und geistiger
Name Gott allein bekannt und in dem verborgenen
Buche des ewigen Andenkens Gottes aufgezeichnet
war.
Man tastete sie um ihres seligmachenden Glaubens
willen in der Stadt Rotterdam in Holland an, und
zwar ohne irgendeine Furcht vor den benachbarten
Städten, obgleich ungefähr ein Jahr zuvor die Stadt
Dortrecht sich unter die Regierung des Prinzen von
Oranien, Wilhelm des Ersten, begeben hatte, um kein
imschuldiges Blut um des Glaubens willen mehr zu
vergießen, welches im Jahre 1572 im Juli geschehen
ist; dieses aber hat sich im Jahre 1573 um die Mitte
des Jahres zugetragen.
Man ließ es aber nicht allein bei der Gefangenschaft
bewenden, sondern man ging noch weiter, sodass, als
sie von ihrem standhaften und unbeweglichen Glau-
ben nicht abwendig gemacht werden konnte, bald
darauf ihr Todesurteil gegen sie bekannt gemacht wur-
de, daß sie als eine steife und halsstarrige Ketzerin
(o Gott, wie kannst du das leiden?) vom Leben zum
Tode gebracht werden sollte.
Dieses Urteil wurde in Eile durch den Scharfrichter
an ihr vollzogen, und so hat sie ihren Leib der Erde
als einen Raub gelassen, nachdem sie ihre Seele in die
Hände Gottes empfohlen hatte.
695
Nachbericht von ihrem Todesurteil.
Wir haben viel Mühe angewandt (wenn es möglich
wäre), das Todesurteil dieser frommen Frau, Maeyken
von Deventer, sowie auch die Todesurteile anderer un-
serer lieben Glaubensgenossen, die zu Rotterdam ge-
tötet worden sind, zu erlangen; aber wir haben durch
den dortigen Schreiber, welcher denselben nachge-
sucht hat, Bericht erhalten, daß im Jahre 1600, also vor
59 Jahren, ein großer Brand in dem Stadthause ent-
standen sei, worin die Verhöre und Todesurteile dieser
Märtyrer sämtlich verbrannt worden seien, nicht we-
niger auch alles dasjenige, was hiervon vor dem Jahre
1600 beschrieben worden ist, wie wir auch auf das
Jahr 1572 angeführt haben, daß dergleichen zu Breda
geschehen sei; gewiss eine betrübte Sache, wodurch
dasjenige, dessen man allezeit gedenken sollte, näm-
lich der standhafte Tod der Heiligen, in Vergessenheit
geraten ist.
Um nun aber diesem vorzubeugen, haben wir nötig
erachtet, die bezüglichen Falle ausführlicher zu erzäh-
len als zuvor jemals geschehen ist. Dieses dient zur
Nachricht.
Ein Testament, von Maeyken von Deventer für
ihre Kinder gemacht.
Meine Kinder nach dem Fleische, und leider nicht
nach dem Geiste, hier ein Testament, das ich, eure
Mutter, hinterlasse, nämlich euch. Albert, Johann, Eg-
bert, Truyken, meinen lieben Kindern; der Herr wolle
euch segnen, wie Isaak seinen Sohn Jakob gesegnet
hat, daß er über seine Brüder ein Oberster sein sollte.
Meine Kinder, ich muss euch jung im Fleische hinter-
lassen; der Allerhöchste wolle uns in der zukünftigen
Welt wieder Zusammenkommen lassen, was durch
den Vater, der uns väterlich mit seinem allerheiligs-
ten Namen segnen wird, bald geschehen wird; von
Tag zu Tag erwarte ich meinen Tod, damit, wenn es
dem Herrn gefällt, ich mein Leben und meinen Leib
um seines heiligen Namens willen aufopfem möge;
ich hoffe auch, daß solches bald geschehen mag, und
daß der gute Herr meiner länger nicht vergessen wird.
Wenn ihr nun dieses hört, so betrübt euch nicht, wie
die Welt tut, die keine Hoffnung hat, oder nicht weiß,
wo sie bleiben wird, sondern dankt dem Allerhöchs-
ten, daß ihr eine Mutter gehabt, die würdig erfunden
worden ist, ihr Blut um des Namens des Herrn willen
zu vergießen, und welche durch seine große Gnade
und Barmherzigkeit ein Zeuge oder eine Märtyrerin
genannt werden mag. Darum, meine Kinder, haltet
dieses Testament, das ich euch hinterlasse, in Ehren;
ich kann euch weder Gold noch Silber hinterlassen.
kann euch auch keine weltlichen Schätze geben, wie
die Welt ihren Kindern gibt, denn dergleichen habe
ich nicht mitgenommen, sondern eurem fleischlichen
Vater hinterlassen; ich habe sie auch nicht gesucht,
sondern ich habe das ewige Gut gesucht, das unver-
gänglich ist. Sucht auch denselben Weg, so werdet ihr
ewig leben; folgt diesem Testament nach und der Un-
terweisung, die ich euch hier schreibe, wie uns denn
Christus Jesus, unser Vorgänger, dieses zu einem ewi-
gen Testamente hinterlassen und es mit seinem Blute
versiegelt hat; solches Testament lasse ich euch auch
zurück; dasselbe will ich auch mit meinem Blute ver-
siegeln, wie der Hochgelobte getan hat.
Meine Kinder, schlagt dieses nicht in den Wind, ach-
tet es auch nicht gering, und seid nicht unachtsam; es
ist besser als Gold, denn es wird eure Seele selig ma-
chen. Wenn ihr anders das tut, was ich euch schreibe,
so werdet ihr mich wieder sehen, in großer Herrlich-
keit, und ihr werdet Könige und Königinnen sein;
aber ihr müsst euch der verderblichen Welt enthalten,
denn sie wird mit allen ihren Wollüsten vergehen.
Hört, meine Kinder, die Unterweisung eurer Mut-
ter, neigt eure Herzen zum Verstand, und öffnet eure
Ohren, um die Reden meines Mundes zu hören, denn
ich suche eurer Seelen Seligkeit. Glaubt mir und sonst
niemandem, damit ihr zu mir kommen und ewig le-
ben mögt. Seht, ich halte euch, meine Kinder, den
Weg meines Bräutigams und unsers Vorgängers Jesu
Christi vor, der mir vorgegangen ist; derselbe leitet
zur Wahrheit, wie mir der Herr befohlen hat; und seht,
ich nehme mein Kreuz auf und folge dem Heiland al-
ler Welt nach; tut ein Gleiches, meine Kindlein; ich
will euch vorgehen, ohne mich umzusehen, denn dies
ist der Weg der Propheten und Märtyrer, und seht,
ich werde nun den Kelch trinken, den sie getrunken
haben; ich gehe nun den Weg, den Jesus Christus, der
Herr voll aller Gnade und Wahrheit (der das Leben
für seine Schafe gelassen) gewandelt ist; diesen Kelch
muss ich trinken, wie Christus spricht: Ich muss einen
Kelch trinken, und mit einer Taufe mich taufen las-
sen, und wie ist mir so bange, bis die Stunde erfüllt
ist. Und als er nun durchgegangen war, rief Er sei-
nen Schafen; seine Schafe aber hören seine Stimme
und folgen Ihm nach, wo Er auch hingeht, denn die-
ses ist der Weg Zur lebendigen Quelle; diesen Weg
sind die priesterlichen Könige durchwandelt, die vom
Aufgang der Sonne kamen, wie in der Offenbarung
steht, und in die Zeit der Ewigkeit eingegangen sind;
siehe, diese haben diesen Kelch trinken und diesen
Weg durchwandeln müssen; diese liegen nun unter
dem Altäre, rufen und sagen: Herr, allmächtiger Vater,
wie lange rächst Du unser Blut nicht an denen, die auf
Erden wohnen? Und es wurde ihnen einem jeden ein
696
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
weißes Kleid gegeben, und es ward zu ihnen gesagt,
daß sie ruhten noch eine kleine Zeit, bis die Zahl ihrer
Brüder erfüllt ist, die auch noch um des Zeugnisses
Jesu Christi willen getötet werden sollen; diese haben
auch den Kelch getrunken, und sind hinaufgestiegen,
den ewigen Sabbat des Herrn zu halten; auch haben
diejenigen diesen Kelch trinken müssen, die gekrönt
worden sind und Palmzweige in ihren Händen haben,
und mit glänzenden Kleidern angetan worden sind.
Dieses ist auch der Weg, den die vierundzwanzig Äl-
testen gewandelt sind, die vor dem Throne Gottes
stehen und ihre Kronen von ihren Häuptern und ihre
Harfen vor den Stuhl des Lammes werfen, auf ihre An-
gesichter fallen und sagen: O Gott, dir gebührt allein
Preis, Ehre und Herrlichkeit, Kraft und Stärke, von
Ewigkeit zu Ewigkeit. Herr, allmächtiger Gott, der du
das Blut deiner Knechte und Diener bald rächen wirst;
Du wirst den Sieg selbst davontragen; groß sei dein
Name, der war, ist und kommen soll! Auch sind die
Gezeichneten des Herrn auf diesem Wege gewandelt,
die das Zeichen des Herrn an ihren Stirnen hatten, die
aus allen Geschlechtern der Menschen erwählt waren,
die nicht mit Weibern befleckt waren, sondern dem
Lamme nachfolgen, wo es hingeht. Seht, diese haben
den Kelch der Bitterkeit trinken müssen, sowie auch
alle diejenigen, die noch mangeln, bis die Zahl Zions
erfüllt sein wird, welche die Braut des Lammes und
das neue Jerusalem ist, das vom Himmel herabstei-
gen wird, in welcher Stadt der Thron der Herrlichkeit
des großen Königs offenbart und gesehen werden soll,
zu der Zeit, wenn man das hochzeitliche Fest halten
und feiern wird, an dem Tage des hohen und heiligen
Zebaoths, des Herrn, ihres Gottes; dieses ist der Tag
ihrer Ruhe und Freude.
Seht, diese alle haben zuerst das Gericht an ihrem
Fleische erlitten, und haben die Strafe dieser Welt
ertragen müssen, von denen Jesus Christus der Erste
gewesen ist, wie geschrieben steht: Das Lamm ist von
Anfang erwürgt worden; und Paulus sagt: Diejenigen,
die Er zuvor ersehen hat, die hat Er auch verordnet,
daß sie dem Bilde seines Sohnes gleich sein sollten;
auch sagt Christus, unser Heiland, daß der Knecht
nicht besser sei, als sein Herr, noch der Jünger über
seinem Meister, sondern daß es dem Jünger genug
sei, wenn er wie sein Meister ist. Dieses bezeugt uns
Petrus auch, wenn er sagt: Es ist Zeit, daß das Gericht
an dem Hause Gottes anfange; wenn es aber nun an
Gottes Auserwählten anfängt, was wird es mit denen
für ein Ende nehmen, die dem Evangelium Gottes
nicht geglaubt haben, und wenn der Gerechte kaum
erhalten wird, wo will der Ungerechte erscheinen?
Darum, meine lieben Kinder, dringt doch ein durch
diese enge Pforte, denn der Weg ist eng und schmal.
der zum Leben führt, und wenige sind derer, die ihn
finden, und noch weniger, die ihn wandeln; aber der
Weg ist weit und breit, der zur Verdammnis führt, und
ihrer sind viele, die darauf wandeln.
Darum, meine Kinder, nehmt der Züchtigung des
Herrn und seiner Unterweisung wahr, und beugt eure
Schultern unter sein Joch und seine leichte Last; tragt
es von eurer Jugend an mit Geduld, und dankt Ihm
mit großen Ehren, denn Er stäupt einen jeden Sohn,
den Er aufnimmt. Wenn ihr nun die Züchtigung ver-
lasst, deren wir doch alle teilhaftig geworden sind, so
seid ihr keine Kinder, sondern Bastarde, und werdet
von eures Vaters Gut ausgestoßen werden.
Darum, meine lieben Kinder, umgürtet eure Lenden
und folgt Christo nach; fürchtet euch nicht und ruht
auch nicht, bis ihr diesen Weg gefunden habt. Forscht
in der Schrift, sie wird euch den Weg des Lebens wei-
sen, denn der Engel sagt zu Esra: Es ist eine Stadt
voller Güter, die ist auf einem ebenen Felde erbaut
und gesetzt; ihr Eingang aber ist enge, und an einem
jähen Orte, sodass zur rechten Hand Feuer, zur linken
aber ein tiefes Wasser ist; es ist aber hierzwischen, das
ist, zwischen Feuer und Wasser, ein enger Fußsteig,
sodass auf demselben nur ein einziger Mensch gehen
kann; wenn aber diese Stadt einem zum Erbe gegeben
würde, wie würde er sein Erbe einnehmen können,
wenn er sich nimmer durch die Vorgesetzte Gefahr
wagen würde? Seht, meine Kinder, auf diesem Wege
gilt kein Weichen; auch sind da keine Umwege, die
zur linken und rechten Seite abgehen; dieses ist der
Weg, der von wenigen gefunden, aber von noch weni-
geren bewandelt wird; es sind zwar wohl einige, die
recht gut wissen, daß dieses der Weg zum Leben sei,
aber er ist ihnen zu steil; es wird ihnen viel zu schwer.
Deshalb, meine Kinder, achtet nicht auf die Masse
und große Menge; tretet auch nicht auf ihre Wege;
weicht mit euren Füßen von ihrem Pfade, denn sie
gehen zur Hölle, wie die Schafe zum Tode, wie der
Prophet Jesaja uns berichtet, wenn er sagt: Die Hölle
hat ihren Rachen weit aufgetan, damit die Fürsten der
Erde und das gemeine Volk da hineingehen, denn es
ist ein unverständiges Volk; darum wird ihnen derje-
nige nicht gnädig sein, der sie erschaffen hat.
Aber, meine Kinder, denkt an das, was ich schreibe,
und wenn ihr hört, daß ein schlechtes, verworfenes
Häuflein sei, das von dieser Welt verworfen und ver-
stoßen ist, so haltet euch zu demselben, und wenn
ihr hört, wo das Kreuz Christi sei, dort weicht nicht,
sondern flieht den Schatten dieser Welt; wendet euch
zu Gott; lasst Ihn allein eure Furcht sein; bewahrt sei-
ne Gebote; haltet alle seine Worte, daß ihr darnach
handelt; schreibt sie auf die Tafeln eurer Herzen und
bindet sie auf eure Stirne, und redet von seinen Ge-
697
setze Tag und Nacht, dann werdet ihr ein lieblicher
Zweig in dem Garten des Herrn, ja, eine annehmliche
Pflanze sein, die in Zion aufwächst.
Meine Kinder, nennt die Furcht des Herrn euren
Vater, so wird die Weisheit und der Verstand eure
Mutter sein; wenn ihr dieses tun werdet, meine Kin-
der, so wird euch der Herr segnen und euren Leib
zu seinem Dienste heiligen, damit sein Name durch
euch geheiligt und groß gemacht werden möge zu
seinen Ehren. Bekennt Ihn vor den Menschen, damit
Er auch euch vor seinem himmlischen Vater wieder
bekennen möge; ja verlasst lieber euer Leben, mei-
ne Kinder, ehe ihr von der Wahrheit weichen solltet,
und folgt mir nach; ich gehe vor euch her, als eine
tapfere Kriegerin, die zu des Herrn Krieg oder Streit
bereit ist, um mein Leben für des Herrn Namen zu
übergeben. Meine Kinder, ich, eure Mutter, die ich
ein Werkzeug bin, durch welches ihr in diese betrübte
Welt gebracht worden seid, mich verlangt nach eu-
rer Seligkeit; glaubt dem, was ich euch schreibe und
hinterlassen habe, und sonst niemandem, es sei denn,
daß es mit der heiligen Schrift übereinkomme. Wenn
ihr das tut, so werdet ihr zu mir kommen, und ich zu
euch, und wenn ihr euren Leib verliert, der von der
Erde ist, so hat euch der Herr einen bessern zuberei-
tet im Himmel. Darum, meine Kinder, streitet tapfer
für die Wahrheit und Gerechtigkeit bis auf den Tod,
und wappnet euch mit den Waffen Gottes, damit ihr
als tapfere Israeliten erfunden werden mögt. Zertre-
tet die Welt mit aller ihrer Ungerechtigkeit; liebt und
sucht allein das, was droben ist, und bedenkt, daß
ihr nicht von der Welt seid, gleichwie euer Herr und
Meister auch nicht davon gewesen ist, und wendet
allen Fleiß an, daß ihr als Jünger erfunden werden
mögt, dann wird euch alles widerfahren, warum ihr
bittet; denn niemand kann Christum einen Herren hei-
ßen, als durch den Heiligen Geist, denn die wahren
Anbeter werden Gott im Geiste und in der Wahrheit
anbeten. Für diese hat Christus gebeten, nicht aber
für die Welt; denn wenn die Welt betet, so ruft sie den
Teufel an und begehrt, daß sein Wille in ihr geschehen
möge.
Darum, meine lieben Kinder, stellt euch ihr nicht
gleich; flieht von ihr und habt keine Gemeinschaft mit
ihr. Achtet doch nicht, was schön vor den Augen ist,
denn es ist alles nichts; sucht allein das, was droben
ist, sucht das, was himmlisch ist, und nicht, was ir-
disch ist, und lasst eure Augen allezeit auf den Herrn
sehen. Arbeitet allezeit mit Beten und Flehen, damit
ihr allezeit mit dem Herzen bei Ihm sein mögt; eu-
er Lachen verwandle sich in Weinen, denn wir sind
hier Pilger auf Erden; darum lasst euch nichts hier auf
dieser Welt erfreuen, denn es ist alles Eitelkeit und ver-
gänglich. Hütet euch vor der Begierde nach irdischen
Gütern, denn das ist das rechte Fundament des Ver-
derbens. Seid meiner eingedenk; der Herr lasse euch
in seiner Furcht wandeln, und erfülle euch mit seinem
Heiligen Geiste, und heilige euren Verstand und eure
Sinne. Meine Kinder, seid vorsichtig in all eurem Wan-
del, und alles, was ihr tut, darin lasst den Namen des
Herrn gepriesen und gesegnet sein. Bewahrt euren
Mund, damit ihr den Namen Gottes nicht leichtfertig
in euren Mund nehmt, denn es ist eine große, uner-
kannte Sünde; nennt auch den Namen Gottes nicht, es
sei denn, daß ihr es mit großer Ehrerbietigkeit, mit ge-
beugten Knien und mit entblößtem Haupte tut, oder
es wird euch übel aufgenommen. Bittet Gott, daß ihr
Ihn kennen lernen mögt, und schämt euch nicht, den
zu bekennen und zu ehren, der eure Seelen selig ma-
chen kann; denn der Herr will solches nicht dulden
von seinem Volke, daß es Ihn verleugnet, indem es
genug ist, daß die Welt Ihn verunehrt. Darum lasst
uns seinen heiligen Namen ehren, loben und preisen
von ganzem Herzen, denn es steht geschrieben, daß
der Herr den nicht ungestraft lassen werde, der seinen
Namen missbraucht.
Darum, meine Kinder, habt euren Nächsten von
Herzen lieb, und das mit einem ausgebreiteten Her-
zen. Lasst das Licht des Evangeliums in euch leuchten;
gebt den Hungrigen euer Brot; kleidet die Nackenden,
und leidet es nicht, daß ihr etwas doppelt habt, denn
es sind deren genug, die es bedürfen. Alles, was euch
der Herr vergönnt, das besitzt mit Dankbarkeit, nicht
allein für euch, sondern auch für euren Nächsten, und
sucht nicht euren eigenen Nutzen, sondern den eu-
res Nächsten. Summa, meine Kinder, lasst euer Leben
dem Evangelium Christi gleichförmig sein. Der Gott
des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe
durch das Blut des ewigen Testamentes unseres Herrn
Jesu Christi von den Toten auferweckt hat, der mache
euch zu allen guten Werken tüchtig, seinen Willen zu
erfüllen, und schaffe in euch, was vor Ihm gefällig
ist, damit euer ganzer Geist, eure Seele und Leib auf
die Erscheinung unseres Herrn Jesu Christi unsträf-
lich erfunden werden möge, welchem sei Preis, Kraft,
Majestät, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Ein Gebet von derselben Maeyken Deventer.
Ach heiliger Vater, heilige die Kinder deiner Dienst-
magd in deiner Wahrheit und bewahre sie vor allem
Argen und vor aller Ungerechtigkeit, um deines heili-
gen Namens willen. Ach, allmächtiger Vater, ich befeh-
le sie dir, denn sie sind deine Geschöpfe; trage doch
für sie Sorge, denn sie sind deiner Hände Werk, damit
sie auf deinen Wegen wandeln mögen, Amen.
698
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Maeyken Wens wird mit einigen ihrer
Mitgenossen um des Zeugnisses Jesu Christi
willen im Jahre 1573 zu Antwerpen verbrannt.
Der Nordwind der Verfolgung wehte damals immer
mehr durch des Herrn Garten, sodass die Kräuter
und Bäume desselben, nämlich die wahren Gläubigen,
durch die andringende Gewalt mit der Wurzel aus der
Erde gerissen wurden.
Dieses ist unter mehreren andern einer sehr got-
tesfürchtigen und frommen Frau, Namens Maeyken
Wens, begegnet, welche die Hausfrau eines getreuen
Dieners der Gemeinde Gottes in der Stadt Antwerpen
war, Namens Matthäus Wens, der seines Handwerks
ein Maurer gewesen ist.
Diese wurde mit andern Glaubensgenossen unge-
fähr im April 1573 zu Antwerpen angegriffen, gebun-
den und auf den Stein, welches dort das schwerste
Gefängnis ist, gefangen gesetzt.
Unterdessen hat sie viel Streit und Anfechtung so-
wohl von den Geistlichen als auch Weltlichen erlit-
ten, um sie zum Abfalle von ihrem Glauben zu brin-
gen. Als sie aber unter keinen Umständen, auch nicht
durch schwere Pein, von ihrem standhaften Glauben
zum Abfall gebracht werden konnte, hat man ihr den
5. Oktober 1573 das Urteil gefällt, und dasselbe an vor-
gemeldetem Platze vor Gericht öffentlich vorgelesen,
nämlich, daß sie mit zugeschraubtem Munde oder
festgeschraubter Zunge als eine Ketzerin zu Asche
verbrannt werden sollte, sowie auch einige andere,
die ebenfalls gefangen waren und mit ihr in einem
Glauben standen.
Darauf hat man am andern Tage, den 6. Oktober,
diese fromme und gottesfürchtige Heldin Jesu Chris-
ti, wie auch ihre andern Glaubensgenossen, die auch
durch ein gleiches Urteil verurteilt waren, mit fest-
geschraubten Zungen wie unschuldige Schlachtscha-
fe vorgeführt, und als dieselben an Pfählen befestigt
waren, auf dem Markte durch einen grausamen und
schrecklichen Brand ihres Leibes und Lebens beraubt,
sodass sie in kurzer Zeit zu Asche verbrannt worden
sind.
Diese harte Todesstrafe ertrugen sie standhaft; dar-
um wird auch der Herr ihre verworfenen Leiber ver-
klären und dieselben seinem verklärten Leibe ähnlich
machen (Phil 3,21).
Der älteste Sohn dieser vorgenannten Märtyrerin,
genannt Adrian Wens, ungefähr fünfzehn Jahre alt,
konnte an dem Tage, als seine liebe Mutter aufge-
opfert wurde, nicht vom Richtplatze bleiben; darum
nahm er seinen jüngsten Bruder, Hans Matthäus Wens,
der ungefähr drei Jahre alt war, auf seinen Arm und
stellte sich damit nicht weit von dem aufgerichteten
Brandpfahl auf eine Bank, um seiner Mutter Tod mit
anzuschauen.
Als aber nun dieselbe hervorgebracht und an den
Pfahl gestellt wurde, verlor er die Besinnung, fiel nie-
der und lag so lange bewusstlos, bis seine Mutter und
die andern verbrannt waren.
Nachher, als sich das Volk verlaufen hatte, und
er wieder zu sich selbst kam, ging er auf den Platz,
wo seine Mutter verbrannt wurde und suchte in der
Asche, wo er die Schraube fand, womit ihre Zunge
festgeschraubt war, welche er zu ihrem Andenken
aufbewahrt hat.
Es sind gegenwärtig, im Jahre 1659, noch verschie-
dene Enkel von dieser frommen Märtyrerin am Leben
(uns wohlbekannt) die nach ihrem Namen (Maeyken
Wens) genannt werden.
Was ihre anderen Mitgenossen betrifft, die mit ihr
getötet worden sind, so können wir deren Namen,
weil es schon vor langer Zeit geschehen ist, nicht nach-
weisen, aber es dünkt uns, daß es diejenigen seien, die
in der nachfolgenden Beschreibung genannt werden
(nämlich die Weibspersonen), weil von ihnen bezeugt
wird, daß sie auf denselben Tag, nämlich den 6. Ok-
tober 1573, zu Antwerpen mit Feuer getötet worden
sind. Dieses dient zur Nachricht.
Die Briefe und Testamente der Maeyken Wens, des
Weibes des Matthäus Wens, eines Maurers, der in
seinem Leben ein Diener der Gemeinde Gottes zu
Antwerpen war; sie wurde den 6. Oktober 1573
aufgeopfert.
Ach, liebt Gott über alles auf dem Stein,
Da jetzt die Freude annoch ist sehr klein.
Doch hoff' ich, daß es bald wird sein getan
Wenn Gott mich ivird in Gnaden nehmen an.
Gnade und Friede von Gott dem Vater, durch Je-
sum Christum, seinen eingeborenen Sohn; derselbe
wolle euch Weisheit und Verstand geben, damit ihr
euch und eure Kinder weislich regieren und in der
Furcht Gottes auferziehen mögt; darin wolle euch der
gute Vater stärken und der Heilige Geist wolle euch in
eurer Trübsal trösten. Dieses ist meines Herzens Gruß
und Wunsch an dich, meinen lieben und sehr werten
Mann in dem Herrn. Nebst allem Gruße lasse ich euch
wissen, daß ich, dem Fleische nach, noch sehr wohl-
auf bin; ebenso hoffe ich auch, dem Geiste nach, dem
Besten nachzukommen; aber mein Bestes ist nichts
Besonderes, was mir leid ist, weil ich für dasjenige,
was mir begegnet, nicht dankbar bin; denn es ist des
Herrn Werk; man muss dem Herrn sowohl in Wider-
wärtigkeit danken, als wenn es dem Fleische wohl
699
geht; denn wenn uns der Herr alles nimmt, so nimmt
Er uns nicht mehr, als Er uns geliehen hat; es gehört
uns nicht länger, als es dem Herrn gefällt. Ach, möch-
te ich dem Herrn doch allezeit ebenso wohl danken
können, wenn es dem Fleische übel geht, als wenn es
ihm wohl geht; in diesem Falle kann man dem Herrn
wohl danken!
Ach, mein lieber Freund, ich hätte nicht gedacht,
daß mir das Scheiden so schwer fallen würde, als es
mir fällt; das Gefängnis war zwar schwer in meinen
Augen, das kam daher, weil sie so tyrannisch waren;
nun aber ist mir das Scheiden das Schwerste.
Ach, mein sehr geliebter und werter Mann, bitte
doch den Herrn herzlich für mich, daß Er den Streit
von mir nehmen wolle, denn es steht ja in seiner Ge-
walt, wenn es Ihm gefällt. Der Herr hat ja recht gesagt:
Wer nicht alles verlässt, der ist meiner nicht wert; der
Herr wusste es wohl, daß es dem Fleische schwer fal-
len würde, wiewohl ich hoffe, daß mir der Herr auch
hindurch helfen werde, wie Er vielen getan hat; sol-
ches Vertrauen habe ich zu Ihm. Ach, wie gemächlich
ist es, ein Christ zu sein, solange das Fleisch nicht
auf die Probe gestellt wird, oder man nichts verlassen
muss; dann ist es leicht, ein Christ zu sein.
Hiermit will ich mein Schreiben endigen, und dich
und deine Kinder dem Herrn anbefehlen, damit du
zu deines Nächsten Auferbauung und deiner Seele
Seligkeit weislich wandeln mögest. Bleibe dem Herrn
und dem reichen Worte seiner Gnade befohlen; das
ist der gute Gruß und Wunsch meines Herzens. Was
deinen beabsichtigten Besuch betrifft, so magst du
tun, was dir gefällt, denn, wenn die Unkosten nicht
wären, wollte ich deinen Besuch oft begehren; willst
du aber dein Herz erquicken, so darfst du kommen;
ich darf mehr nicht sagen, weil es so viel kostet; sonst
wollte ich wohl, daß du bald kämest; vielleicht möchte
Janneken niederkommen, oder auch wohl die Heb-
amme wiederkommen, um mich zu visitieren; dann
könnte sie mir, wenn ich nicht schwanger wäre, bald
davon helfen, denn ich darf es nicht versichern, daß
ich schwanger bin; bisweilen dünkt mich, es sei dem
so, aber größtenteils glaube ich, es sei dem nicht so.
Der Herr gebe, daß es nicht sein möge, denn es ist
auch nicht so schmerzlich für dich, wenn es nicht ist;
ich hoffe noch immer mehr, daß es nicht sei, als daß
es sei, aber ich will es dem Herrn übergeben, denn,
wenn ich mir auch die Augen ausschreien würde, so
muss es doch bleiben, wie es ist; es wäre ja ein Wun-
der, wenn ich jetzt schwanger wäre, da ich doch so
lange gewartet habe. Wenn du kommst, so wende kei-
ne Kosten an, etwas mitzubringen, denn es kostet zu
viel. Für dieses Mal nichts weiter, gehab dich wohl an
Seele und Leib, das ist mir lieb. Grüße mir sehr die
Bekannten in dem Herrn und auch die Freunde nach
dem Fleische; meine Gesellschaft lässt dich auch sehr
grüßen; auch müssen meine Kinder etwas haben.
Geschrieben in meinen Banden, von mir, Maeyken
Wens.
Der zweite Brief von Maeyken Wens, geschrieben
an ihren Mann.
Gnade und Friede von Gott dem Vater, und die große
Liebe und Barmherzigkeit des Sohnes, unseres Herrn
Jesu Christi, der aus Gnaden vom Vater gesandt wor-
den ist, zum Heile aller derer, die ihren Sünden ab-
gestorben, und dadurch mit Christo in einem neuen
Leben auferstanden sind, wie auch die ewige, uner-
gründliche Freude, der Trost und die Gemeinschaft
des Heiligen Geistes stärke und bewahre eure Herzen
und Sinne in Christo Jesu; demselben sei Preis, von
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Nebst allem herzgründlichen Gruße, geschrieben
an dich, meinen sehr geliebten und werten Mann und
Bruder in dem Herrn, lasse ich dich wissen, daß mein
Gemüt noch standhaft ist, dem Herrn ein Opfer zu
bringen; der Herr müsse für die große Gnade, die Er
an mir armem und elendem Menschen beweist, gelobt
sein; auch bin ich, dem Fleische nach, sehr wohlauf,
und habe dabei, durch des Herrn Gnade, das Vertrau-
en, daß es mit dir, meinem Geliebtesten in dem Herrn,
auch ebenso bestellt sei. Für dieses Mal nichts wei-
ter; bleibe dem Herrn und den Worten seiner Gnade
befohlen; das ist der gute Wunsch und Gruß meines
Herzens. Gehabe dich wohl. Bitte für mich.
Von mir, Maeyken Wens, deinem lieben Weib und
Schwester in dem Herrn.
Der dritte Brief von Maeyken Wens, geschrieben
an ihren Sohn im Gefängnisse zu Antwerpen, den
21. April 1573.
Fürchte Gott allezeit und liebe Ihn über alles.
Mein liebes Kind Adrian, ein Sohn von mir Maey-
ken Wens, dieses hinterlasse ich dir als Testament,
weil du der Älteste bist, in welchem ich dich ermah-
ne, daß du unsern lieben Herrn zu fürchten anfangen
wollest, denn in deinem Alter kannst du wohl verste-
hen, was gut oder böse ist. Denke an das Betteken,
die ist ungefähr so alt wie du. Mein Sohn, trachte von
Jugend auf dem Guten nach; laß das Böse, tue Gu-
tes, weil du Zeit hast, und sieh auf deinen Vater, wie
liebreich mir derselbe vorgegangen ist mit Freundlich-
keit und Leutseligkeit, und wie er mich allezeit mit
des Herrn Wort unterrichtet hat. Ach wäre ich ihm
allezeit so nachgefolgt, wie leicht wären meine Bande.
700
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Darum, mein lieber Sohn, hüte dich vor dem Argen,
damit dich dein Gewissen dermaleinst nicht verkla-
gen und dir sagen möge, hätte ich dies oder das getan;
denn dann ist es zu spät, wenn es dahin kommt, wo
es gegenwärtig mit mir ist. Höre die Unterweisung
deiner Mutter; hasse alles, was die Welt und deine
Sinne lieben; liebe Gottes Gebot und laß dich dasselbe
unterrichten, denn es lehrt: Wer mir nachfolgen will,
der verleugne sich selbst, das ist, dünke dich nicht
weise zu sein, und bitte: Herr, dein Wille geschehe.
Tust du das, so wird die Salbung des Heiligen Geistes
dich alles lehren, was du glauben sollst; glaube dem
nicht, was Menschen sagen, sondern glaube, was dir
das Neue Testament gebeut; dem sollst du gehorsam
sein, und bitte Gott, daß Er dich lehren wolle, was sein
Wille sei; traue nicht auf deinen Verstand, sondern auf
den Herrn; laß deine Ratschläge in Ihm bleiben und
bitte Ihn, daß Er dich auf seinen Wegen leiten wolle.
Mein Kind, lerne, wie du Gott den Herrn lieben, wie
du deinen Vater ehren sollst und lerne alle anderen
Gebote, was der Herr von dir fordert; was darin nicht
enthalten ist, das glaube nicht, und sei allem gehor-
sam, was darin begriffen ist. Halte dich zu denen, die
den Herrn fürchten, die vom Bösen weichen und alles
Gute durch die Liebe vollbringen.
Ach, sieh doch nicht auf den großen Haufen, noch
auf die lange Gewohnheit, sondern sieh auf das kleine
Häuflein, das um des Herrn Wortes willen verfolgt
wird, denn die Guten verfolgen niemanden, sondern
sie werden verfolgt. Wenn du dich zu denselben bege-
ben hast, so hüte dich vor jeder falschen Lehre, denn
Johannes sagt: Wer Übertritt, und nicht in der Lehre
Christi bleibt, der hat keinen Gott; wer aber in der Leh-
re Christi bleibt, der hat beides, den Vater und den
Sohn. Die Lehre Christi ist Barmherzigkeit, Lriede,
Keuschheit, Glaube, Sanftmut, Demut und vollkom-
mener Gehorsam Gottes.
Mein lieber Sohn, übergib dich dem Guten; der Herr
wird dir Verstand geben. Dieses gebe ich dir zu mei-
nem letzten Abschiede, mein liebes Kind; nimm des
Herrn Bestrafung in Acht, denn wenn du Böses tust,
so wird er dich strafen in deinem Gemüte; so laß denn
ab, rufe den Herrn um Hilfe an und hasse das Böse,
dann wird dich der Herr erretten und das Gute wird
dir begegnen. Gott der Vater gebe dir seinen Heiligen
Geist durch seinen geliebten Sohn Jesum Christum,
der dich in alle Wahrheit leiten wolle, Amen.
Dieses habe ich, Maeyken Wens, deine Mutter, ge-
schrieben, als ich um des Wortes des Herrn willen im
Gefängnisse lag; der gute Vater gebe dir seine Gna-
de, mein lieber Sohn Adrian. Schreibe mir ein Brief-
lein aus deinem Gemüte, ob du begehrst, den Herrn
zu fürchten; ich wollte solches gern wissen; aber du
musst es besser schreiben, als die letzten beiden Briefe
waren; aber der, welchen Maeyken Wils brachte, war
gut.
Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf
merken;
Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken.
Der vierte Brief von Maeyken Wens, geschrieben
an ihren Sohn.
Ach, mein lieber Sohn, bin ich dir schon hier entnom-
men, so richte dich doch von Jugend auf nach der
Lurcht Gottes, dann wirst du deine Mutter wieder
haben droben in dem neuen Jerusalem, wo kein Schei-
den mehr sein wird. Mein lieber Sohn, ich hoffe, dir
nun voran zu gehen, folge mir nach, so lieb als du dei-
ne Seele hast, denn es wird zur Seligkeit kein anderer
Weg gefunden werden, als dieser ist. So will ich euch
denn nun dem Herrn anbefehlen, der Herr wolle euer
Beschützer sein; ich habe das Vertrauen zu dem Herrn,
daß Er es tun werde, wenn Ihr anders Ihn sucht; habt
einander lieb euer Leben lang; nehmt Hansken bis-
weilen statt meiner in eure Arme, und wenn euch
euer Vater entnommen werden sollte, so tragt selbst
für einander Sorge; der Herr bewahre euch sämtlich,
meine lieben Kinder; küsst einander zum Andenken
statt meiner. Gute Nacht, meine lieben Kinder. Mein
lieber Sohn, fürchte dich doch nicht vor diesem Lei-
den, es ist nicht mit dem zu vergleichen, das ewig
währen soll; der Herr nimmt die Lurcht gänzlich hin-
weg; ich wusste vor Lreuden nicht, was ich tun sollte,
als ich verurteilt war. Darum unterlasse nicht, Gott zu
fürchten, um solches zeitlichen Todes willen; ich kann
meinen Gott für die große Gnade, die Er an mir bewie-
sen hat, nicht genug danken; noch einmal gute Nacht,
mein lieber Sohn Adrian; sei doch stets freundlich ge-
gen deinen unterdrückten Vater, dein ganzes Leben
hindurch und bereite ihm keinen Verdruss, darum bit-
te ich euch alle, denn was ich dem Ältesten schreibe,
damit meine ich auch den Jüngsten. Hiermit will ich
euch dem Herrn noch einmal anbefehlen; dieses habe
ich geschrieben, nachdem ich verurteilt war, und um
des Zeugnisses Jesu Christi willen sterben sollte, den
fünften Tag im Oktober des Jahres unseres Herrn Jesu
Christi, 1573.
Von mir, Maeyken Wens, eurer Mutter, die euch
unter vielen Schmerzen geboren hat, zum Andenken.
Bewahrt dieses wohl, sowie auch den Abschied, den
euer Vater an eure Mutter schrieb, als sie verurteilt
war, und eurer Mutter Abschied.
701
Der fünfte Brief von Maeyken Wens geschrieben
an Jan De Metser, einen Diener.
Lieb' Gott vor allem ganz allein,
Er ist 's, der ist, und der wird sein.
Die reiche Gnade und der Friede Gottes, des Vaters,
die Liebe Jesu Christi wolle dein Tröster sein. Obgleich
wir nun jetzt sterben müssen, so haben wir es doch
besser als ihr, die ihr hier in diesem Tränentale bleibt;
aber man muss die Zeit in Geduld erwarten, bis der
Herr kommt. Ach, mein Bruder in dem Herrn, ich hät-
te dir so gern ein kleines Brieflein geschrieben; aber
die Zeit ist verflossen, wiewohl ich lange genug ge-
sessen habe, überdies bin ich auch so ungeübt im
Schreiben; darum musst du es mir zum Besten auf-
nehmen und bedenken, daß, wenn du irgendwo zu
Gast geladen wärst, du mit demjenigen zufrieden sein
müsstest, was dir gereicht wird; ebenso musst du nun
auch mit meinem Schreiben zufrieden sein, denn ich
habe nicht viel, darum kann ich nicht viel mitteilen;
so kann ich denn auch nicht viel schreiben, weil ich
verurteilt bin, und dennoch war ich so voller Freude,
daß ich sie nicht aussprechen konnte; der Herr müsse
ewig für die große Gnade, die Er an mir bewiesen
hat, gelobt sein, da ich doch furchtsam war. Ach, wel-
chen starken Gott haben wir, und was dagegen haben
die Gottlosen? Ach, laß uns doch guten Mut haben!
Wir werden unsere Feinde wie Brot verschlingen; ich
gehe nun morgen voran, der Herr wolle dir Stärke
verleihen, daß du mir nachfolgen mögest, wie ich hof-
fe, daß du tun werdest. Aber mein lieber Bruder in
dem Herrn, halte doch allezeit gute Wache, denn der
Herr kommt, wie ein Dieb in der Nacht, wenn man
am wenigsten daran denkt, denn so ist es mir auch
ergangen; aber dann ist es gut, daß der Mensch nicht
schläft. Aber, lieber Jan, obgleich ich dir wohl noch
etwas mehr hätte schreiben sollen, so rückt doch nun
die Zeit des Gebärens herbei, und mein Fleisch fängt
schon etwas an zu erschrecken; doch es ist des Flei-
sches Art; ich gedenke dich hiermit dem Herrn und
dem Worte seiner Gnade zu empfehlen. Gehabe dich
wohl, mein lieber Freund Jan. Dieses habe ich dir in
der Nacht geschrieben, als ich verurteilt war, damit du
um der Bekanntschaft willen etwas von meiner Hand
haben möchtest. Auch nimm mein geringes Schreiben
zum Besten auf, denn ich hätte nicht gemeint, daß
ich noch so viel hätte schreiben können, nachdem ich
verurteilt war; nun will ich dir gute Nacht sagen hier
in dieser Welt; aber ich hoffe, daß wir einander droben
im neuen Jerusalem sehen werden, wo man von kei-
ner Scheidung mehr hören wird; denn ich hoffe, daß
ich mit der Hilfe des Herrn in der Ruhe sein werde.
ehe dieser Brief gelesen wird, wie ich denn auch ein
Brief zu sein hoffe, der von jedermann gelesen wird.
Gute Nacht, lieber Freund, grüße mir sehr dein liebes
Weib, und falls sie an mir etwas Unerbauliches gese-
hen hat, so soll sie mir hierin nicht nachfolgen; wenn
sie aber etwas Erbauliches gesehen hat, so möge sie
dem Besten nachkommen; das ist der gute Wunsch
meines Herzens, geschrieben an dich den 5. Oktober
1573. Meine Mitgefangenen lassen dich sehr grüßen.
Geschrieben in meinen Banden von mir, deiner
schwachen Schwester Maeyken Wens, was ich ver-
mag, das aber nicht viel ist.
Fünf fromme Christen, Hans von Munstdorp,
Janneken Munstdorp, sein Weib, wie auch
Mariken, Lysken und Maeyken werden sämtlich
im Jahre 1573 zu Antwerpen an Pfählen verbrannt.
Die grausame Mordgrube, die Stadt Antwerpen, ob-
gleich sie mit Brandpfählen der Leichen und Asche
der Heiligen angefüllt war, war zu der Zeit von den
vielen Mördereien, die um des wahren Glaubens wil-
len an den unschuldigen Schäflein Christi geschehen
waren, noch nicht gesättigt.
Dieses ist an fünf frommen Christen zu ersehen,
nämlich Hans von Munstdorp, nebst seinem Weib
Janneken Munstdorp, Maryken, Lysken und Maey-
ken; diese wurden sämtlich um das Jahr 1573 (als sie
versammelt waren, das Wort Gottes zu hören) gefan-
gen genommen und zu Antwerpen auf dem Steine
festgesetzt.
Als sie aber von der Festigkeit ihres Glaubens, vieler
schrecklichen Bedrohungen, Disputationen der weltli-
chen Gelehrten und anderer Mittel ungeachtet, nicht
abgebracht werden konnten, so hat man beschlossen,
sie alle vom Leben zum Tode zu bringen, und das
nicht auf eine leichte und kurze Weise, sondern durch
Feuer und Flammen bis sie ihres Lebens beraubt sein
würden.
Dieses wurde nun zuerst an Hans von Munstdorp
vollzogen, welcher im vorgemeldeten Jahre um den
Monat September von den andern Vieren wie ein
Schlachtschaf (aus dem Stalle) abgeholt und dem ge-
fällten Urteile gemäß durch einen gewaltigen Brand
getötet wurde, welchen harten und schweren Tod er
standhaft (mit getrostem Herzen) ertragen hat.
Die Hauptursache, warum die andern vier Perso-
nen nicht mit ihm getötet worden sind, bestand darin,
weil sein Weib Janneken Munstdorp, die hoch schwan-
ger war, bald niederkommen sollte, was auch bald
darauf (als ihr lieber Mann verbrannt war) geschehen
ist.
Sie kam mit einer Tochter nieder, die sie nach ihrem
702
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Namen (weil sie nun auch bald sterben sollte) Janne-
ken nannte, und besorgte in Eile, daß das Kind (ehe
die Pfaffen die Hand daran legten) unter die Freunde
kam, denen sie es von Herzen befahl, und wobei sie
ein Testament voll schöner Unterweisungen an dieses
Töchterlein schrieb, welches ungefähr einen Monat alt
war, welches Testament auch die Freunde für dasselbe
aufbewahrt haben.
Es kam mm die Zeit ihrer Aufopferung herbei, denn
sie wurde verurteilt, daß sie am 6. Oktober ihrem Man-
ne in gleicher Todesstrafe nachfolgen sollte, welche
Botschaft auch die andern drei Weiber, nämlich Mary-
ken, Fysken und Maeyken empfangen haben, wozu
sie sich mit großer Freude des Gemüts und freiwil-
lig zubereitet haben, indem sie nach der Stunde ihrer
Erlösung verlangten.
Das Urteil ist auch auf die bestimmte Zeit an ihnen
vollzogen worden, und sie haben dem Herrn ein le-
bendiges, heiliges und angenehmes Opfer gebracht;
darum werden sie dermaleinst von dem ewigen Bran-
de befreit und zur seligen Erquickung in das Paradies
Gottes eingelassen werden (Offb 7,16-17): Sie wird
nicht mehr hungern noch dürsten, es wird auch we-
der die Sonne, noch irgendeine Hitze auf sie fallen,
denn das Famm mitten im Stuhle wird sie weiden
und zu den lebendigen Wasserbrunnen leiten, und
Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.
Siehe, von diesen aufgeopferten Freunden ein Lied
im Rotterdam'schen Liederbuche, welches so anfängt:
Ach, Freunde allzusammen hört.
Auf Michelstag wir war'n zerstört.
Ein Brief, den Hans von Munstdorp an sein Weib
geschrieben hat, als sie beide in Antwerpen auf
dem Steine um des Zeugnisses Jesu Christi Willen
in Banden lagen.
Einen freundlichen Gruß, geschrieben an dich, mein
wertes Weib, welche ich von Herzen liebe und über al-
le Kreaturen wert halte, die ich jetzt, um der Wahrheit
willen, verlassen muss, um derentwillen wir auch al-
les für Schaden achten und Jesum Christum über alles
lieben müssen; aber ich hoffe, daß, obgleich uns die
Menschen hier voneinander scheiden, uns doch der
Herr in seinem ewigen Reiche wieder zusammenfü-
gen werde, wo uns niemand mehr voneinander schei-
den wird und wir in des Himmels Wohnung ewig
herrschen werden. So lasse ich denn, mein geliebtes
Weib, dich wissen, daß mein Gemüt durch des Herrn
Gnade noch unverändert steht, bei der ewigen Wahr-
heit zu bleiben; es wäre mir auch eine Freude zu ver-
nehmen, daß dein Gemüt ebenso stehe. Ich ermahne
dich hierdurch mit dem Apostel, mein geliebtes Schaf:
Wie du den Herrn Jesum Christum angenommen hast,
so wandle in Ihm, und sei fest auf Ihn gegründet und
in Ihm gewurzelt durch den Glauben, und laß dich
durch die Weltweisheit oder durch die Schalkheit der
Menschen nicht berauben, womit sie die einfältigen
Herzen zu verführen sucht, indem sie ihnen den Apfel
der Wollust, der so schön ist, zeigt, wodurch viele be-
trogen werden, wie denn auch hier einige sind, denen
es, wie dir bekannt, so ergangen ist. Pieryntgen hat,
wie ich höre, auch in den Apfel gebissen. Darum, mein
getreues Schaf, siehe doch zu, und laß dich nicht das
Böse gelüsten; sieh auch nicht zurück mit Lots Weib,
damit du ihr nicht gleich werdest. Gedenke an des
Herrn Wort: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht
zurück, der ist nicht tüchtig zum Reich Gottes. Darum,
mein geliebtes Schaf, denke allezeit, wie der Prophet
sagt, an die Krone, die am Ende kommen wird, und
an die Rache über die Gottlosen; der Prophet sagt:
Wehe den abtrünnigen Kindern, die den Herrn ver-
lassen, die Quelle des Lebens; wehe ihnen, denn die
Abgefallenen werden in die Erde geschrieben! So gib
ihnen denn, meine Geliebte, kein Gehör, denn an dem
Tage der Rache wird ihr Werk als Holz, Stroh und
Stoppeln erfunden werden, welches mit Feuer ver-
brannt werden wird, wie geschrieben steht. Darum,
mein wertes Schaf, welches ich von Herzen lieb und
wert habe, wie meine eigene Seele, halte doch stark
an, ich bitte dich, bis du hinweggenommen wirst, wie
ich denn das Vertrauen zu dir habe, daß du tun wer-
dest, und achte nicht Fleisch und Blut, denn es muss
doch alles vergehen; denn obgleich wir hier einen ver-
worfenen und verachteten Leib haben, so wird uns
doch der Herr dem Leibe seiner Klarheit unter der
Bedingung gleich machen, daß wir bis in den Tod bei
der Wahrheit bleiben. Nimm dieses gut auf und denke
allezeit an das ewige Gut; ich grüße dich hiermit in
dem Herrn aus herzinnigster Liebe, wie auch deine
Gesellschaft; erfreut euch miteinander in dem Herrn,
und seid fröhlich in der Löwengrube; vertraut auf den
Gott Daniels.
Hiermit zum guten Abschiede: Gute Nacht! Erwar-
tet die Zeit in Leidsamkeit; seid geduldig in dem Strei-
te und fröhlich in der Hoffnung. Benachrichtigt mich,
wenn ihr könnt, ob ihr es empfangen habt; gedenkt
allezeit meiner zum Besten in eurem brünstigen Ge-
bete; ich hoffe eurer auch nicht zu vergessen, die ich
in meinem Herzen tragen möchte, wenn es möglich
wäre. Es dünkt mich, daß diese Butter von Grietgen
Wevels gekommen sei; ich grüße euch dabei sehr herz-
lich. Gute Nacht zum Abschied, mein Schaf, meine
Liebste. Gute Nacht zum Abschied an alle, die Gott
fürchten. Gute Nacht, zum Abschied bis auf die Hoch-
703
zeit des Lammes in dem neuen Jerusalem. Haltet euch
herzhaft und tapfer; seid wohlgemut, werft die Not,
die euch überfällt, auf den Herrn, Er wird euch nicht
verlassen; bleibt bei Ihm, dann werdet ihr nicht fallen.
Liebt Gott über alles; habt Liebe und Wahrheit; liebt
eure Seligkeit; haltet dem Herrn euer Gelübde.
Es ist uns ein sehr liebreiches und tröstliches Tes-
tament durch einen guten Freund eingehändigt wor-
den, welches Janneken Munstdorp, den Hans von
Munstdorp Weib, nach ihres Mannes Aufopferung im
Gefängnisse auf dem Steine zu Antwerpen an ihr lie-
bes Töchterlein, das sie im Gefängnisse geboren hatte
und welches damals ungefähr einen Monat alt war,
geschrieben hatte, als sie täglich den Tod erwartete,
zum ewigen Andenken und zum Abschied aus dieser
argen Welt. Dasselbe lautet wie folgt:
Ein Testament, geschrieben an Janneken, meine
eigene und liebste Tochter, als ich unwürdig um
des Herrn willen zu Antwerpen auf dem Steine
gefangen lag, 1573.
Die rechte Liebe Gottes und die Weisheit des Vaters
stärke dich in Tugenden, mein allerliebstes Kind; der
Herr des Himmels und der Erde, der Gott Abrahams,
der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, der Herr in Israel
wolle dich in seinen Tugenden bewahren und deinen
Verstand in seiner Wahrheit stark und kräftig machen.
Ich befehle dich, mein kleines, liebes Kind, dem all-
mächtigen, großen und schrecklichen Gott, der allein
weise ist, daß Er dich bewahren und in seiner Furcht
aufwachsen lassen wolle. Wenn Er dich in deiner Ju-
gend nach Hause holen wollte, so würde der Wunsch
meines Herzens erfüllt werden, indem du noch jung
bist, und ich dich hier unter dieser bösen, argen und
verkehrten Welt lassen muss.
Weil es denn der Herr nun so gefügt und verordnet
hat, daß ich dich hier lassen muss, und du hier des
Vaters und der Mutter beraubt bist, so will ich dich
hier dem Herrn anbefehlen; Er tue mit dir, was sein
heiliger Wille ist; Er wird dich wohl regieren und dein
Vater sein, daß du hier keinen Mangel haben wirst,
wenn du nur Gott fürchtest, denn Er will ein Vater der
Waisen und ein Beschützer der Witwen sein.
Darum, mein liebes Schaf, ich, die ich hier um des
Herrn willen gefangen und gebunden sitze, kann dir
nicht anders helfen, indem ich deinen Vater hier um
des Herrn willen habe verlassen müssen, welchen ich
auch nicht lange gehabt habe; wir konnten nur ein hal-
bes Jahr beieinander bleiben; nachher sind wir in Haft
genommen worden, weil wir unserer Seelen Seligkeit
gesucht haben. Sie haben mir ihn hier entnommen
und wussten nicht, ob ich schwanger wäre; ich muss-
te noch in Haft bleiben und ihn vorangehen sehen;
daß ich hier sitzen bleiben musste, hat ihn sehr be-
trübt. Nachdem ich nun hier die Zeit zugebracht und
dich mit großer Betrübnis neun Monate unter meinem
Herzen getragen, auch dich nachher im Gefängnis mit
großen Schmerzen geboren habe, so haben sie mich
dir entnommen; ich liege jetzt hier, sodass ich jeden
Morgen den Tod erwarte und deinem lieben Vater
bald nachfolgen werde. Darum schreibe ich, deine
liebe Mutter, dir, meinem lieben Kinde, etwas zum
Andenken, damit du dabei deines lieben Vaters und
deiner lieben Mutter eingedenk sein mögest.
Da ich nun dem Tode übergeben bin und dich hier
allein lassen muss, so erinnere ich dich mit diesem
kurzen Schreiben, daß, wenn du zu deinem Verstand
gekommen sein wirst, dich befleißigen wollest, Gott
zu fürchten; erwäge und untersuche, warum und um
wessen Namen willen wir beide gestorben sind, und
schäme dich nicht, uns vor der Welt zu bekennen,
denn du sollst wissen, daß es nicht um des Bösen wil-
len geschehen ist. Darum schäme dich unserer nicht;
es ist der Weg, den die Propheten und Apostel gewan-
delt sind, und der enge Weg, der zum ewigen Leben
einführt, denn es wird kein anderer Weg gefunden
werden, um selig zu werden.
Darum, mein junges Schaf, um derentwillen ich
noch große Traurigkeit habe und gehabt habe, du wol-
lest doch, wenn du zu deinem Verstand gekommen
sein wirst, diesem engen Wege nachforschen, wiewohl
oft, dem Fleische nach, viele Gefahr darauf vor kommt,
wie man wohl sehen und lesen kann, wenn man die
Schrift oft untersucht und liest, daß darin viel von
dem Kreuz Christi die Rede ist; auch sind viele Feinde
des Kreuzes in dieser Welt, die sich demselben ent-
ziehen wollen und ihm zu entlaufen suchen. Aber,
mein liebes Kind, wollen wir mit Christo die Selig-
keit suchen und ererben, so müssen wir auch sein
Kreuz tragen helfen, und das ist das Kreuz, das Er
von uns getragen haben will, daß wir seinen Fuß-
stapfen nachfolgen und seine Schmach tragen helfen;
denn Christus sagt selbst: »Ihr sollt verfolgt, getötet und
verjagt werden um meines Namens willen;« (/Ja, Er ist
selbst diesen verachteten Weg vor uns hergegangen,
und hat uns ein Exempel hinterlassen, daß wir seinen
Fußstapfen nachfolgen sollen, denn um seinetwillen
muss man alles verlassen, Vater, Mutter, Schwester,
Bruder, Mann, Kind, ja, sein eigenes Leben.
Nun muss ich dieses alles auch um des Herrn wil-
len verlassen, leiden und tragen, deren die Welt nicht
wert ist; denn wären wir in der Welt stecken geblie-
ben, wir hätten keine Not gehabt, denn als wir mit
der Welt eins waren und Abgötterei trieben, auch al-
lerlei Ungerechtigkeit liebten, so konnten wir bei der
704
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Welt wohl im Frieden sitzen; aber weil wir begehrt
haben, Gott zu fürchten und solche ungebührliche
Wege zu meiden, indem wir wissen, daß solches Gott
nicht gefallen könne, so haben wir solches alles zu
meiden gesucht und uns vom Götzendienst zu dem
lebendigen Gottesdienst gewandt, und haben gesucht
hier in der Stille unsem Glauben mit Freundlichkeit
zu beleben. Da haben sie uns nicht in Ruhe gelassen,
sondern haben unserm Blut nachgestellt, sodass wir
jedermanns Raub sein und hier alle der Welt Schau-
spiel werden mussten.
Sie suchen uns hier zu ermorden und zu verbren-
nen; wir werden hier an Pfosten und Pfähle gesetzt,
und das Fleisch wird den Würmern zur Speise gege-
ben.
Darum, mein liebes Kind, es wird nun an deinem
lieben Vater und deiner Mutter erfüllt, was uns zuvor
geweissagt worden ist; aber es ist nicht jeder dazu
erwählt, und hat es auch nicht jeder zu erwarten; uns
aber hat der Flerr dazu erwählt. So folge denn, wenn
du zu deinem Verstand kommst, dem Exempel dei-
nes Vaters und deiner Mutter nach. Mein liebes Kind,
dieses ist mein Begehren an dich, denn du bist noch
sehr klein und jung; ich habe dieses geschrieben, als
du erst einen Monat alt warst. Und weil ich nun bald,
mit des Herrn Hilfe, mein Opfer verrichten werde,
so hinterlasse ich dir dieses, daß du doch mein Ver-
langen erfüllen, und dich allezeit zu denen halten
wollest, die Gott fürchten; und sieh nicht auf der Welt
Pracht und Prahlen, noch auf den großen Haufen, des-
sen Weg zu dem Abgrund der Hölle führt, sondern
sieh auf das kleine israelitische Häuflein, das doch
nirgends Freiheit hat, und allezeit von einem Lande in
das andere fliehen muss, wie Abraham tat, damit du
nachher dein Vaterland erlangen mögest; denn, wenn
du deine Seligkeit suchst, so kannst du leicht merken,
welches der Weg sei, der zum Leben, und welches der
Weg, der zur Hölle führt. Suche vor allen Dingen das
Himmelreich und seine Gerechtigkeit, dann wird dir
alles zugeworfen werden, was dir nötig ist.
Weiter, mein liebes Kind, bitte ich dich, du wollest
dich allezeit ehrlich halten, wenn du groß sein und
Verstand haben wirst, es sei, wo es sei, damit niemand
Ursache habe, über dich zu klagen. Sei allezeit getreu,
und sieh dich wohl vor, daß du niemanden übervor-
teilst; lerne deine Hände allezeit rein halten und sieh,
daß du auch gern arbeitest, denn Paulus sagt: Wer
nicht arbeiten will, soll auch nicht essen; und Petrus
sagt: Wer lange leben und gute Tage sehen will, der
bezähme seine Zunge, daß er nichts Böses rede.
Darum, meine liebe Janneken, gewöhne doch dei-
nen Mund nicht zum faulen Geschwätz, noch auch zu
schandbaren Worten, die sich nicht geziemen, oder zu
den Lügen, denn ein Lügner hat keinen Teil am Reich
der Himmel, indem geschrieben steht: Der Mund, wel-
cher lügt, tötet die Seele. Darum hüte dich vor allen
dergleichen und laufe nicht auf der Straße, wie ande-
re ungezogene Kinder tun; nimm lieber ein Buch in
die Hand, und lerne daraus, was zu deiner Seligkeit
dient.
Sei denen Untertan, bei denen du im Hause wohnst;
wenn sie von denen übel reden, die dir das Brot geben,
so rede du wohl von ihnen, und lerne allezeit gern
etwas tun; halte dich auch in keiner Sache für zu gut,
und erhebe dich nicht selbst, sondern mache dich den
Geringen gleich und ehre allezeit die Alten, wo du
auch bist.
Ich lasse dich hier; ach, hätte es dem Herrn gefallen,
daß ich dich hätte aufziehen mögen, ich hätte gern
mein Bestes daran gewandt; aber es scheint, daß es
des Herrn Wille nicht sei; und wenn es auch nicht
so gekommen, sondern ich bei dir eine Zeitlang ge-
blieben wäre, so hätte mich Gott gleichwohl von dir
hinwegnehmen können, sodass du meiner auch hät-
test ermangeln müssen, wie es mit mir und deinem
Vater ergangen ist, denn wir durften nur eine kurze
Zeit beieinander sein, in welcher Zeit wir so glück-
lich vereinigt waren, weil uns der Herr so wohl zu-
sammengefügt hatte, daß wir uns einander nicht um
die ganze Welt hätten verlassen wollen, und dennoch
haben wir um des Herrn willen einander verlassen
müssen; ebenso muss ich dich auch hier verlassen,
mein liebstes Schaf. Der Herr, der dich erschaffen und
gemacht hat, nimmt mich nun von dir, es ist sein heili-
ger Wille; ich muss nun diesen engen Weg durchwan-
dern, welchen die Propheten und Märtyrer Christi
durchpassiert sind und die vielen Tausende, welche
den sterblichen Rock abgelegt haben, die um Christi
willen hier gestorben sind und nun unter dem Altar
darauf warten, bis ihre Zahl erfüllt werden wird, von
welcher dein lieber Vater auch einer ist, und ich habe
auch gute Hoffnung, ihm nachzufolgen, denn ich bin
nun schon zum Tode übergeben, wie es den Anschein
hat; wenn es aber des Herrn Wille nicht ist, wiewohl
es so scheint, daß ich dem Tode übergeben wäre, so
kann Er mich doch aus ihren Händen erlösen, und
dich, mein Kind, mir wohl wiedergeben; ebenso wie
der Herr dem Abraham seinen Sohn Isaak wiederge-
geben hat, ebenso kann Er es noch jetzt tun; es ist noch
derselbe Gott, der Daniel aus der Löwengrube und
die drei Jünglinge aus dem glühenden Ofen erlöst hat;
Er kann mich auch wohl aus der Menschen Hände
erlösen.
Nun, mein liebes Kind, wenn dem auch nicht so
wäre, so weiß ich wohl, daß Er getreu ist und seine
Verheißungen treulich hält; darum halte dich allezeit.
705
mein armes Waislein, in der Stille, und bin ich dir
auch nebst deinem Vater entnommen, so wisse doch,
daß du einen Vater im Himmel hast, der dich ohne
Zweifel wohl versorgen kann. Wenn du erwachsen
sein wirst, so wende Fleiß an, daß du lesen und schrei-
ben lernst, denn es gereicht dem, der Gott fürchtet,
zum Vorteile, und ist auch in dieser Not sehr ersprieß-
lich, damit du diesen Brief bisweilen lesen könntest,
so wie auch die anderen Briefe, die dein Vater hinter-
lassen hat; lies doch dieselben auch, und sei unserer
dabei eingedenk. Liebe Janneken, viel weltliches Gut
haben wir dir nicht hinterlassen, und ich habe dir
nicht viel zu geben; was ich aber habe, das gebe ich
dir; übrigens hinterlassen wir dir ein gutes Exempel,
wie man Gott fürchten müsse; das ist besser als viel
zeitliches Gut in dieser Welt; folge uns nur nach, du
wirst Gutes genug haben. Du bist hier zwar arm, aber
wenn du Gott fürchtest und die Sünde meidest, so
wirst du viel Gutes ererben. Wie der Apostel an die
Hebräer sagt: Mein Sohn, achte die Züchtigung des
Herrn nicht gering, denn diejenigen, die ohne Züch-
tigung sein wollen, sind Bastarde und keine Kinder
und Erben.
Darum, mein liebes Schäflein, lasse doch nicht nach
um des Kreuzes willen Gott zu fürchten, denn ei-
nem Christen wird in dieser Welt nichts anderes zu-
geschickt, als viel Trübsal und Verfolgung, indem wir
durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen müs-
sen, denn Paulus sagt: Alle, die gottselig leben wollen
in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden; und Chris-
tus sagt: Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir
nachfolgt, der ist meiner nicht wert, denn der Knecht
ist nicht besser als sein Herr, noch der Jünger über
seinem Meister. Haben sie den Hausvater Beelzebub
genannt, um wie viel mehr seine Hausgenossen? Ha-
ben sie den Herrn verfolgt, so werden sie uns auch
verfolgen; haben sie ihn gehasst, so werden sie uns
auch hassen, was darum geschieht, weil sie weder
mich, noch meinen Vater erkannt haben, denn sein
Reich war nicht von dieser Welt; wäre sein Reich von
dieser Welt gewesen, die Welt hätte Ihn auch geliebt;
aber weil sein Reich nicht von dieser Welt war, dar-
um hasste Ihn die Welt. Ebenso ist es noch jetzt; weil
unser Reich nicht von dieser Welt ist, darum hasst
uns die Welt; aber es ist uns besser hier von der Welt
verachtet zu sein, als daß wir dereinst sollten ewig
trauern müssen; doch die hier das Saure nicht schme-
cken wollen, die haben dermaleinst das ewige Leben
nicht zu erwarten, denn wir wissen, daß Paulus sagt,
daß alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu,
verfolgt und jedermanns Raub sein müssen.
Darum, mein liebes Kind, sind die Propheten und
Apostel uns auf diesem Weg vorgegangen, uns zu
einem Beispiel, und noch viele tausend Gottesfürchti-
ge; so hat auch Christus selbst sich um unsertwillen
nicht geschont, sondern hat sich für uns in den Tod
dahingegeben; wie sollte Er uns nicht alle Dinge ge-
ben? Darum bitte ich dich, mein allerliebstes Schaf,
so lieb dir deine Seligkeit ist, suche auf diesem Wege
nachzufolgen, denn das ist allein der Weg, der zum
ewigen Leben führt. Ja, es kann niemand durch einen
andern selig werden als allein durch Jesum Christum,
wie Paulus sagt: Es mag kein anderer Grund gelegt
werden, als der, der gelegt ist, welcher Christus ist;
durch dessen Wunden wir geheilt und durch dessen
Blut wir teuer erkauft sind; denn wir sind nicht mit
Gold oder Silber erkauft, sondern durch seinen bit-
tern Tod und durch sein teures Blut, das Er für uns
vergossen hat, und wir waren wie verirrte Schafe in
dieser Welt, aber nun sind wir durch sein köstliches,
teures Blut erlöst und Er hat uns zu Erbgenossen und
Erstlingen Christi berufen.
Alle diejenigen, die der Sünde abgestorben sind,
haben ihr Leben gebessert und sind dadurch mit Chri-
sto in einem neuen Leben auferstanden, sodass sie
sich selbst nicht mehr leben, sondern mit ihrem Le-
ben dem Herrn angehören, und wenn sie leben, dem
Herrn leben, oder wenn sie sterben, dem Herrn ster-
ben; diejenigen, die sich selbst so gelassen darstellen,
sie mögen leben oder sterben, gehören dem Herrn
an, denn mein liebes Schaf, was soll denjenigen der
Tod Christi nützen, die noch in ihren Sünden bleiben
und sich von diesem unordentlichen Leben, worin
sie noch stecken, nicht bekehren, wie Trunkenbolde,
Totschläger, Ehebrecher, Götzendiener, Lügner, Ver-
leumder oder Lästerer, welche Gott nicht gefallen mö-
gen? Ihr Werk kommt doch nur vom Teufel; solchen
allen sagt der Herr, daß sie das Reich Gottes nicht
ererben werden, es sei denn, daß sie ihr Leben bes-
sern und wenn sie sich nicht bessern, so wird es ihnen
nichts helfen, daß Er gestorben ist. Sie wollen zwar
auf Gottes Gnade hin sündigen, aber sie sagen nicht,
daß Er gerecht ist; Er ist zwar wohl barmherzig, aber
Er ist auch gerecht; wir dürfen auf seine Gnade hin
nicht sündigen, denn wenn wir auch unser Bestes tun,
den Herrn zu fürchten und nach unserm Vermögen
uns selbst zu verleugnen, ja, wenn wir auch alles tä-
ten, was Er uns gebietet, wovon wir doch noch weit
entfernt sind, so tun wir doch nur das, was uns anbe-
fohlen ist; wir müssen auch dann noch bekennen, daß
wir unnütze Knechte sind und noch nichts verdient
haben, sondern des ewigen Todes schuldig sind, und
wenn Er nicht barmherzig wäre, so könnten wir nicht
selig werden. Darum dürfen wir auf seine Gnade hin
nicht sündigen, sondern wir müssen stets alle unsere
Kräfte daran wenden, dem nachzukommen, was Er
706
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
uns gebeut.
Mein liebes Schaf, wir können doch nichts verdie-
nen, sondern müssen durch die Gnade die Seligkeit
ererben; darum suche allezeit Gott zu fürchten, denn
die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, und
wer den Herrn fürchtet, wird Gutes tun; demselben
wird es in dieser und der zukünftigen Welt gelingen.
Halte dich allezeit zu denen, die den Herrn von Her-
zen zu fürchten suchen; stelle dich dieser Welt nicht
gleich, und wandle nicht in einem unordentlichen
Leben, denn die Welt wird vergehen, und alle Men-
schen, die ihr dienen, werden mit ihr vergehen. Habe
auch keine Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Wer-
ken der Finsternis, sondern bestrafe sie vielmehr und
verändere dich durch die Erneuerung deines Lebens,
damit du die Tugenden verkündigen mögest, wozu
dich Gott berufen hat.
Ach, mein allerliebstes Schaf, möchtest du doch
die Wahrheit erkennen, wenn du zu deinem Verstand
gekommen sein wirst, und deinem lieben Vater und
deiner Mutter nachfolgen, die dir vorgegangen sind,
denn dein lieber Vater hat es mit seinem Blute be-
wiesen, daß es die rechte Wahrheit sei, und ich hoffe
dasselbe auch mit meinem Blute zu bezeugen; und
obgleich Fleisch und Blut an den Pfosten und Pfäh-
len hängen bleiben muss, so weiß ich doch gewiss,
daß wir dermaleinst wieder Zusammenkommen wer-
den. Folge uns nach, mein liebes Schaf, damit du auch
dahinkommen mögest, wohin wir kommen werden,
und wir einander dort finden mögen; dann wird der
Herr sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Va-
ters, ererbt das Reich, das euch von Anbeginn berei-
tet ist; dann wird unsere Freude auch nicht von uns
genommen werden, und haben sie uns auch hier von-
einander geschieden, sodass wir nun dir entnommen
sind und dir vorgehen müssen, so weiß ich doch, daß
es des Herrn gewesen ist; hätte es dem Herrn gefallen.
Er hatte es ja anders verordnet.
Darum, mein liebes Kind, gib dich zufrieden; Er
weiß, was Er an dir ersehen hat, weil ich dich hier
lassen muss; sei hier allezeit ehrbar und freundlich
gegen alle Menschen; wenn du zu deinem Verstand
gekommen sein wirst, laß deine Bescheidenheit allen
Menschen kund werden.
Ich lasse dich hier unter meinen Freunden, und
hoffe, daß mein Vater und meine Stiefmutter, meine
Brüder und meine Schwestern an dir das Beste tun
werden, solange sie leben; sei ihnen Untertan und
ihnen allein gehorsam, insofern es nicht wider Gott
ist. Dasjenige, was mir von meiner Mutter zukommt,
nämlich dreißig Gulden und darüber, hinterlasse ich
dir; ich weiß nicht, wie viel es ist, denn ich habe hier
lange gesessen; ich weiß nicht, was dieses alles gekos-
tet hat; ich hoffe aber, meine liebe Schwester Grietgen,
die mir so viel Freundschaft erwiesen hat, werde hier-
in das Beste tun und dir geben, was dir zukommt.
Was dir von Seiten deines Vaters zukommen möchte,
weiß ich nicht, denn von seinen Eltern habe ich keine
Nachrichten einziehen können, weil es so weit von
hier ist; bekommen sie Nachricht von dir, so können
meine Freunde hierin das Beste tun.
Und nun, mein liebes Schaf Janneken, die du noch
sehr klein und jung bist, diesen Brief hinterlasse ich
dir nebst einem Goldstück, das ich bei mir im Ge-
fängnis gehabt habe; dasselbe hinterlasse ich dir zum
ewigen Abschied und zum Testament, damit du mei-
ner dabei eingedenk sein mögest, wie auch bei diesem
Briefe. Lies ihn, wenn du zum Verstand kommst, und
bewahre ihn solange, wie du lebst, zu meinem und
deines Vaters Andenken, damit du dadurch erbaut
werden mögest. So sage ich dir nun hiermit, meine lie-
be Janneken Munstdorp, gute Nacht, und küsse dich
herzlich, mein liebes Schaf, mit dem ewigen Kusse des
Friedens; folge mir und deinem Vater nach, und schä-
me dich nicht, uns vor der Welt zu bekennen, denn
wir haben uns auch nicht geschämt, unsern Glauben
vor der Welt und diesem ehebrecherischen Geschlecht
zu bekennen; darum bitte ich dich, du wollest dich
auch nicht schämen, unsern Glauben zu bekennen,
denn es ist der rechte, evangelische Glaube, und es
wird in Ewigkeit kein anderer gefunden werden.
Halte dir das rühmlich dar, daß wir um keiner Übel-
tat willen gestorben sind, und strebe auch darnach,
und sollte man dich auch zu töten suchen, so laß dich
doch durch nichts abhalten Gott über alles zu lieben,
denn, wenn du nach dem Guten strebst, so kann dich
niemand verhindern, Gott zu fürchten. Suche den Frie-
den und jage ihm nach, dann wirst du die Krone des
ewigen Lebens empfangen; diese Krone wünsche ich
dir, und den gekreuzigten, blutigen, nackenden, ver-
achteten, verstoßenen und getöteten Jesum Christum
zum Bräutigam.
Dieses wünsche ich dir zum ewigen Testament und
zum ewigen Abschied, mein liebes Schaf.
Denke dabei an deinen lieben Vater und an mich,
deine liebe Mutter, die ich dieses zu deiner Erbauung
eigenhändig geschrieben habe; trage auch das Gold-
stück und diesen Brief als ein ewiges Testament bei
dir, ich sage dir hiermit zum Abschied gute Nacht;
ich hoffe diesen Brief mit meinem Blut am Pfahle zu
versiegeln.
Ich befehle dich hiermit dem Herrn und dem tröst-
lichen Worte seiner Gnade, und sage dir noch einmal
gute Nacht; ich hoffe dich zu erwarten; folge mir nach,
liebstes Kind. Noch einmal, gute Nacht, mein Liebstes
auf Erden, gute Nacht, und nichts mehr; gute Nacht,
707
folge mir nach; gute Nacht zum Abschied.
Geschrieben den 10. August, im Jahre 1573 zu Ant-
werpen.
Dieses ist das Testament, das ich im Gefängnis für
meine Tochter Janneken geschrieben, die ich hier wäh-
rend meiner Banden getragen und geboren habe.
Von mir, deiner liebsten Mutter Janneken Munst-
dorp, gefangen um des Herrn willen.
Mit diesem Testament haben wir auch einen Brief
empfangen, welchen Janneken von Munstdorp an ih-
ren lieben Vater und ihre liebe Mutter geschrieben
hat, welche (wie es scheint) noch nicht zum wahren
Glauben gekommen waren, worin sie dieselben zum
Besten ermahnt, und ihnen unterdessen ihr Kindlein
anbefiehlt.
Abschrift eines Briefes von Janneken Munstdorps
eigener Hand, geschrieben an ihren Vater und ihre
Mutter, zu Antwerpen auf dem Steine, den 19.
September 1573.
Einen rechten Verstand und ein zerschlagenes Gemüt
in euer Herz, um Gott zu fürchten, wünsche ich euch,
mein lieber Vater und meine liebe Mutter, zum freund-
lichen Gruß.
Nebst einem herzlichen und geziemenden Gruße,
verlasse ich euch nun, mein sehr werter und herz-
gründlich geliebter Vater, wie auch liebe und werte
Mutter, ohne meine lieben Brüder und Schwestern
zu vergessen, die ich, um des Herrn willen, nun alle
verlassen muss; ich darf nicht hoffen, euer Angesicht
auf dieser Welt wiederzusehen, weil ich hier sitze, ge-
fangen und gebunden, und das um des Herrn willen,
und jeden Tag gewärtig bin, daß mir das Todesurteil
gefällt werde.
Ferner, mein lieber Vater, da mir der Herr, durch
seine große Gnade, noch Zeit gegeben hat, euch ein
wenig zu schreiben, so treibt es mich, euch von meines
Leibes Gesundheit Nachricht zu geben. Darum schrei-
be ich euch, daß es mit mir, dem Fleische nach, noch
ziemlich wohl stehe, und dem Geiste nach ist mein
Gemüt noch Willens, bei dem lebendigen, allmäch-
tigen und ewigen Gott zu bleiben, und um keiner
Marter willen, die sie mir auch antun werden, von
Ihm abzufallen, denn es steht geschrieben: Wer mich
vor den Menschen bekennt, den will ich auch vor mei-
nem Vater bekennen, der im Himmel ist. Ich weiß, daß
derselbe Gott mich aus dieser Trübsal erlösen wird,
wenn ich Ihm nur getreu bleibe, und neben Ihm kei-
nen andern Gott suche; darum hoffe ich auch, daß
Er das gute Werk, das Er in mir angefangen hat, mir
wird ausführen helfen, damit sein Name durch mich
gepriesen werde.
Deshalb, mein lieber Vater und meine liebe Mutter,
wünsche ich von Herzen, daß es mit euch, dem Geiste
nach, auch so wäre, wie es gegenwärtig mit mir be-
stellt ist, solches würde mir eine große Freude sein,
wenn ihr nur einmal den Herrn fürchten würdet. Ach
möchtet ihr noch in der letzten Stunde in des Herrn
Weinberg arbeiten, denn obgleich ihr frei und nicht
in Haft seid, so seid ihr doch keine Stunde versichert,
wie lange ihr leben werdet.
Darum, meine Geliebten, ist euch das Wachen auch
anbefohlen, denn an dem letzten Tage werdet ihr kei-
ne Entschuldigung machen können, daß ihr nicht ge-
wusst hättet, welches der enge Weg ist, der, wie Esra
sagt, zum ewigen Leben führt, wo auf der einen Seite
Wasser und auf der andern Seite Feuer ist, welchen
Weg zwar viele wissen, aber nur wenige wandeln.
Darum, lieber Vater und liebe Mutter, ist uns Was-
ser und Feuer vorgestellt; wir mögen erwählen, was
wir wollen, das Leben oder den Tod. So haben wir
denn, lieber Vater, hier im Leben durch dieses Ster-
ben die Seligkeit gesucht, um ewig zu leben, dieses
Vergängliche zu vertauschen, um das Unvergängliche
zu erlangen, denn das Leiden dieser Welt ist doch
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns
offenbar werden soll. Werden wir hier auch von al-
len Menschen unterdrückt, und vor aller Welt als ein
Spott und Schauspiel geachtet, so werden sie dennoch
am jüngsten Tage bekennen müssen, daß sie unschul-
diges Blut vergossen haben; dann werden sie sehen,
in wen sie gestochen haben; sind wir hier auch arm
geachtet, so werden wir doch noch viel Güter ererben,
wenn wir Gott fürchten und die Sünde meiden.
Darum, mein lieber Vater und meine liebe Mutter,
müsst ihr auch bisweilen hören, daß ich um einer
schändlichen Sekte oder ketzerischen Lehre willen
gefangen sitze, wie ich vermute, daß man sagt und
gesagt hat; man sagt uns aber viel nach, was doch die
Wahrheit nicht ist. Ihr wisst es ja wohl, daß es nicht
wegen irgendeiner bösen Tat geschieht, sondern es
geschieht um unserer Seelen Seligkeit willen; werden
wir auch verachtet, so geschieht es doch um der rech-
ten Wahrheit willen; es wird auch in Ewigkeit keine
andere gefunden werden, ich habe ja doch auch nichts
anderes darin gesucht.
Wenn ich nicht gerne selig wäre, so hätte ich auch
gerne das gemächliche Leben gesucht, wie andere,
aber wer Gott fürchten will, der muss Druck, Leiden,
Bande und Gefängnisse erwarten; wir mögen doch
nirgends einen sichern Ort haben, denn uns ist es
nicht allein gegeben, an Gott zu glauben, sondern
auch um seines Namens willen zu leiden. So betrübt
euch denn nicht darüber, mein lieber Vater und mei-
ne liebe Mutter, wenn ich hier um Christi willen des
708
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Todes sterben muss, und die Menschen allerlei Übles
von mir sagen, denn haben sie den Herrn Beelzebub
genannt, wie viel mehr diejenigen, die an Ihn glau-
ben? Darum verwundert euch nicht; unterlasst auch
nicht, meinem kleinen Kinde wohlzutun, welches ich
in großer Betrübnis während meiner Bande getragen
und geboren habe, und welches ich wie meine Seele
liebe, sodass ich nicht ohne Tränen davon schreiben
kann, wenn ich an meinen lieben Mann denke, von
welchem ich es empfangen habe, und welches ich
nun hier lassen muss; aber der Herr weiß, warum Er
es so gefügt hat, daß ich noch ein Waislein hier zu-
rücklassen muss. Ich befehle es euch und dem, der es
erschaffen und gemacht hat, und hoffe, daß Er ihm
nichts Böses widerfahren lassen wird, obgleich es hier
seines Vaters und seiner Mutter beraubt worden ist;
der Herr weiß wohl, wie ich es getragen habe, und
warum es geschehen ist. Darum tragt väterliche Sorge
für dasselbe, mein lieber Vater, und du, liebe Mutter,
solange ihr lebt; erweist die Liebe, die ihr zu mir tragt,
meinem lieben Kinde. Wer den Baum liebt, der soll
auch die Zweige lieben.
Ach, ach, wenn es der Herr hinweg nehmen möch-
te, welche große Freude würde mir das sein, weil ich
sterben muss. Ach, wäre es des Herrn Wille gewesen,
daß ich es noch hätte aufziehen mögen, wie würde ich
es in Ehren gehalten haben um meines lieben Mannes
willen, und hätte ich auch Mangel leiden müssen, so
würde ich es doch nicht von mir gelassen haben; doch
des Herrn Wille müsse geschehen. Vielleicht bin ich
nicht tüchtig dazu, daß ich dem Herrn ein Opfer tue;
Er hat vielleicht etwas in mir gefunden, daß Er mich
noch hier sitzen lässt; ich dachte nicht, daß ich hier so
lange sitzen würde, denn, lieber Vater, ich habe mich
sehr vor einer langen Gefangenschaft gefürchtet, jetzt
aber ist es mir doch begegnet, was mich sehr betrübt
hat, indem ich weiß, daß es hier sehr viel kostet, und
weil ich meiner Schwester hier so beschwerlich falle,
denn sie hat hier viele Mühe und Unkosten, wiewohl
ich weiß, daß sie es herzlich gern tut. Aber, mein lieber
Vater, ich weiß wohl, daß ihr Vermögen nicht groß ist,
und deswegen weiß ich es ihr nicht genug zu danken;
ich habe es auch niemals an ihr verdient, was sie mir
erwiesen und angeboten hat, denn sie hat die Liebe
in der Not bewiesen; man hat bisweilen viele Freun-
de, jedoch nur so lange, bis man sie nötig hat; in der
Not soll man die Freunde kennen. Ach wäre ich im
Anfang hinweggenommen worden, dann hättet ihr
nicht nötig gehabt, um meinetwillen Kosten zu haben.
Aber, mein lieber Vater und meine liebe Mutter, ich
hoffe, daß ihr mich in der Not nicht verlassen werdet;
ich hoffe, ihr werdet meiner Schwester die Kost bezah-
len helfen und was noch übrig bleibt, wie ich in dem
Briefe geschrieben, das sollt ihr für mein Kind aufbe-
wahren. Mein Vater, du kannst wohl denken, daß wir
nicht viel zu verzehren hatten, denn wir hatten nicht
viel, als wir einander heirateten; ebenso waren wir
auch noch nicht lange getraut, darum dachte ich, das
was da wäre, wiewohl es nicht viel ist, solltest du für
mein Kind behalten; und weil ihr schreibt, daß meine
Schwester für mich Sorge tragen würde, so dachte
ich, ihr werdet mir darin helfen. Meine Schwester hat
ihr Bestes getan, mir zu helfen, ich weiß auch wohl,
daß es ihr schwer fällt; sie haben auch viel daran ge-
setzt, daß ich nicht ins Loch gehen musste, was ich
gern hatte tun wollen, weil es so lange währt, und es
hier so viel kostet, wiewohl man im Loche auch nicht
ohne Kosten sitzt; auch kann man dort nichts sehen;
sie wollen mich in keiner Not verlassen, und lieber
Geldopfer bringen, als mich ins Loch gehen lassen.
Weiter, lieber Vater, wisse, daß ich mit Hans von der
Dam Briefe gesandt habe, ich habe aber noch keine
Antwort erhalten; wenn ich ausgekämpft haben wer-
de, so forsche nach, ob es noch etwas ist, es würde
meinem Kinde wohltun. Ich habe auch meinem Kinde
ein Testament geschrieben, wobei es sich meiner und
seines Vaters erinnern kann; wenn es zu seinem Ver-
stand gekommen sein wird, und du noch am Leben
bist, so laß es ihm vorlesen, damit es wissen möge,
warum sein Vater und seine Mutter gestorben sind.
Weiter, lieber Vater, weiß ich dir nichts Besonderes
zu schreiben; sollte ich dir aber nicht wieder schreiben,
sondern meine Reise bald antreten müssen, ja, wenn
es schnell vor sich gehen würde, so schreibe mir bald
ein Brieflein, wie es mit euch und mit meinem Kinde
steht, und wenn ihr etwas von Hans vernehmt, so lasst
doch meinen Bruder Passchier einen Brief schreiben
und denselben seinem Vater senden.
Für dieses Mal nichts weiter. Hiermit noch einmal
gute Nacht, mein lieber Vater und meine liebe Mut-
ter, und alle meine Brüder und Schwestern. Vergesst
meines lieben Kindes nicht um meinetwillen, und ge-
denkt dabei meiner allezeit. Grüße meine Schwester
sehr herzlich, und sage ihr in meinem Namen für al-
le Gunst, die sie mir erwiesen hat, herzlichen Dank;
der Herr wird es nicht unbelohnt lassen. Gehabt euch
wohl, küsst mein Kind statt meiner und besucht es
bisweilen. Grüßt Pleuntjen und Lieven herzlich, und
sagt ihnen, daß ich sie bitte, an dem Kinde das Beste
zu tun und es um meinetwillen zu lieben, denn es
kommt von einem lieben Pfände her, welches ich über
alles, was auf Erden ist, liebe; ich hoffe nun bald mei-
nem Manne zu folgen, wenn es des Herrn Wille ist.
Ach, hätte ich mit ihm sterben und das Reich Gottes
mit ihm ererben mögen. Gehabt euch wohl; hiermit,
mein lieber Vater und meine liebe Mutter, bleibt Gott
709
befohlen.
Von mir, eurer lieben Tochter, Janneken Munstdorp,
gefangen um des Zeugnisses Jesu Christi willen zu
Antwerpen.
Noch ein Brief von Janneken Munstdorp, des Hans
von Munstdorp Hausfrau.
Geschrieben an ihre Schwester, als sie um des Zeugnis-
ses Jesu Christi willen im Gefängnis auf dem Steine zu
Antwerpen lag, und mit drei andern zum Feuertode
verurteilt worden war. Geschrieben im Jahre unseres
Herrn 1573, den 5. Oktober, in der Nacht um 1 Uhr.
Die überschwängliche und unaussprechliche große
Gnade des Vaters, die Barmherzigkeit Gottes und die
Gütigkeit und Liebe des Sohnes, so wie die Gemein-
schaft des Heiligen Geistes, welcher uns vom Vater
aus Gnaden hierher gesandt worden ist, durch den
Namen unseres Herrn Jesu Christi, zum Trost und zur
Freude aller treuen und wahren Kinder Gottes, durch
welchen wir alle getrieben, gelehrt und unterrichtet
werden, dieselbe, sage ich, bewahre deinen Verstand,
dein Herz und deine Sinne in Christo Jesu, zum Lobe
und Preise des Vaters, zum Heile deiner Seele und zur
Auferbauung aller lieben Brüder und Schwestern, die
den Herrn fürchten und die Wahrheit lieben. Derselbe
Gott, der allein weise ist, wolle dich hierzu tüchtig
machen; demselben sei Preis, Ehre und Kraft, Gewalt
und Stärke, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen, und
zum ewigen Abschiede.
Nach diesem meinem Herzenswunsch von Gott an
dich, und zum Abschied an euch, meine sehr lieben
Brüder in Gott, und an meine auserwählten, werten
und herzgründlich geliebten Schwestern, lasse ich
euch wissen, daß jetzt die Zeit gekommen ist, daß wir
voneinander scheiden müssen; ich werde nun von
jeder Trübsal befreit werden; kein Trauern, noch Seuf-
zen wird mich mehr überfallen. Meine lieben Freunde,
gute Nacht, gute Nacht, nun müssen wir hier schei-
den. Da es nun der Herr so über mich verordnet hat,
so bin ich getrieben, euch noch einmal etwas zu schrei-
ben, zum letzten Male. Ich habe euch zwar gute Nacht
geschrieben, aber nun geht es mir von Herzen, nun
ist das Urteil über mich ergangen, daß ich sterben soll;
ich sagte, sie sollten wohl Zusehen, denn sie müss-
ten von unserem Blut schwere Rechenschaft geben;
sie meinten aber, daß sie es nicht täten, es wäre des
Königs Befehl. Ich sagte: Das wird euch nicht entschul-
digen, aber der Herr wolle es euch vergeben, wenn ihr
es unwissend tut, wiewohl ich denke, daß es vielen
unter euch bekannt genug sein wird, was wir für ein
Volk sind. Hierauf versuchten sie die Schuld von sich
abzuwälzen. Ich sagte: Dasselbe tat Pilatus auch. Wor-
auf sie erwiderten: Pilatus war ein gerechter Richter,
und fügten hinzu, daß wir wider des Königs Gebot
handelten. Ich sagte: Wir müssten Gott mehr gehor-
chen als dem König. Es ist eine geringe Sache, daß
ihr uns hier den zeitlichen Tod antut, denn wir wis-
sen nicht, wie lange wir leben werden und müssen ja
doch einmal sterben; dann setzte ich hinzu, sie sollten
sich vorsehen und nicht unschuldiges Blut vergießen.
So sind wir Vier nun verurteilt, und es wird mit uns
bald getan sein, meine lieben Brüder und Schwestern;
der Herr hat mich noch erhört, daß ich um seines Na-
mens willen mein Opfer tun mag; ich meinte nicht,
daß mich der Herr so lieb gehabt hätte; ich habe es ja
doch niemals an Ihm verdient; aber Er wolle durch sei-
ne Gnade mich hierzu tüchtig machen. Ach, welchen
starken Nothelfer haben wir, der uns nicht zu Schan-
den werden lässt; denn die Zeit, die ich hier gewesen
bin, dünkt mich sehr kurz zu sein, und dennoch habe
ich mich zuvor so sehr davor gefürchtet; dabei hat Er
mir auch in aller meiner Not so getreulich beigestan-
den, und macht mich nun so wohlgemut, daß ich von
keiner Betrübnis zu sagen weiß. Ach, ach, wie stark ist
unser Gott! Wer wollte Ihn nicht fürchten? Was sollte
uns erschrecken? Gott ist mit uns, wer mag wider uns
sein? Wir müssen ja doch hier alles verlassen; ich kann
wohl sagen, daß noch niemals eine größere Freude in
meinem Herzen gewesen ist, als ich hatte, da ich ver-
urteilt ward. Meine liebe Schwester, fürchte doch nicht
die Menschen, die wie Heu vergehen müssen, denn
sie können doch nicht mehr tun, als ihnen der Herr
zulässt. Meine lieben Brüder und Schwestern, fürchtet
euch doch nicht; hätte es ihnen der Herr zugelassen,
sie hätten mich so lange nicht sitzen lassen, aber nun
lässt es ihnen der Herr zu, das gefällt mir wohl, daß
sie mir aus dieser argen bösen Welt helfen werden,
um des Unglücks willen, das mir in dieser Welt noch
begegnen möchte, damit ich nicht abgewandt werde;
denn ich erwarte hier in dieser Welt keine Freude um
meines lieben Mannes willen, der mir auf diesem We-
ge vorangegangen ist, welchem ich nun durch des
Herrn Gnade nachtreten werde, und worauf ich lange
gewartet habe. Ich gehe nun auch voran, folgt mir
nach, dies ist der enge Weg, worauf die Propheten
und Apostel gewandelt sind, welche den Kelch auch
haben trinken müssen, den wir hier trinken müssen.
Bald sind wir hier die Wüste durchwandelt, wenn wir
noch ein bitteres Wasser getrunken haben; die Zeit
zu gebären ist nun vor der Türe, Weinen und Klagen
wird nun ein Ende haben. Ach, welche Freude ist das
in meinem Herzen! Sie ist so groß, daß ich es euch
nicht schreiben kann; ach, wie kräftig wirkt der Herr
in unseren armen schwachen Gefäßen! Ich weiß ja,
daß ich es an dem Herrn nicht verdient habe, und
710
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
auch nichts als den ewigen Tod verdient habe. Wenn
der Herr mit mir ins Gericht gehen wollte, so würde
ich nicht selig; aber es geschieht aus lauter Gnade;
darum muss ich nun die Seligkeit erwarten und weiß
gewiss, daß er meiner vorigen Sünden nicht mehr ge-
denken werde, wie der Prophet sagt: Wenn sich aber
der Gottlose von allen seinen Sünden bekehrt und alle
meine Rechte hält, so soll aller seiner Ungerechtigkeit
nicht mehr gedacht werden. Ach, meine werte und
sehr liebe auserwählte Schwester, die ich von Herzen
lieb und wert habe, und das in göttlicher Liebe, weil
du mir stets so viele Freundschaft erwiesen und mir
in der Not beigestanden hast, wofür ich dir nicht ge-
nug danken kann, denn ich bin nun hier eine arme
schwache Kreatur; es ist auch recht, daß ich alles be-
zahle, was ich schuldig bin, es sei nach dem Fleische,
oder nach dem Geiste; aber, meine liebe Schwester,
ich weiß dir nichts abzuverdienen, sondern danke dir
sehr herzlich für alles das, was du mir jemals erwiesen
hast. Ach, liebe Schwester, du schreibst mir, ich soll
dir vergeben, was du mir Leides getan; ach, meine
liebe Schwester, du hast mir nichts Leides getan; aber
wisse, daß ich in vielem an dir zu kurz komme, doch
ich vertraue dir, daß du es mit mir begraben, und
dessen nicht mehr gedenken werdest. Ich weiß, daß
ich in allem zu kurz komme; aber dafür ist Christus
gestorben, um dasjenige zu bezahlen, worin wir zu
kurz kommen, denn Er ist ja für uns des bittern Todes
gestorben, da Er doch ohne Runzeln und Flecken war,
und in seinem Munde kein Betrug erfunden ward,
wie sollten wir für einen Gerechten nicht gerne des
Todes sterben? Darum laß uns unserer selbst nicht
schonen, sondern um des Namens Christi willen frei-
willig in den Tod gehen, und nicht fürchten, was uns
auch Menschen tun mögen. So sei denn wohlgemut,
mein lieber Bruder und meine liebe Schwester; be-
trübt euch doch nicht mehr um mich; wenn wir auch
von den Menschen getötet werden, es ist doch so des
Herrn Wille, denn ich weiß wohl, daß ihr um meinet-
willen große Betrübnis habt; es ist nun geschehen; ich
werde nun bald meinen letzten Feind überwunden
haben, daß ich mit Paulus sagen kann: Ich habe einen
guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, Glauben
gehalten, hinfort ist mir die Krone des ewigen Lebens
beigelegt; ich werde euch bald ein Brief sein, der vor
allen Menschen wird gelesen werden können. Müs-
sen wir, meine liebe Schwester, auch hier voneinander
scheiden, so wisse doch, daß es um eines Bessern wil-
len geschieht; wir haben ja doch weder Stunde noch
Zeit; es ist ja herrlich, um seines Namens willen zu
sterben, und Petrus sagt: Freut euch, wenn ihr um des
Wohltuns willen leidet und duldet; das ist Gnade bei
Gott. Aber, meine liebe Schwester, es ist nun die Reihe
an mir; vielleicht ist morgen die Reihe an dir; habe
doch guten Mut, und erwarte deine Zeit mit Geduld,
meine allerliebste Schwester. Du schreibst mir von
meinem Kinde; ich habe das Vertrauen zu dir, daß du
das Beste dabei tun werdest; ich habe es dem Herrn
übergeben, daß Er damit nach seinem Wohlgefallen
tun und eure Herzen dazu bewegen wolle, denn liebe
Schwester, ich habe das Vertrauen zu dir, daß du mich
von Herzen liebest; die aber den Baum lieben, die
müssen auch die Zweige lieb haben. Ich habe deinen
Brief noch einmal mit Tränen gelesen, als ich hörte,
daß du um meinetwillen so betrübt wärest, und ich
so fröhlich war.
Ach, meine liebe Schwester, wie freudig war ich,
daß ich dich noch einmal geküsst hatte; betrübe dich
nicht darüber, daß du mich nicht mehr besucht hast;
ich habe es dir nicht übel aufgenommen, denn ich
weiß es wohl, daß es dir am Willen nicht gemangelt
hat. Meine liebe Schwester, du hast mir so viel getan;
ach, mein lieber Bruder und meine liebe Schwester,
ich sollte euch wohl noch mehr schreiben, von der
Hoffnung, die jetzt in mir ist; aber ich kann euch nicht
schreiben, wie groß sie ist; ich hoffe, ihr werdet dieses
zum Besten deuten. Hiermit will ich einen ewigen
Abschied von euch nehmen; tut das Beste aneinander.
Und du, mein lieber Bruder, tröste doch meine liebe
Schwester in ihrem Druck, den sie um meinetwillen
hat, denn ich liebe sie von Grund meines Herzens;
es fällt auch der Abschied dem Fleische nach schwer;
aber dem Geiste nach wollest du doch den Herrn lo-
ben und Ihm danken, daß ich ein solches Opfer tun
möge, das Ihm angenehm sein mag, und daß ich mein
Fleisch und Blut an einem Pfahle aufopfern mag; der
es mir gegeben hat, dem gebe ich es gern wieder, und
wenn ich sieben Leiber hätte, so wollte ich sie gern um
des Herrn willen übergeben. Bittet doch den Herrn
herzlich, daß ich doch mm einen rechten Gang tim mö-
ge, zur Erbauung aller lieben Brüder und Schwestern;
hiermit gute Nacht. Ich habe Stricknadeln für mein
Töchterlein mitgesandt; verwahrt dieselben, und tut
an ihr das Beste. Ich hinterlasse dich auch hier als ein
armes vater- und mutterloses Waislein; der Herr wol-
le dein lieber Vater sein, ich empfehle dich dem, der
dich erschaffen und gemacht hat. Meine Schwester,
verwahre doch meine Lampe zu meinem Andenken;
ich habe für dich und deine Tochter etwas Zucker ge-
sandt, wovon ich aß, als ich verurteilt war. Sage dem
Engel statt meiner Dank für den Krug Wein, und sa-
ge ihm gute Nacht. Ich weiß euch nun nichts weiter
anzuempfehlen, als daß ihr das Beste an meinem jun-
gen Schäflein tun wollt, der Herr wird es euch nicht
unbelohnt lassen, was ihr um seines Namens willen
tut. Entbietet meinem Vater und meiner Mutter, mei-
711
nen lieben Brüdern und Schwestern gute Nacht zum
Abschiede. Gute Nacht zum Abschiede euch allen;
gute Nacht, meine lieben Brüder und auserwählten
Schwestern, die ich von Grund meines Herzens liebe.
Ich grüße euch noch einmal mit dem heiligen Kusse
des Friedens, als ob ich gegenwärtig bei euch wäre,
küsst einander. Meine Mitschwestern, die bei mir sind,
grüßen euch auch, und haben mich statt eurer einmal
geküsst, was ich statt eurer auch getan habe. Meine
lieben auserwählten Brüder und lieben Schwestern,
werdet doch Jesu Christi nicht überdrüssig; ich hoffe
euch vorzuwandeln nach der himmlischen Stadt, und
will unter dem Altar warten bei allen auserwählten
Heiligen; darum folgt mir nach. Meine liebe, auser-
wählte Schwester, nun muss ich dir voran wandern;
dort werde ich Freude genießen. Gute Nacht, meine
liebe Schwester, sei doch meiner eingedenk; die Zeit
meines Gebärens ist vor der Tür, wo ich an einem
Pfahle mein Opfer tun werde. Sehr Geliebte, hiermit
befehle ich dich dem Herrn.
Ich werde dieses mit meinem Blute versiegeln. Gu-
te Nacht, gute Nacht, meine allerliebsten Brüder und
Schwestern, samt euren kleinen Schäflein, und auch
dem meinen, das ich unter meinem Herzen getragen
habe. Dieses habe ich noch für euch geschrieben, als
ich verurteilt war, in der Nacht nach ein Uhr, wie-
wohl ohne Verdruss, und nehme nochmals meinen
Abschied von euch, bis wir demnächst wieder Zusam-
menkommen, wo uns keine Menschen mehr scheiden
werden. Gute Nacht, bis wir miteinander den neuen
Most trinken werden, den uns Christus an seiner Tafel
einschenken wird. Dieser andere Brief kommt vom
Augustin, den er mir gesandt hat. Gute Nacht, gute
Nacht insgesamt; gute Nacht, ich werde meinem lie-
ben Mann Hans nachfolgen. Nun geht die Frau mit
ihrer Hebamme und der Aufwärterin dahin und wer-
den gleichen Lohn empfangen. Mehr nicht von mir,
als diesen letzten Abschied. Folgt mir nach. Fürchtet
Gott! Das ist der Schluss.
Susanneken und Kalleken Claes, 1573.
In diesem Jahre 1573 sind ferner zu Gent in Flandern,
um der Nachfolge Christi willen, zwei Schwestern,
die noch Jungfrauen waren, mit Namen Susannneken
und Kalleken Claes oder Draeyarts verhaftet worden,
von denen die zuerst genannte ungefähr 26, die ande-
re aber ungefähr 24 Jahre alt war. Als dieselben auf
dem Saucelet, dem Stadtgefängnis, gefangen saßen,
haben sie von den Feinden der Wahrheit viel Versu-
chung und Anstoß ausstehen müssen, in welchem
allem sie bei ihrem einigen Hirten, Herrn und Herzog
des Glaubens Stand gehalten; sie haben sein Kreuz
und seine Schmach unter seiner Blutfahne tragen hel-
fen und als tapfere Heldinnen männlich bis in den
Tod gestritten, den sie um seines Namens willen ha-
ben schmecken müssen. Da sie nun standhaft blieben
und weder von der Wahrheit Gottes, noch von dem
rechten Glauben, worauf sie nach Christi Ordnung
die Taufe empfangen hatten, nicht abfallen wollten, so
sind sie endlich als Ketzerinnen zum Tode verurteilt,
und den vierten Dezember des gemeldeten Jahres,
nachdem sie ihnen den Mund mit Kugeln verstopft
(womit sie ihnen das Reden zu verwehren suchten,
damit sie nicht die Ursache ihres unschuldigen, frei-
mütigen, gutwilligen und Gott angenehmen Todes
und ihrer Aufopferung verkündigen könnten), auf
den Freitagsmarkt gebracht worden, wo man sie öf-
fentlich an einem Pfahle verbrannt hat.
Also sind sie mit brennenden Lampen und mit Ge-
fäßen, die mit Öl der Liebe angefüllt waren, ihrem
Vorgänger und Bräutigam entgegen gegangen, der
sie als kluge Jungfrauen zu seiner Hochzeit einfüh-
ren wird, wenn die Törichten, deren Klopfen bei ihrer
späten Reue und unzeitigem Herzeleid nicht erhört,
ausgeschlossen werden und draußen bleiben müssen.
Anthonius Vsbaerts, 1573.
Zu der Zeit, als der Herzog von Alba in den Nieder-
landen die Gläubigen grausam verfolgte und seine Ty-
rannei an ihnen ausübte, ist auch zu Tielt in Flandern,
um seines Glaubens und der Belebung der Wahrheit
willen, Anthonius Ysbaerts gefangen genommen und
getötet worden. Derselbe war ein Diener des Ober-
schultheißen zu Gent, und hat daher oft, als die Heili-
gen aufgeopfert wurden, dabei gestanden, wiewohl er
die unüberwindliche Standhaftigkeit im Glauben und
die fröhliche Gemütsruhe der Christen, die mitten in
ihrem unschuldigen Leiden den Namen Gottes un-
verzagt bekannten, verkündigten und groß machten,
nicht mit sündlichen, lüsternen, leichtfertigen und eit-
len Sinnen, noch mit verblendeten Augen angesehen
hat, sondern er ist dadurch zuletzt in seinem Gemüt
so gerührt und bekümmert worden, daß er nicht al-
lein den Dienst seines lieben Herrn, sondern auch den
Dienst der Abgötter verlassen und sich dem Dienste
Gottes widmete, obgleich er es oft angesehen hat, was
andern deshalb widerfahren ist, und was er ebenfalls
zu gewärtigen hatte, wie ihm denn solches auch in
der Tat widerfahren ist.
Nachdem er sich nämlich zum Gehöre des Wor-
tes Gottes und zur Nachfolge Christi begeben hatte,
worin er so zugenommen hat, daß er würdig erkannt
wurde, die Taufe auf seinen Glauben zu empfangen
und zu einem Mitglied der Gemeinde Christi aufge-
712
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
nommen zu werden, hat er aus dem Lande fliehen
müssen und ist nach Friesland gezogen, wo er, weil
er kein Handwerk verstand, kaum seine Kost hat ver-
dienen können. Unterdessen hat es sich zugetragen,
daß ein anderer Bruder auch um seines Glaubens wil-
len aus dem obengenannten Tielt geflüchtet ist und
sich in Friesland häuslich niedergelassen hat, welcher,
weil er viel Vermögen zurückgelassen hatte, diesen
Anthonius gedungen und nach Tielt gesandt hat, um
seine Rechnungen in Ordnung zu bringen und sei-
ne Güter zu retten und ihm zu überbringen, so viel
ihm möglich wäre. Als er nun alle Dinge, die ihm
aufgetragen waren, beschickt hatte, und er eben im
Begriffe stand, wieder nach Friesland zu reisen, kam
der Oberschultheiß von Tielt zu ihm und fragte ihn,
ob er nicht auch von dem Volk wäre, das ihn ausge-
sandt hätte; und als er solches nicht leugnen durfte,
hat der Schultheiß nach seinen Dienern gesandt und
ihn ins Gefängnis führen lassen, wo er vielem Anstoß
und großer Pein hat widerstehen müssen. Als er aber
in allem standhaft bei der angenommenen Wahrheit
blieb, ist er endlich, nach des Königs Befehle, zum
Tode verurteilt worden, daß er als ein Ketzer lebendig
verbrannt werden sollte.
Als nun sein Urteil vorgelesen ward, hat er um
Erlaubnis gebeten, einige Worte reden zu dürfen, und
als er solche erhalten, fragte er die Herren, ob sie nicht
glaubten, daß dieses Urteil zu grausam sei, indem er
niemanden misshandelt hätte.
Dieses hat die Richter in solche Bewegung gesetzt,
daß sie zusammen redeten und beschlossen, daß man
ihn zuerst erwürgen, dann aber erst verbrennen soll-
te, wofür er sich bedankte, daß sie ihm noch so viel
Gnade erzeigt hätten.
Es war auch einer bei ihm, Bruder Pieter de Bäcker;
dieser suchte noch viel mit ihm zu reden, um ihn zum
Abfall zu bringen, aber er hat alle seine Reden von
der Hand gewiesen und zuletzt gesagt: Laß mich zu-
frieden; mein Gemüt ist ruhig, und mein Abschied ist
sehr nahe, denn ich hoffe mein Opfer getan zu haben,
ehe die Glocke, die nun schlägt, noch einmal schlagen
wird, und dann zu Hause bei meinem Erlöser zu sein,
auf welchen ich meine Hoffnung und mein Vertrauen
gerichtet habe.
Hiernach wurde er mit sehr schlechten Kleidern
zum Tode hinausgeführt; denn er hatte seine Kleider,
die besser waren, mit einem, der um seiner Misse-
tat willen gefangen saß und bald darauf frei werden
sollte, vertauscht.
Da er nun zu dem Pfahle kam, woran er sein Op-
fer verrichten sollte, ist er niedergekniet und hat ein
ernstliches Gebet zu Gott getan, und darauf sich frei-
willig zum Tode bereitet. Als aber der Scharfrichter
ihn erwürgen wollte, konnte er seinen Knebel nicht
finden; da hat der Schultheiß mit seinem Degen ein
Stück von der Fackel abgehauen, womit sie das Feuer
anzünden wollten, um dasselbe statt eines Knebels
zu gebrauchen. Sodann ist er (als er seinen Geist in
die Hände Gottes befohlen hatte) sanft in dem Herrn
entschlafen. Als er nun erwürgt war, und das Feuer
angesteckt wurde, um ihn zu verbrennen, ist auf ein-
mal solch ein schreckliches Ungewitter entstanden,
daß sich viele Menschen darüber entsetzten und der
Meinung waren, daß Gott hiermit sein Missvergnü-
gen über die Tyrannei, welche seinen Auserwählten
angetan wurde, habe zu erkennen geben wollen.
54 Personen, sowohl Brüder als Schwestern,
nämlich 37 zu Antwerpen und 17 zu Brüssel,
werden um des Zeugnisses Jesu Christi willen im
Jahre 1574 sehr unbarmherzig verbrannt.
Nach mancherlei und langwieriger Tyrannei, Peini-
gen, Morden und Töten der Kinder Gottes ist es noch
im Jahre 1574 auf Veranlassung des grausamsten und
blutdürstigsten Tyrannen, des Herzogs von Alba, ge-
schehen, daß zu Antwerpen in Brabant 37 Personen
in einer Versammlung verhaftet worden sind; eben-
so sind zu Brüssel in Brabant 17 Personen, Männer,
Weiber, Witwen und Jungfrauen zu gleicher Zeit zur
Haft gebracht, welche in diesen hier gemeldeten Plät-
zen schwere Gefangenschaft erlitten haben und mit
grausamer Tyrannei gepeinigt und verhört worden
sind, um sie zum Abfall von der Wahrheit des heiligen
Evangeliums und der Nachfolge Christi zu bringen,
damit sie wieder dem päpstlichen Aberglauben und
all ihrer Krämerei der Menschensatzungen und wider
Gott streitenden Gebote nachfolgen möchten; insbe-
sondere hat man sie mit grausamer Tyrannei gepei-
nigt, um ihre Glaubensgenossen zu verraten und in
die Hände des Schinders und der Henkersknechte zu
liefern, denn sie waren noch nicht gesättigt, sondern
dürsteten noch immer nach dem unschuldigen Blute;
aber diese frommen Helden und Männer Gottes ha-
ben diesen listigen und tyrannischen Anschlägen des
Teufels, durch den Glauben und die unüberwindliche
Kraft Gottes (die in ihnen war), tapferen Widerstand
geleistet und überwunden; deshalb sind sie von den
blinden Schriftgelehrten für Ketzer erklärt und den
weltlichen Obrigkeiten in die Hände gegeben worden.
Diese, welche von dem Weine der babylonischen Hu-
re trunken gemacht waren, haben sich als Schinder
und untertänige Diener dieser abgöttischen Pfaffen
und Mönche in diesen und andern Zeiten gebrau-
chen und diese 54 gemeldete Personen alle nach und
nach unbarmherzig verbrennen lassen, sodass sie alle
713
standhaft gestorben sind und den Glauben der ewi-
gen Wahrheit mit ihrem Tode und Blute bezeugt und
befestigt haben, und wiewohl es öffentlichen Dieben
und Mördern zugelassen wird, den Mund aufzutun
und ihre Not dem umstehenden Volke zu bekennen,
auch den Gott des Himmels um Vergebung ihrer Sün-
den anzurufen, so ist doch die grausame Tyrannei
und der Neid gegen die wahren Kinder Gottes so
groß gewesen, daß ihnen solches oft verweigert wur-
de. Zu dem Ende haben sie den frommen Zeugen
Gottes den Mund mit Gebiss und Kugeln verstopft,
damit sie dem umstehenden Volke ihre Unschuld und
die gerechte Sache (warum sie litten) nicht mitteilen
konnten; die Pfaffen und Mönche aber, als sie merk-
ten, daß diese frommen Männer Gottes, wenn sie zum
Gerichte kamen, sich von diesem Gebiss und diesen
Kugeln wieder befreiten und dem Volke mit Gottes
Wort zuredeten, haben, um diesem vorzubeugen, ein
Werkzeug machen lassen, eine Art von Feilkloben;
zwischen denselben haben sie die Gefangenen die
Zunge stecken lassen und haben dann zugeschraubt;
damit aber die Zunge nicht durchschlüpfen möchte,
so haben sie dieselbe mit einem glühenden Eisen be-
strichen, damit sie aufschwoll; dieses neu erfundene
grausame Kunststück der Mönche und Pfaffen haben
die Tyrannen, zu ihrer ewigen Schande, an diesen
gemeldeten Personen zur Anwendung gebracht.
Es haben aber diese wahren Zeugen Jesu dieses al-
les als demütige Schafe und Lämmer Christi erlitten,
die, als sie zur Schlachtbank geführt wurden, ihnen
keinen Widerstand geleistet haben, sondern von den-
selben unrechtmäßig getötet worden sind; aber es ist
zu fürchten, es möchte ihnen diese Tat in der Wieder-
kunft Christi (mit allzu später Reue) genug zu schaf-
fen machen; dagegen werden diese tapferen Helden
und Heldinnen, die so ritterlich für des Herrn Na-
men gestritten haben, von ihrem Bräutigam Christo
Jesu, auf dem Berge Zion, mit der Krone der ewigen
Herrlichkeit belohnt werden, denn nun ist der Streit
ausgeführt und sie ruhen unter dem Altar.
Wem es gefällt, der lese Emanuel von Meteren der
H. H. Staaten löblichen Geschichtsschreiber, gedruckt
im Jahre 1614, Blatt 99, wo er die Wahrheit dieser
Sache finden wird.
Adrian Hutmacher und Matthäus Keuse, 1574.
Zu Brügge in Flandern sind auch im Jahre 1574 Adri-
an Hutmacher, sonst Kort-Adriaentgen von Gent ge-
nannt, und Matthäus Keuse verhaftet worden, weil
sie der Lehre Christi und seiner Apostel nachfolg-
ten und sie belebten. Nachdem sie nun eine Zeitlang
gefangen gesessen hatten, sind sie, um des standhaf-
ten Bekenntnisses ihres Glaubens willen, zum Feuer
verurteilt worden. Als sie nun auf die Schaubühne ka-
men, um ihr Opfer zu tun, hat der Pfaffe einige Worte
geredet, worauf der Scharfrichter zu ihm sagte: Sorge
du für dein Predigen; darauf hat der Schinder oder
Scharfrichter diese Brüder geküsst, und dieselben mit
Gottes Wort getröstet; der Pfaffe aber, oder Beichtva-
ter, als er solches hörte, sagte zu ihm: Sorge du für
dein Amt, denn das Predigen kommt mir zu. Nach
diesen und mehreren andern Vorgängen haben diese
beiden Brüder ihr Brandopfer dem Herrn freimütig
übergeben und ihre Seelen in seine Hände befohlen,
und haben ihren Abschied in diesem Tränentale ge-
nommen, damit sie in die ewige Freude zu Gott und
allen seinen Heiligen kommen möchten.
Hans Peltner, im Jahre 1574.
Im Jahre 1574 ist Hans Peltner, ein Schneider, zu Rot-
terhofen im Inntale um seines Glaubens und der gött-
lichen Wahrheit willen in Verhaft genommen worden,
welcher viele Verhandlungen und Anfechtungen, so-
wohl von den Pfaffen, als andern hat erdulden müs-
sen; er hat aber allem diesem tapferen Widerstand
geleistet, und die Wahrheit mit dem Worte Gottes be-
zeugt, wobei er mit Gottes Hilfe bis in den Tod bleiben
wollte. Darauf ist er endlich zum Tode verurteilt, und
auf den Richtplatz hinausgeführt worden, wo er das
Volk ermahnt hat, daß es von Sünden ablassen und
Buße tun sollte; darnach kniete er nieder, wandte sein
Angesicht nach Osten (oder nach dem Aufgang der
Sonne), erhob seine Hände gen Himmel, und hat ein
ernstliches Gebet zu Gott, seinem himmlischen Vater,
getan, worin er Ihm für alle Gnade und Wohltat, die
Er an ihm bewiesen, und daß Er ihn gewürdigt hatte,
um seines Namens willen zu leiden, Lob und Dank
gesagt hat; auch hat er für alle Menschen, die es wür-
dig waren, gebeten, daß Gott ihre Herzen mit Buße
und Besserung erfüllen wolle. Zuletzt hat er seinen
Geist in die Hände Gottes befohlen, für dessen Namen
er seinen Leib und sein Leben (welches er von Ihm
empfangen hatte) gern wieder aufopfem und seine
Wahrheit bis an den letzten Tropfen Blutes bezeugen
wollte, wie er Ihm in der Taufe angelobt hatte, und so
erwarten wollte, daß er von Ihm in die Arme seiner
Gnade aufgenommen würde.
Dieses Gebet währte dem Scharfrichter zu lange;
darum wollte er, daß er solches abkürzen sollte; aber
die Richter sagten, er sollte ihn nach seinem Willen
und Wohlgefallen ausbeten lassen, weil es ja das letzte
Mal wäre.
Als er ausgebetet hatte, ist er aufgestanden und
freimütig zum Scharfrichter gegangen, sodass weder
714
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
seine Haltung noch seine Farbe sich verändert hat;
er ist aber noch einmal so beherzt niedergekniet, daß
sich auch der Scharfrichter über sein herzhaftes Gebet
und unverzagtes Gemüt entsetzt und sich gefürchtet
hat, ihn zu richten.
Als nun der Scharfrichter ihm den Halskragen ab-
nahm, fragte er ihn noch einmal, ehe er das Schwert
nahm, ob er umkehren wollte, aber er wollte es nicht.
Darauf enthauptete ihn der Scharfrichter und ver-
brannte seinen Leichnam. Also hat dieser christliche
Held die Wahrheit mit seinem Blute frei bezeugt, und
sich von dem Wege des ewigen Lebens in Christo
nicht abwenden lassen; darum wird der Herr, der
Richter der Lebendigen und der Toten, der das Ge-
richt und die Seelen derer, die um des Glaubens willen
gestorben sind, in seiner Hand hat, ihn am jüngsten
Tage aufwecken, und vor sich erscheinen lassen; als-
dann wird er die Marterkrone und alles erben, was
Gott den Seinen verheißen hat.
Reytse Aysetz von Oldenborn wird zu Leeuwarden
um des Zeugnisses Jesu Christi willen den 23.
April im Jahre 1574 getötet.
Verschiedene Schreiben von Reytse Aysetz von Olden-
born, gefangen zu Leeuwarden, im Jahre unsers Herrn
1574. Der erste Brief, von Reytse Aysetz in seiner Ge-
fangenschaft geschrieben, wie er von dem Edelmanne
(Andreas Grief genannt) verraten, gefangen und in
Banden gelegt worden sei, wo er seinen Glauben frei-
mütig und unerschrocken bekannt hat.
Es ist im Jahre 1573 den 18. September gewesen, daß
ich nach Oldenborn gekommen bin; dort ist mir der
Edelmann begegnet; derselbe begehrte von mir, ich
sollte mit ihm gehen, er hätte mir etwas zu sagen. Als
ich mm mit ihm in sein Haus kam, fragte er, wo ich
wohnte; ich antwortete: Zu Bechsterschwaeg. Darauf
fragte er mich, wie alt ich wäre; ich sagte, ich wüsste
es so genau nicht; ferner hat er mich gefragt, wo ich
über Nacht gewesen wäre; ich sagte: In meines Va-
ters Hause. Er fragte mich, ob H. nicht dort gewesen
wäre; hierauf schwieg ich still, worauf er so ernst-
lich in mich gedrungen ist, daß ich zuletzt ja sagte.
Darauf fragte er mich nach mehreren andern, ich aber
schwieg lange still; zuletzt, nach vielen Versuchungen,
sagte ich, daß W. auch dort gewesen sei, und daß wir
von jeher große Freundschaft miteinander gehalten
hätten; nachdem wir noch einiges verhandelt hatten,
schwieg ich still. Darauf hat er mich in Fesseln gelegt,
und mich mit den Altvätern von 1500 Jahren her, und
andern Schriften, die im Neuen Testament nicht ent-
halten sind, zu unterrichten gesucht; ich sagte, daß
ich keine anderen Schriften annehmen wollte, als das
Neue Testament.
Am andern Tage Morgens kam ein Unterschulz von
Leeuwarden, welcher sehr in mich gedrungen, ihm
zu bekennen, was für Leute in meines Vaters Haus
gewesen wären, aber der allmächtige Gott hat mei-
nen Mund bewahrt. Hiernächst haben sie mich nach
Leeuwarden geführt und in ein Loch geworfen, worin
sich acht Gefangene befanden, die nach Gott nichts
fragten; dort war ich anfänglich sehr betrübt, und rief
den allmächtigen Gott Tag und Nacht an, daß Er mich
bewahren wolle; Er hat auch mein Herz erleuchtet,
weshalb ich dem ewigen Vater für seine großen Wohl-
taten, die Er an mir bewiesen hat, Lob und Dank sage.
Nachdem ich hier fünf Tage gelegen hatte, haben sie
mich in ein anderes Gefängnis gebracht, unter eine
Herrschaft, wofür ich Gott gelobt und gedankt habe.
Verschiedene Verhöre des Reytse Aysetz, durch
den Verordneten, die Pastoren, Pfaffen, Bischöfe
und mehrere andere gehalten.
Den sechsten Tag haben sie mich vor den Verordne-
ten gebracht; unterwegs aber begegnete mir ein alter
Mann, der mir einen guten Abend bot; ich dankte ihm
und erschrak, als ich ihn ansah; aber er sagte zu mir:
Du hast einen bösen Verordneten; er redete viel mit
mir, unterrichtete mich auch, wie ich dem Verordne-
ten antworten sollte, und so bin ich hinein gegangen.
Der Verordnete wünschte mir zunächst einen gu-
ten Tag, welchen Gruß ich erwiderte; dann fragte er
mich, was ich hier zu tun hätte; ich sagte, ich wäre
wider meinen Willen hergebracht worden. Weiter hat
er gefragt, was ich glaube. Antwort: Ich glaube an den
allmächtigen Gott, und daß nicht mehr als ein Herr,
ein Glaube und eine Taufe ist, wodurch wir selig wer-
den; er sagte, daß er solches auch wohl glaubte, aber
ich wäre verführt. Ich fragte ihn, ist denn Gott ein
Verführer? Commissarius: Nein, sondern von Menno
und andern Verführern. Ich sagte, ich gründete mich
nicht auf Menschen, sondern auf das Wort des Herrn.
Er sagte: Ich sollte mich unterrichten lassen von der
heiligen katholischen Kirche, denn Gott hätte selbst
Apostel, Doktoren und Pastoren eingesetzt. Ich sagte,
ich glaube an nichts anderes, als an das Wort Gottes
und das Neue Testament. Darauf hat er mich gefragt,
ob ich getauft wäre; worauf ich erwiderte, ja, auf mei-
nen Glauben, wie Christus befohlen hat. Da hielt er
eine lange Rede, daß Christus sein Fleisch und Blut
von Maria empfangen habe und daß ich es glauben
müsste. Hiernächst fragte er mich, wann ich mich das
letzte Mal der Beichte und des Sakraments bedient
hätte; ich erwiderte, während meines ganzen Lebens
nicht, worüber wir noch manches hin und her rede-
715
ten; er ermahnte mich, ich sollte mich von der heiligen
Kirche unterweisen lassen; darauf ging er fort; solches
ist am Freitag geschehen. Nachdem ich sechs und ei-
ne halbe Woche gefangen gesessen hatte, haben sie
mich auf die Pforte gebracht; dort traf ich einen Pastor
von Ryehoof (derselbe ist Pastor zu Enchuysen gewe-
sen) und einen Advokaten; diese fragten mich, wie
ich mich bedacht hätte; ich erwiderte, daß ich bei des
Herrn Worte bleiben wollte. Hiernächst nahmen sie
eine Schrift zur Hand, die mein Bekenntnis enthielt;
sie fragten mich darauf, ob ich der Mennoniten Ge-
meinde für recht erkenne; ich sagte, ihr nennt sie so,
aber ich halte sie für die wahre Gemeinde Gottes; das
schrieben sie nieder. Darauf fragten sie mich, ob ich
auf meinen Glauben getauft wäre; ich sagte ja; dann
fragten sie mich, ob ich in meiner Jugend nicht getauft
worden sei; ich sagte ja, aber das sei keine Taufe wie
Christus befohlen habe, denn Christus hat gelehrt, zu-
erst Buße zu tun und sich zu bekehren, und alsdann
sich taufen zu lassen, zur Vergebung der Sünden; seht,
ebenso habe ich mich auch taufen lassen.
Darauf sagten sie, daß die Kinder in der Erbsünde
geboren wären, darum müssten sie auch durch die
Taufe gereinigt werden; ich antwortete: Christus hat
uns von Adams Falle und Übertretung erlöst, dar-
um sagt Er selbst, daß den Kindern das Himmelreich
zukomme; sie sagten, ja, aber das wären beschnit-
tene Kinder. Darauf fragten sie, ob ich wohl in der
Mennoniten Gemeinde gewesen wäre; ich erwiderte,
daß ich in der Gemeinde Gottes gewesen wäre; die-
ses schrieben sie auf. Frage: Was hältst du von der
römischen Kirche? Antwort: Ich halte nichts davon.
Frage: Was hältst du von dem Sakrament? Antwort:
Ich habe mein Leben lang noch nie von einem Sa-
krament gelesen, sondern von dem Abendmahl des
Herrn; dasselbe wollte ich wohl halten, wie es Chris-
tus befohlen hat; aber von eurem Sakrament halte ich
nichts. Frage: Glaubst du auch, daß Gott allmächtig
ist? Ich antwortete: Ja. Dann fragten sie weiter, ob Gott
um deswillen nicht in das Brot kommen würde, das
sie brächen? Antwort: Das glaube ich nimmermehr.
Auch fragten sie, ob ich nicht glaubte, daß Christus
von Maria Fleisch und Blut angenommen hätte; ich
entgegnete mit kurzen Worten, daß ich solches nicht
glaubte.
Dies sind hauptsächlich die Artikel, um welche sie
mich gefragt hatten, wobei ich bemerke, daß sie alles
aufschrieben. Darauf fragte ich den Pfaffen: Wenn ich
nun euren Willen tun würde, wolltet ihr dann für mei-
ne Seele einstehen? Er sagte, ja, für dich und die ganze
Welt; ich sagte, das lautet, wie der Apostel sagt: Sie
verheißen ihnen Freiheit, während sie selbst Knech-
te des Verderbens sind. Er sagte: Das wäre nicht zu
ihnen geredet. Nach vielen andern Reden, die wir mit-
einander hatten, entließen sie mich, und so nahmen
wir damals unsern Abschied voneinander.
Als ich sieben Wochen gefangen gelegen hatte, bin
ich abermals aufs Tor in einen großen Saal gebracht
worden; in demselben traf ich drei Pfaffen; der eine
war der von Ryehoof, bei welchem ich oft gewesen bin,
der andere war ein Friesländer; diese fragten mich,
wie ich mich bedacht hätte; ich antwortete, daß ich,
mit Gottes Hilfe, bei des Herrn Wort bleiben wollte; er
sagte, daß es Gottes Wort nicht wäre, und daß ich ver-
führt wäre; es täte ihm leid, weil wir beide Friesländer
wären; auch fügte er hinzu, wenn man zeitliche Din-
ge unter den Händen hat, die man nicht versteht, so
sucht man Rat bei denen, die in solchen Sachen weise
und verständig sind, und lässt sich unterrichten; dar-
um ist es nötig, daß man sich auch in Sachen, welche
die ewige Seligkeit betreffen, von verständigen Män-
nern der heiligen Kirche unterweisen lässt. Antwort:
Wer mir aus des Herrn Worte einen rechten Unterricht
gibt, den will ich gern hören, aber durch euren Un-
terricht könnte ich wohl verführt werden; sie sagten,
ich wäre schon verführt; wenn ich mich aber von der
heiligen Kirche unterrichten lassen wollte, so wollten
sie ihre Seelen am jüngsten Tage für mich zum Pfän-
de setzen; ich erwiderte, sie würden wohl mit ihren
eigenen Seelen genug zu tun haben; aber sie blieben
dabei stehen, ich wäre verführt. Zuletzt kamen wir
an die Kindertaufe; sie sagten, die Kinder wären in
der Erbsünde geboren. Ich antwortete: Christus hat
uns frei gemacht und die Kinder zu sich gerufen und
bezeugt, daß solcher das Reich Gottes wäre. Pfaffe:
Fleisch und Blut kann das Reich Gottes nicht ererben,
darum muss man aus Wasser und Geist geboren wer-
den; daraus folgt ja, daß die Kinder getauft werden
müssen, sollen sie anders wiedergeboren werden und
das Reich Gottes ererben. Reytse: Die Kinder stehen in
der Gnade Gottes, solange sie in ihrer Unwissenheit
bleiben und durch das Blut Christi gewaschen sind;
darum ist es eine nichtige und vergebliche Sache, sie
zu taufen. Pfaffe: Wie verstehst du die Wiedergeburt?
Reytse: Ein Mensch muss rechtschaffene Buße tun
und sein Leben bessern; er muss seine Sünden mit zer-
schlagenem Gemüt vor Gott bekennen, daß sie ihm
von Herzen leid seien, und mit Vertrauen zu Gott um
Vergebung rufen; auch muss er an Gottes Wort glau-
ben und in allem Gehorsam sich darunter beugen; auf
solches Bekenntnis soll er die Taufe empfangen, zur
Vergebung der Sünden; solches kann ja von keinen
Kindern geschehen. Pfaffe: Gleichwohl müssen die
Kinder getauft werden, denn die Apostel haben gan-
ze Häuser getauft, darunter müssen ja auch Kinder
gewesen sein. Reytse: Das Haus Stephanus hat sich
716
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
selbst verordnet, zum Dienste der Heiligen, solches
können keine Kinder tun. Hiernächst führten sie an,
daß die Apostel zuerst, und nach ihnen die heiligen
Väter vor 1500 Jahren sie eingesetzt hatten; ich erwi-
derte, der Papst hätte sie eingesetzt; derselbe hätte es
besser machen wollen als Christus.
Da wurden sie unwillig und sagten, ich wäre ver-
führt, ich würde Leib und Seele in das Verderben stür-
zen; ich antwortete, das Leben könnten sie mir wohl
nehmen, die Seele aber würde ich wohl erhalten, zum
ewigen Leben. Pfaffe: Was hältst du von der heiligen
römischen Kirche? Reytse: Daran glaube ich nicht.
Pfaffe: Glaubst du nicht, daß die Priester die Sünden
vergeben können? Reytse: Nein, nein, denn Gott ist al-
lein, der die Sünden vergeben kann; dieses schrieben
sie auf. Pfaffe: Glaubst du nicht, daß Gottes Fleisch
und Blut in dem Brote sei, das wir brechen? Reytse:
Nein. Pfaffe: Das ist klar genug, denn Christus spricht:
Nehmt, esst, das ist mein Leib, dagegen kannst du
nichts einwenden. Reytse: Christus hat seinen Jüngern
Brot zu essen und Wein zu trinken gegeben, wie die
Evangelisten bezeugen, und nicht seinen Leib, denn
Er saß noch dort bei ihnen leibhaftig an der Tafel; auch
sagte Er zu seinen Jüngern, die seine Worte fleischlich
verstanden, wie ihr tut, und darüber murrten: Das
Fleisch ist nichts nütze; die Worte, die ich rede, sind
Geist und Leben. Sein Fleisch und Blut hat Er dahin
gegeben zur Erlösung für viele, und nicht, daß man
sein Fleisch essen soll; Er sitzt zur rechten Hand Got-
tes, seines allmächtigen Vaters, und wird nicht von
dannen kommen, bis Er die Lebendigen und Toten
richten wird. Darum wird Er nicht unter eure Zähne
kommen. Pfaffe: Dennoch sagt Paulus: Das Brot, das
wir brechen, ist das nicht der Leib Christi? Der Kelch,
den wir segnen, ist der nicht das Blut Christi? Darum
muss man glauben, daß Gottes Fleisch und Blut in
dem heiligen Sakrament sei. Reytse: Ich habe nichts
von einem Sakrament gelesen, sondern von des Herrn
Abendmahl; dasselbe wollte ich mit der Gemeinde
Gottes gern halten, aber das übrige begehre ich nicht.
Sie hatten davon noch viel mehr Reden, die mir zu
weitläufig sind zu erzählen; sie hielten das Sakrament
so hoch, daß sie auch ihr Haupt entblößten, wenn
sie es nannten; auch sahen sie mich scharf an, weil
ich demselben keine Ehre erweisen wollte. Sie frag-
ten mich auch, ob ich nicht glaubte, daß Christus von
Maria Fleisch und Blut empfangen hätte. Ich erwider-
te: Christus ist durch seine göttliche Kraft aus dem
Himmel gekommen, von dem Heiligen Geist in Maria
empfangen und aus ihr geboren, hat die Gestalt eines
Knechtes angenommen, und ist uns in allem gleich
geworden, ausgenommen die Sünde, sodass er nicht
aus dem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches
geboren ist, viel weniger von Maria Fleisch und Blut
angenommen hat, sondern es ist so zugegangen, daß
es Maria selbst zuerst nicht verstehen konnte, denn
sie fragte den Engel: Wie soll das zugehen, indem ich
von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete ihr:
Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die
Kraft Gottes wird dich überschatten; weshalb auch
das Heilige, das von dir geboren werden wird, Gottes
Sohn genannt werden soll. Dagegen sagten sie nicht
viel. Pfaffe: Glaubst du nicht, daß man die Heiligen im
Himmel ehren und anbeten müsse? Reytse: Die Heili-
gen ehren, solches wollte ich wohl tun, denn man ehrt
ja Menschen, aber sie nicht anbeten, sondern ich will
Gott allein anbeten, denn es steht geschrieben: Den
Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und Ihm allein
dienen. Pfaffe: Was glaubst du von dem Fegefeuer?
Reytse: Ich habe es nicht gelesen, daß ein Fegefeuer
sei; wo steht das geschrieben? Pfaffe: In den Büchern
der Makkabäer.
Sodann ermahnte er mich, ich sollte mich von der
heiligen Kirche unterrichten lassen, welche schon 1500
Jahre gestanden hätte; unsere Sekte aber wäre erst 50
Jahre alt, denn Menno Simon hätte sie zuerst einge-
führt. Reytse: Es hat von Anfang der Welt zweierlei
Völker gegeben, ein Volk Gottes und ein Volk des Teu-
fels; aber die Kinder Gottes sind allezeit verfolgt und
verjagt worden, deshalb ist ihre Zahl immer die ge-
ringste gewesen, ja bisweilen so gering, daß sie sich in
Klüften und Höhlen haben verbergen müssen, denn
wenn sie nicht von der Welt sind, so kennt sie auch
die Welt nicht; aber die Gottlosen sind stets mächtig
gewesen und haben die Oberhand gehabt; darum er-
kennt weder ihr noch eure Väter die Kinder Gottes,
sondern ihr meint, daß sie erst entstanden seien. Sie
sagten, ich sei verführt, ihre Kirche sei von Anfang
her so gewesen. Ich antwortete: Wenn wir vor Christi
Richterstuhl kommen werden, so wird man die Sache
anders befinden; dann werdet ihr sagen: Diese sind
es, die wir zum Spott hielten, ach, wie sind sie nun
unter die Kinder Gottes gezählt. Auch redeten sie mir
zu, ich sollte mich der Schrift nicht annehmen; ich
sollte unbedingt zur Kirche gehen und mich von ihr
lehren lassen, und nicht hartnäckig sein, weil doch die
Schrift sagt, daß alle Worte in zweier oder dreier Zeu-
gen Munde bestehen; hier waren ihrer drei Zeugen;
ich wäre verbunden, ihnen zu glauben. Reytse: Ich
glaube des Herrn Wort viel mehr, als eurem Zeugnis;
ich will davon nicht abweichen; durch Gottes Gnade
hoffe ich dafür zu leben und zu sterben, weil Christus
sagt: Wer mich vor den Menschen bekennt, den will
ich wieder bekennen vor meinem himmlischen Vater.
Wir redeten noch viel mehr miteinander, welches
zu weitläufig sein würde zu erzählen. Sie setzen mir
717
so vernünftig zu, daß ich hätte unterliegen müssen,
wenn der Herr nicht auf meiner Seite gewesen wäre;
darum kann ich wohl sagen: Der Herr ist mein Helfer,
vor wem sollte ich mich fürchten?
Als ich neun Wochen gefangen saß, führte man
mich abermals auf die Pforte; dort waren zwei Pfaf-
fen und des Bischofs Verordneter; der eine derselben
war der vom Ryehoof, der andere war vom Lande.
Als ich zu ihnen kam, entblößte ich mein Haupt und
grüßte sie. Sie fragten mich zunächst, wie ich mich
bedacht hatte, ob ich mich nicht bessern wollte. Ich
erwiderte: Ja, so viel als in meinem Vermögen wäre.
Da brachten sie einen Brief zum Vorschein, worin die
Artikel enthalten waren, die ich zuvor bekannt hat-
te; diese haben sie mir vorgelesen und mich gefragt,
ob ich dabei bleiben wollte. Ich sagte: Ja. Sie sagten,
dann wäre ich verdammt, und würde Leib und Seele
ins ewige Verderben stürzen. Reytse: Wie dürft ihr
mich so grausam verurteilen, da doch das Urteil dem
Herrn zukommt? Pfaffe: Du hast gegen die Schrift ge-
handelt und bist von der heiligen Kirche abgegangen,
die schon über 1500 Jahre gestanden hat, eure Sekte
aber hat noch nicht über 50 Jahre gestanden; auch
hast du dich wiedertaufen lassen, da du doch einmal
getauft warst. Da hatten wir abermals viele Reden
von der Taufe; seine Meinung war die, daß die Kinder
in Ewigkeit verdammt sein müssten, die ohne Taufe
sterben. Reytse: Fürchtest du dich denn nicht, die ar-
men unschuldigen Kinder so grausam zu verurteilen,
da ihnen doch Christus das Himmelreich zugesagt
hat, solange sie nämlich in der Unschuld bleiben. Pfaf-
fe: Es kann niemand ins Himmelreich kommen, es
sei denn, daß er zuvor aus Wasser und Geist gebo-
ren werde; darum müssen die Kinder getauft werden,
wenn sie selig werden sollen; auch haben die Apo-
stel viele Häuser getauft, worunter ja auch Kinder
gewesen sind. Reytse: So viel die Hausgenossen be-
trifft, so steht dabei geschrieben, daß Stephanus' Haus
sich selbst zum Dienste der Heiligen ergeben habe,
das ist ja kein Werk der Kinder; auch steht von Cor-
nelius' Haus ebenso geschrieben, daß Cornelius, der
Hauptmann von Cäsarien, als er seine Freunde und
Verwandten in sein Haus zusammenberufen hatte,
unter andern Worten zu Petrus gesagt habe: Du hast
wohlgetan, daß du gekommen bist; nun sind wir hier
alle gegenwärtig vor Gott, um zu hören, was dir Gott
befohlen hat. Als nun Petrus noch zu ihnen redete,
fiel der Heilige Geist auf alle, die solches hörten, und
die Gläubigen aus der Beschneidung, die mit Petrus
gekommen waren, verwunderten sich, daß die Gabe
des Heiligen Geistes auch auf die Heiden ausgegos-
sen wurde, denn sie hörten, daß sie mit Zungen re-
deten und Gott verherrlichten. Da antwortete Petrus:
Mag auch jemand das Wasser wehren, daß diese nicht
getauft werden, die den Heiligen Geist empfangen
haben, gleichwie wir? Daraus kannst du ja merken,
wenn du nicht ganz mit Blindheit geschlagen bist, daß
dieses von keinen Kindern geredet werde. Ferner: Pau-
lus hat dem Kerkermeister und allen, die in seinem
Hause waren, das Wort Gottes verkündigt, und als sie
getauft waren, erfreute er sich mit allen denen, die in
seinem Hause waren, daß er an Gott gläubig gewor-
den wäre, was aber der Kinder Vernunft übersteigt,
denn die Predigt des Wortes Gottes zu verstehen, dar-
an zu glauben und um des Glaubens willen sich zu
erfreuen, solches ist von den Kindern weit entfernt.
Sie sagten, es wären noch viele andere Schriften, die
davon zeugten, aber ich begehrte keine solche anzu-
nehmen, als das Neue Testament, welches Christus
mit seinem teuren Blute versiegelt hat. Darauf fragten
sie mich, ob der Heiden und Türken Kinder die Selig-
keit auch erlangten? Ich antwortete: Ja, ebenso gut, als
eure getauften Kinder. Darüber verwunderten sie sich
sehr, redeten trotzig zu mir und verdammten mich.
Der eine Pfaffe saß bei mir und sagte, wie ich solche
Worte reden dürfte, er wüsste ebenso gut, daß ich
verdammt wäre, als er wüsste, daß ich bei ihm säße.
Ich lachte und sagte: Wie kannst du es besser wis-
sen? Nach vielen Reden, die wir miteinander wegen
der Kindertaufe hatten, sagte ich zuletzt, daß ich es
nicht anders glaubte, als ich bekannt hätte. Abermals
fragten sie mich, ob ich noch nicht glaubte, daß unser
Herr unter der Gestalt des Brotes sei. Ich entgegnete:
Das glaube ich nicht, denn Er wird nicht unter eure
Zähne kommen. Ich fragte den Pfaffen, ob er es wohl
glaubte; da streckte er seinen Finger aus und sagte,
er glaube eher, daß Gott im Brote sei, als er glaubte,
daß dieses sein Finger wäre. Nachdem sie sonst noch
mehr mit mir geredet hatten, brachten sie ein sauberes
Papier zum Vorschein und verhörten mich aufs Neue
wegen aller Artikel, ob ich der Mennoniten Gemeinde
für Recht erkenne, und wie lange es schon sei, daß
ich getauft worden wäre. Ich antwortete: Ungefähr
vier Jahre, und so fragten sie mich über alle Artikel.
Ich antwortete auf dieselbe Weise wie zuvor; solches
alles haben sie ganz genau aufgezeichnet, um es den
Herren zu übergeben. Zuletzt, als alle Reden zu Ende
waren, haben sie eine Schrift sehen lassen, die das
Urteil enthielt, das der Bischof über mich beschlossen
hatte; darin haben sie mich als einen ungläubigen, un-
gehorsamen und widerspenstigen Ketzer verdammt,
und haben mich den Händen der weltlichen Richter
übergeben. Nachdem er mich nun genugsam ermahnt
hatte, und ich mich nicht unterrichten lassen wollte,
nahm er, wie Pilatus, Handwasser, und meinte, auch
an meinem Blute rein zu sein, und daß ich nunmehr
718
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
das Urteil erwarten müsste; mit diesen Worten haben
sie mich abtreten lassen.
Nachdem ich zwölf Wochen gefangen gesessen hat-
te, führten sie mich in des Schlossvogts Haus; da war
der Bischof, ein Ratsherr, der Pastor von Oudenhoof
und der Pastor von Ryehoof, sowie der Pastor von
Jorwert und des Bischofs Commissarius.
Nachdem sich dieselben gesetzt hatten, ließen sie
mich vorführen. Als ich nun hineinkam, nahm ich mei-
nen Hut ab und setzte mich wie ein Schaf mitten unter
einen Haufen Wölfe. Sie sahen mich scharf und ernst-
haft an; aber der Herr, mein Gott, auf den ich mich
verlasse, stärkte mich, und gab mir ein freimütiges
Herz, sodass ich mich vor ihnen allen nicht fürchtete.
Der Bischof fragte mich, ob ich noch in dem Glauben
bleiben wollte; zuerst schwieg ich eine Zeitlang, denn
ich hielt es für unnötig, diese Reden zu beantworten;
aber er brachte so viele Reden vor, daß ich zuletzt ge-
nötigt wurde, mich zu verantworten, wiewohl ich mir
vorgenommen hatte, nicht mehr zu disputieren; ich
bestrafte sie bisweilen und widersprach ihnen wegen
ihres groben Unverstandes, denn es verdross mich,
daß die Wahrheit so gelästert werden sollte, damit sie
nicht meinen möchten, als ob ich ihnen zustimmen
wollte. Der Inhalt ihrer Reden war, ich sei verführt,
und die mich gelehrt hätten, seien Verführer gewesen,
wie Menno; derselbe sei ein Landläufer gewesen. Ich
erwiderte: Ich gründe mich nicht auf Menno noch auf
Menschenlehre, sondern allein auf das Wort Gottes,
dabei begehre ich mit des Herrn Hilfe zu leben und
zu sterben. Wir redeten außer von der Kindertaufe
auch noch über andere Gegenstände. Ich sagte, es ist
in der Schrift nicht enthalten, daß man die Kinder
taufen soll; wäre es aber des Herrn Wille gewesen. Er
würde es ohne Zweifel wohl befohlen haben; da aber
davon nichts geschrieben steht und auch weder unser
Herr Jesus Christus noch seine Apostel etwas davon
gemeldet haben, so ist es eine große Verwegenheit,
daß wir armen nichtigen Menschen es besser machen
wollen, während es doch geschrieben steht, daß man
den Geboten des Herrn nichts hinzusetzen noch da-
von etwas abnehmen soll; wer solches tut, dem ist das
ewige Wehe gedroht. Zuletzt sagte der Bischof, daß er
sich über keinen von allen Artikeln so verwunderte,
als über den, daß ich nicht glaubte, daß der Herr Jesus
Christus nun persönlich Mensch im Himmel sei, wie
Er auf Erden war, mit Wunden und Striemen, die Er
von den Juden empfangen hatte. Dieses wollte ich
nicht annehmen, weil ich nichts davon gelesen hat-
te, sondern ich sagte, ich glaube, daß Er mm in der
Gottheit zur rechten Hand des allmächtigen Vaters in
seiner Herrlichkeit sitzt und mit Kraft und Majestät
wieder kommen wird, wie die Schrift davon bezeugt.
Da nahm der Bischof die Bibel und las die Geschichte
von dem Gesichte, das Johannas auf der Insel Pat-
mos gesehen hatte von einem, der eines Menschen
Sohn gleich war, und als er es gelesen hatte, machte
er das Buch wieder zu, denn es widersprach ihm. Ein
Mensch kann ja an seinen Gliedern nicht so beschaffen
sein, wie Johannes von dem Gesichte bezeugt.
Hiernächst haben sie die Artikel meines Glaubens
aufs Neue wiederholt, worauf ich mein Bekenntnis
tat, wie ich zuvor allezeit getan hatte, und nachdem
sie solches aufgezeichnet hatten, gingen sie fort. Der
Ratsherr sagte, nach dem Befehle hätte ich mein Le-
ben verschuldet. Darauf brachten sie mich wieder ins
Gefängnis.
Ich hätte alle Umstände der Länge nach beschreiben
sollen, aber meine Gabe ist gering, ebenso habe ich
auch eine schwere Hand zu schreiben; darum muss
ich es in der Kürze abhandeln.
Nachdem ich dreizehn Wochen gefangen gesessen
hatte, brachten sie mich noch in des Schlossvogts
Haus, dort traf ich den Pastor von Ryehoof, der aber-
mals behauptete, daß Christus nun persönlich im
Himmel sei, gleichwie Er auf Erden in der Gestalt
war, in der wir sind. Ich verantwortete mich und be-
wies es ihm aus der Offenbarung des Johannes. Er
sagte, es könnte niemand die Offenbarung des Johan-
nes verstehen, worüber ich mich sehr verwunderte;
in allen Reden nannte er mich Bruder. Ich fragte ihn:
Warum nennst du mich Bruder? Ich begehre ja nicht
dein Bruder zu sein. Er sagte: Ich hoffe, daß wir mit-
einander noch ein Schafstall weiden würden. Nach
verschiedenen andern Verhandlungen ist er von mir
geschieden.
Noch ein Bekenntnis, welches Reytse Aysetz vor
dem Bischof, den fünften Januar im Jahre 1574,
abgelegt hat.
Die Liebe Gottes und die Mitteilung des Heiligen Geis-
tes, so wie die Liebe des Vaters, der seinen eingebore-
nen Sohn für uns alle dahingegeben hat, müsse euch
und uns alle bewahren, stärken und kräftig machen
bis ans Ende, damit wir dermaleinst zu dem Hirten
Jesu Christo kommen mögen; darum ist meine freund-
liche Bitte an euch, meine herzgründlich geliebten
und werten Freunde, daß ihr eilen wollt, um zu seiner
Ruhe einzugehen, Hebr 4,11.
Nebst geziemendem Gruße lasse ich eure Liebe wis-
sen, daß ich den fünften Tag dieses Jahres 1574 vor
dem Bischof gewesen bin. Derselbe sagte: Guten Tag
und ein seliges Neues Jahr; willst du dich noch nicht
zu dem heiligen katholischen Glauben begeben, an
welchen alle deine Voreltern geglaubt haben? Ant-
719
wort: Ein seliges Neues Jahr begehre ich von Her-
zen, aber von eurem Glauben will ich nichts wissen,
sondern ich will an die heilige Schrift glauben. Der
Bischof sagte, ich hätte auf Menschen und auf Men-
schenlehre gebaut. Reytse: Ich habe nicht auf Men-
schen gebaut; ich habe auf den Grund der Apostel
und Propheten, ja, auf den Felsen gebaut; deshalb
wird mein Haus stehen bleiben.
Seht, das sind nun die Sturmwinde, die auf mein
Haus stürmen; stände es auf Sand, es würde wohl
fallen; nun aber ist es auf den Felsen gegründet. Bi-
schof: Was ist die Ursache, daß du von uns gegangen
bist, denn du hast bekannt, daß du unsere Fehre nie-
mals gehört hast? Reytse: Hört mich, ich will es euch
sagen. Als ich ein Kind war, lief ich dahin, wie ein
anderer; aber meine Eltern hielten mich von der Bahn
der Sünder zurück, wofür ich ihnen sehr danke; aber,
als ich zu meinem Verstand kam, las ich in Heiliger
Schrift, daß der Weg zum Reiche Gottes schmal und
eng wäre, daß Fleisch und Blut daran hängen bleiben
müsse, daß man sehr geschickt sein müsse, daß eine
reine Gemeinde sein müsse, daß die Steine gehauen
und an vier Ecken geschnitten sein müssen, bevor sie
an das Haus Gottes kommen mögen, von welchem
Christus Jesus der Eckstein ist, und daß keine Hu-
ren noch Buben, noch Trunkenbolde, noch Geizige,
noch Götzendiener in der Gemeinde Gottes sein soll-
ten; ich habe aber gefunden, daß eure Gemeinde, von
welcher du das Haupt bist, eine solche sei, und ich
bin deinetwegen besorgt, weil du ein gelinder Mann
bist. Darum bitte ich dich, du wollest doch die Hei-
lige Schrift einmal durchsehen, denn es kommt mir
vor, daß du es besser weißt, als du sprichst; du hast
ebenso wohl eine Seele zu verlieren als ich. Er sagte,
weil Trunkenbolde, Hurer und andere Sünder in ihrer
Gemeinde wären, so hatten sie verordnet, daß man
für dieselben bitten und daß die Priester die Sünden
vergeben sollten. Ich erwiderte: Die Priester können
die Sünden nicht vergeben, sondern Gott um Verge-
bung der Sünden bitten; das ist sehr gut; doch muss
man von Herzen bitten, daß man sie zeitlebens nicht
wieder begehe. Aber ich muss euch nun auch einmal
fragen: Was dünkt euch, wenn ein Mensch heute oder
morgen sündigt und bittet den Herrn um Vergebung,
tut es aber jeden Tag wieder; wird wohl der Herr ihm
solches vergeben oder nicht? Er meinte, das könnte
wohl bestehen. Ich sagte, das könnte nicht so beste-
hen.
Zuletzt hielt der Bischof eine lange Rede, daß ich
meinem Oberhaupt nicht gehorsam sein wollte, daß
ich von ihrem heiligen Glauben abgefallen und zu
den Mennoniten und Tibben übergegangen wäre. Ich
antwortete, daß ich niemals ungehorsam gewesen sei;
ich hätte mich auch niemals gegen den König gesetzt,
und begehrte das Schwert wider niemanden zu tra-
gen, wie Christus lehrt. Darauf sagte der Bischof, er
wollte das Klarste von allem nehmen, dem ich nicht
widersprechen könnte; ich sollte mich stellen, als ob
ich unwissend wäre, er wollte sich auch stellen, als
ob er unwissend wäre, dann sollte die Schrift den
Ausschlag geben. Ich sagte, er sollte es sagen; wenn
es mit der Schrift bestehen könnte, so wollte ich ihn
hören. Er sagte, daß der Herr so klar in dem Evan-
gelium gesagt habe: Nehmt, esst, das ist mein Leib,
der für euch gebrochen wird; desgleichen auch den
Kelch; darum muss man sein Fleisch essen und sein
Blut trinken, wie Er gesagt hat; dagegen kannst du
nichts einwenden. Ich erwiderte, ich wüsste wohl, daß
solches geschrieben stände und daß der Herr gesagt
habe: Nehmt, esst, das ist mein Leib; aber ich bekenne,
daß der Herr im hohen Himmel ist und nicht unter
der Menschen Zähne kommt; denn euer eigenes Volk
glaubt es nicht, daß ihr ihnen Fleisch und Blut gebt.
Er sagte, sie müssten es glauben. Ich sagte, daß der
Herr so gesprochen habe: Nehmt, esst, das ist mein
Leib, der für euch gebrochen werden soll. Das hat
der Herr so gesagt; aber seine Jünger sprachen: Wie
kann uns dieser sein Fleisch zu essen geben? Darauf
sagte der Herr: Fleisch und Blut ist nichts nütze, denn
die Worte sind Geist und Leben. Daraus erhellt klar
genug, daß man Christi Fleisch und Blut nicht essen
und trinken möge, wie Er gesagt hat, sondern daß
wir dabei seines Todes und Leidens eingedenk sein
sollen; denn der Herr hat seinen Leib für die ganze
Welt und für die Erbsünde gegeben, worin wir gebo-
ren worden sind. Hätte uns der Herr nicht von den
Sünden, die uns Adam auferlegt hat, erlöst, so hätten
wir nicht selig werden mögen; mm aber hat uns der
Herr mit seinem Fleisch und Blut erlöst und uns von
allen Sünden frei gemacht, und hat sein Blut für viele
vergossen; darum können wir sein Fleisch nicht essen,
weil Er uns damit frei gemacht hat. Der Bischof sagte,
daß Christus solches nicht von seinem eigenen Fleisch
sagte, daß es nichts nütze sei, sondern von einem an-
dern. Darum, weil der Herr solches so klar sagt, fügte
er hinzu, muss man sein Fleisch essen und sein Blut
trinken, wollen wir anders selig werden; Paulus hat
gesagt: Ist das nicht der gesegnete Kelch? und weil
Christus und Paulus so klar geredet haben, so kannst
du dagegen nichts einwenden. Reytse: Mein Herr, ich
weiß wohl, wie Christus und Paulus reden, denn die
Apostel haben das Brot von Haus zu Haus gebrochen,
wie wir klar lesen, und das zum Beweis, wie es Chris-
tus hinterlassen hat; aber er blieb dabei stehen, daß
wir des Herrn Fleisch essen müssten, wenn wir selig
werden wollten.
720
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Ferner hat der Bischof eine lange Rede über die Auf-
erstehung der Toten gehalten, wie wir sterben müssen
und mit diesem Fleisch wieder auferstehen, wobei er
viele Gründe von der Auferstehung anführte. Zuletzt
sagte ich, daß ich wohl glaubte, daß eine Auferste-
hung der Toten sei, denn, wenn keine Auferstehung
der Toten wäre, so wäre uns Christus nichts nütze; ich
wollte auch nicht so leiden, solches wäre ein unnützer
Streit. Dabei ließ er es bewenden; hiernächst hat er ei-
ne lange Rede gehalten, daß von einem Flerrn, einem
Glauben und einer Taufe geschrieben stände; solches
hätte ich übertreten und mich wieder taufen lassen,
da ich doch einmal getauft gewesen wäre; auch hätte
ich die Heilige Schrift übertreten, indem ich im Na-
men des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes
getauft gewesen sei, was den Ordnungen der heiligen
Kirche widerspricht. Reytse: Ich habe mich nicht wie-
dertaufen lassen, indem ich nur einmal getauft bin,
denn ich weiß wohl, daß von einem Herrn und ei-
nem Glauben geschrieben steht; darum habe ich mich
auch zu einer Taufe begeben, wie der Herr an vielen
Stellen lehrt, daß man die Gläubigen taufen soll; so
habe ich mich denn einmal zur Buße taufen lassen,
wie es sich nach der Schrift und nach meiner mensch-
lichen Schwachheit gebührt; aber daß du sagst, daß
ich mich habe wiedertaufen lassen, dazu sage ich nein,
denn ich erkenne die Kindertaufe nicht für eine Taufe,
sondern für eine Menschensatzung, wie solches klar
genug am Tage liegt, weil man keine Schriftstelle da-
für hat, daß man die Kinder taufen soll. Der Bischof
sagte, daß man aus Wasser und Geist geboren sein
müsste, wenn man selig werden wollte, und darum
müssten die Kinder getauft sein, wenn sie selig wer-
den wollten. Reytse: Nein, dafür hat man keine Schrift,
daß man die Kinder taufen soll, denn der Herr hat die
Kinder zu sich gerufen und gesagt, man soll ihnen
nicht wehren, denn das Reich Gottes gehört ihnen zu;
darum sind sie schon selig; er sagte, das wären gläubi-
ge Kinder gewesen, die beschnitten waren; dabei hielt
er eine lange Rede über die Beschneidung Abrahams,
wie die Kinder hätten beschnitten sein müssen, oder
sie wären verdammt gewesen, und wie es sich damals
mit der Beschneidung verhalten hätte, so sei die Tau-
fe von den heiligen Vätern verordnet, wie es jetzt ist.
Reytse: Dazu sage ich nein, dem ist nicht so, daß die
Kinder verdammt worden sind, die nicht beschnitten
waren, denn es war ein Befehl, daß man sie beschnei-
den sollte, weil sie von dem Samen Abrahams waren;
darum sollte man sie beschneiden; der Herr hatte es
so befohlen, weil sie sein Volk sein sollten und nicht
um deswillen, weil sie verdammt gewesen wären, die
nicht beschnitten worden waren, denn sie wurden den
achten Tag beschnitten, es sind ihrer aber viele gestor-
ben, die nicht so alt wurden, daß sie das Zeichen der
Beschneidung empfangen hätten; also wäre ja den ar-
men Kindlein großes Unrecht geschehen; auch wären
die Mägdlein alle verdammt worden, die gleichwohl
Miterben des Reiches Gottes sind, wie wir. Dagegen
sagte er nicht viel, aber er blieb dabei, daß die Kin-
der getauft werden müssten, sollten sie anders die
Seligkeit erlangen. Reytse: Mitnichten; ich sage noch
einmal, daß die Kinder in den Händen Gottes sind,
solange sie imwissend sind, und daß ihnen die Taufe
nicht zukommt, sondern denen, die Buße getan haben,
denn Johannes hat gepredigt, daß man Buße tim und
sich bekehren solle, und daß man sich nicht eher tau-
fen lassen sollte, als zur Vergebung der Sünden, wie
er auch sagt: Ihr Otterngezücht, wer hat euch denn
geweissagt, daß ihr dem zukünftigen Zorne Gottes
entfliehen werdet? darum tut Buße, und lasst euch
helfen von diesem unartigen Geschlecht.
Der Bischof sagte, daß ich solches mit Johannes Tau-
fe nicht beweisen könnte; ich antwortete, Christus
sei selbst zu Johannes gekommen und habe sie von
Johannes begehrt; Johannes aber hat es dem Herrn ab-
geschlagen. Der Herr sagte: Nein, laß es so geschehen,
damit alle Gerechtigkeit erfüllt werde; darauf hat es
Johannes zugelassen. Warum sagst du, daß ich es mit
der Taufe Johannes nicht beweisen könnte, da Chris-
tus sie ja selbst begehrt hat? Dagegen sagte der Bischof
nicht viel; ich sagte, ich will dir wohl noch mehrere
andere Sprüche anführen, woraus hervorgeht, daß
sie den Gläubigen zukommt, wie den Kämmerer, zu
welchem Philippus kam und sagte: Verstehst du wohl,
was du liest? Er erwiderte: Wie kann ich es verstehen,
wenn mich nicht jemand unterrichtet; darauf predigte
ihm Philippus von Anfang an, und er glaubte; er sag-
te: Hier ist Wasser, was hindert es, daß ich mich nicht
taufen lassen sollte? Philippus sagte: Glaubst du von
Herzen, so mag es wohl geschehen; der Kämmerer
sagte: Ich glaube, daß Jesus Christus der Sohn des le-
bendigen Gottes ist. Darauf ist es geschehen. Seht, da
war der Glaube vor der Taufe; ebenso war er auch kein
Kind; ebenso ist Paulus auch in solcher Weise getauft
worden, als er gläubig geworden war; ei, durchlest ein-
mal die Geschichte der Apostel. Der Bischof sagte, er
wollte auch wohl die Alten taufen, die in ihrer Jugend
nicht getauft worden wären, wie Heiden oder Tibben;
dergleichen Alte wollte er auch taufen, denn, sagte er,
es stände geschrieben: Wer glaubt und getauft wird,
soll selig werden, und obgleich der Glaube der Taufe
vorangeht, so ist es dennoch gut, daß man die Kinder
taufe, denn es sind viele, die nicht so alt werden, daß
sie zu ihrem Verstand kommen, und wenn sie ohne
Taufe sterben, so sind sie ja verdammt. Darum müs-
sen die Kinder getauft werden, damit sie alle selig
721
werden; ich sagte: Die Kinder sind in der Hand Got-
tes, aber die Taufe kommt ihnen nicht zu, denn man
kann es aus der Schrift nicht beweisen, daß solches
geschehen müsse; hätte es der Herr haben wollen. Er
hätte es wohl befohlen; aber nun hat Er befohlen, daß
man die Gläubigen taufen soll, wie Er es gelehrt hat,
und seine Apostel haben es getan. Darum beweise es
mir mit der Schrift, daß es befohlen sei, die armen,
unschuldigen Kinder zu taufen, die doch keine Sünde
begangen haben, und wenn ich auch noch so viel Kin-
der hätte, so wollte ich sie doch nicht von euch getauft
haben; er erwiderte, wäre es auch nicht geboten, daß
man die Kinder taufen sollte, so wäre es ja auch nicht
gesagt, daß man sie nicht taufen soll; es ist in keiner
Schrift geboten, daß es nicht sein soll; ich sagte: Alles,
was der Herr nicht geboten hat, das hat Er verboten;
darum hat Er geboten, die Gläubigen zu taufen; die
Menschen sollten es nicht anders machen, als es der
Herr selbst geboten hat, denn wir lesen überall von ei-
ner Taufe der Buße, nicht aber von einer Kindertaufe,
wie ihr lehrt und tut. Warum tut ihr solche Dinge, die
sich nicht geziemen? Mich dünkt, daß du es besser
weißt; sage die Wahrheit. Aber darauf gab er mir keine
Antwort, sondern äußerte nur, ich wäre verführt, ich
wäre verdammt, wenn ich bei diesem Glauben bliebe;
darum sollte ich mich zu dem heiligen katholischen
Glauben begeben. Wir redeten noch vieles miteinan-
der, aber es wurde spät; er ging fort und sagte zu dem
Schlossvogt, es wäre an mir keine Hoffnung, und ich
wollte mich nicht unterrichten lassen; zu mir aber sag-
te er, ich sollte mich noch bedenken; ich erwiderte, das
wollte ich zwar wohl tun, aber in diesem Fall hätte
ich mich schon bedacht; bedenke du dich aber selbst,
darum bitte ich dich, setzte ich noch hinzu.
Noch ein Bekenntnis des Reytse Ayseß, vor einem
stolzen Pfaffen abgelegt, sowie einen Sendbrief
oder eine Ermahnung an die Freunde.
Bald darauf ist ein Pfaffe gekommen, der sehr frech
war; er fragte mich, wie ich mich auf den Brief be-
dacht, den mir der Bischof gesandt hätte. Reytse: Ich
habe mich bedacht, wie ich zu dir das letzte Mal ge-
sagt habe; von seinem Schreiben bin ich nicht schwä-
cher, sondern stärker geworden, wiewohl er sehr grob
schreibt, daß den Menschen keine Sünde hindert, und
daß man das Abendmahl wohl mit Huren und Buben
halten möge, daß aber keine Sünde so groß sei, daß
sie dem Menschen hinderlich sein könne; das alles
will er mit Mk 8 beweisen, wo der Herr die große
Schar speiste. Reytse: Was willst du damit beweisen?
Ach, wie blind bist du! Er wurde böse und wollte
keine Schrift verstehen, sondern lästerte, redete sehr
übel und sagte, daß ich mit meiner zweiten Taufe des
Herrn Tod verachtete und verwürfe; ich entgegnete,
daß ich des Herrn Tod nicht verachtete, sondern ihn
als gut bekenne, denn, wenn ich so bekennen würde,
wie du sagst, so wäre ich unselig, doch ich erkenne eu-
re Taufe für keine Taufe, weil man keine Schriftstelle
dafür hat; aber ihr verwerft Christi Tod, ja, sein Leiden
mit eurer Kindertaufe, denn Christus hat uns erlöst;
aber ihr sagt, daß die Kinder verdammt seien, was ihr
doch mit der Schrift nicht beweisen könnt; von denen
aber, die in Sünden leben und von welchen der Herr
sagt, daß sie nicht das Reich Gottes ererben sollen,
wie Trunkenbolde, Geizige, Hurer und so weiter, sagt
ihr, daß sie selig werden können, aber von den armen
Kindern, die selig sind, wie der Herr gesagt hat, sagt
ihr, daß sie verdammt sind; ist das nicht eine klägli-
che Sache, daß ihr so verblendet seid? Darum wache
einmal auf, ich bitte dich, denn du kommst damit zu
kurz.
Er erwiderte, daß ich einen Glauben hätte wie ein
Türke. Ich fragte ihn: Worin besteht der türkische
Glaube? Er antwortete: Der Türke glaubt an ein Holz,
oder was ihm ansteht. Ich sagte, daß sie an ein Stück
Brot glaubten; dieses erhöben sie wie einen Gott, be-
teten es an und fielen davor auf die Knie und hielten
es für einen Gott; ebenso auch die abgöttische Kinder-
taufe, denn inwiefern ist wohl dieselbe besser als der
türkische Glaube?
Er wurde böse und lästerte sehr auf uns, hielt uns
auch für das verkehrte Volk. Ich erwiderte: Sollte ich
dir sagen, wofür ich euch halte, es würde dir nicht
sehr gefallen. Er sagte, ich sollte es sagen. Reytse:
Wohlan denn; ich will es dir sagen: Ich halte euch
für die rauhe Welt, für eine Gemeinde der Toten und
für Heiden und Türken, dem Geiste nach, und daß
ihr von dem Leben, das aus Gott ist, entfremdet seid,
wie Dan 12 steht und wie die Offenbarung von euch
schreibt, und so wird es am Tage des Herrn befunden
werden; darum tut Buße, und geht aus von ihr, damit
ihr ihrer Sünden nicht teilhaftig werdet. Da stand er
auf und lief fort, aber ich begegnete ihm in einem an-
dern Saal, wo wir noch etwas miteinander von der
Kindertaufe und von andern Dingen redeten. Zuletzt
sagte er, er könne nicht länger da bleiben, denn er
müsste bei einem Kind Gevatter stehen. Ich bat ihn,
daß er es nicht tun sollte, denn das Kind sei so gut, als
er es machen könne. Er antwortete, er wolle es den-
noch tun. Er redete auch viel vom Krieg und von den
Reformierten (Geusen), daß ihre Dinge nichts taugten,
und sagte, daß wir ihnen mit Geld und Gut Beistän-
den. Ich erwiderte, daß es nicht wahr wäre, was er
sagte; wir begehrten ihnen keineswegs mit Geld oder
Gut beizustehen, denn ich hielte von den Reformier-
722
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ten ebenso wenig als von ihnen, denn ihr könnt nicht
vor Gott bestehen, weil ihr einander so jämmerlich
verratet und erwürgt; gleichwohl sind die Reformier-
ten nicht so blutdürstig wie ihr, denn hätten sie mich
gefangen, sie ließen mich wohl laufen, aber ihr wollt
mein Blut vergießen. Er wurde böse und sagte: Du
verzweifelter Bösewicht, würden wir dich nicht tö-
ten, einen solchen Ketzer, wie du bist, wir könnten
es nicht vor Gott verantworten, denn wir laufen so
oft um deinetwillen, was wir um Geld und alle Güter
dieser Welt nicht tun würden; darum sollst du hier
das zeitliche Feuer und dermaleinst das ewige Feu-
er empfangen, weil du dich nicht unterweisen lassen
willst, wiewohl wir doch so viel um dich getan haben.
Ich redete ihm sehr liebreich zu, er aber sagte, daß
ich den Teufel in mir hätte, und der Teufel verstelle
sich in mir in einen Engel des Eichts, und hätte mich
verführt, daß ich nicht auf dem rechten Weg bleiben
könnte. Reytse: Ich habe den Teufel nicht in mir, son-
dern ich rede mit einem freien und fröhlichen Gemüt.
Er lästerte sehr, führte auch keine Schriftstelle an, und
meinte nur, daß sie für mich viel getan hätten, und
allezeit bemüht seien, meine Seele zu gewinnen und
mir das Leben zu erhalten; nun aber sei jede Hilfe um-
sonst und ich wollte von der Ketzerei nicht abstehen;
darum müsste mich der Bischof abschneiden, wie sich
solches gebühre. Reytse: Ich habe es niemals begehrt,
daß ihr zu mir kommen sollt; ihr könnt ja wohl zu
Hause bleiben, denn ich will euch nicht hören noch
euch glauben; ihr hättet euer Laufen wohl unterlassen
können, denn der Lohn, den ihr an mir verdient, wird
nicht groß sein. Zuletzt hat er von dem Gebet geredet
und sich seines Gebetes gerühmt, auch gesagt, daß
er mehr in einer Woche bete, als ich in einem Viertel-
jahr; er hatte vieles von dem Gebet zu sagen, und wie
Christus im Tempel gebetet hätte. Ich sagte, er wäre
den Pharisäern gleich, die sich ihres Gebetes rühmten,
auch im Tempel und an den Straßenecken ständen, da-
mit sie von den Menschen gesehen werden möchten;
in allen euren Worten seid ihr ihnen gleich, darum
sieh wohl zu, wie du dich rühmst, denn man wird
einen Baum an seinen Früchten erkennen, aber deine
Früchte stehen mir nicht an. Er sagte, ich hätte eines
Pharisäers Herz, er aber ihre Kleider; was denn nun
das Beste wäre? Reytse: Nein, mich dünkt, daß du sie
beide habest, das Herz und die Kleider, denn der Herr
hat sich nicht so gezeigt, auch haben die Apostel zu
ihren Zeiten solches Leben oder solche Kleidertracht
nicht gehabt, wie ihr habt, was der Schrift entgegen
ist; darum magst du wohl wissen, was du tust, und
ich bitte dich, du wollest doch Buße tun, indem du vor
dem Herrn nicht bestehen kannst, weder mit deinem
Glauben noch mit deinem Wandel, oder auch mit dei-
ner Gemeinde, für welche du doch an dem Tage des
Herrn einstehen willst. Zuletzt ging er fort; ich sagte
im Abgehen zu ihm, er sollte es dem Bischof sagen,
daß er nicht nötig hätte, meinetwegen wiederzukom-
men, denn ich wollte ihn nicht mehr hören. Darauf bot
er mir einen guten Tag und dann brachten sie mich
wieder ins Gefängnis. Ungefähr drei Tage darauf kam
der Bote vom Bischof und sagte, ich sollte nach drei
Tagen das Urteil hören. Sie kamen auch auf den be-
stimmten Tag und verrichteten ihre Sachen, wie sie
es verstanden, fällten auch das Urteil über mich und
machten sich mit Worten groß, was sie von dem Urteil
meinten. Nach verrichteter Sache gingen sie fort, aber
ein Pfaffe blieb zurück, der sehr ungeziemend und
grob lästerte, wiewohl ich mit ihm nicht reden wollte,
weil sie mich überantwortet hatten und weil er auch
so übel redete, was sich nicht geziemte; als ich ihm
nicht antwortete, ging er fort. Dieses ist einige Zeit zu-
vor geschehen, ehe ich es aufgeschrieben hatte, denn
ich konnte nicht wohl dazu kommen, der Gefangenen
wegen, die bei mir saßen; außerdem habe ich auch ein
kurzes Gedächtnis; einige Sachen habe ich vergessen;
sollte ich alles aufschreiben, es würde zu viel werden,
denn ich bin wohl elf Mal vor dem Bischof und seinen
Gesellen gewesen, und habe viel mit ihnen von allen
Glaubensartikeln geredet.
Geschrieben von mir, Reytse Ayseß, deinem gelieb-
ten Bruder in dem Herrn.
Ein Sendschreiben oder Ermahnung von Reytse
Ayseß, geschrieben an die Freunde.
Ach liebe Freunde, erschreckt und verwundert euch
nicht, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen, die ei-
nem Christen zustoßen und auch jemandem in Ban-
den und Gefängnissen begegnen können, geprüft wer-
det, denn ich finde nun, daß es dem Fleisch ach schwer
ist, aber dem Geist nach ist es sehr leicht, indem es
eine Kraft Gottes ist; das habe ich in diesen Banden er-
fahren, daß der Herr mit denen ist, die Ihn von Herzen
suchen und fürchten. Darum, meine lieben Freunde,
die ihr mit mir gleichen Glauben empfangen habt,
fürchtet den Herrn von Herzen, damit ihr Widerstand
leisten könnt, wenn es etwa des Herrn Wille wäre,
daß ihr in solche Bande und Gefangenschaft kommen
solltet, denn sie treiben viel List und Schalkheit, um
uns von der Wahrheit abzuziehen; sie können die Lü-
gen erheben und die Wahrheit mit erdichteten Worten
vernichten, die sie bisweilen mit sanften, bisweilen
aber mit harten Reden Vorbringen, womit sie einen
schwach und verzagt zu machen suchen, wie sie mir
getan haben. So geht auch der Satan, wie Petrus sagt,
um uns herum wie ein brüllender Löwe und sucht
723
uns zu verschlingen; ebenso hat er mich oft angefallen,
aber der Herr hat mich bisher bewahrt, wofür ich Ihm
danke; einmal aber hat mich der Satan mit einer Ver-
suchung überfallen, das muss ich euch schreiben, wie
listig der Arge ist. Ich redete einmal mit einem Pfaffen,
welcher bei dieser Gelegenheit über uns lästerte und
sagte, sie sängen Davids Psalmen, wir aber die Lieder,
welche Menschen gemacht hätten. Als ich mm wieder
ins Gefängnis kam, überfiel mich der Versucher sehr
listig, daß es wahr wäre, daß wir Lieder sängen, die
Menschen gemacht hätten; ich war betrübt, daß ich lei-
den sollte; es mochte Unrecht sein, ich wäre noch jung
von Jahren; mit solchen Vorstellungen plagte ich mich,
zuletzt aber dachte ich, ich weiß es besser, daß die Lie-
der aus der heiligen Schrift gemacht worden sind, und
daß es recht ist; konnte ich darnach tun, ich würde
wohl selig werden; ich dachte der Pfaffen Leben und
ihrem Glauben nach, auch demjenigen, was sie wider
die Heilige Schrift geredet hatten, welches Lügen wa-
ren; deshalb bat ich den Herrn, und es kam mir nicht
mehr in den Sinn. Darum, liebe Freunde, ist der Satan
sehr listig, aber man muss den Herrn allezeit bitten in
allem Anliegen, weil er uns in mancherlei Versuchun-
gen zusetzt, denn der allmächtige, ewige, barmherzi-
ge Gott wird uns nicht über unser Vermögen versucht
werden lassen, sondern wird nebst der Versuchung
ein Auskommen verschaffen, wie Er gesagt hat, denn
Er ist unser Hauptmann und unser Kriegsmann in all
unserer Not. Erschreckt darum nicht, wenn sie mich
auch an einen Pfahl stellen und verbrennen, sondern
werdet dadurch gestärkt, daß der Herr noch kräftig
ist in seinen Werken; fürchtet Ihn allezeit, lobt Ihn und
dankt Ihm von nun an bis in Ewigkeit, Amen.
Weiter danke ich denen, die mir das Buch gesandt
haben, denn es hat mich sehr erquickt und ergötzt in
dem Herrn, und seid alle dem Herrn befohlen, die ihr
Ihn fürchtet.
Noch ein Bekenntnis des Reytse Ayseß, abgelegt
vor dem Commissarius.
Nachdem ich neunzehn Wochen gefangen gesessen
hatte, bin ich vor den Commissarius von des Königs-
hof gebracht worden; derselbe hat zuerst mir einen
Eid abgefordert, daß ich die Wahrheit sagen wollte;
ich sagte, der Herr hat befohlen nicht zu schwören,
darum will ich auch keinen Eid tun. Darauf sagte er,
ich sollte ihm dann auf seine Fragen mit Ja und Nein
antworten; ich erwiderte, das will ich nicht tun, denn
du könntest mich Dinge fragen, welche mir nicht ge-
ziemten zu sagen; darum muss ich zuvor hören, was
du mich fragen willst. Da hat er zuerst nach meinem
Alter gefragt; ich antwortete, vier- oder fünfundzwan-
zig Jahre; solches schrieb er nieder. Weiter fragte er,
wo ich geboren wäre, wo ich zuletzt gewohnt hätte,
wie viele Kinder ich hätte. Ich sagte, eins. Commissari-
us: Wie alt ist es? Reytse: Ein halbes Jahr. Commissari-
us: Ist es auch getauft? Reytse: So viel ich weiß, nicht.
Commissarius: Was ist die Ursache, daß es nicht ge-
schehen ist? Reytse: Weil es in der heiligen Schrift
nicht befohlen ist. Commissarius: Bist du auch ge-
tauft? Reytse: Ja, auf meinen Glauben, wie Christus
befohlen hat. Commissarius: Bist du in deiner Kind-
heit nicht getauft worden? Reytse: Ja, aber solches
erkenne ich nicht für eine Taufe, die der Schrift gemäß
ist; solches alles hat er aufgeschrieben. Er fragte mich,
wer derjenige gewesen sei, der mich getauft hätte; wo
es geschehen wäre; wer in meines Vaters Hause ge-
wesen wäre, und wie viele. Ich erwiderte, das will ich
nicht sagen, ich hoffe, du werdest mich nicht darnach
fragen.
Dürstet dich denn so sehr nach dem Blut und Leben
der Menschen, so hast du mich ja in deinen Händen,
tue mit mir nach deinem Willen; ich werde, durch des
Herrn Hilfe, meinen Hals freimütig darreichen, aber
ich hoffe auf deine Gütigkeit, daß du mich nicht so
scharf darnach fragen werdest. Er meinte, man würde
mich wohl noch schärfer fragen, darum sollte ich es
lieber freiwillig sagen als gezwungen. Ich sagte, der
Herr, mein Gott, wird mich wohl bewahren, solches
Vertrauen habe ich auf seine Gnade. Nachdem er nun
alles niedergeschrieben hatte, ließ er mich abtreten.
Ein Brief von Reytse Ayseß an seinen Vater.
Lieber Vater, wenn es dir passen will, so schreibe mir
etwas von deinem Vorhaben oder Plan, wo du künftig
zu wohnen beabsichtigst, wie es mit deinem Zeitli-
chen steht, auch über meine Schwester und einige
sonstige Erquickung teile mir mit, denn das erfreut
mich sehr.
Ferner lasse ich dich wissen, daß gegenwärtig zwei
Gefangene bei mir sind; es sind zwei alte Männer, wir
können miteinander sehr gut fertig werden, denn sie
haben schon einen Monat bei mir gesessen; wir haben
einige Gespräche von dem Wege des Herrn mitein-
ander gehabt; sie wollten das Ihre auch gern für ein
Besseres dahingeben, denn es dünkt sie, daß sie die
Seligkeit so nötig hätten als ich; sie haben zwar den
guten Vorsatz, nicht mehr der Sünde zu leben, son-
dern sich in ein neues Leben zu verändern und sich
zur Wiedergeburt zu begeben, was mir lieb zu hören
ist; aber Gott kennt die Herzen. Weiter melde ich dir,
daß es sich einmal gegen Abend zugetragen hat, daß
des Obristen Weib vor das Gefängnis kam, als wir das
Essen empfangen sollten. Sie fragte zuerst, wie viel
724
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Gefangene da wären; dies wurde ihr gesagt. Da fragte
sie, was sie verbrochen hätten; darauf hat der eine
sich entschuldigt, so gut er konnte; sodann fragte sie
mich, was denn meine Missetat wäre. Ich antwortete,
meine Missetat wäre nicht sehr groß, um deretwillen
sie mich gefangen hielten; sie hatte viel von mir ge-
hört und sagte, ich sollte mich von denen unterrichten
lassen, die weiser wären als ich; ich antwortete, ich
wollte mich darin unterrichten lassen, was recht wäre;
sie sagte weiter, daß die Leute sagten, ich glaube nicht
an den Vater, noch an den Sohn, und auch nicht an
den Heiligen Geist, welchem ich sehr widersprach
und sagte, ich hielte viel davon; mein Glaube sei dar-
auf gegründet, und wenn ich nicht an den Vater, Sohn
und Heiligen Geist glauben würde, so wäre ich nicht
wert, daß ich das Leben hätte. Darauf fragte sie weiter,
was es denn wäre; des Schlossvogts Sohn sagte, daß
ich nicht an die Messe glaubte. Da wurde sie zornig;
ich sagte, ich glaubte nicht an die Einsetzung der Men-
schen, nämlich an die Kindertaufe und ihr Sakrament,
und daß der gebenedeite Herr darin wäre, sondern
ich glaubte, daß Er auf dem Thron des ewigen Lebens
wäre. Darüber wurde sie unwillig und sagte, wenn
kein Scharfrichter wäre, so wollte sie mich lieber selbst
töten, als daß ich leben sollte. Sie gab den beiden Ge-
fangenen, die bei mir sind, sieben Stüber und verbot
ihnen, mir etwas davon zu geben, warnte sie auch, sie
sollten sich von mir nicht verführen lassen; nach die-
ser Warnung hat sie sich entfernt. Ferner, mein lieber
Vater, bestelle diesen Brief an mein Weib (den ich an
sie geschrieben habe) mit der ersten Gelegenheit und
ermahne sie zum Guten; darum bitte ich dich freund-
lich, gleichwie auch alle meine lieben Freunde; vor
allen Dingen aber meine liebe, alte Mutter und meine
beiden Schwestern, sowie meinen jungen Bruder, daß
er sich doch gut aufführen wolle, wenn er etwas bes-
ser zu Verstand kommt, und auch mein armes Kind,
weil ich für seine arme Seele so sehr bekümmert bin,
daß es dem Herrn gefallen möge; aber ich hoffe, der
Herr werde es in sein Reich holen, ehe es Sünde tut.
Wandelt in der Liebe; endlich, lieber Vater, hätte ich
gern ein Testament, wenn du mir eins schicken könn-
test, denn ich habe unsers Bruders Testament sehr
lange gehabt; aber er hat es jetzt wieder, weil er es
selbst nötig hat.
Geschrieben in meinen Banden von mir, deinem
lieben Sohn, Reytse Ayseß.
Ein Brief von Reytse Ayseß an seine Mutter.
Den gnädigen, ewigen, barmherzigen Vater, die Liebe
Gottes und den Tröster, den Heiligen Geist, wünsche
ich dir, meine liebe Mutter, zum Gruß; der Vater des
Friedens behalte die Oberhand in deinem Herzen,
Amen.
Meine sehr werte und herzlich geliebte Mutter, du
bist es, die mich neun Monate in ihrem Leibe getragen
und mit großen Schmerzen zur Welt gebracht hat; ja,
ich habe die Brüste deines Leibes gesogen, du hast
mich auch ernährt und mich in aller Wahrheit un-
terrichtet; du hast mich von jeder sündhaften Gesell-
schaft abgehalten, ja, du hast mich von jeder falschen
Lehre abgehalten; du hast mich von der babyloni-
schen Hure abgehalten; du hast mich in die Gemeine
des lebendigen Gottes gebracht; du hast mich vor al-
len Sünden nach deinem besten Vermögen bewahrt;
du hast mich mit des Herrn Hilfe so weit gebracht.
Sieh, meine sehr werte und herzlich geliebte Mutter,
meine Bitte und mein Begehren an dich ist, du wollest
doch um meinetwillen nicht bekümmert und betrübt
sein, denn ich hoffe, du habest mich nicht zur Schan-
de, sondern Gott und seiner Gemeinde zum Preis und
Lob auferzogen. Nebst allem gebührlichen Gruß bitte
und begehre ich von dir, du wollest mir vergeben und
es mir zu gut halten, wenn ich dich auf irgendeine
Weise betrübt haben möchte, es mag in meiner Jugend
geschehen oder unwissend der Fall gewesen sein. Fer-
ner, meine herzlich geliebte und werte Mutter, muss
ich dir aus dem Grunde meines Herzens und aus dem
Innersten meiner Seele ein wenig schreiben, wiewohl
du es gut weißt und von Gott gelehrt und meine liebe
Mutter bist, damit in niemandem unter uns ein arges
und ungläubiges Herz gefunden werde, und damit
niemand durch Betrug der Sünde verstrickt werde,
und von dem lebendigen Gott um irgendeiner Trüb-
sal willen abtrete.
Sieh, liebe und werte Mutter, laß uns nicht beküm-
mert oder verzagt werden, obgleich sie dein Gut und
Blut angetastet haben; erschrick nicht darüber, son-
dern habe guten Mut, denn der Herr ist unser Erlöser.
Sieh an das Leiden Hiobs, wie ihm der Herr geholfen
hat, und sieh an das Ende des Herrn, denn der Herr
wird dich und mich nicht verlassen, wenn wir unser
Vertrauen auf Ihn setzen. Der Herr hat mir im Streit
geholfen, denn ich bin nun schon zwölf Mal vor ihnen
gewesen; der Herr ist mein Hauptmann, Er wird mich
nicht verlassen; ich will Ihn auch nicht verlassen, we-
der um des Lebens noch um des Todes willen. Darum,
sehr liebe und werte Mutter, laß uns doch ein wenig
uns aufmachen und dem Herrn von Herzen zu Füßen
fallen, denn wir leben allein darum, daß wir einmal
sterben möchten; wie müssen wir dann so geschickt
sein, wenn wir alle vor dem Richterstuhl Christi dar-
gestellt werden sollen? Darum, meine herzgründlich
geliebte Mutter, die du mit mir gleichen Glauben emp-
fangen hast, laß uns denn unsem Verstand schärfen
725
und die Lenden unsers Gemütes umgürten; laß uns
alles ablegen, was uns beschwert, und die Sünde, die
uns anklebt, und laß uns durch Geduld laufen in dem
Streit, der uns verordnet ist, und auf den Herzog des
Glaubens und den Vollender Jesum sehen, dann wer-
den wir Lohn empfangen. Liebe und werte Mutter,
haben sie auch dein Gut und mein Leben angetastet,
was hat solches zu bedeuten? Der Herr, unser Gott,
wird uns wohl helfen, aber wir müssen Ihm vertrauen.
Die Welt wird sich freuen, wir aber werden betrübt
sein; doch soll unsere Traurigkeit in Freude verwan-
delt werden. Aber, liebe Mutter, wir müssen es mit
Geduld erwarten, wenn sie auch von uns reden (liebe
Mutter), sie haben den Herrn, unsem Gott, vor uns
gehasst.
Darum verwundere ich mich nicht, sie haben mich
so oft verurteilt; ja, daß ich hier das zeitliche Feuer und
dereinst das ewige Feuer empfangen sollte, ja, daß der
Teufel in mir sei; ja, sie sagten, sie könnten es vor Gott
nicht verantworten, wenn sie mich nicht und solche,
wie Douve Euwoutß, von dieser Welt brächten.
Darum, liebe und werte Mutter, erschrick nicht dar-
über, denn sie wissen es nicht besser, sondern laß uns
unsere Lektion wahmehmen, denn der Herr fordert
mehr von uns als von ihnen. Darum laß uns doch der
Bestrafung und Züchtigung wahrnehmen und diesel-
be mit Geduld und Freude aufnehmen, dann werden
wir Lohn empfangen, denn wen der Herr züchtigt,
den will Er aufnehmen; wenn wir aber ohne Züch-
tigung sind, so sind wir Bastarde und keine Kinder,
wie sie dessen alle teilhaftig geworden sind. Darum,
meine werte Mutter, freue ich mich von Grund meines
Herzens, daß mich der Herr, unser Gott, so lieb gehabt
und mir zugerufen hat, daß ich als ein Schlachtschäf-
lein Christi erfunden werden möge; ich hoffe durch
seine große Gnade und Barmherzigkeit, daß Er mich
tüchtig machen und mich in sein Reich aufnehmen
werde, welches Er denen verheißen hat, die Ihn von
Herzen suchen. Siehe, meine sehr geliebte und wer-
te Mutter, laß uns doch des Herrn Züchtigung nicht
geringschätzen, sondern dieselbe mit Geduld aufneh-
men, dann werden wir Lohn empfangen, ja, es wird
dermaleinst alle Traurigkeit und jede Träne von un-
sem Augen abgewischt werden. Wir werden auf dem
Berg Zion mit allen Heiligen Gottes stehen. Siehe, wel-
che große Freude ist denen bereitet, die Gott gehorsam
gewesen sind. Darum, geliebte und sehr werte Mutter,
laß uns unser Kreuz auf uns nehmen, und Ihm von
Herzen nachfolgen als liebe Kinder, damit wir aus
dem Buch des Lebens nicht ausgetilgt werden. Ge-
liebte, wir müssen heilig und unsträflich vor Ihm sein
in unserem Wandel, unsere Worte müssen mit Salz
vermengt sein, wie Paulus sagt, damit wir vor dem all-
mächtigen, ewigen Gott bestehen mögen. Ferner, liebe
und werte Mutter, wie du alle Liebe an mir erwiesen
hast, so ist das noch meine Bitte an dich, daß du doch
mein geliebtes und wertes Kind lieben wollest, wie du
mich geliebt hast, und ein mütterliches Herz gegen
dasselbe tragen wollest, wie ich denn auch hoffe, daß
du tun werdest.
Ach, liebe Mutter, halte es mir zu gut, was ich hier
geschrieben habe, denn es ist aus Liebe geschehen.
Wisst, liebe und sehr werte Eltern, daß ich in der
achtzehnten Woche meiner Gefangenschaft vor dem
Bischof gewesen bin, dort waren wohl acht oder neun
Personen versammelt. Da hat der Bischof mich zu-
nächst aufgefordert, daß ich mich zu dem heiligen
katholischen Glauben begeben sollte, dann wollte er
mich wieder auf freien Fuß setzen, wobei er noch viele
Worte machte; wollte ich aber das nicht tun, so wollten
sie mich als einen Ketzer, Widerspenstigen und Un-
gehorsamen, welcher den Ordnungen der römischen
Kirche zuwider ist, abschneiden.
Zuletzt habe ich meinen Mund freudig aufgetan
und gesagt: Tut, was ihr wollt, und was ihr vor Gott
verantworten könnt, denn ich will meinen Glauben
nicht verlassen weder um des Lebens noch Todes wil-
len. Sie sagten, ich sollte mich bedenken und mich
bessern, denn ewig wäre gar zu lange. Reytse: Weil
ewig so lange ist, darum will ich mich vorsehen; wäre
ewig nicht so lange, ich wollte in diesen Banden nicht
sitzen. Zuletzt fragten sie mich um alle Artikel aufs
Neue, und ich habe mein Bekenntnis darüber abgelegt.
Hierauf haben sie mir das Urteil vorgelesen, aber ich
verstand es nicht recht, es war in Latein geschrieben;
es hieß, weil ich ein Ketzer wäre, der sich mit den Ord-
nungen der heiligen Kirche nicht unterweisen lassen
wollte, so übergeben sie mich in der Richter Hände.
Zuletzt saß ich mit entblößtem Haupte da und verant-
wortete mich mit vielen Gründen und sagte getrost,
die sollten Zusehen und sich an mir nicht vergreifen.
Der Bischof sagte, er hätte lieber vierzehn Tage bei
Wasser und Brot fasten, als das Urteil über mich fällen
wollen.
Zuletzt, als sie das Ihre verrichtet hatten, gingen
sie fort. Als sie mich verlassen hatten, blieb ein Pfaffe
zurück, der sehr lästerte und viel zu sagen hatte, auch
eine ganze Nacht mit mir disputieren wollte; aber ich
wollte nicht, weil sie mich schon übergeben hatten,
denn er kam aus eigenem Antrieb. Darauf ging er
fort, und ich musste wieder ins Gefängnis; dennoch
bin ich unverzagt. Gott, der Herr, hat mich so weit
gebracht; ich hoffe durch seine große Gnade, daß Er
ferner mir helfen werde, denn ich weiß, daß Er der
ist, der mir hilft; ohne Ihn vermag ich nichts. Darum
lobt den Herrn allezeit und preist Ihn von Ewigkeit zu
726
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Ewigkeit; seid dem Herrn befohlen, denn Er ist unser
Erlöser und Helfer in all unserer Trübsal und jeder
Not.
Von mir, Reytse Ayseß, in der zwanzigsten Woche
meiner Banden.
Ein Brief von Reytse Ayseß an seine Hausfrau.
Gnade, Friede, Barmherzigkeit, Liebe und Einigkeit
von Gott, unserem himmlischen Vater, sei mit dir, mei-
nem lieben und werten Weib; der allmächtige Gott
wolle dich und mich bewahren und zum ewigen Le-
ben bringen, Amen.
Siehe, mein liebes und wertes Weib, die ich vor Gott
und seiner Gemeinde geheiratet habe, wie sehr ich
deinetwegen bekümmert und betrübt bin; ich bitte
den allmächtigen Gott Tag und Nacht für dich, daß Er
dich in deinem standhaften Glauben bewahren wolle,
denn als du bei mir warst, tröstetest du mich mit des
Herrn Wort, worüber ich mich mit unaussprechlicher
Freude freue und den allmächtigen, ewigen Gott für
deinen Glauben lobe.
Siehe, meine liebe und werte Hausfrau, sei nicht be-
kümmert um mich, sondern tröste dich in dem Herrn,
denn Er ist mein Helfer und tröstet dich; bisweilen
weiß ich es kaum, daß ich gefangen bin, wenn ich an
die Verheißungen denke, die uns Gott gegeben hat;
ich danke Gott, daß er mich dazu erwählt hat. Blei-
ben wir standhaft bis ans Ende, so ist uns die Krone
des Lebens beigelegt; dann werden wir mit weißen
Kleidern angetan werden und werden auf dem Berge
Zion mit allen auserwählten Heiligen Gottes stehen
und das gute neue Lied singen. Ach, mein geliebtes
und wertes Weib, ich könnte dich um aller Welt Güter
nicht verlassen, aber Christus sagt: Wer nicht Vater
und Mutter, Schwester und Bruder, Haus und Hof,
Weib und Kind, ja, sein eigenes Leben verlässt, der ist
meiner nicht wert. Siehe, mein geliebtes Weib, wir ha-
ben einander zwei Jahre gehabt und haben einander
sehr geliebt; es dünkt mich, wenn ich für dich hätte
sterben sollen, es wäre mir nicht zu schwer gewe-
sen. Mein liebes Weib, bin ich auch hier gefangen, so
wird es dir doch nicht zur Unehre, sondern Gott zum
Preis gereichen; ich bin sehr bekümmert um dich und
mein liebes Kind. Ach, möchte unser lieber Herr es in
sein Reich nehmen, das wäre mir eine große Freude,
oder, wenn das nicht ist, es in seiner Furcht aufwach-
sen lassen. Mein liebes Weib, sei meinetwegen nicht
bekümmert, sondern tröste dich in dem Herrn. Der
allmächtige Gott wolle dich und mich bewahren, daß
wir dermaleinst im ewigen Leben erscheinen mögen.
Der Herr wolle dich und mich bewahren und zum
ewigen Leben stärken, Amen.
Von mir, deinem lieben Mann, Reytse Ayseß.
Noch ein Brief von Reytse Ayseß an seine
Hausfrau.
Gnade, Friede, Barmherzigkeit, Einigkeit und Liebe
sei mit dir, meine liebe Hausfrau und Schwester in
dem Herrn; der allmächtige Gott wolle dich trösten
in deinem Druck und Elend, welches du um meinet-
willen hast.
Siehe, mein sehr liebes und wertes Weib und
Schwester in dem Herrn, die ich vor Gott und seiner
Gemeinde genommen habe; der ewige, allmächtige
Gott wolle dich trösten in deinem Druck und Elend,
das du um meinetwillen erträgst.
Siehe, meine Geliebte, müssen wir auch gleich hier
etwas leiden, denn in der Welt werden wir Trübsal ha-
ben, so soll doch unsere Trübsal in Freude verwandelt
werden; darum laß uns fest bei des Herrn Wort blei-
ben und nicht weichen, weder zur rechten noch zur
linken Seite. Ach, liebes und wertes Weib, ich bin dei-
netwegen sehr bekümmert und beschwert und bitte
den allmächtigen Gatt Tag und Nacht für dich, daß er
dich bewahren wolle und daß du bis ans Ende stand-
haft bleiben mögest; wer standhaft bleibt, wird selig
werden.
Mein liebes und wertes Weib und Schwester, als du
bei mir warst, tröstetest du mich mit des Herrn Wort
(daß auch des Schlossvogts Weib sagte, solches könnte
ich nicht tun) und sagtest, ich sollte bei des Herrn
Wort bleiben, worüber ich mich sehr erfreue und dem
ewigen Gott für deinen starken Glauben danke; ich
bitte den Herrn, der das gute Werk in dir angefangen
hat, daß Er es in dir bewahren wolle bis ans Ende,
damit du deiner Seele Seligkeit davon bringen mögest.
Meine Geliebte, habe guten Mut und sei tapfer im
Herrn; dann können wir mit dem Propheten sagen:
O Israel, wie selig sind wir, daß Gott uns sein Wort
offenbart hat; welchen Dank sollen wir dem Herrn
für das Gute zurückgeben, das Er uns erwiesen hat,
denn Er ist um unsertwillen arm geworden, damit wir
durch seine Armut reich würden. Darum, mein liebes
und wertes Weib, wenn wir mitleiden, so werden wir
uns auch mitfreuen; sterben wir mit, so werden wir
auch mitherrschen. Ach, Geliebte, habe guten Mut
und bleibe fest bei des Herrn Wort und sei fest in Ihm
gewurzelt, wie Jakob den Engel angriff und die ganze
Nacht mit ihm rang bis an die Morgenröte. Der Engel
sagte: Laß mich gehen, Jakob aber erwiderte: Ich lasse
dich nicht, bis du mich gesegnet hast.
Darum laß uns Gottes Nachfolger sein, als die lie-
ben Kinder, in der Liebe. Ach, mein geliebtes Weib,
deinetwegen trage ich Sorge und bin um dich sehr
727
beschwert. Ach Geliebte, ich bitte dich aus dem In-
nersten meiner Seele, du wollest den Herrn, deinen
Gott, während deines ganzen Lebens nicht verlassen.
Ach Geliebte, ich bin um mein liebes Kind so sehr
beschwert und betrübt, daß ich nicht weiß, wo ich hin
soll, und den ewigen allmächtigen Gott deswegen Tag
und Nacht bitte. Ach, meine Liebe und Werte, habe
guten Mut, tröste dich in dem Herrn, und sei um mei-
netwillen nicht beschwert; der Herr ist mein Helfer.
Meine Geliebte, der Herr gebe, wenn es Ihm gefal-
len möchte, daß wir nicht wieder Zusammenkommen,
daß wir dermaleinst im ewigen Leben Zusammenkom-
men mögen. Der Herr wolle dir und mir dazu helfen
und uns bewahren, daß wir selig werden mögen.
Geschrieben von mir, Reytse Ayseß, deinem gelieb-
ten Mann und Bruder in dem Herrn.
Des Reytse Ayseß Todesurteil und Tod.
Nachdem Reytse Ayseß seinen Glauben in aller Frei-
mütigkeit vor den Herren und Fürsten bekannt und
Abschied von seinen guten Freunden genommen hat-
te, so hat man ihn endlich vor die Herren gebracht
und zum Tode verurteilt, wie das hier folgende Urteil
ausweist.
Nachdem der Hof von Friesland vernommen hat,
daß Reytse Ayseß, gegenwärtig gefangen, durch das
Urteil des hochwürdigen Herrn, des Bischofs von
Leeuwarden, bezüglich seiner Meinungen und Irrtü-
mer in Ansehung der heiligen Kirche, hartnäckig be-
funden und als ein Ketzer verdammt worden ist, und
dieserhalb den Händen und dem Willen der weltli-
chen Obrigkeit übergeben worden, um mit demselben
nach den Rechten zu verfahren, wie solches das Urteil,
welches davon handelt, ausführlich angibt, so ist es
geschehen, daß vorgemeldeter Hof, nachdem er alles,
was man hierin zu betrachten pflegt, in genaue Überle-
gung genommen, den vorgemeldeten Gefangenen im
Namen und von wegen des Königs von Spanien, Erz-
herzogs von Österreich, Herzogs von Burgund und
Brabant, Grafen von Holland, Seeland und Herrn von
Friesland, verurteilt hat und ihn kraft dieses verurteilt,
daß er durch Wasser hingerichtet und vom Leben zum
Tode gebracht werden soll, und erklärt ferner, daß alle
seine Güter zu Ihrer Majestät Nutzen verfallen sein
sollen. So geschehen den 23. April 1574.
Darüber war Reytse sehr freimütig und erfreut, sag-
te dem Herrn Lob und Dank, daß er gewürdigt wor-
den wäre, um seines Namens willen zu leiden, und
ist darauf des Abends um neun Uhr von den Gerichts-
dienern in des Schlossvogts Haus gebracht worden.
Es waren dort auch Mönche, die ihn sehr quälten
und versuchten; aber dem Geist, der in ihm war, konn-
ten sie nicht widerstehen; er blieb immer freimütig
und unerschrocken, und redete mit einer Person, wel-
che von ihm dieses Zeugnis gegeben hat, ließ auch
alle seine guten Freunde grüßen, insbesondere seine
Eltern, sein Weib und seine nächsten Blutsfreunde,
und entbot ihnen, daß er sehr getrost wäre, und mehr
Freude hätte, als er jemals in seinem Leben genossen
hätte. Hiernächst ist er von dem Schlossvogt und des-
sen Dienern, dem Scharfrichter, den Mönchen und
mehreren andern des Nachts um zwölf Uhr nach dem
Peinigerturm geführt worden, wohin er freudig ge-
gangen ist und gesungen hat:
Dich ruf ich, himmlischer Vater, an,
Wollst meinen Glauben stärken.
Als er nun in den Peinigerturm kam, ist er auf sein An-
gesicht niedergefallen und hat den Herrn mit brünsti-
gem Gebet angerufen; hiernächst ist er aufgestanden
und hat sein Opfer in aller Freimütigkeit vollbracht.
In solcher Weise ist er dort ertränkt worden, und ruht
nun unter dem Altar und wartet, bis die Zahl seiner
Mitbrüder erfüllt sein wird.
Wie nachdrücklich nun der treue Gott mit Barmher-
zigkeit seines Volkes sich annimmt, dasselbe durch
seinen Geist tröstet und stärkt, mit ihnen durch Was-
ser und Feuer geht, ja, im bittern Tode bei ihnen
bleibt und sie nimmermehr verlässt, auch an allen
Leiden teilnimmt, das den Seinen angetan wird, als
ob Ihm selbst in seinen Augapfel gegriffen worden
wäre, kann in beiden Testamenten an der strafenden
Hand Gottes, die Er öfters wider die blutdürstigen
Verfolger gebraucht hat, klar gesehen und bemerkt
werden.
Eben dasselbe kann man auch an vielen Tyrannen
und Verfolgern der neusten Zeit wahrnehmen, wie
unter andern an dem Edelmanne Andries Grypen zu
ersehen ist, welcher als er einigen Dieben nachjagte,
seine Hände an diesen gemeldeten Gottesfürchtigen,
Reytse Ayseß, legte; und wiewohl sein und seiner
Hausfrau Gewissen sie wegen dieser Tat sehr geplagt
und beschuldigt hat, sodass sie sagten, es jammerte sie
sehr, daß man diese Leute über die Maßen beschwer-
te, die doch niemandem (sagte er) Leides tun, noch
jemandes Gut begehren, sondern mit ihrem Eigentum
wohl zufrieden sind, daß man diese so ängstige, das
wäre in seinem Herzen ein schweres Kreuz. Obgleich
er nun dieses in seinem Gewissen fühlte, so hat er
doch, weil seine Schreiber ihn dazu anreizten und er
mit Pilatus gern des Kaisers Freund bleiben, auch sein
Amt nicht verlieren wollte, diese Überzeugung seines
Gemütes in den Wind geschlagen und den Reytse Ay-
seß festgebunden und in eiserne Bande geschlossen.
728
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
und hat ihn so nach Leeuwarden ins Gefängnis ge-
sandt; aber der gerechte Gott, der mit sich nicht spot-
ten lässt, hat den gemeldeten Edelmann bald nach
dieser Tat mit seiner Hand schwer getroffen und ge-
straft; denn die Freibeuter, die aus Holland kamen,
überfielen sein Haus und zerstörten dasselbe gänz-
lich, taten ihm auch viel Leid und Schmach an und
nahmen ihn mit nach Holland; und als er um sechstau-
send Gulden ranzioniert wurde, musste er jede Woche
für seine Person noch hundert Gulden geben, bis das
Lösegeld aufgebracht und ganz bezahlt war. Dadurch
ist er mit seiner ganzen Familie in die äußerste Armut
geraten, sodass andere Leute, die mit Barmherzigkeit
erfüllt waren, ihn in dieser großen Dürftigkeit mit
ihrer Handreichung ernährt und gespeist haben; au-
ßerdem wurde er von der Auszehrung stark geplagt,
woran er endlich elend gestorben ist; ebenso haben
auch einige von seinen Nachkommen in dieser Welt
ein erbärmliches Ende genommen. In allen diesen Pla-
gen hat sein Herz ihn noch sehr dieser Tat beschuldigt,
sodass er mit Reue zu Gott gebeten und begehrt hat,
daß er doch, um dieses zeitlichen Leidens und Unge-
machs willen, der ewigen Pein der Hölle (die er in sich
zu fühlen schien) durch Gottes Gnade entfliehen und
ihr entübrigt sein möchte. Dieses möchte wohl für alle
Tyrannen und Verfolger ein Spiegel und Exempel sein,
damit sie sich vor solcher Tat sorgfältig hüten.
Hendrik Pruyt, im Jahre 1574.
Um das Jahr 1574 ist noch ein frommer Bruder, Na-
mens Hendrik Pruyt, gewesen, welcher zu Harder-
wyk in Gelderland geboren und ein Seemann war, der
mit seinem Schiffe auf der Südsee, an der Küste von
Friesland, fuhr. Weil aber in Wurkom ein welscher
Obrist lag, ein treuer Diener des Königs von Spanien,
und zu der Zeit schwere Kriege zwischen Holland
und dem König von Spanien geführt wurden, so ist
des Königs Volk dem gemeldeten Hendrik Pruyt mit
einer Jacht an Bord gekommen. Als er nun keinen
Ausweg sah, sagte er zu seiner Hausfrau: Tryntgen
Jans! Schaf, hier kommt der Wolf. Dabei ermahnte er
sie, sie sollte freimütig sein und ohne Falschheit reden,
was man sie auch fragen würde. Als diese Räuber an
Bord kamen, fragten sie, woher das Schiff sei. Sie ant-
worteten: Von Harderwyk, welches doch damals mit
dem König im Frieden stand; aber sie mussten gleich-
wohl mit ihnen ans Land, wo sie Hendrik Pruyt nach
Wurkom ins Gefängnis brachten. Seine Hausfrau, als
sie zu ihm kam, war sehr bekümmert, wie sie ihn wie-
der befreien möchte (denn es waren junge Leute, die
einander sehr liebten). Weil aber Hendrik Pruyt zu
seiner Befreiung wenig Hoffnung hatte, so hat er seine
Hausfrau gebeten, sie sollte sich seinetwegen wenig
Mühe geben, sondern zu ihrem Bruder und zu ihren
Freunden reisen, welche bei dem Schiff hauptsäch-
lich beteiligt waren, damit sie dafür sorgen möchten,
daß das Schiff gerettet würde, wie denn solches auch
geschehen ist.
Unterdessen, als sie nach Hause reiste, haben sie
Hendrik Pruyt verhört und befunden, daß er ein Bru-
der der Mennoniten wäre, weshalb sie so tyrannisch
und grausam mit ihm verfuhren, daß sie auch nicht
einmal bis zu seiner Frau Wiederkunft warten konn-
ten, welche sie auch wohl denselben Weg des Leidens
hätten passieren lassen. Sie nahmen diesen frommen
Mann und warfen ihn in ein Schifflein, welches sie
mit Teer wohl beschmiert hatten; auch haben sie den
Leib dieses Gefangenen mit Teer beschmiert und seine
Hände am Mastbaume festgebunden. In diesem Zu-
stand brachten sie ihn dann aus dem Hafen, steckten
das Schifflein in Brand und steuerten ihn brennend in
die See hinein. Als aber in Folge des Feuers die Stri-
cke, womit seine Hände gebunden waren, verzehrt
wurden, schien es, daß er sich noch auf irgendeine
Weise aus dem Brand hätte retten können, wenn die
Mörder, die solches sahen, nicht sofort zurückgekom-
men wären und ihn durchstochen hätten, worauf der
zeitliche Tod erfolgt ist. Also hat dieser Freund Gottes
sich tapfer durchgestritten, und ist deshalb der Samen
Gottes (den er durch die Ermahnung des Wortes Got-
tes in sein Herz empfangen hatte) bis ans Ende bei
ihm geblieben, wodurch er seine Feinde in Geduld
überwunden, Glauben behalten und die Krone der
ewigen Herrlichkeit durch Gottes Gnade erlangt hat.
Als dieser Obrist bemerkte, daß Tryntgen Jans, seine
Hausfrau, wenn sie diesen Vorfall hören würde, nicht
leicht diesen Wölfen würde in die Hände laufen wol-
len, ist er sehr missvergnügt darüber gewesen, und
hat gesagt: Hätte ich sie hier, sie müsste diesen Weg
auch wandern, und wenn er zu irgendeiner Zeit diese
Frau bekommen könnte, sollte sie auch schon irgend-
wo begraben sein, so wollte er doch ihren Leichnam
wieder ausgraben und denselben verbrennen lassen.
Bedenke einmal, geliebter Leser, wie solche grausa-
me Blutdürstigkeit und Tyrannei mit dem Wort, Geist
und Vorbild Christi und seiner Apostel übereinstim-
me, deren Nachfolger zu sein sie sich doch unver-
schämter Weise rühmen.
729
Olivier Willemß von Nimmägen wird zu
Antwerpen nebst zwei jungen Mägdlein lebendig
verbrannt, weil er nach der Wahrheit des
Evangeliums lebte, 1574.
Olivier Willemß, geboren zu Nimmägen, und in den
Schulen auferzogen, Pastor zu Leeuwen wurde (wel-
ches ein Dorf zwischen Nimmägen und Tiel war), hat
bisweilen seine Bedenklichkeiten über die Bedienung
der Messe und andere römische Satzungen zu erken-
nen gegeben. Dadurch ist er in Verdacht gekommen,
weshalb er auf Anraten seiner Gönner in das Clevi-
sche Land geflohen ist, und als er sich dort unter die
Gemeinschaft der Taufgesinnten begeben, ist er mit
einer Witwe von Antwerpen (die auch um der Verfol-
gung willen flüchtig war) in die Ehe getreten, worauf
er, in der Hoffnung größerer Freiheit, weil die bluti-
gen Befehle gemildert waren, mit ihr wieder zurück
nach Antwerpen gereist ist, und sich in dem Steinhau-
ersvest niedergelassen hat.
Als ihm nachher seine Hausfrau zwei Söhne ge-
bar, welche nicht zur Taufe gebracht wurden, sind sie
in den Verdacht der Ketzerei geraten und nachdem
sie verklagt waren, im Anfänge des Jahres 1574 (als
die Kinder fünfviertel Jahre alt waren), auf den Stein
gebracht wurden.
Wenige Tage darauf, auf einen Freitag, den 22. Ja-
nuar, wurde der gute und aufrichtige Mann, Olivier
Willemß, um seines Glaubens willen, weil er sich im
Alter hatte taufen lassen, und einige gute und erbau-
liche Bücher verkauft hatte, die durch die Papisten
verboten waren, verurteilt, daß er lebendig verbrannt
werden sollte, welche Pein er auch am andern Tage
standhaft erlitten hat, nachdem er seine Seele in die
Hände Gottes befohlen hatte.
Seine Hausfrau kam durch besondere Umstände
(die unnötig sind zu erzählen) aus dem Gefängnis,
und ist endlich im 85. Jahre ihres Alters gottesfürchtig
und gottselig im Herrn entschlafen.
Nacherinnerung von Olivier Willemß Person,
desgleichen von seinem Leiden und Tode.
Von ihm wird berichtet, daß er, neben seinem recht-
schaffenen Glauben und tugendhaften Wandel, einen
sehr klugen und durchdringenden Verstand gehabt
habe, und daß er auch in den drei Hauptsprachen,
nämlich Hebräisch, Griechisch und Latein so erfah-
ren gewesen sei, daß er sie täglich in seinem Hause
gelesen und seinen Hausgenossen erklärt habe.
Im Gefängnis wurde ihm mit der Folter sehr ge-
droht; er hat sich aber hierin standhaft, unbeweglich
und ohne Veränderung vor Gott und Menschen ge-
zeigt.
Er war kaum drei Tage gefangen, so war sein Pro-
zess schon beendigt, worauf das Todesurteil, Tags
darauf aber der Tod erfolgte.
Man verbrannte ihn lebendig zwischen zwei jungen
Töchtern (die allem Anschein nach dieselbe Wahrheit
auch bekannt hatten), nach dem Zeugnis derer, die
behaupteten, solches mit eigenen Augen gesehen zu
haben.
Nachdem uns nicht allein die vorgemeldete Ab-
schrift, und die nachher angeführte Nachricht von
Olivier Willemß zu Händen gekommen ist, sondern
auch die gerichtliche Anklage, welche der Schultheiß
zu Antwerpen auf gemeldete Person erhoben hat, wie
auch, was die Gerichtsherren darauf beschlossen ha-
ben, so wollen wir die urkundliche Abschrift des dor-
tigen Schreibers zur vollständigen Bewahrheitung der
Sache hier beifügen.
Auszug aus dem Gerichtsbuch, worin bürgerliche
und Blutsgerichtssachen der Stadt Antwerpen
enthalten sind.
Der Schultheiß, wider Olivier Willemß von Nimmä-
gen, weil er sich unterstanden, sich in verschiedenen,
verbotenen Zusammenkünften einzufinden, auch ver-
botene Bücher zu verkaufen und sich in diesen ver-
botenen Zusammenkünften nach seiner Taufe in der
Kindheit hat wiedertaufen lassen, alles den Gesetzen
und Befehlen seiner Majestät zuwider. Concludit capi-
taliter, daß der Beschuldigte, nach den vorgemeldeten
Befehlen, gestraft werden soll, nachdem er, der Be-
schuldigte, dasjenige öffentlich bekannt hat, dessen
er von dem Schultheiß beschuldigt worden ist. Judi-
catum: Er, als der Anstifter, ist wegen seiner Vermes-
senheit verurteilt worden.
Diese Abschrift ist von mir, unterschriebenen Se-
kretär der Stadt Antwerpen, mit dem vorgemeldeten
Gerichtsbuch verglichen und damit übereinstimmend
befunden worden. Ph. Valckenissen.
Die Worte Concludit capitaliter sagen auf Deutsch so
viel, als daß der Schultheiß ihn anklagt, daß Leben
und Gut ihm verfallen sei; das Wort Judicatum sagt so
viel, daß die Herren das Urteil gefällt haben. Dieses
bezeugt derselbe. Ph. Valckenissen.
Jakob, der Schuhflicker, nebst seiner Hausfrau
Grietgen von Brüssel, Anneken von Brüssel,
Tanneken Walraven, 1575.
Ferner sind im Jahre 1575 am Pfingstabend zu Ant-
werpen in Brabant die nachfolgenden Zeugen Jesu,
nämlich Jakob, der Schuhflicker, und seine Hausfrau
730
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Grietgen von Brüssel, eine Witwe, und Anneken von
Brüssel, eine junge Tochter, sowie Tanneken Walraven,
die Mutter des Jaques Walraven von Amsterdam, mit
festgeschraubten Zungen lebendig verbrannt worden.
Diese haben den Tod gemeinschaftlich erlitten, mit
Ausnahme der Ehefrau des Schusters Jakob, welche
schwanger war; diese hat ihre Niederkunft erwarten
müssen, worauf sie den Fußstapfen ihren Mannes
nachgefolgt ist, und ihr Leben um des Zeugnisses Je-
su willen freiwillig übergeben hat. Hierbei möge ein
jeder Leser bemerken, wie diese Papisten den Fuß-
stapfen der Schriftgelehrten und Pharisäer nachge-
folgt sind, welche neidisch waren und die Wahrheit
hassten, welche ihre Ohren verstopft haben, damit
sie die Worte der Wahrheit, die ihnen von dem treu-
en Zeugen Gottes, Stephanus, vorgehalten worden
sind, nicht hören möchten. Ebenso haben auch diese
Schriftgelehrten mit noch größerer Tyrannei gegen
diese Freunde Gottes gehandelt, wobei sie sich der
Instrumente bedienten, die von den Mönchen dazu er-
funden waren; mit denselben haben sie diesen Zeugen
die Zungen festgeschraubt, um sie am Reden zu ver-
hindern, damit, wenn sie zum Tode gingen, sie dem
umstehenden Volk die Wahrheit aus Gottes Wort und
die Unschuld ihres Todes nicht verkündigen möchten.
Wie werden sich diese Verfolger vor dem Richterstuhl
Christi verantworten, die doch wissen, daß Christus
so viele Wehe, Wehe über die Schriftgelehrten und
Pharisäer ausgerufen hat, welche die Propheten getö-
tet und gesteinigt haben, die zu ihnen gesandt waren,
und doch auch eben denselben Werken nachgefolgt
sind? Darum haben sie auch von dem gerechten Rich-
ter (der einen jeden nach seinen Werken belohnen
wird) eben dieselbe Belohnung zu erwarten. Dagegen
können diese Zeugen sich in der Tat trösten, deren
Zungen hier gebunden waren, und die eine kurze Zeit
um der Wahrheit willen gelitten haben, daß solches
ihnen eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit geben
werde, wenn in der Offenbarung Christi ihr Mund
voll Lachens und ihre Zunge voll Rühmens sein wird,
und sie werden in großer Standhaftigkeit wider dieje-
nigen stehen, die sie hier geängstigt und ihre Arbeit
verachtet haben, und sie stehen also unter den seligen
Verheißungen Christi, der gesagt hat: Selig sind, die
um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn
das Himmelreich ist ihnen; und Petrus: Wenn ihr um
des Namens Christi willen verschmäht werdet, so seid
ihr selig.
Von diesen Zeugen sind während ihrer Gefangen-
schaft viele Schriften herausgekommen, aber sie sind
im spanischen Aufruhr, welcher den 4. November im
Jahre 1576 zu Antwerpen stattfand, wieder verloren
gegangen.
Claes von Armentiers und Lyntjen, eine junge
Tochter, im Jahre 1575.
Im Jahre 1575 ist zu Antwerpen um des Glaubens
der Wahrheit und des Zeugnisses Jesu willen ein got-
tesfürchtiger frommer Bruder, genannt Claes von Ar-
mentiers, ein Bortenweber, und mit ihm eine junge
Tochter, genannt Lyntjen, eine Dienstmagd, lebendig
verbrannt worden. Als nämlich Claes von Armentiers
zuerst gefangen war, hat Lyntjen ihm ins Gefängnis
zugerufen: Streite tapfer, mein lieber Bruder, denn du
hast die rechte Wahrheit. Als sie aber deshalb eben-
falls gefangen wurde, ist sie vier oder fünf Tage dar-
auf aufgeopfert, und sind so beide lebendig verbrannt
worden; und weil sie um der Wahrheit Christi wil-
len (wie den gehorsamen Schäflein ihres einigen und
ewigen Hirtens wohl ansteht) den zeitlichen Brand
an ihren zeitlichen und vergänglichen Leibern gedul-
dig und in wahrem Gehorsam erlitten haben, so sind
sie dadurch von dem ewigen und unauslöschlichen
Brande der Hölle, der dem Teufel und allen seinen
Nachfolgern bereitet ist, errettet und befreit worden;
denn diese werden Pein leiden müssen, das ewige Ver-
derben von dem Angesicht des Herrn, da der Wurm
nicht stirbt, noch das Feuer ausgelöscht wird; dage-
gen haben diese treuen Nachfolger der Wahrheit aus
dem Munde Jesu zu erwarten: Selig sind, die um der
Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Him-
melreich ist ihr; dann werden sie diese Glieder, die sie
hier um des Zeugnisses Jesu willen dem Feuer überge-
ben haben, mit großer Herrlichkeit wieder empfangen,
und werden dem herrlichen Leibe unseres Herrn Je-
su gleich sein in der Unsterblichkeit, und mit Ihm in
unaussprechlicher Freude und Herrlichkeit leben von
Ewigkeit zu Ewigkeit.
Zwanzig Personen zu London in England,
unter denen vierzehn Weiber waren, werden zur Stadt
hinausgetrieben; ein Jüngling wird hinter einem Kar-
ren ausgepeitscht; einer ist nachher im Gefängnis ge-
storben; zwei, mit Namen Hendrik Terwoort und Jan
Pieterß, sind lebendig verbrannt; zwei andere nach
viel ausgestandenem Elend aus dem Gefängnis ent-
kommen, welches alles unter der Regierung der Köni-
gin Elisabeth im Jahre 1575 geschehen ist.
Als die Verfolgung, das Töten und Morden der
Christenschar an vielen Orten noch im Gange war, ist
es geschehen, daß einige Freunde um der schweren
Verfolgung und geringen Nahrung willen aus Flan-
dern nach England gezogen sind, unter denen sich
auch Hendrik Terwoort und Jan Pieterß befanden. Als
sie nun in ihrer Einfachheit zu London wohnten, um
731
für Weib und Kind das Brot zu verdienen, hat es sich
im Jahre 1575 auf den Ostertag ereignet, daß sie sich
in der Vorstadt versammelten, um das Wort Gottes
zu hören; als sie sich nun miteinander zu Gott ins
Gebet begaben, ist der Constabel (weil sie ausgekund-
schaftet worden waren) auf eine grausame und trot-
zige Weise hineingekommen, nannte sie Teufel und
fragte sie, wer ihr Prediger wäre, schrieb auch ihre
Namen auf und nahm von den Frauen das Wort, daß
sie bis auf weitern Bescheid beisammen bleiben woll-
ten. Deshalb sind diese Freunde dort geblieben, bis
der Constabel wieder kam, der sie bei Namen auf-
rief und hiemächst vor sich hertrieb, wie man die
Schafe zur Schlachtbank führt; ihre Anzahl bestand
aus 25 Personen, die er nach dem Gefängnis geführt
hat, von denen sich jedoch zwei, ohne irgendeine Ge-
walt anzuwenden, befreit haben. Sie haben zwei Tage
auf dem Südwerke in der Mercice gefangen gesessen,
worauf sie auf gegebene Bürgschaft entlassen worden
sind; sie wurden aber bald darauf wieder in die St.
Pauluskirche entboten, wo der Bischof mit mehreren
andern hochgeachteten Lehrern und Menschen anwe-
send war; dort hat man ihnen vier Fragen vorgelegt,
welche lauten wie folgt:
1. Ob Christus, unser Heiland, sein Fleisch nicht
von dem Leibe Maria angenommen habe?
2. Ob einem Christen erlaubt sei, einen Eid zu
schwören?
3. Ob die Christen ihre Kinder auch taufen lassen
sollten?
4. Ob einem Christen erlaubt sei, im Blutgericht ein
obrigkeitliches Amt zu bedienen?
Diesen Fragen haben diese Freunde nicht beipflich-
ten können, sondern haben denselben sämtlich wi-
dersprochen, weil sie dieselben in der heiligen Schrift
(nach welcher man glauben muss) nicht gelesen hat-
ten. Das bekannten sie, daß sie von einer Obrigkeit
gelesen hätten, die Gott in allen Landen zum Schutz
der Frommen und Strafe der Gottlosen eingesetzt ha-
be. Als nun diese Freunde um der Furcht Gottes wil-
len den Gelehrten in diesen ihren Fragen nicht folgen
konnten, so hat der Bischof sehr schändlich und grim-
mig über sie getobt, was auch die anderen getan und
geäußert haben, man sollte diesen Leuten den Prozess
machen, wenn nicht, so wollten sie selbst Hand an sie
legen, und weil einer von den Gefangenen mehr als
die andern redete, so sagten sie: Dieser ist ihr Kapitän;
du sollst deinen bösen Samen nicht länger in unserem
Land ausbreiten, und haben ihn allein geschlossen.
Darauf hat der Bischof ihnen einen großen Brief ge-
zeigt und sehr trotzig gesagt, daß der Hof befohlen
habe, daß alle Fremdlinge die vier oben gemeldeten
Fragen unterzeichnen sollten; wer solches tun wollte.
der könne frei und ungehindert im Lande wohnen
bleiben; aber alle die hierin widerspenstig erfunden
würden, sollte man mit einem schrecklichen Tode hin-
richten; darauf mag sich ein jeder bedenken; darum
unterzeichnet lieber, dann helft ihr euch selbst aus der
Gefahr. Diese grausamen und unchristlichen Bedro-
hungen haben einigen Schrecken eingejagt, sodass um
der Schwachheit des Fleisches willen fünf derselben
von der Wahrheit abgefallen sind und sich geweigert
haben, ihr Leben um Christi willen zu verlieren. Da
sie mm diese in ihr Netz bekamen, so haben sie diese
gefundenen Schafe (wie sie dafür hielten) nach der
Lehre Christi nicht mit Freuden auf ihre Schultern
gelegt, sondern sie haben im Gegenteil diese fünf zur
Schmach auf Paulus Kirchhof gesetzt, wobei sie ihnen
Brandreiser auf die Schultern banden, als ein Zeichen,
daß sie des Brandes schuldig wären; auf solche Weise
standen sie da, bis der Bischof seine Predigt geendigt
und ihnen einen Brief eingehändigt hatte, des Inhalts,
daß sie verführt waren und daß dieses die Wahrheit
sei, die man dort lehrte; sie sollten Bürgschaft leisten,
daß sie sich zur deutschen Kirche halten wollten, um
dadurch ihre Brüder zu werden. Die anderen Freunde
aber, die bei der Wahrheit standhaft geblieben sind,
haben sie noch zweimal vor den Bischof gebracht und
ihnen mit dem Befehl scharf gedroht, ob sie sie zum
Unterschreiben bringen möchten, sonst müssten sie ei-
nes entsetzlichen Todes sterben. Als der Bischof diese
Freunde keineswegs zum Abfall bringen konnte, hat
er sie dem Bürgermeister übergeben, worauf man sie
zu den Übeltätern in schwere Gefangenschaft gelegt
hat, wo die vierzehn Frauen nebst einem jungen Kna-
ben eine Zeitlang in großem Leid und Trübsal unter
mancherlei grausamen Todesbedrohungen gefangen
gelegen haben.
Aber die Sache hat einen andern Ausgang genom-
men, denn sie haben diese gemeldeten Frauen heraus-
gelassen, und wiewohl sie imschuldige Schafe waren,
die man leicht zwingen konnte, so haben sie sie doch
mit Hellebarden und bewaffneten Leuten (als ob sie
eine Stadt zu bewahren hätten) zu Schiffe getrieben;
den Junggesellen aber haben sie an einen Karren ge-
bunden, und ihn so mit einer Peitsche auf den Leib
gegeißelt und ausgepeitscht, welcher sagte: Dieses
ist um des Namens Christi willen. Als sie nun einge-
schifft waren, um nach Gravesend gebracht zu wer-
den, gab man dem Schiffer einen Brief, des Inhalts,
daß diese Leute nicht würdig wären, unter die Chris-
tenheit zu kommen. Die andern fünf Brüder haben sie
nachher vorgeführt und sie mit großer Strenge zum
Unterschreiben genötigt, widrigenfalls sie auf dem
Smitsfelde verbrannt werden sollten. Darauf hat Jan
Pieterß mit tapferem Gemüt geantwortet, daß solches
732
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
eine sehr geringe Sache sei. Der Bischof fragte scharf:
Was sagt er da? Nachdem er nun Jan Pieterß wohl
verstanden hatte, sagte er trotzig, daß man solche Ket-
zer meiden müsste; darum wollte er sie nun als böse
Glieder von seiner Kirche abschneiden. Darauf sagte
Hendrik Terwoort: Wie kannst du uns von eurer Kir-
che abschneiden, da wir doch noch niemals mit euch
vereinigt gewesen sind? Der Bischof antwortete, das
wäre ebenso viel, denn es wäre niemand in England,
der nicht ein Mitglied der Kirche Gottes wäre. Also ha-
ben sie diese Freunde Christi nach Nieugeet geführt;
dort haben sie sie sehr fest geschlossen und sie mit
mancherlei Anfechtungen, mit Disputieren und mit
grausamen Todesbedrohungen gequält. Als aber diese
Freunde solches alles (als Männer im Glauben) stand-
haft ertrugen, so haben sie sie sehr unbarmherzig in
ein tiefes Loch zu bösem Ungeziefer gesteckt, wo es
fürchterlich und ungesund zu liegen war, sodass einer
von den Freunden, Namens Christian, wenige Stun-
den darauf dort gestorben ist. Bisweilen kam ein eng-
lischer Lehrer dahin, legte seine Hände auf sie und fiel
auf seine Knie, rief auch laut: Herr, bekehre ihr Herz!
wobei er den Teufel nannte und sagte: Weiche von
ihnen, du böser Feind! Als aber diese Männer dieses
alles (durch Gottes Gnade) um der Liebe Gottes willen
ertrugen, ist ihnen zuletzt ein Brief gezeigt worden,
welcher acht Artikel umfasste, den alle Fremdlinge
unterschreiben und dabei erklären sollten, ob es nicht
recht wäre, solche herumlaufenden Ketzer zu töten.
Nachher ist das Urteil über Jan Pieterß und Hendrik
Terwoort von Hof gekommen, daß sie beide öffentlich
verbrannt werden sollten; das gemeine Volk hat die-
ses Urteil unterschrieben und ebenfalls zugestimmt,
daß man solche Ketzer töten sollte.
Den folgenden Sonntag hat man ihnen die Nach-
richt gebracht, daß sie innerhalb dreier Tage verbrannt
werden sollten, wobei gefragt wurde, ob sie, die Ge-
fangenen, noch einen Aufschub begehrten. Hendrik
Terwoort antwortete: Muss es einmal nach eurem Vor-
haben geschehen, so wollt denn mit der Sache sehr
eilen, denn wir wollen lieber sterben als leben, da-
mit wir einmal von dem grausamen Ungeziefer erlöst
werden mögen; aber es hat noch bis den Freitag ge-
währt, wo sie Morgens früh hinausgeführt worden
sind, um auf dem Smitsfelde getötet zu werden. Als
sie zum Tode gingen, sagte Jan Pieterß, wir dürfen
uns dieses Weges nicht schämen, weil viele Propheten
denselben vor uns gewandelt sind. Also sind sie als
wehrlose Schafe Christi den Fußstapfen ihres Meis-
ters nachgefolgt, und um des Namens Christi willen
freimütig zum Tode gegangen. Ein englischer Lehrer,
der zugegen war, hat spottend vor allem Volk gesagt:
Diese Leute glauben nicht an Gott. Darauf hat Jan
Pieterß geantwortet: Wir glauben an einen Gott, un-
sern himmlischen, allmächtigen Vater, und an Jesum
Christum, seinen Sohn.
Als sie nun an den Pfählen standen, hat man sie
noch einmal mit dem Unterschreiben jener Schrift ge-
plagt und ihnen, wenn sie unterschreiben würden,
Pardon verheißen. Darauf sagte Jan Pieterß: Ihr habt
allen Fleiß angewandt, uns auf eure Seite zu bringen;
nun ihr aber eure Absicht nicht erreichen könnt, setzt
ihr uns an Pfählen. Darauf entschuldigte sich einer
von den Predigern und sagte: Solches käme allein
vom Rate her und es wäre auch der Königin Mei-
nung, daß sie getötet werden sollten. Jan Pieterß gab
zur Antwort: Sie wären ja der Königin Lehrer, darum
sollten sie sie anders unterrichten, und deshalb wird
unser Blut von euren Händen gefordert werden. Also
sind sie den 22. Juli des gemeldeten Jahres 1575 bei-
de lebendig verbrannt worden und haben das Wort
der Wahrheit mit ihrem Tode befestigt. Aber die bei-
den anderen Gefangenen, nämlich Gerrit von Byler
und Hans von Strafen, sind nach vielem Elend und
Jammer (unverletzt an ihrem Glauben) wieder frei
geworden.
Es sollen auch alle Verständigen billig erwägen, wie
wenig solche unchristlichen und grausamen Handlun-
gen und Urteile, wie hier vorliegen, mit dem christ-
lichen Glauben übereinstimmen, da doch die Chris-
tenschar als eine Herde von Schafen und Lämmern
beschrieben wird, die unter die grausamen und rei-
ßenden Wölfe ausgesandt wurde. Wer wird nun mit
gutem Gewissen glauben können, daß diese engli-
schen Prediger die wahren Schafe Christi seien, weil
sie hierin so merkwürdige Früchte der Wölfe hervor-
gebracht haben, indem man ja, nach der Lehre Christi,
den Baum an den Früchten erkennen soll! Diese Pre-
diger sind umso mehr zu bestrafen, weil sie es ja für
einen Hauptartikel ihres Glaubens halten, daß der
allmächtige Gott vor Grundlegung der Welt eine ge-
wisse kleine Zahl Menschen erwählt habe, die weder
vermindert noch vermehrt werden können, sondern
ohne Fehl die Seligkeit erlangen, und daß dagegen
der allmächtige Gott die andere große Zahl Menschen
verworfen habe, die auch ohne Fehl verloren gehen
müssen; auch, daß der Wille oder das Vermögen, das
Gott dem Menschen gegeben hat, um die gnädige
Bekehrung von Gott anzunehmen, nicht mehr wir-
ke oder vermöge, als die verstorbenen Menschen zur
Auferweckung vom leiblichen Tode tun können. Steht
nun die Sache mit des Menschen Bekehrung so, wie
ganz ungegründet ist denn nicht das Tun dieser engli-
schen Prediger, die auf solche tyrannische Weise die-
sen armen, wehrlosen Gefangenen den Glauben und
die Bekehrung (nach ihrer Meinung) durch die Bedro-
733
hungert des schrecklichen Todes haben aufdringen
wollen. Aus diesem ist zu ersehen, daß sie ihre eige-
nen Hauptartikel selbst nicht glauben.
Dieses ist unter der Regierung der Königin Elisa-
beth geschehen, im 18. Jahre ihres Reiches.
Wem es gefällt, der lese diese Geschichte auch in
einem alten gedruckten Lied, welches damals über
die Aufopferung dieser Freunde gemacht worden ist.
Auszug aus einer eigenhändigen Schrift des Gerrit
von Byler, im Gefängnis zu London geschrieben,
welche uns durch seinen Sohn, Jan von Byler,
eingehändigt worden ist und zur Befestigung des
Vorgemeldeten dient.
Zunächst und vor allem berichtet er, daß sie, als ihrer
mehr als 25 versammelt gewesen und Gott angebetet
hatten, am Ostertag überfallen, gefangen genommen
und in der Königin Gefängnis gesetzt worden seien;
hier saßen sie bis in den dritten Tag und mussten dann
für eine große Summe Geldes Bürgschaft leisten; die
Bürgschaft hat jemand übernommen und wir (schreibt
Gerrit von Byler) hielten unser Wort. (Von hieran wol-
len wir der eigenhändigen Schrift des Gerrit von Byler
nachfolgen.)
Da sind wir vor Ihrer Majestät Bischof geführt wor-
den, um unsern Glauben zu bekennen, was wir auch
taten.
Als wir vor den Bischof kamen, trafen wir dort den
Meister Joris, Jakobus de Köninck, Jan de Rademachcr,
zwei Ratsherren und einen französischen Prediger; sie
hielten uns vier Fragen vor und sagten dabei: Sagt Ja
oder Nein.
1. Frage: Ob Christus sein Fleisch und Blut nicht
von der Jungfrau Maria angenommen habe? Wir ant-
worteten, daß Er der Sohn des lebendigen Gottes sei.
2. Frage: Ob die Kinder nicht getauft werden müss-
ten? Wir antworteten: Wir können es nicht so anneh-
men, weil wir es in der heiligen Schrift nicht gefunden
haben.
3. Frage: Ob ein Christ im Blutgericht ein obrigkeitli-
ches Amt bedienen möge? Wir antworteten, daß unser
Gewissen solches nicht zuließe, wir würden sie aber
(wie wir lesen) für eine Dienerin Gottes erkennen.
4. Frage: Ob ein Christ im Notfall nicht schwören
möge? Wir antworteten, unser Gewissen ließe uns sol-
ches auch nicht zu, denn Christus habe gesagt (beim
Matthäus): Eure Worte sollen sein Ja, ja. Nein, nein.
Darauf schwiegen wir still; der Bischof aber sagte,
unsere Missetaten wären hierin sehr groß; und wir
könnten das Reich Gottes nicht ererben. Ach, Herr,
räche solches nicht.
Darauf sagte der Bischof zu uns allen, man sollte
uns wieder in die Mercice führen, woher wir gekom-
men waren, um uns dort gefangen zu halten.
Ein junger Bruder, der zuerst gefragt wurde und
die Wahrheit freimütig bekannte, wurde darüber hart
angeklagt und von uns getrennt und nach Westmüns-
ter geführt, wo er allein geschlossen wurde; dieses hat
uns sehr verdrossen.
Als wir nun so gefangen saßen, kam Meister Joris
und sagte, wenn wir uns zur Kirche begeben wollten,
so sollte er uns losschließen und von den Banden
befreien; dazu sagte er, hätte er Befehl vom Bischof;
aber wir standen tapfer für die Wahrheit Jesu Christi,
Er ist doch unser Hauptmann und sonst niemand, ja,
auf Ihm beruht all unser Vertrauen.
Meine lieben Brüder und werten Schwestern, lasst
uns tapfer anhalten, bis wir hinweggenommen wer-
den. Der Herr wird uns neuen Wein einschenken. O
Herr stärke unsern Glauben! Gleichwie wir den Herrn
Jesum Christum angenommen haben, so lasst uns
doch auch fortschreiten und tapfer auf ihn trauen.
Als wir nun meinten, der Streit würde bald ans
Ende kommen, so hat er erst recht seinen Anfang
genommen. Wir wurden in Eisen geschlossen und
voneinander getrennt, auch wurden wir an unsern
Beinen gefesselt; dieses währte etwas länger als drei
Wochen.
Unterdessen mussten wir abermals vor die Herren,
wo man uns verkündigte, daß wir verbrannt werden
sollten, was für das Fleisch verdrießlich war; aber
wir riefen zu Gott in unserer Not, daß Er uns stärken
wolle, wie Er Israel getan hatte.
In einer Morgenstunde, am Tage vor Pfingsten, wur-
den wir abermals zwei und zwei zusammengebun-
den und vor die Herren geführt (dieses war das vierte
Mal); da wurden wir des Wortes des Herrn eingedenk:
Wenn ihr vor Herren und Fürsten geführt werdet, so
sorgt nicht, was ihr reden sollt, denn es soll euch zur
Stunde gegeben werden; solches Vertrauen haben wir
zum Herrn.
Als wir dahin kamen, legten uns die Herren die vier
vorgemeldeten Fragen abermals vor und drangen in
uns, sie zu unterzeichnen, aber wir sagten, daß wir
bei des Herrn Wort bleiben wollten.
Da wurden wir wieder jeder in ein besonderes Ge-
fängnis gebracht und wie zuvor in Fesseln geschlos-
sen; die Frauen wurden nebst einem jungen Bruder,
nach Nieugeet geführt, von wo ab sie aber alle zu
Schiffe gebracht worden sind, in welchem man sie
weiter transportiert hat; den jungen Bruder aber hat
man an einen Karren gebunden und mit Peitschen zur
Stadt hinaus geschlagen.
Darnach wurden wir auf etwa fünf Tage von den
734
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Banden befreit, aber sie wurden uns wieder angetan
und wir warteten nun auf das Ende.
Darauf sind zwei deutsche Prediger gekommen,
welche vom Bischof gesandt waren; dieselben gaben
dem Stockmeister en Brieflein.
Hiernächst sind wir den 2. Juni abermals gebunden
hinausgeführt und vor die Herren gebracht worden;
dieselben legten uns wieder die obigen vier Fragen
vor, und als solches geschehen, sandten sie uns nach
Nieugeet ins Gefängnis, wo die andern Freunde ge-
sessen hatten.
Da dachten wir, es würde innerhalb eines oder zwei-
er Tage ein Ende mit uns nehmen, wonach wir sehr
verlangten, denn das Gefängnis war schwer; aber es
war des Herrn Wille noch nicht.
Als wir dort ungefähr acht Tage gesessen hatten,
ist einer von unsern Brüdern aus dem Fleische erlöst
worden und gottselig gestorben; wir wurden alle her-
beigerufen, um Zeugnis davon zu geben.
Unterdessen saßen wir dort zwischen vielen Dieben
und Übeltätern, zu welchen der Bischof und auch ein
Prediger sagte, sie sollten sich in Acht nehmen, daß
sie von uns nicht verführt würden.
Nach vielen Stürmen kam Meister Godefryd mit
zwei andern; wir wurden nun zwischen Mauern ge-
sperrt, daß wir auch mit unserm Nächsten nicht spre-
chen konnten.
Man kündigte uns täglich unter den schwersten
Bedrohungen die schrecklichsten Todesarten an; der
Herr aber hat uns gestärkt, seinem heiligen Namen
sei Lob. Sie sagten mir auch früher, wenn ich in des
Feuers Glut wäre, so könnte ich mich nicht mehr um
Gnade bücken oder neigen; darum sollte ich es zuvor
tun, denn die geringste Pein wäre die beste, damit ich
nach dem Tode nicht lange leiden müsste.
So haben wir von Tag zu Tag den Tod erwartet;
wir dachten wenig an unser Leben, wiewohl es für
das Fleisch eine schwere Aufgabe war; wir trösteten
einander, weil wir doch einmal sterben mussten.
Der schwerste Streit für mich war, meine liebe Haus-
frau mit allen meinen kleinen unschuldigen Kindlein
zu verlassen.
Nach zwölf Tagen wurde zweien von uns angesagt,
daß sie den dritten Tag durch Feuer sterben sollten;
darauf erfolgte auch, daß auf den Dienstag ein Brand-
pfahl auf Smitsfeld gesetzt wurde; aber das Gericht
ging damals nicht vor sich.
Am Mittwoch war viel Volk dort versammelt, um
den Tod unserer beiden Freunde anzuschauen; dassel-
be ist aber nach und nach wieder auseinander gegan-
gen, denn das Ganze war nur geschehen, um unsere
Freunde und uns zu erschrecken und vom Glauben
abzuziehen.
Auf den Freitag jedoch sind zwei von unsern Freun-
den, nämlich Hendrik Terwoort und Jan Pieterß, aus
dem Gefängnis geholt und zum Opfer hinausgeführt
worden.
Jan Pieterß, als er hinausging, sagte: Diesen Weg
sind alle frommen Propheten gegangen, ja, selbst
Christus, unser Seligmacher, was von Anfang der Ta-
ge, nämlich von Abels Zeiten an, geschehen ist.
Diese beiden wurden auf dem Smitsfelde an einen
Pfahl gesetzt und haben sich mit Gewalt durchgestrit-
ten (in der Mitte des Feuers), und sind also vor dem
Herrn ein Opfer geworden, welches sie Ihm lebendig
aufgeopfert haben.
Hierauf folgte in dieser Schrift ein Liedlein, wobei
bemerkt war, daß Jan Pieterß Wagemacher (der da-
mals verbrannt wurde) dasselbe vor seinem Tod im
Gefängnis gemacht hätte; es handelte von dem Leiden
aller Frommen bis auf Jesum Christum, seine Apostel
und viele Märtyrer, und fängt so an:
Hört, Freunde allzusammen,
Ein Lied Hab' ich gestellt,
und hat es mit diesem Vers beschlossen:
Der dies Lied hat begonnen,
Der war sehr schwach und krank;
Hätt' er den Streit gewonnen,
So wäre es sein Dank.
Der Streit sollt' da angehen
Als er dies Lied erst sang.
Zu London ist’s geschehen,
Allwo er saß in Drang.
Darnach noch ein Lied, welches sich so endigt:
Der dieses Liedlein hat gesungen,
Der war in seinem Geist erfreut;
Die Lieb’ hat ihn dazu gedrungen,
Als er da lag in schwerem Streit,
Zu Gott war allein sein Verlangen,
Der stärkte ihn durch seine Hand,
Zu London, da er lag gefangen
In Nieugeet, welches zvohl bekannt.
Ferner noch ein Vers:
Wir sind, o Herr, nun in dem Streite,
Ach hilf und rett' uns von dem Leid;
Von unsern Feinden, die zur Zeit
Uns ängstigen zu aller Seit',
O Herr uns doch befreie!
Standhaftigkeit verleihe.
O Herr! du bist ein großer Gott:
Stärk' uns allzeit in aller Not.
735
Hierauf wurden die nachfolgenden Worte von Gerrit
von Byler geschrieben:
Hoffnung der Gläubigen: Obgleich man mich hier
auf dieser Erde verdammt, so glaube ich doch gewiss
mit dem Propheten David, Ps 27,13, daß ich das Gute
des Herrn im Lande der Lebendigen sehen werde;
darum freue ich mich des Herrn und bin getrost und
unverzagt, indem ich gewiss weiß, daß mein Erlöser
lebt; meine Hoffnung ist auf Gott.
Geschrieben in Nieugeet, zu London, im September
des Jahres 1575 von mir, Gerrit von Byler.
Auszug aus den beifügten Dingen in dem alten
Märtyrer-Spiegel, gedruckt 163, Pag. 964, Kol. 2.
Es ist uns eine Chronik über England von Egmont
Howes, einem Edelmann von London, gedruckt im
Jahre 1615 von Thomas Dauwson, zu spät in die Hän-
de geraten; in derselben wird Blatt 78 die folgende
Geschichte erzählt, welche sich unter der Königin Eli-
sabeth im Jahre 1575 zugetragen hat.
Auf Ostern, welches auf den 3. April fiel, ungefähr
um neun Uhr Vormittags, wurde eine Versammlung
Wiedertäufer, welche Deutsche waren, in einem Hau-
se bei Algatenpforte entdeckt, von denen 17 gefangen
genommen und vier ins Gefängnis geworfen wurden.
Den 21. Mai, auf Pfingstabend, wurden ein Mann
und zehn Frauen, deutsche Wiedertäufer, im geist-
lichen Rate von Paulus Kirche dahin verurteilt, daß
sie auf einem Platz, genannt das Smitsfeld, verbrannt
werden sollten, und nach großer Mühe und Arbeit,
die man mit ihnen hatte, ist nur ein Weib umgekehrt,
die andern wurden des Landes verwiesen.
Den 22. Juni wurden zwei deutsche Wiedertäufer
auf dem Platz, genannt das Smitsfeld, verbrannt, die
unter großem Schrecken, Rufen und Geschrei starben.
So weit der vorgemeldete Schreiber.
Dieses haben wir für gut befunden, hierher zu set-
zen, weil es zur Befestigung des Vorgemeldeten dient
und auch zum Zeugnisse, daß sie nicht um einer Miss-
etat willen, wie einige ausstreuen, gegen ihre Majestät,
sondern allein um ihres Glaubens willen gelitten ha-
ben, was um desto gewisser ist, weil es durch die
Hand ihrer Widersacher selbst beschrieben worden
ist.
Hier folgen zwei Briefe von den gefangenen
Freunden abgefasst, wie wir sie in einem alten
gedruckten Büchlein gefunden haben.
Wir armen und verachteten Fremdlinge, die um des
Zeugnisses Jesu Christi willen verfolgt sind, wün-
schen von Gott allen Menschen, wessen Geschlechtes
oder Amtes sie auch sind, daß ihnen der Herr einen
langen Frieden verleihen wolle, damit wir im Frie-
den untereinander leben mögen, in aller Gottseligkeit,
zum Lob und Preis des Herrn und zur Seelen Selig-
keit.
Da so viele Menschen in Worten und Schriften mit
großem Unrecht uns beschuldigen und über uns lü-
gen, so zwingt uns diese wichtige Sache, den Grund
unsers Glaubens in kurzen Worten aufzusetzen und
zu veröffentlichen wie folgt:
Man redet nicht mit uns und fordert uns unsern
Glauben nicht mit einem sanftmütigen Geist ab, wie
die heilige Schrift lehrt, sondern man redet ein Schelt-
wort und eine Lüge über die andere, damit unsere
Leiden und Betrübnis vermehrt und größer werden;
überdies haben sie auch kein Mitleiden mit unsern
armen schwachen Weibern und Kindern. Unser Va-
terland, unsere Freundschaft und unsere Güter haben
wir zum Teil um der großen Tyrannei willen verlas-
sen müssen, und sind wie Lämmer vor dem Wolfe
geflüchtet, allein um der reinen evangelischen Wahr-
heit Jesu Christi, und nicht um irgendeines Aufruhrs
oder Sektiererei willen, wie die Münsterschen Irrtü-
mer oder Gräuel gewesen sind, was uns, Gott behüte
uns, nachgesagt wird. Wir wollten, daß unser ganzer
Glaube und unser ganzes Leben vor unserm Haupte
geschrieben stände, damit ein jeder wissen und sehen
möchte, was wir glauben und was wir hier auf Erden
suchen und begehren. Man wird sonst nichts finden,
als einen rechten Glauben, der rein, und dem Evange-
lium Jesu Christi gleich, und ein unsträfliches Leben
ist, indem wir unser Brot für Weib und Kinder suchen,
wie Gott solches geboten hat und die Schrift lehrt. Ach,
daß unsere Verfolger das wüssten, daß dieses unsers
Herzens Begehren wäre! Sie müssten ja großes Mitlei-
den und Barmherzigkeit mit uns armen verachteten
Fremdlinge haben, wenn anders noch menschliches
Mitleiden und Barmherzigkeit in ihnen ist, und müss-
ten so nach des Herrn Wort Mitleiden mit uns haben,
wie der Prophet sagt: Die, welche im Elend sind, führe
ins Haus. Mose sagt: Wenn ein Fremdling bei dir in
deinem Land wohnen wird, den sollt ihr nicht schin-
den; er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer,
und ihr sollt ihn lieben wie euch selbst.
Merkt wohl auf das Gebot Gottes, daß man den
Fremdling lieben soll, wie sich selbst. Wer, der in ei-
nem fremden Land wohnt, hat es wohl gern, daß er
ins Elend gerät, verachtet wird und mit seinen Glau-
bensgenossen mit großem Schaden daraus vertrieben
wird? Darum sagt Christus: Alles, was ihr wollt, daß
euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch; das
ist das Gesetz und die Propheten. O daß doch eben-
so mit uns gehandelt würde, nach der natürlichen
736
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Billigkeit und evangelischen Wahrheit (deren unsere
Verfolger sich so sehr rühmen) wie bald würden die
Verfolger aufhören und die lügenhaften Lästermäuler
zugestopft sein! Denn Christus, samt den Seinen, hat
niemanden verfolgt, sondern dagegen gelehrt, in dem
wahren Evangelium, wenn er sagt: Liebt eure Feinde,
segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch
hassen; bittet für die, die euch beleidigen und verfol-
gen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel,
der die Sonne aufgehen lässt über die Guten und über
die Bösen. Diese Lehre hat Christus und seine Apostel
hinterlassen, denn sie selbst geben davon Zeugnis,
wie Paulus sagt: Bis auf diese Stunde leiden wir Hun-
ger und Durst, und sind nackend, und haben keine
gewisse Stätte, und arbeiten und wirken mit unsern
eigenen Händen; man schilt uns, so segnen wir, man
verfolgt uns, so dulden wir es, man lästert uns, so fle-
hen wir, wir sind stets ein Fluch der Welt und Fegopfer
aller Leute; ferner sagt Paulus: Alle, die gottselig leben
wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden.
Aus allem diesem kann man beweisen, daß dieje-
nigen, die eine rechte evangelische Lehre und Glau-
ben haben, niemanden verfolgen werden, sondern sie
werden selbst verfolgt. Wollte man uns vorwerfen,
daß wir um unseres ketzerischen Glaubens willen ver-
folgt würden, nach der Lehre Paulus, und daß Gott
befohlen habe, die falschen Propheten zu töten, so
antworten wir Folgendes darauf: Paulus sagt, daß
man einen ketzerischen Menschen meiden soll, wenn
er einmal und abermals ermahnt worden ist; er sagt
nicht, vertreibt sie aus dem Lande und aus den Städ-
ten, ohne sie zu hören oder zu ermahnen. Daneben
muss man auch wissen, was ketzerische Menschen sei-
en, nämlich solche, welche eine Lehre haben, die dem
Worte des Herrn zuwider ist; aber hiervon kann uns
kein Mensch überzeugen, daß unsere Lehre und unser
Glauben der Lehre Jesu Christi und seiner heiligen
Apostel zuwider sei, wie folgen soll.
Wenn sie auch einwenden, daß Gott in seinem Ge-
setz geboten habe, die falschen Propheten zu töten,
so antworten wir darauf: Wenn man in dieser Zeit
des Neuen Testaments alle diejenigen töten sollte, die
Gott im Alten Testament zu töten geboten hatte, so
müsste man nicht allein die falschen Propheten töten,
sondern auch die Ehebrecher, die Hurer, die des Herrn
Namen nennen und fluchen und dergleichen Übertre-
ter mehr, und wenn man ja diesen durch die Finger
sehen und uns allein das Gebot von den falschen Pro-
pheten Vorhalten wollte, damit sie uns los werden
möchten, so seht denn doch des Herrn recht an, wor-
an man die falschen Propheten erkennen soll. Gott
spricht durch Mose: Wenn ein Prophet oder Träumer
zu euch sagen würde, lasst uns fremden Göttern nach-
folgen, die ihr nicht kennt; derselbe Prophet soll ster-
ben; wir aber lehren und weisen nicht an, wie man
fremden Göttern nachfolgen soll, haben auch keinen
ketzerischen Glauben, der gegen das Wort Christi ist,
sondern wir glauben an einen Gott Vater, allmäch-
tigen Schöpfer des Himmels und der Erde und an
Jesum Christum, seinen eingebornen Sohn, unsern
Herrn, der von dem Heiligen Geist empfangen und
aus der reinen Jungfrau Maria geboren ist, der unter
Pontius Pilatus gelitten hat, gekreuzigt, gestorben und
begraben ist; der am dritten Tag von den Toten wieder
auferstanden und gen Himmel aufgefahren ist und
zur rechten Hand des allmächtigen Vaters sitzt, von
dannen Er wiederkommen wird, um die Lebendigen
und die Toten zu richten. Wir glauben an den Heiligen
Geist; wir glauben, daß Christus Jesus wahrer Gott
und Mensch sei.
Wir suchen auch keine Seligkeit in unsern Werken,
wie uns nachgesagt wird, sondern wir glauben allein
durch die Verdienste unseres Herrn Jesu Christi selig
zu werden.
Wir rühmen uns auch nicht, daß wir ohne Sünden
seien, sondern wir erkennen uns alle Augenblicke vor
unserm Gott für Sünder; aber von mutwilligen Sün-
den müssen wir uns enthalten, wenn wir selig werden
wollen, nämlich von Ehebruch, Hurerei, Zauberei, von
Aufruhr, Blutvergießen, vom Fluchen und Schwören,
vom Lügen und Betrügen, von Hoffart und Völlsaufen,
von Zorn und Zwietracht, von Hassen und Beneiden.
Dieses sind die Sünden, von denen die Schrift sagt:
Die solches tun, sollen Gottes Reich nicht ererben.
Wenn sie auch vorgeben, daß wir Gottes Wort nicht
hören wollen, weil wir die Prediger der Kirche nicht
hören, so antworten wir darauf, daß wir die Prediger
nicht hören, dazu nötigt uns das Wort Gottes, weil
sie die Leute nicht sind, die tüchtig sind, solches Amt
zu bedienen, denn Paulus lehrt Timotheus und sagt:
Was du von mir gehört hast durch viel Zeugen, das
befiehl treuen Menschen, die da tüchtig sind, auch
andere zu lehren; denn, wer einen andern lehren und
strafen will, der muss selbst unsträflich sein. Wenn
nun die Prediger so nach der Apostel Lehre eingesetzt
wären, so wollten wir sie von Grund unseres Herzens
gern hören, wollten auch die Ersten und Letzten in
der Kirche sein.
Wollte man nun aber zu uns sagen, was Jesus Chris-
tus sagt: Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten
und Pharisäer; alles, was sie sagen, das ihr halten sollt,
das haltet und tut; aber nach ihren Werken sollt ihr
nicht tun; so antworten wir darauf: Wenn die Predi-
ger die Schriftgelehrten und Pharisäer sind, so sind
sie es, die Jesum Christum gekreuzigt haben, dann
werden auch alle Wehe über sie kommen, die dar-
737
auf folgen, sind sie aber die Schriftgelehrten nicht, so
sind auch die vorstehenden Worte von ihnen nicht
gesprochen, daß man nach ihren Worten tun soll, und
nicht nach ihren Werken; ferner, die auf Moses Stuhl
saßen, sind aus dem Geschlecht Levi gewesen, wie
Mose, und lehrten das Volk Israel; alles, was euch die
Priester und Leviten lehren, und was sie euch gebie-
ten, das sollt ihr halten, und darnach tun. Der Prophet
sagt: Des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren,
daß man aus seinem Mund das Gesetz suche. Weil
nun Christus nicht gekommen ist, das Gesetz und die
Propheten zu brechen, sondern zu erfüllen, so hat er
das seine Apostel so gelehrt; aber daß dieses aus den
Worten Christi (Mt 23) eine Verpflichtung auferlegen
sollte, die Prediger zu hören, das kann nicht sein, weil
die Prediger nicht aus dem Stamm Levi sind, welche
Israel hören musste, sondern aus den Heiden; dane-
ben muss man bemerken, daß Christus Jesus, als Er
das Gesetz durch seinen bittern Tod und durch sein
heiliges Blutvergießen vollkommen erfüllt hatte, ein
anderes Priestertum verordnet habe, welches sein hei-
liges Gesetz lehren sollte, nämlich sein Evangelium,
da Er zu seinen Jüngern sagte: Wie mich mein Vater
gesandt hat, so sende ich euch. Diese heiligen Send-
boten Christi haben uns angewiesen, nicht sträfliche
Lehrer, sondern imsträfliche zu hören, die sich nicht
vollsaufen, die nicht eigensinnig sind, nicht zornig,
nicht bissig, nicht geizig, die keine unehrliche Hantie-
rung treiben, sondern gastfrei, gütig, züchtig, gerecht,
heilig und keusch sind, und fest an den Worten halten,
die wahrhaftig sind; ebenso soll man auch die Diener
zuvor untersuchen, und dann erst lasse man sie die-
nen, wenn sie imsträflich sind. Deshalb dürfen wir
die Prediger nicht für die Leute halten, die das Lehr-
amt bedienen sollten, auch sie nicht hören, weil sie
sträflich und dazu nicht tüchtig sind, nach der Lehre
Paulus. Daß man uns nun nachsagen will, als wollten
wir das Wort Gottes nicht hören, darin tut man uns
großes Unrecht, denn Gottes Wort zu hören, ist unsere
größte Freude, die uns auf Erden werden kann, es ist
unseres Herzens Trost.
Wenn man uns auch beschuldigen will, daß wir
der Obrigkeit nicht gehorsam sind, weil wir unsere
Kinder nicht taufen lassen, so antworten wir darauf:
Wir begehren der Obrigkeit in allen Dingen gehor-
sam zu sein, die nicht wider Gottes Wort sind; daß
wir aber unsere Kinder von den Pfaffen nicht taufen
lassen, das unterlassen wir nicht aus Frevel oder Ver-
wegenheit, sondern es geschieht aus Furcht Gottes
darum, weil Christus befohlen hat, die Gläubigen zu
taufen; ebenso haben auch die Sendboten Christi kei-
ne sprachlosen Kinder, sondern verständige Leute auf
das Bekenntnis ihrer Sünden und des Glaubens ge-
tauft. Solches kann man lesen, Mt 3,16; Mk 1,9 ; Lk 3,21;
Joh 3,22; Apg 2,38; 8,37; 9,18; 10,48; 16,33; 18,8; 19,5;
22,16. Ebenso haben auch Christus und die Apostel
von der Taufe gelehrt, wie man lesen kann, Mt 28,19 ;
Mk 16,16; Joh 3,23; Rom 6,3; Gal 3,27 ; Eph 4,5; Kol 2,12;
Tit 3,5; IPt 3,21; Hehr 6,3. Dieses sind die Sprüche,
die von der Taufe der Gläubigen zeugen; aber, daß
man die unverständigen und sprachlosen Kinder auf
der Väter Glauben taufen soll, davon sagt die Schrift
ebenso wenig, als von dem Ausbannen des Teufels.
Darum dürfen wir eine solche Taufe nicht billigen,
indem auch Gott geboten hat, daß man seinen Worten
nichts zusetzen, aber auch nichts davonnehmen soll,
auch nicht daß wir tun, was uns recht dünkt, sondern
allein was Er gebietet; ferner steht geschrieben: Tue
nichts zu seinen Worten, daß Er dich nicht strafe, und
du lügenhaft erfunden werdest.
Die Schrift bezeugt an vielen Orten, daß die sehr
hart von Gott gestraft werden sollen, die Gottes Wort
verlassen und ihrem eigenen Gutdünken folgen, wie
Saul, der erste König in Israel, Usa, der die Lade des
Herrn antastete, die beiden Söhne Aarons, Nadab und
Abihu, indem sie taten, was ihnen nicht befohlen war,
weshalb sie auch gestraft wurden. Dieses sind uns
treffende Beispiele, daß wir Gottes Werke oder Zere-
monien nicht ohne Gottes Befehle gebrauchen dürfen;
denn Christus sagt: Alle Pflanzen, die mein himmli-
scher Vater nicht gepflanzt hat, werden ausgerottet
(Mt 15,13). Martin Luther schreibt auch über das dritte
Kapitel Daniels und sagt: Gottesdienst ohne Wort, das
ist allezeit Abgötterei.
Wenn man aber sagen will, daß die Kinder selbst
glauben, und daß Gott allmächtig sei, daß Er den Kin-
dern den Glauben wohl geben kann, denn der Glaube
ist Gottes Gabe, so antworten wir darauf, daß Gott
allmächtig ist und den Kindern den Glauben wohl ge-
ben kann, und nicht allein den Glauben, sondern auch
das Reden und das Werk, womit der Glaube bekannt
wird (denn der Glaube ist nicht ohne Bekenntnis und
gute Werke); aber nun gibt Gott den Kindern weder
das Sprechen noch das Werk, viel weniger den Glau-
ben. Paulus sagt: Wie sollen sie glauben, von dem sie
nichts gehört haben? Das kann ja ein jeder erkennen,
daß weder Gehör noch Verstand in den jungen Kin-
dern sei, wie die Schrift öffentlich bezeugt; und wenn
uns auch dieses die Schrift nicht lehrt, so lehrt uns
doch solches die Erfahrung, daß man sie vor allen
scharfen und tödlichen Instrumenten, vor Wasser und
Feuer hüten und bewahren müsse, womit sie also be-
weisen, daß kein Verstand noch Glauben in ihnen sei;
und weil sie nicht zugeben wollen, daß die jungen
Kinder das Sakrament empfangen, so beweisen sie
selbst damit, daß sie ihre sprachlosen Kinder nicht für
738
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
gläubig erkennen. Auch wollen sie sagen, daß ihre
Kinder im Mutterleib mit dem Heiligen Geist erfüllt
seien, wie Johannes der Täufer war; wenn aber dem
so wäre, wie kommt es denn, daß sie die unreinen
Geister aus ihren Kindern bannen, wenn sie dieselben
taufen, wahrend sie den Heiligen Geist zuvor gehabt
haben.
Ferner nehmen sie zum Beweis, daß man die Kinder
taufen müsse, weil Christus gesagt hat: Lasst die Kind-
lein zu mir kommen, denn solchen gehört das Reich
Gottes. Antwort: Daß den Kindern das Reich Gottes
zugehöre, gestehen wir von Herzen zu, aber daß man
sie darum taufen müsse, gestehen wir nicht zu, indem
Christus die Kindlein, die sie zu Ihm brachten, weder
getauft, noch befohlen hat, daß sie getauft würden,
sondern sie sind selig aus Gnaden, ohne Zeremonien,
durch das Blut Christi, ebenso wie die Kindlein, die
unter dem Volk Israel ohne Beschneidung starben.
Wenn man auch sagen will, man müsse wiederge-
boren werden aus Wasser und Geist, oder man könnte
nicht in das Reich Gottes kommen, und will hieraus
schließen, die Kinder müssten getauft werden, weil
das Wasser vor dem Geist steht und genommen wird,
oder sie könnten nicht selig sein, so antworten wir
zunächst darauf, daß Christus hier von keinen Kin-
dern redet, sondern zu einem alten Menschen, der
zu Christo in der Nacht gekommen war, zu dem Er
sagt: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, es sei denn, daß
jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann
er nicht in das Reich Gottes kommen, denn was vom
Fleisch geboren wird, das ist Fleisch, und was vom
Geist geboren wird, das ist Geist. Ferner redet Chris-
tus von einer Wiedergeburt vor dem Wasser, welche
Wiedergeburt nicht geschehen kann, als durch den
Glauben an Jesum Christum, wie die Schrift lehrt.
Eben dieses schreibt auch Martin Luther, daß der
Glaube ein göttliches Werk in uns sei, das uns aus
Gott verändert und erneuert, den alten Adam tötet
und uns zu andern Menschen macht an Herzen, Ge-
müt und allen Kräften und den Heiligen Geist mit
sich bringt.
Diese Worte sind nicht auf unmündige Kinder zu
beziehen, denn sie haben nicht die alte Geburt der Erb-
sünde, die sie verdammt, wie einige mit den Worten
Davids beweisen wollen: Ich bin aus sündlichem Sa-
men geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden
empfangen. Diesen Psalm hat David gemacht, als er
die Ehe mit Bathseba brach und dieselbe übertrat; als
ihn der Prophet Nathan bestrafte, da beklagte er die
von Adam angeborenen Sünden, aber sie wurden ihm
nicht zur Verdammnis gerechnet, um des verheißenen
Samens willen, der Adam und Eva verheißen war,
welcher Christus Jesus ist, der Adams Missetat wie-
der versöhnt und die Erbsünde auf sich genommen
hat, wie Paulus sagt: Wie durch eines Menschen Sün-
de die Verdammnis über alle Menschen gekommen
ist, so ist auch durch eines Gerechtigkeit die Recht-
fertigung des Lebens über alle Menschen gekommen.
Dieses bezeugt auch Martin Luther und schreibt über
das 15. Kapitel Johannes, daß die Erbsünde durch
Christum hinweggenommen sei, und verdammt nach
Christi Zukunft niemanden mehr. Weil denn nun die
Erbsünde durch Christum hinweggenommen ist und
niemand mehr verdammt, so gibt es auch keine Sün-
de, welche die Kinder verdammen kann, wenn sie
ohne Taufe sterben, denn die Kinder sollen nicht ster-
ben, um des Vaters Missetat willen, spricht der Herr.
Darum ist es eine große Sünde vor Gott, wenn man
die Kinder um der Erbsünde willen taufen will, ohne
welche sie nicht selig werden können. Solche machen
auch mehr aus der Sünde Adams, als aus dem Ver-
dienst Christi, ja, sie suchen auch die Seligkeit mehr
im Wasser als im Blute Christi, was doch der Schrift
offenbar widerspricht, weil so klar bezeugt wird, dass
uns das Blut unsers Herrn Jesu Christi von allen Sün-
den reinige.
Wenn sie auch beibringen wollen, als sollte die Be-
schneidung ein Beweis auf die Kindertaufe sein, so
können wir solches nicht zugestehen, weil, wenn man
nur die Kinder taufen sollte, wie man sie beschnei-
det, so müsste man nur die Knaben taufen und nicht
auch die Mägdlein, denn die Mägdlein wurden nicht
beschnitten, sondern nur die Knaben. Paulus bezieht
die Beschneidung nicht auf die Taufe, sondern auf
die Beschneidung des Herzens, welche eine Beschnei-
dung des Geistes ist. Gott hat Abraham befohlen, die
Beschneidung am achten Tage zu gebrauchen; die-
ses Gebot hat Israel bis auf Christum Jesum gehalten;
sie haben es auch nicht verändert, weder im Kleinen,
noch im Großen, sondern sind beim achten Tage ge-
blieben, und haben nicht ihrer Vernunft folgen und
sagen wollen, daß die Kinder verdammt seien, wenn
sie vor dem achten Tage ohne Beschneidung sterben;
sie haben vielmehr Gott und seinen Geboten gehor-
sam sein und ihrer eigenen Weisheit nicht folgen wol-
len. Auf gleiche Weise sollen wir nun auch im Neuen
Testament die Taufe zu der Zeit gebrauchen, wie es
Christus befohlen hat, nämlich an den Gläubigen, und
in der Taufe nicht unserm eigenen Gutdünken folgen,
daß wir sie vor der Zeit an den sprachlosen und unver-
ständigen Kindern gebrauchen sollten, weil es Gott
nicht befohlen hat und es auch sein Wille nicht ge-
wesen ist. Wenn es aber Gottes Wille gewesen wäre,
daß man die Kindlein taufen sollte, wie man sie be-
schnitt, wenn sie acht Tage alt waren, so hätte es Gott
ohne Zweifel mit einem ausdrücklichen Gebot befoh-
739
len, daß man die Kinder taufen sollte, und es würde
ebenso sicher geschehen sein, als Er befohlen hat, die
Kindlein zu beschneiden; ebenso würde Christus die
Taufe auch wohl in seiner Kindheit empfangen haben,
ja, ebenso wohl, als Er sich beschneiden ließ, als Er
acht Tage alt war. Aber nun ist es Gottes Wille nicht
so gewesen; darum hat Er sie auch anders gelehrt,
und selbst anders empfangen; denn Christus ist zu
Johannes gekommen und hat von ihm begehrt, daß er
Ihn taufen sollte, wie er auch getan hat. Damit lehrt
Er uns, und beweist es mit Exempeln, daß diejenigen,
die man taufen soll, eine Begierde zur Taufe haben
müssen.
Wenn die Prediger vorgeben, Origenes habe die
Kindertaufe von den Aposteln empfangen, so können
wir dies ebenfalls nicht zugestehen, denn Origenes
hat wohl hundert Jahre nach der Apostel Zeit gelebt,
wie die Chroniken ausweisen; aber man muss sich
sehr verwundern, daß die Gelehrten mit Origenes et-
was beweisen wollen, indem Martin Luther denselben
ganz verwirft. Auch das kann uns nicht bestimmen,
die Kindertaufe anzuerkennen, wenn sie das schrei-
ben und sagen, was einige römische Bischöfe oder
Päpste eingesetzt haben, und was sie aus dem Ge-
schichtsschreiber Platina zu beweisen suchen, daß
nämlich der Papst Innocentius geboten habe, die Kin-
der zu taufen, sobald sie geboren werden. Dies findet
sich in einem Büchlein, welches zu Magdeburg ge-
druckt, und ein Gebetbüchlein, neu aus der heiligen
Schrift, genannt ist; ferner die Chroniken von Sebasti-
an Franck und Adrian von Bergen beschrieben, daß
Ignius, der zehnte Papst, die Gevatter oder Paten bei
der Taufe eingesetzt habe. Aus diesen Gründen kön-
nen wir die Kindertaufe nicht recht einsehen, weil
sie von Menschen eingesetzt und befohlen worden
ist; ebenso weiß auch die Heilige Schrift nichts von
solcher Taufe, sondern nur von einer Tarife, die auf
den Glauben gelehrt wird, wie zuvor gemeldet wor-
den ist. Wir werden auch als Sakramentschänder ge-
scholten, die Gottes vergessen. Darauf antworten wir:
Wir schänden nicht, vergessen auch nicht das Sakra-
ment unseres Herrn Jesu Christi, sondern ehren es mit
großer Dankbarkeit, und erinnern uns, wenn wir sol-
ches gebrauchen, der großen Liebe, die uns Christus
am Kreuze erwiesen hat, als Er seinen Leib zerbrechen
ließ und sein heiliges Blut um unsertwillen vergoss,
und verkündigen also den Tod des Herrn, wie Paulus
sagt: So oft ihr von diesem Brote esst und von diesem
Kelche trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen,
bis daß Er kommt. Dies ist unser Glaube von den Sa-
kramenten. Daß wir aber solches von den Predigern
nicht empfangen, und es mit ihrer Gemeinde nicht
gebrauchen, dazu bestimmen uns drei Gründe.
Die erste Ursache ist, weil der Diener oder der, wel-
cher es austeilt, nach Paulus Lehre unsträflich sein,
seinem eigenen Hause wohl vorstehen, gehorsame
Kinder haben und seiner Frau in allen Dingen getreu
sein muss. Zweitens muss die Gemeinde, die von dem
Brote essen soll, eine unsträfliche Gemeinde sein, wie
Paulus sagt: Wir haben ein Osterlamm, das ist Chris-
tus, für uns geopfert. Darum lasst uns Ostern halten
nicht in dem alten Sauerteig und auch nicht in dem
Sauerteig der Bosheit und Schalkheit, sondern in dem
Süßteig der Reinigkeit und Wahrheit. Weiter, sagt Pau-
lus, habe ich euch in dem Briefe geschrieben, daß ihr
nichts mit den Hurern zu tun haben sollt, das meine
ich nicht von den Hurern in dieser Welt, oder von den
Geizigen, oder von den Räubern, oder von den Göt-
zendienern, sonst müsstet ihr die Welt räumen; aber
nun habe ich euch geschrieben, ihr sollt nichts mit ih-
nen zu schaffen haben, nämlich, wenn jemand ist, der
sich einen Bruder nennen lässt und ist ein Hurer oder
Geiziger, oder Götzendiener, oder ein Lästerer, oder
ein Trunkenbold, oder ein Räuber, mit demselben sollt
ihr auch nicht essen. Weil wir nun solche Werke öf-
fentlich an ihrer Gemeinde finden, so verbietet uns
auch das Wort Gottes mit ihnen des Herrn Sakrament
zu gebrauchen, (IKor 5,7).
Die dritte Ursache ist, weil sie ihr Sakrament nach
dem Gebrauch Christi und seiner Apostel nicht halten,
denn sie haben Brot genommen, dasselbe gebrochen
und dem Volk gegeben; die Pfaffen dagegen brechen
kein Brot, sondern geben ungebrochene Oblaten; die
Oblaten setzte der Papst Alexander ein; Christus aber
befiehlt es zu tun zu seinem Gedächtnis. Die Pfaf-
fen sagen (zum Teil), daß man es zur Vergebung der
Sünden tun soll. Dies sind die Ursachen, warum wir
es mit ihnen nicht gebrauchten dürfen, und das um
der Furcht Gottes willen, denn wir dürfen nicht an-
ders handeln, als uns das Wort Gottes lehrt. Deshalb
gebrauchen wir es mit einem Unsträflichen, der es
austeilt, in einer unsträflichen Gemeinde, die Gott
fürchtet, mit Brot und Wein nach des Herrn und sei-
ner Apostel Gebrauch in den Häusern, wie Christus
und seine Apostel getan haben. Dies ist unser Glaube
und Bekenntnis von der heiligen Taufe, daß solche
sonst niemandem, als den Verständigen gegeben wer-
den soll, die da glauben, und selbst wissen, was sie
empfangen, gleichwie sie auch verständig und gläu-
big sein müssen, die von des Herrn Brot essen und
sich selbst prüfen müssen. Weil wir nun diese bei-
den Sakramente recht gebrauchen nach dem Befehl
Christi, so sind die Prediger (zum Teil) solche bittere
Feinde von uns. Es ist ihnen leid, daß sie um ihren
Gewinn kommen sollten; sie wissen nicht Böses ge-
nug bei der Obrigkeit und dem gemeinen Volk wider
740
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
uns vorzubringen, damit man uns weder in Städten
noch Ländern dulde. Sie geben vor, es seien von den
Unsrigen so viel Tausende im Lande, die Länder und
Städte einnehmen wollten, während doch dergleichen
Gedanken noch nie in unsere Herzen gekommen sind,
denn Länder und Städte kann man nicht ohne Gewalt
und Blutvergießen einnehmen; und wenn wir solche
Freiheit hätten, daß wir totschlagen und einem an-
dern sein Gut rauben dürften, so hätten wir auch die
Freiheit, unsere Kinder von den Pfaffen taufen zu las-
sen, dann dürften wir uns auch nicht von unsern Gü-
tern und väterlichem Erbteil, aus unserm Wohlstand
in großes Ungemach treiben lassen, einem jeden zur
Schmach. Wenn wir nun ein solches Herz hätten, wie
uns nachgesagt wird, so litten wir dies alles ja vergeb-
lich, denn die so tun, werden das Reich Gottes nicht
ererben, wie Paulus sagt. Die Lüge (spricht Sirach) ist
ein hässlicher Schandfleck an einem Menschen, und
gemein bei ungezogenen Leuten. Ein Dieb ist nicht so
böse als ein Mensch, der sich aufs Lügen legt; ebenso
hatten sie auch Paulus die Lüge nachgesagt, daß er
einen Aufruhr gemacht und viertausend heimliche
Mörder aus der Wüste gebracht hätte. Aber bei uns ha-
ben sie die Lügen in etwas vergrößert und sagen von
vielen Tausenden, die unseres Glaubens sein sollten.
Solch einen großen Anhang haben wir nicht, daß sie
so haufenweise unseren Glauben annehmen sollten;
aber es mag wohl hier und da eine Haushaltung sein,
die da ganz allein und gering ist, wie ein einsamer Vö-
gel auf dem Dach, wie eine Rohrdommel in der Wüste
und ein Steinkäuzlein in den zerstörten Städten, wie
eine Rose unter den Dornen und ein Apfelbaum unter
den wilden Bäumen, der seine guten Früchte bringt,
nämlich ein bußfertiges Leben, indem man sich selbst
verleugnet, Mt 16,24, sein eigenes Leben hasst, sonst
kann man Christi Jünger nicht sein, Lk 14,26. Die Chri-
sto angehören, kreuzigen ihr Fleisch, samt den Lüsten
und Begierden, Gal 5,24. Wer da sagt, daß er in Christo
sei, der muss auch wandeln, gleichwie Er gewandelt
ist, 1 Joh 2,6. Christus sagt, dass wenige seien, die auf
seinem Wege wandeln, und die denselben finden, als
der zum Leben führt, Mt 7,14; Lk 13,24. Den Schrift-
gelehrten und Klugen dieser Welt ist es verborgen,
Mt 11,25; IKor 1,19; 2,7. Das Unedle und Verachtets-
te hat Gott erwählt, und das da nichts ist, IKor 1,28,
denen ist es gegeben, das Geheimnis des Reiches Got-
tes zu verstehen, Lk 8,10. So bezeugt auch Christus
und seine Apostel, daß wenige seien, die den rech-
ten Glauben haben und den Weg wissen, wie denn
auch der Prophet klagt: Der Gläubigen sind wenige
unter den Menschenkindern, denn die Bosheit hat die
Oberhand bekommen, sodass, wenn es möglich wä-
re, auch die Auserwählten in Irrtum verfielen, wie
Christus selbst sagt: Wenn des Menschensohn kom-
men wird, meint ihr, daß Er auch Glauben auf Erden
finden werde? (Lk 18,8) So werden die Gläubigen in
der Zukunft Christi sein, und so sind ihrer auch von
Anfang der Welt her wenige gewesen. So waren zu
Noahs Zeiten nur acht gläubige Seelen; zu Lots Zeiten
waren nur drei Gläubige; zu Zeiten der Kinder Israel
waren 800 Falsche gegen einen Propheten; ferner 400
falsche Propheten gegen einen Propheten. Also sind
der Verkehrten jederzeit mehr gewesen, als der From-
men. Dies ist unser öffentliches Bekenntnis vor Gott
und allen Menschen. So viel unserer sind, die wir so
glauben, die sind so gesinnt, daß wir unsern Feinden,
die uns verfolgen, weder irgendein Leid antun, noch
ihnen irgendein Unglück anwünschen möchten, son-
dern wir begehren von Grund unseres Herzens für
sie zu bitten und wollten ihnen von Herzen gern nach
unserm Vermögen dienen, wenn sie unserer benötigt
wären. Sie wissen es nicht anders, als daß sie Recht
haben, und Gott eine große Ehre und einen Dienst
daran tun; solches werden sie dereinst bekennen müs-
sen, wie im Buch der Weisheit im fünften Kapitel ge-
schrieben steht; aber dann wird es für sie zu spät sein.
Darum ist uns auch die ewige Seligkeit verheißen,
wie Christus selbst gesagt hat: Selig seid ihr, wenn
euch die Menschen um meinetwillen schmähen und
verfolgen und allerlei Übles wider euch reden, wenn
sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost, es wird
euch im Himmel wohl belohnt werden. Solche Verhei-
ßungen haben diejenigen, die hier verfolgt werden;
denen aber, die hier verfolgen, ist das Wehe verheißen,
wie Christus sagt: Wehe euch. Schriftgelehrten, die ihr
die Propheten tötet und das Maß eurer Väter erfüllt.
Der Apostel sagt: Wohlan nun, ihr Reichen, weint
und heult über euer Elend, das über euch kommen
wird; euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind
mottenfraßig geworden, euer Gold und Silber ist ver-
rostet und ihr Rost wird euch zum Zeugnis sein und
wird euer Fleisch fressen wie ein Feuer. Ihr habt euch
Schätze gesammelt in den letzten Tagen, ihr habt den
Gerechten verurteilt und Er hat euch nicht widerstan-
den, Jak 5,6. Wollte man aber sagen, sie begehren nicht
unser Blut zu vergießen, sondern sie verwiesen uns
nur aus ihren Städten und Ländern, so antworten wir
darauf, wenn für uns nirgends Raum ist, so müssen
wir ja irgendwo bleiben. Wenn wir nun aus solcher
Ursache in die blutdürstigen Länder zurückkehren
müssen, aus welchen wir (einmal) um der großen Ty-
rannei willen geflüchtet sind, so wird dort das Blut
der Heiligen vergossen wie Wasser. Aber, wenn der
große Tag des Herrn kommen wird, wo man sagen
wird: Ihr Berge und Hügel fallt auf uns und verbergt
uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Stuhl
741
sitzt und vor dem Zorn des Lammes, dann wird man
finden, wie schuldig sie an unserem Blut gewesen
seien; dann wird ein unbarmherziges Gericht über
diejenigen ergehen, die keine Barmherzigkeit geübt
haben; denn mit dem Maße, womit sie die anderen
gemessen haben, soll ihnen wiederum gemessen wer-
den. Darum begehren und bitten wir um Jesu Christi
willen, daß man uns doch unser Schreiben in Gutem
aufnehmen wolle, denn es ist aus Liebe geschehen
zur Warnung vor des Herrn Strafe, damit ihr euch an
uns nicht versündigt, weil wir die rechten Fremdlinge
und das Volk Gottes sind, die um der rechten Lehre Je-
su Christi und seiner heiligen Apostel willen verfolgt
werden. Der ewige und barmherzige Gott wolle alle
seine elenden Kinder (die von so vielen Menschen ge-
hasst werden) mit gnädigen Augen ansehen und dem
Tier die Seele seiner Turteltaube nicht geben, um sei-
nes großen heiligen Namens willen. O Herr, verkürze
die Tage und sieh auf die Schmach deines Volkes, die
sie täglich um des heiligen Zeugnisses des Evangeli-
ums willen leiden müssen, durch deinen lieben Sohn,
unsern Herrn Jesum Christum, Amen. Ende des ers-
ten Briefes. Gleichwie zu der Zeit derjenige, der nach
dem Fleisch geboren war, denjenigen verfolgte, der
nach dem Geist geboren war, so geht es jetzt auch,
Gal 4,29.
Noch ein Brief von den Gefangenen, worin wir
uns darüber entschuldigen, was uns nachgesagt
wird; auch werden in der Kürze die Hauptpunkte
unseres Glaubens beschrieben, wie im Verlauf
ausführlicher erklärt wird.
Wir armen Gefangenen, mit Namen Hendrik Terwoort
und Jan Pieterß, die wir in der Mercice um des Zeug-
nisses Jesu Christi willen in Banden liegen und vom
Leben zum Tode verurteilt sind, an einem Pfahle zu
Asche verbrannt zu werden, wozu wir uns auch gut-
willig bereitet haben, im Jahre 1575 den 10. April zu
London.
Weiter bitten wir armen Gefangenen freundlich, Ew.
Ehrw. wolle unser an sie gerichtetes, einfaches Schrei-
ben bestens aufnehmen, denn wir tun solches nur aus
der Ursache, weil wir sehr betrübt sind, indem Ew.
Ehrw. mit unserer einfachen Antwort nicht wohl zu-
frieden ist; dadurch sind wir genötigt worden, Ew.
Ehrw. ein wenig zu schreiben, damit Ew. Ehrw. es bes-
ser verstehen und erkennen möge, welche Lehre wir
haben.
Das Bekenntnis unseres Glaubens von Gott, unse-
rem himmlischen Vater, welches wir in der Kürze
aufgesetzt haben, lautet wie folgt:
1 . Glauben wir an einen einigen Gott, den allmäch-
tigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, wie
IMo 1,1 geschrieben steht, an welchen Abraham, Isaak,
Jakob, Mose und alle Propheten geglaubt haben. He-
hr 11.
2. Weiter glauben wir an Jesum Christum, den eini-
gen Sohn des Vaters, Joh 1,1, welcher im Anfang bei
Gott war, Mi 5,1 ; 1 Joh 1,1, und als die Zeit erfüllt war,
Gal 4,4, welche Gott verheißen hat, IMo 3,15, Jes 7,14
dieses Wort ist Fleisch geworden, Joh 1,14, und gebo-
ren vom Geschlecht Davids, Rom 1,3, von der reinen
Jungfrau Maria, verlobt einem Manne genannt Joseph,
vom Geschlecht Davids, Mt 1,18; Lk 1; 2, die geseg-
net ist über alle anderen Weiber, Lk 1,42. Wir glauben,
daß dieses der wahre Sohn Gottes sei, welcher durch
viele Zeichen und Wunder, die Er getan hat, uns das
Wort seines Vaters verkündigt hat, Joh 15,24. Darauf
ist er den Juden überantwortet, unter Pontius Pilatus
gekreuzigt, gestorben und begraben worden, Mt 27,1;
Mk 15,1; Lk 23,1; Joh 18.
3. Wir glauben auch, daß derselbe Jesus Christus
wahrer Gott und Mensch sei und um unserer Sünde
willen gelitten habe, Jes 53,7, und daß Er, da wir seine
Feinde waren, den bittern Tod für uns erlitten, Rom 5,8,
damit die, die an Ihn glauben, nicht verloren würden,
sondern das ewige Leben hätten, Joh 3.
4. Wir glauben auch, daß dieser unser Heiland von
den Toten auferweckt worden ist, Mt 28,6; Mk 16,6;
Lk 24,5; Joh 20,9, wie Er vorher gesagt hatte, Mt 17,9;
Mk 9,31; Lk 9,22, und zur rechten Hand seines Vaters
sitzt, Mk 16,19; Apg 7,55.
5. Ferner glauben wir an den Heiligen Geist, wie
geschrieben steht, ljoh 5,7, wo gesagt wird, daß drei
seien im Himmel, die da zeugen, der Vater, das Wort
und der Heilige Geist, und daß diese Drei eins seien.
6. Wir glauben an die Gemeinschaft der Heiligen,
deren Gebet für uns viel vermag, Jak 5,16. Auch glau-
ben wir an die heilige Gemeinde, in welcher diejeni-
gen sind, die an Jesum Christum glauben, die durch
einen Geist zu einem Leib getauft sind, wie Paulus
sagt, IKor 12,13, dessen Haupt Jesus Christus ist, näm-
lich der heiligen Gemeinde, wie geschrieben steht
Eph 5,23; Kol 1,18. Wir glauben und bekennen, daß
diese heilige Gemeinde Macht habe auf- und zuzu-
schließen, zu binden und zu lösen; was sie auf Erden
bindet, das ist auch im Himmel gebunden; was sie
auf Erden löst, das ist auch im Himmel gelöst, Mt 16.
Wir glauben, daß Gott in dieser heiligen Gemeinde
Apostel, Propheten und Lehrer, IKor 12,28, Bischöfe
und Diener, lTim 3,2, verordnet habe.
7. Wir glauben und bekennen eine Taufe im Na-
men des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geis-
tes, wie uns der Herr Jesus Christus befohlen und
angeordnet hat, Mt 28,19, und wie die Apostel solche
742
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
gebraucht, Apg 2,38, und davon geschrieben haben,
Röm 6,3; IKor 12,13; Gal 3,27; Eph 4,5; IPt 3,21. Ebenso
glauben wir auch, daß alle, welche die Taufe emp-
fangen haben, Glieder des Leibes Jesu Christi in der
heiligen Gemeinde sind.
8. Was das heilige Abendmahl Jesu Christi betrifft,
glauben und bekennen wir davon, wie Christus das-
selbe gesagt hat und wie Mt 26,26, geschrieben steht:
Da sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte, brach
es und gab es den Jüngern und sprach: Nehmt, esst,
das ist mein Leib; und Er nahm den Kelch und dankte,
und gab ihnen den Kelch, und sprach: Trinkt alle dar-
aus, das ist mein Blut des Neuen Testamentes, welches
Vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden,
Mk 14,24, dieses tut zu meinem Gedächtnis, Lk 22,19.
Wir glauben, wie Paulus bezeugt, wenn er sagt: Der
gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die
Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir
brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Je-
su Christi? IKor 10,16 Wer mein Fleisch isst und mein
Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde
ihn auferwecken am jüngsten Tage, Joh 6,54.
9. Wir bekennen und glauben auch einen eheli-
chen Stand, welcher eine Ordnung Gottes ist, wie wir
IMo 2,24 lesen. Ein Mann und ein Weib zusammen
verbunden im Namen des Herrn in der heiligen Ge-
meinde, IKor 7,2. Darum wird ein Mann seinen Vater
und seine Mutter verlassen und seinem Weib anhan-
gen, und es werden die Zwei ein Fleisch sein; so sind
sie nun nicht zwei, sondern ein Fleisch; darum, was
Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht
scheiden, Mt 19,6. Die Ehe soll von allen ehrlich ge-
halten werden, und das Ehebett unbefleckt; die Hurer
aber und Ehebrecher wird Gott richten, Hebr 13,4.
10. Weiter glauben und bekennen wir auch, daß
die Obrigkeit von Gott eingesetzt und verordnet sei,
Weisli 6,3; Sir 17,18; Röm 13,1, zur Strafe der Bösen
und zum Schutze der Frommen; solcher Obrigkeit
begehren wir von Herzen gehorsam zu sein; gleich-
wie IPt 2,13 geschrieben steht: Seid Untertan aller
menschlichen Obrigkeit um des Herrn willen, denn
sie trägt das Schwert nicht umsonst, Röm 13,4. So lehrt
uns auch Paulus weiter, daß wir vor allen Dingen Bit-
te, Gebet, Fürbitte und Danksagung für die Könige
und alle Obrigkeit tun sollen; daß wir ein stilles ru-
higes Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und
Ehrbarkeit, denn das ist gut und angenehm vor Gott,
unserem Seligmacher, der da will, daß alle Menschen
selig werden, lTim 2,1-4 Ferner lehrt Er uns, daß man
den Obersten und Gewaltigen Untertan, der Obrigkeit
gehorsam und zu allen guten Werken bereit sein soll,
Tit 3,1. Darum wollen wir Eure Majestät freundlich
gebeten haben, unsere Meinung recht zu verstehen.
das ist, daß wir die hochwürdige, edle und gnädige
Königin, nebst ihrem weisen Rate, nicht verachten,
sondern Ihro Majestät aller Ehren wert achten, wie
wir denn auch derselben in allem, was wir vermögen,
untertänig sein wollen; denn wir bekennen mit Pau-
lus, wie oben angeführt worden ist, indem sie Gottes
Dienerin ist, und wer dieser Macht widersteht, der
widersteht Gottes Ordnung, denn die Obersten sind
denen nicht zur Furcht, die Gutes tun, sondern nur
denen, die Böses tun. Darum bekennen wir, daß wir
sowohl schuldig, als bereit sind, ihr Zoll, Zins, Ehre
und Furcht zu geben, wie uns Christus selbst gelehrt
hat, wenn Er sagt: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers
ist, und Gott, was Gottes ist, Mt 22,21. Darum nun,
weil sie eine Dienerin Gottes ist, wollen wir Eure Ma-
jestät freundlich bitten, sich es gefallen zu lassen, und
uns armen Gefangenen Barmherzigkeit zu erweisen,
gleichwie der himmlische Vater gegen uns auch barm-
herzig ist.
Hiermit stimmen wir nicht mit denen überein, die
der Obrigkeit widerstehen wollen, sondern erkennen
und begehren von ganzem Herzen, daß man ihr ge-
horsam und untertänig sein müsse, wie wir oben ge-
meldet haben.
1 1 . Ferner, wenn man uns fragt, ob wir nicht einen
Eid schwören wollten, so antworten wir darauf, daß
wir so viel Freiheit in unserem Gewissen nicht finden,
daß wir solches tun mögen, weil Mt 5,33 geschrieben
steht: Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du
sollst keinen falschen Eid schwören; sondern du sollst
Gott deinen Eid halten; ich aber sage euch, daß ihr gar
nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er
ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist seiner
Füße Schemel, noch bei Jerusalem, denn sie ist eines
großen Königs Stadt; auch sollt ihr nicht bei eurem
Haupte schwören, denn ihr vermögt nicht ein Haar
weiß oder schwarz zu machen; sondern eure Worte
sollen sein: Ja, ja. Nein, nein; was darüber ist, kommt
vom Bösen. Weiter lehrt uns auch Jakobus im fünften
Kapitel: Meine Brüder, vor allen Dingen schwört nicht,
weder bei dem Himmel, noch bei der Erde, noch mit
einem andern Eid, sondern euer Wort sei Ja, das Ja
ist, und Nein, das Nein ist. Aus den oben angeführten
Gründen dürfen wir also unter keinen Umständen
schwören.
12. Ferner glauben wir an die Auferstehung der
Toten, gleichwie Jes 26,19; Joh 19,25; Dan 12,13; Joh 5;
IKor 15,12; ITh 4,13-18 geschrieben steht, daß die Men-
schen von den Toten in ihren eigenen Leibern auferste-
hen werden. Hi 19,26; IKor 15. Wenn der Herr in den
Wolken kommen wird mit seinen Engeln, wo Er einen
jeden nach seinen Werken richten wird, Mt 25,31;
Röm 2,6.
743
13. Weiter glauben wir allem, was in heiliger Schrift
enthalten ist, sowohl dem Alten, als auch dem Neu-
en Testament. Darum bitten wir armen Gefangenen
demütig, worin wir uns etwa an Ihrer Majestät oder
ihren Untertanen vergangen haben mögen, uns sol-
ches zu vergeben, und gegen uns barmherzig zu sein,
gleichwie der himmlische Vater barmherzig ist, denn
wir sind ein armes, schlichtes Volk, gering von Wis-
senschaft und Verstand, und es ist uns leid, daß wir
nicht zierlicher schreiben können. Darum bitten wir
Ew. Ehrw., daß Eure Majestät unser einfaches Schrei-
ben zum Besten aufnehmen wolle.
Hiermit wollen wir Eure königliche Majestät dem
Herrn empfehlen, der Herr sei mit Euch und uns allen,
Amen.
In unserem Gefängnis zu London, den 21. Juli, im
Jahre unseres Herrn 1575, von mir, Hendrik Terwoort,
von mir, Jan Pieterß.
Von dieser Geschichte ist eine ausführliche
Mitteilung in nachfolgendem Briefe gemacht.
Geschrieben von Jacques de Saniere (einem Mitglied
der Calvinischen Kirche, damals in London wohnhaft)
und gesandt an seine Mutter Tanneken van der Barent,
wohnhaft zu Gent in Flandern, in welcher Stadt er
später bei der Regierung oberster Schreiber geworden
ist, zur Zeit als die Reformierten in Gent regierten, ehe
die Stadt an Parma übergeben wurde, im Jahre 1584.
Ein Brief von Jacques de Somere, gesandt an seine
Mutter zu Gent.
Ehrwürdige und geliebte Mutter, nebst aller demüti-
gen Empfehlung lasse ich dich wissen, daß wir, Gott
sei gelobt, noch wohlauf sind; wie wir denn aus des
Vaters Schreiben (nicht ohne große Freude) ersehen
haben, daß ihr euch ebenso befindet. Ich berichte, daß
ich keinen Brief von meinem Vater ohne Angst und
Furcht lese, bis ich aus dem Schlüsse desselben von
eurer Gesundheit Versicherung habe, denn weil mir
die Krankheit und Schwachheit eurer Natur bekannt
ist, so bin ich allezeit besorgt, ihr möchtet etwa in eine
schwere Krankheit gefallen sein, was mir mehr Be-
trübnis verursachen würde, als wenn ich selbst in der
größten Not und Pein wäre.
Aber Gott sei für seine Güte gelobt, daß Er euch
nicht schwerer heimsucht, noch euch eine größere
Last aufbürdet, als ihr (durch seine Hilfe, und den
Trost seines Wortes, wie auch durch die Hoffnung
des zukünftigen Lebens) ertragen könnt, und daß Er
mich die besondere Freude genießen lässt, die ein
gutes Kind auf dieser Welt sich wünschen möchte.
nämlich zu sehen, daß mein Vater und meine Mutter
zu gutem Alter kommen, und solche Sorge, Liebe und
Gunst zu mir tragen, wie ich von den sorgfältigsten
und gütigsten Eltern erwarten dürfte, wofür euch in
Ewigkeit gedankt sein müsse.
Ein fernerer Zweck dieses Schreibens, meine gelieb-
te Mutter, ist der, euch über die besonderen Umstände
der Hinrichtung der Wiedertäufer Nachricht zu ge-
ben, wiewohl ich nicht bezweifle, du werdest aus dem
Bericht anderer Leute bereits viel davon gehört haben,
wie ich denn auch nicht gern von einer Sache schrei-
be, woran ich selbst niemals ohne große Betrübnis
denken kann. Weil du aber solches von nur begehrst,
und ich vielleicht der Umstände auch mehr kundig
bin, als der gemeine Mann, indem ich oft bei ihnen
gewesen bin, und von allem Nachricht eingezogen
habe, so habe ich nicht unterlassen wollen, so viel
Bericht abzustatten, als ich von der Sache weiß, wo-
bei ich auch einige Abschriften von ihrem Bekenntnis,
worauf sie gestorben sind, und noch einige gefangen
liegen, mitsende, sowie auch nebst einer Bittschrift,
die sie Ihrer Majestät überreichten, welche aber nicht
angenommen wurde.
Es hat sich nämlich auf Ostern im Jahre 1575 den 3.
April zugetragen, daß in einem Hause bei Alegeto (wo
man nach dem Spiegelshofe geht) dreißig Wiedertäu-
fer, sowohl Männer als Weiber, in einer Versammlung
beieinander waren, um sich miteinander zu ermah-
nen und ihr Gebet zu tun, welche, als sie von den
Nachbarn auskundschaftet waren, fast sämtlich von
da nach dem Gefängnis gebracht worden sind, jedoch
mit so wenigen Dienern, daß wohl einige derselben
hätten entfliehen können, wenn sie in ihrem Gewissen
Freiheit gehabt hätten, davon zu gehen. Als sie nun
in der Obrigkeit Hände gefallen waren, hat man sie
in das Haus des Bischofs von London gebracht, um
von ihm (doch durch den Mund der deutschen und
französischen Prediger, weil der Bischof die Sprache
nicht verstand) über ihren Glauben verhört zu wer-
den, welchen sie schriftlich übergaben, und der so
aufgesetzt war, daß nichts darin enthalten war, was
ich nicht hätte unterzeichnen dürfen, nur allein den
Artikel vom Eide ausgenommen, worin sie öffentlich
bekannten, daß sie glaubten, daß man unter keinen
Umständen schwören möge.
Als nun der Bischof mit diesem Bekenntnis nicht
zufrieden war, hat er ihnen vier Artikel vorgelegt,
die sie unterzeichnen sollten, widrigenfalls sie, wenn
sie hartnäckig blieben, lebendig verbrannt werden
sollten, wobei er hinzufügte, daß er diesen Auftrag
vom Hofe empfangen habe.
Die Artikel waren: Erstens, daß sie alle Irrtümer,
Spaltungen und Ketzereien der verdammten Sekte
744
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
der Wiedertäufer verlassen und widerrufen und be-
kennen sollten, daß sie vom Teufel betrogen und dazu
verführt worden seien; ferner, daß sie mit Herz und
Mund glauben und bekennen sollten, daß Christus
sein Fleisch und Blut aus dem Wesen des Fleisches
und Blutes Maria angenommen habe. Zweitens, daß
man die jungen Kindlein taufen müsse. Drittens, daß
ein Christ wohl das obrigkeitliche Amt bedienen mö-
ge. Viertens, daß ein Christ wohl einen Eid leisten
dürfe.
Darauf antworteten sie, daß in ihrem Gewissen
nichts dafür spräche und daß sie es mit ihrem ers-
ten Bekenntnis hielten, deshalb sind sie abermals von
da nach dem Gefängnis geführt worden; aber auf dem
Weg sind von ihnen zehn oder zwölf entlaufen (weil
sie sahen, in welcher Gefahr sie waren, und daß sie
gute Gelegenheit hätten zu entfliehen, weil nur einer
oder zwei Diener mitgingen), welche sich aber alle
freiwillig in den nächsten Tagen wieder eingestellt
haben, teils, um ihre Bürgen zu befreien, welche für
hundert Pfund verbunden waren, teils aber, weil der
Bischof, als ein Mann von Ehre, ihnen mit einem Eid
verhieß, er wollte sie alle, wenn sie wiederkämen, in-
nerhalb vier oder fünf Tagen auf freien Fuß setzen, im
andern Falle aber sollten die andern wohl bis Licht-
mess gefangen liegen.
Bald darauf sind fünf von den Männern (durch das
viele Disputieren der Niederländer, die von der Ge-
meinde waren) bekehrt worden, ehe man sie als Ket-
zer verdammt hatte, und dessen ungeachtet, hat man
sie damals in St. Paulus Kirchhofe in der vollen Ver-
sammlung vieler tausend Engländer vor die Kanzel
gestellt (merkt) und einem jeden derselben ein Bünd-
lein Reiser auf die Schultern gegeben, als ein Zeichen,
daß sie das Feuer verdient hätten, wobei man ihnen
noch vielen andern Schaden und große Schmach zuge-
fügt hat, wiewohl der Bischof ihnen verheißen hatte,
daß er sie sofort jeder Strafe überheben und sie ohne
weitere Umstände in Freiheit setzen wolle, wenn sie
nur die vier Artikel unterzeichnen wollten; aber das
Gegenteil hat sich wohl erwiesen. Dieses ist den 25.
Mai, im Jahre 1575 geschehen.
Einige Tage darauf, als der Bischof sah, daß die üb-
rigen von ihrem Glauben nicht abfallen wollten, hat
er sie auf dem geistlichen Richthause in St. Paulus
Kirche (wie der papistische Bischof zu der Königin
Maria Zeiten, welche die Christen zum Tode zu ver-
urteilen pflegte) sämtlich zum Tode verurteilt und
dem weltlichen Richter übergeben; darauf hat man
die Frauen, Hand an Hand gebunden, nach Nieuge-
et (welches das Gefängnis für diejenigen ist, die auf
den Tod angeklagt sind) geführt, sowie einen von
den Männern, den sie unter ihnen für den jüngsten
und unschuldigsten hielten; aber die übrigen Män-
ner wurden abermals nach ihrem alten bischöflichen
Gefängnisse gebracht, weshalb man meinte, es wür-
den die Frauen zuerst hingerichtet werden; wie man
denn auch täglich kam, ihnen zu drohen und den Tod
vor Augen zu halten, wenn sie nicht abfallen wollten.
Deshalb haben sie fünf oder sechs Tage große Angst
und Anfechtung erlitten, und sie meinten von Tag
zu Tag, sie würden verbrannt werden, ja, selbst noch
an dem Tag, als das Urteil ihrer Landesverweisung
vom Hof angekommen war; denn der Schultheiß kam
mit seinen Dienern des Abends um zehn Uhr in das
Gefängnis, um alle ihre Güter aufzuschreiben, wobei
er ihnen andeutete, sich auf den folgenden Tag zum
Tode bereit zu machen, was er nur tat, um zu sehen,
ob von ihnen niemand aus Furcht abfallen würde. Als
er aber sah, daß sie alle standhaft blieben, kündigte
er ihnen an, daß ihnen die Königin Gnade erwiesen,
und sie nur des Landes verwiesen, den Jüngling aber
hinter einem Karren auspeitschen lassen wollte.
So sind denn innerhalb fünf oder sechs Tagen un-
gefähr vierzehn Frauen von dem Gefängnisse, das
bei St. Martins Kirche steht, bis nach St. Catharina in
das Schiff von den Gerichtsdienem geführt worden;
den Jüngling aber hat man an einem Karren, der vor
ihnen herging, ausgepeitscht, und so sind sie sämtlich
bei Leibesstrafe des Landes verwiesen worden, und
wohnen gegenwärtig in Holland und Seeland.
Einige Tage darauf sind die fünf Männer, die in
des Bischofs Gefängnis noch saßen, gleichfalls vom
Bischof zum Tode verurteilt und nach Nieugeet ge-
bracht worden, wo einer unter ihnen um der Armut
und schweren Bande willen im Gefängnis gestorben
ist, die Übrigen aber fürchteten, man möchte an ihnen
die schwerste Strafe vollziehen, weil man sogar mit
den Frauen so sehr nach der Strenge gehandelt hatte.
Sie haben auch gehört, daß die Königin und der ganze
Rat so sehr über sie erzürnt wären, daß auch niemand
für sie eine Bittschrift überreichen dürfe, weil aus bö-
sem Munde das Gerücht sich verbreitet hatte, daß sie
Gott und Christum verleugnen, und jede Regierung
und das Ansehen des Magistrats und der Obrigkeiten
als ungöttlich und unchristlich verwürfen.
Darum haben sie eine Bittschrift nebst ihrem Be-
kenntnis von den vier Artikeln, die ihnen vorgelegt
waren, wovon ich hier die Abschriften sende, an Ihre
Majestät abgehen lassen, welche aber so sehr über sie
erzürnt war, daß sie dieselbe nicht annehmen wollte,
sondern die Hofdamen sehr schalt, die sie ihr über-
reichten, wie diese denen berichteten, welche ihnen
die Bittschrift eingehändigt hatten.
Als sie solches sahen, haben sie diese Artikel, sowie
die Bittschrift, die etwas verändert war, dem Herrn
745
von Bodley übergeben, welcher als er die Sache bei
dem Bischof angebracht hatte, ihnen am andern Tage
zur Antwort gegeben hat, daß er um ihretwillen sehr
betrübt sei; aber es sei durchaus keine Hoffnung der
Gnade vorhanden, es sei denn, daß sie die Artikel Un-
terzeichneten und ihre Ketzerei abschwören wollten.
Unterdessen hat der Bischof im Namen ihrer Majestät
einige Artikel erlassen, unter welchen auch der war,
daß eine christliche Obrigkeit die halsstarrigen Ket-
zer wohl mit dein Schwerte strafen dürfte, und gebot
allen Fremdlingen, dieselben zu unterzeichnen, oder
aber genügende Bürgschaft zu stellen, daß sie, wenn
es dem Bischof gefallen würde, vor ihm und der Köni-
gin Verordneten erscheinen wollten, um ausführlicher
verhört und nach Befinden der Umstände gestraft zu
werden; also haben fast alle Fremdlinge, doch mehr
aus Furcht als aus andern Gründen unterschrieben,
einige ausgenommen, die lieber Gefahr laufen, als wi-
der ihr Gewissen durch ihre Unterschrift das Töten
der armen Leute billigen wollten; wie es aber solchen
noch ergehen werde, weiß man noch nicht.
Bald darauf ist vom Hofe aus an den Scheriff oder
Schultheißen zu London der Befehl ergangen, daß er
die beiden Ältesten nach Maßgabe ihres Urteils hin-
richten lassen sollte; der eine von ihnen, Jan Pieterß,
war ein armer Mann, über fünfzig Jahre alt, der neun
Kinder hatte, dessen erste Frau in früherer Zeit zu
Gent, in Flandern, um der Religion willen verbrannt
worden war, und welcher nun eine Frau geheiratet
hatte, deren erster Mann gleichfalls früher um der Re-
ligion willen zu Gent verbrannt worden war. Sie sind
aber beide um der Verfolgung willen nach England
geflüchtet, in der Meinung, sie könnten dort ohne Ge-
fahr in der Freiheit ihres Gewissens leben, was er dem
Bischof zuvorderst vorstellte und Gnade begehrte, um
mit Weib und Kindern aus dem Land zu ziehen, aber
er konnte es nicht erreichen.
Der andere, Hendrik Terwort, war ein schöner an-
sehnlicher Mann von fünf oder sechsundzwanzig Jah-
ren, seiner Hantierung nach ein Goldschmied, der erst
acht oder zehn Wochen verheiratet war, als er gefan-
gen genommen wurde.
Diese beiden, nachdem sie die deutschen und fran-
zösischen Prediger durch Disputieren nicht zum Un-
terzeichnen der Artikel bringen konnten, sondern sie
vielmehr in ihrer Meinung durch die Grausamkeit
und das unchristliche Verfahren derer, die sich des
Evangeliums und des wahren Glaubens rühmen, ge-
stärkt wurden, sind, obgleich viele Engländer und
Deutsche Fürbitten für sie einlegten, um ihnen Gna-
de zu erwirken, dennoch den 22. Juli, des Morgens
um 6 Uhr, auf dem Smitsfelde, wo man in früheren
Zeiten die Leute von unserer Religion zu verbrennen
pflegte, an einem Pfahle, ohne sie zu würgen und oh-
ne Pulver, sehr jämmerlich nach des Landes Weise
lebendig zu Asche verbrannt worden. Dieses Urteil
ist am Freitag vollzogen worden, nachdem der Pfahl
schon den Dienstag zuvor gesetzt war. Ich zweifle
nicht, die Königin ist ungern daran gegangen, aber
sie ist von einigen Papisten oder andern verkehrten
Menschen und Beneidern der Wahrheit, deren es hier
viele gibt, dazu überredet worden, welche derselben
vorgestellt haben, daß die Wiedertäufer, deren Religi-
on diesem Volk unbekannt ist, nicht allein Gott und
Christum leugnen, und folglich die Seligkeit der See-
len umstießen, sondern auch, daß sie alle weltliche
Polizei, Rechte und Obrigkeiten verwürfen, und das
Volk zur Meuterei und zum Aufruhr anreizten, indem
sie lehrten, daß das obrigkeitliche Amt ungöttlich und
unchristlich sei, weshalb sie, wie ich nicht zweifle, am
meisten über dieselben erzürnt gewesen ist, sodass
sie auch ihre Bittschrift nicht hat annehmen wollen.
Der Herr wolle es denen vergeben, die hiervon die
Urheber und Anstifter gewesen sind, und die armen
Leute vor Ihrer Majestät so sehr verleumdet haben,
wie du aus diesem ihrem Bekenntnis, das sie bei mir
eigenhändig unterzeichnet haben, beurteilen kannst,
denn obgleich ich demselben nicht in allem beistim-
me, und auch versichert bin, daß sie in Ansehung des
Punktes von der ersten Empfängnis Christi und der
Herkunft seines Fleisches eine irrige Ansicht haben,
übrigens aber mit ausdrücklichen Worten christlich
bekannten, und oft in meiner Gegenwart mündlich be-
kannt haben, daß Christus wahrer Gott und Mensch
sei, der uns in Fleisch und Blut und allen andern Din-
gen gleich sei, ausgenommen die Sünde, so sei es fern
von mir, sie der Todesstrafe schuldig zu erkennen,
sondern ich möchte sie vielmehr für Brüder erkennen
und zweifle nicht an ihrer Seligkeit, wenn sie anders
den Herrn gefürchtet haben und in einem guten Ge-
wissen vor Ihm gewandelt sind; denn unser Gott ist
ein barmherziger und gnädiger Gott, der die Men-
schen um dieses oder jenes Missverständnisses und
Irrtumes willen nicht verdammt, sondern vielmehr
ihrer Schwachheit und Krankheit um seines Sohnes
Christi Jesu willen gnädig vergibt, wenn es anders aus
keiner Hartnäckigkeit, sondern aus reiner Unwissen-
heit herkommt, wie Paulus selbst von sich sagt, daß er
bei Gott Gnade gefunden habe, weil er unwissentlich
gesündigt hatte, wie denn der Irrtum nicht den Grund
des Glaubens, sondern nur die Umstände desselben
berührt, gleichwie diese Wiedertäufer tun.
Was die beiden jungen Mannspersonen betrifft,
die noch übriggeblieben sind, so beharren dieselben
gleichwohl noch fest und standhaft bei ihrem Bekennt-
nis, und sind auch täglich derselben Strafe gewärtig.
746
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Wir, Lukas und ich, suchten ihnen, wenn es möglich
gewesen wäre, aus dem Gefängnis zu helfen (vier Ta-
ge später, als die andern hingerichtet waren), sie sind
auch durch vieles Überreden so weit gebracht wor-
den, daß sie das Bekenntnis (wovon ich euch hier eine
Abschrift sende) unterzeichnet haben, in der Hoff-
nung, der Bischof werde damit zufrieden sein; dieser
aber, nachdem er dasselbe gelesen, hat es zwar für gut
befunden, will es aber gleichwohl in Gnaden nicht
aufnehmen, es sei denn, daß sie die vier ersten Ar-
tikel ohne irgendeinen Widerspruch unterzeichnen
und sich zu der deutschen Gemeinde begeben, wozu
sie sich jedoch nicht verstehen wollen, weil, wie sie
sagen, wenn sie auch ganz in der Lehre mit uns einig
wären, sie dadurch die beiden Hingerichteten und alle
ihre anderen Mitgenossen (die in demselben Glauben
gestorben sind oder noch leben) verdammen und be-
kennen müssten, daß sie vom Teufel, dem Geiste der
Lügen und des Irrtums, zu dieser verdammlichen Ket-
zerei verführt worden seien, von der sie sagten, daß
sie keineswegs in ihrem Gewissen überzeugt seien,
sondern daß sie vielmehr von ihrer Seligkeit in Chri-
sto, dem wahren Gott und wahren Menschen, versi-
chert wären; darum würden sie Gott, wie sie sagten,
aufs Höchste erzürnen, wenn sie gegen das Zeugnis
ihres Gewissens reden würden. Aus diesen Gründen
kann man nicht anders annehmen, als daß sie eben
dieselbe Strafe werden leiden müssen, die auch ih-
re Mitgesellen gelitten haben, und das umso mehr,
weil sie versucht haben, aus dem Gefängnis zu bre-
chen, indem sie ein Eisen von den Fenstern abfeilten;
darum liegen sie auch jetzt in Banden viel strenger
geschlossen, als jemals zuvor, und möchten sich wohl
glückselig schätzen, wenn sie je eher je lieber durch
den Tod von der großen Armut und dem Elend des
Gefängnisses befreit werden könnten, denn sie liegen
beide voneinander abgesondert, sodass sie einander
nicht trösten können, und es darf niemand mit ihnen
reden, bei Strafe, selbst festgesetzt zu werden.
Hier hast du, geliebte Mutter, die betrübte Geschich-
te der gefangenen, bekehrten, vertriebenen und hin-
gerichteten Wiedertäufer von Anfang bis zu Ende, die
dir unglaublich und unnatürlich erschienen sein wird,
und worüber du sehr betrübt gewesen sein wirst, weil
diejenigen, die hier in früheren Zeiten Verfolgung er-
litten haben, jetzt andere Leute um ihrer Religion wil-
len verfolgen, und anderer Leute Gewissen mit Feuer
und Schwert bezwingen, da sie doch zuvor selbst ge-
lehrt haben (was auch die Wahrheit ist), daß es keinem
Menschen zukomme, über eines andern Gewissen zu
herrschen, und daß der Glaube eine besondere Gabe
Gottes sei, und in den Menschen nicht durch irgend-
eine leibliche Gewalt, sondern durch das Wort Gottes
und die Erleuchtung des Heiligen Geistes gepflanzt
werde, sowie, daß die Ketzerei keine fleischliche, son-
dern geistige Missetat sei, die Gott allein strafen müs-
se, und daß man die Lügen nicht mit Gewalt, sondern
mit der Wahrheit überwinden müsse, daß es der Kin-
der Gottes Teil sei, nicht andere um des Glaubens
willen zu töten, sondern selbst um des Zeugnisses
der Wahrheit willen getötet zu werden, endlich, daß
das Blutvergießen um der Religion willen ein gewis-
ses Kennzeichen des Antichristen sei, der sich selbst
dadurch an Gottes statt auf seinen Richterstuhl setzt,
und sich selbst die Herrschaft über die Gewissen (die
doch Gott allein zukommt) zuschreibt.
Ebenso sage ich, daß ich wohl weiß, daß euch und
alle mitleidigen Herzen die Sache sehr betrübt habe,
wie ich denn auch hoffe, daß ihr euch daran nicht är-
gern oder daraus eine Veranlassung hemehmen wer-
det, an dem wahren Glauben zu zweifeln; auch mögt
ihr bedenken (wie es denn auch die Wahrheit ist),
daß einige von den Gottesfürchtigen und Gelehrten,
sowohl Engländer als Fremdlinge, die hier sind, das-
selbe nicht gut befunden noch gebilligt haben.
Ferner, und wenn auch die Kirche diesen Glauben
billigen würde, so wisst ihr dennoch wohl, daß die
Wahrheit nicht an Menschen hängt, die doch gebrech-
lich, schwach, sündhaft und veränderlich sind, sodass
derjenige, der heute gut und gottselig ist, morgen in
große Sünden fallen kann, insbesondere wenn ihm
die Sachen in dieser Welt wohl von Statten gehen, son-
dern daß unser Trost und unsere Hoffnung, Religion,
unser Glaube und unsere Seligkeit in Gott bestehe,
der unveränderlich ist und dessen Wahrheit allezeit
einerlei Gestalt hat. Derselbe hat uns auch gelehrt und
zuvor gewarnt, daß wir uns an den Ärgernissen der
Welt nicht stoßen sollten, deren es viele und mancher-
lei gibt, und die auch oft von denen ausgehen, die
in der Kirche Christi verborgen sind, wie denn auch
Paulus aus eigener Erfahrung bezeugt, daß er von den
falschen Brüdern die größte Verfolgung erlitten habe.
Ich hätte euch von dieser Sache wohl mehr geschrie-
ben, wenn es mir die Zeit zugelassen hätte; so aber
will ich hiermit schließen und den Herrn bitten, daß
Er euch, sowie alle Gottesfürchtigen und Liebhaber
der Wahrheit, in den Tugenden und der Gottseligkeit
stärken wolle, zur Seelen Seligkeit, Amen.
Euer untertäniger Sohn, Jaques de Somere.
Die folgenden Schreiben scheinen auch auf Veran-
lassung dieses Jaques de Somere als eine Zugabe, aus
Gunst gegen die Gefangenen, aufgesetzt zu sein.
747
Eine Bittschrift im Namen der Gefangenen in
England der Königin überreicht, aber von Ihrer
Majestät nicht angenommen.
Wenn wir Eurer Majestät löbliche und weit und breit
unter allen Völkern berühmte Güte und Gnade be-
trachten, die stets in allen Sachen, und insbesondere
was die Religion und das Gewissen betrifft, Beschei-
denheit gebraucht und solches erst neulich an unsern
Mitgesellen bewiesen hat, so haben wir das gänzliche
Vertrauen zu Eurer Majestät, daß Sie belieben werde,
uns, ihren armen Gefangenen und Fremdlingen, sol-
che Gnade zu erweisen, weil wir auch in solchem Stan-
de und in solchen Umständen uns befinden, und auch
in demselben Glauben, welchen wir Eurer Majestät
demütig darreichen, um Christi willen, daß es Eure
Hoheit belieben wolle, selbst zu überlesen, und nach
Eurer Weisheit und Gnade, in Betrachtung des gerin-
gen Unterschiedes, gnädig darüber zu urteilen. Wir
bezeugen vor Gott und Eurer Majestät, daß, wenn wir
anders in unserm Gewissen überzeugt wären, oder
es verstehen könnten, wir das Gegenteil von ganzem
Herzen annehmen und bekennen wollten, indem es
von uns ein großer Irrtum wäre, wenn wir nicht lieber
in einem wahren Glauben leben, als in einem falschen
Glauben mutwillig sterben wollten; ferner wolle auch
Eure Majestät belieben zu betrachten, nach Ihrer an-
gebornen Güte und Weisheit, daß es nicht in unserer
Gewalt stehe, in unsern Reden Heuchelei zu treiben,
anders, als wir von Herzen glauben, um so der Ge-
fahr des zeitlichen Todes zu entgehen; denn es ist uns
unmöglich, anders zu glauben, als wir in unserm Ge-
wissen überzeugt sind; desgleichen, daß es nicht in
unserm Willen stehe, so oder so zu glauben, wie ein
Missetäter mit seinem Willen das Böse tun oder las-
sen kann, sondern es muss der wahre Glaube in die
Herzen der Menschen von Gott eingegossen werden,
welchen wir täglich bitten, daß Er uns seinen Geist
geben wolle, um seine Wahrheit und das Evangelium
zu verstehen.
Überdies ist es Eurer Majestät wohl bekannt, daß
wir nicht ein Volk sind, welches irgend Meuterei oder
Aufruhr wider Eure Majestät anzustiften sucht, son-
dern daß wir vielmehr den Herrn täglich bitten um
Eure glückliche Regierung und Wohlfahrt nach See-
le und Leib, und daß wir nicht gesucht haben un-
sern Glauben in diesem Lande auszubreiten, was wir
auch nicht tun können, weil wir schlichte, ungelehrte
Handwerksleute sind und unerfahren in der Gottes-
gelehrtheit. Wir bitten Eure Majestät demütig, diese
und mehrere andere Gründe um unseres Besten wil-
len zu betrachten, und insbesondere Ihrer löblichen
und fürstlichen Gnade eingedenk zu sein, worüber
alle Völker erstaunen und welche zu jeder Zeit in al-
len Sachen hervorgeleuchtet hat, insbesondere aber in
Religions- und Gewissenssachen.
Unterschrieben waren Hendrik Terwoort, Jan Pie-
terß, Christian Kemels, Gerrit von Byler, Hans von
Straten.
Ein Glaubensbekenntnis der Gefangenen in
England, der vorhergehenden Bittschrift
angehängt.
Was unsern Glauben von Jesu Christo, unserm Se-
ligmacher, betrifft, so glauben wir nicht allein seine
Menschwerdung, sondern halten auch dafür, daß es
der Antichrist sei, der da leugnet, daß Christus ins
Fleisch gekommen sei; darum glauben wir mit dem
Herzen und bekennen mit dem Munde, daß das ewi-
ge Wort Gottes von Anfang bei Gott gewesen, und
daß der Sohn Gottes Mensch geworden sei in der Fül-
le der Zeit, damit Er die Menschen selig mache und
erlöse, daß Er von dem Heiligen Geist empfangen
worden sei durch die Kraft des allerhöchsten Gottes,
daß Er von der gesegneten Jungfrau Maria geboren
und aus dem Samen Davids erschienen und daß Er
die Frucht des Leibes Maria sei; nachdem nun die
Kinder Fleisch und Blut haben, ist Er es gleicher Ma-
ßen teilhaftig geworden; endlich bekennen wir, daß
Er der verheißene Weibessamen sei, der den Kopf der
Schlange zertreten hat, und glauben alles, was die hei-
lige Schrift noch mehr von Ihm beschreibt, und setzen
die einzige Hoffnung unserer Seligkeit in seinen Tod
und seine Auferstehung. Aber das müssen wir hierbei
erklären, daß wir in unserm Gewissen noch nicht so
überzeugt sind, daß wir sagen können. Er habe sein
Fleisch aus dem Wesen der Jungfrau Maria genom-
men, weil wir solchen Ausdruck in der Schrift nicht
finden; darum überlassen wir die Untersuchung dem
Geheimnisse Gottes.
Was die Kindertaufe betrifft, so glauben wir, daß
die unmündigen Kinder in dem Stande der Seligkeit
seien und daß ihnen das Reich Gottes zugehöre; weil
wir aber in heiliger Schrift weder Gebot noch Exempel
finden, dieselben zu taufen, so halten wir, nach der
Einsetzung Christi, dafür, daß man mit ihrer Taufe
warten soll, bis sie ihren Glauben in der Kirche Gottes
bekennen können; daneben aber verurteilen und ver-
dammen wir die Kirchen nicht, die eine andere Lehre
haben.
Was die Obrigkeit und deren Amt an sich selbst
betrifft, so bekennen wir, daß sie nicht allein gut und
nützlich sei zur Erhaltung der gemeinen Wohlfahrt,
sondern auch von Gott verordnet sei, um die Guten zu
beschützen, die Bösen aber zu strafen, und daß sie das
748
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Schwert nicht umsonst empfangen habe, welcher wir
auch, nach Gottes Befehl, schuldig und bereit sind, alle
Untertänigkeit und Dienst zu erweisen; übrigens aber
halten wir dafür, daß es uns nicht zustehe von dieser
Sache etwas weiter zu untersuchen und zu urteilen.
Aber durch Fragen in unserm Gewissen gedrungen,
ob nämlich die Obrigkeit wohl christlich gesinnt sein
könne, sagen wir, daß es vor der Menschen Augen
(um der mancherlei Verhinderungen willen) schwer
und hart sei, nichtsdestoweniger zweifeln wir nicht
daran, weil das, was vor den Menschen unmöglich
scheint, vor Gott möglich ist, wie Christus von dem
Reichen im Evangelium sagt.
Was das Schwören anbetrifft, so kommen wir mit
den deutschen Predigern in diesem Artikel überein,
daß man wohl mit gutem Gewissen Gott zum Zeugen
nehmen möge in einer Sache, die wir wissen und von
der wir versichert sind.
Diese Artikel, wie sie hier abgefasst sind, glauben
wir aufrichtig, jedoch abgesehen von solchen Schlüs-
sen, die einige aus ihrem eigenen Verstand dagegen
machen.
Darum bitten wir Ihre Majestät demütig um Christi
willen, unsere Schwachheit zu ertragen, und zu be-
trachten, daß wenn wir in unserm Gewissen es anders
finden könnten, wir solches sehr gern und von Herzen
annehmen und mündlich bekennen wollten.
Deshalb bitten wir Gott demütig für Ihrer Majestät
langes Leben, glückliche Regierung und ewige Selig-
keit. Wir zweifeln nicht. Sie werde es sich gefallen
lassen, an uns armen, gefangenen Fremdlingen, sol-
che Gnade zu erweisen, die schon bereits an unsern
Mitgesellen bewiesen worden ist, wofür Gott und Ih-
rer Majestät gedankt sein müsse.
Es war unterschrieben: Von mir, Hendrik Terwoort,
Jan Pieterß, Christian Kemels, Gerrit von Byler, Hans
von der Straten.
Antwort auf Johannes Foxus Schreiben,
geschrieben von den Gefangenen in London, 1575.
Ehrsamer und werter Dr. Mr. Foxus, wir haben deinen
Brief gelesen, woraus wir den Fleiß ersehen haben,
den du um unsertwillen angewandt hast, sowohl bei
der königlichen Majestät, als auch bei ihrem weisen
Rate; dafür danken wir dir aufs Höchste, wie auch für
deine gute Ermahnung, denn obgleich uns dein Brief
ein wenig zu scharf geschrieben zu sein scheint, so
sind wir doch versichert, daß es von der Liebe und
einem guten Eifer herkommt, den du für die Wahrheit
und deines Nächsten Wohlfahrt trägst; darum können
wir es auch nur zum Besten deuten, wiewohl es uns
sehr leid ist, daß du unsere Meinung nicht besser ver-
stehst, und eine andere Meinung von uns hast, als wir
wohl wollten (indem du dafür hältst, dass wir durch
unsere Spitzfindigkeit und Halsstarrigkeit nicht al-
lein die Kirche Gottes ärgern, sondern auch Gott aufs
Höchste erzürnen und unsere Seligkeit umstoßen).
Welche Veranlassung du wohl hast, dergleichen von
uns zu denken, wissen wir nicht, doch können wir
dich versichern, daß wir von ganzem Herzen dem
einigen Gott und Christo mit gutem Gewissen zu die-
nen und unsern Nächsten zu erbauen suchen, so viel
es uns möglich ist.
Deshalb nehmen wir gern an, was uns die heili-
ge Schrift bezeugt und wünschen, daß man uns bei
der Einfachheit des Wortes Gottes bleiben ließe, und
uns durch spitzfindige Fragen nicht weiter triebe, als
wir mit unserm schwachen Verstand begreifen oder
mit der Schrift verantworten können. Wir bekennen
(wie du sagst), daß Jesus Christus, der Sohn des le-
bendigen Gottes, aus dem Weibe in der Fülle der Zeit
wahrhaftig Mensch geworden oder geboren sei.
Wir bekennen, daß das Fleisch Christi nicht phantas-
tisch oder aus der Luft sei, sondern wahres, menschli-
ches Fleisch, uns in allem gleich, ausgenommen die
Sünde; daß Er der verheißene Weibessamen, der Sohn
Davids und die Frucht des Leibes Maria sei; endlich
glauben wir allem, was die heilige Schrift von ihm
außerdem bezeugt, und setzen auch in unserem Le-
ben oder Sterben unsere Seligkeit nicht in unsere Wer-
ke oder Heiligkeit, sondern allein in seinen Tod und
seine Auferstehung. Darum können wir uns nicht
genug verwundern, daß man von Christen mehr for-
dern mag, denn wie du selbst aus dem Apostel an-
führst, wenn wir auch Christum nach dem Fleische
gekannt haben, so kennen wir Ihn doch jetzt nicht
mehr; wer aber in Ihm ist, der ist eine neue Kreatur.
Damit gibt uns ja der Apostel zur Genüge zu erken-
nen, daß wir mehr die Früchte der Menschwerdung
und des Leidens Christi bemerken und uns zueig-
nen als vorwitzig von der Herkunft seines Fleisches
disputieren sollten, welche wir gleichwohl bekennen,
insoweit uns die heilige Schrift davon Zeugnis gibt,
und lassen uns mit demjenigen begnügen, was du
von uns begehrt hast, daß Er ins Fleisch gekommen
sei; wenn nur die Menschen damit zufrieden wären
und uns nicht zwingen wollten, zu bekennen, daß
Christus aus dem Wesen des Fleisches Maria herge-
kommen sei, was wir um deswillen nicht begreifen
noch glauben können, weil das Wort Wesen in der hei-
ligen Schrift nicht ausgedrückt wird. Darum schließt
man daraus gegen uns, daß wir lehren, Christus sei
kein wahrer Mensch, und überhaupt, daß wir unsere
Seligkeit verleugnen, während man doch im Gegenteil
schließen sollte, wie uns die Liebe lehrt, daß wir, wenn
749
wir sagen, daß Christus so wahrhaftig das menschli-
che Fleisch an sich gehabt, als unser erster Vater Adam
vor dem Falle hatte, wir auch zugleich bekennen, daß
Er ein wahrer Mensch und unser Seligmacher sei, ins-
besondere, da wir solches mit ausdrücklichen Worten
bekennen. Wolltest du hierauf sagen, daß du einen ge-
ringen oder gar keinen Unterschied zwischen eurem
und unserm Glauben findest, als nur in dem Wörtlein
Wesen des Weibes, und daß wir dasselbe um deswil-
len nicht halsstarrig verwerfen sollten, so antworten
wir darauf, daß man uns dazu nicht mit Gewalt zwin-
gen, sondern unsere Schwachheit in diesem Punkt
ertragen sollte, weil wir in unserm Gewissen nicht
anders überzeugt sind, und uns an Gott sehr versün-
digen würden, wenn wir gegen das Zeugnis unseres
Gewissens reden würden.
Deshalb, wenn man uns dem Tode überantwortet
(was wir doch von Ihrer königlichen Gnade nicht hof-
fen), so bezeugen wir vor Gott, daß wir nicht wegen
dieses oder jenes Artikels (welchen, wenn man uns
nur mit Gründen überzeugen könnte, wir von Herzen
annehmen wollten), sondern um unsers Gewissens
willen sterben, denn wenn wir gegen dasselbe han-
deln, und wenn wir auch gleich recht täten, so tun
wir dessen ungeachtet übel, und geben Zeugnis wider
uns selbst, wie du, nach deiner Gelehrheit, viel bes-
ser einsehen kannst, als wir schlichte und ungelehrte
Leute.
Endlich, wir sind Menschen, und was noch mehr ist,
ungelehrte Menschen, die wohl irren können; deshalb
wollen wir uns allen denen, die uns mit der Schrift
etwas Besseres beweisen können, zur Unterweisung
unterwerfen; daß man uns aber dazu mit Feuer und
Schwert zwingen will, dünkt uns vergeblich zu sein
und gegen den Verstand zu streiten, denn es ist wohl
möglich, daß man uns durch die Furcht vor dem Tode
nötige, anders zu reden, als wir es verstehen, aber
daß wir es anders verstehen sollten, als wir glauben,
solches wisst ihr wohl, daß es unmöglich sei.
Diesem nach stellen uns diejenigen, die mit uns auf
diese Weise handeln, eins von beiden vor Augen, ent-
weder zeitlich oder ewig zu sterben; zeitlich, wenn
wir bei demjenigen bleiben, was uns unser Gewis-
sen bezeugt, daß es recht und die Wahrheit sei; ewig
aber, wenn wir gegen unser Gewissen handeln und
reden. Aber wir haben zur königlichen Gnade eine
bessere Hoffnung, welche bisher noch nicht für gut
befunden hat, wegen Religionssachen zu töten, indem
sie wohl weiß, daß der wahre Glaube eine besondere
Gabe Gottes sei, welche dem Menschen eingegossen
wird, nicht durch Feuer und Schwert, sondern durch
den Heiligen Geist und die Predigt des äußerlichen
Wortes Gottes. Auch sollten wir wohl bedenken, daß
wir zuvor alle Ketzer gewesen seien, die wir, wenn
wir in solchem Stande gestorben wären, des Leibes
und der Seelen Tod hätten leiden müssen. Aber wir
wollen jetzt schließen und dir für die Mühe danken,
die du unsertwegen hast unternehmen wollen; wir bit-
ten dich, daß du das Beste in unsern Sachen (bei dem
Rate, und insbesondere bei der königlichen Majestät)
tun wollest, wie wir denn nicht bezweifeln, daß, wenn
derselben unser Zustand wohl bekannt wäre, sie nach
ihrer außerordentlichen Weisheit und gewohnten Gna-
de barmherzig mit uns handeln würde, da wir doch
Ihrer Majestät alle Ehre und Gehorsam gern beweisen,
und bitten, daß sie lange leben und glücklich regieren
möge, Amen.
Unterschrieben war Gerrit von Byler, Hendrik Ter-
woort, Hans von Straten, Jan Pieterß, Christian Ke-
mels.
Paulus Glock, im Jahre 1576.
Im Jahre 1576 hat Paulus Glock, der im Württember-
ger Lande 19 Jahre nacheinander gefangen gelegen
hatte, die Freiheit erlangt, nachdem er in der Zeit sei-
ner Gefangenschaft viel erlitten hatte, und anfänglich
sehr gepeinigt und gemartert ist, und während dieser
Zeit öfters und auf vielerlei Weise sowohl von der
Obrigkeit als auch den Edelleuten und lutherischen
Pfaffen versucht worden ist; sie haben ihn mit har-
tem und mit leichtem Gefängnis auf die Probe gestellt.
Im Jahre 1566 versuchten sie ihn ein halbes Jahr lang
nicht, ließen ihn auch einige Male ausgehen, wenn er
ihnen mit seinem Jaworte zusagte, ohne ihr Wissen
nicht fortgehen zu wollen. Als nachher des Fürsten
Hofprediger und andere ihn verhörten, und er noch
fest bei seinem Glauben blieb, auch ihre Obrigkeit,
sowie das Schwert und den Krieg, nicht für christlich
halten wollte, sagten sie, er wäre nicht wert, daß er
unter die Leute ginge, er müsste sein Leben lang bis
an seinen Tod gefangen sitzen, oder so lange, bis er
sagen würde, daß sie gute Christen wären. Im Jahre
1567 war er krank vom Tage der drei Könige an bis
an den St. Johannistag, und war sehr ärmlich und
elend, lahm an seinen Händen, wie auch an seinen
Knien, sodass er nicht stehen konnte; ebenso hatte
er auch große Schmerzen im Munde, sodass er lange
kein Brot essen konnte, und auch keine Hoffnung zu
seiner Genesung vorhanden war.
Als nun seine Feinde das vernahmen, dachten sie,
dies ist unsere rechte Zeit, und schickten zwei Pfaffen
zu ihm, die mit ihm handeln und ihn hinsichtlich der
Kindertaufe und dem Sakrament überreden und ihn
zu sich bekehren sollten, weil ihn Gott so mit Krank-
heit plage; aber der Bruder Paulus sprach: Zeigt mir
750
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ein christliches Häuflein, das durch eure Predigt, Leh-
re und Glauben aufgewachsen ist, dann will ich mich
dazu schlagen, und wenn noch etwas an mir ist, das
wider Gott ist, so will ich es ablegen und verlassen,
und das Bessere annehmen. Da sagten die beiden Pfaf-
fen: Man kann die christliche Kirche nicht mit Fingern
zeigen. Der Bruder Paulus antwortete: Es ist offenbar,
was ihr für falsche Propheten seid; Christus hat sei-
ne Gemeinde und Jünger gezeigt, als Er seine Hand
über seine Jünger ausstreckte und sagte: Das ist meine
Mutter, Schwester und Bruder, die den Willen meines
Vaters tun, der im Himmel ist; auch kann eine Stadt,
die auf einem Berge liegt, nicht verborgen bleiben;
ferner, ihr seid das Licht der Welt. Der Apostel Petrus
bezeugt auch davon, indem er sagt: Ihr seid das aus-
erwählte Geschlecht, das heilige Volk. Paulus zeigt
sie auch, wenn er sagt: Ihr seid der Tempel des leben-
digen Gottes, das Siegel meines Apostelamtes. Weil
ihr aber dieselben nicht kennt, so seid ihr Kinder der
Nacht und der Finsternis, und keine Glieder an dem
Leib Christi, weil ihr mir den Leib Christi nicht zeigen
könnt. Wie sollte ich mm ein Vertrauen zu euch haben
und mich übergeben, damit ihr aus mir einen Chris-
ten macht, während ihr mir doch noch nicht einen
Christen in eurer Kirche gezeigt habt? Ihr seid eben
wie die 400 falschen Propheten Ahabs, die ihr einen
falschen Geist in euren schalkhaften Mund empfan-
gen habt, um die ganze Welt zu verführen; ja, ihr seid
die Diebe und Mörder, die jetzt kommen, um zu wür-
gen und zu stehlen. Als er ihnen nun solche Antwort
gab, verwunderten sie sich, daß er in seiner Krankheit
so antworten konnte, und kamen in langer Zeit nicht
mehr zu ihm, um mit ihm zu handeln; sie sagten auch:
Wenn deine Sache auch recht und gut wäre, so soll
man sie doch nicht dulden, denn man hat sie nie gelit-
ten. Der Bruder Paulus antwortete: Ja, die Gottlosen
und die Welt haben weder Jesum Christum noch seine
Apostel oder irgendeinen Frommen leiden können,
ebenso wenig als ihr, denn ihr seid gottlose, unfrom-
me, böse Leute und Bauchdiener. Im 72. Jahre sind
des Fürsten Predigerherren zum dritten Mal zu ihm
auf das Schloss zu Hohenwittlung gekommen, haben
mit ihm viel geredet und ihn wegen vieler Stücke un-
tersucht. Im Jahre 73 ließen sie ihn in die Stadt Aurach
bringen, wo einige von den Predigerherren waren, so-
wie auch der Hofkanzler (der dem Fürsten am nächs-
ten ist); sie handelten mit ihm von der Kindertaufe
und sagten: Die Kinder haben einen Glauben, darum
bringt man sie mit Recht zur Taufe; denn der Apostel
sagte: Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefal-
len; aber Paulus sagte: Der Apostel spricht da nicht
von den Kindern, auch redet er nicht mit Kindern,
sondern mit Alten, und sagte ferner zu ihnen: Wer zu
Gott kommen will, der muss glauben, daß Er sei und
daß Er denen ein Vergelter sei, die Ihm dienen und
Ihn suchen; setzt mir mm ein Kind hierher, wenn es so
viel Bekenntnis und Glauben an den Tag legt, so tauft
es ohne Scheu. Sie sagten: Das Kind bedarf keines
Bekenntnisses; so bedarf es auch, erwiderte er, keiner
Taufe. Da schwiegen sie hierüber und fingen an von
der Obrigkeit zu reden und sagten, sie wären ja doch
Christen, weil sie der Apostel Diener Gottes nannte.
Der Bruder antwortete: Der Apostel nennt sie Diener
des Rates wegen; dieser Rat aber gehört nicht in das
Haus Gottes oder Christi. Sie sagten: Der Rat gehört
ja in das Haus Gottes. Der Bruder antwortete: So zeigt
mir denn eine gesetzliche Obrigkeit in dem Hause
Gottes oder der Gemeinde Christi, denn der Apostel
hat alle Ämter im Hause Gottes verordnet; so zeigt
mir denn, wo Er die Fürsten oder weltlichen Könige
mit ihren Ämtern in der Gemeinde verordnet habe.
Da sagten die Pfaffen: Cornelius ist ein Hauptmann
unter dem Kriegsvolk gewesen und ist ein Christ ge-
worden. Sie bezogen sich auch auf Sergius Paulus und
sagten, derselbe sei Landvogt gewesen. Darauf fragte
sie der Bruder, ob sie auch glaubten, daß der Apostel
ihnen das Evangelium gepredigt habe, wodurch sie
gläubig werden mussten, und ob der Apostel auch
ein rechter Nachfolger und Lehrer Christi gewesen
sei; sie antworteten: Ja. Er fragte weiter: Hat Er denn
auch nach der Welt Weise gerichtet und ein Schwert
getragen? Sie sagten: Nein, sondern Er hat ein geisti-
ges Schwert und Gericht geführt. Wenn ihr denn (das)
auch bekennt (sagte der Bruder), so wisst ihr auch
wohl, daß die Apostel dem Cornelius und Sergius
Paulus auch das Evangelium verkündigt haben, auch
daß das Volk Christum zum König machen wollte,
und daß Er geflohen sei; ferner, die weltlichen Fürs-
ten herrschen über die Ihren, aber unter euch soll es
nicht so sein, ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen;
aus diesem allem konnten sie wohl lernen, daß sie
kein weltliches obrigkeitliches Amt oder Vogtei (in
der Nachfolge Christi) bedienen könnten, wenn sie
Paulus gleich sein wollten, der da sagt: Seid meine
Nachfolger, wie ich Christo nachfolge. Darauf schwie-
gen sie und sagten nach einer kurzen Weile: Gott ver-
gibt allen Menschen oder Sündern, wenn auch ihre
Sünden sehr groß sind. Der Bruder antwortete: Das
glaube ich auch, wenn sie rechte Buße tun und über
ihre sündhaften Werke Reue tragen; aber er fragte sie,
ob sie auch ihren Mitgliedern und Brüdern vergäben,
wenn sie gesündigt hätten. Die Pfaffen sagten: Ja. Er
fragte: Warum hängt ihr denn die Übeltäter? Ihr helft
ihnen an den Galgen und auf die Räder, denen ihr die
Sünden vergeben habt und die eure Brüder sind. Da
lachten sie über ihre eigene Torheit und sagten end-
751
lieh: Die Obrigkeit ist darum eingesetzt, daß sie das
Böse strafen soll. Der Bruder sagte: Ist Buße tun denn
auch eine Missetat? Die Pfaffen sagten: Nein, sondern
es ist wohl getan. Der Bruder fragte: Hat denn die Ob-
rigkeit Macht oder Befehl aus dem Alten oder Neuen
Testamente, die Frommen und Bußfertigen (wie ihr
denn sagt, daß sie euer Sakrament gegessen hätten
und auch Christen geworden seien) zu töten? Sie sag-
ten: Gleichwohl müssen sie gestraft werden, andern
zur Warnung. Weiter fragte der Bruder, ob sie auch
glaubten, wenn sie solchen Übeltäter durch ihr Pre-
digen von der Kindertaufe und dem Sakrament im
Gefängnis fromm machten und wenn er diese beiden
Stücke annehmen wollte, daß er alsdann ein Christ
sei und für einen Christen gehalten werden könne.
Die Pfaffen bejahten diese Frage. Der Bruder fragte
weiter: Wenn er dann auf solche Weise gläubig gewor-
den ist, wie ihr vorgebt, so ist er auch mit dem Geist
Gottes versiegelt worden nach den Worten Paulus;
glaubt ihr das nicht auch für gewiss? Sie sagten: Ja.
Der Bruder sagte: So muss sein Leib auch ein Tempel
Gottes sein, weil der Heilige Geist in ihm wohnt? Sie
sagten: Ja. Seht nun einmal, sagte der Bruder, wie ihr
handelt, wie ihr den Tempel Gottes schändet und an
einen Galgen hängt; wisst ihr nicht, was der Apostel
sagt: Wer den Tempel Gottes schändet, den wird Gott
schänden und verderben. Seht auch eure Obrigkeiten
an, welche schönen Christen sie sind, indem sie so
den Bußfertigen erwürgen und den Tempel Gottes
schänden, wenn es anders so ist, wie ihr sagt und
bekennt.
Als er nun solche Worte zu ihnen redete, sahen
sie einander an, als ob sie hätten sagen wollen: Wir
tun übel mit solchem Bekenntnis vom Christentum.
Da fingen sie an von dem Abendmahl zu reden, und
fragten ihn, was er davon hielte. Er antwortete: Ich
halte viel davon, wenn man es so hält, wie es Christus
verordnet hat; aber wie ihr es haltet, davon halte ich
nichts, es ist auch vergeblich, viel davon mit euch zu
reden. Da schwiegen sie.
Endlich fing der Hofkanzler an mit dem Hofpredi-
ger in Latein zu reden, und als sie ausgeredet hatten,
fragte der Pfaffe den Bruder, ob er aus dem Lande zie-
hen und dasselbe nicht wieder betreten wollte, wenn
sie ihn aus dem Gefängnis entlassen? Der Bruder ant-
wortete: Wollt ihr mir einen Brief geben, daß, wohin
ich komme, man mich frei aufnehme, so will ich eu-
er Land verlassen. Sie erwiderten, das könnten sie
nicht tun. Er antwortete darauf: So kann ich auch euer
Land nicht verlassen; aber ich will wohl in ein anderes
Land ziehen, und wenn ich dann wieder hineinkom-
me und tue etwas, womit ich das Schwert verdiene,
so gebraucht es. Das gefiel ihnen wohl. Da redete
der Hofkanzler abermals viel mit dem Pfaffen in La-
tein, worauf sie zu dem Bruder sagten: Willst du für
dich fromm sein oder bei deiner Meinung bleiben und
niemanden mehr verführen, so wollen wir dich frei
lassen. Der Bruder antwortete: Habe ich Unrecht, so
gebraucht das Schwert, weil ihr doch zu des Schwer-
tes Gebrauch gesetzt seid; habe ich aber Recht, so ist
es auch Recht für den, der von mir etwas Gutes hört
und lernt, und dazu will ich mich auch halten. Da sag-
te der Pfaffe: Zu dem Glauben wollen wir dich nicht
zwingen, aber wir wollen dich immer gefangen hal-
ten, damit du nicht mehr Leute verführst. Da ließen
sie ihn abermals nach dem Gefängnis bringen. Auf
solche Weise musste er ganz unschuldig die Gefan-
genschaft leiden und dulden, nur um seines Glaubens
und der göttlichen Wahrheit willen. Er hat ungefähr
19 Jahre in der Gefangenschaft zugebracht.
Matthäus Binder, im Jahre 1576.
Matthäus Binder, ein Diener des Wortes Gottes, wur-
de zu Ressen im württemberger Lande um seines
Glaubens und des Zeugnisses Jesu Christi willen ge-
fangen genommen und nach Stuttgart geführt, und
hiernächst zu Maulbronn ins Gefängnis an eine Kette
gelegt, wo man ihn oft verhört hat und viel mit ihm
gehandelt worden ist, sowohl von des Fürsten Lei-
bärzte als von den Pfaffen, von dem Obersten und
Abte von Maulbronn, wie auch von den Edelleuten,
des Fürsten Hofgesinde und mancherlei Ständen. Als
sie mit ihm nach ihrem Willen nichts ausrichten konn-
ten, hat man ihn endlich nach Hohenwittling in das
Schloss gebracht, wo der Bruder Paulus Glock lange
Zeit gesessen hatte; dort saßen sie noch zwei Jahre
beieinander; aber im Jahre 76 schickte ihnen Gott eine
Erlösung. Es entstand nämlich durch des Schlossvolks
Unachtsamkeit ein Feuer im Schloss, sodass dasselbe
abbrannte; bei dieser Gelegenheit halfen diese beiden
gefangenen Brüder sehr tätig beim Löschen, entflohen
auch nicht, sondern begehrten nachher, man wolle sie
doch freilassen, weil sie niemanden beleidigt hätten,
was sie bezeugen könnten, und versprachen, ihre Ge-
fangenschaft nimmermehr zu rächen. Darauf wurde
schnell (ehe es die neidischen Pfaffen verhinderten)
ein Bericht an den Fürsten geschickt, der den Befehl
gab, man sollte sie gehen lassen und ihnen einen Zehr-
pfennig verabreichen. Also sind beide, Paulus und
Matthäus, mit gutem Gewissen freudig und fröhlich
zu ihren Brüdern und der Gemeinde gekommen.
752
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Raphel von dem Felde und Hieronymus Schepens,
nebst mehreren andern Personen, 1576.
Im Jahre 157U sind zu Gent in Flandern, um des fes-
ten Grundes der Wahrheit willen, der gottesfürchti-
ge fromme Bruder Raphel von dem Felde und mit
ihm ein Bruder, genannt Hieronymus Schepens, sowie
mehrere andere Personen verhaftet worden. Sie sind
dort in einem festen Turm hinter sieben Türen einge-
schlossen und sehr genau verwahrt worden; dort la-
gen sie sieben Wochen gefangen, und wurden von den
blutdürstigen Dienern des Antichristen mit mancher-
lei Anfechtung und Bedrohung grausam gepeinigt,
denen sie aber doch (durch Gottes Gnade) widerstan-
den haben. Deshalb sind sie endlich von den Baalsdie-
nern verurteilt worden, daß sie mit Feuer hingerichtet
werden sollten. Weil sie nun dieses alles um des Zeug-
nisses Jesu und nicht wegen irgendeiner Missetat er-
litten haben, so ist für sie im Himmel die Krone der
ewigen Herrlichkeit bereitet; sie sind an gemeldetem
Orte lebendig verbrannt worden und haben den Glau-
ben der ewigen Wahrheit mit ihrem Tode und Blut
befestigt, allen wahren Gläubigen zum beständigen
Unterricht und Beispiel, um ihnen in den Fußstapfen
des Glaubens nachzufolgen.
Hier folgen die Briefe, die Raphel von dem Felde in
seiner Gefangenschaft geschrieben und seiner Haus-
frau und seinen Freunden zugesandt hat. Der Leser
wolle sie mit Aufmerksamkeit lesen.
Der erste Brief von Raphel von dem Felde,
geschrieben an seine Hausfrau.
Gnade und Friede von Gott unserem himmlischen Va-
ter und unserem Herrn Jesu Christo sei mit dir, meine
werte und in Gott geliebte Hausfrau; der oberste Trös-
ter, der heilige Geist, wolle bei dir sein, dich trösten
und dein Herz erleichtern in all deinem Druck und
Trübsal, von welchem ich wohl weiß, daß Er über die
Maßen groß ist. Darum will ich deiner Liebe ein wenig
schreiben zu deinem Trost, denn ich hoffe, es soll dir
ein großer Trost sein, wenn du es lesen wirst, wie denn
auch mein Herz über die Maßen getröstet und erfreut
ward, als ich deinen Brief am Mittwoch um fünf oder
sechs Uhr empfing, als ich des Morgens ungefähr von
acht bis zehn Uhr gepeinigt worden war; auch danke
ich dem Herrn dafür, daß Er meinen Mund bewahrt
hat, sodass dadurch niemand beleidigt worden ist,
denn solange, als ich auf der Bank gelegen, habe ich
meinen Mund nicht aufgetan zu jemandes Beschwe-
rung, sondern ich rief, seufzte und bat zu Gott; die
Herren sagten: Höre uns, wir wollen die Pein abkür-
zen, ja, es ist uns leid, daß wir es tun müssen. Als
ich aber nun kein Gehör geben wollte, und sie meine
Beine gebunden und geknebelt hatten, mir auch die
Arme auf den Rücken gebunden waren, sodass diesel-
ben unter meinen Lenden lagen, wobei noch überdies
ein Strick mit Knöpfen an meinem Haupt befestigt
wurde, während ich auf einem Kieselstein lag, da fing
man an, mit einer eisernen Kette zu winden, so daß
es mir vorkam, als ob sie mein Haupt durch Winden
zersplitterten und in Stücken brachen und daß meine
Beine, mein Fleisch, meine Adern und Nerven aus-
einander gerissen würden; ich dachte: O Herr! Ist das
Peinigen? Ach, Herr, ich werde es nicht ertragen kön-
nen. Ach, Herr, hilf nur doch jetzt, denn es ist große
Not. Da fasste ich den Entschluss, still zu schweigen
und befahl Gott die Sache; in demselben Augenblick
waren alle meine Glieder wie abgestorben; die Herren
aber riefen immer: Sage, sage, so wollen wir dir die
Pein lindem. Als ich nun noch nichts sagen wollte,
redeten sie lateinisch zu Meister Hans; da ging Meis-
ter Hans hin und befestigte zwei Stricke an meinen
großen Zehen; darauf spannte er mich aus, was mich
über die Maßen schmerzte. Als ich noch nichts sagen
wollte, spannten sie die Stricke auf meinen Schenkeln
und Schienbeinen noch fester an, und die Knöpfe ta-
ten mir so wehe, daß mich dünkte, ich müsste sterben;
gleichwohl aber riefen sie immer: Rede, rede, so wol-
len wir deine Pein mildern. Da dachte ich: O Herr, wie
werde ich dies ertragen können, muss es noch lange
währen? Da kam mir in den Sinn, daß die ewige Pein
noch größer sein würde, welche doch ewig währen
wird; ich schöpfte wieder Mut, und rief zu Gott: Hilf
mir in dieser Not, damit ich meinen Nächsten in die-
ses Elend nicht bringen möge; da gab mir der Herr
solchen Mut, daß mich dünkte, ich wollte lieber auf
der Bank sterben, und schwieg still. Als sie nun noch
nichts zur Beschwerung meines Nächsten von mir ver-
nehmen konnten, nahm Meister Hans Wasser (mein
Angesicht war fortwährend mit einem Tuch bedeckt),
hielt mit einer seiner Hände meine Nase zu, und fing
an, Wasser über meinen Bauch, über mein Herz und
so auch in meinen Mund zu gießen, als ob jemand
trinken sollte, der großen Durst hat; mich dünkte, daß
die Kanne, womit er goss, ungefähr drei Pinten hielt.
Als ich nun keinen Atem mehr hatte, und Atem schöp-
fen wollte, schluckte ich das Wasser nieder, wodurch
mir so übel zu Sinne ward, daß ich es nicht sagen oder
schreiben könnte; aber der Herr müsse ewig gelobt
sein, der meinen Mund bewahrt hat. Als sie nun noch
nichts von mir erpressten, banden sie den Strick auf,
womit meine Schenkel zusammengebunden waren,
legten ihn auf eine frische Stelle, und spannten den-
selben noch viel fester an als zuvor, wobei ich dachte,
das würde mich töten, und wobei ich sehr zitterte und
753
bebte; da goss er mir abermals Wasser in den Mund,
ich meine, er habe vier solcher Kannen voll ausgegos-
sen, wovon mir der Leib so angefüllt wurde, daß mein
Bauch so dick ward, daß es wieder zum Halse heraus-
kam, was zweimal geschah. Hiernach wurde ich so
ohnmächtig, daß ich die Besinnung verlor, wie mich
dünkte; als ich aber wieder zu mir selbst kam, fand
ich mich allein mit Meister Hans und Daniel de Key-
ser. Da war Meister Hans so geschäftig, mich überall
loszubinden, daß mich dünkte, sie wären meinetwe-
gen in Sorge; der Herr nahm jedes Mal den Schmerz
von mir, wenn es so weit kam, daß ich glaubte, es
sei unmöglich, ihn zu ertragen, indem ich in meinen
Gliedern jede Empfindung verlor; dafür müsse dem
Herrn ewig Lob, Preis, Dank und Glorie gegeben wer-
den, denn, als es vorbei war, dachte ich, daß ich mit
des Herrn Hilfe einen guten Streit gestritten habe.
Ich hätte dir wohl viel mehr davon schreiben sol-
len; aber ich unterlasse es bis auf eine andere Zeit;
darum, meine liebe Hausfrau, laß uns Gott für seine
Gnade danken; ich dachte den Montag nicht, daß mir
eine solche glückliche Woche bevorstände. Was mei-
ne Verletzungen durch das Foltern betrifft, so hoffe
ich, daß es sich wohl machen wird, aber es will seine
Zeit haben; sei nicht betrübt um meines Lebens wil-
len, sondern preise Gott in dieser Sache, denn mein
Gemüt steht unveränderlich und unbeweglich, wie
ich hoffe; und sollten sie mich auch noch zweimal
peinigen, so hoffe ich doch alles zu leiden, was sie
mir antun. Aber es mag wohl peinigen heißen, denn
es ist große Pein; ebenso bin ich auch, um der Wahr-
heit willen bereit, nicht allein mich peinigen, sondern
auch jederzeit mein Fleisch lebendig an einem Pfahl
verbrennen zu lassen. Ferner muss ich dir etwas von
meiner Freude und Wonne schreiben, die ich gegen-
wärtig in dem Herrn habe, wie der Herr mein Herz
stärkt, tröstet und erfreut, wenn ich an die Schrift
denke, daß ich, ein solcher unwürdiger Mensch, des
Leidens Christi teilhaftig sein mag; ich kann nun mit
dem Apostel sagen, daß ich die Malzeichen Christi an
meinen Gliedern trage.
Weiter, meine Geliebteste, lasse ich deine Liebe wis-
sen, daß ich deinen Brief empfangen habe, wodurch
mein Herz sehr getröstet und erquickt worden ist, so-
dass ich vor Freude mich des Weinens nicht enthalten
konnte, was ein gewisses Kennzeichen der göttlichen
Reue war, die zur Seligkeit wirkt; ich habe auch aus
deinem Brief ersehen, daß du sehr betrübt seist, so viel
mehr, als du schreiben oder sagen kannst; aber, meine
Geliebteste, ich bitte dich durch die Barmherzigkeit
Gottes, du wollest die Betrübnis um mich ein wenig
bei Seite setzen, und bedenken, wie und auf welche
Weise wir einander von der Hand des Allerhöchsten
angenommen haben; ist es nicht unter der Bedingung
geschehen, daß der Herr allezeit der Liebste bleiben
soll, und daß wir einander verlassen müssen, wenn
es sein heiliger Wille ist? Nun aber weiß deine Liebe
wohl, daß dieses ja des Herrn Wille sei und nichts
anderes, denn wäre es des Herrn Wille nicht gewesen,
ich wäre so gut entkommen wie du. Deshalb, meine
Geliebte, laß uns uns selbst hierin mäßigen, und uns
nach dem richten, was vorliegt, wie ich denn zu dei-
ner Liebe die Hoffnung habe, daß du tun werdest; laß
das Mägdlein, wenn es dich gut dünkt, lieber von dir
gehen, und behalte dein Kindlein bei dir und lehre
es unterdessen selbst etwas; lasse es fleißig bei dir
etwas arbeiten. Aber vor allen Dingen bitte ich dich,
du wollest dich wohl in Acht nehmen, denn der geist-
liche Commissarius hat mich sehr nach dir gefragt;
sie haben mich auch verschiedene Male nach meinem
Bruder gefragt; ich antwortete nichts darauf, aber sie
wussten es schon alles, wie sie sagten.
Daniel de Keyser kam in meine Kammer und fragte
mich auch sehr nach meinem Bruder; sie fragten mich
auch sehr nach meinem Kind, und ob es nicht getauft
wäre, was ich ihnen sagte; darum bewahre es wohl,
sie möchten es sonst nehmen und es könnten daraus
große Unannehmlichkeiten entstehen; was diese Sa-
che betrifft, so müsste ich viel Zeit haben, um dir alles
zu schreiben; aber so schreibe ich nur hier und da et-
was davon, denn mein Kopf tut mir zu weh, um viel
zu schreiben, wiewohl ich hoffe, daß es besser wer-
den wird. Ich fühle mich heute durch ein Gespräch
sehr abgespannt, welches ich mit zwei Jesuiten wegen
unseres Glaubens, in Gegenwart des Schreibers vom
Blutgericht und Meister Jakob Hesseling, wie auch
des geistlichen Commissarius und eines Ratsherren,
gehabt habe; aber dem Herrn müsse ewig Lob und
Dank gesagt sein; sie mußten mit Schande ihrer Wege
gehen.
Ich hoffe zu seiner Zeit von allem ausführlicher zu
schreiben. Sage meinem lieben Bruder, daß er auch
etwas schreibe, und grüße ihn herzlich von mir, so
wie auch seine Hausfrau und meine Schwester mit
des Herrn Frieden, und sage ihnen, daß sie mir et-
was schreiben, denn ich bin über sie sehr beschwert
und bekümmert. Nehmet euch wohl in Acht, denn
Niemand weiß, was Bande seien, als wer sie probiert;
das mag ich wohl sagen, wofür ich dem Herrn mit
fröhlichem Herzen Lob und Dank sage. Ich hoffe, daß
ich das Schlimmste überstanden habe; mein Herz ist
auch sehr wohl zufrieden im Leiden oder Ungemach
und im Sterben. Aber wenn ich an den Abschied von
meiner Geliebten und von meinem lieben Sohne den-
ke, so kann ich mein Herz nicht gut zufrieden stellen;
das aber tröstet mich sehr, daß mein Kind seine Mut-
754
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ter behalten mag. Sei nicht allzusehr besorgt, meine
Liebste; der Allerhöchste sorgt für dich und auch für
dein Kind; unser lieber Herr hat uns viele Gnade er-
wiesen, daß Er uns so lange beisammen gelassen hat;
sei doch nicht zu sehr besorgt, bitte ich dich, meine
Liebste, sondern wirf doch deine Sorge ganz und gar
auf den Herrn; Er wird dich wohl versorgen und dir
einen andern an meiner Stelle verleihen, wenn es dir
selig ist.
Hiermit will ich dich, meine liebste Hausfrau und
Schwester in dem Herrn, dem allmächtigen Gott und
dem reichen Worte seiner Gnade anbefehlen. Gute
Nacht, meine Liebste.
Ach, welche fromme und getreue Haushälterin bist
du mir gewesen! Ach, meine Liebste! ich danke dir
von Grund meines Herzens für deine große Treue und
gutwilligen Dienste, die du mir in allem Gehorsam
erwiesen hast. Ich bitte auch euch alle, lieben Freunde,
ihr wollet mir helfen, ernstlich zu dem Herrn bitten,
denn es ist jetzt Zeit; jetzt ist der Streit am schwersten,
daß erfahre ich wohl, und ich glaube, daß es unser
Bruder Hieronymus auch wohl erfahren wird; der
Herr wolle ihm gnädig sein! Ich tröste ihn bisweilen,
so gut wie ich kann.
Grüße mir doch Byntjen mit des Herrn Frieben, und
benachrichtige mich, wie es ihr ergangen ist; grüße
mir Jan und Klaerken und K., und sage ihm, daß er
mir etwas schreibe. Grüße mir auch alle, die Gott
fürchten, und halte dich allezeit zu den Frommen,
dann wirst du noch frommer werden. Gute Nacht,
gute Nacht.
Geschrieben im Finstern, den 24. Mai im Jahre 1576.
Gute Nacht, mein Weib; gute Nacht, mein Kind.
Donnerstags, den 24. Mai, wurde ich noch einmal
vor die Herren gebracht, wo ich zwei Jesuiten antraf;
ich war noch sehr schwach vom Peinigen; sie fragten
mich zuerst, warum ich mich so lange hätte verführen
lassen, und fragten mich auch nach meinem Glau-
ben. Da sagte ich: Bin ich denn hierher gekommen,
um euch zu lehren? Das sei ferne von mir. Bekennet
mir euem Glauben, denn ich bin gekommen, um un-
terrichtet zu werden. Da fing er an seinen Glauben
zu bekennen, in der Weise, wie die Kinder lernen.
Wohlan, sagte er dabei, das ist mein Glaube. Da sag-
te ich: Beweiset das mit Gottes Wort, so will ich es
auch glauben. Da fing er an aus Joh 3, daß die Kin-
der getauft werden müßten; desgleichen aus Mark 16
und Mt 28. Er fing sich jedoch selbst, so daß er nicht
wußte, wie er entwischen sollte; von da kam er auf
die Beschneidung, und darin wußte er auch keinen
Ausweg. Zuletzt mußten sie bekennen, daß die Be-
schneidung auf die Taufe nicht paßte, was mich sehr
verwunderte. Als sie nun sahen, was sie taten, und
daß alles zu ihrem Nachteile ausschlug, fingen sie an
alle Latein zu reden; da saß ich wie ein Narr. Eamus,
laß uns gehen (sagten sie); da wollten sie gehen, denn
es schlug elf Uhr, und wir waren ein wenig nach acht
Uhr zusammengekommen. Als sie nun gehen woll-
ten, sagte ich: Ich bitte euch, meine Herren, daß ihr
doch mir euem Glauben aufschreiben wollet, damit
ich ihn desto besser verstehen möge; aber sie wollten
es nicht tun, sondern sagten: Wenn du unsern Wor-
ten nicht glaubst, so wirst du auch unserm Schreiben
nicht glauben.
O! dachte ich, möchte ich solches erlangen, ich woll-
te euch wohl erwischen; ich wollte euch bald bewiesen
haben, daß euer Glaube nicht in der Schrift steht.
Den 25. Mai ist des Bischofs Aufseher über die Bü-
ßenden mit noch Zweien und dem Bruder Pieter de
Bäcker zu mir gekommen; sie setzten mir sehr listig
zu und führten mich auf einen hohen Berg; hätte ich
nur ein wenig aus dem Wege weichen wollen, es wäre
alles gut gewesen. Meister Jakob Heyseling sagte, er
wollte mir helfen, die Sache stände in seiner Gewalt,
ich sollte mich zum Scheine ein wenig bequemen. Lie-
ber Raphel, wie jammert es mich! es geht mir ins Herz.
Ich erwiderte hierauf: Ach, meine Herren! ihr sagt,
daß ich ein wenig von mir abgehen sollte; das will ich
gerne tun, ja ich will ganz von mir abgehen, wenn ihr
mir mit Gottes Wort ein Besseres beweisen könnt; aber
anders nicht, sonst wäre mein Glaube nicht auf das
Wort Gottes gegründet, sondern bestände auf Men-
schenwort; ich weiß auch wohl, was der Prophet sagt:
Verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen ver-
läßt. Ach, meine Herren! das wäre keine Bekehrung;
ihr müsset es mir mit der heiligen Schrift beweisen,
sonst tun wir es nicht. Nach vielen Worten schieden
wir noch einmal von einander, und ich dankte ihnen
für ihre Mühe. Kurze Zeit darauf kamen der Schrei-
ber des Blutgerichts, der geistliche Commissarius und
der Bruder Pieter de Bäcker, und setzten mir aber-
mals mit Bitten zu. Ich sagte, es wäre mir leid, daß
sie mich bäten. Sie erwiderten: Wir wollen es dir ja so
klar beweisen; und kamen auf ein anderes Geheimnis,
von der Menschwerdung Christi. Als ich nun anfing
zu antworten, legte er sein Testament weg. Da sagte
ich: Ich will euch, glaubt mir, auf alles antworten, ei-
nem nach dem andern. Als sie aber hörten, wie ich
ihnen antwortete, machten sie sich davon und sagten:
Gott befohlen. Ich grüßte sie ebenfalls, wobei Bruder
Pieter sagte: Ich will morgen oder in einigen Tagen
wiederkommen. Ich erwiderte: Wie es dir gefällt. Ach,
sagte er, wie betrübt muß deine Mutter sein! Aber ich
schwieg still. Den Nachmittag aber sandten sie mir
ein Büchlein, das sich den Schild wider die Wieder-
täufer nennt; dasselbe sollte ich lesen, und innerhalb
755
zweier oder dreier Tage sollte mich der Aufseher über
die Büßenden wieder besuchen.
Hieraus habt ihr, lieben Brüder und Schwestern,
hören können, ob ich Anfechtung leide oder nicht,
wiewohl ich es nur in aller Kürze beschrieben habe,
sonst würde es viel zu weitläufig sein, alles aufzu-
schreiben; dem Herrn aber sei für seine große Gna-
de gedankt, der mich so treulich stärkt und meinen
Mund zu seinem Preise regiert, und wiewohl der aus-
wendige Mensch vergeht, so ist dies doch nur ein
geringer Schade; der inwendige Mensch wird von Tag
zu Tag erneuert, dem Herrn müsse ewiges Lob und
Dank dafür gesagt sein, denn ich kann nun mit Pieter
von Wervicke wohl sagen:
Ich war noch niemals so vergnügt,
Als min zu diesen Zeiten,
Mein Leiden wird sehr schnell besiegt,
Sein Wort setzt mich in Freuden.
Wenn ich denk' an das ew'ge Gut,
O dann erlang ' ich solchen Mut!
Ich kann es nicht erzählen (die Freude auszudrücken),
ja mich dünkt, wenn alle meine Haare Zungen wären,
so könnte ich es nicht aussprechen. Und daß sie mich
zum Verhören quälen, halte ich für eine Erquickung,
denn ich komme jedes Mal aus meinem stinkenden
Loche in die klare Luft, und das erquickt mein Herz.
Hiermit will ich euch dem Herrn und dem reichen
Worte seiner Gnade anbefehlen, seid allezeit fleißig,
die Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens
zu halten, und reinigt eure Seelen vor dem Herrn,
vielleicht möchte es Gott gefallen, euch in dieselbe
Lage kommen zu lassen; wenn man nicht zuvor ein
frommer Christi ist, man wird es hier kaum werden
können; das erfahre ich wohl. Ach lieben Brüder und
Schwestern, ich bitte euch um der Liebe Gottes und
unsers Herrn Jesu Christi willen, daß ihr meiner herz-
lich geliebten Hausfrau und meinem lieben Kinde
Liebe erweisen wollet in aller Freundlichkeit, in aller
Liebe, in der Einigkeit, in der Barmherzigkeit, in der
Geduld; vertraget einander in der Liebe, darum bitte
ich euch von Grund meines Herzens, und bedenket,
in welcher traurigen Lage sie jetzt sei; ach leider, ihr
seid um meinetwillen betrübt, wofür ich euch danke,
denn es ist eine göttliche Traurigkeit; sie aber hat die
größte Ursache, betrübt zu sein. Ach, sie hat sehr viel
verloren, und auch mein Sohn; aber hierüber muß ich
mich zufrieden geben, denn es ist des Herrn Wille,
wer will es ändern? Ach, wenn ich an sie, ihre Trau-
rigkeit, und an mein Kind denke, so kann ich mich
nicht bezwingen, aber ich hoffe, der Herr werde mir
auch hierin helfen; ich bitte euch um der Liebe Gottes
willen. Ach Brüder und mein lieber Bruder, schreibt
doch einmal von ihren Verhältnissen, wie es mit ihrer
Trübsal und ihrer Traurigkeit, und auch, wie es mit
meinem lieben Sohne bestellt sei.
Ach, mein lieber Sohn, ich bin dir allzufrüh entnom-
men. Ach, lieben Brüder, tut doch alles um meinet-
und um des Herrn willen; ihr werdet meinem Her-
zen große Erleichterung verschaffen. Ach, mich dünkt,
ich hätte lange nichts gehört, und von meinem Sohne
weiß ich nicht, daß ich überhaupt etwas gehört habe,
wie auch von unserer Tanneken. Ach armes Schaf! Gu-
te Nacht, mein lieber Bruder, gute Nacht, meine lieben
Schwestern, gute Nacht allen euren kleinen Kindern.
Gute Nacht, gute Nacht, Gott gebe Gnade, daß wir
uns dereinst erfreuen mögen. Geschrieben von mir,
Raphel, eurem schwachen Bruder in dem Herrn, mit
vielen Thränen, unter Seufzen und Weinen; nicht um
meinetwillen, als ob mein Gemüt nicht wohl stände,
das sei ferne; es stand in elf Jahren nicht besser, dem
Herrn sei gedankt, sondern es ist meine schwache
Natur. Habe ich etwa zu wenig oder zu viel geschrie-
ben, so haltet es mir zu gut, denn meine Sinne haben
viel gelitten, und der Kopf ist mir durch die vielen
Drangsale ganz eingenommen.
Geschrieben den 25. Mai 1576.
Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, an
seine Brüder und Schwestern.
Ich, Raphel, wünsche euch, meinen lieben Brüdern C.
und K. und meinen lieben Schwestern in dem Herrn,
ein standhaftes Gemüt, und beständig, stark und un-
beweglich in der Furcht und in der Liebe Gottes zu
sein, damit ihr durch solchen standhaften, starken, fes-
ten und unbeweglichen Glauben, durch die Hoffnung
und die große Liebe zu Gott und eurem Nächsten, in
der Liebe Gottes und in der Geduld Christi fortfahren,
und daß ihr eure Seelen in der Leidsamkeit, Sanftmut
und Geduld fassen möget, damit ihr gern alles ertra-
get, was euch vom Herrn auferlegt ist; seid doch ja
nicht verdrießlich, und lasset nicht ab um der Trüb-
sal willen, welche jetzt sehr groß ist. Ich danke eurer
Liebe, daß ihr mich so treulich durch euer trostreiches
Schreiben ermahnt und tröstet; ich wollte zwar auch
ein Gleiches tun gegen euch alle, nach meinem ge-
ringen Vermögen, welches sehr klein ist, aber einer
hungrigen Seele ist jede Bitterkeit süß. Darum habe
ich die Hoffnung und das Vertrauen zu eurer Liebe,
daß es eurer hungrigen Seele sehr süß schmecken wer-
de, wiewohl es nicht so tröstlich, süß oder freundlich
ist. So ist denn das mein herzlicher und freundlicher
Gruß an euch alle, meine sehr geliebten Brüder und
Schwestern, daß mein Gemüt noch sehr wohl steht.
756
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
und ich auch wohl mit demjenigen zufrieden bin, was
vorhanden ist, es sei Leiden oder Sterben um der heili-
gen Wahrheit des Herrn willen; ich fürchte mich nicht,
was mir auch ein Mensch tun möchte, denn ich habe
viel mehr Lust zu Hause zu sein bei dem Herrn in der
ewigen Ruhe, als daß ich sollte länger leben wollen;
und wenn ich auch frei wäre, wie man es begehren
und wünschen möchte, so finde ich doch in mir selbst
wohl, daß ich oft betrübt sein würde, wenn ich alle
Dinge überlege, wie gefährlich es jetzt sei, in der Welt
zu leben, worüber ich oft von Herzen betrübt bin,
wenn ich an euch, an meine liebe Hausfrau und an
mein Kind denke; ach es kostet mich so manche Trä-
ne! Ihr seid noch in der größten Not und Gefahr; der
Herr wolle euch helfen, trösten und stärken, damit ihr
in allem überwinden möget, wie ich denn auch hoffe,
daß ihr werdet, denn wenn der Streit am härtesten
ist, so ist des Herrn Hülfe am gewissesten; ich darf
es wohl sagen, denn ich habe es in der Tat erfahren,
wofür ich dem Höchsten niemals genug danken kann.
Darum, meine herzlich geliebten Freunde, lasset
nicht ab um des Druckes oder irgendeiner Trübsal
willen, denn wir sollen wissen und Ihm gewiß Zutrau-
en, daß Er uns über unser Vermögen nicht versucht
werden lassen wird, sondern daß Er neben der Versu-
chung einen Ausgang verschaffen werde, wie auch,
daß nicht ein Haar auf unserm Haupte gekrümmt wer-
den soll, es sei denn sein Wille. Merket wohl auf die
Worte: Es sei denn sein Wille. So seid denn nicht ver-
zagt, noch verdrießlich, meine lieben Freunde; werdet
auch nicht müde auf dem Wege des Herrn, sondern
leidet gern, denn der Herr sieht alle eure Gänge und
alle eure Not und Arbeit, die ihr mit allem Fleiße tut,
um seinen heiligen Namen zu verherrlichen. Darum
nehmt des Herrn Züchtigung mit gutwilligem Herzen
auf, denn diejenigen, welche des Herrn Züchtigung
teilhaftig sind, die sind seine Kinder, Söhne und Töch-
ter; aber die sie nicht ertragen wollen, sind Bastarde;
ein Bastard aber hat keinen Teil an seines Vaters Gut.
Darum, meine Geliebtesten, lasset uns lieber alles ger-
ne leiden, was über uns kommt, um seines heiligen
Namens willen, ehe wir des ewigen Gutes ermangeln
sollten. Ach bedenket, wie groß und herrlich Er uns
machen will, wenn wir bis ans Ende standhaft blei-
ben. Wir müssen ja doch einmal sterben, wir können
aber nicht ehrlicher und seliger sterben, als für den
Namen unseres Gottes, der für uns so viel erlitten hat.
Ich hätte eurer Liebe wohl mehr schreiben sollen, aber
ich habe die Hoffnung zu eurer Liebe, daß ihr alle
viel mehr von Gott gelehrt seid, als ich euch schreiben
kann; ebenso habe ich auch nicht immer die passende
Zeit zu schreiben. Darum habe ich das Vertrauen zu
Gott und eurer Liebe, daß ihr das gute Werk so weit
gebracht habt, daß ihr es jetzt nicht stehen lasset, son-
dern daß ihr fleißig sein werdet bis ans Ende, damit
ihr vollen Lohn empfangen möget.
Ferner, lieber Bruder und liebe Schwester und K. S.,
ich bitte eure Liebe, daß ihr euch doch in Acht nehmen
wollet, denn dieser neue Vorsteher des Gerichtes ver-
fährt sehr streng; der Herr wolle sein Herz verändern
und seine Augen öffnen. Ziehet lieber aus der Stadt,
denn sie werden die rechte Zeit wahrnehmen, und
sollte es noch ein Jahr währen; sie haben sehr viele auf
dem Papiere stehen, aber wer sie alle seien, weiß ich
nicht, sie nannten sie alle leise und fragten mich nach
einigen, aber bei Namen kannte ich sie nicht, und als
Hieronymus, mein Freund, verhört wurde, nannten
sie laut Boudewyn Tynke, Pouwels Ketel, Gyselbrecht
und Andere, die er mit Namen nicht kannte; zuletzt
redeten sie in leisem Tone.
Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, an
seine Hausfrau.
Ich, Raphel, gefangen um der Wahrheit willen, wün-
sche meiner werten und in Gott geliebten Hausfrau
(die das Allerliebste von allem ist, das ich kenne, au-
ßer Gott; ja könnte ich dir helfen, und sollte ich auch
darüber des Todes sterben müssen, ich wollte es sehr
gerne tun; und mein lieber Sohn, ich wünsche dir, was
du mir in deinem Schreiben wünschest) ein stand-
haftes Gemüt in dem Glauben unseres Herrn Jesu
Christi, eine brünstige Liebe zu Gott und eine unüber-
windliche Stärke von Gott, unserm himmlischen Vater,
durch Jesum Christum, unsern Herrn und Seligma-
cher, damit ihr alle eure Feinde überwinden und in
eurem Drucke Maß halten möget, damit du dich nicht
weiter oder mehr betrübst, als sich die göttliche Reue
erstreckt, wie ich denn hoffe, daß du auch tun und
dich in Gelassenheit allem übergeben werdest, worin
dich Gott versucht, damit du so die Krone des Lebens
von der Hand des Herrn empfangen mögest. Dies ist
meine herzliche Bitte und mein großes Begehren zu
Gott für dich, meine Allerliebste auf Erden; der all-
mächtige Gott gebe seine große Barmherzigkeit dazu,
Amen.
Nebst allem liebreichen Gruße und Entbieten an
dich, meine werte und in Gott geliebte Hausfrau, las-
se ich dich wissen, daß mein Gemüt unverändert und
gelassen in Gott steht, um dem Herrn zu dienen, die
Wahrheit zu bezeugen, und um seines heiligen hohen
Namens willen alles zu leiden, was mir um seinetwil-
len begegnet; ich fürchte mich auch keineswegs; der
Herr sei gelobt und gepriesen für seine große Gnade.
Ich war den Montag Nachmittag bei drei Pfaffen von
kurz nach drei Uhr, wie ich meine, bis fast um sechs
757
Uhr; sie wollten mir viel sagen, aber ich machte sie
zuerst ihren Glauben bekennen, weil sie gekommen
waren, um mich zu unterrichten. Da bekannten sie
einige Dinge von der Kindertaufe, von der Mensch-
werdung Christi und von ihrer Hostie oder Oblaten,
daß Christus (nach den gesprochenen Worten) darin
in Fleisch und Blut sei, wie Er war, als sie das Abend-
mahl aßen. Als sie es nun mit der Schrift beweisen
sollten, waren sie in Not, denn ich gab nicht nach und
wollte von keinem Pünktlein weichen, oder sie hätten
mir dasselbe vollständig bewiesen. Wenn sie nun alles
bewiesen hatten, beschämte ich sie mit ihren eigenen
Reden, so daß sie bisweilen erröteten und nicht wuß-
ten, was sie zu ihrem Besten sagen sollten; deshalb
dünkte mich, daß sie sich zuletzt fürchten würden,
mehr mit mir zu reden. Bisweilen redeten sie alle drei,
und ich vergaß auch manchmal, was sie kurz zuvor
gesagt hatten; deshalb sagte ich: Ich tauge nichts zum
Disputiren, ich habe gar kein gutes Gedächtnis. Dar-
auf sagte der Eine: Mich dünkt doch, daß er redlich
ist, und er sah mich an. Nun wohlan, meine Liebe,
für dieses Mal wollen wir es dabei bewenden lassen,
denn sollte ich alles schreiben, was mir widerfahren
ist, mich dünkt, ich würde wohl sechs Bogen Papier
voll schreiben müssen; dem Herrn sei gedankt, der
den Seinen allezeit beisteht. Dieser neue Vorsteher
des Gerichts ist sehr blutdürstig und strenge gegen
uns; er läßt uns alle einsperren, den einen hierhin, den
andern dorthin; wir dürfen uns kaum so lange aus
unserer Kammer entfernen, daß wir unsere Notdurft
verrichten; es darf auch Niemand zu uns kommen. Ich
habe auch gehört, daß wir nicht lange sitzen sollen,
womit ich wohl zufrieden wäre, denn das lange Sit-
zen, und zwar immer allein, ist sehr verdrießlich; aber
dem Herrn sei gedankt, die Zeit ist weder mir noch
Hieronymus, meinem Bruder und Mitgefangenen, bis
jetzt sehr lang geworden, denn wir verwundern uns,
wenn wir daran denken, daß wir schon acht Tage ge-
fangen sitzen. Ich hoffe auch, der Herr werde uns
noch trösten und uns nicht verlassen. Gute Nacht,
gute Nacht, zum Abschiede, bis auf eine andere Zeit.
Noch ein Brief von Raphel von dem Felde,
geschrieben an seine Hausfrau.
Ich, Raphel, dein Mann, gefangen um des Herrn wil-
len, wünsche dir, meiner lieben Hausfrau und Schwes-
ter in dem Herrn, viele Gnade, Barmherzigkeit und
Frieden von Gott, dem Vater und unserm Herrn Jesu
Christo, der ein rechter Vater ist über alle Geschlechter,
die im Himmel und auf Erden sind, daß Er dir nach
dem Reichtume seiner Güte geben wolle, mit Kraft
stark zu werden durch seinen Heiligen Geist an dem
inwendigen Menschen, und Christum Jesum durch
den Glauben in deinem Herzen zu wohnen, durch die
Liebe eingewurzelt zu werden, und daß Er bis ans
Ende deines Lebens zum Heile deiner Seele bei dir
bleiben wolle. Dies sende ich dir, meine liebe Schwes-
ter in dem Herrn, zum Testamente und freundlichen
Abschiede.
Meine werte und in Gott geliebte Hausfrau, ich
habe nicht unterlassen können, dir ein Brieflein zu
senden, um dir einen sicheren Beweis meiner Liebe
zu geben, die ich zu dir gehabt habe; denn ich glaube,
daß es nun bald geschieden sein muß. Aber, meine lie-
be und werte Hausfrau! es ist kein Scheidebrief, wie
die Kinder Israel einen Scheidebrief schrieben, um
ihres Herzens Härtigkeit willen, als wollte ich dich
meine Geliebte, so verlassen. Ach nein! denn dieses
Verlassen geschieht um der Liebe Gottes willen, denn
um seinetwillen muß man sich von allem scheiden.
Ja, meine Allerliebste (allezeit neben Gott), Er ist es,
der uns zusammengefügt hat, und Er ist es auch, der
uns wieder scheidet, was ich von seiner Hand willig
annehme; hierin hat auch mein Gemüt niemals besser
gestanden, als es jetzt steht; dem Herrn sei gedankt. So
übergebe ich dich denn nun, meine Allerliebste, mit
deinem Kinde dem Herrn, als einem getreuen Vater;
ich bitte dich, meine liebe Hausfrau, bleibe treulich
bei Ihm, dann wird Er ohne allen Zweifel für dich
sorgen, sowohl der Seele als dem Leibe nach; denn
Petrus sagt: Nachdem uns allerlei von seiner göttli-
chen Kraft (was zum Leben und göttlichen Wandel
dient) geschenkt ist durch die Erkenntnis desjenigen,
der uns berufen hat, durch seine Herrlichkeit und
Tugend, durch welchen uns die allergrößesten und
köstlichsten Verheißungen geschenkt sind, nämlich
daß wir durch dasselbe der göttlichen Natur teilhaftig
werden, wenn wir die vergängliche Lust der Welt flie-
hen. Wenn wir Ihm also gänzlich getreu bleiben, daß
wir uns nämlich von der Welt unbefleckt halten, so
wird Er uns ein treuer Vater sein, der uns versorgen
wird, denn Er giebt allem Fleische seine Speise, und
Aller Augen warten auf Ihn, sagt David, und Er giebt
ihnen Speise zur rechten Zeit.
Darum, meine liebe und werte Hausfrau, übergebe
ich dich mit deinem Kindlein dem Herrn durch den
Glauben, um den Bund zu bestätigen, den wir mit
dem Herrn gemacht haben; gleichwie Abraham sei-
nen Sohn Isaak dem Herrn übergab durch den Glau-
ben, und gleichwie Jephtha seine Tochter dem Herrn
übergab, um damit sein Gelübde zu beweisen und zu
befestigen, so übergebe ich dich mit meinem Kinde
aus Liebe dem Herrn, und habe die Hoffnung und das
Vertrauen, daß Er euch wohl versorgen werde, wenn
ihr anders dem Herrn gehorsam und getreu bleibet.
758
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Hiermit nehme ich von dir, meine werte und in
Gott geliebte Hausfrau, einen ewigen Abschied, bis
wir einander in der ewigen Freude sehen; der Herr ge-
be seine Gnade, daß es so geschehen möge. Ich danke
dir auch aufs Höchste und herzlich für deinen treuen,
willigen und gehorsamen Dienst und deine Liebe, die
du in allerlei Untertänigkeit und Freundlichkeit an
mir bewiesen hast; meine Liebe, dafür danke ich dir,
Gott müsse dein Vergelter sein für deinen frommen
und guten Umgang und guten Wandel neben mir,
wodurch mein Herz oft erleichtert, getröstet und er-
quickt worden ist, was mich in der Tat um so mehr auf
Gott vertrauen lehrt und mir dabei ein festes Siegel
in meinem Herzen ist, daß wir, nach unserm schwa-
chen Vermögen, unsere Zeit in der Liebe und in der
Furcht Gottes unwürdig vor dem Herrn zugebracht
haben. Noch einmal danke ich dir, meine liebe Haus-
frau, für alle Wohltat und Freundschaft, die du mir
erwiesen hast, und bitte dich herzlich durch die große
Liebe Gottes, wenn ich dich in etwas betrübt oder
auf irgendeine Weise beleidigt habe, es sei in Worten
oder Werken, daß du mir solches gern vergeben wol-
lest; darum bitte ich dich mit vielen Tränen in diesem
Schreiben. Ich weiß nichts wider dich, meine Liebe,
was ich dir nicht gern vergeben sollte; der Herr wolle
uns alle unsere Sünden vergeben.
Ferner, meine liebe Hausfrau, kann ich nicht un-
terlassen, deiner Liebe noch ein wenig zu schreiben
(wiewohl es mit vielen Tränen geschieht), um dein
Herz durch das Wort Gottes zu trösten und zu erqui-
cken, denn dasselbe muß jetzt unser Trost sein, wie
der Prophet David sagt: Herr, wäre dein Wort nicht
mein Trost gewesen, so wäre ich vergangen in mei-
nem Elende; gleichwie auch der Prophet Jeremias sagt:
Herr, Du weißt, daß wir um deinetwillen geschmäht
werden; aber dein Wort erhält uns, wenn wir es krie-
gen, und dieses dein Wort ist unsers Herzens Freu-
de und Trost. Darum, meine liebe Hausfrau, müssen
wir unsere Lust haben an des Herrn Wort, und dem-
selben Tag und Nacht nachdenken, wie ein reicher
Mann, der seine Lust an seinem Schatze hat, demsel-
ben nachdenkt und ihn oft nachzählt, um sein Herz
zu ergötzen. Darum sagt auch David, daß man seine
Lust an des Herrn Gesetze haben müsse, dann werde
man einem Baume gleichen, der an den Wasserbächen
gepflanzt steht und seine Frucht zu seiner Zeit bringt,
dessen Blätter nicht verwelken, sondern alles, was er
tut, wird glücklich von Statten gehen. Darum bitte ich
dich, meine Geliebteste, sei in allem geduldig, worin
du von Gott versucht wirst; betrübe dich nicht gar
zu sehr, sondern bedenke, daß es von dem Herrn so
verhängt sei, daß wir jetzt von einander scheiden müs-
sen; damit tröste dich, und obgleich es dir schwer fällt.
und es gegen unser Fleisch, gegen unsern Willen und
gegen unsere Begierde streitet, so müssen wir doch
geduldig sein. Leiden wir gern, so wird uns reich-
lich gelohnt werden, und wehe uns, wenn wir nicht
gern leiden und leidsam sein wollen, wenn es auch
dem Fleische schwer fällt. Ach, meine Liebe! es ist
ein Geringes, geduldig zu sein, so lange es dem Men-
schen wohl gehet; das kann man jedoch keine Geduld
nennen; aber geduldig zu sein, wenn es einem übel
gehet, und alsdann Maß halten zu können, das ist in
der Tat eine große Kraft des Glaubens. Darum, meine
Geliebteste, bitte ich dich noch einmal, daß du doch
geduldig sein und Gott mit einem gelassenen Herzen
danken und sagen wollest: Herr, dein Wille gesch-
ehe; aber, ach Herr! Stärke meinen Glauben und mein
Vertrauen, damit ich doch niemals kleinmütig oder
trostlos, noch verzweifelnd oder an deinen Verheißun-
gen zweifelhaft werden möge, sondern vertraue Gott,
denn seine Verheißungen werden niemals täuschen,
- Er ist viel zu getreu, der es verheißen hat; an Ihm
wird es niemals fehlen, denn Er wird dich nicht über
dein Vermögen versucht werden lassen, sondern wird
allezeit neben der Versuchung einen Ausgang verlei-
hen, daß du es ertragen kannst. Darum, meine Liebe,
sei geduldig und leide gern, und bitte den allmächti-
gen Gott, bei welchem alle Dinge möglich sind, daß
Er deine Trübsal und deine bedrängte Lage (die dir
wegen meiner Bande zugestoßen, und weil mir nun
von einander scheiden müssen) verschmelzen lassen,
mindern und vernichten wolle, und daß es künftig
die einzige Bekümmernis deines Herzens sein möge,
wie du in allen Dingen dem Herrn am besten gefallen,
die Zeit deines Lebens in der Furcht Gottes zubringen
und auch für dein Kindlein Sorge tragen mögest.
Der Herr gebe Gnade, daß es so geschehen möge;
wirf deine Sorge ganz und gar auf den Herrn und hof-
fe allezeit das Beste von Ihm, denn wir sollen wissen,
daß wenn wir viel um des Namens des Herrn willen
verlassen, wir auch wieder viel empfangen werden,
und daß wenn wir viel um seines heiligen Namens
willen leiden, wir uns auch in vielem erfreuen werden,
wenn der Herr in seiner Herrlichkeit erscheinen wird.
Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuh-
le Christi, wo ein Jeder an seinem Leibe empfangen
wird, wie er hier getan hat, es sei Gutes oder Böses.
Darum, Geliebteste, laß uns allezeit suchen, in allen
guten Werken die Vornehmsten zu sein; laß uns auch
nicht verdrießlich werden, Gutes zu tun, denn zu sei-
ner Zeit werden wir ohne Aufhören ernten. Laß dein
Herz nicht erschrecken noch sich bewegen, werde
auch nicht müde auf des Herrn Wege; werden schon
die Wasser bitter, so murre doch nicht, und wende
dich doch niemals mit dem Herzen nach Egypten,
759
wie die Kinder Israel taten, als ihnen ihre Fleischtöpfe
einfielen, die sie zurückgelassen hatten, und weil die
Wasser bitter waren, so wollten sie sich selbst Haupt-
leute erwählen und wieder nach Egypten ziehen; sie
sagten zu Moses: Hast du uns darum in die Wüste
gebracht, daß du uns hier tötest? Du mußt auch noch
über uns herrschen! Wie fein hast du uns in ein Land
gebracht, wo Milch und Honig innen fließt. Darum er-
grimmte des Herrn Zorn über sie, daß Er viele getötet
und zu Grunde gerichtet hat. Darum sagt Salomo: Hü-
te dich vor Murren, welches nicht fördert; denn, wenn
wir auch alles verzehrt hätten, was wir in der Welt hat-
ten, und der Herr wollte uns mit Armut prüfen, wie
Er dort Israel getan hat, so könnte uns durch unser
Sorgen doch nicht geholfen werden. Darum müssen
wir unsere Sorgen dem Herrn anbefehlen. Er sorgt für
uns; Er ließ Israel Hunger leiden, um sie zu prüfen,
ob sie Ihn lieb hätten oder nicht, und zur Probe, ob sie
auch geduldig sein würden.
Darum, meine liebe Hausfrau und S. I. H., fasse
doch alle Zeit deine Seele in Geduld, so wirst du mit
allen frommen Zeugen Gottes wohl überwinden, die
Seligkeit ererben, und mit dem Propheten Baruch sa-
gen: O, selig sind wir Israel, denn Gott hat uns seinen
Willen offenbart; gleichwie auch Moses sagt: O Volk!
das du durch den Herrn selig wirst, der deine Hülfe,
dein Schild und das Schwert deines Sieges ist. Darum,
meine sehr geliebte Schwester in dem Herrn, wenn
wir auch um seinetwillen leiden müssen, so sollen
wir doch unsere Seelen in Geduld fassen und beden-
ken, was der Apostel sagt, daß es Gnade bei Gott sei,
um Wohltat willen zu leiden, wiewohl die Welt es für
keine Gnade achtet, wie Paulus sagt: Das Wort vom
Kreuze ist denen eine Torheit, die verloren gehen; uns
aber, die wir selig werden, ist es eine Kraft Gottes,
welche Kraft Gott durch seinen Geist in ihnen wirkt,
zum Tröste und zur Stärkung ihres Gemütes, daß sie
mit ihrem Gott über die Mauern springen, mit Caleb
und Josua ihre Feinde wie Brot fressen, mit Jael dem
Siffera, das ist, dem Feinde des Hauses Israel, einen
Nagel mit dem Hammer des Wortes Gottes durch den
Kopf schlagen, wie David den Riesen Goliath, das ist,
den Teufel und Satan, der Israel bekriegt, mit dem
Steine Christo Jesu überwinden, und mit dem Apostel
Paulus sagen: Gott sei gedankt, der uns den Sieg gege-
ben hat durch unsern Herrn Jesum Christum. Ferner
sagt er: Gott sei gedankt, der uns allezeit den Sieg
erhalten hilft in Christo; und daß sie mit David sa-
gen: Der Herr ist meines Lebens Kraft; wie auch der
Prophet schreibt: Die auf den Herrn warten, gewin-
nen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie ein
Adler, daß sie laufen und nicht schwach werden, daß
sie wandeln und nicht müde werden. Darum, meine
sehr geliebte Hausfrau und S. I. T. kann die Welt die-
ses Trostes nicht teilhaftig werden, weil sie nicht an
den Herrn glaubt, und das Wort vom Kreuze für eine
Torheit achtet, wie geschrieben steht: Wir predigen
den gekreuzigten Christum, den Juden ein Aergernis
und den Griechen eine Torheit; aber die Gläubigen,
die selig werden, halten es für eine Kraft und Weisheit
Gottes, daß sie würdig sind, um des Herrn Namens
willen Schmach zu leiden, wie auch Petrus und Johan-
nes getan haben, als sie von den Pharisäern gegeißelt
wurden. Darum schreibt Petrus: Was ist das für ein
Ruhm, wenn ihr um Missetat willen Streiche leidet?
aber wenn ihr um Wohltat willen leidet und erdul-
det, das ist Gnade bei Gott, denn dazu seid ihr be-
rufen; ebenso schreibt auch Paulus: Die Alten haben
Spott und Geißeln erlitten, dazu Bande und Gefäng-
nis, sie sind gesteinigt, zerhackt, zerstochen, durch das
Schwert getötet; sie sind umhergegangen in Pelzen
und Ziegenfellen; sie haben mit Mangel und Trübsal,
mit Ungemach gekämpft, deren die Welt nicht wert
war.
Sieh, meine werte und in Gott geliebte Hausfrau,
wie die Welt dieser Gnade nicht teilhaftig werden
kann, denn sie achtet den Herrn unwürdig, für sei-
nen Namen zu leiden, denn Niemand kann für den
Namen des Herrn leiden, es sei denn, daß er Macht
erlangt habe, durch den Glauben ein Kind Gottes zu
werden. Darum, meine herzlich geliebte Schwester I.
H., laß uns doch nimmermehr verdrießlich werden,
weil wir um des Herrn Namens willen leiden müs-
sen, sondern erdulde es gern in der Liebe, und siehe
auf die Belohnung. Denn, o welche schöne Verheißun-
gen der Seligkeit haben diejenigen, und welche große
Reichtümer sind ihnen zugesagt! die also dem Herrn
zu leben suchen und für seine Ehre sorgen, die nicht
das Ihre suchen, sondern vielmehr was zu des Herrn
Ehre und ihres Nächsten Erbauung gereicht.
Aber das sollen wir wissen, wollen wir zu Ehren
kommen, so müssen wir zuvor leiden, denn so ist es
von Anfang her allen frommen Kindern Gottes ergan-
gen. Darum schreibt Johannes, daß das Lamm von
Anfang getötet worden sei, nicht aber, als ob Christus
selbst, dem Fleische nach, von Anfang getötet worden
sei, denn Paulus sagt, daß Christus am Ende der Welt
erschienen sei, um durch sein eigenes Opfer vieler
Menschen Sünden wegzunehmen. Er ist von Anfang
in dem gerechten Abel getötet worden, ebenso leidet
Er noch täglich in allen Gläubigen; darum ist es offen-
bar, daß sie um seines Namens willen leiden, wozu die
Welt noch unwürdig ist, denn sie hat Christum nicht,
darum kann sie um seines Namens willen nicht leiden;
darum ist auch ihr Leiden nichts als Verdruß, denn
die Traurigkeit dieser Welt wirkt den Tod; aber die
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit, sie geschä-
he auswendig oder inwendig; geschieht es inwendig,
daß man über die Sünde betrübt ist, so geschieht es
zur Besserung; geschieht es aber auswendig, daß man
um des Namens Christi willen leidet, so geschieht es
zum Tröste, denn Paulus sagt: Wie des Leidens Christi
viel über uns kommt, so werden wir auch reichlich
getröstet durch Christum; darum sagt auch Petrus:
Selig seid ihr, das ist so viel gesagt, glückselig seid ihr,
wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leidet; ferner
sagt er: Wenn ihr um des Namens Christi willen ver-
schmäht werdet, so seid ihr selig, denn der herrliche
Geist Gottes ruht auf euch; bei ihnen wird Er gelästert,
aber bei Euch wird Er gepriesen.
Ach, meine Geliebteste, bedenke es doch, welche
vortreffliche Worte dieses für uns seien, denen solche
Verheißungen ohne allen Zweifel zukommen, denn
obgleich Christus durch den Geist Gottes die Teufel
austrieb, mußte Er es doch (nach ihren Worten) durch
Beelzebub, den Obersten der Teufel, getan haben. Dar-
um hat Christus wohl recht gesagt: Haben sie mich
verfolgt, um wie viel mehr werden sie euch verfolgen;
haben sie mein Wort gehalten, so werden sie das eure
auch halten, denn der Knecht kann nicht besser sein,
als sein Herr, noch der Jünger über seinen Meister;
der Engel sagte zu Tobias: Weil du Gott lieb wärest, so
mußtest du nicht ohne Anfechtung bleiben; auch steht
geschrieben: Die Anfechtung lehrt allein aufs Wort
merken. Darum, meine liebe Hausfrau, nimm diese
Reden zu Herzen, und merke wohl darauf, wie der
Herr die Seinen auf mancherlei Weise heimsucht und
wie wohl es Ihm gefällt, wenn seine Kinder in allen
Stücken Gehorsam erweisen und die Züchtigung gern
annehmen, die nicht das Kreuz Christi von sich zu
jagen suchen, sondern sich gern und willig unter sein
Joch begeben, die so gesinnt sind, daß sie sich durch
die große Liebe und das feste Vertrauen, das sie zu
Christo Jesu haben, viel lieber alles verlassen wollen,
was sie in der Welt haben, Vater, Mutter, Schwester,
Bruder, Mann, Weib, Kinder, ja auch ihr eigenes Le-
ben und alles, was sie besitzen, und die noch überdies
alles erdulden und leiden, was ihnen zustößt, Trüb-
sal, Angst, Verfolgung, Kummer und Ungemach. Ach,
wie herrlich will Gott solche empfangen, die so arm
um Christi willen geworden sind! Ach, wie reich wird
Er sie machen! denn, wie sie mit Ihm und um seinet-
willen erniedrigt worden sind, so werden sie auch
mit Ihm erhoben und herrlich gemacht werden; und
wie sie Ihn in der Welt bekannt haben, so wird Er sie
vor seinem Vater bekennen, der im Himmel ist, und
sie werden mit Ihm leuchten wie die Sonne in des
Vaters Thron, und in weiße Kleider gekleidet werden,
weil sie durch ihren Glauben überwunden haben, wie
Johannes schreibt: Darnach sah ich, und siehe eine
weiße Schaar, welche Niemand zählen konnte, aus
allen Heiden, Geschlechtern, Völkern und Sprachen
vor dem Stuhle stehen und vor dem Lamme, angetan
mit weißen Kleidern, und Palmen in ihren Händen;
sie schrieen mit großer Stimme und sprachen: Heil sei
dem, der auf dem Stuhle sitzt, unserm Gott und dem
Lamme. Und alle Engel standen um den Stuhl und
um die Aeltesten, und um die vier Tiere, und fielen
vor dem Stuhle nieder auf ihr Angesicht, und bete-
ten Gott an und sprachen: Amen, Lob, Ehre, Weisheit,
Dank, Preis, Kraft und Stärke sei unserm Gotte, von
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Und es antwortete der
Aeltesten einer, und sprach zu mir: Wer sind diese,
die mit weißen Kleidern angetan sind? und woher
sind sie gekommen? Und ich sprach zu Ihm: Herr,
du weißt es. Und Er sprach zu mir: Diese sind es, die
aus großer Trübsal gekommen sind, die ihre Kleider
gewaschen und dieselben im Blute des Lammes hell
gemacht haben; darum sind sie vor dem Stuhle Gottes
und dienen Ihm Tag und Nacht in seinem Tempel, und
der auf dem Stuhle sitzt, wird über ihnen wohnen, sie
wird nicht mehr hungern oder dürsten, es wird auch
nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze,
denn das Lamm mitten im Stuhle wird sie weiden
und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen und
Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.
Ach, meine liebe Schwester! das ist ein sicheres Zei-
chen, daß man hier zuvor weinen müsse, wenn anders
der Herr die Tränen abwischen soll. Desgleichen sah
auch Esdra auf dem Berge Zion eine große Schaar, die
Niemand zählen konnte, die lobten alle den Herrn
mit Lobgesängen, und mitten unter ihnen war ein
Jüngling, der mit seiner Länge alle überging und ei-
nem Jeden eine Krone aufs Haupt setzte, und immer
größer ward, worüber er sich fast sehr verwunderte.
Da fragte er den Engel: Lieber Herr, wer sind diese?
Er antwortete: Diese sind es, die das sterbliche Kleid
abgelegt und das unsterbliche angetan haben und die
den Namen Gottes bekannt haben; nun werden sie
gekrönt und empfangen Palmzweige. Weiter fragte
ich den Engel: Wer ist aber der Jüngling, der ihnen die
Kronen aufsetzt und ihnen Palmzweige in die Hän-
de giebt? Und er antwortete mir: Er ist Gottes Sohn,
welchen sie in der Welt bekannt haben; ich aber fing
an, diejenigen höchlich zu preisen, welche so fest für
den Namen des Herrn bestanden waren. Sieh, meine
werte und in Gott geliebte Hausfrau und Schwester in
dem Herrn, hier hörst du die schönen Verheißungen
des Herrn, welche Er allen denen gegeben hat, die
um seines heiligen Namens willen leiden, und dieses
Leiden in Geduld ertragen. Darum hat Paulus wahr
geschrieben: Wenn wir mit Ihm leiden, so werden wir
761
uns auch mit Ihm freuen.
Darum, meine liebe Schwester, sei standhaft und
unbeweglich, und nimm immer zu in den Werken
des Herrn, und wisse allezeit, daß deine Arbeit nicht
vergeblich sei bei dem Herrn.
Hiermit befehle ich dich, meine Geliebte, dem
Herrn und dem reichen Worte seiner Gnade, welcher
mächtig ist, deinen Schatz zu bewahren und das Er-
be zu geben unter allen, die geheiligt werden. Gute
Nacht, meine werte und in Gott geliebte Hausfrau
und Schwester in dem Herrn, gute Nacht, gute Nacht.
Zuletzt freuet euch, seid vollkommen, tröstet euch
und habt einerlei Sinn, seid friedsam, dann wird der
Gott der Liebe und des Friedens mit euch sei, Amen.
Grüße mir meinen Sohn und Tanneken, und sage ihm,
daß ich ihm befehle, daß er seiner Mutter allezeit ge-
horsam und untertänig sein soll, und daß er ihr in
allen Dingen Ehre erweise. Gute Nacht, gute Nacht,
zum Abschiede.
Geschrieben mit meinem Blute, als Siegel und Tes-
tament, einen freundlichen Abschied an dich, meine
Geliebte. Von mir, deinem lieben Manne, Raphel von
dem Felde.
Noch ein Brief von Raphel von dem Felde an
seinen Sohn.
Derselbe Gott, der Abraham, Isaak und Jakob geseg-
net hat, wolle dich auch segnen, mein lieber Sohn, mit
allerlei geistigem Segen im himmlischen Wesen, damit
du von Jugend auf den Herrn erkennen und fürchten
lernen und Ihm dein lebelang gehorsam sein mögest.
Dieses ist die ausdrückliche Bitte, mein letzter Wille
und Wunsch von Grund meines Herzens, was ich von
Gott begehre, damit du die ewige Seligkeit erlangen
mögest und des Herrn Name von dir gepriesen wer-
den möge. Diesem großen und herrlichen Namen sei
Lob und Preis von nun an bis in Ewigkeit, Amen.
Sieh, mein lieber Sohn Rapheiken, der Herr hat es
so verordnet, daß ich von euch genommen werden
muß, wiewohl ich gern hätte bei euch bleiben wollen,
um euch fortzuhelfen und (dich) in der Furcht Gottes
aufzuziehen; aber es hat dem Herrn nicht gefallen.
Wenn es nicht um des Herrn willen wäre, es wäre mir
nicht möglich, daß ich deine Mutter und meinen lie-
ben Sohn so verlassen könnte, denn keine Person ist
mir so lieb und auch kein Schatz so groß auf der gan-
zen Welt, um dessetwillen ich euch verlassen wollte,
aber um Christi Jesu willen muß man alles verlassen,
denn Er sagt: Wer nicht Vater und Mutter, Schwester,
Bruder, Mann, Weib, Kind, ja selbst sein eigenes Le-
ben und alles verläßt, was er besitzt, der ist meiner
nicht wert, und wer etwas lieber hat, der kann mein
Jünger nicht sein. Weil es denn nun der Wille Gottes
ist, daß wir von einander scheiden müssen, und ich
nicht mündlich mit dir reden kann, so habe ich et-
was schreiben wollen zu deiner Unterweisung in der
Furcht Gottes, wie der weise Mann sagt: Mein Kind,
gehorche der Zucht deines Vaters und verlasse nicht
das Gebot deiner Mutter. Sei allezeit bereit zu tun,
was dir von Gott befohlen ist, das ist. Ihn von Jugend
auf erkennen zu lernen, zu fürchten und Ihm gehor-
sam zu sein, denn der Gehorsam entspringt aus der
Furcht Gottes, und die Furcht Gottes kommt aus der
Erkenntnis Gottes. Darum schreibt Salomo: Des Herrn
Furcht ist Anfang zu lernen. Ein Kind, das seinen Va-
ter kennt, daß er so ehrbar und so gerecht ist, daß er
nicht will, daß seine Kinder mit den Kindern auf der
Straße umherlaufen, sich schlagen, zanken und böse
Worte reden, oder gestohlenes Gut nach Hause brin-
gen, die Kinder (sage ich), die ihren Vater so kennen,
fürchten sich, solches zu tun, und denken, wenn ich
das tue, werde ich geschlagen werden. Ebenso auch,
mein lieber Sohn, ist der Herr ein gerechter Gott, der
die Sünden nicht leiden will, sondern Er will dieje-
nigen strafen, die sie begehen; darum muß man Ihn
fürchten und die Sünden nicht tun, denn die Furcht
Gottes treibt die Sünden aus, und wer Gott fürchtet,
dem wird Er Gutes tun, wie Salomo sagt: Die Furcht
des Herrn ist die Quelle der Weisheit, daß man die
Stricke des Todes meide, denn, mein lieber Sohn, der
Sünden Sold ist der Tod.
Darum nun, weil die Furcht Gottes die Sünden aus-
treibt, meidet man durch die Furcht Gottes die Veran-
lassung, wodurch man in den Tod kommt, das ist die
Sünden.
Darum, mein lieber Sohn, lerne von Jugend auf in
der Furcht des Herrn wandeln, damit du niemals in
die Sünde willigst, und vergiß nicht die Gebote des
Herrn, deines Gottes, sondern fürchte den Herrn, weil
Er zu fürchten ist, denn diejenigen, die den Herrn
fürchten, gehen auf rechter Bahn, und die Furcht des
Herrn ist der Weisheit Anfang, und meiden das Böse,
das ist Verstand.
Darum, mein Kind, fürchte den Herrn und laß ab
vom Bösen, denn der Prophet Jeremias sagt: Es ist
ein köstlich Ding, einem Manne, daß er das Joch in
seiner Jugend trage, daß ein Verlassener geduldig sei,
wenn ihn etwas überfällt; und Sirach sagt: Mein Kind,
in deiner Jugend nimm die Lehre zu deinem grauen
Alter an, dann wirst du Weisheit finden. Hüte dich vor
allen bösen Gesellschaften, die dich verführen können
mit der Welt umzugehen, denn die Welt ist voller
Bosheit und wird mit allen ihren Lüsten vergehen.
Darum, mein liebes Kind, liebe nicht die Welt, noch
was in der Welt ist, denn alles, was in der Welt ist, das
762
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ist Augenlust, Hoffart des Lebens und Fleischeslust; es
kommt nicht vom Vater, sondern von der Welt; darum
enthalte dich von den fleischlichen Lüsten, welche
wider die Seele streiten; und Paulus sagt: Fliehe die
Lüste der Jugend, denn die Lüste der Jugend haben
ihrer Viele ins Verderben gebracht.
Mein Kind, nimm der Unterweisung deines Va-
ters wahr und vergiß sie nicht; enthalte deine Zunge
vom Verleumden, und hüte dich vor Lügen, denn der
Mund, der lügt, tötet die Seele, und die Lügner haben
keinen Teil an dem neuen Jerusalem, sondern ihr Teil
ist in dem feurigen Pfuhle, der von Feuer und Schwe-
fel brennen wird, welches der zweite Tod ist, ebenso
stiftet auch ein Verleumder viel Zank und Uneinig-
keit und erweckt Streit und Neid, und scheidet gute
Freunde von einander. Mose schreibt: Es soll kein Ver-
leumder oder Ehrenschänder unter euch sein. Darum,
mein Sohn, hüte dich vor dem Verleumden, und wenn
du in einem Hause wohnst oder zu tun hast, da sei
verschwiegen und sage nicht außer dem Hause, was
im Hause geschieht, und was man verschweigen soll,
das verschweige, dann wirst du dich selbst beliebt
machen. Sei den Leuten allezeit getreu und hüte dich
vor dem Stehlen, denn es ist eine große Sünde; die
Diebe haben keinen Teil am Reiche Gottes, auch hat
Niemand zu einem Diebe Vertrauen und Liebe, son-
dern wo er hinkommt, da sieht man ihm nach seinen
Händen.
Darum, mein lieber Sohn, halte dich doch allezeit
ehrbar in der Furcht Gottes und hüte dich vor Sün-
den und Übertretung, dann wird es dir wohl gehen
am letzten Tage, wenn Gott einem Jeden nach seinen
Werken lohnen wird, je nach dem er getan hat, es sei
gut oder böse. Mein Sohn, bedenke, daß geschrieben
steht: Ehre Vater und Mutter, damit du lange leben
mögest auf Erden, denn das ist das erste Gebot im Ge-
setze, das eine Verheißung hat; das ist aber die größte
Ehre, welche die Kinder ihren Eltern erweisen, daß
sie ihnen gehorsam sind in allem, was nicht wider
den Herrn und seine Gebote streitet. Darum, mein
lieber Sohn, wenn du mich verlierst, sei nicht trotzig
gegen deine Mutter, sondern sei ihr um so mehr ge-
horsam, da ihr nun die Sorge allein anbefohlen ist;
darum, mein Kind, betrübe sie nicht in deinem Leben,
denn im Sirach steht geschrieben: Wer seinen Vater
verläßt, der wird geschändet, und wer seine Mutter
betrübt, der ist verflucht vom Herrn. Darum liebe sie
und gedenke, wie viel Schmerzen sie um deinetwillen
erlitten, und wie sie dich neun Monate unter ihrem
Herzen getragen hat und noch viel leiden muß in dei-
ner Auferziehung und Verpflegung.
Darum, mein Kind, gewöhne dich von Jugend auf
zum Arbeiten und fleißig zu sein, und wenn du groß
bist und etwas verdienen kannst, so laß es deiner Mut-
ter zu Nutze kommen; arbeite allezeit fleißig und wil-
lig, und laß es dich nicht verdrießen, dein Bestes zu
tun, der Mutter die Kost verdienen zu helfen, denn
sie hat es schon zuvor an dir getan. Hüte dich vor
Müßiggang und Faulheit, denn durch Müßiggang
kommt viel Böses; Faulheit aber macht die Kinder
diebisch, und sie nehmen dadurch ein böses Ende.
Darum, mein Sohn, laß dich doch dessen nimmer-
mehr gelüsten, sondern arbeite und wirke gern mit
deinen Händen etwas Redliches, damit du dem Dürs-
tigen etwas zu geben habest.
Hiermit will ich dich, mein lieber Sohn, und deine
Mutter dem Herrn empfehlen. Ach, bitteres Scheiden!
Doch der, um dessetwillen ich euch zu verlassen hoffe,
ist mächtig, euch zu versorgen und vor allem Argen
zu bewahren; der Herr gebe dir seine Gnade, daß du
in der Erkenntnis Gottes aufwachsen mögest, durch
den Heiligen Geist, damit du nach dem Urteile des
rechten Gerichtes Gottes gerecht erfunden werden
mögest, zu seinem Reiche, durch Jesum Christum, un-
sern Herrn und Heiland, welchem sei Lob und Preis,
von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Geschrieben von mir, Raphel von dem Felde, dei-
nem Vater. Gute Nacht, mein lieber Sohn; den ich
lieber habe, als alles Silber, oder Gold, oder Edelstei-
ne; aber Gott muß der Liebste bleiben; gute Nacht;
die Liebe überwindet alles, noch einmal gute Nacht,
mein lieber Sohn; überlies dieses oft, was dein Vater
aus Liebe geschrieben hat, tröste deine Mutter, und
sei allezeit freundlich gegen sie in aller Untertänigkeit
in der Furcht Gottes; der Herr gebe seine Gnade, daß
es so geschehen möge, Amen.
Der letzte Brief von Raphel von dem Felde,
geschrieben an seine Hausfrau, nachdem er die
Botschaft seines Todesurteils empfangen hatte.
Gnade und Frieden, Liebe, Geduld, Leidsamkeit, Gü-
tigkeit, Kraft und Stärke in deinem Glauben wünsche
ich, Raphel, dir, meiner werten und in Gott geliebten
Hausfrau und Schwester in dem Herrn, zum freund-
lichen Abschiede; der Herr gebe dir und uns allen
Gnade, daß wir dermaleinst einander in der ewigen
Freude sehen mögen. Meine Geliebte, ich danke dir
für deinen Brief, den du mir zum Tröste in meiner
letzten Not gesandt hast; ich danke auch Ketzyntgen
herzlich; ihr lieber Mann dankt ihr auch, und nimmt
einen freundlichen Abschied; der Herr gebe dir Gna-
de, daß du ihm zu gelegener Zeit folgen mögest; auch
dankt er dir, daß du das letzte Mal sein Herz so wohl
befriedigt und fröhlich gemacht hast, gute Nacht, gu-
te Nacht. Dieses habe ich geschrieben, nachdem ich
763
die Botschaft empfangen hatte, daß ich sterben sollte,
was mir, dem Geiste nach, eine fröhliche Botschaft
war; aber es scheint, daß sich das Fleisch bisweilen
ein wenig fürchten will, worüber man sich auch nicht
wundern darf, denn es geht ihm sehr nahe.
Hiermit, meine Geliebte, will ich dich und meinen
lieben Sohn dem Herrn übergeben und befehlen; Er
wird euch wohl versorgen, nach Seele und Leib, das
ist mein Vertrauen zu Gott. Meine Geliebte, sei mit
meinem Leiden und Tode wohl zufrieden, denn al-
le Menschen müssen einmal sterben, und mancher
Mensch verliert sein Leben schändlich, jämmerlich
und unselig; mein Tod erfolgt aber um die ehrlichs-
te Sache, die man findet, und ist das seligste Werk,
das man tun kann, und geht es auch mit Angst zu,
so wird doch die Belohnung alles gut machen. Ach,
meine Geliebteste! sei wohl zufrieden, sei wohlgemut,
und auch unsere Schwester Ketzyntgen, und danket
Gott, daß ihr solche Männer gehabt habt, welche die
Wahrheit mit aller Macht, großer Gewalt und schwe-
rer Arbeit bezeugt haben. Gott sei gedankt, der uns
geholfen hat, das Feld erhalten. Nun können wir mit
dem Apostel Paulus sagen: Der Kampf ist gekämpft,
der Lauf ist vollendet; wir haben Glauben gehalten,
die Krone des Lebens ist uns nun bereitet. Ach, Herr!
welch ein schöner Trost! Ach, meine Geliebte! denk oft
an dasjenige, was ich dir geschrieben habe, zur Aufer-
bauung und zum Tröste deines Gemütes, und vergiß
meiner, denn es ist fest versiegelt, daß die Toten nicht
wieder kommen.
Hiermit sage ich gute Nacht, gute Nacht, gute
Nacht, Fleisch und Blut, gute Nacht, gute Nacht zum
Abschiede.
Geschrieben an meinem Ende von mir, Raphel von
dem Felde, deinem lieben Manne und Bruder in dem
Herrn.
An Claes Schepen.
Die ewige Gnade und Friede von Gott, unserm himm-
lischen Vater, die Barmherzigkeit und Liebe seines
Sohnes, wie auch die Gemeinschaft und Trost des Hei-
ligen Geistes sei mit euch, mein lieber B. und S. in dem
Herrn, zum freundlichen Gruße und ewigen Abschie-
de in dieser Zeit. Der Herr gebe seine Gnade, daß wir
dermaleinst in der Ewigkeit einander sehen mögen,
Amen.
Nebst vielem freundlichem Gruße und liebreicher
Ehrerbietung an eure Liebe. Beliebet zu wissen, daß
mein Gemüt noch unverändert steht, den Herrn nach
meinem schwachen Vermögen zu bekennen, und Ihm
mein ganzes Leben hindurch zu dienen; dasselbe gu-
te Vertrauen habe ich auch zu eurer Liebe, das ich
zum Teil daraus entnehme, was ihr mir in eurem Brie-
fe geschrieben habt, wodurch ich getröstet worden
bin, als ich ihn lesen hörte. Der Herr wolle allezeit
eure Liebe darin aufwachsen, stark werden und sich
vermehren lassen, zu seinem Preise und eurer Seelen
Heil, Amen. Weiter, lieber B. und S. in dem Herrn,
lasse ich euch wissen, wie es mir in meinen Banden
geht, nämlich, daß ich wohl zufrieden bin; dem Herrn
sei für seine große Gnade gedankt; der Herr tröstet
und stärkt mich so und macht meine Bande so leicht,
daß ich bisweilen kaum weiß, daß ich gefangen bin;
Er nimmt meine Furcht hinweg, macht mein Herz
fröhlich, und giebt mir neue Kräfte, und obgleich die
falschen Propheten ihre tötlichen Pfeile auf mich schie-
ßen, so bewahrt mich doch der Herr so treulich, daß
es mir keinen Schaden tut, sondern daß es mich mehr
erfreut, wiewohl sie mir mit vielen schönen Worten
sehr listig nachgestellt haben; ich habe sehr viel Wi-
derstand leisten und von meinem Vater, und Lieven
de Krook, Maeyken Moeye, unserem Vetter Pieter und
Daniel de Keyser, der mich fing, vieles anhören müs-
sen; diesselben waren auf Aschermittwoch bei mir;
sie führten mich auf einen hohen Berg, und boten mir
so viele schöne, jedoch gehaltlose Verheißungen an,
wenn ich ihnen hätte Gehör geben wollen, aber, Gott
sei gedankt, der uns allezeit das Feld erhalten hilft,
ja, sie sagten mir so viel, daß mich dünkt, vier Bo-
gen Papier würden es nicht fassen können, Lieven de
Krook sagte zunächst, daß ich eine Menge Teufel in
mir hätte, und daß er sie auf meinen Schultern sitzen
sähe, worauf ich erwiderte: Nehmt mir doch einen ab;
auch kam es mir vor, sie hätten mich betrunken ma-
chen wollen, aber ich wollte nicht trinken, wiewohl
sie mich sehr dazu nötigten, denn der Herr gab mir
Kraft, solchem zu widerstehen.
Ferner lasse ich euch, Geliebte, wissen, daß mein
Vater heute abermals allein bei mir gewesen ist; er
quälte mich sehr; ich aber sagte ihm, er sollte zufrie-
den sein, denn ich wollte den Herrn unter keinen
Bedingung verlassen; er sagte mir auch, daß ihr eures
Gutes beraubt und davon verjagt wäret, was mich
sehr betrübte, als ich es hörte; aber mein lieber B. und
S. in dem Herrn, seid doch geduldig und getrost in
eurer Trübsal und Leiden, denn das sollen wir wis-
sen, daß uns nicht allein gegeben ist, an Christum zu
glauben, sondern auch um seines Namens willen zu
leiden; auch sagt Christus selbst: Wer nicht Alles ver-
läßt um meines Namens willen, der kann nicht mein
Jünger sein, und wer etwas lieber hat als mich, der
ist meiner nicht wert. Darum, meine sehr geliebten
Freunde, denkt an Tobias Reden, der um des Herrn
willen so arm geworden ist: Mein Kind, sagte er, wir
sind wohl arm, aber sei getrost, wir werden viel Güter
764
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
haben, wenn wir Gott fürchten, Gutes tun, die Sünde
meiden. Ja, werte und in Gott geliebte Freunde, wir
sind Kinder der Heiligen, und hoffen auf ein Leben,
welches Gott denen geben wird, die für ihn stehen,
und fest im Glauben bleiben. Darum werdet nicht
müde auf dem Wege des Herrn, und lasset nicht ab
um der Trübsal willen, sondern haltet steif an, bis ihr
hinweggenommen werdet.
Ferner vernehme ich aus eurem Schreiben, daß ihr
im Sinne habt, fort zu ziehen; ich selbst bitte euch, ihr
wollet das tun, denn sie trachten sehr nach eurem Le-
ben, und fragen mich oft nach euch; Maeyken Moeye
sagte, es wäre eure Schuld, daß ich hierher gekommen
wäre, aber ich sagte nein. Ferner, lieber B. und S. bitte
ich eure Liebe, daß ihr meiner in eurem Gebete zu
Gott mit brünstigem Herzen gedenken wollt, damit
ich einen guten Kampf kämpfen und meinen Lauf zu
meiner Seele Seligkeit vollenden möge; dasselbe hoffe
ich auch für euch zu tun, und daß euch der Herr eine
glückliche Reise verleihen wolle, nach Seele und Leib.
So nehme ich denn nun von eurer Liebe, mein werter
und in Gott geliebter B. und S. in dem Herrn, einen
herzlichen und ewigen Abschied. Dieser große, alles
vermögende und allmächtige Gott, der Jakob geleitete,
als er fliehen mußte, wolle euch auch geleiten und in
die ewige Ruhe bringen, Amen. Gute Nacht, gehabt
euch wohl, zum Abschiede, gute Nacht.
Ich, Raphel von dem Felde (der Schreiber dieses),
lasse euch Geliebte auch sehr herzlich grüßen mit des
Herrn Frieden. Die Liebe überwindet alles. Hierony-
mus Schepens, euer lieber schwacher Bruder.
Lorenz, der Schuhmacher, im Jahre 1576.
Im Jahre 1576, zur Zeit des spanischen Aufruhrs (wel-
cher den 4. November stattfand), hat zu Antwerpen
ein frommer, gottesfürchtiger Bruder, genannt Lo-
renz, der Schuhmacher, um keiner andern Ursache
willen gefangen gesessen, als weil er der Welt mit ih-
rer falschen, erdachten Bosheit (wozu sie übergeben
ist) nicht folgen wollte, sondern dieselbe verließ um
mit dem Volke Gottes ein göttliches Leben zu führen
und Christo in der Wiedergeburt nachzufolgen suchte.
Darum ist er von den Feinden der Wahrheit (nämlich
von den blutdürstigen Papisten) gefangen und mit
großer und grausamer Pein geplagt worden. Sie ha-
ben ihn so unchristlich und tyrannisch gepeinigt, daß
sein Körper sehr stark gelitten hatte. Als nun in dem
spanischen Aufruhr die Gefängnisse geöffnet wurden
sind und die Gefangenen entlaufen waren, sagte der
Stockmeister zu ihm: Lorenz, lauf auch heraus; er aber
gab zur Antwort: Wohin soll ich laufen, ich bin so zu-
gerichtet, daß ich mein Brot nicht verdienen kann. Als
er nun sitzen blieb, hat er (nachdem der spanische
Tumult gestillt war) an gemeldetem Orte den wahren
Glauben mit seinem Tode und Blute befestiget. Dar-
um wird er in der herrlichen Wiederkunft Christi vom
Himmel eine herrliche Krone empfangen, die ihm von
Niemanden in Ewigkeit genommen werden wird, und
also ist er mit Christo in die Gleichheit seines Todes
gepflanzt, und wird der herrlichen Auferstehung mit
ihm in der Ewigkeit teilhaftig werden.
Hans Bret, im Jahre 1576.
Hans Bret, ungefähr ein und zwanzig Jahre alt, des-
sen Vater Thomas Bret hieß, ein Engländer, war sehr
fleißig (neben seiner täglichen Arbeit, die er in seines
Meisters Dienst verrichtete) mit des Herrn Wort be-
schäftigt, worin er sich beständig des Morgens und
Abends übte, auch sehr oft diejenigen, mit denen er
umging, mit erbaulichen nützlichen und lehrreichen
Sprüchen der heiligen Schrift zu einem tugendhaf-
ten und gottseligen Leben ermahnte; auch hat er den
Sonntag nicht müßig zubringen wollen, sondern hat
denselben recht geheiligt und gefeiert, und hat häufig
einige Ankömmlinge zu versammeln gesucht, zu wel-
chen er sich fleißig in aller Freundlichkeit hielt und
ihnen in der Furcht Gottes einige erbauliche Fragen
aus der Schrift aufgab, wodurch er sie zur Buße und
Absage ihres sündhaften Lebens ermahnte und ihnen
die Ungnade zeigte, die Gott über die Kinder des Un-
glaubens und der Ungerechtigkeit ausgießen wird,
und die gnädigen Verheißungen der Seligkeit, die in
dem ewigen Leben den bußfertigen Kindern des Glau-
bens zugesagt sind. Diese seine Ermahnung hat er mit
solchem feierlichen Ernste und auf erbauliche Weise
ausgegossen, daß viele bei ihm zu sein suchten, und
in ihm das kräftige Werk Gottes und das Wachstum
in der Erkenntnis Christi wahrnahmen, womit er in
seinen jungen Jahren so reichlich erfüllt war, was er
auch nicht allein für sich behielt, sondern zu seines
Nächsten Nutzen und Vorteil ohne Scheu mitteilte
und ausströmen ließ.
Aber der Teufel, der ein Feind der Gerechtigkeit
und ein Beneider des Wachstums der Tugend und der
Gemeinde Christi ist, hat dieses nicht lange ertragen
und dulden können, denn weil er an diesem Knechte
den gottseligen Eifer in der Wahrheit und den Fleiß,
die Irrenden zu bekehren, bemerkte, so hat er durch
seine Werkzeuge (die blutdürstigen Menschen, die al-
lezeit Gottes Tempel geschändet, seine Schafe ermor-
det, seine Heiligen getötet, ihr Blut vergossen, und ihr
Fleisch den Tieren des Feldes zur Speise gegeben ha-
ben,) diesen Knecht Gottes mit Leiden zu beschweren
und die Klarheit seines Lichtes zu verhindern gesucht.
765
was ihm auch teilweise gelungen ist, denn ungefähr
zwei Monate, nachdem er auf sein Glaubensbekennt-
nis, nach dem Befehle Christi im Namen des Vaters,
des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft war, ist
den sechsten Tag im Mai des Jahres 1576, Abends um
neun Uhr, der Schultheiß von Antwerpen mit vielen
Dienern nach dem Hause des Meisters von Hans Bret
gekommen, welcher mit seinem ganzen Hausgesinde
verraten war. Dieses Haus, welches zwei Ausgänge
hatte, haben sie sowohl an der vordem Seite, als auch
an der hintern Seite mit bewaffneten Männern und
Knechten scharf besetzt, und sodann an die Türe des
Vorderhauses geklopft, welcher Hans Bret entgegen-
gegangen ist um sie zu öffnen (denn er wußte nicht,
daß diejenigen, die nach seines Meisters und seiner
Hausgenossen Blut dürsteten, davor standen) und
fragte, wer da wäre; sie erwiderten: Mache auf! und
stellten sich so, als ob sie etwas hätten kaufen wollen;
unterdessen hörte er, daß sie mit einem Werkzeuge
an der Türe waren, um sie von außen zu öffnen, was
ihn auf den Gedanken brachte, daß es die Wölfe und
Tyrannen wären, die gekommen seien, um die un-
schuldigen Schafe Christi zu verschlingen; darum hat
er ihnen die Tür nicht geöffnet, sondern sie haben
sie von außen erbrochen. Als solches Hans Bret ge-
wahr wurde, ist er ins Haus zurückgelaufen, wo sein
Meister mit seiner Frau und noch einigen Weibern
sich am Eßtische befanden, und hat sie gewarnt; als
sie alle in der größten Eile zur Hintertüre liefen, in
der Meinung (wie auch Hans Bret), durch diese die
Flucht zu nehmen, zeigten sich beim Oeffnen dersel-
ben des Schulzen Dienern mit großer Grausamkeit;
griffen auch schnell zu und nahmen so viele gefan-
gen, als ihnen Gott zuließ, worunter dieser Knecht
Gottes auch war; sein Meister aber und noch einige
mit ihm, wurden wunderbar durch Gottes Hand und
Beistand bewahrt und gerettet. Sehet, so ist dieses
unschuldige Schaf Christi den Wölfen in die Hände
gekommen und ins Gefängnis gesperrt worden, allein
um des Glaubens willen an die Lehre unseres Herrn
Jesu Christi, und weil er dieselbe belebte.
Was sich nun mit ihm in seinen Banden zugetragen
hat, wie sie ihn durch List und Drangsal, durch schö-
ne Verheißungen und scharfe Bedrohungen um seiner
Seele Seligkeit zu bringen und sie ihm zu rauben ge-
sucht, und wie sie ihn (weil er einige Briefe an seine
Brüder und Freunde geschrieben hatte) in ein garsti-
ges Loch geworfen haben, sowie seine Disputationen,
die er mit den Pfaffen und Seelenverführern gehalten
hatte, auch wie er ihnen geantwortet, und wie freimü-
tig er durch Gottes Hilfe sich gezeigt hat, findet ihr in
seinen nachfolgenden Briefen zur Genüge erzählt.
Als er nun beinahe acht Monate lang gefangen gele-
gen hatte, haben die Tyrannen endlich alle ihre Kräfte
bei diesem Knechte Gottes und getreuen Nachfolger
Christi aufgeboten, und haben ihn des Freitags vor
Dertien Avond im Jahre 1577 vor Gericht bringen las-
sen, wohin er sehr freimütig gegangen ist, denn er
war nicht um irgend einer Missetat oder wegen einer
Ungerechtigkeit, sondern um der Lehre seines Herrn
und Meisters Jesu Christi, um der Gerechtigkeit und
Wahrheit willen in Banden, in Folge dessen die Kinder
Gottes allezeit sehr viel haben leiden müssen, welche
geholfen haben, Christi Kreuz zu einem wahren Feld-
zeichen zu tragen, damit sie Christi Knechte, Jünger
und Nachfolger seien.
Als er mm vor die Herren und Richter gebracht wur-
de, haben sie ihn gefragt, ob er sich hatte auf seinen
Glauben taufen lassen, was er endlich bekannt und
gestanden hat, denn er schämte sich dessen nicht, was
er auf Befehl seines Herrn und Meisters Jesu Chris-
ti getan hatte, wiewohl er gewiß wußte, daß sie ihn
nicht fragten, um von ihm belehrt zu werden, son-
dern nur, daß sie ein Wort aus seinem Munde hören
möchten, auf dessen Grund sie ihn zum Tode verur-
teilen könnten. Als die Herren und Blutrichter dieses
christliche Bekenntnis angehört hatten, sind sie fortge-
gangen, um ihn zum Tode zu verurteilen, und als sie
von ihrer argen Beratschlagung wieder zurückkamen,
haben sie ihr Urteil über diesen Knecht Gottes gefällt,
daß man ihn öffentlich lebendig an einem Pfahle mit
Feuer umbringen und verbrennen sollte.
Nachdem er nun sein Urteil empfangen hatte, ist er
wieder nach dem Gefängnisse gebracht worden, wo-
bei er unerschrocken und guten Muts gewesen, da er
ohne Zweifel eine mit der Schrift übereinstimmende
Rede an das gemeine Volk gehalten und demselben
mitgeteilt haben wird, daß die Veranlassung zu seiner
Gefangenschaft und seines Leidens nicht durch eine
Missetat herbeigeführt sei, sondern daß der Glaube
der reinen und seligmachenden Wahrheit, welche die
Welt nicht leiden kann, das Motiv davon gewesen ist.
Er ist sodann vom Gerichte wieder ins Gefängnis
gebracht, und bis den folgenden Tag, einem Sams-
tag, dort eingeschlossen und verwahrt worden. Hier-
nächst kam der Scharfrichter des Morgens ins Gefäng-
nis zu ihm, damit er dem Hans Bret die Zunge fest-
schrauben, den Mund verschließen und ihn dadurch
am Sprechen verhindern möchte. O, ein elendes Werk!
den Mördern und ärgsten Uebeltätern wird die Rede
vergönnt und zugelassen um sie in Freiheit zu gebrau-
chen, aber betrachtet hier einen Nachfolger Christi,
ein Kind Gottes, einen Knecht des Glaubens, einen Ab-
gesonderten von der Welt, in welchem Gerechtigkeit
wohnt, und bei welchem keine todeswürdige Hand-
lung aufzufinden ist; sehet diesen an, wie er sich mit
766
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
verschlossenem Munde und gebrannter Zunge zum
Tode bereit macht, damit nicht die Wahrheit verkün-
digt, die Gerechtigkeit gehört, oder von dem Namen
Christi ein Zeugnis gegeben werden möchte. O, Chris-
tel sieh hernieder und steh' deinen Heiligen bei.
Als nun der Scharfrichter zu ihm kam, hat er ihm
befohlen, seine Zunge herauszustrecken, was dieser
treue und fromme Knecht Gottes willig getan hat,
denn er hatte kein Glied an seinem Leibe, welches er
nicht um des Namens Christi willen zum Leiden über-
geben hätte, indem er versichert war, daß alles Leiden
dieser Zeit nicht mit der Freude und Herrlichkeit zu
vergleichen ist, die Gott den Ueberwindern verheißen
und zugesagt hat.
Als er seine Zunge herausstreckte, hat der Scharf-
richter dieselbe mit einem Eisen festgelegt und mit ei-
ner Schraube sehr stark zugeschraubt, hiernächst aber
dieselbe mit einem heißen Eisen bestrichen, damit sie
aufschwellen und nicht aus der Schraube schlüpfen
möchte. O bittere Grausamkeit und große Tyrannei.
Nachdem sie ihm nun den Mund so geschlossen
und die Zunge zugeschraubt hatten, auch das Feuer,
worin er sein Opfer tun sollte, auf dem Markte schon
bereit war, haben sie ihn mit zusammengebundenen
Händen aus dem Gefängnisse geführt, auf einen Wa-
gen gesetzt und auf den Markt gebracht, wo seine
Aufopferung um des Wortes der Wahrheit willen ge-
schehen sollte.
Man sagt, sie hätten sich deshalb des Wagens be-
dient, weil man um der abgebrannten Häuser wil-
len den Weg, der vom Gefängnisse nach dem Markte
führt, nicht gut hätte gehen können, und daß diese
Häuser bei der Einnahme von Antwerpen zu Gunsten
der Spanier angesteckt worden sind.
Als er auf den Wagen kam, sah er verschiedene Be-
kannte, die er freimütig und fröhlich angesehen hat,
wie er denn überhaupt durch sein Betragen das Verlan-
gen zu erkennen gab, an den Ort zu kommen, wo sein
Opfer geschehen sollte; er hat das Haupt freundlich
gebeugt und mehrere Leute gegrüßt, und seine Stand-
haftigkeit durch seine ganze Haltung ausgedrückt
und bezeugt, alles Gott zum Preise, der solche Kraft
und Stärke in seine Heiligen ausgießt, indem er ihr
Beschützer, ihre Zuflucht, Hülfe, Kraft, Stärke und
ihr festes Bollwerk in aller Not, Trübsal und Leiden
ist, das ihnen von der Welt um des wahren seligma-
chenden Glaubens an Jesum Christum willen angetan
wird.
Als er nun auf den Markt zu dem Pfahle und an
das Feuer gebracht wurde, hat er sich selbst in die
Höhe gerichtet, ist, wie mit einer göttlichen Klarheit
angetan, vom Wagen gestiegen, und hat in Gott wohl-
gemut, stark im Glauben und standhaft im Streite
seine Hände gefaltet, ist auf seine Kniee gefallen und
hat seine Augen demütig gen Himmel gewandt; in
solcher Weise hat er sich bereitet, seinen Herrn und
Gott anzubeten und sich selbst ihm anzubefehlen, wie
solches allen Christgläubigen zukommt. Als aber die-
ses die blutdürstigen Menschen sahen, haben sie es
nicht ertragen noch dulden können (was sie doch den
Uebeltätern vergönnen, die um ihrer bösen Werke wil-
len zum Tode gebracht werden), sondern sie haben
ihn schnell von der Erde aufgehoben, haben ihn mit
großer Grausamkeit nach dem Pfahle geführt, und ha-
ben es nicht zugelassen, daß er Gott auf seinen Knieen
angerufen hätte. Dann hat er, um solches alles zu lei-
den, sich in das Häuslein (welches von Stroh und
Holz zubereitet war) verfügt, und sanft und demü-
tig hineingetreten, wo sie ihn an einen Pfahl gestellt,
ihm Ketten um seinen Leib geschlagen und angeket-
tet haben, was er alles mit großer Standhaftigkeit um
des Wortes Christi und der Wahrheit willen ertragen
hat. Als er nun in dem Häuslein an dem Pfahle stand,
haben sie endlich das Feuer angezündet und dieses
Schäflein lebendig durch Feuer verbrannt und ver-
schlungen; nun ist zwar dessen Leib verbrannt, aber
seine Seele ist ins Paradies, in die Freude und selige
Ruhe aufgenommen, weil er Christum bekannte, der
den Standhaften die Seligkeit zugesagt hat.
Auf solche Weise hat dieser junge fromme Christ,
ungefähr 21 Jahre alt, sein Leben geendigt, und seinen
Leib um des Wortes Gottes willen im Jahre 1577 auf
den Dertien Avond übergeben und aufgeopfert. Also
ist er ein Zeuge unter den Zeugen Jesu geworden, ein
Bekenner unter den Bekennern Christi, ein christlicher
Ueberwinder unter des Herrn Streitern, und eine Seele
unter den Seelen Christi, die unter dem Altäre ruhen,
ein getreuer Knecht unter den Knechten Christi, deren
Belohnung die Krone des ewigen unvergänglichen
Lebens ist.
Hier folgen einige Briefe, die Hans Bret im Gefäng-
nisse geschrieben hat.
Der erste Brief von Hans Bret,
geschrieben den Montag, nach Pfingsten im Jahre 1576
auf dem Steine zu Antwerpen an seine liebe und werte
Mutter.
Gnade und Frieden von Gott, unserm himmlischen
Vater, durch seinen einigen Sohn Christum Jesum und
den Trost des Heiligen Geistes, zur Vermehrung dei-
nes Glaubens und deiner Seele Seligkeit, wünsche ich
dir, meiner herzgründlich geliebten Mutter, aus dem
innigsten Grunde meiner Seele, Amen.
Herzgründlich geliebte und werte Mutter, ich lasse
dich wissen, daß es mit mir dem Fleische nach gut
767
steht, dem guten Gott sei dafür gedankt; insbesondere
dem Geiste nach danke ich dem Herrn, und lobe Ihn
für seine unaussprechliche Gnade, daß Er mich durch
seinen Heiligen Geist stärkt, so daß das Gemüt un-
verändert ist; dem Herrn sei gedankt. Ich habe auch
das Vertrauen in dem Herrn, daß Er mich durch sei-
nen Heiligen Geist stärken werde, wie Er noch bis auf
diese Stunde aus Gnaden an mir armen Menschen
getan hat, wofür der Herr in Ewigkeit gelobt sei, denn
von Ihm allein erwarten wir unsere Stärke, um den
grausamen Wölfen zu widerstehen, so daß sie an un-
sere Seelen keine Macht haben können, denn sie sind
grausamer als Wölfe; sie sind nicht damit zufrieden,
daß sie unsern Leib zerreißen, sondern sie suchen
auch unsere Seele zu verschlingen und zu ersticken,
wie ich zu drei Pfaffen gesagt habe; doch nach den
Worten Christi können sie unsere Seelen nicht beschä-
digen, denn wenn sie alles tim, was sie können (doch
nicht ohne des Herrn Zulassung), so können sie doch
nur unsern Leib töten. Solches leide ich gern um des
Namens Christi willen, und habe ein Verlangen, von
diesem Fleische erlöst zu werden und bei Christo in
Freuden zu sein, der uns eine Wohnung zubereitet hat,
die nicht mit Händen gemacht ist, sondern die ewig
ist, im Himmel. Jetzt sehen wir nicht auf das Sichtba-
re, sondern wir hoffen auf das Unsichtbare, auf das
Unvergängliche, damit wir mit der Krone des ewigen
Lebens gekrönt, ja mit weißer Seide bekleidet werden,
und mit den Seelen ruhen, die unter dem Altäre lie-
gen, die um des Wortes Gottes willen getötet worden
sind, bis die Zahl unserer Brüder erfüllt sein wird, die
nach dem Zeugnisse Johannes in seiner Offenbarung
in eben derselben Weise getötet werden sollen. Darum
verlange ich, liebe Mutter, von einem Samstag zum
andern, mein Opfer zu tun; ich habe zwar gehofft, daß
ich heute dasselbe tun sollte, aber es hat dem Herrn
nicht gefallen, darum hoffe ich, es den nächsten Sams-
tag zu tun, wenn es dem Herrn gefällt, und bei Ihm
meine Freude und Wonne zu halten, die noch niemals
ein Ohr gehört hat, noch eines Menschen Herz be-
greifen kann, was nämlich den Frommen bereitet ist,
die sich nicht geschämt haben, den Namen des Herrn
vor diesem ehebrecherischen Geschlechte zu beken-
nen, und so lange ein Atemzug in ihnen ist, zu reden,
bis zur Zeit, wo ihnen die Sprache benommen sein
wird. So freue dich denn, meine geliebteste Mutter,
und danke dem Herrn, daß Er mich, deinen Sohn, der
ich ein unwürdiger Mensch bin, würdig achtet, um
seines Namens willen zu leiden, und meinen Leib Ihm
aufzuopfern, zum Preise seines heiligen Namens.
Es geht mir nichts anders, meine liebe Mutter, als es
allen Frommen Gottes ergangen ist von Anfang der
Welt bis auf diesen Tag. Haben sie Christum, den Her-
zog des Glaubens, getötet, in welchem keine Sünde
war, was werden sie dann den Knechten tun? Denn
der Jünger ist nicht über seinen Meister, sagt Chris-
tus. So tröste dich denn nun, meine liebe Mutter, und
freue dich darüber, denn sie haben nicht mehr an mir,
als der Herr ihnen zuläßt, indem Er sagt: Alle Haare
unseres Hauptes seien gezählt; es fällt nicht ein Vogel
auf die Erde ohne seinen Willen, wie viel würdiger
sind wir aber als die Vogel? ja, er sagt, daß wir uns
nicht vor denen fürchten sollen, die den Leib töten,
denn an der Seele haben sie keine Macht. So sei denn
zufrieden, und bitte den Herrn für mich und meine
Mitgefangenen.
Meine Mutter, ich sollte dir zu deinem Tröste wohl
mehr schreiben, aber ich hoffe, daß dich der Herr bes-
ser getröstet habe, als ich es mit meinem Schreiben tun
kann; ferner auch, damit du einige Nachricht haben
mögest, wie es mit unserer Gefangenschaft zugeht,
wiewohl hierzu mein Papier zu klein sein möchte; ich
denke, daß dich sehr verlangt, von mir etwas zu hö-
ren, ebenso wie auch mich verlangt, von dir zu hören,
wie es um dich steht, wiewohl ich hoffe, daß es dir
und euch allen wohl geht, sowohl an Leib als an der
Seele, worum ich den Herrn bitte, und eurer aller in
meinem Gebete zum Herrn eingedenk bin. Gedenkt
auch an uns arme Gefangene nach dem Fleische in
eurem Gebete, wiewohl wir reich sind im Geiste, wie
ich denn eurer auch eingedenk zu sein hoffe, denn
Jakobus sagt, daß das Gebet der Gläubigen viel ver-
mag, damit wir unsern Streit mit Freuden vollenden
mögen, denn wir haben nicht allein mit Fleisch und
Blut oder mit Isabels Priestern zu streiten, sondern
auch mit den unsichtbaren Geistern, nämlich dem
Feinde, der allezeit das Gute mit Betrug und Lügen
zu verhindern und zu zerstören sucht, wie du denn
vielleicht in Folge der großen Lügen, die der Feind der
Wahrheit ausstreut, hören wirst oder bereits gehört
hast, daß ich den Pfaffen Gehör geben wollte; ja, sie
scheuen sich nicht, hier in diesem Gefängnisse gröb-
lich zu lügen, denn sie sind an einem Tage zweimal
zu R. gekommen und haben ihr gesagt, daß ich den
Pfaffen Gehör geben wollte; ebenso hat sich auch der
große Pfaffe, der Chordiacon, nicht geschämt, bei der
R. abscheulich zu lügen, um sie mit Betrug und Lü-
gen ihrer Seligkeit zu berauben, und zwar durch die
Worte: Euer Knecht will uns Gehör geben und sich be-
kehren; auch hat er sich noch anderer Worte bedient,
womit der Satan umzugehen weiß, der von Anfang
her ein Lügner gewesen ist, so daß sie sowohl von
den Pfaffen als auch ihrem Bruder heftig angefoch-
ten wird. Was die R. betrifft, so wenden ihre Freunde
sehr viele Mühe an, ihre Freiheit zu bewirken, aber
auf welche Weise, das weiß ich nicht. Ich habe sie er-
768
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
mahnt, sich vorzusehen, was ich nicht ausführlicher
hier erzählen will. Sie hat mir geantwortet, ihr Gemüt
sei unverändert und begehre, sich der Wahrheit nicht
zu schämen.
Was R. betrifft, so weiß ich noch nichts weiter als
Gutes von ihr, und daß das Gemüt noch gut sei, dem
Herrn sei gedankt, denn sie verlangt mit mir nach
dem Tage, wo wir von diesem Fleische erlöst werden,
und unser Opfer tun mögen. Gestern Abend rede-
te ich mit R. um elf Uhr, welches der Pfingstabend
war; sie war etwas betrübt, weil sie zu den Pfaffen
gesagt hatte, sie wollte dem gehorchen, was mit Got-
tes Wort übereinkommt, denn sie dachte, die Pfaffen
würden daraus Veranlassung nehmen, ihr nachzusa-
gen, daß sie den Pfaffen Gehör geben wollte; ich habe
sie hierin getröstet und zu ihr gesagt, daß ich dassel-
be sagen dürfte, es sei kein Arges darin, denn ihre
grausame Abgötterei wäre ja gegen das Wort Gottes,
und könne damit in Ewigkeit nicht Übereinkommen,
weil ja ein großer Unterschied zwischen der Finster-
nis und dem Lichte wäre. Was mich betrifft, so danke
ich dem guten Gott, der mich unwürdigen Menschen
mit den Augen der Barmherzigkeit ansieht, und mir
durch seinen Heiligen Geist Stärke verleiht, sein Wort
und seine Wahrheit vor diesem ehebrecherischen Ge-
schlechte zu bekennen, ja der mich armen elenden
Menschen so würdig achtet, daß ich Ihm meinen Leib
zum Preise seines heiligen Namens aufopfem darf.
Ach, meine Mutter! danke mit mir dem guten Gott,
der mich unwürdigen Menschen mit den Augen sei-
ner Barmherzigkeit ansieht, durch seinen Sohn Jesum
Christum, der mir unwürdiger Creatur so viele Wohl-
taten beweist; wie sollte ich ihn für die unaussprechli-
che Gnade und Barmherzigkeit, die Er mir in dieser
Löwengrube bewiesen hat, genug loben und preisen
können. Danke mm dem Herrn mit mir für seine Güte,
die Er uns durch seinen Sohn Christum Jesum bewei-
set; dafür sei Er gepriesen, von nun an bis in Ewigkeit,
Amen.
Jetzt werde ich dir in aller Kürze erzählen, was
sich zugetragen hat, als ich von den Pfaffen verhört
worden bin.
Als ich das erste Mal mit den Pfaffen redete, was,
so viel mir erinnerlich, acht Tage vor Pfingsten gesch-
ah, sind der Chordiacon, der große, dicke Pfaffe, und
noch ein anderer Pfaffe, den wir den Ketzermeister
zu nennen pflegen, zu mir gekommen (mein Meister
kennt ihn wohl), derselbe schrie und tobte am meisten;
wir haben lange mit einander geredet, und ich habe
ihre Abgötterei bestraft, so viel der Herr mir durch
seinen Heiligen Geist eingab. Da fing dieser Pfaffe an
von dem Nachtmahle zu reden, und fragte mich, ob
dasselbe nicht der wahre Leib, den Christus seinen
Jüngern gab, und sein Blut wäre; ich verneinte diese
Frage. Da fing der Pfaffe an zu schreien und toben,
lästerte sehr und sagte, daß es besser gewesen wäre,
ich hätte mich mit meiner Zuckerbäckerei, oder mit
dem Krautverkaufen abgegeben, als mit der Schrift.
Ich sagte: Ich darf mich wohl bemühen, die Schrift
zu lesen, denn Christus sagte: Forschet in der Schrift,
denn sie ist es, die von mir zeugt. Darauf sagte der
Chordiacon: Höre die, welche ihr lebenlang in der
Schrift studirt haben; ja, entgegnete ich, sie studiren
alle verkehrt; ich frage dich, sagte ich, wo hat Paulus
studiert, oder wo ist er auf der Schule gewesen? bewei-
se mir das mit der Schrift; hat er wohl? ich sage, nein;
ging er nicht zu Ananias, sagte, der Chordiacon. Ja,
antwortete ich, aber er studirte nicht dort; da lästerte
er abermals, und sie sagten, der Teufel hätte mich bei
der Gurgel. Während wir so redeten, kam ein anderer
Pfaffe, ein Jesuit, dazu; da saßen sie nun zu Dreien.
Darauf fing der Pfaffe abermals an, vom Nachtmahle
zu reden; ich fragte ihn: Als Christus seinen Jüngern
das Brot gab und sagte: Nehmet, esset, das ist mein
Leib, tut das zu meinem Gedächtnisse, blieb denn
Christus noch dort sitzen? er bejahte diese Frage; ich
entgegnete ihm: Dann ist es nicht so (wie du sagst) zu
verstehen, und setze hinzu, daß er die Schrift nicht
verstände; auch sagte ich: Ein fleischlicher Mensch
kann nicht verstehen, was geistig ist, denn es ist ihm
eine Torheit, sagt Paulus. Da rief er: Was weißt du auf
mich zu sagen, bin ich ein Trunkenbold? Antwort: Dei-
ne Abgöttereien geben Zeugnis, was du seiest; ebenso
offenbart auch die heilige Schrift deine abscheuliche
Abgötterei, die ein Gräuel vor den Augen Gottes ist;
ja, ich bin betrübt, daß ihr so irret. Sie riefen: Du irrest.
Der Jesuit rief jedes Mal, der Teufel habe mich bei der
Gurgel, und ich wäre ein hoffärtiger Narr, und was
dergleichen Worte mehr waren; ich sagte: Ich freue
mich, daß ich um Christi willen so verachtet werde.
Sie schrieen so laut, daß man kaum einreden konn-
te. Der Chordiacon sagte zu dem andern: Herr, Herr,
laß ihn gehen, wir werden an ihm keine Tugend be-
weisen; aber dieser Pfaffe fing abermals an, von dem
Nachtmahle zu reden. Ich sagte: Ihr müßt das geistig
verstehen, und bewies es ihm mit einigen Sprüchen,
als Joh 1. Sieh, das ist Gottes Lamm; ferner mit Joh 15,
ich bin ein rechter Weinstock.
Sollte ich alles erzählen, ich würde mein Papier
damit anfüllen, wenn ich auch noch viel mehr davon
hatte; hiernächst redeten wir von der Taufe; er fragte
mich, warum man die Kinder nicht taufen sollte? weil
es weder Christus befohlen, noch die Apostel gelehrt
haben, erwiderte ich.
Da führte er einige Sprüche an, die einen ganz ent-
gegengesetzten Sinn hatten, Joh 23, und mehrere an-
769
dere; ich bewies ihm, daß Christus an jener Stelle von
der Wassertaufe nichts gelehrt hätte und erzählte ihm,
daß er sie, Mt 28; Mark 16, gelehrt hätte, sprach mich
auch darüber aus, was die Taufe bedeutete, wem sie
zukomme, und daß es abscheulich zu hören sei, daß
sie die Kinder durch die Taufe selig machen wollten,
wodurch sie Christo die Ehre nehmen. Als wir nun
lange geredet hatten, rief der Chordiacon dem Pfaffen
zu: Höre, höre, Herr! Audi, audi. Domine: Laß ihn ge-
hen wir verlieren durch ihn unsere Zeit und er bleibt
doch halsstarrig. Ich sagte: Ich bin betrübt daß ihr der
Wahrheit nicht gehorchen wollt; es ist alles umsonst;
es heißt nur die Perlen vor die Säue geworfen.
Da wurde der Chordiacon sehr zornig, weshalb ich
mich bald von ihnen losmachte, denn es wurde spät;
doch ich muß es kurz machen, denn es mangelt mir
an Papier. Nachher, auf Pfingstabend, redete ich mit
einem andern Pfaffen allein; aber als ich ihm sagte, er
sollte mir beweisen, daß Christus und seine Apostel
mit dem Abgotte, mit Fackeln, Laternen und Schellen
über die Straßen gegangen seien, wie sie täten, lief
er davon. Er wollte nicht lange mit mir reden; wir
redeten etwas von dem Nachtmahle und der Taufe;
aber nicht lange, denn der Pfaffe ist davongelaufen,
und ich gab ihm einige Ermahnungen, aber ich muß
es kurz machen. Wenn du etwa sagen hörst, daß ich
den Pfaffen Gehör geben wollte, so glaube es nicht,
sondern sei brünstig im Gebete, denn es wird am En-
de schon offenbar werden. Mutter, ich bitte dich, du
wollest beiliegenden Brief, den ich an meinen Bruder
S. in England geschrieben habe, überschicken; wenn
etwas darin enthalten ist, das sich nicht geziemt, so
streiche es aus; ich bitte dich, schreibe ihm meinen
Glauben, ich hätte ihn selbst geschrieben, aber weil
es an Papier mangelt, kann ich es nicht tun, damit
er wissen möge, warum ich meinen Leib dem Feu-
er übergebe, denn ich denke, es werden wohl viele
anders schreiben, als die Wahrheit ist. Darum, liebe
Mutter, ist es nun Zeit aufzuhören, weil das Papier
mangelt; ich grüße dich, meine Mutter, mit einem hei-
ligen Kusse des Friedens, wie auch alle meine lieben
Schwestern; grüße mir auch die, wie du wohl weißt,
auch meinen Meister, desgleichen alle Freunde und
endlich G. nebst seiner Schwester K. Der Herr sei mit
dir und uns allen und bewahre dich. So lebe denn
wohl, meine geliebteste Mutter, der Herr sei mit dir,
denn ich glaube, daß du mein Angesicht in diesem
Leben nicht mehr sehen wirst; auch weiß ich nicht, ob
ich mehr Gelegenheit haben werde, zu schreiben. So
sei denn der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs mit
euch allen, Amen.
Von mir, deinem Sohne Hans Bret, gefangen um des
Zeugnisses Jesu Christi willen.
Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben und
gesandt an seinen Bruder David, der außer dem
Lande wohnte, und noch nicht zur Erkenntnis der
Wahrheit gekommen war.
Gnade und Frieden von Gott, unserm himmlischen
Vater, durch seinen einigen Sohn Jesum Christum, un-
sern Heiland und Seligmacher, wie auch den Trost
und die Kraft des Heiligen Geistes, die uns zu ei-
nem rechtschaffenen Glauben und zu wahrer himmli-
scher Weisheit befördert, die rechte Wiedergeburt, die
Furcht Gottes wünsche ich dir, meinem werten und
herzgründlich geliebten Bruder, zu deiner Seele Heil,
Amen.
Mein lieber Bruder! Die Veranlassung meines
Schreibens ist, dich wegen meiner Gefangenschaft
zu benachrichtigen, damit du nicht denken mögest,
daß es wegen irgend einer Uebeltat, wegen Unglau-
bens oder Ketzerei geschehen sei, wie etwa viele böse
Zungen vorgeben und nachsagen mögen, um dich
dadurch zu betrüben und dein Herz zu verhärten, da-
mit du die rechte Wahrheit nicht glauben, sondern in
deinem Glauben bleiben mögest; denn der Satan geht
allezeit um die Menschen herum, wie Petrus sagt, wie
ein brüllender Löwe, und sucht, wessen Seele er ver-
schlingen und von dem Guten abziehen möge; denn
er ist ein Feind alles Guten und sucht demselben zu
widerstehen.
Aber, lieber Bruder, gieb solchen kein Gehör, denn
solches bläst ihnen der Satan ein, sondern gehorche
dem Worte Gottes und der rechten Wahrheit, wie Ja-
kobus sagt, und lasse das in deine Seele gepflanzt sein,
damit dadurch deine Seele selig werde, wodurch du
ewig leben magst.
Darum, mein Werter, wache doch einmal auf aus
dem Schlafe der Sünden, dann wird dich Christus
erleuchten, denn es ist lange genug in Sünden und
Ungerechtigkeit gewandelt; es ist einmal Zeit die Sün-
de zu fliehen und die Ungerechtigkeit zu meiden, da-
mit du nicht mit allen Gottlosen gestraft werdest, die
nicht nach dem Willen Gottes gelebt, noch der Wahr-
heit gehorcht haben, sondern in ihren eigenen Lüsten
gewandelt sind; sie folgen den Lüsten ihres Fleisches
und leben, wie Paulus, Gal 5, sagt, in Hoffart, Geiz,
Saufen, Ehebruch, Zank, Haß, Zwietracht und derglei-
chen Werken mehr.
Ach, lieber Bruder! laß alle dergleichen Werke bei
dir nicht gefunden werden, denn solche, sagt Paulus,
werden das Reich Gottes nicht ererben, indem solches
fleischliche Leben ein Gräuel vor den Augen Gottes ist.
So sagt auch Paulus an die Römer, Kap 8, daß solche
fleischliche Gesinntheit eine Feindschaft wider Gott
sei, und Gott nicht gefallen möge; denn der Sünden
770
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Sold ist der ewige Tod, aber die Gabe Gottes ist das
ewige Leben.
Mein Geliebter, fliehe solche Werke, und bekehre
dich zu dem Herrn, dann wirst du leben. Denke doch
an die Lehre, welche Tobias seinem Sohne gab, indem
er sagt: Mein Sohn, laß Hoffart nicht in deinem Herzen
wohnen, noch herrschen. Auch Sirach sagt: Hoffart
ist verhaßt bei Gott, und Hoffart ist der Anfang aller
Sünden, und wer damit umgeht, wird umkommen
mit viel Fluch. Darum meide alle Hoffart und alle
Sünden, begieb dich dem Herrn zum Dienste, und
sage allen Lüsten des Fleisches ab.
Suche den Herrn, sagt der Prophet Jesaias, Kap. 55,
weil Er zu finden ist; rufe Ihn an, weil Er so nahe
ist; der Gottlose lasse ab von seinen Wegen, und der
Ungerechte von seinen Gedanken und bekehre sich
zu dem Herrn, dann wird Er ihm gnädig sein.
Mein lieber Bruder, bekehre dich doch zu dem
Herrn, weil du Zeit hast, und warte nicht mit der
Besserung deines Lebens bis an den Tod, wie viele
Menschen tun, indem sie sagen: Wenn sie nur eine
Stunde Reue trügen, so sei es ihnen genug. Ach, ma-
che solchen Aufschub nicht, und folge nicht solchem
Rate, sondern folge Sirachs Rate, welcher sagt: Bes-
sere dich, während du noch sündigen kannst; und
abermals in dem fünften Kapitel: Zaudere nicht, dich
zu dem Herrn zu bekehren, und schiebe es nicht von
einem Tage zum andern auf, denn sein Zorn kommt
plötzlich; darum kann man keine Zeit setzen, denn
wir sind nicht eine Stunde versichert, und Niemand
weiß, wie lange er leben wird.
Darum denke doch an die Worte Christi, wo Er
sagt, daß Er kommen werde, wie ein Dieb in der
Nacht; wenn nun der Hausvater wüßte, in welcher
Stunde der Dieb kommen würde, er würde wachen
und sein Haus nicht durchgraben lassen. Wir haben
weder Stunde noch Zeit, darum wache allezeit mit
den klugen Jungfrauen, die nicht schlafend gefunden
wurden, als der Bräutigam kam. Willst du nun mit
dem Bräutigam zur Hochzeit eingehen, wie die klu-
gen Jungfrauen taten, so tue alles von dir (wie der
Prophet Jesaias, Kap. 1, sagt), was böse ist, dann wird
der Herr dein Gott sein, und du wirst sein Sohn sein.
Mein geliebtester Bruder, liebe doch das Gute, dann
wird es dir wohl gehen; fürchte doch den Herrn von
ganzem Herzen, dann wird deine Seele im Guten woh-
nen und dein Same wird das Land besitzen; denn der
Prophet David sagt: Die Augen des Herrn sehen auf
die, die Ihn fürchten und auf seine Güte warten, und
Er wird ihre Seelen vom Tode erlösen, denn die Furcht
Gottes ist der Weisheit Anfang.
Darum habe Gott allezeit vor Augen in deinem Tun,
dann wird es dir glücken; habe allezeit das Gute lieb.
und hasse das Arge, damit der Herr bei dir sein möge,
wie du dich rühmst, sagt der Prophet Arnos im fünf-
ten Kapitel. Folge doch dem Rate Paulus, Rom 12,21,
wenn er sagt: Ueberwinde das Böse mit dem Guten.
Ach, dann wird es dir wohl gehen, und du wirst in
deiner Seele Ruhe finden. Laß den wahren Glauben in
dir einmal lebendig erfunden werden, welcher durch
die Liebe wirkt, welcher schon so lange in dir nicht
viel Früchte hervorgebracht hat. Darum ist es nun
Zeit, einmal aufzuwachen und Christum zu suchen,
durch welchen du leben und zur rechten Türe in den
Schafstall eingehen wirst.
So gehorche dann der Stimme Christi, welche sagt:
Willst du zum ewigen Leben eingehen, so halte die Ge-
bote. Merke doch wohl darauf, daß es des Herrn Wille
sei, daß man sein Wort und seine Wahrheit beleben
soll, und daß man es nicht wie viele Menschen ma-
chen soll, die zwar Gottes Wort im Munde haben und
hören, aber nicht darnach leben, und es zu einem Oh-
re eingehen und es zum andern wieder hinausgehen
lassen; die recht gut wissen, daß man die Sünde und
Ungerechtigkeit scheuen und meiden müsse, aber sie
haben es kaum gehört, so gehen sie in der Sünde fort,
in Saufen, in Ehebruch, in Tauschen und Spielen; ja
sollten sie einmal das Testament oder die Bibel in die
Hand nehmen, um zu lesen und ihre Zeit in der Gott-
seligkeit zuzubringen, das wäre ihnen viel zu viel;
sondern sie folgen ihren eigenen Lüsten, nämlich den
Lüsten ihres Vaters, des Teufels, denn der hat einen
Wohlgefallen an dergleichen Werken, indem Johan-
nes sagt: Wer Sünde tut, der ist vom Teufel, denn der
Teufel hat gesündigt von Anfang her. Darum, lieber
Bruder, habe keine Gemeinschaft mit solchen Men-
schen, sondern suche solche, die den Herrn fürchten,
und nach seinem Worte leben und dasselbe bewahren,
denn Christus sagt: Selig sind die, die Gottes Wort
hören und bewahren. So kannst du denn merken, daß
die selig seien, die Gottes Wort bewahren und sich
darnach richten; denn Christus sagt, Matth. 7, daß Er
zu allen, die sein Wort nicht gehalten noch darnach
gelebt haben, sagen werde: Gehet von mir, ihr Uebel-
täter, ich kenne euch nicht. Ach, Bruder! siehe wohl
zu, daß du solche Stimme nicht hören mögest, son-
dern daß du die freudige Stimme mit allen Frommen
Gottes hören mögest, die nach des Herrn Wort gelebt
haben: Kommt her, ihr Gesegneten, ererbet das Reich
meines Vaters, das euch von Anfang der Welt berei-
tet ist. Welche Freude wird es für die Frommen sein,
die in der Furcht Gottes gewandelt sind, so etwas zu
hören!
Mein Bruder, gehorche dem Worte des Herrn, damit
wir dort Zusammenkommen mögen und die freudige
Stimme hören, wie ich denn den Herrn darum bitte.
771
daß Er es uns verleihen wolle durch seinen einigen
Sohn Jesum Christum, Amen.
Bruder, ich muß aufhören, denn es mangelt mir
an Papier; darum halte mir dieses geringe Schreiben
zu gut, denn ich habe es aus Liebe geschrieben, und
überlege es wohl; es ist nicht mein Wort, sondern des
Herrn Wort, denn sein Mund hat es geredet, Amen.
Die Ursache meiner Gefangenschaft werde ich dir,
lieber Bruder, erklären, damit du dich nicht betrüben,
sondern dich erfreuen und dem Herrn dafür danken
mögest. Ich danke dem Herrn, daß Er mir die dun-
keln Augen geöffnet und mich mit den Augen seiner
Barmherzigkeit angesehen hat, als ich mit Sünden be-
deckt war, und sonst nichts erwartete als den ewigen
Tod und die ewige Verdammnis, ja ich war ohne Gott
in der Welt, und lebte in unzähligen Sünden, die vor
Gottes Augen ein Gräuel waren, so daß, wenn Gott
mit mir ins Gericht ginge, ich vor seinen Augen nicht
bestehen könnte, sondern wegen meiner unzähligen
Sünden wie Staub vor dem Winde vergehen müßte.
Der Herr aber hat durch seine unaussprechliche Liebe
mir armen Menschen sein Wort aus Gnaden durch
seine Diener verkündigen lassen, von seinem Sohne
Christo Jesu, daß der, welcher an Ihn glaubt, das ewi-
ge Leben haben sollte. Da hörte ich, daß kein anderes
Mittel wäre, die Seligkeit zu erlangen, als durch sei-
nen Sohn Christum Jesum, der für unsere Sünden den
Tod erlitten und sein Blut vergossen hat, damit Er
unsere Ungerechtigkeit abwaschen möge, wie Johan-
nes sagt, daß uns das Blut Christi von allen unsern
Sünden säubere und reinige. Und als ich die Worte
Christi hörte: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig
und beladen seid, ich will euch erquicken, so habe
ich armer Mensch, mit Sünden und unzähligen Bos-
heiten beladen, mich vor Christo beklagt und meine
Sünden beweint; da hat Er mir sie durch sein ausge-
gossenes Blut vergeben und erlassen, als ich sie vor
Ihm bekannte.
Darum habe ich, lieber Bruder, von Tag zu Tag nach
meinem Vermögen, die Sünde abgelegt, und habe den
engen Weg, zu betreten und zu bewandeln gesucht,
habe mich auch von der bösen, verkehrten Welt abge-
sondert und Christo zu gefallen gesucht, jedoch nicht
so, wie ich wohl wollte, denn ich fühle allezeit den
Geist wider das Fleisch streiten, wie Paulus sagt Gal. 5
und Hiob sagt, daß des Menschen Leben auf Erden
nichts anders sei, als ein beständiger Streit. Darum,
lieber Bruder, habe ich dem Herrn und nicht der Welt
zu gefallen gesucht; solches hat der Feind nicht län-
ger ertragen können, denn er haßt alles Gute, und
kann das Gute nicht länger leiden, sondern sucht es
zu dämpfen, welcher auch seine Macht an mir bewie-
sen hat, und sie noch zu beweisen sucht, wiewohl er
nicht mehr hat tun können, als ihm der Herr zuläßt,
ja wenn er alles getan hat, so kann er nur den Leib
töten, aber an der Seele hat er keine Macht, denn der
Herr giebt uns Stärke durch seinen Heiligen Geist,
allem solchem zu widerstehen. Darum, lieber Bru-
der, ist meine Gefangenschaft nicht wegen einer Ue-
beltat herbeigeführt, sondern nur der Wahrheit und
der Bekenntnis des heiligen Wortes des Herrn willen.
So freue dich denn darüber, daß mich der Herr wür-
dig achtet, um seines Namens willen zu leiden, und
meinen Leib zum Preise seines heiligen Namens auf-
zuopfern. Bedenke, daß es allen Frommen Gottes so
ergangen sei, von Anfang der Welt her bis auf diesen
Tag. Darum, mein Bruder, sei doch mit dem Werke
des Herrn zufrieden, denn ebenso ist es Christo, un-
serm Herzoge, ergangen. Haben sie aber dem Herrn
so getan, wie will es dann mit seinen Nachfolgern ge-
hen? denn Christus sagt: Der Knecht ist nicht mehr als
der Herr; noch der Bote mehr, als der, der ihn gesandt
hat. Darum hoffe ich nun durch die Gnade des Herrn,
daß Er durch seinen Heiligen Geist mir Stärke geben
werde, sein Wort und seine Wahrheit zu bekennen, so
lange ein Atem in mir ist, wie ich denn auch bis auf
diese Stunde getan habe, so daß ich nun nichts anders
erwarte, als mein Urteil, nämlich an einen Pfahl auf
dem Markt gestellt und dort verbrannt zu werden.
Hiermit tröste dich, und danke dem Herrn dafür, daß
Er mich würdig erkannt hat, um seines Namens wil-
len zu leiden. So habe ich denn nun in der Kürze die
Veranlassung zu meiner Gefangenschaft beschrieben,
damit du dich desto besser damit trösten, und nicht
einem jeden Lästermaule Gehör geben oder glauben
mögest, wie ich denn hoffe, daß dir die Mutter schrei-
ben werde. Ist es anders möglich, und ich kann Papier
erlangen, so hoffe ich meinen Glauben aufzuschrei-
ben, und sollte ich es nicht tun, so hoffe ich, daß die
Mutter dir schreiben werde, damit du dich nicht be-
trüben mögest, als ob ich im Unglauben gestorben
wäre, wie der Satan solches wohl vorgeben dürfte,
und wie dir auch vielleicht geschrieben worden ist;
aber ich bitte dich, gieb ihm kein Gehör, glaube es
auch nicht, denn es ist die rechte Wahrheit und der
rechte Glaube au Christum Jesum wofür ich leide,
indem es Christus mit seinen Aposteln gelehrt hat;
hierüber sagt auch Paulus: Wenn auch ein Engel vom
Himmel käme, der euch anders lehrte, als ich gelehrt
habe, der sei verflucht. Nun denn, lieber Bruder, ich
sollte dir wohl mehr schreiben, aber ich habe nun
kein Papier mehr; gehabe dich wohl; der Herr sei mit
dir, ich grüße dich, lieber Bruder, mit einem heiligen
Kusse, denn ich glaube, daß du mein Angesicht nicht
mehr sehen werdest.
Von mir, deinem Bruder, Hans Bret, der um des
772
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Zeugnisses Gottes, um des Herrn heiligen Wortes und
der Wahrheit willen, gefangen sitzt.
Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben an
seine geliebte Mutter, den 19. Juli 1576.
Die unaussprechliche Gnade, Frieden und Barmher-
zigkeit Gottes, unseres himmlischen Vaters, der ein
Vater voller Gnade und Wahrheit ist, durch das bittere
Leiden und Sterben unseres einigen Heilandes und
Seligmachers Christi Jesu, der uns von allen unsern
Sünden und Ungerechtigkeiten abgewaschen und ge-
reinigt hat, wie auch die Kraft des Heiligen Geistes,
zur Vermehrung deines Glaubens und um allen Fein-
den der Wahrheit zu widerstehen, wünsche ich dir,
meine liebe herzgründliche Mutter, zum Heile deiner
Seele, Amen.
Meine geliebteste Mutter, die ich von Herzen lie-
be, meine auserwählte Mutter, die mich mit Pein und
Schmerzen geboren hat, von welcher ich hergekom-
men bin, ich, dein Sohn, der ich gegenwärtig um des
Wortes der Wahrheit willen zu Antwerpen auf dem
Steine gefangen und geschlossen bin, empfehle mich
dir aus dem Grunde meines Herzens und danke dir,
meine liebe Mutter, für die große Wohltat, die du an
mir, von meiner Geburt an, bis auf diese Stunde bewie-
sen und daß du für meinen Unterhalt Sorge getragen
hast und noch Sorge für mich trägst; insbesondere
danke ich dir, meine geliebteste Mutter, daß du für
meiner Seele Seligkeit Sorge trägst, wie ich aus dem
tröstlichen Briefe ersehe, den du an mich geschrieben
hast.
Ach, als ich den Brief zu lesen anfing und bemerkte,
daß er von dir war, meine Mutter, da überfielen mich
die Tränen, so daß ich, um der vielen Tränen willen,
die aus meinen Augen flössen, den Brief kaum lesen
konnte, denn ich meinte, ich würde von dir keine
Nachricht mehr erhalten; ich war durch deine tröst-
liche Unterweisung sehr erfreut, und weil du dem
Exempel Tobias nachgefolgt bist, der seinem Sohne
auch eine Unterweisung gab.
Ach, ich danke, ja ich danke dir, meine liebe Mut-
ter, daß du mich so zur Standhaftigkeit und Freimü-
tigkeit, den Namen Christi zu bekennen, ermahnst,
was ich mit des Herrn Hülfe zu tun hoffe, der allein
mein Helfer und meine Stärke ist, um den Gewaltigen
und Fürsten dieser Welt, den Geistern der Luft, wie
Paulus sagt, ja diesen Isabelspriestern zu widerste-
hen, die nach dem Blute der Frommen dürsten, die in
den Wegen des Herrn wandeln, die nach Gottes Wort
den engen Weg zu betreten und ihr eigenes Leben zu
verlassen suchen, wie auch die Sünde, die Ungerech-
tigkeiten und die fleischlichen Lüste, und die dem
Herrn, nach dem Willen Gottes, in Gerechtigkeit und
in Heiligkeit, zu gefallen suchen.
Diese werden verschmäht, verachtet und verfolgt,
ja gefangen, ihr Loos ist, getötet zu werden, weil sie
auf solche Weise auf dem Wege zu wandeln suchen,
daß sie dem Herrn gefallen mögen; darum sagt auch
Esdras: Der Weg ist eng, und kann ohne Gefahr nicht
bewandelt werden. Dieses sollen wir wohl überlegen.
Sieh, es waren zwei Brüder in der Welt, nämlich
Kain und Abel; Abel suchte den engen Weg zu bewan-
deln und dem Herrn mit seinem Opfer zu gefallen,
was der Herr ansah und Ihm wohlgefiel, weil er, samt
seinem Opfer, gut war. Kain opferte dem Herrn, aber
sein Opfer gefiel dem Herrn nicht (weil er böse war);
darum sah der Herr sein Opfer nicht an; da ward Kain
zornig über seinen Bruder Abel, und tötete ihn.
Denke an Lot in Sodom, wie sie sein Haus durch ih-
re Bosheit überfielen, und mit den Engeln, die in sein
Haus eingegangen, Buhlerei treiben wollten; ebenso
musste Abraham sein Vaterland verlassen und in ei-
nem fremden Land wohnen, in welchem er ein Fremd-
ling war, und in Hütten wohnen musste. Betrachte
auch Isaak, der auf den Wegen seines Vaters Abra-
hams wandelte und dem Herrn diente; er ward von
den Philistern gehasst, denn sie verstopften den Brun-
nen, den sein Vater Abraham gegraben hatte; ja, sogar
das genügte ihnen nicht, sondern der König Abime-
lech befahl, daß er seine Wohnung verlassen müsste.
Jakob wurde von seinem Bruder Esau gehasst und
verfolgt, welcher ihn zu töten suchte.
Joseph ward von seinen Brüdern in die Grube ge-
worfen, und den Ismaeliten verkauft, welcher auch
lieber der Frau des Hofmeisters entfliehen und seinen
Mantel zurücklassen, als ihre Begierde befriedigen
wollte.
Also auch, liebe Mutter, will ich lieber mein Leben
lassen, als nach ihrem Befehl handeln. Die Kinder Is-
rael haben auch viel Leiden gehabt; sollte ich alles
erzählen, was noch an allen Propheten Gottes gesche-
hen ist, so möchte das Papier nicht ausreichen. Solche
und dergleichen Exempel, nämlich von Christo, dem
Herzog des Glaubens, wie Er in diesem Leben verfolgt
worden ist, stärken mich; ja. Er war kaum geboren,
so musste seine Mutter Maria mit Ihm flüchten; Sie
hat Ihn in der Armut auferzogen, ja. Er selbst war
arm, denn Er spricht: Die Vögel des Himmels haben
Nester, und die Füchse Höhlen, aber des Menschen
Sohn hat nicht, wohin er sein Haupt lege. Sieh, wie
es weiter mit Ihm ergangen, sie haben Ihn gekreuzigt,
seine Füße und Hände durchbohrt; man tränkte Ihn
mit Essig und Galle und durchstach Ihm seine Seite
mit einem Speer, woraus Blut und Wasser geflossen
ist.
773
Merke darauf, so ist es unserem Hauptmann Chri-
sto Jesu ergangen, auf solche Weise hat Er seine Ta-
ge in Armut und Schmach geendigt; Er ist gegeißelt,
geschlagen, verspottet, mit einer Dornenkrone auf
seinem Haupt gekrönt worden. Ach, ich kann sein
Leiden nicht genug erzählen, was Er um uns arme
Menschen ertragen hat, um uns selig zu machen! Die-
se Pharisäer aber schämen sich nicht. Ihm seine Ehre
zu nehmen, und sagen, daß wir durch die Taufe selig
werden, denn der Herr Christus heiligt und reinigt
von den Sünden. Ach, wie bin ich betrübt, wenn ich
das höre! der Herr vergebe es ihnen, ja, wäre Christus
selbst da, sie würden Ihn auch noch töten.
So haben wir denn ein Exempel an unserem Haupt-
mann Christus, ja, an seinen lieben Aposteln; Paulus
hat auch vieles um des Namens Christi willen erlitten;
bedenke, wie viele ihrer noch nach Christi und der
Apostel Zeiten bis auf diesen heutigen Tag gelitten
haben.
Weil denn nun, meine geliebte Mutter, so viele ge-
litten haben, und wir, wie Paulus sagt, einen Haufen
von Zeugen um uns haben, so sage ich mit Paulus: Ich
freue mich in meinem Leiden, daß ich um Christi wil-
len leide. Darüber freue dich denn auch, daß Christus
mich, deinen Sohn, den du geboren hast, einen armen,
unwürdigen Menschen, würdig achtet, um seines hei-
ligen Namens willen zu leiden; deshalb verlangt mich,
von diesem Fleisch erlöst und bei Christo zu sein, an
den ich jetzt glaube, wiewohl ich Ihn nicht sehe; aber
dann werde ich Ihn anschauen und die Freude genie-
ßen, die in keines Menschen Herz gekommen ist und
keine Zunge aussprechen kann, die große Freude, die
den Frommen bereitet ist; sie werden mit weißer Seide
angetan werden, sie werden mit der Krone des ewigen
Lebens gekrönt werden, sie werden auf dem Berge
Zion sitzen und das neue Lied singen, sodass ich mit
David sagen kann: Ein Tag bei dem Herrn ist besser,
als hier tausend Tage in Freuden und Ergötzlichkeit.
Ach, liebe Mutter, wer wollte hier wohl noch gerne
sein, da doch solche Freude für die Frommen bereitet
ist, die ewig währen soll! Da wird uns weder hungern
noch dürsten, da werden wir weder Hitze noch Kälte
fühlen, sodass ich mit Paulus sagen kann: Ich halte
dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht
wert sei, die an uns offenbart werden soll.
Nim denn, geliebte Mutter, wenn ich dieses betrach-
te, so darf es mich nicht befremden, daß ich um des
Namens Christi, um seines Wortes und seiner Wahr-
heit willen leide, weil alle Frommen Gottes von An-
fang der Welt her gelitten haben. Darum sagt Petrus:
Lasst es euch nicht fremd dünken, als ob euch etwas
Neues geschehe, wenn ihr durchs Feuer geprüft wer-
det, nämlich: Durch Trübsal, Leiden und Verfolgung,
denn der Prophet David sagt: Der Gerechte muss viel
leiden, aber der Herr hilft ihm aus aller Not. Paulus
sagt auch recht, wenn er spricht, daß wir durch viel
Leiden und Trübsal ins Reich der Himmel eingehen
müssen.
Erwäge, meine liebe Mutter, welche Vertröstungen
wir haben, damit, wenn es dem Herrn gefiele, unsern
Glauben zu prüfen, wir in der Prüfung nicht betrübt
sein möchten, denn Er sagt: Uns ist es gegeben nicht
allein an Christum zu glauben, sondern auch um sei-
netwillen zu leiden. Paulus, ein guter Sorgeträger für
die Herde Christi, hat es denen nicht verhehlen wol-
len, die nach Christi Wegen wandeln und den engen
Weg betreten wollten, der von Wenigen betreten wird,
daß sie Verfolgung leiden müssten, damit, wenn Lei-
den, Trübsal, Verfolgung oder Schmach kommt, es
uns nicht befremden möge.
Darum sagt auch Christus: In der Welt habt ihr
Angst. Er tröstet auch seine Jünger, daß sie in Trübsal
nicht betrübt sein sollten, und sagt: Seid getrost, ich
habe die Welt überwunden. Er lehrt seine Jünger, daß
sie Trübsal oder Schmach nicht fürchten sollten, denn
wenn sie alles getan haben, nämlich die Mächtigen
dieser Welt, so können sie nur den Leib töten, die Seele
aber können sie nicht beschädigen. Aber Er lehrt uns,
wen wir fürchten sollen, nämlich den, der Macht hat,
Seele und Leib in das ewige Feuer zu werfen, das ewig
brennt, wo Heulen und Zähneklappern sein wird.
Ach, wie betrübt werden alsdann diejenigen sein,
die die Könige und Fürsten dieser Welt mehr gefürch-
tet haben als den Herrn, der ein Herr aller Herren,
ein Gott der Götter und ein König der Könige ist, wie
David sagt, der das Herz der Könige und Fürsten
dieser Welt machen und wie Scherben zertrümmern
kann; warum sollten wir uns denn fürchten? denn der
Herr spricht bei dem Propheten Zacharias: Wer euch
antastet, der tastet meinen Augapfel an.
Betrachte, was Christus sagt: Wer euch verschmäht
oder verachtet, der verachtet mich, und wer mich ver-
achtet, der verachtet den der mich gesandt hat. Auch
sagt Christus: Selig ist, wer um meinetwillen verachtet
wird, denn sein Lohn ist groß in den Himmeln.
So tröste dich denn, meine geliebte Mutter, mit die-
sen und dergleichen Worten Christi und freue dich
mit mir; danke dem Herrn und lobe Ihn, daß du wür-
dig bist um seines Namens willen verfolgt zu werden;
folge dem Rate Paulus, sei geduldig in Trübsal, anhal-
tend im Gebet.
Denke an den Trost Mose, womit er die Kinder Is-
raels tröstete und sagte: Seid getrost und unverzagt;
fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen
grauen, denn der Herr wird selbst mit dir wandeln
und wird die Hand nicht von dir abtun.
774
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Darum, meine Mutter, sind unserer Feinde auch vie-
le und bin ich auch hier mitten in der Feinde Hand, so
will ich doch mit dem Propheten David sagen: Herr,
nun Du bei mir bist und mein Helfer bist, so fürchte
ich mich nicht, wenn auch Tausend um mich wären.
Ferner mit dem Propheten David: Der Herr ist mein
Licht und Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der
Herr ist meines Lebens Kraft, vor dem sollte ich er-
schrecken oder mich fürchten? Und wenn mich auch
der Tod überfiele, so fürchte ich mich nicht, denn der
Herr ist bei mir ewig, daß Er mich stärke; ferner: Er
ist mein Bollwerk; ich fürchte mich nicht und wenn
auch die Erde zusammenstürzte und die Berge mitten
ins Meer fielen.
Darum, meine liebe Mutter, dringe mit mir mit Ge-
walt durch die enge Pforte; das ist, durch Leiden und
Verfolgung, denn Christus sagt: Das Himmelreich lei-
det Gewalt und die Ihm Gewalt antun, reißen es zu
sich; ich hoffe es auch mit Gewalt einzunehmen durch
die Stärke, die mir der Herr verleiht, der Grausam-
keit dieser grausamen Löwen zu widerstehen, die mit
dem Blut der Frommen nicht zufrieden sind, sondern
durch ihre listigen Worte und Schmeicheleien, ja, mit
Lügen (nach dem Rate ihres Vaters, des Teufels, wie
Christus sagt: Denn er ist ein Lügner und Betrüger
von Anfang der Welt) ihre Seelen zu verschlingen und
zu verderben und sie ihres Erbteils, nämlich des ewi-
gen Lebens, zu berauben suchen, welches sie durch
das vergossene Blut Christi, unseres eigenen Heilan-
des und Seligmachers erlangen. Aber dem Herrn sei
ewiges Lob und Dank, daß Er uns bewahrt und be-
freit, daß sie unsere Seelen nicht beschädigen können,
denn wenn sie alles getan haben, was sie können, so
haben sie nicht mehr Macht, als das zeitliche Leben
zu nehmen, welches ich gerne um Christi willen lasse,
denn ich weiß und bezweifle nicht, daß mir der Herr
ein besseres geben werde, welches Er allen Frommen
verheißt, die sich nicht geschämt haben, sein Wort
und seine Wahrheit vor diesem ehebrecherischen Ge-
schlecht zu bekennen. Darum sagt Christus: Wer sein
Leben um meinetwillen verliert, der wird es wieder
finden, nicht ein vergängliches Leben, sondern, das
ewig währen wird; ein unvergängliches Leben, ein
Leben, das in ewigen Freuden bestehen wird. Dar-
um, meine liebe Mutter, verlangt meine Seele nach
solchem Leben; sollte auch Fleisch und Blut an ei-
nem Pfahl bleiben, so achte ich es nicht (ehe ich mich
meines Erbteils, nämlich des ewigen Lebens, um ein
wenig zeitliches Leben berauben lassen sollte). O nein!
das sei fern, denn ich achte nicht das Sichtbare, son-
dern das Unsichtbare, das ewig Unvergängliche. Ach,
meine auserwählte Mutter, denke nicht, daß etwas
sei, das mir meine Seligkeit rauben werde, denn Pau-
lus sagt: Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes?
Weder Hölle, Teufel noch Tod, Christus hat alles über-
wunden, sodass ich sagen kann: O Hölle! wo ist dein
Sieg? O Tod! Wo ist dein Stachel? Christus hat den
Tod überwunden, Christus hat dem Satan den Kopf
zertreten, sodass er nur in die Fersen beißen kann,
welches er denn auch tut; aber es ist nichts. Wer will,
sagt Paulus, die Auserwählten Gottes beschuldigen?
Gott ist hier, der gerecht macht, wer will verdammen;
Christus ist hier, der gestorben ist.
So sei denn, meine liebe Mutter, mit mir und allen
Frommen Gottes (wie Paulus sagt) mit dem Harnisch
Gottes an deinem Leib gewappnet, und habe den
Helm des Heils auf deinem Haupt und das Schwert
des Geistes in deiner Hand; vor allen Dingen aber
ergreife den Schild des Glaubens, womit du alle feu-
rigen Pfeile des Bösewichts auslöschen kannst, denn
der Prophet sagt: Habe guten Mut; du wirst zuletzt
dem Teufel auf seine Schultern treten.
Darum, meine Mutter, wenn du etwas anders von
mir als die Wahrheit hören solltest (denn der Teufel
ist listig, und geht mit vielen Lügen um, um die From-
men zu betrüben), so gib ihm kein Gehör, wie ich denn
auch das Vertrauen zu dir habe, daß du tun werdest,
denn mein Gemüt ist unverändert, wofür ich dem
lebendigen Gott danke, dem Gott Abrahams, Isaaks
und Jakobs, sein Name sei gelobt von Ewigkeit zu
Ewigkeit durch seinen einigen Sohn Christum Jesum,
unsern Seligmacher, der mich imwürdigen, verach-
teten Menschen, mit seinem Heiligen Geist stärkt, al-
len Feinden der Wahrheit zu widerstehen, die mich
meiner Seligkeit zu berauben suchen, wozu sie doch
keine Macht haben, denn der Herr ist meine Stärke,
wie der Prophet sagt: Er ist mein Psalm, ich werde mit
Freuden Wasser aus dem Brunnen des Seligmachers
schöpfen; auch sagt der Herr durch den Propheten
Jesaja: Ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte
Hand stärkt und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich
helfe dir, spricht der Herr, dein Erlöser. So fürchte dich
denn nicht, du Würmlein Jakob, ihr armer Haufen Is-
rael; ich helfe dir, spricht der Herr, vor wem sollten
wir uns denn fürchten, denn der Herr hat es gesagt.
Darum fasse Mut mit mir, meine Mutter, um mit
Josua und Kaleb die großen starken Riesen, die Fürs-
ten dieser Welt zu überwinden, und nicht zu fürchten,
und so das Land der Verheißung, das Reich der Him-
mel, einzunehmen. Vor wem sollte ich mich fürchten,
da wir solche herrlichen Vertröstungen haben, daß
diejenigen, welche sich auf den Herrn verlassen, nicht
zu Schanden werden sollen? denn der Prophet sagt,
daß der Herr den Frommen nicht verlassen werde bis
in den Tod; ja, der Herr spricht durch den Prophe-
ten Jesaja: Mag auch ein Weib ihres Kindes vergessen.
775
daß sie sich nicht über die Frucht ihres Leibes erbar-
me, und wenn sie es täte, so will ich doch deiner nicht
vergessen, denn in diese meine Hände habe ich dich
gezeichnet, spricht der Herr. Bedenke ferner, wie der
Herr bei dem Propheten Maleachi redet, wenn er sagt:
Der Herr hat einen Denkzettel, worin Er alle gezeich-
net hat, die Ihn fürchten, und Er wird ihre Seelen vom
Tode erlösen. Wohl dann denen, die den Herrn ge-
fürchtet haben, denn David sagt: Selig ist der Mann,
der den Herrn fürchtet; die sich nicht geschämt haben,
in den Wegen des Herrn zu wandeln, deren Namen
sind im Himmel in das Buch des Lebens geschrieben.
Darum freue dich mit mir, meine Mutter; ich wollte
dir wohl noch etwas schreiben, daß du allezeit in den
Wegen des Herrn wandeln wollest, von denselben
nimmermehr abzuweichen, und viele zur Erkennt-
nis der Wahrheit zu bringen; aber es mangelt mir an
Papier. Ich bitte dich, meine liebe und werte Mutter,
nimm dieses geringe schlichte Schreiben von mir zum
Besten auf, denn ich schreibe dir aus Liebe, und teile
dir von der kleinen Gabe mit, die der Herr durch seine
unaussprechliche Gnade mir unwürdigem Menschen
gegeben hat.
Ferner schreibst du mir in deinem trostreichen Brief,
ob ich an meinem Unterhalt Mangel hätte. Ach nein,
ich habe genug, dem Herrn sei gedankt. Du schreibst
auch in deinem Brief, ich sollte es schreiben, wenn
ich deiner begehrte, du wolltest kommen, und solltest
du es auch mit deinem Blut bezahlen müssen. Ach,
meine liebe Mutter, wie sollte ich das begehren; das
begehre ich nimmermehr, denn du kannst mir nicht
helfen; meine Zuflucht ist allein zu dem Herrn, Er ist
mein Helfer, Er gibt mir Stärke zu siegen und tapfer
in den Streit zu gehen. Darum, meine Mutter, wandle
doch vorsichtig, denn sie sind grausam das unschul-
dige Blut zu vergießen, aber sie können nicht mehr
tun, als ihnen der Herr zulässt. Sollte ich mehr da-
von schreiben, mein Papier würde nicht ausreichen,
denn ich beabsichtige dir noch zu erzählen, daß ich
noch zweimal vor den Pfaffen gewesen bin, nachdem
ich den Brief für dich geschrieben hatte, sodass ich
in allem vier Mal vor ihnen gewesen bin; über die
beiden ersten Male habe ich dir ein wenig geschrie-
ben, und über die beiden letzten Male werde ich dir
jetzt ein wenig schreiben. Das dritte Mal habe ich mit
dem Chordiacon geredet, am meisten aber gegen den
Ketzermeister, denn er will doch Meister sein; er heißt
Pardo; wir redeten viel vom Nachtmahl; es war auch
der neuangestellte Schultheiß dabei, und ein Mann,
der englisch reden konnte. Ich hörte Pardo unterdes-
sen zu, wie er vom Nachtmahl redete, was gegen das
Wort des Herrn war; er fragte mich, ob dem nicht so
wäre, daß Christus den Aposteln seinen eigenen Leib
gegeben hätte und daß sie denselben gegessen hätten.
Ich erwiderte: Er gab seinen Jüngern Brot, und was
sie aßen, war Brot; und er gab seinen Jüngern Wein,
und was sie tranken, war Wein, und nicht verändert,
wie du sagst.
Ich bedeutete es ihnen, wie beides, nämlich das Brot
und der Wein, zu verstehen sei; ich wollte es dir wohl
erzählen, aber es würde mir an Papier mangeln. Da
redeten wir von der Kindertaufe. Ich sagte, er sollte
es mir mit der Schrift beweisen, daß Christus gelehrt
habe, die Kinder zu taufen, und daß die Apostel dem
nachgekommen seien und es getan hätten. Sie sagten:
Christus hat es gesagt und gelehrt, Joh 3: Wer nicht
wiedergeboren ist aus Wasser und Geist, der kann
nicht ins Reich Gottes kommen. Ich sagte: Christus
redete an dieser Stelle nicht von der Wassertaufe, son-
dern er lehrt von der Taufe, Mt 28 und Mk 16, und ich
erzählte ihnen den Text.
Darauf sagte der Mann: Ein Narr kann nicht glau-
ben, darum kann man ihn auch nicht taufen, deshalb
ist er verdammt.
Ich sagte: Christus sagt nicht, geht hin und lehrt
Narren; ich fragte dich, fuhr ich fort, kann man auch
einen Narren lehren? Er antwortete mit Nein und frag-
te mich, ob der Narr verdammt wäre. Ich erwiderte:
Ich darf niemanden richten, ich überlasse den Narren
des Herrn Händen. Um es aber kurz zu machen, so
fragte mich der Mann, ob ich wohl in England gewe-
sen wäre. Ich bejahte die Frage. Was waren da, fragte
er, für Menschen, die getötet wurden? Ich äußerte, sie
seien von des Menno Volk gewesen. Er sagte, nein,
und setzte hinzu, daß es Puritaner gewesen seien. Ich
erwiderte: Nein. Er sagte, ich wäre auch von demsel-
ben Volk, ich wäre auch ein Puritaner. Ich antwortete,
daß ich sie nicht kenne, es wäre das erste Mal, daß
ich davon höre. Hiernächst sagte ich ihm, er sollte mir
sagen, was es für ein Volk wäre, und was es für ein
Glaube wäre, den sie haben, aber er wollte mir das
nicht sagen. Sie redeten noch manches, aber es würde
zu weitläufig sein, es alles zu erzählen.
Das letzte Mal, den 13. Juli, habe ich mit vier Pfaffen
zugleich geredet, aber nicht so viel, wie zu andern Zei-
ten. Man fragte mich, ob ich mich nicht bessern wollte.
Ich antwortete: Ja, ich begehre von Tag zu Tag von
Sünden abzustehen. Nein, ob ich den geistlichen Män-
nern und der römisch-katholischen Kirche nicht ge-
horchen wollte. Ich erwiderte: Ich danke dem Herrn,
der mich unterrichtet, mir die Augen geöffnet und
mich auf den rechten Weg gebracht hat, darum begeh-
re ich von Ihm noch wohl unterrichtet zu werden.
Dann setzten sie eine Schrift auf, sie wollten mich
den Herren übergeben, daß ich ein hartnäckiger Ket-
zer wäre, und daß ich ihnen nicht gehorchen wollte;
776
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
sie schrieben auch, daß sie ihr Bestes getan hätten,
sodass sie nicht mehr mit mir reden wollten. So bin
ich denn nun der Pfaffen entübrigt und der Obrig-
keit überantwortet, und erwarte mein Urteil den 22.
Juni zu hören und mein Opfer den 28. zu tun. Der
Herr wolle mich bis ans Ende stärken. Ihm zum Preis
und zum Heil meiner Seele. Der Herr gebe mir den
Geist der Freimütigkeit, damit ich meinen Streit mit
Freuden vollenden möge.
So bleibe denn, meine liebe Mutter, bei dem Herrn.
Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei bei dir und
bewahre dich. Der Herr bewahre deinen Ausgang und
Eingang von nun an bis in Ewigkeit.
Meine liebe Mutter, ich grüße dich mit einem Kuss
der Liebe, denn ich glaube, daß du mich nicht mehr
sehen werdest, und ich dich auch nicht, meine Mutter;
gehabe dich wohl, der Herr sei mit dir, meine Mut-
ter, ich gehe voran und werde dich im Himmelreich
erwarten, da werden wir einander sehen in voller
Freude.
Ich sage dir gute Nacht; noch einmal, gehabe dich
wohl; der Herr sei mit dir, in Ewigkeit, denn ich weiß
nicht, ob ich dir wieder schreiben werde; ich grüße
dich noch einmal, meine liebe Mutter, die mich mit
Schmerzen geboren hat. Grüße mir herzlich meinen
lieben Bruder D., und ermahne ihn, in des Herrn We-
gen zu wandeln, zu seiner Seele Heil; darum bitte ich
dich, meine Mutter, wie ich denn auch das Vertrau-
en zu dir habe und nicht daran zweifle. Grüße mir
meine werte Schwester K. A. so wie T. und W. Grüße
mir auch diejenigen, die ich nicht zu nennen brauche;
auch meinen geliebten Meister und G. Der Herr sei
mit euch allen von nun an bis in Ewigkeit, Amen.
Meine herzgründlich liebe Mutter, die ich aus mei-
ner Seele Grund liebe, ich lasse dich hier und gehe
freudig fort, und werde Christum anschauen, an wel-
chen ich nun glaube, wiewohl ich Ihn nicht sehe; du
aber bleibst hier in der trübseligen Welt, worin anders
nichts zu erwarten ist, als Trübsal, Leiden und Verfol-
gung, solange es dem Herrn gefällt, der dich in aller
Trübsal trösten und ewig bei dir sein wolle, Amen.
Geschrieben von mir, deinem Sohn, Jan Vret, gefan-
gen zu Antwerpen auf dem Stein um des Wortes der
Wahrheit und des Bekenntnisses des heiligen Wortes
Gottes willen; ich erwarte mein Urteil, an einem Pfahl
lebendig verbrannt zu werden, wenn es dem Herrn
gefällt, zum Preise seines heiligen Namens.
Noch ein Brief von Hans Vret, geschrieben an
seine geliebte Mutter den 5. Juli 1576.
Die unaussprechliche Liebe, Gnade und der Friede
Gottes, unsers lieben himmlischen Vaters, der ein Va-
ter voller Gnade und Wahrheit ist, reich und über-
schwänglich an Barmherzigkeit und Güte, durch das
bittere Leiden und Sterben seines einigen Sohnes, un-
sers Heilandes und Seligmachers, der uns geliebt und
von allen unsern Sünden in seinem Blute gewaschen
hat, und von aller Ungerechtigkeit die wir begangen
haben, wie auch die Kraft des Heiligen Geistes stärke
und tröste dich in aller deiner Trübsal, deiner Betrüb-
nis und deinen Schmerzen, die du um des Wortes und
der Wahrheit Christi willen hast, in deiner Verfolgung
und deinem Leiden, und in deiner Betrübnis, die du
etwa, wie ich höre, um meinetwillen hast, nach dem
Fleische. Er stärke dich in dem Glauben der Wahrheit,
worin du nun stehst, welche dir von Gott aus Gnaden
offenbart ist, damit du alle Betrübnis des Fleisches, die
du etwa haben möchtest, überwinden mögest. Solche
wünsche ich dir, dein Sohn, meine auserwählte Mut-
ter, von ganzem Herzen zu deiner Seele Heil, damit
wir dereinst miteinander versammelt werden mögen;
und die frohe und fröhliche Stimme des einigen Soh-
nes Gottes mit allen, die bis ans Ende in dem Glauben
der Wahrheit standhaft geblieben sind, hören mögen:
Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das Reich meines
Vaters, das euch von Anbeginn der Welt bereitet ist,
Amen.
Meine herzgründlich geliebte Mutter, die ich von
Herzen liebe, ich befehle mich dir von ganzem Herzen
an, und lasse dich wissen, meine auserwählte Mutter,
daß ich nicht gemeint hätte, daß ich diesen Brief noch
schreiben würde; aber da es dem guten Gott so ge-
fallen hat, mich noch bis auf diese Stunde in diesem
Leben zu erhalten, so kann ich nicht unterlassen, mei-
ne geliebteste Mutter, diesen meinen Abschiedsbrief
an dich zu schreiben, wenn es vielleicht der letzte wä-
re in meinem Leben, und sage dir, meine liebe Mutter,
gute Nacht. Wie ich höre, ist die Zeit meiner Erlösung
sehr nahe, wiewohl ich bis auf diese Stunde noch nicht
weiß, wenn es geschehen wird, nur daß ich glaube,
daß ich morgen mein Todesurteil hören werde; ich
habe gehört, daß morgen einigen das Todesurteil er-
öffnet werden soll, und ich hoffe, einer von denen zu
sein, wenn es dem Herrn gefällt. Wir haben solches
schon oft gehört; ob sie es aber tun, um uns zu erschre-
cken, das weiß ich nicht; ich habe es nicht von den
Leuten hier im Hause gehört, sondern von einer Jung-
fer vom M. Volke, die hier gefangen sitzt; sie hat es
mir gesagt; ist es des Herrn Wille, so soll es geschehen;
ich bin damit wohl zufrieden, dem Herrn sei gedankt,
der mich armen, schwachen Menschen hier in diesen
meinen Banden stärkt durch seinen Heiligen Geist,
um allein zu widerstehen, was mir an meiner Seele
hinderlich oder schädlich sein möchte. Denn es ist
der Tag, wonach mich verlangt, der Herr gebe mir
777
Stärke bis ans Ende, damit ich meinen Streit mit Freu-
den vollenden und den Sieg erhalten möge zum Lobe,
Preise und Ehre des heiligen Namens des Herrn.
Nachdem es denn nun, meine liebe Mutter, dem
guten Gott so gefallen hat, mich, deinen Sohn, würdig
zu achten, um seines Namens willen zu leiden, damit
ich die Zahl der Frommen erfüllen helfen möchte, die
unter dem Altar liegen und ruhen, bis die Zahl ihrer
Brüder erfüllt ist, die auch ebenso, wie sie, getötet
werden müssen, so wollest du dich denn, liebe Mutter,
hiermit trösten, und um meinetwillen bitte ich dich,
nicht betrübt zu sein. Denn, liebe Mutter, der Herr
hat mich zu einem bessern Platz berufen, als in dieser
bösen, argen Welt zu bleiben, obgleich es dem Fleisch
schwer fällt; ich will das jedoch um der Freude willen,
die ich mit allen Frommen Gottes genießen werde,
nicht achten, denn ich sage mit Paulus: Ich halte dafür,
daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei,
die an uns offenbart werden soll.
Ach, meine geliebteste Mutter! wer sollte kein Ver-
langen haben nach der Herrlichkeit? Wen sollte nicht
darnach gelüsten? und mit Paulus zu sagen: Ich seuf-
ze, und mich verlangt aus diesem Fleisch zu sein,
denn ich erwarte eine andere Wohnung, die nicht mit
Händen gemacht ist, sondern die ewig ist im Himmel.
Dann werden wir, wie Johannes sagt, den sehen, an
welchen wir jetzt glauben, und ihn doch nicht sehen;
dann werden wir ihn mit unsern Augen anschauen,
der heller leuchtet als die Sonne. Wer sollte nun dieses
Leiden oder diese Pein achten, die man dem Fleisch
antun mag, und doch nicht ohne des Herrn Zulassung,
denn, wenn sie alles getan haben, was sie vermögen,
nach den Worten Christi, so können sie nur den Leib
töten, an der Seele aber haben sie keine Macht, denn
wir lesen im Buch der Weisheit, daß die Seelen der
Gerechten in des Herrn Hand seien.
Wer wollte wohl diese zeitliche Pein achten, die die
Menschen unserm Leibe zufügen mögen, da doch sol-
che Freude dafür verheißen ist, für eine geringe Pein
eine große, unaussprechliche Freude; für ein geringes,
zeitliches Leben ein ewiges Leben? Denn Christus
sagt: Wer sein Leben um meinetwillen verliert, der
wir es dereinst wieder finden.
Betrachte einmal, meine liebe Mutter, wie viele ihr
Leben um Christi Wort und Wahrheit willen gelassen
haben, und bedenke einmal, was des Menschen Leben
sei, das so bald dahin ist; es ist nur, wie Jakobus sagt,
einem aufsteigenden Dampfe zu vergleichen, denn,
wenn der Dampf verschwindet und sich verzieht, so
sieht man ihn nicht mehr, was schnell geschieht; ja, es
ist einer Wasserblase zu vergleichen, welche schnell
vergeht. Warum sollte man nun dieses zeitliche Leben
hochachten? Es ist nicht mit dem ewigen Leben zu
vergleichen.
Solltest du nun, liebe Mutter, über meinen Schmerz,
den man mir an dem Leibe antun möchte, betrübt
sein, was doch um des Glaubens und der Bekenntnis
des heiligen Wortes Gottes und der Wahrheit Willen
geschieht? O nein! meine Mutter, lass dich solche Be-
trübnis nicht überfallen, sondern, ich bitte dich, meine
herzgründliche, liebe Mutter, sei getrost; ich hoffe, mit
des Herrn Hilfe, daß deine Trübsal sich in Freude ver-
wandeln soll.
Ach, meine geliebte Mutter, lass dir es gehen, wie es
Abraham ging, der nur einen einzigen Sohn hatte, den
ihm Gott in seinem Alter gab. Sieh, wie Gott diesen
frommen Mann prüfte, als er ihm befahl, daß er seinen
einzigen Sohn Isaak ihm aufopfern sollte; wir lesen
nicht, daß er um des Befehles willen betrübt gewesen
sei, noch auch, als ihn sein Sohn fragte: Mein Vater,
hier ist Holz, aber wo ist das Opfer? Abraham sprach
mit väterlicher Stimme zu seinem Sohne, indem er
sein Vertrauen auf den allmächtigen Gott setzte: Der
Herr wird es ihm ersehen. Also ist Abraham dem Ge-
bot Gottes nachgefolgt, und ließ seinen einzigen, ge-
liebten Sohn Isaak auf das Holz niederknien, zog das
Schwert aus der Scheide, und wollte den Streich aus-
führen, um seinem Sohne das Haupt abzuschlagen,
und ihn aufzuopfern; aber der Engel sagte zu ihm,
er sollte das Schwert in die Scheide stecken, und das
Kind nicht beschädigen. Wir finden nirgends geschrie-
ben, daß dieser fromme Mann in all dieser Zeit, bis auf
die letzte Stunde, sich betrübt habe und erschrocken
gewesen sei, dem Gebot Gottes nachzufolgen. Meine
liebe Mutter, warum willst du nun betrübt sein? Der
Herr prüft dich ja noch nicht auf solche Weise, daß du
deinen Sohn töten sollst, sondern Er lässt es von Kains
Geschlecht geschehen, die allezeit nach der frommen
Abeliten Blute dürsten, indem solche dem Herrn ge-
fallen. Meine Mutter, vertraue auch dem Herrn, wie
der fromme Mann Abraham, und sage: Der Herr wird
es ihm ersehen, denn obgleich dein ältester Sohn, den
du jetzt hast, geopfert wird, so kann der Herr wohl
einen andern erwecken, wenn es Ihm gefällt. So sei
nun hierin zufrieden; es geht mir nicht anders, als
es allen Frommen ergangen ist, an denen Gott von
Anfang der Welt bis hierher einen Gefallen gehabt
hat.
Überlege es, wie es dem Propheten Jeremia gesche-
hen ist, der viel Trübsal erlitt, weil er, nach des Herrn
Befehl, die Städte wegen ihrer Sünde strafte; er wurde
gefangen, in einen Morast geschmissen, ja, viel Trüb-
sal überfiel ihn, wie die Schrift hiervon zur Genüge
zeigt, sodass er sich vornahm, nicht mehr im Namen
des Herrn zu predigen. Sieh, solcher Trübsal war der
Mann Gottes unterworfen, der doch in Mutter Leib
778
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
von Gott erwählt war, seinen heiligen Willen zu pre-
digen.
Nicht weniger sieh Johannes an, welcher in seiner
Mutter Leib geheiligt und vor allem Volk bekannt war,
daß er ein Prophet wäre; demselben hat Herodes um
einer Hure willen im Gefängnis das Haupt abschla-
gen lassen, der doch (nach Christi Worten) der größte
Prophet war, der jemals von Weibern geboren worden
ist.
Sieh, meine liebe Mutter, ist es denen so ergangen,
die so würdig vor dem Herrn gewandelt sind; haben
sie dieselben getötet, was werden sie uns dann tun?
Betrachte es, daß sie sich nicht gescheut haben,
Christum Jesum zu töten, der doch der einige Sohn
Gottes und der Sohn des Menschen ist, ja, der (nach
der Schrift Zeugnis) wahrer Gott und Mensch, Gottes
Sohn und des Menschen Sohn ist, denn Er nennt sich
selbst an vielen Orten des Menschen Sohn, wird auch
bekannt und ist der wahre lebendige Sohn Gottes, der
uns von der Gewalt des Satans, vom ewigen Tode
und Verdammnis erlöst, der unsere Augen geöffnet
hat, als wir tot waren in unsem Sünden und Unge-
rechtigkeiten, und der uns zu dem wunderbaren Licht
gebracht hat; Er hat uns sein Wort und seine Wahrheit,
das Evangelium, offenbart, welches (wie Paulus sagt)
eine Kraft Gottes ist, die alle diejenigen selig macht,
die daran glauben.
So hat uns nun der gute Gott, durch seine unaus-
sprechliche Gnade und Güte, sein Wort und seine
Wahrheit offenbart, wodurch unsere finstern Augen
geöffnet worden sind, und hat uns gegeben, an den zu
glauben, durch welchen wir ewig leben mögen, der
Christus Jesus ist, welchem das Schlangengeschlecht
viel Pein und Qual angetan hat, wie die vier Evangelis-
ten davon im Überfluss zeugen, wie sie Ihn gegeißelt,
verspottet, geschlagen, sehr jämmerlich misshandelt,
und eine Dornenkrone auf sein Haupt gesetzt haben.
Er hat sein Kreuz, woran sie Ihn genagelt haben, selbst
tragen müssen; sie haben Ihn mit Essig und Galle
getränkt; sie haben mit einem Speer in seine Seite
gestochen, woraus Wasser und Blut kam. Ach, wie
jämmerlich sind sie mit Ihm umgegangen! Alle die
vorbeigingen, sperrten den Mund auf und spotteten
seiner, sodass Er der Verachtetste auf Erden war. Er
war, wie der Prophet David sagt und weissagt: Ich bin
ein Wurm und kein Mensch; ich bin der Verachtetste
unter allen Menschen; sie sperren den Mund auf nach
mir; sie werfen das Los über meine Kleider.
Ach, liebe Mutter, wie bitter ist das Leiden des unbe-
fleckten Lammes Gottes zu beschreiben, das so vielem
Leiden und so vielen Schmerzen unterworfen war;
wer kann wohl sein Leiden beschreiben, das es um
unsertwillen erlitten hat; sollten wir denn nicht ein
wenig um seinetwillen leiden, da Er doch alle, die um
seinetwillen leiden, so herrlich belohnen wird; denn
Er sagt: Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen
leiden; und abermals: Selig sind, die um meines Na-
mens willen Schmach leiden, denn ihr Lohn ist groß
im Himmel. So kannst du nun merken, daß der Herr
diejenigen nicht unbelohnt lassen wolle, die um seines
Wortes und seiner Wahrheit willen leiden; wer im Lei-
den standhaft bleibt, bei seinem Evangelium bis ans
Ende, die nicht von seinem Wort und seiner Wahrheit
weichen, das Er mit seinem Mund gesprochen hat,
die nicht von dem engen Weg abtreten, der zum ewi-
gen Leben führt, die sich nicht geschämt haben, die
Wahrheit vor dem ehebrecherischen Geschlecht zu be-
kennen, die diejenigen nicht gefürchtet haben, die den
Leib töten, sondern die vielmehr denjenigen gefürch-
tet haben, der Seele und Leib in die Hölle, in die ewige
Finsternis und Pein werfen kann, wo allezeit Heulen
und Zahnklappen sein wird, wo die Flamme nicht
verlöschen, wo der Rauch von Ewigkeit zu Ewigkeit
aufgehen, wo der Wurm nimmermehr sterben wird,
die (wie Petrus sagt) dem Hunde nicht nacharten, der
wieder verschluckt, was er ausgespien hatte, oder der
Sau, die gewaschen ist und sich wieder im Kot wälzt,
die nicht das Licht für die Finsternis bekennen, und
die Finsternis für das Licht, die die Wahrheit nicht für
Lügen erkennen, und die Lügen für die Wahrheit, die
mit Eleasar auszuhalten und nicht zu heucheln geden-
ken, die die Wahrheit nicht verwerfen, da sie doch
wohl wissen, daß es die Wahrheit sei, die der teufli-
schen Lehre der Papisten kein Gehör geben, die nicht
den Priestern Isabels folgen, welche nach der From-
men Blut dürsten, die Gott lieben und Ihm dienen,
und Ihn von ganzem Heizen und von ganzer Seele
wert halten, die Christi Fußstapfen nachzufolgen und
nach seinem Willen zu leben und zu wandeln suchen,
die Ihm und nicht den Menschen zu gefallen suchen;
denn Jakobus sagt: Wer Gottes Freund sein will, der
muss der Welt Feind sein; derjenige, der den engen
Weg zu betreten und darauf zu wandeln sucht, der die
Ungerechtigkeit zu verlassen und der Gerechtigkeit
nachzukommen begehrt, der den Rat des Fleisches
verlässt und dem Rat des Geistes folgt, der das irdi-
sche Gut verlässt und das himmlische sucht, der das
Zeitliche wie nichts achtet und das ewig Unvergängli-
che sucht, der nicht auf das Sichtbare sieht, sondern
auf das Unsichtbare hofft, der dieses Leben nicht ach-
tet, sondern das ewige Leben zu erlangen sucht, der
keinen Gefallen hat an der zeitlichen Freude und Lust,
sondern an ewiger Freude und Wonne. Diesen, die
so sind, ist verheißen und zugesagt, daß sie immer
und ewig das Land der Verheißung, das ewige Leben
ererben sollen, wo sie mit großer Herrlichkeit werden
779
gekrönt weiden; sie werden springen, wie Maleachi
sagt, wie die jungen Mastkälber; es werden ihnen
Palmzweige in ihre Hände gegeben werden; sie wer-
den, wie Johannes sagt, das neue Lied vor dem Thron
Gottes singen; sie werden mit weißer Seide angetan
werden, sie werden wie die Sonne glänzen, sie wer-
den ewig in Freuden sein; solche Freude (wie Paulus
sagt), die kein Ohr gehört, kein Auge gesehen hat,
noch eines Menschen Herz hat begreifen können, die
Freude, welche die Frommen genießen werden, die
bis ans Ende standhaft bleiben. Wer wollte, mm um ir-
gendeiner Schmach und Verachtung willen weichen?
Wer wollte nun um Verfolgung, oder Trübsal, oder
des zeitlichen Lebens willen weichen?
Ach, es ist besser, Fleisch und Blut an einem Pfahl
zu lassen, als sich der ewigen Seligkeit seiner Seele,
seines Vaters Erbteils, berauben zu lassen, das wir
durch Christum erlangen. Darum sagt Paulus: Wer
will uns von der Liebe Gottes scheiden, die in Christo
Jesu ist? Trübsal, oder Angst, oder Verfolgung, oder
Hunger, oder Blöße? Wir können mit dem Apostel
sagen: Wir sind gewiss, daß weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Obrigkeiten, noch Mächte, noch
Gegenwärtiges, noch Zukünftiges, weder Hohes noch
Tiefes, noch irgendeine andere Kreatur, uns von der
Liebe Gottes scheiden kann. So lass uns denn nicht
furchtsam sein, meine Geliebteste, weil nichts ist, das
uns von Gott scheiden kann - wer Ihn nur von Herzen
liebt; denn Johannes sagt: Furcht ist nicht in der Liebe,
denn die Liebe treibt die Furcht aus; dies kannst du
auch aus den Worten Pauli abnehmen, wenn er sagt:
Und wenn ich allen Glauben hätte, daß ich Berge ver-
setzen könnte, ja, wenn ich all mein Gut den Armen
gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, hätte aber
die Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze. So muss
denn eine brennende Liebe zu Christo sein; unsere
Lampen müssen wir mit den klugen Jungfrauen bren-
nen lassen und so unsern Bräutigam erwarten, das
ist, wir müssen mit einer brennenden Liebe entzün-
det sein und also Christum Jesum, unsern Bräutigam,
erwarten bis Er kommt.
Siehe, hieran wird man erkennen, wer Christum
lieb hat, denn Er sagt: Wer mich liebt, wird mein Gebot
halten, und der Vater wird zu ihm kommen, und wir
werden Wohnung in ihm machen; darum kann man,
ohne Christum zu lieben und seine Gebote zu hal-
ten, nicht zum Leben eingehen; denn Er sagte selbst:
Willst du zum Leben eingehen, so halte meine Gebote.
Was ist aber sein Gebot anders, als Ihn zu lieben? Wer
Ihn nun liebt, der wird nicht um irgendeiner Pein wil-
len, die an dem Fleisch geschehen könnte, von Ihm
weichen, wie ich zuvor von den Worten Pauli erzählt
habe, die er an die Römer geschrieben hat: Wer aber
Christum nicht liebt, dessen Glaube ist nichtig und
kann Gott nicht gefallen; denn Paulus sagt: Das ist ein
rechtschaffener Glaube, der durch die Liebe tätig ist,
das ist, durch die Liebe, die man zu Gott hat, wenn
man sein Gebot und seinen Befehl hält; darum sagt
der heilige Jakobus, daß der Glaube ohne die Werke
tot sei. Das kann man auch wohl einsehen; denn wo
der wahre Glaube ist, da werden auch gute Früchte
hervorkommen; ein guter Baum wird gute Früchte
bringen, aber von einem bösen Baum werden böse
Früchte aufwachsen, denn ein guter Baum kann kei-
ne bösen Früchte bringen, und ein böser Baum kann
keine guten Früchte bringen; ebenso ist es auch mit
dem Menschen, der einen rechtschaffenen Glauben
hat; dieser wird gute Früchte hervorbringen, die dem
Herrn gefallen. Aber, wo ein nichtiger Glaube ist, der
nicht rechtschaffen ist, da wirst du keine guten Früch-
te spüren, sondern allein böse; denn Jakobus sagt, daß
der Teufel auch glaube, und zittere.
Nim kann man abnehmen, wie viel derer seien, die
einen nichtigen Glauben haben, und sich dennoch
rühmen, daß sie recht glauben, ja, auch diese Papisten,
sie können wohl sagen: Ich glaube an Jesum Christum,
daß Er gekreuzigt und gestorben sei; aber sie nehmen
Ihm seine Ehre. Um es kurz zu machen, sie kennen
Ihn nicht, sie haben einen Unglauben; sie folgen Ihm
nicht in dem, das Er ihnen gebeut; sie tun nach den
Lüsten ihres Vaters, des Teufels, sagt Christus, denn
er ist ein Lügner und Betrüger von Anfang her.
Ach, wie ist es zu bejammern, daß einige solchen
Lügnern und Betrügern Gehör geben, und bekennen,
daß die teuflische Lehre Christi Lehre, Wort und Wahr-
heit sei, da doch Gott durch den Propheten sagt: Ver-
flucht ist, wer einen Abgott macht und ehrt. Ach, was
machen doch diejenigen, die da sagen, daß der wah-
re Leib Christi in dem Häuslein sei, womit sie über
die Straßen gehen, samt ihren Schellen, Fackeln und
Laternen. Ach, wie abscheulich ist es, solches für die
Wahrheit zu erkennen, da es doch nur Brot und Wein
ist! Weil ich hier bin (meine Mutter), so singe ich bis-
weilen ein geistliches Liedlein; wird es mir aber verbo-
ten, so will ich es darum nicht aufgeben, solange sie
meine Zunge frei lassen, ja, wenn ich oft einige Lieder
von des Menno Volk singe, so singen die Knechte ein
schändliches Lied, damit man die guten nicht hören
mochte.
Ach, ich bin so froh, daß mein allerliebster Bruder
in dem Herrn, den ich auf Erden habe, mich armen
Gefangenen mit einem Liedlein und einem Briefe von
seiner eigenen Hand bedacht hat! Es erfreute mich in
meiner Seele so sehr, daß ich es dir nicht schreiben
kann. Ich bitte dich, danke ihm herzlich und bitte ihn,
daß er noch einmal schreibe, und, schreibe du auch.
780
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
denn mich dünkt, daß ich hier wohl noch acht Tage
sitzen werde; aber, als ich anfing, dir diesen Brief zu
schreiben, meinte ich nicht, daß ich noch so viel an
dich schreiben würde, denn ich dachte, ich würde
mein Urteil schon gehört haben. Weil es aber dem
Herrn so gefallen hat, daß ich noch hier in diesem
Gefängnis bleiben soll, so hoffe ich die Zeit mit Ge-
duld (nach Paulus Rat) zu erwarten, bis es dem Herrn
gefallen wird, und so, nach den Worten Christi, meine
Seele in Geduld zu fassen; denn ich übergebe mich
in des Herrn Hände, daß mir nach seinem göttlichen
Willen geschehe, zum Lob, Preis und zur Ehre seines
heiligen Namens und zur Seligkeit meiner Seele, von
nun an bis in Ewigkeit.
Nun denn, meine liebe Mutter, ich sage dir noch
einmal gute Nacht, gute Nacht, meine auserwählte
Mutter; gute Nacht, meine würdige Mutter, die mich
in Pein und Schmerzen geboren hat; ich bitte dich,
meine liebe Mutter, sei mit den Werken des Herrn
zufrieden; sei um meinetwillen nicht betrübt, sei doch
wohlgemut, weil es unser Gott so mit mir verordnet
hat, mich von dir abzusondern, sodass du mich in
diesem Fleisch nicht mehr sehen wirst. Sei damit zu-
frieden, denn es widerfährt mir nichts Arges ohne die
Zulassung des Herrn, denn der Herr ist mein Behü-
ter, Schutz und Beschirmer, indem der Prophet David
sagt: Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die
Ihn fürchten. Denke nicht, daß jemand sei, der mich
beschädigen könne, denn Christus sagt, die Haare un-
seres Hauptes sind alle gezählt; es fällt nicht ein Vogel
vom Baum ohne seinen Willen, wie viel höher sind
wir aber geachtet als die Vögel? Darum hat man mich
auch um des Wortes und der Wahrheit Christi willen
ins Gefängnis geworfen, damit ich seinen Namen vor
diesen grausamen Menschen bekennen, auch Verach-
tung und Schmach leiden möge, voll Verdrusses, ja,
wenn ich auch zuletzt von ihnen getötet werde, so
freue dich darüber, nach den Worten Christi, wenn
Er sagt: Freut euch, wenn euch die Menschen schmä-
hen und viel Übels von euch reden um meinetwillen,
wenn sie daran lügen.
Denke daran, was Petrus sagt: Lasst euch nicht be-
fremden, als ob euch etwas Neues geschehe; warum
doch? weil es allen Kindern Gottes so ergangen ist, an
denen Gott jemals einen Gefallen hatte, denn Christus
sagt: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich
habe die Welt überwunden. So soll es uns denn (nach
den Worten Petrus) nicht fremd dünken, denn die
Schrift bezeugt solches zur Genüge; darum sagt auch
Paulus: Uns ist es nicht allein gegeben an Christum
zu glauben, sondern auch um seines Namens willen
zu leiden. Betrachte, was der Prophet David sagt: Der
Gerechte muss viel leiden.
Sieh, Christus selbst, der Herzog des Glaubens, hat
leiden und also zu seiner Herrlichkeit eingehen müs-
sen; haben sie aber den Hausvater Beelzebub genannt,
was werden sie wohl seinen Knechten tun? Haben sie
auch den Erben ausgestoßen und getötet, was wer-
den sie dann den Gesandten tun? Darum klagt der
Herr über Jerusalem und sagt: O Jerusalem, Jerusalem,
die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir
gesandt werden, wie oft habe ich deine Kinder ver-
sammeln wollen, wie eine Henne ihre Kücklein unter
ihre Flügel versammelt, aber du hast nicht gewollt.
Sieh, wie sie allezeit diejenigen, die von Gott gesandt
waren, getötet haben und noch töten. Christus sagt
zu seinen Jüngern: Sie werden euch in den Bann tun,
und wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott ein Opfer
daran.
Wer nun ein guter und getreuer Jünger Christi sein
und dem Herrn treulich dienen will, der muss alles
willig ertragen, was ihm um des Herrn willen aufer-
legt wird, denn Paulus sagt: Alle, die gottselig leben
wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden, und
abermals, wir müssen durch viel Trübsal und Leiden
ins Himmelreich eingehen.
Weil denn nun das Himmelreich durch viel Leiden
und Drangsal eingenommen werden muss, so lass
uns mit Paulus uns erfreuen in dem Leiden, das wir
um des Namens Christi willen leiden, denn wir sehen
wie Petrus und Johannes, als sie vom Rate kamen, er-
freut waren, weil sie um Christi willen Schmach litten
und gegeißelt worden sind. So freue dich denn auch,
meine liebe Mutter, mit mir und danke dem guten
Gott, daß Er einen armen, schwachen, unwürdigen
Menschen tüchtig achtet, um seines Wortes und seiner
Wahrheit willen zu leiden.
Lobe und preise den Herrn für seine Gnade, sin-
ge ihm Lob für seine Wohltaten, sage mit mir: Dank
sei dem Gott Abrahams, dem Gott Isaaks und dem
Gott Jakobs für seine unaussprechliche Barmherzig-
keit und Güte, die Er an uns armen Menschen erwie-
sen hat. Sage mit David: Wo ist ein Gott, wie unser
Gott, demselben sei Preis und Lob, von Ewigkeit zu
Ewigkeit, Amen.
Ich sage gute Nacht, meine geliebteste Mutter, gute
Nacht, wenn ich dir nicht mehr schreiben sollte; und
sollte dieses der letzte Brief sein, so sage ich dir gu-
te Nacht, meine geliebte Mutter, und nehme meinen
Abschied von dir, meine Mutter, die ich liebe. Gute
Nacht, denn ich verlasse dich um des Herrn willen,
und hoffe auch um seinetwillen mein Leben zu lassen,
denn der Herr hat mir ein anderes Leben verheißen,
das ewig währen und nimmermehr vergehen wird,
nicht wie dieses Leben, das doch vergehen muss, denn
dieses Leben, oder die zeitliche Lust dieser Welt ist
781
nicht mit der Freude und Wonne zu vergleichen, die
den Frommen verheißen ist, die bis ans Ende stand-
haft bleiben, wo ein Tag (wie David sagt) besser ist,
als hier tausend in Freude und Ergötzlichkeit.
Ich hoffe mit der Hilfe des Herrn die ewige Freude
bald zu genießen; dann werde ich von allem Seufzen,
Weinen und Trübsal erledigt werden; dann wird mich
nicht mehr hungern oder dürsten, dann werde ich
weder Hitze noch Kälte mehr fühlen, dann werde
ich von allem befreit werden und mit dem Lamme
ewig triumphieren. So sei denn nicht betrübt, weine
und seufze auch nicht, obgleich ich dir vorangehe,
denn wir werden wieder Zusammenkommen; sei nur
getrost, meine auserwählte Mutter; der Herr tröste
dich mit seinem Heiligen Geist in all deinem Druck
und Trübsal.
Ich sollte wohl mehr betrübt sein als du um deinet-
willen, denn ich lasse dich hier in dieser bösen Welt,
wo du aller Trübsal, Druck und Leiden unterworfen
bist, und scheide aus dieser Trübsal in die Freude, aus
diesem Leben in das ewige Leben; aber wir sollten mit
des Herrn Werken nicht betrübt, sondern zufrieden
sein, denn Paulus sagt: Alle Dinge dienen den Gläu-
bigen zum Besten, darum denke an das Gebet, wenn
wir bitten: Herr, dein Wille geschehe auf Erden wie
im Himmel.
So lass uns denn Zusehen, daß wir nichts gegen den
Willen des Herrn wollen, sondern daß wir in allem
geduldig und leidsam sein mögen, damit in uns der
Spruch der Offenbarung Johannes erfüllt werde: Hier
ist Geduld der Heiligen. So sei denn, liebe Mutter, in
allem geduldig, was dich jetzt überfallen hat und was
dich noch überfallen möchte.
Gehabe dich wohl, meine herzgründlich geliebte
Mutter, ich bitte dich auch, wenn du dein Gebet zu
Gott tust, daß du an mich armen, schwachen Men-
schen, deinen Sohn (der um des Zeugnisses des eini-
gen Sohnes Gottes willen hier gefangen ist), denken
wollest, wie ich denn auch hoffe, daß du tun wirst,
und zweifle nicht daran, denn Jakobus sagt, daß des
Gerechten Gebet viel vermöge, wovon er auch ein Ex-
empel anführt und sagt: Elia war ein Mensch wie wir
und er bat, daß es nicht regnen sollte, und es geschah;
abermals bat er, daß es regnen sollte, und es geschah.
Dieses erzählt der heilige Jakobus, um zu beweisen,
wie kräftig das Gebet der Gläubigen sei.
Christus sagt auch: Alles, was ihr in eurem Gebet
bittet, habt nur Glauben und zweifelt nicht, so wird
es euch gewährt. Die Schrift bezeugt es im Überfluss,
wie das Gebet der Frommen durch die Wolken dringe,
sodass sie von dem Herrn erhört werden. Hiermit
nehme ich meinen Abschied von dir, liebe Mutter,
es möchte vielleicht das letzte Mal sein, und befehle
dich dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; der Gott
des Trostes tröste dich, der starke Gott stärke deinen
Glauben, um allen feurigen Pfeilen des Bösewichts
zu widerstehen; der Herr bewahre deinen Aus- und
Eingang immer und ewig, Amen.
Gute Nacht, meine allerliebste Mutter, gute Nacht
in dieser Zeit, bis wir einander im ewigen Leben sehen
bei Christo, unserm einigen Haupt und Bräutigam,
Amen.
Grüße mir meinen allerliebsten Bruder, den ich auf
Erden habe, in dem Herrn Christo Jesu; grüße mir ihn
sehr herzlich und auch meinen auserwählten lieben
Meister, wenn er da ist, wo du bist. Meinen geliebten
B. D. B. grüße mir, wenn du an ihn schreibst. Mei-
ne Mutter, halte mir dieses mein schlichtes Schreiben
zu gut, denn ich habe es aus Liebe getan, nach mei-
nem geringen Verstand, den der Herr mir unwürdigen
Menschen aus Gnaden gegeben hat; der Herr sei mit
uns allen, Amen.
Von mir, deinem Sohn, den du wohl kennst, Hans
Vret, gegenwärtig gefangen und verschlossen auf dem
Stein in Antwerpen den 7. Juli im Jahre 1576 um des
Evangeliums und des Bekenntnisses des einigen Soh-
nes Gottes, Christi Jesu, unseres Heilandes, willen,
welchen die Welt nicht kennt, sondern verleugnet.
Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben aus
einem finstern Loch, wohin man ihn geworfen
hatte, gesandt an eine von den Schwestern im
Glauben, auf einen Sonntag, im August 1576.
Gnade und Friede von Gott, unserem lieben himm-
lischen Vater, voller Gnade und Wahrheit, der reich
an Barmherzigkeit und Güte ist, durch das bittere
Leiden und Sterben seines eingeborenen Sohnes Jesu
Christi, der uns geliebt und uns in seinem Blute von
allen unseren Sünden und unserer Ungerechtigkeit,
die wir getan haben, gewaschen hat, so wie die Kraft
des Heiligen Geistes zur Stärkung in dem Glauben
der Wahrheit, welchen dir der Herr durch seine un-
aussprechliche Gnade und Barmherzigkeit offenbart
hat, sei dir von mir, deinem schwachen Bruder, ange-
wünscht, von ganzem Herzen, zu deiner Seele Heil,
Amen.
Herzgründliche, liebe Schwester in Christo Jesu, die
ich von Herzen liebe, ich kann nicht unterlassen, dir
ein kleines Brieflein zu schreiben, hier in diesem Loch,
wohinein ich geworfen bin, ohne irgendein anderes
Licht als das Licht der Kerzen.
So sage ich denn hiermit gute Nacht, wenn ich dir
nicht mehr schreiben sollte, welches unserem lieben
himmlischen Vater bekannt ist.
Ferner lasse ich dich wissen, meine geliebte Freun-
782
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
din, daß ich den Bund, den ich mit meinem Gott ge-
macht habe, mit seiner göttlichen Hilfe zu behalten
begehre, und erwarte unsern Bräutigam Christum Je-
sum in seiner Zukunft, damit wenn Er kommt, ich
mit Ihm zur Hochzeit eingehen und in ewiger Freude
leben möge. Ach liebe Schwester, ich kann unserm
Gott nicht genug Lob und Dank sagen für seine un-
aussprechliche Barmherzigkeit, daß Er mir beisteht,
und hier in dieser Grube oder diesem Loch Stärke ver-
leiht, wohinein man mich um des Wortes der Wahrheit
willen geworfen hat.
Liebe Schwester, denke doch an mich armen Gefan-
genen in deinem Gebet zu Gott, wie ich denn hoffe,
daß du tun werdest, damit es Ihm gefallen möge, mich
bald von diesem Fleisch zu erlösen, damit ich mein
Opfer zum Preis seines heiligen Samens und zu mei-
ner Seele Seligkeit tun möge, damit diese Feinde in
ihrem Vorhaben beschämt werden mögen, die mir
durch dieses Loch, in welches sie mich jetzt geworfen
haben, mein Erbteil zu rauben glauben. Aber dem
Herrn sei gedankt, der mir in der Not beisteht und
allein mein Helfer ist, zu dem ich meine Zuflucht neh-
me, denn Paulus sagt: Er ist getreu, und wahrhaftig,
der uns nicht mehr auferlegen wird, als wir tragen
können.
Darum, liebe Schwester, sei deines armen schwa-
chen Bruders allezeit eingedenk vor dem Herrn, denn
das Gebet der Gerechten vermag viel.
Ach liebe Schwester, diese grausamen Wölfe haben
mir alle meine Briefe genommen, die ihr mir gesandt
habt, Federn, Tinte und Papier, und auch eins und
das andere, was ich selbst geschrieben hatte, so wie
auch zwei Briefe, einen, den ich an meinen allerliebs-
ten Bruder H. geschrieben hatte, und noch einen, der
an meinen Bruder Willem geschrieben war, und noch
einiges andere; aber ich glaube nicht, daß daraus ir-
gendeine Unannehmlichkeit entstehen soll.
Unser Schreiben hat jemand verraten, der bei mir
saß; sollte ich dir alles schreiben, das Papier würde
nicht ausreichen; dasselbe habe ich nachher von ei-
nem Mann zurückerhalten, der zu mir in dieses Loch
gesetzt war.
So habe ich denn schon zehn Tage hier gesessen,
und wie lange noch, das ist unserem lieben Herrn
bekannt. Als ich hierher gesetzt wurde, war es frei-
tagnachts, nach meinem Dafürhalten, den 27. oder 28.
Juli.
Nun denn, meine liebe Schwester, halte dich allezeit
zu der Wahrheit, welche Christus ist; fürchte dich
nicht vor diesen Wölfen, denn unser Gott steht uns
allezeit nach seiner Verheißung in jeder Not bei.
Ich sage dir herzlich gute Nacht, gute Nacht, meine
liebe Schwester; grüße mir meine Mutter sehr herzlich.
und alle meine Schwestern, unsern Bruder Hans und
meinen lieben Meister, auch alle andern Freunde. Ich
bitte dich, lass es meine Mutter nicht wissen, daß sie
mich in diese Lazarusgrube geworfen haben. Der Herr
sei mit dir und bewahre dich in seinen Wegen immer
und ewig, Amen.
Geschrieben von mir, deinem schwachen Bruder,
Hans Bret, bei einem Kerzenlicht, in einem Loch, ge-
nannt Lazarusgrube, wo ich um des Wortes der Wahr-
heit willen eingeschlossen bin. Dem Herrn ist meine
Erlösung bekannt.
Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben an
Hans C., einen von den Brüdern in der Gemeinde.
Die große unaussprechliche Gnade und der Friede
von Gott, unserm himmlischen Vater, der ein Vater
voller Gnade und Wahrheit ist, ein Gott des Trostes
und des Friedens, reich und überfließend in seiner
Barmherzigkeit und unermesslich in seiner Gnade
und Güte, die Er an uns durch seinen eingeborenen
Sohn Jesum Christum, unsern Erlöser und Seligma-
cher, erwiesen hat, der uns von der Gewalt des Satans,
dessen Sklaven und Dienstknechte wir durch unsere
Sünden und Ungerechtigkeiten waren, erlöste; aber
Er hat uns geliebt, sagt der heilige Johannes, und hat
uns gereinigt und uns in seinem Blut von allen unsern
Sünden und Ungerechtigkeiten gewaschen, womit
wir beschwert und beladen waren, und hat uns zu Kö-
nigen und Priestern vor Gott, seinem Vater, gemacht,
und die unüberwindliche Kraft des Heiligen Geistes
stärke deinen inwendigen Menschen, damit du im
Glauben der Wahrheit aufwachsen und zunehmen
mögest, welche dir der gute Gott durch seine unaus-
sprechliche Gnade und Barmherzigkeit offenbart hat,
damit du mit Josua und Kaleb und allen Frommen
Gottes das Land der Verheißung, nämlich das ewige
Leben, einnehmen mögest; das wünsche ich von gan-
zem Herzen dir, meinem Bruder in Christo Jesu, zu
deiner Seele Heil, Amen.
Mein geliebter Bruder in Christo Jesu, geheiligt und
gereinigt und von Gott erwählt, ich grüße dich mit
diesem meinem Briefe, den ich an dich hier in mei-
nen Banden aus christlicher Liebe schreibe, damit du
wissen mögest, wie es mit mir steht, wofür ich dem
guten Gott nicht genug Lob und Dank sagen kann,
der mir Unwürdigen in allen meinen Anfechtungen
beigestanden hat, sodass ich mit dem Propheten Da-
vid sagen kann: Wo ist solch ein Gott wie unser Gott,
der den nimmermehr verlässt, der auf Ihn traut, denn
wer auf den Herrn vertraut, soll nicht zu Schanden
werden, indem der Prophet sagt: Wer auf den Herrn
vertraut, wird nicht fallen, sondern stehen bleiben.
783
wie der Berg Zion. Also, lieber Bruder, setze ich mein
Vertrauen allein auf den Herrn, dem ja alle Frommen
vertraut haben von Anfang der Welt her; sie sind auch
nicht zu Schanden geworden, sondern in aller Trübsal
und jeder Angst ist der Herr ihr Helfer gewesen, hat
nach seiner Verheißung ihnen beigestanden und sie in
Wasser und Feuer bewahrt, wie wir davon viele Exem-
pel in der Schrift zu unserem Unterricht finden, wenn
wir ansehen, wie Gott die Kinder Israel durchs rote
Meer trocknen Fußes führte, und sie dadurch von der
Hand des grausamen Pharao erlöste, der sie verfolgte
und es auch versuchte, durchs Meer zu gehen; aber
sie kamen sämtlich um. Daraus kannst du merken,
wie der Herr den erlöse, der auf Ihn vertraut; ebenso
kannst du den heiligen frommen Daniel betrachten,
der ohne Speise in der Löwengrube lag; sieh, der Herr
hat ihn nicht verlassen, sondern durch den Propheten
Habakuk gespeist.
Ebenso, lieber Bruder, speist auch der Herr diejeni-
gen, die ein festes Vertrauen zu Ihm haben, mit einer
geistigen Speise, nämlich mit seinem heiligen Wort,
welches Er uns zur Speise unserer Seelen gegeben
hat, denn Christus sagt deutlich, daß der Mensch
nicht vom Brot allein lebe, sondern von einem jeden
Wort, das aus dem Mund des Herrn kommt, denn
wie der Mensch durch Brot gespeist und unterhal-
ten wird, so wird der innere Mensch durch das Wort
des Herrn gespeist und ernährt, und wie ein Mensch,
wenn ihm seine Nahrung, womit er sich unterhält,
entzogen wird, stirbt, so auch, Geliebte, wenn dem
innerlichen Menschen, nämlich der Seele, ihre Speise
vorenthalten wird, nämlich das Wort Gottes, wodurch
sie gespeist und unterhalten wird, so vergeht sie. Dar-
um ist es nötig, daß wir einander ermahnen, wie der
Apostel Paulus sagt, so lange es heute heißt, die Ge-
bote Gottes zu halten, damit der innerliche Mensch
von Tag zu Tag gespeist und ernährt werde, und da-
durch aufwachse und stark werde, denn der Apostel
Petrus sagt: Ich achte es für angemessen, solange ich
in dieser Hütte bin, euch zu ermahnen, wiewohl ihr
in der gegenwärtigen Wahrheit gestärkt seid, damit,
wie Paulus sagt, niemand durch Betrug der Sünde
verführt oder verhärtet werde. Darum, mein lieber
Bruder, sei der Worte Paulus eingedenk, wo er sagt:
Ermahnt die Ungezogenen, tröstet die Kleinmütigen,
tragt die Schwachen und seid langmütig und gegen
alle Menschen geduldig.
Ach, mein geliebtester Bruder, werde nicht müde
in den Wegen des Herrn, noch schwach in der Unter-
haltung der Gebote Gottes; habe daran deine Lust Tag
und Nacht, mit allen Frommen Gottes, und sage mit
dem Propheten David: Herr, dein Wort tröstet und
erfreut mich mehr, als alle Schätze und Reichtümer
dieser Welt, und abermals, dein Wort, Herr, ist mir
lieber, als viel Gold und Silber.
Betrachte, wie sich alle Frommen Gottes mit dem
Worte des Herrn getröstet haben, so tröste du dich
denn auch damit, denke daran dein lebelang, lass
es in deiner Seele gepflanzt sein, daß es dich selig
machen möge.
So sage ich denn dir, mein vielgeliebter Bruder
Hans, gute Nacht, gute Nacht, wenn dies das letz-
te Schreiben sein sollte; ich bitte dich, Geliebter, halte
auch steif an im Ermahnen, Unterweisen und Lehren,
nach der Gabe, die dir Gott aus seiner unaussprech-
lichen Gnade gegeben hat. Hast du viel empfangen,
so teile reichlich mit, hast du wenig, so teile auch von
dem Wenigen mit. Sei allezeit zur Verantwortung be-
reit gegen jedermann, der Rechenschaft fordert von
der Hoffnung, die in dir ist. Suche mit dem, was du
empfangen hast, viel zu gewinnen, damit der Herr
zu dir sagen möge: Komm, du getreuer Knecht, über
wenig bist du getreu gewesen, ich will dich über viel
setzen. Bedenke, lieber Bruder, daß der Herr den nicht
unbelohnt lassen werde, der Ihm getreu ist. Darum
sagt Gott in der Offenbarung Johannes: Wer getreu
bleibt, soll die Krone des ewigen Lebens empfangen.
So bleibe denn, mein allerliebster Bruder, getreu, da-
mit du mit allen Frommen Gottes mit der Krone des
ewigen Lebens gekrönt werden mögest; darin wolle
dich der gute Gott stärken, Amen.
Mein lieber Bruder H., mein Herz und Gemüt woll-
te dir wohl mehr schreiben, nach der kleinen Gabe,
die ich Unwürdiger von dem Herrn empfangen habe,
aber es mangelt mir an Papier, und ich bin besorgt,
daß du dieses kaum wirst lesen können, weil das Pa-
pier sehr durchschlägt. Ach, danke dir sehr herzlich
für das, was du mir so treulich gesandt hast; ich kann
dir nicht schreiben, wie es mich erfreut hat, denn ich
habe in langer Zeit nichts von euch gehört. Ich bitte
dich, danke unserm Bruder H. in meinem Namen sehr
herzlich für seinen Brief, den ich, nicht ohne Weinen,
habe lesen können, um seiner tröstlichen Ermahnun-
gen willen; er schreibt mir, ich sollte A., H. und B.
einen Brief schreiben; ach, Brüder, wie gern täte ich
das, lieber als Essen; aber die Feinde der Wahrheit ha-
ben mich daran verhindert, sodass ich nicht weiß, wie
ich sie euch senden soll; ich weiß nicht, wie ich diesen
Brief hinaussenden soll; ich habe ihn auf Hoffnung
geschrieben, ob unser lieber Herr ein Mittel geben
möchte, und wenn ich auch mehr schreiben wollte,
so habe ich kein Papier mehr. Dieses habe ich mit ein
wenig Saft von Krakebeeren geschrieben; ich hoffe,
du werdest mir, wenn es dem Herrn gefällt, noch et-
was Gerätschaft zur Arbeit senden, denn ich bin hier
müßig, damit ich meine Zeit angemessen zubringen
784
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
könne. Dieses sei für dieses Mal genug, mein lieber
Bruder.
Hiermit sage ich gute Nacht, gute Nacht, mein Bru-
der, gute Nacht; der Gott des Trostes und des Friedens,
der Gott Jakobs und Israels bewahre dich in dem Glau-
ben der Wahrheit; Er sei ewig mit dir, Amen.
Ich grüße dich, lieber B., mit einem heiligen Kuss
des Friedens, grüße mir meine Mutter sehr herzlich,
auch alle meine Schwestern, unsern B. H., meinen
Meister, und sage, daß ich ihr neulich einen Brief ge-
sandt hätte, weiß aber nicht, ob sie denselben erhalten
habe. Grüße mir alle Heiligen; Gnade und Friede sei
mit euch allen, Amen.
Von mir, deinem schwachen Bruder Hans Bret, ge-
genwärtig in Banden um des Evangeliums willen,
welches allen denen eine Kraft Gottes ist, die daran
glauben.
Als auf diese große Hitze der Verfolgung, welche
die Papisten überall, so weit sich ihr Gebiet erstreckte,
erregt hatten, in einigen Städten in Holland, Seeland,
und besonders in der Stadt Middelburg, wo der Prinz
von Oranien, Wilhelm der Erste hochlöbl. Gedächtn.,
sowohl den Taufgesinnten, als anderen, Gewissens-
freiheit vergönnt hatte, eine Kühle erfolgte, weshalb
sich viele der imschuldigen und wehrlosen Schafe
Christi dort niederließen und in der Stille mit dank-
barem Herzen Gott dienten, so haben einige von den
Einwohnern dieser Stadt, wiewohl sie zuvor selbst un-
ter dem Druck des päpstlichen Joches lebten, solches
beneidet, und bei der dortigen Obrigkeit so viel be-
wirkt, daß den Taufgesinnten, die sich dort aufhielten,
angesagt wurde, daß sie in Form eines Eides der Stadt
Treue schwören, und überdies mit äußerlichen Waffen
sich, wie andere Bürger, um dem Feinde Widerstand
zu tun, rüsten müssten, und wenn sie das nicht tun
würden, sollten sie verbunden sein, ihre Handwerke,
Gewerbe und Hantierungen, welche zu des Leibes
Unterhalt gehörten, aufzugeben, ihre Häuser zuzu-
schließen.
Als solches den Taufgesinnten angekündigt wurde,
haben sie (weil sie sich weder zu einem Eidschwur be-
quemen, noch mit äußerlichen Waffen rüsten konnten)
ihre Zuflucht zu dem vorgemeldeten Prinzen von Ora-
nien genommen und ihn demütig ersucht, er wolle
sie Gewissensfreiheit in der Belebung ihres Glaubens
genießen lassen, daß sie jedoch alle bürgerlichen Las-
ten, Schätzungen und dergleichen, treulich aufbrin-
gen wollen; daß man ihnen bei Ja und Nein, statt eines
Eides, glauben möchte, und daß sie solches aufrich-
tig ohne Ausflüchte, Schalkheit oder List unterhalten
wollten.
Diese Bitte hat ihnen der Prinz zugestanden und der
dortigen Obrigkeit befohlen, diese Leute mit vorge-
meldeter Auflage zu verschonen und mit dergleichen
Lasten die Gewissen nicht zu beschweren. Nachdem
wir hierüber zuverlässigen Bericht erlangt haben, hal-
ten wir es für nützlich und dienlich (zum Lob des
fürstlichen Hauses Nassau) solches hier anzuführen,
in der Hoffnung, es möchte andern Obrigkeiten zur
Richtschnur dienen.
Abschrift.
Nachdem von einigen Einwohnern dieser Stadt Mid-
delburg Seiner Exzellenz eine Bittschrift überreicht
worden ist, in welcher sie sich beklagen, daß die Ob-
rigkeit dieser Stadt vor kurzem ihre Werkstätten habe
zuschließen lassen und ihnen folglich verboten sich
zu ernähren, was doch ihr einziges Mittel ist, ihre
Haushaltungen zu unterhalten, und daß ihnen der
gewöhnliche Eid abgefordert worden sei, wie ihn an-
dere geleistet haben, weshalb jene Einwohner auf das
Bestimmteste nachgewiesen haben, daß sie nun schon
von langen Jahren her, ohne den vorgenannten Eid je-
mals getan zu haben, alle bürgerlichen Lasten, Schoß
und Schätzungen, so wie andere Bürger und Einwoh-
ner dieser Stadt, willig getragen hätten, ohne daß je-
mals an ihnen ein Betrug erfunden worden wäre, und
daß man sie auch deshalb gegenwärtig nicht beunru-
higen sollte, indem sie anders nichts begehrten, als
in der Freiheit nach ihrem Gewissen zu leben, um
welcher Ursache willen ja die Untertanen des Königs
von Spanien den Krieg gegen denselben aufgenom-
men und allen Gebräuchen widerstanden hätten, die
dagegen streiten, worin es auch nun, durch Gottes
Gnade, so weit gekommen ist, daß die vorgemeldete
Freiheit des Gewissens erhalten worden sei, und daß
es daher ungebührlich gehandelt wäre, wenn man
die Kläger dieselbe nicht genießen lassen wollte, da
sie doch nicht ohne ihres Leibes und Lebens große
Gefahr dieselbe hätten gewinnen helfen, indem sie
Schätzung, Schoß und andere Lasten getragen hätten,
was alles sie in einer Bittschrift vorgemeldeter Ob-
rigkeit vorgestellt hätten, daß es ihnen aber befohlen
worden wäre, daß sie sich nach der Regierungsform
und nach den Ordnungen der vorgemeldeten Stadt
richten müssten, wodurch vorgenannte Obrigkeit da-
hin zu trachten scheine, durch den Eid nicht allein die
Klagenden, in Middelburg wohnhaft, sondern auch
folgeweise unzählige andere, in Holland und Seeland,
die sich unter Ihro Exzellenz Schutz, vermöge Dero
Ausschreiben, begeben haben, mit Weibern und Kin-
dern, zu ihrem gänzlichen Verderben, zu vertreiben,
woraus zwar niemandem ein Nutzen, wohl aber ein
großer merklicher Schaden in diesen Landen entste-
hen könnte, weil dadurch überall die Nahrung sehr
785
vermindert werden würde, und daß sie deshalb Ihro
Exzellenz demütig ersuchten, die Sache mit Mitleiden
einzusehen, und darin nötige Verordnung zu erlassen,
insbesondere, da sich ja vorgemeldete Klagenden er-
boten, daß statt des Eides ihr Ja so viel gelten sollte
als ein Eid, und daß die Übertreter als Meineidige
gestraft weiden sollten, so hat denn Seine Exzellenz,
nach vorhergegangener Betrachtung und reifer Über-
legung dessen, was zuvor gemeldet worden ist, auf
gehaltenen Rat mit dem Gouverneur und den Raten
von Seeland verordnet und beschlossen, und verord-
net und beschließt kraft dieses, daß bei der Obrigkeit
gemeldeter Stadt vorgenannte Kläger mit ihrem Ja,
statt eines Eides, als wozu sie sich erboten haben, be-
stehen sollen und daß die Übertreter als Eidbrecher
und Meineidige gestraft werden sollen.
Darum befiehlt und gebietet Seine Exzellenz der Ob-
rigkeit von Middelburg und allen andern, die dieses
angehen möchte, die Kläger mit dem Eid und andern
gegen ihr Gewissen streitenden Dingen ferner nicht
zu beschweren, sondern sie ihre Werkstätte öffnen
und ihr Gewerbe treiben zu lassen, wie sie zuvor ge-
tan haben, welches alles, nach reifer Beratschlagung
mit mehrerer Ruhe, gebürlichermaßen eingerichtet
werden soll.
So geschehen unter Seiner Exzellenz Namen und
Siegel in Middelburg den 26. Januar 1577. Versiegelt
mit rotem Wachs, unten stand Guil. von Nassau.
Was hierauf erfolgt sei, soll auf das Jahr 1578 ange-
führt werden. Unterdessen haben die Papisten an den
Orten, wo sie ihre Regierung hatten, mit aller Grau-
samkeit und Tyrannei, die Lämmer der Herde Christi
wie reißende Wölfe angefallen, sodass viele haben ihr
Leben lassen müssen, wie aus dem Verlauf ersehen
werden kann.
Lorenz Janß Noodruft von Delft, 1577.
Nach mancherlei Verfolgung, Würgen und Brennen
der wahren Nachfolger Christi ist auch ein frommer
Bruder, Namens Lorenz Janß gewesen, seines Hand-
werks ein Schuhmacher, dieser hat lieber erwählt, mit
dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als die zeitli-
che Ergötzlichkeit der Sünden mit den Ungläubigen
zu haben, in der Hoffnung, dereinst mit allen wah-
ren Kindern Gottes den Himmelsraum zu genießen,
und lieber hier eine kurze Zeit seinem Fleisch und
den Wollüsten dieser Welt abzusterben, als es dereinst
mit ewigem Wehklagen in des höllischen Feuers Pein
bezahlen zu müssen. Daher ist er von den Verfolgern
und Feinden der Wahrheit im Jahre 1576, im Monat
August, zu Antwerpen gefangen genommen worden,
wo er (durch Gottes Gnade) eine schwere Gefangen-
schaft ertragen und vielen Anfechtungen widerstan-
den hat. Als er nun keineswegs zum Abfall gebracht
werden konnte (sondern auf Christum fest gegrün-
det war), haben ihn die Herren und Regenten dieser
Welt, die durch die Pfaffen und Mönche angetrieben
wurden, vom Leben zum Tode verurteilt. Also ist er
im Jahre 1577, im Monat Januar, an gemeldetem Orte
lebendig verbrannt worden, und hat den rechtschaffe-
nen Glauben der Wahrheit mit seinem Tod und Blut
bezeugt und befestigt, weshalb er für sein zerbroche-
nes, irdisches Haus einen Bau von Gott aus Gnaden
erlangt hat, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, son-
dern das ewig währen wird im Himmel.
Weil aber dieser Freund Christi keine Gerätschaft
zum Schreiben hat erlangen können, so hat er seinen
geliebten Freunden die Empfindungen seines zuge-
neigten Gemütes auf zwei zinnerne Löffel mit einer
Stecknadel geschrieben und zu erkennen gegeben.
Auf dem einen Löffel stand: Ich wünsche allen mei-
nen Brüdern und Schwestern viel Gnade von Gott,
unserm Vater, und den Frieden unseres Herrn Jesu
Christi, der allen Verstand übersteigt, derselbe werde
Meister von euer aller Herzen, und die Liebe Got-
tes, die alle Erkenntnis übersteigt, vermehre sich bei
euch allen, damit ihr in dem Werke des Herrn über-
fließend und standhaft sein und bleiben mögt. Ach,
meine lieben Freunde, nehmt doch eurer selbst wohl
wahr; darum bitte ich euch, ich imwürdig Gefangener
in dem Herrn.
Auf dem andern Löffel stand: Gnade und Friede
von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesu Christo,
sei mit dir, meine sehr werte und herzgründlich und
in Gott geliebte Schwester in dem Herrn, Weyndel-
ken und deiner Tochter M., das wünsche ich dir aus
meines Herzens Grunde vor Gott, der Herzen und
Nieren prüft, daß du vor Ihm unbeschädigt und ohne
Hindernis in seiner Wahrheit wandeln mögest, wozu
Er dich berufen hat, und sieh allezeit auf Christum
und auf alle Frommen. Gute Nacht in dieser Zeit, gute
Nacht. Lorenz Janß Noodruft von Delft.
Hans de Ruyter, mit seiner Hausfrau und Tochter,
1577.
Zu Antwerpen wurde um seines Glaubens willen im
Jahre 1577 der Bruder Hans de Ruyter, ein Diener der
Gemeinde Gottes und ein in der Schrift sehr erfahre-
ner Mann, mit seinem Weib und mit seiner Tochter
verhaftet. Als sie ihm aber mit viel harten Prüfungen,
mit schönen Verheißungen, ihn frei zu lassen, und auf
andere Weise zusetzten, hat er sich zum Abfall von
seinem Glauben bewegen lassen, sodass er auch selbst
seine Hausfrau dazu ermahnte. Als er aber nachher
786
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
hörte, daß er gleichwohl sterben müsste, hat solches
ihn in solchen Schrecken und Niedergeschlagenheit
versetzt (weil er sah, daß er sich von den blinden
Führern mit Lügen hatte verführen lassen, der doch
ein Geleitsmann anderer hätte sein sollen), daß er
mit betrübtem Herzen und geängstetem Gemüt (weil
er merkte, wozu er sich hatte bewegen lassen, und
was ihm bevorstand) sich zu der Quelle der Gnaden
gewandt und mit heißen Tränen aus Bekümmernis
seiner Seele gebetet hat, daß ihm solcher Abfall und
solche Verleugnung seines Herrn doch vergeben, und
er wiederum mit dem verlorenen Sohn in Gnaden
aufgenommen werden möchte, dann wollte er sein le-
belang standhaft dabei bleiben, und sich durch nichts
mehr abwenden lassen. Dieses hat er nicht allein mit
Worten verheißen, sondern auch mit der Tat bewie-
sen, denn welche Versuchung, Pein und Marter man
ihm nachher angetan hat, so ist er doch standhaft bei
seinem wieder angenommenen Glauben geblieben,
sodass er zuletzt, mit seiner Hausfrau und Tochter,
darum verbrannt worden ist. Nun erwarten sie unter
dem Altar, daß die Zahl ihrer Brüder erfüllt werde.
Wir haben im Anfang des vorhergehenden Jahres
1577 den verkehrten Eifer mehrerer Nachfolger der
Calvinischen Lehre angeführt, welche zu Middelburg,
in Seeland, so viel bewirkt hatten, daß den Taufge-
sinnten, die aus dem römischen Babel geflohen waren,
und sich dort niedergelassen hatten, verboten wur-
de, ihr zeitliches Gewerbe oder Hantierung, wovon
sie ihr Leben unterhalten mussten, zu treiben, weil
sie sich weigerten, den bürgerlichen Eid zu schwö-
ren, und die Kriegswaffen zu gebrauchen, weshalb
(wie an seinem Ort gemeldet worden ist) von dem
Prinzen von Oranien der Obrigkeit dieser Stadt be-
fohlen worden ist, jene Leute in der Stille wohnen zu
lassen, und ihre Gewissen nicht zu beschweren; aber
anstatt, daß die Obrigkeit, weil es von hoher Hand
herkam, solches befolgt hätte, ist das Gegenteil ge-
schehen, indem die Taufgesinnten, die in jener Stadt
und insbesondere auf dem Lande wohnten, genötigt
wurden, sich mit einer demütigen Bittschrift abermals
an den Prinzen zu wenden, um Freiheit ihrer Religion
zu erlangen, welcher darauf wiederholt an dieselbe
Obrigkeit nachfolgenden Befehl erlassen hat.
Abschrift.
Der Prinz von Oranien, Graf von Nassau, Herr und
Baron von Breda, Diest [...], an die edle, tapfere, ehr-
same, weise, besondere [. . . ]
Nachdem gewisse Hausleute, die daselbst wohnen,
und, wie man sagt. Tauf gesinnte sind, uns zu wieder-
holten Malen klagend zu erkennen gegeben haben.
daß ihr sie täglich beschwert und ihnen die Gelegen-
heit benehmt, in Ruhe und Stille die Kost für sich und
ihre Haushaltungen zu gewinnen, indem ihr ihnen
verboten habt, ihre Werkstätten zu öffnen, unter dem
Vorwand, daß sie sich weigerten, den Eid in der Form,
wie andere Bürger, abzustatten, was alles wir reiflich
erwogen haben, und nachdem vorgemeldete Leute
sich erbieten alle Lasten, der Redlichkeit gemäß, zu
tragen, wie die andern Bürger (doch was den Handel
wegen der Waffen betrifft, so sollen sie zwar davon be-
freit sein, jedoch haben sie darin ihre Schuldigkeit auf
ihre Kosten zu tun, wie ihr, oder diejenigen, die dar-
über zu befehlen haben, der Redlichkeit und Billigkeit
nach es für gut befinden werden), so dünkt uns, daß
ihr großes Unrecht tut, weil ihr sie nicht in Ruhe und
Stille nach ihrem Gemüt und Gewissen leben lasst,
wie es der Brief, den wir ihnen mit Zustimmung des
Gouverneurs und der Räte früher verliehen, und wel-
chen sie euch, wie sie sagen, vorgelegt haben, besagt,
wie wir denn auch vernehmen, daß ihr bis hierher
nicht habt darauf achten wollen, noch auf unsere frü-
heren Briefe, so sind wir genötigt worden, zum letzten
Male diese Verordnung aufzusetzen, in welcher wir
euch öffentlich erklären, daß es euch nicht zusteht,
euch insbesondere um jemandes Gewissen zu beküm-
mern, wenn nichts gehandelt oder getan wird, das zu
jemandes Ärgernis gereichen sollte, in welchem Falle
wir niemanden begehren zu schützen oder zu dulden.
Deshalb befehlen und verordnen wir euch ausdrück-
lich, daß ihr fernerhin ablasst, die vorgenannten Leute,
nämlich Taufgesinnte, zu beschweren, oder sie zu ver-
hindern ihren Kaufhandel und Handwerk zu treiben,
um für Weib und Kinder die Kost zu verdienen, son-
dern daß ihr sie ihre Kramläden öffnen und arbeiten
lasst, wie sie zuvor getan haben, wenigstens so lange,
bis von den Generalstaaten, denen es zukommt, eine
andere Verordnung erlassen wird. Darum hütet euch,
daß ihr nichts dagegen, und gegen die Verordnung,
die wir ihnen verliehen haben, unternehmt, und ir-
gendeine Geldstrafe um oben gemeldeter Ursachen
willen ihnen abnehmt, solange sie nichts unterneh-
men, das zu jemandes Ärgernis gereichen möchte,
und so lange sie alle bürgerlichen und redlichen Las-
ten wie andere tragen werden Edle, Tapfere, Ehrsame,
Weise, Bescheidene, Liebe, Besondere, bleibt Gott be-
fohlen. Geschrieben zu Antwerpen den 16. Juli 1578.
Unten stand: Abgeschrieben von Baudemont. Unter
vorgemeldeter Abschrift stand geschrieben von dem
Schreiber Baudemont, und damit einstimmig befun-
den, von mir, Jakob Masureel, öffentlicher Schreiber
der Stadt von der Vere, den 15. November 1579. Und
war unterschrieben: J. Masureel, öffentlicher Schrei-
ber.
787
N acherinnerung.
Obgleich der Prinz hochl. Gedächtn. diese Gewissens-
freiheit in der Ausübung des Gottesdienstes nun zum
zweiten Male so scharf befohlen hatte, so ist doch
die wahre Frucht nicht darauf erfolgt, wiewohl man
den Befehlen in den nächstfolgenden Jahren nachge-
kommen ist, denn nach dem Absterben dieses guten
Fürsten hat man abermals die Verfolgung wieder an-
gefangen; doch ist solches durch seinen Sohn (wie
an seinem Orte gemeldet werden soll), zum Heil der
wehrlosen Kirche Gottes, durch ein drittes Verbot ver-
hindert worden.
Henrich Sumer und Jakob Mandel, 1582.
Im Jahre 1582, in der ersten Woche des September,
ist der liebe und getreue Bruder, Henrich Sumer, ein
Diener des Wortes Gottes, der noch in der Prüfung
stand, und mit ihm Jakob Mandel, zu Zurzag in der
Schweiz um seines Glaubens und des Zeugnisses Jesu
Christi willen in Verhaft genommen worden. Darauf
hat man sie nach der Stadt Baden geführt, wo sie von
dem Landvogt und den Richtern in Beisein des Vol-
kes auf dem Rathause öffentlich verhört und wegen
ihres Glaubens untersucht worden sind, welchen sie
freimütig bekannt haben. Bei diesem Verhör waren
vierundzwanzig Pfaffen, welche versuchten, ob sie
dieselben zum Abfall bringen und von ihrem Glau-
ben abirren machen könnten, aber sie konnten nichts
erreichen oder sie irgendeines Unrechtes oder Irrtu-
mes überführen, vielweniger eine Ursache zu ihrem
Tode auf redliche Weise an ihnen finden.
Als nun diese Brüder und christlichen Helden im
Glauben standhaft und durch das Wort Gottes freimü-
tig bezeugten und bewiesen, daß sie auf dem rechten
schmalen Weg der Wahrheit zum ewigen Leben in
Christo Jesu wären, wovon sie keineswegs abweichen
wollten, und sollte es sie auch das Leben kosten, so
sind die Pfaffen zuletzt dahin einig geworden, und
haben zu den Ratsherren gesagt, sie wüssten weiter
nichts zu tun, weil dieselben halsstarrig blieben, des-
halb müssten sie nach ihrem Gutdünken mit ihnen
handeln.
Man sollte ihnen also nun das Todesurteil fällen,
aber die Ratsherren konnten nicht einstimmig wer-
den, denn einige unter ihnen wollten ihren Tod nicht
auf sich laden, und daran Schuld sein, weil es sich um
Glaubenssachen handelte, und sie dieselben für from-
me Männer hielten, aber, weil die meisten Stimmen
dahin stimmten, daß man sie vom Leben zum Tode
bringen sollte, so beschlossen sie darauf, daß man mit
ihrem Urteil fortfahren sollte. Und als nun die Brüder
vernahmen, daß ihre Zeit gekommen wäre, daß sie
aus der Welt gehen sollten, freuten sie sich von Her-
zen, und waren fröhlich und wohlgemut, sagten auch,
es wäre ihnen eine viel größere Freude, als wenn sie
irgendwo auf eine Hochzeit gehen sollten, ja sie wa-
ren sehr wohlgemut, weil sie Gott so würdig erkannt
hatte, daß sie seinen Namen durch solchen aufrichti-
gen Tod verherrlichen sollten, was viele Fromme und
Freunde Gottes vor ihnen getan hatten, und daß sie
so die himmlische Krone erlangen würden.
Als man sie nun hinausführte, haben sie zum Volk
freimütig geredet und die versammelte Menge er-
mahnt, sie sollten Buße tim und sich von ihrem sünd-
haften Leben zu Gott bekehren; hiernächst fingen
sie beide an sehr lieblich und mit süßer Stimme aus
Grund des Herzens dem Herrn einen Lobgesang zu
singen.
Es war eine große Volksmenge zugegen, und vielen
darunter fielen die Tränen aus den Augen, als sie sie
singen und sagen hörten, daß sie in der Stunde des
Todes so wohlgemut wären, aber die ewige Freude
stand ihnen vor Augen, und sie freuten sich nach dem
inwendigen Menschen, daß sie zu Abraham, Isaak
und Jakob kommen sollten, zu allen Ältesten und der
ganzen Schar der Heiligen, zu allen Propheten und
Aposteln des Herrn, und zu ihren unlängst verstorbe-
nen frommen Mitbrüdern und Schwestern, ja zu Jesu
Christo selbst, ihrem Heiland und Seligmacher; also
sangen sie bis an das Wasser, wo man sie ertränken
sollte.
Als sie nun hinauskamen, sprach Henrich: Nun,
mein Bruder Jakob, weil wir so lange miteinander
Bekanntschaft gehalten, so lass uns miteinander die
Reise fortsetzen durch diesen zeitlichen Tod in das
ewige Leben. Der Bruder Jakob Mandel musste zuerst
daran; der Scharfrichter nahm ihn und ertränkte ihn
im Wasser; als er tot war, zog er ihn wieder heraus,
legte ihn dem Henrich vor die Augen und sagte: Mein
lieber Henrich, sieh doch deinen Bruder an, der um
sein Leben gekommen ist, und steh doch noch ab,
sonst musst du auch sterben, da ist kein anderer Rat.
Aber er sprach: Denkt doch ja nicht, daß ich abstehen
und die göttliche Wahrheit verlassen werden; ich will
dabei ausharren und sollte es mich auch Leib und
Leben kosten. Auch bat ihn ein Pfaffe sehr ernstlich
und sprach: O mein lieber Henrich, lass doch ab von
deinem neuen Unglauben und von dieser bösen Sekte.
Aber der Bruder Henrich wandte sich zu ihm und
sagte: Was, Sekte? Ich glaube an Gott, den allmäch-
tigen Vater, und an Jesum Christum, unsern Herrn
und Heiland, und an sein heiliges Wort und seinen
göttlichen Befehl, darin stehe ich; hältst du das für
eine Sekte? Darfst du den rechten christlichen Glau-
788
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ben eine Sekte schelten? Was hast du denn für einen
Glauben? Hast du einen andern Glauben, so bist du
selbst in einer Sekte und in einem neuen Glauben;
stehe davon ab und verlasse dein sündhaftes, laster-
haftes und gottloses Leben. Also wurde der Pfaffe zu
Spott und Schanden, und musste schweigen. Als sie
nun sahen, daß er noch standhaft blieb, nahm ihn der
Scharfrichter und ertränkte ihn auch, wie den andern.
Dieses geschah den neunten Oktober des vorgemel-
deten Jahres 1582 zu Baden im Schweizerland, als sie
fünf und eine halbe Woche gefangen gesessen hatten.
Melchior Platser, 1583.
Im Jahre 1583, am Freitag nach Pfingsten, ist Melchior
Platser, der ein Apotheker war, in dem Dorf Ranck-
weil, in der Feldkircher Vogtei, um des Glaubens wil-
len gefangen genommen worden. Man hat ihn dort in
eiserne Bande geschlossen, nach Feldkirch ins Schloss
geführt und daselbst in einem tiefen Turm gefangen
gesetzt, wo er einige Male vor die Obrigkeit und die
Pfaffen geführt worden ist. Er war allezeit bereit, we-
gen seines Glaubens Bescheid und Antwort zu geben
und ihrer falschen Lehre zu widerstehen.
Da wurde aus der Stadt Pregits ein Pfaffe zu ihm
gebracht, den sie für sehr weise und gelehrt hielten;
dieser nahm sich vor, mit dem Bruder Melchior öf-
fentlich zu disputieren, in der Hoffnung, er würde
Ehre und Ruhm damit erjagen; aber er wurde bald
zu Schanden, sodass er selbst sagte: Hat mich der
Teufel um deswillen hierher gebracht, daß ich von
einem Täufer überwunden werden sollte? Als sie nun
ihm nichts abgewinnen konnten, haben sie (weil da-
selbst alles papistisch ist) nach lutherischen Pfaffen
gesandt und dieselben zu ihm gebracht, ob sie ihn
belehren könnten; aber sie galten ebenso viel bei ihm;
er überzeugte sie, daß sie beide in der Ungerechtig-
keit ständen, und ihre Lehre mit Unrecht unterhielten
und verteidigten; weshalb es gegenwärtig in der Welt
mit allen Sünden, Lastern und der Abgötterei so übel
stände, weil ja die Pfaffen selbst die größten Schälke
und Buben wären.
Als sie ihn nun weder verführen noch betrügen
konnten, haben sie ihn der Obrigkeit übergeben und
als einen Verräter angeklagt, der den Tod verdient hät-
te; aber zuvor boten sie ihm noch an, wenn er Gnade
begehrte und einen Eid schwören wollte, daß er aus
ihrem Land und Gebiet ziehen wollte, so wollten sie
ihn leben und fortziehen lassen; er antwortete jedoch,
ehe er abstehen und solchen Eidschwur leisten würde,
wollte er lieber erwarten, was Gott ihnen mit ihm zu
tun zulassen würde, und sollte es ihn auch Leib und
Leben kosten. Er sagte ihnen auch, ihre Bedrohungen
erschreckten ihn nicht, es gelte ihm gleichviel, denn
er müsste doch einmal sterben.
Da ward der Landvogt zu Feldkirch gerührt und
bat, daß sie ihn wieder nach Rankweil führen wollten,
in dasselbe Dorf, wo sie ihn gefangen hatten, als ob
er damit seine Hände von ihm hätte waschen und an
seinem Blute unschuldig sein wollen.
Als sie nun nach Rankweil kamen, hielten sie Ge-
richt über ihn nach dem Befehl des großen Hannibals,
dem er von dem Fürsten zu Innsbruck übergeben war,
um damit nach seinem Belieben zu handeln; da haben
sie das Urteil gefällt, daß man ihn sogleich vom Leben
zum Tode bringen sollte.
Als der Bruder hörte, daß er aus dieser Welt schei-
den sollte, hat er Gott, dem himmlischen Vater, treu-
lich gedankt und sich erfreut, daß ihn Gott würdigen
wollte, die Wahrheit mit seinem Blut zu bezeugen,
was er für eine große Wohltat Gottes hielte.
Kurz darauf wurde er dem Scharfrichter in die Hän-
de gegeben, der ihn auf den gewöhnlichen Richtplatz
führte; das Volk war sehr betrübt und mitleidend,
aber der Bruder Melchior fing an mit großem Eifer
zu dem Volk zu reden und ermahnte sie, ihres gottlo-
sen Lebens, worin sie lägen, eingedenk zu sein, und
daß sie sich nicht länger so unbillig des Christentums
rühmen sollten. Ach, welch ein Weh (sagte er) und
ewiges Leiden wird über solche Menschen kommen,
die so unschuldig den töten und um das Leben brin-
gen, der sich von dem gottlosen, schändlichen Leben
der Welt abgesondert und abgewandt hat! Doch ich
will solches Gott im Himmel anbefehlen (sagte er), der
solchen Maulchristen wohl ihren Lohn geben wird.
Die Pfaffen wandten sich auch zu ihm, als man ihn
hinausführte, und wollten ihn trösten, aber er sprach:
Ihr Pfaffen seid wie die Schlangen und Skorpione (vor
welchen uns Christus gewarnt hat), die voll Gräuel
und Verderben stecken. Darauf hießen sie ihn schwei-
gen, wenn er ihnen so trotzig begegnen wollte. Hier-
nächst fing er an mit heller Stimme zu singen, bis er
auf den Platz kam, wo man ihn richten sollte. Dar-
nach warnte er das Volk abermals, daß sie sich vor
den falschen Propheten hüten sollten, die sie in der
Ungerechtigkeit unterhielten, trösteten und stärkten,
und ihnen dabei Freiheit und Leben zusagten, damit
sie desto weniger von der Bosheit abstehen möch-
ten; so ernstlich und viel redete er zum Volk, daß der
Schweiß ihm über das Angesicht lief. Der Scharfrich-
ter trocknete ihm das Angesicht und sagte: Rede frei,
ich will dich nicht übereilen. Kurz darauf sprach der
Scharfrichter zu ihm: Wenn du dich bequemen und
nach des Landvogts Sinne handeln und ihr Tim als
recht erkennen willst, so hat man mir Vollmacht ge-
geben, dich freizulassen. Melchior antwortete: Das
789
tue ich nicht! Darum fahre nur fort und tue, was dir
befohlen ist. Darauf hat der Scharfrichter ihn sofort
mit dem Schwert gerichtet und ihm das Haupt schnell
abgeschlagen. Nicht weit davon lagen aufgerichtete
Holzhaufen; auf diese legte er seinen Leib und ver-
brannte ihn, nachdem er sechs und zwanzig Wochen
lang gefangen gesessen hatte. Also hat er die bekann-
te Wahrheit behalten, solange er im Leben war und
einen Atemzug in sich hatte.
Andreas Pirchner, 1584.
Den 26. Tag Mai im Jahre 1584 ist Andreas Pirchner zu
Laitsch in Finsgau, in seinem Vaterlande, in Verhaft
genommen und von da nach Soltrain geführt worden,
wo er dreimal auf die Folter gebracht und sehr gepei-
nigt wurde. Als sie nun von ihm wissen wollten, wo
er seine Wohnung und mit wem er Umgang gehabt
hätte, und daß er diese angeben sollte, hat er geant-
wortet, er wollte kein Judas sein und diejenigen, die
ihm Gutes getan hätten, verraten, daß ihnen dadurch
irgendein Leid widerfahren sollte; er wollte lieber Leib
und Leben, ja, ein Glied nach dem andern verlieren;
auch wären das keine Sachen, die den Glauben oder
Artikel desselben beträfen; aber was den Glauben an-
belangt, denselben wolle er willig und gern bezeugen,
und sein Tun und Lassen nicht verschweigen; er hätte
Gott im Himmel in der christlichen Taufe ein Verspre-
chen getan, dabei wolle er bleiben und vor Gott kein
Lügner sein; darüber wolle er (wenn es anders nicht
sein könnte) den Tod geduldig leiden und wolle auch
nichts anders begehren, als daß er durch sein Blut und
Leiden einigen armen Seelen Veranlassung zur Besse-
rung und Erkenntnis der Wahrheit werden möchte.
Darauf hat man die Pfaffen zu ihm gesandt, daß
sie mit ihm disputieren und handeln sollten, aber sie
haben, was sie auch mit ihm anfingen, dennoch nichts
ausgerichtet, denn er hat ihnen sofort ihr sündhaf-
tes und liederliches Leben vorgeworfen und ihnen
gesagt, daß sie niemanden zu einem tugendhaften Le-
ben anführen, noch darin unterrichten könnten, weil
sie selbst blind wären; weiter sprach er, sie sollten
selbst ihr Tun und Lassen betrachten und von ihrem
sündhaften Leben abstehen; auch hat er ihnen einige
Reden oder Sprüche aus dem Alten und Neuen Testa-
ment vorgehalten, sodass sie nach ihrem Willen mit
ihm nichts ausrichten konnten, sondern er ist allezeit
in seinem Glauben standhaft geblieben. Er ist auch
von vielen sehr eindringlich ermahnt und gebeten
worden, sowohl privatim als auch öffentlich, er möge
doch von seinem Glauben abstehen, denn er sähe ja
wohl, daß es mit ihm sonst nicht anders sein könnte,
als daß er sterben müsste. Darauf antwortete er: Alle,
die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Ver-
folgung leiden, wie die Schrift sagt; hierbei will ich
bleiben und bitte täglich Gott, meinen himmlischen
Vater, daß sein Wille geschehen möge; ist es nun Got-
tes Wille, so kann er es wohl fügen, daß ich frei werde;
ist es aber nicht sein Wille, so will ich geduldig ster-
ben. Sie baten ihn, er möge doch einmal abstehen und
widerrufen, so würde man ihn ziehen lassen, er könn-
te seinen Glauben ja doch wieder annehmen; aber er
antwortete: Nein, das kann und mag nicht sein, Gott
behüte mich davor, daß ich mein Versprechen bre-
chen und vor Ihm als Lügner erscheinen sollte, denn
alsdann wäre ich wie ein Hund, der das wieder auf-
frisst, was er einmal ausgespien hat, ebenso würde es
mir auch gehen; ich müsste das widerrufen und zu
Lügen machen, was ich doch lange für die Wahrheit
und den Willen Gottes bekannt und ausgegeben habe;
dann könnte ich in langer Zeit keine rechte Buße tun,
und wer weiß, ob ich überhaupt Buße tun und Gna-
de erlangen könnte. Darum will, kann und mag ich
es nicht tun, und will lieber sterben, hoffe auch mit
Gottes Hilfe ein lebendiger Märtyrer um seiner Wahr-
heit willen zu werden. Hiernächst hat man ihn von
Soltrain nach Schlanders geführt und dort nach dem
erlassenen fürstlichen und alten kaiserlichen Befehl
und Gebot zum Tode verurteilt und dem Scharfrichter
übergeben, der ihn nach dem Richtplatz geführt hat.
Als man ihn nun hinausführte, hat er mit fröhli-
chem Gemüt gesagt: Gott sei gelobt, daß es mit mir
so nahe ans Ende gekommen ist, und weil es so sein
Wille ist, so will ich auch geduldig sterben, und so
verehrte er sein Ende mit vielen Danksagungen und
christlichen Lehren und Reden zu dem Volk. Sodann
ist er niedergekniet, und obgleich es den ganzen Tag
bis auf jene Stunde dunkles Wetter gewesen war, so
fing doch damals die Sonne an klar und hell zu schei-
nen und schien ihm ins Angesicht, worüber er sich
freute und sagte: Gott sei gelobt, daß Er mir seine
klare Sonne noch vor meinem Ende zeigt.
Als der Scharfrichter das Schwert entblößt hatte
und den Streich tun wollte, rief man ihm zu, er soll-
te einhalten; sodann bat man den Bruder sehr ernst-
lich, er möge doch abstehen, dann wollte man ihm
das Leben schenken, aber er wollte nicht und hielt
sein Haupt tapfer in die Höhe, hiernächst hat ihn der
Scharfrichter enthauptet, und er hat seinen Geist gott-
selig aufgeopfert; sodann wurde sein Leib mit Stroh
und ein wenig Feuer versengt.
Dieses ist den 19. Oktober des vergangenen Jahres
geschehen, als er zwei und zwanzig Wochen gefangen
gesessen hatte.
790
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Leonhard Sumerauer, im Jahre 1584.
Im Jahre 1584 ungefähr acht Tage vor Martini ist
der Bruder Leonhard Sumerauer aus dem Salzbur-
ger Land in Verhaft genommen worden, als er das
Land verlassen wollte, und zu Titmaing zu Schiffe ge-
gangen war. Die Schiffsleute wurden solches gewahr
und fuhren zu Berghausen an der Brücke an, damit
sie nicht zu Schaden kommen möchten; da hat man
ihnen einen Strick zugeworfen, an welchem er ans
Land gezogen worden ist, denn die Schiffsleute rie-
fen, daß sie einen Wiedertäufer bei sich hätten. Der
Schreiber, der dabei stand, ging zum Kanzler und sag-
te ihm, es wäre ein Wiedertäufer angekommen. Der
Kanzler ließ ihn gefangen nehmen, auch sofort auf die
Peinbank bringen und fünfmal jämmerlich peinigen,
auch zweimal an den Strick aufhängen, aber sie haben
von ihm nichts erlangen noch ihm irgendetwas abge-
winnen können; auf solche Weise hat er in der Zeit
seiner Gefangenschaft viel Pein und Schmerzen leiden
müssen und nebenbei auch viel Anstoß und Streit um
seines Glaubens willen, und weil er ihr Lehre nicht
annehmen wollte.
Als er nun fast ein halbes Jahr gefangen gesessen
hatte, hat man ihn auf den Richtplatz geführt. Auf
diesem Weg begleiteten ihn vier Pfaffen, welche stark
anhielten, er wolle doch abstehen; aber er sagte, er
wäre von seinem ungerechten Leben schon vor länger
als zwanzig Jahren abgegangen. Als man ihn durch
die Stadt führte, ermahnten sie ihn wiederholt, er wol-
le doch abstehen, aber er antwortete: Sollte ich von
Gott abweichen? Solches lehrt mich Christus nicht,
wenn er sagt: Wer mich vor den Menschen verleug-
net, den will ich auch vor meinem himmlischen Vater
verleugnen.
Als er nun zum steinernen Gericht hinausgeführt
wurde, sagten sie zu ihm: Sieh, da ist das Bild unseres
Herrn, beuge dich vor ihm nieder, aber er antworte-
te, er dürfe nicht, sie sollten mit ihm fortfahren. Die
Pfaffen fragten ihn, warum er von der christlichen
Kirche abgegangen wäre und sich zu den Ketzern (so
nannten sie dieselben) begeben hätte; er antwortete
hierauf: Doch nicht, sondern ich bin von den gottlosen
Götzendienern, Hurern, Gotteslästerern und allen Un-
reinen ausgegangen und habe mich zu den Frommen,
zu Gott und seiner Kirche begeben; sie aber sprachen:
Er hat den Teufel, der macht ihn so reden, gleichwie
auch die Juden Christum beschuldigten. Nachher ha-
ben sie ihn noch dreimal um Gottes willen gebeten, er
wolle doch abstehen, aber er wollte nicht. Der Scharf-
richter bat ihn auch nach besten Kräften, aber der
Bruder Leonhard sprach: Ei Lieber, schweig still und
bitte mich nicht, sondern fahre fort, denn ich will ster-
ben wie ein frommer Christi; ich stehe in dem rechten
Glauben und auf dem rechten Grund, welcher Chris-
tus, mein Herr, ist; davon werde ich nicht abweichen.
Als sie nun sahen, daß all ihr Tun umsonst war, hat
ihm der Scharfrichter den Halskragen abgenommen
und zu ihm gesagt: Wenn du nur von den beiden
Artikeln abstehst, wollen sie dich frei lassen; aber er
sagte: Lass mich doch zufrieden und fahre fort, wie
du willst, denn ich will ritterlich auf meinen Glauben
sterben. Darauf sagte der Scharfrichter: Ich richte dich
nicht gern, aber tue ich es nicht, so tut es ein anderer,
und entblößte sodann das Schwert, um ihn dadurch
zu erschrecken, aber er hat sich gar nicht davor ent-
setzt. Also ist er enthauptet und auf dem Richtplatz
begraben worden.
Dieses ist zu Berghausen den 5. Juli 1585 geschehen,
als dieses Schäflein des Herrn von reißenden Wölfen
zerrissen worden ist.
Anneken Botson, Janneken, ihre Tochter, und
Maeyken Pieters, im Jahre 1585.
Um das Jahr 1585 sind zu St. Veit, im Lützenburger
Lande gelegen, drei Frauenspersonen in Verhaft ge-
nommen worden, welche man aus dem Dorf Neustadt
brachte. Unter denselben war eine Mutter und eine
Tochter, die Mutter wurde Anneken Botson, ihre Toch-
ter Janneken Botson, die andere Frauensperson aber
Maeyken Pieters genannt. Sie waren alle drei schlichte
gottesfürchtige Leute, welche das Papsttum verlassen
und durch Gottes Gnade zu dem Gehorsam des heili-
gen Evangeliums sich begeben hatten. Dieses konnten
die Pfaffen nicht ertragen, sondern beneideten sie,
und gaben diese Leute bei der Obrigkeit an; deshalb
sind sie gefänglich eingezogen und zu St. Veit, wie
gemeldet ist, eingesetzt worden. Sie saßen auch dort
nicht lange, sondern wurden sofort über ihren Glau-
ben verhört, welchen sie wohlgemut in der Einfalt be-
kannten und auch standhaft dabei blieben, wiewohl
man es auf mancherlei Weise mit ihnen versuchte, sie
zum Widerruf der Wahrheit zu bringen; weil sie ihnen
aber nichts abgewinnen konnten, so sind sie verurteilt
worden zu Pulver verbrannt zu werden. Sie gingen
aber wie unschuldige Schlachtschafe zum Opferplatz
und sind wohlgemut gestorben, und haben ihren Leib
dem Herrn zum Opfer aufgeopfert.
Wolfgang Raufer, Georg Prukmair und Hans
Aicher, im Jahre 1585.
Im Jahre 1585 sind drei Brüder, nämlich Wolfgang
Raufer, Georg Prukmair und Hans Aicher, eine hal-
be Meile von Riet, als sie im Wirtshaus etwas geges-
791
sen und getrunken hatten, und nach dem Essen eine
Danksagung hielten, um des Glaubens willen (auf
der Reise) verhaftet worden. Daher schickte man so-
fort nach den Dienern und ließ ihnen sagen, es wären
Leute da wie Wiedertäufer. Indem sie mm ihr verzehr-
tes Geld aufzählten und der Wirt dasselbe empfing,
kam das böse Gesinde, nahm sie alle drei gefangen
und führte sie nach Riet. Nach einigen Tagen führte
man sie von dort nach Berghausen, wo der Rat und
Richter hochgeachtete Doctores zu ihnen schickte, die
mit ihnen reden sollten, ob sie sie überwinden und
von ihren Glauben abfällig machen könnten; aber sie
konnten nichts ausrichten, noch auch (weder Doc-
tores noch Pfaffen) mit Disputieren auf irgendeine
Weise sie zum Abfall bringen. Unterdessen haben sie
den vorgemeldeten Bruder Leonhard Sumerauer auf
einen Freitag früh um acht Uhr hinausgeführt und
mit dem Schwert gerichtet. Darauf ist der Richter mit
andern Herren in das Schloss gegangen und hat es
diesen Brüdern angezeigt, und dabei gesagt, wenn
sie nicht abstehen würden, so sollte es ihnen auch
ergehen, wie dem vorigen. Sie antworteten aber dar-
auf: Wir sind zum Sterben gern bereit; wir wollen
geduldig leiden, wie es Gott mit uns macht. Als sie
nun eine lange Zeit, nämlich vierzehn Wochen, zu
Berghausen gefangen lagen, und man ihnen nichts
abgewinnen noch sie kleinmütig machen konnte, hat
man sie besonders auf Karren gesetzt, sie den nächst-
folgenden Richttag, nämlich den 3. August aus dem
Gefängnis geführt und um vier Uhr vor das Rathaus
gebracht, wo man ihnen den fürstlichen Befehl vor-
gelesen hat, wonach man mit ihnen handeln sollte.
Unterdessen rief der Richter den Scharfrichter und
befahl ihm, er sollte diese drei Personen binden und
sie nach dem gewöhnlichen Richtplatz hinausführen,
und sodann (weil sie vom Leben zum Tode verurteilt
wären) mit dem Schwert hinrichten, hiemächst aber
auf den Holzhaufen legen und mit Feuer verbrennen.
Darauf antwortete der Bruder Wolfgang: Nicht vom
Leben zum Tod, sondern durch den Tod in das ewige
Leben. Sodann sagten Georg und Wolfgang: Weil wir
denn nun sterben müssen, so sterben wir allein um
der göttlichen Wahrheit willen, denn wir haben nie-
manden beleidigt noch Unrecht getan; es steht kein
Mensch hier, dem wir irgendein Leid zugefügt haben
oder der über uns klagen kann; weil wir denn mm um
des Glaubens und des Wortes Gottes willen unser Le-
ben verlieren, so werden wir dasselbe in der Ewigkeit
wieder finden, wie das heilige Evangelium bezeugt.
Darauf haben sie der Obrigkeit zugeredet, sie sollte
künftig besser zusehen, denn das imschuldige Blut
würde wider diejenigen um Rache schreien, die daran
schuldig sind; aber weil es Gott so mit ihnen machte.
so wollten sie willig sterben, denn unser Herr Jesus
Christus hat denselben Tod auch in dieser Welt leiden
müssen. Darauf sprach Wolfgang zu Georg und Hans:
Nun denn, meine lieben Brüder, wir wollen vonein-
ander Abschied nehmen; lasst uns fröhlich sein, denn
der Herr ist mit uns. Sodann bat der Bruder Georg
den Scharfrichter, er wolle ihnen die Hände etwas
loser machen, daß sie einander die Hand geben und
Abschied voneinander nehmen könnten; dazu war
der Scharfrichter bereit und tat es gern; also haben sie
einen fröhlichen Abschied voneinander genommen.
Unterdessen kam ein Pfaffe zu dem Bruder Wolfgang
und ermahnte ihn, daß er abstehen möchte; aber er
antwortete ihm ganz kurz, er sollte von seinem gott-
losen Leben und der Hurerei abstehen, und wollte
den Pfaffen nicht bei sich dulden. Hiernächst ging er
fort, und als er auf den Markt kam, fing er an, fröhlich
zu singen, und sagte Gott Lob und Dank, daß sie da-
zu gekommen wären, daß sie recht geläutert werden
möchten. Ferner sagte er: Wollte Gott, daß unter die-
sem Haufen Volks jemand aus unserm Land wäre, der
dieses unsern Brüdern zu wissen tun könnte, dann
wollten wir Gott aufs Höchste dafür danken; doch
hoffen wir, es werde Gott jemanden schicken, der ih-
nen dieses verkündigen werde, es sei mündlich oder
schriftlich, und das erfreut unser Herz. Dieser Wunsch
ist auch erfüllt worden, wie solches die Tat erwiesen
hat. Darnach sprach Wolfgang zu dem Scharfrichter:
Nun Meister Christoffel, fernerhin werde ich etwas
stiller und zurückhaltender sein, aber mein Herz hat
nun durchaus keine Plage mehr und lacht inwendig,
und wenn meine Brüder, mein Weib und Kind dieses
wüssten, sie würden sich über uns freuen, wiewohl
sie sonst nach dem Fleische wohl weinen und trau-
ern möchten; ich bitte und hoffe auch, Gott werde
jemanden nach unserm Lande zu unserer Gemein-
de schicken, der statt unserer von allen Brüdern und
Schwestern, von Weib und Kindern und allen Bekann-
ten, dem Fleische nach, Abschied nehmen werde.
Indem Wolfgang so redete, sind sie hinausgeführt
worden und zum Richtplatz gekommen; die beiden
andern Brüder, Georg und Hans, sind meistens stille
gewesen; als sie aber auf den Richtplatz kamen, sind
sie alle drei fröhlich gewesen, haben abermals vonein-
ander Abschied genommen und ihr Gebet sämtlich in
der Stille verrichtet.
Hiernächst sind sie enthauptet, die Leichname aber
auf Holzhaufen gelegt und verbrannt worden.
Als der Scharfrichter nun solches vollbracht hatte,
sprach er zu dem Volk: Diese Leute haben von ihrem
Glauben nicht abstehen wollen und wollen auch keine
Pfaffen leiden; sie haben auch einen viel stärkeren
Glauben als ich und alle, die hier sind; ich wollte lieber
792
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
dreißig Räuber richten als diese.
Also haben diese lieben Brüder den Glauben an
Jesum Christum und die göttliche Wahrheit mit ih-
rem Blut bezeugt, wozu ihnen Gott Kraft und Stärke
gegeben hat, wofür Er ewig gelobt sein müsse, Amen.
Von dem Befehl, der wider die Taufgesinnten im
Herzogtum Preußen (doch nicht zum Tode) im
Jahre 1586 den 12. November bekannt gemacht
wurde.
Als in Folge des abscheulichen Brennens und Sen-
gens der frommen Zeugen Jesu, die man Wiedertäufer
nennt, viele derselben aus den papistischen Ländern,
wo die größte Not herrschte, sich in die preußischen
Gegenden begaben, in der Hoffnung, daß die dortigen
Regenten, die sich doch größerer Bescheidenheit und
Barmherzigkeit rühmten, als im allgemeinen im Papst-
tum, ihnen Freiheit vergönnen würden, nach ihrem
Gewissen zu leben, hat es sich zugetragen, daß, als sie
dahin kamen, sie in ihrer Meinung betrogen worden
sind, indem der Fürst dieses Landes, der damals zu
Brandenburg regierte, ihnen durch einen öffentlichen
Befehl gebot, das Land wieder zu verlassen.
Hiervon hat P. J. Twisck die nachfolgende Beschrei-
bung gegeben: Georg Friedrich, Markgraf zu Branden-
burg, gebot in einem öffentlichen Befehl im Jahre 1586
den 12. November, daß die Wiedertäufer aus seinem
ganzen Herzogtum Preußen wegziehen sollten.
Chronik von dem Untergang, gedruckt 1620, der 2.
Teil, im 16. Buch auf das Jahr 1586, Pag. 1401, Kol. 1.
Christian Gasteyger, 1586.
Im Jahre 1586 auf den Freitag nach Pfingsten, welches
der 3. Juni war, ist Christian Gasteyger, ein Schmied
zu Ingolstadt in Bayern, in Verhaft genommen wor-
den. Den folgenden Sonntag kamen zwei Jesuiten mit
dem Stadtrichter zu ihm; sie redeten mit ihm von sei-
nem Glauben, aber sie gingen bald wieder fort, denn
sie konnten mit ihm nicht einig werden. Neun Tage
später kamen die beiden Jesuiten wieder, um mit ihm
zu reden, und fingen an, die Gemeinde zu lästern;
aber der Bruder widersprach ihnen, sodass sie fast
anderthalb Stunden miteinander zubrachten und ihn
sodann mit Missvergnügen verließen. Nach drei Wo-
chen sind abermals zwei Jesuiten zu ihm gekommen,
die ihn unterrichten wollten; als er aber nicht nach
ihrer Pfeife tanzen wollte, sind sie wieder von ihm
gegangen. Zwei Tage darauf kam der Richter mit ei-
nem Doctor der Schrift zu ihm, um mit ihm von der
Kindertaufe zu reden. Diese sagten, die Kinder wären
verdammt, wenn sie nicht zur Taufe gebracht würden.
Darauf antwortete der Bruder Christian: Sie sind um
deswillen nicht verdammt; was er ihnen auch mit an-
gezogenen Sprüchen bewiesen hat. Sie schalten ihn
aber um deswillen für einen Ketzer, und sagten ferner:
Die Kinder haben den Teufel in sich, darum müssen
sie getauft werden. Da fragte er, wie der Teufel in die
Kinder käme, worauf sie erwiderten: Er kommt von
der Mutter ins Kind; aber darin hat er ihnen auch
widersprochen.
Nach neun Tagen kam der Richter mit seinem Rate
zu ihm, diese sagten: Du weißt wohl, warum du hier
gefangen sitzt, und hast schon eine Zeitlang gesessen;
es sind auch Priester zu dir gekommen, aber du hast
ihnen nicht Gehör geben wollen, denn sie haben mir
berichtet, daß an dir keine Hoffnung mehr sei, und
ich habe Befehl erhalten, daß ich noch einmal mit dir
reden sollte; willst du dich nun nicht zu dem bekeh-
ren, was deine Eltern geglaubt haben, so wird man
dich auf einen Haufen Holz setzen und verbrennen;
so lass denn sehen, wie Gott mit dir sein wird. Er ant-
wortete hierauf: Ich hin ja jeden Tag bereit zu sterben,
und habe die Hoffnung zu Gott im Himmel, daß Er
mich bis ans Ende getreu und gottselig bewahren wer-
de, sodass ich von der Wahrheit nicht weichen werde;
sein Wille geschehe über mir.
Am andern Tage kamen abermals zwei Jesuiten, um
mit ihm zu handeln; diese gaben vor, daß er keinen
Glauben hätte, fingen auch von der Kindertaufe an
und sagten, das Kind müsste getauft sein, sonst wäre
es verdammt; aber er widersprach ihnen. Als sie nun
drei Stunden lang mit ihm zugebracht hatten, und er
ihnen genug geantwortet und ihrer falschen Lehre tap-
fer widerstanden hatte, sind sie von ihm geschieden.
Auch hat er uns wissen lassen, daß, weil er nun um
der Wahrheit willen gefangen wäre, er auch standhaft
bei derselben bleiben wolle; und sollte es ihn auch das
Leben kosten, so wolle er doch nicht davon weichen;
man sollte ihm ja alles Gute Zutrauen, denn er wol-
le um die ewige Krone ritterlich kämpfen; er merke
wohl, daß Gott ihm in seinen Banden treulich beistehe,
weshalb er Ihm auch Lob und Dank gäbe und bäte,
daß Er ihn bis an den zeitlichen Tod behüten wolle;
daneben hat er uns und alle Gläubigen christlich grü-
ßen lassen. Nachher, als er mehr als zwölf Wochen zu
Ingolstadt gefangen gesessen hatte, und alle Pfaffen
und Jesuiten daselbst an ihm müde geworden waren
und ihm aber gleichwohl nichts abgewinnen konnten,
hat man ihn den 25. August auf einen Karren gesetzt
und von Ingolstadt nach München geführt.
Endlich hat man den 13. Dezember das Urteil über
ihn gefällt. Der Fürst war abwesend, der oberste Rich-
ter aber war gestorben, weshalb der Unterrichter das
Urteil fällen sollte, aber er wollte nicht und sagte, es
793
wäre sein Amt nicht. Der Bürgermeister und einige an-
dere im Rat wollten auch nicht mit einstimmen, aber
die Jesuiten haben hart darauf gedrungen, sodass das
Urteil doch vor sich gegangen ist.
Man führte ihn aus dem Gefängnis vor das Rat-
haus und verurteilte ihn zum Schwert. Hiernächst
hat man ihn zum Tode hinausgeführt, weil er aber
sehr fröhlich und wohlgemut war und sehr viel zum
Volk redete, so sind die Jesuiten sehr zornig gewor-
den und haben ihm ins Angesicht gespien, so daß der
Scharfrichter selbst ihn abgewischt hat. Die Jesuiten
haben ihm auch ein abgöttisches Kruzifix vorgehalten,
und wieder ins Angesicht gespien, was das Volk sehr
verdrossen hat.
Als er nun auf den Richtplatz kam, war er sehr
fröhlich, weil er sah, daß er die Krone fast gewonnen
hatte.
Der Scharfrichter stand mit entblößtem Schwert
da, war furchtsam und bat ihn, er wolle doch abste-
hen; aber er sprach zum Scharfrichter, er sollte ihm
sein Recht tun, und zu den Jesuiten sprach er: Und
wenn von den Eurigen hier Tausend und noch so
viel Tausende wären, so würdet ihr mich nicht ver-
führen können. Darauf hat ihn der Scharfrichter mit
dem Schwert gerichtet, und also ist er standhaft und
fröhlich im Glauben verharrt.
Von dem Befehl, der wider die Taufgesinnten in
der Königsberger Herrschaft und deren Städten
und Vorstädten, auf Leibesstrafe und den Verlust
ihrer Güter, im Jahre 1587, erlassen worden ist.
Eben das, was ein Jahr zuvor in Preußen den Taufge-
sinnten geschehen ist, das geschah nun auch in der
Herrschaft Königsberg, was durch denselben Fürsten,
der auch dieses Landes Herr war, ausgeführt worden
ist.
Als vorgemeldeter Schreiber ihren Auszug aus
Preußen erzählt hatte, fügte er kurz darauf hinzu, daß
ihnen im Jahre 1587, den 1. März, befohlen worden
sei, nicht allein die Herrschaft Königsberg und deren
Städte und Vorstädte zu räumen, sondern auch alle
andern Ländern und Herrschaften, die unter Georg
Friedrich, Markgrafen von Brandenburg, Regiment
gehörten, und das bei Lebensstrafe und Verlust der
Güter.
Dieses ist um deswillen geschehen, weil sie von
der Kindertaufe (die die Gelehrten dieses Landes für
die Tür und den Eingang in das Reich Gottes hielten)
sehr ärgerlich (wie man sagte) redeten. Vergleiche das
sechzehnte Buch der Chronik von dem Untergang der
Tyrannen und jährlichen Geschichten, den zweiten
Teil, gedruckt 1620, Pag. 1401, Kol. 2, mit Joh. Behin,
Fol. 72, 73.
Michael Fischer, 1587.
Im Jahre 1587, um Pfingsten, ist Michael Fischer zu
Ingolstadt in Bayern um des Glaubens willen in Ver-
haft genommen worden. Als er nun an zwölf Wo-
chen gefangen gelegen hatte, und auf der Mönche,
Jesuiten und anderer vieles Versuchen, ihrer falschen
Lehre und Abgötterei nicht folgen wollte, sondern
im Glauben, den er angenommen und bekannt hat-
te, fest verharrte, so ist ihm das Leben ab- und der
Tod zugesprochen worden, daß man ihn Freitag den
6. August richten sollte, wenn er nicht abstehen woll-
te. Weil er aber auf ein besseres und ewiges Leben
bedacht war, so blieb er unbeweglich und standhaft
im Glauben. Deshalb ist er am vorgemeldeten Tage,
Morgens um acht Uhr, aus dem Gefängnis vor das
Rathaus gebracht worden, wo man ihm das Urteil
vorgelesen hat, welches so lautete, daß, nachdem die-
ser Täufer an zwanzig Jahre der Wiedertäuferei (so
nannten sie dieselbe) angehangen, dazu auch einige
andere verführt hätte, und sich keineswegs davon
abbringen lassen wollte, so müsste er nun darum ster-
ben, denn der kaiserliche Befehl laute, daß man alle
solche nicht dulden oder leiden, sondern sie mit Feuer
und Schwert strafen solle. Darauf ist er hinaus nach
dem Richtplatz geführt worden, wozu er willig und
bereit war und welchem er in Eile entgegen ging. Ein
Jesuit und ein Mönch gingen mit ihm und wollten ihn
unterrichten, aber er merkte nicht auf sie und hieß
sie ihrer Wege gehen. Deshalb gingen sie voran nach
dem Richtplatz und sagten dort zu ihm, er müsste
doch sterben, darum sollte er sich dazu bereit machen,
hielten ihm auch ein Kruzifix vor daß Angesicht und
sagten, er sollte den anschauen, der für uns gestorben
wäre, aber er schüttelte den Kopf und sagte: Mein
Erlöser Christus ist im Himmel, darum entsage ich
jedem Werke menschlicher Hände; auch sprach er zu
dem Scharfrichter: Komm hierher; es ist doch anders
nichts zu tun, ich will ritterlich bei dem Glauben blei-
ben und darauf sterben. Nach diesen Worten kniete
er freimütig und unverzagt nieder; solche Kraft und
Stärke hat ihm Gott verliehen, daß er bis ans Ende
auf dem Wege der Wahrheit zum ewigen Leben in
Jesu Christo standhaft geblieben ist. Der Scharfrich-
ter wurde durch seine Unverzagtheit erschreckt und
konnte ihn daher nicht recht richten, sondern musste
das Haupt gleichsam abschneiden, sodass er in keiner
geringen Lebensgefahr war.
794
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Christian Rycen, 1588.
Dieser Christian Rycen ist noch in den letzten Tagen,
als ein treuer Zeuge, in Honschoten in Flandern gewe-
sen, wo er als ein rechter Christ um des Wortes Gottes
und des Zeugnisses Jesu Christi willen, im Dezember
des Jahres 1587 gefangen worden ist; er ist aber nach
langer Versuchung und vieler Anfechtung, die er dort
gelitten hat, den siebten Tag im April 1588 unter der
blutigen Tyrannei und Regierung des Prinzen von Par-
ma sehr grausam gemartert und zu Asche verbrannt
worden. Also hat er seinen vergänglichen Leib um
der Wahrheit Christi willen standhaft dem Tode über-
geben, und erwartet dagegen eine neue Behausung
im Himmel, die ihm von Gott zubereitet ist und ewig
währen wird, 2Kor 5.
Von diesem Freund Gottes ist früher ein Büchlein
im Druck erschienen, welches fünfzehn Briefe und
einige Lieder enthält, welche dieser wahre Zeuge aus
dem Gefängnis an seine Hausfrau und Freunde zu
ihrem Trost und zur Stärkung geschrieben hat, wovon
dem Leser einige im Verlauf mitgeteilt werden.
Eine Erklärung, wie er von der Obrigkeit
untersucht worden ist, ferner wie der Pfarrer ihm
hat die Kindertaufe beweisen wollen, und wie sie
ihn hart angefochten haben.
Gnade, Friede und Liebe sei mit dir von Gott unserm
himmlischen Vater, durch seinen Sohn Jesum Chris-
tum, Amen; das wünsche ich meiner lieben und wer-
ten Hausfrau zum freundlichen Gruße.
Nebst dem Gruße lasse ich dich, meine sehr werte
Hausfrau, wissen, daß es mir, dem Fleisch nach, noch
ziemlich wohl geht, nach dem Geist aber hat das Ge-
müt den Vorsatz, bei dem Herrn zu bleiben bis an das
Ende meines Lebens, durch des Herrn Hilfe.
Eine fernere Veranlassung meines Schreibens ist
die, dich wissen zu lassen, daß ich einmal vor den
Herren gewesen bin; sie haben mich wegen meines
Glaubens untersucht, welchen ich ihnen bekannt ha-
be. Sie fragten mich, ob ich mich hätte taufen lassen;
ich erwiderte: Ja; sie fragten mich, vor wie langer Zeit
es geschehen sei; ich sagte: Wohl vor acht Jahren. Da
fragten sie nach meinen Kindern, ob sie nicht getauft
wären; ich sagte: Nein. Sie fragten, ob mein Weib auch
wäre wie ich; ich sagte: Ja. Da fragten sie, in welchem
Hause ich getauft worden wäre; ich antwortete, es
stände in dem Südost-Winkel; sie fragten, wie der
Mann hieße der darin wohnte; ich antwortete: Pieter;
und sein Zuname? sagten sie; ich sagte: Wir fragen
nicht viel nach dem Zunamen. Hiemächst haben sie
alles, was ich ihnen sagte, aufgeschrieben. Sie schick-
ten nach dem Pfarrer, und lasen ihm vor, was ich vor
ihnen bekannt hatte. Der Pfarrer fing an viel von der
Taufe mit mir zu reden und sagte, die Kinder müssten
getauft werden, damit sie von der Erbsünde gereinigt
werden möchten; ich sagte, was Paulus sagt, Rom 5:
Daß, gleichwie der Tod über alle Menschen durch
Adam gekommen ist, so ist die Rechtfertigung über
alle Menschen durch Christum Jesum gekommen, ja,
gleichwie wir alle durch Adam sterben, so sind wir
alle durch Christum lebendig gemacht. Dieses wollte
er nicht annehmen, sondern sagte, was Johannes sagt:
Es sei denn, daß jemand wiedergeboren werde aus
Wasser und Geist, so kann er nicht ins Himmelreich
kommen; deshalb müssten die Kinder getauft werden,
wenn sie von der Erbsünde erlöst werden sollten; ich
sagte ihm: Die Schrift sagt nicht an gemeldetem Orte,
es sei denn, daß jemand getauft sei aus Wasser und
Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen,
sondern sie sagt: Es sei denn, daß jemand wiedergebo-
ren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in
das Reich Gottes kommen; solches können die Kinder
nicht tun, und bedürfen es auch nicht, denn sie haben
nicht in den Sünden gelebt, daß sie die Wiedergeburt
nötig hätten. Außerdem, meine liebe und werte Haus-
frau, hatten wir auch noch viele andere Reden, die ich
vergessen habe, und die nicht wert sind, daß ich sie
aufschreibe; ich weiß nicht, was sie mit mir machen
werden, ob sie ihrer alten Weise folgen werden oder
nicht.
Aber, meine geliebte Hausfrau, wenn sie mich auch
töten, wie sie von jeher gewohnt gewesen sind zu
tun, so lass uns solches kein Wunder sein, wie Pe-
trus schreibt: Lasst euch die Hitze, die euch begegnet,
nicht befremden, als widerführe euch etwas Seltsa-
mes, sondern freut euch, daß ihr mit Christo leidet,
denn, sagt er, selig seid ihr, die ihr über den Namen
Christi geschmäht werdet, denn der Geist, der ein
Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch;
bei ihnen ist Er verlästert, aber bei euch ist Er geprie-
sen. Nicht, meine liebe Hausfrau, als ob ich schon
gehört hätte, daß sie mich töten werden, aber, wenn
sie mich auch töten, so wäre es nichts Neues, denn
Christus hat selbst gesagt: Die Zeit wird kommen,
daß, wer euch tötet, meinen wird, Gott einen Dienst
daran zu tim, und das werden sie tun, weil sie weder
mich, noch meinen Vater erkannt haben. Darum, mei-
ne liebe Hausfrau, sei wohlgemut in dem Herrn, lass
uns dem Herrn unsere Sache befehlen, und von Ihm
den Tag erwarten, der uns trösten wird, denn das sind
die ersten Verheißungen hier in dieser Welt, nämlich
Heulen und Weinen, worüber die Welt sich freuen
wird; wir aber müssen traurig sein, aber unsere Trau-
rigkeit soll in Freude verwandelt werden; auch sagt
795
Paulus: Ich weiß, daß das Leiden dieser Zeit nicht zu
vergleichen ist mit der zukünftigen Herrlichkeit, die
an uns offenbar werden soll. Darum, mein liebes Weib
sei getrost in dem Herrn, in der Hoffnung, dass Er uns
helfen werde, und tue das Beste an den Kindern, um
sie in der Gottesfurcht aufzuziehen. Es drückt mich
aber sehr, wenn ich an dich und die Kinder denke,
weil du sehr beschwert bist; die Tränen laufen mir
oft aus den Augen, weil ich dich in so großer Last
und so geringem zeitlichen Vermögen verlassen muss,
aber, meine Geliebte, wenn ich bedenke, daß es um
des Herrn willen verlassen sein müsse, sonst sind wir
seiner nicht wert, so hoffe ich, daß der Herr für dich
sorgen werde, denn es steht geschrieben: Sucht zu-
erst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird
euch alles, was euch nötig ist, zugeworfen werden,
und Petrus sagt: Alle eure Sorge werft auf den Herrn,
denn Er sorgt für euch. Darum, mein liebes Weib, weil
die Sprüche mich trösten, indem wir solchen großen
Versorger haben, so hoffe ich, daß Er dich und mich,
sowie unsere Kinder mit demjenigen versorgen wer-
de, was uns nötig ist. So unterlasse denn nicht, mein
liebes Weib, zu schreiben, wie es mit dir und den Kin-
dern dem Fleische und dem Geiste nach steht. Aber,
mein liebes Weib, ich muss dir noch berichten, daß
ich von den Pfarrern hier im Gefängnis oft angeredet
worden bin, doch wir konnten nicht Übereinkommen;
bisweilen redeten sie hart, bisweilen aber freundlich,
und wollten allezeit ihre Kindertaufe aus Joh 3 bewei-
sen, führten auch noch mehrere Sprüche an, als Rom 6;
Kol 2; Eph 5; Tit 3, und mehrere andere, die zu ihrem
Vorsatz nicht dienen, sondern von der Wiedergeburt
und von der Begrabung der Sünden durch die Taufe
handeln, oder davon, daß Gott seine Gemeinde durch
das Wasserbad im Wort gereinigt habe. Diese Sprü-
che führen sie an, um ihre Kindertaufe zu beweisen,
welche doch nicht für sie sprechen. Darum habe ich
hier einen großen Streit; es kommt mir vor, ich sei in
der Wüste bei Mara, wo die Kinder Israel bei dem
Zankwasser waren, dessen Wasser bitter war; aber
der Herr zeigte ihnen ein Holz, welches sie ins Wasser
legen sollten, um das Wasser süß zu machen. Also
hat mir der Herr auch ein grünes Holz angewiesen,
das alles dieses Wasser versüßt, das ist Christus Jesus,
das rechte grüne Holz. Wenn ich an Ihn denke, daß
Er von den Hohepriestern und Schriftgelehrten zum
Kreuzestod überliefert worden ist, so erfüllt mich das
mit Süßigkeit, denn ich denke, daß der Knecht nicht
besser ist, als sein Meister, sondern es soll dem Knecht
genug sein, daß er ist, wie sein Meister.
Hiermit will ich dich für dieses Mal, meine liebe
Hausfrau, dem Herrn empfehlen, und dem reichen
Worte seiner Gnade, der mächtig ist, deinen Schatz zu
bewahren, und dir sein ewiges Reich zu geben.
Geschrieben den 2. Januar, im Jahre 1588, von mir,
deinem Mann, Christian Rycen.
Noch ein Brief von Christian Rycen,
geschrieben an einen Bruder, daß er seinem Weib be-
förderlich sein wolle, und daß er, wenn er getötet
werden sollte, ihr nach Holland helfen möchte, nebst
mehreren anderen tröstlichen Reden.
Die ewige, unvergängliche Weisheit des Vaters, die
Liebe des Sohnes und die Erleuchtung des Heiligen
Geistes wünsche ich meinem lieben und sehr werten
Bruder N. zum freundlichen Gruße in dem Herrn,
Amen.
Nebst dem Gruße lasse ich meinen lieben und sehr
werten B. wissen, daß ich dem Fleische nach noch
ziemlich wohlauf bin; dem Geiste nach aber ist es
mein Vorsatz, bei dem Herrn zu bleiben, solange ich
lebe, durch die Hilfe der göttlichen Güte.
Weiter, mein geliebter Bruder, habe ich gehört, daß
meine Kinder in deinem Hause seien, daß du sie be-
wahren wirst, bis mein Weib nach Hause kommt; du
beweisest mir eine große Freundschaft, daß du das
getan hast; auch bitte ich dich, mein lieber Bruder,
wenn du eine kleine Kammer hast, die du entbehren
kannst, du wollest mein Weib auch bei dir wohnen
lassen, bis es der Herr mit mir verändert. Sollte man
mir aber das Leben nehmen, so wollte ich, daß du
ihr behilflich wärest, nach Brügge zu reisen, damit sie
daselbst ihr Brot verdienen möchte, oder daß sie nach
Holland zurückkehre, wenn es ihr gefiele, denn, mein
geliebter Bruder, Weiber, die in solchen Umständen
sind, haben Hilfe und Trost sehr nötig; darum bitte
ich dich, tue hierin das Beste; bedenke, was Jakobus
sagt, daß es ein rechter Gottesdienst sei, Witwen und
Waisen in ihrer Trübsal zu besuchen, und sich selbst
von der Welt unbefleckt zu halten. Mein lieber Bruder,
muss ich gleich um des Herrn willen etwas leiden,
lass dich solches nicht abschrecken, dem Herrn nach-
zufolgen, sondern wende um desto mehr Fleiß an,
das Haus auf den Felsen fest zu bauen, damit (wenn
dergleichen Sturmwinde kommen) das Haus stehen
bleiben möge. Unterlasst auch nicht, einander mit den
Gaben zu ermahnen, die der Herr euch gegeben hat,
damit niemand durch Betrug der Sünden verhärtet
werde, sondern erweckt einander in der Liebe und gu-
ten Werken, damit, wenn es morgen oder übermorgen
geschehe, daß jemand von euch in Bande käme, ihr
alsdann stark sein mögt, durch den Herrn und durch
die Macht seiner Stärke, allen zu widerstehen, die sich
wider die Erkenntnis Jesu Christi erheben; denn Pau-
lus gibt zu erkennen, wie man sich mit dem Harnisch
796
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Gottes wappnen müsse, und sagt, daß die Lenden
mit der Wahrheit umgürtet sein müssten, und daß die
Brust mit der Gerechtigkeit bedeckt und gestiefelt an
den Füßen sein müsste, damit sie bereit sein möchten,
das Evangelium des Friedens zu verkündigen, und
ergreift das Schwert des Geistes, welches Gottes Wort
ist. Vor allen Dingen aber zieht den Schild des Glau-
bens an, damit ihr alle feurigen Pfeile des Bösewichts
auslöschen könnt. Also, mein geliebter Bruder, dienen
solche Waffen denen, die heimgesucht werden, wie
ich nun heimgesucht werde.
Darum bitte ich dich, mein lieber Bruder, bitte doch
den Herrn für mich, daß ich alles überwinden möge,
und stehe auch, statt meiner, meinem Weibe und Kin-
dern bei, darum bitte ich dich, und grüße mir N. N.,
insbesondere aber deine Hausfrau. Geschrieben den
17. Januar, von mir, Christian Rycen.
Noch ein Brief von Christian Rycen,
geschrieben an sein Weib, worin er meldet, er hätte
gehört, daß für ihn von Hof kein Trost gekommen sei,
obgleich der Schreiber nach Hause gekommen wäre,
weshalb er sich in dem Herrn tröstet.
Gnade, Friede und Liebe sei mit dir von Gott, un-
serem himmlischen Vater, durch seinen Sohn Jesum
Christum, Amen. Dieses wünsche ich, Christian Ry-
cen, dir, meiner lieben und werten Hausfrau, zum
freundlichen Gruße in dem Herrn.
Nebst dem Gruße lasse ich dich, mein sehr geliebtes
Weib, wissen, daß ich noch ziemlich wohlauf bin (dem
Herrn sei Lob und Preis für seine Gnade), wie ich
denn hoffe, daß es mit dir und den Kindern ebenso
sein werde.
Ferner benachrichtige ich dich, daß ich dein Schrei-
ben empfangen habe; ich danke dir für dein Geschenk,
das du mir gesandt hast. Weiter habe ich auch vernom-
men, daß du in des N. Hause wohnst, und daß er euch
mit Holz versehen habe; es ist mir sehr lieb, daß du
dort noch etwas Trost findest. Gefiele es dem Herrn,
mich einmal hieraus zu erlösen, ich hoffe, wir woll-
ten solches ihm vergelten, aber mich dünkt, daß noch
wenig Aussicht zu meiner Befreiung vorhanden sei;
ich habe gehört, daß noch keine Nachricht vom Hofe
gekommen sei, und obgleich der Schreiber gekom-
men ist, so ist doch für mich kein Trost mitgekommen;
gleichwohl danke ich dem Herrn, der mich in die-
ser Trübsal tröstet, ich hoffe mich auch als ein Diener
Gottes zu erweisen, in großer Geduld, in Trübsal, in
Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in
Wachen, in Keuschheit, in Erkenntnis, in dem Heiligen
Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit,
in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit,
zur Rechten und zur Linken, durch Ehre und Schan-
de, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte, als die
Verführer, und doch wahrhaftig, als die Unbekann-
ten und doch vor Gott bekannt, als die Sterbenden,
und siehe, wir leben. Also, mein liebes Weib, hoffe ich
mich in allen Dingen als Gottes Diener zu erweisen,
denn ich höre oft böse Gerüchte, und bisweilen gute
Gerüchte, und so geht die Zeit dahin, wie ich denn
denke, daß es dir auch so ergehen werde.
Darum, mein geliebtes Weib, lass uns geduldig sein
in Trübsal, brünstig in der Hoffnung, anhaltend im
Gebet, und sei meiner im Gebet eingedenk, denn ich
tue solches auch für dich. Es geht wenig Zeit vorüber,
wo ich deiner und der Kinder nicht eingedenk bin;
ich bitte dich, tue das Beste an ihnen, und wenn du
etwas zu arbeiten hast, so lass sie fleißig arbeiten; sage
ihnen, daß ich ihnen solches befehle. Hast du auch
Zeit übrig, so lehre sie etwas im Buche (bitte ich dich),
damit sie endlich (wenn sie dich und mich verloren
haben) untersuchen mögen, was ihnen zur Seligkeit
dient.
Ferner vernehme ich auch aus deinem Schreiben,
daß du begehrst, ich soll deinem Hausherrn ein klei-
nes Brieflein schreiben, welches ich getan habe, aber
ich machte die Aufschrift an N. N., wiewohl es mir
gleich ist, wer ihn hat, wenn nur die Frucht der Ge-
rechtigkeit daraus kommt; ich hoffe aber noch einen
Brief zu schreiben, wenn der Herr es mir zulässt. Nicht
mehr für diesmal, als bleibe dem Herrn anbefohlen
und grüße mir alle Bekannten. Geschrieben den 27.
Februar, von mir, Christian Rycen.
Noch ein tröstlicher Brief von Christian Rycen,
geschrieben an sein Weib, in welchem er sie zur Stand-
haftigkeit in der Furcht Gottes ermahnt, auch berich-
tet, daß der Pfarrer von Houten ihn versucht und ihm
herauszuhelfen versprochen habe, wenn er sich sagen
lassen wollte.
Ich, Christian Rycen, gefangen um des Herrn willen,
wünsche meiner sehr lieben und werten Hausfrau
die ewige Weisheit des Vaters, die Liebe des Sohnes
und den Trost des Heiligen Geistes, zum freundlichen
Gruße.
Nebst dem Gruße lasse ich meine sehr geliebte und
werte Hausfrau wissen, daß ich gegenwärtig nicht
wohl auf bin, denn ich habe Kopfschmerzen und über-
dies große Trübsal um deinet- und der Kinder willen,
weil ich euch nicht beistehen und das Brot verdienen
helfen kann. Dennoch hoffe ich, daß der Herr, der
mich dir entnommen hat, dir beistehen und für das-
jenige sorgen werde, was dir nötig sein wird, denn
die Verheißungen, die Er gegeben hat, sind wahrhaf-
797
tig, wenn Er sagt: Suchet vor allen Dingen das Reich
Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird euch alles,
was euch nötig ist, zugeworfen werden. Auch sagt
Petrus: Alle eure Sorge werft auf den Herrn, denn Er
sorgt für euch. Darum, meine Geliebteste, nimm deine
Zuflucht ganz und gar zu dem Herrn, denn der dem
Sämann Samen gibt, der wird dir auch Brot zur Speise
geben.
Ferner benachrichtige ich dich, daß ich dein Schrei-
ben empfangen habe, und danke dir sehr herzlich für
dein tröstliches Geschenk, das du mir gesandt hast.
Du sollst wissen, daß es mich sehr erfreut hat, als ich
deine Gemütsstimmung erkannte, und daß du mich
in der Wahrheit stärkst, um tapfer in dem Herrn bis
zum Tode auszuhalten, wie ich denn durch Gottes
Gnade zu tun hoffe, um die schönen Verheißungen
zu erlangen. Ich bitte dich auch, mein liebes Weib,
nimm deiner selbst allezeit wahr, damit wir dereinst,
durch des Herrn Gnade, uns miteinander erfreuen
mögen, wo die Freude ewig währen wird; und wenn
es hier in dieser Welt nicht mehr sein kann, daß es ja
dereinst geschehen möge, daß wir uns ewig freuen
mögen; müssen wir auch jetzt in Tränen säen, wenn
wir nur alsdann in Freuden ernten werden. Darum,
meine Geliebteste, sei guten Mutes, und danke Gott,
daß wir gewürdigt sind, um seines Namens willen zu
leiden; denn auf gleiche Weise sind die Heiligen vor-
gegangen, und wir müssen auch durch viel Trübsal
ins Reich Gottes eingehen. Die Reihe ist nun an mir,
vielleicht kann die Reihe auch bald an dich kommen.
Darum, mein liebes Weib, wende doch Fleiß an, dem
Herrn zu gefallen und Ihm treulich zu dienen, damit,
wenn Er zu dir kommt. Er dich wachend finden mö-
ge; denn selig sind die Knechte, die der Herr, wenn
er kommt, in solchem Tun findet; er wird sich auf-
schürzen, sie zur Tafel setzen, und vor ihnen gehen
und ihnen dienen. Darum, mein liebes Weib, sei stets
standhaft in dem Worte des Herrn, und werde nicht
schwach um meiner Trübsal willen, die nun eingetre-
ten ist, sondern wende um desto mehr Fleiß an, dem
Herrn zu dienen, und halte dich immer rein, mein
liebes Weib (bitte ich dich), wie ich denn hoffe, daß du
tun werdest. Halte doch die Kinder wohl zur Arbeit
an, so gut du kannst, und führe dich bei ihnen alle-
zeit gut auf, damit sie Ehrbarkeit lernen mögen, und
tue in allem das Beste (bitte ich dich). Ich weiß noch
nicht, was sie mit mir tun werden; bisweilen höre ich
Gerüchte, daß sie mich so lange in Gefangenschaft
lassen wollen, bis ich mich bekehre und die römische
Religion annehme; aber der Herr, dem ich die Sache
anbefohlen habe, kann es bald ändern, wenn es sein
Wille ist; darum empfehle ich Ihm meine Sache. Ich
hatte vergangenen Dienstag den Pfarrer von Houten
bei mir; wir redeten viel miteinander, aber er wusste
nicht viel aus der Schrift zu sprechen; man hätte lan-
ge zu schreiben an dem, was wir redeten; aber beim
Abschied, als er hinwegging, sagte er, wenn ich mir
sagen lassen wollte, so wollte er mir bald helfen; ich
erwiderte ihm, daß ich wohl das Beste tun wollte. Auf
solche Weise sind wir voneinander geschieden.
Deshalb ist denn, meine sehr liebe und werte Frau,
meine Hoffnung und mein Vertrauen auf den Herrn
gestellt. Ihm mein lebelang zu dienen und gehorsam
zu sein durch seine göttliche Hilfe und Kraft.
Hiermit empfehle ich dich, nebst meinen Kindern,
dem Herrn und dem reichen Worte seiner Gnade,
Amen. Grüße mir sehr alle Bekannten, die bei dir woh-
nen; gib auch N., deinem Hausherrn, den Brief und
grüße mir ihn sehr. Nichts weiter für diesmal, als geha-
be dich wohl! In Eile. Den 5. März, von mir, Christian
Rycen.
Noch ein Brief von Christian Rycen.
Er dankt seinem Weib für die tröstlichen Sprüche der
Schrift, die sie ihm gesandt hatte, und lässt sie wissen,
daß der Amtmann gekommen sei, und daß er von
den Pfaffen verstanden habe, daß keine Hoffnung zur
Befreiung sei, denn es wären uns in dem Concilium
zu Trident alle Länder verboten, als der ärgsten Sekte
unter dem Himmel.
Gnade, Friede und Liebe von Gott, dem himm-
lischen Vater, durch seinen Sohn Jesum Christum,
Amen. Das wünsche ich dir, meine liebe und werte
Hausfrau, zum freundlichen Gruße in dem Herrn.
Nebst dem Gruße lasse ich dich wissen, daß ich
noch ziemlich wohl bin (dem Herrn sei Lob und Preis
für seine Gnade!), wie ich denn hoffe, daß du dich
wohl befindest; nur daß ich einigen Schmerz in mei-
ner Kehle habe, wodurch mir die Lust zum Essen in
etwas vergangen ist; sonst geht es noch sehr wohl.
Ich bin noch gesinnt (der Herr sei gelobt!) dem Herrn
gehorsam zu sein, und in seinen Geboten zu bleiben
mein ganzes Leben hindurch, durch des Herrn Hil-
fe. Ferner benachrichtige ich dich auch noch, daß ich
dein Schreiben empfangen habe, und freue mich, daß
du mich allezeit durch deine Geschenke tröstest, die
du mir sendest; ich danke dir auch sehr herzlich, daß
du mir diese Schätze zum Trost zuschreibst, denn sie
kommen mir wohl zu Nutzen, indem ich täglich, weil
mir die Zeit lang wird, viele Gedanken habe, darüber,
daß ich hier sein muss; oft bin ich betrübt, bisweilen
bin ich getröstet; auf solche Weise geht die Zeit da-
hin mit großem Verlangen. O meine Geliebteste, ich
denke, es wird dir auch so gehen. Aber, meine liebe
Frau, lass uns fest anhalten, bis wir hinweggenom-
798
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
men werden, denn jetzt ist die Zeit da, von der gesagt
worden ist, daß wir durch viel Trübsal ins Reich Got-
tes eingehen müssen, und daß wir weinen und heulen
müssen; die Welt aber wird sich freuen. Wir müssen
nun traurig sein, aber unsere Traurigkeit wird in Freu-
de verwandelt werden; auch sagt Paulus: Wie des
Leidens Christi viel über uns kommt, so werden wir
auch reichlich getröstet durch Christum; ferner sagt
Paulus: Obschon unser auswendiger Mensch vergeht,
so wird doch der inwendige Mensch von Tag zu Tag
erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht
ist, schafft in uns eine ewige und über die Maßen ge-
wichtige Herrlichkeit, die wir nicht auf das sehen, was
sichtbar ist, sondern auf das Unsichtbare, denn was
sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist,
das ist ewig. Darum, meine liebe Frau, wir müssen
nun auf das sehen, was Mose tat, und die Schmach
Christi für größeren Reichtum achten, als die Schät-
ze Ägyptens; wir müssen allezeit auf die Belohnung
sehen, und durch den Glauben das ägyptische Volk
verlassen, auch nicht des Königs Grausamkeit fürch-
ten, sondern uns allezeit an den unsichtbaren Gott
halten, ebenso, als sähen wir ihn. Deshalb, meine lie-
be Frau, übergebe ich dich, nebst meinen Kindern,
diesem Gott, daß Er dich bewahren und in all eu-
rer Not versorgen wolle, denn ich weiß nicht, ob ich
euch mehr schreiben kann; ich erwarte nun bald ei-
ne Veränderung meiner Lage, denn der Amtmann ist
gekommen; darum dünkt mich, daß es sich mit mir
bald verändern werde. Du hast mir von dem Mann
zu Kassel geschrieben, aber ich denke, daß der Mann
nicht unseres Glaubens war, denn die Pfaffen halten
uns für die ärgste Sekte unter dem Himmel. Darum
dürfte es mir wohl anders gehen, als dem Mann zu
Kassel, denn wir sind das Ausfegsel oder Wegwerfsel
von dieser Welt. Der Pfaffe hat zu mir gesagt, daß
uns in dem letzten Concilium zu Trident alle Länder
verboten wären und daß wir keine Freiheit hätten.
Darum, mein liebes Weib, wenn ich auch einer von
denen sein muß, um die Zahl erfüllen zu helfen, so
sei geduldig (bitte ich dich) und tue das Beste an den
Kindern; empfehle dem Herrn deine Sachen und hof-
fe auf Ihn, Er wird es wohl machen, denn Sirach sagt:
Der Herr hat die niemals verlassen, die in der Gottes-
furcht geblieben sind, noch auch diejenigen, die ihre
Hoffnung auf Gott gestellt haben.
Hiermit empfehle ich meine liebe Hausfrau dem
Herrn und dem reichen Worte seiner Gnade, Amen.
Grüße mir die Bekannten sehr, die bei dir sind, und
halte dich allezeit rein in der Furcht Gottes.
Geschrieben den 12. März 1588 von mir, Christian
Rycen, deinem Mann.
Noch ein tröstliches Brieflein von Christian Rycen,
geschrieben an sein Weib, als er meinte, daß man ihm
das Todesurteil fällen würde, und daß ihn einige auf
den Friedensschluss vertrösteten, daß er alsdann frei
werden würde.
Gnade, Barmherzigkeit, Friede und Liebe sei mit dir
von Gott, unserem himmlischen Vater, durch seinen
Sohn Jesum Christum, Amen.
Das wünsche ich dir, meine liebe und werte Haus-
frau zum freundlichen Gruße.
Nebst dem Gruße lasse ich, Christian Rycen, dich,
meine liebe Hausfrau, wissen, daß ich noch ziemlich
wohl bin (der Herr müsse für seine Gnade gelobt und
gepriesen sein), wie ich denn hoffe, daß du, nebst den
Kindern, dich auch so befindest.
Ferner benachrichtige ich dich, daß ich dein Schrei-
ben empfangen habe und bin sehr erfreut, daß du so
wohlgemut bist, und daß du mich noch tröstet, wo-
für ich dir herzlich danke; ich wollte dir auch wohl
etwas zum Trost schreiben, damit du wohlgemut sein
mögest, aber, meine liebe Hausfrau, der beste Trost
ist der Herr, der mich dir entnommen hat, der wird
dir (wie ich hoffe) in all deiner Not beistehen und
für dich sorgen, wenn du Ihn nicht verlässt, denn
Paulus sagt: Wir werden wohl verstoßen, aber wir
verzagen nicht; wir leiden Verfolgung, aber wir wer-
den nicht verlassen; ferner spricht Paulus, daß der
Herr gesagt habe, daß Er uns nicht verlassen, noch
versäumen wolle. Darum dürfen wir sagen: Der Herr
ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten, was mir
auch ein Mensch tun kann; auch sagt Sirach: Wer ist
jemals zu Schanden geworden, der auf den Herrn ver-
traut hat; oder wer ist jemals verlassen worden, der
in der Furcht Gottes geblieben ist, oder wer ist jemals
von Ihm verschmäht worden, der Ihn angerufen hat?
Darum, meine liebe Frau, setze all deine Hoffnung
allein auf Gott, und sage mit Jeremia: Herr, du bist
meine Zuflucht, meine Stärke und mein Trost in der
Not; ferner mit David: Wenn ich nur dich habe, so
frage ich nichts nach Himmel und Erde; ja, wenn mir
auch Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch
meines Herzens Trost und mein Teil. Gedenke auch
daran, was Sarah sagte, als sie in großer Trübsal saß,
daß sie wohl wüsste, daß alle, die Gott dienen wollen,
nach der Anfechtung erlöst und in Trübsal getröstet
werden; nach der Züchtigung findet er Gnade, nach
großem Ungewitter lässt er seine Sonne wieder schei-
nen, und nach dem Weinen und Schreien begabt Er
uns reichlich mit Freuden. Darum, mein liebes Weib,
tröste dich mit diesen Worten; müssen wir jetzt gleich
trauern und weinen, lass uns guten Mutes sein, denn
der Herr wird uns wieder sehen und unsere Herzen
799
werden sich freuen und niemand wird die Freude hin-
wegnehmen. Auch sagt Christus: Selig seid ihr, wenn
euch die Menschen hassen und euch absondern und
euren Namen als den eines Übeltäters um des Men-
schen Sohnes willen verwerfen, sondern freut euch,
denn euer Lohn wird groß sein im Himmel, denn so
taten auch ihre Väter den Propheten; ferner sagt Chris-
tus: Selig seid ihr, die ihr nun weint, denn ihr werdet
lachen. Mit diesen Worten erfreue dich.
Hiermit empfehle ich dich dem Herrn; was meine
Sache betrifft, so weiß ich dir darüber nichts Beson-
ders zu schreiben, ich wartete darauf, daß sie diese
Woche mit der Sache durchbrechen würden, aber es
dünkt mich, sie hätten die Macht noch nicht von Gott
empfangen. Es sind zwar solche, wie mir vorkommt,
die es wohl wollten, aber es scheint, daß der Herr es ih-
nen nicht zulässt; einige trösten mich mit dem Frieden,
daß sie mich alsdann frei lassen werden. Darum, mei-
ne liebe Frau, habe ich es dem Herrn anheimgestellt;
tue dasselbe und grüße mir sehr alle Bekannten; halte
dich allezeit rein in der Furcht Gottes und tue allezeit
dein Bestes an den Kindern. Für jetzt nichts mehr, als
gehabe dich wohl. In Eile diesen 19. März 1588, von
mir Christian Rycen, deinem geliebten Mann.
Christian Rycen ermahnt seine Hausfrau, dem
Herrn fest zu vertrauen und lässt sie wissen, daß er
diese Woche noch einmal von dem Pfarrer und
einem Franziskaner angefochten worden sei, die es
mit Bedrohungen und schönen Worten versucht
haben, ihn zum Abfall zu bringen, und von dem
Schrecken, der ihm in der folgenden Nacht
zugestoßen ist.
Gnade, Friede und Liebe sei mit dir von Gott, unserm
himmlischen Vater, durch seinen Sohn Jesum Chris-
tum, Amen. Das wünsche ich dir, meine sehr liebe
und werte Hausfrau, zum freundlichen Gruße in dem
Herrn.
Nebst dem Gruße lasse ich meine sehr liebe und
werte Hausfrau wissen, daß ich noch in gutem Wohl-
sein bin nach Seele und Leib, dem Herrn sei ewiges
Lob, Preis und Dank für seine große Güte, der mich
zu dieser Zeit berufen und bewahrt hat, daß ich wür-
dig sein soll, um seines Namens willen ein wenig zu
leiden. Ich hoffe auch durch des Herrn Gnade, daß du
mit den Kindern auch in gutem Wohlsein sein wer-
dest, wiewohl ich aus deinem Schreiben ersehe, daß
du das Fieber gehabt hast; ich habe die Hoffnung zu
unserem lieben Herrn, daß Er dir beistehen werde
und dich nicht über dein Vermögen versucht werden
lassen, sondern daß er nebst der Versuchung ein Aus-
kommen geben werde, daß du es wirst ertragen kön-
nen. O meine Geliebteste, vertraue dem Herrn von
ganzem Herzen und verlasse deinen Freund nicht,
der deine Seele liebt, weil du ihn gefunden hast, wie
die Braut in dem hohen Liede tat; bleibe treulich bei
Ihm und nimm Ihn an zum Mann und zum Vater
meiner Kinder. Unterrichte meine Kinder fleißig, daß
sie demselben Vater während ihrer Lebenszeit gehor-
sam seien, und sei du auch, meine liebe Frau, deinem
Mann Christo getreu und verlasse Ihn in keiner Not,
denn Er hat verheißen, daß Er dich auch nicht verlas-
sen wolle. Ich muss dich mm mit Betrübnis verlassen,
aber, meine liebe Frau, ich hoffe, daß wir einander
im ewigen Leben finden werden, da werden wir uns
nicht mehr voneinander scheiden. O meine liebe Frau,
wie lieb wäre es mir, wenn der Streit gestritten wäre,
daß ich mit Paulus sagen könnte: Ich habe einen guten
Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, Glauben gehal-
ten, hinfort ist mir die Krone des Lebens bereitet; o
dann wäre mein Herz voller Freuden; aber hier muss
man noch bisweilen streiten. Diese Woche hatte ich
den Pfarrer und einen Franziskaner noch einmal bei
mir, sie kamen, um zu sehen, ob ich mir nichts sagen
lassen wollte. Der Pfarrer sagte, der Notar habe ihm
gesagt, es wären Briefe vom Hofe gekommen; wenn
ich mir nichts sagen lassen und mich nicht bekehren
wollte, so wüssten sie schon, was sie mir tun sollten;
ich sagte zum Pfarrer, ich begehrte niemandem Un-
recht zu tun, was aber meinen Glauben beträfe, den
hätte ich von dem Herrn empfangen und den könnte
ich nicht verlassen. Da redeten sie schön und sagten:
Willst du dir sagen lassen, so kannst du hier bei uns
wohnen und ein ehrbarer Mann sein. Ich antwortete:
Ich begehre wohl als ein ehrbarer Mann zu handeln
und will niemandem Unrecht tun, und wenn ich je-
mandem Unrecht täte, so soll man mich zweimal so
scharf strafen, als einen andern, der wie ich getan hät-
te; dagegen sagten sie nichts. Wir hatten sehr viele
Worte miteinander, die ich der Kürze wegen überge-
hen will; ich weiß also nicht, was sie mit mir machen
werden. So wisse denn, meine liebe und werte Haus-
frau ferner, daß mich die Nacht, nachdem der Pfarrer
bei mir gewesen, ein großer Schrecken überfallen hat,
denn es kam mir vor, als ob sie mich in die Eisen wer-
fen oder auf die Folterbank legen wollten, wodurch
ich so erschreckt wurde, daß mir der Schweiß über
den Leib lief und daß ich auch vom Schweiß nass wur-
de, worüber ich mich sehr betrübte; aber ich dachte an
Christum, daß bei Schweiß von Ihm wie Blutstropfen
auf die Erde lief, als ihn das Leiden ankam; darin habe
ich mich in etwas getröstet; es dünkt mich auch, der
Herr habe es mir dazu gesandt, damit ich mir selbst
keinen Ruhm machen möchte, sondern daß ich mich
allein auf den Herrn und nicht auf meine Stärke ver-
800
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
lassen möchte, was ich auch zu tun hoffe und bitte
meine liebe Hausfrau, sie wolle mir helfen zum Herrn
bitten, daß mich der Herr stärken und kräftigen wolle
mit seinem Geist, daß ich mich nicht vor Menschen
noch vor Menschenkindern fürchten dürfe, die wie
Heu vergehen werden.
Hiermit empfehle ich dich dem Herrn und dem
reichen Worte seiner Gnade, Amen.
Grüße mir deinen Hausherrn und gib ihm für dies
Mal dieses Liedlein; grüße mir auch alle andern, die
bei dir wohnen. Für jetzt nichts weiter, als daß ich dir
für deine tröstlichen Schätze, die du mir zum großen
Trost sendest, herzlich danke, denn sie kommen mir
wohl zu Nutzen.
Gehabe dich wohl und tröste dich in dem Herrn,
denn diese meine Bande werden dir keine Unehre
sein, indem ich niemanden beleidigt habe; auch ist
niemand (der Herr sei gelobt), der mir etwas Arges
nachsagen kann, worüber ich mich sehr freue.
So sei denn, mein liebes Weib, dem Herrn getreu,
denn wer getreu bleibt bis an den Tod, wird die Krone
des ewigen Lebens empfangen.
Geschrieben den 27. März im Jahre 1588 von mir,
Christian Rycen, deinem geliebten Mann.
Christian Rycen lässt seine Hausfrau wissen,
daß er das Urteil erwarte, und daß er das Eisen an
seinem Bein achtzehn oder neunzehn Tage gehabt
und während dieser Zeit auf Stroh gelegen habe, aber
er habe nun wieder etwas mehr Trost.
Ich muss dir, meine liebe Frau, noch etwas berich-
ten, daß ich die vergangene Woche allezeit gehofft
habe, das Urteil werde mir gefällt werden, aber es
ist nicht geschehen; mich hat indessen darnach umso
mehr verlangt, weil ich täglich auf Trost wartete, und
derselbe doch nicht erfolgt ist, wie ich denn denke,
meine liebe Frau, daß du auch getan haben wirst. Nun
aber habe ich es dem Herrn anbefohlen, und hoffe in
Geduld den Tag zu erwarten, bei uns trösten wird;
darum bitte ich meine liebe Frau, auch ein Gleiches
zu tun. Ferner lasse ich meine liebe Frau wissen, wie
ich an achtzehn oder neunzehn Tage mit einem Eisen
an meinem Beine auf Stroh gelegen und allezeit in
meinen Kleidern zugebracht habe, was wohl unbe-
quem war; aber der Herr sei gelobt, es hat mich nicht
verdrossen, sondern ich dachte, daß man dem Herrn
in Mangel und Ungemach nachfolgen müsste, wie die
Heiligen vorgewandelt sind, nun aber habe ich guten
Trost und bin dem Leibe nach sehr wohl; der Joost
beweist mir große Freundschaft, mehr als ich ihm ver-
güten kann. Ich bitte dich, meine Frau, du wollest mit
denen von Honschote so wenig Worte machen, als du
kannst, damit nicht die Obrigkeit, wenn sie es bemer-
ken sollte, daß du da wärest, es denen von Bergen
mitteilen möchte. Kannst du aber mit N. reden, so tue
es, er kommt oft nach Bergen. Wenn du aber, meine
liebe Frau, mir etwas mitzuteilen hast, so sage es dem
N. oder R., die werden mir wohl die Botschaft brin-
gen, und unterlasse nicht, mir zu schreiben, wie es
mit dir und den Kindern steht und was ihr macht. Für
jetzt nichts weiter, als bleibe dem Herrn empfohlen
und dem reichen Worte seiner Gnade, Amen. Von mir,
Christian Rycen, deinem Manne.
Pieter Saymer, 1588.
Im Jahre 1588 wurde Pieter Saymer zu Freiburg im
Baierlande gefangen, denn als er dort bei einem Wirt
übernachtete und des Morgens wieder seinen Weg
fortsetzen wollte, hat ihn ein Diener angegriffen und
in Verhaft genommen. Hiernächst hat man ihn nach
Berghausen geführt und in der Kürze verhört; als er
nun standhaft blieb, hat man ihn abermals nach Frei-
burg gebracht. Den dritten Tag darauf hat ihn der
Richter selbst aus dem Gefängnis abholen lassen und
hat ihn zum Abfall ermahnt; aber er antwortete: Ich
will von dem rechten Glauben an Christum Jesum
nicht abstehen, noch Gottes Gebote unterlassen, und
sollte es mich auch Leib und Leben kosten. Darauf
hat man ihm sein Ende verkündigt und den Stab über
ihn gebrochen; darüber hüpfte sein Herz vor Freuden,
sodass er Gott aufs Höchste dankte und lobte und
nachher sagte: Ich habe nur ein Haupt, aber wenn
ich deren zwei oder noch mehrere hatte, so wollte ich
sie lieber sämtlich abhauen lassen, als von meinem
Glauben abweichen.
Es war viel Volk zugegen; einige davon weinten um
ihn, als man ihn hinausführte; aber er sagte: Um mich
dürft ihr nicht weinen, denn ich bin wohlgemut in
Gott, und er fing an vor Freuden zu singen, was die
Pfaffen und der Gerichtsschreiber nicht leiden woll-
ten. Es kam ein einfacher Mann zu ihm, ein Fischer,
und sagte: Lieber Pieter, steh doch ab und schone dei-
ner; aber er antwortete: Schweige doch, du kannst das
nicht fassen noch begreifen, was mir heilsam ist. Hier-
nächst kniete er nieder und verrichtete sein Gebet zu
Gott im Himmel, und indem er so niederkniete, um
sein Gebet zu verrichten, hat ihm der Scharfrichter
das Haupt abgeschlagen, welches sich so wunderbar
herumwälzte, als es auf die Erde fiel, auch sich mit
dem Angesicht gegen den Scharfrichter wandte und
so liegen blieb, worüber sich das Volk sehr verwun-
derte.
Also hat dieser den Glauben und die Wahrheit Got-
tes mit seinem Blut bezeugt, und die Krone des ewi-
801
gen Lebens erlangt, was den 8. Juli 1588 geschehen
ist.
Joost, der Zöllner, Michael Buyse und Syntgen
Wens, im Jahre 1589.
Im Jahre 1589 den 13. Januar, des Nachts um zehn
Uhr, sind zu Gent in Flandern zwei Brüder und eine
Schwester verhaftet worden, weil sie nach der Wahr-
heit in der Nachfolge Christi lebten; sie hießen Joost,
der Zöllner, Michael Buyse und Syntgen Wens. Die-
selben sind, nachdem man sie sehr versucht und ge-
quält hat (worin sie jedoch allezeit standhaft geblieben
sind), endlich als Ketzer öffentlich zum Tode verurteilt
worden, daß sie jedoch heimlich bei verschlossenen
Türen in des Grafen Schloss an einem Pfahl erwürgt,
sodann aber die beiden Brüder draußen an den Gal-
gen gehängt, die Frau aber darunter begraben werden
sollte, welches Urteil den 13. April des vorgemeldeten
Jahres 1589 vollzogen ist.
Weil uns nun einige Briefe von Joost Zöllner in die
Hände gekommen sind, so haben wir sie dem Leser
zu Liebe hier beigefügt.
Der eiste Brief von Joost Zöllner.
Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen Va-
ter, durch Jesum Christum, seinen lieben Sohn, unsern
Herrn und Heiland, wolle euch, mein lieber Bruder
in dem Herrn, Lowys, auch Janneken, Jacumyntgen
und Syntgen, meine lieben Schwestern in dem Herrn,
nebst allen andern geliebten Brüdern und Schwes-
tern in dem Herrn, mit seinem Heiligen Geist an dem
inwendigen Menschen stark und kräftig machen, da-
mit ihr das Ende eures Glaubens davon tragen mögt
zu eurer Seelen Seligkeit und zum Lobe, Preise, Ehre
und Dank dessen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt,
Amen.
Nebst herzlichem und christlichem Gruß an euch,
meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn,
lasse ich euch wissen, daß ich dem Fleische nach in
guter Gesundheit bin, dem Herrn sei gedankt, dem
Geiste nach aber ist mein Gemüt durch des Herrn
Gnade willig, bei der heiligen christlichen Wahrheit
zu bleiben, denn es ist weder im Himmel noch auf
Erden eine andere Seligkeit zu erwarten, als durch
Jesum Christum, der die Wahrheit und das Leben
ist. So wisst denn, meine lieben Brüder und Schwes-
tern, daß ich mit meinen Mitgefangenen im Herrn
sehr wohlgemut bin, wiewohl wir alle drei voneinan-
der abgesondert liegen; es hat auch der Stockmeister
strengen Befehl, daß er uns nicht Zusammenkommen
noch miteinander reden lassen soll. Es wird zwar ge-
nau Achtung gegeben, doch finden sich Habakuks,
die uns bisweilen behilflich sind, und obgleich es so
genau zugeht, so haben wir doch einen sehr großen
Trost, nämlich den Tröster, den Heiligen Geist, densel-
ben Helfer und Beistand, der die heiligen Apostel in
ihrer Trübsal getröstet hat, sodass ich Tag und Nacht
zu dem Herrn, meinem Gott, bitte und flehe, daß Er
mir gnädig beistehen und das Feld erhalten helfen
wolle, damit sein heiliger Name durch mich Elenden
ewig gepriesen werden möge, und Er mir das abneh-
me, was mir hinderlich ist. Und also habe ich mich
dem ewigen allmächtigen und starken Gott überge-
ben durch Jesum Christum, unsern ewigen Seligma-
cher.
Deshalb, meine geliebtesten Freunde, hat der Herr
meine Stimme erhört, und mich elenden unvollkom-
menen Menschen angesehen, der ich nur Staub und
Asche und zu jeder Barmherzigkeit zu gering bin, in-
dem Er mich dazu berufen hat, daß ich um seines
Namens willen Trübsal, Bande, Leiden, und Versu-
chung haben soll; daher habe ich solch einen Mut und
solche Freude, daß ich die Freude und Wonne, die
mir der Herr durch seinen Heiligen Geist gibt, nicht
auszusprechen vermag, sodass ich oft in meinem Her-
zen denke: O Herr, heißt dieses Leidwesen, Druck,
Leiden und Bande oder Trübsal? Denn solange ich
unwürdig in der Wahrheit gewandelt bin, habe ich
noch niemals solche Freude und Wonne gehabt. Wenn
ich an die ewige Freude und die großen tröstlichen
Verheißungen der Seligkeit denke, die der Herr für
seine Auserwählten und für alle, die bis ans Ende
standhaft bleiben, zubereitet hat, daß sie dem unbe-
fleckten Lamm Christo Jesu mit glänzenden weißen
Kleidern und Palmzweigen in ihren Händen nachfol-
gen und außerdem noch mit der Krone des ewigen
Lebens gekrönt werden, und daß Er sie zur Quelle
des ewigen Lebens leiten und also alle Tränen von un-
sern Augen abwischen werde; wenn ich dieses alles
im Geiste ansehe, so dünkt mich, mein Herz zersprin-
ge mir vor Freuden, so mächtig ist der Herr, und so
kann Er diejenigen trösten, die sich Ihm von ganzem
Herzen übergeben. Denn Freunde, es ist nun so weit
gekommen, daß ich alles, was zeitlich und vergäng-
lich ist, um Christi willen für Schaden achte, so hat
mir auch der Herr Gnade dadurch gegeben, daß mich
keine zeitlichen Geschäfte verhindern, was ich als ein
großes Geschenk von Ihm annehme.
Darum, meine Lieben und Werten, erfreut euch und
ergötzt euch mit mir im Geiste, und dankt dem Herrn,
daß Er eurem schwachen Bruder so gnädig beisteht,
mit seinem Geist und Wort. Euch alle, die ihr diesen
meinen Brief sehen oder lesen hören werdet, bitte ich
aus brüderlicher Liebe, daß ihr die Knie eures Her-
802
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
zens zum Allerhöchsten beugen wollt, daß Er uns
durch seinen Geist stärken wolle, damit wir das Werk,
das Er in uns angefangen hat, zu seinem heiligen Prei-
se ausführen möchten, denn Freunde, wir versehen
uns nichts anders, als daß wir aufgeopfert werden,
insbesondere ich und Michael, und das um gewisser
Ursachen willen, die wir in unserem Verhör bekannt
haben. Sie fragten mich zunächst nach meinem Al-
ter; ich sagte: Ungefähr fünfzig Jahre. Sie fragten, ob
ich wiedergetauft wurden sei; ich antwortete: Nein;
aber ich setzte hinzu, daß ich mich auf das Bekennt-
nis meiner Sünden, welche mir herzlich leid wären,
und auf mein Glaubensbekenntnis an Jesum Chris-
tum, daß Er der lebendige Sohn Gottes sei, im Namen
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes hatte
taufen lassen; das wurde niedergeschrieben. Sie frag-
ten, wie lange es her sei; ich sagte: Sechsundzwanzig
Jahre vergangene Christmeß. Sie wunderten sich, daß
ich so lange regiert hätte. Frage: Hast du eines Die-
ners Dienst zu verwalten, oder hast du nicht darin
gestanden? Ich bekannte freimütig, daß ich in dem
Dienst stände, obgleich, sagte ich, ich dessen nicht
würdig wäre. Ferner fragten sie mich, ob ich das Wort
der Ermahnung täte oder nicht getan hätte; ich sagte:
Nein. Sie fragten mich, ob nicht kürzlich ein Mann da
gewesen wäre, welcher draußen gepredigt hätte; ich
schwieg. Nach einigen Erörterungen sagte ich ihnen,
es sei uns nicht von Gott erlaubt, jemanden zu belästi-
gen oder zu beschweren. Zuletzt sagten sie mir, wie
sie wüssten, daß Jan Weber in der Stadt gewesen sei,
und daß man ihn heimlich Nachts aufgenommen hät-
te, und daß ihrer drei oder vier aufgenommen worden
seien. Sie sagten auch mit kurzen Worten, daß es unse-
re Schwester bekannt habe, die mit uns gefangen saß,
denn sie hatten sie gefoltert; sie fragten mich auch, ob
Hans in meinem Hause zur Herberge gewesen wäre;
sie wussten schon Bescheid davon, darum konnte ich
nichts dagegen sagen, sondern musste es gestehen. Sie
sagten, solches sei verboten; ich antwortete, es wäre
mir nicht leid, daß ich ihn beherbergt hätte, und wenn
es noch zu tun wäre (sagte ich), ich wollte es noch
gern tun. Das nahmen sie übel auf, daß es mir nicht
leid wäre. Sie fragten mich auch, ob ich den Rat oder
meine Zustimmung dazu gegeben, nach dem Jan We-
ber zu schicken; ich sagte, ja, von ganzem Herzen. Das
wurde auch übel aufgenommen, wiewohl ich wenig
darauf gebe, denn sie deuten alle Dinge aufs Ärgste.
Sie gingen sodann zu den Herren des Rates, wie ich
nachher gehört habe; überdies müssen sie sich noch
bei Hofe mehr Rats erholen.
Dieses ist ein kurzer Bericht; es sollte mir wohl
schwer fallen, alles zu beschreiben, weil meine Ge-
rätschaft zu gering war. Ich wollte, daß man diesen
Brief, oder die Abschrift davon, an die von Harlem
senden möchte. Es war einmal ohne mein Wissen von
denen von Harlem ein Brief gesandt worden, welcher
in Michael Buyses Hause gefunden worden ist; der-
selbe hat mich sehr beschwert; es war wegen hundert
Pfund, welche an die Armen gesandt waren, und die
ich empfangen haben sollte, und auch noch ein Testa-
ment über vierundzwanzig Pfund von Joost Daems;
ich antwortete darauf, daß ich den Brief niemals gese-
hen hätte, wie denn dem auch so ist; aber diese Briefe
haben große Betrübnis angerichtet.
Ich habe so viele Briefe empfangen als irgendein
Mann in Flandern und Brabant, aber alles, was etwas
zu bedeuten hatte, davon machte ich mich frei, doch
Trübsal und Bande müssen von etwas herkommen.
Überdies sei dem Herrn gedankt, ich quäle mich nicht
mehr damit; ich bin mit allem zufrieden, wie es mir
der Herr zugesandt hat. Gott der Herr lässt es so ge-
schehen, damit Er dadurch prüfen möchte, ob etwas
in meinem Herzen läge, woran Er einen Missfallen
hätte, oder ob ich etwas mehr lieben möchte, als Ihn,
denn der Herr ist ein eifriger Gott und will allein der
Liebste sein; Er ist dessen auch wohl wert, denn Er
hat uns teuer erkauft, nämlich mit dem teuren Blut
seines Sohnes, unsers Herrn Jesu Christi. Darum müs-
sen wir auch in der Kraft unseres Glaubens beweisen,
daß wir Ihn mehr lieben, als Mann, Weib oder Kind,
Haus, Äcker, Gold, Silber, und das letzte und höchste
Pfand, welches unser eigenes Leben ist.
Wenn man so auf den Prüfstein gelegt wird, so wird
erkannt, worauf man gebaut habe, es sei Gold, Silber,
Edelsteine oder Holz, Heu oder Stoppeln, denn eines
jeden Werk wird dann offenbar werden, wie durchs
Feuer. Darum rate ich euch, mein lieber B. und S. in
dem Herrn, die ihr nun in der Freiheit wohnt, daß
ihr doch tapfer aufwachsen wollt; es könnte wohl
geschehen, daß bei euch auch Verfolgung entstehen
möchte, wie nun in Flandern, denn diese Freiheit ha-
ben wir sieben Jahre auch gehabt. Darum sollen alle
rechtschaffenen Ritter Christi Jesu sich allezeit mit
den Waffen der Gerechtigkeit bereit machen, und den
Helm des Heils, sowie den Panzer der Gerechtigkeit
anziehen und sich mit dem Gürtel der Wahrheit, und
mit dem Schwert des Geistes, ja, auch mit dein Schild
des Glaubens bewaffnen, womit man alle feurigen
Pfeile des Bösewichts auslöschen kann. Aber Freunde,
die Trägen lassen vielleicht bisweilen ihre Waffen in
einem Winkel stehen, wo sie dann leicht verrosten
können; sobald es nun die Not erfordert zu streiten,
wenn nämlich der Feind (der wie ein grimmiger Löwe
um uns herumgeht) uns auf den Hals kommt, jawohl,
dann würde man sie wohl im Winkel ganz verrostet
aufsuchen, und so würde uns der Feind mit List über-
803
fallen. Darum gibt Paulus einen guten Rat, wenn er
sagt: Wacht, steht fest im Glauben, seid männlich, und
lasst alle Dinge in der Liebe geschehen.
Freunde, ich wollte wohl mehr schreiben, aber ihr
seid selbst von Gott gelehrt, und wie euch die Salbung
alles lehrt, so ist es wahr, und wie sie euch gelehrt hat,
so bleibt dabei. Ich will euch hiermit dem Herrn und
dem Wort seiner Gnade empfehlen. Haltet mir mein
keckes Schreiben zu gut.
Wisst Brüder, daß ich meiner Tochter einen Tes-
tamentsbrief geschrieben habe, wenn wir etwa hier
nicht lange mehr leben sollten.
Von mir, Joost Zöllner, eurem schwachen Bruder
in dem Herrn, den 13. Januar 1589, gefangen um der
Wahrheit willen.
Der zweite Brief von Joost Zöllner.
Ich wünsche euch, meine herzlich geliebten und wer-
ten Brüder und Schwestern in dem Herrn (welche als
Fremdlinge in allen Ländern zerstreut, verjagt und
verfolgt sind von ihren Ländern, Städten, Häusern
und Gütern, und das um des Zeugnisses Jesu Chris-
ti willen) Gnade, Frieden, Barmherzigkeit von Gott,
unserm himmlischen Vater, durch Jesum Christum,
seinen eingeborenen Sohn, unserm Herrn und Hei-
land, durch welchen wir der gottseligen Verheißun-
gen teilhaftig geworden sind, in seinem heiligen Na-
men. Denn Er hat uns gereinigt durch das Bad der
Wiedergeburt in seinem heiligen Blut, und hat uns
auserwählt aus allen Geschlechtern der Erde zum hei-
ligen Priestertum, um geistige Opfer zu opfern, die
Gott angenehm sind, durch Christum. Derselbe wol-
le meine werten und in Gott geliebten Brüder und
Schwestern stark und kräftig machen durch seinen
Heiligen Geist an dem inwendigen Menschen zum
Preise und zur Verherrlichung des großen, unüber-
windlichen Gottes des Himmels und der Erde, damit
ihr als glänzende Lichter unter den heidnischen Völ-
kern leuchten mögt, unter denen ihr als zerstreute
Fremdlinge wohnt, damit viele Tausende euch beim
Zipfel ergreifen möchten und sagen: Liebe, wir wol-
len mit euch gehen, denn wir sehen, daß der Herr
mit euch ist. Dazu wolle euch der Herr den Segen
geben, zum Lobe, Preise und zur Ehre seines heiligen
anbetungswürdigen großen Namens.
Nebst Anwünschung eines christlichen Grußes an
euch, meine werten und in Gott geliebten B. und S.
in dem Herrn, habe ich bei unsern letzten Verhören,
welche den 23. und 28. März stattgefunden, vernom-
men, daß die Zeit unserer Wallfahrt bald am Ende
sein möchte. Deshalb bin ich gedrungen worden aus
brüderlicher und herzlicher Liebe, euch meinen lie-
ben Freunden ein wenig zu schreiben, wobei ich euch
eine fröhliche Botschaft verkündige, nämlich, daß ich
mit meinen Mitgefangenen noch guten Mutes bin, der
Seele und dem Leibe nach, durch des Herrn Gnade,
um bei der heiligen Wahrheit zu bleiben, solange wir
einen lebendigen Atemzug in uns haben, auch daß es
unser Wille ist, sowohl unsern Leib, als unsere Seele
in Gottes kräftigen Verwahr zu geben, was euch allen
angenehm zu hören, uns aber ein seliger Teil ist; Gott
wolle uns aus Gnaden geben, daß wir, als unwürdige
Knechte, seines Leidens teilhaftig sein möchten. Ich
erfreue mich aber im Geiste von ganzem Herzen, daß
mich Gott zu solcher Gnade berufen hat, wozu die
ganze Welt wegen ihres Unglaubens unwürdig ist.
Weiter, meine werten und herzlich geliebten Brüder
und Schwestern in dem Herrn, ist unsere herzliche Bit-
te an alle Auserwählten, die Gott von Herzen fürchten,
mit einem aufrichtigen, brünstigen Herzen, in einem
heiligen Glauben, der durch die Liebe tätig ist, daß ihr
die Knie eures Herzens vor dem allmächtigen Gott,
dem Vater unseres Herrn Jesu Christi beugen und
für uns Gefangene als Mitgefangene bitten wollt, die
wir in Ungemach sind, als die ihr selbst auch noch
im Leibe seid, damit wir das Ende unseres Glaubens
(welchen wir durch Gottes Gnade bekannt haben) vor
diesem bösen und argen Geschlecht, welche Feinde
des Kreuzes Christi sind, ehrlich erreichen, und un-
sern Leib zum Opfer übergeben mögen, das Gott an-
genehm sei, durch Jesum Christum, zum Preis des
großen Gottes, zu unseres Nächsten Erbauung, und
zum Licht der Welt, das ist unser aller Bitte.
Weiter, liebe Freunde, finde ich in diesem meinem
Druck, Leiden, Banden und Schmach, die um der Ge-
rechtigkeit Gottes willen über mich Unwürdigen ge-
kommen sind, daß Gott in allen seinen Verheißungen
getreu ist; der uns nicht über unser Vermögen ver-
sucht werden lässt, sondern nebst der Versuchung ein
Auskommen gibt. Er lässt die Seinen nicht als Waisen;
Er wird uns mit seinem Geist vor Königen und Fürs-
ten verteidigen, so viel uns dann nötig sein wird. Er
hat gesagt: Ich will dich nicht verlassen, noch versäu-
men; darum will ich mich auf den Herrn verlassen,
und mich nicht fürchten, was mir ein Mensch tun
möchte, denn, wenn sie auch hier das irdische Haus
dieser Wohnung zerbrechen, so wissen wir doch ge-
wiss, daß den Gerechten eine Wohnung im Himmel
bereitet sei, die nicht mit Händen gemacht, sondern
ewig ist, nach welcher Behausung meine Seele ein
herzliches Verlangen hat.
Aber, Freunde, es entsteht großer Streit, sowohl aus-
wendig, als inwendig, denn inwendig beweist Fleisch
und Blut seine Art, welchem durch den Glauben wi-
derstanden werden muss; auswendig gegen die weit-
804
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
liehe Hoffart, die falschen Propheten und die Geister
der Lügen, mit welchen man ritterlich fechten muss,
mit dem Schwert des Geistes, welches Gottes Wort ist.
Ach, Freunde, ich habe es schon zur Genüge erfah-
ren, denn ich bin zwölf Mal von ihnen angefochten
worden; sechs Mal von der weltlichen Obrigkeit und
sechs Mal von den falschen Propheten. Die Obrigkeit
sagte zu mir, ich hätte einen stolzen, hoffärtigen Geist
in mir, und machte noch mehr dergleichen üble Äuße-
rungen und meinte, daß ich um deswillen mich nicht
bewegen lassen wollte; ich fragte sie, ob das eine große
Hoffart wäre, daß ich mich alles meines Gutes, meines
Weibes und Kindes berauben ließe, und zuletzt allen
Menschen ein Schauspiel sein müsste, welche mich
an einem Pfahle verbrennen lassen und mein Fleisch
den Tieren und Vögeln des Himmels zur Speise geben
würden. Sie sagten noch einmal: Ja, eben darin seid
ihr stolz; ich sagte, das wären wir, aber wir freuten
uns weil wir des Leidens Christi teilhaftig geworden
wären; ich warnte sie, sie sollten Zusehen, und die
Hände nicht an diejenigen legen, die im Frieden nach
ihrem Glauben zu leben suchten, die weder euch noch
den eurigen irgendein Leid zufügen. Sie sagten, wir
wären Aufrührer und Meuterer, verführten und zö-
gen viele einfältige Herzen zu unserm Glauben, und
daß wir eine größere Strafe verdient hätten, als Diebe
und Räuber; ich erwiderte: Wir verführen keine See-
len, sondern eure falschen Propheten verführen viele
tausend Seelen durch ihre Lehre und ihren falschen
Gottesdienst, den sie unter dem Schein der Heiligkeit
verrichten. Sie sahen mich scharf an. Es fielen auch
noch viele Reden vor, die ich der Beschreibung nicht
wert halte. Was dasjenige betrifft, daß sie mich nach
meinem Alter fragten, und wie lange ich im Glauben
gewesen wäre, auch wegen meines Dieneramtes, da-
von habe ich in meinem vorigen Briefe geschrieben,
der von einigen unter euch gelesen worden ist, wie
ich aus dem Inhalt eines Briefes ersehe, den ich ges-
tern empfangen habe; er war mir von Herzen lieb,
denn, Freunde, es tut wohl, wenn einige Briefe voll
Trost und Warnung kommen; es ist viel angenehmer
als viele Goldstücke, denn, Freunde, eine Zeile von
Freundeshand schmeckt viel besser, als wenn man
zehn Mal mehr in sich selbst trüge.
Weiter, Freunde, zehn oder zwölf Tage nachher
sandte die Obrigkeit zwei Gelehrte, den Pfarrpfaffen
von St. Jan und noch einen Domherrn; dieser machte
auch viele Worte, und brachte ein langes Geschwätz
vor; zuletzt fragte er mich, warum ich von der Mutter,
der römisch-katholischen Kirche abgefallen wäre; ich
erwiderte ganz kurz, daß ich sie nicht für die rechte
heilige Kirche hielte. Sie fragten: Warum? Ich sagte:
Um deswillen, weil man sonst nichts tut, als einen
falschen, erdichteten Gottesdienst treiben. Das nah-
men sie sehr übel auf, es fielen auch sehr viel Reden
vor, nach der Weise, wie es unseren Freunden in frü-
heren Zeiten ergangen ist.
Ungefähr zehn oder zwölf Tage darauf kamen die-
selben noch einmal, und brachten den Pfaffen Michel-
ken mit, welcher ein Abtrünniger und seit der Zeit ein
Pfaffe geworden ist. Da sagte der Pfarrpfaffe, Namens
Herr Jan von Dale zu mir: Kennst du wohl den Herrn
Michelken? Ich sagte: Ja. Er sagte: Warum bekehrst
du dich denn auch nicht von der Ketzerei, wie Herr
Michelken getan hat; wäre euer Glaube gut, er wä-
re von eurem Glauben nicht abgewichen und zu der
Mutter, der heiligen Kirche, umgekehrt. Ich antwor-
tete: Er wäre von der heiligen Gemeinde Gottes zum
Götzendienst und zur Lehre der Teufel übergegangen.
Sie fragten: Was ist Abgötterei in unserer Kirche? Ich
erwiderte: Zunächst alle Bilder, die darin stehen, vor
welchen ihr Lichter brennt, opfert und die Knie beugt.
Sie sagten: Die Bilder wären die Bücher für ungelehrte
Leute, die Messe aber, und das Opfer, das sie täten,
wären lauter heilige Gebete. Ich antwortete: Wäre es
gut, wie ihr sagt, ihr würdet es wohl in flämischer
oder deutscher Sprache verrichten, damit die einfa-
chen Menschen gelehrt werden möchten; überdies
habt ihr das Evangeliumbuch, das mögt ihr lehren;
aber ihr fürchtet, die Menschen möchten deutliche Be-
griffe daraus fassen. Überhaupt wechselten wir auch
sehr viele Worte von der Sendung der Prediger und
von der Kindertaufe miteinander, aber viel davon zu
schreiben, dünkt mich unnötig zu sein, denn es geht
alles darauf hinaus, wie es im Opferbuch steht. Sollte
ich alles schreiben, es wären wohl sieben oder acht
Bogen Papier nicht genug dazu; auch habe ich viel
vergessen, denn es ist gar zu viel vorgefallen.
Zuletzt kam der Stadtschreiber Schockmann mit
seinem Sohn, welcher Schreiber des Blutgerichts ist;
dieser befahl uns, daß ich und Michael Buyse mitkom-
men sollten, um mit ihm zu reden. Darum bat ich den
Herrn, daß Er mich nach seiner Verheißung bewahren
wolle. Darauf ging ich die Treppe hinunter, und als
ich und Michael zu ihm kamen, grüßten wir ihn ehrer-
bietig, und er sagte uns auch guten Abend. Da fragte
er uns sämtlich, ob wir nicht verdrießlich wären, so
gefangen zu sitzen. Antwort: Wir müssen darin ge-
duldig sein. Ja, sagte er, es ist eure Schuld, und ihr tut
es euch selbst; würdet ihr euch nur bewegen lassen,
so würden wohl alle Dinge gut werden. Wenn ihr nur
von eurer Meinung ablassen wolltet, denn (sagte er) es
ist nur Ruhmsüchtigkeit und ein hoffärtiger Geist, der
dich dazu treibt; ich sagte ihm, wie ich zuvor erzählt
habe, daß solches keine Hoffart wäre, wenn es sich
um Leib und Gut handelt. Er verteidigte das römische
805
Reich sehr, und machte viel Wesens von der Kirche der
Pfaffen, weil sie von der Apostel Zeit an bis hierher
gewesen sei; auch zählte er viel Gründe auf, die weder
schriftgemäß, noch der Mitteilung wert sind. Ferner
(sagte er), sind auch einige Missbrauche vorhanden,
um deswillen ist der Glaube nicht schlechter. Ich weiß
wohl (sagte er), daß Pfaffen sind, die tugendsamer
leben könnten, aber man soll nicht auf ihre Werke se-
hen, sondern ihren Worten gehorchen. Michael sagte:
Ein guter Baum bringt gute Früchte, was ein böser
Baum nicht tut. Aber (sagte ich) meine Herren, wir ha-
ben die Wahrheit, ich hoffe, daß wir durch des Herrn
Gnade bis ans Ende dabei bleiben werden. Er redete
viel, und sagte unter anderem, er wäre aus Mitleiden
zu ums gekommen, und obgleich ihr (sagte er) den
Geistlichen nicht Gehör geben wollt, so komme ich
aus eigenem Antrieb und finde mich dazu gedrungen,
in der Hoffnung, ihr werdet mir mehr Gehör geben,
denn (sagte er und schlug auf seine Brust) wäre es
nicht durch ihn geschehen, so wäre es schon längst
mit uns getan gewesen, aber er hätte es verhindert;
wie wir denn auch wissen, daß er sehr hoch angese-
hen ist, sowohl bei Hofe, als bei den Herren der Stadt,
denn im Stadtregiment geht es in vielen Sachen nach
seinem Rat. Zuletzt sagte er (und schlug noch einmal
auf seine Brust) wir müssten sterben, denn (sagte er)
es ist bei den Herren des Rates von Flandern, bei dem
hohen Rate beschlossen, und ferner sagte er, auch bei
Hofe und bei seiner Hoheit, dem Prinzen von Parma,
sei dieser Beschluss gefasst. Darauf antwortete ich
freudig: Des Herrn Wille müsse über uns geschehen;
wir sind geboren, um einmal zu sterben. Ja, (sagte
er) das Sterben ist ein geringes Werk, aber du wirst
nachher in die Verdammnis gehen, wie er uns denn
zuvor oft verdammt hatte. Michael antwortete darauf,
das Urteil käme Gott zu; er aber sagte: Ihr solltet wohl
sagen, daß wir verdammt seien? Darauf sagte ich, daß
wir diejenigen, die außer uns sind, nicht richten; Gott
wird sie richten.
Ja, Freunde, es ist ein stolzes, aufgeblasenes Volk,
und sie lästern ohne alle Furcht Gott und seinen heili-
gen Tempel. Weiter sagte er: Wenn wir abstehen woll-
ten, wollte er bei Seiner Hoheit sein Bestes tun, und
sollte er auch selbst nach Hofe reisen müssen, was
ihn viel kosten würde. Es scheint demnach, Freunde,
wie wir hören, daß wir gleichwohl in Lebensgefahr
wären, wenn wir auch vom Glauben abfielen. In sol-
cher Weise ist er zuletzt von uns geschieden und hat
uns gebeten, an seine Worte zu denken; ich hoffe, sag-
te er, der Heilige Geist wird es in dir wirken. Aber
wir hatten eine andere Hoffnung, daß Gott, der Vater
unseres Herrn Jesu Christi, uns durch seinen Geist
stärken werde, in der Wahrheit bis ans Ende unseres
Lebens zu beharren.
Freunde, wir waren bei ihm länger als zwei Stun-
den. Wir redeten wenig; nur hin und wieder, wenn
etwas vorkam, was eine Verantwortung nötig machte,
verteidigten wir uns; das viele Reden gilt hier nichts,
denn sie sagen, sie seien gekommen uns zu lehren;
aber wir wollten von ihnen nicht gelehrt sein. Das ha-
ben die Pfaffen zu mir allein gesagt, denn wir waren
im Verhör voneinander abgesondert, das letzte Mal
ausgenommen.
Fünf oder sechs Tage darauf hat er uns seinen Sohn
noch einmal gesandt, der uns fragte, ob wir auf diese
Sache Achtung gegeben und uns bedacht hätten; wir
sagten darauf, wir begehrten bei dem Glauben an Je-
sum Christum zu bleiben, wie wir im Anfang bekannt
hätten. Nach diesen Worten ist er von uns geschieden,
was den 28. März geschah.
So erwarten wir denn, meine herzgründlich gelieb-
ten Brüder und Schwestern in dem Herrn, jeden Tag
den Tag unserer Erlösung, daß wir unser Opfer tun
mögen. Ich hätte beinahe das vergessen, was der Stadt-
schreiber uns gesagt hatte, ihr möchtet vielleicht wohl
einmal Nachts überfallen werden, wenn ihr solches
am wenigsten vermutet; was sie im Sinne haben, ist
Gott bekannt. Sie haben über uns keine Macht, es sei
denn, daß es ihnen der Herr zulässt. Gott ist unse-
re Stärke und Kraft, und das Schwert unseres Sieges,
und obgleich wir um seinetwillen leiden müssen, so
müssen wir doch unsere Seelen in Geduld fassen, und
dessen eingedenk sein, was der Apostel sagt, daß es
Gnade bei Gott sei, um des Wohltuns willen zu leiden;
wiewohl, liebe Brüder und Schwestern in dem Herrn,
die Welt es für keine Gnade achtet; denn IKor 1,18
steht, daß das Wort vom Kreuz denen eine Torheit sei,
die verloren gehen, aber uns, die wir selig werden, ist
es eine Kraft Gottes, welche Kraft Gottes durch seinen
Geist zum Trost und zur Stärkung ihres Gemüts wirkt.
Darum, meine lieben Brüder und Schwestern,
wacht, steht im Glauben, seid männlich, seid stark,
und lasst alle eure Dinge in der Liebe geschehen, da-
mit ihr aufwachst und zunehmt, und nicht schwach
werdet in der Liebe, in der Hoffnung, im Glauben,
welches ein köstlicher Schatz ist, den wir durch den
Heiligen Geist in unsere irdischen Gefäße empfangen
haben. Bewahrt doch denselben fleißig, mit großer
Sorgfalt; denn einige von uns haben lange darum ge-
arbeitet, aber durch eine leichtsinnige Unachtsamkeit
wird er so leicht geraubt; dann ist alle Arbeit verloren,
die darum getan worden ist; denn wenn der Gerech-
te weicht (sagt der Herr), so soll meine Seele an ihm
keinen Gefallen haben. Er verlässt die Quellader des
lebendigen Wassers, und die Abtrünnigen werden in
die Erde geschrieben, ihr Name wird auch nicht im
806
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Buch des Lebens gefunden werden. Darum wacht im
Glauben, und lasst uns für unsern geistigen Schatz,
den wir durch den Glauben an Christum Jesum aus
Gnaden empfangen haben, eine so große Fürsorge
tragen, als wohl mancher Mensch für seinen vergäng-
lichen Schatz trägt, dem die Diebe und Räuber nach-
stellen, wie es bisweilen vorkommt, wie z. B. bei mir
und Michael, meinem Mitgefangenen; denn sie haben
uns fast alles geraubt, und viele sind so gesinnt, daß
sie gern zeitlich reich werden wollen, jedoch sie beden-
ken nicht in der Kraft, was Paulus spricht, daß solche
in Versuchung und in große Stricke, und in Geiz fallen,
welchen Paulus Abgötterei nennt; derselbe hat einen
langen Mantel, daß man nicht leicht an ihn kommen
kann; und sie sammeln ihren Kindern große Schätze.
Es ist ihnen eine weite Türe auf getan, ihre Kinder in
die Welt zu führen, aber der beste Schatz, den man
den Kindern hinterlassen kann, ist der, daß man sie
von Jugend auf in der Gottesfurcht unterrichte und
ihnen das Wort des Herrn Vorhalte, so deutlich und
verständlich, als ihr Verstand fassen und begreifen
kann; wie denn die Altväter ihr Kinder gelehrt haben
Gott zu fürchten, die Sünde meiden und Gutes tun,
wovon Abraham ein Exempel ist, welcher seinen Kin-
dern Befehl gab nach ihm; desgleichen Susanna und
der alte Tobias, der seinen Sohn lehrte von Jugend auf
Gott fürchten, wie auch Sarah, Raguels Tochter. Freun-
de, forscht fleißig in der Schrift, sie wird euch zur
Genüge unterrichten. Lasst uns allezeit dem Guten
nachfolgen, einander ermahnen und in guten Wer-
ken erwecken, damit wir darin die Vornehmsten sein
mögen. Darum schreibe ich noch einmal, wie früher;
denn die Axt ist schon den Bäumen an die Wurzel
gelegt; alle Bäume, die nicht gute Früchte bringen,
werden abgehauen und ins Feuer geworfen, und da-
mit wir nicht den fünf törichten Jungfrauen gleich sein
mögen, wenn der Bräutigam kommt, daß wir alsdann
nicht schläfrig sein mögen und das Öl zum Brennen in
der Lampe nicht erst kaufen müssen. Darum wird der
Glaube, der durch die Liebe tätig ist, herrlich leuchten
vor dem Herrn, denn es werden nicht alle, die Herr!
Herr! rufen, ins Reich Gottes kommen, sondern wer
den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist.
Darum sagt Christus: Selig sind, die Gottes Wort
halten und bewahren; selig ist der, welcher die Worte
der Propheten hört und liest, und das hält, was darin
geschrieben ist, denn die Zeit ist nahe. Lasst uns in
der Lehre Christi bleiben, so werden wir auch seine
Jünger sein und ewig bleiben.
Weiter, meine herzgründlich geliebten Brüder und
Schwestern in dem Herrn, finden wir in allen Schrif-
ten, daß alle heiligen Altväter, Propheten und Apostel
getrieben worden seien, und uns zum Frieden, zur
Liebe und Einigkeit gelehrt und ermahnt haben; denn
der Apostel sagt: Der Friede Gottes, der allen Verstand
übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Chri-
sto Jesu; Petrus sagt: Zu einer rechten, ungefärbten
Bruderliebe, und habt einander lieb aus reinem Her-
zen, als die wiedergeboren sind, nicht aus vergängli-
chem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich
aus dem Worte Gottes, das ewig bleibt. Ach, Freunde,
wo Liebe, Friede und Einigkeit in der Gemeinde ist,
da ist ein übergroßer Reichtum. Wohl recht sagt der
Psalmist: Wie lieblich ist es, wenn Brüder einträch-
tig beieinander wohnen, wie der köstliche Balsam ist;
denn wo Unfriede ist, da müssen die Herzen jämmer-
lich übereinander seufzen und das Brot mit Trauern
essen. Also werden die Festtage (wo man das Brot
des Herrn in seiner Gemeinde zum Andenken der
überschwänglichen Wohltaten des Herrn brechen soll-
te) in Trauertage verwandelt, was die Einfältigen mit
großem Leidwesen sehen müssen, wie es denn leider
unter Tränen zu beklagen ist, daß die Gemeinde zu
Harlem und einige andere Gemeinden mit solchen
Seuchen behaftet sind, was mir und mehreren andern
in unsern Landen betrübt zu hören ist, dem Herrn im
hohen Himmel sei es geklagt.
Ach, daß Gott Gnade gäbe, daß sie einander in der
Liebe ertragen könnten, und daß die Häupter sich
unter die starke Hand Gottes beugen und sich selbst
um des Herrn heiligen Namen und seiner Gemein-
de willen verleugnen möchten! Ich hätte Hoffnung,
solches würde ihnen kein böses Gewissen machen,
wenn sie es um des Friedens willen über sich ergehen
ließen, und ein jeder klein in seinen Augen wäre, wie
gut würde es gehen, und wie bald würde alles im
Frieden sein! Ach, Freunde, lasst uns die Knie unseres
Herzens vor dem Herrn beugen, daß eine christliche
Eintracht untereinander über das geistige Israel kom-
men möge, damit eine triumphierende Danksagung
mit Freude und Wonne im Geiste in allen Gemein-
den gehalten werden möge. Darum strebt nach dem
Frieden und jagt ihm nach; bedenkt euch über das
Wort jagt, denn wonach man jagt, das erreicht man
in Eile. Ach, Freunde, es ist Zeit über Zeit, daß ihr
Frieden und Einigkeit macht, denn es möchte etwa
der Herr mit Zorn strafen. Es ist niemand versichert,
daß im Lande immer Freiheit sein werde; vielleicht
gibt es dort im Lande auch Veränderungen, wie es in
Flandern und Brabant der Fall ist.
Darum, meine lieben Brüder und Schwestern in
dem Herrn, bitte ich euch gemeinschaftlich mit mei-
nem Mitgefangenen, und das mit gebogenen Knien
und wehmütigem Herzen im Namen unsers Herrn Je-
su Christi (vor welchem sich alle Knie beugen müssen,
der auch ohne Ansehen der Personen einem jeden ver-
807
gelten wird, je nachdem er getan hat, es sei gut oder
böse), daß ihr mit dem Herrn Frieden und Eintracht
aufrichtet; denn selig sind die Friedenmacher, sagt
Christus, denn sie werden das Himmelreich ererben;
damit der lustige Berg des Herrn und die heilige Stadt
Jerusalem in einer herrlichen Gestalt erfunden wer-
den möge, nebst allen ihren lieblichen Brunnen, aus
welchen die Wasser des Heiligen Geistes im Überfluss
entspringen in die Herzen der auserwählten heiligen
Bürger und Hausgenossen Gottes, die festgegründet
stehen auf dem Grund der Propheten und Apostel,
von denen Christus Jesus der wahre Eckstein ist.
Hiermit will ich, meine lieben Brüder und Schwes-
tern in dem Herrn, einen ewigen und christlichen
Abschied von euch nehmen und euch gute Nacht sa-
gen, bis wir dahin kommen, wo kein Scheiden mehr
sein wird, ich meine in dem neuen himmlischen Je-
rusalem, wo der König aller Könige mit dem Zepter
seines ewigen unvergänglichen Reiches ewig regieren
wird. Hiermit empfehle ich euch dem Herrn und dem
tröstlichen reichen Worte seiner Gnade, durch wel-
ches Wort wir im Frieden berufen sind zur Einigkeit
im Geiste durch das Band des Friedens, und haltet
euch tapfer bei der Wahrheit; bittet auch den Herrn
für uns, wir hoffen dasselbe für euch zu tun nach un-
serem schwachen Vermögen. Ich hoffe, der Herr wer-
de uns bis ans Ende unseres Lebens bewahren. Ach
Freunde, mich verlangt von Herzen nach dem Tage
meiner Erlösung, daß ich unter dem Altar Christi Jesu
bei allen unsem lieben Brüdern und Schwestern ru-
hen möge, die für uns um des Zeugnisses Jesu Christi
willen getötet worden sind, die ihres Lebens nicht
geschont, sondern es freiwillig um seines heiligen
Namens willen übergeben haben. Also, meine lieben
Brüder und Schwestern in dem Herrn, eilt auch und
begebt eure Herzen unter die Blutfahne Jesu Christi,
seine Schmach bei dem Heerlager des Herrn tragen
zu helfen, und das aus reiner Liebe ohne Furcht, denn
wer sich fürchtet, der hat Pein; aber die vollkommene
Liebe treibt die Furcht aus. Ach, Freunde, wo solche
Liebe ist, da ist die Liebe stärker, als der Tod, und der
Eifer fest, wie die Hölle; ihre Glut ist feurig und eine
Flamme des Herrn, sodass auch viele Wasser die Liebe
nicht auslöschen können. Darum lasst alle eure Din-
ge in der Liebe geschehen, und bleibt standhaft und
unbeweglich, und überfließend in den Werken des
Herrn, und wisst, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist
in dem Herrn. Ich bitte euch auch demütig, ihr wollt
mein einfaches Schreiben mir zugute halten, wiewohl
es schlecht abgefasst ist, denn, Freunde, das sei fern
von mir, daß ich mich zum Ermahnen tüchtig halten
sollte, sondern ich bedarf der Ermahnung, indem ich
mich in allem miteinschließe, was ich hier geschrie-
ben habe, weil es aus aufrichtiger, brüderlicher Liebe
geschehen ist, das weiß der Herr, und ich hoffe auch,
es durch Gottes Gnade mit meinem Tod zu befestigen,
wie es den Anschein gewinnt. Der Herr wolle uns in
unserer letzten Not mit seinem Geist stärken, der ein
Nothelfer ist.
Endlich, meine lieben Brüder, freut euch; seid voll-
kommen; tröstet euch; habt einerlei Sinn; seid fried-
sam, dann wird der Gott der Liebe und des Friedens
mit euch sein. Wacht im Glauben.
Von mir, Joost Zöllner, einem schwachen Bruder
und zarten Glied an dem Leibe Christi, der aller Barm-
herzigkeit Gottes und seiner Gnade zu gering und des
Leidens unwürdig ist. O Herr, mache mich Unwür-
digen würdig. Michael Buysen und Syntgen Wens
lassen euch mit dem Frieden des Herrn herzlich grü-
ßen.
Noch ein Brief von Joost Zöllner an seine Mutter.
Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, unserm
himmlischen Vater, durch Jesum Christum seinen ein-
gebomen Sohn und Heiland der ganzen Welt; denn,
gleichwie der Tod durch einen Menschen in die Welt
gekommen ist, so ist auch das Leben durch einen Men-
schen in die Welt gekommen, damit alle, die an seinen
Namen glauben, das ewige Leben erlangen mögen;
derselbe wolle dich stark und kräftig machen mit sei-
nem Heiligen Geist in all deinem Druck und Trübsal,
welche du auch um meinetwillen trägst; aber sei doch
geduldig, meine liebe, werte, alte Mutter, denn deine
Trübsal wird sich in ewige Freude verwandeln. Dem-
selben allein weisen und starken, unüberwindlichen
Gott sei Lob, Preis, Ehre, Kraft und Segen, von Ewig-
keit zu Ewigkeit.
Nebst allem herzlichen und christlichen Gruß an
dich, meine werte und in Gott geliebte Mutter und S.
I. H., die ich gründlich und von ganzem Herzen liebe,
lasse ich dich wissen, daß mein Gemüt unverändert
steht, und ich hoffe, durch des Herrn Gnade, bei sei-
ner heiligen Wahrheit zu bleiben, deren ich mich auch
nicht geschämt habe, sie vor den Menschen zu beken-
nen, in der guten Zuversicht, daß sich Christus auch
nicht schämen werde, mich vor seinem himmlischen
Vater und seinen heiligen Engeln zu bekennen, was
ein ewiger Trost und eine ewige Belohnung für denje-
nigen sein wird, der im Glauben bis ans Ende stand-
haft bleiben wird. Daher wolle er mich und alle die
mit mir in Nöten sind, mit seinem Heiligen Geist stär-
ken und kräftig machen, damit Er zum Preis und zur
Ehre seines heiligen und hochwürdigen, anbetungs-
würdigen Namens in unseren Herzen die Oberhand
erhalten möge. Um dasselbe bitte ich Tag und Nacht
808
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
in meiner Schwachheit, und ersuche auch deine Liebe,
meine werte Mutter, daß du helfen wollest, den all-
mächtigen Gott für uns arme Gefangenen bitten, daß
wir den Glauben bis ans Ende in brünstiger Liebe er-
halten mögen, zu unserer Seelen Heil, unseres Nächs-
ten Erbauung und der Welt zum Licht. Ach, meine lie-
be und werte Mutter, die du mich neun Monate unter
deinem Herzen getragen, und mit vielen Schmerzen
und Wehen geboren, auch mich überdies mit großer
Sorgfalt auferzogen hast, womit sollte ich wohl dir
deine mütterliche Liebe vergelten können? Ich habe
nichts, womit ich dir vergelten kann, deine Liebe aus-
zuzahlen. Weil du aber Gott fürchtest, und mit mir
in gleichem Glauben stehst, so habe ich eine lebendi-
ge Hoffnung zu dem ewigen, allmächtigen Gott, daß
Er mich in meinem Glauben stärken werde, solches
zu seines Namens Ehre auszuführen, und das (weiß
ich) wird in deinem Herzen mehr Freude erwecken,
als wenn ich dir große irdische Schätze geben würde.
Hierzu bin ich wohlgemut, denn der Herr ist in allen
seinen Verheißungen getreu; Er verlässt niemanden,
der zu Ihm seine Zuflucht nimmt, sondern bewahrt
seine Auserwählten wie seinen Augapfel. Ach, wie
lieblich ist es, den Herrn fürchten, wenn man mit
einem hingebenden Herzen sich in Gehorsam dem
Herrn untergibt! Darum lass uns allezeit, so lange ein
lebendiger Atem in uns ist, in der reinen Liebe zur
Wahrheit wandeln, als Kinder, die aus Gott geboren
sind, denn Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe
bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm. Darum sagt
Paulus: Wer will uns von der Liebe Gottes scheiden,
Trübsal, Angst, oder Verfolgung, oder Hunger, oder
Blöße, oder Gefahr, oder Schwert? Wie geschrieben
steht: Wir werden um deinetwillen den ganzen Tag
getötet; wir sind wie Schlachtschafe geachtet, aber in
all diesem überwinden wir weit um seinetwillen, der
uns geliebt hat; denn ich bin gewiss, daß weder Tod,
noch Leben, weder Engel, noch Herrschaft, noch Ge-
walt, weder Gegenwärtiges, noch Zukünftiges, weder
Hohes noch Tiefes, noch eine andere Kreatur, uns von
der Liebe scheiden mag, die in Christo Jesu, unserm
Herrn, ist.
Darum wird das Band der Liebe von Paulus eine
Vollkommenheit genannt. Hiermit nehme ich von mei-
ner werten und in Gott geliebten Mutter einen christ-
lichen Abschied, und sage auf ewig gute Nacht. Gute
Nacht, meine auserwählte, werte Mutter und S. I. H.;
sei doch wohlgemut in dem Herrn, und betrübe dich
nicht zu sehr um meinetwillen, denn es muss doch ein-
mal geschieden sein; aber wir warten in der Hoffnung
des Glaubens auf eine himmlische Versammlung, wo
kein Scheiden mehr Vorkommen wird; dort hoffe ich
dich unter dem Altar Christi zu erwarten. Ich bitte
dich, du wollest nach meinem Tod allezeit mit mei-
ner lieben Hausfrau guten Umgang halten, denn ich
werde eine betrübte Witwe hinterlassen. Darum tut
das Beste, solange ihr beieinander seid, denn so viel
ich höre, möchte es mit uns diese oder die folgende
Woche zu Ende kommen. Der Herr gebe mir Kraft in
meiner äußersten Not. Gute Nacht, meine liebe Mut-
ter, mit einem inwendigen Kuss der Liebe und des
Friedens. Grüße mir meine werte und in Gott geliebte
Hausfrau mit dem Kuss der Liebe und des Friedens,
desgleichen auch I. F. E. und V. T. nebst ihrer Familie,
auch Stoffel und Margriete S., wenn du Gelegenheit
hast. Gute Nacht, zum ewigen Abschied an alle, die
Gott fürchten. Ich will, daß es nicht kund werde, daß
wir ausschreiben, denn man hat uns darum beschwert
und Verdruss angetan; der Herr wolle allen unsem
Feinden ihre Augen öffnen, damit sie sehen mögen,
in welchen sie stechen und wen sie beängstigen.
Von mir, Joost Zöllner, deinem geliebten Sohn, in
aller Untertänigkeit, nach meinem schwachen Vermö-
gen.
Ein Testament von Joost Zöllner an seine Tochter.
Wenn du mit Fleiß nach der Wahrheit rufst und darum
bittest; wenn du sie wie Silber suchst und nach ihren
Schätzen forschst, dann wirst du die Furcht des Herrn
vernehmen und Gottes Erkenntnis finden, Spr 2,3-5.
Willst du Gott dienen, so lass es dir ein Ernst sein,
damit du Gott nicht versuchst, Sir 18,23.
Seid nicht träge in eurem Vornehmen, sondern
brünstig im Geist, fröhlich in der Hoffnung, gedul-
dig in Trübsal, und haltet an im Gebet, Rom 12,11-12.
Forscht in der Schrift, denn ihr meint das Leben dar-
in zu haben, und sie ist es, die von mir zeugt, Joli 5,39
Verflucht sei, der des Herrn Werk nachlässig tut
Jer 48,10.
Ich, Joost Zöllner, dein Vater, wurde in Gent gefan-
gen, und in das Saucelet (das ist das Stadtgefängnis)
gebracht, auf dem Kornmarkt, des Nachts nach zehn
Uhr den 13. Januar 1589 und um des Wortes Gottes
und des Zeugnisses Jesu Christi willen. Der Herr wol-
le mich durch seinen Heiligen Geist bis ans Ende mei-
nes Lebens stärken, so wie auch alle diejenigen, die in
Nöten sind, sowohl außer als in Banden.
Betgen, dies ist dein Alter, und dient dir zum An-
denken. Betgen Zöllner ist den 14. August im Jahre
1574 geboren, Gott stärke dich in Tugenden nach sei-
nem Willen, und wenn ich um des Namens des Herrn
willen sterbe, so dient dir der nachfolgende Brief, der
an dich geschrieben ist, zu einem Testament und zum
Andenken dein lebelang, und wenn ich nicht sterbe,
so dient er deinem Herzen zur Erquickung und Un-
809
terweisung, damit du dich dazu schicken mögest, den
Herrn, deinen Gott, zu fürchten.
Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das
kommt allen Menschen zu.
Durch heiligen Glauben und kräftige Triebe,
Der reinen, von üben entzündeten Liebe,
Wie auch durch das Opfer am Kreuze geschlacht',
Wird Leben und Himmel herwieder gebracht.
Der einige, barmherzige, allmächtige Gott, der reich
an Barmherzigkeit und ein Vater der unterdrückten
Witwen und Waisen und ein Herrscher aller derer ist,
die auf Ihn trauen, wolle dich, meine Tochter und
mein Kind, in der Weisheit und Erkenntnis der Wahr-
heit aufwachsen lassen, damit du den allerhöchsten
Gott erkennen und fürchten lernen mögest, der Him-
mel, Erde, Meer und alle Wasserbrunnen erschaffen
und gemacht hat. Das verleihe dir der ewige, allmäch-
tige Vater durch Jesum Christum seinen eingebornen
Sohn, unseren Herrn und Heiland, Amen.
Mein liebes Kind Betgen, höre und verstehe mein
Wort, im Namen des Herrn an dich geschrieben, lass
meine Reden dir zu Herzen gehen und nimm sie, als
einen köstlichen Schatz auf, das ist, lerne von dei-
ner Jugend auf den Herrn, deinen Gott, von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und aus allem Vermögen
fürchten, wandle in allen seinen Wegen und diene
dem Herrn von ganzem Herzen und von ganzer See-
le; halte die Gebote des Herrn deines Gottes, damit
es dir wohl gehe im Lande, dann wird dir der Herr
seinen reichen Segen geben, nebst allerlei Segen im
geistigen Wesen, denn die Gottesfurcht ist ein über-
fließender Brunnen des ewigen Lebens, der Herz und
Geist lebendig macht; er gibt uns auch Lust und Be-
gierde die Worte Gottes zu hören, denn sie stärken
den inwendigen Menschen an Seele, Geist und Leib.
Darum, mein liebes Kind, richte dich darnach, da-
mit du von Jugend auf das Böse scheuen und meiden
lernst, denn es wird nun bald Zeit sein aufzumerken
und zu unterscheiden lernen, was gut und böse ist,
denn wer da weiß Gutes zu tun und tut es nicht, dem
wird es zur Sünde gerechnet; auch sagt der weise
Mann, daß der Geist Gottes nicht in einer boshaften
Seele, noch in einem der Sünde unterworfenen Leib
wohne. Darum lerne fernerhin die Sünde meiden, wie
den Blick der Schlangen; so sei denn mäßig, männ-
lich und ehrbar und meide alle eitle Gesellschaft, die
fleischlich und weltlich gesinnt ist, denn die Welt wird
vergehen mit all ihrer Lust; wer aber den Willen Got-
tes tut, bleibt in Ewigkeit. Deswegen habe deinen Um-
gang mit denen, die den Herrn fürchten und in den
Wegen Gottes wandeln, dann wirst du als eine Tochter
Sarahs aufwachsen, die dem Herrn angenehm sein
wird. Darum, mein Kind, hast du Mangel an Weisheit,
so bitte sie von Gott, der sie allen Menschen im Über-
fluss gibt und niemanden abweist. Aber man muss
im Glauben bitten und nicht zweifeln, dann wird sie
ihm gegeben werden. Darum bitte den Herrn, deinen
Gott, demütig mit gebogenen Knien, und das zwar
oft und anhaltend. Wo du gehst, stehst und arbeitest,
habe den Herrn allezeit vor Augen, rufe ihn an mit
Bitten und Liehen und sage: O Herr, mein Gott, leite
mich doch auf deinem Wege, gib mir die Weisheit, die
von dem Thron deiner Herrlichkeit kommt, und reini-
ge mich von allen meinen Sünden, damit ich würdig
sein möge, ein heiliger Tempel zu werden. Gib mir
Gnade, daß ich von Herzen sanftmütig und demütig
und klein in meinen eigenen Augen sein möge, damit
dein Heiliger Geist in mir wohne und ich aufwachsen
möge in deiner heiligen göttlichen Lurcht zu meiner
Seelen ewigen Seligkeit und zum Lob, zum Preis und
zur Ehre deines hohen und anbetungswürdigen Na-
mens. O Herr, stärke mich Elenden, denn ich bin doch
nur Staub und Asche. O Herr, erbarme dich meiner
und hilf mir ewig, Amen.
Wenn du nun, mein Kind, dich mit deinem Herzen
so in aller Demut dem Herrn nahst und Ihm unaufhör-
lich mit Bitten und Flehen anhängst, so wirst du Ihm
wohl gefallen, und Er wird dir die Gottesfurcht und
Erkenntnis der Weisheit im Überfluss geben, denn die
Lurcht Gottes ist ein Baum des Lebens, seine Zweige
grünen ewig und seine Früchte sind Gerechtigkeit,
Friede und Freude im Heiligen Geist, seine Blätter
dienen zur Gesundheit der Heiden; aber niemand
isst von diesen Flüchten, als diejenigen, die von Neu-
em aus Wasser und Geist geboren sind, die den alten
Adam mit allen seinen fleischlichen Lüsten durch die
Taufe in Christo Jesu begraben haben, die dem Teufel,
der Hölle, dem Tod, der Welt mit all ihrem falschen
Schein absagen und fortan nach dem heiligen Willen
Gottes, des Herrn, wandeln, nebst allen auserwählten
Kindern Gottes, deren Namen in das Buch des ewi-
gen Lebens geschrieben sind. Darum fürchte Gott von
Herzen, nicht, wie die Welt tut, die da sagen, daß sie
Gott kennen. Ihn aber mit den Werken verleugnen,
denn sie sind von denen, an welchen Gott ein Gräuel
hat, ungehorsam und zu allen guten Werken untüch-
tig und unbrauchbar. Aber Gott hat sich insbesondere
ein heiliges Volk auserwählt, das fleißig ist zu guten
Werken, seinen Willen zu tun. Darum muss man über
alles, wie ich zuvor gemeldet habe, den Herrn ernst-
lich fürchten mit demütigem Herzen. Schlecht und
recht war Hiob, fürchtete Gott und mied das Arge;
denn das Arge meiden, ist Verstand. Darum diene
dem Herrn mit Furcht und freue dich mit Zittern,
810
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
denn die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang;
das ist eine schöne Klugheit, und wer darnach tut,
dessen Lob bleibt in Ewigkeit; auch sagte der weise
Mann: Die Furcht des Herrn besteht darin, das Arge,
die Hoffart, den Hochmut und bösen Weg zu hassen.
Wer den Herrn fürchtet, der geht auf der rechten Bahn;
wer Ihn aber verachtet, der weicht von seinen Wegen
und fällt in die Stricke des Todes, denn wo man in der
Furcht Gottes um des Namens des Herrn willen leidet,
da ist Reichtum und Ehre; die Furcht des Herrn ist
der Weisheit Anfang, und ist allein bei den Gläubigen
in des Herzens Grunde; sie wohnt allein bei den aus-
erwählten Frauen, und man findet sie allein bei den
Gerechten und Gläubigen. Die Furcht des Herrn ist
der rechte Gottesdienst; sie bewahrt und macht das
Herz fromm und gibt Freude und Wonne, denn, die
den Herrn fürchten, denen wird es wohl gehen, und
wenn er Trost bedarf, so wird er vom Herrn gesegnet
werden. Die Furcht des Herrn wehrt der Sünde, denn
wer ohne Furcht ist, kann Gott nicht gefallen. Darum,
mein Kind, wenn es dir wohl geht, so sei wachsam
und bleibe fest in der Furcht des Herrn; sei auch nicht
stolz, denn stolzer Sinn kommt vor dem Fall.
Darum habe Gott den Herrn allezeit vor Augen
in allen deinen Wegen und befleißige dich, Gott zu
gefallen mit einem aufrichtigen Gemüt, dann wird
Gott mit dir sein und mit deiner Schwachheit Mitlei-
den haben, auch den Sünden durch die Finger sehen,
wenn sie durch Unwissenheit oder Übereilung dich
überfallen; aber mutwillig sündigen und widerspens-
tig sein, ist vor dem Herrn ein Gräuel; denjenigen
wird Er nicht ungestraft lassen, der seine Worte so
gering achtet. Darum sieh dich vor, daß du kein Skla-
ve der Sünden sein mögest und begib deinen Mund
nicht aufs Lügen, denn der Mund, der lügt, tötet die
Seele. Von einem Dieb sollte man wohl bessere Hoff-
nung haben, als von einem lügenhaften Menschen,
denn diese werden jedermanns Feinde. Ein lügenhaf-
tes Kind wird allezeit gehasst, und was sie auch reden,
so gibt man ihren Reden kein Gehör, und sie sind ein
Spott der Menschen. Der Teufel ist ein Lügner von An-
fang und ist in der Wahrheit nicht bestanden; darum
werden alle Gottlosen Teufelskinder genannt. Wenn
sie Lügen reden, so tun sie nach der Art ihres Vaters,
des Teufels, welcher allezeit ein Lügner gewesen ist;
darum ist er auch aus dem Himmel gestoßen wor-
den. Deshalb, mein Kind, rede allezeit die Wahrheit,
denn dieselbe schämt sich nicht, es sei, daß sie für
oder wider dich ist. Sage allezeit, wie es sich verhält,
denn wenn du dich auch irgendwo vergehst, so wird
es dir leichter übersehen, wenn du die Wahrheit re-
dest, als wenn du es mit Lügen zuzudecken suchst,
denn lügenhafte Reden kommen bald zum Vorschein
und werden offenbar. Alsdann muss der Lügner zur
Schmach Schmähworte hören, was vor Gott und Men-
schen ein Gräuel ist. Darum sagt Paulus: Lügt nicht
untereinander, sondern rede ein jeder die Wahrheit
von Herzen mit seinem Nächsten, denn die Lügner
werden keinen Teil am Reich Gottes haben.
Sieh, mein liebes Kind Betgen, ich habe dir viele
schöne köstliche Schätze vorgestellt und das alles zu
deiner Ermahnung. Ich bitte dich, du wollest sie doch
zu Herzen nehmen und dieselben oft überlesen, da-
mit du dadurch in der Gottesfurcht auferzogen wer-
den mögest. Lass doch meinen Brief (welchen ich mit
großer Mühe und Furcht in meiner Gefangenschaft
geschrieben habe, fürchtend, es möchte mir unvermu-
tet jemand über den Hals kommen) nicht wie ein totes
Gedicht liegen, sondern nimm ihn zu Herzen, denn
ein Kind, das seinen Vater liebt, wird auch das lieben,
was von seinem Vater kommt, es mit großer Lust oft
überlesen und dabei sich der herzlichen Gunst seines
Vaters erinnern, denn gleichwie ein Mann, der seine
Lust an einem Geldschatz hat, welchen er in seinem
Schrank verschlossen hat, denselben oft besieht, über-
zählt und Pläne mit demselben macht, ebenso wollest
du auch diesen oft zur Hand nehmen und überlesen,
denn er ist mehr wert, als viele Goldstücke, weil er
dich zum Brunnen des Lebens weist, wodurch deine
Seele ewig leben wird, wenn du anders der Wahr-
heit Untertan sein willst. Du bist zwar mein Kind,
noch jung, und deine Sinne können es noch nicht al-
les begreifen, aber ich hoffe, der Verstand werde noch
kommen. Darum gib von Jugend auf gutes Gehör und
gehorche den Worten Gottes, dann wird dir der Herr
Weisheit geben; kaufe sie vom Herrn, Er wird sie dir
umsonst geben.
Darum nimm meine Reden zu Herzen, denn es sind
nicht meine Worte oder Reden, sondern des Herrn
heiliges Wort, welches uns Christus selbst gelehrt hat.
Darum, willst du selig sein, so halte des Herrn Ge-
bote; denn wer Christum liebt und sein Jünger sein
will, der wird in seiner Lehre bleiben; mit demselben
wird Er sein Abendmahl halten in dem Reich Gottes,
seines himmlischen Vaters, und Er wird vor ihnen
hergehen und ihnen dienen, und bei ihnen eine ewi-
ge Wohnung machen. Wer aber hier Gottes Diener
sein will, der muss vielen Anfechtungen begegnen;
er muss auch sein Kreuz auf sich nehmen und Ihm
täglich nachfolgen, denn Christus sagt: Ihr werdet
weinen und traurig sein, aber die Welt wird sich freu-
en; doch seid getrost, ich habe die Welt überwunden;
wie es denn jetzt, mein Kind, am Tage liegt, denn
weil ich Gott fürchte und nach meinem geringen Ver-
mögen von der Welt scheide, darum hasst mich die
Welt. Sie haben mich aus ihrem bösen Hass und Neid
811
gefangen; es könnte auch wohl bald geschehen, daß
sie mich um des Namens Jesu Christi und des Zeug-
nisses seines heiligen Wortes willen töten; aber auch
hierin bin ich standhaft durch des Herrn Gnade, alles,
was ich habe, dafür zu wagen; denn ich habe nichts,
was ich nicht von dem Herrn empfangen habe; dar-
um müssen wir es willig um seines heiligen Namens
willen wieder übergeben, denn es ist uns nur gelie-
hen, was wir hier in dieser Welt besitzen. Darum sind
es auch törichte Menschen, die ihr Herz an zeitliche
Dinge hängen; denn wer Gott fürchtet, der muss alle
Dinge besitzen, als besäße er sie nicht, indem unsere
Güter jedermanns Raub sind. Man stößt sie aus ihren
Häusern; alle, die Gott fürchten, werden beraubt und
zerstreut; daran wird erkannt, welche die auserwähl-
ten Kinder Gottes sind; dieselben werden geprüft, wie
das Gold im Feuer.
Darum, mein Kind, untersuche die heilige Schrift,
sie wird dir zeigen, daß die Gottesfürchtigen durch
viel Trübsal und Leiden in das Reich Gottes eingehen
müssen. Aber die gottlose Welt ist nicht wert, um des
Namens des Herrn Willen zu leiden, denn sie kennen
den Namen Christi nicht im Geist; hätten sie den er-
kannt, sie hätten in vergangenen Zeiten den Herrn der
Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Darum haben sie Chris-
tum, den Sohn Gottes, gehasst, verfolgt, beneidet und
gesagt, daß Er den Teufel hätte, um wie viel mehr
seine Jünger? Aber (dem Herrn sei gedankt!) wie sie
auch schelten, lästern und beneiden, so geschieht sol-
ches um keiner andern Ursache, als um des Wortes
Gottes willen, wie denn Christus sagt: Selig seid ihr,
wenn die Menschen euch Übles nachreden, wenn sie
daran lügen; seid fröhlich und getrost, es wird euch
im Himmel wohl belohnt werden. Petrus sagt: Der
Heilige Geist Gottes ruht auf Ihm; denn gleichwie des
Leidens Christi viel über uns kommt, so werden wir
auch reichlich getröstet durch Christum. Darum, mein
Kind, wird es dir auch heute oder morgen von der
Welt verwiesen, so darfst du dich dessen nicht schä-
men, denn ich leide nicht um irgendeiner Missetat
willen, als ein Dieb, Mörder, oder als einer, der nach
anderer Leute Gut strebt, sondern es geschieht um
des Bekenntnisses meines Glaubens an Jesum Chris-
tum willen, nämlich, daß er der wahre Sohn Gottes
sei. Darum sagt Petrus, daß das Gnade bei Gott sei,
wenn man um Wohltun willen leidet.
Ferner, mein liebes Kind Betgen, ist meine väterli-
che Bitte an dich, daß du, wenn ich dir entnommen
werden sollte, zu deinem Vetter Lowys, oder zu Tanne-
ken, oder Jacomyntje, deiner Base, gehen wollest, um
bei ihnen zu wohnen, oder halten sie es für zweckmä-
ßig, so mögen sie dich irgendwo bei ehrbaren Freun-
den verdingen; alsdann (bitte ich dich) sei deinen Vor-
gesetzten Untertan, nicht mit dem Dienste vor Augen
allein, den Menschen zu gefallen, sondern mit aller
Bescheidenheit und Sittsamkeit, sowohl in ihrer Ab-
wesenheit, als in ihrer Gegenwart, und bedenke, daß
du nicht allein den Menschen dienst, sondern Gott.
Sei allezeit fleißig, das zu tun, was sie dir befehlen
und sei bescheiden und freundlich, dann wirst du
von ihnen geliebt werden; mache dich allezeit zum
Geringsten, so wirst du von ihnen erhoben und ge-
priesen werden; achte dich auch niemals für zu gut,
und sieh wohl zu, daß du nicht mit deinen Vorgesetz-
ten oder mit denen zankst, bei welchen du wohnst,
denn es steht jungen Leuten sehr übel an, wenn sie
Widerworte haben und schnippisch sind. Ebenso sei
auch, mein Kind, in all deinem Handel gerecht, und
entwende den Leuten nichts, denn das ist ein schänd-
liches Ding, wenn man junge Mägdlein oder Knaben
auf irgendeiner Ungerechtigkeit ertappt.
Darum sieh zu, daß du reine Hände behältst (bitte
ich dich), wie ich denn auch hoffe, daß du tun wer-
dest, und wenn du Speise und Trank siehst, lass es
unberührt, sonst wirst du dir einen schlechten Na-
men machen. So erinnere dich denn an alles, was ich,
dein Vater, von dir begehrt habe, und bewahre es zum
ewigen Andenken in deinem Herzen, denn es ist mit
sorgfältiger Liebe von mir zum ewigen Andenken
geschrieben worden, damit du zu allen Zeiten einen
guten Namen haben oder behalten mögest.
Weiter, mein geliebtes Kind, muss ich dir noch vor-
stellen, daß du dich allezeit bei allen Menschen, bei
denen du wohnst, ehrlich halten sollst; führe dich sitt-
sam auf, und beweise, daß du von aller Unkeuschheit
und Hurerei rein seiest, was ja eine grausame Todsün-
de vor Gott und außerdem ein Spott vor allen Men-
schen ist, wodurch du nicht in einen ehrlichen Stand
gelangen wirst. Darum hüte dich doch allezeit, daß
du nicht mit den Jungen redest, scherzest oder spielst,
oder viel eitles Geschwätz mit ihnen habest, damit du
nicht durch Lust der Verführung in Sünde fallest. So
rate ich dir denn aus väterlicher Liebe, daß du alles zu
Herzen nehmen wollest, was ich von dir begehre, was
dir vor Gott und allen Menschen eine Ehre sein wird.
Darum siehe, mein Kind, wenn ich nun aufgeopfert
werde und den Weg aller Welt gehen sollte (denn alle
Menschen sind geboren, um einmal zu sterben), so sei
wohlgemut; tröste dich in dem Herrn und sei stark;
nimm die Ermahnung des Herrn unsers Gottes in
Acht und zu Herzen, damit du in seinen Wegen wan-
deln mögest. Halte seine Sitten, Zeugnisse, Rechte
und Gebote, wie im Gesetz und den Propheten ge-
schrieben steht. Wenn du nun, mein Kind, bei Leuten
wohnst, die Gott fürchten, so sind sie schuldig, dich zu
ermahnen und mit des Herrn Wort zu bestrafen, und
812
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
solches wird dir ein Beweis sein, daß sie dich lieben
und deiner Seelen Seligkeit suchen, wofür du auch
dankbar sein sollst; denn wiewohl du noch jung bist,
so wirst du es besser verstehen, wenn du zu mehrerem
Verstand kommen wirst. Darum bitte den Herrn flei-
ßig, daß Er dich mit Weisheit und Verstand begaben
wolle, damit du aufwachsen mögest wie eine grüne
Pflanze in Zion und wie eine liebliche Rose in Jericho,
und wie ein köstlicher Balsam, der auf dem Berg Her-
mon wächst. Siehe, mein liebes Kind Betgen, wenn du
den Herrn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und
aus allen Kräften fürchtest, so wird dein Name in das
Buch des Lebens geschrieben werden, und du wirst
an deiner Stirn mit dem Namen des lebendigen Got-
tes gezeichnet werden. Auch wirst du einen weißen
glänzenden Stein empfangen, und darauf geschrie-
ben einen neuen Namen, welchen niemand kennt, als
der ihn empfängt. Du wirst mit Kleidern von reiner,
weißer Seide angetan werden, welches die Gerechtig-
keit der Heiligen ist. Dazu wirst du mit allen Engeln
Gottes dem herrlichen Lamm Gottes in großer Herr-
lichkeit nachfolgen und von Ewigkeit zu Ewigkeit
leben. Siehe, solche herrliche Belohnung werden sie
empfangen; wer überwindet, wird alles besitzen, was
Gott seinen Auserwählten bereitet hat; Er wird sie
zum Brunnen des lebendigen Wassers leiten, und alle
Tränen von ihren Augen abwischen. Darum fürchte
Gott, und suche allezeit von den Gottesfürchtigen un-
terrichtet zu werden. Nimm die Worte Gottes wohl
zu Herzen und bewahre sie, wie Maria, des Herrn
Mutter, tat; wandle auch allezeit in Sanftmut und De-
mut, denn Gott hat einen Gefallen an denen, die eines
demütigen und niedrigen Herzens sind, indem Gott
die Hoffärtigen vom Stuhl gestoßen hat, aber die De-
mütigen hat Er darauf gesetzt, denn Gott widersteht
den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt Er Gnade.
Darum demütige dich unter die gewaltige Hand Got-
tes, dann wird er dich zu seiner Zeit erhöhen, denn
die Hoffärtigen können Gott nicht gefallen.
In den Sprichwörtern steht geschrieben: Diese
Stücke hasst der Herr, hohe Augen, falsche Zungen
und Hände, die unschuldiges Blut ergießen, und wo
Stolz ist, da ist Schmach; aber Weisheit ist bei den
Demütigen. Ein stolzes Herz ist dem Herrn ein Gräu-
el, und es wird nicht ungestraft bleiben. Darum sagte
auch Tobias zu seinem Sohn: Hoffart lass weder in dei-
nem Herzen noch in deinen Worten herrschen, denn
sie ist ein Anfang alles Verderbens. Das ist ein Anfang
aller Hoffart, wenn ein Mensch von Gott abfällt, und
sein Herz von seinem Schöpfer abweicht; Hochmut
treibt zu jeder Sünde, und wer darin steckt, richtet
viel Gräuel an. Darum hat der Herr allezeit den Hoch-
mut gemieden und zuletzt niedergeworfen. Gott hat
die hoffärtigen Fürsten vom Stuhl gestoßen und die
Demütigen darauf gesetzt; Gott hat die Wurzel der
stolzen Heiden ausgerottet, und die Demütigen an
ihre Stelle gesetzt und gepflanzt. Darum halte dich
selbst nicht für klug, und vergilt niemandem Böses
mit Bösem, sondern bezahle sie mit Gutem, wie Chris-
tus lehrt, wenn er sagt: Ihr habt gehört, daß gesagt
ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn, aber ich sage
euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen, sondern
wenn dich jemand auf den rechten Backen schlägt,
dem biete auch den andern dar, und wenn jemand
mit dir rechten, und den Rock nehmen will, dem lasse
auch den Mantel, und wenn dich jemand zwingt, eine
Meile zu gehen, so gehe mit ihm zwei. Nicht, liebes
Kind, als ob wir gern geschlagen sein, oder gern verlie-
ren wollten, oder gern den Mantel hergeben wollten,
wenn man uns den Rock nimmt, oder daß wir drei
oder vier Meilen mit jemandem wider unsern Willen
gehen wollten, und gleichwohl lehrt uns die Schrift
und will uns auch Christus damit lehren, daß wir Ihn
recht verstehen sollen, dass es den Gläubigen keines-
wegs erlaubt sei, sich an irgendeinem Menschen zu
rächen, was man auch für Ursache haben möchte, son-
dern wir müssen Gott die Sache befehlen, der da recht
richtet. Denn wenn uns jemand schlägt, so müssen
wir uns lieber noch einmal schlagen lassen, als weh-
ren oder Widerstand leisten, und wenn uns jemand
den Rock nimmt, ihm lieber den Mantel auch lassen,
als ihn mit Gewalt oder mit Schlägen wieder nehmen.
Überhaupt, wir müssen allezeit leiden und niemals
jemandem Leiden zufügen, wie uns das Gesetz der
Natur lehrt: Tue deinem Nächsten wie dir selbst, dann
werden wir niemandem Böses wünschen, obgleich in
dem Gesetz Moses das Gegenteil geschrieben steht:
Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind
hassen, denn Christus hebt dieses auf; es galt nur un-
ter dem Gesetz der Rache, aber jetzt sind wir unter der
Gnade. Darum müssen wir Gnade erweisen und nicht
strafen, wie Christus sagt: Ihr habt gehört, daß gesagt
ist, du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind
hassen; aber ich sage euch, liebt eure Feinde, segnet
die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bit-
tet für die, die euch beleidigen und verfolgen, damit
ihr Kinder eures Vaters seid, der im Himmel ist, der
seine Sonne über Gute und Böse aufgehen lässt. Dar-
um, liebes Kind, soll man seinem Feind nichts Böses
wünschen, vielweniger soll man böses tun; deshalb
hasse nicht, und räche dich auch selbst nicht, sondern
gib dem Zorn Raum, und werde nicht bald zornig,
denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht
ist, und wie du willst, daß dir die Menschen tun sol-
len, so tue du ihnen, dann wirst du das Gesetz Christi
erfüllen.
813
Weiter, mein liebes Kind, bist du schuldig deine
Mutter, die du jetzt noch hast, dein ganzes Leben hin-
durch lieb und wert zu haben, denn sie hat viele Mühe
und Sorge mit dir gehabt, solange ich mit ihr in der
Ehe gelebt habe. Darum bist du auch schuldig, sie zu
lieben wie deine Mutter. Wenn du heute oder morgen
von ihr gehst, so danke ihr herzlich für die mütter-
liche Liebe, die sie an dir bewiesen hat; ohne viele
Tränen gebührt dir nicht von ihr zu gehen, denn sie
ist dir eine gute Mutter gewesen. Darum, wenn du
auch weit von ihr wohnst, so schreib ihr bisweilen
ein angenehmes Brieflein, und wenn es dir wohl geht,
so erweise deine Freundlichkeit gegen sie mit einem
Geschenk, wobei sie sich erinnern kann, daß du sie
lieb und wert hast; das wird dir eine Ehre sein. So tue
denn das Beste in allem, was ich dir befehle. Schreibe
meinen Brief oft ab, oder überlies ihn zum ewigen
Andenken deines Vaters; folge ihm nach, und allem,
was gut und Gott gefällig ist.
Weiter, mein Kind, begib dein Herz unter den Ge-
horsam der Wahrheit; sei allezeit begierig das Wort
Gottes zu hören, und schicke dich dazu, daß du dich,
wenn du zu Verstände kommst, unter die Gemeinde
des lebendigen Gottes begebest und auf solche Wei-
se in die Arche des Bundes eingehen mögest, damit
du aller himmlischen Verheißungen mit Abraham,
Isaak, Jakob, Mose, allen Propheten und heiligen Apo-
steln Gottes, unsers Herrn Jesu Christi, teilhaftig wer-
den mögest, dann wirst du am letzten Tage (der wie
ein feuriger Ofen brennen wird) frei ausgehen; denn
die Gottlosen werden erschrecklich gepeinigt werden;
sie werden weinen und heulen in Ewigkeit, denn sie
werden mit dem Drachen, Teufel und allen falschen
Propheten in den feurigen Pfuhl geworfen werden,
der mit Schwefel und Feuer brennen wird; darum sei
wachsam in der Furcht Gottes, damit du ihrer Plage
nicht teilhaftig werdest.
Wenn du heute oder morgen zu deinem vollkom-
men Alter kommst und es deine Hand vermag, so sei
der armen Glieder Christi eingedenk, und teile den
Armen mit von dem, was dir der Herr verleiht. Was
du gibst, das gib mit gutwilligem Herzen, und nicht
aus Zwang, sondern aus einem zugeneigten Gemüt,
denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb, sagt der
Apostel Paulus.
So steht auch an die Hebräer: Wohl zu tun und mit-
zuteilen, vergesst nicht, denn solche Opfer gefallen
Gott wohl, und Almosen decken auch der Sünden
Menge. Durch Fasten, Beten und Almosen war der
heidnische Cornelius Gott angenehm, und empfing
die Verheißung der Seligkeit, denn gleichwie das Was-
ser das Feuer auslöscht, so tilgen die Almosen die
Sünden aus; der Herr aber, der es ansieht, wird es in
der zukünftigen Zeit vergelten, und in der Not, wenn
er fällt, wird er Hilfe finden. Mein Kind, sagt Sirach,
lass den Armen nicht Not leiden, und sei nicht hart
gegen den Dürftigen, verachte den Hungrigen nicht
und betrübe den Dürftigen nicht in seiner Armut. Ei-
nem betrübten Herzen mache nicht mehr Leid und
entziehe die Gabe dem Dürftigen nicht. Die Bitte des
Elenden schlage nicht ab und wende dein Angesicht
nicht von dem Armen.
Darum tue dem Armen Handreichung, damit du
von dem Herrn reichlich gesegnet werdest. Wenn du
dieses zu Herzen nimmst und darnach handelst, so
wird dein Licht aufgehen wie die glänzenden Sterne
der Morgenstunde in der schönen Morgenröte. Dar-
um tue allezeit Gutes, und wenn du Gott lieb hast, so
halte seine Gebote. Hiermit will ich meinem Schrei-
ben ein Ende machen; ich habe dir das Beste aus des
Herrn Wort vorgehalten; Wasser und Feuer wird den
Menschen vorgestellt, nämlich Leben oder Tod; dar-
um erwähle dir das Leben, damit du das Reich Gottes
mit allen auserwählten Heiligen Gottes ewig ererben
mögest.
Hiermit nehme ich für diesmal, mein liebes Kind
Betgen, einen ewigen Abschied, und empfehle dich
hiermit Gott, dem himmlischen Vater, der ein Vater
aller Waisen ist und aller derer, die ihn fürchten und
lieben. Vergiss und versäume niemals ernstlich zu
Gott, dem Allmächtigen, zu bitten, dann wirst du
mehr von Ihm erlangen, als du begehrst, wenn es
nach seinem Willen geschieht.
Gute Nacht, mein Kind, wenn wir einander nicht
mehr sehen sollten, so bitte ich den allmächtigen Gott
und König aller Könige, daß er dich durch seinen
Heiligen Geist regieren wolle, damit ich dir in den
Wolken des Himmels entgegenkommen möge, wo
nimmermehr ein Scheiden sein wird; solches bitte
ich von Gott durch seine unergründliche Gnade und
Liebe mit gebogenen Knien, weinendem Herzen und
emporgehobenen Händen. O Herr, erhöre meine Bitte,
und lass es so geschehen, daß durch die Frucht meiner
Lenden dein heiliger, hoch- und anbetungswürdiger
Name gepriesen werden möge, von nun an bis in
Ewigkeit, Amen.
Mein Kind Betgen, wenn ich sterben sollte, so will
ich, daß dir deine Mutter zum ewigen Andenken ein
Testament gebe, ein Fundamentbuch von Dirrik Phi-
lips, wie auch ein Liederbuch und ein Büchlein von
Jakob Kerzengießer; lies darin oft, denn es stehen dar-
in viele schöne Ermahnungen. Von mir, Joost Zöllner,
deinem Vater, der dir alles Gute wünscht.
814
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Meyken Pickelen, 1590.
Daß der Weg, der zum ewigen Leben führt, eng und
schmal sei, bezeugt die heilige Schrift und überdies
haben auch viele gottesfürchtige Kinder Gottes das-
selbe mit der Tat so befunden. Unter diesen ist auch
eine einfache, gottesfürchtige Frau Namens Maeyken
Pickelen gewesen, die nach den Geboten und Men-
schensatzungen nicht länger leben wollte, sondern
vielmehr Gott gehorsam zu sein suchte, und ihrem
Vorgänger, Herrn und Bräutigam mit dem Öl der Lie-
be in ihrem Gefäß und angezündeter und brennender
Lampe in der Hand nachzufolgen suchte, darum hat
sie auch nicht ohne Anfechtung sein können, sondern
hat erfahren, daß das Reich Gottes mit Gewalt einge-
nommen werden müsse, denn sie ist im Jahre 1590
um ihres Glaubens willen, und weil sie nach der evan-
gelischen Wahrheit lebte, in Verhaft genommen wor-
den. Sie hat auch endlich, nach vielem Anstoß, Qual
und manchen Leiden, ihr Leben elendig für dieselben
lassen müssen und hat dadurch die Marterkrone er-
langt, welche der Jüngling (von welchem Esra erzählt)
ihr aufsetzen wird, womit sie in die ewige und im-
merwährende Freude mit allen auserwählten Kindern
Gottes eingelassen werden wird.
Leonhard Boltzinger, 1591.
Im Jahre 1591, auf einen Freitag, den 8. März, ist Leon-
hard Boltzinger, ein Bruder, nicht weit von Plunaven
in Baiern um des christlichen Glaubens willen hinge-
richtet worden, nachdem er dreiundzwanzig Wochen
gefangen gelegen hat; er ist den Tag vor St. Michaelis
im Jahre 1590 dort verhaftet worden, nach der Stadt
Braunau geführt und daselbst in ein dunkles Gefäng-
nis gelegt; man hat ihn auch sehr gepeinigt, um ihn
zum Abfall von seinem Glauben zu bringen. Einmal
ist er mit Stricken aufgewunden, ein andermal aber
auf der Bank sehr jämmerlich ausgespannt worden,
aber er hat nicht von der Wahrheit abweichen wol-
len. Zuletzt haben sie ihn wieder von Braunau nach
Ulba gebracht, wo er in Verhaft genommen wurde;
dort haben sie ihn auf gemeldeten Freitag nach dem
Richtplatz geführt. Er hat sich sehr gefreut, als er sah,
daß er seinem Ende so nahe war, wiewohl sie ihm
sehr zusetzten, daß er doch abstehen sollte; aber er
antwortete: Ich stehe für das Rechte, und wenn ich
auch zehn Häupter aufeinander hatte, so wollte ich
sie lieber alle zehn nach einander abhauen lassen, als
von meinem Glauben abweichen.
Hiernächst hat ihn der Scharfrichter mit dem
Schwert gerichtet und verbrannt.
Also ist er standhaft in der Liebe Gottes geblieben
und hat sich davon nicht absondern lassen, wozu ihm
auch Gott Kraft, Trost und Stärke verliehen hat, so-
dass, obgleich seine Leiden schwer gewesen sind, er
sie doch so gering achtete, als ob es keine Leiden gewe-
sen wären; eine solche feste Hoffnung hatte er, in die
Herrlichkeit Gottes zu kommen, in die ewigwährende
Freude, daß er auch diese bald vergehende Trübsal
nicht achtete.
Georg Wanger, 1591.
In eben demselben Jahre 1591, den 5. August, ist Ge-
org Wanger, ein Schneider, um des Glaubens willen
zu Lorentsi im Pustertale, in der Grafschaft Tyrol, hin-
gerichtet worden nachdem er länger als ein Jahr ge-
fangen gesessen hatte, denn er war den Abend vor
Jacobi im Jahre 1590 gefangen genommen worden.
Man brachte ihn zu Lorentsi ins Amthaus und legte
ihn in ein gemeines Gefängnis. Den folgenden Tag
wurde er vor den Amtmann, Richter, Schreiber und
einen Pfaffen gebracht; sie wollten von ihm wissen,
wer mit ihm ausgezogen wäre, wo er sich aufgehalten
hätte, oder wo er zur Herberge gewesen wäre; aber
er antwortete: Gott behüte mich vor solchem Übel;
wir verraten unsere Feinde nicht, wie sollte ich denn
meine Freunde und lieben Brüder verraten? Das will
ich mit Gottes Hilfe nicht tun, denn es ist wider die
Liebe des Nächsten. Der Richter setzte ihm sehr zu, so-
wohl mit süßen als mit harten Worten, aber der Bruder
sprach: Ich habe meine gesunden Glieder von Gott
empfangen, demselben will ich sie wieder aufopfern,
und das mit einem guten Gewissen.
Als er nun lange zu Lorentsi gefangen gelegen hatte,
und von der Obrigkeit dreimal verhört worden war,
hat man ihr auf dem Schloss zu Michelsberg auf die
Folter gelegt, und da er nach ihrem bösen Begehren
(was wider Gott, sein Gewissen oder die Liebe des
Nächsten war) nicht aussagen wollte, haben sie ihn
zweimal so gepeinigt, daß man die Malzeichen wohl
dreizehn Wochen lang an ihm gesehen hat.
Da er nun vierzehn Tage auf dem Schloss zu Mi-
chelsberg gesessen hatte, haben sie ihn den sechszehn-
ten Tag im Herbstmonat nach Brixen geführt und ihn
dort an eine Kette in den Turm gelegt, worin viel Un-
geziefer war; auch befanden sich Scorpione ganz in
seiner Nähe, sowohl auf seinem Bett als auch an der
Mauer; er konnte sich nicht wohl umwenden und
musste sein Haupt wegen des Ungeziefers allezeit
bedeckt halten.
In neunzehn Wochen, solange er zu Brixen gefan-
gen lag, hat man ihm zweimal den Tod angekündigt
und ihn dabei ernstlich zum Abfall ermahnt; aber er
sagte: Ich habe weder Lust noch Zuneigung zu dem
815
Volk, zu welchem ihr mich treiben wollt. Wohl aber
will ich mein Leben bessern, wenn ich irre, auch an-
dere zur Besserung ermahnen, die bisher ihr Leben
noch nicht gebessert haben; das halte ich für ein Werk
Gottes und will es gern tun, auch das halten, was ich
Gott in der Taufe zu meiner Seele Heil verheißen ha-
be. Die Pfaffen zu Brixen haben ihn im Gefängnis oft
überlaufen, auch ist er vor den Vikar oder Dompropst
gefordert, zweimal vor den Obersten und zehnmal
vor Mönche und Pfaffen, Edelleute und andere, wel-
che ihn wieder zu der rechten Kirche zu führen such-
ten; aber er sprach: Ich habe weder die rechte Lehre
noch den Glauben oder die Kirche Christi verlassen,
sondern habe sie durch Gottes Gnade gefunden, dabei
will ich auch bleiben. Als er nun sieben Wochen zu
Brixen gelegen hatte, haben sie ihn abermals nach Lo-
rentsi geführt, wo er ihrer Absicht zufolge nach zwei
Nächten gerichtet werden sollte, aber dieser Plan wur-
de durch den Tod des Bischofs von Brixen vereitelt;
deshalb ist er wieder nach Mühlberg geführt und bis
zum fünften August auf das Schloss gefangen gelegt
worden; hier hat man ihn abermals in das Richthaus
zu Lorentsi gebracht, wo die Pfaffen Gericht über ihn
gehalten haben. Zuerst versuchten sie, ob sie ihn vom
Glauben abfällig machen könnten, aber als sie das
nicht bewerkstelligen konnten, hat man ihn auf des
Kaisers Befehl zum Tode verurteilt, und ihm vorge-
lesen, daß er von der römisch-katholischen Kirche
abgefallen wäre und sich noch einmal hätte taufen
lassen, daß er auch nachher gesucht hätte, andere da-
zu zu bringen und zu seiner ketzerischen Sekte (so
nannten sie dieselbe) zu verführen. Aber der Bruder
Georg sprach: Es ist keine ketzerische Sekte, sondern
es ist die göttliche Wahrheit und der rechte Weg zum
Reich Gottes. Hiernächst hat man ihn hinaus auf den
Richtplatz geführt, wo ihn der Oberste von Lorentsi
mit süßen Worten noch ernstlich ermahnt hat, daß
er doch abstehen sollte, er wollte ihm so viel geben,
daß er sein lebelang daran genug hätte, und wollte
noch überdies am jüngsten Tage Bürge für ihn sein,
wenn er unrecht daran täte. Aber der Bruder sprach:
Wenn ich das täte und dich zum Bürgen für mich an-
nehmen würde, es käme aber der Teufel und holte
zunächst den Bürgen, wo sollte ich nachher meinen
Bürgen und mein Unterpfand suchen? Der Oberste
fühlte sich hierdurch beschämt, und ließ von ihm ab.
Es war viel Volks zugegen, worunter einige weinten;
aber er bat, daß man ihm die Hände etwas auflösen
wollte, daß er sie zu Gott aufheben könnte, um Ihm
Dank und Lob zu geben und Ihn zu bitten, daß Er
ihm Kraft geben wolle, den falschen Propheten und
bösen Geistern zu widerstehen. Endlich hat er seinen
Geist in die Hände Gottes befohlen, und ist um des
Wortes Gottes und seiner Wahrheit willen enthauptet
worden.
Jakob Platser, 1591.
In eben demselben Jahre 1591, den neunzehnten Tag
im August, ist der Bruder Jakob Platser, ein Schlosser,
zu Silgen im Pustertale in der Grafschaft Tyrol, ver-
haftet worden, und hat etwa acht Wochen, bis zum
fünfzehnten Oktober, in Banden und im Gefängnis ge-
legen. Als sie nun (nach ihrem Willen) mit ihm nichts
ausrichten konnten, er auch keineswegs von dem, was
ihm Gott zu erkennen gegeben hatte, abstehen, noch
von der Wahrheit weichen wollte, so hat man ihn,
nach dem kaiserlichen Befehl, zum Schwert verurteilt.
Hiernächst ist er auf den Richtplatz hinausgeführt
worden, wo er sein Gebet zu Gott getan hat, in wel-
chem er sein Verlangen ausdrückte, um der Wahrheit
und des Glaubens willen zu sterben. Unterdessen hat
ihn der Scharfrichter enthauptet und begraben. Also
hat er von dem Wort Gottes und dem rechten Glauben
bis in den Tod ritterlich gezeugt, wozu ihm Gott seine
Gnade und Kraft verliehen hat.
Bartholomäus Panten, Michael, der Witwer, und
Kaleken R., im Jahre 1592.
Im Jahre 1592, im Monat Juli, sind zu Gent in Flandern,
zwei Brüder mit einer Schwester gefangen worden,
weil sie nach dem Worte Gottes lebten; ihre Namen
sind: Bartholomäus Panten, Michael, der Witwer, und
Kalleken R., welche viele Versuchungen ausgestanden
haben, und sowohl von den Pfaffen und Jesuiten, als
auch von dem Stadtschreiber scharf verhört worden
sind, vor welchem sie ihren Glauben freimütig und
unverzagt bekannt haben, und wobei sie auch, ohne
Ab weichen, standhaft geblieben sind. Darauf ist es
geschehen, daß die Schwester ihrer Bande entledigt
und frei gelassen worden ist, die Brüder aber hat man
hart gepeinigt, damit sie von ihrem Gott abfallen und
ihre Brüder anzeigen möchten; Gott aber, der die Sei-
nen nicht verlässt, sondern sie wie seinen Augapfel
bewahrt, hat ihnen beigestanden, sodass sie bei Ihm
und seinem Wort standhaft blieben und ihren Mund
bewahrt haben, sodass ihre Nächsten nicht beschwert
worden sind. Deshalb sind sie endlich, um des Zeug-
nisses Jesu Christi willen, als Ketzer zum Tode ver-
urteilt und, nachdem man sie zuerst in des Grafen
Schloss an den Galgen aufgehängt und erwürgt hat,
sind sie außerhalb der Stadt auf dem Galgenfeld be-
graben worden; und wie sie dem Herrn Jesu Christo
seine Schmach haben tragen helfen, so werden sie
auch mit Ihm in seiner Herrlichkeit voller Ehre und
816
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Klarheit aufgenommen werden und ewig mit Ihm in
Freude und Wonne leben.
Die Briefe, welche Bartholomäus Panten in seinen
Banden geschrieben hat, haben wir dem Leser zu Ge-
fallen beigefügt.
Der erste Brief von Bartholomäus Panten,
geschrieben an seinen Bruder Carl, der zu Harlem
wohnte.
Nebst zugeneigtem Gruße an dich, meinen geliebten
Bruder (wobei ich auch deiner Hausfrau und Hausge-
nossen gedenke), lasse ich euch wissen, daß ich durch
des Herrn Gnade, dem Leibe nach, noch wohl sei, und
was den Geist betrifft, so ist mein Gemüt fest darin,
mit des Herrn Hilfe bei der Wahrheit zu bleiben bis
ans Ende, was ich euch auch wünsche. Ferner, mein
geliebter Bruder, benachrichtige ich dich, daß ich jetzt
nebst einem andern Mann und einer Frau, um des
Zeugnisses unseres Herrn Jesu Christi und der Wahr-
heit des Evangeliums willen zu Gent gefangen sei
und daß nämlich der Mann und ich gepeinigt wor-
den sind, was ich unwürdig gelitten habe; sie haben
auch gedroht, uns noch mehr Leiden anzutun; aber
Petrus sagt: Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen,
und erschreckt nicht, sondern heiligt Gott, den Herrn,
denn sie können nicht mehr tun, als ihnen von Gott
zugelassen ist; ebenso sagt auch Paulus an die Ko-
rinther: Wir wissen, wenn das irdische Haus dieser
Wohnung zerbrechen wird, daß wir einen Bau haben,
von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht,
das ewig ist im Himmel, und deshalb sehnen wir uns
auch nach unserer Behausung, die vom Himmel ist,
und uns verlangt, daß wir damit überkleidet werden,
jedoch so, daß wir bekleidet und nicht bloß erfunden
werden, denn, während wir in der Hütte sind, sehnen
wir uns und sind beschwert.
Darum, mein lieber Bruder, sehe ich keinen andern
Ausweg, um zum ewigen Leben zu gelangen, als
durch das Kreuz, das uns von Gott aufgelegt ist; das
müssen wir tragen, wie Christus sagt: Wenn mir je-
mand folgen will, der verleugne sich selbst, nehme
sein Kreuz auf sich, und folge mir nach, denn, wer
sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, wer
aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird
es finden. Was nützt es dem Menschen, wenn er auch
die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an
seiner Seele? oder was kann ein Mensch geben, daß
er seine Seele erlöse? Aber das Leiden dieser Zeit ist
nicht zu vergleichen mit der Herrlichkeit, die an uns
offenbart werden soll; darum (sagt Paulus) werden
wir nicht müde, denn, obgleich unser auswendiger
Mensch vergeht, so wird doch der inwendige von
Tag zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich
und leicht ist, schafft uns eine ewige und über die
Maßen gewichtige Herrlichkeit, die wir nicht auf das
sehen, was sichtbar ist, denn, was sichtbar ist, das ist
zeitlich, aber was imsichtbar ist, das ist ewig. Wisse,
daß ich von den Jesuiten und Pfaffen, auch von dem
Stadtschreiber Anfechtung gehabt habe, aber mit Got-
tes Hilfe habe ich allen Stürmen bisher widerstanden,
und hoffe, daß er fernerhin durch seinen Geist und
seine Kraft, ohne welche wir nichts vermögen, mir
helfen werde, denn von mir selbst habe ich nichts als
lauter Schwachheit, Elend und Unvollkommenheit,
was ich vor Gott mit Tränen beklagt und Ihn gebeten
habe, daß Er ohne seine Gnade nicht mit mir ins Ge-
richt gehen wolle, denn vor Ihm wird keine lebendige
Seele in Unschuld bestehen.
Hiermit befehle ich dich Gott; sei der Worte Paulus
eingedenk, wenn er sagt: So ermahne nun euch ich
Gefangener in dem Herrn, daß ihr wandelt, wie es
eurem Beruf gebührt, worin ihr berufen seid, mit aller
Demut und Sanftmut, mit Geduld, und ertragt einer
den andern in der Liebe, und seid fleißig zu halten die
Einigkeit im Geist, durch das Band des Friedens, ein
Leib und ein Geist; und an die Kolosser: Ertragt ein-
ander, und vergebe einer dem andern, wenn jemand
eine Klage hat wider den andern; gleichwie Christus
euch vergeben hat, so auch ihr. Uber alles aber zieht
an die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist;
und der Friede Gottes regiere in euren Herzen, zu wel-
chem ihr auch berufen seid in einem Leib, und seid
dankbar; ferner an die Galater: So wir im Geist leben,
so lasst uns auch im Geist wandeln; lasst uns auch
nicht eitler Ehre geizig sein, uns untereinander zu ent-
rüsten und zu hassen. Liebe Brüder, wenn ein Mensch
etwa von einem Fehler übereilt würde, so helft ihm
wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, die ihr geistig
seid, und siehe auf dich selbst, damit du nicht auch
versucht werdest. Einer trage des andern Last. Wenn
sich aber jemand dünken lässt, er sei etwas, der be-
trügt sich selbst; darum prüfe ein jeder sein eigenes
Werk, und alsdann wird er an sich selbst Ruhm haben,
und nicht an einem andern, denn ein jeder wird seine
eigene Last tragen; ferner bei Jak 5,19: Meine Brüder,
wenn jemand unter euch von der Wahrheit sich ver-
irren wird, und jemand bekehrt ihn von dem Irrtum
seines Weges, der hat einer Seele vom Tode geholfen,
und wird die Menge der Sünden bedecken; und Pe-
trus sagt: Vor allen Dingen habt untereinander eine
brünstige Liebe, denn die Liebe bedeckt die Menge
der Sünden; auch sagt Johannes: Wer nicht recht tut,
und wer seinen Bruder nicht lieb hat, ist nicht von
Gott, denn das ist die Botschaft, die ihr gehört habt
von Anfang, daß ihr einander lieben sollt, nicht wie
817
Kain, der vom Argen war und seinen Bruder tötete.
Darum, meine lieben Brüder, seid untereinander
freundlich und herzlich, und vergebe einer dem an-
dern, wie Gott euch durch Christum vergeben hat.
Auch sagt Paulus: Ermahnt die Ungezogenen, tröstet
die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig
gegen jedermann, seht zu, daß niemand Böses mit
Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach,
sowohl untereinander, als gegen jedermann.
Hiermit sage ich dir, mein lieber Bruder, gute Nacht,
wenn wir einander nicht mehr sehen sollten.
Geschrieben in meinen Banden, von mir, Bartholo-
mäus Panten, an Carl Panten, meinen Bruder.
Der zweite Brief von Bartholomäus Panten,
welcher einen Unterricht aus dem Wort des Herrn
an alle Liebhaber der Wahrheit enthält, sowie einen
kurzen Bericht von seinem Verhör, oder seiner Unter-
suchung.
Sicut Lilium inter Spinas, sic est Amica mea inter
filias. (Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine
Freundin unter den Töchtern.)
Christus Jesus lehrt uns Mt 5,10, selig sind, die um
der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das
Himmelreich ist ihnen; selig seid ihr, wenn euch die
Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen,
und euch alles Üble nachsagen; darum seid fröhlich
und freut euch, denn es wird euch wohl belohnt wer-
den im Himmel; ebenso haben sie die Propheten ver-
folgt, die vor euch gewesen sind. Darum lasst uns
geduldig sein und uns darüber freuen; lasst uns seg-
nen, die uns fluchen, und denen wohltun, die uns
hassen, und für diejenigen bitten, die uns beleidigen
und verfolgen, damit wir Kinder unseres Vaters sein
mögen, der im Himmel ist, der seine Sonne über Gute
und Böse, über Gerechte und Ungerechte scheinen
lässt, denn, wenn ihr diejenigen liebt, die euch lieben,
was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe
auch die Zöllner? Darum sollt ihr vollkommen sein,
wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.
Darum, meine lieben Freunde, lasst uns allgemeine
Liebe erweisen, und auch brüderliche Liebe, nach der
Lehre Petri, wie auch nach der Lehre Paulus. Lasst uns
allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glau-
bensgenossen, und seht zu, daß niemand Böses mit
Bösem vergelte, sondern trachtet allezeit nach dem
Guten untereinander und gegen jedermann; ebenso
lehrt uns auch Petrus: Vergeltet nicht Böses mit Bö-
sem, oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet
dagegen und wisst, daß ihr dazu berufen seid, daß
ihr den Segen ererbt, denn, wer Leben und gute Tage
sehen will, der halte seine Zunge, daß sie nichts bö-
ses rede, und seine Lippen, daß sie nicht trügen. Er
wende sich vom Bösen, und tue Gutes, er suche Frie-
den und jage ihm nach, denn die Augen des Herrn
sehen auf die Gerechten, und seine Ohren auf ihr Ge-
bet; das Angesicht aber des Herrn sieht auf diejenigen,
die Böses tun. Und wer ist, der euch schaden könn-
te, wenn ihr dem Guten nachkommt? Und wenn ihr
auch um der Gerechtigkeit willen leidet, so seid ihr
doch selig; fürchtet euch aber vor ihrem Trotzen nicht,
und erschreckt nicht; heiligt aber Gott den Herrn in
eurem Herzen IPt 3,9-15. Niemand aber unter euch
leide als ein Mörder oder Dieb, oder Übeltäter, oder
als ein solcher, der nach anderer Leute Gut trachtet;
leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht;
er ehre aber Gott in solchem Falle. Denn es ist Zeit,
daß das Gericht an dem Hause Gottes anfange; wenn
aber zuerst an uns, was will es mit denen für ein Ende
nehmen, die dem Evangelium Gottes nicht glauben?
und wenn der Gerechte kaum erhalten wird, wo will
der Gottlose und Sünder erscheinen IPt 4,15-18 ?
Darum, alle diejenigen, die nach Gottes Willen lei-
den, befehlen ihre Seelen dem treuen Schöpfer mit
guten Werken. Lasst uns auf den Herzog des Glau-
bens und den Vollender Jesum sehen, welcher, da Er
wohl hätte Freude haben mögen, am Kreuz gelitten
hat, und die Schande nicht achtete und zur Rechten
auf dem Stuhl Gottes sitzt. Denkt an den, der ein sol-
ches Widersprechen von den Sündern wider sich er-
duldet hat, daß ihr nicht in eurem Mut matt werdet
und ablasst, denn ihr habt in den Kämpfen wider die
Sünde noch nicht bis aufs Blut widerstanden. So sagt
auch Petrus: Christus hat für uns im Fleisch gelitten,
und uns ein Beispiel hinterlassen, daß wir seinen Fuß-
stapfen nachfolgen sollten, der keine Sünde getan hat,
und in dessen Mund auch kein Betrug erfunden wor-
den ist, welcher nicht wieder schalt, als Er gescholten
ward, nicht drohte, als Er litt; Er stellte es aber dem
anheim, der da recht richtet.
Wollen wir daher, liebe Freunde, unter seinen
Knechten sein, so müssen wir dem Herrn nach seinem
göttlichen Willen und Begehren dienen, das ist, hier
leiden und dulden und nicht widerstreben, sonst wür-
den wir uns selbst leben und nicht dem Herrn, und
würden also in unserem Tun den Fußstapfen Christi
nicht nachfolgen, denn wir müssen segnen, die uns
verfolgen, und nicht fluchen. Wie uns denn Paulus
lehrt: Befleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann.
So viel es in euren Kräften steht, so haltet mit allen
Menschen Frieden und rächt euch selbst nicht, meine
Allerliebsten, sondern gebt dem Zorn Raum, denn es
steht geschrieben: Die Rache ist mein, ich will vergel-
ten, spricht der Herr; wenn deinen Feind hungert, so
speise ihn, dürstet ihn, so tränke ihn; wenn du das
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
tust, wirst du ihm feurige Kohlen auf sein Haupt sam-
meln; lass dich vom Bösen nicht überwinden, sondern
überwinde das Böse mit Gutem.
Darum, meine lieben Freunde, und alle diejenigen,
die ihre Seligkeit suchen, lernt hieraus die Schafe von
den Wölfen und die Tauben von den Raubvögeln un-
terscheiden, denn Christus hat die Seinen wie Schafe
mitten unter die Wölfe ausgesandt und hat sie er-
mahnt, sie sollten klug wie die Schlangen und einfäl-
tig wie die Tauben sein, denn alle, die gottselig leben
wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgungen leiden;
mit den bösen Menschen und Verführern aber wird
es immer ärger; sie verführen und werden verführt.
Als ich solches unsern Verfolgern vorhielt, sagten
sie, sie seien auch verfolgt worden; darauf aber sagte
ich ihnen, daß sie nur Verfolgung litten, wenn sie zu
schwach und unvermögend wären; aber wenn sie die
Oberhand wieder erhielten, wären sie selbst Verfolger,
raubten unsere Güter, peinigten und misshandelten
uns, sodass die Weissagung Esras erfüllt wird: Sie
werden wie die Unsinnigen sein, indem sie niemand
verschonen wegzuführen und zu vernichten, die noch
Gott fürchten, denn sie werden ihre Güter zerstören
und rauben und sie aus ihren Häusern stoßen; als-
dann wird die Bewährung der Auserwählten offenbar
werden, und sie werden geprüft werden wie das Gold,
welches durch Feuer bewährt wird; und Christus sagt:
Solches habe ich zu euch geredet, damit ihr euch nicht
ärgert. Sie werden euch in den Bann tun; es kommt
aber die Zeit, daß, wer euch tötet, meinen wird, er
tue Gott einen Dienst damit, und solches werden sie
euch darum tun, weil sie weder meinen Vater noch
mich erkennen; aber solches habe ich zu euch geredet,
damit, wenn die Zeit kommen wird, ihr daran denkt,
daß ich es euch gesagt habe.
Aber, meine lieben Freunde, das Leiden dieser Zeit
ist nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an
uns offenbar werden soll; denn es hat kein Ohr ge-
hört und kein Auge gesehen, was Gott denen bereitet
hat, die Ihn lieben; denn die Gerechten werden ewig
leben; der Herr ist ihr Lohn, und der Allerhöchste
sorgt für sie, darum werden sie ein herrliches Reich
und eine schöne Krone von der Hand des Herrn emp-
fangen. Sa lasst uns denn mit den Augen des Geistes
auf die schönen Verheißungen sehen und, wie Mose,
lieber erwählen mit den Kindern Gottes Ungemach
zu leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünden zu
haben; denn er sah auf die Belohnung und achtete
die Schmach Christi für größeren Reichtum, als die
Schätze Ägyptens. Hiermit will ich euch, meine lieben
Freunde, dem Herrn und dem reichen Worte seiner
Gnade anbefehlen, damit ihr durch dasselbe in dieser
Zeit aufwachsen, blühen, fruchtbar und frisch sein
mögt. Von mir, Bartholomäus Panten.
In dem Nachfolgenden ist ein Gespräch enthalten,
das wir Gefangenen mit den Jesuiten gehabt haben;
es ist nur in aller Kürze niedergeschrieben, so gut,
als ich es behalten habe, denn es ist mir nicht mög-
lich, solches von Wort zu Wort in mein Gedächtnis
zurückzurufen. Hätten wir beieinander sein können,
so hätte ich etwas ausführlicher schreiben können; es
sind aber schon einige Tage verflossen, seit dasselbe
stattgefunden hat. Sie beweisen ihre Sache besonders
mit Augustinus und mit andern ihrer Lehrer, und be-
ziehen sich vorzüglich darauf, daß das Ihre nun schon
so lange bestanden habe; sie wissen aber nicht, oder
wollen doch nicht wissen, daß sie die Erde lange mit
Betrug, Gewalt und Tyrannei besessen, die nacken-
de Wahrheit aber unterdrückt und die Lügen statt
der Wahrheit geglaubt haben, wie Paulus erzählt, daß
Gott kräftige Irrtümer senden werde, weil sie die Lie-
be zur Wahrheit nicht angenommen, sondern Lust
zu der Ungerechtigkeit gehabt haben; lest 2 Th 2, wo
von dem Menschen der Sünden und dem Kind des
Verderbens geschrieben steht, der Gottes Widersacher
ist, und sich über alles erhebt, was Gott und Gottes-
dienst heißt. Ferner lasse ich euch wissen, daß sie mir
zugesetzt haben und mich gern wieder zu ihrer Lehre
gebracht hätten; ich hätte ihnen gern mit dem Gleich-
nis Mt 13, von dem Unkraut des Ackers bewiesen, daß
es sich nicht gezieme, ja, gegen die Lehre Christi und
auch gegen die allgemeine Liebe und Ehrbarkeit sei,
jemanden um seines Glaubens (oder eines Missver-
standes in der heiligen Schrift) willen zu fangen, sein
Gut zu nehmen, ihn zu peinigen oder zu töten; ich
habe ihnen auch die Erklärung zum Teil vorgehalten,
wie der Hausvater seinen Knechten befohlen hat, sie
sollen das Unkraut mit dem Weizen zugleich bis zur
Ernte aufwachsen lassen, was nach Christi eigener
Erklärung der Welt Ende ist. Sie sagten hierauf: Jam
Messis est, das ist: Jetzt ist die Ernte. Ich antwortete:
Die Ernte ist der Welt Ende; die Schnitter sind die
Engel, und setzte hinzu: Ihr tretet in den Dienst der
Engel.
Sie wollten sich mit der Obrigkeit entschuldigen;
aber ich warnte sie, daß, weil sie der Obrigkeit Lehrer
und Prediger wären, unser Blut von ihrer Hand gefor-
dert werden würde, wenn sie die Obrigkeit solches
lehren, sie darin bestärken, sie zwingen, oder ihr ra-
ten würden, wie sie denn, nach meiner Ansicht, tun;
denn es ist der Lehre Christi und dem Befehl Gottes
zuwider. Als seine Knechte ihn fragten, ob sie es aus-
raufen sollten, hat er ihnen gesagt: Nein, damit nicht,
wenn ihr das Unkraut ausjätet, ihr den Weizen auch
ausrauft.
Aber sie wollen weiser sein, und über Christum
819
herrschen, womit sie beweisen, daß sie Antichristen
sind, das ist, wider Christum und seine Lehre; denn
wenn sie rechte Christen, Jünger Christi, die Braut, ja,
Schafe, Tauben und Glieder Christi, oder Reben am
Weinstock wären, sie würden nicht verfolgen, noch
jemandem Leid zufügen, sondern lieber selbst leiden
und dulden, indem Paulus sagt: Alle, die gottselig
leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung lei-
den; mit den bösen und gottlosen Menschen wird es
immer ärger; sie verführen und werden verführt.
Sodann redeten wir auch mit denselben Jesuiten,
mit dem Diakon von St. Jan und ihrem Pfarrer über
die Taufe; sie behaupteten die Kindertaufe und hielten
sie zur Seligkeit nötig, aber ich habe ihnen verschiede-
ne Sprüche angeführt, daß die Taufe den Gläubigen
zukomme und daß es nicht genug sei, den Glauben
mit dem Munde zu bekennen, sondern man müsse
ihn auch mit dem Herzen begreifen, wie Philippus,
Apg 8,37, zum Kämmerer sagte: Glaubst du von gan-
zem Herzen, so mag es wohl geschehen.
Auch sagte ich zu ihnen, daß Philippus den Sama-
ritern das Wort Gottes verkündigt habe, daß sie Phil-
ippus geglaubt hätten (der ihnen vom Reich Gottes
und dem Namen Jesu Christi predigte) und daß sich
Männer und Weiber hätten taufen lassen.
Michael führte auch die Schrift aus Apg 2 an: So wis-
se nun das ganze Haus Israel gewiss, daß Gott diesen
Jesum, den ihr gekreuzigt habt, zu einem Herrn und
Christ gemacht hat. Da sie aber das hörten, ging es
ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus und zu
den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was
sollen wir tun? Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße. Dar-
auf sagte einer unter ihnen: Was ist das, tut Buße? Das
ist: Habt Reue über eure Sünden, und lasse sich ein
jeder im Namen Jesu Christi, zur Vergebung der Sün-
den, taufen, dann werdet ihr die Gabe des Heiligen
Geistes empfangen. In demselben Kapitel steht ferner:
Auch bezeugte er ihnen mit vielen andern Worten,
ermahnte sie und sagte: Lasst euch helfen von diesem
argen Geschlecht, die nun sein Wort gern aufnahmen,
ließen sich taufen, und wurden an demselben Tag
dreitausend Seelen hinzugetan. Der Diakon von St.
Jan, und der Pfarrer dieser Kirche, hielten eine lange
Rede aus Joh 3, wo Christus sagt: Es sei denn, daß
jemand von Neuem geboren werde, so kann er das
Reich Gottes nicht sehen. Ich sagte, das wäre zu den
Alten gesprochen; aber er wollte behaupten, es wäre
sowohl von den Kindern, als von Alten gesprochen;
daraus wollte er schließen, daß die Kinder, die ohne
Taufe sterben, verloren seien, was doch die Unwahr-
heit ist, denn den kleinen Kindern gehört das Reich
Gottes, nach Christi eigenen Verheißungen.
Seine Rede aber, die Er mit Nicodemus gehalten
hat, geht die Kinder nichts an, sondern allein die, wel-
che Ohren haben zu hören und Herzen zu verstehen;
aber sie stützten sich immer darauf, es sei denn, daß
jemand geboren werde aus Wasser und Geist, kann
er nicht in das Reich Gottes kommen. Sie meinten,
daß das Taufen mit Wasser die neue Geburt begründe,
und daß die Kinder dadurch wiedergeboren würden,
was ein großer Unverstand ist, denn nach den Worten
Petrus verhält es sich, wie er in seinem ersten Brief
meldet: Macht eure Seelen keusch im Gehorsam der
Wahrheit durch den Geist zu ungefärbter Bruderliebe,
und habt euch untereinander brünstig lieb, aus rei-
nem Herzen, als die da wiederum geboren sind, nicht
aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Sa-
men, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das
ewig bleibt; und Jakobus sagt: Er hat uns gezeugt,
nach seinem Willen, durch das Wort der Wahrheit, da-
mit wir Erstlinge seiner Kreaturen wären. Auch sagt
Johannes: Wer da glaubt, daß Jesus ist Christus, der
ist aus Gott geboren; nicht weniger sagt Christus: Was
vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; aber was vom
Geist geboren ist, das ist Geist. Verwundert euch nicht,
daß ich euch gesagt habe: Ihr müsst von neuem gebo-
ren werden, der Wind bläst, wo er will, und du hörst
sein Sausen wohl, aber von wannen er kommt, und
wohin er geht, das weißt du nicht; ebenso ist es mit
einem jeden, der aus dem Geist geboren ist. Seht, da-
durch wird man wiedergeboren, wenn man das Wort
Gottes annimmt, denn der alte Mensch mit seinen
Werken muss ausgezogen, der neue aber angezogen
werden, und das ist kein Kinderwerk. Dieses habe ich
beigefügt, um euch die neue Geburt zu erklären.
Auch haben wir mit den Jesuiten und den andern,
von der Menschwerdung unsers Herrn Jesu Christi
geredet, worin wir miteinander nicht übereinkamen,
denn sie sagten. Er hätte Fleisch und Blut von Ma-
ria; ich erwiderte. Er wäre der Sohn Gottes, der von
der Jungfrau Maria geboren worden ist; sie aber hätte
keinen Mann erkannt; ich sagte auch, was dort Pau-
lus anführt: Da wir mit Gott versöhnt sind durch den
Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, wie
viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben,
wenn wir versöhnt sind? So steht auch in den Ge-
schichten der Apostel: Euch zuförderst hat Gott sein
Kind Jesum auferweckt, und hat es zu euch gesandt,
euch zu segnen, daß ein jeder sich bekehre von seiner
Bosheit; und Johannes sagt in seinem ersten Brief: Das
Blut Jesu Christi seines Sohnes, und nicht das Blut Ma-
ria; ebenso sagt der Apostel Paulus an die Korinther
im ersten Brief: Der erste Mensch ist von der Erde und
irdisch, der andere Mensch ist der Herr vom Himmel;
und im Evangelium steht: Wer von oben kommt, der
ist über allem; wer von der Erde ist, der ist irdisch
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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
und redet von der Erde; der vom Himmel kommt, ist
über allem, und zeugt, was er gesehen und gehört
hat, und sein Zeugnis nimmt niemand auf; wer aber
sein Zeugnis aufnimmt, der versiegelt es, daß Gott
wahrhaftig ist; und an die Hebräer steht: Darum, als
Er in die Welt kam, sagt Er: Opfer und Gaben hast Du
nicht gewollt, aber den Leib hast Du mir bereitet; und
Mt 1,20 steht: Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich
nicht, Maria, deine Hausfrau, zu dir zu nehmen, denn
was von ihr empfangen ist, das ist vom Heiligen Geist;
was sie empfangen hat (merkt wohl) ist nicht von ihr
gekommen, sonst müsste Er von der Erde sein, wie
Maria war, und alle Adams kinder sind. Wir haben
zwar nicht alles dieses mit ihnen geredet, sondern ich
führe es nur an, damit ihr den Grund unsers Glaubens
desto besser verstehen mögt.
Die anderen haben viel mehr gesprochen, als ich
oben angegeben habe, aber ich habe nicht alles behal-
ten. Ihre Meinung war, daß Er aus dem natürlichen
Samen Davids hergekommen wäre. Darauf bekennen
wir, daß Er aus dem Säumen Davids hergekommen,
und daß Er aus dem Geschlecht Davids und aus der
Jungfrau Maria durch die Kraft und Wirkung des Hei-
ligen Geistes geboren sei, denn Maria wunderte sich
selbst über dieses Werk, als sie die Botschaft von dem
Engel empfing, und zum Engel sagte: Wie soll das zu-
gehen, indem ich von keinem Mann weiß? Der Engel
antwortete ihr: Der Heilige Geist wird von oben über
dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird
dich überschatten; weshalb auch das Heilige, das von
dir geboren werden wird, Gottes Sohn genannt wer-
den soll. In dem Evangelium Johannes steht: Ich bin
das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist;
wer von diesem Brot essen wird, der wird in Ewigkeit
leben, und das Brot, das ich geben werde, ist mein
Fleisch, welches ich für das Leben der Welt geben wer-
de. Merkt wohl hierauf, woher dieses Brot gekommen
sei, welches Er sein Fleisch nennt, ob es von Maria
gekommen sei, die von der Erde war, oder ob es vom
Himmel gekommen sei? Wir sagen mit Christo: Vom
Himmel und nicht von der Erde, wo Maria her war.
Ferner berichte ich euch auch, daß wir etwas vom
Abendmahl des Herrn und vom Brotbrechen mit dem
Diakon von St. Jan und ihrem Pfarrer geredet haben;
sie hielten dafür, daß Christi Fleisch und Blut im Sa-
krament wäre. Darauf sagte Michael: Wenn dem so
wäre, so äßen sie ja des Freitages Fleisch, was sie nicht
gut aufnahmen und sagten, daß man solches nicht äße,
wie anderes Fleisch. Da sagte Kalleken aus Joh 6: Das
Fleisch ist nichts nütz; die Worte, die ich rede, sind
Geist und Leben; ich aber führte ihnen die Erklärung
Paulus an aus IKor 11,26: So oft ihr von diesem Brot
esst und von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des Herrn
Tod verkündigen, bis daß Er kommt; so ist Er ja, sagte
ich, nicht darin enthalten. Sie sagten. Er wäre überall;
es stand Tinte auf der Tafel, woran wir saßen; sie sag-
ten, oder einer von ihnen sagte, daß Er in der Tinte
wäre. Einer unter ihnen hatte eine Feder in der Hand
und sagte: Er ist in der Feder; auch sagte einer von
ihnen. Er wäre in der Hölle. So schien es denn, nach
ihrer Rede, daß Gott überall wäre; ich sagte: Die Weis-
heit kommt nicht in eine boshafte Seele, und wohnt
nicht in einem der Sünde unterworfenen Leib, denn
der Heilige Geist weicht von den Ruchlosen. Es fielen
noch viel mehr Worte von ihren Bildern und Götzen
vor; ihr Sinn war, man dürfte sie wohl machen und
darstellen, aber nicht anbeten, und wenn jemand wä-
re, der solches täte, den sollte man strafen, wie sie
sagten, in solcher Weise redeten sie. Da sagte ich zu
den Jesuiten: Erweist man ihnen denn keine Ehre und
keinen Dienst, wenn man Kerzen und Lichter davor
stellt, und sie auf den Schultern trägt? Auch sagte ich:
Der Heiden Götter sind von Silber und Gold, und der
Menschen Hände Werk; sie haben Ohren und hören
nicht, sie haben Augen und sehen nicht. Einer unter
ihnen, als er das hörte, wollte sagen, daß sie keine
hätten; aber als er sich recht bedachte, fand er doch,
daß sie welche hätten, die von Gold oder Silber waren.
Hiervon wurde zwischen Michael und ihnen noch
mehr gesprochen, was ich aber erzählte habe, habe
ich wohl behalten.
Hiermit gute Nacht für dies Mal; gehabt euch wohl,
lest es mit Verstand und haltet es noch geheim, da-
mit es den Herren nicht zu Ohren komme. Von mir,
Bartholomäus Panten.
Ein Testament von Bartholomäus Panten, an sein
Töchterlein, welches nach des Vaters Tod von den
Pfaffen ins Kloster getan worden ist; der Herr lasse
es noch auf den rechten Weg kommen.
Mein liebes Kind, höre die Unterweisung deines Va-
ters und vergiss sie nicht, wenn dich Gott aufwach-
sen lässt und du zu deinem Verstand kommst; denke
daran, wie ich dir vorgegangen bin, nach meinem ge-
ringen Vermögen, im Elend, welches Gott geklagt sei,
um durch die enge Pforte einzugehen; denn die Pforte
ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis
führt, und viele sind, die dadurch eingehen; und die
Pforte ist eng und der Weg schmal, der zum Leben
führt, und es gibt nur wenige, die ihn finden. Hüte
dich vor den falschen Propheten und denen die in
Schafskleidern zu dir kommen; aber inwendig sind
sie reißende Wölfe; an ihren Früchten sollst du sie
erkennen; man kann keine Trauben von den Domen
lesen, noch Feigen von den Disteln. Mein liebes Kind,
821
ich sage, daß es unmöglich ist; darum gib doch Ach-
tung auf ihre Früchte, denn es stimmt keineswegs mit
der heiligen Schrift überein, daß man jemanden um
seines Glaubens willen fange, ihn seiner Güter berau-
be und töte; solches hat ja weder Christus getan, noch
seine Jünger, sondern sie haben selbst von den Un-
gläubigen leiden müssen, und sind von ihnen getötet
worden, wie es klar am Tage liegt, daß Christus selbst
unter die Übeltäter gerechnet und wie ein Lamm zum
Tode verstummt.
Darum, mein liebes Kind, befleißige dich, diesem
Hirten nachzufolgen, wenn du anders eins von seinen
Schafen sein willst, denn Petrus zeugt von ihm: Chris-
tus hat für uns gelitten und uns ein Beispiel hinterlas-
sen, daß wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollten, der
keine Sünde getan hat und in dessen Mund kein Be-
trug erfunden worden ist, welcher nicht wieder schalt,
als Er gescholten ward, nicht drohte, als Er litt; Er stell-
te es aber dem anheim, der recht richtet. Also, mein
liebes Kind, ist der Herzog des Glaubens vorangegan-
gen, wie uns Paulus bezeugt; so sollen denn auch wir,
weil wir solche Wolke der Zeugen um uns haben, alles
von uns ablegen, was uns beschwert, und die Sünde,
die uns anklebt; und lass uns auf den Herzog des
Glaubens und den Vollender Jesum Christum sehen,
welcher, da Er wohl hätte Freude haben mögen, das
Kreuz erduldete, und die Schande nicht achtete und
zur Rechten auf dem Stuhl Gottes gesessen hat. Denkt
an den, der ein solches Widersprechen von den Sün-
dern wider sich erduldet hat, daß ihr nicht in eurem
Mute matt werdet und ablasst, denn ihr habt noch
nicht bis aufs Blut der Sünde widerstanden.
So nimm denn, mein liebes Kind, dieses zu Her-
zen; auch ist meine väterliche Bitte an dich, wenn
du zu deinem Verstand kommst, daß du dich zu de-
nen halten wollest, die Gott fürchten, die die Allerge-
ringsten unter allen Völkern und dennoch die rechte
Versammlung und Gemeinde Gottes sind, die ihre Re-
gel nach der Ordnung des Herrn und dem Gebrauch
der heiligen Apostel eingerichtet haben, nämlich eine
Taufe, die auf den Glauben gegründet ist und emp-
fangen werden muss, wie Christus befohlen hat und
im Evangelium Matthäus geschrieben steht: Geht hin
und lehrt alle Völker, und tauft sie im Namen des Va-
ters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt
sie halten alles, was ich euch befohlen habe; auch
im Evangelium Markus: Geht hin in alle Welt, pre-
digt das Evangelium allen Kreaturen; wer glaubt und
getauft wird, soll selig werden; desgleichen in den
Geschichten der Apostel: Da Petrus dieselbe an vie-
len bedient hat, welches Glaubensbekenntnis nicht
allein mit dem Mund geschehen soll, sondern auch
mit dem Herzen begriffen und mit den Werken be-
wiesen werden muss, wie Johannes den Pharisäern
und Sadduzäern bezeugt, als er sie zu seiner Taufe
kommen sah, wenn er sagt: Ihr Ottergezücht, wer hat
denn euch geweissagt, daß ihr dem zukünftigen Zorn
Gottes entfliehen werdet? Tut rechtschaffene Früch-
te der Buße! Daraus kann man leicht einsehen, daß
das Bekenntnis nicht genug sei, sondern daß auch die
Reue des Herzens mit guten Werken bewiesen werden
müsse, daß man den alten Menschen mit seinen bö-
sen Werken zuerst ablegen und daß solches mit einem
reinen Glauben geschehen müsse, wie Philippus zu
dem Kämmerer sagt: Glaubst du von ganzem Herzen,
so mag es wohl geschehen, denn alles auswendige
Getön ohne Erneuerung des Geistes kann Gott nicht
gefallen. Das Abendmahl aber halten wir zum Ge-
dächtnis des bittern Leidens und Todes des Herrn,
wie an die Korinther ausgedrückt wird: Ich habe es
von dem Herrn empfangen, was ich euch gegeben
habe, denn in der Nacht, da der Herr verraten war,
nahm Er das Brot, dankte und gab es seinen Jüngern
und sagte: Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch
gebrochen wird, solches tut zu meinem Gedächtnis;
so oft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch
trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis daß
Er kommt. Soll man nun seinen Tod verkündigen, bis
Er kommt, so ist er nicht täglich in der Messe, noch in
ihrem Götzendienst, noch in ihrem Abgott, mit wel-
chem sie die Kranken in ihrer Not besuchen, wo Er
nach ihren Äußerungen sein soll; das ist fern von der
Wahrheit.
Was nun die Menschwerdung unsers Herrn Jesu
Christi betrifft, so glauben wir davon, wie die heili-
ge Schrift bezeugt; ich bin mit dem Bekenntnis Petri
zufrieden, denn als Christus seine Jünger fragte, was
die Leute sagten, wer Er wäre, so sagten einige: Je-
remia, Elia oder einer von den Propheten; Christus
aber fragte ferner: Was sagt denn ihr, wer ich sei; da
antwortete Petrus: Herr, du bist der Sohn des lebendi-
gen Gottes; desgleichen auch, wie Nathanael bezeugt:
Du bist der König von Israel. Paulus sagt: Da wir mit
Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, als
wir noch Feinde waren, wie viel mehr sollen wir se-
lig werden durch sein Leben, nachdem wir versöhnt
sind; auch sagt Johannes: Das Blut Jesu Christi, sei-
nes Sohnes, macht uns von allen Sünden rein, und
in den Geschichten der Apostel steht: Gott hat sein
Kind Jesum erweckt. Hat Er mm sein Kind auferweckt,
so muss es ja tot gewesen sein; auch steht im Jesaja
geschrieben: Eine Jungfrau ist schwanger und wird
einen Sohn gebären. Hat sie mm Ihn empfangen, so ist
das mein Glaube, daß sie nicht mehr empfangen hat,
als sie gebar; ich bin auch mit dem Werk Gottes zu-
frieden, wie es zugegangen ist. Daß ich glauben sollte.
822
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
daß Er von ihrem Fleisch und Blut sei, davon habe
ich kein Zeugnis in heiliger Schrift, und bin daher mit
dem zuvor angeführten Bekenntnis zufrieden. Ferner
gebrauchen wir nach der Fehre Christi und der Apo-
stel einen Bann, womit man die Ungezogenen strafen
soll, die ihren Glauben in ungebührliche Werke ver-
wandeln (wie Christus und Paulus bezeugen), und
zwar bei denen, die sich unter die Gemeinschaft der
Heiligen begeben haben, und mit ihnen zu einem Lei-
be getauft, nachher aber wieder in fleischliche Werke
verfallen sind, als in Ehebruch, Hurerei, Totschlag,
Völlerei, Abgötterei und dergleichen.
Darum, mein liebes Kind, wenn du zu Verstände
kommst, so zögere nicht, das Kreuz aufzunehmen, so
lieb dir deine Seele ist, denn es steht geschrieben: Wer
zu mir kommt und hasst nicht Vater, Mutter, Schwes-
ter, Bruder, Weib, Kind, ja, dazu sein eigenes heben,
der kann nicht mein Jünger sein; und wer nicht sein
Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, der kann nicht
mein Jünger sein. Deshalb muss man alles um des
Herrn willen verlassen, denn Christus sagt ferner in
demselben Kapitel: Wer nicht alles verleugnet, was er
hat, kann nicht mein Jünger sein.
Darum, mein liebes Kind, sieh nicht auf den großen
Haufen, sondern denke an die Zeiten Noahs, wie we-
nig errettet worden sind, als die Welt durch die Siind-
flut unterging, und daß nur drei in den fünf Städten
Sodom und Gomorrha übergeblieben seien.
So scheide dich denn, mein liebes Kind, von diesem
geistigen Sodom, damit du auch ihrer Sünden nicht
teilhaftig werden mögest und nichts von ihren Plagen
empfangest; auch steht 2 Kor 6: Geht aus von ihnen
und rührt nichts Unreines an, sagt der Herr, dann will
ich euch aufnehmen und euer Vater sein, spricht der
allmächtige Herr. Da wir nun solche Verheißungen
haben, meine Geliebteste, so sollen wir uns von al-
len Befleckungen des Fleisches und des Geistes selbst
reinigen und mit der Heiligung in der Furcht Gottes
fortfahren, denn die Zeit wird kommen, daß diejeni-
gen, die ihr Leben ungebührlich zugebracht haben, es
beklagen werden, wenn sie sagen werden: Es ist Frie-
de, es ist keine Gefahr; dann wird sie das Verderben
schnell überfallen wie der Schmerz ein schwangeres
Weib, und sie werden nicht entfliehen.
Darum, mein liebes Kind, sagt Paulus: Seid nicht in
der Finsternis, damit euch der Tag nicht wie ein Dieb
überfalle; ihr seid sämtlich Kinder des Lichtes und
Kinder des Tages; wir sind nicht von der Nacht, noch
von der Finsternis, darum lass uns nicht schlafen wie
die andern, sondern lass uns wachsam und nüchtern
sein; denn die da schlafen, die schlafen des Nachts,
und die da trunken sind, die sind des Nachts trun-
ken; wir aber, die wir im Tage sind, sollen wachsam
und nüchtern sein; auch sagt Petrus: Seid nüchtern
und wacht, denn der Teufel, euer Widersacher geht
umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen
er verschlinge; dem widersteht fest im Glauben, und
wisst, daß eure Brüder, die in der Welt sind, dieselben
Leiden auch ertragen müssen.
Ebenso glauben wir auch eine Auferstehung dos
Fleisches, einen jüngsten Tag über Gute und Böse,
Gerechte und Ungerechte, sodass alle, die im Grab
liegen, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden,
und diejenigen, die Gutes getan haben, werden zur
Auferstehung des ewigen Lebens hervorgehen, dieje-
nigen aber, die Übles getan haben, zur Auferstehung
des Gerichts.
Darum, mein liebes Kind, richte deine Gänge nach
der heiligen Schrift, sie wird dir die rechte Wahrheit
zeigen, denn wer sucht, der findet, wer da klopft, dem
wird aufgetan. Darum bitte den Herrn um Hilfe und
Beistand, denn Er ist ein Geber alles Guten, damit du
nach diesem Leben die liebliche Stimme hören mö-
gest: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt
das Reich, das euch von Anfang der Welt bereitet ist,
denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich ge-
speist, ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich
getränkt, ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich
gekleidet, ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich
beherbergt, ich bin gefangen gewesen, und ihr habt
mich besucht.
So übe dich denn hierin, mein liebes Kind, und habe
hierin deine Lust; folge dem Rat des Tobias, hast du
viel, so gib viel, hast du wenig, so gib wenig, und das
mit treuem Herzen.
Ach mein liebes Kind, denke an das, was ich dir
geschrieben habe, und sei den Leuten allezeit treu
und gehorsam in allem, was nicht gegen die Wahrheit
ist; sei fleißig in deiner Arbeit, bescheiden, freundlich
und sanftmütig, denn die Frucht des Geistes ist allerlei
Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.
Hiermit befehle ich mein liebes Kind dem Herrn
und denen, die Gott fürchten.
Dieses ist geschrieben von mir, deinem Vater Bar-
tholomäus Panten, auf denselben Tag, als ich um des
Namens des Herrn willen gepeinigt wurde, sowohl
vor als nach der Folter.
Alle, die ihr dieses lest oder lesen hört, bedenkt
es und verwundert euch nicht, wenn dergleichen ge-
schieht, denn der Apostel Petrus sagt: Meine Liebsten,
verwundert euch nicht, als ob euch etwas Neues ge-
schähe, sondern freut euch darin, daß ihr der Leiden
Christi teilhaftig seid, damit ihr auch zur Zeit der
Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne
haben mögt, wenn ihr anders um des Namens Christi
willen hier geschmäht werdet, Amen. Von mir, Bar-
823
tholomäus Panten.
Michael Hazel, 1592.
In diesem Jahre 1592 ist auch Michael Hazel, nachdem
er über vier Jahre um des christlichen Glaubens willen
gefangen gelegen hatte, zu Weitling im Württember-
ger Land den 7. Juli im Gefängnis enthauptet worden,
welcher fest, standhaft und wohlgemut in dem Herrn
geblieben ist, obgleich er während seiner Gefangen-
schaft viel Elend und Trübsal hat leiden müssen. Er
lag lange Zeit in Banden, und wusste nicht, ob er
zeitlebens würde gefangen sitzen müssen, und gleich-
wohl wollte er den Glauben und die Wahrheit Gottes
nicht verlassen, was ihm darüber begegnen möchte,
und sollte es auch der Tod sein. Deshalb haben auch
selbst die Ungläubigen ein gutes Zeugnis ihm erteilen
müssen, denn der Schlossvogt sagte selbst, das sei
ein frommer Mann gewesen, sollte der nicht in den
Himmel kommen, so wollte er sich nicht unterstehen
anzuklopfen, ja, wenn er ein solches Ende nehmen
würde, so wollte er sich von Herzen darüber freuen.
Thomas Han, 1592.
Im Jahre 1592 den zwölften Mai ist auch Thomas Han
von Niktsberg zu Freiburg im Baierlande um des Glau-
bens willen gefangen genommen worden; er ist auch
sehr hart gepeinigt und ausgespannt worden, und da-
mit er auf das, was sie begehrten, antworten und von
seinem Glauben abfallen möchte, so haben sie ihn von
acht bis elf Uhr an Stricken hängen lassen; aber er hat
ihnen geantwortet: Ihr habt meinen Leib, tut damit,
was ihr wollt; die Seele werdet ihr mir nicht nehmen;
ich werde euch auch das, was ihr begehrt, nicht sa-
gen, noch jemanden verraten. Solltet ihr mir auch eine
Ader nach der andern aus dem Leibe ziehen, und alle
Tage von meiner Haut einen Riemen schneiden, so
will ich doch nicht abfallen, noch von der Wahrheit
weichen. Sie haben ihn mit vielen Schmähworten ge-
scholten, z. B., daß er ein Verführer wäre und viele
Leute zu der Wiedertäufersekte verführt hätte. Aber
er sagte ihnen: Es ist die rechte, christliche Taufe und
keine Wiedertaufe; und wenn er die ganze Welt bekeh-
ren könnte, so wollte er gern dreimal sterben, wenn
es möglich wäre.
Als er nun etwa sieben Wochen gefangen gelegen
hatte, so hat man ihn (weil man ihn nicht zum Abfall
bringen konnte) den 8. Juli in das Rathaus gebracht,
um das Urteil über ihn zu fällen; als dieses geschah,
hat er sich zum Volk gewandt und dreimal mit lauter
Stimme gerufen: Gott sei Ehre und Dank, daß es dazu
gekommen ist und daß dieses sein Wille ist. Da band
ihn der Scharfrichter und wollte ihn auf einen Wagen
setzen; aber er sagte: Ich will zum Tode gehen, gleich-
wie auch Christus, unser Herr, zum Tode gegangen
ist. Darauf hat er angefangen zu singen. Der Diener
befahl ihm zu schweigen; aber der Scharfrichter sag-
te: Lass ihn reden. Unterwegs hat sich ein Pfaffe an
ihn gemacht, und es sind auch noch mehrere ande-
re Leute mitgegangen. Der Pfaffe fragte (als er sich
nicht unterrichten lassen wollte), ob er meinte, daß er
und seines Gleichen allein gerecht sei, die andern alle
aber verdammt wären. Der Bruder Thomas antworte-
te hierauf: Wir befleißigen uns eines frommen Lebens
und meiden die Sünden; aber diejenigen, die in Sün-
den leben wollen, stoßen wir von uns aus und leiden
sie nicht; doch verdammen wir niemanden, sondern
ein jeder, der Sünde tut, wird um seiner bösen Werke
willen verdammt, und solches verkündigen wir ihm.
Darauf sagte der Pfaffe: Wir strafen auch die Sünde.
Der Bruder fragte: Was wollt ihr strafen? Wenn der
Hirte nicht gut ist, wie sollten denn die Schafe gut
sein? Ihr seid falsche Propheten, wie wollt ihr denn
die Falschheit strafen? Weiter sagte er zu dem Pfaffen:
Gehe von mir, du falscher Prophet, ich mag dich nicht
länger ansehen. Hiernächst fing der Pfaffe an, sein Sa-
krament zu erheben, daß es Christi wahrer Leib und
wahres Blut sei, und daß der, welcher es gebraucht,
keine Sünde habe. Der Bruder sagte: Ihr geht mit eu-
rem Sakrament um und verkauft es ums Geld, wie
Judas den Herrn verkauft und verraten hatte; wir aber
halten das Abendmahl des Herrn zu seinem Gedächt-
nis, nach seinem Befehl. Darauf fragte er den Pfaffen,
wo von dem Sakrament geschrieben stände. Der Pfaf-
fe verstummte und wusste nichts zu antworten, als
daß er sagte: Es steht in der Bibel. Thomas fragte: Wo?
Der Pfaffe sagte: Paulus schreibt im fünfzehnten Ka-
pitel. Der Bruder sagte: Dem ist nicht so; und setzte
hinzu: Gehe doch von mir, du falscher Prophet. Als
sie auf den Richtplatz kamen, fragte der Scharfrich-
ter, ob er beten wollte. Das tat er und sagte darauf:
Ich habe mein Gebet schon verrichtet; fahre nun fort,
denn ich wünsche aus dieser Welt zu sein. Dann ist er
niedergekniet, und der Scharfrichter hat das Schwert
rasch entblößt, um ihn zu erschrecken, und hat ihn da-
bei dreimal um Gottes willen gebeten, er wolle doch
widerrufen, so wolle er ihn gehen lassen. Aber der
Bruder sagte: Ich widerrufe nicht, darum fahre fort
mit deinem Werk, denn es muss sein. Hiemächst hat
ihn der Scharfrichter enthauptet, und er hat seinen
Geist im Frieden Gott befohlen. Darauf hat der Scharf-
richter den Leichnam aufs Holz gelegt, ihn ein wenig
versengt und dann den abgehauenen Kopf mit dem
übrigen Körper begraben, und obgleich es an jenem
Tag sehr windig war, so ist doch, als man ihn brann-
824
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
te, der Rauch gerade auf gen Himmel gestiegen, wie
solches alle, die es gesehen haben, bezeugen können.
Dieses ist zu Freiburg in Baiern den 8. Juli 1592 ge-
schehen.
Matthäus Mair, 1592.
In demselben Jahre 1592, auf Maria-Magdalena-Tag,
ist Matthäus Mair zu Wier im Gebiet Baden in Verhaft
genommen worden, was auf Anstiften eines Pfaffen
geschehen ist; denn als derselbe aus der Kirche ging
und des Bruders gewahr wurde, hat er seine Magd
ihm nachgeschickt, um zu sehen, ob er aus dem Dorf
ginge, und hat ihr dabei befohlen, sie sollte mit ihm in
der Weise reden, als ob sie sich auch zu seiner Religi-
on gesellen und gern mit ihm zu seinem Volk ziehen
wollte; unterdessen wollte er kommen und auch mehr
Volk nachschicken, das mit ihm reden sollte. Mit sol-
chen Worten hat die Magd den Bruder aufgehalten,
bis der Pfaffe einige Bauern aussandte, welche ihn
gefangen nahmen und nach der Stadt Baden führten.
Sechs Tage darauf, nämlich den 28. Juli, ist der gott-
lose Haufen der Pfaffen mit ihm fortgefahren, weil
er ihnen nicht folgen und von seinem Glauben abfal-
len wollte; was sie aber mit ihm geredet haben, oder
was er ihnen geantwortet hat, das haben sie nicht
an den Tag kommen lassen. Als man ihn zum Tode
hinausführte, waren sein Schwager und einige seiner
Freunde zugegen, die für ihn gebeten und sich auch
erboten haben, Geld für ihn zu geben; aber sie haben
nichts ausgerichtet, ja, selbst nicht einmal, daß sie mit
ihm hatten reden dürfen.
Als er nun zum Tode ging, hat er unter dem Volk
gefragt, wo sein Schwager und seine Freunde wären;
sie sollten zu ihm kommen, er wollte ihnen befehlen,
sie sollten zu seinen Brüdern und Schwestern sagen,
daß sie sein Weib und Kind sich anbefohlen sein las-
sen sollten, denn sie wären bei einem frommen Volk;
dieses hat er überlaut zu dem Volk geredet. Da hat
einer von seinen Freunden unter dem Volk ihn ge-
tröstet und gesagt, er sollte nicht weichen, sondern
tapfer sein, denn er hätte nun bald überwunden. Da
hat einer diesen Freund, der solches sagte, um deswil-
len geschlagen und gesagt, er wäre auch ein Ketzer,
man sollte ihm tun, wie auch den andern. Als nun
der Scharfrichter diesen Bruder Matthäus ins Wasser
gestoßen hatte, hat er ihn drei- oder viermal wieder
herausgezogen und jedes Mal gefragt, ob er widerru-
fen wollte; aber er hat allezeit Nein gesagt, solange
er hat reden können; also ist er den neunundzwan-
zigsten Tag des Monats Juli ertränkt worden und ist,
durch Gottes Kraft, standhaft im Glauben geblieben;
aber es ist viel über seinen Tod gesprochen worden
bei Hohen und Niedrigen, nämlich, daß sie eine Mord-
tat an ihm begangen hätten, und haben den Verräter
Judas und den Pfaffen verflucht; denn dieser Matthä-
us war ein wohlbekannter, guter und frommer Mann;
darum hat ihm auch Gott Kraft gegeben, im Glauben
bis an sein Ende standhaft zu bleiben.
Der Neid einiger Calvinisch-Gesinnten in der Stadt
Middelburg war damals so groß wider die wehrlo-
sen Schafe Christi, die aus verschiedenen päpstlichen
Städten, um der Not der Verfolgung zu entgehen, zu
ihnen gekommen waren und unter ihrem Schutz zu
ruhen meinten, daß sie weder auf die demütigen Bitt-
schriften, noch auf den zweifachen Befehl des Prinzen
von Oranien, der in den Jahren 1577 und 1578 der
Obrigkeit daselbst befohlen hatte, diese Leute in ihren
Wohnungen ruhig zu lassen, nachließen noch darnach
fragten, sondern diese Leute in ihrer Ruhe, und ihrem
Gottesdienst fortwährend störten. Darum hat Moritz,
der älteste Sohn des vorgemeldeten Prinzen hochlöbl.
Gedächtn., welcher seines Vaters Fußstapfen nach-
folgte, zum dritten Mal einen Befehl wider die Unter-
drückung der vorgemeldeten Leute ergehen lassen,
damit sie endlich einmal Gewissensfreiheit erlangen
möchten, wie solches aus nachfolgendem Befehl zu
ersehen ist.
Abschrift.
Moritz, geborner Prinz von Oranien, Graf von Nassau,
Markgraf von der Vere, (an die) Ehrsamen, Hochge-
lehrten, Weisen, Bescheidenen, Lieben, Besonderen.
Was uns von wegen Majliaert, des Bürgers, und
Josto Leoniße, Sägers und Holzhändlers, wohnhaft
in der Stadt Middelburg zu erkennen gegeben wor-
den ist, solches werdet ihr aus beiliegender Bittschrift
ausführlich ersehen, und wiewohl wir gar nicht be-
zweifeln, ihr werdet euch gegen die Kläger in dem
Punkt wegen ihrer Bitte und Klage nach Inhalt des
Schlusses verhalten, den zuvor die Herren Staaten
von Holland und Seeland in Ansehung dieser Sache
gemacht haben, und euch nach solchen Befehlen und
Briefen richten, welche zu Zeiten unser Herr Vater, der
Prinz von Oranien löbl. Gedächtnisses, den Klägern
und Mitbrüdern von derselben Religion vergönnt hat,
so haben wir dennoch euch hiermit ernstlich ersu-
chen wollen, weil diese Sache die Stadt Middelburg
nicht allein, sondern diese vereinigten Länder im All-
gemeinen betrifft, daß ihr euch nach dem Inhalt des
vorgemeldeten Schlusses in aller Stille und Freund-
schaft richten wollt, und daß ihr vorgemeldete Kläger
und ihre Mitbrüder alle solche Freiheiten genießen
lassen wollt, die ihnen durch vorgemeldete Schlüsse
und Befehle insbesondere zugelassen worden sind.
825
bis vorgemeldete Herren Generalstaaten dieser verei-
nigten Lande vorgenannte Sache genauer betrachtet
und darüber verordnet haben werden, was uns ange-
nehm sein wird, weil wir dasselbe überdies redlich
und billig erachten.
Und hiermit. Ehrsame, Hochgelehrte, Weise, Be-
scheidene, Liebe, Besondere, seid Gott befohlen. Im
Grafenhaag, den 4. März 1593. Unterschrieben: Euer
sehr guter Freund Mauritius von Nassau.
Die Überschrift war: Den ehrsamen, weisen und be-
scheidenen, unsern lieben, besondern Bürgermeistern,
Ratsherren und Regenten von Middelburg. Und war
versiegelt mit Ihro Durchlaucht Siegel.
Unten stand geschrieben: Verglichen mit dem Ori-
ginal, und ist damit einstimmig befunden worden. J.
Milander.
N acherinnerung.
Hierauf ist (wie sich denken lässt) einige Ruhe erfolgt,
sodass das zerstreute Häuflein Christi an diesem Ort
anfing, ein wenig zuzunehmen, und in der Zahl sich
auszubreiten; unterdessen verfolgte man im Papst-
tum die Leute noch bis auf den Tod, wovon uns unter
mehreren andern, die dort ihr Leben ließen, nachfol-
gende Fälle bekannt geworden sind, woraus man die
Drangsal damaliger Zeit, obgleich an einigen Plätzen
Ruhe herrschte, abnehmen und beurteilen kann.
Aeltjen Baten und Maeyken Wouters, 1595.
Aeltjen Baten war eine betagte Frau, Maeyken Wou-
ters aber eine Jungfrau, etwa vierundzwanzig Jahre
alt, welche beide in Sonhofen (im Amt Vogelgesang,
welches zum Lykerande gehört) gebürtig waren, und
dort wohnten. Diese hatten (durch Gottes Gnade) die
wahre Erkenntnis des heiligen Evangeliums erlangt,
daran geglaubt und sich nach derselben, wie sie es
erfordert, zur Besserung ihres Lebens begeben und
auf denselben Glauben an Jesum Christum sich tau-
fen lassen, nach seinem göttlichen Befehl und dem
Gebrauch seiner lieben Apostel. Weil man aber sol-
ches nicht leiden konnte, so sind sie zu Luyk (wo das
Hofgericht ist) angeklagt worden, deshalb hat man
sie von da aus auf folgende Weise gefänglich einzie-
hen lassen: Die Herren von Luyk haben einige Diener
(welche Trappers genannt werden); diese senden sie
durch das Land, wenn sie jemanden in Verhaft neh-
men lassen wollen. Von diesen Trappern haben sie
vierzehn von Luyk nach Sonhofen gesandt, um diese
beiden genannten Frauenspersonen, oder mehrere an-
dere, in Verhaft zu nehmen und nach Luyk zu bringen.
Diese fingen Aeltjen zuerst und dann auch Maeyken
mit ihrem Bruder (der noch sehr jung war), denn sie
hatten sich beide dazu bereit gemacht, und waren wil-
lens, daß, wenn dieselben ihren Vater erwischten, sie
beide mit dem Vater gehen und ihn nicht verlassen
wollten; weil sie aber den Vater nicht erwischten, so
ist ihr Bruder den Trappern entgangen.
Sodann haben sie diese beiden Schafe nach Luyk
geführt; es liegt aber Hasselt, eine Stadt, von Sonho-
fen ungefähr eine Meile ab, wo der Weg nach Luyk
durchzieht; in dieser Stadt haben die Bekannten dieser
beiden Schafe ihnen sehr zugeredet und sie sehr be-
klagt, daß sie ins Gefängnis nach Luyk gehen müssten
und sprachen ihr Mitleiden und ihre Teilnahme ge-
gen dieselben aus; Maeyken aber sagte zu denselben:
Wenn es der Herr so beschlossen hat, so gehe ich lieber
nach Luyk (nämlich um des Zeugnisses Christi wil-
len) als nach Hause. Also haben sie ihre Reise durch
die Stadt nach Luyk fortgesetzt, welches zusammen
ungefähr acht Meilen ausmacht. Als sie dahin kamen,
wurden sie in den Turm des geistlichen Richters zehn
Wochen lang gefangen gesetzt. In dieser Zeit haben
sie einander große Liebe erwiesen (zu nicht geringer
Erbauung und Stärkung), was daraus zu ersehen ist,
daß die junge Tochter gern alles Ungemach, welches
ihrer lieben, alten Schwester zugestoßen ist, an ihrem
eigenen Leib hätte ertragen mögen, wenn es anders
möglich gewesen wäre. Sie haben vielerlei Anstoß er-
litten, teils durch Drohen und Schrecken, teils aber
auch durch Schmeicheleien, womit man gesucht hat,
sie von ihrem Glauben abzubringen.
Einmal kam des Bischofs Kaplan zu der jungen
Tochter mit freundlich scheinenden Reden; er brach-
te eine Kanne Wein mit, in der Hoffnung, er würde
sie überwinden, denn er stellte ihr die Sache mit sehr
lieblichen Reden vor, ja, er fiel auf seine Knie und bat
sie mit gefaltenen Händen, sie möchte doch abstehen
und an die römische Kirche glauben; aber Maeyken
hat ihre Treue erwiesen und des Teufels Betrug abge-
schlagen, sodass der Versucher weggegangen ist.
Nachher kam ein Mann aus ihrem Dorfe zu ihr, der
mit ihr Bekanntschaft hatte; dieser, als er nach Luyk
kam, hörte, daß sie sterben müsste; deshalb ist sein
Gemüt entbrannt, und weil er Mitleiden mit ihr fühlte,
hat er gedacht: Sollte denn das junge Mägdlein ster-
ben müssen? Darum nahm er sich vor, er wolle mit ihr
reden, um zu sehen, ob er sie bewegen möchte; deswe-
gen ist er ins Gefängnis gegangen, hat Maeyken allein
herausgerufen und gesagt: Ei, liebe Maeyken, möch-
test du doch folgen, und ein Blatt Umschlägen, so wür-
dest du von diesen Banden erlöst werden; wenn du
dann wieder frei bist, so lebe wie zuvor. Darauf ant-
wortete sie: Mein lieber Freund (mit Namen genannt),
solltest du mir das raten, daß ich Gott verlassen und
826
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
ein Kind des Teufels werden sollte? Der Mann sagte:
So musst du denn sterben. Darauf sagte Maeyken: Ich
wünschte, es ging uns so; so gerne als ich den lichten
Tag sehe. Da der Mann das hörte, ist er verstummt,
sodass er mit weinenden Augen umkehrte und ihr
nichts mehr sagte.
Sie sind beide des Donnerstags Nachts gepeinigt
und aufgehängt worden, aber sie verhielten sich still
und fielen in Ohnmacht. Da begossen sie Maeyken
mit Wasser, worüber Maeyken geschrien hat; weiter
aber brachten sie aus beiden nichts heraus. Des Nachts
lagen sie still beieinander; des Freitags Nachts aber
sangen sie mit großer Freude. Als sie nun lange ge-
fangen gelegen hatten, hat man sie endlich in des
geistlichen Richters Hof gebracht, und nach ihrem
geistlichen Recht verurteilt. Als sie ihr Urteil vernah-
men, dankten sie mit freudigem Mut, ja, gleichsam
mit lachendem Mund dem Herrn. Nachher haben sie
diese beiden Personen dem weltlichen Richter über-
antwortet; derselbe hat sie angenommen, und wieder
in sein Gefängnis geführt, worin sie (einige Tage), um
des unbehaglichen Gefängnisses willen, in großer Not
waren; der Herr aber hat für sie gesorgt, daß sie in
dem Herrn Trost und Mut fassten. Aeltjen erhielt von
ihrem Mann Geld und Decken gesandt; sie aber woll-
te keinen Gebrauch davon machen und schlug es also
ganz und gar aus. Sie fragte ihre liebe Schwester Maey-
ken, ob sie es haben wollte; Maeyken sagte: Ich habe
es ebenso wenig nötig, als du, meine liebe Schwester,
denn sie hofften, bald mit dem Herrn in aller Fülle
und Freude zu leben. Ja, sagte Aeltjen, wenn auch die
Türe offen stände, so würde ich doch nicht Weggehen.
Weil sie denn in allem ihrem Leiden so freudig in Gott
waren, so haben sie in ihren Herzen Gott im Himmel
gedankt, und Ihm im Gefängnis Lob gesungen.
Nachher wollte man sie durch das weltliche Recht
verurteilen, welches, wie man sagt, durch vier Rats-
herren geschehen ist, daß nämlich diese beiden Perso-
nen (um des Wortes Gottes willen), nachdem man sie
gebunden, lebendig von der Maasbrücke hinabgewor-
fen und auf solche Weise ertränkt werden sollten. An
demselben Tag, als den Samstag, sind zwei Männer
von ihrer Heimat nach Luyk zu ihnen gekommen, um
sie beide zu fragen, ob sie noch etwas zu besorgen
hätten. Sie kamen aber, der Sache unkundig, und fan-
den sie in einer Kammer, wo die Herren saßen, um
sie zu verurteilen, und sie standen mitten unter ih-
nen. Als nun Aeltjen ihren Bekannten sah, sagte sie
zu ihm: Vetter, kommst du, uns noch einmal zu besu-
chen; wir hoffen innerhalb einer Stunde unser Opfer
zu tun; wir danken dir herzlich dafür; ich bitte dich
auch, sage meinem Mann, daß er meine Kinder in
der Gottesfurcht aufziehe. Maeyken sagte: Sage doch
meinem Vater und meiner Mutter gute Nacht. Dieses
redeten sie, als sie zwischen den Herren standen, und
ihr Urteil erwarteten. Als die Männer noch ein we-
nig stehen blieben, hat sich einer von den Herren vor
Maeyken gebeugt, und sie gebeten, sie wolle doch ab-
stehen und an die römische Kirche glauben, so sollte
ihr das Leben geschenkt sein. Darauf sagte Aeltjen:
Wir begehren zu sterben, wie die Apostel Christi getan
haben.
Als nun die letzte Stunde herbeikam, hat man sie
aus dem Gefängnis gebracht; hierüber haben sie beide
voller Freuden angefangen zu singen, Gott zu danken
und ihn zu loben; aber leider wurde dies den armen
Schafen nicht lange zugestanden, denn, was man Die-
ben und Mördern vergönnt, nämlich zu reden, das
wurde ihnen verwehrt. Man führte sie nachher wie-
der nach dem Gefängnis zurück; hier verstopfte man
ihnen den Mund und führte sie wie stumme Schafe
zur Schlachtbank und zum Tode. Als sie nun auf die
Maasbrücke kamen, erhoben sich unter dem gemei-
nen Volk mancherlei Gerüchte von diesem Handel;
der Scharfrichter, als sie an den verordneten Platz ka-
men, fing an, sie zu binden; aber sie durften nichts
reden, bis der Scharfrichter das Tuch, das vor ihrem
Mund war, losband und ihnen dasselbe um die Augen
legte. Da sagte Aeltjen zuerst: Ach, Herr, das ist wohl
eine schöne Stadt, wenn sie nur mit Ninive Buße täte,
und als sie sich so Gott anbefahl, hat sie der Scharf-
richter sofort von der Brücke ins Wasser geschmissen,
worauf sie sogleich untergegangen ist.
Hiernächst hat der Scharfrichter der Maeyken
gleichfalls das Tuch vom Mund genommen, worauf
man sie zum Scharfrichter sagen hörte, vergönne mir,
daß ich in meiner höchsten Not zu Gott beten und Ihn
anrufen möge. Der Scharfrichter sagte: Bitte du unse-
re Herren, die Obrigkeit, und glaube mit uns an die
römische Kirche, so erhältst du dein Leben. Maeyken
sagte: Ich habe die Obrigkeit nicht beleidigt, darum
gebührt mir auch nicht, sie anzubeten; der Scharfrich-
ter aber gab ihr kurze Antwort, vergönnte ihr keine
Zeit, sondern warf sie sogleich über die Brücke hin-
ab. Sie ist aber nicht so schnell wie Aeltjen gesunken,
sondern mit blühenden Wangen noch lange auf dem
Wasser dahingetrieben; man sagte, ungefähr bis unter
die Stadt.
Also haben diese beiden Christen ihr Leben Gott zu
Ehren den 24. Juli 1595 geendigt.
827
Hier folgt ein Brief, den Maeyken Wouters aus
dem Gefängnis an ihre Eltern und andere ihrer
Glaubensgenossen gesandt hat.
Die überschwängliche Barmherzigkeit Gottes, unse-
res himmlischen Vaters, durch Jesum Christum, sei-
nen einigen Sohn, unsem Herrn, wünsche ich euch,
mein lieber Vater und meine liebe Mutter, Brüder und
Schwestern, die ich sehr herzlich liebe, aber unsern
himmlischen Vater über alles; denn Er hat mich beru-
fen, daß ich Ihm sein Leiden tragen helfen soll, wie ich
Ihn denn oft darum gebeten habe, wenn ich anders
dazu würdig wäre. Darum bin ich Ihm mit großer
Freude nachgefolgt.
Meine lieben Eltern, meint ja nicht (obgleich ich
leiblicher Weise von euch und der Herde Christi ge-
schieden bin), daß mein Bräutigam mich verlassen
werde; bedenkt, daß Er gesagt hat: Wenn auch eine
Mutter ihr Kind verließe, so will ich meine Auser-
wählten (die mir mein himmlischer Vater gegeben
hat) doch nimmermehr verlassen. Darum werde ich
wohl bald erlöst werden, wenn es Ihm gefallen wird.
Wenn ihr mich aber mit zeitlichem Gut erlöst, so raubt
ihr unserem Bräutigam seine Ehre und glaubt nicht,
daß Er mich erlösen werde.
Darum, meine lieben Eltern, betrübt mich nicht
mehr damit, die Unkosten zu bezahlen, denn ihr habt
mich Tag und Nacht sehr beschwert, indem ich euch
so oft habe bitten lassen, daß ihr mich nicht auslösen
sollt und ihr mir keine Antwort darüber geschrieben
habt.
Darum, meine lieben Eltern, redet doch mit unsern
Freunden, damit ich von euch oder von den andern
einen tröstlichen Brief empfangen möge, wodurch
mir eine große Freude bereitet werden würde; sonst
begehre ich keinen Trost von irgendeinem Menschen,
sondern allein von unserm himmlischen Vater, der
uns versorgen kann.
Ach, liebe Freunde, wenn ich standhaft bliebe in
dem, was mir mein himmlischer Vater auflegt, welch
einen großen Schatz hoffe ich damit zu sammeln, wel-
cher mir dermaleinst werden wird, worüber ich mich
sehr freue! Ach, meine lieben Eltern, ist das nicht ei-
ne größere Freude, als wenn ich gegen euren Willen
gehandelt hätte, und mit einem Jüngling davon ge-
gangen wäre, wie ihr wohl von andern Dirnen gehört
habt? Darum freut euch, und lobt den Herrn in eurem
Herzen, weil der Herr mich unwürdigen Menschen
dazu würdig gemacht hat, und ihr mich auch zum
Preis Gottes auferzogen habt. Bedenkt was noch wei-
ter geschrieben steht, wenn der Herr sagt: Selig seid
ihr, wenn man euch um meines Namens willen ver-
folgt und schmäht; seid fröhlich und getrost, es wird
euch im Himmel wohl belohnt werden. Wisst, liebe El-
tern, daß ich bei vielen Herren und Obrigkeiten, auch
bei den Pfaffen und Jesuiten gewesen bin, die nichts
suchten, als meine Seele zu ermorden. Aber der Herr,
unser Gott, gab mir Weisheit und Verstand und einen
Mund zu reden, wie ich hoffe, daß es unserm lieben
Herrn gefallen wird. Sie haben mir auch oft von der
ewigen Verdammnis gesagt, und zu mir gesprochen:
Wenn du deine Sekte nicht verlässt und nach der hei-
ligen römischen Kirche lebst, wie die ganze Welt tut,
so wirst du so wahrhaftig, als Gott in dem ewigen
Leben ist, nimmermehr zur Besserung kommen. Da
antwortete ich ihnen: Ich zweifle nicht, sondern hof-
fe, daß wir aus Gnaden die ewige Freude erlangen
werden, wenn wir es mit des Herrn Hilfe bis ans En-
de bringen. Darauf sagten sie zu mir: Gott hat nichts
mit dir zu tun; du bist ein Teufelskind, der Teufel hat
dich bei der Gurgel, er wird dich bis ins Feuer hartnä-
ckig machen. Gott hat dich schön erschaffen und nach
seinem Bilde gemacht; ist es aber nun nicht zu bejam-
mern, daß du eines schändlichen Todes sterben und
dereinst das ewige Feuer ererben musst? Ich sagte zu
ihnen, daß ich, wenn es Gott gefiele, lieber sterben
als von meinem Glauben abf allen wollte; deshalb bin
ich viel lieber heute als morgen bereit; ich will die
Menschen nicht fürchten, die doch sterben müssen,
sondern ich will viel lieber meinen himmlischen Vater
fürchten, der mir das Leben gegeben hat; verliere ich
es dann auch (um seinetwillen), so kann Er mir es wie-
dergeben. Darum sind sie von mir geschieden. Der
allmächtige, starke und gewaltige Gott, unser himm-
lischer Vater, der uns allezeit das Feld erhalten hilft,
und diejenigen nicht verlässt, die ihre Hoffnung auf
Ihn gesetzt haben und ihren Glauben an Ihn nimmer-
mehr verändern (der Herr, unser Gott, der in dem
höchsten Throne der Herrlichkeit sitzt) wolle uns zu
Hilfe kommen; Er ist allein würdig Lob und Dank zu
nehmen, Ehre und Preis und Segen, von Ewigkeit zu
Ewigkeit, Amen.
Hiermit grüße ich meine lieben Eltern, Bruder und
Schwester sehr herzlich mit dem Frieden des Herrn.
Liebe Freunde, wenn ihr euer Gebet vor den Herrn
bringt, so vergesst mich nicht; ich werde euch auch
nicht vergessen; der Herr wolle unser Helfer sein,
Amen.
Noch einmal grüße ich insbesondere Vater und Mut-
ter, Bruder und Schwester, und ferner alle Gläubigen
und Liebhaber der Wahrheit, bittet sämtlich herzlich
für mich. So viel als mir der Herr Gnade gegeben hat,
hoffe ich meinen Fleiß anzuwenden. Gott sei mit uns
allen, Amen.
Diesen Brief habe ich schreiben lassen, als ich um
des Zeugnisses der Wahrheit willen in der Stadt Luyk
828
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
gefangen lag, im Jahre 1595. Ich, Maeyken Wouters,
ein schwaches Glied der christlichen Gemeinde, die
ich die Malzeichen meines Herrn an meinem Leibe
trage; nun, gute Nacht euch allen.
Anneken von den Hove, 1597.
Unter der Regierung des Erzherzogs Albert ist zu
Brüssel eine Jungfrau, genannt Anneken von den Ho-
ve (eine Dienstmagd und des Nicolaus Rampaerz
Schwester) um ihres Glaubens willen, und weil sie
Christo nachfolgte, in Verhaft genommen worden,
welches (wie man sagte) durch Verräterei des Pfar-
rers von der Savelkirche zu Brüssel geschah.
Diese Anneken hat zwei Jahre und sieben Monate
gefangen gesessen, in welcher Zeit sie sowohl von den
Pfaffen, Mönchen, Jesuiten, als anderen, die sie zum
Abfall von ihrem angenommenen Glauben zu bringen
suchten, große Anfechtungen erlitten hat. Aber wel-
che Mühe sie auch anwandten, durch Verhöre, Qua-
len, schöne Verheißungen, Bedrohungen, langwierige
Gefangenschaft und dergleichen, so ist sie dessen un-
geachtet in dem Glauben an ihren Herrn und Bräuti-
gam stets standhaft geblieben; endlich den 9. Juli 1597
sind noch einige Jesuiten zu ihr gekommen und ha-
ben sie gefragt, ob sie sich noch bekehren lassen wolle,
so wollte man sie freilassen. Darauf hat sie mit Nein
geantwortet. Sie boten ihr nachher an, sie wollten ihr
noch sechs Monate Bedenkzeit geben, aber sie hat
keine Frist begehrt, sondern gesagt, sie möchten tun,
wie es sie gut dünkte, denn sie verlangte nach dem
Ort zu kommen, wo sie dem Herrn ein angenehmes
Opfer tun könnte. Als diese Antwort bei den Richtern
angebracht wurde, haben sie ihr zwei Stunden darauf
angesagt, sie sollte sich bereit machen, wenn sie ster-
ben wollte, es sei denn, daß sie sich noch bekehren
wollte.
Deshalb ist das Hofgericht in Begleitung einiger Je-
suiten um acht Uhr mit ihr eine halbe Meile vor die
Stadt Brüssel gegangen, wo ein Loch oder Grab ge-
macht wurde; unterdessen hat sie sich selbst freiwillig
entkleidet, worauf man sie lebendig in das Loch oder
die Grube gelegt hat, und als sie zuerst die Beine mit
Erde bedeckten, haben die Jesuiten, die dabei waren,
sie gefragt, ob sie sich noch nicht bekehren und ab-
stehen wollte. Sie antwortete, nein, sondern, sie wäre
froh, daß die Zeit ihres Abschiedes so nahe vor der Tü-
re wäre. Als die Jesuiten ihr vorhielten, daß sie nicht
allein zu erwarten hätte, daß ihr Leib in der Erde le-
bendig begraben werden würde, sondern daß auch
ihre Seele die ewige Pein des Feuers in der Hölle zu
erleiden hätte, antwortete sie, sie hätte ein ruhiges Ge-
wissen und wäre versichert, daß sie selig stürbe und
das ewige unvergängliche Leben voller Freude und
Wonne im Himmel bei Gott und allen seinen Heiligen
zu erwarten hätte.
Unterdessen hat man immer Erde und (wie wir
berichtet worden sind) dicke Rasenstücke oder abge-
stochene Klöße von grasigem Lande auf ihren Leib
geworfen und sie damit bis an den Hals bedeckt, aber
wie sehr man ihr auch mit Fragen und Bedrohungen
zusetzte und ihr verhieß, sie frei aus der Grube zu
lassen, wenn sie widerrufen wollte, so war doch alles
vergeblich, sie wollte nichts davon hören.
Darauf hat man endlich auf ihr Angesicht und den
ganzen Leib noch viele Erde (abgestochenen Rasen)
geworfen und mit den Füßen darauf gestampft, damit
sie desto eher sterben möchte.
So war das Ende dieser frommen Heldin Jesu Chris-
ti, die ihren Leib der Erde übergeben hat, damit ihre
Seele den Himmel erlangen möchte; also hat sie einen
guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, Glauben
gehalten und die Wahrheit ritterlich bis in den Tod
bezeugt.
Weil sie denn nun ihren lieben Vorgänger Christum
Jesum so lieb hatte, daß sie Ihm nicht zur kananäi-
schen Hochzeit, sondern selbst zum Galgenberg (so
zu sagen) nachgefolgt ist, so kann ihr die Ehre und der
Name einer treuen Märtyrerin, die um seines Namens
willen dieses alles erlitten hat, nicht entzogen werden.
Darum wird sie auch dermaleinst als eine kluge
Jungfrau, ja, als eine liebe Freundin des Herrn, wenn
sie ihrem himmlischen Bräutigam entgegen gehen
wird, in den himmlischen Sälen der unsterblichen
Herrlichkeit mit allen standhaften Dienern und Die-
nerinnen Gottes freudig bewillkommt und aufgenom-
men werden.
O Gott, sei auch uns, die wir noch leben, gnädig,
damit wir bis ans Ende treu bleiben und mit ihr nebst
allen Heiligen dein seliges Erbteil empfangen mögen.
Nachbericht von der Ursache des Todes der
Anneken von den Hove.
Man ist von langer Zeit her der Meinung gewesen
(wozu einige Reformierte die Veranlassung gegeben
haben), daß die vorgemeldete Anneken von den Hove
um des Calvinischen oder sogenannten reformierten
Glaubens willen gestorben sei, aber man hat diesem
von jeher sowohl durch mündliche als schriftliche
Zeugnisse mit Recht widersprochen; unter andern
durch einen Brief, der im Monat Juli (als sie aufgeop-
fert ward) von jemandem von Antwerpen an einen
seiner Freunde geschrieben worden ist, worin gemel-
det wird (nach päpstlicher Weise), daß sie lebendig
bei Brüssel begraben worden sei, weil sie zu den Ana-
829
baptisten oder Wiedertäufern gehört habe.
Ein Jahr darauf, nämlich 1598, ist durch öffentlichen
Druck die katholische Schutzschrift durch Franciscus
Kloster erschienen, worin Blatt 160 die Worte gefun-
den werden: Auch hat man zu Brüssel der Anneken
von den Hove nicht Unrecht getan, weil man mit ihr
nach den alten Gesetzen der Kaiser verfahren ist, viel-
weniger dürfen die Calvinisten die Herren anklagen,
denn sie ist als Mennonitin und Wiedertäuferin er-
funden worden, von welchen Calvin selbst bekennt,
daß sie gestraft werden müssten. Siehe vorgemeldetes
Buch, gedruckt zu Antwerpen bei Joachim Trogesius
1598 an dem angeführten Orte.
Nachher ist im Jahre 1601 ein anderes Buch zu Ant-
werpen, durch Hieronymus Verdrussen gedruckt, her-
ausgegeben worden, genannt Kurze und wahrhafte Er-
zählung von dem Leiden einiger frommer und herrlicher
Märtyrer [...], worin sie kurz vor ihrem Ende für eine
Wiedertäuferin ausgegeben wird.
Außerdem hat auch ein gewisser Schulmeister und
Küster der päpstlichen Kirche zu Aelst, der damals in
Brüssel hart an der Steinpforte, wo sie gefangen war,
wohnte und ihr öfters zu essen gebracht hatte, münd-
lichen Bericht davon abgestattet (nach glaubwürdigen
Zeugnissen), daß sie einen solchen Glauben und eine
solche Religion wie die Mennoniten gehabt habe.
Auch war es damals und kurz darauf zu Brüssel ein
allgemeines Gespräch unter denen, die einige Kennt-
nis von ihrem Glauben hatten, daß sie darin mit den
Anabaptisten oder Wiedertäufern einstimmig gewe-
sen sei.
Erzählung des Untergangs einiger Tyrannen dieser
letzten Verfolgung.
Wir wollen dieses Jahrhundert mit demjenigen be-
schließen, womit sich vormals unser altes Opferbuch
auch geendigt hat, und den Untergang einiger Tyran-
nen erzählen, welche keine geringe Ursache dieser
letzten und schwersten Verfolgung gewesen sind.
Gleichwie der alte Mann, der von dem König Antio-
chus nach Jerusalem gesandt war, um dort viele Gräu-
el anzurichten und wider das Gesetz Gottes zu ty-
rannisieren, dennoch das Volk Gottes und das Gesetz
nicht hat unterdrücken können, sondern das Wachs-
tum derselben trotz der Verfolgung hat sehen und da-
neben leiden müssen, daß sich das Land durch Kriege
und Aufruhr dem König widersetzt hat, eben also
ist es auch dem alten Ferdinand Alvares von Tole-
do, sonst Herzog von Alba genannt, ergangen, den
der König Philipp der Zweite von Spanien in die Nie-
derlande gesandt hatte. Wie sehr er auch darnach
getrachtet hat, daß jedermann den Gräuel der Abgöt-
terei annehmen und denselben über Gott und sein
Wort verehren möchte, ja, wie sehr er auch gewütet
hat, die rechten Liebhaber der göttlichen Wahrheit
und eifrigen Nachfolger des heiligen Evangeliums
auf einmal auszurotten, so hat er doch seinen frevel-
haften Vorsatz nicht vollbringen und sein wütendes
und blutdürstiges Gemüt nicht sättigen können, denn
unter seiner strengen und blutigen Verfolgung hat die
Gemeinde der Gottesfürchtigen, die reine Braut Chris-
ti, wie eine schöne Rose unter den stechenden Dornen
allezeit geblüht und ist fruchtbar gewesen, zum Lobe
des Allerhöchsten.
Aber er selbst, der über alle Herren in den Nie-
derlanden zu herrschen und andere zu unterdrücken
suchte, hat von einigen unter denen, die er zu ver-
tilgen suchte, welche doch nicht zu den wehrlosen
Schafen Christi gehörten, harten Widerstand erlitten,
sodass er, nachdem er in sieben Jahren seine Lust im
Blutvergießen, Würgen und Morden um des Glaubens
willen gebüßt hatte, als das Land um seinetwillen voll
Krieg war, mit Schanden hat abziehen müssen, und
mit ihm Jan Vergas, einer seiner Bluträte, was von vie-
len als eine Strafe Gottes für seine Bosheit angesehen
wurde.
Aber noch schärfer lief es ab mit Jakob Hessel, ei-
nem der vornehmsten in seinem Mordgericht, und
Jan de Vis, Amtmann von Ingelmünster, welche kurze
Zeit darauf, ohne daß das Urteil gefällt und ihnen an-
gekündigt worden wäre, aus dem Gefängnis geholt,
vor die Stadt Gent hinausgeführt und an einem Baum
auf gehängt worden sind.
Und wie sie viele unvermutet zum Tode verurteilt
haben, ebenso hat man sie auch unvermutet umge-
bracht, und es ist ihnen auf solche Weise mit eben
demselben Maße gemessen worden, womit sie andern
gemessen haben, woran man die gerechte Strafe Got-
tes über diejenigen, die Christum und seine Glieder
verfolgen und töten, wohl erkennen kann.
Ein Beispiel hiervon liefert auch der Oberamtmann
von Halewyn, genannt Georg de la Rave, der zur Ty-
rannei über die Kinder Gottes durch Verfolgen, Verja-
gen, Fangen und auf andere Weise mitgeholfen hatte,
welcher, als er im Jahre 1571 unter andern auch einen
Hutmacher, Adrian Janß genannt, der zu Ryssel um
seines Glaubens willen verbrannt worden ist, in Ver-
haft hat nehmen lassen, das Jahr darauf an demselben
Ort, wo Adrian gefangen saß, einigen trunkenen Leu-
ten begegnet ist, mit welchen er nebst seinen Dienern
in ein Gezänk und in eine Schlägerei geriet, wobei
er so stark verwundet wurde, daß er lange Zeit an
der Verletzung im Bett gelegen hat, und zuletzt mit
unruhigem Gemüt eines schmerzhaften Todes gestor-
ben ist. Er ließ vor seinem Ende mehrere Beichtväter
830
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
kommen, die ihm gleichwohl den nagenden Wurm
des anklagenden Gewissens nicht benehmen konn-
ten, sondern er musste als ein Tyrann sein Leben in
Unruhe endigen.
Wie schwer es aber fällt, wider den Stachel zu le-
cken, ist insbesondere an Peter Titelman, Diakon von
Ronse, zu ersehen, welcher der bedeutendste Ketzer-
meister in Flandern war; derselbe wurde um diese
Zeit zu Kortryck mit einer schweren Krankheit von
Gott heimgesucht, denn die Läuse brachen so häufig
aus seinem bösen Leibe, daß man ihn davon nicht hat
reinigen können, obgleich man ihn wohl zwei- oder
dreimal des Tages mit schöner Leinewand und der-
gleichen erfrischt und gereinigt hatte, es war jedoch
kein Hilfsmittel ausreichend, bis er endlich auf solche
Weise sehr elend und jämmerlich gestorben ist.
Von diesem Diakon von Ronse wird noch erzählt,
daß er einst mit einer geringen Anzahl Menschen aus-
gezogen sei, um die Zeugen Gottes in Verhaft zu neh-
men und sie den Peinigern und Mördern in die Hände
zu geben. Als er nun an einem Abend in eine Herber-
ge kam, zu einem Schulzen, der mit vielen von sei-
nen Dienern ausgezogen war, um die Landstreicher
und bösen Menschen zu fangen, sagte der Schulze
zu Ronse mit Verwunderung, wie er mit so wenigen
Dienern sein Leben wagen möchte, andere Leute zu
fangen, denn wenn ich das täte (sagte er) ich würde
das Leben nicht lange behalten. Darauf antwortete der
Diakon Ronse, er wäre hierin ohne Furcht, weil er nur
ausgezogen wäre um gute Menschen zu fangen, von
welchen er keine Gefahr zu erwarten hätte. Darauf
antwortete der Schulze (über Ronses Reden, die ihm
sehr bedenklich geworden), fängst du die guten Leute,
und ich die Bösen, wer kann dann ungefangen blei-
ben? Hiermit hat dieser Diakon von Ronse über sich
selbst Zeugnis gegeben, daß er seine Hände an die
Gerechten gelegt, die ihm keinen Widerstand geleistet
hätten. Ebenso ist auch aus dieses Schulzen Reden
zu ersehen, daß er selbst wohl gewusst hat, daß die
Macht der Obrigkeit nur zur Bestrafung der Bösen,
und zum Schutz der Guten angewandt werden müsse,
und daß deshalb dieser Ronse mit seinen Anhängern
seine Macht an diesen Leuten schändlich missbraucht
habe.
Ferner hat es sich zu Dixmuyden in Flandern im
Jahre 1553 zugetragen, als der fromme Wouter Ca-
pelle, dessen in diesem Buch gedacht wurde, um der
Wahrheit willen verbrannt worden ist, daß dort ein
einfältiger, alberner Mensch lebte, der von den Herren
von Dixmuyden unterhalten wurde; dieser ging von
einem Haus zum andern, und wurde so von den gu-
ten Leuten gespeist. Weil nun der vorgenannte Wouter
Capelle (seines Handwerks ein Zeugmacher) ein sehr
mildtätiger Mann gegen die Armen war, der von sei-
ner Hände Werk mitteilte, so ist dieser alberne Mensch
zwei oder drei Tage vor Wouters Verhaftung, spät
Abends, in dessen Haus gekommen. Wouter fragte
ihn, ob er zu essen begehre; er bejahte diese Frage,
worauf ihm Wouter zweimal ein Stück geholt hat, bis
er nichts mehr begehrte. Als nun Wouter Capelle zum
Feuer verurteilt war, hat dieser alberne Mensch geru-
fen: Ihr Diebe und Mörder, ihr vergießt unschuldiges
Blut; dieser Mann hat nichts Böses getan, sondern hat
mir reichlich zu essen gegeben. Solches rief er bestän-
dig, und als Wouter zum Feuer geführt wurde, ist
er auch mit hinzugetreten, um mit dem Verurteilten
ins Feuer zu laufen, sodass sie ihn mit Gewalt ha-
ben fortschaffen müssen. Als Wouter tot war, ist der
verbrannte Leib außerhalb der Stadt auf das Galgen-
feld gebracht worden; dahin ist dieser alberne Mensch
täglich gelaufen und hat weder Schnee noch Regen ge-
scheut, hat mit seinen Händen über den verbrannten
Leib gestrichen und gesagt: Ach, armes Blut, du hast
ja nichts Böses getan, und gleichwohl haben sie dein
Blut vergossen, und du hast mir so reichlich zu essen
gegeben. Endlich, als der Leib von den Vögeln fast
verzehrt war, hat dieser Mensch das ganze Gerippe
herangenommen, hat solches auf seine Schultern ge-
legt, und ist damit zur Stadt hinein gelaufen; da sind
ihm viele Menschen nachgegangen, um zu sehen, wo-
hin er es bringen würde; er ist aber damit nach dem
Herrn Stadtbürgermeister gelaufen, und als er dessen
Türe geöffnet, hat er das ganze Gerippe in den Saal
geworfen und gesagt (wo mehrere Herren beisammen
waren): Ihr Diebe und Mörder, habt ihr das Fleisch
von diesem gegessen, so esst nun die Beine auch. Es
haben auch die Herren von Dixmuyden auf des vorge-
meldeten Wouter Capelle Richtplatze einen eisernen
Pfahl gesetzt, zum Zeichen und immerwährendem
Andenken, daß dort (nach ihrer Meinung) ein Ketzer
verbrannt worden sei; darauf ist es geschehen, daß
der Bürgermeister dieser Stadt (dem er das Gerippe
ins Haus geworfen hat) todkrank geworden ist. Es
hat ihn aber die Krankheit so ergriffen, daß er wie
wahnsinnig gerufen hat, er hätte den Engel Gottes mit
des verbrannten Wouter Capelles Seele über den Pfahl
fliegen sehen. Solches hat er beständig gerufen, bis die
Herren diesen eisernen Pfahl wieder wegnehmen lie-
ßen; hierauf hat er zwar nachgelassen zu rufen, er ist
aber bald darauf sehr elend gestorben. Hierdurch sind
(wie es scheint) die Herren zu Dixmuyden dergestalt
erschreckt worden, daß sie nachher kein unschuldi-
ges Blut mehr vergossen haben. Auch könnt ihr von
der strafenden Hand Gottes, die Er sehr merkwürdig
an den blutdürstigen Tyrannen und Verfolgern sei-
nes Volkes bewiesen hat, in einem Sendbrief Menno
831
Simons sei. Ged. lesen, den er damals an Mertynus Mi-
kron geschrieben hat, welches vorgemeldetem Menno
zum Teil selbst begegnet ist, und der wie folgt lautet:
Es ist ungefähr vor achtzehn Jahren geschehen, daß
ein trefflicher und hochgeachteter Mann, bei der Welt
hoch angesehen, dessen Namen und Vaterland ich
verschweige, einen bösen und giftigen Rat gab, daß
man mich und alle Frommen ausrotten sollte; er hatte
aber seine gottlosen Gedanken kaum ausgesprochen,
so hat ihn die strafende Hand des Allerhöchsten er-
reicht, denn er ist bei der Tafel niedergestürzt, und
hat so sein unbußfertiges, blutdürstiges und gottloses
Leben in einem Augenblick erschrecklich geendigt. O
erschreckliches Urteil! Geschehen um das Jahr 1539.
Solches ist auch um dieselbe Zeit einem andern be-
gegnet, der sich dahin aussprach, er wollte das Netz
dergestalt über mich werfen, daß ich ihm nicht leicht
würde entgehen können. Derselbe ist ebenfalls wäh-
rend der Mahlzeit, bei welcher er diese Worte redete,
von des Herrn Bogen mit einem Pfeil schnell durch-
schossen, das heißt, mit einer schweren Krankheit
heimgesucht, und von dem allmächtigen, strafenden
Gott zur Rechenschaft gefordert, sodass er innerhalb
acht Tagen begraben worden ist.
Noch ein anderer, der ein Kriegsbedienter des Kai-
sers an einem bestimmten Ort werden sollte, hat sich
verlauten lassen, er wollte dieses Volk ausrotten, oder
es müsste dem Kaiser an Macht mangeln. Nachdem
er aber an dem Ort seiner Bestimmung angelangt war,
um seine Stelle anzutreten und das ihm anvertraute
Amt zu bedienen, haben sie vier oder fünf Tage nach-
her die Glocken über ihn geläutet, und das Requiem
(Ruhe) ihm gesungen.
Seht, so vernichtet Gott der Herr die Anschläge der
Gottlosen, die seinen heiligen Berg bestürmen, und
vernichtet alle diejenigen, die seine Wahrheit hassen,
und ihr feind sind.
Auch ist es im Jahre 1554 zu Wisbuy in Godland
geschehen, daß drei von unsern Brüdern sich dort
aufhielten, um ihr Brot zu verdienen. Es war aber ein
Prediger in dieser Stadt, Lorentius genannt, welcher
von seines Vaters Geiste getrieben wurde; dieser rief
ihnen auf der Straße nach und lästerte sie so viel er
konnte, sie sollten ihr Gewerbe (sagt er) dort nicht trei-
ben, und sollte es ihn auch kosten, was er mit seinem
Kleide umgürtet hätte (das war Leib und Seele). Nach
wenigen Tagen ist er mit einem von jenen Brüdern ins
Gespräch gekommen, wobei noch ein anderer Predi-
ger zugegen war (der etwas aufrichtiger von Natur
war); er lästerte sehr, und stellte sich abscheulich an.
Der starke Herr aber hat ihn in ihrer beider Gegen-
wart dergestalt erschreckt, daß ihm die Sprache auf
einmal genommen wurde, und daß er innerhalb ein-
undzwanzig Stunden (leider!) unter die Toten versetzt
wurde. O erschreckliche Strafe und gerechtes Urteil
Gottes!
Fast auf gleiche Weise trug es sich auch zu Wismar
zu, wo sie einen Schreiber angenommen hatten, den
Doktor Smedesteed; derselbe ließ sich hören, daß er
lieber einen Hut voll Blut von uns hätte, als einen
Hut voll Gold, und überredete die Obrigkeit (die au-
ßerdem solche Ohrenbläser gern hat und hört), daß
man den armen Kindern gegen den grimmig kalten
Winter ansagte, sie sollten sich noch vor Martini von
dort fortbegeben, oder man wollte sie dahin bringen,
wo sie nicht gern sein würden. Smedesteed war sehr
erfreut, weil sein Wunsch erfüllt worden war, doch zu
seinem schweren Gericht, denn an eben demselben
Tage hat der allmächtige, große Herr seine grimmi-
ge Hand an ihn gelegt, und hat ihn innerhalb sechs
oder sieben Tagen durch eine grausame und schwere
Krankheit hinweggenommen. Und gleichwohl merkt
die verstockte, blinde und dumme Welt nicht auf!
Im Jahre 1555 hat es sich noch einmal in derselben
Stadt zugetragen, daß ein Prediger war, Vincentius ge-
nannt (der es auch noch ist), welcher niemals des gott-
losen Lästerns und heftigen Scheltens müde wurde.
Er sagte an einem Tage (den sie des Herrn Himmel-
fahrt nennen, und wo sie das Evangelium verhandeln:
Wer da glaubt und getauft wird, soll selig werden,
Mk 16.), er wollte auf uns schelten und lästern, solan-
ge ihm sein Mund auf stände. Sofort aber hat ihm die
starke Kraft Gottes den Mund geschlossen und seine
Zunge gebunden, indem er auf der Kanzel niederfiel,
sodass ihn einige van der Kanzel tragen mussten, und
als einen von Gott Gestraften stumm in sein Haus
trugen. Seht, so kann er diejenigen strafen, die seinen
Augapfel anrühren und kränken wollen.
Wenn ich alle Geschichten erzählen sollte, die sich
zu meiner Zeit an den Feinden der Heiligen zugetra-
gen haben, sie würden eine besondere Chronik und
ein ganzes Buch ausmachen. So weit Menno Simon.
Hierher gehört dasjenige, was dem gemeldeten (got-
tesfürchtigen) Menno Simon selbst begegnet ist, wel-
cher von einem Verräter um eine Summe Geldes ver-
kauft worden ist, der ihn entweder den Tyrannen in
die Hände liefern oder selbst seinen eigenen Kopf
dafür lassen wollte, was ihm jedoch (zu seinem eige-
nen Schaden) nicht gelungen ist, wiewohl er seinen
äußersten Fleiß daran gewandt hat, denn er hat sich
auch zur Versammlung begeben, und den Ort ihrer
Zusammenkunft genau ausgekundschaftet; dessen
ungeachtet aber ist der gemeldete Menno seinen Hän-
den auf eine wunderbare Weise entgangen.
Gleichwohl aber hat es sich getroffen, daß der Verrä-
ter mit dem Offizier oder Edelmann (die ausgezogen
832
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
waren, den Menno zu suchen und zu fangen) unver-
mutet demselben in einem kleinen Rachen auf dem
Kanal begegnet sind. Der Verräter aber schwieg still,
bis Menno eine Strecke von ihnen ab war, welcher
auf das Land sprang, um mit weniger Gefahr zu ent-
laufen. Hinterher sprach jener: Seht da, der Vogel ist
uns entwischt. Der Offizier strafte ihn darum, schalt
ihn einen Schelm und sagte, warum er es nicht früh
genug gesagt hätte. Aber der Verräter antwortete: Ich
konnte nicht reden, denn meine Zunge wurde mir
gehalten. Solches haben die Herren so übel aufgenom-
men, daß sie den Verräter hart gestraft haben, allen
blutdürstigen Verrätern zur Warnung und Lehre.
An diesen und dergleichen Exempeln, wovon in die-
sem Buch an verschiedenen Stellen gehandelt worden
ist, wie auch in beiden Testamenten an dem mörderi-
schen Kain, Pharao, Isabel, Antiochus, Herodes und
vielen andern kann die strafende Hand des allmäch-
tigen Gottes offenbar gesehen und bemerkt werden,
und wie schwer diejenigen sich an dem Gott des Him-
mels und der Erde versündigen, die hier sein Volk
beleidigen, verfolgen und töten, wie auch, welche un-
erträgliche Strafe dieselben in der Wiederkunft Christi
vom Himmel zu erwarten haben, wovon diese zeit-
liche Strafe nur ein Anfang und Vorgeschmack ist,
indem der Sohn Gottes (an dem Tage, an welchem er
sich aufmachen wird, Zion zu rächen) alles Leid, wel-
ches den Seinen angetan worden ist, aufnehmen wird,
als ob Ihm selbst in seinen Augapfel gegriffen worden
wäre; alsdann werden alle Verfolger mit allzu später
Reue Leid tragen und vor Angst des Geistes seufzen,
indem sie die Gerechten, die ihnen doch keinen Wi-
derstand geleistet, verurteilt und getötet haben.
Darum sagt die weise Frau Judith in ihrem Lob-
gesang: Wehe den Heiden, die mein Volk verfolgen,
denn der allmächtige Herr rächt sie und sucht sie
heim am Tag der Rache; Er wird ihren Leib plagen mit
Feuer und Würmern, und sie werden brennen und
heulen in Ewigkeit.
Ach, wie gut wäre es allen tyrannischen Menschen,
daß sie diese und dergleichen Sprüche der heiligen
Schrift bedachten und zu Herzen nähmen, und nicht
mehr wider den hohen Gott stritten, denn an jenem
Tag (vor dem Richterstuhl Christi) müssen sie schwe-
re Rechenschaft davon geben; denn der Glaube wird
allein von Gott gegeben, und kann von keinem Men-
schen (wie hoch geachtet er auch ist) gegeben oder
genommen werden. So sollten auch alle Fürsten und
Herren die Glaubenssachen dem Schöpfer aller Din-
ge anbefehlen, welcher allein aller Menschen Herzen
und Nieren kennt und die verborgenen Gedanken
und Sinne des Herzens, als klar entdeckt vor seinen
Augen, weiß und sieht, vor dessen hoher Majestät
endlich der Richter und Verurteilte miteinander wer-
den erscheinen müssen. Dieser wird den Erdkreis mit
Gerechtigkeit richten und jedem den Glauben Vor-
halten; dieser wird dem das Recht nach der Wahr-
heit sprechen, der entweder aufrichtig oder falsch
geglaubt und gehandelt haben wird. Hierzu wollen
wir allen Herren und Fürsten, als zu ihrem eigenen
Glück, aus dem Innersten unserer Seele geraten und
sie darum gebeten haben. Ach, der allmächtige Gott
wolle allen Fürsten und Herren (die das Schwert des
Gerichtes empfangen haben) die Gnade geben, daß
sie ihr Schwert und ihre Macht nicht weiter gebrau-
chen möchten, als nur gegen die Leiber und Güter der
Menschen in bürgerlichen Sachen zur Strafe der Übel-
täter und zum Schutz der Frommen, wozu dasselbe
ihnen von Gott gegeben ist, und daß sie den allmäch-
tigen Gott einen Herrn und Richter über den Glauben,
die Seele und das Gewissen der Menschen bleiben
ließen, was Ihm, dem Gebenedeiten, doch allein zu-
kommt, und daß sie dabei bedächten, wie kurz und
unsicher das Leben des Menschen ist, auch wie bald
diese irdischen Reiche von einem Volk auf das andere
fallen. Und wenn die Herren, die ihre Regierung antre-
ten, einer andern Religion sind, als diejenigen, welche
von derselben abgetreten, so steht Stadt und Land in
großer Gefahr, durch Meuterei und Aufruhr zu Grun-
de zu gehen, wenn sie anders alle ihre Untertanen zu
ihrer angenommenen Religion bringen wollen, oder
der Pöbel muss sich zur Heuchelei bequemen, um
dadurch der angedrohten Strafe zu entgehen; denn
es fehlt doch solchen Herren selten an dergleichen
Predigern, welche um der großen Besoldung willen
den Herren nach ihrem Gefallen predigen.
Daß man doch einmal bedächte, wie viele tausend
Menschen seit vielen Jahrhunderten durch den Religi-
onsstreit ihres Lebens und ihrer Güter beraubt worden
sind, weil die Obrigkeit, auf den Antrieb ihrer Predi-
ger, das ganze Land zu ihrer Religion zwingen will,
wodurch doch nichts gebessert worden, sondern alles
in einem beständigen Streit geblieben ist. Man kann
aber leicht merken, wie blind und ohne Verstand in
dieser Sache gehandelt wird, denn man findet ja klar
und in reichlichem Maße, daß auch selbst des Herrn
Gesandte und hocherleuchtete Apostel nur einen ge-
ringen Teil der Menschen zu einer Religion haben
bringen können, und daß zu ihrer Zeit (außer der
unzähligen Menge der Ungläubigen und Wahrheits-
verfolger) noch diele falsche Apostel und betrügliche
Arbeiter gewesen seien, die Christum aus Haß und
Zank und nicht rein gepredigt haben, daß also Chris-
tus zu rechter Zeit und zur Unzeit auf vielerlei Weise
verkündigt worden ist. Wer wollte nun glauben, daß
jetzt in dieser neuesten und bösen Zeit (in welcher die
833
Ungerechtigkeit die Oberhand gewonnen hat) gan-
ze Länder und Königreiche durch das Schwert und
durch den Zwang der Obrigkeit in den Gehorsam
der apostolischen Lehre sollten gebracht weiden kön-
nen, umso weniger, weil Christus selbst sagt, daß es
in seiner Zukunft gehen werde, wie in den Zeiten
Noahs und Lots. Daher scheint auch der Herr Jesus
gleichsam im Zweifel zu fragen, ob in der Zukunft des
Menschen Sohnes auch Glaube auf Erden gefunden
werden würde.
Von Anfang der Welt her ist die Zahl der Gläubi-
gen sehr klein unter den Menschenkindern gewesen;
ebenso ist auch der Glaube (wie Paulus sagt) nicht
jedermanns Ding, und es liegt, nach des Apostels Leh-
re, die ganze Welt im Argen. Alles, was in der Welt
ist, Fleischeslust, Augenlust und hoffärtiges Leben
ist nicht vom Vater, sondern von der Welt; die Welt
aber mit ihren Lüsten wird vergehen. Darum scheint
auch Salomo diese Welt mit allem ihrem gottlosen
Wesen mit einem herrlich aufgeputzten Weib im Hu-
renschmuck zu vergleichen, die listig, wild und un-
gebunden ist, sodass ihre Füße in ihrem Haus nicht
bleiben können; wodurch sie den törichten Jüngling
verführt und betrogen hat, daß er ihr in der Bosheit
nachgefolgt ist.
Vergleiche man nun einmal hiermit diese gegenwär-
tige, arge Welt, wie man denn sieht, daß alle Städte
und Länder mit Pracht, Prahlen, Fluchen und Schwö-
ren, Sauf- und Ballhäusern, Tanzstuben und schändli-
chen, unzüchtigen Hurenhäusern verunreinigt sind,
sodass man mit offenen Augen sehen kann, wie schön
aufgeputzt und geschmückt die Welt den Teufel ehrt,
und welch eine unzählige Menschenmenge, insbeson-
dere die Jugend, sich einander dahin locken und ver-
führen lässt, während man gewiss weiß, und es von
allen gegen einander streitenden Sekten auch einstim-
mig bekannt wird (laut der ausgedrückten Worte Got-
tes), daß das Ende solchen Lebens und Wandels (ohne
wahre Früchte der Buße) der ewige Tod ist. Dessen
ungeachtet findet man nicht, daß die Prediger (die-
se Bosheit zu verhindern) an der Obrigkeit arbeiten,
um dieses ausgemachte Übel und diesen Seelenbetrug
durch strenge Befehle und leibliche Strafen nach allen
Teilen auszurotten; aber in Betreff der Religion, worin
doch durch die Schalkheit und Scharfsinnigkeit der
Menschen so manche Streitpunkte, wie auch zweifel-
hafte und streitige Verhältnisse entstanden sind, sieht
man sie nach ihrem Vermögen beschäftigt zu strafen,
auszurotten und eines andern Glauben und Gewis-
sen zu zwingen, obgleich man dieselben keineswegs
der gemeldeten Übel beschuldigen kann. Dabei lehrt
es die Erfahrung, daß viele dieser Prediger in ihrem
Glauben selbst so unsicher und wankelmütig sind.
daß sie auch, auf Begehren der Obrigkeit, ihren Glau-
ben wohl so oft verändern würden, als das Chamäleon
seine Farbe, ehe sie um den Glauben ihre großen Ein-
künfte aufgeben würden. Darum ist unsers Herzens
Wunsch und unsere ernstliche Bitte an alle Oberher-
ren, sie wollen doch solchen verräterischen Predigern
(die anderer Leute Schaden und Verderben suchen)
kein Gehör geben, sondern ihre Macht gebrauchen
zur Strafe der Übeltäter und zum Schutz der From-
men, damit wir unter ihnen ein stilles und ruhiges
Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehr-
barkeit, und daß wir also sämtlich am jüngsten Tage
vor dem Richterstuhl Christi Trost und Gnade finden
mögen, wenn uns Gnade und Trost höchst nötig sein
wird. Hierin wolle uns der Herr durch seinen Geist
stärken und bewahren, Amen.
Abschied aus dem sechzehnten Jahrhundert.
Unsern Ausgang aus dieser sechzehn hundert jäh-
rigen Zeit wollen wir mit einem Beschluss machen,
welcher dem Märtyrerer-Spiegel von dem Jahre 1631
als Schluss angehängt worden ist, worin wir, so viel
den Sinn desselben betrifft, nichts anderes reden wer-
den, als was auch unsere lieben Mitgenossen daselbst
geredet haben.
Wir haben dir (günstiger Leser) viel schöne Exem-
pel vor Augen gestellt, die wir zum Teil vor Zeiten
öffentlich gedruckt gefunden haben und die uns zum
Teil neulich aus den Büchern des Blutgerichts der Städ-
te und Länder zu Händen gekommen sind, von Män-
nern, Weibern, Jünglingen und Jungfrauen, die in dem
rechten Glauben ihrem Heiland, Christo Jesu, treulich
nachgefolgt sind, die Gott aus dem Innersten ihrer
Seele gefürchtet und das ewige Leben mit reinem Her-
zen gesucht haben, welche auch vor aller Welt in der
Liebe und Kraft Gottes, als klarscheinende Lichter ge-
leuchtet haben, aus deren Mund die Weisheit und des
Herrn heiliges Wort und Lehre geflossen ist, welches
sich mehr in der Bezeugung des Geistes, als in zierli-
chen Reden oder menschlicher Klugheit erwiesen hat;
denn ihre Gedanken und Worte, ihr Tun und Lassen
waren dahin gerichtet, ihrem Vorgänger und einigen
Hirten zu gefallen, um dessen Namen willen sie ihr
Leben gern dem zeitlichen Tod übergeben haben, als
solche, die nicht etwa suchten, hier auf dieser Erde ein
weltliches, ruhiges Reich zu besitzen, sondern als rech-
te Pilger nach dem ewigen, himmlischen Vaterland zu
wallen, und die es aus Erfahrung wussten, daß diejeni-
gen, welche gottselig leben wollen, Verfolgung leiden
müssen. Hierbei müssen wir auch den Unterschied
zwischen den Kindern Gottes und den Kindern der
Ungerechtigkeit, zwischen den Verfolgern und den
834
2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an.
Verfolgten ins Auge fassen, indem man weiß und aus
heiliger Schrift klar bewiesen werden kann, daß von
Anfang der Welt her die Ungerechten, deren Werke
böse waren, die Gerechten und Tugendsamen alle-
zeit beneidet, verschmäht, verfolgt und unterdrückt
haben, denn dazu hat sie ein unverständiger Eifer ge-
trieben. Ferner hat man auch gesehen, daß öfters die
Lehrer oder Führer, die die Leute zum rechten Got-
tesdienst und auf den Weg des Lebens hätten sollen
führen, dieselben zum Götzendienst und auf verderb-
liche Irrwege geführt haben. Die Hirten, die des Herrn
Schafe hatten sorgfältig weiden, mit dem Wort Gottes
speisen, und vor den grimmigen Wölfen beschützen
sollen, haben sich selbst gemästet, der Herde nicht
wahrgenommen, sondern derselben größtenteils Men-
schenlehre und ihre eigene Vernunft vorgetragen, sich
mit deren Wolle gekleidet, und haben auf solche Wei-
se mit einer unter dem Schafpelz verdeckten Wolfsart
selbst die Herde zerstört und zerrissen, oder sie dem
Adler in die Klauen und dem Löwen in die Zähne
gespielt. Ebenso haben auch die Diener Gottes, die
mit großer Ehre und Herrschaft von Gott begabt wa-
ren, und die das Schwert empfangen hatten, um die
Bösen zu strafen und die Guten zu schützen, sich an
diesen hohen Ämtern und Würden nicht begnügen
lassen, sondern haben ihre Gewalt missbraucht, und
durch Anstiften, oder unwissend im Eifer, ihre Hände
an des Herrn Ackerwerk gelegt und unvorsichtig den
Weizen statt des Unkrautes ausgerupft, und wiewohl
es den Verfolgten zur Seligkeit gedient hat, so war
es dessen imgeachtet eine frevelhafte Tat, in solcher
Weise auf des Herrn Acker die grüne Frucht vor der
Ernte auszuraufen, zu verderben und mit einem un-
bedachtsamen und ungerechten Urteil zu verwerfen,
denn niemand, als der Herr selbst, kann wissen, wer
des Feuers oder der Ernte wert ist.
Darum ist kein Weiser auf Erden weise genug, ein
Amt, das dem allein weisen Gott zukommt, zu verse-
hen, und das Gericht auszuführen, das Er sich allein
Vorbehalten hat, denn, wer kann des Menschen Herz
ergründen; Er sieht alle Dinge, und weiß alle Heim-
lichkeiten, indem Er durch Herzen und Nieren sieht
und aller Menschen Gedanken kennt. Solche Dinge
kann in der Tat kein Mensch tun, denn sie sind oft
(wenn sie auch meinen, fest zu stehen) vielmehr mit
Sünden, Unglauben und verkehrter Lehre beladen, als
ihnen bekannt ist, indem des Menschen Wissen und
Erkenntnis hier nur Stückwerk ist; deshalb kann man
auch die Untersucher des Glaubens mit Lügen und
einem verstellten Leben leicht übertäuben oder be-
trügen. Diejenigen nun, die das Verfolgen und Töten
wegen Glaubenssachen verteidigen und als eine gerin-
ge Sache vorstellen und treiben, bewirken durch ihr
Wüten nichts Gutes, sondern sammeln statt des guten
Weizens viel unreine Spreu, und machen den Schaf-
stall voll Heuchler und scheinheiliger Böcke. Wollte
aber jemand annehmen, es gezieme einem König oder
Fürsten nicht, allerlei Lehren, Religionen, oder Ket-
zer in seinem Land zu dulden, sondern, daß er nur
die Ausübung solchen Gottesdienstes darin gestatten
müsse, von dem er weiß, das er zu seiner Untertanen
Seligkeit gereicht, andere Formen des Gottesdienstes
aber verbieten, der müsste daneben auch bedenken,
daß, wenn in einem Land Fürsten, die im Gottesdiens-
te nicht übereinstimmten, nacheinander regieren wür-
den, und ein jeder Glaubenszwinger das Land mit
seiner Einwohner Blut besudeln würde, daß solches
Land nichts anderes als eine Hölle oder ein Pfuhl vol-
ler Unruhe und Verfolgung sein würde, wo die Gemü-
ter der Menschen in solchem jämmerlichen Elend sein
würden, wie Schiffe, die auf dem wilden, ungestümen
Meere durch allerlei Wind im Sturm hin und her ge-
trieben werden und endlich zusammen untergehen
müssen. Aber, wie kann man doch jemand (wenn er
auch irrt) um des Glaubens willen so sehr hassen und
verstoßen? Das ist nicht die Art der Kinder Gottes,
die auch die Ungerechten nicht verfolgen, denn es ist
nicht der Schafe Art, die Wölfe zu zerreißen, sondern
es liegt in ihrer Natur, ihnen zu entfliehen und von
ihnen zerrissen zu werden. Wie will man denn nun
jemanden zum Glauben zwingen, der doch dem Men-
schen von Gott gegeben werden muss? Wer also irrt,
der irrt sich selbst; fällt er, so fällt er seinem Herrn, der
kann und will ihn wohl wieder aufrichten. Denn dazu
ruft und nötigt Er einen jeden, und stellt ihm Wasser
und Feuer, Leben und Tod vor; ein jeder kann wählen,
was er will, und solchen Glauben zu erwählen, zu su-
chen oder zu finden zu seiner Seligkeit, hat ein jeder
Bürger oder Einwohner eben so gut die Freiheit, als
der König oder Fürst, denn Christus ruft alle zu sich,
die mühselig und beladen sind. Darum soll niemand
denken, solches Rufen gehe allein die Oberhäupter
an, und daß es für die Untertanen genug sei, auf die-
selben zu sehen und ihnen zu folgen. O nein! ein je-
der muss für sich selbst Rechenschaft geben, denn
in dem letzten Gericht wird das eine Herz (welches
Standes oder Namens es auch ist) so genau unter-
sucht werden als das andere; eines jeden Herzens Rat
wird offenbar werden; ein jedes wird nach seinen ei-
genen Werken belohnt werden; es wird nicht allein
auf Fürsten oder Hirten ankommen; es wird daselbst
niemand für den andern stehen, sondern es wird ei-
nem jeden sein eigener Pack schwer genug zu tragen
fallen. Doch darf man sich nicht verwundern, als ob et-
was Neues oder Seltsames geschehe, wenn Gott seine
Auserwählten dergestalt prüft und läutert, denn hat
835
selbst der Fürst des Lebens und der Seligkeit durch
viel Leiden zu seiner Herrlichkeit eingehen müssen;
war der Weg so enge für ihn in das Freudenreich zu
kommen, wie sollen denn seine Nachfolger dazu ge-
langen, als durch denselben Weg? Was hat Er doch
für Schuld gehabt? Welche Bosheit oder Übeltaten hat
Er begangen? Warum wurde dieses unschuldige und
unbefleckte Lamm (das doch niemanden beleidigt,
sondern jedermanns Heil sucht) mit solchem Neid
verfolgt? Was hat doch der blinden Schriftgelehrten
Zorn so gegen ihn erregt? Warum waren sie so begie-
rig, dem unbedachtsamen Rat des Caiphas zu folgen?
War nicht die einzige Veranlassung hierzu, weil sie
der wütende Unverstand so heftig dazu angetrieben
hat, sodass auch die Häupter des Volkes bisweilen
so sehr entbrannt gewesen sind, daß sie (als ob es
ein großer Dienst gegen Gott gewesen wäre) sowohl
über die Gemüter, als über die Leiber der Menschen
haben herrschen, und mit dem Schwert sowohl zum
Glauben zwingen, als auch bürgerliche Einigkeit er-
halten wollen? Gleichwohl sind mit solcher Raserei
nicht alle Obersten befleckt gewesen, denn man hat
unter den Heiden, von denen man doch sagt, daß sie
in der Erkenntnis Gottes fremd gewesen seien, sol-
che gefunden (als Felix, Festus, Agrippa, Gallius und
dergleichen) die bedachtsamer gewesen sind, ihr emp-
fangenes Amt wohl zu bedienen, die der gemeinen
Wohlfahrt sorgfältiger vorgestanden und nach Gama-
liels weisem Rat die Herrschaft über den Glauben Gott
mehr anbefohlen haben, als die neidischen Juden, die
nach der Verheißung Kinder Gottes und rechte Zweig
an dem wahren Ölbaum sein sollten. Daher sehen
wir, daß Gott (der alle Dinge nach seinem Wohlgefal-
len ordnet) bisweilen an einigen Orten noch solche
Obrigkeiten verleiht, die ihre Untertanen in Glaubens-
sachen nicht zwingen, sondern die nur für deren fried-
same Ruhe und Wohlfahrt Sorge tragen, wie wir denn
zu unserer Zeit erlebt haben, daß ein König in Polen
und auch einer in Frankreich gewesen ist, welche ihre
Untertanen wegen ihres Glaubens nicht so genau un-
tersucht oder ermittelt haben, ob ihr Glaube mit der
allgemeinen Erkenntnis übereinkäme, sondern nur,
ob ihr Tun des Landes Wohlfahrt hindere oder beför-
dere, für welche sie mit herzlicher Liebe sorgten und
sie zu befördern suchten, worin gleichfalls die Her-
ren Staaten der vereinigten Niederlande nicht genug
zu loben sind, welche auch (obgleich sie bisweilen
dazu heftig aufgehetzt worden waren) solchen blin-
den Eifer, Gemütszwang und Glaubensuntersuchung
nicht gestatten. Weil uns denn nun von Gott befohlen
ist, für die Obrigkeit zu bitten, daß wir unter ihr ein
stilles, ruhiges und gottseliges Leben führen mögen,
um wie viel mehr sind wir schuldig, Gott für seine
Güte zu danken, die uns auch die Gnade verleiht, daß
wir unter dem Schutz solcher Obrigkeiten wohnen
mögen, die dem bösen Eifer der Blutdürstigen, die
über die Gemüter herrschen, widerstehen (derglei-
chen wir hier zu Lande über fünfzig Jahre genossen
haben) und die ihre Ämter nach der Macht verwalten,
die Herrschaft aber und Untersuchung des Herzens
und Gemütes des Menschen Gott überlassen. Wir sind
auch aufs Höchste verpflichtet, den Allerhöchsten für
sie zu bitten, daß Er sie stets in solchem guten Vorsatz
erhalten und daneben ihnen Weisheit und Verstand
geben wolle, um ihre Länder und Leute so zu regieren,
daß alles zu der Untertanen Ruhe und Gottes Ehre
geschehen und gereichen möge, daß Er ihnen auch sol-
che gläubige Herzen verleihen wolle, damit sie recht
erkennen mögen, wozu sie hier von Gott eingesetzt
sind, und daß sie endlich so gottesfürchtig vor Ihm
wandeln, daß sie am jüngsten Tag (wenn der gekreu-
zigte Jesus Christus als ein allmächtiger Befehlshaber,
Überwinder und herrlicher König in den Wolken des
Himmels mit den Engeln seiner Kraft erscheinen wird,
um Rache zu üben an allen denen, die Gott nicht er-
kannt und dem Evangelium nicht gehorcht haben)
auch mit allen Heiligen Gottes verklärt werden und
mit den auserwählten Gläubigen in der Auferstehung
und Offenbarung der himmlischen Klarheit erschei-
nen mögen, damit sie mit denselben durch die Kraft
Christi bekleidet werden und mit Ihm die unvergäng-
liche Herrlichkeit einnehmen in dem vollkommenen
Wesen, und dieselbe besitzen in Ewigkeit, Amen.
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an
3.1 Kurzer Inhalt von den
Märtyrern dieses siebzehnten
Jahrhunderts.
Nachdem das vorhergehende sechzehnte Jahrhundert
mit der lebendigen Begrabung der Anneken von den
Hove im Jahre 1597 sich geendigt hatte, hat das folgen-
de siebzehnte Jahrhundert nicht ohne Misshandlung
und Vergießung des Blutes der frommen Zeugen des
Herrn seinen Anfang genommen.
Das erste Jahr dieses Jahrhunderts beginnt mit ei-
nem Befehl, durch die von Groningen und Sneck wi-
der die Taufsgesinnten, die sie Wiedertäufer nennen,
bekannt gemacht, welcher jedoch nicht auf Todesstra-
fe gerichtet war.
Hierauf folgen vier Personen, nämlich Huybert op
der Strafen, Trynken, seine Hausfrau, Pieter ten Hove
und Lysken te Linschoten, welche um des vorgemel-
deten Glaubens willen bei Witgenstein um den Gal-
gen geführt, darauf gegeißelt und dann des Landes
verwiesen worden sind, in demselben Jahre 1601.
Hernes Nimrich, ein Lehrer der vorgenannten Leu-
te, wie auch mehrere andere, werden vier Jahre später,
nämlich im Jahre 1605, in Stein zur Stadt hinausge-
peitscht, nachdem Hernes unter einem Galgen durch-
geführt worden ist.
Markus Eder und Hans Poltzinger werden den 24.
April desselben Jahres zu Nimbach in Baiern gefangen
und den 26. desselben Monats nach Riet geführt, wo
sie endlich, weil sie in ihrem Glauben standhaft blie-
ben, durchs Schwert getötet und mit Feuer verbrannt
worden sind.
Hans Landis wird in der Stadt Zürich enthauptet;
es folgt sodann eine Nacherinnerung von den Um-
ständen seines Todes auf das Jahr 1614.
Hierauf folgt ein Verbot, durch die von Aerdenburg
wider die Taufsgesinnten bekannt gemacht, und was
durch die Herren Generalstaaten der vereinigten Nie-
derlande zur Vernichtung desselben im Jahre 1615
gehandelt worden ist.
Es wird ein Auszug eines Schreibens der Herren
Staaten an den Herrn von Haultain, Gouverneur von
Sluys, desgleichen an den Schultheißen und die Ob-
rigkeit zu Aerdenburg, angeführt, zur Unterdrückung
der angefangenen Verfolgung im Jahre 1619.
Ein Befehl von denen zu Deventer wider die Men-
noniten oder Taufgesinnten, welcher im Jahre 1620
aufgesetzt wurde.
Dann folgt eine Anmerkung von schweren Läste-
rungen wider die Taufsgesinnten in Holland, und wie
sie sich vor den Staaten dieses Landes durch ein Glau-
bensbekenntnis verantwortet haben, im Jahre 1626.
Die letzte Verfolgung in der Schweiz und deren
Ursache wird nach ihren Umständen mitgeteilt, im
Jahre 1635.
Der Fortgang der Anstalten dieser Verfolgung auf
den Schlössern Wadischwil, Rnonau und Groningen,
wie auch auf der Chorherrenstube zu Zürich, wird
angeführt, im Jahre 1636.
Von mehrgemeldeter Verfolgung selbst, und wie
zwölf Brüder gefangen und auf dem Platz Othenbach
zu Zürich festgesetzt worden seien; ferner wie sie sich
geendigt hat, wird auf das Jahr 1637 angeführt.
Hierauf folgt Hans Meyli, der Alte, und seines Soh-
nes Hausfrau, die im Jahre 1638 nach Zürich gebracht
und dort lange gefangen worden sind.
Das Jahr 1639 ist fruchtbar an Märtyrern und Mär-
tyrerinnen, weil damals zu Zürich viel Personen am
Leibe und Leben in den Gefängnissen gelitten haben,
deren Schicksale alle nacheinander erzählt werden,
nämlich Catharina Müllerin, vier Schwestern, Barbara
Meylin, Ottilia Müllerin, Barbara Kolbin und Elisa-
beth Meylin, Elisabeth Hilzin, die Brüder Hans von
Uticken, Burckhard Aman, Jakob Egly, Ully Schedme,
mit dem Zunamen Schneider, Jakob Rustenhel vom
Horgerberg, Stephan Zechender von Byrmensdorf,
Ulrich Schneider mit seinen beiden Söhnen, Henrich
und Gutwol von Lehumer, Hans Jakob Heß, wie auch
seine Hausfrau.
Eine Bekanntmachung wird durch die von Zürich
zur Bemäntelung der angefangenen Verfolgung erlas-
sen, wird aber durch die Verfolgten beantwortet und
widerlegt, im vorgenannten Jahre 1639.
Werner Pfister und seines Sohnes Hausfrau, des-
gleichen Gallus Schneider, Rudolph Bachmann und
Ulrich Müller haben im Jahre 1640 ihr Leben zu Zü-
rich im Gefängnis Othenbach lassen müssen.
Von einer Bittschrift, durch die von Amsterdam an
den Rat von Zürich übergeben, die Verfolgung zu
mildern; desgleichen von der Antwort, die darauf
erfolgt ist, wird auf das Jahr 1642 Nachricht gegeben.
Felix Landis, des Hans Landis Sohn, starb durch
Hunger und Mangel im Gefängnis Othenbach 1642,
838
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
wiewohl seine Hausfrau von den Banden befreit wur-
de.
Rudolph Suhner, ein Jüngling, folgt des vorgemel-
deten Felix Spur, und starb aus Mangel im Jahre 1648.
Hierauf folgen einige Frauenspersonen, die auch
viel für die Wahrheit gelitten haben, nämlich Elisabeth
Bachmannin, Elssa Bethezei, Sarah Wanry, Verena Lan-
dis, Barbara Neef und Barbly Ruff, um das Jahr 1648.
Henrich Boiler, starb gebunden im Gefängnis im
Jahre 1644.
Hierauf folgt ein Schreiben aus der Schweiz, worin
die Misshandlungen derer von Bern gegen die Taufs-
gesinnten in jenen Gegenden angeführt werden, im
Jahre 1645.
Ein Befehl, den die von Schaffhausen wider dieje-
nigen, die man Wiedertäufer nennt, erlassen haben,
wird im Jahre 1651 angeführt.
Drei Jahre später, nämlich 1653, wird von einem
Befehl gehandelt, der gegen die Wiedertäufer bekannt
gemacht worden ist.
Ully Wagman, nebst einem andern Bruder, wird
gefangen; Ully starb im Jahre 1664, der andere Bruder
aber blieb noch lange nachher im Gefängnis.
Ein Schreiben von Mathenheim, zur Verantwortung
der verfolgten Brüder in der Schweiz, wird nach Ams-
terdam gesandt, im Jahre 1658.
Sieben Lehrer werden zu Bern gefangen, nämlich
Ully Baumgarten, Anthony Hinnelberg, Jegly Schle-
bach, Hans Zaugh, Ully Baumgärtner, Christen Chris-
tiaens und Rhode Peters; seht auf das Jahr 1659.
Hierauf folgt ein Befehl derer von Bern, gegen die-
jenigen, die man Wiedertäufer genannt hat, bekannt
gemacht, im Jahre 1659, den 8. August.
Das Ende ist ein Bericht, welcher dasjenige enthält,
was die Herren Staaten der vereinigten Niederlande
zur Besänftigung des vorgemeldeten Befehls an die
von Bern durch schriftliche Fürbitten getan haben;
desgleichen von den Fürbitten einiger holländischer
Städte, zu gleichem Zweck, im Jahre 1660.
Hiermit wird dieses ganze Werk, und folglich das
ganze Marterbuch beschlossen.
Dieses Jahrhundert wird kurz sein, und nicht viel
mehr als ein halbes Jahrhundert oder die Hälfte von
hundert Jahren in sich fassen; auch ist die Marter, die
in demselben vorkommt, nicht so heftig, als in irgend-
einem der vorhergehenden Jahrhundert. Die Leute
enthaupten oder sie durch Mangel im Gefängnisse
sterben lassen, wird wohl die schwerste Strafe sein,
welche den Zeugen des Herrn, mit welchen wir es
jetzt zu tun haben werden, dem Leibe nach widerfah-
ren ist. Während der Nordwind der Verfolgung sich
auf das Heftigste nach dem Laufe der Zeiten erhoben
hat, ist nun der angenehme Südwind der Freiheit und
Ruhe von Verfolgung dazwischen gekommen.
Wenngleich in dieser kurzen Zeit das meiste Unheil
im Züricher und Berner Gebiet durch solche Leute
herbeigeführt worden ist, die sich Reformierte ha-
ben nennen lassen, so haben sich doch andere, die
eben denselben Namen tragen, und insbesondere die
hochlöblichen Regenten der vereinigten Niederlan-
de (als Freunde des Friedens und Feinde des Gewis-
senszwangs) dagegen aufgelehnt und die unschuldig
Verfolgten nach allen Kräften väterlich und gütigst
beschützt.
Dieses Werk fängt mit Groningen und Sneck in
Friesland an, und endigt sich zu Zürich und Bern
in der Schweiz. Darum wollen wir dieser Ordnung
nachfolgen.
Von einem Befehl, der durch die von Groningen
und Sneck wider die Taufsgesinnten im Jahre 1601
bekannt gemacht worden ist.
Mit dem Anfang dieses Jahrhunderts, als der Zwang
über den Glauben und die Gewissen der Frommen,
welcher durch die Papisten veranlaßt wurde, sich et-
was legte, haben einige, die sich von dem Papsttum
abgesondert, jedoch die Art der Papisten darin, daß
man andere um ihrer Religion willen verfolgt, beibe-
halten hatten, ihre Bitterkeit nicht allein gegen dieje-
nigen, die sie zuvor verfolgten, sondern besonders
gegen diejenigen, die sie niemals beleidigt, sondern
ihnen allezeit wohlgetan haben, ausgegossen; ihre Be-
drohungen waren jedoch nicht auf Todesstrafe oder
schwere Leibesstrafe gerichtet, sondern leichter und
geringer, wovon die von Groningen und Sneck die
Urheber gewesen sind, welchen Befehl (insoweit er
die Taufsgesinnten betrifft) wir in ihrer Schreibweise
von Wort zu Wort abschreiben wollen.
Befehl.
Wir Bürgermeister und Rat tun kund, nachdem man
in sichere Erfahrung gebracht, daß nicht allein viele
in der Stadt und unter deren Gebiet sich unterstan-
den haben gegen den beschworenen Traktat, mit der
Stadt im Jahre 94 aufgerichtet, eine andere Religion
als die reformierte auszuüben und zu gebrauchen,
zur Verfälschung des Wortes Gottes, zum Missbrauch
seiner heiligen Sakramente und zum Ärgernis und
zur Verführung vieler Menschen, sondern daß auch
fast alle Unordnungen und Missbrauche in und au-
ßer dem Ehestand und sonst andere gegen die hier
aufgerichtete und gebräuchliche christliche Kirchen-
ordnung einreißen und ausgeübt werden und wir uns
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
839
Amts halber verpflichtet erkennen, solchem allem mit
gebührlicher Strafe zu begegnen und zu steuern, so
haben wir verordnet, verordnen auch und beschließen
hiermit wie folgt:
Erstlich, daß die Ausübung aller anderen Religio-
nen außer der reformierten hiermit nochmals ernstlich
verboten sein soll.
Ferner, wenn jemand den Wiedertäufern, gegen die-
ser Stadt Kirchenordnung, sein Haus oder sonstige
ihm zugehörige Räume erlauben wird, um daselbst
zu predigen oder Versammlung zu halten, der soll
jedes Mal mit zehn Talern gestraft werden.
Die Prediger, wie vorgemeldet, die überwiesen wer-
den, daß sie predigen, sollen für jede Predigt mit zehn
Talern gestraft oder vierzehn Tage bei Wasser und
Brot gesetzt werden, und, wenn sie das dritte Mal
predigen, aus der Stadt oder deren Gebiet verwiesen
werden.
Wer in solchen Predigten oder Versammlungen ge-
funden wird, soll für jedes Mal zwei Taler Strafe ge-
ben.
Wenn ermittelt wird, daß jemand wiedergetauft hat,
der soll mit 20 Talern gestraft werden, und wenn er
es zum zweiten Mal tut, soll er bei Wasser und Brot
gesetzt und, wie vorgemeldet, verwiesen werden.
Ungetaufte Kinder sollen laut des Stadtbuches kein
Erbe empfangen noch genießen.
Auch soll niemand zu irgendeinem Amt oder zu
einer Bedienung, es sei ein öffentliches oder nicht öf-
fentliches zum Zeugen zugelassen werden, er leiste
denn den öffentlichen, gehörigen Eid.
Alle, die sich weigern, solchen Eid zu leisten, sollen
gestraft werden, wie es sich nach den Rechten gebührt.
Hierauf folgen noch zwei Artikel, die zu dieser Sache
eigentlich nicht gehören; darum haben wir dieselben
nicht beifügen wollen, aber im Verlaufe heißt es so.)
Von diesen gemeldeten Geldstrafen soll die Hälfte
dem Ankläger, die andere Hälfte aber der Stadt und
deren Gerechtsame, wie andere Strafen, heimfallen.
Also beschlossen den 5. September, um künftigen
Montag mit der Glocke bekannt gemacht zu werden.
Das, was zuvor von der Ausübung der Religionen
gesagt worden ist, ist mit der Glocke bekannt gemacht
worden, den 7. September 1601, nach der alten Zeit.
Siehe in der Chronik vom Untergang der Tyran-
nen und jährlichen Geschichten, den zweiten Teil, ge-
druckt 1620, das siebzehnte Buch auf das Jahr 1601,
Pag. 1539, Col. 2, verglichen mit der Schutzschrift
des Befehls, Buchst. A, Blatt 4; ferner Gegenbericht,
Buchst. A, 3, 4.
Nachbericht.
Ob dieser Befehl derer von Groningen und Sneck da-
mals, oder kurz darauf einige erhebliche Folgen für
die Getauften nach Christi Ordnung, durch Landes-
verweisungen oder dergleichen hervorgerufen habe,
haben wir nicht vernehmen können; aber daß man
nachher an diesen Orten viel härter, als der Inhalt des
Befehles lautet, durch schwere Gefangenschaft mit
diesen Leuten verfahren sei, ist uns nur zu viel zu
Ohren gekommen, wiewohl zu großem Glück und
Heil derer, die dieses um des Zeugnisses des Herrn
und seiner heiligen Wahrheit willen erlitten haben.
Gleichwohl hat sich dieses Jahr nicht ohne Blutver-
gießen der Heiligen und ohne Beraubung ihrer Güter
im Witgensteiner Land geendigt, wie aus nachfolgen-
der Beschreibung zu ersehen sein wird.
Vier Personen, nämlich Huybert op der Strafen,
Trynken seine Hausfrau, Pieter ten Hove und
Lysken te Linschoten,
werden bei Wittgenstein um des Zeugnisses Jesu
Christi willen um einen Galgen geführt, gegeißelt und
des Landes verwiesen. Im Jahre 1601.
Es hat sich im Jahre 1601 zugetragen, daß Johann
von Stein, Graf zu Witgenstein, Herr zu Homburg, als
er sich vornahm, die römische und lutherische Lehre
abzuschaffen, indem er ein Mitglied der Calvinischen
Kirche war, zugleich seine Hände an die wehrlosen
Schafe Christi, die man verächtlich Anabaptisten oder
Wiedertäufer nannte, gelegt und sie ins Gefängnis
gesetzt hat.
Unter denselben werden Huybert op der Strafen,
Trynken, seine Hausfrau, Pieter ten Huve und Lysken
te Linschoten genannt, welche letztere, wie wir gehört
haben, eine alte Frau war, über siebzig Jahre alt.
Die drei zuerst Genannten saßen zwölf Wochen
gefangen, die letztere aber siebzehn Tage, weil sie viel
später gefangen genommen wurde.
Diese litten viel Anstoß, sowohl durch scharfe Be-
drohungen, als auch durch schmeichelnde Worte, um
sie zum Abfall zu bringen. Als sie aber (nämlich die
Verfolger) ihre Seelen nicht verderben oder zum Ab-
fall bringen konnten, sind sie zuletzt auf eine un-
gegründete Anklage, daß man sie mit der heiligen
Schrift überwunden hätte (was doch weit entfernt
war), und daß sie gleichwohl in ihrer verführerischen
Sekte der Wiedertäufern bleiben wollten, alle vier auf
folgende Weise verurteilt worden: Daß alle ihre Güter
verfallen sein, und daß einem jeden derselben mit der
Rute vierzig Streiche gegeben werden und sie derge-
stalt gegeißelt, auch noch dazu auf ewig des Landes
840
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
verwiesen werden sollten. Dieses ist auch geschehen.
Also haben sie (sagen die Schreiber) diesen unschul-
digen und frommen Leuten den Leib entblößt, sie um
den Galgen geführt, dieselben gegeißelt, sie ihrer Gü-
ter beraubt und mit leeren Händen zu ihrem Schaden
vertrieben und des Landes verwiesen. Siehe in der
Vorrede des alten Opferbuches über das Jahr 1615,
Buchstabe iii, Kol. 1.
Hemes Nimrich, ein Lehrer der Taufsgesinnten,
mit mehreren andern werden um des Zeugnisses Je-
su Christi willen, nachdem Hemes zuvor durch den
Galgen geführt worden ist, in Witgenstein zur Stadt
hinausgegeißelt. Im Jahre 1605.
Unter vorgemeldetem Grafen von Stein (oder Wit-
genstein) in Deutschland (wiewohl ihm der Name
reformiert beigelegt wurde), haben gleichwohl die
Taufsgesinnten damals um ihres Glaubens willen viel
Verfolgung erlitten.
Ein Lehrer (dieses Glaubens), Hemes Nimrich ge-
nannt, wurde nebst mehreren andern in Verhaft ge-
nommen; dieser wurde nach dem Galgen geführt
(schreibt P. J. Twisck) und wusste nicht anders, als
daß man ihn enthaupten würde; als er aber dahin
kam, führte man ihn (wie man es mit den andern ge-
macht hatte) unter dem Galgen durch, und geißelte
ihn scharf; die anderen Gefangenen peitschte man zur
Stadt hinaus.
Chronik vom Untergange, das 17. Buch auf das Jahr
1605, Gedr. 1620, der zweite Teil, das 17. Buch auf das
Jahr 1605, Pag. 1590, Kol. 2.
Markus Eder und Hans Poltzinger, 1605.
Im Jahre 1605, den 24. April, sind zwei Brüder, mit Na-
men Markus Eder, ein Wagner, und Hans Poltzinger,
ein Schneider, um ihres Glaubens und der Wahrheit
Gottes willen zu Nimbach im Baierlande, als sie durch-
reisten, verraten und in Verhaft genommen worden.
Den 26. April des Morgens früh führte man sie ge-
fänglich nach Riet, wo sie bis in die fünfzehnte Woche
gefangen gelegen haben. Unterdessen hat man auf
mancherlei Weise mit ihnen gehandelt und gesucht,
sie vom Glauben abfällig zu machen. Man hat zwei
Jesuiten von der Stadt Oting zu ihnen gebracht, die
sie unterrichten und sie ihren Glauben lehren sollten;
aber sie blieben standhaft und fest im rechten Glau-
ben und wollten keiner fremden Stimme gehorchen.
Die Pfaffen zu Riet sind oft zu ihnen gekommen, um
sie zu ihrem Glauben zu bereden, aber die Brüder
sagten: Das ist ein Glaube der Abgötterei und Hu-
rerei, ein Glaube der Sünde und Lästerung, wie die
Früchte bezeugen. Von ihrem Glauben beseelt, haben
sie sich keineswegs überreden lassen, sondern haben
sich allezeit nach der Wahrheit und Lehre Christi in
Beziehung auf dasjenige wohl verantwortet, was Gott
ihnen zu erkennen gegeben hatte; dabei wollten sie
bis ans Ende bleiben, sagten sie; und wenn man auch
ihnen (durch Gottes Zulassung) das Leben nehmen
wollte, so könnte man ihnen doch an der Seele keinen
Schaden tun.
Da nun alle falsche Lehren der Pfaffen an ihnen
nichts helfen wollten, haben sie auch den Scharfrichter
seine Kirnst an ihnen probieren lassen; sie ließen sie
zweimal sehr scharf peinigen, und wollten von ihnen
wissen, wer sie beherbergt hätte, und welche Leute es
wären, zu denen sie reisen wollten; aber die Brüder
wollten ihnen solches nicht sagen, sondern sagten, sie
brauchten solches nicht zu wissen.
Da sie nun nach ihrem Willen mit ihnen nichts aus-
richten konnten, ist, nach vielen Verhandlungen, ein
Befehl von der Regierung zu Berghausen gekommen,
daß man sie mit dem Schwert hinrichten, nachher
ober mit Feuer verbrennen sollte.
Als sie nun auf den Richtplatz kamen, hat der Bru-
der Markus den Scharfrichter gebeten, er sollte Hans
zuerst richten, was er auch tat, und nachdem solches
geschehen war, sprach Markus zum Volk: Mein Bru-
der hat überwunden, dasselbe will ich auch tun. Nach
diesen Worten wurde der Bruder Markus auch ent-
hauptet, worauf sie beide verbrannt worden sind. Die-
ses ist den 26. Tag des Monats August in dem vor-
gemeldeten Jahre geschehen. Dem Scharfrichter war
befohlen, er sollte, wenn er bemerken würde, daß
sie oder einer von ihnen abfallen wollte, nachlassen
und nicht fortfahren möchte, und hätte er auch das
Schwert schon gezogen, aber sie sind in ihrer Hoff-
nung betrogen worden. Also haben diese beiden Brü-
der von dem Glauben und der Wahrheit Gottes tapfer
und standhaft bis in den Tod mit ihrem Blut Zeug-
nis gegeben. Gott, der ihnen dazu Kraft und Stärke
gegeben hat, sei Lob und Dank, in Ewigkeit.
Zur Bestätigung des Vörgemeldeten dient der kurze
Bericht, welcher in der Chronik vom Untergang der
Tyrannen, gedruckt 1620, im 17. Buch, auf das Jahr
1605, Pag. 1590, Col. 2, gefunden wird.
Im Jahre 1605 (sagt der Schreiber), den 24. April,
wurden Markus Eder und Hans Poltzinger, Taufsge-
sinnte, um des Glaubens willen, zu Nimbach in Bai-
ern verhaftet; man hat sie darauf gefänglich nach Riet
geführt, wo sie fünfzehn Wochen gefangen gelegen
haben.
Da sie nun dieselben, weder durch die Jesuiten,
noch durch die Pfaffen, von dem Glauben abbrin-
gen konnten, so haben sie den Henker (verstehe den
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
841
Scharfrichter) seine Kunst an ihnen auch probieren
lassen; sie ließen sie zweimal sehr hart peinigen, und
wollten von ihnen wissen, wer sie beherbergt hatte
und was es für Leute wären, zu denen sie reisen woll-
ten; die Brüder aber wollten ihnen solches nicht sagen.
Hiemächst sind beide mit dem Schwert hingerich-
tet, und ihre Leiber, den 26. August desselben Jahres,
verbrannt worden.
Vergleiche die zuvor angezogene Chronik mit Jak.
Th. Dal. und W. Att. Briefen.
Hans Landis, 1614.
Daß der blutige Zwang oder die Herrschaft über die
Gemüter der Menschen noch immer im Schwung ist,
ist eine betrübte Sache, insbesondere ist es zu bekla-
gen, daß diejenigen, die sich rühmen, Nachfolger des
wehrlosen Lammes (mehr als andere) zu sein, nicht
mehr von der Lammesart, sondern im Gegenteil eine
Wolfsart in sich haben. Man kann es in der Tat nicht
damit entschuldigen, daß sie mit dieser Handlungs-
weise bezweckten, die Kirche rein zu halten, sondern
es scheint vielmehr ein hitziger Sinn zu sein, wenn
man das Unkraut (oder das, was man für Unkraut
hält) auszujäten sucht, indem doch die Diener des
Herrn (da sie der Eifer anspornte, das Unkraut auszu-
rupfen) sich solches nicht unterstanden, sondern um
Erlaubnis fragten, und es unterließen, weil es ihnen
verboten war. Wenn nun jene auch fragen, oder ihres
Herrn Gesetzbuch untersuchen wollten, so würden
sie finden, daß der Hirte nicht lehrt, seine Herde zer-
reißen, sondern daß er sie als Schafe unter die Wölfe
sendet, auch daß Er nicht will, daß man das Verirrte er-
sticken, sondern ihm auf den rechten Weg helfen soll;
ferner, daß Er auch nicht den Tod des Sünders begehrt,
sondern daß er sich bekehre und lebe. Dergleichen
und noch viele andere Lehren haben wir, die alle zum
Heil und nicht zum Verderben des Menschen dienen.
Aber es scheint wohl, daß denselben noch eine Decke
vor dem Herzen hängt, daß sie dieses nicht verstehen
können, oder daß der wütende Eifer ihr Herz noch mit
solcher Grausamkeit erfüllt hat, daß sie es nicht leiden
können, daß jemand den Himmelsweg auf eine an-
dere Weise bewandle, als eben wie sie sich denselben
vorgenommen haben, und daß sie deshalb einen jeden
zwingen wollen, ihn ebenso zu bewandeln. Dieses hat
man noch im vergangenen Jahre 1614 zu Zürich, in
der Schweiz, an einem frommen Zeugen der Wahr-
heit Gottes, genannt Hans Landis, gesehen, welcher
ein Lehrer und Diener des Evangeliums Christi war
und am Rhein wohnte, welchen er aufwärts bereiste,
um einige gottesfürchtige, recht hungrige und durs-
tige Seelen nach der Gerechtigkeit mit dem Wort des
Herrn zu speisen und zu erquicken. Als solches der
Rat zu Zürich, welcher durch die Art der neidischen
Schriftgelehrten und Pharisäer aufgehetzt war, erfah-
ren, hat er solches nicht leiden können, sondern ihm
dasselbe sofort verbieten lassen, als ob sie gemeint
hätten, hiermit das evangelische Wort in seinem Fort-
schreiten zu hemmen, jedoch Hans, welcher mit Pe-
trus wusste, daß man den Geboten Gottes mehr als
den Menschengeboten gehorchen müsse, hatte solche
Liebe zu der Wahrheit und den jungen Säuglingen der
Brüste Zions getragen, daß er um menschlicher Be-
drohungen willen keineswegs hat nachlassen wollen,
dieselbe mit der rechten Speise der Seele zu speisen.
Er ist aber deshalb von den Feinden derselben gefäng-
lich eingezogen, und in eisernen Banden von Zürich
nach Solothurn den Papisten zugesandt worden, in
der Meinung, daß er weiter auf die See oder auf die
Galeeren geschickt werden würde, wiewohl er durch
Hilfe gutherziger Leute dort wieder auf freien Fuß ge-
setzt worden ist. Als er aber nachher wieder gefangen
und nach Zürich geführt worden ist, haben sie ihn
seiner Lehre wegen scharf untersucht, und als er kei-
neswegs von seinem gottseligen Vorhaben, noch auch
von seinem Glauben abstehen wollte, an ihm bezeugt,
daß ihr vor vierundachtzig Jahren (Anno 1530) erlas-
sener Befehl noch nicht in Vergessenheit geraten oder
dessen blutige Tendenz durch die Länge der Zeit sich
verwischt habe, denn nach dessen Inhalt haben sie
ihn vom Leben zum Tode verurteilt, worauf derselbe
im Monat September des vorgemeldeten Jahres 1614
als ein rechter Nachfolger Christi um der Wahrheit
willen getötet und enthauptet worden ist. Sie haben
solches jedoch nicht bekennen wollen, sondern ha-
ben vorgegeben und die gemeinen Leute, um sie zu
verführen, überredet, daß er nicht um der Religion
willen, sondern wegen seiner Halsstarrigkeit und sei-
nes Ungehorsams gegen die Obrigkeit gestraft und
getötet worden sei.
Darin haben sie ihre alte pharisäische Art recht an
den Tag gelegt, welche, als sie das imschuldige Lamm,
unser aller Heiland und Seligmacher, zum Tode verur-
teilten, nicht Vorgaben, daß es wegen seiner tugendsa-
men Lehre geschehen wäre, womit er die Menschen
zu Gott bekehre, sondern daß er um seiner Gottesläs-
terung willen sterben müsste. Und dieses ist die Art
aller Tyrannen, den Unschuldigen, neben dem Leiden
und dem Tode, noch mit falschen Beschuldigungen zu
beschweren, aber wenn der jüngste Tag des Gerichts
kommen wird, dann werden alle diejenigen, die jetzt
so unbedachtsam urteilen, auch ihr Urteil zu erwarten
haben und empfangen, und vor Angst klagen: Diese
sind es, welche wir etwa für einen Spott hatten, und
für ein höhnisches Beispiel, wie sind sie nun erhöht;
842
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
dann werden sie über ihr gottloses Wesen allzu späte
Reue haben, und es mit Zähneklappem ewig bereu-
en; dagegen aber wird dieser fromme Märtyrer und
Zeuge Gottes mit allen Gerechten, die noch unter dem
Altar liegen und warten, bis die Zahl ihrer Mitbrü-
der, die auch ihre Kleider im Blut des Lammes rein
machen, erfüllt sein wird, eine herrliche Belohnung
empfangen; und sie werden alsdann sämtlich in wei-
ßen Kleidern, mit großer Freimütigkeit, als tapfere
Helden und Bekenner Christi mit den klugen Jung-
frauen vom Bräutigam zu seiner Hochzeit eingelassen
werden, wo sie ewige Freude genießen, und das Reich
des Vaters, das ihnen von Anfang bereitet ist, ererben
werden, Amen.
Nachbericht von des Hans Landis Person und Tode.
Nachdem uns durch unsere guten Freunde B. Lou-
we und H. Vlaming ein Auszug aus einem Briefe,
geschrieben im Jahre 1659 am 19. bis 29. Juli, in die
Hände gekommen ist, aufgesetzt von einem Prediger
in Zürich, der des vorgemeldeten Märtyrers Tod mit
angesehen hat, so haben wir für gut befunden, densel-
ben (so viel zur Nachricht nötig ist) hier beizufügen.
Ferner erinnert ihr euch (schreibt er) daß Hatavier
Salr. den Hans Landis hat enthaupten sehen, was mir
auch noch in frischem Andenken ist, indem ich sol-
ches selbst auf der Wolfsstatt gesehen habe; der ganze
Vorgang ist mir so neu, als ob er (erst) vor einigen
Wochen sich ereignet hätte.
Im Verlauf beschreibt er die Gestalt seiner Person
und die Weise seines Todes, indem er sagt: Hans Lan-
dis war groß von Gestalt, hatte ein angenehmes Auße-
re, einen langen schwarzen Bart und eine männliche
Stimme.
Als er nach der Wolfsstatt (welches ein zum Ent-
haupten eingerichteter Richtplatz war) sehr ruhig und
wohlgemut an einem Seile hinausgeführt wurde, hat
der Scharfrichter, Mr. Paul Volmar, das Seil fallen las-
sen, seine beiden Hände gen Himmel erhoben und die
Worte gesagt: Ach, Gott müsse sich erbarmen; Ihm sei
es geklagt, daß du, Hans, mir in solcher Lage in die
Hände gefallen bist; vergib es mir um Gottes willen,
was ich an dir tun muss.
Hans Landis tröstete den Scharfrichter und sagte,
er hätte es ihm schon vergeben; Gott wolle es ihm
auch vergeben; er wisse es wohl, daß er der Obrigkeit
Befehl vollziehen müsse; er sollte unerschrocken sein
und sehen, daß ihn daran nichts verhindere.
Darauf wurde er enthauptet. Nachdem sein Haupt
über die Seite gebracht war, fragte der Scharfrichter:
Herr Vogt des Reichs, habe ich diesen Mann nach
kaiserlichem Rechte und Urteil gerichtet? (sonst war
es gebräuchlich zu sagen: »diesen armen Menschen«)
- als ob er der Ansicht gewesen, daß er selig und reich
gestorben wäre.
Das Volk war der Meinung, daß der Scharfrichter,
als er das Seil losließ, dem Hans damit habe Gelegen-
heit geben wollen zu entlaufen; er wisse auch, daß
allgemein gesagt worden sei: Wäre er davon gelaufen,
so wäre ihm niemand nachgefolgt, um ihn aufzuhal-
ten. So weit vorgemeldeter Auszug.
Weiterer Bericht. Hier dient noch dasjenige zur
Nachricht, was durch glaubwürdige Zeugen berichtet
wird, nämlich, daß, als mehrgemeldeter Hans Lan-
dis auf dem Richtplatze stand, um getötet zu werden,
seine liebe Hausfrau und Kindlein mit betrübtem Ge-
schrei und Jammer zu ihm gekommen seien, um zu-
letzt noch, als zum ewigen Abschied, ihm gute Nacht
zu sagen.
Er aber, als er dieselben ansah, hat gebeten, daß
sie ihn verlassen sollten, damit sein guter Vorsatz
und wohlgemutetes Herz zu dem bevorstehenden
Tode durch ihr Schreien und durch ihre Betrübnis
nicht gerührt oder verhindert werden möchte. Als
solches geschehen, und er seine Seele den Händen
Gottes anbefohlen hatte, hat der schnell darauf folgen-
de Schwertschlag sein Leben geendigt.
Von einem Verbot, durch die von Aerdenburg
gegen die Taufsgesinnten bekannt gemacht, und
was die Herren General Staaten der vereinigten
Niederlande zur Abschaffung desselben getan
haben. Im Jahre 1615.
Man fing auch an, zu Aerdenburg in Flandern, ver-
schiedene Mittel zur Verfolgung der Taufsgesinnten,
die dort wohnten und den Klauen des römischen
Wolfes entflohen waren, ins Werk zu richten, wozu ein
Verbot, welches durch den Schultheißen und Rat die-
ser Stadt erlassen wurde, Veranlassung gab. In dem-
selben war diesen Leuten zuvörderst die Freiheit, ih-
ren Gottesdienst zu halten, entzogen und überdies
befohlen, daß sie sich weder in der Stadt, noch in den
Grenzen ihrer Herrschaft, versammeln sollten.
Darauf ist erfolgt, daß man dort diese unschuldi-
gen und wehrlosen Menschen nicht nur mit schweren
Strafen oder Bußen, sondern auch mit Arretierungen
und gefänglichen Einziehungen belästigte, welcher
betrübte Anfang (allem Anscheine nach) zu größe-
rem Unheil der vorgemeldeten Leute geführt haben
würde, wenn nicht die hochmögenden Herren Gene-
ral Staaten der vereinigten Niederlande, die davon
Nachricht erhielten, sich dagegen mit einem Befehl
aufgelehnt hätten, wodurch die Urheber dieser Ver-
folgung verhindert wurden, mit Vollziehung ihres
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
843
vorgemeldeten Verbotes fortzufahren, und es ist im
Gegenteil den Verfolgten Religionsfreiheit vergönnt
worden. Der Inhalt des vorgemeldeten Befehls lautet
wie folgt:
Abschrift.
Die General Staaten, dem Schultheißen, Bürgermeis-
ter und den Ratsherren von Aerdenburg. Ehrenfeste,
ehrsame [. . . ]
Wir haben mit Verwunderung vernommen, daß
gegen unsern Beschluss der E. E. auf unsern Befehl
durch den Commissarius Jan Bogard mitgeteilt wor-
den, ihr die Gemeindemitglieder, die man Taufsge-
sinnte oder Mennoniten nennt, die in Aerdenburg
und den dazu gehörigen Ländern wohnen, noch im-
mer in der Freiheit ihrer Versammlung und Ausübung
ihrer Religion in Aerdenburg verhindert, stört und sie
beschwert mit Verbietung ihrer Versammlungen, mit
Arreststrafen (Amenden) [. . . ]
Wir beschließen aber, daß die vorgenannten Ge-
meindeglieder der Taufsgesinnten in ihrem Gemüte,
Gewissen, in ihren Versammlungen und Übungen in
Aerdenburg so frei in aller Stille und Bescheidenheit
geduldet werden sollen, als an andern Orten in den
Ländern, Städten und Plätzen der vereinigten Nieder-
lande, ohne irgendeinen Widerspruch oder Gegenre-
de. Dennoch sollt ihr über ihre Versammlungen die
Aufsicht haben, insoweit es sie gut dünkt, und sollen
sie zu dem Ende, so oft sie sich versammeln wollen, es
euch wissen lassen; also sollt ihr euch nach dem, was
wir hierin verordnen, genau richten, damit Ruhe, Frie-
de und Einigkeit in vorgemeldeter Stadt desto besser
unterhalten werde. Auch sollen vorgemeldete Glieder
wegen ihrer früher gehaltenen Versammlungen mit
keinem Arrest oder Strafe beschwert werden, worauf
wir uns verlassen und auch ihr euch verlassen sollt
Geschehen den 1. Mai 1615.
Ist einstimmig mit dem Originale, welches in Ihrer
Hochm. Kanzlei liegt. Unterschrieben: N. Ruysch.
Nacherinnerung. Im Jahre 1619.
Als vorgemeldeter Befehl ausgefertigt und auf Befehl
der Hochmögenden an gehörigen Ort übersandt wor-
den war, hatte man Hoffnung, daß man solchem nach-
kommen, und die gewünschte Ruhe dadurch wieder
hergestellt würde; aber solches ist nicht der Fall gewe-
sen (weil neidische, missgünstige Menschen dazwi-
schen kamen), denn man suchte, trotz dieses Befehls,
unter dem Scheine des Rechtes, Gelegenheit zu finden,
mehrgemeldete Leute um ihre Freiheit zu bringen und
ihre Ruhe zu stören.
Hierzu diente, oder gebrauchte man wenigstens,
eine Verordnung, die im Juli des Jahres 1619 auf Be-
fehl der Hochmögenden zum Nachteile einiger Leute
erlassen war, wiewohl solche keineswegs die Taufs-
gesinnten betraf, und gleichwohl verhinderte man sie
an ihrer Versammlung und ihrem Gottesdienst. Daher
wandten sie sich abermals mit demütigen Bittschrif-
ten an die Hochmögenden der vereinigten Niederlan-
de, daß sie von Unruhe befreit und ihnen die freie
Ausübung ihres Gottesdienstes (wie zuvor verordnet
worden war) zugestanden werden möchte, worauf
ein anderer Befehl an den Gouverneur von Sluys und
den Schultheißen und die Obrigkeit zu Aerdenburg
erfolgt ist, welcher lautet, wie folgt:
Auszug.
Die Staaten , an den Herrn von Haultain, Gouverneur
von Sluys und der umliegenden Länder, wie auch an
den Schultheißen und die Obrigkeit der Stadt Aerden-
burg.
Edle, Gestrenge, Ehrenfeste, Ehrsame, Liebe, Beson-
dere!
Wir senden hiermit beigelegte, an uns überreichte
Bittschrift der Gemeindeglieder, die man Mennoniten
oder Taufsgesinnte nennt, die zu Aerdenburg wohnen,
die sich beklagen, daß sie in der freien Übung ihrer
Religion gestört würden, die wir ihnen doch in vorge-
meldeter Stadt zugestanden haben, und zwar unter
dem Vorwand eines Befehls, der von uns vergange-
nen dritten Juli erlassen worden ist. Darauf haben wir
nötig erachtet, uns zu erklären und euch zu berichten,
daß es nicht unsere Meinung sei, daß die Klagenden
unter dem vorgemeldeten Befehl vom vorgenannten
dritten Juli begriffen sein sollen, sondern daß die Klä-
ger diese ihre Religionsfreiheit behalten, genießen und
darin in Aerdenburg fortfahren sollen, die sie auch zu-
vor gehabt haben. Darum verordnen wir, daß ihr euch
darnach richtet und daß ihr die Kläger weiter nicht
beschwert, sondern daß ihr dem nachkommen, was
zuvor von uns zugestanden und beschlossen worden
ist. Darauf wollen wir uns verlassen und euch in den
heiligen Schutz des Allmächtigen empfehlen. In dem
Haag, den 16. November 1619.
Ist einstimmig mit dem Originale, welches in Ihrer
Hochm. Kanzlei niedergelegt ist. Unterschrieben: N.
Ruysch.
Anmerkung, was hierauf erfolgt sei.
Nach diesem zweiten Befehl ist in vorgemeldeter
Stadt und in ihrem Gebiet die gehoffte Ruhe erfolgt,
wenigstens insoweit, daß uns nichts von einer erhebli-
844
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
chen Unruhe oder Verhinderung des Gottesdienstes
bekannt geworden ist.
Unterdessen brach das Unheil wieder an andern
Orten, insbesondere zu Deventer aus, obgleich man
sich dort zur reformierten Religion bekannte, indem
die Obrigkeit dieser Stadt (die durch einige neidische
und feindselige Leute aufgehetzt worden ist) die Ver-
sammlungen derjenigen, die den Glauben der Taufs-
gesinnten bekennen, durch eine Bekanntmachung, die
verschiedene Strafen gegen dieselben enthielt, zu stö-
ren gesucht haben, worüber wir sogleich Mitteilung
machen werden.
Von einem Befehl derer von Deventer, unter
andern gegen die genannten Mennoniten oder
Taufsgesinnten, im Jahre 1620.
Als das sechzehnhundert und zwanzigste Jahr nach
der Geburt Christi herangekommen war, haben die
vorgemeldeten Obrigkeiten nicht allein gegen die Rö-
mischen (von welchen sie zuvor unterdrückt wor-
den sind), sondern auch gegen die Mennoniten, oder
Taufsgesinnten, die sich allezeit friedsam und lieb-
reich neben und unter ihnen bewiesen, einen Befehl
erlassen, in welchem sie unter andern auch die Ver-
sammlung der Taufsgesinnten verboten, jedoch nicht
bei Todesstrafe.
Um dieses wohl zu verstehen, wollen wir den Be-
fehl, so viel er gegen die Taufsgesinnten gerichtet ist,
getreulich abschreiben, und dem unparteiischen Leser
mitteilen.
B ekanntmachung.
Die Obrigkeit der Stadt Deventer gebietet allen Bür-
gern und Eingesessenen ihrer Stadt, daß die Menno-
niten keine heimliche, oder öffentliche Versammlung,
oder Zusammenkunft halten sollen, worin eine Pre-
digt Trauen, oder eine sonstige Übung der Religion
verrichtet wird, es sei auch unter welchem Vorwand
es wolle; diejenigen aber, die als Diener dieses Diens-
tes ermittelt werden, sollen tätlich gestraft und auf
ewig des Landes verwiesen werden; auch soll jeder,
der in der Versammlung angetroffen wird, um das
Oberkleid und fünfundzwanzig Gulden an Geld, zum
zweiten Mal um das Oberkleid und fünfzig Gulden,
das dritte Mal aber willkürlich gestraft werden. Wer
endlich solchen Versammlungen sein Haus einräumt,
soll hundert Gulden Strafe zahlen, zum zweiten Male
zweihundert Gulden, zum dritten Male aber ewige
Landesverweisung erleiden.
Siehe in P. J. Twisck, Chronik, das 17. Buch, ge-
druckt 1620, auf das Jahr 1620, Pag. 1825, Kol. 1.
Von schweren Lästerungen wider die
Taufsgesinnten in der Provinz Holland,
zur Erweckung der Verfolgung, und wie sie sich vor
den Staaten dieses Landes verantwortet haben, im
Jahre 1626, den 8. Oktober.
Unterdessen hörte man nicht auf, zu lästern und
von der Lehre der Taufsgesinnten übel zu reden, ins-
besondere über den Artikel ihrer Bekenntnis von Gott,
wie auch von der Menschwerdung des Sohnes Gottes,
als ob sie dort ganz ungereimte, ja, ungöttliche Mei-
nungen verbreitet hätten, um (wenn es möglich wäre)
diesen Leuten, selbst mitten in den Niederlanden, eine
Verfolgung auf den Hals zu laden.
Es haben aber die hohen Obrigkeiten und die Staa-
ten des Landes selbst hiervon Notiz genommen, und
um eine klare Anschauung in der Sache zu gewin-
nen, haben sie verschiedenen Gemeinden der Taufs-
gesinnten Befehl erteilt, über jene Artikel ein einstim-
miges Bekenntnis abzulegen, und dasselbe an Ihro E.
E. Großmögende zu überreichen.
Hierzu haben sich vorgemeldete Taufsgesinnte wil-
lig finden lassen, indem sie diese Artikel schriftlich
aufgesetzt und den 8. Oktober im Jahre 1626 den Be-
vollmächtigten des holländ. Hofes übergeben haben,
deren Inhalt ist, wie folgt:
Von dem einigen Gott, Vater, Sohn und heiligen
Geist.
Wir glauben von Herzen und bekennen hiermit nach
dem Zeugnis des Wortes Gottes, daß ein einiger, ewi-
ger, allmächtiger, barmherziger und gerechter Gott
sei, 5Mo 6,5; Mt 19,17; Ps 90,2; Jes 40,28; Rom 16,25;
IMo 17,1; Ps 103,8; Phil 2,4; Dan 9,7; nebst andern,
IKor 8,4-6. Der kein Gleichnis hat, 2Mo 8,10; Jes 46,8.
Dessen Größe unermesslich und dessen Gestalt un-
beschreiblich ist (2Chr 6,18; Hi 11,8-9). Vor welchem,
über welchem und neben welchem kein anderer ist
(Jes 43,11; 5Mo 10,17; 5Mo 32,39). Der von sich selbst
ist, was er ist (2Mo 3,14). Von welchem alle Dinge,
die da sind, das haben, daß sie sind (IMo 1,1), und
durchgehends Ps 146,6; Apg 14,15. Der das A und O,
der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende
ist (Offb 21,6; Jes 41,4). Der alle Dinge weiß, sieht und
hört (Ps 94,11; ljoh 3,20; Ps 33,11; 94,9). Der allein gut
und alles Guten Quelle und Ursprung ist (Mt 19,17;
Jak 1,17). Darum kommt Ihm, dem Gesegneten, al-
lein alle göttliche Ehre, Furcht, Liebe und Gehorsam
zu, und muss Ihm gegeben werden (Ps 29,1; Lk 2,14;
5Mo 10,12,20; 6,5; Mt 22,37; Jer 11,7), welche man auch
niemandem anders, es sei Engeln, Menschen, oder
irgend andern himmlischen, oder irdischen Kreaturen
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
845
erzeigen oder beweisen soll (Offb 19,20; Apg 10,26).
Denn Er will seine Ehre keinem andern geben, noch
seinen Ruhm den Götzen (Jes 48,11; 42,8). Wenngleich
aber Gott auf diese Weise durch sein Wort im Allge-
meinen sich selbst offenbart und bekannt macht, so
gibt Er sich doch auch durch dieses sein Wort als un-
terschieden und insbesondere zu erkennen, nämlich,
daß Drei im Himmel seien, die da zeugen (ljoli 5,7).
Nicht drei Götter, sondern ein Vater, ein Wort oder
Sohn, und ein heiliger Geist, wie solches sich gezeigt
hat, als der Herr Christus getauft wurde (Mt 3,16),
und auch in den Reden Christi gelehrt wird, wenn
Er seinen Jüngern befiehlt, im Namen des Vaters, des
Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen (Mt 28,19).
Daher ist nach dem Worte Gottes, der Vater ein
wahrer Vater des Sohnes (Mt 7,21; 10,32-33; 16,17;
Mk 14,36; Joh 17). Von demselben ist der Sohn auf eine
unbegreifliche Weise von Ewigkeit ausgegangen und
vor allen Kreaturen geboren worden (Mi 5,1 ; Kol 1,15).
Darum ist der Sohn auch ein wahrer Sohn des Vaters
(Ps 2,7,12; Mt 3,17; 17,5).
Auch ist der Vater, insoweit Er Vater ist, nicht der
Sohn (Joh 3,16-17; Rom 8,3 ; Gal 4,4). Und der Sohn,
insoweit Er der Sohn ist, ist nicht der Vater (Joh 16,28;
Rom 5,10); sondern hierin ist der Vater ein anderer
als der Sohn, und der Sohn ein anderer als der Vater
(Joh 5,32,37; 10,25,29; 15,24). Auch der Vater und der
Sohn, insoweit sie Vater und Sohn sind, sind nicht
der Heilige Geist, und der Heilige Geist, insoweit er
von dem Vater in dem Namen des Sohnes ausgeht,
oder gesandt wird, ist ein anderer, als der Vater, oder
der Sohn. Aber, wenn der Vater Gott, ewig, nicht er-
schaffen, sondern ein Schöpfer aller Dinge genannt
wird, und Ihm andere göttliche Eigenschaften beige-
legt werden, so glauben wir, daß der Sohn und der
Heilige Geist mit dem Vater eins seien, denen eben die-
selbe Benennung, Gott, im höchsten Sinne, wie auch
die Ehre, der Dienst und Gehorsam zukommt. Doch
wir halten dafür, daß die Weise, wie und worin Vater,
Sohn und Heiliger Geist drei und auch eins sind, uns
von Gott nicht vollkommen in seinem Worte offenbart
worden sei, sodass auch die vollkommene Erkenntnis
hiervon zur Seligkeit nicht notwendig ist, weil es ein
hohes und tiefes Geheimnis ist, das hier in diesem
Leben nur, wie in einem dunklen Spiegel, stückweise
erkannt werden kann (IKor 13,12), sodass die voll-
kommene Erkenntnis und das wahrhafte Anschauen
durch den Glauben zwar in diesem Leben gehofft,
dereinst aber in dem ewigen Leben erst vollkommen
erkannt wird (ljoh 3,3). Daher ist auch die tiefe Unter-
suchung derselben über das Wort Gottes hinaus mehr
eine Spitzfindigkeit, als simple Einfalt. Das Wort Ei-
nes Wesens, wie auch die Worte Dreifaltigkeit und
drei Personen, welche die Alten in früheren Zeiten
ersonnen haben, vermeiden wir, weil die Schrift die-
selben nicht kennt, und weil es gefährlich ist, in der
Benennung Gottes andere Worte zu gebrauchen, als
die eigenen Worte der heiligen Schrift. Durch die Wor-
te drei im Wesen, oder drei ein Wesen, welche vormals
Jacques Outerman, wie auch einige unserer Lehrer, ge-
braucht haben, wird nichts anderes verstanden, als
was dieses unser voriges Bekenntnis in sich begreift.
Von der Menschwerdung des Sohnes Gottes.
Wir glauben und bekennen, daß Gott, als Er seine
größte Liebe an dem menschlichen Geschlecht, wel-
ches durch die Sünde in den Tod und großes Ver-
derben gefallen war, beweisen, und seine gnädigen
Verheißungen, den Altvätern gegeben, in der Tat erfül-
len wollte (IMo 3,15; IMo 12,3; IMo 22,18; 5Mo 18,18.)
Er hat zu dem Ende seinen einigen (Joh 3,16), lieben
(Lk 9,35), und werten Sohn (Mt 3,17), der von Ewig-
keit her gewesen ist (Hebr 1,2), durch welchen alle
Dinge erschaffen und gemacht sind (Kol 1,16; Hbr 1),
in diese Welt gesandt (Joh 3,17; ljoh 4,9), welcher sei-
nes Vaters Willen gern gehorsam gewesen ist (Ps 40,9;
Hbr 10,7). Ist von oben (Joh 3,19; 8,18) vom Himmel ge-
kommen (Joh 3,13; 6,62), von seinem Vater ausgegan-
gen (Joh 16,28), hat seine göttliche Klarheit verlassen
(Joh 17,5; Phil 2,6), Gestalt und Reichtum (2Kor 8,9),
ließ sich herunter (Eph 4,8), und ist in diese Welt ge-
kommen (Joh 16,28), sodass Ihn die Jungfrau Maria
durch die Kraft des Allerhöchsten (Lk 1,31) empfan-
genhat (Jes 7,14; Mt 1,23; Lk2,7). Auch ist Er selbst und
kein anderer von ihr geboren worden (Jes 7; Mt 1,25;
Lk 1; Gal 4,4). Denn obgleich Maria den Sohn Gottes in
einer andern Gestalt geboren hat, als Er bei dem Vater
vor Grundlegung her Welt war, so ist es doch eben
derselbe, dessen Ausgang von Anfang und Ewigkeit
gewesen ist (Mi 5,1; Jes 9,5). Denn das Wort oder Sohn
ist Fleisch geworden (Joh 1,14). Ja, der Gott gleich war,
ist wie ein anderer Mensch geworden (Phil 2,7). Der
Sohn Gottes ist erschienen in der Gestalt des sündli-
chen Fleisches (Rom 8,3). Gott ist offenbart im Fleisch
(lTim 3,15), sodass der zweite Mensch Christus der
Herr selbst vom Himmel ist (IKor 15,47). Daher war
das, was die Apostel an Christo mit ihren Augen sa-
hen und mit ihren Ohren hörten, auch mit den Hän-
den betasteten, vom Wort des Lebens, sodass sie das
Leben gesehen haben, das ewig bei dem Vater war
(ljoh 1). Denn Gott hat seinen erstgeborenen Sohn
in die Welt gesandt, den alle Engel und Menschen
anbeten müssen (Hbr 1,6; Phil 2,10). Wenn wir demge-
mäß glauben, so haben wir Gottes und aller Frommen
Zeugnis für uns, welche einträchtig, wie mit einer
846
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
Stimme rufen, daß der sichtbare Mensch Christus Got-
tes Sohn sei (Mt 3,17; Joh 1,2 ; 9,37; Joh 11,27; Mt 16,16;
ljoh 4,10; ljoh 5,5), der unter den Menschen gewohnt
hat (Joh 1,14; Sach 2,19; Bar 3,18). Auch ist Er von den
Hohenpriestern, weil Er sich selbst als Gottes Sohn
bekannt hat, zum Tode verurteilt worden, Mk 14,64;
Joh 18,30. Denn sie kannten ihn nicht, darum haben
sie den Herrn der Herrlichkeit, das ist den Herrn vom
Himmel, IKor 15,47, ans Kreuz genagelt, IKor 2,8. Da-
selbst hat der Sohn des lebendigen Gottes gelitten,
Hebr 5,8; welchen Gott nicht verschont hat (Rom 8,32),
sondern hat Ihn für das Leben der Welt dahin gege-
ben (Joh 3,16; ljoh 4,14), auch zum aller schändlichsten
Kreuzestod, Phil 2,8. Daran hat der Sohn Gottes sein
teures Blut zur Vergebung unserer Sünden vergossen,
(Apg 20,28; Kol 1,14; ljoh 1,7; Offb 1,5). Durch welchen
Gott die Welt gemacht hat, der hat die Reinigung un-
serer Sünden durch sich selbst gemacht, (Hebr 1,2). Ist
begraben, und am dritten Tage durch die Herrlichkeit
des Vaters wieder von den Toten auferweckt worden,
(IKor 15,12; Apg 3,26; Rom 6,4; 2Thess 1,10). Ist auf-
gefahren dahin, wo Er zuerst war, (Joh 3,13; Joh 6,62;
16,28; Eph 4,10; lTim 3,16). Sitzt daselbst zur Rechten
der Majestät seines Vaters (Eph 1,20; Hebr 1,3), von
wo Er kommen wird in den Wolken des Himmels,
zu richten die Lebendigen und die Toten, (Mt 24,30 ;
Apg 10,42; Ojfb 1,7; Rom 14,9; 2Kor 5,10).
Der Zweck der Sendung, Zukunft, Menschwer-
dung, des Leidens und Todes des eingeborenen Soh-
nes Gottes in diese Welt ist der gewesen, die Sün-
der selig zu machen (lTim 1,15; Mt 18,11), oder die
sündhafte Welt mit Gott, dem Vater, zu versöhnen
(Joh 3,17; ljoh 2,2; 2Kor 5,19). Darum ist Er auch der
einige Grund (IKor 3,11), die einige Tür zum Vater
(Joh 10), der einige Weg zum ewigen Leben (Joh 14,6),
die einige verdienstliche Ursache der Rechtfertigung
(Apg 13,38-39; Rom 3,24), und der ewigen Seligkeit,
denn es ist in keinem andern Heil, ist auch kein ande-
rer Name, wie der Apostel Petrus sagt, den Menschen
gegeben, wodurch sie selig werden, als in dem Namen
unseres Herrn Jesu Christi (Apg 4,12). Ihm sei Lob,
Preis und Ehre, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.
Dieses war unterzeichnet von zwanzig Vorstehern
der Taufsgesinnten (die alle wohl bekannt sind) im
Namen ihrer Gemeinden, als von Amsterdam, Har-
lem, Leyden, Delft, Rotterdam, Dergoude, Schiedam,
Bommel, Blockzyel.
Dieses Glaubensbekenntnis über den Artikel von
Gott und der Menschwerdung des Sohnes Gottes hat,
als sie an die Bevollmächtigten des Hofes von Holland
übergeben wurde, Ihro Hochmögende zufrieden ge-
stellt und daher die Ruhe und die Freiheit der Taufsge-
sinnten in diesem Lande, ziemlich wieder hergestellt.
wiewohl zum Missvergnügen derer, die aus Neid zu-
erst getrachtet hatten, ihre Ruhe zu stören und (wenn
es ihnen geglückt wäre) deren Unterdrückung oder
Verfolgung zu bewirken.
Es sind uns aus der Schweiz eben zu rechter Zeit
zwei Handschriften in schweizerischer Sprache zu-
gesandt worden, beide an verschiedene Gemeinden
unserer Glaubensgenossen, aber insbesondere an die
von Amsterdam und das auf Begehren und auf Veran-
lassung einiger unterdrückter Brüder, wie auch eini-
ger Diener und Ältesten (der Gemeinde) in der Pfalz
und dem Elsaß.
Das erste ist 1645, den 15. September geschrieben
und vollendet mit dem Handzeichen des Jeremias
Mangold. Das zweite im Monat Februar 1658 durch
M. Meyli.
Diese beiden Büchlein, die zu gleichem Zweck und
in gleicher Absicht geschrieben und hierher gesandt
worden sind, sollen zur Ausführung unseres vorge-
nommenen Werkes dienen, nämlich, um die Beschrei-
bung der heiligen Märtyrer, die um unseres allgemei-
nen christlichen Glaubens willen gelitten haben, bis
auf die neueste Zeit zu erstrecken und ans Ende zu
bringen.
Um dieses aufs Beste zu tun und die Sachen, die in
dem einen Buch sehr weitläufig, in dem andern aber
sehr kurz und bisweilen in Bruchstücken beschrieben
sind, in eine bequeme Form zu bringen und auszu-
drücken, soll uns keine Mühe verdrießen; darum wol-
len wir es recht gründlich nehmen und es nach der
Zeitfolge vortragen, und jedes Mal (damit hierin nicht
geirrt werden möge) anführen, aus welchem Buch wir
es genommen haben.
Von den Umständen der letzten Verfolgung in der
Schweiz wie auch von den Ursachen derselben,
1635.
Die blühende Rose der Kirche Gottes im Schweizer-
lande hatte nun etwa 21 Jahre ziemliche Ruhe gehabt,
und es lässt sich annehmen, daß die Dornen der Ver-
folgung, die vor und um das Jahr 1614 an derselben
aufgewachsen waren, durch das Blut des letztgemel-
deten Hans Landis ersättigt worden seien.
Aber im Jahre unseres Herrn 1635 ist der alte Hass
derjenigen, die man mit Unrecht Reformierte nannte,
in dasiger Gegend und insbesondere in der Stadt Zü-
rich, der schon vor hundert und zehn Jahren, nämlich
im Jahre 1525 zu Zwinglis Zeiten, als ihre Kirche erst
fünf Jahre alt war, durch öffentlichen Befehl wider die
Taufsgesinnten angefangen hatte, wieder ausgebro-
chen.
Dieses entstand hauptsächlich durch die Bekehrung
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
847
eines angesehenen, reichen und geachteten Mannes
in der Stadt Zürich, genannt Henrich F., welcher, als
er von der dortigen Obrigkeit zum Amtsfähndrich
erwählt war, seine Seele mit Angst und Not beladen
fand und sich deshalb nicht zu dem Krieg gebrauchen
lassen wollte, den er nun bedienen sollte; er suchte
daher Rat bei der Gemeinde der wehrlosen Chris-
ten oder Taufsgesinnten, ließ sich mit ihnen in den
Bund ein, verließ den Krieg und wurde dort durch
die Taufe angenommen und für einen lieben Bruder
der Gemeinde erkannt.
Dieses wurde von der Obrigkeit jener Stadt auf An-
trieb der dortigen Gelehrten sehr übel aufgenommen,
und das umso mehr, weil er auf den Grenzen ihres
Gebietes, gerade ihren Feinden gegenüber, nämlich
den römisch-katholischen, in Ruhe wohnen blieb.
Darauf ist erfolgt, daß die Obrigkeit Befehl gab, daß
alle Taufsgesinnten (die verächtlich Wiedertäufer ge-
nannt wurden) mit ihnen in die Kirche gehen und
ihrem Gottesdienst beiwohnen sollten, wenn sie an-
ders ihre Freiheit behalten wollten.
Als sie aber solches nicht mit gutem Gewissen tun
konnten, und daher sich dessen weigerten, hat die Ob-
rigkeit (in ihrer Entrüstung) im Ausgang des Jahres
1635 viele von ihnen gefänglich eingezogen, welche
aber alle bis auf drei (weil das Gefängnis nicht stark
genug war) entkommen und aus der Verfolger Hän-
den entflohen sind, die drei anderen aber, nämlich
Rudolph Egly, Ully Schmid und Hans Müller sind
geblieben und wurden auf das Rathaus, jeder in ein
besonders Gefängnis gelegt, worin sie 20 Wochen un-
ter viel Kreuz, Streit und Anfechtung, womit man sie
von ihrem Glauben abzubringen suchte, geblieben
sind.
Als sie aber nicht abfallen wollten und auch ihre Wi-
dersacher ihnen nichts abgewinnen konnten, indem
sie angelobten, daß (wenn sie freigelassen würden)
sie ihren Obrigkeiten, wie sie vorher getan hatten, alle
gebührliche Ehre, Gehorsam und Schätzung abstatten,
aber in ihre Kirchen (worum es am meisten zu tun
war) nicht gehen, auch ihrem Gottesdienst nicht bei-
wohnen wollten, so ist ihnen auferlegt worden, daß
sie sich hierzu entschließen und um deswillen mit ih-
ren Brüdern sich unterreden und besprechen sollten,
weshalb sie einen Monat lang aus dem Gefängnis und
von ihren Banden befreit worden sind.
Als sie (dem ihnen auferlegten Befehl und ihrem
Versprechen gemäß) wiederkamen und noch nicht ein-
willigen oder dem mit gutem Gewissen nachfolgen
konnten, was die Obrigkeit in Ansehung ihres Gottes-
dienstes von ihnen begehrte, hat man sie wieder in
Verhaft genommen und festgesetzt.
Als nun (nach vorhergehender Weise) ihr guter Vor-
satz und fester Glaube nicht verändert werden konnte,
hat man sie endlich auf die vorgemeldete Bedingung
wieder freigelassen; aber sie sind nachher (weil sie er-
fahren haben, was sie zu erwarten hätten) ohne Geleit
nicht wieder vor ihnen erschienen. Haec autem omnia
Principium fuerunt Dolorum Partus. Aber alle diese
Dinge waren nur ein Anfang der Schmerzen. Vergl.
Jerem. Mang. Buch nach der Vorrede, das erste Blatt
A mit M. Meylis Buch Blatt A.
Fortsetzung der Umstände der vorgemeldeten
letzten Verfolgung in der Schweiz,
auf den Schlössern Wadischwil, Knonau und Gronin-
gen, wie auch auf der Chorherrenstube zu Zürich, in
den Jahren 1636 und 1637. In dem folgenden Jahre,
nämlich 1636, den 17. März, wie auch den 17. Au-
gust, den 8. September und auch im Ausgang des-
selben Jahres, zuletzt aber im folgenden Jahre 1637
im Mai sind fast alle Taufsgesinnten, sowohl Brüder
als Schwestern, in der Schweiz, hauptsächlich aber
im Züricher Gebiet, vor gewisse von der Obrigkeit
dazu verordnete, teils obrigkeitliche, teils geistliche
Personen gefordert worden.
Erstlich auf den Schlössern Wadischwil, Knonau
und Groningen, wo sie sämtlich ihre Namen und ihr
Geschlecht angeben mussten, welche Notizen aufge-
schrieben wurden.
Zum zweiten Mal auf denselben Schlössern, wo ih-
nen vorgehalten wurde, sie sollten sich zu dem öffent-
lich und gemeinen Kirchengang daselbst bequemen,
dessen sie sich aber weigerten.
Zum dritten Mal zu Zürich auf der Chorherrenstu-
be, doch nicht alle, sondern nur einige, wo über drei
Religionsartikel mit ihnen disputiert wurde, nämlich
über den Artikel der Taufe, des Abendmahls und der
Kirchenzucht oder des evangelischen Bannes, sodass,
als sie hierüber wie auch über den ganzen Grund
ihres Glaubens sich erklärt hatten, und die Bevoll-
mächtigten fragten, ob man nicht bei solchem Glau-
ben selig werden könnte, sie zur Antwort erhielten: Ja,
man kann wohl dabei selig werden. Nichtsdestoweni-
ger haben sie den Abend darauf, als solches gesche-
hen war, abermals sehr über ihren Glauben gelästert,
gescholten und ihnen gedroht; denn wo das Fuchs-
fell (wie man im Sprichwort sagt) nicht hinreicht, da
braucht man die Löwenhaut.
Zum vierten Mal wiederum auf derselben Chor-
herrenstube, wo ihnen vorgelegt wurde, sie sollten
alle ihre beweglichen und unbeweglichen Güter ange-
ben, mit dem Versprechen, daß ihnen davon nicht ein
Stüber genommen werden sollte; dies haben sie offen-
herzig getan und alles angegeben. Hiernächst wurden
848
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
alle ihre Güter aufgeschrieben, ins Buch eingetragen
und sodann Arrest darauf gelegt.
Zum fünften Mal abermals auf den vorgenannten
Schlössern, wozu ihnen ein freier Geleitsbrief gege-
ben wurde. Hier wurden sie gefragt, wie sie sich auf
die Anforderung wegen des Kirchengangs bedacht
hätten; darauf wurde ihnen ein Brief von dem Land-
vogt auf Befehl der hohen Obrigkeit vorgelesen, des
Inhalts, daß wenn sie nicht in die Kirche gehen und
darin der Obrigkeit gehorsam sein wollten, sie gefäng-
lich eingezogen werden würden und keine Gnade zu
erwarten hätten.
Unterdessen haben vorgemeldete Brüder und
Schwestern um die Erlaubnis, das Land zu räumen
(nämlich mit ihren Gütern), mehrmals nachgesucht; es
ist ihnen aber nicht zugestanden oder verwilligt wor-
den, sondern es wurden ihnen zwei Bedingungen zur
beliebigen Auswahl gestellt, nämlich sie sollten ent-
weder mit ihnen in die Kirche gehen, oder sie müssten
in den Gefängnissen, wohin man sie gefangen legen
würde, sterben.
Auf diese erste Bedingung haben sie nicht eingehen
wollen, deshalb mussten sie das Letztere erwarten.
Dieses waren die Umstände des Verfahrens, wel-
ches vor der letzten Verfolgung der Gläubigen in der
Schweiz gegen dieselben zur Anwendung gebracht
ist. Jer. Mang. Buch, das 2. Blatt, A, B; Item M. Meylis
Buch, Blatt 3, A, B.
Von mehrgemeldeter Verfolgung selbst,
wie sich dieselbe zugetragen habe, und wie zwölf Brü-
der gefangen und zu Zürich an den Ort Othenbach zu
einigen Übeltätern gesetzt worden seien; desgleichen
was es damit im Jahre 1637 für ein Ende genommen
habe.
Nachdem mm vorgemeldete Verhandlung zwi-
schen der Obrigkeit in der Schweiz und den recht-
sinnigen Gläubigen in den dortigen Gegenden statt-
gefunden hatte, und die Gläubigen nicht nach deren
Wohlgefallen antworten konnten, weil ihre Gewissen
ihnen darin zu mächtig waren, so haben mehrgemel-
dete Obrigkeiten, insbesondere aber die Obrigkeit der
Stadt Zürich, im Monat Mai 1637 ihre Diener in Mas-
sen ausgesandt, welche mit Rasen und Toben, Flu-
chen und Schwören, ja selbst mit Zustimmung von
Misshandlungen, wie die reißenden Wölfe unter ei-
ne Herde Schafe, in die Häuser der Gläubigen einge-
fallen sind und fast alle mitgenommen, die greifen
konnten, ohne irgendjemanden zu verschonen; Jun-
ge und Alte, Männer und Weiber, Schwangere und
Säugende, Kranke und Gesunde, unter welchen ins-
besondere zwölf Brüder mit Namen genannt und in
der Abhandlung der Freunde aus Zürich angegeben
werden. Diese sind alle in der Stadt Zürich in ein sehr
feuchtes Gefängnis, Othenbach genannt, zu einigen
Übeltätern gesetzt worden, wo ihnen viel Herzeleid,
Verdruss und Jammer allein um ihrer Standhaftigkeit
willen in ihrem wahren Glauben widerfahren ist. Von
denselben sind einige, die die Strenge des Gefängnis-
ses, den Mangel der Lebensmittel und sonst erlittenes
Ungemach nicht ertragen konnten, in den Banden
gestorben, andere aber sind ohne der Obrigkeit Wis-
sen bei geöffnetem Gefängnis, unverletzt an ihrem
Glauben mit Gottes Hilfe herausgekommen, worüber
gehörigen Orts ausführlicher gehandelt werden soll.
Vergleiche dieses mit Jer. Mang., Blatt 3, B.
Ferner wollen wir aus den gemeldeten Büchern der
Ältesten und Diener in der Schweiz anführen, wel-
che Personen, so viel uns nämlich bekannt geworden
ist, während dieser Verfolgung in Verhaft genommen
worden sind, desgleichen wie und auf welche Weise
dieselben geendigt haben.
Im Monate Mai 1637 wurden drei Brüder, wovon
zwei mit Namen, nämlich Jakob Rusterholz und Peter
Brubach, genannt werden, von dem Landvogt von
Wabischwil an einen gewissen Ort beschieden und in
Verhaft gehalten; auch wurde damals Hans Landis der
Zweite, welcher ein befestigter Diener der Gemeinde
zu Horgerberg war, mit seiner Tochter Margaretha
Landis gefangen genommen, der wohl sechzig Wo-
chen in Othenbach gelegen hat.
Unterdessen hat die Obrigkeit ihre Güter verkauft
und 7000 Gulden davon gemacht, die sie für sich
selbst behielt.
Ferner einer, Rudolph Egly, der nebst zwei andern
Brüdern zwei Jahre zuvor, nämlich 1635, auf dem Rat-
haus zu Zürich gefangen gesessen hat, aber heraus-
gekommen ist, wurde nun im Jahre 1637 abermals
gefangen, sein Haus zerstört, die Kinder daraus ver-
trieben und alles verkauft, woraus sie an 500 Gulden
lösten, welches Geld die Obrigkeit ebenfalls an sich
gezogen hat.
Darnach hat man seine Hausfrau Martha Lindin-
gerin in Verhaft genommen und in Othenbach in ein
sehr feuchtes Gefängnis festgesetzt; eine Zeit lang hat
man sie sehr hart und rau gehalten und ihr scharf
zugesetzt von wegen des Gemeindegeldes, welches
den Armen der Gemeinde zugehörte und worüber ihr
Mann die Aufsicht hatte; man führte sie in den Fol-
terkeller und ließ den Scharfrichter holen, den man
neben sie stellte, und drohte ihr mit schwerer Pein
und Marter, wenn sie ihnen nicht sagen würde, wo
das Geld wäre.
Hierdurch wurde diese Frau schwach gemacht, so-
dass sie ihnen davon Nachricht gab; darauf wurde sie
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
849
losgelassen, die Güter der armen Heiligen aber ange-
schlagen, welches an Geld und Briefen sich auf 2000
Reichsthaler belief. Weil aber, wie es scheint, ihr Geist
nicht ruhen konnte, und sie sich mit großer Reue dar-
über beklagte, wurde sie eine geraume Zeit nachher
abermals gefangen und in Othenbach festgesetzt, in-
dessen mit gutem Gewissen (durch das Ausbrechen)
auf den Freitag vor Ostern nebst mehreren andern
ihrer Brüder und Schwestern von den Banden erlöst.
Vergleiche miteinander beide Bücher, sowohl des
Mangolds als des Meylis.
Erinnerung von der Beschaffenheit der nachfolgen-
den Märtyrer.
Hans Meyli (der Alte) und seines Sohnes
Hausfrau, um das Jahr 1638.
In dem Amt Knunau brach damals die Verfolgung
heftig aus, sodass auf einmal dreißig Büttel in die
Häuser der Taufsgesinnten und wehrlosen Christen
einfielen, viele Wachtfeuer machten, wobei sie rasten
und tobten, Türen und Fenster aufschlugen, mit blo-
ßen Degen hin und her durch die Häuser liefen, dann
aber ärger als Kriegsleute soffen und prassten.
Unterdessen wurde das Haus eines alten Mannes,
Namens Hans Meyli, heftig überfallen; derselbe war
ein Diener der Gemeinde, welcher im Jahre 1637 ge-
fangen gesetzt worden war; damals nahmen sie auch
die Hausfrau seines Sohnes Martin mit, obgleich sie
ein kleines säugendes Kind hatte. Nachdem man sie
hart gebunden hatte, wurde sie in das Klostergefäng-
nis Othenbach bei Wasser und Brot gesetzt und sehr
hart gehalten, um sie zum Abfall zu bringen; aber in
allen Anfechtungen ist sie standhaft geblieben, und
endlich wunderbar durch die Gnade Gottes von den
Banden erlöst worden.
Nachher, als sie schwanger war, wurde sie aber-
mals in Verhaft genommen und zu Zürich aufs Rat-
haus, dann aber in Othenbach hingesetzt, endlich ins
Gasthaus geführt und an die Kette gelegt, bis sie die
Kindeswehen überfielen; dann erst wurde ihr die Ket-
te abgenommen, worauf sie, als sie die Gelegenheit
zu ihrer Befreiung sah, noch einmal den Verfolgern
entronnen ist. Siehe das Buch vom Jahre 1645 durch
Jer. Mang., Blatt 4, B. und Blatt 5, A.
Catharina Müllerin, im Jahre 1639.
Der Nordwind der Verfolgung erhob sich damals
mehr und mehr in der Gegend von Knonau; dies hat
sich unter andern an einer alten Schwester, Catharina
Müllerin genannt, gezeigt, welche man auch ergriffen
und nach Zürich geführt hat; dort hat sie im Gefäng-
nis um des Glaubens und des Zeugnisses Jesu Christi
willen viel ausstehen müssen; aber sie ist nachher, wie
die vorhergehende, wider alle Hoffnung und Vermu-
ten, von den Banden befreit worden. Jer. Mang. Buch,
Blatt 8, B.
Den dritten Tag, des Monats Mai im Jahre 1639 wur-
den die zwei Söhne des vorgenannten Hans Meyli,
nämlich Hans Meyli, der jüngere, und Martin Meyli,
sowie dieses Hans Meylis Hausfrau sämtlich gefan-
gen und zu Zürich festgesetzt, wo ihnen, insbeson-
dere den Mannspersonen, viel Jammer, Verdruss und
Unheil zugefügt wurde, und zwar sowohl mit Fes-
seln, Handschellen, als eisernen Banden, in welche sie
zweimal geschlagen worden sind, um sie von ihrem
Glauben abfällig zu machen.
Ihre Kinder, als arme verlassene Waisen, wurden
unter Fremde getan, welches, wie zu vermuten ist,
keine geringe Betrübnis und Bekümmernis in den
Herzen der gefangenen Eltern verursacht haben muss.
Gleichwohl sind sie bei ihrem Glauben unverändert
geblieben, sodass sie nicht abfallen wollten, unerach-
tet der Liebe zu ihren unterdrückten Kindern, zu wel-
chen sie nicht kommen konnten, bis sie den Freitag
vor Ostern im Jahre 1641, nach dreijähriger Gefangen-
schaft, nebst mehreren andern ihrer Mitbrüder, un-
vermutet und ohne Verletzung ihres Gewissens von
ihren Banden erlöst worden sind. Siehe das Buch von
dem Jahre 1645, von Jer. Mang., Blatt 5, A, B.
Vier Schwestern, nämlich Barbara Mehlin, Ottilia
Müllerin, Barbara Kolbin und Elisabeth Meylin,
im Jahre 1639.
Die Verfolgung aber war damit noch nicht zu Ende,
sondern man fuhr fort und legte auch die Hände an
vier fromme Schwestern, Barbara Meylin, Ottilia Mül-
lerin, Barbara Kolbin und Elisabeth Meylin, die auch
mit aus dem bitteren Kelch der ängstlichen Gefangen-
schaft zu Zürich trinken mussten; aber der Herr hat
sie bewahrt, sodass sie, imgekränkt in ihrem Glauben,
unvermutet und ohne der Obrigkeit Wissen aus dem
Gefängnis und Banden entkommen sind. Siehe das
letztgenannte Buch, Blatt 10, A.
Wir haben auf das Jahr 1633 von einem Hans Müller
gemeldet, welcher, als er mit zweien seiner Mitbrü-
der auf dem Rathaus zu Zürich gefangen saß, auf
einen Monat mit Bedingung losgelassen, hernach aber
nochmals gefangen genommen und mit derselben Be-
dingung abermals von den Banden befreit wurde.
Dieser wurde nachher - um das Jahr 1639, wie die
Umstände ausweisen - abermals grausam verfolgt;
wie denn selbst seine Nachbarn und ihre Häuser nicht
verschont wurden; denn die Büttel liefen durch diesel-
850
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
ben wie rasende Wölfe, die einem Schaf nachspüren,
aber als sie an sein eigenes Haus kamen - aus dem
er schon entflohen war - brachen sie mit Beißzangen
und anderem Werkzeug Kisten und Kasten auf, in der
Hoffnung, dass sie der Gemeinde oder der Armen
Vorrat daselbst finden würden.
Seinen kleinen Kindern drohten die Büttel in der
Nacht mit bloßen Schwertern, daß sie sie umbringen
wollten, wenn sie nicht sagen würden, wo ihr Vater
wäre.
Als sie nun seiner nicht habhaft werden konnten,
nahmen sie seine Hausfrau mit, die sie in Othenbach
gefänglich einsetzten. Hernach wurde in der Kirche
ausgerufen, daß niemand Hans Müller, aus dem Amt
Groningen, beherbergen oder ins Haus nehmen, und
ihm weder Speise noch Trank geben sollte bei hoher
Strafe und Ungnade der Obrigkeit.
Als ihm nun das Leben sauer genug gemacht wur-
de, so hat der Amtmann im Kloster Ruti im Namen
der Bürgermeister und des Rates zu Zürich einen Brief
an ihn gesandt, des Inhaltes, daß er drei Wochen lang
ein sicheres und freies Geleit haben sollte, um zu ste-
hen und zu gehen, wohin er wollte; auch daß er ohne
Gefahr zu ihm ins Kloster kommen und, wenn das
vorgenommene Gespräch vollbracht, wieder frei und
ohne Gefahr hinweg gehen möchte.
Hierauf hat er sich gutwillig, in einem sichern Ver-
trauen auf vorgemeldete Zusage, ins Kloster begeben;
aber weil er in die Vorstellung des Amtmannes, näm-
lich in die Kirche zu gehen, nicht willigen konnte, so
wurde er daselbst festgeschlossen. Tag und Nacht ver-
wahrt und nachher nach Zürich geführt, wo er eine
Zeit lang auf dem Rathaus und nachher in Othenbach
gefangen saß, welches der Ort war, wo auch seine
Hausfrau gefangen lag. Daselbst wurde er ausgezo-
gen, sechzig Wochen lang gefangen gehalten, in wel-
cher Zeit er sechzehn Wochen lang in Eisen geschla-
gen war, bis er endlich mit den andern Gefangenen,
auf einen Freitag vor Ostern, unvermutet los kam.
Darnach wurde er abermals mit unsinniger Rase-
rei aufgesucht, wie zuvor, und von einem Platz zum
andern vertrieben, sodass er sich mit seinem Weib in
seinem Haus nicht aufhalten durfte.
Unterdessen trug es sich zu, daß seine Hausfrau
mit Zwillingen niederkam, und wurde, als sie kaum
elf Tage im Kindbett gelegen hatte, von zehn Bütteln
überfallen, welche, nachdem sie Nachts das Haus um-
ringt hatten, mit den Bedrohungen hinein kamen, daß,
wenn sie nicht sagen wollte, wo ihr Mann wäre, sie
innerhalb sechs Wochen nicht aus ihrem Haus gehen
sollte, oder sie müsste in die Kirche gehen; als sie
nun solches nicht tun wollte, sind zwei von den Zehn
daselbst geblieben, welche ihrer Tag und Nacht wahr-
nahmen.
Hierdurch wurde diese Frau in solchen Schrecken
versetzt - denn sie sah, worauf es gemünzt war - daß
sie in einer Nacht, bei großer Kälte, mit ihren zwei
säugenden Kindern ausgebrochen und einen weiten,
ungebahnten Weg über Berg und Tal gegangen ist.
Also ist sie den Händen der Feinde entgangen, und
hat alles verlassen, was sie hatte, welches die Obrig-
keit Fremden ausgeliehen und davon jährlich tausend
Gulden Renten erhoben hat. Siehe Jer. Mang. Buch,
Blatt 13, A.
Elisabeth Hilzin, im Jahre 1639.
Unterdessen handelte man viel härter und grausamer
mit diesen, als mit den Vorhergehenden; denn es blieb
nicht allein bei der Gefangenschaft, sondern man hat
sie sogar aus Mangel, Armut und Elend sterben las-
sen.
Unter die, welche den Tod erlitten haben, wird Eli-
sabeth Hilzin gezählt, eine gottesfürchtige Frau und
Schwester der Gemeinde, welche, nachdem man sie
ergriffen, gebunden und in Othenbach gefangen ge-
setzt hatte, so hart gehalten wurde, daß sie von der
Zeit an wenig gesunde Stunden mehr hatte.
Gleichwohl hat man ihr weder Mitleiden noch
Barmherzigkeit bewiesen, bis sie von allem erlittenen
Ungemach erkrankte und starb, nachdem sie ihren
Geist, den sie von Gott empfangen, Gott wieder über-
geben hatte; aber der zweite Tod wird sie nicht treffen,
nach des Herrn Verheißung. Qui vicet, nequaqum la-
edetur a Morte secunda (Wer überwindet, dem soll
von dem andern Tod kein Leid geschehen, (Offb 2,11)-
Siehe oben.
Nachbericht: Um diese Zeit 1639 wurde auch ein
junger Mann von Horgerberg, namens Hans Aster, ge-
fangen genommen; derselbe wurde auch nach Zürich
in Othenbach geführt, eine Zeit lang mit Wasser und
Brot gespeist, in den Banden ausgezogen, nachher
aber ist ihm durch einige seiner Mitgenossen heraus
geholfen worden.
Als dieses geschehen war, war er durch die schwere
Gefangenschaft so übel zugerichtet, daß man ihn in
der Nacht einen sehr weiten Weg tragen musste.
Unterdessen wurde auch seine Hausfrau mit ihrem
kleinen säugenden Kind gefangen und eine Zeit lang
in Othenbach fest eingeschlossen, sie ist aber nachher
gleichsam durch ein göttliches Wunder den Händen
der Feinde entgangen.
Die Obrigkeit trieb ihre Kinder ins Elend und ver-
kaufte ihr Haus und Hof, wofür sie 4000 Gulden be-
kam, ohne jemals wieder etwas davon zurück zu ge-
ben.
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
851
Als nun den Eltern alles entzogen war, mussten sie
hart arbeiten, um die Kost zu verdienen, worin sie
sich aber mit Gottes Verheißungen getröstet haben.
Das Buch Jer. Mang, und Meylis.
Hans von Uticken, im Jahre 1639.
Gleichwie ein heftiger Sturm alles erfasst und was
nicht fest ist, mit sich fortreißt, ebenso hat es sich
auch bis auf diese Zeit mit der Verfolgung zugetragen.
Es wurden alle mitgenommen, die mit dem Namen
Wiedertäufer belegt wurden, wo man ihrer habhaft
werden konnte.
Die Gegend Uticken-Wage hat dadurch viel aus-
stehen müssen. Unter denen, die hier wohnten, legte
man die Hände an einen frommen Bruder, genannt
Hans von Uticken, mit dem Zunamen Müller, welcher
im Jahre 1639 ins Klostergefängnis zu Zürich gesetzt
wurde.
Man gab ihm nichts als Wasser und Brot zur Nah-
rung, entzog ihm die Kleidungsstücke in den Banden
und ging sehr unbarmherzig mit ihm um, bis er, nach-
dem er hier zwei Jahre ausgehalten hatte, sehr krank
wurde. So krank er aber auch wurde, so ist ihm doch
durch einige seiner Mitgenossen (die, wie es scheint,
den unzeitigen Tod scheuten) aus dem Gefängnis ge-
holfen worden.
Als er aber zu seiner Hausfrau und zu seinen Kin-
dern kam und die Ruhe erlangte, konnte er sein Leben
nicht länger erhalten und starb, jedoch mit einer fröh-
lichen Hoffnung und freudiger Seele, weil der Lauf
seiner irdischen Wallfahrt nun ein Ende hatte und
er in seinem Glauben und Gewissen nicht schwach
geworden war.
Darauf ist erfolgt, daß seine Hausfrau, weil sie ih-
ren Mann beherbergt hatte, wie auch die Kinder, weil
sie an ihrem Vater Barmherzigkeit geübt hatten, der
Obrigkeit haben vierzig Pfund zur Strafe geben müs-
sen. Siehe beide Bücher, Jer. Mang., Blatt 6 A, und M.
Meyli, Bl. 7 B., Num. 13.
Im Jahre 1639 ist es geschehen, daß die Büttel der
Stadt Zürich unter Anführung eines Kirchendieners
daselbst, der ihnen mit einem Licht (Laterne, Fackel
oder Kerze) vorleuchtete, wie unsinnige verrückte
Menschen in das Haus eines frommen Bruders, ge-
nannt Rudolph Hägi, eingedrungen sind, welchen sie
sofort gefangen nahmen und in Othenbach festsetz-
ten, welches ein feuchtes und ungesundes Gefängnis
in der Stadt Zürich ist.
Hier wurde er in den Banden ausgezogen und 83
Wochen lang gefangen gehalten, in welcher Zeit er 16
Wochen, nebst andern seiner Mitgenossen, in Fesseln
und Ketten gelegen hat.
Unterdessen setzten sie seiner Hausfrau stark nach;
aber sie fingen nur ihr ältestes Kind, das sie mit eiser-
nen Banden und Handschellen zu belasten drohten,
wenn es nicht sagen würde, wo seine Mutter wäre.
Später aber fingen sie auch die Mutter, die sie eben-
falls ins Gefängnis Othenbach festsetzten.
Diese alle aber sind nachher, als keine Erlösung
zu erwarten war, mit ihren Mitgefangenen Brüdern
und Schwestern, durch ein gewisses Mittel, ohne daß
sie vom Glauben abgefallen wären, wieder heraus
gekommen. Jer. Mang. Buch, Blatt 6 A, verglichen mit
M. Meyli Buch bei dem Namen Rudolph.
Burckhard Aman, im Jahre 1639.
Burckhard Aman war ein gottesfürchtiger Bruder, der
am Züricher See wohnte; derselbe wurde von da nach
Zürich geführt und in Othenbach gefangen gesetzt.
Als er aber in seiner Gefangenschaft etwa andert-
halb Jahre zugebracht hatte, ist er durch Zufall, ohne
der Obrigkeit Wissen und unvermutet, frei gewor-
den, und hat den Glauben in einem guten Gewissen
bewahrt.
Doch, weil er in den Banden sehr hart und jäm-
merlich traktiert worden ist, und sehr viel Ungemach
und Leid erlitten hatte, ohne daß irgendeine wahre
christliche Hilfe oder Liebe an ihm bewiesen worden
wäre, so konnte auch sein Leben nicht lange währen,
sondern er fiel in eine Schwindsucht, worauf endlich
der Tod erfolgt ist; darum ist er auch unter die Toten
in Christo, die um seines Namens willen gelitten und
gestritten haben, gerechnet worden. Siehe Jer. Mang.
Buch von dem Jahre 1645, Blatt 20 A.
Um diese Zeit sind auch zwei Schwestern, ehrbare
Frauen, am Züricher See in Verhaft genommen wor-
den, welche nach ausgestandener Glaubensprobe von
den Banden wieder befreit worden sind. Siehe das
geschriebene Buch über das Jahr 1645.
Burckhard Aman, obwohl er von den Banden wie-
der befreit wurde, starb doch bald darauf, in Folge
des erlittenen Ungemachs und Elends.
Jakob Egly, im Jahre 1639.
Es hielt aber der Jammer der lieben Freunde und Kin-
der Gottes noch immer an, denn im Jahre 1639 legte
man auch die Hände an einen frommen Helden und
Ritter Christi aus dem Amte Groningen, Jakob Egly
genannt. Diesen führte man ebenfalls nach Zürich, wo
er im Klosterturm Othenbach festgesetzt wurde.
Darin hat er in die siebzig Wochen ausgehalten; er
konnte aber zuletzt den ungesunden Kerker und die
strenge Gefangenschaft nicht länger ertragen; also ist
852
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
er endlich, als ihm die Kräfte mehr und mehr schwan-
den und seine Krankheit zunahm, mit einem getrosten
Herzen durch den Tod aus diesem Leben geschieden,
und hat seine Seele in die Hände Gottes befohlen.
Also hat er den Lauf seiner Wallfahrt vollendet und
ist zur Ruhe der Heiligen eingegangen, und wird der-
maleinst triumphieren, wo weder Tod noch Leid, noch
Geschrei, noch Schmerz, sondern wo alles erneuert
und in Freude verwandelt sein wird, nach der Ver-
heißung des Herrn, Offb 21,4. Siehe das Buch des Jer.
Mang., vom Jahre 1645, Blatt 18 B; ferner M. Meylis
Buch, Blatt 7 A, Num. 10.
Im Jahre 1639 wurde auch der Bruder Georg Weber
gefangen, der ein alter Mann aus der Grafschaft Ki-
berg war. Er wurde gleichfalls nach Zürich in das Klos-
ter Othenbach geführt und daselbst nur mit Wasser
und Brot gespeist. Endlich ist er durch das Ungemach
und die lange Gefangenschaft jämmerlich am Leibe
verdorben und in eine schwere Krankheit gefallen,
nachdem er daselbst 70 Wochen gefangen gesessen
hatte.
Darnach wurde er durch einige seiner Mitgefan-
genen, die das Gefängnis öffneten, erlöst, aber seine
Güter hat er nicht wieder erlangt.
Was den Hof dieses Georg Weber wie auch den des
Jakob Egly angeht, so muss ein jeder Beständer der
Obrigkeit jährlich 500 Gulden davon geben. Jer. Mang.
Buch, Blatt 19 A.
Ully Schedme, mit dem Zunamen Schneider, im
Jahre 1639.
Das von den Verfolgern angefachte Feuer brannte da-
mals fort, und ihr rasender Zorn ließ nicht nach, bis
sie auch eines eifrigen und gottesfürchtigen Vorste-
hers der Gemeinde habhaft wurden, genannt Ully
Schedme, mit dem Zunamen Schneider und aus dem
Hirschstalle im Amte Wadischwil gebürtig.
Diesem hat man im Gefängnis viel Verdruss und
Leid angetan, um ihn zum gemeinen Kirchengang zu
bewegen, und ihn von den Seinen, zu welchen er bis
dahin Zugang gehabt hatte, abwendig zu machen. Als
er aber nicht darein willigen konnte und die Zeit ver-
lief, erkrankte er in Folge des schlechten Unterhaltes
und anderer erlittenen Widerwärtigkeiten allmählich,
bis endlich seine Seele vom Leibe schied; er ist also
um seiner Treue willen, durch den natürlichen Tod
ein Erbe des ewigen und seligen Lebens geworden,
welchen vollkommenen Besitz der Herr am jüngsten
Tage allen denen verleihen und mitteilen wird, die
ihm treulich und standhaft gedient haben. M. Meylis
Buch, Blatt 6 B, Num. 4.
Jakob Rusterhel von Horgerberg, im Jahre 1639.
Im Jahre 1639, nach der Geburt Christi, wurde auch
Jakob Rusterhel gefänglich nach Zürich gebracht, wel-
cher ein alter Bruder der Gemeinde am Horgerberg
war. Man setzte ihn in Othenbach gefangen, und han-
delte mit ihm sehr hart, grausam und unbarmherzig,
sodass er endlich gemütskrank wurde, und einwillig-
te mit denen, die ihn gefangen genommen hatten, in
die Kirche zu gehen, weshalb er auch auf freien Fuß
gesetzt wurde.
Als er aber zu sich selbst kam und überlegte, was
er getan hatte, und welches große Ärgernis hieraus
entstehen würde, hat es ihn gereut, sodass er seinen
Fall bitterlich beweint und sich zu dem zukünftigen
Streit wieder tapfer gerüstet hat.
Darauf wurde er sehr krank und schwach, wiewohl
er, der Seele nach, voll göttlicher Kräfte war, und sich
in seinem Hause still und verborgen hielt.
Dies konnte aber nicht länger verborgen bleiben,
deshalb, als es bekannt wurde, wurde er verraten,
abermals gefangen und, so krank er auch war, nach
Zürich geführt, wo er, an eine Kette geschlossen, ins
Gasthaus daselbst festgelegt wurde.
Als er aber dieses nicht ertragen konnte, und die
leiblichen Krankheiten ihn mehr und mehr überfielen,
ist er daselbst im Elend, wiewohl mit einer fröhlichen
Hoffnung, aus diesem Leben geschieden, und erwar-
tet in seliger Ruhe den Tag der Auferstehung von den
Toten, der ihn und alle wahre Liebhaber Gottes für
alle erlittene Schande und jeden Verdruß mit ewiger
Ehre und Freude krönen und trösten wird. Jer. Mang.
Buch über das Jahr 1645, Blatt 13; ferner M. Meylis
Buch Blatt 6 B, Num. 14.
Dieses haben wir aus der Schrift der Freunde aus
der Schweiz von dem Jahre 1658 gezogen und muss
unterschieden werden von dem, was in der Schrift
vom Jahre 1645 steht von dem Bruder Jakob Ruster-
holz, welcher fast zwei Jahre gefangen war, nachher
mit Weib und Kind aus dem Lande vertrieben wur-
de und seine Güter zurückließ, welche die Obrigkeit
verkaufte und daraus 17000 Gulden löste, ohne daß
sie etwas davon zurückgegeben hätte. Siehe des Man-
golds Buch über den Namen Jakob Rusterhel. Auch
wenn verstanden werden müsste, daß beides von ei-
ner Person geschrieben wäre, da die Zunamen Rus-
terhel und Rusterholz bloß in Klang und Aussprache,
nicht aber in der Bedeutung unterschieden sind, so
müsste folgen, daß dieselbe Person zuerst vor eini-
gen Jahren gefangen gewesen sei, jedoch nachher, als
man ihm nichts abgewinnen konnte, vertrieben, seine
Güter aber angeschlagen und verkauft worden seien,
daß er aber endlich wieder gefangen und als er, wie
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
853
zuvor, standhaft blieb, im Gasthaus an eine Kette ge-
schlossen worden sei, bis er, als er seine Seele Gott
empfohlen hatte, gestorben. Vergleiche beide Bücher
an den von uns angewiesenen Orten.
Stephan Zechender von Byrmensdorf, im Jahre
1639.
Den 23. September des Jahres 1639, brachte man ge-
bunden nach Zürich einen gottesfürchtigen, hoch be-
jahrten Bruder, genannt Stephan Zechender, welche
der Gemeinde zu Knonau angehörte, aber aus Byr-
mensdorf gebürtig war.
Dieser wurde im dortigen Klostergefängnis, wel-
ches ein sehr dumpfiger, ungesunder Kerker war,
sechzehn Wochen lang in eiserne Bande festgesetzt,
in den Banden entkleidet, mit Wasser und Brot ge-
speist, und in allen Stücken sehr hart gehalten, bis er
solches nicht länger ertragen konnte, deshalb ist er,
als er körperlich übel zugerichtet war, durch schweres
Elend an seinem Fleisch, zuletzt vom Tod überfallen
worden, nachdem er seine Seele mit geduldigem und
standhaftem Gemüt Gott anbefohlen hatte. Siehe Jer.
Mangolds Buch, Blatt 7, B, verglichen mit M. Meylis
Beschreibung, Blatt 6, B., Num. 6.
Um diese Zeit hielt sich eine alte Schwester, genannt
Catharina Grobin, in dem Knonauer Amt heimlich
bei ihrer Tochter um der Verfolgung willen auf. Der
Prediger der Kirche zu Risterschwil aber, der solches
wusste, kam und wollte sie, obgleich er allein war,
gefangen nehmen. Die Tochter wollte sie aus kind-
licher Liebe beschützen, aber er versetzte derselben
(o welche grausame Tat eines Predigers) einen sol-
chen Stoß, daß sie die Kindeswehen (denn sie war
schwanger) ankamen und sie ein totes Kind zur Welt
brachte. Unterdessen aber ist die Mutter diesem un-
göttlichen Menschen aus den Händen entronnen. M.
Meylis Buch, verglichen mit M. Mangolds Buch bei
dem Jahre 1S3S.
Ulrich Schneider mit seinen beiden Söhnen, im
Jahre 1639.
Eben an demselben Tag, als Stephan Zechender zu
Knonau gefangen genommen wurde, nämlich den
23. September des Jahres 1639, hat man auch im Amt
Wadischwil die Hände an Ulrich Schneider gelegt,
welcher, um seines rechtschaffenen Glaubens willen,
und weil er mit seinen Widersachern nicht in die ge-
meinschaftliche Kirche gehen wollte, gebunden und
in den Turm Othenbach abgeführt wurde.
Als er nun eine lange Zeit hier in eisernen Banden
Stand gehalten und außerordentlich viel Anfechtung,
Kreuz und Streit (um ihn abwendig zu machen) er-
litten hatte, auch überdies in den Banden entkleidet
worden war, verließen ihn die Leibeskräfte und er
starb, als er seinen Geist Gott übergeben hatte, im
Gefängnis. Also hat er in dem vorgelegten Streit rit-
terlich und tapfer (ohne daß er in seinem Glauben
geschwächt worden wäre) den Sieg erhalten.
Seine beiden Söhne wurden nach ihres Vaters Tod
auch gefangen genommen, und in denselben Kerker,
in welchem ihr Vater gestorben war, gesetzt, doch
hat ihnen der Herr eine Erlösung gegeben, sodass sie,
als man sich dessen am wenigsten vermutete, durch
ein glückliches Ungefähr (doch mit gutem Gewissen)
ohne der Obrigkeit Wissen, frei geworden sind.
Unterdessen hat die Obrigkeit die ganze Haushal-
tung dieser Familie zerstört, die Kinder in die Fremde
gestoßen, Haus und Hof für 7000 Gulden verkauft,
und das gelöste Geld für sich selbst behalten; die Ver-
stoßenen und Verlassenen aber, haben den Raub ihrer
Güter mit Freuden ertragen. Jerem. Mang. Buch, Blatt
11, A.
Henrich Gutwol von Lehumer, im Jahre 1639.
Einen Monat und zwei Tage später, nachdem der letzt-
genannte Zeuge Jesu Christi gefangen wurde, näm-
lich den 25. Oktober 1639, starb gleichfalls im Turme
Othenbach sehr elendig, doch mit standhaftem und
fröhlichem Gemüt, Henrich Gutwol von Lehumer, aus
dem Amt Knonau, nachdem er daselbst viel Mangel,
Armut und Elend erlitten hatte.
Es wird aber dieses sein schmerzliches und langwie-
riges Elend, worauf der Tod erfolgt ist, dermaleinst
an ihm (um seiner Standhaftigkeit willen in der ange-
nommenen Wahrheit) in ein ewiges, freudenreiches
und siegprangendes Leben verwandelt werden, nach
der Verheißung des Herrn: Sei getreu bis in den Tod,
so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben,
Ojfb 2,10.
Vergleiche beide Bücher, sowohl des Mangolds, als
Meylis miteinander, das eine vom Jahre 1645, das an-
dere vom Jahre 1658, in der Schweizersprache, über
den Namen Henrich Gutwol.
Hans Jakob Heß, mit seiner Hausfrau, im Jahre
1639.
Unter denen, welche in der Verfolgung in der Schweiz
gelitten haben, ist Hans Jakob Heß, ein erwählter und
befestigter Diener der christlichen Gemeinde, keiner
der unbedeutendsten gewesen.
Dieser wurde im Jahre 1639 zum dritten Mal in Ver-
haft genommen, denn aus den beiden früheren Gefan-
854
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
genschaften, von denen die erste in das Jahre 1637 fiel,
hatte ihn der Herr, über alles Vermuten (durch Hilfe
derer, die mit ihm gefangen saßen) wunderbar erlöst,
ebenso wie auch aus dieser dritten; es hat aber die ers-
te neunzehn Tage, die zweite acht Wochen, die dritte
aber dreiundachtzig Wochen, oder über anderthalb
Jahre gewährt.
Unterdessen aber hat man ihm das Leben sehr sau-
er und unangenehm gemacht, denn man entkleidete
ihn und legte ihn, nebst seinen andern Mitgenossen,
sechzehn Wochen lang in eiserne Bande, welches er
dennoch, mit standhaftem Gemüt, geduldig bis zur
Zeit seiner Erlösung ertragen hat.
Während dieses geschah, nämlich in demselben
Jahr, fing man auch seine Hausfrau, die zuerst auf das
Rathaus, hiernächst aber in Othenbach gesetzt wurde,
wo man sie durch schlechte Behandlung und Kost
dreiundsechzig Wochen hindurch so sehr schwächte,
daß sie abzehrte, und, nach vielem erlittenen Elend,
im Gefängnis starb.
Dieses war also das Ende dieser frommen Heldin
Jesu, welche, um das ewige, selige Leben zu empfan-
gen (um der Rechtschaffenheit ihres Glaubens willen)
erwählt hat, lieber eines langsamen Todes zu sterben,
als die zeitliche Ruhe und Gemächlichkeit dieses Le-
bens zu genießen; darum wird der gütige Gott sie
dermaleinst, mit allen, die um seines Namens willen
tapfer gelitten und gestritten haben, mit dem unver-
welklichen Kranz der Ehren krönen und belohnen. J.
Mangolds Buch, Blatt 16, A., B. und Blatt 17, A.
Von einer Bekanntmachung derer von Zürich,
im Jahre 1639 zur Beschönigung der angefangenen
Verfolgung erlassen, und von der Antwort, welche
von den Verfolgten zur Widerlegung darauf erfolgt
ist.
Als es nun geschah, daß um gemeldeter Misshand-
lungen willen, die man an den Taufsgesinnten in der
Schweiz ausgeübt hatte, diejenigen, die solches an-
gefangen hatten, auch bei der Volksmenge viel Wi-
derspruch, Flüche und Lästerung sich aufbürdeten,
so hat die Obrigkeit des Landes, insbesondere der
Stadt Zürich, welche in dem ungöttlichen Werk die-
ser Verfolgung sich besonders auszeichneten, im Jah-
re 1639 eine Bekanntmachung, Schutzschrift (so ge-
nannt) oder Verantwortung erlassen, in welcher sie
zum Schein dasjenige, was sie bereits an den Taufsge-
sinnten getan und bewerkstelligt haben, beschönigten
und entschuldigten.
Weil aber dieselbe viele Stücke enthielt die von der
Wahrheit abwichen, so haben sich viele Brüder in der
Schweiz, die noch in Freiheit (aber doch in der Verfol-
gung) waren, mit aller Sittsamkeit und Bescheidenheit
christlich und ordentlich dagegen verantwortet. Wir
könnten diese Antwort in ihrem ganzen Umfang hier
beifügen (indem sie uns treulich eingehändigt worden
ist), weil aber solches zu weitläufig sein und dieses
Werk zu sehr vergrößern würde, so wollen wir nur
das Wichtigste hier anführen.
Auf die erste Beschuldigung, die ihnen in vorge-
meldeter Bekanntmachung von den Herren zu Zürich
gemacht wird, nämlich, daß sie sich von dem schul-
digen Gehorsam der christlichen Kirche abgesondert
hätten, geben sie diese Antwort:
Hier geschieht uns gleich im Anfang großes Un-
recht, denn wir wollen uns keineswegs von der christ-
lichen Kirche absondern, sondern suchen bei dersel-
ben und dem reinen Wort Gottes zu bleiben, ja, unsern
Leib, unsere Güter und Blut dabei zu wagen. Daß wir
uns aber zu ihrer, nämlich der genannten reformier-
ten Kirche nicht halten können, geschieht aus dem
Grund, weil ihre Lehre in vielen Stücken weder mit
der alten, reinen apostolischen Lehre, noch mit den
Worten und Geboten Jesu Christi übereinkommt, und
weil wir durch Gottes gnädige Erleuchtung einen bes-
sern Weg vor uns haben, nämlich den rechten aposto-
lischen Grund, bei welchem wir auch durch Gottes
Hilfe bleiben wollen; wie denn nicht allein wir, son-
dern die ausgezeichnetsten Gelehrten diejenigen sind,
die im Anfang (der Veränderung) in der Taufe, im
Nachtmahl, im Bann, in der Gegenwehr oder Rache
die rechte Meinung mit uns gehabt, aber sich davon
wieder abgewandt haben; solches wird klar, wenn wir
ihre ersten Lehren und Schriften von hundert und
mehr Jahren her recht untersuchen wollen.
Hierauf wird in derselben Antwort gemeldet, wel-
che Lehrer im Anfang der Reformation gemeldete
Stücke recht gelehrt haben, von denen sie nachher
und insbesondere ihre Nachkommen, wieder abgewi-
chen sind, wie solches aus den Worten erhellt:
Erstlich was die Taufe betrifft, so bezeugt solches
die Konferenz oder Unterredung Zwinglis und Bal-
thasar Hubmairs im Jahre 1523 zu Zürich auf dem
Graef gehalten, wo Zwingli öffentlich bekannt hat,
daß man die jungen Kinder nicht taufen soll, ehe sie
aufwachsen und zu einem ziemlichen Alter kommen.
Er versprach auch, daß er in seinem Artikelbüchlein
davon melden wollte, wie er denn auch im achtzehn-
ten Artikel von der Firmung getan hat.
Daselbst sagt er, daß es in früheren Zeiten nicht
üblich gewesen sei, die Kinder zu taufen, sondern
daß man sie öffentlich miteinander gelehrt habe, und
daß dieselben, wenn sie zu Verstände kamen, Cate-
chumenen, das ist Unterwiesene des Wortes genannt
wurden, worauf man sie, wenn ihnen solcher Gestalt
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
855
der Glaube fest ins Herz gedrückt war und sie densel-
ben mit dem Munde bekannt hatten, getauft hat.
Er sagte, daß er wollte, daß dieser Gebrauch der
Lehre zu dieser unserer Zeit wieder angenommen
werden möchte. Auch hat sein Mitgeselle Oecolampa-
dius in einem Sendbrief an den vorgenannten Hub-
mair gesagt: Es sind uns bis Dato noch keine Stellen
der heiligen Schrift vorgekommen, die uns veranlas-
sen, die Taufe der kleinen Kinder zu bekennen, so
weit wir es nach unserer geringen Einsicht beurteilen
können.
Desgleichen über das sechste Kapitel an die Römer,
wo er von dem Worte handelt: an Ignoratis, oder wisst
ihr nicht (schreibt er), daß ein jeder Christ zuvorderst
Christum bekennen, und dann erst mit der auswendi-
gen Taufe (des Wassers) getauft werden müsse.
So schreibt auch Sebastian Hofmeister (Prediger)
zu Schaffhausen, an denselben Hubmair: Wir haben
vor dem Rat zu Schaffhausen öffentlich bekannt, daß,
wenn unser Bruder Zwinglius nur irgend will (gegen
seine vorige Meinung), daß man die Kinder taufen
soll, er hierin von dem rechten Gesichtspunkt abirrt,
und nicht nach der Wahrheit des heiligen Evangeli-
ums handelt.
Im weiteren Verlauf schreibt er: In der Tat, man hat
mich dazu nicht zwingen können, daß ich mein Kind,
das Zacharias heißt, getauft hätte; darum handelt ihr
auch christlich, daß ihr die rechte Taufe Christi, die
lange verschoben und unterdrückt war, wieder zum
Vorschein bringt; wir wollen auch wagen, es gleich-
falls zu unternehmen.
Christophorus Hogendorf (über den ersten Blief
Petri, Kap. 3) schreibt: Ihr hört, daß der Glaube vor
die Taufe gesetzt wird, indem nicht allein die Tau-
fe, sondern daneben der Glaube der Taufe uns selig
macht.
Desgleichen schreibt Cellarius an den zuvor gemel-
deten Hubmair: Da du begehrst, ich soll dir mein
Urteil von der Taufe und dem Nachtmahl des Herrn
abgeben, so will ich dir herzlich gern und in der Kürze
zu Willen werden.
Zunächst ist es ein Gräuel in den Augen Gottes,
daß man die jungen Kinder tauft, welche Taufe we-
der mit der heiligen Schrift, noch mit den Exempeln
der heiligen Apostel zu erweisen ist; demselben wi-
dersprechen auch die Gerichte Gottes, die sich in der
Austeilung der geschaffenen Dinge offenbaren; denn
im Anfang war die Erde wüste.
Die Prediger zu Straßburg: Wolfgang Capito, Cas-
par Hedio, Matthäus Zell, Symphonas Polio, Theobald
Riger, Johannes Latomus, Anthonius Firn, Martinus
Hatk und Martinus Butzer (in ihrem Buch, genannt
Grund und Ursachen, auf dem ersten Blatt) schreiben.
daß im Anfang der Kirche niemand getauft, noch in
die heilige christliche Gemeinde aufgenommen wor-
den sei, als diejenigen, die sich unter das Wort Christi
ganz gegeben hatten.
Den Grund und die Ursache solcher Lehre führen
sie aus der heiligen Schrift an, nämlich, daß sie beken-
nen, daß der Anfang vor unserem christlichen Leben
Sünde sei, und daß deswegen Johannes der Täufer,
Christus und die Apostel allezeit so angefangen und
gesagt haben: Tut Buße. Ferner: In der Versammlung
Gottes ist das Bekenntnis der Sünden jederzeit das ers-
te gewesen, das bei den Alten der Taufe vorhergegan-
gen ist, denn man hat gewöhnlich die Verständigen
und nicht die Kinder getauft.
Auf dem 2. und 3. Blatt und weiter schreiben sie,
daß ohne die Taufe des Heiligen Geistes die Wasser-
taufe nur ein Gaukelwerk sei.
Was den Artikel vom Krieg, oder von der Gegen-
wehr betrifft, so haben auch die ausgezeichnetsten
Lutherischen, die im Anfang mit den Calvinischen
Reformierten einig waren, und Zwinglischen einiges
mit uns geglaubt, z. B., daß es einem Christen nicht
gezieme, Krieg zu führen oder Gegenwehr zu leisten,
unter welchen wir zuerst Andreas Carlstatt anführen,
welcher in einem Büchlein, das davon handelt, ob
man Leiden und Ärgernis vergeben sollte, gedruckt
zu Zürich im Jahre 1524, von der Gegenwehr Folgen-
des schreibt: Uns soll nicht verführen, daß uns vorge-
worfen und gesagt wird, Krieg führen ist eine Strafe
Gottes, darum muss ja allezeit jemand sein, der den
andern bekriegt; ferner, man hat im Alten Testament
auch Krieg geführt.
Antwort auf den ersten Einwurf: Hört dagegen, was
Christus Mt 18 sagt: Es müssen allerdings Ärgernisse
kommen; aber, wehe dem Menschen, durch welchen
Ärgernis kommt. Deshalb verdienen etliche Gottes
Ungnade, daß er sie mit Krieg straft und peinigt, aber
wehe dem, der sie bekriegt, denn Er, nämlich Gott,
straft das Böse mit Bösem.
Antwort auf den zweiten Einwurf: Die Kinder Israel
haben entweder gegen sündige Völker Krieg geführt,
die sie nicht in das verheißene Land haben ziehen
lassen wollen oder gegen solche, die dieselben, als sie
darin waren, nicht in Ruhe gelassen haben, welches al-
les eine Bedeutung von dem geistigen Krieg gewesen
ist, den wir gegenwärtig in Christo als wiedergebo-
rene und neue Menschen, mit oder gegen alle Laster
und den Unglauben führen müssen.
Bald darauf schreibt er: Ferner werfen sie uns vor
und sagen: Man muss die mit Gewalt und Waffen
zwingen, die das Recht nicht zugestehen wollen.
Antwort: Wenn wir recht und christlich von der
Sache reden wollen, so geziemt uns der Krieg keines-
856
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
wegs; wir sollen nach der Lehre Christi für diejenigen
bitten, die allerlei Böses von uns sagen, und uns für
töricht halten, ja, wenn sie uns auf den einen Backen
schlagen, den andern auch herhalten, dann sollen wir
Kinder des Allerhöchsten sein. So weit Carlstatt.
Von Carlstatt geht der Schreiber auf Luther über
und sagt: In einem Büchlein, zu Wittenberg gedruckt
im Jahre 1520, sagt Luther, warum er des Papstes Bü-
cher verbrannt habe; davon lautet der 22. Artikel also:
Darum, weil er lehrt, daß es billig sei, daß ein Christ
sich mit Gewalt gegen Gewalt beschütze, gegen die
Reden Christi, Mt 5: Wer dir den Rock nimmt, dem
lasse auch den Mantel.
In einem andern Büchlein, auch zu Wittenberg ge-
druckt im Jahre 1522, steht unter andern Artikeln, die
einer von der hohen Schule aus Paris als ketzerisch
aus Lutherischen Büchern gezogen hatte, auch der,
daß er (nämlich Luther) gelehrt habe, daß die Worte
Christi Mt 5: Wer dich auf den rechten Backen schlägt,
dem biete den andern auch dar; ferner Rom 12: Rächt
euch selbst nicht, meine Allerliebsten; kein Rat seien
(nämlich den man befolgen oder unterlassen könne),
wie viele Gottesgelehrte irren (sondern die man halten
müsse).
Ferner: Es ist den Christen verboten, vor Gericht
ihr Recht zu fordern. Ferner: Weil ein Christ die Zeitli-
chen Güter nicht lieb haben darf, so darf er auch um
dieselben nicht schwören.
Es ist kurz angegeben, daß Luther eine geraume
Zeit wider die Gegenwehr mit Mund und Hand ge-
wesen ist, bis er endlich von den Rechtsgelehrten zu
einem andern Glauben verführt worden ist, wie sol-
ches Sleydanus, Buch 8, Blatt 561, bezeugt. Siehe die
älteste Auflage.
Einige Blätter weiter kommt der Schreiber auf Po-
meran Brentius und mehrere andere, die um die Jahre
1520, 1530, 1540 und später sich der Reformationssa-
che aus dem Papsttum unternommen haben und dazu
kräftige Hilfsmittel gewesen sind, die gleichwohl da-
mals nicht allein die Gegenwehr gegen die Feinde,
sondern auch, nebst der Kindertaufe, den Eidschwur
und andere Stücke, die nicht im heiligen Evangelium
Jesu Christi gegründet sind, widerlegt, und dagegen
solche Dinge gelehrt und behauptet haben, die dar-
in gegründet sind und bei den Taufsgesinnten noch
heutigen Tages gelehrt werden, obgleich einige der
vorgemeldeten Reformatoren selbst und insbesondere
ihre Nachkömmlinge wieder davon abgewichen sind.
Diese und dergleichen Dinge wurden in gemeldeter
Antwort der verfolgten Taufsgesinnten in der Schweiz
den Herren von Zürich und denen, welche vorge-
meldete Bekanntmachung zur Beschönigung der an-
gefangenen Verfolgung ausgefertigt hatten, zur Prü-
fung übergeben, worin klar ausgedrückt wird, daß
nicht die Taufsgesinnten, sondern sie selbst, von dem
Grund der Reformation abgewichen wären; daß da-
her nicht die Taufsgesinnten, die bei ihrem Grund
geblieben waren, sondern die abgefallenen Reformier-
ten selbst in diesem Stück zu beschuldigen wären,
und daß deshalb diejenigen, welche diese Bekanntma-
chung erlassen, übel getan hätten, weil sie gemeldete
Taufsgesinnte beschuldigten, daß sie sich von dem
schuldigen Gehorsam der wahren christlichen Kirche
abgesondert hätten, indem sie mit denen, die man
Reformierte nennt, nicht in die Kirche gehen, noch
ihren Gottesdienst (gegen ihre Seele und Gewissen)
annehmen wollten.
Außer diesem Punkt von dem Ungehorsam der
Kirche wurden die Brüder in der Schweiz in der ge-
meldeten Bekanntmachung auch beschuldigt, daß sie
der weltlichen Obrigkeit ungehorsam wären, aber in
gemeldeter Antwort haben sie geradezu erklärt, daß
ihnen solches mit Unrecht nachgesagt würde, ja daß
sie willig und gern bereit wären, ihren Obrigkeiten
in allen billigen Dingen zu gehorchen, für dieselbe
zu bitten, ihr Schätzung, Ehre und Furcht nach Ge-
bühr abzustatten, und wenn ihnen auch von dersel-
ben Unrecht geschähe, solches keineswegs zu rächen,
sondern es um des Herrn willen in Geduld und Leid-
samkeit zu ertragen.
Dieses waren die wichtigsten Stücke, deren in der
Bekanntmachung gedacht wird, und die von den ver-
folgten Brüdern widerlegt worden sind; die anderen
Sachen sind von geringerem Gewicht, und es ist daher
nicht nötig, solche hier anzuführen.
Gleichwohl ist keine Erleichterung erfolgt, sondern
man ist mit der Verfolgung fortgefahren, wie aus nach-
folgender Beschreibung ersehen werden kann.
Werner Phister und seines Sohnes Hausfrau, im
Jahre 1640.
Das Ende des Jahres steckte der Verfolgung noch
kein Ziel, und es konnte auch alles nichts helfen, was
zur Entschuldigung beigebracht wurde. Dieses erhellt
deutlich, denn das 1640. Jahr hatte kaum angefangen,
so hörte man schon in der Gegend von Wadischwil
wieder von Verfolgung, sodass die Diener der dasi-
gen Obrigkeit mit erschrecklichem Gerase und Getöse
(wie brüllende Wölfe und Bären) das Haus eines al-
ten frommen Dieners der Gemeinde, genannt Werner
Phister, überfallen, Türen und Fenster, und alles was
im Hause war, in Stücken geschlagen, und ihn mit
seiner Hausfrau und seines Sohnes Frau, gefangen
genommen und nach Zürich geführt haben, wo sie in
Othenbach fest geschlossen und verwahrt wurden.
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
857
Unterdessen hat die Hausfrau des alten Mannes
(durch einen Zufall) ihre Freiheit erlangt, aber dieser
alte fromme Diener selbst, wie auch seines Sohnes
Weib, als sie keineswegs von ihrem Glauben abwei-
chen, oder in die allgemeine Kirche gehen wollten,
haben es mit dem Tode bezahlen müssen, denn man
hat sie durch Mangel, Armut und Ungemach elend
sterben lassen.
Sie werden aber dereinst weder Hunger noch Durst
leiden, noch von Leiden oder vom Tode angefochten
oder überfallen werden, wenn sie der Herr, nach sei-
ner Verheißung, mit dem ewigen, glückseligen Leben
belohnen und krönen wird. Jer. Mang. Buch, Blatt 14
B, verglichen mit M. Meylis Buch, geschrieben 1658,
Blatt 6, Num. 2.
Wir haben zuvor auf das Jahr 1637 in einer Note von
einem Bruder gemeldet, genannt Peter Brubach, wel-
cher, als er damals nebst zwei andern unserer Glau-
bensgenossen gefangen war, endlich herausgekom-
men ist.
Dieser wurde im Jahre 1640 grausam verfolgt, so-
dass (den 6. Mai) sein Haus verheert, seine Knechte
und Dienstmägde verjagt, die Kinder aus dem Haus
vertrieben, Haus und Hof, Busch und Feld, bewegli-
che und unbewegliche Güter ihm genommen, ein Teil
davon an Othenbach überschrieben, das andre ver-
kauft, und daraus neuntausend Reichstaler gemacht
worden, welches die Obrigkeit an sich zog. Nicht lan-
ge nachher wurden die drei Söhne dieses Mannes in
Othenbach festgesetzt, wo sie jämmerlich zugerichtet
wurden. Jer. Mang. Buch, geschrieben 1645.
Gallus Schneider, 1640.
Auch wurde ein sehr alter Mann, genannt Gallus
Schneider, aus der Herrschaft Wadischwil, im Jahre
1640 in Verhaft genommen, nach Zürich gebracht und
in den dasigen Klosterturm gefangen gesetzt.
Man legte ihn sechzehn Wochen in eiserne Bande
und hielt ihn sehr hart, bis er endlich, als sein Glau-
be zur Genüge geprüft und unveränderlich erfunden
wurde, in den Banden sein Leben gelassen und sol-
chergestalt seine Seele Gott, von dem er sie empfan-
gen hatte, übergeben hat. Vergleiche Jer. Mang. Buch,
Blatt 15 B, mit M. Meylis Buch, Blatt 7 A, Num. 7.
Um diese Zeit wurde eine alte Schwester vom Hor-
gerberg, genannt Verena Albi, auch in Verhaft genom-
men; ist aber nachher durch ein gewisses Mittel wie-
der von den Banden befreit worden, und muss sich
nun noch heimlich halten. Mang, und Meylis Buch.
Rudolph Bachmann, 1640.
Gleichwie man der Jugend um der Blüte ihres Lebens
willen nicht schonte, ebenso hatte man auch mit alten,
abgelebten Leuten kein Mitleiden, ja, selbst mit denen
nicht, die körperlich sehr schwach und krank waren.
Unter diese gehörte auch Rudolph Bachmann, aus
der Herrschaft Wadischwil, welcher im Jahre 1640 er-
griffen wurde; er wurde aber, weil er in Folge seines
hohen Alters und seines schwachen, gebrechlichen
Körpers wegen, nicht gehen konnte, auf einen Schlit-
ten gesetzt, und auf solche Weise aus seinem Haus ins
Gefängnis, welches von demselben weit abgelegen
war, gebracht.
Nachher hat man ihn in das nächste Gasthaus ge-
führt und eine Zeit lang an Ketten geschlossen, und
ihn, weil er in seinem Glauben standhaft blieb, dersel-
ben nicht eher entledigt, bis er gestorben ist.
Aber er wird dafür dereinst von den ewigen Ban-
den der Finsternis befreit und zur Freiheit der seligen
Kinder Gottes eingeführt werden, wogegen derjenige,
der (Si quis in Captivitatem agit, in Captivitatem abit)
ins Gefängnis führt, selbst ins Gefängnis gehen wird,
(Offb 13,10).
Alsdann wird man sehen, was für ein Unterschied
zwischen den wahren Dienern Gottes und denen sei,
die dieselben verfolgt haben, denn ein jeder wird an
seinem Leib empfangen, je nachdem er getan hat, es
sei gut oder böse, 2 Kor 5,W. Verglichen mit Meylis
Buch, geschr. 1658, Blatt 6 B, Num. 3.
Damals 1640 wurde auch Heinrich Schebbi einge-
zogen, aus dem Amte Knonau, ein gottesfürchtiger
Bruder, welcher zu etlichen Übeltätern zu Zürich ins
Gefängnis geworfen wurde, die ihm viel Leid und
Unheil zugefügt haben; doch ist er zuletzt wieder aus
dem Gefängnis frei geworden. Jer. Mang. Buch.
Im Jahre 1641 wurde Hans Rudolph Baumann, ein
sehr gottesfürchtiger Mann und ein Diener der Ge-
meinde Jesu Christi am Horgerberg, mit nach Zürich
geführt, und daselbst in dem Klostergefängnis einge-
sperrt, wo er mehr als sechzig Wochen sehr genau
und fest bewahrt, und eine geraume Zeit mit Wasser
und Brot gespeist, auch in eiserne Bande gelegt wurde,
wodurch er in eine schwere Krankheit fiel.
Unterdessen ist er durch seine Mitgefangenen Brü-
der auf einen Karfreitag befreit worden, weil er aber
aus Schwachheit nicht gehen noch stehen konnte, ha-
ben sie ihn aufgehoben und ein großes Stück Wegs
getragen, also ist er den Händen der Verfolger entgan-
gen.
Hierauf wurde sein Haus und Hof verkauft, Weib
und Kinder daraus gestoßen, und aus dem verkauften
Gut dreitausend Gulden gelöst, welches die Obrigkeit
858
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
behielt. Der Herr aber wird einem Jeglichen vergelten
nach seiner Gerechtigkeit und nach seinem Glauben,
lSam 26. Vergleiche mit Jer. Mang. Buch, Blatt 12 A.
Ulrich Müller, im Jahre 1640.
Den 31. August des Jahres 1640 wurde Ulrich Mül-
ler eingezogen; derselbe war ein Diener des Wortes
Gottes in der Grafschaft Kiburg.
Man führte ihn von da nach Zürich, wo er auf dem
Rathaus eingesperrt und nach einigen Tagen in den
Klosterturm gesetzt wurde. Hier hat man fünf und
dreißig Wochen lang sehr unbarmherzig mit ihm ge-
handelt; dadurch hat sein Körper sehr gelitten, und er
ist, weil er bei seinem Glauben blieb, in großer Stand-
haftigkeit in den Banden entschlafen.
Nach seinem Tod mussten seine Kinder (zur Strafe)
der Obrigkeit für ihren Vater hundert Gulden geben,
der (wie man glaubte) als ein Ketzer gestorben war.
Vergleiche beide Bücher des Mang, und Meyli mitein-
ander über den Namen Ulrich.
Damals, nämlich im Jahre 1640, wurde auch Oswald
Landis, samt seiner Hausfrau und die Frauen seiner
beiden Söhne eingezogen, welche insgesamt in das
Kloster Othenbach festgesetzt wurden. Jakob Landis,
des Oswalds Sohn, wurde, samt seiner ganzen Familie
oder Haushaltung, ins Elend vertrieben.
Unterdessen kamen die beiden gefangenen Frauen
seiner Söhne, die säugende Kinder hatten. Nachts aus
dem Gefängnis, welches dem alten Mann, samt seiner
Hausfrau, später auch widerfuhr; aber sie mussten
alle ihre Güter im Stich lassen und in der Armut her-
umwandern, Jer. Mang. Buch.
Im folgenden Jahr 1641, legte man die Hände aber-
mals an verschiedene fromme Christen, die im Amt
Knonau wohnten; unter welchen auch Henrich Fri-
cken und Hans Ring, samt seiner Hausfrau, genannt
werden.
Henrich Fricken wurde auf dem Rathaus der Stadt
Zürich eingesperrt, und auf solche unbarmherzige
Weise misshandelt, daß er in eine Gemütskrankheit
fiel, und darein willigte, daß er in die gemeine Kirch
gehen wollte, worum es ihnen zu tun war. Darauf wur-
de er losgelassen. Als er sich aber bedachte, was er
getan hatte, wie er sein Gewissen gebeugt und seiner
Seele geschadet habe, auch die Gemeinde Gottes geär-
gert, fiel er in eine große Angst, bekannte seinen Fall,
beweint mit Petrus seine Sünden bitterlich, und, damit
seine Verfolger über seinen Abfall sich nicht freuen
möchten, begab er sich abermals auf das Rathaus zu
Zürich, damit sie ihn wieder an den Ort einsperren
möchten, wo er früher gesessen hatte, welches auch
geschehen ist.
Unterdessen wurden seine zwei großen Höfe auf
Befehl der Obrigkeit für vierhundert und zwanzig
Gulden und zwanzig Malter Korn jährlich vermietet;
auch hat man ihm an Geld und Briefen über dreizehn
Tausend Gulden abgenommen. Hernach ließ man ihn
frei, fing ihn aber noch einmal; doch ist er abermals
aus denselben Banden frei geworden; darauf wurde
er, wie zuvor, hart verfolgt, und musste in Elend und
Armut herum wandern.
Hans Ring musste auch zu Zürich auf das Rathaus,
darauf wurde er in Othenbach festgesetzt und genau
verwahrt; denselben führte man in den Folterkeller,
und zog ihn bei der Folterbank zweimal aus; ist aber
doch endlich, ohne Verletzung an seinem Glauben,
den Händen der Tyrannen entgangen.
Dieses Hans Rings Hausfrau, welche erst vor vier
Tagen niedergekommen und noch sehr krank war,
wurde von den Dienern der Obrigkeit mit gewalti-
gem Rasen und Fluchen unversehens so bestürmt
und geängstigt, daß sie zufällig (im Augenblick, wo
sie entrinnen wollte) in ein Wasserloch fiel. Als man
sie kurze Zeit darauf noch lebend fand, wurde sie
an eine Kette festgelegt, und dem Hausgesinde bei
schwerer Strafe geboten, sie nicht aus dem Haus zu
lassen. Doch ist sie endlich in der Nacht, durch einige
Freunde aus ihrem Kerker befreit, und in ein anderes
Land gebracht worden. Vergleiche Mang. Buch mit
des Meyli Buch über den oben angeführten Namen.
Von einer Bittschrift derer von Amsterdam an den
Rat der Stadt Zürich,
übergeben im Februar 1642, zur Milderung der ange-
fangenen Verfolgung, und von der Antwort, die im
Juni desselben Jahres durch die von Zürich darauf
erfolgt ist.
Die löbliche Obrigkeit der Stadt Amsterdam, in Hol-
land, welche an den Händeln ihrer Mitgenossen zu
Zürich Abscheu fand, hat den 20. Februar 1642 auf
ernstliches Anhalten der Taufsgesinnten zu Amster-
dam, in Betreff der unglücklichen Lage der Brüder
in der Schweiz, eine demütige Bittschrift an den Bür-
germeister und Rat der Stadt Zürich gesandt, damit
die Taufsgesinnten daselbst (wenn es möglich wäre)
einige Milderung in der angefangenen Verfolgung
erlangen möchten.
Diese Bittschrift, welche dort eingegangen, wohl
und geziemend eingehändigt worden ist, hat gleich-
wohl ihren Zweck nicht erreicht, sondern eine un-
freundliche und verdrießliche Antwort erweckt, wel-
che den 18. Juni desselben Jahres von ihnen aufgesetzt
und der guten Obrigkeit zu Amsterdam und folglich
auch den Taufsgesinnten daselbst zugesandt wurde;
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
859
derselben waren drei im Jahre 1639 erlassene Bekannt-
machungen beigefügt, in denen, wie wir auf dasselbe
Jahr angeführt haben, nichts anderes als Schmähun-
gen und Lästerungen über (doch ohne Grund) diese
verfolgten Leute ausgegossen wurden.
Wir könnten diesen Brief der Herren von Zürich
hier beifügen, indem wir davon eine treue Abschrift
haben, weil aber darin nur Unfreundlichkeit und Ver-
druss zu finden ist und derselbe jeder Billigkeit Hohn
spricht, auch der Erfolg es zur Genüge ausdrückt, in
welchem Geist derselbe abgefasst sei, so halten wir
es nicht der Mühe wert, ihm hier einen Platz zu gön-
nen, weil wir ja diese Herren damit verachten würden,
während uns doch befohlen ist, selbst unsere Feinde
zu lieben, und für diejenigen zu bitten, die uns verfol-
gen, Mt 5,44.
Felix Landis samt seiner Hausfrau Adelheid Egly,
um das Jahr 1642.
Felix Landis, des Hans Landis Sohn, der im Jahre
1614 zu Zürich enthauptet wurde, war ein frommer,
gottesfürchtiger Bruder der Gemeinde in Horgerberg.
Dieser wurde eingezogen und in Othenbach einge-
sperrt, an welchem Ort man mit ihm sehr unbarmher-
zig umging, denn man hat ihm in vielen Tagen nichts
zu essen gegeben, sodass selbst einige Übeltäter, die
neben ihm in einem andern Gefängnis waren, sich
über ihn erbarmten, und ihm durch eine Öffnung, die
sich dort befand, einige Speise mit Mühe zukommen
ließen.
Als nun der Türhüter solches bemerkte, wurde er in
ein anderes Gefängnis gebracht; zuletzt aber gaben sie
ihm einige Speise; sein Körper war aber schon so sehr
herunter gekommen (weil seine Eingeweide, wie es
scheint, durch anhaltenden Hunger eingeschrumpft
waren), daß er keine Speise mehr vertragen konnte,
sondern dem Tod entgegen ging.
Da trug man ihn noch in seiner größten Schwach-
heit während der Predigt in die Kirche, wo er (o eine
sehr unmenschliche Sache!) unter eine Bank niederge-
worfen wurde, doch gab er bald darauf den Geist auf,
den er in die Hände Gottes befohlen hat.
Seine Hausfrau Adelheid Egly, die auch in Othen-
bach gefangen lag, wurde dort fast vier Jahre ver-
wahrt. In dieser Zeit ist man nicht allein unbarmher-
zig, sondern auch schändlich mit ihr umgegangen;
man warf sie in manchen stinkenden Winkel, entklei-
dete sie zweimal in den Banden, und nahm ihr eine
Zeitlang jede Nacht ihre Kleider weg; nachher aber
ist sie doch, mit gutem Gewissen, von ihren Banden
befreit.
Unterdessen aber hatte die Obrigkeit ihre Haus-
haltung zerstört, die Kinder unter Fremde getan, ihr
Haus und ihren Hausrat verkauft, und daraus 5000
Gulden gelöst, welche Summe sie für sich behalten
haben.
Die Verstoßenen und Verlassenen aber haben sich,
nach den Worten des Apostels getröstet: Ihr habt den
Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, indem ihr
in euch selbst eine bessere und bleibende Habe habt
in den Himmeln, Hebr 10,34. Vergleiche Jer. Mang.
Buch vom Jahre 1645, Blatt 13 A,B mit M. Meylis Buch,
geschrieben 1648, Blatt 7, Num. 8.
Rudolph Suhner, um das Jahr 1643.
Auck legte man die Hände an einen Junggesellen,
genannt Rudolph Suhner, welcher, obgleich jung an
Jahren, dennoch im Glauben und in der Erkenntnis
Jesu Christi alt war.
Diesen hat man fast zwei Jahre in Othenbach gefan-
gen gehalten, in welcher Zeit er zu schwerer Arbeit
angehalten wurde.
Unterdessen hat man ihm mit schweren Bedrohun-
gen und erschrecklichen Vorstellungen so heftig zuge-
setzt, daß er, aus Furcht vor der bevorstehenden Not,
einwilligte, mit denen, die ihn gefangen genommen
hatten, in die Kirche zu gehen, worauf er freigelassen
wurde.
Als er aber bald darauf seinen Fall bedachte, fühlte
er große Reue, beweinte seine Sünden herzlich, und
rüstete sich abermals zu dem Vorgesetzten Streit.
Darauf wurde er abermals in Verhaft genommen,
und am vorgemeldeten Platz eingesperrt; aber viel
strenger gehalten als zuvor, denn es wurde ihm ei-
ne zeitlang (eben wie dem Felix Landis geschehen
war) jede Speise entzogen, sodass einige Übeltäter,
die dicht neben ihm gefangen saßen, ihn sehr bejam-
merten, und ihm einige flüssige, warme Speisen durch
einen Riss in der Mauer zugossen.
Als er endlich durch großen Hunger so schwach
geworden war, daß er nicht länger leben konnte, hat
er noch einmal gebeten, daß man ihm doch noch eine
warme Speise (in seiner größten Schwachheit) zukom-
men lassen wolle, welche Bitte der Turmwächtcr den
Herren zu erkennen gab, aber sie wollten im Allge-
meinen nicht einwilligen, damit sie ihn in der äußers-
ten Not (wenn es möglich wäre) zum Abfall bringen
möchten, zuletzt aber sah einer von den Herren sein
Elend an und erlaubte, daß man ihm wieder zu essen
geben möchte.
Als solches geschah, konnte er die Speisen nicht
mehr genießen oder vertragen, und ist auf solche Wei-
se verschmachtet und in den Banden Hungers gestor-
ben. Demselben wird der Herr dermaleinst mit ewiger
860
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
Erquickung an seiner himmlischen Tafel es vergelten
und belohnen. Selig seid ihr, die ihr nun hungert, denn
ihr werdet satt werden, Lk 6,21. Vergleiche Jer. Mang.
Buch, Blatt 14, mit M. Meylis Buch, Blatt 7, Num. 8.
Drei Schwestern, nämlich Elisabeth Bachmannin,
Elssa Bethezei und Sarah Wanry, um das Jahr 1643.
Das Heerlager Gottes, welches sich zum Streit und
Leiden Jesu Christi rüstete, bestand damals nicht al-
lein in Mannspersonen (die man bisweilen für die
Stärksten hält), sondern auch in Weibern (denn Gottes
Kraft wird in den Schwachen mächtig), welches an
drei frommen Heldinnen Gottes, nämlich Elisabeth
Bachmannin, aus dem Gröninger Amt, des Hans Jag-
li von Bartschwil Hausfrau, Elssa Bethezei, aus dem
Knonauer Amt, des Jakob Ikelme Hausfrau, Sarah
Wanry vom Horgerberg, des Hans Phisters Hausfrau,
zu ersehen ist; diese sind zu Zürich im Turm Othen-
bach und im Gasthaus gebunden gefangen gesetzt
worden, und haben ihr Leben um des Zeugnisses Jesu
Christi willen durch Mangel, Elend und Ungemach
geendigt.
Dieses alles ertrugen sie mit Gottesfurcht und Ge-
duld, und hielten dafür, daß das Ende dieses ihres
Lebens der Anfang des zukünftigen sei. So ist denn
auch wahrlich ihre erlittene Unruhe der Anfang der
Ruhe der Heiligen gewesen, die sich dermaleinst für
ihr kurzes Leiden, das sie um des Namens des Herrn
willen ertragen haben, ewig freuen werden. Denn un-
sere Trübsal die zeitlich und leicht ist, schafft eine
ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit,
2Kor 4,17. Vergleiche das Vorgehende mit des Meyli
Buch, gegeben 1658, Blatt 8 A, Num. 1,2,3.
Verena Landis, um das Jahr 1643.
Eine alte Schwester, Verena Landis genannt, wurde in
der Nacht mit einem erschrecklichen Geräusch und
Getümmel in ihrem Haus überfallen, wodurch diese
Frau so sehr erschreckt wurde, daß sie ohnmächtig, ja,
krank wurde, und deshalb den Bütteln nicht folgen
konnte.
Als man sie nun nicht fortbringen konnte, musste
sie versprechen, daß sie in ihrem Hause gefangen
bleiben wollte, welcher Verheißung sie auch nachkam.
Als man aber mit ihr sehr hart umging, und ihr
schlechten Unterhalt verschaffte, ist endlich bald dar-
auf der Tod erfolgt; also ist sie mit einer fröhlichen
Hoffnung und getrostem Herzen aus diesem Leben
geschieden, welche der Herr dermaleinst, weil es um
seines Namens willen geschehen ist, mit dem Leben
der seligen Ewigkeit krönen und sie vom ewigen Tod
befreien wird. Der Tod wird nicht mehr sein, noch
Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein,
denn das Erste ist vergangen, Offb 21,4. Jer. Mang.
Buch, Blatt 15, verglichen mit M. Meylis Buch, Blatt 8
A.
Barbara Neef, um das Jahr 1643.
Diese Frau war schwanger und dem Ziel nahe, als sie
durch die Verfolgung hin und her getrieben wurde.
Nachher, als sie niedergekommen war, und drei
Tage im Kindbett gelegen hatte, wurde sie verraten
und eingezogen.
Darauf hat man sie sofort in der schärfsten Win-
terkälte vier Stunden Weges nach dem Gefängnis ge-
führt, in welchem sie, um des unerträglichen Frostes
willen körperlich jämmerlich gelitten hat, sodass sie,
obgleich sie vor ihrem Tod von den Banden befreit ist,
doch bald darauf den Tod hat schmecken müssen, und
ruht mm ihre Seele unter dem Altar Gottes. Vergleiche
Jer. Mang. Buch über das Jahr 1643, Blatt 16 A, mit
M. Meylis Buch, Blatt 8, nach den drei vorgemeldeten
Frauen, Num. 1.
Barbly Ruff, um das Jahr 1643.
Es haben aber die Verfolger nicht geruht, sondern sind
fortgefahren und in aller Schnelligkeit bis ins Knonau-
er Amt eingedrungen; dort überfielen sie eine andere
Schwester, genannt Barbly Ruff, welche auch schwan-
ger war; darüber hat sich diese gute Frau über die
Maßen entsetzt, weil es unerwartet geschah, sodass
sie die Kindeswehen ankamen, und denen, die sie
gefangen hatten, nicht folgen konnte.
Darum hat man sie an eine Kette in ihres Schwagers
Haus festgeschlossen, und dem Hausgesinde befoh-
len, sie gut zu verwahren.
Als sie nun des Kindes genesen und wieder ein
wenig stark geworden war, sie (wegen des erlittenen
Ungemachs) nicht gesund war, ist sie (als man es nicht
vermutete) von da in ein anderes Land entkommen;
sie musste aber bald darauf (weil ihr Leben durch die
Verfolgung sehr geschwächt war) durch den Tod aus
diesem Leben wandern, was sie willig und geduldig
zum Preis des Herrn mit tapferem und standhaftem
Gemüt ertragen hat. Also ist sie zur Ruhe der Heiligen
eingegangen und erwartet den Tag, der sie und alle
Frommen dermaleinst trösten wird.
M. Meylis Buch, gegeb. 1658, Blatt 8 B, verglichen
mit Jerem. Mang. Buch auf das Jahr 1645 über den
Namen Barbly.
Um diese Zeit 1643 sind auch zwei Schwestern,
nämlich Martha Lindne und Annill Blaeu, sehr be-
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
861
kannte und berühmte Frauen um ihres Glaubens wil-
len, in Verhaft genommen worden. Die Martha wurde
in Othenbach festgesetzt und ihr mit dem Scharfrich-
ter gedroht, der neben ihr stand, wenn sie nicht wollte
das Armengut, das ihrem Mann war anvertraut wor-
den, anzeigen. Als sie nun dasselbe angegeben hatte,
nahmen sie es, und behielten es, welches bei tausend
Taler ausmachte. Die Annill wurde, weil sie schwan-
ger war, im Gasthaus an eine Kette geschlossen bis
nach ihrer Niederkunft. Als aber viele für sie baten,
ist sie, insbesondere durch Fürbitte des obersten Pfar-
rers, Printiger, wieder frei geworden, und ist nach
der Unter-Pfalz gezogen, allwo sie mit ihrem Mann
(genannt Moneth Meylich), der auch viel Verfolgung,
Druck und Gefangenschaft (um der Standhaftigkeit
seines Glaubens willen) hatte ausgestanden, sich nie-
derließ, und noch leben, wie man nicht anders weiß,
durch Gottes Segen, in gutem Wohlstand. Vergleiche
die zwei Bücher des M. Meyli und Jer. Mangold über
die oben angeführten Namen.
Henrich Boiler, um das Jahr 1644.
Es war auch damals eine allgemeine Sitte, die Leute
im Gefängnis sterben zu lassen. Dies war an einem
gottesfürchtigen Bruder, genannt Henrich Boiler, aus
der Herrschaft Wadischwil zu ersehen, einem Mann
von hohem Alter und sehr schwachem Körper.
Derselbe wurde eingezogen, und nach dem Gefäng-
nis Othenbach in Zürich geführt und daselbst in Ban-
de gelegt.
Als man nun mit ihm sehr unbarmherzig und ohne
Mitleiden umging, hat sein hohes Alter und seine
damit verbundene Schwachheit solches nicht ertragen
können; deshalb ist er, als er seinen Geist in die Hände
Gottes befohlen, dort im Gefängnis gestorben; solches
wird ihm aber am Tage der Auferstehung vergolten
werden, wenn erfüllt werden wird, was der Prophet
sagt: Aber deine Toten, o Gott, werden leben, und mit
dem Leibe auferstehen. Wacht auf und rühmt, die ihr
unter der Erde liegt, denn dein Tau ist ein Tau des
grünen Feldes, Jes 26,19 . Vergleiche Jer. Mang. Buch,
Blatt 16 A, mit der Beschreibung des M. Meyli, Blatt
6 B, wiewohl dort anstatt Henrich (durch Irrtum im
Abschreiben) Hans geschrieben steht.
Nota — Den 11. Juni des Jahres 1644 legte man
die Hände an einen alten Bruder vom Horgerberg,
genannt Conrad Stricke, welcher, ob er wohl außer
den Zürichschen Grenzen ergriffen ward, dennoch
nach Zürich an den Platz Othenbach gefangen gesetzt
und alle Nacht in Ketten geschlossen wurde.
Also hat man auch seine Hausfrau eingezogen und
an demselben Ort gefangen gelegt; dieselbe ist aber
durch eine gewisse Gelegenheit, ohne Verletzung ih-
res Glaubens, wieder frei geworden; aber dem vor-
gemeldeten Conrad, ihrem Mann, konnte das nicht
widerfahren, denn er hat noch im Ausgang des Jahres
1645 in schwerer Gefangenschaft gesessen, nach der-
selben Zeit haben wir von ihm und seiner Befreiung
nichts vernommen. Siehe Jer. Mang. Buch, gegeben
1645, über den Namen Conrad.
Von einem Schreiben aus der Schweiz,
welches die Bedrohungen derer zu Bern wider die
Taufsgesinnten in denselben Gegenden enthält, im
Jahre 1645.
Als nun schon einige Brüder und Schwestern in der
Schweiz von Elend, Mangel, Hunger und Kummer
im Gefängnis umgekommen waren, von denen doch
noch fünf am Leben und im Gefängnis blieben, so
haben die übrigen, die noch außer Banden waren,
als ihnen insbesondere durch die von Bern gedroht
wurde, daß man sie alle des Landes verweisen, ihre
Güter anschlagen und verkaufen wollte, ihre Zuflucht,
nebst Gott mit einem demütigen und freundlichen
Schreiben zu ihren Glaubensgenossen in Holland und
in den Niederlanden genommen, mit der Bitte, sie
wollten für sie Gott den Herrn um Trost und Gnade
brünstig anrufen, damit sie dasjenige, was ihnen um
seines heiligen Namens willen begegnen würde, in
Geduld und Leidsamkeit ertragen mochten.
Dieses war den 22. Tag im Heumonat alter Zeit im
Jahre unseres Herrn 1645 geschrieben und unterzeich-
net von Hans Duster, zu Baltzen, einem Ältesten an
dem Wort des Herrn; Ruth Kuntsel, zu Muchem, ei-
nem Diener am Wort des Herrn, beide aus dem Berner
Gebiet. Ruth Hage, einem Ältesten; Hans Mully, ei-
nem Diener; Hans Sluß, einem Diener, alle aus dem
Züricher Gebiet.
Was hierauf erfolgt sei, und was sich nachher mit
denen, die im Gefängnis waren, zugetragen habe,
kann in dem Zusatz, bei Ully Wagman, gesehen wer-
den.
Wie es aber die Vertriebenen, die nicht gefangen
lagen, in ihrem Elend und in ihrer Armut gemacht
haben, darüber haben wir keine zuverlässigen Nach-
richten erhalten; es kann aber aus der betrübten Sache
zur Genüge beurteilt werden.
Von einem Befehl derer von Schaffhausen wider
diejenigen, die man Wiedertäufer nannte, bekannt
gemacht um das Jahr 1650.
Die Verfolgung über die Schafe Christi beschränkte
sich damals nicht auf die Gebiete von Zürich und
862
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
Bern, sondern wie der Blitz schnell von einem Ort
zum andern schießt, so ging es auch hiermit, denn es
folgten auch die von Schaffhausen, welches gleichfalls
eine von den Städten in der Schweiz ist, die Kantons
genannt werden, der Spur ihrer Mitgenossen, und
verfielen auf das Ausbannen der wehrlosen Leute, die
unter ihrem Schutz bisher friedsam gewohnt hatten
und Wiedertäufer genannt wurden.
Man hat ihnen aber eine gewisse Zeit gesetzt, in wel-
cher sie mit ihren Haushaltungen wegziehen konnten,
weshalb die Not derer, die es betraf, nicht so groß ist,
als die Not derer, von welchen wir zuvor gemeldet
haben und noch melden werden.
Dieses alles ward durch einen Befehl hervorgeru-
fen, der zu dem Ende bekannt gemacht wurde, wel-
chen man, wenn es nötig wäre, hier beifügen könnte,
aber aus Gründen sind wir genötigt uns der Kürze
zu befleißigen, und unsere Beschreibung, so viel als
möglich ist, abzukürzen.
Von einem Befehl von dem Fürsten von Neuburg
gegen die sogenannten Wiedertäufer, bekannt
gemacht ums Jahr 1653.
Gleichwie ein unschuldiges Lamm dem Wolf entläuft,
und zuletzt dem Bären in die Klauen fällt, so trug es
sich auch damals zu; denn einige der wehrlosen Nach-
folger des sanftmütigen Jesu, die nicht länger in den
Grenzen des Schweizerlandes unter dem Gebiet der
Zwinglischgenannten Reformierten Sicherheit hatten,
wandten sich nach verschiedenen Richtungen und,
wie es sich denken lässt, auch in das Bergische und Jü-
lichsche Land und nach anderen Gegenden, worüber
der römisch-katholische Fürst von Neuburg, Willem
Wolfgang, regierte, wie ihnen denn dort eine lange
Zeit durch die Finger gesehen wurde, daß sie im Frie-
den wohnen konnten.
Aber um das Jahr 1653 hat es sich zugetragen, daß
derselbe Fürst, welcher (wie man vermutet) von ei-
nem missgünstigen und feindseligen Jesuiten aufge-
wiegelt worden ist, sich auch gegen alle sogenannten
Wiedertäufer in den Grenzen seiner Regierung sehr
streng zeigte, indem er durch einen öffentlichen Be-
fehl diese Leute, in welcher Gegend seines Landes sie
auch wohnten, ausbannen ließ, jedoch unter nachste-
henden Modifikationen:
1. Dass alle Wiedertäufer, die von der römischen
Religion zu ihnen übergegangen wären, ohne Verzug
und sofort das Land räumen sollten.
2. Dass alle anderen Wiedertäufer, die nicht von den
Römischgesinnten abgegangen wären, sondern ihren
ursprünglichen Glauben beibehalten hätten, wenn sie
keine liegenden Güter hätten, innerhalb eines halben
Jahres das Land räumen sollten.
3. Dass allen Wiedertäufern, die liegende Güter hät-
ten und beständigen Kaufhandel trieben, zu ihrem
Abzug (um ihre Sachen in Richtigkeit zu bringen) ver-
gönnt sein sollte, zwei Jahre, und das alles unter be-
stimmten Bedrohungen.
Solches ist auf seinen Befehl ausgeführt, und überall
in seinem Gebiet, wo man Befehle bekannt zu machen
pflegte, angeschlagen und ohne Verzug verkündigt
worden, wie es denn zu Glabbeck im Jülicher Lande
(woher wir die Nachricht von dieser Sache erhalten
haben) den letzten Januar des Jahres 1653 geschehen
ist.
Unterdessen wurden mehrere Bittschriften an den
Fürsten um Erleichterung oder Milderung des vorge-
meldeten Befehls übergeben, zu deren Berücksichti-
gung er, wie es scheint, wohl geneigt war; er ist aber,
ehe solches geschehen, mit Tode abgegangen, weshalb
das, was schon bekannt gemacht worden war, von de-
nen, die ihm in der Regierung nachfolgten, bestätigt
worden ist.
Daher mussten die vorgemeldeten Leute diese Ge-
gend räumen und ein jeder sehen, wo er hinkam; es
hat aber Gott der Herr vielen von ihnen die Gnade
bewiesen, daß sie in Frieden und mit Freuden an den
Orten, wo sie hinzogen, insbesondere im Clevischen
unter dem Churfürsten von Brandenburg und in den
Niederlanden aufgenommen worden sind.
Wenn sie euch in einer Stadt verfolgen, sagt der
Herr, so flieht in eine andere; wahrlich, ich sage euch,
ihr werdet die Städte Israels nicht alle durchwandeln,
bis des Menschen Sohn kommt, Mt 10,23.
Ully Wagman nebst einem andern Bruder, im Jahre
1654.
Wie es scheint, so erfolgte zwischen den Jahren 1644
und 1645 im Züricher Gebiet einige Ruhe oder Erleich-
terung, denn wir haben nicht gehört, daß jemand im
Gefängnis durch schlechte Kost oder Misshandlung
gestorben wäre, obwohl einige, von welchen wir be-
reits Meldung getan haben, schon eine geraume Zeit
zuvor eingezogen worden waren. Als aber das 1645.
Jahr herbeikam, haben wir abermals von da aus von
dem Tode eines frommen Christen Nachricht erhalten.
Man hatte das Auge auf die Vorgänger der Gemein-
de gerichtet, vorzüglich auf diejenigen, welche das
Wort Gottes bedienten, unter denselben hat man einen
sehr lieben und werten Mann verhaftet und zu Zürich
ins Kloster Othenbach gesetzt, der über die Gemeinde
Jesu Christi aus treuem Herzen, nach seiner von Gott
empfangenen Gabe, die Aufsicht hatte und dieselbe,
dem Geiste nach, besorgte, genannt Ully Wagman.
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
863
Als man nun, während seiner Gefangenschaft, ihn
hart hielt und streng mit ihm handelte, so haben sich
des Todes Vorboten bei ihm angemeldet, und er ist,
nachdem er seine Seele Gott befohlen hatte, aus die-
sem Leben geschieden. Vergleiche beide mehrgemel-
dete Bücher.
Mit ihm wurde noch ein Bruder eingezogen, wel-
cher nach des Ully Tode noch zwei Jahre lang (weil er
nicht abfallen und nicht mit seinen Widersachern in
die Kirche gehen wollte) in Verhaft blieb, nämlich bis
ins Jahr 1656 den 2. Oktober.
Was es aber nachher mit ihm für ein Ende genom-
men habe, darüber haben wir keine Nachricht erhal-
ten. M. Meylis Buch, geschrieben 1658.
Unterdessen hat der erstere sein Leben gelassen,
der letztere aber ist in Banden geblieben; darum wird
der Herr dermaleinst über diejenigen, die es getan
und die es gelitten haben, ein gerechtes Urteil aus-
sprechen. Die Toten, die im Herrn sterben, sind selig;
die Gefangenen aber um des Zeugnisses Jesu Christi
willen werden zur Freiheit der Kinder Gottes gebracht
werden; dagegen, wer ins Gefängnis gelegt hat, soll
ins Gefängnis gelegt und mit den unseligen Banden
der Finsternis gebunden werden.
Diejenigen aber, die die Frommen getötet oder we-
nigstens ihren Tod veranlasst und darüber keine Reue
gezeigt haben, müssen in Furcht stehen, daß sie dem
zweiten und ewigen Tod nicht entgehen werden. Ach,
daß doch diejenigen, die hieran schuldig sind und
noch leben, sich vor ihrem Tod noch bekehren möch-
ten! Ach, daß sie aus Verfolgern wahre Nachfolger
Christi und seiner Heiligen würden! Ach, daß sie die
Seligkeit erlangen möchten Dieses wünschen wir ih-
nen allen aus lauterer Liebe und von Herzen.
Man hatte schon vor dem Jahre 1645 zu verschie-
denen Zeiten bald diesen bald jenen aus der zerstreu-
ten Herde Christi gefänglich nach Zürich gebracht
und in Othenbach eingesperrt. Unter denselben wa-
ren insbesondere fünf Brüder, nämlich Jakob Aussily,
Jakob Gochnauer, Jakob Baumgärtner, Hans Huber
und noch einer, genannt Henrich.
Mit diesen hat es sich folgendermaßen zugetragen:
Jakob Aussily aus der Grafschaft Kiberg war schon
im Jahre 1644 in Othenbach gefangen gesetzt; es wur-
den ihm seine Kleider ausgezogen und ihm ein langer
grauer Rock angetan, worauf er an eine Kette geschlos-
sen wurde, Jakob Gochnauer aus dem Amt Gronin-
gen war zuvor mit seiner Hausfrau aus dem Land
gejagt, die Haushaltung wurde zerstört, die Kinder
vertrieben und in Armut gebracht, Haus und Hausrat
wurden verkauft und das Geld davon der Obrigkeit
eingehändigt; nachher aber, als er sich vornahm, wie-
der einmal ins Land zu gehen, um seine zerstreuten
Kinder zu suchen, ist er unterwegs den Verfolgern
begegnet, die ihn in Othenbach festlegten, ihn seiner
Kleider beraubten und ihm einen grauen Rock anleg-
ten, auch ihn an eine Kette schlossen und mit ihm
handelten wie mit den Vorhergehenden.
Jakob Baumgärtner, ein alter Mann von siebzig Jah-
ren, war zuvor seines Glaubens halber fünfmal ge-
fangen, ist aber jedesmal wieder frei geworden. Als
er aber nun nochmals gefangen nach Othenbach ge-
bracht wurde, so war keine Hoffnung der Erlösung
übrig; denn man schloss ihn an eine Kette, man be-
raubte ihn seiner Kleider und tat ihm auch, wie den
Vorigen, einen grauen Rock an. Überdies musste er
eine Zeitlang bei Brot und Wasser leben. Zweimal
wurde er ausgezogen, zweimal in Eisen geschlagen,
wie auch in Fesseln und Handschellen, sein Haus und
Hof wurden verkauft für fünfhundert Gulden und
das Geld der Obrigkeit eingehändigt.
Hans Huber von Horgerberg wurde zuerst nebst
elf Brüdern um des Glaubens willen eingezogen, von
welchen Banden er aber mit seinen Brüdern erlöst
worden ist; nachher ist er abermals in Verhaft genom-
men, in einen festen Platz, Othenbach, eingesperrt,
und an eine Kette geschlossen worden, wo ohne die
wunderbare Hilfe Gottes keine Hoffnung war, loszu-
kommen.
Unterdessen wurde seine Hausfrau und deren
Schwester, zwei alte Leute, ebenfalls um des Glau-
bens willen ins Elend verwiesen.
Der letzte, Henrich genannt, ward auch etliche Male
um des Zeugnisses Jesu Christi willen scharf verfolgt
und eingezogen; aber nun wurde er nebst den andern
abermals dermaßen festgesetzt, daß man für seine
Befreiung wenig Hoffnung haben konnte.
Man legte sie alle an Ketten, zog ihnen ihre gewöhn-
lichen Kleider aus, und tat ihnen auf oben gemeldete
Weise, zum Spott und Schmach lange graue Röcke an.
So haben sie gesessen bis zum letzten August des
Jahres 1645, zu welcher Zeit wir von ihnen die letzte
Nachricht erhalten haben; was für ein Ende es aber
mit ihnen genommen, haben wir nicht erfahren kön-
nen.
Unterdessen kann man ihnen den Namen von from-
men Zeugen Jesu Christi nicht entziehen, weil sie ein
gutes Bekenntnis getan und darüber um seines Na-
mens willen alles erlitten haben. Siehe Mangolds Buch
vom Jahre 1645, vollendet den 16. September.
Von einem Schreiben aus Makhenheim,
welches eine Verantwortung der verfolgten Brüder
in der Schweiz enthält, auf oder gegen einen Brief,
worin sie beschuldigt waren; gesandt von Zürich nach
864
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
Amsterdam im Jahre 1658.
Weil nun das vorgemeldete Unheil, das den Brü-
dern in der Schweiz begegnet ist, Veranlassung gege-
ben hat, daß einige von denen, welche an gemeldetem
Unheil Schuld waren, sehr nachteilig redeten, so ist
aus der Stadt Zürich ein Schreiben an einen Kauf-
mann in Amsterdam gesandt worden, in welchem
die Sache der verfolgten Brüder sehr schlecht, die Sa-
che derer aber, die sie verfolgten, sehr herrlich und
schön vorgestellt wurde, was hauptsächlich darin be-
stand, daß diejenigen, welche dort verfolgt würden,
ganz andere Leute und von ganz anderem Bekenntnis
und anderem Glauben wären, als ihre Mitgenossen
in den Niederlanden, und daß sie ungehorsam und
hartnäckig wären.
Als nun dieses Schreiben zu Amsterdam ankam,
wurde für gut befunden, dasselbe, oder eine Abschrift
davon, den Brüdern in der Schweiz zuzuschicken,
damit man eine tüchtige und wahrhafte Erklärung
hierüber von ihnen selbst erlangen möchte.
Darauf ist erfolgt, daß dieselben den 20. März alter
Zeit, oder den 30. desselben Monats neuer Zeit, des
Jahres 1658 geantwortet, und jene Erklärung, unter
Beifügung des Bekenntnisses ihres Glaubens, den Die-
nern der Gemeinde Gottes zu Amsterdam zugesandt
haben.
Darin ist unter anderem gemeldet worden, was die
Lästerung wegen des Ungehorsams betrifft, daß selbst
die Herren zu Zürich von beiden Ständen ihnen, den
Gefangenen, oft bekannt hatten, daß sie ihnen sehr
liebe und gehorsame Untertanen gewesen (nämlich in
gemeinen oder bürgerlichen Sachen), ja daß sie in An-
sehung des Rechttuns andern Lichter und Vorbilder
wären; ferner, daß sie nichts weiter über oder wider
sie zu klagen hätten, als daß sie nicht mit ihnen in die
Kirche gehen wollten.
Sodann wurde in demselben Schreiben erzählt, daß
sie dessen ungeachtet in das äußerste Elend und in
Armut gebracht worden wären, worüber die nachste-
henden Worte zu finden sind:
»Sie haben Alte und Kranke, Schwangere und Kind-
betterinnen mit ihren unschuldigen Kindlein gefan-
gen genommen, mit welchen Personen sie gar übel
umgegangen sind; ja, sie nahmen alles, was sie in ih-
re Gewalt bekommen konnten, gefangen, sodass auf
einmal siebenunddreißig Personen gefangen lagen,
von welchen viele Männer und Weiber in Folge der
Feuchtigkeit der Gefängnisse und der langwierigen
Gefangenschaft körperlich übel zugerichtet worden
sind; ja es haben sechzehn Personen in der Gefangen-
schaft sterben müssen.«
Dieser Brief war zu Makhenheim geschrieben und
von sechs Ältesten und Dienern aus dem Elsaß unter-
zeichnet, deren Namen wir aber um der gegenwärti-
gen Gefahr willen verschwiegen haben.
Zu Bern werden sieben Lehrer und Vorsteher der
Gemeinde Jesu Christi eingezogen,
nämlich Ully Baumgarten, Anthony Hinnelberg, Jegly
Schlebach, Hans Zaugh, Ully Baumgärtner, Christen
Christiaens und Rhode Peters, im Jahre 1659.
Es konnte aber das kleine Häuflein Christi, das aus
dem Züricher in das Berner Gebiet gewichen war,
auch dort keine Freiheit erlangen, denn die von Bern,
welche den Fußstapfen derer von Zürich nachfolgten,
nahmen sich auch vor, ihre Hände an sie zu legen,
insbesondere aber an die Hirten und Vorgänger der
Gemeinde, um durch solches Mittel, wie es scheint, de-
sto größeren Schrecken unter die unschuldigen Schafe
und Lämmer der zerstreuten Herde Christi zu verbrei-
ten.
Man nahm sieben von den Lehrern und den vor-
nehmsten Vorstehern der Gemeinde gefangen (wozu
besondere Gefängnisse eingerichtet wurden), nämlich
Ully Baumgarten, Anthony Hinnelberg, Jegly Schle-
bach, Hans Zaugh, Ully Baumgärtner, Christen Chris-
tiaens und Rhode Peters.
Dieselben hat man eine Zeitlang sehr hart zur Ar-
beit angehalten, damit sie die Unkosten verdienen
möchten, und sie mit schwerer Kost, als Spelz und
Roggen, sehr ärmlich gespeist; auch haben sie viel
Schmach, Schimpf und Lästerung ertragen müssen,
die man ihnen wegen ihres Glaubens angetan hat.
Man gab zuerst vor, man wollte sie lebenslänglich
gefangen halten, wozu sie sich in Geduld getrost und
auf die Gnade des Herrn gefasst gemacht hatten. Als
sie aber sahen, daß sie hiermit diese Leute in ihrem
Glauben und ihrer Religion nicht erschüttern konnten,
haben sie einen andern Plan gefasst (laut dessen, was
uns aus dem Elsaß berichtet worden ist), nämlich, daß
sie eins von diesen drei Stücken erwählen sollten:
1. Mit ihnen in die Kirche zu gehen, oder 2. Auf
ewig auf die Galeere geschickt zu werden, oder 3.
Durch des Scharfrichters Hände zu sterben.
Gewiss eine schwere und harte Wahl! denn die erste
Bedingung betrifft die Seele, die beiden letzten aber
den Körper; wenn man nun eins von diesen Stücken
erwählen wollte, so müsste ohne allen Zweifel ent-
weder die Seele oder der Körper, oder wohl beide
zugleich in Gefahr laufen.
Verleugnet man seinen Glauben, so kränkt man sein
Gewissen, oder aber nimmt man gegen sein Herz und
gegen seine Überzeugung eine andere Religion an, so
setzt man seine Seele in die äußerste Not, ja, in die
Gefahr der Verdammnis.
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
865
Will man aber dagegen seinen Glauben behalten,
sein Gewissen nicht beugen oder kränken, und die
Religion, die man angenommen hat und zur Seligkeit
nötig erachtet, behaupten und verteidigen, so bringt
man in solchem Fall seinen Leib in Gefahr, daß man im
Elend herumwandern oder durch einen gewaltsamen
Tod zur Unzeit dieses Leben auf geben muss.
Es ist aber in solchem Fall nötig, zu überlegen, daß
an der Seele unendlich mehr gelegen sei als an dem
Leib, welchen man doch einmal ablegen muss, wäh-
rend aber die Seele fortleben wird; darum ist gut,
daß man die Lehre Christi wahrnehme, wenn Er sagt:
Fürchtet nicht die den Leib töten, und die Seele nicht
töten können, sondern fürchtet vielmehr den, welcher
beides, Seele und Leib, in der Hölle verderben kann,
Mt 10,28.
Was nun weiter von Seiten der Gefangenen oder
von denen, die gefangen hielten, getan worden ist,
haben wir nicht vernehmen können, inzwischen sind
sie noch bis auf das gegenwärtige Jahr 1659 in Verhaft
geblieben, woraus zur Genüge erhellt, wie unbeweg-
lich sie in ihrem Glauben geblieben seien; hierin wolle
sie der Herr, der gütig ist, durch seinen guten Geist
stärken, damit sie standhaft streiten und mit allen Hei-
ligen, von denen wir vieles in diesem Buch gemeldet
haben, dermaleinst von dem Herrn die selige Krone
der unverwelklichen Herrlichkeit empfangen mögen.
Siebenhundert Personen werden zu Bern
unterdrückt und verfolgt.
Im Jahre 1671 ist abermals eine schwere Verfolgung
über die Taufsgesinnten im Berner Gebiet vorgekom-
men, welche so streng war, und so lange anhielt, daß
es den Anschein hatte, als wollte die Obrigkeit nicht
ablassen, bis sie das Volk aus ihrem Gebiet ganz ver-
trieben oder ausgerottet hätte. Daher ist es geschehen,
daß an 700 Personen, klein und groß, genötigt worden
sind, ihren Erwerb aufzugeben, ihr Gut, auch viele ihr
Blut, ihre nahe Verwandtschaft und ihr irdisches Va-
terland zu verlassen und sich miteinander in die Pfalz
zu begeben, in der Hoffnung, es werde der Herr es so
fügen, daß sie einen Aufenthalt dort finden würden.
Wie es nun zugegangen sei, als sie dort hingekommen
sind, haben wir selbst mit unseren eigenen Augen
angesehen und alles von Ort zu Ort besichtigt, wohin
sie gezogen sind, um Wohnungen zu suchen.
Weil wir aber kurz zuvor, ehe wir hinreisten, so-
wohl von dem verfolgten Volk selbst als andern, die
in ihrem Namen und aus ihrem Mund schrieben, ei-
nige Briefe empfangen hatten, die die Umstände und
den Zustand dieser Verfolgung, wie wir sie aus ihrem
Mund gehört haben, sehr wohl schildern, so halten
wir für ratsam, dieselben hier beizufügen, damit der
christliche Leser, wenn er dieses liest, sich nicht einbil-
den möge, als ob er eine bloße Erzählung eines Ohren-
oder Augenzeugen gehört hätte, sondern damit er die
Leute selbst, welche diese Verfolgung erlitten haben,
hören möge. Die Briefe lauten, wie folgt:
Auszug aus dem ersten Brief, gegeben den 7. April
1671 in Obersültzen.
Was das Ersuchen der Freunde wegen des Zustandes
unserer schweizerischen Brüder im Berner Gebiet be-
trifft, so verhält es sich so, daß dieselben in einem
betrübten Zustande sind, wie wir aus dem Mund der
Flüchtlinge, die bei uns angekommen sind, deren ei-
nige noch gegenwärtig in meinem Haus sind, ver-
nommen haben, denn dieselben sagen, daß man sie
täglich mit Profossen aufsuche und daß sie alle, die
sie erwischen können, gefänglich nach der Stadt Bern
führen, sodass vor ungefähr vier Wochen schon an
vierzig Personen, sowohl Männer als Weiber, in Ver-
haft gewesen seien. Sie haben auch einige gegeißelt
und des Landes verwiesen, von welchen einer bei uns
hier angekommen ist. Auch haben sie einen Diener
des Wortes gegeißelt und ihn sodann zum Lande hin-
ausgeführt bis nach Burgund; dort haben sie ihn erst
gebrandmarkt und ihn dann unter die Franzosen lau-
fen lassen. Weil er aber mit niemandem reden konnte,
so hat er wohl drei Tage mit dem verbrannten Leib
umhergehen müssen, ehe er verbunden werden und
einige Erquickung genießen konnte, sodass, als man
ihn entkleidete, um ihn zu verbinden, ihm der Eiter
über den Rücken lief, wie mir ein Bruder, der bei dem
Verband geholfen, selbst erzählt hat. Dieser Freund
ist mit zwei Frauenspersonen und einem Mann im
Elsaß angekommen, welche auch ausgepeitscht und
des Landes verwiesen worden sind. Sie handeln dem-
nach sehr streng und werden auch, wie es scheint,
von ihrem Vorhaben nicht ablassen, bis sie dieses un-
schuldige Volk aus ihrem Land ganz vertrieben und
ausgerottet haben.
Es scheint auch, daß man hierin nichts mehr tun
könne, um den unterdrückten Brüdern nützlich zu
werden, denn es haben nicht allein die Freunde zu
Amsterdam und an andern Orten schon vor einigen
Jahren in dieser Sache gearbeitet, sodass einige güns-
tige Fürbitten von den Herren Staaten von Holland,
wie auch insbesondere von der Stadt Amsterdam und
anderen angesehenen Personen dahin an die Obrig-
keit gesandt worden sind, sondern es ist auch noch
überdies im Jahre 1660 ein Expresser, Adolph de Bree-
de genannt, dahin abgefertigt worden; aber er hat dort
nicht viel Gutes zum Nutzen unserer Freunde ausge-
866
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
richtet. Daher kann ich nicht einsehen, daß jetzt die
Freunde in der Sache zum Vorteil unserer unterdrück-
ten Brüder dort etwas tun können sollten. Man wird
in Geduld erwarten müssen, was der Herr, unser Gott,
ihnen für ein Auskommen verleihen wird.
Auszug aus dem zweiten Brief von Obersültzen,
den 23. Mai 1671.
Die Verfolgung unserer Freunde hält noch immer
stark an, weshalb wir uns wundern, daß sie sich nicht
mehr beeilen, aus dem Lande zu ziehen. Bisweilen
kommt wohl der eine oder andere ganz ärmlich hier-
her, die meisten aber halten sich noch oberhalb Straß-
burg im Elsaß auf. Einige gehen in den Wald, um Holz
zu spalten, andere arbeiten in der Nähe des Gebirges
in den Weingärten, wie mich dünkt, in der Hoffnung,
daß es mit der Zeit wieder still werden möchte, daß
sie wieder zu ihren verlassenen Wohnplätzen zurück-
kehren könnten, aber ich fürchte, es werde sobald
nicht vorübergehen und daß sie in ihrer Hoffnung
bitter werden betrogen werden.
Die Obrigkeit zu Bern hat sechs von den Gefange-
nen, worunter ein Mann war, der neun Kinder hatte,
an eine Kette schließen lassen und sie auf das Meer
verkauft, um als Sklaven auf den Galeeren zwischen
Mailand und Malta gebraucht zu werden; was sie aber
mit den anderen Gefangenen Vorhaben, kann man so
eigentlich nicht wissen. Einer von den Gefangenen,
welcher ein alter Mann von achtzig Jahren war, ist im
Gefängnis gestorben. Der Herr wolle sie in ihrer Trüb-
sal trösten und in ihrer Schwachheit stärken, damit sie
das Kreuz mit Geduld ertragen und treulich für die
Wahrheit des Evangeliums bis ans Ende streiten und
dadurch endlich die verheißene Seligkeit und Krone
des Lebens davon tragen mögen, Amen.
Auszug aus dem dritten Brief von Obersültzen,
den 13. Oktober 1671.
Henrich de Bäcker, sehr werter Freund und geliebter
Bruder in Christo. Ich wünsche dir nebst deinen lieben
Angehörigen viel Gnade und Frieden von Gott, unse-
rem himmlischen Vater, durch unseren Herrn Jesum
Christum, zum freundlichen Gruß, Amen.
Das Nachfolgende dient zur Antwort auf dein An-
suchen wegen des Zustandes unserer unterdrückten
Brüder in der Schweiz. Es ist leider gegründet, daß
den 1 1 . dieses Monats in dem vollen Rat zu Bern be-
schlossen worden ist, daß die gefangenen Mannsper-
sonen, die noch jung und stark sind, auch auf die Ga-
leeren gesandt werden sollten, wie sie es früher mit
sechs von ihnen getan haben; die alten unvermögen-
den Leute aber wollten sie an andere Orte schicken,
oder sie in ewiger Gefangenschaft halten. Als diesen
Beschluss ein gewisser Herr in Bern vernahm, wurde
er zum Mitleiden bewegt; deshalb ging er zur Obrig-
keit und ersuchte dieselbe, man wolle doch so lange
mit dem Transportieren der Gefangenen warten, bis
er zu ihren Glaubensgenossen, die im Elsaß wohnen,
gereist wäre und gesehen hätte, ob sie für die Gefange-
nen Bürgschaft leisten wollten, mit dem Versprechen,
daß die Gefangenen, wenn sie aus dem Land gezogen
wären, ohne Bewilligung nicht wieder dahin kommen
sollten. Dieses erlangte er; darum hat er es unseren
Freunden, als er zu ihnen in den Elsaß kam, vorge-
stellt; als dieselben die Nachricht erhielten, haben sie
sogleich die Bedingung angenommen und zugesagt,
daß sie, wenn die Obrigkeit von Bern ihnen die Gefan-
genen zusenden wollte, sie für dieselben Bürgschaft
leisten und ihnen helfen wollten, daß sie an anderen
Orten Unterkommen könnten. Dieses haben unsere
Freunde, wie ich höre, diesem Herrn (er hieß Beatus)
nicht allein mündlich zugesagt, sondern auch schrift-
lich mitgegeben. Darauf hat er ihnen versprochen, bei
der Obrigkeit zu Bern sein Bestes zu tun, in der Hoff-
nung, er wolle so viel bei ihnen ausrichten, daß sie die
Gefangenen nach Basel liefern sollten, wo sie nachher
die Freunde abholen könnten. So sind wir denn nun
ihrer mit Verlangen gewärtig und erwarten alle Tage
die Nachricht, daß sie im Elsaß angekommen seien
oder zu uns hierher kommen werden.
Eben jetzt kommen hier bei mir vier Brüder aus der
Schweiz mit Weibern und Kindern an und bringen die
Nachricht mit, daß noch viele unterwegs seien, weil
das Verfolgen und Aufsuchen täglich zunimmt. Hier-
mit schließe ich; seid nebst christlichem und brüderli-
chem Gruß dem Allerhöchsten zur ewigen Seligkeit
anbefohlen — von eurem zugeneigten Freund und
Bruder in Christo, Jakob Everling.
Auszug aus dem vierten Brief, vom 2. November
1671.
Was unsere Freunde aus der Schweiz betrifft, so kom-
men dieselben jetzt in großer Anzahl zu uns, sodass
schon zweihundert Personen hierher gekommen sind,
unter welchen viele Greise sich befinden, Männer so-
wohl als Weiber, die 70, 80, ja 90 Jahre erreicht haben;
auch mehrere Krüppel und Lahme sind darunter. Sie
trugen ihre Bündel auf dem Rücken, die Kinder aber
auf dem Arme; einige derselben waren wohlgemut;
einigen aber flössen die Tränen über die Backen, ins-
besondere den alten, unvermögenden Leuten, die in
ihrem hohen Alter im Elend herumwandeln und frem-
de Länder betreten mussten. Viele unter ihnen haben
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
867
nichts, worauf sie des Nachts schlafen, weshalb ich
mit Hilfe anderer schon an vierzehn Tagen mich habe
damit beschäftigen müssen, für ihre Herberge und
übrige Notdurft Sorge zu tragen. Wir erwarten auch
täglich noch Zuwachs und hoffen, daß wenn das Volk
dem größten Teil nach aus dem Lande ist, die Ge-
fangenen alsdann auch die Freiheit erlangen werden.
Gehabe dich wohl.
Darauf ist erfolgt, daß immer mehr der vertriebe-
nen und flüchtigen Leute aus dem Schweizerlande
in die Pfalz gekommen sind, beinahe siebenhundert
Personen, alt und jung, unter welchen Haushaltun-
gen mit acht, zehn bis zwölf Kindern sich befanden,
welche kaum so viel gerettet hatten, daß sie Reisegeld
genug gehabt hätten, wie aus dem folgenden Auszug
zu ersehen ist.
Der fünfte Auszug, von demselben aus
Obersültzen, den 5. Januar 1672.
Es ist in hiesiger Gegend ein Mann über Heidelberg
angekommen, welcher ein Diener im Norden war, der
zwölf, meistens sehr junge Kinder hatte, und der, wie
ich höre, nicht mehr als vier Reichstaler und ein sehr
schlechtes Pferd mitgebracht hat. Einige andere ha-
ben noch etwas, viele aber haben gar nichts an Geld
mitgebracht, wie denn, nach genauer Untersuchung,
unter 282 Personen 1046 Reichstaler an Geld vorge-
funden sind; im Amt Alzei unter 215 Personen 608
Reichstaler; im Dörmsteiner Amt aber hat man 144
Personen gefunden, doch habe ich nicht vernommen,
worin ihr Vermögen bestehe; dem Anschein nach aber
halte ich dieselben für die Dürftigsten. Summa, wir
finden, daß unter ihnen achtzig volle Familien, ferner
Witwen, ledige Personen, Männer und Weiber seien,
die ihre Ehegatten haben verlassen müssen, weil sie
der reformierten Religion zugetan waren und sich
zum Auszug nicht verstehen konnten, an der Zahl
641 Personen, für welche nur sehr wenig Vorrat, wie
gemeldet worden, vorhanden ist; deshalb könnt ihr
euch wohl vorstellen, daß eine bedeutende Hilfe nötig
sei. Außerdem haben wir auch vernommen, daß sich
noch an hundert Personen im Elsaß aufhalten, die wir
gegen das Frühjahr auch erwarten. Gehabt euch wohl.
— So weit gehen die Auszüge der Briefe.
Nachher ist es geschehen, daß die Brüderschaften,
die in den vereinigten Niederländischen Landschaf-
ten wohnen, im März des Jahres 1672 einige von ihnen
nach der Pfalz gesandt haben, die überall zu den ver-
folgten Brüdern reisten; diese hörten und sahen nicht
nur, daß das oben Erzählte wahr sei, sondern auch,
daß einige von den Letztgemeldeten aus dem Elsaß
angekommen waren, welche auch, wie die andern.
keinen Vorrat mitgebracht hatten, weshalb sie nebst
den andern durch gemeinschaftliche Hilfe der ver-
mögenden Gemeinden oder Brüderschaften aus den
vereinigten Landschaften unterstützt und getröstet
wurden.
Daneben haben sie von einigen der vierzig Gefange-
nen selbst gehört, daß sie alle auf Veranlassung dieses
oben gemeldeten Herrn freigelassen, nach Basel ge-
bracht und dort ihren Brüdern übergeben worden
seien, mit welchen sie sämtlich weggezogen wären.
Als man die Vornehmsten unter ihnen fragte, warum
sie nicht eher weggezogen wären und solche Plätze
gesucht hätten, wo sie mit mehr Freiheit nach ihrem
Gewissen hätten leben können, da doch die Obrigkeit
ihren Abzug ihnen nicht verboten hätte, gaben sie ver-
schiedene Gründe an, von denen die folgenden nicht
die geringsten waren.
1. Sagten sie, sie hätten gesehen, daß die Gemeinden
sich sehr vermehrt und zugenommen hätten, sodass
sie, obgleich sie unter dem Kreuz standen, dennoch
wie eine Rose unter den Dornen geblüht habe, und
daß man sich täglich eines größeren Zuwachses zu
versehen gehabt hätte, weil viele Menschen hervorge-
treten wären, die das Licht aus der Finsternis hätten
hervorleuchten sehen, die dasselbe lieb gewonnen
und ihm nachgespürt haben. Die Diener, die dieses in
ihrem Gemüt überlegt haben, hätten sich beschwert
gefunden, aus dem Land zu ziehen, in der Befürch-
tung, es möchte dadurch diese blühende Ernte ver-
säumt werden, und dadurch viele von diesem guten
Vorsatz wieder ablassen; darum wollten sie lieber et-
was leiden als wegziehen, damit sie noch einige See-
len aus dem Verderben ziehen und zu Christo bringen
möchten.
2. Der zweite Grund war, daß sie so leicht nicht hät-
ten aufbrechen und den Weg nach andern Ländern
nehmen können, weil unter ihnen viele zerteilte Haus-
haltungen gewesen wären, von denen zwar der Mann
oder die Frau in der Gemeinde gewesen sei, der ande-
re Ehegatte aber wäre noch in die öffentliche Kirche
gegangen, welches dann, wenn sie in solchem Fall
ihren unterdrückten Ehegatten nicht hätten folgen, al-
les verlassen und aus dem Land ziehen wollen, große
Angelegenheit und Trübsal verursacht hätte, und daß
auch selbst mehrere Diener von diesem Unglück nicht
frei gewesen wären. Es waren auch in der Pfalz zwei
Diener, welche Hausfrauen hatten, die nicht in der
Gemeinde waren, und welche sie auch (weil sie ins-
geheim von einem guten Freund gewarnt wurden)
bei der Nacht haben verlassen und die Flucht nehmen
müssen, ohne bis dahin zu wissen, ob ihre Hausfrauen
ihnen folgen, oder ob sie ihr Gut lieber haben würden,
als ihre Männer, und folglich dort im Land bleiben
868
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
und ihre Männer verlassen würden. Solche Zufälle
hätten um desto mehr Betrübnis und Schwierigkeiten
verursacht, weil die Obrigkeit solchen zurückbleiben-
den Personen, es seien Weiber oder Männer, Erlaubnis
gegeben hätten, wieder zu heiraten und andere Ehe-
gatten zu suchen. Diese und andere Gründe hätten
es veranlasst, daß sie ohne Not nicht aus ihrem irdi-
schen Vaterland gewichen wären, sondern lieber so
lange gewartet hätten, bis sie gesehen hätten, daß sie
es dort nicht länger (mit gutem Gewissen) ausführen
könnten.
Wahrlich es ist zu beklagen, daß noch zu dieser Zeit,
nachdem das Licht des Evangeliums der Protestan-
ten so lange geschienen hat, dennoch solche unter ih-
nen gefunden werden, die es billigen, daß diejenigen
verfolgt werden, die in allen Stücken gute, fromme
Untertanen sind, und nur in einigen den christlichen
Gottesdienst betreffenden Stücken von ihnen abwei-
chen! Ach, wie wenig wird in solchem Betragen die
Lehre unseres Heilandes beobachtet, daß wir nämlich
einem andern tun sollen, wie wir wollen, daß uns
geschehe. Gleichwohl beklagen sich solche über die
Verfolgung, die in Frankreich, Ungarn und an anderen
Orten ihren Glaubensgenossen widerfahren ist. Aber,
was dünkt euch? sollte man diesen nicht mit Recht
auf solche Weise antworten, wie der Apostel Paulus
den Juden, Rom 11,21, geantwortet hat? Ja, gewiss mit
großem Recht.
Wir schließen diese Erzählung mit der ernstlichen
Bitte, daß Gott die Herzen derer, die in Würde stehen,
dergestalt regieren wolle, daß wir unter ihrem Ge-
biet und unter ihrer Regierung ein stilles und ruhiges
Leben führen mögen, in aller Gottesfurcht und Ehr-
barkeit; und wenn der große Gott es für gut befinden
möchte, hin und wieder Verfolgung über seine Gläu-
bigen kommen zu lassen, daß Er alsdann mit seinem
väterlichen Trost und seiner Vorsorge bei ihnen blei-
ben und aus Gnaden verleihen wolle, daß ihr Leiden
mit Geduld, ihr Glaube mit Standhaftigkeit und ihre
Tugenden mit Treue vereinigt sein mögen, und das
alles zur Ehre seines preiswürdigsten Namens, zum
Heil ihrer Seelen, durch Christum unsern Herrn und
Heiland, Amen.
Wir halten es für angemessen, bei Gelegenheit der
oben gemeldeten Erzählung der Verfolgungen, wel-
che über die Brüder in der Schweiz stattgefunden,
auch das Nachfolgende mit anzuhängen, nämlich,
daß ein alter und seinem Wandel nach frommer Bru-
der, Haßlibacher genannt (weil er von Haßlibach ge-
bürtig war), um seines Glaubens willen, in Verhaft ge-
nommen und nach Bern gebracht worden sei. Dort ist
er im Gefängnis hart angegriffen und grausam gepei-
nigt worden; als er aber dessen ungeachtet standhaft
bei seinem Glauben verharrte, sind bald darauf an ei-
nem Freitag einige Prediger in das Gefängnis zu ihm
gekommen, die mit ihm disputierten, gegen welche er
sich in der Verteidigung seines einfachen Glaubensbe-
kenntnisses so tapfer gezeigt hat, daß sie ihm nichts
abgewinnen konnten. Darauf sind die Prediger den
folgenden Tag, nämlich den Samstag, abermals zu
ihm gekommen, haben ihn härter angeredet und ihm
scharf gedroht, daß man ihm den Kopf vor die Füße
legen würde, wenn er nicht von seinem Glauben ab-
stehen wollte. Hierauf hat der gute alte Mann tapfer
geantwortet, daß er keineswegs von seinem Glauben
abstehen, sondern bei demselben standhaft bleiben
wollte, weil er vollkommen versichert wäre, daß sein
Glaube bei Gott so angenehm wäre, daß Er ihn in Not
und Tod nicht verlassen würde.
Darauf hat es sich zugetragen, wie glaubwürdig
erzählt wird, daß er in der folgenden Nacht, zwischen
dem Samstag und Sonntag, durch eine göttliche Er-
scheinung tröstlich gestärkt und ermahnt worden ist,
bei seinem angenommenen Glauben standhaft zu blei-
ben, und daß er (wenn man ihm auch hart drohen, ja,
selbst sagen würde, daß man ihn mit dem Schwert tö-
ten wollte) dennoch nicht erschrecken sollte, denn der
Herr würde ihm zur Seite stehen und nicht zugeben,
daß er davon Schmerzen fühlen würde.
Als nun des Montags die Prediger abermals zu ihm
kamen, um mit ihm wie früher zu disputieren und ihn
von seinem Glauben abzubringen trachteten, wobei
sie noch hinzusetzten, daß, wenn er nicht abstehen
würde, er den folgenden Tag mit dem Tod gestraft
werden sollte, antwortete Haßlibacher freimütig: Ich
will mir viel lieber das Haupt abschlagen lassen, als
von meinem Glauben abweichen.
Darauf (als die Prediger ihn verließen, und er des
Abends in einen tiefen Schlaf fiel, der bis zur Mit-
ternacht währte) hatte er einen Traum; in demselben
wurde ihm das Bild seiner Enthauptung vorgeführt,
jedoch sollten dabei drei besondere Zeichen gegeben
werden, woran seine Unschuld vor den Menschen
erkannt werden würde; hierüber erwachte er, worauf
ihm in der Tat angekündigt wurde, daß er mit dem
Schwert hingerichtet werden sollte.
Weil hier dreier Zeichen gedacht worden ist, die
gleichwohl nicht angeführt werden, sondern in dem
letzten Lied des Gesangbuches der Taufsgesinnten zu
finden sind, so wollen wir, um diese Geschichte zu
ergänzen, dieses Lied vom 21. Vers an bis ans Ende
mit beifügen.
Er sprach, auch Gott wird sehen lan,
Drei Zeichen, das tut wohl verstah'n;
Die wird man sehen bald,
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
869
Wenn ihr mir schlaget ab mein Haupt,
Springt's in mein'n Hut und lachet laut.
Das andre Zeichen ivird gescheh’n,
das ivird man an der Sonne seh'n,
Aufs dritt' habt fleißig Acht;
Die Sonn ivird werden wie rotes Blut,
Der Staldel-Brunn auch schwitzen Blut.
Der Richter zu den Herren sagt:
Auf die drei Zeichen habet Acht,
und sehet wohl darauf;
wenn nun dies alles soll gescheh'n,
So g'schieht es eurer Seele wehe.
Und da das Mahl nun hat ein End',
Man wollt' ihm binden seine Hand’.
Der Haßlibacher sprach:
Ich bitt' euch, Meister Lorenz, schon,
Ihr wollt ' mich ungebunden lohn'.
Ich bin gutwillig und bereit,
Mein Tod mich heftig wohl erfreut,
Daß ich von hinnen soll,
Aber Gott woll' erbarmen sich,
Die zum Tod verurteilen mich.
Da er nun auf die Richtstatt kam,
Sein'n Hut von seinem Haupt abnahm.
Und legt' ihn vor die Leut':
Euch bitt' ich, Meister Lorenz, gut,
LajJt mir hier liegen meinen Hut.
Hiermit fiel er aufseine Knie,
Ein Vater Unser oder zwei
Er da gebetet hat:
Mein' Sach' ist jetzt gesetzt zu Gott,
Tut jetzt nur eurem Urteil statt.
Darnach man ihm sein Haupt abschlug,
Da sprang es wieder in sein'n Hut.
Die Zeichen hat man gesell' n:
Die Sonne ivurd' zvie rotes Blut,
Der Staldel-Brunn tat schwitzen Blut.
Da sprach ein alter Herregut:
Des Täufers Mund lacht in dem Hut;
Da sagt ein grauer Herr:
Hätt't ihr den Täufer leben lan,
Es wär' euch eivig zvohl ergah'n.
Die Herren sprachen insgemein:
Kein'n Täufer zvir mehr richten zverd'.
Da sprach ein alter Herr:
Wär’ es nach meinem Willen gah'n
Den Täufer hätt' man leben lan.
Der Henker, der sprach mit Unmut,
Heut ' hab' ich gericht't unschuldig Blut.
Da sprach ein alter Herr:
Des Täufers Mund hat gelacht im Hut,
Das bedeutet Gottes Straf und Rut'.
Der uns dies Liedlein hat gemacht,
Der zvar um's Leben in Gfangenschafl,
Den Sündern tat er's zu lieb.
Ein Herr ihm Feder und Tinte bracht’,
Er schenkt' uns das zu guter Nacht.
Es ist uns am Ende dieser hochdeutschen Auflage
ein Auszug in die Hände gekommen, welchen Hans
Lörsch aus dem Turmbuch zu Bern abgeschrieben hat
und der von Christian Kropff aufgehoben worden ist;
derselbe lautet wie folgt:
Zu Bern wurden folgende Personen um des Glau-
bens willen hingerichtet: Im Jahre 1528: Hans Seck-
ler; ein Schreiner; ein Hutmacher zu Arauw. Im Jahre
1529: Conrad Eicher von Staffisburg; zwei Gläubige
aus der Herrschaft Bix; ein Ketzer aus dem Aemmen-
tale; Ulrich Schneider von Lützenpflühe; ein junger
Geselle von Wallis; Hägerley aus der Herrschaft Al-
burg. Im Jahre 1536, den 2. Mai: Moritz Loseneger.
Im Jahre 1537: Bernhard Wälty von Rüderswill, den
7. Tag im Heumonat; Hans Schweitzer von Rügsouw;
Jürg Hoffser von Obergallbach, aus der Herrschaft Sie-
gnauw, den 28. August; Ulrich Bichsei; Barbeli Willher
von Haßli; Barbeli zur Studen von Summiswald; Ca-
tharina Friedli Imhoff; Vrena Issuli von Schübach, aus
der Herrschaft Siegnauw; Ulrich von Rügsouw. Im
Jahre 1538: Cunas Seidenkohen von Constanz, den 28.
März; Peter Stucki zu Wimmis, den 19. April; Ulrich
Huben von Rötenbach, aus der Herrschaft Siegnauw;
Hans Willer, im August; Elsbeth Küpfer von Summis-
wald; zwei Frauen, am 28. Mai, eine von Summis-
wald, die andere von Höstetten; Peter Wessenmiller
von Wimmes, den 17. Tag im Herbstmonat; Steffen
Rügseger, den 8. Tag im Wintermonat, welcher zu Ei-
nygen hingerichtet wurde; einer aus der Herrschaft
Siegnauw; einer von Summiswald; Rudolph Isully,
aus dem Tannentale. Im Jahre 1539: Lorenz Aeberly
von Grünauw, den 3. Tag im Brachmonate; Hans Schu-
macher, aus dem Aergöüw von Wünistern. Im Jahre
1542: Einer von Oberbip, den 1. Mai; Peter Ancken,
aus dem Siebentale. Im Jahre 1543: Christian Oberlen,
den 17. Tag im Herbstmonate; Hans Ancken, aus Au-
ßeldingen; Wälty Gärber an der Streithalter, aus der
Herrschaft Siegnauw. Im Jahre 1571, den 20. Tag im
Wintermonate: Hans Haßlibacher, aus der Herrschaft
Summiswald, der zu Haßlibach hingerichtet wurde.
870
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
Von einem Befehl derer von Bern, gegen
diejenigen, welche Wiedertäufer genannt werden,
bekannt gemacht im Jahre 1659, den 9. August.
Es ist aber bei der Gefangenschaft vorgemeldeter sie-
ben Freunde zu Bern nicht geblieben, sondern man
ist weiter im Gewissenszwang und in der Wut vor-
geschritten, denn man hat auch die Augen auf die-
jenigen gerichtet, die man in die Irre getrieben hatte
und wie Schafe herumwanderten, die keinen Hirten
haben.
Gegen diese hat man den 9. August dieses Jahres
1659 in der Ratsversammlung der Stadt Bern einen Be-
fehl entworfen, festgestellt und verkündigt, welcher
die Personen und Güter der vorgemeldeten, herum-
wandernden, betrübten, armen Leute, sowohl Lehrer
als Zuhörer betrifft, und welcher lautet wie folgt:
Auszug eines Befehls (durch die von Bern bekannt
gemacht) gegen die Wiedertäufer.
Die Lehrer, wenn deren einer oder mehrere durch
scharfes Nachspüren ergriffen werden können, sollen
sofort durch den hiesigen Amtmann in unser Wai-
senhaus in gute Verwahrung geführt werden, um da-
selbst die nötige Verhandlung, zu ihrer Bekehrung,
oder bei Verharrung in der Hartnäckigkeit, die gebüh-
renden Strafen zur Hand zu nehmen. Unterdessen
sollen die Amtleute ihr Gut in Arrest nehmen und
davon uns oder den von uns hierzu verordneten Be-
vollmächtigten ein Verzeichnis einhändigen.
Man soll aber zwischen denen, die keine Lehrer,
sondern nur ihre Anhänger und ihnen zugetan sind,
und den Hartnäckigen und Eigensinnigen, und den
Einfältigen oder Schwachen und Unerfahrenen den
Unterschied machen, daß man gegen jene mehr Stren-
ge und gegen diese mehr Sanftmut gebrauche.
Es sollen jedoch unsere Amtleute und Prediger
sämtlich, sowohl jene, als diese, wegen ihres und ihrer
Mitgenossen Lebens, Handels und Glauben freund-
lich, fleißig und genau verhören und ihm nachfor-
schen, sie wegen ihres Irrtums aus Gottes Wort erin-
nern, überzeugen, und darauf aus gleichem Grund
dieselbe an ihre schuldige Pflicht gegen Gott, sein
Wort, die Predigt desselben, die heilige Taufe, das hei-
lige Abendmahl und die Kinderlehre, und zugleich
gegen ihre von Gott eingesetzte christliche Obrigkeit,
an die Treue und Aufrichtigkeit gegen das Vaterland
nebst anderen nötigen Stücken mit gebührlicher Be-
scheidenheit und Vorsichtigkeit wohl erinnern, damit
sie solches zu allen Zeiten bewerkstelligen mögen.
Diejenigen nun, die durch diese freundliche Anre-
de, Unterweisung und Ermahnung wieder auf den
rechten Weg gebracht werden, so daß Hoffnung zu
deren Besserung und Bekehrung vorhanden ist, kön-
nen und mögen ohne weitere Abschwörung, oder oh-
ne einen Eid zu leisten, mit einer guten Ermahnung,
wenn sie nur die Unkosten bezahlen, wieder auf frei-
en Fuß gestellt und als bekehrte Glieder wieder in den
Schoß der Kirche in Gnaden auf- und angenommen
werden, ohne daß solches ihnen fernerhin zu irgend-
einem Nachteil, zum Hass oder zur Verachtung und
dergleichen, sondern vielmehr zum Lob wegen ihrer
gehorsamen Wiederkehr gereichen und dienen soll.
Alsdann sollen die Prediger des Ortes, wenn diese
Leute wieder aufgenommen werden, ihre Predigten
darnach einrichten, daß sie dieselben nach ihrer Be-
kehrung stärken, und alle anderen im Allgemeinen
ernstlich ermahnen, diese Leute um ihrer Bekehrung
willen eher zu ehren, zu loben und zu lieben, als daß
sie sie darum auf irgendeine Weise hassen, verachten
und lästern sollten; ferner, daß sie diesen mit einem
unanstößigen Leben im Wandel durch Gottesfurcht
und Ehrbarkeit ein gutes Exempel geben, in der Hoff-
nung, daß durch solches Mittel die Übrigen leichter
gewonnen und ohne Furcht wieder auf den rechten
Weg gebracht werden mögen.
Denen aber, die keine Erinnerung, Unterweisung
und Ermahnung annehmen, sondern ungehorsam
und hartnäckig bleiben, auch von ihrem Irrtum nicht
abstehen oder abweichen wollen, soll die ihnen zu-
erkannte Strafe der Landesverweisung angekündigt,
und ihre unbewegliche Hartnäckigkeit und Verstockt-
heit den Bevollmächtigten, die von uns über die Sa-
chen der Täufer verordnet sind, bekannt gemacht wer-
den, worüber sie unsern weiteren Befehl zu erwarten
haben.
Wenn nun solche widerspenstigen, irrenden Leute
auf oben gemeldeten Bericht durch das Gericht verur-
teilt worden sind, so ist es unsere Absicht, Meinung
und Befehl, daß dieselben unter einem sicheren Geleit
auf die Grenzen geführt, und mit Angelobung, statt
eines Eides (weil sie keinen Eid schwören) aus unsern
Ländern und unserem Gebiet gänzlich verwiesen sei-
en, bis es zu erweisen ist, daß sie sich bekehrt haben.
Wenn sie aber nach der Verweisung unbekehrt wieder
hineinkommen, darüber ergriffen werden, und gleich-
wohl nicht abstehen wollen, sondern hartnäckig, wie
zuvor, bei ihrem Irrtum verharren, so sollen sie, so oft
sich solches zuträgt, öffentlich mit Ruten gegeißelt, ge-
brandmarkt, und abermals, wie zuvor, aus dem Land
gestoßen und gebannt werden, welche wohlverdiente
Strafe durch nachfolgende Beweggründe gerechtfer-
tigt wird:
1 . Sind alle Untertanen schuldig, ohne Widerspruch
ihrer natürlichen von Gott gegebenen Obrigkeit Treue
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
871
und Wahrheit zu leisten, und solche Treue mit einem
Eid zu bekräftigen; diejenigen nun die solches Jura-
mentum Fidei (oder Eid der Treue) nicht leisten wol-
len, werden nicht für Untertanen erkannt, noch im
Land geduldet; darum kann und soll man die Wieder-
täufer, die solchen Eid geradezu verweigern, keines-
wegs im Land dulden.
2. Ebenso wenig kann man auch diejenigen für Un-
tertanen erkennen und dieselben dulden, welche nicht
erkennen wollen (wie alle Untertanen zu erkennen
schuldig sind), daß ihr obrigkeitlicher Stand von Gott
und mit Gott sei, ohne welche Erkenntnis auch der
Gehorsam nicht stattfinden kann. Weil nun aber die
Wiedertäufer nicht zugestehen wollen, daß der ob-
rigkeitliche Stand mit dem Christentum (oder in der
christlichen Gemeinde) bestehen könne, so können
auch darum dieselben nicht im Land geduldet wer-
den.
3. Alle Untertanen sind schuldig, das Vaterland, als
unsere gemeinschaftliche Mutter, zu beschützen und
zu beschirmen, ja, Gut und Blut daran zu wagen; dieje-
nigen mm, die sich weigern, solches nebst dem Gebot
zu halten, können nicht im Land geduldet werden; da
aber die Wiedertäufer sämtlich verweigern, dieses zu
tun, so kann man sie auch nicht im Land dulden.
4. Alle Untertanen sind nach der Lehre des heiligen
Apostels Paulus verpflichtet, zur Unterhaltung des
gemeinen Wesens im Vaterland, Zehnten, Zoll und
Schätzung zu geben; diejenigen nun, die solches zu
tun sich weigern, soll man nicht im Land dulden; da
aber die Wiedertäufer, obgleich sie diese Dinge zu
tun sich nicht weigern, welches aus Furcht geschieht,
dennoch dabei lehren, daß dergleichen zu nehmen
mit dem Christentum nicht bestehen möge, welche
Lehre, wenn sie die Oberhand gewinnen sollte, leicht
böse Früchte hervorbringen könnte, so können solche
Leute auch nicht unter eine Obrigkeit gestellt oder
gelitten werden.
5. Da die Obrigkeit, wie derselbe Apostel sagt, von
Gott gegeben ist, als eine Rächerin derer, die Böses
tun, insbesondere der Totschläger, Verräter und der-
gleichen, so sind die Untertanen schuldig, dieselben
bei ihrer Obrigkeit anzubringen. Diejenigen nun, die
solches zu tun sich nicht verpflichten wollen, sind
nicht unter die treuen und gehorsamen Untertanen
zu rechnen; nun sind aber die Wiedertäufer diejeni-
gen, welche sich weigern, einen derselben bei der
Obrigkeit anzubringen; darum können sie auch nicht
geduldet werden.
6. Diejenigen, die sich weigern, sich der Landes-
obrigkeit, den guten Ordnungen und Satzungen zu
unterwerfen, ja, dagegen schnurstracks handeln, kön-
nen noch weniger geduldet werden. Nun aber sind
die Wiedertäufer solche Leute, denn sie handeln ge-
gen die so notwendigen und nicht weniger nützlichen
Ordnungen der Obrigkeit und vergreifen sich auf fol-
gende Weise:
1. Sie predigen ohne Beruf und ohne Bestätigung
der Obrigkeit. 2. Sie taufen in ihren Gemeinden ohne
Beruf und Befehl der Obrigkeit. 3. Sie verdrehen die
Kirchenzucht oder haben andere Kirchenordnungen
gegen die öffentliche Ordnung der Obrigkeit. 4. Sie
kommen in keine Versammlungen der Kirche, die auf
Sonn- oder Bettage gehalten werden.
Deshalb sind sie, indem sie sich solchen mit Gottes
Wort übereinkommenden Satzungen und Ordnungen
nicht (wie treuen Untertanen zukommt) unterwerfen
wollen und dagegen verächtlich handeln, nicht wür-
dig im Land zu wohnen.
Aus allen diesen höchst wichtigen Gründen sind
wir alle entschlossen, und wollen auch ernstlich, daß
solches alle beherzigen, nämlich, daß man solche Lan-
desverweisung und damit verbundene Strafe gegen
alle, die dieser verführten und um des vielen Bösen
willen sehr gefährlichen und bösen Sekte anhängen
und ihr zugetan sind, beständig und ohne Aufschub
ausübe, damit dieselben nicht fortbestehen, viel we-
niger einen Zuwachs gewinnen mögen, sondern viel-
mehr durch alle möglichen Mittel auf einmal abge-
schafft und das Land davon befreit werde, worauf wir
uns denn in Gnaden verlassen.
Was nun das Gut solcher ungehorsamen, verbann-
ten Leute, wie auch derer, die entlaufen sind, betrifft,
so soll dasselbe, wenn die Unkosten davon abgezogen
worden sind, mit den Weibern und Kindern, die im
Gehorsam bleiben, geteilt werden; sodann soll von de-
ren Anteil, er bestehe in fahrenden oder liegenden Gü-
tern, nachdem dasselbe von unseren Amtleuten sicher
gestellt ist, ein Verzeichnis unseren vorgemeldeten Be-
vollmächtigten eingehändigt werden, damit solches
Gut nach ihrem Gutbefinden regiert, das jährliche Ein-
kommen davon gezogen, und wenn die ausgebannten
oder entlaufenen Personen nicht zurückkehren, son-
dern unbekehrt in ihrem Irrtum sterben, uns mit Fug
und Recht anheimfalle; auf gleiche Weise soll man
auch mit den Gütern verfahren, welche den Weibern
und Kindern der Wiedertäufer gehören, die mit ih-
nen weggezogen sind, wenn sie auch keine Anhänger
dieser Sekte sind.
Hiermit wollen wir auch mit gleicher Kraft ange-
sagt und verboten haben, daß niemand, wer er auch
sein mag, inländische oder fremde Täufer, sie seien
ihm verwandt oder nicht, beherbergen, oder ihnen
Wohnung geben, noch ihre Versammlung und Predigt
begünstigen soll, es geschehe durch Einräumung von
Häusern, Scheuern oder durch Geldmittel, auch fer-
872
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
nerhin mit ihnen keinen Umgang haben soll, es sei
schriftlich oder mündlich, noch auf irgendeine Weise
ihnen Vorschub tun soll, es sei an Geld, Lebensmitteln
oder dergleichen, weder heimlich noch öffentlich. Da-
gegen aber soll jeder der Unsrigen ernstlich ermahnt
sein, alles, was er von ihnen schriftlich, mündlich oder
durch Botschaft erfahren kann, sofort dem Oberamt-
mann anzubringen, damit man sich nach diesen unse-
ren Verordnungen richten und an den Übertretern, so
oft sie schuldig befunden werden, die unerlässliche
Strafe von 100 Gulden, oder im Falle sie nicht bezah-
len können, eine willkürliche Strafe ausüben möge,
in Beziehung auf welchen letzten Punkt denn auch
ein jeder zum nähern Unterricht durch eine besonde-
re Bekanntmachung von dem Predigtstuhl gewarnt
werden soll.
Gegeben in unserer Ratsversammlung, den 9. Au-
gust 1659.
Von demjenigen, was zur Befreiung der
letztgemeldeten Gefangenen,
wie auch um den Befehl derer von Bern zu mildern,
durch die Hochm. Herren Generalstaaten und eini-
gen Regenten der holländischen Städte im Jahre 1660
getan worden ist.
Dieser Befehl, als er entworfen, eingesetzt und über-
all (hauptsächlich im Berner Gebiet) abgelesen war,
hat sowohl bei denen, die bereits gefangen lagen, als
auch bei allen anderen, die noch außer Banden waren,
eine sehr große Betrübnis hervorgerufen, indem es,
wie es schien, nahe bevorstand, daß das noch übrige
Licht der Wahrheit, das in den dortigen Gegenden so
herrlich aufgegangen war, ausgelöscht und selbst der
Grund und die Wurzel der angenehmen Bäume der
rechtsinnigen christlichen Gemeinden ganz ausgerot-
tet und vernichtet werden sollte.
Unterdessen aber ist es geschehen, daß der vorge-
meldete Befehl uns, wie er war, sowohl in schweizeri-
scher Sprache als auch ins Niederländische übersetzt,
in die Hände gekommen ist, wodurch bei uns und vie-
len anderen unserer Mitgenossen in der Landschaft
Holland, die hiervon bestimmte Nachricht erlangt hat-
ten, eine große Zuneigung, Liebe und Mitleiden für
die notleidenden Freunde in der Schweiz, welchen
man in diesem Befehl hart gedroht hat, erweckt wor-
den.
Deswegen hat man sich vorgenommen, beschlossen
und festgestellt, im Februar des Jahres 1660 aus den
Städten Dortrecht, Harlem, Leyden, Amsterdam, Gou-
de und Rotterdam bestimmte Personen, Mitgenossen
unseres Glaubens, nach Grafen-Haag oder an den Hof
in Holland, wo die Hochmögenden Herren General-
Staaten damals ihre besondere Zusammenkunft hat-
ten, abzufertigen, um ihnen die Not der Taufsgesinn-
ten in der Schweiz bekannt zu machen, damit sie Bitt-
schriften an die Städte Bern und Zürich zur Befreiung
oder wenigstens zur Erleichterung dieser Leute, die
dort unterdrückt wurden, erlangen möchten.
Hierauf sind die Abgesandten aus den vorgemel-
deten Städten den 18. Februar desselben Jahres im
Grafen-Haag sämtlich erschienen und haben eine de-
mütige Bittschrift, die schon aufgesetzt, aber noch
nicht von allen unterschrieben war, in größter Eile in
Ordnung gebracht, unterzeichnet und zu dem Ende,
wie oben gemeldet, den Hochmögenden übergeben.
Dieselben, als gütige Väter und freundliche
Pflegherren der Elenden, Armen und Unterdrückten,
haben sich die Sache so sehr angelegen sein lassen,
daß sie sich ohne Verzug und sofort vorgenommen
haben, dem Begehren der vorgemeldeten Bittenden
Genüge zu leisten.
Demnach ist es geschehen, daß drei Schreiben auf
Ihro Hochmögenden Befehl aufgesetzt worden sind;
das erste an die Herren der Stadt Bern, wegen der
Befreiung der Gefangenen; das zweite an die von Zü-
rich, wegen der Wiedererstattung der Güter, die sie
von den gefangenen, verstorbenen und vertriebenen
Taufsgesinnten, wovon wir auch in diesem Buch Mel-
dung getan haben, schon von dem Jahre 1635 an an
sich gezogen hatten; das dritte war ein Geleitsbrief
für Adolph de Vreede, welcher im Namen der Taufs-
gesinnten in Holland, aber eigentlich derjenigen, die
die vorgemeldete Bittschrift aufgesetzt und das Für-
bittschreiben von den Hochmögenden darauf erlangt
hatten, nach Bern und Zürich in die Schweiz reisen
sollte, um die zwei erstgemeldeten Schriften an die
Herren daselbst zu dem Ende, wie oben gemeldet, zu
überliefern.
Diese drei Schreiben, weil uns davon richtige Ab-
schriften in die Hände gekommen sind, wollen wir,
was die besonderen Umstände dieser Sache betrifft,
dem günstigen Leser mitteilen, und ihnen in die-
sem Buch, zum löblichen Andenken dessen, was die
General-Staaten dieser vereinigten, gesegneten Nie-
derlande hierin getan haben, einen Platz gönnen.
An die Stadt Bern, in der Schweiz.
Wohledle, hochachtbare, weise, vorsichtige Herren,
besondere gute Freunde und Nachbarn.
Aus den Klagen verschiedener Personen, welche
von ihren Gemeinden, die man hierzulande Menno-
niten nennt, abgefertigt worden sind, als Bürger und
Einwohner der Städte Dortrecht, Harlem, Leyden,
Amsterdam, Goude und Rotterdam, welche alle in der
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
873
Landschaft Holland liegen, haben wir vernommen,
daß ihre Glaubensgenossen, die man Wiedertäufer
nennt, zu Bern und in den dortigen Gegenden in Fol-
ge sehr scharfer Befehle, die gegen dieselben erlassen
worden sind, wodurch ihnen nicht allein verboten
wird, im Land zu wohnen, sondern auch selbst nicht
einmal erlaubt wird, mit ihren Haushaltungen und
Gütern an andere Orte zu ziehen, große Verfolgung
erleiden, obgleich man sie keiner Missetat oder Las-
ters beschuldigen kann, und daß einige von der oben
gemeldeten Religion in dortiger Stadt sehr streng ge-
fangen gehalten würden.
Dieses alles hat uns zum christlichen Mitleiden be-
wogen; darum haben wir nicht unterlassen können,
sondern im Gegenteil gut gefunden, euch hiermit
freundlich und nachbarlich, wie auch sehr ernstlich
zu ersuchen, daß ihr den Glaubensgenossen der Bit-
tenden, die unter dem Wiedertäufer-Namen in eurem
Gebiet und unter eurer Gerechtigkeit angetroffen wer-
den oder dazu gehören, nicht nur mit keinem unge-
bührlichen Verfahren begegnet oder begegnen lasst,
auch die vorgemeldeten Gefangenen auf freien Fuß
stellt, sondern auch, daß ihr vielmehr nach dem guten
Exempel der Herren von der Regierung zu Schaffhau-
sen den Bittenden Zeit verwilligt und vergönnt, mit
ihren Gütern und ihrem Hausrat abzuziehen, wohin
es ihnen beliebt. Ihr wollt zu dem Ende in gebührliche
Betrachtung nehmen, daß im Jahre 1655, als die Wal-
denser, unsere und eure Glaubensgenossen von den
Römischgesinnten lediglich um des Bekenntnisses ih-
rer reformierten Religion willen so grausam verfolgt
und verjagt worden sind, daß auch der Not der ar-
men vertriebenen Menschen anders nicht zu steuern
war, als durch Sammlung bedeutender Almosen in
England, hierzulande und an andern Orten, wo die
reformierte Religion gehandhabt wird, die Gemein-
de der Taufsgesinnten, die vorgemeldeten Bittenden,
auf die einfache Recommadation ihrer Obrigkeiten,
aus schuldigem Gehorsam gegen dieselben und zu-
gleich aus christlicher Liebe und Mitleiden, den vor-
gemeldeten, vertriebenen und verfolgten Christen so
mildreich in ihren Versammlungen mitgeteilt haben,
daß daraus eine bedeutende Summe hervorgegangen
ist, welche die Diener der vorgemeldeten Gemeinden
auf ihrer gemeldeten Obrigkeiten Anordnung damals
gehörigen Orts eingehändigt haben.
Wir wollen unser Vertrauen dahin richten, daß ihr
unsere wohlmeinende freundnachbarliche Fürbitte so
gut aufnehmen werdet, als es die Billigkeit der Sache
erfordert, und wir von eurer gewöhnlichen Weisheit
und Bescheidenheit gewärtig sind, und versichern
euch, daß wir niemals ermangeln werden, solches
gegen euch alle, wie auch gegen eure Bürger und Ein-
wohner zu vergelten und erkenntlich dafür zu sein,
wenn sich uns Gelegenheit dazu darbieten sollte, und
euch gefallen wird, eine Probe hiervon zu nehmen.
Unterdessen bitten wir den allmächtigen Gott, Woh-
ledle . In dem Haag, den 19. Februar 1660.
Kommt überein mit dem Original, welches in Ihro
Hochmögenden Kanzlei liegt. J. Spronssen.
Außer diesem Schreiben der Hochmögenden an die
Herren von Bern, war auch nachfolgendes an die von
Zürich aufgesetzt, welches wir, einige Worte ausge-
nommen, die in dem vorhergehenden enthalten sind,
um eine Sache nicht zweimal zu erzählen, hier beifü-
gen wollen.
An die Stadt Zürich in der Schweiz.
Wohledle, hochachtbare, weise, vorsichtige Herren,
besondere gute Freunde und Nachbarn.
Aus den Klagen verschiedener Personen, als Abge-
sandte ihrer Gemeinden, die man hierzulande Men-
noniten nennt, als Bürger und Einwohner der Städte
Dortrecht, Harlem, Leyden, Amsterdam, Goude und
Rotterdam, alle in der Landschaft Holland gelegen,
haben wir vernommen, daß ihre Glaubensgenossen,
Wiedertäufer genannt, zu Zürich und hin und wieder
in eurem Gebiet, in Folge sehr ernstlicher Befehle, die
gegen sie erlassen worden sind, starke Verfolgung er-
litten haben, indem sie dadurch genötigt worden sind,
alles zu verlassen und in andere Länder zu ziehen, zu
ihrem großen Ungemach und Elend.
Dieses hat uns zum christlichen Mitleiden bewogen;
darum haben wir nicht unterlassen können, sondern
haben im Gegenteil für gut befunden, euch hiermit
sehr freundlich, nachbarlich und auch ganz ernstlich
zu ersuchen, daß ihr euch nach dem guten Exempel
der Obrigkeit der Stadt Schaffhausen, der Güter der
Glaubensgenossen der Bittenden, die ihr seit einigen
Jahren durch dazu bestellte Verordnete habt verwal-
ten und die Früchte davon ziehen lassen, entschlagen
wollt, und sie den vorgemeldeten Teilhabern, oder
denjenigen, die Vollmacht von ihnen haben, verabfol-
gen lasst, um innerhalb einer ihnen zu gestattenden
Frist zu ihrem Besten verkauft und zu Geld gemacht
zu werden.
Hiernach folgen diese Worte (die auch in dem Brief
an die Herren von Bern ausgedruckt sind): Wolle güns-
tig und geziemend betrachten, daß im Jahre 1655, als
die Waldenser, unsere und eure Glaubensgenossen,
von den Römischgesinnten allein darum, weil sie sich
zur reformierten Religion bekannten, so schrecklich
verfolgt und verjagt wurden, daß der Not der armen
vertriebenen Menschen anders nicht zu steuern und
zu helfen war, als durch Sammlung großer Almosen
874
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
in England, hierzulande und anderswo, wo die refor-
mierte Religion die vorherrschende war; die Gemein-
de der Taufsgesinnten, als die gemeldete bittende, auf
die einfältige Recommandation ihrer Obrigkeiten, aus
christlichem Gehorsam gegen dieselbe, zugleich auch
aus christlicher Liebe und Mitleiden gegen die vor-
gemeldeten vertriebenen und verfolgten Christen, so
mildreich in ihren Versammlungen beigesteuert ha-
ben, daß daraus eine große Summe zusammenkam,
welche die Diener der gemeldeten Gemeinden, auf
Anordnung ihrer Obrigkeiten, überliefert haben, wo-
hin es gehörte.
Hierauf folgt dann vorgemeldeter Brief bis ans En-
de, wie angezeigt worden ist. Dieses dient zur Nach-
richt.
Wir wollen unser Vertrauen darauf richten, daß ihr
diese unsere wohlmeinende freundnachbarliche Für-
bitte so gut aufnehmen werdet, als es die Billigkeit
der Sache erfordert, und wir von eurer gewöhnlichen
Weisheit und Bescheidenheit gewärtigt sind, und ver-
sichern euch, daß wir niemals ermangeln werden, sol-
ches gegen euch und besonders auch gegen eure Ein-
wohner zu vergelten und dafür erkenntlich zu sein,
wenn sich uns dazu die Gelegenheit darbietet, und
euch gefallen wird, eine Probe davon zu nehmen. Un-
terdessen bitten wir den allmächtigen Gott, Wohledle
In dem Haag, den 19. Februar 1660.
Kommt überein mit dem Original, welches in Ihro
Hochmögenden Kanzlei liegt. J. Spronssen.
Außer diesen beiden vorgemeldeten Briefen der
General-Staaten an die Herren von Bern und Zürich,
welche von demselben Tage, nämlich den 19. Februar
1660 lauten, ist noch das Dritte, den 9. März dessel-
ben Jahres, erfolgt, welches teils als Geleitsbrief des
Abgesandten und Überbringers der beiden gemelde-
ten Briefe an die Städte Bern und Zürich diente, und
teils ein Ersuchen an die benachbarten Potentaten war,
mehrgemeldeter Sache zum Beistand der Taufsgesinn-
ten förderlich zu sein. Der Inhalt davon lautet wie
folgt:
Abschrift.
Die General Staaten der vereinigten Niederlande,
nebst Begrüßung an alle, die solches sehen oder lesen
hören werden. Fügen zu wissen.
Nachdem verschiedene Kaufleute und Einwohner
der vornehmsten und principalsten Landschaft Hol-
land und Westfriesland uns haben zu erkennen geben
lassen, daß sie zur Verrichtung und Beförderung wich-
tiger Sachen, woran ihnen und den Ihren sehr viel
gelegen (wozu wir auch vor einigen Wochen unsere
geneigten Fürbittschreiben verliehen haben), nötig er-
achtet hätten, nach der Schweiz und den umliegenden
und angrenzenden Ländern den ehrenfesten Adolph
de Vrede abzufertigen, so haben wir, nach der Weise,
wie es bei solchen Gelegenheiten hier gebräuchlich
ist, für gut befunden, Ihro römische kaiserliche Ma-
jestät, alle Könige, Gemeinwesen, Fürsten, Potenta-
ten, Regierungen und Stände, auch die Befehlshaber
der Städte und Plätze, Freunde und Bundesgenossen
dieser Regierung, oder die mit derselben Neutralität
unterhalten, und insbesondere die Könige, Gemeinwe-
sen, Fürsten, Potentaten und Herren in vorgemeldeten
Gegenden, samt allen andern, denen dieses gezeigt
werden und zu Gesicht kommen wird hiermit zu er-
suchen, daß sie den vorgemeldeten Adolph de Vrede
während seiner bevorstehenden Reise, sowohl auf der
Hin- und Herreise, als auch während seines dortigen
Aufenthaltes alle Hilfe, Gunst und Beistand leisten
und erzeigen wollen, auch leisten und beweisen las-
sen, insoweit sich dazu Gelegenheit finden möchte,
wie wir denn Willens sind bei allen vorfallenden Ge-
legenheiten solches gegen seine allerhöchst gemelde-
te kaiserliche Majestät, hochgemeldete Könige, hoch-
gemeldete Gemeinwesen, Fürsten, Potentaten, wohl-
gedachte Regierungen, Stände und Befehlshaber der
Städte und Plätze, wie auch gegen deren Untertanen
und Einwohner, nach jeder Regierung und Landes Ge-
legenheit und Gebühr zu erwidern und zu erkennen.
Gegeben in unserer Zusammenkunft, unter unserm
Siegel und Unterschrift, im Haag, den neunten März
1660. Johann Baron von Reede zu Benswoude.
Auf Verordnung der hochmögenden Herren Gene-
ralstaaten. In des Schreibers Anwesenheit: J. Sprons-
sen.
Außerdem was durch Ihro Hochmögenden zur
Befreiung oder wenigstens Erleichterung der unter-
drückten Freunde in der Schweiz, im Berner und Zü-
richer Gebiet getan worden ist, haben auch einige
Städte, insbesondere in den vereinigten Niederlan-
den, vorzüglich in der Landschaft Holland, denen
der Glaubens- und Gewissenszwang von Herzen zu-
wider ist, ihre Religionsverwandten in der Schweiz,
insbesondere die Herren der Stadt Bern, darüber zu-
rechtgewiesen und zur Sanftmut ermahnt, wiewohl
auf eine höfliche, freundliche und bescheidene Weise.
Wir wollen aber hiervon nicht alles erzählen, damit
wir von einer Sache nicht zu viel anführen, sondern
nur das den Geneigten mitteilen, was von den Bür-
germeistern und Regenten der Stadt Rotterdam zu
dem Ende in Latein geschrieben und den Herren in
Bern zugesandt worden ist, was ins Hochdeutsche
übersetzt ist und den Sinn von Allem zur Genüge
ausdrückt.
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
875
Abschrift (übersetzt aus dem Lateinischen).
Den Herren und Räten der Städte und des Gemeinwe-
sens Bern wünschen die Bürgermeister und Herren
der Stadt Rotterdam alles Glück und Heil.
Edle, Ehrenfeste, Hochgeachtete Herren, werte
Freunde!
Es ist vor wenigen Tagen uns von Seiten der Vor-
steher der Kirche, die man — von ihrem Vorgänger
Menno — Mennoniten nennt, Namens dieser Kirche
eine Bittschrift überreicht worden, in welcher weitläu-
fige Klagen enthalten waren, daß gegen ihre Glaubens-
und Religionsverwandten unter dem schmählichen
Namen der Wiedertäufer, in E. E. Stadt dergestalt ge-
wütet werde, daß es ihnen, den Befehlen zufolge, nicht
freisteht (obgleich sie unschuldig und wegen keiner
Missetat angeklagt sind), mit ihrem Vermögen (Fon-
teyn) und zeitlichen Gütern aus eurer E. E. Stadt und
Gebiet an andere Orte zu ziehen, ja, daß einige der-
selben lediglich aus Hass wegen ihres Glaubens ihrer
Güter beraubt und in Gefängnisse gesperrt werden,
wobei uns die Bittenden ersucht haben, daß wir durch
unsere Fürsprache die Strafen, die über ihre Brüder
beschlossen worden, wenn es möglich wäre, abzu-
wenden suchen sollten.
Diese ihre Bitte, weil sie auf rechtmäßigen Gründen
beruht, wenn dieselbe anders auf die lautere Wahrheit
fundiert sind, haben wir pflicht- und amtshalber nicht
in den Wind schlagen können.
Darum ersuchen wir E. E. hochgeachtete Herren, ja,
wir bitten eure E. E. um der Religion und des Glau-
bens an Christum willen, den wir mit E. E. gemein
haben, daß E. E. sich gefallen lassen wollen, die vorge-
meldeten so harten Befehle und Beschlüsse, die gegen
die unschuldig Irrenden (oder Umherirrenden) erlas-
sen worden sind, entweder ganz zu vernichten, oder,
wenn E. E. etwa dafür halten, daß dergleichen mit den
Umständen eurer Regierung nicht überein käme, wor-
über E. E. das Urteil zukommt, wenigstens zuzugeben,
daß die elenden Menschen zuvor ihre liegenden Güter
verkaufen, ihre Sachen ordnen und mit ihren Mitteln
dahin ziehen mögen, wo sie mehr sichere Ruhe und
ruhige Sicherheit hoffen.
Was uns betrifft, so haben wir, ehrenfeste Herren,
seitdem der erste Grund dieser Regierung gelegt wor-
den ist, uns davon überzeugt, daß diese Art Menschen
in dem Gemeinwesen, demselben ohne Nachteil, si-
cher geduldet werden kann, und dieses Urteil haben
wir dem Prinzen Wilhelm von Oranien glückseligen
Andenkens zu danken, der durch seine Tapferkeit die
Freiheit der Gewissen festgestellt hat, welcher durch
das Bitten und den verkehrten Eifer einiger übel gear-
teter Menschen niemals hat dahin bewogen werden
können, daß er den Mennoniten irgendeinen Vorteil
der Bürger abgeschlagen hätte. Es hat uns solches in
Wahrheit auch bisher nicht gereut, indem wir nie in
Erfahrung gebracht haben, daß die Mennoniten unter
dem Deckmantel des Gottesdienstes, wodurch insbe-
sondere dem Gemeinwesen geschadet wird, jemals
gesucht hätten, etwas unter die Regierung zu brauen,
sondern im Gegenteil bezeugen wir, daß sie Zoll und
Schätzung und alles, was ein Untertan seinem Fürsten
schuldig ist, stets mit freudigem und willigem Gemüt
bezahlt haben, ja, daß sie den Reformierten, die an
andern Orten um ihres Glaubens willen im Druck wa-
ren, und noch neulich den Waldensern, unsern Glau-
bensgenossen, die von dem Herzog von Savoyen, auf
Anstiften der Diener des Papstes, jämmerlich miss-
handelt wurden, mit mildreichen Almosen zu Hilfe
geeilt sind.
Es ist uns nicht unbekannt, hochgeachtete Herren,
daß einige Wahnsinnige durch einen verkehrten Eifer
eure E. E. mit Gründen vorzuspiegeln suchen, daß es
für das Gemeinwesen schädlich sei, wenn man die
Mennoniten duldet; es sind aber ihre Gründe so be-
schaffen, daß deren Gewicht uns niemals hat bewegen
können, die Mennoniten durch harte Beschlüsse zu
belästigen; denn, daß sie das obrigkeitliche Amt für
unerlaubt erkennen und sich selbst zur Bewahrung
ihres Gewissens des Eidschwures enthalten (welcher
beiden Stücke sie hauptsächlich beschuldigt werden),
solches kann dem Gemeinwesen nicht schädlich sein,
weil sie sich des Gehorsams gegen die Obrigkeit nicht
weigern, gegen welche sie sich, wenn sie auch etwas
Beschwerliches gebietet, verpflichtet achten, und das
aus Überzeugung ihres Gewissens; überdies wollen
sie sich auch an ihre klaren Worte so gebunden hal-
ten, daß sie, wenn sie verletzter Treue und Falschheit
überzeugt werden, der Strafe der Meineidigen sich
unterwerfen wollen.
So lange nun solche Dinge unbeweglich und fest
stehen, können wir nicht einsehen, welchen Schaden
das Gemeinwesen daraus zu erwarten hat.
Daß einige durch Gottesfurcht oder aus abergläubi-
scher Furcht sich der obrigkeitlichen Bedienung und
des Eidschwurs enthalten, was wollen dagegen dieje-
nigen doch schwätzen, die, unter dem wahrhaft herrli-
chen Namen der Reformierten, der Tyrannei des Paps-
tes nachfolgen und unter der Gunst des trefflichen
Titels der Reformation und Reinigkeit im Glauben
das Papsttum einführen, wie denn das Andenken ih-
rer Grausamkeit, die in den Vorzeiten in dieser Stadt
insbesondere an den Mennoniten ausgeübt worden
ist (welches alles in unserer Registratur verwahrlich
niedergelegt ist), unsere Gedanken beschwert und un-
sere Seelen erschreckt, sodass wir uns freuen, daß wir
876
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
durch das vormals vergossene Blut von dem Joch der
wütenden Hure befreit worden sind.
Wir leben aber der Hoffnung, hochgeachtete Her-
ren, wenn dieses von euren Hochwürden nach Ge-
bühr erwogen werden wird, daß E. E. die harten Be-
schlüsse gegen die Mennoniten entweder vernichten
oder wenigstens, nach dem Exempel derer von Schaff-
hausen, eines der schweizerischen Cantons, und dem
Vorbild des römisch-katholischen Fürsten zu Neu-
burg, den Elenden, Umherirrenden so viel Zeit ver-
gönnen werden, als genug sein wird, ihre Sachen zu
ordnen und ihre Wohnplätze an andern Orten aufzu-
richten.
Wenn solches, hochgeachtete Herren, geschehen
sein wird, werden E. E. eine Sache vollbracht haben,
die Gott angenehm, dem Namen der Reformierten
ersprießlich, den Irrenden (oder Umherirrenden) heil-
sam, und uns, die wir mit E. E. durch das genaue Band
der Religion verknüpft sind, erfreulich, dabei auch al-
len denen kräftig sein wird, die mit dem herrlichen
Namen des sanftmütigen Seligmachers prangen, ein
Vorbild darzustellen.
Wir bitten den allmächtigen Gott, daß Er eure E.
E. Personen und das Gemeinwesen mit dem Glanz
seiner Wahrheit erleuchten und bei fortdauerndem
Glück bewahren wolle. Rotterdam, den 14. Februar
1660.
Euer E. E. Hochwürden zugeneigte Freunde, Bür-
germeister und Regenten der Stadt Rotterdam, und
im Namen derselben: W. von der A. A.
Dieses nun ist das löbliche und gute Werk unse-
rer hohen Obrigkeiten hiesigen Landes, sowohl der
General-Staaten, als der Obrigkeiten besonderer Städ-
te gewesen, welches sehr von der Art derer abweicht,
welche vorgemeldete Unterdrückung und Verfolgung
angestiftet haben; darum wünschen und bitten wir
von Herzen, daß Gott, der allmächtige Herr, dafür ihr
Schild und sehr großer Lohn sein wolle.
Es wird ja doch ein jeder nach seinen Werken be-
lohnt werden; die Märtyrer, die um der Wahrheit Got-
tes willen gelitten haben, für ihre Treue und Standhaf-
tigkeit bis ans Ende; die Verfolger, die den Frommen
Leid zugefügt haben, für ihre Grausamkeit und Ty-
rannei, wenn sie ohne Buße und Bekehrung gestorben
sind; die Heilande und Erlöser (verstehe, die guten
Obrigkeiten), die die Unterdrückten und Verfolgten
zu verteidigen, ihnen zu helfen und sie aus den Klau-
en und Zähnen der raub- und blutgierigen, unverstän-
digen, unmenschlichen Menschen zu retten gesucht
haben, für das Heil und die Erlösung, die sie hierin
den Einfältigen und Unschuldigen verschafft haben.
Inzwischen wünschen wir einem jeden das Beste,
selbst auch unsem Feinden; denn durch ihre Grau-
samkeit werden die Frommen geprüft, zu Märtyrern
gemacht, und in die Lage versetzt, die in Wahrheit un-
endlich glückselig macht, nämlich die zuversichtliche
Aussicht auf das ewige Leben.
Gebet für die weltliche Obrigkeit.
O du Gottünd Herr der Heerscharen, der Du in allen
Landen Obrigkeiten eingesetzt hast; vergib es den
Obrigkeiten, die mit ihren Händen deine Heiligen und
deinen Augapfel angetastet haben; lass das Blut derer,
die von ihnen getötet worden sind, keine Rache über
sie rufen, damit nicht dein Zorn über sie entbrenne;
lass sie an deinem großen Gerichtstag, der endlich
kommen wird, hiervon keine Schuld tragen.
Die noch nicht aufhören, gegen deine Schäflein zu
wüten und deine teuer erkaufte Gemeinde zu zer-
streuen, lass zurecht gebracht werden; damit sie vor
ihrem Tod bekehrt und aus Verfolger wahre Nachfol-
ger deiner Kirche werden mögen.
Im Gegenteil die Obrigkeiten, die Du in unserem
Vaterland, in den gesegneten Niederlanden, einge-
setzt hast, die gegenwärtig frei sind vom Gewissens-
zwang, frei von der Herrschaft über den allerheiligs-
ten Glauben, und über alles frei von dem Blut deiner
Knechte und Heiligen, wollest Du aus deiner himmli-
schen Wohnung mit dem Überfluss deiner Weisheit
und Gnade segnen, wovon Du sie den Vorgeschmack
schon vor vielen Jahren hast prüfen lassen.
Lass deine Kirche, die da ohne auswendige Waffen,
Schild, Schwert oder Gewehr ist, unter ihrem Schutz,
als unter einem schattenreichen Weingarten oder Fei-
genbaum, in Ehrbarkeit und Gottseligkeit ruhen, da-
mit dein Volk möge vermehrt, und viele, die noch
im Irrtum sind, auf den wahren, rechten und einigen
Weg, der zum Leben führt, angeführt werden.
Leite uns also auf deinen Wegen, damit wir kein
wahrer Anstoß oder Ärgernis vor ihnen sein mögen,
auf daß uns die Freiheit, die sie uns in Ausübung un-
seres Gottesdienstes vergönnen, den wir Dir schuldig
sind, um ungebührlichen Lebens willen nicht entzo-
gen werde.
Lass unsere Kinder und Nachkömmlinge, wenn
es ihnen zur Seligkeit gereicht, doch dieses angeneh-
men Friedens teilhaftig werden, den wir unter ihrem
Schutz genießen.
Ach Herr Gott! gib, daß niemand von diesen Ob-
rigkeiten oder denen, die von ihnen regiert werden,
verloren gehe; sondern daß sie alle erhalten und ewig
selig werden mögen durch Jesum Christum, deinen
geliebten Sohn, welcher gelobt und gepriesen sei nun
und in alle Ewigkeit, Amen.
Nehemia, Kapitel 13, Vers 31: Gedenke meiner.
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
877
mein Gott, zum Besten.
Psalm 31, Vers 6: In deine Hände befehle ich meinen
Geist; Du hast mich erlöst, Herr, du getreuer Gott!
Tertullians Trostrede und Aufmunterung an die
Märtyrer,
die im Kerker zur Zeit der heidnischen Kaiser im Jahre
200 nach Christi Geburt gefangen lagen. (Diese Rede
ist um dieselbe Zeit getreu übersetzt worden.)
Ihr gesegneten und auserwählten Märtyrer oder
Blutzeugen Jesu Christi wollt unter dem Aufenthalt
und den Tröstungen an eurem Fleisch, welche euch
die Frau Mutter, die Kirche oder Gemeinde, von ihren
Brüsten und die Brüder von ihrer eigenen Arbeit in
den Kerker zuschicken, auch etwas von uns anneh-
men, das zur Erquickung eures Geistes dienen möchte.
Denn es ist nicht nützlich, daß man das Fleisch ernäh-
re und speise, und den Geist Hunger leiden lasse;
und wenn dem das da, schwach ist, geholfen wird,
so sollte man das viel weniger versäumen, das noch
schwächer ist. Wiewohl ich aber ein solcher nicht bin,
der euch anreden sollte, so werden doch die vollkom-
mensten Kämpfer nicht allein von Meistern und ihren
Obersten, sondern auch von den Ungeachteten und
Einfältigen angeredet, zu Zeiten sogar auch mehr als
nötig und umständlich von ihnen ermahnt. Daher es
sich denn auch oft zugetragen hat, daß die Dinge, die
von solchen vorgestellt wurden, wie auch ihre Ermah-
nungen, ihnen wohl zu Statten gekommen sind.
Darum, ihr Gesegneten, vor allen Dingen betrübt
nicht den Heiligen Geist, der mit euch in den Kerker
gegangen ist wenn er nicht mit euch hinein gegan-
gen wäre, so wäret ihr auch gegenwärtig nicht darin.
Darum befleißigt euch, daß ihr den Heiligen Geist
daselbst bei euch behaltet, damit Er euch von dem
Kerker geleite und zu dem Herrn führe. Der Kerker
ist zwar wohl ein Haus des Teufels, in welchem er
sein Hausgesinde hält; ihr aber seid um deswillen in
den Kerker gekommen, damit ihr ihn auch in seinem
Haus mit Füßen tretet, denn als ihr noch draußen mit
ihm strittet, habt ihr ihn ja ganz überwunden. Darum
wird er auch nicht sagen: Sie sind in meiner Gewalt,
ich will sie versuchen mit schändlichem Hunger, mit
Abfall oder Zwietracht unter sich selbst. Er wird vor
eurem Angesicht fliehen, und in seiner Tiefe wird er
sich verbergen wie eine erschrockene, lahme, träge,
beschworene und ausgedämpfte Schlange. Es wird
ihm auch nicht sehr wohl gehen in seinem Reich, daß
er euch uneins mache und euch gegeneinander aufhet-
ze, sondern er wird euch gerüstet und mit Eintracht
gewappnet finden, indem euer Friede ihm ein Krieg
ist. Wenn aber einige unter euch diesen Frieden in
ihren Gemeinden nicht gehabt haben, so haben sie
denselben gewöhnlich von ihren Neben-Märtyrern in
dem Gefängnis erbeten. Darum sollt ihr auch diesen
Frieden unter euch haben und bewahren, damit ihr
auch andern denselben mitteilen mögt. Andere Dinge,
die das Gemüt verhindern, sollten euch bis an den
Kerker geleitet haben, wie denn auch eure Eltern, Va-
ter und Mutter, euch bis dahin geleitet haben. Von da
an seid ihr von der Welt abgesondert, wie viel mehr
von den vergänglichen Dingen dieser Welt. Es soll
euch auch dieses nicht in Furcht und Betrübnis set-
zen, daß ihr nun von der Welt abgesondert seid, denn
wenn wir gedenken, daß vielmehr die Welt ein Kerker
sei, so können wir verstehen, daß ihr mehr aus dem
Kerker als in den Kerker gegangen seid; denn größere
Finsternis hat die Welt, die der Menschen Herzen ver-
blendet; größere Ketten legt die Welt an die Füße der
Sünder, um ihre Seelen damit zu binden und festzu-
halten; wüstere Unreinigkeiten bläst die Welt an die
geilen Menschen aus; zum letzten hat die Welt auch
mehr Gefangene, nämlich das ganze menschliche Ge-
schlecht. Und über das erwartet sie das Urteil, nicht
der Ratsherren oder Richter, sondern Gottes Urteil.
So ihr Gesegneten nun von diesem Kerker (der
Welt), wie wir dafür halten, in eine Errettung oder Be-
wahrung gelegt seid, so hat sie zwar Finsternis, aber
ihr seid derselben ein Licht; daselbst sind zwar Ge-
bundene, aber ihr seid die Befreiten Gottes; daselbst
ist zwar ein elender Geruch, ihr aber seid ein süßer Ge-
ruch. Diese Richter haben einen Richter zu erwarten,
ihr aber seid diejenigen, welche diese Richter richten
werden, IKor 6,2. Diejenigen mögen wohl betrübt wer-
den, die nach dem Gewinn dieser Welt seufzen, aber
ein rechter Christ hat auch der ganzen Welt abgesagt,
als er noch außer dem Kerker war, und da er nun in
dem Kerker ist, so sagt er auch dem Kerker selbst ab.
Es ist nichts daran gelegen, wo ihr in der Welt seid,
die ihr der Welt abgesagt habt. Und wenn ihr etwas
Freude dieses Lebens verloren habt, so ist es eine Er-
werbung und guter Kaufhandel, etwas zu verlieren
und zu verlassen, damit ihr ein Größeres gewinnt. Ich
geschweige denn, wie groß die Belohnung und Ver-
herrlichung sein wird, wozu Gott die Märtyrer beruft,
Offb 3,21.
Doch wir wollen hiermit das Leben der Welt und
das Leben des Kerkers miteinander vergleichen. Der
Geist empfängt mehr in dem Kerker, als das Fleisch
verloren hat. Ja, auch die gerechten oder notwendi-
gen Dinge verliert das Fleisch nicht durch Vorsorge
der Gemeinde und Liebe der Brüder. Aber überdas
erlangt der Geist die Dinge, die dem Glauben auf alle
Weise nützlich sind, denn daselbst (im Kerker) seht ihr
keine fremden Götter, daselbst ärgert ihr euch nicht
878
3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
an ihren Bildern, daselbst werdet ihr nicht durch das
große Gedränge der Menschen verhindert, welches an
den hohen Festtagen der Heiden geschieht; ihr werdet
nicht von schändlichem Gestank umgeben, ihr werdet
nicht von dem Geschrei der grausamen Schauspiele
und von dem grimmigen und trotzigen Tumult in
Furcht gesetzt, wenn die heidnischen Menschen (oder
die, welche die Trauerspiele spielen) solche eitle Din-
ge vorstellen. Eure Augen ärgern sich nicht an den
öffentlichen Hurenhäusern, ihr seid frei von Ärgernis,
von Anfechtung, von bösen Gedanken, ja, nun auch
von der Verfolgung.
Dieses alles trägt der Kerker einem Christen bei,
was die einsamen und wüsten Plätze den Propheten
beigetragen haben. Der Herr hat sich selbst mit Fleiß
vom Volk entzogen, damit Er desto freier beten und
der Welt sich entziehen möchte; auch hat Er in der
Wüste seine Herrlichkeit seinen Jüngern gezeigt. Dar-
um wollen wir den Namen Kerker hinweg nehmen
und denselben eine Absonderung nennen; denn ob-
schon das Fleisch eingeschlossen und darin gehalten
wird, so sind doch dem Geist alle Dinge offen. Stellt
euch vor, im Geist umherzuwandern oder im Geist zu
spazieren, nicht aber in den schattigen Baumgärten
oder in den langen Spazierhäusern, sondern wandelt
auf dem Weg, der euch zu Gott leitet, Phil 3,20; Kol 3,2;
Hebr 13,14. So oft ihr im Geist umher wandeln werdet,
so oft werdet ihr nicht im Kerker sein. Die Beine be-
finden sich nicht in den Fußeisen, wenn die Hand in
den Himmel erhoben ist; das Gemüt trägt den ganzen
Menschen umher, und wo es hin will, dahin bringt
es ihn; darum sollte unser Herz daselbst sein, wo wir
den Schatz haben wollen, Mt 6,21.
Aber angenommen, dem sei so, ihr Gesegneten, daß
auch der Kerker den Christen mühsam ist, so müs-
sen wir doch bedenken, daß wir zur Ritterschaft des
lebendigen Gottes berufen sind, Eph 6, und das haupt-
sächlich, da wir auf die Sakramentworte der Taufe
geantwortet haben. Ja auch kein Kriegsmann kommt
mit Freude und Ergötzlichkeit in den Krieg. Er geht
nicht aus seinem Bett in den Streit, sondern aus sei-
nem Zelt, gewaffnet und umgürtet, wo dann alle Ar-
beit ein Witwenstand, Ungemach und Mühseligkeit
ist; auch im Frieden ist man nicht ohne Arbeit. Sie
lehren mit Ungemach den Krieg ertragen, sie gehen
dahin mit ihrem Gewehr, laufen über das Feld, ma-
chen Gräben, sägen Holz zu allerlei Waffenrüstungen
oder Brustwerken. Alles geschieht mit Schweiß und
Arbeit, damit nicht beide, die Leiber und die Gemü-
ter, zugleich mögen erschrecken; von dem Schatten
des Abends, bis zum Sonnenaufgang, von der Son-
nenhitze bis wieder zur Kälte, von dem Ausziehen
des Rockes bis zu dem Anziehen des Harnisches, von
dem Stillschweigen bis zum Geschrei, von der Ruhe
zum Lärmen.
Darum, ihr Gesegneten, alles was den Kriegsleuten
schwer fällt, das nehmt euch vor zur Ausübung und
Kraft des Gemütes und Leibes. Ihr geht nun an ein
gutes Fechtkämpfen, in welchem der lebendige Gott
die Gaben austeilt, der Heilige Geist aber ist der Platz-
meister oder Bewahrer, die Krönung ist ein ewiges
Kleinod, die Bürgerschaft ein engelgleiches Wesen im
Himmel, eine Herrlichkeit, die allezeit und ohne En-
de währt; darum ist Christus Jesus der, der euch die
Gaben austeilt, der euch mit dem Geist gesalbt und
zu diesen Ehrenstufen gebracht hat; derselbe wollte
auch euch vor dem Tage des Streites von einer gerin-
gem Arbeit hinwegnehmen, damit man härter mit
euch umgehen möge, und die Kräfte in euch gestärkt
werden; denn die Fechtkämpfer werden auch zu einer
härteren Schulzucht und Übung abgesondert, damit
sie sich bemühen und üben mögen, in der Stärke zu-
zunehmen. Denn zu dem Ende werden sie abgezogen
von der Geilheit, von angenehmer Speise und liebli-
chem Trank; man zwingt, peinigt und bemüht sie; je
mehr sie sich nun üben und bemühen, desto mehr
Hoffnung haben sie vom Sieg. Diese nun, sagt der
Apostel, IKor 9,25, tun es, um eine vergängliche Kro-
ne zu erlangen; aber wir sollen eine ewige empfangen.
Darum sollen wir den Kerker für einen Platz des Strei-
tes und der Übung aufnehmen, damit wir dadurch in
allem Unglück und Schaden wohl geübt und desto
gewisser erscheinen mögen und vor den Richterstuhl
Christi hervorgebracht werden.
Wir wissen auch die Worte des Herrn Christo, da
Er sagte: Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist
schwach. Darum sollen wir uns nicht fürchten noch
verzagen, weil der Herr es zugesteht oder bekennt,
daß das Fleisch schwach ist; aber darum hat Er es zu-
vor gesagt, daß der Geist willig und bereit sei, daß
Er uns damit lehre, welchem ein jeglicher unterwor-
fen sein sollte, sodass das Fleisch dem Geist dienen
soll, das Schwächste dem Stärksten, damit es auch
von ihm die Stärke empfange. Der Geist soll sein Ge-
spräch von der allgemeinen ewigen Seligkeit haben,
und nicht von dem Ungemach des Kerkers; aber ge-
denke gegenwärtig an den Streit, und was noch Här-
teres zu erwarten ist, vielleicht wird sich das Fleisch
entsetzen und sich fürchten vor dem großen schar-
fen Schwert, oder vor einem hohen Galgen, oder vor
einem zerreißenden Tier, oder vor der größten Pein
des Feuers und vor allen peinlichen Marterwerkzeu-
gen des Scharfrichters. Dann wird der Geist und das
Fleisch sich dagegen setzen.
Darum wohlan, obschon diese Dinge grausam sind,
so sind sie doch von vielen mit einem friedsamen
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
879
Gemüt aufgenommen worden; ja, man hat sie auch
freiwillig begehrt und gewünscht, um damit einen
Namen und Ehre zu erhalten, und das nicht allein
Männer, sondern auch Weiber, damit ihr Gesegneten
auch wissen mögt, wie ihr euch nach dem Maße eures
Geschlechtes zu verhalten habt.
Es würde zu lang fallen, wenn ich alle anführen
wollte, die sich mit dem Schwert umgebracht haben
und in ihrem Gemüt dazu sind bewegt worden. Un-
ter den Weibern ist bekannt Lucretia, die mit Gewalt
geschwächt worden ist, und sich mit einem Messer
in Gegenwart ihrer Freunde erstochen hat, damit sie
ihrer Keuschheit ein Lob zubereiten und hinterlas-
sen möchte. Mutius hat seine rechte Hand im Feuer
verbrannt, damit er dadurch einen Namen erlangen
möchte. Viel anderes wunderliches Ungemach und
Pein, welche um zeitliche Ehre, Lob und einen Namen
zu erjagen, ausgestanden worden sind, übergehen wir
um der Kürze willen, und sagen weiter: Wenn eine
zeitliche Ehre so vieler Pein und Marter wert ist, wel-
che durch die Kraft des Gemütes erduldet wird, daß
sie auch Schwert, Feuer, Galgen, Tiere und Marter
um der Belohnung eines menschlichen Lobes willen
verachtet, so mag ich wohl sagen, daß dieses unser
Leiden sehr gering sei, um dafür die himmlische Herr-
lichkeit und göttliche Belohnung zu empfangen. Gilt
das Glas so viel, wie viel köstlicher ist dann das Edel-
gestein. Wer wollte denn nicht lieber um des wahren
Gutes willen so viel leiden, weil andere so viel um des
falschen Gutes willen leiden. Nun lasse ich den Han-
del der zeitlichen Ehre auf sich beruhen; es ist doch
alles gleich, der Streit des Zornes oder Unwillens und
des Martertums.
Diese auswendige Übung, ihr Gesegneten, hat der
Herr nicht ohne Ursache in die Welt kommen lassen,
sondern um unsertwillen, um uns damit zu ermah-
nen, daß wir an dem zukünftigen Tage zu Schanden
und beschämt werden sollen, wenn wir uns um der
Wahrheit willen zu leiden fürchten zur Seligkeit, wel-
ches andere um nichtiger Dinge willen getan haben
zum Verderben.
Und zum Beschluss lasst uns auch das Ende oder
Augenmerk der Schöpfung des Menschen betrach-
ten, wozu wir gelangen müssen, damit uns solches
dazu gereichen möge, daß wir uns schicken, um die
Dinge standhaft zu ertragen, die auch wohl den Un-
willigen begegnen, nämlich des Todes Strafe zu leiden.
Man findet niemanden, der um eines Menschen wil-
len nicht noch leiden wollte, was ist es dann, daß wir
zweifeln oder verzagen sollten in dem Handel Gottes
zu leiden, der uns solches mit der größten Liebe, Freu-
de und mit ewiger Herrlichkeit vergelten will. Seid
dessen eingedenk, ihr Gesegneten.
Kurze Nachrede einiger Mitglieder der Gemeinde
der Mennoniten,
über die erste hochdeutsche Ausgabe des Märtyrer-
Spiegels, gedruckt zu Ephrata, Lancaster County,
Pennsylvanien, im Jahre 1748, welche die hochdeut-
sche Übersetzung gegen die holländische genau über-
lesen haben.
Als in Pennsylvanien von sehr vielen eine hoch-
deutsche Übersetzung und Auflage des in holländi-
scher Sprache gedruckten Marterbuches der wehrlo-
sen Gemeinde der Taufsgesinnten begehrt worden
ist, so hat sich die Brüderschaft in Ephrata, gelegen
in Canestogas, anerboten und zu wissen getan, daß
sie nicht allein das Buch übersehen, sondern auch für
einen säubern Druck und gutes Papier Sorge tragen
wollen, und das auf ihre Kosten, wenn man verspre-
chen würde, ihnen Bücher abzukaufen und keine an-
derswo drucken und herbeibringen zu lassen. Darauf
haben sich die Vorsteher und Diener der Gemeinde
der Taufsgesinnten, die man sonst Mennoniten nennt,
welcher Gemeinde gemeldetes Buch am nächsten zu-
kommt, nach Ephrata verfügt und mit ihren Freun-
den daselbst einen solchen Vertrag abgeschlossen, daß
sie (gemeldete Taufsgesinnte) willig wären, ihnen für
einen billigen Preis Bücher abzukaufen und keine an-
derswo zu bestellen, wenn man ihnen wegen guter
Arbeit, Papier und Übersetzung Versicherung geben
könnte; sollte aber der Druck nicht gut ausfallen, so
wollten sie ihre Freiheit behalten. Weil aber Henrich
Funck und Tielmann Kulb eine besondere Liebe zu
diesem Buch hatten, so haben diese beiden mit ge-
meinschaftlicher Bewilligung die Zeit und Mühe dar-
an gewandt und haben einen Bogen nach dem andern,
die ihnen, wie sie unter der Presse hervor kamen, zur
Durchsicht ordentlich zugesandt worden sind, mit
dem holländischen Buch verglichen, bei welcher Ar-
beit sie nicht einen Vers Übergangen haben. Sie haben
aber bei der ganzen Durchsicht nicht einen Punkt ge-
funden, der nicht denselben Glaubensgrund und Sinn
in sich enthält, welcher in dem Holländischen begrif-
fen ist.
So haben wir demnach auf Begehren anderer unse-
rer Mitdiener freiwillig dieses große Buch bis ans letz-
te Register durchgelesen und mit dem Holländischen
verglichen; wir haben aber nach unserem geringen
Vermögen und Gaben des Verstandes nichts gefun-
den, das diesem Buch nachteilig, oder daß die Lehre
der gläubigen Märtyrer nicht richtig übersetzt wor-
den sein sollte, sondern wir glauben nach unserem
Dafürhalten, daß der Übersetzer sein Bestes getan hat.
Ferner aber glauben wir, daß das Beste bei diesem
Werk noch sein werde, wenn der Herr durch seinen
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3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an.
Heiligen Geist die Herzen der Menschen sämtlich mit
einer Lust und Begierde zu diesem Buch entzünden
wollte, damit sie ein wenig Geld nicht ansehen mögen,
sondern sich dasselbe anschaffen, auch sich gehörige
Zeit hierzu nehmen und mit Andacht fleißig darin
lesen, damit sie sehen und lernen wie man im Glauben
an Christum bestellt sein müsse, und wie man sich
im Leben und Wandel zubereiten soll, dem wehrlosen
Lamm zu folgen, und so ein Erbe des ewigen Reiches
mit Christo und seinen Nachfolgern zu werden; wie
denn auch dieses Buch viele schöne Lehren aus dem
Alten und Neuen Testament enthält, die mit vielen
Exempeln getreuer Nachfolger wohl versehen sind,
woraus hervorgeht, daß man durch viel Trübsal in das
Reich Gottes eingehen müsse, Apg 14,22.
So haben wir denn in diesem Buch viele getreue
Vorgänger, die dem Lamm nachgefolgt sind, wovon
Paulus Anweisung gibt. Hehr 13,7: »Gedenkt an eure
Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher
Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach.« Denn
obschon dieser Weg hier schlecht und schmal ist, so
führt er doch in die ewige Freude.
Des Himmels Vögel ohne Scheu,
Und laßt die wilden Tier' hinein,
Daß sie zermalmen die Gebein'.
Ihr Leben ist uns eine Pein,
D'rum müssen sie vertilget sein;
Ihr Ketzer kommt herbei und seht,
Wie es hier euren Brüdern geht.
Sie haben immer uns verlacht,
Und unsre Worte nicht geacht't;
Nun sind sie alle hingericht't,
Und man gedenket ihrer nicht.
Nun kommt auch ihr zum Kerker hin,
Bis ihr absteht von eurem Sinn;
Und leidet Hunger euch zur Buß',
Bis daß ihr fallet uns zu Fuß.
Vergeblich ruft ihr aus um Brot,
Ihr krieget nichts, schickt euch zum Tod;
Da lieget hilflos, bis geschieht,
Daß eurer Seelen Haus zerbricht.
Denn ob der Weg ist enge schon,
So ist er doch zum Himmelsthron.
Die Bahn, die Jesus Christus hat
Gebahnet selbst nach Gottes Rat.
So fahret denn nun aus der Welt,
Wir sammeln euer Gut und Geld;
Auch euer Haus, Hof, Brot und Wein
Wird unsers Lebens Labsal sein.
Wer noch hat ein fleischlich' s Gesicht,
Dem schmeckt der Weg und Wandel nicht;
denn da sieht man überall
Kreuz, Galgen, Rad, Schivert ohne Zahl.
Dafind't man Strick und Folterbank',
Darauf man strecket die Gelenk';
Mit der Mund wird angefüllt,
Der Leib traktiert, daß er anschwillt.
Da giebt’s der Pfaffenschreier viel,
Die rufen aus bei diesem Spiel:
Hängt an das Kreuz die heil' ge Schaar,
Vergießt ihr Blut, vertilgt sie gar.
Laßt euch nicht reuen diese Müh',
Ergreift das Schivert, enthauptet sie;
Seid unverzagt in eurem Mut,
Uns dürstet sehr nach ihrem Blut.
Witwen und Waisen mögen geh'n
In andere Länder, um zu seh'n,
Wie man mit Waisen da verfährt,
Bis daß ihr Leben ist verzehrt.
Auch rufen sie noch gar zum Spott:
Wo ist denn doch nun euer Gott?
Denn eure Dorn' und Heckenstraß'
Ist hin und her belegt mit Aas.
Blut, Knochen, Asche, Arm und Bein
Da hin und her zerstreuet sein.
Dies ist der Weg, da ihr geht ein
Zum Schwefelpfuhl und Höllenpein.
Der Weg kommt uns sehr wohl zu Paß,
Wir gehen d'raufohn’ Unterlaß.
Wir finden ’s Leben in dem Tod,
Und Gottes Gnade in der Not.
Hängt an die Galgen solche Leut',
Macht Feuer, Holz und Pfahl bereit,
Unk bratet ihnen Fleisch und Bein,
So ivird's ein herrlich Essen sein.
Wenn wir nur bleiben auf der Bahn,
Die Christus Jesus ging voran,
So erben wir die Seligkeit
und sind von allem Leid befreit.
Setzt sie auf Räder, lockt herbei
3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts.
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Da finden wir die sel’ge Schaar,
Die ruhet unter dem Altar,
Die ihr Geivand und Kleiderpracht
Im Blut des Lammes weiß gemacht.
Darum, ihr Glieder der Gemein,
LajJt dieses eure Wallfahrt sein;
Darauf man in den Himmel geht,
Diezveil die Tür noch offen steht.
Erschreckt nicht, zvenn ihr dieses seht,
Was oben angeführet steht;
Geht unverzagt nur immerfort,
So kommt ihr durch die enge Pfort'.
Die Seel' ist dann in Gottes Hand,
Zur Rechten seines Thrones,
Wofür ich gabt das hohe Pfand,
Zur Glorie seines Sohnes!